Blogbummel August/September 2019

Zum Einstieg geht es gleich ins Labyrinth, und zwar bei Michael’s Beers & Beans. Dort gab es auch Wanderempfehlungen in und um Arosa.

Deutschsprachige Blogs

In der Serie Women in Science auf Binge Reading & More gibt es diesmal einen Beitrag von Birgit von Sätze & Schätze. Vorgestellt wird Maria Sibylla Merian.

Dazu passend der Beitrag auf Ingos England-Blog über Soapbox Science.

Der Leseschatz empfiehlt u. a. Noch alle Zeit von Alexander Häusser.

Frau Lehmann liest, diesmal Die Rückkehr von Ernst Lothar.

Auf dem Grauen Sofa wurde Das Tor zur Glückseligkeit von Michael Asderis gelesen.

LiteraturReich stellt Norwegen Spezial 2 vor.

Auf Zeilensprünge geht es um Mendel Kabakov und das Jahr des Affen von Steven Bloom.

Linus kann Saturns Schatten von Andrew Salomon empfehlen.

Den japanischen Krimi Der Sonnenschirm des Terroristen von Iori Fujiwara hat das Dunkle Schaf gelesen.

Als niveauvolle Unterhaltung bezeichnet Günter Keil Ein anständiger Mensch von Jan Christophersen.

Buch-Haltung setzte mir Aus der Dunkelheit strahlendes Licht von Petina Gappah auf die Wunschliste. Siehe dazu auch den Hinweis auf eine weitere Besprechung in dem Kommentar von Bernd.

Zeichen & Zeiten las Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger.

Die lesende Käthe vergleicht Reading Lolita in Teheran mit Talking about Jane Austen in Bagdad.

Auf TraLaLit widmet sich der Kaffeehaussitzer einem seiner Lieblingszitate und vergleicht dazu verschiedene Übersetzungen.

Ein ziemliches Schwergewicht wäre dann noch Der Idiot von Dostojewskij, vorgestellt vom Buchuhu.

Missmesmerized war nicht nur angetan von Flammenwand von Marlene Streeruwitz, sondern auch von Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon von Martin Simons.

Und noch eine Blogentdeckung: BookGazette.

Englischsprachige Blogs

Für die Momente, in denen es etwas Leichtes, Fluffiges sein soll, empfiehlt Heavenali einen Roman von Margery Sharp von 1960.

Ganz schlecht für mich: weitere Hinweis auf alte Krimiserien, z. B. von E. C. R. Lorac, gefunden auf Whatmeread, oder die von Alice Tilton, gefunden auf Crossexaminingcrime.

Der Betreiber von Eiger, Mönch & Jungfrau hat im Juli und August ganz offensichtlich mehr gelesen als ich.

Auf JacquiWine’s Journal  wird Love and Summer von William Trevor besprochen.

Tales from the Reading Room bat um Buchtipps zu „the period 1936-1960 in UK history“ und alle haben geantwortet. Also, da kann man sich dann fröhlich und garantiert erfolgreich durch eine lange Liste an Empfehlungen scrollen.

Und hier noch einen Blogtipp, dessen Name Programm ist: Literary Ladies Guide.

Zum Reisen, Staunen und Stöbern

Wandernd folgte E.T. A. Hoffmanns Spuren in Bamberg.

Im Guardian gibt es eine Fotostrecke (street art photography) von Alan Burles.

In den Reisedepeschen geht es diesmal nach Georgien.

Einen interessanten Buchtipp gibt es auf Jargs Blog, und zwar Die Grenze von Erika Fatland.

 Asian Review of Books hat einen weiteren Tipp für unsere Reiseliteraturecke, allerdings auf Englisch. Es geht um Wanderlust: The Amazing Ida Pfeiffer von John van Wyhe.

Ingos England-Blog verdanke ich den Hinweis auf den Künstler Sean Henry, hier ein kurzes Video der BBC zu einem seiner Kunstwerke in North Yorkshire.

Und Von Orten und Menschen nimmt uns mit ans Meer, während Mannigfaltiges da noch einen Tipp für alle Knipser und Knipserinnen unter uns hat.

3CB42D46-88DA-4466-B531-C4152AC4D0EB

Vita Sackville-West: No Signposts in the Sea (1961)

Das schmale Werk von knapp 150 Seiten war der letzte Roman der erfolgreichen Dichterin und Schriftstellerin Victoria Mary Sackville-West (1892-1962). 1913 heiratete sie Harold Nicolson, die beiden lebten eine offene Ehe und gestalteten einen der berühmtesten Gärten in Großbritannien, Sissinghurst Castle Garden.

