Axel Hacke: Ein Haus für viele Sommer (2022)

Ohne die begeisterte Besprechung auf Kulturbowle wäre Ein Haus für viele Sommer von Axel Hacke vermutlich unbemerkt an mir vorbeigezogen und das wäre jammerschade gewesen.

Obwohl ich nicht einmal zu dem Kreis enthusiastischer Italien-Fans gehöre, ist dieses liebenswürdige und rundherum menschenfreundliche Buch wie ein kleiner Urlaub im Geiste, entschleunigend, sonnig, aber auch berührend, poetisch, informativ, respektvoll dem Gastort gegenüber und dabei herrlich selbstironisch und wunderbar reich an Menschen mit ihren Geschichten. Worum geht‘s?

Der Schwiegervater Axel Hackes (*1956) hat vor 50 Jahren einen alten, schiefen und ständig pflegebedürftigen ehemaligen Wehrturm, den torre, auf der italienischen Insel Elba gekauft und eigenhändig renoviert. Seit ca. 30 Jahren verbringt nun Familie Hacke dort mehrmals im Jahr kürzere und längere Urlaube.

Die Insel ist nicht groß, aber sie hat alles, was eine Insel braucht. (S. 16)

Und wir verfolgen nun, wie das ist, wenn der Ich-Erzähler lernen möchte, nichts zu tun, oder bestimmte Mentalitätsunterschiede navigieren muss, Handwerker braucht oder einem Ziegenhalter klarmachen will, dass dessen Ziegen nicht noch einmal den kompletten Hackeschen Garten kahlfressen dürfen, und ihm gerade noch rechtzeitig einfällt, dass man das Gespräch vielleicht nicht auf konfrontativ-deutsche Art angehen sollte.

Ein paar Tage, nachdem Ziegenhalter Dante tatsächlich bereit gewesen war, den Zaun höher zu machen – wenn auch immer noch nicht hoch genug für Ziegen – steht Hacke dem Ziegenbock gegenüber.

Zwei Tage später bin ich wieder oben und krame in der Hütte herum. Als ich herauskomme, steht auf einmal der Ziegenbock vor mir (…) Ein Ziegenbock ist eine imposante Erscheinung. Große Hörner. Ich bin Städter, ich bin Ziegenböcke nicht so gewöhnt. Ich bin also angemessen beeindruckt und trete den geordneten Rückzug an. Ab in die Hütte, Tür zu. Ja, nun, aber so kann das nicht bleiben. Ich muss etwas unternehmen. Ich schnappe mir den Schrubber, der an der Wand lehnt, öffne die Tür wieder und gehe mit dem erhobenen Putzgerät auf die versammelten Tiere zu. (…) der Bock glotzt mich ungerührt an, als hätte er noch nie einen Deutschen mit einem Schrubber in der Hand gesehen. (S. 93)

Hacke möchte sich aber auch ein Beispiel an den stets hilfsbereiten Nachbarn nehmen, die immer Zeit für ein Schwätzchen haben, egal, ob der Deutsche gerade meint, zu ach so wichtigen Besorgungen unterwegs zu sein.

Dieser Raum ist ein Lager für alte, unverbrauchte Zeit. Und von dieser alten, unverbrauchten Zeit verbrauche ich jetzt ein Viertelstündchen mit Pietro. Wenn dir dieser kleine, überaus freundliche Mann auf die Nerven geht, dann stimmt was mit deinen Nerven nicht, denke ich. (S. 10)

Die Idylle wird geerdet durch alltägliche Widrigkeiten. Wildschweine plündern den Schrebergarten der Familie. Das Haus hat immer mal wieder einen Wasserschaden und die Familie muss ins nächste Hotel flüchten, während die Handwerker dem Problem auf den Grund gehen.

Die Straßen im Dorf sind schmal, die Garage liegt in einem arg ungünstigen Winkel, der einem keinen Platz zum Rangieren lässt, und ist ohnehin nur 8 cm breiter als der Fiat 500. Die Möwen hingegen scheinen die Schutzhülle des Schlauchboots zu lieben und dementsprechend vollgekleckert ist sie am nächsten Morgen. Was aber der Freude an den vielen auf dem Wasser verbrachten Tagen keinen Abbruch tut.

Hier, in diesem kleinen Dorf, lässt sich trefflich nachdenken über das Leben.

Aber mir gefällt der Gedanke, dass alles noch da ist, was hier mal war, und dass nur keiner genau weiß, wo. Auch die Zeit des wuchernden Tourismus wird bestimmt eines Tages vorbei sein. Und was dann? (…) Tausende von Jahren. Und jetzt ist das unser Moment hier: die vielen Geschichten, die überall beginnen, vor meinen Augen, aber sie gehen irgendwohin, und ich habe keine Ahnung, wohin. (S. 123)

Genauso lernen wir aber auch etwas über die Geschichte der Insel, über Hippies und Künstler, Dichter, Forscher und Einzelgänger, über Erzabbau und die Entwicklung des Tourismus. Selbst auf die nervtötend lange Autofahrt von Deutschland nach Elba nimmt Hacke uns mit und wir freuen uns mit ihm, wenn alles wieder gut gegangen ist und er wie stets am ersten Urlaubsmorgen übermüdet mit einem Glas Wein am Küchentisch im Torre sitzt.

