Ilse Helbich: Das Haus (2009)

Nach dem hinreißenden Ein Haus für einen Sommer von Axel Hacke schien mir  Das Haus von Ilse Helbich, der 1923 in Wien geborenen Publizistin, eine passende Folgelektüre.

Helbich kaufte 1985 nach ihrer Scheidung im österreichischen Schönberg auf Kamp die mehrere hundert Jahre alte, ehemalige Poststation und ließ sie nach und nach renovieren, wobei versucht wurde, den ursprünglichen Zustand behutsam wieder herzustellen.

Diesen Umbau und den Prozess des Sich-allmählich-daheim-Fühlens verarbeitet sie in dem autobiografisch gefärbten Buch Das Haus, das 2009 im Droschl Verlag erschienen ist.

Was sie sich wünscht, als sie jung war: Wäre ich ein Tischler, würde es mich reizen, die Anfertigung eines Tisches in allen Schritten zu beschreiben. Es würde sich um einen gewöhnlichen Esstisch handeln, einen soliden, mit einer Hartholzplatte, vielleicht aus Nussbaum, die Messerschnitte, Speck- und Rotweinflecke verträgt, natürlich mit einer Brotlade, und mit festen, ein wenig ausgestellten Tischbeinen, und vielleicht mit einer Querleiste für die müden Füße. Ein gewöhnlicher Esstisch für alle Tage, von dem ich hoffe, dass er noch Kindern und Kindeskindern dienen kann, wenn dann auch verbannt in ein Kellerstübchen oder eine Werkstatt. (S. 5)

Der schmale Band (140 Seiten) ließ mich allerdings insgesamt eher unbefriedigt zurück. Die einzelnen handwerklichen Schritte und Abschnitte bei der Renovierung des heruntergekommenen Gebäudekomplexes interessierten mich nur am Rande, zumal es im ganzen Buch keinerlei Fotos gibt.

Dazu kommt, dass die Erzählerin immer nur von sich in der Sie-Perspektive spricht, was zu einer Distanz führt, die ich oft als arg trocken empfunden habe. Persönliches, wie die Beziehungen zu Kindern und Enkeln, wird weitgehend ausgespart. Stattdessen werden eher die allmählichen Annäherungen an ihre neuen Nachbarn oder die Handwerker in den Blick genommen.

Was mich letztendlich bis zum Schluss bei der Stange gehalten hat, sind einzelne Sätze und Abschnitte gewesen, in der die Erzählerin etwas von ihrem Innenleben preisgibt, die schön und geerdet waren und eine Gelassenheit des Alters ausstrahlten, die mich sehr angesprochen hat.

Die Stunden rinnen, Minuten wie Tage. Die Ewigkeit eine Minute vorm Tod. Alle Schicksale, auch das ihre, nur eingeritzt in die  Außenhaut eines Schweigeraumes. Was ist so anders geworden? Sie weiß es nicht. Sie weiß nur, dass die alte Hoffnungslosigkeit zergangen ist, die früher, wenn sie ein Herbstblatt zu Boden taumeln sah, sich eisern in ihr Herz grub und flüsterte: ‚Ende, Ende.‘ – Auch wenn dieses Sterben schön war.
Heute sieht sie lächelnd den Blättern zu, die vogelleicht dahinschweben in heiterem Lassen, und unter der neuen Spärlichkeit des Laubwerks der Himmel immer sichtbarer. (S. 136)

Hier gibt es ein lesenswertes Interview mit der Autorin (ab Seite 2).

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

2 Kommentare zu „Ilse Helbich: Das Haus (2009)“

  1. Sehr schönes Zitat, das mich sofort berührt hat. Auch das vom Tisch. Sehr schöne Besprechung. Ich mag die ausführlichen Zitate immer sehr, die einen guten Eindruck vom Buch geben. Viele Grüße!

    1. Danke dir. Diese zwei Stellen haben mich auch sehr angesprochen. Einige weitere hatte ich mir zumindest angestrichen. Dennoch bin ich überrascht, wie wenig vom Buch insgesamt bei mir noch nachwirkt. Eine gute Sommerwoche! Anna

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