Der Inhalt von No Signposts in the Sea ist rasch umrissen. Edmund Carr, ein ca. 50-jähriger erfolgreicher Journalist aus einfachen Verhältnissen, erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Kurzerhand beschließt er, eine Kreuzfahrt anzutreten, da er weiß, dass die von ihm verehrte Laura Drysdale, eine wohlhabende Witwe, ebenfalls an Bord sein wird.

It is amusing to observe a batch of new passengers coming on board. From the superiority of the upper deck one gazes down upon the quay-side swarming with native porters and Europeans, distinguishable from the idle crowd of sight-seers who have come to stare at the ship for want of anything better to do. What a medley of noise and colour! Then comes the rush as the gangway is lowered; everyone wants to be first, though there is no conceivable reason for hurry; women hesitate and struggle back, convinced that they have lost their luggage; men enter into argument with the officers in their cool white ducks. The emigrants lugging their poor bundles are directed to a secondary gangway near the stern; they turn this way and that, like panic-stricken cattle. A tall black-bearded man in a red turban clutches a small girl swathed in blue muslin. A Buddhist priest with shaven head and saffron robe falls flat as he stumbles over a rope. A lost child sets up a howl. Is it possible that all this pullulating humanity will ever be sorted out?

It seems like a microcosm of everything that is happening all over the world. (S. 22)

Edmund hat beschlossen, Laura nichts von seiner Erkrankung zu erzählen. Er will kein Mitleid. Doch auch seine Liebe will er ihr verheimlichen. Zum einen ist da seine Unsicherheit, es ist das erste Mal, dass er sich ernsthaft verliebt hat, zum anderen rechnet er sich bei dieser attraktiven Frau keinerlei Chancen aus, zudem will er Laura keinen Kummer bereiten.

Zunächst ist Edmund einfach dankbar, noch diese Zeit mit der geliebten Frau verbringen zu können.

Sometimes I come upon her traces, a cigarette case, a scarf left trailing  upon a chair. For the competent woman I divine her to be, she is curiously  careless of her possessions, but then none so lovable as those who are not all of a piece. These little surprises of inconsistency are endearing enough to mere affection; how much more so when one is in love! The Colonel and I spend quite a lot of time retrieving her belongings. (S. 62)

Doch sein Vorsatz, weder Liebe noch Krankheit zu erwähnen, fallen ihm zunehmend schwerer, da sich die beiden gut verstehen, schöne Momente miteinander teilen und die Gespräche persönlicher werden. Dazu kommt, dass Edmund in dem attraktiven Colonel Dalrymple einen Rivalen wittert, und diese Eifersucht, die er selbst schäbig findet, macht ihm schwer zu schaffen.

… I want my fill of beauty before I go. Geographically I do not care and scarcely know where I am. There are no signposts in the sea. (S. 28)

Der Leser erfährt dies alles aus Edmunds Tagebuch, das Laura ihm geschenkt hat. Dort finden sich auch durchaus spöttische Töne, wenn Edmund sich beispielsweise über den unerfreulichen Anblick mittelalter und unzureichend bekleideter sonnenbadender Mitreisender auslässt.

Ich muss sagen, dass ich diesen ruhigen Roman, dessen Anleihen bei der Biografie der Autorin im Vorwort von Victoria Glendinning erläutert werden, sehr gern gelesen habe. Das geradezu Traumwandlerische, zumindest scheinbar von allen Alltagsdingen losgelöste Leben auf einem Schiff ist wunderbar eingefangen. Und wie sich Edmund jegliches Selbstmitleid verbietet, versucht, mit Würde und seinen Prinzipien gemäß diese Zeit zu verbringen und doch dabei unbeholfen ist und sich seiner selbst und seiner Herkunft im Grunde immer noch schämt, das gefiel mir sehr.

So kauft er während eines Landgangs auf einem der Märkte einen Schal für Laura, doch als eine Mitpassagierin ihm zu verstehen gibt, dass dieser höchstens für eine Haushaltshilfe tauge, aber für eine Dame wie Laura nicht in Frage komme, wirft er ihn heimlich ins Meer.