Was hat mich von anderen Reisen abgehalten? Bequemlichkeit? Lust an der Gewohnheit? Sparsamkeit? Angst vor dem Unbekannten? Vor der Welt? Provinzialität? Spießigkeit? (S. 33)

Am Ende hat sich für mich die Frage geklärt, warum er in den 30 Jahren, in denen er doch auch die Welt hätte bereisen können, immer wieder „nur“ zu seinem Torre in einem Dorf auf Elba gefahren ist.  

Die Antwort hat nichts oder nur sehr wenig mit Gewohnheit oder gar Spießigkeit zu tun. Wir alle kehrten gern in so ein Dorf zurück, wo man ein – hoffentlich – wohlgelittener Gast ist, der zwar das Stadium des Touristen hinter sich gelassen hat, aber dennoch weiß, was er dem Gastgeber schuldig ist. An einen hellen und warmen Ort, an dem man weder fremdbestimmt ist noch irgendwelchen Zielen hinterherrennt, sondern einfach den lieben langen Tag das tut, was man mag. Ein Ort, der dabei genügend Raum für Alleinsein, Familie, Alltag, Begegnungen, Geschichten und Ausgedachtes bietet.

Vorausgesetzt, man hört sich und den Menschen und ihren Geschichten so aufmerksam zu, wie Axel Hacke das hier getan hat. 

So mache ich es jetzt. Ich lege mich aus. Lasse anbeißen, was immer zum Anbeißen vorbeikommt. Vergeude ein paar Stunden. (S. 146)

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

10 Kommentare zu „Axel Hacke: Ein Haus für viele Sommer (2022)“

  1. Selbst das Lesen deiner Besprechung fühlte sich wie Urlaub an. Die Episode mit dem Ziegenbock ist toll und Wildschweine haben es bekanntermaßen in sich. Viele Grüße!

  2. Liebe Anna,
    Wie immer hat mir deine Besprechung viel Vorfreude aufs eigene Lesen gemacht. Und die toll ausgewählten Zitate zeigen einen wunderbar selbstironischen Hacke (der nervende Pietro).
    Die Urlaubsmotive, die Hacke schildert, und die den üblichen Motiven so entgegenstehen, nämlich möglichst viel zu sehen oder zu erleben, möglichst viele Selfies vor bestimmten Bauwerken zu machen oder Stempel im Gipfelpass zu sammeln, sind doch eigentlich die besseren. Weil dann wirklich endlich mal „frei“ ist. Und die Seele baumeln kann.
    In diesem Sinne wünsche ich dir auch schöne Ferien – ich konnte ja schon zwei Wochen sinnlos herumbummeln ;).
    Viele Grüße, Claudia

    1. Hallo Claudia,
      wie schön, von dir zu hören! Und noch schöner, wenn du bereits zu deiner Zufriedenheit „herumbummeln“ konntest. Wenn das so weiter geht, brauche ich nach Ferienbeginn erst einmal zwei Wochen Klosterzelle, bevor ich dann wieder versuche, am normalen Leben teilzunehmen. 🙂
      Das Buch von Hacke hat mir riesig viel Freude gemacht und auch wenn die eigentliche Lektüre schon Wochen zurückliegt, hätte ich mich beim Schreiben der Besprechung mühelos wieder festlesen können. Also, falls du es liest, bin ich gespannt, wie es dir gefällt.
      Dir eine gute Ferienzeit und liebe Grüße,
      Anna

  3. Liebe Anna, oh wie ich mich freue, dass Dir das Buch genau so gut gefallen hat wie mir selbst. Geteilte Freude ist eben doch die schönste Freude. Und Axel Hacke hat seinem Publikum mit diesem Buch wirklich einen „hellen und warmen Ort“ geschenkt – voller Licht und Herzenswärme. Ich wünsche Dir eine schöne, helle und freundliche Sommer- und Ferienzeit mit viel Zeit zum Lesen, Entspannen und guten Büchern! Liebe Grüße, Barbara

    1. Hallo Barbara,
      das Buch ist wirklich hinreißend. Vielen Dank für deine freundlichen Wünsche. Gerade nach diesem Schuljahr würde ich mich freuen, wenn sie alle in Erfüllung gehen :-). Auch dir eine gute Sommerzeit mit allem, was für dich dazugehört.
      Liebe Grüße
      Anna

  4. Liebe Anna,
    es hört sich so an, als hättest auch Du erfolgreich einige Stunden des Sommers mit Lesen „vergeudet“. 😊
    Ich wünsche Dir weiterhin ähnlich gute Lese- und sonstige Erlebnisse.
    Mit herzlichen Grüßen,
    Tanja

    1. Hallo Tanja, ja, das Buch ist tatsächlich eine schöne Sommerlektüre (die man aber bestimmt auch prima im Winter lesen kann. 🙂
      Danke für deine guten Wünsche. Auch dir eine gute Sommerzeit! LG Anna

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