Amanda Cross: In the Last Analysis (1964)

Durch die deutsche Neuauflage von Die letzte Analyse im Dörlemann Verlag bin ich überhaupt erst aufmerksam auf dieses Krimi-Schätzchen aus den Sechzigern geworden. Was für ein Glück. Dabei konnte man die Bände um die resolute Literaturprofessorin Kate Fansler schon vor über 20 Jahren in Deutschland erstehen.

Der ursprüngliche deutsche Titel des ersten Bandes lautete Gefährliche Praxis. Ansonsten wurde die Übersetzung von Monika Blaich (*1942) und Klaus Kamberger (*1940) vom Dörlemann Verlag beibehalten. Meine Besprechung bezieht sich allerdings auf die englische Neuausgabe von 2018.

Kurz zum Inhalt:

Die ältere Studentin Janet Harrison fragt Professorin Kate Fansler, ob diese ihr einen guten Therapeuten empfehlen könne. Und so kommt es, dass Janet eine Psychoanalse bei Emanuel Bauer beginnt, einem anerkannten Analytiker und sehr guten Freund von Kate. Die beiden waren auch mal ein Liebespaar, aber das ist lange her.

They had been lovers for a time – they had no one but themselves to consider – yet this had been far from central to their mutual need. After that first year,  they would no more have considered making love than of opening a mink ranch together […] (S. 46)

Wenige Wochen später wird nun jene Studentin ermordet aufgefunden, auf der Analysecouch Emanuels. Erstochen mit einem Messer aus Bauers Küche. Sonnenklar, dass Kate alles in ihrer Macht Stehende unternehmen muss, um Emanuel, seine entzückend planlos schwatzende Frau Nicola und schließlich sogar sich selbst von dem ungeheuerlichen Verdacht reinzuwaschen, die junge Frau getötet zu haben. Dabei spannt sie ihren guten Bekannten Reed Amhearst, seines Zeichens Staatsanwalt mit besten Kontakten zur Polizei, und Jerry, den jungen und äußerst abenteuerlustigen Verlobten ihrer Nichte, ein.

Mag Kate die Idee zur Klärung des Falls auch etwas unmotiviert aus heiterem Himmel überkommen, war mir das dann schon völlig egal, weil man bis dahin so viel Spaß am intelligenten und literarischen Schlagabtausch der Beteiligten hatte und Kate und ihre Freunde schon längst ins KrimileserInnenherz geschlossen  hat.

‚I don’t think this case is helping your disposition – you’re beginning to sound petulant. What you need is a vacation.‘ (S. 119)

Dass das Buch mit seiner emanzipierten und belesenen Protagonistin dabei ein bisschen Retro-Charme versprüht und gleichzeitig zeitlose Kritik an der Bürokratisierung des Universitätsbetriebs und Einblicke in die menschlichen Natur liefert, macht die Lektüre umso lohnender.

‚Oh, dear, I keep forgetting about the police. Are they getting restive?‘ (S. 96)

Oder wie Andrea Gerk feststellt: „Screwball Comedy mit Mehrwert“.

Ich jedenfalls habe die nächsten Bände schon geordert.

Die Autorin Carolyn Gold Heilbrun (1926 – 2003), eine feministische, amerikanische Literaturprofessorin an der Columbia University in New York, legte sich für ihre 15 Bände um Kate Fansler das Pseudonym Amanda Cross zu, um ihr Renommee als Literaturwissenschaftlerin nicht zu gefährden. Ihre Krimis waren unglaublich erfolgreich und wurden weltweit übersetzt. Ihr erster Band kam in der Kategorie „Bestes Debüt“ sofort auf die Shortlist für den Edgar Award.

Mit 77 beging sie Suizid, da sie nach Aussage ihres Sohnes sicher war, die Reise sei vorüber, ihr Leben habe sich erfüllt, aber nicht weil sie erkrankt oder depressiv gewesen sei. Dazu passt der längere Essay  A Death of One’s Own von New York.

 

Christina Hardyment: Heidi’s Alp – One Family’s Search for Storybook Europe (1987)

Bei dem nicht wirklich erfolgreichen Versuch, meine Buchregale zu entrümpeln, fiel mir dieses unschön vergilbte Secondhandbuch, das schon seit Jahren in meinem Regal herumlungerte, wieder in die Hände. Und was soll ich sagen – ich habe schon lange nicht mehr mit so viel Vergnügen einen Reisebericht gelesen. Und was passt bei dem derzeitigen Regenwetter besser als eine Sofareise?

Die britische Autorin Christina Hardyment (*1946) hat im Laufe ihres Lebens zahlreiche Bücher zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. In Heidi’s Alp (1987) geht es um eine siebenwöchige Reise, die sie 1985 mit ihren vier Töchtern Susie, Daisy, Ellie und Tilly durch Europa unternommen hat. Die jüngste Tochter ist fünf, die älteste ist zwölf. Das Gefährt der Wahl ist ein Wohnmobil, das auf den Namen Bertha getauft wird.

Gradually the idea surfaced. Why not steal a summer? Make a journey, part Toadlike, self-indulgent adventure, and part education in the old idiom of the Grand Tour. Take the children right out of school for May and June, the loveliest months, and amble unhurried around Europe well ahead of the August crowds. […] But what sort of approach would appeal to the children? Every parent knows the miseries of trailing round museums and art galleries with unwilling children in tow. No one gets far up the mountain peak with an opinionated five-year-old. (S. 2/3)

Also wird die Reiseroute in groben Zügen anhand literarischer Gesichtspunkte festgelegt. Es sollen Orte und Landschaften besucht werden, die bedeutsam für wichtige Werke der Kinderliteratur waren. Unterwegs werden den Mädchen die Geschichten vorgelesen – manche kennen sie bereits, wie die Geschichten um Heidi von Johanny Spyri -, dazu gibt es Hintergrundinfos der wohlinformierten Mutter, kleine Museen und die dazugehörigen Landschaften.

Die ersten zwei Wochen werden sie ab Holland noch von einer guten Freundin samt Baby Sarah begleitet. Sieben Menschen in einem Wohnmobil, davon ein Baby, das stellt alle auch vor ziemlich unliterarische Herausforderungen. In den letzten Wochen verstärkt Tom, der Vater der vier Mädchen, die Reisetruppe.

Eckpfeiler der Routenplanung:

  • Hans Brinker and the Silver Skates von Mary Mapes Dodge (Holland)
  • Die Märchen – und die Reisen – von Hans Christian Andersen (Dänemark)
  • Lübeck
  • Der Rattenfänger von Hameln (Deutschland)
  • Diverse – auch mir noch unbekannte – Städte und der Brocken im Harz (auch im ehemaligen Gebiet der DDR)

By the time we reached the border it was dusk. The western horizon glowed a welcome home beyond the barriers, but first we had to undergo a search much more thorough than the one on our arrival. The children were amazed to see a large mirror on wheels was rolled out and solemnly passed to and fro under the van to see if anything – or anybody – was attached underneath. The bonnet was opened, the engine inspected, all the drawers emptied, the books reshuffled. Nothing could have contrasted more startlingly with the casual waves given at all the other borders we had crossed. ‚But if people want to leave the country, why don’t they let them?‘ asked Ellie. (S. 133)

  • Märchen der Gebrüder Grimm und Schloss Wilhelmshöhe (Kassel)
  • Rothenburg ob der Tauber
  • Schloss Neuschwanstein
  • Auf den Spuren Harlequins in Venedig (Italien)
  • Pinocchio (Collodi in Italien)
  • Der Schiefe Turm von Pisa
  • Heidi von Joanna Spyri (Maienfeld, Schweiz)
  • Zürich
  • Wilhelm Tell
  • Lauterbrunnen und Fahrt zum Jungfraujoch
  • Bücher über den Bären Mary Plain von Gwynedd Rae (Bern)
  • Eiffelturm in Paris
  • Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten von Jean de Brunhoff

Aber genauso werden freie Tage und immer auch ein bisschen Luft für spontane Ausflüge und vom Wetter abhängige Ideen sowie große Vergnügungsparks eingeplant; in Legoland fahren sich die Mädchen in den diversen Fahrgeschäften schwindlig, während sich die zwei Mütter Titanias Palast anschauen.

Bei Museumsbesuchen wird auch mal zu Tricks gegriffen, damit die Töchter nicht vor lauter Langeweile die Galerie sofort wieder verlassen wollen.

Normally our progress through picture galleries and museums is indecently  rapid, but today [Schloss Wilhelmshöhe] was different. We bought the girls each four postcards in the entrance hall and then set them the challenge of finding the originals. Since the gallery is spread over three enormous floors of the palace […] Tom and I very soon lost sight of all four of them, and enjoyed a restful half hour of guessing painters wrongly. (S. 148)

Und so entsteht eine charmante und ehrliche Mischung aus Familienmemoir, Reisebericht (mit all den schönen und chaotischen Seiten, die unerwartet geschlossene Museen und das beengte Leben im Wohnmobil mit sich bringen; kleinen Unfällen inclusive), landeskundlichen Impressionen (holländische Fahrradfahrer und die schweizerische Ordnungsliebe sind der Erzählerin ein echter Dorn im Auge) und literarischer Vor-Ort-Erkundung, bei der ich viel Neues erfahren habe. Hardyment recherchierte akribisch vor, während und nach der Reise zu den AutorInnen und Geschichten, so kann sie mühelos interessante und manchmal auch skurrile Informationen an passender Stelle einflechten. Ihre literarische Entdeckerfreude ist einfach ansteckend.

Das Ganze geschrieben mit Tempo, Wissen, Witz und (mütterlicher) Selbstironie.

Hans-Christian Andersen, auf dessen Spuren die kleine Reisetruppe immer mal wieder wandelt, war 1831 mit dem Schiff von Kopenhagen nach Lübeck gereist. Über die Nacht in seiner Kabine mit zwei weiteren Männern schreibt er:

‚one with his legs against the head of the other. I happened to be in the middle, and now one of them would ask me to move my legs, the other to move my head; I was too long for them.‘ ‚Just like us in Bertha,‘ said Daisy feelingly. ‚I wish Ellie didn’t kick so much.‘ (S. 73)

Manches mutet inzwischen nostalgisch an. Eine Reiseplanung ohne Internet, Kinder ohne Handys, und wenn man liest, dass ihre ungeplante Übernachtung auf „Heidis Almhütte“ oberhalb von Maienfeld zu den Höhepunkten ihrer Tour gehört – auch dank der Gastfreundlichkeit des Senners -, der zwar schon damals von einigen japanischen Touristen berichtet, dann ahnt man, dass derlei Erfahrungen in der heutigen touristischen Marketingwelt nicht mehr  möglich sind.

Zu gern würde ich wissen, was die Töchter später über diese Reise gedacht haben. Wie war es wohl mit einer so literaturbegeisterten Mutter?

Als ihre beiden älteren Töchter auf der Rückreise Vorschläge machen, wohin die nächste große Tour führen könnte, empfindet Hardyment das als das schönste Kompliment überhaupt.

That assumption that we would be going again, that confidence that they would enjoy it. I felt as pleased as the mother hen in the ‚Ugly Duckling‘ when her brood hatches. I’d hatched a brood, too, a brood of travellers. And romantic ones, at that. Real swans. (S. 247)

Ich jedenfalls bin unglaublich gern mit auf diesen Trip gegangen und war so infiziert, dass ich alle naslang unterbrechen musste, weil ich rasch noch etwas recherchieren wollte. Und natürlich überlege ich jetzt, was ich als nächstes lese: The Wind in the Willows oder Travels with Charley von John Steinbeck? Oder doch Pinocchio?

Next day was positively slovenly – late to rise and late to bed, with much relaxed non-achievement in between. (S. 80)

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Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts – Marie von Ebner-Eschenbach (2016)

Die erste deutschsprachige Biografie zu Marie von Ebner-Eschenbach seit 1920 ist ein sorgfältig recherchierter Brummer von über 400 Seiten.

Daniela Strigl, eine ausgewiesene Kennerin des Ebner-Eschenbach’schen Werkes und Mitherausgeberin der vierbändigen Marie von Ebner-Eschenbach-Leseausgabe im Residenz Verlag, führt die LeserInnen durch das lange Leben der mährisch-österreichischen Autorin, die von 1830 bis 1916 lebte.

Die chronologisch angelegte Biografie las sich für mich zwischenzeitlich, das ist dann aber meist dem Gegenstand geschuldet, ein wenig langatmig, da Strigl uns ausführlich auch durch jene Jahrzehnte führt, in denen Ebner-Eschenbach der Meinung war, Dramen schreiben zu müssen. Erst als sie auf Erzählungen, Aphorismen und Romane umstieg, kam der Erfolg. Da wurde es auch für mich als Leserin interessanter, sich mit den Inhalten ihrer Geschichten zu beschäftigen. Die Schriftstellerin selbst habe

ihren Weg vom Drama zur Erzählung als Abstieg betrachtet und ihre großen und kleinen Erfolge auf dem Gebiet der Prosa als eine Form des Scheiterns. […] Und in einem abschließenden Superlativ des Understatements spricht die längst als bedeutendste Erzählerin deutscher Zunge anerkannte Marie Ebner sich sogar den Status einer Dichterin ab. ‚In meiner Jugend war ich überzeugt, ich müsse eine große Dichterin werden, und jetzt ist mein Herz von Glück und Dank erfüllt, wenn es mir gelingt, eine lesbare Geschichte niederzuschreiben.‘ (S. 187)

Davon abgesehen ist es aufschlussreich zu lesen, in welch adlig-wohlhabenden Kreisen die Autorin zu Hause war. Ihr Vater hatte sieben Kinder von drei seiner insgesamt vier Ehefrauen – die er alle überlebte – und man gehörte später zur Wiener High Society.

Die Autorin pflegte zahlreiche (Brief-)Freundschaften, die zum Teil Jahrzehnte überdauerten, stand in Kontakt mit literarischen Größen ihrer Zeit. Wir erfahren, wer ihre literarischen Vorbilder waren und welches karikative Engagement aus ihrer sozialen Grundhaltung resultierte.

Darüber hinaus kommt ihre Einstellung, z. B. zur Frauenbewegung, zur Sprache. Aber auch ihre Reitbegeisterung, ihr Vorliebe für Zigarren und ihre späte Liebe zu Rom werden ausführlich gewürdigt. Ebenso geht es um ihre Ehe mit ihrem 15 Jahre älteren Cousin, die kinderlos blieb, und nicht zuletzt um einen umfassenden Einblick in ihr Werk, das oft genug der (adligen) Gesellschaft einen kritischen Spiegel vorhält. Auch ihr späteres öffentliches Auftreten gegen antisemitische Umtriebe war für „eine katholisch sozialisierte österreichische Aristokratin bemerkenswert genug“. (S. 275)

Insgesamt eine Schriftstellerinnenkarriere, die nach diversen erfolglosen Theaterstücken schon zu Ende schien, bevor sie richtig begonnen hatte, und die dann doch bis zu den höchsten Stufen des Erfolgs führte. Sie erhielt als erste Frau das Ehrendoktorat der philosophischen Fakultät der Universität Wien. Sogar für den Nobelpreis wurde später ihr Name ins Spiel gebracht.

Wenig überzeugend fand ich allerdings die zahlreichen psychoanalytischen Deutungsversuche: Wie hilfreich ist es denn, wenn sich Strigl bei der Frage nach der tiefenpsychologischen „Ursache für Maries fundamentale Verunsicherung“ in ihrer Kindheit auf Georg Groddeck bezieht?

‚Der Säugling, der von der Amme gestillt wird, ist in den Zweifel hineingestellt und wird den Zweifel nie verlieren. Seine Glaubensfähigkeit ist im Fundament erschüttert und das Wählen zwischen zwei Möglichkeiten ist für ihn schwerer als für Andere.“ (S.45)

Auch Kinderlosigkeit wird von Groddeck ratzfatz als eine unbewusste Ablehnung der Schwangerschaft gedeutet, ein Ansatz, den selbst Strigl als „einigermaßen provokant“ (S. 110) empfindet.

Wesentlich lohnender erscheint mir die Biografie unter dem Gesichtspunkt, wie Ebner-Eschenbach damit umging, nahezu ein Leben lang gegen den Wunsch ihrer Familie schriftstellerisch tätig gewesen zu sein.

Schon die Großmutter schickt sie grob hinaus, als die kleine Marie ihren Wunsch verkündet, später Dichterin werden zu wollen.

Marie ist nun von der ‚Sündhaftigkeit‘ ihrer Passion überzeugt, sie weint mit ihrer Schwester, die auch nicht mehr weiterweiß: ‚Sprich nicht davon; dann vergeht’s vielleicht.‘ […] Was wie eine komische Grille anmutet, erlebt das Kind als schreckliche Gewissensnot, als ein Verdammtsein zum Ungehorsam. Ganz ernsthaft wünscht Marie sich den Tod. Das Urteil der erwachsenen Frau beschönigt nichts: ‚Gut bei diesem Verfahren der Meinen war bloß die Absicht. Gewollt haben sie mein Bestes und, ohne es zu wissen was sie taten, mir das peinvoll demütigende Gefühl eines angeborenen, geheimen Makels aufgebürdet.‘ (S. 57)

Selbst von der Mode waren schreibende Frauen eigentlich nicht vorgesehen. Die Kopfschmerzen, von denen viele Frauen im 19. Jahrhundert berichten, werden von Evelyne Polt-Heinzl mit der Krinoline erklärt, mit der man nicht am Schreibtisch sitzen konnte, stattdessen mussten die Frauen

in vorgebeugter Haltung mit einem Schreibbrett auf dem Schoß vorlieb nehmen. Der Schmerz der malträtierten Halswirbelsäule habe in den Kopf ausgestrahlt. (S. 93)

Groddeck hat auch hier eine andere Deutung im Angebot:

Die bei Frauen oft mit der Menstruation einhergehende Migräne habe die Funktion, die in dieser Zeit gesteigerte, aber nach der Konvention nicht zu befriedigende Libido abzutöten. (S. 93)

Nicht nur der Ehemann sah das Schreiben seiner Gattin kritisch. Auch bei den Brüdern waren große Widerstände zu überwinden. Die Haltung ihres Ehemanns ist dabei zumindest ambivalent: Ist Marie von Ebner-Eschenbach erfolgreich, freut er sich mit ihr; zerreißt die Kritik das Werk, will er ihr prompt verbieten, weiterhin schriftstellerisch tätig zu sein. Er werde schließlich nicht erlauben, dass sie seinen guten Namen verunglimpfe. Und sie, ganz Ehefrau ihrer Zeit:

‚Er hat das Recht so zu sprechen, ich sehe es ein.‘ (S. 161)

Gleichzeitig habe er sich damit abgefunden, dass sie wohl machtlos gegen den Schreibdrang sei. Seinem Testament liegt ein liebevoller Brief bei, in dem er bekennt, sie nicht gefördert zu haben, sie allerdings auch nie absichtlich behindert zu haben. All ihren Erfolg habe sie ausschließlich der eigenen Kraft zu verdanken. (Vielleicht war dies ja das Hauptproblem, das die männliche Eitelkeit zu verkraften hatte?)

Aufschlussreich wird es immer dann, wenn zeitgenössische Kritiker die vorgeblichen Mängel oder Stärken ihrer Stücke und Erzählungen auf das Geschlecht der Autorin zurückführen. Und so erfuhren die LeserInnen der Presse:

‚Der souveräne Humor ist ein männliches Vorrecht.‘ (S. 174)

Ebner-Eschenbach hat ihr Leben lang erfahren, dass es keineswegs allgemein anerkannt war, dass Frauen menschliche Wesen sind, die die gleichen Bedürfnisse nach Bildung und Selbstverwirklichung haben wie Männer. An einer Stelle schreibt sie:

‚Wie aber, wenn die Frau in erster Reihe ein menschliches, und erst in zweiter ein weibliches Wesen wäre? wenn sie eben so viel individuelles Leben besässe wie der Mann und der Ergänzung durch ihn nicht mehr bedürfte, als er der Ergänzung durch sie; und wenn es doch möglich wäre, dass ein wirkliches, ein grosses und der Expansion fähiges Talent auch in einer deutschen Frau zur Erscheinung käme?‘ (S. 306)

Selbst die Genderdebatte hat Ebner-Eschenbach bereits vorweggenommen:

‚Wenn eine Frau sagt ‚Jeder‘ meint sie: jedermann. Wenn ein Mann sagt ‚Jeder‘, meint er: Jeder Mann.‘

Seien wir ehrlich: Vielen von uns ist die Autorin vermutlich nur noch bekannt durch verschwommene Erinnerungen an Schullektüre; und der ein oder die andere assoziert dabei möglicherweise eine behäbige Frau, die für Mitleid, Treue und weitere vielleicht auch zu Unrecht aus der Mode gekommene Begriffe steht. Dabei sollte man sich laut Strigl keinesfalls von dem betulich wirkenden Altdamen-Image der Milde und ausgleichenden Güte, das die Schriftstellerin später selbst aktiv pflegte, abschrecken lassen. 

Es könnte also lohnen, sich einige ihrer Erzählungen und Romane erneut oder zum ersten Mal überhaupt vorzunehmen. Zugegeben: Man wird bei der Lektüre dann das ein oder andere pathetische Adjektiv ertragen müssen. Die liebliche blonde Frau, das stahlharte Herz, die schaudernden Blicke, die eiskalte Hand, die heißen Lippen, die Frau, die Tausenden zum Heil gewirkt habe, das liest sich heute doch, freundlich gesagt, ein wenig ermüdend und klischeehaft. Oder wie Tilman Spreckelsen es in seiner Besprechung vom 12. März 2016 in der FAZ ausdrückte:

Tatsächlich ist es leicht, den Texten Ebner-Eschenbachs […] auf den Leim zu gehen, schließlich enthalten sie genug an nicht selten süßlichen Floskeln und auch an stereotyp gezeichneten Figuren, um darüber die Abgründe der Handlung zu übersehen, die so gar nicht zu dieser konventionellen Prosa passen wollen und die angesichts der auffälligen Parallelen mancher Konstellationen zum Leben der Autorin die Frage aufwerfen, wer da eigentlich schreibt, aus welcher Warte und mit welchen Erfahrungen hier mit erkennbar realistischem Anspruch von den sozialen Verhältnissen in der Habsburgermonarchie berichtet wird.

In diesem Zusammenhang zitiert Strigl den Beginn der psychologisch feinen Erzählung Das tägliche Leben. Dieser Paukenschlag weckte sofort mein Interesse. Und so wird Das tägliche Leben sicherlich nicht die letzte Geschichte sein, die ich von Ebner-Eschenbach lese.

Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise feierlich begangen werden sollte, erschoß sich die Frau.

Wer noch Genaueres wissen möchte, bitte hier entlang:

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Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte (OA 1847)

Iwan Gontscharows Debütroman Eine gewöhnliche Geschichte, 1847 zunächst in einer Literaturzeitschrift und 1848 als Buch veröffentlicht, nahm mich während der Lektüre durch seinen Stil immer stärker für sich ein, auch wenn mir Oblomow – in bloglosen Zeiten gelesen – doch wesentlich besser gefallen hat.

Der Roman beginnt mit den folgenden Sätzen:

Eines Sommertags war im Dörfchen Gratschi bei der kleinen Gutsbesitzerin Anna Pawlowna Adujewa schon im Morgengrauen alles auf den Beinen, angefangen von der Hausherrin bis zum Kettenhund Barbos.

Nur Anna Pawlownas einziger Sohn, Alexander Fjodorytsch, schlief noch tief und fest, wie es sich für einen zwanzigjährigen jungen Mann gehört; im Haus aber hastete alles umher und war geschäftig am Werk. Das Gesinde ging allerdings auf Zehenspitzen und sprach im Flüsterton, um den jungen Herrn nicht zu wecken. Kaum polterte jemand oder redete laut drauflos, erschien sofort, wie eine gereizte Löwin, Anna Pawowna und erteilte dem Störenfried eine strenge Rüge, bedachte ihn mit einem kränkenden Spitznamen, bisweilen aber auch mit einem Stoß, je nachdem, wie groß ihr Zorn war und es ihre Kräfte zuließen. (Ausgabe des Carl Hanser Verlages, übersetzt von Vera Bischitzky, München 2021, S. 7)

Grund der häuslichen Unruhe ist die bevorstehende Abreise des verwöhnten, verzärtelten Alexander in das über 1000 Kilometer entfernte Petersburg. Dort, so ist er sich sicher, wird er aufsteigen, Karriere machen, alle mit seinen Kenntnissen und seiner tiefen Seele beindrucken, und literarisch wird er der neue Stern am Himmel werden. Wer würde dort seinen Gedichten widerstehen?

Dabei hat er keine besonderen Befähigungen oder gar Veröffentlichungen vorzuweisen, doch die 20 Jahre, in denen seine Mutter ihm zum Mittelpunkt des Universums gehätschelt hat, haben dafür gesorgt, dass er sich ausgestattet mit sentimentalen Flausen, einer gehörigen Portion Egoismus und kolossaler Selbstüberschätzung auf den Weg macht.

Kummer, Tränen und Nöte kannte er nur vom Hörensagen, wie man eine Krankheit kennt, die sich nicht fassen lässt, im Verborgenen aber ihr Unwesen unter den Menschen treibt. So kam es, dass ihm die Zukunft in rosigen Farben erschien. Etwas zog ihn in die Ferne, was genau es aber war, das wusste er nicht. Verlockende Schemen huschten über den Horizont, doch er konnte sie nicht erkennen; er hörte allerlei Töne – bald die Stimme des Ruhmes, bald die der Liebe: all dies ließ ihn wonnig erbeben. (S. 18)

Besonders was die Liebe angeht,

träumte er von einer kolossalen Leidenschaft, die keinerlei Hindernisse kennt und unglaubliche Heldentaten vollbringt. (S. 18)

In Petersburg nimmt ihn ein Onkel unter seine Fittiche, der den Bildungsweg, den Alexander noch durchlaufen muss, bereits hinter sich hat und sich ausschließlich seiner erfolgreichen Karriere als Fabrikant widmet. Der Onkel bringt Alexander im Staatsdienst unter und findet die Ambitionen des Neffen, ein großer Dichter zu sein, einfach lächerlich. Ein Großteil des Romans nehmen die Streitgespräche zwischen Neffen und abgeklärtem Onkel ein.

Die verlaufen mir manchmal arg schematisch und obwohl sie sich ausdauernd streiten über den Sinn und Unsinn des Lebens, erstaunt es, dass sie dies ohne jegliche Bezugnahme auf Religion oder andere philosophische Systeme tun. Nach was soll man streben, nach der idealen Liebe (die einen so in Beschlag nimmt, dass man sich gar nicht mehr um so profane Dinge wie den Lebensunterhalt kümmern kann) oder der Erfüllung rein eigennütziger Erwägungen? Das erscheint mir schon in der Fragestellung etwas eng geführt. Überhaupt, das Liebeskonzept der Männer dient bei näherer Betrachtung wohl oft eher der eigenen Selbstbespiegelung.

Am Ende und viele Jahre später ist – wie könnte es anders sein – Alexander nach einigen Irrungen und Wirrungen ein ordentliches Mitglied der Gesellschaft geworden, die jugendlichen Flausen, die jugendliche Unbedingtheit gehören der Vergangenheit an. Man hat sich eingerichtet. Die Sinnfrage hat sich erledigt. Als LeserIn seufzt man ein wenig, denn man weiß, weder Onkel noch Neffe haben überzeugende Antworten gefunden.

Fazit: Ich mag dieses üppige und ausschweifende Erzählen, das Eintauchen in eine ganz andere Welt, eine andere Gesellschaft, aber die Figuren dieses Romans bleiben mir genau wie ihre Kümmernisse fern. Also Notiz an mich selbst: unbedingt Oblomow wiederlesen.

Heather Lende: If you lived here, I’d know your name (2005)

If you lived here, I’d know your name ist ein unvergleichliches Buch, das mir nicht nur die Stadt Haines in Alaska mit ihren ca. 2500 EinwohnerInnen auf die innere Landkarte geschrieben hat.

Lende, die ursprünglich aus New York stammt, aber mit ihrem Mann und zwei Hunden nach dem College irgendwie in Alaska hängengeblieben ist und seit 1984 in Haines lebt, hat in der dort einmal wöchentlich erscheinenden Lokalzeitung inzwischen über 400 Nachrufe geschrieben und war ebenfalls verantwortlich für die Duly Noted-Rubrik, wo so dies und das gesammelt wird, was in einer Kleinstadt des Erwähnens für wichtig erachtet wird. Beispiele dieser Duly Noted-Kurznachrichten finden sich zu Beginn eines jeden Kapitels.

Die Autorin hat mit ihrem Mann Chip fünf Kinder großgezogen, inzwischen vier Bücher geschrieben und in diversen Publikationen veröffentlicht. Und das, obwohl sie immer nur „around the edges of a busy life“ geschrieben hat. 2021 wurde sie zum Alaska State Writer Laureate ernannt.

Und nun zum Problem dieses hinreißenden Buches: Wie soll man den Inhalt beschreiben? Es geht in großen Kapiteln, die eher locker durch eine jeweilige Überschrift zusammengehalten werden, assoziativ, ziemlich unchronologisch und herrlich chaotisch mäandernd um das Leben in Haines, sehr nah dran an der eigenen Biografie, den Freunden und Nachbarn, aber auch an den Familien, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben, die die Autorin dann besucht, um die Nachrufe schreiben zu können.

Überhaupt ist das Leben in Alaska nicht ungefährlich, Menschen sterben auf der Straße, die kleinen Segelflugzeuge zerschellen am Berg; eine befreundete Familie ruft mitten in der Nacht an, das Fischerboot ihres Sohnes ist in einen Sturm geraten. Man möge bitte beten. Drei Menschen können gerettet werden, doch die Leiche des Sohnes wird nie gefunden.  Der Weg durch die Trauer, den die Mutter des jungen Mannes geht, wird auf nur einer halben, aber sehr eindrücklichen Seite erzählt.

Es geht darum, wie man die politischen Querelen zwischen strammen Republikanern und Liberalen aushält, die auch vor einem kleinen Ort wie Haines nicht Halt machen, um Umweltzerstörung und die Frage, ob die Schule nach miesen Mobbingvorfällen einen Workshop zu Homosexualität abhalten sollte, genauso aber auch um die Wunden und Traumata des indigenen Volkes der Tlingit, ihre Bemühungen, ihre Kultur zu leben, sie manchmal sogar erst wieder zu lernen.

Paul tells me he’s learning the Tlingit language so he can believe the stories of his people, not just know the plots. When he was young, missionaries and the government prohibited Alaskan natives from speaking their language and living traditionally. They often took Tlingit children from their homes and families, placing them in boarding schools as far away as Washington and Oregon. Now Paul is a grandfather and is committed to relearning  a way of living that he says is not lost but rather hiding, just below the skin. (S. 38)

Lende liebt ihre neue Heimat, die oft gefährliche und atemberaubend schöne Natur, das Joggen mit ihrem Hund, ihre Familie, das Räuchern der Fische, das Beerensammeln mit den anderen Frauen, bei dem man laute Musik spielt, um die Bären zu vertreiben, das Engagement von so vielen Menschen für das Gemeinwohl und unzählige Aktivitäten, die man hier vermutlich mit dem Etikett Ehrenamt versehen würde, dort aber wohl eher unter normaler Nachbarschaftshilfe verbucht. Sogar die Aufgaben des Bestatters werden von einem Ehepaar unentgeltlich übernommen. Man muss die beiden nur fragen.

Die Haustür wird nicht abgeschlossen, die Autoschlüssel bleiben stecken, die Tageszeitung ist nie aktuell, da sie erst eingeflogen werden muss. Eine Entbindungstation gibt es schon seit Jahren nicht mehr und ein entzündeter Blinddarm kann lebensbedrohlich sein, je nachdem, ob der Pass über die kanadische Grenze aufgrund der Schneefälle noch passiert werden kann.

Ihre zweite Tochter bekommt Lende während eines entsetzlichen Schneesturms. Die zukünftige Großmutter kommt extra angereist.

Mom had arrived from New York a few days earlier on a ferry coated with ice. The usual four-and-a-half-hour trip had taken nearly eight as northern gales kept the boat form moving at full speed. Mom was one of the few passengers who didn’t get sick. She also didn’t know it was dangerous at all. She’d never been on the ferry before and assumed it was always like that.

Nach nur fünf Stunden in der damaligen Krankenstation können Heather und Baby Sarah zurück nach Hause. Am nächsten Morgen moderieren Freunde von Heather eine Radiosendung.

… and they talked on air about the new Lende baby, telling listeners that her name was Sarah […] and her weight was eight pounds, two ounces. As for the state of the mother’s health: „I saw Heather shoveling the driveway today on my way to work,“ Steve said.

I thought my mother woud kill me. „He’s kidding, Mom,“ I told her. „It’s a joke.“ She was not amused. (S. 14)

Ebenso erfahren wir von Wohltätigkeitsbuffets, bei denen jeder mit Begeisterung viel mehr ausgibt, als er eigentlich wollte, um einer Familie finanziell unter die Arme zu greifen, die die teure medizinische Behandlung des Kindes nicht mehr allein stemmen kann. Und die Aufführungen der Laienspielgruppe, bei denen mal wirklich alle Mitwirkenden kennt, bleiben Lende länger in Erinnerung als der Besuch des Musicals Cats in New York.

Lendes Arbeit als Verfasserin der Nachrufe, die auch mal zwei Zeitungsseiten lang sein können, bringt sie nicht nur mit den unterschiedlichsten Charakterern, Lebensentwürfen und Schicksalen zusammen, sondern konfrontiert sie natürlich auch mit Frage, wie Menschen auf den Verlust reagieren, worin sie Trost und Halt finden.

Aber genauso sinniert sie darüber, was es bedeutet, wenn ihr zehnjähriger Sohn zum ersten Mal mit seinem Vater auf die Jagd geht, und warum es ihr wichtig ist, dass ihre Töchter als Deckhands auf einem Fischerboot jobben, auch wenn sie weiß, dass das keine ungefährliche Aufgabe ist.

Das Besondere an diesem Buch ist neben der schieren Fülle an Geschichten aber vor allem der Blick der Erzählerin auf die Welt. Zurückgenommen, dezent selbstironisch und humorvoll. Warmherzig, dankbar, im Glauben geerdet, den Menschen zugewandt, bescheiden.  Zupackend und hoffnungsvoll.

Da wird mit der gleichen Selbstverständlichkeit davon erzählt, dass man ein Roma-Waisenmädchen adoptiert, wie davon, dass es gar nicht so einfach ist, zu Hause mal in Ruhe ein schönes Ei-Sandwich zu essen, da einem ständig Anrufe, spontane Gespräche und Aufgaben dazwischenkommen.

Wer wissen will, was ein Drache mit einem Feuerlöscher, der mit 25 Kilo Mehl gefüllt ist, mit Weihnachtsstimmung zu tun hat, muss das Buch nun doch noch selbst lesen. Ich jedenfalls, am Ende der 281 Seiten angekommen, könnte gleich wieder von vorn beginnen. Eine Wundertüte von Buch, das sowohl Kritiker als auch LeserInnen beglückt hat, und das dazu einlädt, unter anderem darüber nachzudenken, wo sich unser Leben fundamental von dem der Einwohner Haines‘ unterscheidet. Vermutlich ist das bei uns oft viel zersplitterter, vereinzelter und ego-bezogener.

Lende hingegen ist sich sicher:

It’s as if we are all moving through this world on a big old ship, holding on to one another as we cruise up the generous river of life. The water that floats us is always new, yet it flows in the same direction, over the same old sand. (S. 44)

Oder wie es an anderer Stelle heißt, an der Lende die Schriftstellerin Annie Dillard zitiert:

How we spend our days, of course, is how we spend our lives. (S. 85)

Einzig das Cover fand ich etwas dürftig, aber gut, das sollte niemanden abhalten.

Wer noch ein bisschen weiterstöbern möchte, könnte beispielsweise dem Hinweis zu Elisabeth Peratrovich nachgehen oder sich gleich auf dem Blog Lendes festlesen.

Geheime Welten: Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939-1947 (1999)

Der Filmregisseur und Autor Heinrich Breloer (*1942) hat in dem Band 281 aus der Reihe Die Andere Bibliothek Ausschnitte aus zwölf Tagebüchern zusammengestellt, die allesamt aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Wochen und Monaten des Kriegsendes.

Es ist eine intensive und auch spannende Geschichtsstunde, die uns hier vermittelt wird. Da steht die hellsichtige Abneigung eines jungen Schülers gegen den Nationalsozialismus neben den Fronterfahrungen des Soldaten und der Fanatismus einer gläubigen Hitleranhängerin neben der Sehnsucht einer jungen Frau aus sozialdemokratischer Familie nach dem baldigen Untergang des Terrorregimes. Gleichzeitig werden Kinoabende genossen, sich Sorgen um die Familie gemacht, es geht um die Bombardierung Hamburgs, die große Liebe, nervenaufreibende Jahre in heimlichen Verstecken, um nicht in russische Kriegsgefangenschaft zu geraten, um Aufenthalte im Luftschutzbunker sowie um Fluchterfahrungen der Vertriebenen. Daneben Szenen unfassbarer Dämlichkeit und Grausamkeit; noch im allierten Gefangenenlager werden Deutsche von ihren Kameraden totgeschlagen, weil sie nicht mehr an den Endsieg glauben.

Die Tagebücher zeigen: Für viele war Hiter die legitimierte Lichtgestalt, solange die Siegesmeldungen kamen. Alle Propaganda-Begründungen für Krieg und Unrecht hatte man verinnerlicht. Erst die Niederlagen und der endgültige Zusammenbruch des Regimes erschüttern den Glauben vieler Deutscher an die Rechtmäßigkeit des Hitlerterrors. Ausgeblendet wurde alles, was den Kreis des eigenen Lebens überstieg.  So sagt sich manch einer innerlich in dem Moment vom „Führer“ los, als auch die eigene Familie in Deutschland vom Bombenhagel der Allierten getroffen werden konnte.

Wenn der Krieg in dieser Weise verlorengeht und wenn meine Familie dabei leidet, dann hasse ich Hitler von ganzer Seele, denn er hat das große Unglück in dieser Weise heraufbeschworen. (Kurt, S., in seinem Versteck in den Karpaten, S. 209)

Manch einer jammert dann noch über den unfairen Feind und die Unbelehrbaren fantasieren währenddessen bereits von einer neuen Dolchstoßlegende, vom schmählichen Verrat am tapferen deutschen Soldaten.

Die Meldung im Radio vom 1. Mai 1945 zum Tode Hitlers war mehreren der Tagebuch-Schreibenden eine Eintragung wert:

‚Der Führer Adolf Hitler ist heute nachmittag auf seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge kämpfend, für Deutschland gefallen.‘ Tot also. Schade. Er sollte doch noch arbeiten und wenigstens einige der Qualen ausstehen, die er Millionen von Menschen bereitet hat. (Erika S., aus sozialdemokratischem Elternhaus, S. 122)

Eine andere junge Frau, die ganz beglückt war, als das Attentat auf Hitler misslang, hält diesen Moment so fest:

Unser Führer, der uns soviel versprochen hat, hat erreicht, was noch kein deutscher Machthaber fertigbekommen hat, er hat ein völlig zerstörtes Deutschland hinterlassen, alle Menschen um Haus und Hof gebracht, aus ihrer Heimat vertrieben, Millionen sterben lassen, kurz ein entsetzliches Chaos erzielt. Und wieder müssen wir, das arme Volk, die Suppe auslöffeln. (S. 141)

Charlotte L., die noch am 22. April fest an den Endsieg glaubt, schreibt am 5. Mai 1945:

In diesen schwierigen Tagen hat sich unendlich Schweres für Deutschland zugetragen. Unser Führer war in Berlin und kämpfte selbst gegen den größten Feind der Deutschen, den Bolschewismus. Er fiel am 1. Mai für sein Volk. Ich wollte es nicht glauben. Unser geliebter Führer, der alles für uns, für Deutschland getan hat. Werden wir jemals ihm all die Jahren danken können! Wie wenige aber sind ihm noch treu auch über den Tod hinaus. Was ist der Deutsche nur für ein Mensch, daß er so unbeständig in seiner Meinung ist. Mir will es das Herz zerreißen, wenn ich sehe, wie die Menschen die Weltanschauung wechseln.

Hannelore S. schreibt am 30. Mai 1945:

Das Leben ist zu grausam. War all das Beten u. Bangen, das Bitten u. Hoffen, all die Opfer umsonst? […] Kann es einen Gott geben, der das alles so mit ansieht? Gott ist gerecht. Aber ist es gerecht, daß ein Volk, das alles geopfert hat, um zu leben, nur um zu leben und sauber bleiben zu dürfen, auf diese Weise untergehen muß? Es ist schwer, weiter Idealist zu sein u. nicht schlecht zu werden. (S. 269)

Es war aufschlussreich zu lesen, wie die Zivilbevölkerung auf das nahende Kriegsende blickte. Bei der Lektüre wird einem wieder bewusst, welche Illusionen, welch ideologische Verblendung und welcher Größenwahn damit zusammenbrachen, welche Ressentiments nach Kriegsende wohl weiterschwelten, welche Verrohung sich nun nicht mehr austoben durfte, aber auch welches Leid, welche Verluste und Alpträume noch traumatisch in der Generation meiner Großeltern weitergewirkt haben müssen.

Ich dachte im Bette darüber nach, daß ich wirklich nicht mehr leben möchte, wenn dieser Hitler mit seiner mörderischen Bande von Nationalsozialisten  endgültiger Sieger in diesem Ringen bleiben sollte. Ich möchte lieber sterben, als das erleben! (Heinrich S, 9. April 1941)

Am Ende wird aber auch deutlich, dass die schönen Worte aus dem Vorwort nicht stimmen. Auch Tagebuch-Schreibende sind verführbar, standhaft, feige, verblendet, fanatisch, hellsichtig, opferbereit, lernfähig und zur Reue fähig. So wie alle anderen Menschen auch.

Dennoch, wer seine verborgenen Gedanken aufschreibt, der ist für die große Anpassung ungeeignet. (S. 8)

Die große Frage bleibt: Was schützt den Menschen vor Ideologie, Verschwörungsmythen, Größenwahn?

Und Viktor Klemperer müsste man auch dringend mal wieder lesen…

Peter Hunt: Die Erfindung von Alice im Wunderland – Wie alles begann (OA 2020)

Schon 1932, als sich der Geburtstag des Erfinders der Alice-Bücher zum hundertsten Male jährte, stöhnte Gilbert K. Chesterton, dass die Alice-Bücher von Lewis Carroll, inzwischen von Kritikern und Gelehrten übernommen, vereinnahmt, befragt, gedeutet und auseindergenommen wurden.

Poor, poor, little Alice […] she has not only been caught and made to do lessons; she has been forced to inflict lessons on others. Alice is now not only a schoolgirl but a schoolmistress. The holiday is over and Dodgson is again a don. There will be lots and lots of examination papers, with questions like: (1) What do you know of the following; mimsy, gimble, haddocks‘ eyes, treacle-wells, beautiful soup? (2) Record all the moves in the chess game in Through the Looking-Glass, and give diagram. […] Distinguish between Tweedledum and Tweededee. (The Annotated Alice; hrsg. von Martin Gardner, erweiterte Ausgabe von Mark Burstein, 2015, W. W. Norton & Company, New York, S. xiii)

Das hat Peter Hunt (*1945), emeritierter Professor für Kinderliteratur, nicht davon abgehalten, der inzwischen unüberschaubaren Menge an Büchern und Artikeln ein weiteres unterhaltsames und informatives Werk hinzufügen. Es wurde – übersetzt von Gisella M. Vorderobermeier – 2021 von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft unter dem Titel Die Erfindung von Alice im Wunderland – Wie alles begann veröffentlicht.

An dieser Stelle meinen herzlichen Dank für die Bereitstellung eines Besprechungsexemplars!

Die Bücher Charles Lutwidge Dodgsons (1832 – 1898) werden hier sozusagen vom Kopf auf die Füße gestellt.

Im Dezember 1865 brachte der Londoner Verleger Macmillan das Buch eines 33-jährigen Mathematikdozenten aus Oxford, Charles Dodgson, heraus. Es war zu einer gewissen Verzögerung gekommen, da die Qualität seines ersten Drucks, für den Dodgson selbst aufgekommen war – was ihn fast ein Jahresgehalt gekostet hatte -, nicht seinen peniblen Ansprüchen genügte. Es war ein Kinderbuch, aber ein eher eigenartiges, denn es war vom seinerzeit berühmtesten Illustrator und Satiriker, John Tenniel, illustriert, und seltsamer noch: Es unterschied sich von fast jedem bisher erschienenen Kinderbuch darin, dass dahinter keine moralische Aussage zu stehen schien. (S. 9)

Hunt unternimmt hier den Versuch, uns wesentliche Erkenntnisse der über hundertfünfzigjährigen Auseinandersetzung mit Carrolls Werk in knapp über 100 kurzweiligen und dennoch randvoll mit Informationen gespackten Seiten nahezubringen. Davon nimmt die großzügige Bebilderung ungefähr die Hälfte der Seiten ein.

Der Autor möchte die „verschiedenen Schichten von Ideen“ untersuchen, die bei der Entstehung der Bücher eine Rolle spielten: Das ist für Hunt zum einen die Welt Oxfords, die seine jungen Leserinnen wiedererkannt haben werden, samt vieler Bezugnahmen auf die familiäre Konstellation der realen Alice Liddell.

Des Weiteren fließen die Welt der Politik und der Wissenschaft samt ihrer damaligen Scharmützel (z. B. zur Evolutionstheorie) ein. Und schließlich wäre da noch die „private Welt in Charles Dodgsons Kopf“, die sich u. a. aus Freude an Schach, Theaterleidenschaft, Büchern, Besuchen in London, Lust an Symbolen, purem Nonsens und mathematischen Zahlenspielen zusammensetzt.

Daneben geht es aber auch um die Stellung, die die Alice-Bücher in der Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur haben, waren sie doch – ganz im Gegensatz zur sonstigen zeitgenössischen Literatur für Kinder – frei von jeglichem Moralisieren und einem erhobenem Zeigefinger. Zudem widmet sich Hunt den kulturellen, musikalischen und literarischen Anspielungen und Persiflagen, die die (erwachsenen) Zeitgenossen Carrolls sofort erkennen und entschlüsseln konnten.

In einem weiteren Kapitel wird nachgezeichnet, wie aus den handschriftlichen Notizen eines Sommertages ein weltweit gelesener Klassiker wurde.

Das ist auf so knapp bemessenem Raum nur möglich, weil Hunt alle vier Alice-Bücher nicht chronologisch, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig betrachtet.

Doch noch einmal zurück zum Urknall dieses literarischen Universums:  Am 4. Juli 1862 unternahmen zwei junge Dozenten, Charles Dodgson (29) und sein Freund Robinson Duckworth (27)

mit dreien der Töchter des Dekans von Christ Church, Henry Liddell, – Lorina (13), Alice (10) und Edith (8) – einen Bootsausflug. Daran ist nichts Ungewöhnliches: Tatsächlich ist es eine Art Mode – und taktisch vermutlich nicht unklug –  unter jungen Dozenten, die Töchter ihrer älteren Kollegen zu solchen Ausflügen mitzunehmen. (S. 17)

Um der kleinen Gesellschaft die Zeit zu vertreiben, erzählt Carroll eine Geschichte, die sich Alice im Nachhinein als Abschrift erbittet. So entsteht die handschriftliche Version Alice’s Adventures Under Ground, die Carroll „seiner kindlichen Freundin Alice Liddell“, der Tochter des Dekans, zueignete.

In den Erinnerungen der Beteiligten Jahre und Jahrzehnte später hat der Ausflug an einem paradiesisch schönen Sommertag stattgefunden. Allerdings war – das kann man überprüfen – das Wetter an diesem Tage regnerisch und eher ungemütlich.

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Von der handschriftlichen Version ausgehend entstand die dann publizierte Version Alice’s Adventures in Wonderland (1865). Es ist anzunehmen, dass in Wonderland mehrere bereits bei anderen Gelegenheiten erzählte Geschichten einflossen. Sechs Jahre später erschien Through the Looking Glass (1871). Und zu guter Letzt gab es die gekürzte Version für jüngere Kinder The Nursery Alice (1889/1890).

Ein wichtiger Aspekt ist Carrolls Freude am Spott, an Ironie. Ständig werden in seinen Werken die Texte zeitgenössischer Lieder, Gedichte und moralisierender Kinderbücher veralbert, umgetextet und persifliert. Auch Zeitgenossen und Kollegen waren nicht davor gefeit, sich plötzlich verfremdet in den Alice-Büchern wiederzufinden. Man mutmaßt sogar, dass Tenniels Zeichnung des großen Welpen aus Alice in Wonderland eine Anpielung auf Charles Darwin sein sollte.

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Nicht vergessen werden darf dabei natürlich Carrolls Liebe zum neuen Medium der Fotografie. Seine Ausrüstung wurde zunehmend professioneller und in seinem Portfolio befanden sich viele Aufnahmen berühmter Zeitgenossen.

Er hatte viele weitere ‚kindliche Freundinnen‘, gab es aber 1880 auf, sie  – oder jemanden sonst – zu fotografieren, teilweise wegen unziemlicher Gerüchte. (S. 110)

Was Hunt nicht explizit nennt, es handelte sich dabei häufig um Nacktaufnahmen junger Mädchen, gern im Alter von ca. sechs Jahren (siehe dazu auch die Abschnitte in Wikipedia unter dem Stichwort Der Fotograf und die Mädchen bzw. Sexual Preferences). Sie verkörperten für ihn Unschuld und vollkommene Schönheit. Carroll war immer darauf aus, die Bekanntschaft junger Mädchen zu machen, und auf Bahnfahrten beispielsweise hatte er immer Spiele dabei, um einen Anknüpfungspunkt zu haben. Jungen hingegen verabscheute er.

Abschließend lässt sich sagen, dass Peter Hunts Streifzug durch die Alice-Bücher informativ und unterhaltsam ist. Dazu ist sein Buch ein Augenschmaus, mit 20 Illustrationen von Tenniel, vielen weiteren Bildern und zeitgenössischen Fotografien. Eine Einladung für alle, die sich auf Spurensuche zu zweien der bekanntesten Kinderbücher der Welt begeben wollen, ohne sich dabei in allzu langen Bibliotheksgängen zu verlaufen.

Gleichwohl eignet sich das Buch nicht unbedingt als Parallellektüre zu den Werken, da Hunt ständig zwischen den Zeiten und den einzelnen Alice-Büchern hin und her springt. Muss es für die Zeitgenossen faszinierend gewesen sein, all die Anspielungen auf reale Orte, Lieder und Texte zu entschlüsseln, ist dieses Vergnügen für die heutige Leserschaft nur noch second-hand über die Erklärungen bewanderter Literaturexperten nachzuvollziehen. Und da wäre es für die LeserInnen möglicherweise hilfreicher, wenn diese Erklärungen dem jeweiligen Alice-Buch zugeordnet worden wären.

Dem leidigen Thema, wie denn nun die „Freundschaft“ eines erwachsenen Mannes zu einer Zehnjährigen oder überhaupt zu kleinen Mädchen zu bewerten sei,  geht Hunt weiträumig aus dem Weg. Er wolle eben nicht „gefährlich nahe an halbseidenen Spekulationen über Dodgsons Privatleben entlangsegeln“. (S. 93) Wer wissen möchte, was dazu bekannt ist, sei beispielsweise auf Martin Gardner (siehe unten) hingewiesen.

Was ich vermisst habe, waren Hinweise darauf, wie sehr einzelne Figuren und sprachliche Wendungen aus den Alice-Büchern in die englische Kultur eingegangen sind. Wie selbstverständlich wird davon gesprochen, dass jemand „mad as a hatter“ sei oder sich im „rabbit hole“ der gerade angesagten Verschwörungstheorien verlaufen habe.

Interessant ist Hunts Lesweise der Bücher, deren Rezeption immer auch vom Leser abhänge, aber allemal: Dieses nach-darwin’sche gottlose Universum sei

eine Welt, in der nur der Stärkste überlebt: Alles ist instabil und bedrohlich; fromme Verse erhalten eine grausame Wendung und Alice überlebt nicht durch Verstand oder Souveränität, sondern durch ihr passiv-aggessives Verhalten. Was vielen als ein liberales, befreiendes Bild der Kindheit erschienen ist (und noch erscheint), ist in Wirklichkeit ein Alptraum aus der Zeit nach Darwin. Möglicherweise ist die Tatsache, dass letztlich alles nur ein Traum ist, kein Mangel an feministischer Courage auf Seiten von Dodgson und kein Eingeständnis der Realitäten in Bezug auf die Stellung eines Mädchens in der Gesellschaft, sondern Ausdruck einer verzweifelten Hoffnung, dass sich die Dinge n i c h t ändern mögen. (S. 82)

Wer sich hingegen eine konkrete Lesebegleitung, Seite für Seite, Kapitel für Kapitel wünscht, dem würde ich doch eher zu dem Ziegelstein von Martin Gardner raten, The Annotated Alice, 150th Anniversary Deluxe Edition (2015). Füchterlich unhandlich und schwer, wie all diese wunderbaren kommentierten und illustrierten Ausgaben der W. W. Norton & Company. Aber da bleibt dann wirklich keine Frage offen.

 

Fundstück von Friedrich Glauser

Was die Menschen doch alles fanden! Da gab es: Eheberater, bestallte Psychologen, Psychotherapeuten, Fürsorger; es waren erbaut worden: Trinkerheilanstalten, Erholungsheime und Erziehungsanstalten … All dies wurde eifrig und bureaukratisch betrieben … Aber viel eifriger noch und weniger bureaukratisch wurden fabriziert: Gasbomben, Flugzeuge, Panzerkreuzer, Maschinengewehre … Um sich gegenseitig umzubringen … Es war wirklich eine kohlige Sache um den Fortschritt…

aus: Friedrich Glauser: Matto regiert (1936), DAS MAGAZIN – Schweizer Bibliothek, Bd 1, S. 187

Kleines Krimi-Update

Wenn ich Krimis lese, will ich normalerweise gar nichts besonders Tiefsinniges über den oft betrüblichen Zustand der Welt erfahren, großartige Bücher wie die von Barbara Neely sind da eher die Ausnahme. Stattdessen möchte ich abschalten, entspannen, mich – auch gern mal mit screwball comedy-Wortwitz – unterhalten lassen, dementsprechend verirren sich weder Psychothriller noch Krimis mit seitenlang ausgebreiteten grauslichen Details zu mir. Und in den letzten Monaten sind mir einige englischsprachige Krimis untergekommen, die sich für unfreundliche Apriltemperaturen bestens eignen. Vier dieser Titel möchte ich hier kurz und bündig vorstellen.

Ianthe Jerrold: Dead Man’s Quarry (1930)

Den Auftakt macht Ianthe Jerrold mit ihrem 1930 erschienenen Dead Man’s Quarry. Es ist der zweite und damit leider auch schon der letzte Band um ihren Hobbydetektiv John Christmas. John, der zusammen mit seinem Kollegen aus der Forensik Sydenham Rampson einige  Tage Urlaub in Wales macht, begegnet zufällig einer kleinen sympathischen Truppe, die auf der letzten Etappe ihres Fahrradurlaubs ist. Doch just am letzten Tag kommt ihnen der kürzlich aus Kanada zurückgekehrte Baronet Charles Price abhanden. Dass er am nächsten Tag ermordet in einer stillgelegten Mine gefunden wird, macht die Sache nicht besser. Zwar war die Auflösung ein wenig lieblos, aber bis dahin hat man viel Spaß an den Dialogen, der Haken schlagenden Handlung und den Charakterzeichnungen.

Delano Ames: She shall have Murder (1948)

1948 wurde der erste Band um den Genussmenschen Dagobert Brown und seine Verlobte Jane, die er später ehelichen sollte, von Delano Ames, einem Amerikaner, unter dem Titel She shall have Murder veröffentlicht. Dagobert weicht langweiliger Berufstätigkeit meist erfolgreich aus und ist ständig auf der Suche nach Ideen für gute Krimis, die dann aber nicht er, sondern Jane schreiben soll. Zum Glück hat Jane aber ihren eigenen Kopf. Der Krimi macht einfach Spaß, launige Dialoge, spannende Handlung. Kann ich empfehlen, was aber nichts daran ändert, dass ich den zweiten Band der Reihe so unfassbar nervtötend und albern fand, dass ich ihn noch nicht einmal zu Ende gelesen habe.

Cyril Hare: An English Murder (1951)

Der Dritte im Bunde ist Cyril Hare mit seinem Krimi An English Murder. Die Auflösung war zwar sehr speziell, doch dieser klassische Whodunnit aus dem Jahr 1951 hat all die notwendigen Bestandteile, die man  erwarten darf, wenn die Handlung an Weihnachten in einem Landhaus spielt, das eingeschneit und deshalb nicht zu erreichen ist. Die Telefonleitungen sind zusammengebrochen und die Menschen, die sich dort zum letzten Mal fürs familiäre Weihnachtstreffen versammelt haben, bringen, wie könnte es anders sein, alle ihre Geheimnisse und Nöte mit.

Gyles Brandreth: Oscar Wilde and the Ring of Death (2008)

Der sehr umtriebige Gyles Brandreth (*1948 in Wuppertal) geht mit seiner Krimireihe um Oscar Wilde am weitesten in die Vergangenheit zurück. Als Erzähler lässt er den späteren Biografen Wildes, nämlich Robert Sherard, fungieren. Dieser Ich-Erzähler fällt zwar ein wenig blass neben der Hauptfigur aus, aber das ist ja oft das Schicksal dieser Watson-Figuren. Brandreth gelingt es unglaublich gut, den Schriftsteller und Lebemann Wilde in all seiner Widersprüchlichkeit auftreten und ihn  dabei gleichzeitig als erfolgreichen Detektiv agieren zu lassen. Dabei werden sowohl das London kurz vor der Jahrhundertwende als auch die Familie, Freunde und Feinde Wildes so glaubwürdig und unaufdringlich miteingeflochten, dass man hinterher vieles weiß, was einem vorher unbekannt war. Gelesen habe ich u. a. Oscar Wilde and the Ring of Death (2008), auch wenn angemerkt sein muss, dass sich da manche Szenen schon nah an meiner Schmerzgrenze, was Brutalität angeht, bewegten.

Robert Barnard: Sheer Torture (1981)

Sheer Torture des britischen Englischprofessors Robert Barnard (1936 – 2013) ist ein vergnüglicher Auftakt zu der Serie um den Ermittler Peregine „Perry“ Trethowan. Perry ist alles andere als entzückt, ausgerechnet in einem Mordfall tätig werden zu müssen, in dem sein eigener Vater das Opfer ist.

Nicht aus Trauer oder Betroffenheit, sondern weil er seiner schauderhaften Familie und seinem Vater, der nie einen Hehl aus seinen sadomasochistischen Neigungen gemacht hat, schon als junger Mann den Rücken gekehrt hat. Doch das hilft nun alles nichts. Sein Vorgesetzter beordert Perry zurück ins Herrenhaus der Familie, zurück zu seiner Schwester, den zwei bizarren Tanten – von denen eine ihre jugendliche Verehrung für Hitler immer noch glücklich vor sich herträgt-, dem reichen Onkel und zwei Cousins sowie einer Schar unerzogenener und ständig schreiender Gören.

Zu allem Überfluss lädt sich auch noch Jan, die Ehefrau Perrys, selbst zu dem Familientreffen ein, und dabei war Perry so froh, sie seit Jahren von seiner Sippe ferngehalten zu haben.

Robert Barnards Dialoge sind schlagfertig, es gibt Tempo, Witz und Spannung, sodass sich das Buch über weite Strecken wie ein Krimi des Golden Age liest – Barnards großes Vorbild war Agatha Christie – und man sich zwischendurch wundert, durch die Seitenhiebe auf Mrs Thatcher daran erinnert zu werden, dass die Handlung doch in den achtziger Jahren spielt.

Aus derselben Reihe las ich auch The Case of the Missing Brontë. Da kann man dann zeitgleich Spaß an Krimis mit seiner Freude an den Geschwistern Brontë kombinieren. Es geht um ein (mutmaßliches) Manuskript, das die reizende pensionierte Lehrerin Edith Wing von ihrer Cousine geerbt hat und natürlich für Tunichtgute aller Art eine finanzielle Verlockung sondergleichen darstellt. Darüberhinaus bekommt noch ein bestimmter Typ an raffgieriger pseudofrommer Freikirche ihr Fett ab. Ebenfalls spannend, allerdings fehlen über weite Strecken die hübschen Schlagabtausche in den Dialogen.

Hier der kurze, aber informative Nachruf auf Barnard im Guardian.

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Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey at the Claremont (1971)

Anlässlich der Übersetzung ins Deutsche noch einmal ein Blick zurück auf einen sprachlich besonders feinen Roman.  Mrs Palefrey at the Claremont (1971) stellt sich unerschrocken, kühl, manchmal ironisch und immer unsentimental den Themen Alter und Einsamkeit. Sehr gern gelesen. Das Buch zwickt und zwackt auch dann noch, wenn man es längst ausgelesen hat. Es beginnt mit den Sätzen:

Mrs Palefrey first came to the Claremont Hotel on a Sunday afternoon in January. Rain had closed in over London, and her taxi sloshed along the almost deserted Cromwell Road, past one cavernous porch after another, the driver going slowly and poking his head out into the wet, for the hotel was not known to him. This discovery, that he did not know, had a little disconcerted Mrs Palefrey, for she did not know it either, and began to wonder what she was coming to. She tried to banish terror from her heart. She was alarmed at the threat of her own depression.

Dieses Buch ist der elfte und damit letzte Roman der britischen Autorin Elizabeth Taylor (1912 – 1975), der noch zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde. Taylor wurde zwar schon immer von ihren SchriftstellerkollegInnen geschätzt, doch von der Öffentlichkeit erst in den letzten Jahren wirklich entdeckt. Robert McCrum nahm den Roman Mrs Palefrey at the Claremont sogar in seine Liste der 100 besten englischsprachigen Romane auf, die 2015 im Guardian veröffentlicht wurde und – wie immer bei solchen Listen – zu munteren Diskussionen und alternativen Vorschlägen führte.

Im Februar 2021 erschien unter dem Titel Mrs Taylor im Claremont im Dörlemann Verlag die Übersetzung von Bettina Abarbanell. Endlich – kann man da nur sagen; das war längst überfällig. Doch zurück zum Inhalt.

Da Mrs Palefrey, Witwe eines kolonialen Verwaltungsbeamten, nicht mehr besonders gut zu Fuß ist, überlegt sie, ob es nicht vernünftiger wäre, ihr Haus Rottingdean aufzugeben, in dem sie mit ihrem Mann Arthur nach dessen Pensionierung mehrere glückliche Jahre verbracht hat.

Und so beschließt sie, für ihre letzte Lebensetappe, die sie noch bei halbwegs guter Gesundheit verbringen kann, ein Hotel zu ihrem Wohnsitz zu machen. Ihre Wahl fällt auf das Londoner Claremont Hotel, das mit verbilligten Wintertarifen wirbt. Ein Wechsel, der verständlicherweise schmerzhaft ist.

She thought of Rottingdean, imagined it, with the leaves coming down – or down already – on the lawns, and this softness in the air; but at the very idea of ever going back there, her heart heeled over in pain. (S. 189)

Doch mit einer „stiff upper lip“-Haltung versucht sie vom ersten Tag an, ihre Traurigkeit über die neue Situation unter Kontrolle zu halten, was ihr nicht immer so recht gelingt, zumal die Beziehung zu ihrer in Schottland lebenden Tochter recht kühl und nichtssagend ist und ihr Enkel es kaum für nötig erachtet, sie überhaupt einmal im Hotel zu besuchen, obwohl er ebenfalls in London lebt.

The silence was strange – a Sunday-afternoon silence and strangeness; and for the moment her heart lurched, staggered in appalled despair, as it had done once before when she had suddenly realised, or suddenly could no longer not realise that her husband at death’s door was surely going through it. Against all hope, in the face of all her prayers. (S. 4)

Wir lernen auch die anderen Dauergäste kennen, einsame alte Menschen, nach Kontakten und Neuigkeiten dürstend, nahezu vergessen von der Welt, abhängig von den Launen der Verwandtschaft, die ab und an zur Gewissensberuhigung ihre Pflichtbesuche absolviert.

So kämpfen alle einen Kampf gegen die Verengung des eigenen Handlungsspielraums und gegen die Langeweile, in der sogar das Studieren des eintönigen Speiseplans eine willkommene Abwechslung darstellt.

… Mrs Palefrey considered the day ahead. The morning was to be filled in quite nicely; but the afternoon and evening made a long stretch. I must not wish my life away, she told herself; but she knew that, as she got older, she looked at her watch more often, and that it was always earlier than she had thought it would be. When she was young, it had always been later.

I could go to the Victoria and Albert Museum, she thought – yet had a feeling that this would be somehow deferred until another day. (S. 8)

Ein weiterer Feind ist die drohende körperliche Hinfälligkeit, denn alle wissen, dass sie das Hotel verlassen müssen, sobald sie gebrechlich oder gar inkontinent werden. Schon das Überqueren der Straße kann dabei ein Angst auslösender Vorgang sein, weil da kein Arm ist, der einen stützen könnte.

Eines Tages stürzt Mrs Palefrey auf einem ihrer Spaziergänge und lernt so den jungen mittellosen Schriftsteller Ludo kennen. Da sie sich schämt, dass ihr eigener Enkelsohn sie noch nicht besucht hat, gibt sie Ludo den anderen Mitbewohnern kurzerhand als ihren Enkel Desmond aus. Ludo spielt das Spiel in einer Mischung aus Langeweile und Mitleid mit, zumal er immer wieder Zitate und Situationen aus dieser Bekanntschaft als Material für sein Romanprojekt verwenden möchte.

Für Mrs Palefrey ist Ludo allerdings unwahrscheinlich wichtig, da er außerhalb der Hotelwelt der einzige ist, mit dem sie ab und an Kontakt hat.

Sprachlich superb. Als Ludo ihr ein Küsschen auf die Wange gibt, heißt es:

At the same time, he registered the strange, tired petal-softness of her skin, stored that away for future usefulness. And the old smell, which was too complex to describe yet. (S. 35)

Falls meine Notizen zum Inhalt ein bisschen dröge wirken, täuscht das, denn auch wenn der Roman natürlich kein Action-Thriller ist, lebt das Buch von einer inneren Spannung. Es ist fast unmöglich, sich der Einsamkeit des Alters, die hier ganz kühl und scheinbar beiläufig seziert wird, zu entziehen.

When she was young, she had had an image of herself to present to her new husband, whom she admired; then to herself, thirdly to the natives (I am an Englishwoman). Now, no one reflected the image of herself, and it seemed diminished … (S. 3)

Symptomatisch ist, dass nur an einer Stelle der Vorname der Hauptfigur genannt wird. Es gibt einfach niemanden mehr, der so vertraut mit Mrs. Palefrey ist, dass er sie mit ihrem Vornamen anreden könnte.

Und die Mitbewohner, mit denen Mrs Palefrey nun ihre Tage verbringt, werden ja nicht deshalb zu Freunden, nur weil man ihnen dauernd nahe ist. Im Gegenteil, spitze Bemerkungen werden ausgetauscht, Denkweisen und Temperamente, die früher nicht kompatibel gewesen wären, sind es auch jetzt nicht.

Manche kommen besser mit der Situation zurecht – dabei ist es hilfreich, wenn man geistig eher schlicht gestrickt ist -, andere schlechter. Der eine sieht einen Ausweg in der Illusion einer späten Ehe, der andere im Trinken. Die dritte in einer unablässigen Neugier.

Der ganze Handlungsstrang um Ludo, der ebenfalls einsam ist, hat mich persönlich weniger angesprochen. Viel interessanter fand ich die kühlen und genauen Beobachtungen, mit denen uns der Erzähler Mrs Palefrey nahebringt.

Although she felt too old to do so, she knew that she must soldier on, as Arthur might have put it, with this new life of her own. She would never again have anyone to turn to for help, to take her arm crossing a road, to comfort her; to listen to any news of hers, good or bad. She was helplessly exposed – to the idiosyncrasies of other old people, the winter coming on, her aches and pains and loneliness … (S. 189)

Aber wir sehen auch ihre Sehnsucht nach Gesehenwerden und ihre Herzlichkeit, mit der sie Ludo beschenkt. Ihr so menschlicher Wunsch nach Zuwendung. Manchmal finde ich ihre Fähigkeit zur Selbstreflektion und ihre – seltenen – Anflüge von Heiterkeit, in denen sie sich völlig unsentimental Rechenschaft über ihre Situation gibt, geradezu altersweise.

Als sie überlegt, dass sie – als ihr Mann noch lebte – das Glück ihrer langen Ehe als selbstverständlich ansah, ohne damals überhaupt verstanden zu haben, dass sie glücklich war, heißt es am Ende:

People are sorry for brides who lose their husbands early, from some accident, or war. And they should be sorry, Mrs Palefrey thought. But the other thing is worse. (S. 64)

Und am Ende habe ich auch verstanden, warum sie dann tatsächlich nie das Victoria and Albert Museum besucht hat.

Wer sich nun fragt, wer Elizabeth Taylor war und ob man noch mehr von ihr lesen sollte, der möge hier weiterlesen.

Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine (OA 1934)

Fast ganz die Deine ist sicherlich schon von den Umständen der Entstehung her eine außergewöhnliche Auseinandersetzung mit einer unglücklich endenden Liebesbeziehung.

Wenn ein Schmerz unbekannt ist, hat man mehr Kraft, ihm zu widerstehen, denn man kennt seine Macht nicht; man sieht  nur den Kampf und hofft, daß es später wieder ein erfüllteres Leben geben wird. Doch wenn man Bescheid weiß, möchte man mit erhobenen Händen um Gnade flehen und voll fassungsloser Müdigkeit sagen: ‚Nicht noch einmal!‘ Man sieht all die leidvollen Phasen voraus, durch die man wird gehen müssen, und weiß, danach kommt die Leere. (S. 16)

Marcelle Sauvageot, die in Paris als Französischlehrerin arbeitete, erkrankte mit 26 Jahren an Tuberkulose und ging 1930 in ein Sanatorium, aus dem sie nach einigen Monaten als geheilt entlassen wurde. Doch die Krankheit brach drei Jahre später wieder aus. Erneuter Sanatoriumsaufenthalt, diesmal in Davos, und früher Tod mit 33 Jahren.

Ihr namenlos bleibender Geliebte schreibt ihr 1930, dass er nun doch eine andere heirate, aber ihr Freund bleiben wolle. Daraufhin antwortet Sauvageot aus dem Sanatorium mit einem langen, ca. 70-seitigen Brief, der zwischen dem 7. November und dem 24. Dezember 1930 entsteht. In ihm bemüht sie sich, diese Liebe, ihren Schmerz, das Wesen des Geliebten, ihren Illusionen und Hoffnungen sowie dem Scheitern der Beziehung auf den Grund zu gehen, doch abschicken wird sie den Brief nicht. Letztendlich ist es auch der Versuch, sich wieder ihrer Selbständigkeit zu vergewissern, indem der ehemals so Geliebte aus dem Herzen geschubst wird, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Diese Vergangenheitsform, wenn die Gegenwart noch so nah widerhallt, ist traurig wie das Ende von Festen, wenn die Lichter ausgehen, wenn man allein zurückbleibt und den Paaren nachblickt, die in die dunklen Straßen hinausgehen. Es ist zu Ende: Man hat nichts mehr zu erwarten und bleibt doch noch endlos so stehen, wohl wissend, daß nichts mehr kommen wird. (S. 21)

Allerdings zeigt sie ihn einigen Freunden, die ihr zureden, den Brief zu veröffentlichen.

163 Exemplare werden 1933 privat verteilt […]. Posthum kommt 1934 eine zweite Auflage zustande, gefolgt von weiteren Auflagen in weiteren Verlagen 1936, 1943, 1986. Paul Claudel, Paul Valéry, Clara Malraux und andere preisen den Text. Seine Individualität beeindruckt sie, seine Bescheidenheit und Offenheit berühren sie, seine radikale Ehrlichkeit und Suche machen ihn singulär. (Ulrike Drasner, im Nachwort der Ausgabe des Nagel & Kimche Verlages, 2005, S.94/95)

Draesner weist zu Recht darauf hin, dass es egal sei, ob diese Briefe möglicherweise im Nachhinein doch bearbeitet, umgestellt oder auch erfunden seien, der reale Adressat, dessen Untreue der Erzählerin durchaus bekannt war,  habe sich ja bereits als Fiktion herausgestellt.

Ihre Briefe an dieses Du werden zunehmend zu einer Form des Selbstgesprächs. Doch es schließt sich nicht in sich, sondern öffnet sich auf ein neues Gegenüber: den Leser. (S. 97)

Mein Fazit nach der Lektüre ist verhalten. Einerseits gefällt mir diese strenge Selbstbefragung, andererseits bleibt vieles Fragment und so sind mir auch am Ende sowohl diese Beziehung als auch der Adressat dieses Briefes fremd. Eine Liebe, bei der von Anfang an keiner der beiden treu war. Und ein Mann, der ernsthaft  von einer Frau träumt, die glücklich ist, wenn sie ihm den ganzen Tag beim Spucken in einen Teich beobachten dürfe. Das wäre wohl selbst unter glücklicheren Umständen nicht gutgegangen. Und schon ganz und gar nicht mit einer so reflektierten Frau. 

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Wilma Stockenström: Der siebte Sinn ist der Schlaf (OA 1981)

Wie schreibt man über ein Buch, das man am besten ohne alle Vorkenntnisse und Erwartungen lesen sollte und das man, am Ende angekommen, gleich noch einmal von vorn beginnen möchte, um sich erneut den Verästelungen zu widmen, die man beim ersten Lesen vermutlich übersehen hat? Es beginnt mit den Sätzen:

Also mit Bitterkeit. Aber die habe ich mir verboten. Dann eben mit Spott, der umgänglicher ist, der sich durchschaubar macht und dem es gleichgültig ist; und wie ein Vogel im Nest kann ich in meinen Baumstamm zurückschlüpfen und in mich hineinlachen. Und ebenso gut still sein, vielleicht einfach still sein, um mich hinauszuträumen, denn der siebte Sinn ist der Schlaf. (S. 5)

Eine ehemalige Sklavin irgendwo in südafrikanischen Veld hat Zuflucht in einem hohlen Affenbrotbaum gefunden. Von dort aus sammelt sie die wenige Nahrung, von dort aus hat sie einen kleinen Trampelpfad zum Wasser ausgetreten, in respektvoller Distanz zu Pavianen und Elefanten. Von in der Nähe lebenden Angehörigen der „kleinen Menschen“ wird sie mit lebensnotwendiger Nahrung versorgt. Doch zu einer echten Kontaktaufnahme mit diesem Stamm kommt es nicht, schon die sprachlichen Hürden wären unüberwindlich. Frech behauptet sie, dass deren Sprache klinge, „als würden Eidechsen reden.“

Hier so ganz und gar allein und niemandem mehr untertan, breitet die Ich-Erzählerin in einem wellen- und kreisförmigen Monolog ihre Reflexionen und Erinnerungen aus.

In meiner Erinnerung kreuzen und verschlingen sich mehr Pfade, als ich je in meinem Leben gesehen habe. Welcher Fährte hätte ich nicht zu folgen vermocht, wäre es mir vergönnt gewesen, wäre mein Spürsinn nicht so häufig durchkreuzt worden und die Spur in mir im Sande verlaufen? (S. 9)

Wir erfahren von ihren Besitzern, dem unerträglichen Los der Sklaven und Sklavinnen, wobei die Erzählerin aufgrund ihrer Schönheit, Intelligenz und Anstelligkeit immer eine etwas bevorzugte und genau dadurch auch isolierte Position als Sexspielzeug und Kindermädchen innerhalb der Leibeigenen inne hatte. Auch ihr wurden die Kinder, die sie mit ihren Besitzern zeugen musste, weggenommen. Und immer wenn ein Besitzer starb, wurde ihre ohnehin fragile Identität wieder ausgelöscht, wurde sie verkauft. Ihren letzten Besitzer jedoch liebt sie und er nimmt sie mit auf eine Expedition ins Landesinnere, auf der man hofft, neue Handelswege zu erschließen.

Soweit vielleicht zu den dürren Fakten der Handlung. Aber was für ein Buch. Auf nur 148 Seiten geht es karg, poetisch und unaufdringlich eindrucksvoll um die ganz großen Themen: Würde und  menschliche Überheblichkeit, Grausamkeit, der Widersinn der Sklaverei, Gedankenlosigkeit und das Ringen um eine eigene Identität, eine eigene Sicht auf die Dinge. Ein Frauenleben unter Tausenden, dem kein Anrecht auf sich selbst zugestanden wurde, und dann – am Ende – im Schatten des Affenbrotbaums erhebt diese einsame Frau ihre Stimme, niemandem mehr untertan, klar, verspielt und würdevoll.

Manchmal, wenn ich mich am Fluss wasche, betrachte ich mein Spiegelbild prüfend in einem stillen Wasserloch und versuche herauszufinden, um wieviel ich älter geworden bin. Es ist nicht leicht, denn auch wenn wir beide, ich und das Wasser, noch so reglos sind, gibt es doch immer eine feine, gefältete Verzerrung meines Bildes, Wasserfältchen, die meine möglichen Altersfalten schmeichelhaft ersetzen. Ich werfe einen Kiesel in mich selbst. Ich schwinge grotesk auf und nieder und teile mich in Stücke. Ich ruheloses Etwas. Dann ziehe ich mich von meinem gespaltenen Selbst im Wasser zurück. Wie sich mein Geist abmüht. (S. 86)

Ich gebe zu, die ersten Seiten waren etwas mühsam, so fremdartig, so ohne Brücke in mein Leben. Aber nun, nachdem ich mich sozusagen dem Aufprall des Buches ausgesetzt habe, kann ich den Worten der Times Literary Supplement nur zustimmen:

Wilma Stockenströms bezwingendes Bild von Leiden und Gewalt wird zum Klassiker werden.

Der Roman der südafrikanischen Schriftstellerin, Übersetzerin und Schauspielerin Stockenström (*1933) wurde übrigens zunächst von Nobelpreisträger Coetzee vom Afrikaans ins Englische übersetzt und erschien 1983 unter dem Titel The Expedition to the Baobab tree.

Die deutsche Übersetzung von Renate Stendhal, die bereits in den achtziger Jahren erschien, beruht auf der Fassung von Coetzee. Neu aufgelegt wurde das Buch vom Wagenbach Verlag 2020.

 

Rónán Hession: Leonard and Hungry Paul (2019)

Was für ein feines, außergewöhnliches Buch. Ein klarer Fall für meine Kategorie der freundlichen Bücher.

Das Debüt des irischen Musikers Rónán Hession, der bisher nur Erzählungen veröffentlicht hatte, handelt von Leonhard und Hungry Paul, zwei ledigen Freunden in den Dreißigern, die so ziemlich das Gegenteil dessen verkörpern, was als momentan angesagt gelten könnte. Sie posen nicht auf Instagram – Hungry Paul hat noch nicht einmal ein Handy -, sie hatten weder eine traumatische Kindheit noch hatten sie je eine Freundin. Sie sind im menschlichen Miteinander ein wenig unbeholfen bzw. ungeübt und mögen weder größere Menschenansammlungen noch Smalltalk mit Fremden. Sie sind weder schlagfertig noch in irgendeiner Weise herausragend und im Grunde die, die normalerweise übersehen und überhört, bestenfalls etwas mitleidig belächelt werden. Genau deshalb sind sie aber auch unverbogen, verschwenden keine Energie auf Selbstdarstellung, sondern haben Zeit, sich ihren eigenen Interessen zu widmen und sich ihre eigenen Gedanken zu machen.

Leonhard, der beruflich Nachschlagewerke für Kinder schreibt und langsam die Nase voll hat von den seelenlos wie am Fließband entwickelten Büchern, hat gerade seine Mutter verloren, mit der er zusammengewohnt hat. Über sie heißt es:

She was a person for whom kindness was a very ordinary thing, who believed that the only acceptable excuse for not having a bird feeder in the back garden was that you had one in the front garden. (S. 2)

In der Trauer wird ihm bewusst, wie ruhig und einsam sein Leben ist.

He found book shops to be comforting places and book buying a comforting activity, but he was an absent-minded reader these days, the act of reading that much more solitary without his mother pottering around the house in the background. (S. 4)

Hungry Paul wohnt ebenfalls noch bei seinen Eltern  und ist – abgesehen von seinen Einsätzen als Ersatzbriefträger – im Grunde arbeitslos.

In truth, he never left home because his family was a happy one, and maybe it’s rarer than it ought to be that a person appreciates such things. (S. 6)

Abends besucht Leonhard oft seinen Freund und dessen Familie, dann wird geredet, ferngesehen und es werden Brettspiele gespielt.

Hungry Paul lived on a knife edge between a passion for board games and an aversion to instruction booklets. (S. 14)

Pauls Schwester Grace, die ein klein wenig zur Besserwisserei und zum Helfersysndrom neigt, steht kurz vor der Hochzeit mit Andrew und macht sich Sorgen, dass ihre Eltern sich durch die Fürsorge um Paul vielleicht um die Freiheit bringen, endlich ihren verdienten Ruhestand zu genießen. Hungry Paul wird derweil von seiner Mutter verdonnert, sie in Zukunft bei ihren ehrenamtlichen Besuchen im Krankenhaus zu begleiten. Da würde ich am liebsten gleich spoilern, wie das weitergeht. Aber nein, tue ich nicht.

Heimlich nimmt Paul außerdem an einem Wettbewerb teil, der ausgerufen wurde, um eine zeitgemäßere Schlussformel für die allgegenwärtigen E-Mails zu finden. Das wiederum führt zu einigen unvorhersehbaren Turbulenzen und Bekanntschaften.

Leonhard hingegen lernt zufällig in seinem Großraumbüro eine junge Frau kennen, was allerdings ebenfalls mit diversen Tücken und Fallstricken behaftet ist und ihn mehr als einmal heftig in die Bredouille bringt.

Diesen beiden bedächtigen freiwillig-unfreiwilligen Eigenbrötlern in ihrem unspektakulären Dasein folgen wir nun. Dass das streckenweise eher kunstlos und etwas spröde runtererzählt wird, hat nur selten gestört, da der Autor es durch freundlichen Humor, die Balance zwischen ernsten, leichten und schrägen Szenen und reizende Zwischenbemerkungen schafft, dass ich mir mehr Stellen angestrichen habe, als ich hier zitieren kann. Und vielleicht muss man diese Geschichte ja auch genau so erzählen, da der Stil zu den beiden Männern passt wie der Deckel auf die Dose.

Die beiden Freunde Leonhard und Hungry Paul werden dabei nicht als Freaks vorgeführt, sondern als rundherum glaubwürdige und würdige Charaktere geschildert, die man sofort in seinen Freundeskreis adoptieren möchte.

Paul sagt an einer Stelle über sich:

As you know, I have always been modestly Hippocratic in my instincts: I wish to do no harm. My preference has always been to stand back from the world. Much like the Green Cross Code, I like to stop, look and listen before getting involved in things. It has stood me well and kept me on peaceful terms with my fellow man. […] the trick is to know how much of the world to let in, without becoming overwhelmed. (S. 18/19)

Und dann könnte man sich abends mit ihnen die Zeit vertreiben bei Brettspielen und anregenden Gesprächen über den „Schrei“ von Munch, die Ausdehnung des Universum und den ganzen Rest. Und von ihnen lernen. Mit angemessenen Schweigepausen, versteht sich.

For the two friends, the bleaching of the coral reefs was as current as the latest general election; the discovery of new dwarf planets was as relevant as last night’s penalty shoot-out; and Marco Polo was discussed as others might gossip about the latest red carpet ingénue. (S. 15)

Mary Whipple fasst es auf ihrem Blog treffend zusammen, wenn sie schreibt:

With two main characters who have little to suggest that their stories will become the charming, funny, insightful, and un-put-down-able chronicles that eventually evolve, Irish author Rónán Hession demonstrates his own creativity and his own ideas regarding communication and its importance or lack of it in our lives.  He ignores the generations-old traditions of boisterous Irish writing and non-stop action in favor of a quiet, kindly, and highly original analysis of his characters and their unpretentious and self-contained lives.  In this way, he draws in his readers and makes them identify, however impossible that may seem, with two young men whose enjoyment of the small moments makes them less needful of communicating, especially with more worldly, socially active, and often less thoughtful people.

Hier geht’s lang zur Besprechung von Carrie O’Grady im Guardian.

Arnold Bennett: The Old Wives‘ Tale (1908)

Ursprünglich hatte ich The Old Wives‘ Tale von Arnold Bennett, veröffentlicht im Jahr 1908, nur rasch anlesen wollen, in der Hoffnung, mich zügig von einem miserabel gedruckten Taschenbuch mit zu kleiner Schrift zu verabschieden. Dumm gelaufen. Auch wenn die ersten Seiten gewöhnungsbedürftig waren und die Perspektive mir manchmal zu unorganisch zwischen distanziert-ironisch-allwissend und dann wieder psychologisch-feinfühlig wechselte, hatte mich Bennett (1867 – 1931) doch rasch am Haken mit seiner Geschichte um zwei Schwestern, die wir auf ihren Lebenswegen vom jungen Mädchen bis zur alten Frau begleiten. Dabei spielt die Handlung ungefähr zwischen den 1860ern und 1907.

Constance und Sophia Baines wachsen in der schmutzigen und rußigen Provinzstadt Bursley auf, unschwer erkennbar als das heutige Burslem im Pottery District (Staffordshire). Ihre Eltern betreiben ein gut gehendes  Textilwarengeschäft. Dem Wunsch Sophias, eine Lehrerinnenausbildung zu absolvieren und  sich damit aus der Enge des Ladens zu emanzipieren, stehen die Eltern verständnislos und ablehnend gegenüber, während Constance sich in dem engen Milieu wohlfühlt und ihr ganzes Leben in der Stadt und sogar im selben Haus wohnen wird. Gleichwohl hat Constance eine wache Auffassungsgabe und betrachtet sich und ihre Umwelt durchaus liebevoll kritisch, auch wenn ihr die religiösen und gesellschaftlichen Konventionen zeitlebens eine Stütze sind.

Unfortunately one might as well argue with a mule as with one’s soul. (S. 310)

Sophia hingegen wird ausbrechen, naiv und voller Selbstüberschätzung auf einen albernen Schuft hereinfallen, und doch nicht unter die Räder kommen. Den Großteil ihres Lebens wird sie in Paris verbringen, in dem auch Bennett mehrere Jahre lebte, und dort ihren Weg gehen.

Im letzten und vielleicht aufregendsten Teil des Buches begegnen sich die Schwestern wieder. Sie sind inzwischen alt und der Leser/die Leserin zieht mit ihnen Bilanz über ihr Glück, ihr Unglück, ihre Ehen und vor allem über die unbarmherzig voranschreitende Zeit, die letztendlich alle vermeintlichen Unterschiede in ihren Lebenswegen einebnet.

Dass Bennett dabei sowohl die Geschichten der Nachbarn als auch die gesellschaftlichen Bedingungen und Veränderungen miteinbezieht, sei hier nur am Rande erwähnt, ist aber sicherlich einer der Aspekte, die dazu beigetragen haben dürften, dass das Buch heute von vielen als einer der Meilensteine des englischen Realismus angesehen wird.

Ewald Standop und Edgar Mertner schreiben in ihrer Englischen Literaturgeschichte (1983), nachdem sie einen kurzen Abriss des Inhalts gegeben haben:

Diese dürren Fakten lassen freilich das Wichtigste außer acht: das gewaltige Panorama des Lebens, das Bennett einzufangen versteht, die kleinen und großen Wechselfälle des Lebens, die Nichtigkeiten, die plötzlich Bedeutung gewinnen, aber auch außergewöhnliche Dinge wie die Beschießung von Paris. (S. 569)

Für John Wain ist die Qualität des Werkes, das Bennett trotz vielerlei anderer Verpflichtungen in nur 11 Monaten fertigstellte, ebenfalls unstrittig. In seiner Einleitung zur Taschenbuchausgabe von 1983 nennt er drei Gründe, aus denen das Buch Anspruch auf Ruhm erheben könne:

It is one of the most successful attempts, if not the most successful, to rival in English the achievement of the French realistic novel […] It is one of the most complete and satisfying novels of English provincial life. And it is a standing proof that a writer of the male sex can write with real perception about the imaginative  and emotional lives of women.

In Tim Heads Vorwort der schönen Folio Society-Ausgabe von 2004 klingt das schon abgeklärter. Head ist sich bewusst, dass Bennett zur Zeit nicht besonders angesagt ist.  Doch auch er ist sich sicher:

The book is a life enhancer, and it would be a poor spirit which is not the better for reading it. (S. X)

In Englische Literaturgeschichte (2004) hingegen, herausgegeben von Hans Ulrich Seeber, taucht Bennett dann gar nicht mehr auf. Vom Markstein des englischen Realismus hin zum völligen Vergessenwerden. So schnell kann’s gehen…

Zum Abschluss noch eine kleine Lebensweisheit des Arztes, der Constance zu mehr Unternehmungslust überreden will:

I’m deeply attached to my bed in the morning, but I have to leave it. (S. 531)

Was mich grummelig macht und irritiert, ist der Umstand, dass es anscheinend zurzeit keine deutsche lieferbare Ausgabe dieses Romans  mehr gibt. Jeder Blödsinn wird veröffentlicht, aber ein Klassiker über eine Zeit im Umbruch mit einer Fülle an unvergesslichen Charakteren wird nicht mehr verlegt? Und nur nach längerem Herumsuchen habe ich eine gebrauchte englische Ausgabe der Folio Society gefunden, die dann hoffentlich mein billiges Taschenbuch von 1990 ersetzen kann.

Fred Kaplan: Dickens: A Biography (1988)

Es ist doch erstaunlich, wie wenig zwei drei Wochen später manchmal noch von der Lektüre präsent ist, und das liegt keinesfalls immer am Buch.

An der Biografie zu Charles Dickens von Fed Kaplan (*1937) aus dem Jahr 1988 gibt es nämlich gar nichts zu meckern.

Sie ist, wie sich das gehört, chronologisch aufgebaut, enthält viele Zitate, ist umfassend recherchiert (mit Index über 600 Seiten) und selten langweilig – denn dafür, dass Charles Dickens (1812 – 1870)  ständig in geschäftlichen Verhandlungen unterwegs war und so dermaßen viele wichtige Menschen kannte  und ein äußert geselliger Geist war – kann Kaplan schließlich nichts.

Er zeigt immer wieder die Bezüge auf, die zwischen den Traumata der Kindheit des berühmten Schriftstellers, seinem späteren Leben mit seinem schier unglaublichen Arbeitseifer und seinen Werken bestehen. Vor allem gefiel mir, dass Kaplan sich eine eigene Meinung zugesteht, interpretiert und nicht in Heldenverehrung ertrinkt.

Dickens‘ Erfahrungen, als Junge aus der Schule genommen zu werden, um im Schaufenster einer Schuhfabrik eine als zutiefst demütigend empfundene Arbeit verrichten zu müssen, um damit die klammen Familienfinanzen – sein Vater saß zeitweise im Schuldgefängnis ein – zu entlasten, würden ihn für immer prägen, sowohl in seinem Arbeitsethos, aber auch in seinem Drang, keine Möglichkeit des Geldverdienens ungenutzt verstreichen zu lassen. Ein Leben lang würde er sich über seinen Vater und andere Familienmitglieder ärgern, die nicht mit Geld umgehen konnten und später öfter heimlich auf seinen Namen Schulden machten.

Später geht es um sein ungezügeltes Dominanzstreben Freunden und der Familie gegenüber (die Namen seiner Kinder hat allein er entschieden). Die Verachtung, die er seine Ehefrau immer deutlicher spüren ließ, der er übelnahm, dass sie 10 Kinder gebar und sich nicht gleichzeitig zu einer schlanken, ranken Seelengefährtin entwickeln mochte. Sein hässliches Verhalten im Scheidungskrieg, sein viktorianisch heuchlerisches Doppelleben mit einer Geliebten, da man gerade ihm, dem literarischen Verfechter des trauten Heims, eine Scheidung vermutlich übel genommen hätte.

Und dann seine Unrast, immer laufen zu müssen, kilometerweit, stundenlang, auch nachts, dann gern mit Freunden oder in Begleitung von Polizisten, um in den Slumvierteln der Städte das Leben zu studieren. Die Reiseleidenschaft, als er sich das leisten konnte, mit komplettem Hausstand monatelang in Italien oder Frankreich zu verweilen. Seine Begabung für die neu aufkommende Mode, Menschen zu hypnotisieren. Gern auch hübsche junge Frauen. Und auf seinen ausgedehnten Reisen versuchte er, wann immer möglich, auch die Krankenhäuser und die damals sogenannten Irrenanstalten (lunatic asylums) und Gefängnisse von innen zu sehen, um sich auf diese Weise ein Bild von den gesellschaftlichen Zuständen zu verschaffen.

Ebenfalls zu dieser Seite seines Charakters gehört sein lebenslanges soziales Engagement, mit dem er sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Ärmsten der Armen einsetzte. Er wollte Bildung zugänglicher machen, protestierte gegen die Arbeitsbedingungen in den Kohleminen, in denen Kinderarbeit gang und gäbe war, unterstützte ein Haus,  in dem Frauen aus der Prostitution geholt werden sollten, und sprach sich nicht nur gegen die Sklaverei in Amerika, sondern auch gegen die öffentlichen Hinrichtungen in London aus, aus denen volksfestartige Spektakel gemacht wurden. Besonders erschütterten ihn die Gefängnisse in Amerika, in denen die Täter zu Einzelhaft verurteilt wurden und keinerlei Kontakt zu den Mithäftlingen haben durften. Kaplan schreibt, Dickens zitierend:

At the Eastern Penitentiary near Philadelphia he saw the solitary system in operation. On the one hand, it separated criminals from one another’s contaminating contact. On the other, it tortured long-term prisoners into mental anguish so severe that he felt he ’never in [his] life was more affected by anything which was not strictly [his] own grief‘ than by the ‚indescribable something‘ which he saw in such prisoners, ‚distantly resembling the attentive and sorrowful expression you see in the blind – which is never to be forgotten. … This slow and daily tampering with the mysteries of the brain‘ seemed to him ‚immeasurably worse than any torture of the body.‘ A prisoner in solitary confinement ‚is a man buried alive’… (S. 143)

Dickens‘ Theaterleienschaft ist eine weitere Facette dieses umtriebigen und ständig wie unter Strom stehenden Geistes. Er führte mit Freunden und Familienmitgliedern Stücke auf professionellem Niveau auf, zu denen man nur mit persönlicher Einladung zugelassen wurde. Schließlich seine berühmten Lesereisen, auf denen er mühelos Säle mit 2000 Zuhörern und sein Konto mit Reichtum füllte.

Und dann geht es natürlich auch um Dickens‘ verlegerische Aktivitäten, obwohl ihm ein akademischer Bildungshintergrund fehlte, seine streng geregelte Arbeitsweise; seine Empörung über die ungehobelten Amerikaner, die seine Werke in Raubdrucken nachdruckten und gar nicht verstehen mochten, wieso dem Herrn Dickens die Copyright-Verletzungen so zuwider waren.

Alles in allem ist Kaplans Buch ein überzeugender Begleiter, wenn man Dickens‘ gleichsam kometenhaften Aufstieg zum berühmtesten und erfolgreichsten britischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts nachvollziehen will. Und die ein oder andere Stelle, in der es um öde Gehaltsverhandlungen geht oder in denen man kurzzeitig den Überblick über seinen ausgedehnten Freundeskreis zu verlieren droht, kann man ja querlesen.

 

 

Mutboard – dankeschön!

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Letzte Woche kam hier also das von Teena Leitow gestaltete Board aus der Reihe ihrer Mutboards hier an. Ich bin erfreut, entzückt. Muss mich nun nur noch für den richtigen Platz an der richtigen Wand entscheiden.

Und nun überlege ich, was genau mich an diesem Board fasziniert. Ich mag die Hintergrundfarbe, klar. Die spielerische Zusammenstellung scheinbar nicht zusammengehöriger Dinge. Das Fröhliche. Das alte Holzpferdchen aus Teenas Kindheit, das mich an die schwedischen Dala-Pferde erinnert, auch wenn die mir inzwischen oft zu glatt sind.

Die Schlüssel, ebenfalls alt, aus der Tischlerwerkstatt von Teenas Großvater, zu denen man so schön assoziieren kann. Schlüssel sind immer gut. Und passen ja auch gleich zu meiner Vorliebe für besondere Türen.

Die Freiheit, falls man das möchte, das Board auch umgestalten zu können.

Dazu fiel mir eine Ausstellung in Wien ein, in der ich zum ersten Mal Werken von Joseph Cornell (1903 – 1972) begegnete. Der hat u. a. kleine Kästen gebaut und die mit Flohmarktfundstücken, Bildern, Karten, Steinen, Sand und Gläsern etc. gefüllt. Und heute stehen diese Boxen des scheuen Künstlers in den großen Museen der Welt.

Hier noch ein Beispiel für Cornells Kunst oder hier die Trade Winds. Besonders mag ich auch den kleinen Schwan auf dem Spiegel.

Und irgendwie bekomme ich jetzt Lust, mir selbst eine Holzbox oder einen Rahmen zu besorgen und ganz dilettantisch selbstvergesssen Setzkastennippes, Vasen und Dosen, Whiskyfläschen, Spielzeug, Karten, Bilder, Schnickschnack und Mitbringsel, Steine und Muscheln zusammenzubringen und mich dran zu freuen. Danke, Teena!

 

 

Kleine Krimi-Tüte mit Wentworth und Cotterill

Colin Cotterill: The Coroner’s Lunch (2004)

Der erste Band The Coroner’s Lunch (2004) aus der Reihe um Dr. Siri Paiboun, den einzigen Rechtsmediziner in Laos, hat mir richtig gut gefallen. 2008 erschien die deutsche Übersetzung von Thomas Mohr unter dem Titel Dr. Siri und seine Toten.

Nicht nur die Hauptfigur, der renitente 72-jährige Arzt Siri Paiboun, ist hinreißend sympathisch gezeichnet. Dieser wird nach der kommunistischen Machtergreifung 1975 als Rechtsmediziner zwangsrekrutiert, obwohl er sich eigentlich nach Studium in Frankreich und Jahrzehnte langen Kämpfen im Dschungel von Vietnam auf seinen Ruhestand gefreut hatte. Stattdessen muss er sich nun in dem kommunistischen Land mit Mangelverwaltung, obereifrigen Vorgesetzten, Behördenwillkür und unliebsamen Erinnerungen herumärgern.

After seventy-two years, he’d seen so many hardships that he’d reached the calmness of an astronaut bobbing about space. Although he wasn’t much better at Buddhism than he was at communism, he seemed able to meditate himself away from anger. Nobody could recall him losing his temper. (S. 13)

Neben dem trockenen Humor, Siris Freunden und einem beachtlich verzwickten Fall um den Tod einer hohen Parteifunktionärin hat mich gerade der Schauplatz überzeugt: Laos, ein Land, von dem ich nun wirklich so nahezu gar nichts wusste.

Auf dem Blog Schöner Schein gibt es einen Artikel zum Autor.

Der Krimi macht Lust, sich über das Buch hinaus mit der Geschichte des Landes und seiner Kultur zu beschäftigen. Dabei lernt man dann nicht nur, dass Laos eines der am heftigsten bombardierten Länder ist, wurde es doch in den Krieg zwischen kommunistischen und antikommunistischen Mächten hineingezogen. Das wiederum hat Auswirkungen bis heute, liegt doch ein großer Teil der Bomben und Minen bis heute im Boden.

Aber daneben gibt es unter anderem auch die Ebene der Steinkrüge. Wie faszinierend.  Hunderte von großen Steinkrügen, zum Teil über 200o Jahre alt und seit 2019 UNESCO-Weltkulturerbe.

Patricia Wentworth: The Case is Closed (1937)

So wie ich von Cotterills Krimi angetan war, so war ich von dem ersten Krimi um die ältere Ermittlerin Miss Silver zunehmend genervt. Dabei fing The Case is closed (1937) von Patricia Wentworth ganz vielversprechend an. Witzig, unterhaltsam. Ein bisschen screwball-comedy-mäßig.

