Antti Tuomainen: Der Kaninchen-Faktor (OA 2020)

Bitte, wen würde dieser Einstieg nicht neugierig machen?

Ich sehe dem Hasen tief in die Augen, als das Licht ausgeht. In der linken Hand halte ich die Tube mit dem Industriekleber, in der rechten einen Schraubenzieher. Ich lausche. (S. 8)

Und schneller, als man den Namen des erfolgreichen finnischen Autors buchstabieren kann, muss der eigenbrötlerische Ich-Erzähler Henri Koskinen, von Hause aus Versicherungsmathematiker, aber seit kurzem Besitzer eines Abenteuerparks, einen Messerangriff durch einen Unbekannten abwehren. Der Angreifer hat sich eines Nachts im Abenteuerpark DeinMeinFun versteckt, auf Henri gelauert und versucht nun, ihn umzubringen. Doch das kaputte Ohr des Riesenhasen, bei dessen Reparatur Henri gestört worden war, leistet Henri bei der Verteidigung gute Dienste und der Angreifer liegt nach einer irren Verfolgungsjagd durch den nächtlichen Park auf einmal tot am Boden. Damit fangen die Probleme dann richtig an.

Nun muss Henri erst einmal einige Informationen nachreichen, damit sich die LeserInnen zurechtfinden. Henri, steif, stets formal gekleidet, stur und mathematisch beschlagen, hat kürzlich seinen Job als Mathematiker bei einer Versicherung verloren, da er auf die neuen Werte im Unternehmen wie Teambuilding, Emotionen zeigen und Kommunikation eher allergisch und beratungsresistent reagiert.

Doch Henri bleibt nicht lange arbeitslos, denn der Anwalt seines kürzlich verstorbenen Bruders Juhani erklärt ihm bei der Testamentseröffnung, dass Juhani ihm den Abenteuerpark DeinMeinFun vererbt habe.

Nach kurzer Zeit hat Henri das Chaos im ehemaligen Büro seines Bruders unter Kontrolle gebracht und herausgefunden, dass sich der Park in einer aberwitzigen finanziellen Schieflage befindet. Hohe Kredite bei kriminellen Gestalten wurden aufgenommen, nicht zurückgezahlt, große Summen versickerten, niemand weiß, wohin. Doch die Geldeintreiber wollen ihr Geld zurück und sind, siehe das nächtliche Abenteuer mit dem Hasenohr, nicht gerade zimperlich.

Henri mag sich den ebenfalls recht eigenwilligen Mitarbeitern des Parks nicht anvertrauen, er kennt die schließlich kaum und ist ohnehin eher misanthropisch unterwegs. Sein Motto: Je mehr Menschen, desto mehr Probleme. Es hilft auch nicht, dass auch diese Mitarbeiter ihre eigenen Vorstellungen von einem gut geführten Abenteuerpark umsetzen möchten.

Schlosser Kristian beispielsweise sieht sich schon auf dem Sessel des Geschäftsführers, den ihm der verstorbene Chef Juhani anscheinend in Aussicht gestellt hatte.

…. konnte es sein, dass ich die verborgenen Talente dieses Mannes übersah? Ich musterte ihn, ließ mir durch den Kopf gehen, was ich bisher über ihn wusste. Nein. Falls man bei diesem Mann Führungskompetenzen freilegen wollte, musste man bis zum Mittelpunkt der Erde vordringen. Oder so ähnlich. (S. 65)

Was bleibt Henri also anderes übrig, als sich auf eine gefährliche Ein-Mann-Rettungsmission zu begeben, was ihn, der normalerweise nur in Statistiken, Nützlichkeitsabwägungen und Wahrscheinlichkeiten denkt, doch weit außerhalb seiner Komfortzone führt. Dass er sich immer ganz seltsam fühlt, sobald die attraktive Malerin Laura, die ebenfalls im Park arbeitet, in der Nähe ist, bereitet dem Pedanten zusätzliches Kopfzerbrechen.

‚Ich hatte keine Karriere in einem Abenteuerpark vor Augen, eigentlich bin ich Künstlerin. Ich male. Aber na ja … Dinge passieren. Sie kennen das.‘ ‚Da bin ich mir gar nicht so sicher, ehrlich gesagt‘, entgegnete ich. ‚Meiner Erfahrung nach führen pauschale Annahmen oft in die Irre.‘ (S. 49)

Seine Überlegungen, wie er sich auf einen gemeinsamen Besuch einer Kunstausstellung vorbereiten möchte, sind großes Kino. Doch die Kunstwerke entziehen  sich seiner mathematischen Planung und Betrachtungsweise, was ihn schwer irritiert. Auch seine Liebeserklärungen haben ihren ganz eigenen Charme. Als Laura sich darüber wundert, dass er bereits beim ersten Date so ehrlich von sich erzählt, meint er nur:

Ach so. Damit kenne ich mich nicht so aus. Ich bin selten in einer Situation wie dieser hier. Ich finde Menschen eigentlich nicht so interessant. Aber dich finde ich interessant. (S. 162)

Dieser Krimi des preisgekrönten und international erfolgreichen Autors Tuomainen (*1971), übersetzt von Niina Katariina Wagner und Jan Costin Wagner, macht wirklich Laune. Er ist spannend und mit einer kauzigen Hauptfigur, die man in ihrer Geradlinigkeit und spießigen Korrektheit doch sehr mag.

Henri scheint nur darauf gewartet zu haben, dass statistisch ausgesprochen unwahrscheinliche Vorgänge wie Mordanschläge, finstere Gestalten und ein schauerlicher Abenteuerpark mit lauter lärmigen Kindern die wahren Stärken eines Versicherungsmathematikers zum Vorschein bringen. Witzig, schräg und mit einer immer wieder Haken schlagenden Handlung.

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

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