Blogbummel Februar 2019

Zur Einleitung ein kleiner Test, was eure Schwindelfreiheit angeht, und zwar mit Fotos auf Travel with Intent.

Deutschsprachige Blogs

Ingos England-Blog hat einen Tipp für alle, die sich die Landkarte Großbritanniens anhand seiner SchriftstellerInnen erschließen möchten.

Auf Buch & Wort werden vier Podcasts zu Büchern vorgestellt.

Bleisatz unternimmt einen Ausflug in Die Kunst des lässigen Anstands von Alexander von Schönburg.

literaturblatt.ch stellt Ich komme mit von Angelika Waldis vor.

Um Wo wir zuhause sind von Maxim Leo geht es auf dem Blog Bücheratlas.

MissMesmerized las von Reni Eddo-Lodge das Buch Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche.

Peter liest… und hat sich die Mühe gemacht, sich mit Sigrid Löfflers Kritik an männlichen Autoren, wie z.B.  Wolf Haas, auseinanderzusetzen. Das ist nicht das erste Mal, dass Löffler pauschal irgendetwas in Bausch und Bogen verdammt. Vor einigen Jahren hatte sie Literaturbloggern und -bloggerinnen jegliche Kompetenz abgesprochen. Zu Unrecht, wie man hier mal wieder sehr schön nachvollziehen kann.

Endlich eine Besprechung zu dem neuen Roman von Dörte Hansen, mit der ich etwas anfangen kann, und zwar auf Sätze & Schätze.

Darüberhinaus setzt Birgit mir All die Nacht über uns von Gerhard Jäger auf die Wunschliste.

Ich bin mit Wikmans Zöglinge von Jaan Kross nicht so recht warm geworden, aber hier gibt es eine Besprechung auf buchwolf.

Der Leseschatz hat Irgendwann wird es gut von Joey Goebel gehoben.

Um Die Mauer von John Lancaster geht es beim Kaffeehaussitzer.

Frau Lehmann liest und empfiehlt Leutnant Burda von Ferdinand von Saar.

Englischsprachige Blogs

Zeit für ein altes Krimi-Schätzchen von Moray Dalton bei Heavenali. Aber sie las auch The Smallest Things von Nick Duerden.

ANZLitLoversLitblog stellt uns Hare’s Fur von Trevor Shearston vor.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Kultur und Kunst lässt uns unter dem Titel Rausch der Schönheit teilhaben an einer Bloggerreise nach Dortmund.

Frank Brehe zeigt Nebelfotos aus dem Totholzwald.

LensScaper fotografierte Specks of Humanity.

Revolution, Baby, Revolution war wandern, und zwar in Wales. Wo sind meine Koffer?

Und ganz viel tolle Architektur in Italien gibt es auf Echoes of the Past.

Da passt zum Schluss die Frage, die bei The World According to Dina gestellt wurde, nämlich warum wir eigentlich fotografieren (illustriert mit Fotos, vor denen ich mich verneige). Für die Kommentarspalte sollte man dann etwas Zeit mitbringen. Aber es lohnt sich.

Zum Abschluss ein Gebet von Teresa von Avila, gefunden von und bei Maren. Auch wenn die Frage nach dem ursprünglichen Wortlaut noch offen bleiben muss, ein schöner Text.

 

Alec Guinness: My Name Escapes Me (1996)

Was für ein süchtig machendes Buch.

Der Ausnahmeschauspieler Alec Guinness (1914-2000) veröffentlichte den zweiten Teil seiner autobiografischen Schriften My Name Escapes Me: The Diary of a Retiring Actor 1996. Auf Deutsch erschien dieses Tagebuch unter dem Titel Adel verpflichtet: Tagebuch eines noblen Schauspielers.

Irgendwo war ich über die Empfehlung dieses Buchs gestolpert, und was soll ich sagen: Obwohl die Aufzeichnungen des über Achtzigjährigen vom 1. Januar 1995 bis zum 6. Juni 1996 von Anfang an zur Veröffentlichung gedacht waren und dementsprechend der Kontrolle und bewussten Auswahl des Künstlers unterlagen, habe ich das nirgendwo als störend empfunden.

Da mischen sich Erinnerungen an seine Karriere, an Filmaufnahmen und verstorbene Freunde mit kurzen Urlaubsschilderungen aus Südeuropa oder mit Einträgen zu Verabredungen zum Essen mit noch lebenden Freunden und Bekannten – gutes Essen ist ihm ein Bedürfnis. Da wird munter parliert, da wird ins Theater oder in Kunstausstellungen gegangen.

Nancy Cunard’s long long elegant feet in the painting by Alvaro Guevara, 1919, look like transatlantic liners. (S.5)

Überall schimmert ein großes Berufsethos durch. So wollte er später am liebsten auch gar nicht mehr auf seine Rolle als Obi-Wan Kenobi in Star Wars angesprochen werden. Die törichten Dialoge taten ihm einfach zu weh und beinahe hätte er einem Jungen ein Autogramm verweigert, als der ihm anvertraute, die Filme schon Dutzende Mal gesehen zu haben. Das wiederum sorgte für eine empörte Mutter.

Oder er schaut abends mit seiner Frau Merula fern, völlig entgeistert, falls man dabei zufällig in vulgäre Trash-Shows hineingerät. Bei Filmen oder Krimis, die Gnade vor seinen Augen finden, werden anschließend die Schauspieler einer fachmännischen Bewertung unterzogen. Selbst seine Lektüre – Montaignes Essays wären sein Buch für die einsame Insel – ist noch davon geprägt, dass er es nicht lassen kann, sich die Dialoge in Büchern wie Theaterstücke vorzusprechen, „with significant pauses and all“. Dummerweise sorgt das immer dafür, dass er so schrecklich lange für ein Buch braucht.

Er, der 1957 für seine Rolle in The Bridge on the River Kwai den Oscar gewann, ist sich völlig im Klaren über die Zufälligkeit, mit der es sich entscheidet, ob man einen Oscar oder eine beliebige andere Auszeichnung zugesprochen bekommt.

A race or a fight or a game can be won but to call something ‚the best‘ in the arts is absurd. I wouldn’t mind betting Dickens would fail to win the Booker Prize (too readable and too funny) and Turner the Turner Prize and poor Keats wouldn’t even be considered for any poetry prize. (S. 16)

Zwischendurch kommt er – dezent – auf sein Alter zu sprechen. Die Trauer, wenn man wieder zu einer Beerdigung eines liebgewordenen Weggefährten muss. Der Schreck, als er in den Straßen Londons stürzt und sich danach nur noch mit Stock aus dem Haus traut. Das Nachlassen seiner Kräfte, Augenprobleme, die nachlassende Konzentration, die ihm nicht mehr erlaubt,  längere Texte auswendig zu lernen. Die Sorge um seine Frau, die noch sechs Monate nach ihrer Hüftoperation nicht richtig laufen kann. Und selbst jetzt noch muss er sich mit unliebsames Stalkern herumärgern, die sich nicht scheuen, plötzlich bei ihnen im Garten zu stehen.

The new armchair has arrived […] It is very comfortable but a touch of effort is needed to get out of it. (S. 86)

Ein wacher Geist, ein Katholik, der so manche gesellschaftliche Entwicklung kritisch und auch besorgt beäugt, der traurig zu Bett geht, nachdem er am 13. März 1996 von dem Schulmassaker in Dunblane erfahren hat.

Turning on TV News at Ten we were appalled to hear of the ghastly, outrageous shooting of small children in the school at Dunblane, Perthshire. It is a numbing horror and the mind goes blank. Sympathy, comfort, love, tears – no words suffice. M and I went to bed silent and miserable. (S. 128)

Ein Mann, der seinem inneren Kompass treu bleibt, dem schlechter Geschmack oder grobe Umgangsformen ein Graus sind und der sich manchmal auch nur kurz angebunden über seine Frau Merula, eine Malerin, äußert, mit der er seit 58 Jahren verheiratet ist. Überhaupt hätte ich gern mehr über sie und den gemeinsamen Sohn Max gelesen. Doch dann erwähnt er wie im Vorübergehen, dass sie ihm jede Woche einen kleinen Blumenstrauß auf seinen Schreibtisch stellt.

Die Selbstverständlichkeit fasziniert, mit der die beiden Ehepartner jeweils die gleichen Bücher lassen, dieselben Filme schauten, im Radio abends Konzerte oder Musik-CDs hörten, um sich daran zu erfreuen, in der Kunst Trost zu finden oder um sich darüber auszutauschen.

Hier schreibt einer sehr menschlich, manchmal melancholisch, ein wenig wehmütig, sich der Endlichkeit bewusst, aber auch trocken, selbstironisch, witzig, boshaft in einem herrlich flüssigen, mühelos wirkenden Stil.

Today I have picked up a very good notice in an American film trade paper for a performance I have never given in a film I have never heard of. It says that I am ‚almost unrecognizable‘ in the film. I like the ‚almost‘. (S. 10)

Kurzum, das Buch mit dem Vorwort seines Freundes John le Carré ist, da man nie weiß, was als nächstes kommt, eine unterhaltsame, aber nie banale Wundertüte. Und ich brauche unbedingt den nächsten Band.

Fundstück von Bergsveinn Birgisson

Gedanke am Morgen

Auf die Bucht hinauszuschauen an einem Morgen, wenn die Wolkenkissen friedlich auf der gegenüberliegenden Küste ruhen, dort, wo alles besser zu sein scheint und irgendwelche unbekannten Versprechen im Licht wohnen.

aus: Bergsveinn Birgisson: Die Landschaft hat immer recht, Residenz Verlag 2018 (OA 2003), S. 232

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