Hilary Carew sat in the wrong train and thought bitterly about Henry. It was Henry’s fault that she was in the wrong train – indisputably, incontrovertibly, and absolutely Henry’s fault, because if she hadn’t seen him stalking  along the platform with that air, so peculiarly Henryish, of having bought it and being firmly  determined to see that it behaved itself, she wouldn’t have lost her nerve and bolted into the nearest carriage. (S. 3)

Hilarys Freundin Marion Grey ist schwer vom Schicksal getroffen. War Marion vor kurzem noch eine bezaubernde glückliche Ehefrau, so muss sie sich allmählich mit dem grauenhaften Gedanken abfinden, dass ihr Mann, der schuldig gesprochen wurde, seinen wohlhabenden Onkel umgebracht zu haben, wohl Jahrzehnte im Gefängnis bleiben wird und dies – wenn überhaupt – nur als gebrochener Mann verlassen wird.

Doch Hilary Carew, die beste Freundin und Mitbwohnerin Marions, trifft zufällig in einem Zug auf eine ältere, verhärmte Frau, die ihr Dinge zuflüstert, die andeuten, dass im Prozess möglicherweise nicht alle Fakten auf den Tisch gekommen sind.

Zum einen hat mich an dem Krimi gestört, dass Miss Silver erst sehr spät ihren Auftritt hat – ist das in den Folgebänden ähnlich? Doch was ich wirklich nicht mehr unterhaltsam finden konnte, sondern mir den letzten Nerv geraubt hat, war Hilary. Ihre hanebüchene Naivität und Selbstverständlichkeit, mit der sie ständig dem möglicherweise wahren Mörder in die Arme läuft, waren auch mit ihrem zarten Alter von 22 Jahren nicht zu entschuldigen. 

Rückblick auf das Lesejahr 2020

In der Hoffnung, dass ihr alle wohlbehalten in 2021 angekommen seid, möchte ich, wenn auch etwas verspätet, auch diesmal einen Blick auf das vergangene Lesejahr werfen, bevor ich mir dann die immerneue Frage stelle, was ich als nächstes aus dem Regal ziehe.

Nachdem wir in den letzten Jahren hellhöriger geworden sind bezüglich der Frage, wie viele Autorinnen wir denn eigentlich lesen, kann ich vermelden, dass ich – wenn auch nur mit kleinem Vorsprung – mehr Bücher von Frauen als von Männern gelesen habe. Ein entscheidendes Auswahlkriterium ist das allerdings nach wie vor nicht für mich.

Und die einzigen Bücher, die ich allesamt mit Begeisterung wiedergelesen habe, stammen diesmal ausschließlich von Männern:

Die güldene Himbeere für die hässlichsten Cover teilen sich

  • Sigrid Nunez: The Friend (2018)
  • Colin Cotterill: The Coroner’s Lunch (2004)

Enttäuschend fand ich

  • Susanna Clarke: Piranesi (2020) Zwar hatte ich das Gefühl, zusammen mit der Hauptfigur durch diese labyrinthisch-seltsame Welt zu laufen, allerdings empfand ich diese Welt als beklemmend, ja, als alptraumartig. Ich habe mich beim Lesen unwohl gefühlt. Doch vor allem erschien mir die Auflösung nicht überzeugend, nicht tragfähig genug.
  • Thomas Hettche: Herzfaden (2020) – Die Kritiker schrieben ja geradezu verzweifelt herbei, wie genial dieses Buch sei. Ich hielt es für grandios überschätzt.

Folgende Krimis fand ich prima, d. h. eher unterhaltsam, nicht zu brutal, mit deutlichen Anzeichen von Humor:

Freundliche Bücher

Es wird Zeit für eine neue Kategorie, die nenne ich jetzt einfach mal freundliche Bücher, Bücher, die Menschenzugewandtheit ausstrahlen, mögen zwar minimale Spuren von Nostalgie enthalten, aber die Grundhaltung ist vor allem eine Mischung von Freundlichkeit, Warmherzigkeit, Anständigkeit, Bescheidenheit (keinesfalls zu verwechseln mit Sentimentalität oder Plattheit), also hier einige freundliche Bücher:

Es gibt Bücher, die gefielen mir, und doch waren sie nur wenige Tage später schon fast nicht mehr abrufbar und verflüchtigten sich,  diese Romane jedoch blieben mir im Gedächnis:

Frauenleben

Krankheit

  • Werner Schneyder: Krebs (2008)

Kultur

Natur und Reisen

Nationalsozialismus

Und den tiefsten Eindruck hinterlassen haben

  • Natsume Sōseki: The Gate (OA 1910)
  • Caradog Prichard: one moonlit night (OA 1961). Ein Monolith in der Landschaft der Literatur.

Bleibt in diesem Jahr alle wohlauf und habt immer ein gutes Buch anbei.

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Charles Dickens: Great Expectations (1861)

Ich hoffe sehr, dass ihr alle wohl und behütet ins neue Jahr gekommen seid!

Beginnen wir das Blogjahr mal nicht mit dem eigentlich obligatorischen Rückblick, sondern mit etwas anderem. Mir war mal wieder klassisch zumute, also tat ich, was man viel öfter tun sollte, und griff beherzt zum 13. Roman von Charles Dickens (1812 – 1870), der zunächst als Fortsetzungsroman in Dickens eigener Zeitschrift erschien, bevor er dann 1861 als Buch veröffentlicht wurde.

Die Geschichte wird uns von Pip selbst erzählt und beginnt, als er ein ca. siebenjähriger Waisenjunge ist, der bei seiner ständig prügelnden Schwester und deren herzensgutem, aber wenig durchsetzungsfähigen Mann Joe Gargery, einem Schmied aufwächst. Eine Familienkonstellation, deren Wurzeln wie bei so vielen der Dickens‘schen Protagonisten in der katastrophalen Kindheit Dickens liegen.

Mrs. Joe was a very clean housekeeper, but had an exquisite art of making her cleanliness more uncomfortable and unacceptable than dirt itself. Cleanliness is next to Godliness, and some people do the same by their religion. (S. 20, Ausgabe der Everyman’s Library)

Eines Abends, als er auf dem Kirchhof die Gräber seiner Eltern und verstorbenen Geschwister besucht, wird er fast zu Tode erschreckt von einem Sträfling, der von einem der an der Küste liegenden Gefängnisschiffe geflohen ist. Der namenlose Gefangene bringt den verängstigten Jungen dazu, ihn nicht zu verraten und ihm Nahrung und eine Feile aus der Schmiede zu bringen, sodass er sich von den Ketten befreien kann.

Später wird Pip als eine Art Unterhaltungsspielzeug von der durchgeknallten Miss Havisham in ihr Haus eingeladen, die das Verschwinden ihres treulosen Bräutigams am Tag der geplanten Hochzeit nie verwunden hat. Dort lernt er die junge und hinreißend schöne Estella, die Adoptivtochter Miss Havishams, kennen. Er verliebt sich unsterblich in sie, obwohl ihm bewusst ist, dass sie seine Gefühle nicht erwidert und überhaupt seltsam gefühltskalt ist.

I never  had one hour’s happiness in her society, and yet my mind all round the four-and-twenty hours was harping on the happiness of having her with me unto death. (S. 287)

Irgendwann erfährt Pip, dass ihm ein anonymer Gönner  finanziell dazu verhelfen will, ein Gentleman zu werden. Da sein ganzes Trachten danach ausgerichtet ist, Estella für sich zu gewinnen und er sich seiner ärmlichen und ungebildeten Herkunft schämt, nimmt er das Angebot, nach London zu ziehen und dort zum Gentleman zu werden (ohne sich bewusst zu machen, was genau das sein soll), mit Freude an. Er weiß, solange er grobe Arbeitsschuhe trägt und seine Hände von körperlicher Arbeit zeugen, wird Estella ihn niemals ernsthaft als Ehemann in Erwägung ziehen.

Wie er dann in London an echte und falsche Freunde gerät, ein Snob wird, der seinen besten Freund noch fast mit in den Abgrund reißt und trotz allem im Laufe der spannenden Handlung, bei der sich die vielen Fäden allmählich entwirren, doch zu einem verantwortlich handelnden Erwachsenen wird, das ist alles ganz großes Kino. (Über den mehrdeutigen Schluss mit seinem Anklang von Kitsch, den Dickens eigentlich gar nicht geplant hatte, gehen wir jetzt mal großzügig hinweg.)

Also: Trotz aller Übertreibungen und Überspitzungen und mancher Schwarzweißmalerei ist der Roman, der heute als einer der besten Romane Dickens und als ein Meilenstein der englischen Literatur gilt, ein pralles Sittengemälde mit unvergesslichen Charakteren und Szenen, ein Beweis, dass Dickens ein großartiger und oft genug spöttischer Erzähler ist. Wer könnte sich den ersten Seiten und des kindlichen Schreckens erwehren und nicht wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht?

Was mich beim Wiederlesen beeindruckte, war die Feinfühligkeit, mit der Dickens hier seine Hauptfigur gezeichnet hat. Wie Pip sich seiner Herkunft schämt, seinen liebevollen Stiefvater verleugnet, obwohl dieser ihm immer nur Gutes getan hat, wie er vor sich selbst immer wieder Ausreden und Beschönigungen für sein Verhalten findet und zum unsicheren Snob wird, der sich zunächst maßlos verschuldet und nur über einen sehr wackligen inneren Kompass verfügt. Sowohl bei den Schauplätzen als auch bei zahlreichen Nebencharakteren hat man oft schon nach wenigen Sätzen ein Bild vor Augen, da Dickens so bildhaft erzählt:

Bentley Drummle, who was so sulky a fellow that he even took up a book as if its writer had done him an injury, did not take up an acquaintance in a more agreeable spirit. S. 192)

Die bitteren Seitenhiebe auf die gesellschaftlichen Bedingungen sind ebenfalls beeindruckend; mir gefiel zum Beispiel sehr, wie Dickens anhand der Figur des John Wemmick, der für den Anwalt Jaggers arbeitet, zeigt, wie sehr die Arbeitswelt einen zwingt, eine Rolle zu spielen, die mit der Person, die man privat ist, überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Daneben geht es aber auch um die Leichtigkeit, mit der man das Recht beugen kann, wenn man die entsprechenden finanziellen Mittel hat, die Unmöglichkeit, als Kind aus einer armen Familie auch nur eine halbwegs vernünftige Bildung zu bekommen, die Heuchelei und Speichelleckerei derjenigen, die Pip, als er als vermögend gilt, hofieren, sich zu seinen besten Freunden erklären und ihn im nächsten Moment, ohne mit der Wimper zu zucken, fallen lassen würden. Und vor allem die Aussichtslosigkeit, sich auf redliche Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn man nie die Chance dazu bekommen hat, sowie die Lässigkeit, mit der England unliebsame Menschen – manchmal reichte schon ein gestohlener Brotlaib – nach Australien deportiert hat, sind mit einer Wucht geschildert, die die Leser damals sicherlich auch emotionalisieren und politisieren sollte.

Eine Facette gibt es allerdings, die an Dickens immer wieder irritiert, seine Unfähigkeit oder Unwilligkeit, glaubhafte Frauengestalten zu entwerfen. Sie sind entweder so überirdisch gut, dass sie als engelhafte und unkörperliche  Wesen den Weg des Mannes erhellen sollen und sind dementsprechend zum Gähnen, oder sie sind ausschließlich rabiate Wüteriche wie Pips Schwester. Eine weitere Variante ist die untüchtige und verwöhnte Ehefrau, die dem wackeren Ehemann nur ein Klotz am Bein ist. Übrigens nur einer der Aspekte, bei denen die Hintergrundinformationen aus Fred Kaplans Biografie von 1988 ganz erhellend sind.

Be that as it may, he [Mrs. Pockets Vater] had directed Mrs. Pocket to be brought up from cradle as one who in the nature of things must marry a title, and who was to be guarded from the aquisition of plebeian domestic knowledge. So successful a watch and ward had been established over the young lady by this judicious parent, that she had grown up highly ornamental, but perfectly helpless and useless. (S. 178)

Yoko Ogawa: The Memory Police (OA 1994)

Nach kurzen Anlaufproblemen war es schwierig, sich dem dystopischen Roman von Yoko Ogawa (*1962) zu entziehen, obwohl man auf den ersten Blick gar nicht genau sagen kann, woran das liegt, weil er so ruhig und unaufgeregt daherkommt. Ein Kritiker verglich seine Leseerfahrung des Werks, das bereits 1994 erschien, es aber erst 2020 in der englischen Übersetzung auf die Shortlist des International Booker Prizes schaffte, mit dem Fallen in eine Schneewehe. Das trifft es ganz nett. Die deutsche Übersetzung Insel der verlorenen Erinnerung (2020) stammt von Sabine Mangold.

Auf einer namentlich nicht genannten Insel herrscht eine Diktatur, auf deren Ideologie und oberste Machthaber nicht weiter eingegangen wird. Die Bevölkerung bekommt nur die Gedächtnispolizei zu Gesicht, die in ihrem Gehabe, ihren warmen Mänteln an die Gestapo erinnert. Zunächst agiert sie nur in der Nacht, eher unauffällig, wenn sie Wohnungen und Häuser durchsuchen und Dissidenten abholen, doch im Laufe der Zeit tritt die Gedächtnispolizei immer öffentlicher, immer brutaler auf. Ihr besonderes Augenmerk gilt jenen, die nicht vergessen können, was vom Regime als vergessenswert deklariert wurde. Auch die Mutter der Ich-Erzählerin wurde von der Gedächtnispolizei unter einem Vorwand abgeholt.

Die Bewohner haben sich daran gewöhnt, dass sie an manchen Morgen aufwachen und spüren, dass wieder etwas dem Vergessen überantwortet wurde. Als die Ich-Erzählerin, eine junge Schriftstellerin, die bereits beide Eltern verloren hat, noch ein Kind war, hat ihre Mutter erklärt:

It doesn’t hurt, and you won’t even be particularly sad. One morning you’ll simply wake up and it will be over, before you’ve even realized. Lying still, eyes closed, ears pricked, trying to sense the flow of the morning air, you’ll feel that something has changed from the night before, and you’ll know, that something has been disappeared from the island. (S. 3)

Nach einem solchen Verschwinden betrauern die Bewohner kurz den Verlust, versuchen einander zu trösten und verbrennen oder vernichten auf Geheiß der Gedächtnispolizei alle eventuell noch verbliebenen Gegenstände, die es ab sofort nicht mehr geben wird.

But no one makes much of a fuss, and it’s over in a few days. Soon enough, things are back to normal, as though nothing has happened, and no one can even recall what it was that disappeared. (S. 4)

Wie in jeder Dikatatur fängt das Elend mit kleineren Einschränkungen an, zunächst verschwinden Dinge wie Parfüm oder Edelsteine, doch dann werden die Verluste größer, das Leben ärmer. Und mehr und mehr Menschen sind auf der Flucht vor der Polizei, verstecken sich im Untergrund. Vor allem diejenigen, bei denen der verordnete Gedächtnisverlust nicht funktioniert.

Als der Verleger ihrer kleinen Romane plötzlich in Gefahr steht, verhaftet zu werden, nimmt die Schriftstellerin ihn zu sich und versteckt ihn in einem Zwischenraum in ihrem Haus, den man gut tarnen kann und den sie zuvor mit ihrem einzigen Vertrauten, dem ehemaligen Fährmann, entsprechend technisch hergerichtet hat.

Im weiteren Verlauf wird geradezu gemächlich, manchmal auch mit der ein oder anderen Länge, das Schicksal dieser kleinen Gemeinschaft, ihre Gefährdungen und ihre kleinen Triumphe, erzählt. Doch vor allem schreiten die Verluste fort; eines Tages fehlen die Vögel, die Nachbarn werden verhaftet, die Rosen sind eines Morgens weg. Die Welt, aber auch die Erinnerungen der Menschen werden stetig ärmer, stiller, grauer und enger. Die Bücher verschwinden. Und das ist längst noch nicht das Ende des staatlich verordneten Verschwindens. Der Aufstand bleibt aus. Die Menschen im Untergrund haben keine Möglichkeit, sich zu vernetzen. Die Wege nach draußen, fort von der Insel, sind versperrt.

People – and I’m no exception – seem capable of forgetting almost anything, much as if our island were unable to float in anything but an expanse of totally empty sea. (S. 11)

Wem kann man noch vertrauen? Was macht das mit den Menschen, auch mit dem Verleger, der seine Frau und ein kleines Kind zurückgelassen hat?

Mir hat gefallen, wie hier vom Wesen einer Diktatur, der um sich greifenden Vereinsamung, der Angst und Hilflosigkeit, den Beschwichtigungen und der fehlenden Wachheit, bereits den Anfängen zu wehren, parabelhaft erzählt wurde. Und eine hat zumindest heimlich Zeugnis abgelegt, die junge Ich-Erzählerin.

Interessant fand ich die Kritik von Lea Schneider aus der Süddeutschen Zeitung. Ich würde ihr recht geben, dass an manchen Stellen arg dick aufgetragen wurde. Und natürlich wäre es illusorisch zu glauben, dass man – selbst im Versteck – ungeschoren davonkommt oder dass es ausreicht, eine Diktatur auszusitzen. Doch ihr verärgerter Vorwurf, die Parabel sei in ihrem vorhersehbaren „Rückzug in die Nostalgie für eine aggressiv verniedlichte Version der ‚guten, alten Zeit’“ – Computer und Handys fehlten ja gänzlich – ungeeignet als Kommentar zur Gegenwart, erschließt sich mir nur bedingt.

Sabine von Binge Reading hat den Roman ebenfalls gelesen.

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Fundstück von Harriet Köhler

Wer in die Fremde fährt, findet sich dort nicht, sondern hat sich selbst im Gepäck – das hätten wir eigentlich wissen müssen. […] Wir entkommen uns nicht, egal wie weit wir wegfahren. Warum nur erhoffen wir uns genau das dann doch immer wieder? Warum bleiben wir nicht einfach zu Hause und machen das Beste aus dem, was wir sind?

aus: Harriet Köhler: Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben, Piper, München 2019, S. 27

Jürgen Hosemann: Das Meer am 31. August (2020)

Der sehr fein in Blau gestaltete Band aus dem Berenberg Verlag, das Debüt des Lektors und Herausgebers Jürgen Hosemann, gefiel mir von der Grundidee her zunächst sehr.

Der Ich-Erzähler, im Urlaub unterwegs mit Gattin und Tochter, beschließt, in einem kleinen Badeort an der Adriaküste in der Nähe von Triest 24 Stunden lang allein am Meer zu sitzen.

Als die Reinigungsfahrzeuge abrückten, erschien der Strand trotz der langen Reihen von Sonnenschirmen, Liegen und Badekabinen völlig leer. Als müsste man jeden Augenblick damit rechnen, dass sich dort etwas ereignete. Alles schien vorbereitet, aber wofür? Es gab auch keine Zuschauer, außer mir war niemand da, der sich dafür interessierte. Zeit breitete sich vor mir aus, saubere, unbeschriebene Zeit. Der Tag würde sich hier ereignen. (S. 15)

Seine Erwartungen sind alles andere als bescheiden:

Ich hatte die Hoffnung, dass sich in der Leere und Weite die Gedanken und Phantasien besonders gut ausbreiten konnten und dass man, weil nichts den Blick verstellte, hier alles sehen konnte. Dass mit etwas Glück das Meer einer jener Orte war, an denen der Blick, vom Wasserspiegel reflektiert, auf einen selbst zurückfallen würde. (S. 24)

Doch dass er sich dafür ausgerechnet einen belebten Badestrand mitten im Ort aussucht, an dem frühmorgens zwei Radlader den Strand herrichten, unzählige Liegen ausgerichtet und die Sonnenschirme geöffnet werden müssen, fand ich eher bizarr.

Und so lesen wir, wie sich die Farben des Himmels verändern, welche Passanten an ihm vorbeiflanieren oder wie die Menschen aussehen, die eine Runde schwimmen gehen, wie der Tag zunehmend heißer wird und der Erzähler hin und wieder ins nahe gelegene Café geht oder sich ärgert, dass er grauslich bunte und überzuckerte Limonade gegen den Durst gekauft hat. Und abends kommen die Teenager mit ihren Handys.

Zwar gibt es immer wieder zitierenswert traumschön formulierte Sätze und wir wünschen uns sicherlich alle hin und wieder Zeiten und Tage, an denen wir so entschleunigt und behutsam dem Treiben um uns herum zuschauen und – falls nötig – im wahrsten Sinne zur Besinnung kommen könnten:

Der Wind so sachte, als schiebe er ein Mädchen auf einem Kinderfahrrad (S. 55)

Allerdings ist nicht jede Beobachtung automatisch bedeutungsvoll, was den Erzähler aber nicht daran hindert, sie uns mitzuteilen. Und wer nun auf besondere Erinnerungen, tiefe Erkenntnisse oder überhaupt auf irgendetwas hofft, wird enttäuscht. Auch der Erzähler selbst merkt zwischendurch, dass sich nicht alle Erwartungen an seinen Tag am Meer erfüllen. Fast klingt es wie eine Mahnung:

Ich halte es für möglich, am Meer zu sein und es nicht zu sehen.

Manchmal wird ihm langweilig, er weiß nicht, wohin mit all der Zeit, beobachtet die Wolken, die Möwen, kontrolliert, ob seine Armbanduhr oder sein Handy schneller geht, freut sich, als ihm ein kleines Mädchen begegnet, wiegt minutenlang die Limonadenflasche in den Händen und fragt sich, was passiert, wenn nichts passiert.

Langweilte mich mein großartiger Plan, mich einen Tag und eine Nacht ans Meer zu setzen, in dem ich jetzt etwas Verbissenes und Verbohrtes erkannte, eine besonders prätentiöse Weise, mich meiner sozialen Verpflichtungen zu entziehen? (S. 65)

Insgeheim staunte ich darüber, wie lange man am Meer sitzen und wie wenig einem dabei auffallen konnte. (S. 84)

Vielleicht hätte ich lieber gelesen, wie der Erzähler einen Urlaubstag mit seiner Familie verbringt, möglicherweise hätte ich auch gleich Ænglisch von Sarah Kirsch wiederlesen sollen.

Hier eine ganz andere Lesart von Constanze auf Zeichen & Zeiten.

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Kleine gemischte Tüte

Auch wenn die Fotos hier auf dem Blog nahelegen, dass ich nur noch spazierengehe, nein, ich lese auch noch, aber manche Titel lohnen die Erwähnung nicht und bei anderen reicht nicht immer die Zeit, die Ruhe oder die Lust für einen längeren Beitrag. Deswegen heute eine kleine gemischte Dezembertüte.

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet (2020)

Wieder sehr gern gelesen, das neueste Buch von Meyerhoff, der sich ja schon mit seinen ersten drei Bänden seiner Alle Toten fliegen hoch-Reihe in mein Lieblingsregal geschrieben hat. In Hamster im hinteren Stromgebiet erzählt der Schauspieler nun, wie das ist, wenn man vier Monate nach seinem 51. Geburtstag einen Schlaganfall erleidet und sich ziemlich viel verändert. Das Buch ist wieder mit diesem fassungslos staunenden und punktgenau beobachtenden Blick geschrieben, komisch, verwundbar, ehrlich, spannend und anrührend.

Bei Meyerhoff hat das Wort Selbstdarsteller auf einmal gar nichts Negatives mehr. Wäre er keiner, könnte er uns nicht so mitreißend in seinen Kosmos ziehen. Er ermöglicht ein empathisches Lesen, bei dem man in dem einen Moment ebenfalls im Notartzwagen sitzt, dann über die trefflichen Charakterskizzen seiner Mitpatienten kichert, Anteil an seinem Ergehen und dem seiner Familie nimmt, um im nächsten Moment zu überlegen, was man in seinem eigenen Leben langsam mal auf die Kette kriegen sollte. Und wie unfassbar zerbrechlich wir doch alle sind.

Eine meiner Lieblingsstellen schildert übrigens, wie seine damals vierzehnjährige Tochter glückselig nigelnagelneue schneeweiße Sneaker gegen ein abgelatschtes verdrecktes Paar eintauscht. Es hätte ihr viel zu lange gedauert, bis ihre neuen Schuhe so schön alt ausgesehen hätten.

Dorothy Evelyn Smith: O, The Brave Music (1943)

Smith (1893-1969) erzählt hier aus der Ich-Perspektive die Kindheit und Jugend von Ruan Ashley, einer fantasiebegabten und lebhaften Predigertochter, die durchaus Mühe hat, sich immer in den von den Konventionen  und ihrem Vater festgezurrten Grenzen zu bewegen, die vor dem Ersten Weltkrieg für junge Mädchen galten.

Ich habe schon lange keine schönere und warmherzigere Schilderung einer Kindheit gelesen, die – auch aufgrund der unglücklichen Ehe der Eltern – nicht ungefährdet war, aber Ruan wäre nicht Ruan, wüßte sie nicht, dass Bücher, das Moor und bestimmte Menschen  wie z. B. Rosie Day immer auch eine Zuflucht in so mancher Misere bieten können. Und auch wenn das Buch nicht alle Melodramatikfallen umschifft, hat hier der Verlag British Library mit der Neuauflage alles richtig gemacht.

Buchhandlung Almut Schmidt

Und das wäre schon vor Monaten dran gewesen: Im Sommer habe ich es endlich geschafft, im Urlaub mal den rasenden Buchhändler Hauke Harder live und in Farbe in seinem Laden in Kiel anzutreffen und ihn und seine Frau um diverse Bücher zu erleichtern. Es ist ziemlich cool und inzwischen eher selten, dass mir Buchhändler, egal, was ich da aus dem Regal fische, etwas Hilfreiches zu dem jeweiligen Buch sagen können und auch gleich noch der nächsten Kundin zurufen, was eventuell für sie passen könnte. Und auch wenn die Ladenfläche nicht riesig ist, war das Sortiment anregender und vielfältiger als in vielen wesentlich größeren Buchhandlungen.

Würde ich nicht so viel auf Englisch lesen, wäre es wohl nicht bei der einen Tüte geblieben. Beim nächsten Kielbesuch bin ich wieder dort, auch wenn eine Frage unbeantwortet bleibt: Wie machen die das? Wann liest Hauke das? Die sind ja nicht nur im Internet unterwegs, sondern im Radio, im Fernsehen, in der Zeitung, auf YouTube. Vielleicht gibt er heimlich auch noch Zeitmanagement-Seminare?

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Richard Osman: The Thursday Murder Club (2020)

Für Mai 2021 ist die deutsche Übersetzung des herrlich schrägen und absolut filmreifen Krimis The Thursday Murder Club (2020) von Richard Osman angekündigt, auch wenn sich mir nicht erschließt, warum aus dem englischen Thursday im Deutschen dann der Montagsmordclub werden muss, aber das nur am Rande.

Die Ausgangslage ist erfrischend anders: Elizabeth, Ron (ehemals Gewerkschafter), Ibrahim (Psychiater im Ruhestand) und Joyce (ehemalige Krankenschwester) sind rüstige Senioren jenseits der 70 und wohnen in einem luxuriösen Seniorenzentrum in Kent auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters (Swimmingpool, Bibliothek und Zumba inclusive).

Donnerstagabends treffen sich die Herrschaften, um ungeklärte Kriminalfälle aus der Vergangenheit aufzurollen. Das Ganze ein intellektueller Zeitvertreib. Begonnen hatte es damit, dass Penny, ehemalige Ermittlerin und ebenfalls Mitglied im Donnerstagsclub, bei ihrer Pensionierung unerlaubterweise Akten solcher Cold Cases mitgenommen hatte. Doch inzwischen ist Penny schwer dement und liegt schon seit längerem im der benachbarten Krankenstation der Einrichtung.

Doch dann, wie könnte es anders sein, wird tatsächlich jemand umgebracht, und zwar der Unsympath Tony Curran, frisch gefeuerter Geschäftspartner des Investors Ian Ventham, der gleich neben dem Seniorendorf eine weitere Anlage bauen lassen will.

Natürlich ist die Seniorentruppe auf die Zusammenarbeit mit der Polizei angewiesen. Erste Kontakte werden geknüpft, als die neue Polizistin Donna den üblichen Vortrag über Sicherheitsfenster etc. halten will. Die alten Herrschaften machen Donna mit Charme  und Beharrlichkeit schnell klar, dass sie nichts mehr darüber hören wollen, dass man sich den Ausweis des Stromablesers zeigen lassen solle, erstens könnten einige sowieso nicht mehr so gut sehen und überhaupt:

I’d welcome a burglar. It would be nice to have a visitor. (S. 9)

Donna freut sich, dass sie keinen langweiligen Vortrag halten muss und so beginnt eine ungewöhnliche und keinesfalls unproblematische Zusammenarbeit.

Osman schafft es, hier so viele Handlungsfäden zu verwickeln, aufzudröseln, nur um sie gleich wieder anders zu verknoten, dass es eine wahre Freude ist. Selbst wenn es gegen Ende auch ein Faden weniger hätte sein dürfen, auch ein Quentchen weniger Melodramatik an einer Stelle wäre in Ordnung gewesen. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

Osman hat hier eben keinen Klamauk raus. Er nimmt seine Figuren ernst, die Einsamkeit, die Traurigkeit der Verwitweten und das Wissen der Alten darum, dass man sich auf der letzten Strecke des Lebens befindet, grundieren das Buch und erden es.

Außerdem gefiel mir, wie auch Donna und ihr Chef Chris mit ihren privaten Sorgen und Ängsten geschildert werden. Und wer in seinen Krimis keine unappetitlichen Splatterszenen lesen möchte, ist hier ebenfalls gut aufgehoben.

Gleichzeitig ist das Buch hinreißend komisch und dazu ein echter Krimi, der immer neue Haken schlägt. Also, unbedingte Schmökerempfehlung.

Die Kritiker sind begeistert und, kein Wunder,  die Filmrechte wurden bereits an Steven Spielberg verkauft.

 

Fundstück von Olga Tokarczuk

Als wir im zweiten Jahr die Funktion von Schutzmechanismen behandelten und verwundert die Macht dieses Teils unserer Psyche erkannten, verstanden wir allmählich eines: Wenn wir keine Rationalisierung, Sublimierung, Verdrängung, keines dieser Kunststückchen hätten, derer wir uns bedienen, wenn wir ganz schutzlos, ehrlich und mutig die Welt betrachten würden – dann würde es uns das Herz brechen.

Was wir in diesem Studium lernten, war, dass wir aus Schutzvorrichtungen bestehen, aus Schild und Rüstung, wir sind Städte, deren Architektur aus Mauern, Basteien und Befestigungen besteht, wir sind Bunkerstaaten.

aus: Olga Tokarczuk: Unrast, Kampa Verlag, Zürich 2019, S. 19

Bücher zu verschenken

Folgende Bücher – gebraucht, aber in gutem oder sehr gutem Zustand – suchen ein neues Regalbrett. Bei Interesse bitte Kommentar hinterlassen.

Deutschsprachige Bücher

  • Frauke Geyken: Freya von Moltke: Ein Jahrhundertleben 1911 – 2010, C. H. Beck Verlag, München 2011
  • Jürgen Hosemann: Das Meer am 31. August (2020)
  • Harriet Köhler: Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben, Piper, 4. Auflage 2020
  • Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe, Kein & Aber Verlag 2018
  • Thomas Montasser: Ein ganz besonderes Jahr, Thiele Verlag 2014
  • Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit, Hanser, München 2015
  • Rossbacher, Verena: Ich war Diener im Hause Hobbs, Kiepenheuer & Witsch (2018)
  • Hannes Stein: Der Komet, Galiani, Berlin 2013
  • Olga Tokarczuk: Unrast, Kampa 2019

Englischsprachige Bücher

  • Patrick Laing: The Lady is dead, Wildside (Neuauflage des Krimis von 1951)
  • Winifred Peck: Bewildering Cares (hier die Neuauflage 2016, Originalausgabe 1940)
  • E. C. R. Lorac: Fell Murder (Neuauflage 2019 in der Reihe British Library Crime Classics, ursprünglich erschienen 1944)
  • Jane Gardam: Crusoe’s Daughter (Taschenbuch-Ausgabe von 2012)

Bereits umgezogen ins neue Regal

  • Susanna Clarke: Piranesi, Bloomsbury, 2020
  • Shaun Bythell: The Diary of a Bookseller (gebundene Ausgabe 2017)
  • Mary Essex: Tea is so intoxicating (Neuauflage der British Library 2020, die Originalausgabe erschien 1950)
  • Gunilla Linn Persson: Heimwärts über das Eis, Insel Verlag 2016
  • Thomas Hettche: Herzfaden

Malin Lindroth: Ungebunden: Das Leben als alte Jungfer (OA 2018)

Die schwedische Autorin und Dramaturgin Malin Lindroth (*1965) möchte in ihrem zarten, offenen und aufmüpfigen Werk Ungebunden von ca. 80 Seiten, das von Regine Elsässer ins Deutsche übersetzt wurde und ein Vorwort von Teresa Bücker enthält, einer Gruppe eine Stimme geben, die ihrer Meinung nach seit Jahrzehnten ungehört und unsichtbar ist. Dafür bedient sie sich einer Vokabel, die im Wortschatz des modernen Menschen schon so gut wie ausgestorben war, die der alten Jungfer. Ein Begriff, der wie kaum ein anderer das Geschlecht, die implizierte Schande und den Familienstand unter einem Dach vereine.

Indem ich mich alte Jungfer nenne, stehe ich zu meiner Geschichte, mehr nicht. Ich nehme mir das Recht, über das, was ich weiß und gesehen habe, zu sprechen. Und ich tue dies in der Gewissheit, dass ich, in dem Moment, wo ich das Narrativ über mich in Besitz nehme, mich von anderen Narrativen befreie, denen der Kultur, von denen ich keinerlei Nutzen hatte. (S. 103)

Alte Jungfern, das sind für Lindroth die älteren Frauen, die nie dauerhaft in einer Partnerschaft gelebt haben, obwohl sie sich das gewünscht haben. Witwen oder Geschiedene zählen laut Lindroths Definition nicht dazu, denen fehle die „gediegene Erfahrung“ des Alleinseins.

Ledige Frauen müssten nicht nur mit dem ungewollten Single-Dasein zurechtkommen, sondern auch mit dem Kult, den die moderne Gesellschaft um die glückliche Partnerschaft treibt. Und mit dem Schweigen, dem Nichterzählen, dem Nichtgeltenlassen ihrer eigenen Geschichten. Für diese Frauen, die Lindroth aus dem eigenen und gesellschaftlichen Schweigen holen möchte, holt sie den Begriff der alten Jungfer aus der Mottenkiste, bürstet ihn gegen den Strich und versieht ihn mit Traurigkeit, Pep, Zunder und einer neuen Freiheit.

Die Autorin lebte in den Achtzigern vier Jahre lang in einer Beziehung, seitdem nie wieder.

Seit 1989 habe ich mich fünfzehnmal verliebt. Alle Männer haben Nein gesagt. Ich habe nie Nein gesagt. Diese Gelegenheit bot sich nie. (S. 27)

Und so berichtet uns die Autorin von schmerzhaften Erinnerungen, die bis zurück in die Schulzeit reichen, von sozialer Unbeholfenheit, eigenen Schwachstellen, die sie immer wieder auf die falschen Männer hereinfallen ließ, aber auch von der Unsichtbarkeit der Alleinstehenden.

Das Thema scheine so schambesetzt, auch bei den besten FreundInnen, dass es keinen Ort zu geben scheint, wo die „alte Jungfer“ einfach erzählen und sein darf, wie sie ist, so wie doch all die Paare und Familien da sein und erzählen dürfen.

Dazu kommt für Lindroth die Frage, wie dieser Lebensstil in den Medien, in Büchern und Filmen gespiegelt wird. Wer würde nicht an Bridget Jones denken, über die man eben nicht emphatisch gelacht habe, sondern vielmehr hämisch, da Bridget es, im Gegensatz zu einem selbst, einfach nicht gebacken bekam. Im 21. Jahrhundert kam dann Carrie Bradshaw in Sex and the City. Nun galt es, sich selbst und den anderen das Alleinsein als eigene emanzipierte Wahl zu verkaufen, ja, es konnte als Teil eines erfolgreichen und empowered Lebensstil hochgejazzt werden.

Doch Lindroth betont, dass das für sie nie gestimmt hat, sie und viele andere haben sich diesen Lebensstil eben nicht freiwillig ausgesucht. Besonders vermisse sie inzwischen das alltägliche Geplauder, das Teilen des Alltags. Deshalb müsse man sich zwar keineswegs als Opfer sehen, das ständig in einer bemitleidenswerten Dramafalle sitze, nur sei  es eben schwierig, auch in dieser Lebensrealität mit den dazugehörigen Erfahrungen gehört, gesehen und akzeptiert zu werden. Höchstens werde man huldvoll beneidet, weil man ja keinen Stress mit schreienden Babys und überhaupt so viel mehr Zeit für sich selbst zur Verfügung habe.

Die Sprache machte große Kreise um die Einsamkeit, in der wir alle geboren werden und sterben und dazwischen unser Bestes tun, um sie zu vergessen. (S. 31)

Das Problem ist, dass viele Leute nicht wissen, wie man mit jemandem spricht, der keinen Referenzrahmen in Sachen Zweisamkeit besitzt. Sie lösen dieses Problem, indem sie einen korrigieren oder für nicht vorhanden erklären. (S. 50)

Neben einem kurzen Rückblick in die Geschichte Schwedens im 19. Jahrhundert, als unendlich viele Frauen ledig waren, da es schlicht zu wenig Männer gab, beschreibt sie, wie unterschiedlich ledige Männer und ledige Frauen beschrieben und bezeichnet werden, auch wenn beide mit dem Gefühl der ständigen Zurückweisung umgehen müssten.

Dazu komme, dass die Gesellschaft den Ledigen einrede, versagt zu haben im Spiel um Zweisamkeit und Romantik. Die Ursachen für das Unbehagen der Gesellschaft an den unfreiwilligen Singles sieht Lindroth u. a. darin, dass die alten Jungfern daran erinnerten, dass das Leben eben mehr sei als die Summe von freien, planbaren und bewussten Entscheidungen.

In (sehr) kurzen Exkursen beschäftigt sich die Autorin mit Frauen als Künstlermusen und mit ledigen Frauen in der Literatur sowie mit einsamen Silvesternächten auf der Couch.

Am Ende kann man vielleicht sagen, dass sich die Autorin durch ihre Altjungfernschaft hindurchgewagt hat und so etwas wie einen Ausblick, eine neue Standfestigkeit für die Zukunft gewonnen hat, da nun auch die – zunächst unfreiwillig erduldeten – positiven Auswirkungen des Ledigseins auf die eigene Biografie mit berücksichtigt werden können.

Fazit: Ein zwar sehr sprunghaft und assoziativ geschriebenes Werk, das aber randvoll mit Ehrlichkeit und nachdenkenswerten Überlegungen ist. Sehr gern gelesen.

Lieblingsstelle:

Einsamkeit. Wie sieht sie aus? Wie ein Lavafeld auf Island. Keine Bäume, keine Pflanzen. Nur Grautöne, Weite, Himmel – vielleicht ganz in der Ferne ein kleiner Busch, der im eisigen Wind zittert. […] Genau so sieht meine Einsamkeit aus. Ich kann in dieses große Nichts hineingehen, mich hineinlegen und zu Hause fühlen. Man sieht keinen Unterschied zwischen mir und der Landschaft. Der Gedanke klingt depressiv, das höre ich auch, aber in meiner Erinnerung ist es nicht so. Eher wie ein kurzer Moment des Bodenkontakts. Als ob ich […] plötzlich auf dem Grund meines Lebens gestanden und gespürt hätte, wie die Einsamkeit in mir sich mit der Einsamkeit der Landschaft verband, die sich wiederum mit dem Horizont vereinte, der nur ein schmaler Saum gegen eine noch größere Öde war, die im Universum wohnt. Und plötzlich war meine Einsamkeit so groß, so uralt und eine so allgemeine Erfahrung, dass ich mich überhaupt nicht mehr einsam fühlte. (S. 69)

Zu dem Buch passt ganz ausgezeichnet der Artikel Ersatzreligion Liebe aus der FAZ.

Thomas Hettche: Herzfaden (2020)

Ein Buch über die Familie Oehmichen, der wir die Augsburger Puppenkiste verdanken; das fand ich zunächst eine ausgesprochen reizvolle Idee. Doch nach der Lektüre des Werkes, das es ja auch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, keinerlei Begeisterung, eher verwunderte Enttäuschung, mit der ich anscheinend ziemlich allein auf weiter Flur stehe, wenn ich mir so die zahlreichen Kritiken anschaue.

Schon mit dem Stil konnte ich mich nicht anfreuden. Der sollte vermutlich schlicht, märchenhaft nostalgisch und ein wenig kindlich klingen, hat mich aber oft nur an Zuckerwatte erinnert. Mit Details ohne Funktion. Manchmal plakativ. Als die  achtjährige Hannelore ihrer Schwester ein Geheimnis anvertrauen möchte, heißt es:

‘Was denn für ein Geheimnis?‘ flüstert die Schwester zurück, ganz dicht an ihrem Ohr. Sie spürt den heißen Hauch ihres Atems. (S. 14)

Und viele Jahre später, als die Puppenspieler zu einer Aufnahme nach Hamburg fahren:

Auf ihrer langen Fahrt in den Norden, die sie an diesem Januartag durch das ganze Land führt, geht es zunächst über kleine Straßen nach Nürnberg, da kommt die Sonne hervor. Über den Hügeln von Würzburg liegt Schnee.  Hier erreichen sie die Bundesstraße, die sie weiter nach Bad Hersfeld zur Autobahn bringt. Wie eine immer dünner werdende Schraffur verschwindet der Schnee. (S. 233)

Und die Soldaten der Wehrmacht sind plötzlich einfach ‚harte Kerle‘, als Walter Oehmichen erzählt, wie er im Krieg Kameraden mit selbstgebastelten Puppen unterhält:

Ich hatte die Puppen aus allem zusammengebaut, was sich eben finden ließ, klapprige Dinger waren das, ganz unansehnlich, mit ein paar Stofffetzen behangen. Und doch waren sie lebendig. Und meine Kameraden, alles harte Kerle, die grauenvolle Dinge erlebt hatten, wurden plötzlich wieder zu Kindern. (S. 42/43)

Stellen, die sich stärker auf die geschichtlichen Hintergründe des Nationalsozialismus beziehen, wirken auf mich manchmal nachgerade hilflos, verkleistertverkitscht, auch wenn sie vermutlich das Verdrängte, das Totgeschwiegene veranschaulichen sollen. So erklärt Walter Oehmichen seiner Tochter Hannelore, genannt Hatü, dass er als ehemaliger Landesleiter der Reichstheaterkammer nicht entnazifiziert werde und deshalb nicht zurück ans Theater könne.

‚Warum warst du Landesleiter der Reichstheaterkammer?‘

‚Ach, Hatü.‘

Der Vater schüttelt mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf. Hatü wartet, dass er weiterspricht, doch er schweigt. (S. 117)

Hettches eigene Klarstellung am Ende des Buches, dass es ihm „nicht vor allem um Fakten“ gegangen sei, „sondern um ein Porträt der Puppenschnitzerin Hannelore Marschall, die für die junge Bundesrepublik so wichtig gewesen ist“, möchte ich mit deutlich hochgezogenen Augenbrauen versehen.

Zumindest irritiert es mich, dass beispielsweise die Rede Ernst Wiecherts am 11. November 1945, die er in München gehalten hat, kurzerhand in den Ludwigsbau nach Augsburg verlegt wird. Und die Person der Hannelore, ach, eigentlich alle Personen, bleiben so seltsam vage, wattig.

Am Ende weiß ich weder, welche der Geschichten stimmen, noch konnte mich das Buch so in seinen Bann ziehen, dass die Frage nach Fakt oder Fiktion unwichtig geworden wäre. Letztendlich empfand ich das Buch als eine Art von Edelkitsch, den ich unangenehmer als echten Kitsch finde, weil Edelkitsch vorgibt, mehr zu sein, als er tatsächlich ist.

Wenig hilfreich auch die in die Haupterzählung eingestreute Geschichte eines modernen Teenagers mit iPhone, der erkennt, wie tröstlich und real die Marionetten sind; ich fand sie plakativ und äußerst unspannend.

Ich wünschte, jemand aus der Augsburger Puppenspielerdynastie, die ein so schönes Stück bundesrepublikanischer Zeitgeschichte geschaffen haben, hätte selbst das Buch geschrieben.

Märchenhaft sind nicht die Geschichten, die wir erzählen, ein Märchen ist das Erzählen selbst. (S. 167)

Ein Augenschmaus zur Augsburger Puppenkiste ist übrigens diese Seite.

Und hier noch ein Interview mit Hettche auf der Seite des Deutschlandfunk.

Aber wie gesagt, allen anderen hat das Werk wohl ausnehmend gut gefallen. Wiebke Porombka beispielsweise steigt in ihrer positiven Besprechung des Werks gleich auf der  höchsten Metaebene ein, die zur Hand war. Das war mir für dieses Buch dann wirklich „too much“ …

Über Traumata, geleugnete oder verdrängte Schuld oder die mehr oder mitunter subkutanen oder nicht sanktionierten Kontinuitäten nationalsozialistischer Gesinnung – über die Mentalität der frühen Bundesrepublik mithin ist viel geschrieben worden. Wohl selten aber so vielschichtig und reflektiert und im besten Sinne so wundersam, so ernst und gleichzeitig so sprühend albern wie Thomas Hettche dies in seinem Roman „Der Herzfaden“ vermag.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa (OA 2018)

Ein Roman von über 500 Seiten von einem Schriftstellers, der mal wieder zeigt, dass aus den Niederlanden faszinierende, freche und unbekümmert kluge Bücher kommen. Ins Deutsche übersetzt wurde das Werk des renommierten Dichters und Autors (*1968) von Ira Wilhelm.

Im Spiegelkabinett zwischen Realität und Fiktion erzählt hier ein Schriftsteller  namens Ilja Leonard Pfeijffer in der Ich-Form, wie er sich nach großem Liebeskummer in das altehrwürdige und ein wenig aus der Zeit gefallene Grand Hotel Europa einmietet, das gerade von einem chinesischen Investor übernommen wurde und dementsprechend langsam umgemodelt wird, um mehr Gäste aus China anzulocken. In dieser Abgeschiedenheit will er schreibenderweise verstehen, was ihn in seine jetzige Lage gebracht hat. Der Kummer gilt der Dame seines Herzens, einer betörend schönen italienischen Kunsthistorikerin, die er in Genua, wo er schon seit Jahren lebt, kennengelernt hat.

Ich musste alles präzise aufschreiben, obwohl mir klar war, dass der Drang, es zu erzählen, um es mit Aeneas‘ Worten an Dido zu sagen, den Verdruss wieder auffrischen würde. Es gibt kein Ziel ohne Klarheit darüber, von wo man aufgebrochen ist, und keine Zukunft ohne eine deutbare Version der Vergangenheit. Ich kann besser nachdenken, wenn ich dabei ein Schreibwerkzeug in Händen halte. Tinte klärt. Nur durch das Schreiben bringe ich meine Gedanken unter Kontrolle. Das war meine Aufgabe. Deshalb war ich hier.  Aufschieben war zwecklos. (S. 15)

Und so flanieren wir mit dem kunstbewanderten (und chauvinistischen) Erzähler und seiner Partnerin in der Vergangenheit durch Genua und Venedig, Orte, die wunderbare und geschichtssatte Bühnen für ihre temperamentvolle Liebesgeschichte bieten.

Wir lernen aber auch die anderen Hotelgäste kennen, z. B. die Amerikanerin Jessica, die „ein langes schwarzes Kleid in den Dimensionen einer Schutzhaube für einen mittelgroßen Lieferwagen“ trug, sowie ihren Mann, der sich für das „Schlichte entschieden“ hatte:

breite braun-beige Krawatte zu grau-blau kariertem Hemd und farblich passendem braun-grün kariertem Jackett mit sportlichen Wildlederapplikationen an den Ellbogen. Er sah aus wie ein Jagdaufseher bei einem Benefizabend zur Bewahrung der Biberbaue. (S. 279]

Dazu kommen noch der Majordomus des Hotels, Herr Montebello, und der Page Abdul, ein geflüchteter junger Mann, der nichts lieber täte, als seine Vergangenheit zu vergessen. Während der Schriftsteller die ein oder andere Zigarette mit Abdul raucht, entlockt er ihm dabei dann doch nach und nach seine Geschichte, die wiederum einige Überraschungen birgt.

Obwohl ich hierhergekommen war, um in meiner eigenen jüngeren Vergangenheit Ordnung zu schaffen, indem ich auf dem Papier rekonstruierte, welche Kette von Ereignissen dazu führte, dass ich mir diese Aufgabe auferlegte, und obwohl ich mich gerade deshalb für das Grand Hotel Europa als Aufenthaltsort entschieden hatte, weil ich kaum erwartete, dass hier etwas geschähe, was mich von der gewissenhaften Erledigung meiner Aufgabe ablenken könnte, beeindruckte mich die Geschichte von Abduls jüngerer Vergangenheit so sehr, dass ich mich dazu verpflichtet fühlte, sie aufzuschreiben. Ich konnte nur mit großer Mühe den Gedanken verdrängen, dass meine Geschichte verglichen mit seiner eitel und nichtig war. Meine einzige Entschuldigung dafür, so viel Zeit und Energie auf die Wiederaufführung eines Luxusdramas zu verwenden […], bestand darin, dass es sich bei dem Luxusdrama nun mal um meine Geschichte handelte und dass sie mich aus diesem Grund stark berührte. Doch Abduls Geschichte werde ich ebenfalls erzählen. Alle Schriftsteller Europas sollte die Geschichten aller Abduls erzählen. (S. 75/76)

Darüber hinaus geht es um die letzten Gemälde des Malers Caravaggio, das Schicksal von ertrunkenen Schiffsflüchtlingen und eine seltsame Crew aus Holland, die überlegt hatte, mit dem berühmten Schriftsteller einen Film über die verschiedenen Spielarten des Tourismus zu drehen. Doch wenn das nicht zustände käme, könne man das Material ja immer noch für einen Roman verwenden.

In all diese Handlungsfäden hinein verwoben sind verschiedene Themenkomplexe, zu denen sich der Erzähler so seine Gedanken macht. Auch in den diversen Dialogen spielen diese Aspekte immer wieder eine wichtige Rolle. Sei es der überall in Europa erstarkende Rechtspopulismus, die Notwendigkeit, uns Geschichten zu erzählen, oder die Überlegungen dazu, was Europa eigentlich ausmacht. Hat das ideale Europa der Kunst, der Kultur, der Philosophie überhaupt noch eine Zukunft oder wird es allmählich zum künstlichen und letztlich austauschbaren Spielgarten asiatischer und arabischer Konsumgelüste? Stichworte wie die Verramschung von Venedig und Amsterdam, die an ihrer eigenen Schönheit und den dadurch angelockten Massen zu ersticken drohen, die Immobilienhaie oder die megalomanen Pläne einer Außenstelle des Louvre in den Arabischen Emiraten sind nur einige der weiteren Aspekte.

Eng damit verbunden sind die Fragen nach den Ursprüngen des Reisen und was genau der moderne Tourist eigentlich sucht und selten findet. Der Tourist ist für den Erzähler eine höchst ärgerliche Herdenfigur der Globalisierung, grundsätzlich miserabel gekleidet, respektlos, infantil und gierig; kurzum ein Mensch, der eigentlich nichts anderes tut, als zum Absaufen von Venedig und dem Verlust von Authenzität beizutragen, von der Kunst, die er sich anschaut, keine Ahnung zu haben, und den Einheimischen saumselig im Weg zu stehen.

Man sieht sich die Mona Lisa in echt an, weil man die Erfahrung machen will, die Mona Lisa in echt gesehen zu haben. Walter Benjamin nennt das die Aura des Kunstwerks. Nicht das Kunstwerk selbst ist der Sinn und Zweck seiner Betrachtung, sondern die Erfahrung von dessen Nähe, am besten besiegelt mit einem Foto oder einem Selfie. Der Besuch der Mona Lisa im Louvre führt zu keinen tieferen Einsichten, zu keinem ästhetischen Genuss oder Vergnügen, auch gerührt ist man nicht durch den Anblick, sondern man ärgert sich nur über die anderen Touristen. […] Wir wollen uns das berühmte Kunstwerk für einen Moment durch unsere Anwesenheit aneignen. Das ist der einzige Zweck  hinter dem Besuch. Dann machen wir auf unserer Liste ein Häkchen. Wir können sagen, wir haben die Mona Lisa gesehen. (S. 108)

Und wenn Europa so sehr an der angeblich idealen Vergangenheit klebe und keine Vision einer Zukunft entwickele, könne es auch nicht angemessen auf die Ankunft von Flüchtlingen reagieren, die vor allem an der Zukunft interessiert sind. Dabei stellten gerade sie eine Chance für den alten und müden Kontinent dar.

Es ist großes Kino, wie leicht Pfeijffer diese verschiedenen Stränge miteinander verknüpft. Die Figuren sind in aller Überzeichnung so lebensecht, die Beschreibungen und Dialoge so bissig auf den Punkt gebracht, dass ich mich mit Freude – jedenfalls fast immer – durch die Seiten gepflügt habe.

Eine Erzählstimme, die mal missmutig, snobistisch, gelehrt, melancholisch, dann wieder polemisch, zynisch, boshaft, dozierend, selbstironisch, urkomisch und auch ein bisschen arrogant und größenwahnsinnig ist.

Vor allem aber wird man danach die Austauschbarkeit der meisten Hotelzimmer und die immergleichen Plastik-Souvenirshops kaum noch ertragen, niemals Backwaren mit Nutella in Amsterdam kaufen und vermutlich nie wieder so auf Reisen gehen wie zuvor.

Und man wird eine Ahnung, eine Idee von Europa bekommen, die erstrebenswert, wunderschön, idealistisch-verklärt und gleichzeitig utopisch ist und für die es doch, wenn man dem Ich-Erzähler glaubt, vielleicht schon zu spät ist.

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Fundstück von Karl-Markus Gauß

Das Warten ist die unmerkliche Bewegung des Todes. Immer warten wir auf etwas, auf die Mittagspause, das Wochenende, den Besuch der Kinder, die Beförderung, den Urlaub, das Ende des Urlaubs, die Pensionierung, und darüber werden wir alt und sterben wir.

aus: Karl-Markus Gauß: Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer, Unionsverlag 2020, S. 28

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Miss Read: Village School (1955)

Mit großem Vergnügen schmökere ich mich gerade durch die Reihe um die Erlebnisse einer englischen Dorfschullehrerin, geschrieben von Dora Jessie Saint (1913 – 2013), deren Künstlername auf dem Geburtsnamen ihrer Mutter beruht. In den Neunzigern wurde diese charmante Reihe auch ins Deutsche übertragen. Der erste Band erschien unter dem Titel Dorfschule.

Saint hat selbst Jahrzehnte lang unterrichtet, was man den Büchern anmerkt. Sie bieten Entspannung, viel Idylle, eine sehr überschaubare und (fast) heile Welt, wobei das Unschöne und menschlich Verwerfliche allerdings nicht völlig ausgespart werden. Es gibt vernachlässigte Kinder, untreue Ehemänner und den Vater, der seine Familie verprügelt und dem Nachbarn die Hühner stiehlt.

Doch meist ist das Aufregendste, dass jemand neu ins Dorf zieht, der Kirchenchor einen Ausflug unternimmt oder sich ein Junge auf dem Schulhof verletzt und die anderen brüllen, er sei bestimmt tot, ganz bestimmt, sich die Verletzung aber glücklicherweise nur als oberflächlicher Kratzer herausstellt. Oder wenn die Katze eine Ratte mit ins Haus bringt, die im Gegensatz dazu leider doch noch nicht tot ist.

Gleichzeitig hat Miss Read aber einen klaren Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch: Viele können sich die Reparaturen ihrer Strohdächer, bei denen die Städter immer ins ahnungslose Schwärmen geraten, nicht mehr leisten. Die ersten kleinen Dorfschulen werden bereits geschlossen, mehr und mehr Leute ziehen in die Stadt, wollen keine „schmutzige“ Arbeit mehr verrichten und verlieren so den Bezug zu ihrer Herkunft und ihrer Hände Arbeit.

Und es liest sich durchaus interessant, wie doch vor gar nicht langer Zeit der Unterricht in so einer Dorfschule aussah. Was für ein Rundumpaket die Lehrerinnen liefern mussten, um für ihre Klasse – die ja immer mehrere Jahrgänge umfasste – die Grundlagen im Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturkunde, Religion, Musik und Sport zu legen, und zwar so ganz ohne mediale Unterstützung.

Dazu erledigten sie die komplette Bürokratie, teilten das angelieferte Mittagessen aus und schlugen sich mit Beamten der Schulaufsichtsbehörde herum, die nun ganz dem neuen Zeitgeist folgend der Meinung waren, dass es nicht gut sein könne, wenn einige Kinder schon mit fünf Jahren fließend lesen könnten. Und da erstaunt es dann doch, wie miserabel die Bezahlung und die spätere Höhe der Rente war. Zwischenduch war ich verblüfft, wie aktuell sich manches las.

There has been much discussion recently on the methods of marking compositions. Some hold that the child should be allowed to pour out its thoughts without bothering overmuch about spelling and puntctuation. Others are as vehement in their assurances that each word misspelt and incorrectly used should be put right immediately. (S. 117)

Las sich der erste Band streckenweise noch zu sehr nach sozialem Kommentar, hat sich die Autorin ab dem zweiten Band freigeschrieben. Es macht Spaß, ihre Kämpfe mit der grimmigen Putzfrau der Schule, ihrer dominanten Freundin oder mit der neuen Hilfslehrerin mitzuverfolgen, die sehr theoretische Ideen zur Kindererziehung mitbringt. Neben den Vorkommnissen in der Schule sind der Wechsel der Jahreszeiten, die Dorfgemeinschaft mit ihrem allgegenwärtigen Tratsch und Klatsch und das Eingebettetsein in Traditionen und Feste wichtige Themen.

Die Ich-Erzählerin zeichnet ein bodenständiger, liebevoller, oft auch ironischer und sehr genauer Blick auf sich, die ihr anvertrauten Kinder und ihre Mitmenschen aus, der viel Vergnügen macht. Ihre Bücher sind keine Axt für das angeblich gefrorene Meer in uns, sondern eher eine Einladung zum Innehalten, Teetrinken und Pausemachen. Zum gelasseneren und entspannteren Blick.

Miss Gray and I had spent a long singing lesson picking our choir. This was not an easy task, as all the children were bursting to take part, but Miss Gray, with considerable tact, managed to weed out the real growlers, with no tears shed.

‚A little louder,‘ she said to Eric, ’now once again,‘ and Eric would honk again, in his tuneless, timeless way, while Miss Gray listened solemnly and with the utmost attention. Then, ‚Yes,‘ she said in a considering way, ‚it’s certainly a strong voice, Eric dear, and you do try: but I’m afraid we must leave you out this time. We must have voices that blend well together.‘

‚He really is the Tuneless Wonder!‘ she said to me later, with awe in her voice. ‚I’ve never known a child quite so tone-deaf.‘ I told her that Eric was also quite incapable of keeping in step to music; the two things often going together. Miss Gray had not come across this before and was suitably impressed. (S. 109)

Und wenn die ersten warmen Sommertage kommen, dann ist es ausnahmsweise auch in Ordnung, wenn man den Kindern am Nachmittag The Wind in the Willows vorliest oder Schüler und Lehrerin mal viel mehr tagträumen, als ganz fürchterlich viel zu schaffen. Falls man nicht ohnehin gleich eine spontane Wanderung durch die Felder und Wälder der Umgebung unternimmt, bei der man so schon wieder Anschauungsmaterial für die nächste Naturkundestunde sammeln kann.

Wem das zu viel Schule ist: Die Autorin hat noch eine zweite Reihe um die Bewohner des fiktiven Dorfes Thrushcross Grange geschrieben. Auch die eher nostalgisch geprägt und ziemlich weit weg von den modernen Tendenzen der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber niemals süßlich, niemals platt, dafür konnte Miss Read viel zu gut, zu witzig und zu anschaulich schreiben. Die Leserinnen danken es ihr bis heute.

The book, of which I had read such glowing reports, I hurled from my bed of pain about 11 a.m., when the heroine – as unpleasant a nymphomaniac as it has been my misfortune to come across – hopped into the seventh man’s bed, under the delusion that this would finally make her (a) happy, (b) noble and altruistic, and (c) interesting to her readers. Could have told the wretched creature by page 6, that, spinster though I am, this is not the recipe for happiness. (Village Diary, S. 22)

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Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe (OA 2017)

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel Do not become alarmed. Ich bin überrascht über die vielen positiven Besprechungen, die mir – freundlich ausgedrückt – etwas einseitig vorkommen.

Der Roman über die völlig aus dem Ruder laufende Kreuzfahrt zweier befreundeter amerikanischer Familien in Südamerika – die Frauen sind Cousinen – ist zwar spannend, keine Frage. Aber gleichzeitig ist er überfrachtet mit Unwahrscheinlichkeiten und Thrillerelementen.

Während die zwei Mütter mit ihren Kindern an einem Landausflug teilnehmen, die Väter sich beim Golfspielen vergnügen, passiert das Unglück: Die eine Mutter döst ein, die andere spaziert mit dem attraktiven Reiseführer ein paar Meter in den Wald. Niemand bemerkt, dass die spielenden Kinder, die auf dem Fluss mit einem selbst gebastelten Floß spielen, mit der Flut ins Landesinnere getrieben werden. Nachdem sich die Kinder an Land gerettet haben, beschließt der älteste Junge zurückzuschwimmen. Das Krokodil am Flussufer sieht er nicht.

Die anderen Kinder, eines davon Diabetiker, machen sich auf den Weg ins Landesinnere und hoffen, jemanden zu treffen, der sie zu ihren Eltern und zum Schiff zurückbringt. Dummerweise begegnen sie dabei Drogenhändlern, die einen ihrer Kuriere im Urwald verscharren. Und so entspinnt sich zum einen die Odyssee der Kinder, die um ihr Überleben kämpfen, und zum anderen die verzweifelte Suche der Eltern, die mit Bürokratie, fremder Kultur, Schuldgefühlen, Vorwürfen und bodenloser Verzweiflung zu kämpfen haben. Spannend, wie gesagt, man will wissen, wie dieses Drama ausgeht, und immer wieder schimmert das ernsthafte Anliegen des Erzählers durch, uns zu zeigen, wie fragil unser so vermeintlich sicherer Alltag ist. Ein einziger Moment auf einer Kreuzfahrt, die doch gerade der Luxus-Erholung und dem Vergnügen dienen sollte, reicht aus und nichts mehr ist so, wie es war und wie es sein sollte.

‚Weißt du, ich hab den Eindruck, wir haben die ganze Zeit in so einer komischen Blase gelebt, in der es völlig undenkbar war, dass man sein Kind verliert. In Wirklichkeit passiert das allerdings ständig, jeden Tag, überall auf der Welt, schon seit Menschengedenken, und die Leute leben einfach weiter. Sie können sich ja schlecht auf den Boden legen und einfach nur noch schreien.‘

Aber was neben den überflüssigen Thriller-Mätzchen die Lektüre streckenweise zu einer Last gemacht hat, war die Sprache. Das klang nicht rund, nicht geschmeidig, eher so, als ob sich die Autorin dauernd überlegt hätte, was ihre Hauptfiguren jetzt wohl mal denken und sagen könnten. Es stellt sich die Frage, wie viel davon möglicherweise auch auf das Konto der Übersetzerinnen geht, denen beispielsweise der Unterschied zwischen Reliquie und Überbleibsel nicht klar zu sein scheint. Als einer der Väter sich Vorwürfe macht, heißt es in der Übersetzung:

Aber so war es nicht gewesen. Stattdessen war er mit Gunthers Freund, dieser Kolonialismusreliquie, zum Golfplatz gefahren. Benjamin hatte sich im Auto mit Sonnencreme eingeschmiert, Raymond hatte dankend abgelehnt und sich einen Sonnenbrand geholt. Dämlich. (S. 175)

Im Original steht aber:

But that wasn’t what had happened. Instead, he’d gone golfing with Gunther’s friend, that colonial relic, Benjamin had slathered up with sunscreen in the car, smearing it over his face. He’d offered the bottle, but Raymond had turned it down, and wound up getting a black man’s sunburn. Dumb.

Zusammenfassend würde ich sagen: Unterhaltungsliteratur mit reizvoller Grundidee und maximal hölzernen Dialogen.

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Ulla Hahn: Das verborgene Wort (2001)

Lommer jonn, sagte der Großvater, laßt uns gehen, griff in die Luft und rieb sie zwischen den Fingern. War sie schon dick genug zum Säen, dünn genug zum Ernten? Lommer jonn. Ich nahm mir das Weidenkörbchen unter den Arm und rief den Bruder aus dem Sandkasten. Es ging an den Rhein, ans Wasser. Sonntags mit den Eltern blieben wir auf dem Damm, dem Weg aus festgewalzter Schlacke. Zeigten Selbstgestricktes aus der Wolle unserer beiden Schafe und gingen bei Fuß. Mit dem Großvater liefen wir weiter, hinunter, dorthin, wo das Verbotene begann, und niemand schrie: Paß op de Schoh op! Paß op de Strömp op! Paß op! Paß op! Niemand, der das Schilfrohr prüfte für ein Stöckchen hinter der Uhr.

Mit diesen ersten Sätzen hatte Ulla Hahn mich gleich auf ihrer Seite bzw. auf der der Ich-Erzählerin, der kleinen Hildegard, die in einer armen, streng katholischen Arbeiterfamilie in Dondorf am Rhein aufwächst. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei. Der Vater Hilfsarbeiter, die Mutter Putzfrau. Mit dem jüngeren Bruder Bertram muss sie sich ein Zimmer teilen, bis sie als Zwanzigjährige auszieht.

Der liebevolle Großvater hat zwar in der Familie nichts zu melden, sorgt aber dennoch dafür, dass die Enkelin wenigstens den Hauch eines Urvertrauens aufbauen kann, das die niemals lachenden Eltern, die unbarmherzig streng katholische Großmutter und der prügelnde Vater immer wieder beschädigen. Er ist es auch, der den Kindern beibringt, hinzuschauen, hinzuhören und der ihnen das Geheimnis der Buchsteine und Wutsteine anvertraut.

Das verborgene Wort ist der erste Band der Tetralogie, in der Hahn mit starken Anleihen an ihre eigene Biografie der Lebensgeschichte der Hildegard Palm nachgeht: Hildegard unterscheidet sich vor allem dadurch von ihrer Familie, dass sie Buchstaben liebt und Geschichten als Fluchtburgen aus einer lieblosen und wenig anregenden Umwelt empfindet, beste Noten schreibt und unendlich dafür kämpft und unfassbare Prügel dafür einstecken muss, die Realschule, dann schließlich sogar das Gymnasium besuchen zu dürfen, anstatt mit einer Ausbildung zum kargen Einkommen der Familie beizutragen.

Nur weil sich Lehrer und der Pastor dafür einsetzen, gibt die Familie schließlich ihren Widerstand gegen den Bildungshunger der Tochter auf. Ihnen erscheint das alles als brotlose Kunst, Wissen bringe eben kein Essen auf den Tisch, zumal ein Mädchen sowieso irgendwann heirate. Und ein bisschen peinlich ist es wohl auch, weil man sich das Schulgeld schenken lassen muss, selbst das Schulgeld für den Bruder, der auf das Gymnasium geht, hat dessen Patentante übernommen.

Über 620 Seiten begleiten wir Hilla nun dabei, wie sie im Kindergarten unabsichtlich eine Vase kaputtmacht, erleben, ob welcher Nebensächlichkeiten der Vater seinem Jähzorn freien Lauf lässt, dem Kind erscheint er zunächst wie ein Ungeheuer. Mutter und Großmutter können ihn einmal nur knapp davon abhalten, das Kind halb totzuschlagen, indem sie ihn warnen, dass das sonst dem Pastor zu Ohren käme.

Dazwischen auch komische Szenen, entlarvende Szenen, die Tanten, die Cousinen, die dafür sorgen, dass auch rheinische Heiterkeit, Biederkeit und Renitenz zum Tragen kommen.

Dann wieder geht es mit Bruder und Großvater an den Rhein. Und Hilla verliert und verliebt sich in ihre Buchstaben und Bücher. Mit dem gleichen Dickkopf, mit dem anscheinend alle in ihrer Familie ausgestattet sind, bringt sie sich selbst Hochdeutsch bei, da der Dialekt als Sprache der einfachen Leute, der Putzfrauen verpönt ist, fängt an, sich ihrer Familie zu schämen, möchte ihnen beibringen, dass unter eine Tasse noch die Untertasse gehört. So entsteht natürlich weitere Distanz zur Familie. Nur Bertram, der Bruder, und ihr Großvater stehen immer zu ihr.

Erst sehr viel später – da sind wir schon im zweiten Band Aufbruch – gibt es auch köstliche Szenen, in denen Mutter, Großmutter, Tanten und Cousinen es spannend finden und miteinander darum wetteifen, wie viele Wörter sie eigentlich kennen, die ursprünglich aus dem Lateinischen kommen, der „Sprache Gottes“.

Das Buch ist mit langem, man könnte auch sagen sehr langem Atem geschrieben. Szene um Szene, Erinnerung um Erinnerung wird begutachtet, geschildert, ausgekostet, um nur gleich weitere Szenen – oft mit ähnlichem Gehalt – zu erzählen.

Ein bisschen wellenartig, manchmal war es mir zu viel, zu ausführlich, hätte ich Absätze radikal gekürzt und ich dachte an die Dramaturgie von Ein Baum wächst in Brooklyn, das eine ähnliche Geschichte in einem Roman verarbeitet und durch eine straffere Auswahl mir oft wuchtiger und eindrücklicher erschien.

Kaum zu Hause, erzählte ich alles Frau Peps. Frau Peps war meine Vertraute. Schwarz, matt, graugeschabt an den Kanten, ausrangiert von der Frau Bürgermeister, hatte sie die Großmutter noch einige Jahre in die Kirche begleitet, dann war der Schnappverschluß ausgeleiert, die Tasche nicht mehr zu gebrauchen. Da gehörte die Tasche mir. Frau Peps gehörte mir. Frau Peps war meine Freundin. Mit Birgit, Hannelore, Heidemarie konnte ich spielen; sprechen tat ich mit Frau Peps. Keiner hörte mir so geduldig zu wie sie, keiner vermochte mich zu trösten, zu besänftigen, aufzumuntern wie sie. (S. 22)

Dennoch halte ich Das verborgene Wort und Aufbruch für ganz wesentliche Bücher. Zum einen, weil sie ein wunderbares Beispiel für Kampfesmut und Resilienz sind. Hilla gibt nicht klein bei, lässt sich nicht einfangen, lässt sich nicht brechen. Zu Recht spricht Hahn von dem widerborstigen Lebenswillen ihrer Protagonistin, von dem sich so mancher etwas abschauen könnte. Außerdem ist es eine Einladung an die LeserInnen, über die eigenen Sozialisationsbedingungen nachzudenken, vielleicht dankbar zu sein für die ein oder andere Hürde, die man selbst nicht (mehr) nehmen musste.

Und in Aufbruch, dem zweiten Band der Tetralogie, wird der Blick auf die Familie vielleicht nicht milder, aber vielschichtiger, die Umstände, die den Vater, die Mutter, die Großmutter so gemacht haben, wie sie sind, werden mit in den Blick genommen, so kann etwas wie Mitleid und Verständnis, aber auch Wut auf die früheren Generationen entstehen.

Literatur wird hier nicht einfach als wohlfeile Glücksformel verklärt. Am Anfang gelingt Hilla mit ihrer Hilfe zwar die Flucht aus einer öden, oft genug auch brutalen Welt. Doch die ersten Male, als sie ihre Erkenntnisse aus den Romanen an der wirklichen Welt erproben will, erleidet Hilla ziemlichen Schiffbruch. Die unglückliche Frau, die all ihr Erspartes an einen Heiratsschwindler verloren hat, lässt sich von Hillas aus den Romanen übernommene Idee, ins Kloster zu gehen, nicht trösten, sondern geht in den Rhein. Auch als Cousine Maria an Brustkrebs erkrankt, können die Buchstaben die Wirklichkeit nicht mehr so ohne Weiteres auslöschen und unschädlich machen. Die Krankheit, die Schmerzen, die Traurigkeit sind zu real.

Und doch das Glück, als man bei der Frage, ob die Cousine wohl einen Evangelischen heiraten dürfe, voller Stolz auf die Ringparabel aus Nathan der Weise verweisen kann. Und siehe da, der Pastor kennt das Stück und erlaubt die Eheschließung, solange sie katholisch vonstatten gehe und  man die Kinder gut katholisch erziehen wolle.

Das verborgene Wort und Aufbruch schildern trotz aller Redundanzen einen Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit anschaulicher, emphatischer und nachdrücklicher, als das jedes Geschichtsbuch könnte. Sie erzählen von armen Familien mit Plumpsklo, die einmal in der Woche alle im gleichen Wasser badeten, von versehrten Menschen, auch der Vater wurde schließlich nicht als prügelndes Monster und die Mutter nicht als ewig missmutig Unterwürfige geboren. Sie erzählen vom Wirtschaftswunder, dem Auschwitz-Prozess und vom zwiespältigen Einfluss des Katholizismus. Die Kirche, so  Ulla Hahn in einem Interview,

war zwar für geistige Enge mitverantwortlich, aber Enge gibt ja auch Halt. Es war am Ende besser, mit diesem Katholizismus aufgewachsen zu sein als bindungslos. In Aufbruch spielt der Auschwitz-Prozess eine große Rolle. Als die Familie darüber spricht, zeigt sich, dass dieser naive Katholizismus eine Impfung gegen den Nationalsozialismus sein konnte. In Hillas Dorf zählte die Bibel mehr als Mein Kampf. Meine Großmutter hat bei Nazifesten die Kirchenfahne herausgehängt. Die Leute waren mutig, aber das war ihnen kaum bewusst.

In einem anderen Interview weist Hahn darauf hin, dass die Kirche „in so einer armseligen Dorfgemeinschaft der Kulturträger [war].

Wo habe ich zum ersten Mal einen schönen Raum gesehen, Überfluss, schöne Gewänder, Kerzen? Wo zum ersten Mal Musik gehört? Worte, die nicht nur zum Schimpfen da waren? In der Kirche. Das war ungeheuer wichtig. 

Aber es geht auch um die Arroganz der Fabrikbesitzer und immer höhere Stückzahlen, die den Fabrikarbeiterinnen, mit denen Hilla in den Ferien Pillenschächtelchen füllt,  abverlangt werden, um die ersten Gastarbeiter, die in Baracken hausen und nirgendwo dazugehören. Um die ersten Milchbars und Colas und die Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht und um Gespräche der Fabrikarbeiterinnen, in denen es um die allesamt illegalen und gefährlichen Abtreibungsmöglichkeiten geht; war eine Geburt doch nur innerhalb der Ehe denkbar, wollte man seine gesellschaftliche Reputation nicht verlieren. 

Eine verheiratete Frau, die arbeiten gehen mußte, zählte nur halb. Ihr Ansehen war geringer als das einer Nichtverheirateten. Einer Noch-Nichtverheirateten. Am Ende der Rangordnung stand, wer keinen mitgekriegt hatte. (S. 288)

Die ersten zwei Romane erzählen außerdem  von der Einsamkeit, der Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit, wenn man selbst eine Vergewaltigung ganz mit sich allein abmachen musste, aber auch von der sozialen Kontrolle durch Verwandte, Nachbarn und Dorfklatsch, dem ersten Fernseher und dem ersten Supermarkt im Dorf, den ersten Unterhaltungssendungen, Grzimek gegen Sielmann, den Schlagern, die wirklich alle mitsingen konnten, und – das ist eine meiner Lieblingsstellen in Aufbruch – vom Ereignis, das der neue Quelle-Katalog darstellte, die Frauen der Familie sich zum Kaffee trafen, ihn gemeinsam durcharbeiteten und kommentierten und man die Seiten, auf denen Hosenanzüge für Frauen zu sehen waren, vor der strengen Oma verstecken musste.

Und hier noch eine hinreißende Internetquelle: das Wirtschaftswundermuseum.

Oder wie Ulla Hahn in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger erklärt:

Seine Herkunft trägt man immer in sich. Das muss einem aber nicht zeitlebens als Bürde erscheinen. Es kommt darauf an, eine Last in Proviant zu verwandeln. In Erfahrung, von der man auf seiner Lebensreise zehren kann. Das ist dann noch mehr als Versöhnung.

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Fundstück von Eva Sternheim-Peters

Was wäre gewesen, wenn die katholischen Geistlichen, die Ordensschwestern und Ordensbrüder, an denen es in Paderborn, weiß Gott, nicht mangelt, sich 1941 einen Judenstern an die Soutane, das Ordenshabit, die Schwesterntracht gesteckt hätten? Wenn in allen Kirchen offen und unverhüllt für die Juden gebetet und gegen ihren Abtransport gepredigt worden wäre – nicht von Einzelnen, sondern von allen […]? Man hätte die katholischen Sternträger nicht alle verhaften können, ohne das Risiko eines Volksaufstandes in Paderborn einzugehen.

aus: Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? Europa Verlag, Berlin 2015, S. 423

Henning Boëtius: Der Insulaner (2017)

Der Insulaner: ein fast eintausend Seiten langer Roman über den Schriftsteller B., dessen wesentliche Lebensdaten eine sicher nicht zufällige Ähnlichkeit mit denen des Autors Henning Boëtius (*1939) aufweisen.

Beinahe hätte ich das Buch schon aufgegeben, bevor ich richtig angefangen hatte. Selten hat mich ein erster Absatz so dermaßen personalpronomenmäßig verwirrt. Aber dann habe ich mich doch weitergewagt, mit eher durchwachsenem Erfolg.

Auf der einen Ebene der Erzählung geht es um den älteren B., bei dem ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Ihm steht eine gefährliche Operation bevor und so befürchtet er, seine Erinnerungen zu verlieren. In einer merkwürdig grauen Zwischenwelt reist er in eine Stadt, mietet sich in einem Hotel ein und sucht nun täglich einen fast gesichtslosen Mann auf, dem er seine Lebensgeschichte erzählt. Es bleibt offen, ob es sich dabei um Narkosefantasien handelt oder ob diese Erinnerungen vor allem der Selbstvergewisserung dienen.

‚Während der Narkose ist das Ich also ein Insulaner, dessen Lebensraum sich über viele voneinander isolierte Inseln erstreckt, über einen ganzen Archipel an Einsamkeiten.‘ (S. 28)

Jedenfalls möchte B. verstehen, was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist. Warum er Schriftsteller geworden ist und nicht, wie es auch eine Zeitlang denkbar schien, Atomphysiker, warum all seine Beziehungen zu Frauen gescheitert sind. Warum er keine Freunde mehr hat.

Einsamkeit ist die größtmögliche Nähe zu sich selbst. Sie erzeugt einen vielstimmigen inneren Monolog, der im Tod in einer grandiosen Formulierung ausklingt. (S. 529)

Ja, falls er die Operation nicht überleben sollte, bittet er darum, nur die Kellnerin aus einem nahe gelegenen Café zu benachrichtigen. Zwischen diesen Sequenzen in der Stadt oder im Hotel erzählt uns der Ich-Erzähler und Schriftsteller seine Lebensgeschichte.

Mein erster Lebensort war der Kopf meiner Mutter. […] Es war ein seltsamer Ort. Seine Einrichtung verriet einen ungewöhnlichen Geschmack. Eine wilde Mischung aus Wünschen, Bedürfnissen, Träumen, Vorurteilen, Ängsten, Lektüre, wobei vor allem die Gedichte Rilkes eine wichtige Rolle spielten. Außerdem waren da einige kreative Fähigkeiten wie eine große zeichnerische Begabung und ein beachtliches Talent, anschaulich zu formulieren, und nicht zuletzt eine fast zwanghafte Neigung zum Inszenieren. (S. 42)

Die Schilderungen der Kindheitserinnerungen waren ungemein anschaulich und anrührend, die Kriegsjahre, die Bombennächte, die schlimmen Bilder, die das Kind sieht.

Wenn einem offensichtlich, wenn auch vergeblich, nach dem Leben getrachtet wird, macht einen das nicht gerade stark. Im Gegenteil, es kann einen für immer verunsichern. Es ist wie eine innere Beschmutzung. (S. 169)

Die komplizierte Familienkonstellation, diverse Verwandte und „Onkelgötter“, die Einsamkeit als Kind; zu seinem zehnten Geburtstag erscheint kein einziges der eingeladenen Kinder. Das Aufwachsen mit einem Kapitänsvater, der selten zu Hause sein konnte, und einer überspannten Mutter, die einen Großteil der Schuld daran trägt, dass ihr Sohn in der Schule als arroganter Außenseiter wahrgenommen wird (und sich oft genug auch so aufgeführt hat). Entscheidende Kinder- und Jugendjahre des Erzählers verbringt die kleine Familie auf Föhr, der Heimatinsel des Vaters.

Die Lehrer können auf die Begabung des Kindes nicht angemessen reagieren und viel zu oft versucht der Junge mit anderen in Kontakt zu treten, indem er ihnen lange Abhandlungen über naturwissenschaftliche Phänomene hält. Hören will das niemand. Als er seinen siebzehnten Geburtstag feiert, kommen zwar die Freunde. Doch er wundert sich, dass sie es nicht witzig finden, als er ihnen mit einer speziellen Konstruktion Stromschläge am Küchentisch verpasst.

Gleichzeitig erwacht auf Föhr die lebenslange Liebe zum Meer, zur Inselnatur und zur Literatur. Kafka, Dostojewski, Tolstoi, Karl Philipp Moritz und später vor allem Lautréamont mit Die Gesänge des Maldoror.

Als der Erzähler älter wird, überrascht das Anspruchsdenken des jungen Mannes, der es als selbstverständlich ansieht, dass ihm die Eltern den Studienort finanzieren, den er wählt. Dass sie ihm die Unterhaltszahlungen erhöhen. Er hat auch kein Problem damit, sich jahrelang bei seinen Freundinnen durchzuschnorren.

Er studiert und promoviert in Frankfurt bei Adorno, dessen Vorlesungen er „Messen des Denkens“ nennt, bei denen auch schon mal „ein Schauer der Bewunderung und der Selbstinfragestellung“ durch die andächtigen Reihen gegangen sei. Da ergeben sich interessante zeitgeschichtliche Einblicke. Marie Luise Kaschnitz und andere protegieren ihn und fördern ihn. Was ihn nicht daran hindert, mehrmals in seiner beruflichen Laufbahn einfach „die Brocken hinzuschmeißen“, Angebote auszuschlagen, Kollegen hängenzulassen, gerne auch mal wenige Stunden vor wichtigen Terminen und Sitzungen.

Seine Beziehungen zu Frauen gestalten sich ebenfalls recht merkwürdig. Beim Scheidungstermin seiner ersten Ehe kommen die beiden händchenhaltend an, bis sie der Scheidungsrichter anrüffelt. Die drei Kinder aus dieser Ehe werden im Buch allerdings nur in wenigen Sätzen gestreift. Einen Tag nach seiner zweiten Eheschließung brennt er mit einer anderen Frau durch. Irgendwann dann sogar ein Tief, das ihn für längere Zeit in die Wohnungslosigkeit führt. Die ersten Schritte als Schriftsteller. Für diesen „Zustand“ müssen seiner Meinung nach fünf Voraussetzungen gegeben sein: existentielle Konflikte wie Einsamkeit und die Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Lebens, Naturerfahrung, Bildung, Menschenerfahrung und Protest gegen alle Konventionen.

Aber war Schriftsteller zu sein überhaupt ein Beruf? War es nicht vielmehr eine besondere Spielart der Einsamkeit? Er hatte das Schreiben nie als Arbeit empfunden, eher als eine Art Zeitvertreib. Und zwar im wörtlichen Sinne. Man vertrieb die Zeit, indem man über sie schrieb, über die Dinge und Menschen, die sich in ihr bewegten wie Raupen auf einem Blatt. (S. 86)

Die Zwischensequenzen, die den eigentlichen Lebensrückblick immer wieder unterbrechen und ihn vermutlich literarisch veredeln sollen, interessierten mich wenig. Die Einblicke ins Frankfurter Studentenleben in den Sechzigern fand ich hingegen interessant und besonders die Teile des Romans, in denen es um B.s Kindheit geht, habe ich mit Anteilnahme gelesen. An einer Stelle heißt es:

Um glaubhaft von seiner Kindheit zu reden, muss man ein Kind sein, wenigstens ein künstliches. Außerdem ergaben die einzelnen Erinnerungen kein ganzes Bild. Es war ungefähr so, als ob man die Teile eines Puzzles in die Luft warf und erwartete, dass sie sich von selbst zusammenfügten, wenn sie wieder auf dem Boden landeten. (S. 121)

Hätte Boëtius sich darauf beschränkt, nur die Puzzleteile seiner Kindheit in die Luft zu werfen, ich glaube, dass dabei für den Leser ein wunderbar packendes Bild entstanden wäre. Doch je älter die Hauptperson wird, umso stärker wird zeitlich gerafft, manches wird nur noch referiert. Manchmal gerieten die sprachlichen Bilder sehr schräg:

In dieser doppelten Dunkelheit brütete ich das zerbrechliche Ei der Todesangst aus. (S. 147)

Am Ende überwiegt mein Eindruck, dass hier ein Autor – zumindest in weiten Teilen – ein Buch vor allem für sich selbst geschrieben hat, sagt der Erzähler doch schon ganz früh über sich:

Ortsmenschen wie ich reagieren meistens nur schwach auf ihre Mitmenschen. Alles, was sie interessiert, ist jenes Theaterstück, das sie ihr Leben nennen, das Stück, in dem die Kulissen die Hauptrolle spielen, während die Menschen nur Statisten sind. (S. 40)

Wenn ein „glattes“ Leben in eine langweilige Erzählung mündet, dann hat man vielleicht einfach nicht genau genug hingeschaut. Und genauso wenig denke ich, dass eine auch äußerlich interessante Lebensgeschichte eher das Potential zu einem Kunstwerk hat.

Erinnern kann wie eine unbarmherzige Sonne sein, die schonungslos ihr Licht auf die Vergangenheit wirft. Dabei kommt oft auch Unschönes zu Tage. Wenn ihre Strahlen auf eine glatte Fläche treffen, werden sie nur Langweiliges zu Tage fördern. Ist die Vergangenheit rau bewegt wie das Meer, kommt vielleicht ein Kunstwerk zu Vorschein. (S. 38/39)

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Kazuo Ishiguro: The Unconsoled (1995)

Den meisten ist Kazuo Ishiguro (*1954 in Japan) wohl eher als der Autor des mit Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmten Romans The Remains of the Day bekannt, für den er 1989 den Booker Prize erhielt. 2017 wurde der britische Schriftsteller schließlich mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Doch heute soll es um sein 1995 erschienenes Werk The Unconsoled gehen, das ein Jahr später auf Deutsch unter dem Titel Die Ungetrösteten erschien. Wie schnelllebig der Literaturbetrieb funktioniert, sieht man vielleicht  daran, dass dieser Roman schon nicht mehr als gebundene Ausgabe lieferbar ist. So muss ich also auch weiterhin mit meiner langsam arg vergilbten englischen Taschenbuchausgabe mit der fürcherlich kleinen Schriftgröße vorliebnehmen. Nun aber zum Inhalt:

Der bekannte und von allen sehnsüchtig erwartete Pianist Ryder trifft in einer nicht namentlich genannten europäischen Stadt, möglicherweise in Österreich, ein. Dort hat er am Donnerstag einen Auftritt, dessen Modalitäten ihm aber seltsam unklar sind. Anscheinend soll er außerdem vor seinem Konzert einen kurzen Vortrag halten, für den er den kulturellen Zustand der Stadt eruieren und bei dem er keine der diversen Fraktionen mit ihren Günstlingen unfair behandeln will. Mal ganz abgesehen davon, dass einige Übungsstunden und die Inaugenscheinnahme des Konzertgebäudes sicherlich ebenfalls sinnvoll wären.

Doch Ryder hat seltsame Erinnerungslücken, weiß nicht, welche Informationen er bereits erhalten hat und wer für was zuständig ist. Dazu kommt seine unselige Neigung, es wirklich allen recht machen zu wollen und auf gar keinem Fall irgendwelche Wissenslücken zuzugeben. Sein Selbstbild darf nicht in Frage gestellt werden, und so wäre es ihm peinlich, bei irgendetwas nachzufragen, was ihn natürlich nur immer tiefer in den Schlamassel reitet und ihn wichtige Termine versäumen lässt.

Zu allem Überfluss wollen alle, mit denen er in Berührung kommt, irgendetwas von ihm. Das beginnt bei seiner Ankunft im Hotel, als der Portier Gustav, der die merkwürdige Angewohnheit hat, die Koffer im Aufzug nicht abzustellen, den Pianisten nicht nur inständig bittet, an einem der Treffen einer merkwürdigen Portiersrunde teilzunehmen, sondern auch anfragt, ob Ryder nicht einmal mit seiner Tochter Sophie sprechen könne, die in letzter Zeit so niedergedrückt wirke. Gleichzeitig scheint Ryder aber eine komplizierte Beziehung mit Sophie zu verbinden. Möglicherweise ist der kleine Boris sogar ihr gemeinsamer Sohn.

Aber da sind noch viele weitere, wie zum Beispiel der Hotelmanager, dessen Sohn, andere Künstler oder ehemalige Schulfreunde, die in traumhaften Sequenzen plötzlich auftauchen. Bei manchen der Anliegen scheint es sich nur um kleine Gefälligkeiten zu handeln, die sich dann aber durch leicht surreale Ereignisketten und Ryders Hang zum  Unverbindlichen zu wahren Gebirgen auftürmen. Manchmal scheint ihm sein Image als Helfender wichtiger zu sein als die Hilfe selbst. Dass sich bei seinen Unternehmungen das Zeitkontinuum hin und wieder aufzulösen scheint und Orte plötzlich nicht mehr da sind, wo sie sein sollten, ist auch nicht wirklich hilfreich. Und so wird Ryder bei allem, was er zu tun versucht, unterbrochen und bringt im Grunde nichts zu Ende, und zwar weder für sich noch für andere. Nichts Kleines und nichts Großes.

Michael Wood schrieb 1995:

It’s not that a sense of suspense or of climax is created; far from it. But there is a kind of excitement in Ryder’s stumbling from errand to failed errand, as if nothing were certain in life except the interruption of whatever you are trying to do. We know he’s not going to get anywhere; he’s not going to unravel his relationships, help his friends, please his parents, give his concert or his speech, sort out this terribly self-preoccupied town. But it’s hard work not getting anywhere. Ryder’s endless distraction from his multiplying purposes is so distracting that we can hardly bear it. His life is overwhelmed by irrelevance, buried under pointless but irresistible demands.

Die Reaktionen der Kritiker reichten nach dem Erscheinen von The Unconsoled dann auch von Ratlosigkeit, Entsetzen und Hohn – der Autor habe eine ganz neue Dimension eines schlechten Buches geschrieben – bis hin zu großer Begeisterung und der Aufnahme in den Kanon der modernen britischen Literatur.

Doch worum geht es in diesen über 500 Seiten nun wirklich? Auch bei dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. In seinem lesenswerten Aufsatz hält Geoffrey Maloney beispielsweise das Spannungsfeld zwischen dem öffentlichen Leben als Künstler und dem privaten Leben als Individuum für das eigentliche Thema, obwohl das meiner Meinung nach zu eng gedacht ist.

… an isolated and intelligent artist: Ryder, the pianist, caught between the duties and responsibilities of his personal life and the duties and responsibilities which flow from his public identity. In essence it is a novel about the role of the artist in society and the gap which exists between personal and public images.

Sam Jordison, der wie ich auch maximal verwirrt und gleichzeitig fasziniert von diesem Buch ist, betont eher die Traumlogik und den Witz, die Absurditäten und das Spiel mit dem Leser, der ständig genarrt und in seinen Erwartungen enttäuscht wird. Das eigentliche Thema ist für Jordison jedoch der Stress, dem der moderne Mensch pausenlos ausgesetzt sei. Dafür spreche, dass Ryder in all seinen Ruhephasen oder wenn er schlafen möchte, permanent gestört und wieder aufgescheucht wird. Im Grunde erfahren wir nicht, was er tun würde, könnte er nur einmal selbst seinen Tagesablauf bestimmen.

Ich weiß, in einigen Jahren werde ich es zum dritten Mal lesen. Das heißt nicht, dass das Werk nicht ruhig 100 Seiten kürzer hätte sein dürfen und das repetitive Sprechen aller Protagonisten und das Kreiseln der Handlung einem schon auch gehörig auf die Nerven fallen können.

Dennoch: Es ist, als hätte Ishiguro vieles von dem, was sich so im Kopf eines Menschen befinden kann, nach außen gestülpt und in Handlung übertragen, all die liebevollen und all die boshaften Gedanken, verdrängte Schuld und Lebensträume, die Prägungen aus der Kindheit, die einem noch als Erwachsenen manchmal zusetzen, Alkoholismus, die Frage nach der Kunst, beschädigte Kommunikation innerhalb der Familie, das Versagen als Partner oder als Elternteil, die Illusionen, der Wunsch nach Anerkennung, aber auch die kindliche Freude, und nicht zuletzt unsere unzähligen Versäumnisse, das Großsprecherische, die Scham, die Wut, die Beschönigungen, die Ausreden und Verteidigungsstrategien, wenn Masken und Fassaden einzustürzen drohen. Und: die verschwendete, die vergeudete Zeit.

Dafür bringt der Autor schon mal unsere Vorstellungen vom Ablauf der Zeit durcheinander, fährt mit uns Achterbahn und betritt diverse Spiegelkabinette. Das, was wir da auch von uns selbst sehen, mag uns nicht immer gefallen, doch es wirkt immer eigenartig vertraut.

Hier sind tatsächlich fast alle Ungetröstete. Alle sind auf der Suche nach jemandem, der ihnen zuhört, sie wahrnimmt und der ihnen bestätigt, dass sie und ihre Sorgen das Zentrum des Universums sind, doch derjenige, von dem sie sich das versprechen, ist doch selbst bloß auf der Suche und mit dem, was man von ihm erwartet, völlig überfordert.

Oder wie es auf der Seite des Nobelpreises heißt:

The Nobel Prize in Literature 2017 was awarded to Kazuo Ishiguro „who, in novels of great emotional force, has uncovered the abyss beneath our illusory sense of connection with the world.“

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Kathrin Weßling: Nix passiert (2020)

Manchmal überrasche ich mich selbst. Das Cover gefällt mir nicht und wenn das ZEIT-Magazin schreibt, dass Kathrin Weßling (*1985) hier den Roman ihrer Generation geschrieben habe, empfinde ich das nicht unbedingt als Kompliment. Keine Ahnung also, warum ich das Buch gekauft habe. Vielleicht weil ich mich vergewissern wollte, dass aktuelle deutschsprachige Bücher nach wie vor meist hinter meinen Erwartungen zurückbleiben?

Und nun muss ich alles revidieren: Ich konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu lesen. Was für ein unglaublich tolles Buch.

Aus der Ich-Perspektive erzählt der ca. 30-jährige Alex, dass Jenny, seine große Liebe, ihn verlassen habe. Der Liebeskummer ist so schlimm, dass er sich krankschreiben lässt, sich besäuft und am liebsten nur noch im Bett verkriechen möchte. Er hält es im lauten Berlin nicht mehr aus, redet sich ein, dass er da ja auch dauernd Jenny begegnen könne, deshalb will er sich für unbestimmte Zeit in seiner angeblich so spießigen Heimatstadt bei seinen Eltern einquartieren. Die sind überrascht, hatte Alex doch die letzten Jahre seine familiären Beziehungen nicht unbedingt gepflegt und sich als Heranwachsender ganz klischeehaft geschworen, möglichst weit wegzugehen und nie wie sie werden zu wollen. Auch Bruder Timo hält wenig davon, dass der kommunikationsmäßig eher unbeholfene Alex, der auf mich oft jünger wirkte, nun wieder bei seinen Eltern unterkriechen will, zumal Alex erst mal nicht erzählt, dass er wieder Single ist.

Mein Vater lacht zusammen mit Anni laut und ausgelassen und ich weiß nicht, ob ich ihn je so glücklich gesehen habe wie in diesem Moment. Sein ganzes Gesicht ist eine einzige, sorglose Freude darüber, hinter Anni herzulaufen und so zu tun, als könner er sie nicht fangen. […] Es ist so banal. Es ist so unbedeutend. Es passiert tausend Mal an tausend Orten: Großeltern, die mit ihren Enkeln spielen. Und doch berührt mich der Anblick sehr und ich laufe zur Terrasse, laufe zu Anni, zu meinem Vater, zu Marina, zu meiner Mutter. Als ich vor ihnen stehe, blickt niemand auf und niemand mich an. ‚Hey, lustiges Spiel!‘, sage ich wie so ein Trottel und es interessiert niemanden. (S. 89)

Alex trifft ehemalige Freunde, erinnert sich, trauert, schimpft, weint und hadert, versucht Boden unter den Füßen zu gewinnen und sein Durcheinander im Kopf zu entwirren.

Nach und nach erschließt sich dem Leser, der Leserin, warum Jennys Beziehungsabbruch Alex so aus der Bahn tragen konnte, wie tief die Wurzeln für den Cocktail aus Selbstmitleid, Ängsten, Überheblichkeit, falschen Zielen und Selbstbetrug reichen.

Das ist nicht nur unglaublich spannend konstruiert, klug und einfühlsam beobachtet, sondern menschlich so nachvollziehbar, ja geradezu dringlich und berührend, als hätte man Alex im Wohnzimmer sitzen, den man dann abwechselnd schütteln und dann wieder in den Arm nehmen möchte.

Und man erkennt, dass Alex einem möglicherweise näher ist, als man dachte. Ihm fliegt alles um die Ohren. Will er weiterleben, muss er etwas ändern und erwachsen werden, ob er will oder nicht. Die meisten von uns hingegen haben es sich vermutlich eher gemütlich in ihrem ja auch nicht immer befriedigenden Leben eingerichtet. Wer ist da am Ende eigentlich besser dran?

Ich glaube, das ist der ganze Sinn von Trennungen, wenn sie denn einen haben können: Sie sind wie eine Zwangsvollstreckung des eigenen Lebens, alles wird bewertet und bekommt Aufkleber, das hier ist gut, das ist nix wert, das hier kann man jemand anderem überlassen, der damit mehr anfangen kann. Am Ende steht man da und hat nur noch das Nötigste und kann und darf noch mal anfangen, darf noch mal versuchen, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, das sich wertvoll anfühlt. (S. 214)

Ja, natürlich ist es auch – aber eben nicht ausschließlich – ein Buch für Jüngere, für die, denen die unzähligen Entscheidungsmöglichkeiten, wie man sich nach außen hin darstellen möchte, wo und warum man leben, wen man lieben und was man arbeiten will, auch mal über den Kopf wachsen. Und natürlich für alle, die gerade Liebeskummer haben. Und für alle, die die Schreibe von Weßling mögen.

Ach, eine Frage noch, sind die anderen Bücher von ihr genauso gut?

Hier noch ein Link zu einem Beitrag auf dem Deutschlandfunk.

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Mohamed Amjahid: UNTER WEISSEN (2017)

Richtig blöd, dass wir solche Bücher überhaupt brauchen, und richtig gut, dass es Journalisten gibt, die diese Bücher schreiben. Mir wurde jedenfalls einiges klarer.

2017, also vor „Black Lives Matter“ erschienen, liest sich das Buch des 1988 in Frankfurt geborenen Journalisten wie eine Einführung in die Privilegien, die die bio-deutsche Mehrheit (gilt aber auch für andere westliche Länder) gegenüber denen besitzt, die nicht ganz so bio-deutsch ausssehen und dunklere Haut und dunkle Haare haben.

Das Buch ist eine Einladung, die verschienden Bereiche zu erkunden, in denen Privilegien, die nicht hinterfragt und auf den Prüfstand gestellt werden, zu klischeehaften Vorstellungen und letztlich rassistischen Strukturen führen können. Amjahid bezieht dabei sowohl eigene Erfahrungen und die seiner FreundInnen – er ist gebürtiger Marokkaner – als auch den Stand der Forschung mit ein.

Er spricht dabei unter anderem die Wichtigkeit der „richtigen“ Pass- und Hautfarbe an, die den großen Unterschied bei der Reisefreiheit und bei der Behandlung ausmacht, die man an den Grenzen dieser Welt erfährt. Gruselig, wenn man z. B. mit der falschen Hautfarbe von Mexiko nach Texas einreisen möchte.