Der Snobismus und die Herablassung der reichen weißen „Oberschicht“ spielen auch an anderen Stellen eine Rolle. Was allerdings arg unecht klang und  völlig zusammenhanglos im Raum stand, war, dass der armen Laura sogar eine Vergangenheit als Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg angedichtet wurde.

Es passiert überhaupt nichts Unerwartetes in dieser Geschichte, was ich hier nicht negativ meine. Dennoch wirkt sie nach, schon allein durch die ehrliche, wenn auch teilweise verblendete Selbstbefragung Edmunds, und durch den Gegensatz zwischen der reichen inneren Welt eines einzelnen Menschen und der Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, mit der man eben doch an den meisten Menschen vorbeiläuft. Und im Hintergrund immer das Wissen um die zeitliche Begrenztheit des Lebens.

‚Don’t you envy the early explorers who never knew what might be round the next corner? Fancy coming suddenly on the Grand Canyon when you had no idea of its existence.‘ (S. 45)

DSC00204

 

 

 

Benjamin Zephaniah: The Life and Rhymes of Benjamin Zephaniah (2018)

Der Guardian hat ihn einmal einen der größten britischen Dichter der letzten Jahre genannt, die Times nahm ihn 2008 in die Liste der 50 wichtigsten Schriftsteller Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg auf.

Die Rede ist von dem Rastafari und Kämpfer gegen Rassismus und Unterdrückung: Benjamin Zephaniah, der sich selbst als Dichter für die Leute bezeichnet, die keine Dichter lesen, und der ziemlich säuerlich reagierte, als man ihm noch unter Tony Blair den Order of the British Empire verleihen wollte. (Die Begründung seiner Ablehung kann man hier nachlesen.)

2018 erschien nun seine Autobiografie und die ist so richtig klasse. Wunderte ich mich zunächst, dass der Autor das Buch sich selbst gewidmet hat, so erscheint das nach der Lektüre als absolut passend und mehr als gerechtfertigt.

Dedicated to me.
And why not?
There was a time when I thought
I wouldn’t live to see thirty.
I doubled that, and now I’m sixty.
Well done, Rastaman, you’re a survivor.
A black survivor.

Das Ganze geht schon damit los, dass Zephaniah im ersten Satz erklärt, dass er Autobiografien hasse,

They’re so fake. The ones I hate the most are those written by individuals who have spent their lives deceiving people and then, when they see their careers (or their lives) coming to an and, they decide it’s time to be honest. […] And don’t get me started on the people who write autobiographies a couple of years after they’re born: the eighteen-year-old pop star who feels life has been such a struggle that it can only help others if he lets the world know how he made it.

Da hängt einer die Meßlatte hoch, ehrlich soll’s werden und man soll was zu sagen haben; Zephaniah löst das alles ein, in einem ans Mündliche angelehnten Stil, humorvoll, bissig, böse, abgrundtief traurig, aufregend. Und man lernt mehr über Großbritannien und seinen oft so zynischen Umgang mit Einwanderen, als einem für die eigene Gemütsruhe manchmal lieb ist.

Vorausschicken möchte ich, dass diese Autobiografie so gar nichts mit den sogenannten Misery Memoirs zu tun hat, obwohl diese Gefahr gerade bei den Kindheitserinnerungen naheliegend gewesen wäre. Aber hier schreibt einer mit so viel Menschenfreundlichkeit und einer energischen Lebensfreude, die im wahrsten Sinne des Wortes kaum totzukriegen ist.

Seine Mutter kommt aus Jamaika und arbeitet als Krankenschwester, sein Vater stammt aus Barbados. Zephaniah wird, wie auch seine Geschwister, in Birmingham geboren. Schon als Kind wird er aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt, mit Backsteinen angegriffen, selbst die Schule ist kein sicherer Raum. Die Mutter kann nicht helfen und will die Anfeindungen nicht wahrhaben, es gibt die ersten Erfahrungen mit rassistischen Nachbarn, später die Straßenschlachten mit Anhängern der tiefbraunen National Front.

Dazu kommen familiäre Gewalterfahrungen: Der Vater prügelt Mutter und alle sieben Kinder, bis Mutter und Benjamin flüchten. Das Frauenhaus verweigert ihre Aufnahme, da eine verprügelte jamaikanische Frau nicht so gut zu britischen verprügelten Frauen passe.

Als die beiden schließlich im Haushalt des geschiedenen Pastors Burris ein neues Zuhause finden, gibt es zum ersten Mal so etwas wie eine Vaterfigur für Benjamin, doch auch dort ist das Geld und der Platz für so viele Menschen begrenzt.

