Christa Wolf: Sommerstück (1989)

Doch, doch auf buchpost wird auch noch gelesen.

Heute geht es um das 1989 erschienene Sommerstück von Christa Wolf (1929-2011). Ende der Siebziger hatte sie an der Arbeit zu diesem Buch begonnen, doch erst 1989 gab sie den Text – nach Überarbeitung – zur Veröffentlichung frei.

Es geht um einen Jahrhundertsommer Mitte der siebziger Jahre, bei dem sich nach und nach immer weitere befreundete Künstler und SchriftstellerInnen in und um ein Dorf in Mecklenburg ansiedeln, gemeinsam streiten, einander besuchen, ihre Häuser instandsetzen, nach alten Möbeln in den umliegenden Dörfern suchen und die Abende und Nächte wieder gemeinsam bei Wein und gutem Essen beschließen.

Damals, so reden wir heute, haben wir gelebt. Wenn wir uns fragen, warum der Sommer in der Erinnerung einmalig erscheint und endlos, fällt es uns schwer, den nüchternen Ton zu treffen, der allein den seltenen Erscheinungen angemessen ist, denen das Leben uns aussetzt. (.…] Heute, da die Endlichkeit der Wunder feststeht, der Zauber sich verflüchtigt hat, der uns beieinander und am Leben hielt – ein Satz, eine Formel, ein Glauben, die uns banden, deren Schwinden uns in vereinzelte Wesen verwandelte, denen es freisteht, zu bleiben oder zu gehen: Heute scheinen wir keine stärkere, schmerzlichere Sehnsucht zu kennen als die, die Tage und Nächte jenes Sommers in uns lebendig zu erhalten. (S. 9/10)

Hinter der Ich-Erzählerin Ellen und ihrem Mann Jan verbergen sich Christa und Gerhard Wolf und auch andere wichtige Personen wie Helga Schubert, die an Krebs erkrankte Maxie Wander oder Sarah Kirsch mit ihrem Sohn Moritz tauchen unter Pseudonym auf.

Der Freundeskreis schwelgt in der ländlichen Idylle, erfreut sich an blühenden Obstbäumen, am Säen und Ernten, an den Wegen in der Landschaft und ihren unzähligen Streitgesprächen und den Vorbereitungen des Essens. Gleichzeitig lässt Wolf keinen Zweifel daran, dass es – trotz des ausgekosteten Inselgefühls – keine vollkommene Rückkehr in eine unschuldige Zeit geben kann.

Höfe verfallen und ihr Freund Antonis schwatzt (und kauft) den Bauern alte, wertvolle Möbel ab. Der Dorfpolizist nutzt seine Macht als Vertreter der „Staatsmacht“ aus. Es gibt Tierquäler, die bewusst eine Katze verhungern lassen, oder Vandalen, die in leerstehende Häuser eindringen und aus Spaß die alten Kachelöfen zerstören. Und auf den Dorffesten, bei denen sie als Städter und Akademiker doch nie wirklich dazu gehören, ist für die Männer des Dorfes nichts wichtiger, als sich hemmungslos zu besaufen.

Es fehlt nicht an Hinweisen, dass dieser Sommer der Vergangenheit angehört.

Etwas würde sich verändern, heute sagen wir alle, wir hätten gewußt, daß es so nicht bleiben konnte. Die Häuser sind abgebrannt. Die Freundschaften sind lockerer geworden, als hätten sie auf ein Signal gewartet. Der Schrei, der uns in der Kehle saß, ist nicht ausgestoßen worden. (S. 135)

Außerdem bringt das Wissen, dass ihnen in der DDR doch Grenzen gesetzt sind, dass sie vielleicht gar nicht gebraucht werden, ihre Meinung nicht gehört, ja totgeschwiegen wird, und die Befürchtung,  sich möglicherweise nicht deutlich genug positionieren, einen melancholischen, manchmal auch selbstkritischen Ton in das Ganze.

Die Freunde diskutieren, ob man sich vielleicht gar nur deshalb in eine ländliche Umgebung zurückgezogen habe, da diese

einem nicht mehr melden konnte, wieweit man sich durch Selbstaufgabe verfehlte (S. 105)

Sei man so unbemerkt – in der Unfähigkeit zu handeln, im Zurücknehmen der eigenen Pläne und Entwürfe – schuldig geworden?

Plötzlich rührte sie [eine Trompetenmelodie] die Vergangenheit in ihr auf, ein Heimweh fast bis zu Tränen. Was ist mit mir los, fragte sie sich. Ein Gefühl, das sie vergessen hatte. Was schmerzt mich eigentlich. Daß ich mich gewöhnt habe, wie alle, niemals genau das zu tun, was ich tun will. Niemals genau das zu sagen, was ich sagen will. So daß ich wahrscheinlich, ohne es zu bemerken, auch nicht mehr denke, was ich denken will. Oder denken sollte. (S. 109)

Schließlich wird sich die SED 1976 weigern, die Resolution von diversen DDR-SchriftstellerInnen wie Stephan Hermlin, Sarah Kirsch, Christa Wolf, Gerhard Wolf, Volker Braun, Jurek Becker u.a. zu veröffentlichen, in der sie an die DDR-Führung appellierten, die Ausbürgerung Wolf Biermanns zu „überdenken“.

Sommerstück hat es mir zunächst nicht einfach gemacht. Die Verschlüsselung durch Pseudonyme, die aber wohl für Kenner der damaligen Freundes- und Literaturszene rasch zu entwirren sind, und vor allem das an ein Tagebuch angelehnte Schreiben, bei dem man keinerlei Hinweise oder Einordnungshilfen zu Namen, Orten und Gegebenheiten bekommt, gaben mir das Gefühl, unfreiwillig ein Puzzle legen zu sollen.

Gleichzeitig werden immer wieder die FreundInnen von damals angesprochen, ja geradezu beschworen: „Erinnert ihr euch?“ Das erweckt durchaus den Eindruck, ein persönliches, ein exklusives Buch zu lesen, das eigentlich gar nicht für Außenstehende bestimmt ist.

Aus irgendeinem Zusammenhang, der mir verlorenging, drang das Wort ‚Bewährung’ in mich ein. Ich habe keine Bewährung mehr. Was ich mache oder nicht mache, gilt. Solche Sätze denkt man, wenn der Schreck über sie nicht mehr unerträglich ist. (S. 218)

Dennoch, und es ist ein großes Dennoch: Nachdem ich mich erst einmal eingelesen, keinen Plot oder Handlungsfaden mehr gesucht und mich auf die Zeitsprünge und Andeutungen in der Erinnerung der Erzählerin eingelassen habe, haben das Werk und die Sprache, in der es erzählt wird, einen unwiderstehlichen Sog ausgeübt, nimmt Sommerstück doch das ganze Menschsein in den Blick, sei es unser Sich-Einrichten in zerstobenen Illusionen, die Erinnerungen an einen besonderen Sommer, das Eingestehen des Schuldigwerdens als Eltern, das Leben auf dem Land oder die kleinen und großen Nadelstiche der Freundschaft und schließlich unsere Endlichkeit.

Und allein für Stellen wie diese hat sich für mich die Lektüre schon gelohnt:

Auch die Zeit lief anders. Allmählich erst, wenn wir lange genug geblieben waren, erfuhren wir das neue Zeitmaß am eigenen Leib, nicht ohne ihm Widerstand entgegenzusetzen, denn die Befürchtung, etwas Wichtiges, das Wichtigste zu versäumen, an Tagen, an denen niemand auf uns einstürzt, nichts geschieht, nur die Färbung des Himmels sich ändert und die Stille zum Abend hin zunimmt – diese Angst ist uns tief eingeprägt. (S. 81)

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

8 Kommentare zu „Christa Wolf: Sommerstück (1989)“

  1. Danke für das Erinnern an dieses von mir noch nicht gelesene Buch von Christa Wolf. Ich habe mir ihre Bücher sorgsam aufbewahrt, lese manche mehrmals, bevor ich zu einem neuen greife, weil ich diese Literatur als so lebensbejahend, inspirierend und Mut schöpfend empfinde, dass ich gerne ungelesen Bücher von Wolf in der Hinterhand behalte. Ich kann das Puzzlespiel nachvollziehen, vor allem aber auch das Loslassen und Sich-Einlassen auf die Stimmung dieser langsam zu Ende gehenden Epoche, die damals schon fühlbar wurde. Alles änderte sich, weil, vielleicht, sich viel zu wenig geändert hatte. Schöne Rezension! Viele Grüße und guten Start ins Wochenende!

    1. Danke für deinen Kommentar. Christa Wolf ist eine der Lücken in meiner Lesebiografie. Dass bei ihr das Wiederlesen und Mehrmalslesen lohnt, glaube ich ab jetzt sofort. Eine Biografie zu ihr habe ich gerade bestellt und ich freue mich auf das Lesen und Entdecken weiterer Bücher von ihr. Auch dir ein friedliches und schönes Wochenende.

  2. Liebe Anna,
    das Buch hört sich sehr interessant an, aber ich glaube auch, daß es mich irritieren würde, nicht alle Hinweise und Anspielungen zu verstehen. Vielleicht wäre da eine Lesehilfe angebracht, z.B. mit kurzen Referenzen über die verschiedenen Personen, auf denen die Charaktere beruhen sowie ihre Beziehungen zueinander. Aber vielleicht ist das zu analytisch und man könnte das Buch auch als reine Fiktion geniessen, was Du ja letztendlich wohl auch getan hast, wenn ich das richtig verstanden habe.
    Lieben Gruß,
    Tanja

    1. Hallo Tanja,
      es geht mir wie dir, ich hätte Fußnoten etc. sehr begrüßt, auch wenn das vermutlich nicht im Sinne Wolfs gewesen wäre. Aber ich habe parallel dazu einiges im Internet gesucht und gefunden und mir – allerdings im Nachhinein – die Biografie zu ihr bestellt.
      Liebe Grüße
      Anna

      1. Etwas über die Details ihres Lebens und ihren Umgang mit anderen Menschen und Schriftstellern zu lernen, wird sicherlich helfen. Ich hoffe, die Biografie wird interessant sein.

  3. Danke Buchpost, für Deine Sommerlektüre.
    Hm, 1976 war ein besonderer Sommer, jugendliche Fahrradtour an der Nordsee. Und im Sinn: 1976 wurde Wolf Biermann von der DDR ausgebürgert und gab in Köln ein legendäres Konzert.
    Von Christa Wolf hab‘ ich über die Zeit zwei oder drei Bücher gelesen, wovon mich „Kassandra“ beeindruckte.
    Das war damals in der Zeit der Nachrüstung im Kalten Krieg ein starkes Stück. Ein Nachlesen oder Wiederlesen würde aktuell passen.
    Viele Grüße Bernd

    1. Hallo Bernd,
      Kassandra steht zum Glück schon im Regal, bin sehr gespannt auf weitere Werke von ihr. Dir noch einen schönen Sommer und viele Grüße.
      Anna

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