Amjahid erklärt das Phänomen des Othering, wie man „den Fremden“ konstruiert, um ihm dann bestimmte negative Eigenschaften zuschreiben zu können, und geht in diesem Zusammenhang auch auf das Erbe des deutschen und europäischen Kolonialismus ein (siehe „Völkerschau“ und „Expo 1958“ in Belgien).

Ein Kapitel ist dem Bemühen um nicht-diskriminierende Sprache gewidmet und den Ewig-Gestrigen, die es für eine Zumutung halten, mal einige Begriffe aus ihrem Wortschatz zu streichen.

Ein anderes Kapitel geht dem Phänomen nach, dass Weiße oft meinen, „anderen“ die Welt und deutsche Fahrradwege erklären zu müssen, als ob sie allein Zivilisation, Intelligenz, Sprache und Anstand gepachtet hätten. Und da, wo auch Weiße ganz offensichtlich massiv gegen die Spielregeln verstoßen, erklärt man sie durch den Prozess des Othering kurzerhand zu White Trash.

Amjahid verschweigt nicht, dass Rassismus und koloniale Strukturen in der Selbstwahrnehmung der ehemals Unterdrückten weiterwirken können – man denke an Bleichcremes und das Herabschauen auf die, die noch dunkler sind als man selbst. Darüber hinaus wird das Konstrukt des Tokenism erläutert.

Außerdem wird thematisiert, wie sich die Berichterstattung in den Medien unterscheidet, je nachdem, ob ein Bio-Deutscher oder ein als fremd Wahrgenommener ein Verbrechen begangen hat. Welche Motivationen werden den Taten jeweils zugrundegelegt? Und was war Böhmermanns Text zu Erdogan eigentlich wirklich, wenn man das mal von der Seite weißer Privilegiertheit betrachtet?

Und schließlich: Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn einflussreiche Positionen in Wirtschaft, Bildung und den Medien fast ausschließlich von weißen Männern besetzt werden? Wenn die Entscheidungsträger in keiner Weise die Zusammensetzung der Gesellschaft widerspiegeln? Ich ergänze: Auch ganze Schulkollegien sind ausschließlich weiß besetzt.

Ebenfalls interessant war das Kapitel, in dem der Autor der Frage nachgeht, wie es sein kann, dass es innerhalb der Schwulenbewegung einen nicht unerheblichen Anteil an Rassisten gibt, ja einige bekennende AFD-Wähler sind. Wie komplex die Gemengelage da sein kann, sieht man schon bei dem ehemaligen niederländischen Politiker Pim Fortuyn.

In 188 Seiten kann man natürlich der Vielzahl der Themen nicht annähernd auf den Grund gehen, aber als Einstieg in die verschiedenen Aspekte weißer Privilegien und die Ebenen, auf denen Rassismus entgegengewirkt werden muss, habe ich das Buch als sehr hilfreich empfunden.

Ich musste öfter daran denken, wie ich vor drei Jahren einer jungen Frau, die Kopftuch trug, und die einige geflüchtete Frauen zum Deutschunterricht begleitete, Komplimente für ihr gutes Deutsch machte. Es stellte sich heraus, dass sie in Deutschland geboren ist und nur als Begleiterin fungierte. Es war mir total peinlich, doch ihre Antwort in ihrer Mischung aus Schlagfertigkeit, Charme und Selbstbewusstsein werde ich nicht vergessen. Sie lächelte mich an und sagte nur: „Ich weiß.“

In der nächsten Auflage würde ich mir noch ein Kapitel zu strittigen Bekleidungsfragen wünschen. Was sind das für müßige Diskussionen ums Kopftuch etc. Die Leserbriefe, die vor einigen Jahren durch unsere Lokalzeitung tobten, weil man befürchtete, im hiesigen Freibad könne mal eine Frau im Burkini auftauchen, waren jedenfalls von atemloser Schrillheit und Hysterie. Und die Fotos, aufgenommen 2016 am Strand in Nizza, in denen weiße Polizisten eine Burkini-Trägerin zwingen, mehr Haut zu zeigen, zeigten doch ein sehr sonderbares Verständnis von westlicher Freiheit.

Werner Schneyder: Krebs (2008)

Werner Schneyder, österreichischer Kabarettist, Autor, Box-Kampfrichter, Freund und Kollege von Dieter Hildebrandt, war über 40 Jahre mit seiner ersten Frau Ilse verheiratet, als diese die Diagnose Krebs erhielt. Zwei Jahre später, 2004, starb sie an Blasenkrebs, den auch diverse schwerste Operationen und eine Chemotherapie nicht aufhalten konnten.

Krebs ist – wie schon der Untertitel nahelegt – eine Nacherzählung dieser schwierigen Monate zwischen Diagnose und Tod. Dabei geht es zum einen um die Stationen, die die Erkrankte durchlebt, den ersten Sommer nach der ersten großen Operation, den sie noch in ihrem Haus am See verbringen und durchaus genießen kann, daran anschließend um die weiteren Krankenhausetappen, den allmählichen körperlichen Abbau. Zum anderen geht es darum, wie Schneyder, der gemeinsame Sohn, die Verwandten, die Freunde mit der Erkankung umgehen. Soll Schneyder auf Tournee gehen oder lieber daheim bleiben? Was mutet man der Kranken und sich selbst an Wahrheit zu? Wie verändert sich das Zusammensein? Wie verändert sich die Erkrankte? Was macht man mit der Hilflosigkeit, die man als Laie gegenüber den ärztlichen Entscheidungen oder Empfehlungen hat?

Jeder Versuch einer fairen Wertung ist für den Laien nicht möglich. Er kann glauben oder nicht. Er kann Ärzte sympathischer oder vertrauenswürdiger finden oder nicht. Was er nicht kann: beweiskräftig urteilen. (S. 62)

Nach der Lektüre ziehe ich leise meinen Hut. Schneyder (1937 – 2019) ist ein besonderes Buch geglückt.

Sprachlich wunderbar, zurückgenommen, treffend, auf den Punkt, zärtlich, lakonisch.

Das Abspielen von CDs ist gefährlich. Da kommt es zu schrecklichen Stellen. (S. 84)

Doch darüberhinaus ist es eben nicht nur ein Sich-von-der-Seele-Schreiben. Vielleicht das sogar am allerwenigsten. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, z. B. damit, dass man als der Gesunde Gedanken hat, derer man sich schämt, wenn man beispielsweise in „triefendem Selbstmitleid“ badet oder schon mal überlegt, wie man später die Möbel stellen wird. Schließlich wird nicht nur der unheilbar Kranke, sondern auch der, der diesen Prozess begleitet, in eine unbekannte Umlaufbahn geschleudert, auf die einen nichts vorbereitet hat.

Doch gleichzeitig werden Fragen, und das war wohl eine der Hauptmotivationen für das Schreiben, an die Ärzte und ihr Selbstverständnis gestellt: Wieso stimmen diese sich nicht miteinander ab, wieso passieren hanebüchene Fehler in der Kommunikation zwischen den verschiedenen Abteilungen? Wieso wird auf Teufel komm raus operiert, bestrahlt und untersucht, wenn der Zeitgewinn von vielleicht drei Monaten durch die Nebenwirkungen gänzlich zunichte gemacht wird? Und warum ist Würde, auch wenn sie sich für jeden etwas anders darstellt, keine medizinische Kategorie? Und wieso wird noch physiotherapiert und mobilisiert, wo nichts mehr zu mobilisieren ist? Warum werden nicht rechtzeitig und ausreichend Schmerzmittel gegeben?

Ich habe den Eindruck, hier äußert sich ein medizinisches Prinzip, das offenbar verbietet, nichts zu tun. Das geht mir aber nicht ins Hirn, wenn sich therapeutische Vorschläge keine Sekunde lang mit der Chance auf Genesung oder Erleichterung verbinden. (S. 81)

Schneyder weiß natürlich auch um die Frage, ob es überhaupt legitim sei, einen so persönlichen Einblick in den Leidensweg seiner Frau zu geben. Er selbst gibt darauf an einer der Schlüssselstellen des Buches eine deutliche Antwort, die vor allem an die Adresse der Ärzteschaft geht.

Ich selbst habe diese 157 Seiten an keiner Stelle als voyeuristisch empfunden. Zum einen, weil man bei bestimmten Sätzen zunächst einmal Mitleid empfindet und weil Schneyder klarstellt, dass diese Krankheit in Kombination mit dieser Art der Behandlung eben den Sinn für das, was ausschließlich privat ist, gröblich verletzt.

Außerdem lese ich seine Schilderungen, die tatsächlich manchmal sehr intim sind, als etwas, das jeden von uns treffen kann, und als eine Erinnerung nicht nur an die Fragwürdigkeit mancher medizinischer Ansichten, sondern ebenso als Erinnerung an unsere Kreatürlichkeit und Fragilität, die uns auch dankbar und demütig machen kann.

Ein trauriges, trotziges, kluges, zorniges, ehrliches und sehr zärtliches Buch. Und eine Liebeserklärung sondergleichen.

Nachtrag

Das Buch erschien im Verlag LangenMüller. Nach kurzer Recherche zur langen und durchaus buntscheckigen Verlagsgeschichte hätte es mich interessiert, warum Schneyders Buch gerade in diesem Verlag veröffentlicht wurde. Bis 2004 leitete Herbert Fleissner die Verlagsgeschäfte, „der einzige Großverleger in Deutschland, der auch Bücher von ehemaligen NS-Autoren in nennenswertem Umfang verlegte“. (Wikipedia, abgerufen am 1. Juli 2020)

2008 erhielt Fleissner von der Gesellschaft für freie Publizistik die Ulrich-von-Hutten-Medaille.

Und während ich dies schreibe, bewirbt die Homepage gerade an prominenter Stelle die neuen Bücher von Markus Krall (genau, derjenige, der das Wahlrecht grundlegend umkrempeln möchte) und Thilo Sarrazin. Vermutlich sind damit die „meinungsstarken Debattenbücher“ gemeint, von denen der Verlag spricht.

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Adalbert Stifter: Der Nachsommer (1857)

Vermutlich hatte ich auch schon bessere Ideen, als ausgerechnet diesen Trumm hier vorzustellen. Aber irgendwann musste es ja so kommen, denn alle paar Jahre greife ich ganz freiwillig zu diesem Bildungsroman des 19. Jahrhunderts, der einen mit seiner manchmal nachgerade pedantisch durchgehaltenen Handlungsarmut und Humorlosigkeit durchaus an den Rand der Verzweiflung bringen kann.

Der Roman, ursprünglich in drei Bänden veröffentlicht, wurde von Größen wie Thomas Mann, von Nietzsche und von Karl Kraus bewundert und von Friedrich Hebbel höhnisch verspottet:

Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.

Schon der erste Absatz:

Mein Vater war ein Kaufmann. Er bewohnte einen Teil des ersten Stockwerkes eines mäßig großen Hauses in der Stadt, in welchem er zur Miete war. In demselben Hause hatte er auch das Verkaufsgewölbe die Schreibstube nebst den Warenbehältern und anderen Dingen, die er zu dem Betriebe seines Geschäftes bedurfte. […] Mein Vater hatte zwei Kinder, mich den erstgeborenen Sohn und eine Tochter, welche zwei Jahre jünger war als ich. Wir hatten in der Wohnung jedes ein Zimmerchen, in welchem wir uns unseren Geschäften, die uns schon in der Kindheit regelmäßig aufgelegt wurden, widmen mußten, und in welchem wir schliefen. Die Mutter sah da nach, und erlaubte uns zuweilen, daß wir in ihrem Wohnzimmer sein und uns mit Spielen ergötzen durften.

Der Ich-Erzähler, Heinrich Drendorf, hat das große Glück, dass sein Vater, ein Wiener Kaufmann, es immerhin zu solchem Wohlstand gebracht hat, dass er selbst keiner Erwerbstätigkeit nachgehen muss, sondern sich seinen zahlreichen Interessen, vornehmlich den Naturwissenschaften, widmen kann. Als Heinrich älter wird, gestattet ihm der Vater sogar, die Sommermonate auf dem Land oder im Gebirge zu verbringen, damit er dort seine geografischen Studien betreiben kann.

Während einer dieser Sommeraufenthalte befürchtet Heinrich, von einem Gewitter überrascht zu werden, und bittet den Besitzer eines schön gelegenen Landhauses, dort das Unwetter abwarten zu dürfen. Diese Bitte wird ihm von dem feinen älteren Mann, der sich später als der Freiherr von Risach entpuppt, gewährt.

Die Männer kommen ins Gespräch, verstehen sich, Heinrich bleibt über Nacht. Und in den folgenden Jahren kehrt er am Ende seiner monatelangen Exkursionen immer wieder für einige Zeit im „Rosenhaus“ ein, in dem das Leben sehr ruhig, sehr ritualisiert und sehr privat vonstattengeht. Der alte Freiherr kann so den Bildungsweg des jungen Heinrich begleiten, fördern und die noch fehlenden Impulse für die Entwicklung des jungen Mannes geben. In ihren zahllosen Gesprächen geht es um das Wesen der Schönheit, das Mittelalter, Griechenland, Kunst, sehr viel Kunst, Schmuck, Hofbewirtschaftung, Antiquitäten, Architektur, griechische Statuen, Gemälde, Bücher, Ordnung und Goethe. Ganz offensichtlich kommt Heinrich aus einer Familie, die dem alten Freiherrn wesensverwandt ist.

Jedes Ding und jeder Mensch, pflegte er [der Vater Heinrichts] zu sagen, könne nur eines sein, dieses aber muß er ganz sein. Dieser Zug strenger Genauigkeit prägte sich uns ein, und ließ uns auf die Befehle der Eltern achten, wenn wir sie auch nicht verstanden. So zum Beispiele durften nicht einmal wir Kinder das Schlafzimmer der Eltern betreten. Eine alte Magd war mit Ordnung und Aufräumen desselben betraut. (S. 9)

Irgendwann lernt Heinrich auch Mathilde, die über alles geschätzte Freundin des Freiherrn, und deren Kinder, Sohn Gustav und die wunderschöne Nathalie, kennen.

Wenn der Roman also nicht wegen seiner Handlung fesselt und auch die fast schon sterilen Charakterzeichnungen sicherlich nicht das sind, was mich an diesem Opus beeindruckt, dann könnte selbst die Sprache, die über weite Strecken so fein und so aus der Zeit gefallen ist, mich nicht über 700 Seiten bei der Stange halten.

Es ist etwas ganz anderes, was hier von Stifter bewunderungswürdig vorgeführt wird.

Der Autor entwirft eine Utopie,  eine idealisierte Welt der Harmonie und Ordnung, in der nicht nur jeder Mensch seinen Platz hat, auch den Gegenständen und wertvollen Kunstobjekten ist ein fester Ort zugeordnet. Kein Buch im Lesezimmer des Rosenhauses darf irgendwo herumliegen, sondern muss nach der Lektüre wieder ins Regal geräumt werden. Die Rosen an der Hauswand, die das Gebäude wie mit einem Teppich überziehen, werden mit Umsicht und viel Arbeit gepflegt. Es gibt ein Zimmer, in dem nur Vogelfutter aufbewahrt wird, damit man die Vögel, die wiederum das Ungeziefer von den Rosen fernhalten sollen, an das Haus und die Örtlichkeit bindet.

Die junge Generation wird nach einem bestimmten Plan erzogen. Gustav, der jüngere Bruder Nathalies und gleichzeitig der Ziehsohn des alten Freiherrn, liest nur, was ihm gestattet wurde, gleichzeitig setzt man das Vertrauen in ihn, dass er die Bände Goethes, für die man ihn noch zu jung erachtet, nicht anfassen wird, obwohl sie ihm frei zugänglich sind. Körperliche Ertüchtigung gehört genau so selbstverständlich dazu wie die sorgfältige Einhaltung der Stunden des Home Schooling und die Auswahl der passenden Bekannten.

Alte Möbel und Gerätschaften, selbst verfallene Kirchen, werden mit viel Liebe und Sachverstand, mit dem man das eigentliche Wesen dieser Dinge wieder sichtbar machen möchte, restauriert. Da kann es dem Leser und der Leserin dann auch schon mal passieren, dass man mehrere Seiten lang ein Möbel oder eine Statue beschrieben bekommt.

In diesem patriarchalisch, manchmal auch ziemlich pedantisch geordneten Privat-Universum, sind auch die Rollen der Geschlechter festgeschrieben. Die Frau bekommt den Bereich der Häuslichkeit zugeschrieben, der Mann geht aktiv in die Welt, in die Politik, in den Krieg, ins Büro. Zwar wird die Frau in ihrem Tun respektiert und geachtet, aber bestimmte Entscheidungen trifft ausschließlich der Mann und entsprechender Respekt vor dem Hausherrn kann in der Ehe nicht schaden. Interessen, die den Rahmen der Häuslichkeit überschreiten, sind für eine Ehefrau dabei weniger wünschenswert. Sie darf sich allerdings herzlich mitfreuen, wenn dem Gatten wieder ein schöner Kunstfund geglückt ist.

Genauso ordnen sich die Dienstboten und die Arbeiter, denen höhere Bestrebungen ja bekanntlich eher fremd sind, gern in dieses System ein und sehen ihren Lebenszweck selbstredend in ihrer Sorge für die Herrschaft. Künstler und kreative Menschen hingegen stehen irgendwo dazwischen und haben einen größeren Freiraum und werden bereits als Individuen wahrgenommen.

Heinrich gleitet wie auf Kufen der sittlichen und ästhetischen Vervollkommnung entgegen, nie ist sein Weg gefährdet, selbst die Annäherung an Nathalie erfolgt unaufgeregt, ja unausweichlich. Möglich ist dies, da Mathilde und der Freiherr von Risach in ihrer Jugend den Leidenschaften und der Unvernunft so viel Raum gelassen haben, dass sie im Grunde heute noch dafür bezahlen und in ihrem Nachsommer, dem eigentlichen Kern des Romans, zwar zu Frieden und Milde gefunden haben, doch vor allem dafür sorgen können, dass die nächste Generation nicht die gleichen Fehler macht.

Spät im Roman erzählt der alte Risach dem jungen Heinrich seine Lebensgeschichte. Interessanterweise ist die viel lebendiger, wirkt viel menschlicher, da Stifter hier noch Menschen aus Fleisch und Blut hat aufeinandertreffen lassen. Während die Szenen zwischen Heinrich und Nathalie manchmal unfreiwillig komisch sind, da körperliche Anziehungskraft kein Thema sein durfte. Nathalie ist ein Engel, der so rein und so überirdisch schön ist, dass sie vor lauter Holdseligkeit kaum etwas sagen kann.

Überhaupt werden in diesem Roman nur feine und sehr tiefsinnige Gespräche geführt, einen Alltag mag man sich da gar nicht recht vorstellen.

Dennoch: Hebbel hatte unrecht. Das Buch ist etwas ganz Eigenes, ganz Besonderes. Diese Utopie hat so offensichtlich einen doppelten Boden, man glaubt ihr nicht und doch ist absolut faszinierend, wie Stifter sich die ideale Erziehung zum humanen Menschen, den Umgang der Menschen untereinander und die Überbrückung der Klassenschranken dachte, wie hier jemand einer ganzen Welt eine Ordnung, einen Sinn einschreiben wollte, dass man sich sogar bei dem Wunsch ertappt, es wäre das ein oder andere davon in Erfüllung gegangen.

Auch das überstrapazierte Modewort der Achtsamkeit: In dieser Welt wird es von den Protagonisten gelebt. Man geht achtsam mit Büchern und Kunstgegenständen um. Man geht achtsam mit den zur Verfügung stehenden Stunden des Tages und mit dem anvertrauten Reichtum um. Man prasst nicht (ganz im Gegensatz zu Stifter) und stellt nichts zur Schau. Man redet, man schweigt, man lässt dem anderen seinen Raum. Letztlich erstreckt sich diese Art der Weltaneignung auch auf einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Und der alte Gärtner ist glücklich, als er einen übergroßen Kaktus, der bei den Nachbarn nicht gewürdigt wurde und schon ganz schief und krumm zu werden drohte, in seine Obhut nehmen und der Pflanze nun die Bedingungen bieten kann, die sie für ein ungehindertes Gedeihen benötigt.

Selbstredend werden in dieser idealen Welt entsprechende finanzielle Ressourcen und die frei verfügbare Zeit vorausgesetzt, sodass man sich ausschließlich den individuellen Interessen und Liebhabereien widmen kann. Etwas, das Stifter fast sein ganzes Leben lang versagt blieb.

Und all denen, die Bildung nur unter dem Aspekt der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwertbarkeit sehen, wird gesagt:

Gegen diesen Einwurf sagte mein Vater, der Mensch sei nicht zuerst der menschlichen Gesellschaft wegen da sondern seiner selbst willen. Und wenn jeder seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er es auch für die menschliche Gesellschaft. Wen Gott zum besten Maler auf dieser Welt geschaffen hätte, der würde der Menschheit einen schlechten Dienst tun, wenn er etwa ein Gerichtsmann werden wollte: wenn er der größte Maler wird, so tut er auch der Welt den größten Dienst, wozu ihn Gott erschaffen hat. Dies zeige sich immer durch einen innern Drang an, der einen zu einem Dinge führt, und dem man folgen soll. […] Gott lenkt es schon so, daß die Gaben gehörig verteilt sind, so daß jede Arbeit getan wird, die auf der Erde zu tun ist, und daß nicht eine Zeit eintritt, in der alle Menschen Baumeister sind. (S. 15)

Im Anschluss sollte man dann noch gleich die Biografie von Wolfgang Matz lesen. Wie Stifter, dessen Verdrängungen, Selbsttäuschungen und unerfüllte Sehnsüchte sich im Nachsommer wie in einem dunklen Spiegel wiederfinden und der spätestens mit diesem großen Werk nur noch auf Unverständnis stieß, ist eine zuweilen erschreckende, aber immer interessante Lektüre. Selbst wenn Matz etwas  einseitig die „Schuld“ an Stifters unglücklicher Ehe ausschließlich bei dessen Frau verortet.  Aber das wäre dann schon wieder eine andere Geschichte.

Stifter hat in diesen Roman alles hineingelegt, was er von der Welt in seinem Denken erfassen konnte; er ist eine Summe seines ganzen Lebens und Schreibens, der Höhepunkt seines Werks. Und nicht nur des seinen: Der Nachsommer gehört zu jenen Büchern, die einsam und unerreicht, einzigartig und vollkommen in der Landschaft der deutschsprachigen Literatur stehen; eines jener wenigen Meisterwerke, die fremd wie ein Findling in ihrer Zeit liegen und eine unmittelbare Wirkung nicht haben konnten. Ganz und gar gegen seine Epoche angeschrieben, ist er doch ohne Bezug auf sie kaum zu verstehen; in jeder Faser von Stifters persönlichster Lebenserfahrung geprägt, ist er doch Lichtjahre entfernt von jeder romanhaften Autobiographie.

Aus:  Wolfgang Matz: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge, Carl Hanser Verlag 1995, S. 324

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Fundstück von William Henry Hudson

Meines Erachtens ist nichts so ergötzlich im Leben wie das Gefühl der Entspannung, des Entrinnens und der vollkommenen Freiheit, das man in einer weiten Einöde erfährt, wo der Mensch vielleicht noch nie gewesen war und jedenfalls keine Spur seines Daseins hinterlassen hat.

aus: William Henry Hudson: Müßige Tage in Patagonien, Matthes & Seitz, Berlin 2019, Naturkunden NO. 57, S. 12, aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt

Im Original lautet die Stelle:

To my mind there is nothing in life so delightful as that feeling of relief, of escape, and absolute freedom which one experiences in a vast solitude, where man has perhaps never been, and has, at any rate, left no trace of his existence.

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Sigrid Nunez: A Feather on the Breath of God (1995)

Nachdem ich The Friend von Nunez gelesen hatte, wollte ich mehr von dieser Autorin lesen und landete bei ihrem Debütroman A Feather on the Breath of God, der 1999 auch auf Deutsch erschien.

Das schmale Werk von 180 großzügig gesetzten Seiten ist stark autobiografisch und erkundet die dauerhaften Beschädigungen, die eine Immigrantenkindheit aus – wie wir heute sagen würden – bildungsfernen Verhältnissen mit sich bringen kann. Auch Nunez‘ Mutter war – wie die der Ich-Erzählerin – Deutsche, ihr Vater hatte chinesisch-panamaische Wurzeln. Die Eltern hatten sich in Deutschland kennengelernt, waren dann gemeinsam nach Amerika gegangen und haben sich und den drei Töchtern dann ein höchstmöglich dysfunktionales Familienleben beschert.

Nunez selbst hat das Buch als ihr „real hybrid genre book“ bezeichnet.

Even though there are parts that are based on my parents, with little distance between author and narrative, it isn’t really a memoir, because there’s a sufficient amount of distortion and invention. (Renée H. Shea: The Secret Facts of Fiction: A Profile of Sigrid Nunez, 2006)

Der erste große Abschnitt Chang geht den Erinnerungen an die Vaterfigur nach, der entweder abwesend ist, weil er sieben Tage die Woche den kärglichen Lebensunterhalt mit mies bezahlten Jobs verdient oder abends stumm in der Küche sitzt, während die anderen sich im Wohnzimmer aufhalten. In der Wohnung gibt es nichts, was auf die Heimat des Vaters hindeutet, er spricht zeit seines Lebens schlecht Englisch, doch es kommt auch niemand auf die Idee, dass es eine gute Idee sein könnte, den Kindern Chinesisch beizubringen.

We must have seemed as alien to him as he seemed to us. To him we must always have been „others“. Females. Demons. No different from other demons, who could not tell one Asian from another, who thought Chinese food meant chop suey and Chinese customs were matter for joking. I would have to live a lot longer and he would have to die before the full horror of this would sink in. And then it would sink in deeply, agonizingly, like an arrow that has found its mark. (S. 23)

Das zweite Kapitel Christa beschäftigt sich mit der Mutter, die seit ihrer Ankunft in Amerika heimwehkrank und unglücklich ist, sie lässt das an den drei Töchtern, doch auch vor allem an ihrem Mann aus, dem sie vorwirft, zu wenig zu verdienen, den sie klein und verächtlich macht, weil er die deutschen Namen der Töchter nicht richtig aussprechen kann, dem sie die Trennung androht, nur um dann doch alles beim Alten zu lassen. Im Laufe ihres Lebens sagt sie schreckliche Dinge, von denen die Tochter sagt:

Some things it would be death to forgive. (S. 180)

Aus dieser wenig Halt gebenden und unberechenbaren Atmosphäre flüchtet die Tochter lange in die Traumwelt des Balletts –  A Feather on the Breath of God – bis sie erkennt, dass ihr die wirkliche Begabung dazu fehlt. Im Nachhinein ist sie möglicherweise auch froh gewesen, ihrem Körper nicht länger die Schmerzen und den Hunger zufügen zu müssen, nur damit dieser den männlich geprägten Schönheitsvorstellungen des Balletts entspricht.

Now, of course, I can say precisely what it was that was happening to me. I had discovered the miraculous possibility that art holds out to us: to be a part of the world and to be removed from the world at the same time. (S. 101)

Lange fragte ich mich, wozu ich als Leserin die nüchtern und fast klinisch sachlich geschilderte Ehehölle, diese Kindheit und Jugend überhaupt kennenlernen musste, in der die Kinder außerdem damit zurechtkommen mussten, als „half-breeds“ beschimpft zu werden.

The last thing I would have believed back then was that one day it would be fashionable to be Chinese; or that I had only to wait a few years, till I reached adolescene, to hear people say that they envied me my exotic background. (S. 85)

Doch im vierten und letzten Teil Immigrant Love beantwortet sich das. Die Ich-Erzählerin erzählt von einer Affäre, die sie als gestandene Sprachlehrerin mit einem ihrer Schüler, einem verheirateten 37-jährigen Ex-Junkie aus Russland eingeht.

Und hier – gegen Ende – bindet Nunez mit nur einem Satz plötzlich das ganze Werk zusammen, man sieht, wie alles zusammenhängt, dass niemand von uns seinen Kindheitskatastrophen und -versehrungen unbeschadet entkommt, die im Falle einer missglückten Immigration der Eltern umso tiefgreifender sind.

Doch obwohl besonders der Schluss, ja ein einziger Satz,  mich mit der Kunst von Nunez versöhnte, bin ich überrascht, wie wenig nach zwei drei Wochen mir noch erinnerlich ist, wie wenig der Roman nachhallt. Vermutlich waren es mir dann doch zu viele assoziativ aneinandergereihte Erinnerungen, wie Bilder aus einem fremden Familienalbum, wobei die Gefühle und Gedanken der Beteiligten über weite Strecken verborgen blieben.

Der poetische Titel verdankt sich übrigens einem Zitat Hildegard von Bingens.

End of the semester. It is very late and I am alone in my room. A narrow desk by the window, overlooking the courtyard that is slowly filling up with snow. Books open on the desk, bright lamp, cigarettes, a boyfriend’s photograph. I will sit there all through the night, I will smoke all the cigarettes, and in the morning I will cross the courtyard to answer questions about literature and the tragic sense of life. The sound of a pen scratching in the night ist a holy sound. I want to get down something T. S. Eliot said: Human beings are capable of passions that human experience can never live up to. (S. 118)

Caradog Prichard: one moonlit night (OA 1961)

one moonlit night (1961), der einzige Roman des walisischen Journalisten Prichard (1904 – 1980), wurde erstmals 1995 von Philip Mitchell vollständig ins Englische übersetzt. Auf dieser englischen Version beruht die Übersetzung ins Deutsche von Christel Dormagen (1999 im Piper Verlag erschienen).

Der Roman beginnt mit den Sätzen:

I’ll go and ask Huw’s Mam if he can come out to play. Can Huw come out to play, O Queen of the Black Lake? No, he can’t, he’s in bed and that’s where you should be, you little monkey, instead of going round causing a riot at this time of night. Where were you two yesterday making mischief and driving village folk out of their minds? (S. 1)

Ich geh jetzt Huws Mam fragen, ob er zum Spielen rauskommen darf. Darf Huw rauskommen zum Spielen, o Königin des Schwarzen Sees? Nein, er liegt im Bett, und da solltest du auch längst sein, du kleines Äffchen, statt hier rumzugeistern und so spät noch solchen Lärm zu machen. Wo habt ihr zwei euch denn gestern rumgetrieben? Mit eurem Unfug habt ihr die Leute im Dorf ganz verrückt gemacht. (S. 7)

Ein Junge, das einzige Kind seiner Eltern, lässt uns teilhaben an seinen Erlebnissen und Gedanken seiner Kindheit und Jugendzeit. Erst nach und nach erschließen sich der Ort – Bethesda, ein Kaff im nordwestlichen Wales, geprägt von den harschen Bedingungen des Schieferabbaus – und die ungefähre Zeit der Handlung – um 1915 herum. Der ca. Zehnjährige liebt seine Mutter sehr, die ihm trotz der Armut und des allgegenwärtigen Hungers Geborgenheit und relativ lange so etwas wie die Illusion einer normalen Kindheit ermöglicht. Der Vater ist schon vor Jahren bei einem Grubenunglück gestorben und seitdem lebt er mit seiner Mutter von der Wohlfahrt und dem bisschen, was sich die Mutter mit Waschen und Bügeln für den Pfarrer dazu verdient. Doch als dieser stirbt, verändert sich die Mutter, sie wird nie wieder so wie früher sein.

Zunächst scheint es um typische Kindheitserlebnisse zu gehen: Abendliche Streifzüge mit seinen besten Kumpeln Huw und Moi, die Schule, der Rohrstock des Lehrers, die Freude, wenn er im Pfarrhaus ein dickes Butterbrot vorgesetzt bekommt. Die Panik, als er sich beim Beerensammlen mit Freunden verirrt. Die Nachbarn, eine Prügelei vor der Kneipe. Die Gottesdienste. Ein offizieller Boxkampf.

Weder die Lebensbedingungen noch der Hunger setzen der Kinderunschuld zunächst zu. Doch rasch wird deutlich, dass die Kinder Dinge sehen und hören, die ganz bestimmt nicht zu einer behüteten Kindheit gehören, auch wenn sich ihnen manchmal nicht sofort erschließt, was sie da eigentlich beobachtet haben. Warum verschwindet der Lehrer so lange mit einer Schülerin in einem anderen Raum? Warum bringt sich der Onkel seines Kumpels Huw um?

Besondere Begabungen oder ein Gespür für das Schöne sind in dieser Welt irrelevant.

You’d think the sky would look so near from here, with us having climbed so high. But it didn’t look close at all as I lay flat on my back, seeing nothing but blue sky without a single cloud to spoil it, and the sunhot on my cheeks. Dew, it must be great to be allowed to go to Heaven, I said. It’s strange that I can’t see Heaven from here or see an angel flying somewhere over there. That must be the underneath side of Heaven’s floor and the floor on the other side must be blue too. Dew, it must have needed a lot of blue colour to make it all. Much more than Mam uses on washing day. (S. 39)

Eigentlich hätte ich gedacht, daß der Himmel von hier ganz nah aussieht, wo wir doch so hoch geklettert sind. Aber er sah überhaupt nicht nah aus, als ich auf dem Rücken lag und nichts als blauen Himmel sah. Keine einzige Wolke störte ihn, und die Sonne brannte auf meine Backen. Mensch, es muß toll sein, wenn man in den Himmel kommen darf, sagte ich. Es ist komisch, daß ich Gottes Himmel nicht sehen kann und auch keinen Engel, der irgendwo da oben rumfliegt. Das muß die Unterseite vom Himmelsfußboden sein, und auf der anderen Seite muß der Fußboden auch blau sein. Mensch, da haben die aber eine Menge blaue Farbe für gebraucht. Viel mehr, als Mam am Waschtag benutzt. (S. 55)

Die Kirche und ihre Lieder geben Halt und der Chorgesang und die Jahreszeiten bringen ein wenig Schönheit in diese harten Arbeiterleben, doch wehe, eine Frau bekommt ein uneheliches Baby. Der Schleier des Nichtverstehens, der kindlichen Unschuld, der  über vielen Szenen liegt, wird immer dünner, bis er schließlich zerreißt. Letztlich war diese Kindheit von Anfang an unbehütet. Am Ende führt einen die Geschichte bis hin zu existentieller Einsamkeit und Trauer, die das ganze Buch in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Nun handelt es sich hier aber keineswegs um eine dieser bloßen misery memoirs, denen ich nicht viel abgewinnen kann. one moonlit night strahlt eine Energie, einen Sog und manchmal sogar einen Humor aus, dem man sich beim Lesen kaum entziehen kann. Auch der Stil ist eines Klassikers würdig.