We slept three or four to a bed: two up and two down, or two up and one down if you were lucky. Different kids had different kinds of smelly feet, so there were always tough negotiations over who would sleep where. (S. 66)

Er fliegt aus mehreren Schulen, seine Legasthenie wird nicht erkannt, schließlich landet er in einer der berüchtigten Borstals (Erziehungsanstalten), dann im Knast. Eine Karriere als Krimineller oder als Opfer einer Straßenschlacht oder in einer Gefängniszelle scheint vorgrammiert. Doch neben all dem Elend gibt es noch (mündliche) Gedichte, Musik, Sound Systems, noch mehr Musik und Freunde.

Wie nun aus dem Kind aus kaputtem Elternhaus, dem Schulabrecher, der kaum lesen und schreiben kann, dem geschickten Dieb und Hehler im Laufe der Jahre ein gefeierter Dichter, Autor, begeisterter Leser, Besitzer eines netten Anwesens auf dem Lande und weitgereister Aktivist gegen Rassismus, Polizeiwillkür und Unterdrückung wird, dem mehrere Ehrendoktorwürden zuteil werden, erzählt Benjamin Zephaniah auf über 300 Seiten so mitreißend, vollgepackt mit Geschichten, spannend und energiegeladen, dass ich nur staune und bewundere.

Markiert habe ich mir über 60 Stellen, müsst ihr also alle selbst lesen.

Dass sich Zephaniah in seiner humanen Einstellung selbst von den jetzt wieder aus ihren Löchern kommenden Rassisten nicht irremachen lässt – seit den Brexit-Kampagnen sieht auch er sich wieder verstärkt rassistischen Pöbeleien und widerlicher Post im Briefkasten ausgesetzt – zeugt von großer Stärke. Seine Hoffnung, dass er sich aufgrund gesellschaftlicher Verbesserungen langsam als Rastafari-Komiker zur Ruhe setzen könne, habe sich allerdings in Luft aufgelöst. Er müsse wohl noch eine Weile der zornige schwarze Dichter bleiben.

Ein Vorbild also, auch den Ausgegrenzten, den Gewalterfahrenen, den Jugendlichen, von denen die Gesellschaft nur Negatives erwartet, denen mit der „anderen“ Hautfarbe und dann wieder allen, die sich für eine gerechtere und menschenfreundlichere Welt einsetzen.

Well done, Rastaman. Wie wahr.

Hier schreibt Zephaniah über seine Legasthenie und miserablen Schulerfahrungen und hier geht’s zu seiner Homepage.

Bleibt nur die Frage, wann das Buch ins Deutsche übersetzt wird.

 

Fundstück von David Park

Über Teenager und ihre Handys…

He [his son] knows that requests to disengage from phones are always a prelude to something of possible significance and although we’ve banned them from our evening meal-table we don’t ask very often because I know it’s the teenage equivalent of leaving the mother ship and floating away untethered into the emptiness of space.

aus: David Park: Travelling in a Strange Land (2018), S. 86

Blogbummel Juli 2019

Heute mal ein ganz, ganz kurzer Blogbummel. Für alles andere war es ja auch viel zu warm. Los geht es mit einem Stockrosengewoge.

Lesen in vollen Zügen las Siebzehnter Sommer von Maureen Daly, ein Buch, das bereits 1942 erschien.

Bücherwurmloch stellt uns Ein mögliches Leben von Hannes Köhler vor.

Missmesmerized las Missouri von Gregor Hens.

Auf Wortgelüste wird der Roman Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong besprochen.

Peter liest…, z. B. eine Fontane-Biografie und Ein fliehendes Pferd von Martin Walser.

Um Hannah Arendt geht es bei Binge Reading.

Im Bücheratlas wird an Gottfried Keller und an seinen Roman Der Grüne Heinrich erinnert.

Richard Marcus beschäftigt sich auf Qantara mit Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan.

Letteratura mochte Lügenleben von Sayed Kashua.

Da leider immer aktuell, hier der Beitrag zum Narrenschiff von Sebastian Brant, veröffentlicht auf transitnuremberg.

Und drei englischsprachige Titel sollen noch erwähnt werden:

Heavenali gefiel Beneath the Visiting Moon (1940) und Despised and Rejected (1918) von Rose Allatini.

Mad Puppetstown (1931) von Molly Keane wurde auf Beyond Eden Rock besprochen.IMG_0021.JPG