Elin Wägner: Die Sekretärinnen (OA 1908)

Die Straßenbahn war voller morgendlich blasser und fröstelnder Arbeiter. Als ich sie sah, versuchte ich meine Stimmung durch ein ‚Denk an die ganzen Leute, denen es schlechter geht als dir‘ zu heben. Da ich nicht vor neun Uhr im Büro sein muss, hätte es unglaublich guttun müssen, an die zu denken, die schon um sieben in die Tretmühle müssen, aber das ist wohl nur eine Legende, die sich alte Leute ausgedacht haben, denn der Gedanke an die Sieben-Uhr-Menschen hob meine Stimmung nur unwesentlich. (S. 8)

Das Buch Norrtullsligan der schwedischen Journalistin, Schriftstellerin und Feministin Elin Wägner erschien 1908. Bereits 1910 wurde die erste deutsche Übersetzung von Julia Koppel unter dem Titel Die Liga der Kontorfräulein: eine Erzählung aus Stockholm veröffentlicht. Nun erschien im Ecco Verlag eine Neuübersetzung von Wibke Kuhn.

In sachlichem, kessem Understatement erzählt die 25-jährige Elisabeth von den Nöten und Freuden junger Frauen, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts nach Stockholm kamen, um dort beispielsweise als Sekretärinnen sich und manchmal auch noch jüngere Geschwister finanziell durchzubringen. Elisabeth lebt mit drei weiteren Frauen gemeinsam zur Untermiete, doch die Löhne sind karg, sie werden grundsätzlich schlechter als die Männer bezahlt und müssen sich zudem mit sexuellen Belästigungen durch ihre Kollegen und Chefs herumärgern. Dass man sich manchmal sogar in seinen Chef verliebt, macht die Sache nur noch schlimmer, denn der will zwar ein bisschen Spaß haben, aber  keinesfalls seine Sekretärin ehelichen.

Und so zerplatzen die Träume wie Seifenblasen, derweil die Frauen sich gegenseitig unterstützen und zusammen feiern, bis politische Fragen (soll man streiken oder nicht) die ein oder andere Freundschaft auf die Probe stellen.

Auch wenn Elisabeth und ihre Freundinnen den Großstadttrubel genießen; viel an kulturellen Möglichkeiten oder Unterhaltung können sie nicht wahrnehmen, dafür haben sie gar kein Geld. 

Ich mochte den Einblick in eine Welt, in der das Recht auf die Berufstätigkeit der Frau erst noch erkämpft werden musste, und den ironisch-saloppen Stil. Dennoch: Lange nachgehallt hat das Buch leider nicht bei mir, dafür waren die Charaktere dann doch nicht nuanciert genug.

Eine weitere Besprechung findet ihr auf Kulturbowle.

Die hübsche neue Hardcover-Ausgabe Die Sekretärinnen aus dem Ecco Verlag mit einem Bild von Hilma af Klint auf dem Cover enthält bedauerlicherweise keinerlei Vor- oder Nachwort, was bei der Bedeutung und dem Lebenslauf dieser Autorin doch etwas verwundert. 

Weitere Bücher auf dem Blog, die sich mit der Thematik ‚Frauen und Berufstätigkeit’ beschäftigen: 

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

2 Kommentare zu „Elin Wägner: Die Sekretärinnen (OA 1908)“

  1. Danke Anna, für die Empfehlung. 😉 Was mich bei der Lektüre am meisten fasziniert hat, war der zeitlose, moderne Tonfall, in dem Wägner erzählt und der so heutig wirkt. Und natürlich die Tatsache, wie aktuell viele Probleme und Gedankengänge auch heute noch sind. Und das bei einem Roman von 1908 (!) – das war für mich das Besondere an diesem Buch. Herzliche Grüße und eine wunderbare Restwoche! Barbara

    1. Ja, dieser Tonfall wirkt so völlig unangestaubt, er erinnerte mich zwischendurch ein wenig an Erich Kästner. Und manche Probleme sind leider ziemlich zeitlos. Doch so richtig nahe kamen mir die jungen Frauen dann leider doch wieder nicht. Aber gelohnt hat sich das Lesen dennoch. Auch dir eine schöne Restwoche. LG Anna

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: