L. M. Montgomery: Anne of Green Gables (1908)

‚I‘m so sorry for people who live in lands where there are no Mayflowers,‘ said Anne. ‚Diane says perhaps they have something better, but there couldn‘t be anything better than Mayflowers, could there, Marilla? And Diana says if they don‘t know what they are like they don‘t miss them. But I think that is the saddest thing of all. …‘ (S. 132)

Die Erstausgabe dieses kanadischen (Jugendbuch-)Klassikers von Lucy Maud Montgomery (1874 – 1942) erschien 1908.

Montgomery, deren eigenes Leben leider keineswegs so sonnig verlief wie das ihrer berühmten Protagonistin, hatte schon als ungefähr Zwanzigjährige die Grundidee zu  Anne of Green Gables:

Elderly couple apply to orphan  asylum for a boy. By mistake a girl is sent them. (Montgomery in einem Tagebucheintrag vom 16. August 1907, S. 284)

1906 war der Roman fertig, doch kein Verlag wollte ihn veröffentlichen. Es hagelte Absagen von vier wichtigen amerikanischen Verlagen und das Buch verschwand zunächst in der Schublade. Erst Page Co. nahm das Manuskript an und knebelte die unerfahrene Montgomery mit unrechtmäßigen Verträgen und verkaufte sogar Rechte, die ihnen die Autorin nie überlassen hatte. Die Keimzelle für spätere, lange Rechtsstreitigkeiten vor Gericht.

In ihrem ersten Roman geht also um die liebenswerte, elfjährige Vollwaise Anne Shirley, die von einem älteren Geschwisterpaar, der herben Marilla und dem schüchternen und stillen Matthew Cuthbert, adoptiert wird, das auf dem Bauernhof Green Gables lebt und eigentlich einen Jungen aus dem Waisenhaus holen wollte, der später dann auch auf dem Hof ordentlich hätte mit anpacken können.

Stattdessen landet aufgrund eines Missverständnis Anne Shirley bei ihnen, ein zerstreuter Wildfang, naturverbunden, klug, lerneifrig und zur Freundschaft begabt. Aufgrund ihrer Verträumtheit und Impulsivität gerät Anne immer wieder in arge Schwierigkeiten und die arme Marilla weiß sich angesichts Annes quasi nie versiegenden Redeflusses manchmal nicht anders zu helfen, als ihr ein strenges Redeverbot zu erteilen. Nebenbei bemerkt: Die Figur der Marilla macht für Margaret Atwood das Buch gerade auch für erwachsene LeserInnen interessant.

I cast ‚moral‘ and ‚Sunday school‘ ideals to the winds and made my ‚Anne‘ a real human girl. Many of my own childhood experiences and dreams were worked up into its chapters. […] There is plenty of incident in it but after all it must stand or fall by ‚Anne‘. She is the book. (Montgomery in einem Tagebucheintrag vom 16. August 1907, S. 284)

Und es ist Montgomery wirklich wunderbar gelungen, „a real human girl“ zu schildern. Nichts Süßliches, kein didaktischer Zeigefinger, stattdessen sagt Anne ehrlich, was sie denkt und empfindet, und ihr kindliches Leiden an peinlicher oder altmodischer Kleidung, ihre Loyalität, die Aufregungen in der Schule, ihr Sinn für Natur und für Schönheit, alles wird mit einem so unverstellten Blick auf das Empfinden eines sensiblen Mädchens erzählt, dass das Buch auch nach über 100 Jahren unglaublich frisch wirkt.

I did not write Green Gables for children. (S. 293)

Das Buch machte Montgomery auf einen Schlag bekannt. Es dauerte nicht lange, bis Folgebände und erste Übersetzungen erschienen. Verfilmt wurde das Buch natürlich auch. Die Schauplätze ihrer Romane auf P.E.I (Prince Edward Island), der kleinsten der kanadischen Provinzen, wurden zu literarischen (und touristisch ausgeschlachteten) Pilgerstätten, die besonders bei japanischen Touristen beliebt sind.

‘… I wouldn‘t want to be [a Christian] like Mr. Superintendent Bell.‘ ‚It‘s very naughty of you to speak so about Mr. Bell,‘ said Marilla severely. ‚Mr. Bell is a real good man.‘ ‚Oh, of course he‘s good,‘ agreed Anne, ‚but he doesn‘t seem to get any comfort out of it….‘ (S. 140)

Fußnote: Die ausgezeichnete und umfangreiche Norton Critical Edition gibt nicht nur einen guten Überblick zu diversen Aspekten der Entstehung, Wirkung und Rezeption, sondern bietet auch reichhaltiges Quellenmaterial, zum Beispiel Ausschnitte aus L. M. Montgomerys Tagebüchern, in denen sie beispielsweise einander komplett widersprüchliche Kritiken auflistet, was doch sehr hübsch zeigt, dass eben auch professionelle Kritiker oftmals nicht viel mehr als Geschmacksurteile abgeben.

One of the most charming girls in modern fiction.

Anne is overdrawn and something of a bore. (S. 293)

Halten wir uns also an Mark Twain, der Montgomery’s Anne als „the dearest and most moving and delightful child since the immortal Alice“ bezeichnet haben soll.

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

12 Kommentare zu „L. M. Montgomery: Anne of Green Gables (1908)“

  1. Ich finde es toll, auf deinem Blog von Büchern zu lesen und zu hören, von denen ich noch nie, zu meinem Entsetzen, gehört habe. Ich würde gerne wissen, wie Virginia Woolf das Buch wohl gefunden hat. Vielleicht finde ich das heraus! Viele Grüße ins Wochenende!

    1. Nun, das ist ja das Schöne, dass man im Land der Literatur ständig von interessanten Büchern erfährt, von deren Existenz man fünf Minuten zuvor noch keine Ahnung hatte. Und man muss ja auch zugeben, dass Anne of Green Gables sehr lange ausschließlich als Kinder- oder Mädchenliteratur wahrgenommen und rezipiert wurde. Virginia Woolf hmm, ich würde mich wundern, wenn sie dieses Buch gemocht hätte … LG, Anna

      1. Sehr spannend, ich habe wegen des Zeitraumes daran gedacht und muss die Tagebücher von Woolf mal durchgehen. Ich habe Anne of Green Gables nun auf dem Radar. Wahrscheinlich bekommt man das Buch ja kostenlos, weil die Urheberrechte abgelaufen sind, oder?

      2. Habe in allen Registern der Tagebücher nachgesehen, besonders in den früheren noch nach dem Titel, aber nichts gefunden. Wahrscheinlich hat sie sie gar nicht gekannt. Schade. Also müsste ich sie in meinem Kopf mal mischen 😀

  2. Danke, Anna für diese Kindheitserinnerung, die Du da wieder in mir wachgerufen hast. Ich habe die Bücher (zumindest ein paar Bände der Reihe) vor vielen, vielen Jahren gelesen und mochte sie damals… schöne Wochenendgrüße! Barbara

    1. Hallo Barbara, ich habe mich auch gefragt, wie mir diese Bände als Kind gefallen hätten. Leider sind sie mir damals nicht in die Hände gefallen. Aber selbst jetzt habe ich das Buch mit Vergnügen gelesen. Auch dir ein schönes Wochenende. LG Anna

  3. Danke dafür, liebe Anna. Das Buch steht schon lange auf meiner Lesewunschliste und Deine Rezension hat mir jetzt den nötigen Anstoß gegeben, mir das Buch zu bestellen.
    Sei herzlich gegrüßt,
    Tanja

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