Die Eigenwilligkeit der Gestaltung liegt darin, dass alle Zeitebenen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, die Chronologie völlig aufgehoben erscheint und man erst später durch sparsame Andeutungen versteht, dass sich hier ein Mann in einer mondhellen Nacht an seine Kindheit in diesem Dorf erinnert, während er die bekannten Straßen und Wege abschreitet.

2014 erstellte die Wales Arts Review auf der Suche nach dem wichtigsten walisischen Werk eine Longlist mit 25 Titeln. Die Wahl der Öffentlichkeit fiel auf one moonlit night oder Un Nos Una Leaud. Ich kenne die übrigen Titel nicht, bin aber sicher, dass das mal eine sehr verdiente Würdigung war.

Mich jedenfalls hat dieser gleichermaßen poetische wie kompromisslose Roman fasziniert.

Wenn man möchte, kann man sich anschließend noch weiter informieren, sei es zur Biografie des Autors (sinnvollerweise erst NACH der Lektüre) oder zu den Arbeitsbedingungen im damaligen Schieferabbau, und sich fragen, wie damals die Besitzer der Gruben eigentlich ihren Reichtum und die Armut der Arbeiter vor ihren Gewissen rechtfertigen konnten.

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Fundstücke von Edward Abbey

Die Trump-Administration arbeitet inzwischen unter Hochdruck daran, die öffentlichen Ausgaben für die Nationalparks zu reduzieren, möglichst viel der dortigen Infrastruktur zu privatisieren, noch mehr Camper in die Parks zu bringen und ihnen sogar Amazonlieferdienste anzubieten. Siehe diesen Artikel aus dem Guardian. Trump selbst spricht von den „harmful and unnecessary restrictions on hunting, ranching and responsible economic development”, die dringend aufgehoben werden müssten.

Hier kann man, wenn man sich gruseln möchte, die entsprechende Rede, in der alte Schutzbestimmungen mal eben ausgehebelt werden, noch einmal in Gänze nachlesen.

Abbey beobachtete diese Entwicklung bereits 1968:

Manch einer tritt sogar offen und rückhaltlos dafür ein, auch die letzten Überbleibsel der Wildnis auszumerzen und die Natur nicht den Erfordernissen des Menschen, sondern der Industrie zu unterwerfen. Das ist eine mutige Ansicht, bewundernswert in ihrer Einfachheit und Kraft […] Zugleich ist sie ziemlich schwachsinnig, und ich sehe mich außerstande, hier weiter auf sie einzugehen. (S. 70)

Der industrielle Tourismus ist ein Riesengeschäft. Er riecht förmlich nach Geld. An ihm sind Motel- und Restaurantbesitzer, Tankstellenbetreiber, Ölkonzerne, Straßenbaufirmen, Baumaschinenhersteller, Behörend auf Landes- und Bundesebene und die unabhängige, allmächtige Autoindustrie beteiligt. Diese unterschiedlichen Interessengruppen sind gut organisiert, befehlen über mehr Reichtum als die meisten modernen Nationen und sind im Kongress in einer Stärke vertreten, die weit über das hinausgeht, was noch verfassungsgemäß oder demokratisch zu rechtfertigen wäre. (S. 72)

aus: Edward Abbey: Die Einsamkeit der Wüste (1968)

Siehe dazu auch zwei wie immer fantastisch illustrierte Beiträge auf dem Blog Safe Travels:

Fundstück von Edward Abbey

A weird lovely fantastic object out of nature, like Delicate Arch, has the curious ability to remind us — like rock and sunlight and wind and wilderness — that out there is a different world, older and greater and deeper by far than ours, a world which surrounds and sustains the little world of men as sea and sky sustain a ship.  The shock of the real.  For a little while we are again able to see, as a child sees, a world of marvels.  For a few moments we discover that nothing can be taken for granted, for if this ring of stone is marvelous all which shaped it is marvelous, and our journey here on earth, able to see and touch and hear in the midst of tangible and mysterious things-in-themselves, is the most strange and daring of all adventures.

aus: Edward Abbey: Desert Solitaire (1968)

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Sigrid Nunez: The Friend (2018)

Herbert liest befand, dass Allegro Pastell von Leif Randt eines der hässlichsten Bücher sei, die er je gekauft habe.  Ich überlege noch, ob ich die Gestaltung zu The Friend von Sigrid Nunez (*1951) nicht mindestens genauso schlimm finde. Jedenfalls hätte mich das Cover beinahe dauerhaft verschreckt.

Aber auch die Stichworte zum Inhalt „Frau um die fünfzig trauert um ihren besten Freund, einen etwas älteren Literaturdozenten und Schriftsteller, der Suizid  begangen hat und ihr ein Kalb von einer Deutschen Dogge vermacht, wobei ein Haustier in ihrer kleinen Mietwohnung im Wohnblock ohnehin verboten ist“ hatten zunächst nicht so wirklich bei mir verfangen.

Warum das Buch dann trotzdem hier gelandet ist, ich weiß es nicht mehr, begeisterte Kritiken allerorten, der National Book Award 2018 und was soll ich sagen: Das Buch ist klug und bewegend und als ich am Ende angekommen war, wollte ich am liebsten gleich wieder von vorn beginnen. So eines der seltenen Bücher, nach deren Lektüre ich gar nicht das Bedürfnis hatte, viel darüber zu schreiben. Alles spricht für sich. Und von Sentimentalitäten keine Spur.

Nunez hat ihrer Ich-Erzählerin einige autobiografische Details mitgegeben. Auch diese lebt in New York City und ist Dozentin für Creative Writing und Schriftstellerin. Die Protagonistin scheint zunächst sehr understated, geradezu überreflektiert. Sie beobachtet messerscharf, ironisch und ihre Erinnerungen mäandern durch die Jahrzehnte der Freundschaft mit dem einstmals so charismatischen, dreimal verheirateten Macho-Mann, der zunehmend irritiert war, dass junge Frauen nicht mehr am Sex mit ihm interessiert waren und dessen Studentinnen auch nicht länger von ihm als „dear“ bezeichnet werden wollten.

I don’t want to talk about you, or to hear others talk about you. It’s a cliché, of course: we talk about the dead in order to remember them, in order to keep them, in the only way we can, alive. But I have found that the more people say about you, […] the further you seem to slip away, the more like a hologram you become. (S. 12)

Dabei geht sie der Frage, ob sie ihn all die Jahre geliebt habe und vielleicht doch nur eines der zahlreichen, zu duldsamen Groupies war, lange aus dem Weg, denn sie vermisst ihn immer noch ganz entsetzlich, an jedem einzelnen Tag, auch als Partner für all die unzähligen Gespräche über Schriftsteller, Bücher, Literatur, deren Grenzen und Möglichkeiten. Über ihre Studenten, die Literatur zunehmend in den Dienst ihrer eigenen – oft sehr begrenzten – Weltsicht nehmen, nur noch nach Safe Spaces auf dem Campus rufen und sich Büchern verweigern, die sie unangenehm berühren, etwas in Frage stellen oder über den eigenen Tellerrand hinausgehen könnten.

Das ganze Buch ist eine einzige große Ansprache an den Toten, der Widerspruch von einer Frau nicht unbedingt geschätzt hat. Überdies ist es eine wunderbare Schilderung des Trauerprozesses, in dem sich die Frau mehr und mehr in sich und ihren Assoziationen zu verlieren droht, obwohl durchaus hilfreiche Freunde im Hintergrund parat stehen. Ist es überhaupt statthaft, seinen Haustieren einen Namen zu geben und was hat es mit dem Buch My Dog Tulip von J. R. Ackerley auf sich?

Dieser Prozess, der aber gleichzeitig auch sehr irdisch daherkommt, umfasst auch die allmähliche Annäherung an Apollo. Immer wieder mal drohen Probleme mit oder durch den großen Hund, was nicht ohne leisen Humor geschildert wird. Apollo mag es, wenn man ihm vorliest, z. B. Rilke.

Und plötzlich Wendungen, die einen wieder alles in Frage stellen lassen. Darüber hinaus ist es auch der Prozess einer Selbstvergewisserung als Frau in einer Welt, in der ehemals attraktive Männer wie der Verstorbene glaubten, jeder Frau – einschließlich seiner Studentinnen – Avancen machen zu dürfen und in der Männergewalt gegen Frauen nach wie vor gang und gäbe ist.

Die vielen Zitate, Abschweifungen und Erinnerungsfetzen, die die belesene Ich-Erzählerin aus ihrer lebenslangen Lektüre einfließen lässt, zeigen, wie sehr Bücher tatsächlich zu ihrem Leben gehören und wie sehr die nächste Generation, die sie unterrichtet, so ganz anders, vielleicht ärmer, an Literatur herangeht.

Was mich vielleicht am meisten an diesem Roman beeindruckt hat, ist wie die Sprache zu der Protagonistin passt. Da ist kein Wort zu viel, alles wird schnörkellos, aber so präzise gesagt, dass man sich nicht vorstellen kann, dass auch nur ein einziger Satz anders hätte formuliert werden können. Schon die ersten Sätze lassen einen nicht mehr vom Haken:

During the 1980s, in California, a large number of Cambodian women went to their doctors with the same complaint: they could not see. The women were all war refugees.

Anette Grube übersetzte das Buch ins Deutsche.

Hier noch ein Artikel mit einigen Hintergrundinformationen aus der New York Times.

 

 

Jürgen Goldstein: Die Entdeckung der Natur (2013)

Dieser Band von Jürgen Goldstein aus der Reihe der Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky, setzt es sich zum Ziel, „Etappen einer Erfahrungsgeschichte“ nachzuzeichnen, also der Frage nachzugehen, wie Menschen im Laufe der europäischen Geschichte Natur betrachtet haben.

Dazu widmet Goldstein (*1962), Professor der Philosophie, den folgenden Männern und leider nur einer Frau jeweils ein Kapitel, in dem er anhand von Briefausschnitten und biografischen Aufzeichnungen entscheidende Momente ihres Lebens nachzeichnet. Schon das arg unübersichtliche Inhaltsverzeichnis, von dem ich hier nur die Untertitel zitiere, klingt verheißungsvoll und weckt lesende Entdeckerlust:

  • Francesco Petrarca besteigt 1336 den Mont Ventoux
  • Christoph Kolumbus erreicht 1492 Amerika
  • Maria Sibylla Merian erreicht 1699 Surinam
  • Georg Forster erreicht 1773 Tahiti
  • Johann Wolfgang von Goethe besteigt 1777 den Brocken
  • Georg Christoph Lichtenberg erreicht 1778 Helgoland
  • Alexander von Humboldt besteigt 1802 fast den Chimborazo
  • François-René de Chateaubriand besteigt 1804 den Vesuv
  • Charles Darwin erreicht 1835 den Galapagos-Archipel
  • Edward Whymper besteigt 1865 das Matterhorn
  • Jean-Henri Fabre besteigt 1865 den Mont Ventoux
  • Wilhelm Weike erreicht 1883 Baffin-Land
  • Fridtjof Nansen erreicht 1895 den 86. Breitengrad der Arktis
  • Claude-Lévi-Strauss erreicht 1938 Amazonien
  • Peter Handke besteigt 1979 die Sainte-Victoire
  • Reinhold Messner besteigt 1980 den Mount Everest
  • Auf der Suche nach der verlorenen Wildnis

Goldsteins unternimmt in seinem Werk den Versuch, die Entwicklung der europäischen Naturerfahrung nachzuzeichnen.

Die Entdeckung der Natur als eine seit dem 14. Jahrhundert einsetzende Erfahrungsgeschichte scheint an ihr Ende gekommen zu sein. […] Dieses Buch handelt von der einsetzenden Entdeckung, der allmählichen Entfaltung und dem drohenden Verlust der Erfahrbarkeit der Natur. (S. 23)

Mein Fazit: Manchmal ist es schön, nicht alles zu wissen, denn umso mehr Spaß macht es, mit so solide und umfangreich recherchierten Büchern wie diesem den Bildungslücken ein klein wenig abzuhelfen.  Goldsteins Entscheidung, die Protagonisten ausführlich selbst durch ihre Reiseaufzeichnungen, Tagebücher und Briefe zu Wort kommen zu lassen, lässt die LeserInnen unmittelbar an Schönheit, Gefahr, Verzweiflung, Todesnähe und überbordender Entdeckerfreude der Akteure teilhaben und sorgt für einen angenehmen Kontrast zur manchmal abstrakt-akademischen Sprache des Professors.

Der Zuwachs an Welterfahrung bei den Reisenden, die von ihren Eindrücken berichten, enthält immer auch eine Erlebnisrendite, die den Daheimgebliebenen zufällt. Das mag ein dürftiger Ersatz sein, wenn man nie in einem tropischen Regenwald gestanden, keinen Vulkan der Anden aus der Nähe gesehen und die Eislandschaften der Pole nicht aus eigener Anschauung kennengelernt hat. Aber wem auch immer diese Erfahrungen fehlen, er wäre ärmer ohne die Lektüre der Berichte über das, was er selbst nicht gesehen hat und nie sehen wird. (S. 272)

Manchmal schien mir die Fragestellung, von der er ausging, etwas aus dem Blick zu geraten, das aber war zu verschmerzen. Manches bleibt offen: War Augustinus, den Goldstein dafür verantwortlich macht, dass die Naturbetrachtung der lohnenderen und spannenderen Seelenbetrachtung untergeordnet worden sei, tatsächlich für die nächsten 1000 Jahre so tonangebend, dass Naturbetrachtung als solche eher gering geschätzt wurde? Was ist mit der Denkrichtung, in der Natur Gottes Wirken wahrzunehmen?

Auf die Kapitel zu Handke und Chris McCandless, der voller Naivität in Alaska in den Tod getrampt ist, hätte ich persönlich verzichten können. Gefreut hätte ich mich stattdessen über Kapitel zu Thoreau und Chatwin, die nur kurz erwähnt werden, außerdem fehlt Edward Abbey und das komplette Genre des sogenannten Nature Writing und statt McCandless wäre mir Everett Ruess lohnender erschienen, zumal der Tagebücher und Hunderte von Briefen hinterlassen hat, aus denen man ebenfalls trefflich hätte zitieren können.

Goldstein sagt ja selbst:

Für die vorgelegte Entdeckung der Natur kann und soll Vollständigkeit kein Ziel sein. Die Beschränkung auf exemplarische Naturerfahrungen erfolgt anhand des Leitfadens der Bergbesteigungen und Seefahrten. [Und wie hat sich dann McCandless in das Buch verirrt?] Von vielem ist daher nicht die Rede: Nicht von der Durchquerung des nordamerikanischen Kontinents durch Meriwether Lewis und William Clark 1804 bis 1806 […], nicht von David Livingstones Entdeckung der Victoria-Wasserfälle im Jahre 1855 bei seiner Durchquerung des afrikanischen Kontinents; nicht von Ludwig Leichhardts Vordringen in das Innere Australiens im Jahre 1848… (S. 23)

Ein Aspekt, der deshalb ebenfalls außen vor bleibt, ist die Eroberung des amerikanischen Kontinents. Dabei wären die theologischen Rechtfertigungen, die man in dem Prozess, sich das Land „untertan“ zu machen, anführte, im Lichte der Fragestellung, wie dort Natur gesehen und interpretiert wurde, sicherlich interessant.

Und wenn man den Bogen bis in die Gegenwart spannen möchte, könnte man noch auf den Selfie-Wahn unserer Tage verweisen, wo der Mensch nun wirklich nur noch sich selbst sieht. Sind doch 259 Menschen zwischen Oktober 2011 und November 2017 beim Erstellen von Selfies tödlich verunglückt (Quelle: Statista). Und nicht nur in Kalifornien zerstören Instagrammer genau das, was sie vorgeblich so mögen.

Zurück zu Goldsteins Werk: Was kann letztlich zufriedenstellender sein, als dass man jetzt auf den Geschmack gekommen ist, sich am liebsten mit mindestens drei der vorgestellten Protagonisten nun näher beschäftigen möchte und sich außerdem wünscht, dass der Autor einen in einem zweiten Band genauso kenntnisreich und belesen durch weitere Stationen der Naturbetrachtung führt?

Dieser zweite Band dürfte dann auch gern noch einige unternehmungslustige Frauen enthalten und in etwas freundlicheren Farben daherkommen.

Mein Lieblingszitat war übrigens das des Gärtners und Hausknechts Wilhelm Weike. Weike begleitete den Sohn des Hauses, Franz Boas, auf dessen Expedition zur Baffininsel im arktischen Teil Kanadas. Goldstein bescheinigt ihm zwar, für derlei Erfahrungen über keine adäquate Sprache zu verfügen, aber ich hatte sofort die Szene und die leicht genervte Ehefrau vor Augen:

Es ist doch sehr schön, wenn man wieder zu Hause ist. Aber die schönen Erinnerungen vom vergangenen Jahr bleiben doch […] Ich denke noch oft an die verlebten Tage bei den lieben Eskimos. Die Erinnerung ist doch schön. Ich habe schon manchen Abend gesessen  und meiner Frau erzählt, die weiß es balde so gut wie ich selbst, wie es da ist. (S. 205)

Also, Petra, vielen Dank für deinen Post zu dem Buch, der mir diesen Band auf die never ending list gesetzt hat.

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Edward Abbey: Die Einsamkeit der Wüste (OA 1968)

1968 erschien Désert solitaire des Amerikaners Edward Abbey. Was für ein grandioses, größenwahnsinniges, oft genug auch machohaftes Buch. Was für eine elegische und gleichzeitig weitsichtige Liebeserklärung an eine ganz besondere Gegend in Amerika, die man grob mit dem heutigen Arches National Park gleichsetzen kann.

Edward Paul Abbey (1927-1989), Englisch- und Philosophiestudium, fünfmal verheiratet, aufmüpfig, atheistisch, anachistisch, immer auf dem Radar des FBI, arbeitete 1956 und 1957 als Park Ranger im Arches National Monument, dem „schönsten Ort auf Erden“ (S. 15). Als Unterkunft dient ihm ein Wohnwagen.

Der Ort liegt in der Nähe von Moab, einer Kleinstadt im Südosten Utahs. Weshalb ich dort hingegangen bin, spielt keine Rolle mehr; was ich dort vorgefunden habe, ist das Thema dieses Buches. Mein Job begann mit dem ersten April und endete mit dem letzten Septembertag. Mir gefiel die Arbeit und das Canyonland und so kehrte ich im darauffolgenden Jahr für eine weitere Saison zurück. (S. 7)

Einige Jahre später bleibt er für eine dritte Saison.

Es waren schöne Zeiten damals, besonders in den ersten beiden Saisons. Der Tourismus war noch kaum entwickelt, und die Zeit verstrich äußerst langsam, so wie Zeit eben verstreichen sollte, in trägen und langen Tagen, die so weiträumig und frei wie die Sommer der Kindheit waren. Zeit genug also, nichts oder fast nichts zu tun, und das Meiste in diesem Buch habe ich ich, manchmal direkt und unverändert, den Seiten meines Tagebuchs entnommen, das ich in den nahtlos ineinander übergehenden Tagen jener großartigen Sommer führte und füllte. (S. 7)

Sein Job lässt ihm viel Zeit, denn vor allem soll er mit einem Pickup

die Straßen patrouillieren, Touristen aus der Patsche helfen, Feuerholz auf die Campingplätze bringen und den dort anfallenden Müll entsorgen. (S. 23)

Eigentlich wäre es schade, zu viel zum Inhalt zu verraten, denn dieses wilde Potpourri wartet auf beinahe jeder Seite mit Überraschungen auf.

Er will die Mäuse, die sich im Wohnwagen eingenistet haben, zwar nicht töten, holt sich aber eine Schlange in den Wagen, die dem Problem Abhilfe schaffen soll, listet seitenlang Blumen und Pflanzen auf. Kennt anscheinend jede Schlucht, jeden Berg mit Vornamen.

Er spottet über die Möchtegern-Cowboys und Cowgirls mit ihren schicken Cowboystiefeln, die sich – je weniger echten Viehtrieb es noch gibt – vermehren wie die Fliegen auf der Torte. Er philosophiert, z. B. über Naturschutz und die Frage, welche Musik eigentlich der Wüste gemäß sei, und polemisiert gegen die Anstrengungen der Parkverwaltungen, immer mehr Menschen in diese Wildnis zu bringen, koste es, was es wolle. Was wiederum genau das zerstöre, was man jetzt noch dort finden könne. Freiheit. Das Gefühl, Wege selbst zu entdecken. Abends allein am Lagerfeuer zu sein.

… bevor die Nacht aufzieht: Jeder Felsen, jeder Strauch und Baum, jede Blume, jeder Grashalm steht für sich, aufs Lebendigste vereinzelt, doch einander in einer Einheit verbunden, deren Großzügigkeit auch mich und meine Einsamkeit umfasst. (S. 131)

Leider sei der Amerikaner als solches ja nur noch fähig, sich in seinem Auto zu bewegen. Jeder Weg müsse asphaltiert werden und jeder Übergewichtige bis an den Rand des Grand Canyon fahren können. Traumhafte Canyons müssten geflutet werden, damit noch mehr Strom erzeugt werden könne. Irgendwann überall Müll, Leichtsinn und Touristen, die nach dem nächsten Cola-Automaten fragen.

Wie hellsichtig Abbey war, erkennt man daran, dass heute viele seiner Ideen (geführte Ranger-Touren und Shuttle Services statt überallhin mit dem eigenen PKW zu fahren) aufgegriffen werden, um der Touristenhorden einigermaßen Herr zu werden.

Es gibt lyrische Beschreibungen von Gewittern, Stürmen und Tagen, an denen er einem befreundeten Rancher hilft, dessen Vieh aus den Canyons zusammenzutreiben.

Er wandert, mal allein, mal mit einem Kumpel – Frauen spielen auf diesem unendlichen Abenteuerspielplatz nicht mit. Eindrücklich auch das Kapitel zu einer einwöchigen Bootstour, zusammen mit einem Freund, durch den Glen Canyon, der kurze Zeit später für immer und unwiederbringlich unter einem Stausee verschwunden sein wird.

Abbey klettert und kraxelt umher, auch mal ohne Karte oder mit nur ungenügend Wasservorräten ausgestattet. Gehört aber alles dazu, wenn man ein echter Kerl ist. Dennoch ein großer Respekt vor den Kräften der Wüste, die den Menschen in seine Grenzen weist. Wer das nicht versteht, endet wie der Tourist, den der Suchtrupp zwei Tage, nachdem man sein Auto gefunden hat, nur noch tot und aufgedunsen bergen kann.

Dazu Kapitel, die unglaublich plastisch und spannend eine Geschichte erzählen, sei es vom Goldrausch und maßlosen Profiteuren oder sei es von einem alten Pferd, das lieber in der Wüste hungert, als sich wieder von den Menschen einfangen zu lassen.

Die anarchistische Seite des Autors, die ihn immer wieder in Konflikte mit der Obrigkeit gebracht hat, schimmert durch, wenn er beispielsweise auch deshalb die Wildnis schützen möchte, damit die Unangepassten, die Revolutionäre immer einen Rückzugsort haben.

Nein, die Wildnis ist kein Luxus, sie ist eine Notwendigkeit für den menschlichen Geist und so unerlässlich für unser Leben wie Wasser und gutes Brot. Eine Zivilisation, die das Wenige, das noch von der Wildnis übrig ist, die Reserve, das Ursprüngliche, zerstört, schneidet sich von ihren Wurzeln ab und verrät das Prinzip der Zivilisation selbst. (S. 214)

Sein unbändiges tiefes Glück, einfach an diesem für ihn schönsten Ort der Welt sein zu können, sowie seine Trauer, dass der Mensch bereits im Begriff ist, vieles davon zu zerstören, teilen sich dem Leser mit. Als ich zwischendurch mal nach Fotos googelte, um mir von einzelnen Orten ein besseres Bild machen zu können, stellte sich das als überflüssig heraus. Seine Schilderungen waren so präzise, dass ich beim Anschauen der Bilder dachte, ja, genau, so hat er das beschrieben, so habe ich mir das vorgestellt.

Ob Sandsturm oder Sonnenschein, ich bin mit allem zufrieden, so lange ich bei guter Gesundheit bin, zu essen habe, die Erde, um darauf zu stehen, und Augenlicht, um zu sehen. (S. 48)

Das Buch setzt zwar einer Landschaft ein Denkmal. Es aber einfach als „nature writing“ einzusortieren, griffe zu kurz. Es ist großartige Literatur.

Mit einer Einschränkung: Das, was er in einem Kapitel über die Navajo schreibt, ist streckenweise unerträglich herablassend. Zwar möchte er den Ureinwohnern gern das Recht auf eigene Traditionen und Kultur einräumen, doch sobald er da von Geburtenkontrolle schwadroniert, klingt das, als müsse eine Kaninchenplage unter Kontrolle gebracht werden. Er selbst hatte übrigens fünf Kinder. Und kein Wort der Einsicht, dass für die Entstehung der sozialen misslichen Lage vieler Indiander ja der „weiße Mann“ verantwortlich ist.

… ein Mann an einem Tisch neben einem blinkenden Lagerfeuer, inmitten einer hügeligen Einöde aus Steinen und Dünen und Sandsteinmonumenten, die Einöde umgeben von dunklen Canyons und Flussläufen und Bergketten auf einem weiten Plateau, das sich über Colorado, Utah, New Mexico und Arizona erstreckt, und jenseits dieses Plateaus noch mehr Wüsten und größere Gebirge, die Rockies in der Abenddämmerung, die Sierra Nevadas, die in ihrem späten Nachmittag leuchten und weiter und noch weiter der abgedunkelte Osten, der funkelnde Pazifik, die gekrümmten Konturen der großen Erde selbst, und jenseits der Erde das Weltall mit Sonne und Sternen, dessen Grenzen für uns unerkundbar sind. (S. 271)

2016 brachte Matthes & Seitz die Übersetzung von Dirk Höfer unter dem Titel Die Einsamkeit der WüsteEine Zeit in der Wildnis auf den Markt. Herausgekommen ist dabei ein leinengebundenes Schmuckstück, bei dem ich mir allerdings gehaltvollere Informationen zum Autor, auch zu seinen rassistischen Ansichten, und zur Rezeption des Werkes gewünscht hätte.

Hier noch ein passender Artikel von John O’Connor aus der New York Times (2018).

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Fundstück von Elizabeth von Arnim

Wenn man alles Gewicht abwerfen will, das auf der Seele lastet, nachdem man versucht hat, seine Pflicht zu tun, oder wenn man geduldig ertragen mußte, daß andere ihre Pflicht einem selbst gegenüber erfüllt haben, so kenne ich keinen besseren Weg, als alleine hinauszugehen – entweder am Tagesanfang, wenn die Erde noch unberührt ist und  nur Gott überall ist, oder am Abend. Dann herrscht das Schweigen bis hin zu den Sternen, und zu ihnen hinaufschauend, erkennt man die Armseligkeit des vergangenen Tages, die Wertlosigkeit aller Dinge, um die man sich gemüht hat, und die Torheit, ärgerlich, ruhelos und angstvoll gewesen zu sein.

aus: Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen (1904), S. 115

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Frank Günther: Unser Shakespeare (2014)

Über dieses alte Buch [Shakespeares Werkausgabe] werden derzeit an jedem Tag, den der Herr Licht werden lässt, weltweit ca. 15 wissenschaftliche Studien veröffentlicht – und 1 Buch. Täglich. Ergibt im Jahr 365 x 15 = 5475 wissenschaftliche Studien und 364 Bücher. (S. 7)

Und nun hat auch noch Frank Günther, der 1947 geborene Shakespeare-Übersetzer, dieser ohnehin nicht zu bewältigenden Menge ein weiteres Buch hinzugefügt. Musste das sein?

Und ob! Das Buch ist überbordend informativ, spöttisch, belesen, meinungsstark und verständlich; es macht Spaß und gleichzeitig Lust, sich die Werke des englischen Nationalheiligen mal wieder aus dem Regal zu holen.

Es macht u. a. den Reiz dieses Buches aus, dass Günther zunächst einmal davon ausgeht, dass uns diese Werke eben nicht automatisch zugänglich sind, da 400 Jahre zwischen uns und diesem erfolgreichen Unterhaltungsschriftsteller liegen und demzufolge einige Hinweise hilfreich sein könnten, die als Brücke zwischen uns und Shakespeares Werken fungieren. Oder anders ausgedrückt: Wir sollten „ihre widerständige historische Fremdheit nicht übersehen.“ (S. 16)

So zeichnet Günther als erstes nach, wie Shakespeare überhaupt nach Deutschland gekommen ist; dass er nämlich von Lessing als großes Vorbild für deutsche Dramen in Stellung gebracht wurde, so ganz im Widerspruch zu Gottsched und dessen pedantischer Nacheiferung französischer Dramen.

Dreißig Jahre lang beherrschte Literaturpapst Gottsched die deutsche Szene. Ein anderer, 30 Jahre jüngerer deutscher Aufklärer fand’s dann gräßlich… (S. 23)

Es folgen Exkurse zu den unterschiedlichen Übersetzungen, die oft genug den Interessen der Übersetzer untergeordnet wurden, indem beispielsweise derbe oder nicht jugendfreie Stellen schlicht übergangen wurden, oder zu der dann zügig einsetzenden Vergöttlichung, die Shakespeare in deutschen Landen erfuhr. Goethe stammelte, als sei ihm ein religiöses Erweckungserlebnis zuteil geworden:

Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. (Zitat, S. 33)

Shakespeare wird von den Stürmern und Drängern vereinnahmt, als Vorbild gepriesen. Götz von Berlichingen und Schillers Räuber entstehen. Und ehe man sich versieht, versteigt sich August Wilhelm Schlegel – einer der entscheidenden Übersetzer – in einem Brief an Ludwig Tieck zu der Bemerkung:

Ich hoffe, Sie werden in Ihrer Schrift unter anderm beweisen, Shakespeare sey kein Engländer gewesen. Wie kam er nur unter die frostigen, stupiden Seeln auf dieser brutalen Insel? (Zitat, S. 49)

Günther geht aber auch den politischen Vereinahmungen des Dichters nach, bis hin zu der betrüblichen Tatsache, dass auch Adolf Hitler ein großer Shakespeare-Anhänger gewesen sei.

Es ist immer wieder verblüffend zu entdecken, dass man die Liebe zu Shakespeare auch mit den widerwärtigsten Menschen der Welt teilt. (S. 55)

In weiteren Kapiteln untersucht Günther die Sprache und das Menschenbild der damaligen Zeit oder was z. B. Hamlet zu so einer herausragenden und bahnbrechenden Figur am Beginn der Moderne macht.

Ein Individuum, das sich seiner selbst bewusst wird, wir schauen dabei zu – man denke auch an die Theaterszenen im Hamlet -, wie sich dieses Individuum nach außen anders gibt, verstellt, als es innen empfindet. Und da sind wir plötzlich mitten im Selfie-Wahn unserer Tage, in dem die Außenwahrnehmung des einzelnen die Innenwahrnehmung beeinflusst, vielleicht gar mit ihr verwechselt wird…

Natürlich erfahren wir auch eine Menge über die elisabethanische Gesellschaft, die Wertvorstellungen und das gesellschaftlich Anrüchige der Theater, ihre (räumliche) Nähe zu Tierkampf und Bordellen, ihre Beliebtheit bei Adel und unteren Bevölkerungsschichten. Theater – übrigens wurden alle Frauenrollen grundsätzlich von Knaben gespielt -,  das war nichts Edles, im Gegenteil, Hunderte von Menschen, dichtgedrängt, keine Toiletten, gönnten sich ein günstiges Nachmittagsvergnügen, anstatt ordentlicher Arbeit nachzugehen.

Für Verfechter des gewaltfreien Bildschirms ist Shakespeares Trivialliteratur nicht das Richtige. So waren die Theater auch keine Feierstätten für ein bildungsbürgerliches Publikum. Sie wurden im Gegenteil vom protestantisch-puritanischen Bürgertum, das den Londoner Magistrat stellte, nach besten Kräften verfolgt – als Stätten des gottlosen Müßiggangs, als Brutstätten der Unzucht und als Herde des Aufruhrs und der Anarchie… (S. 120)

So kann Günther die erfolgreichen Theater der damaligen Zeit mit den Musical-Produzenten von heute vergleichen. Es ging ums Geschäft.

Interessant auch die Kapitel zu Shakespeares Schulbildung, den sehr unterschiedlich gewichtenden Shakespeare-Biografien oder zu dem Stück Othello. Ist das nun rassistisch oder eher nicht und was ist eigentlich mit dem Untertitel „Moor von Venedig“ und der Frage, ob ausschließlich PoC (people of colour) diese Rolle spielen dürfen?

Den anscheinend unausrottbaren Fragen, ob Shakespeare schwul war (Sonette), ob Shakespeare gebildet genug war und ob die Stücke deshalb wirklich von ihm geschrieben wurden, werden weitere, sehr unterhaltsame und immer lehrreiche Kapitel gewidmet.

Manche dieser Leute weihen dem Thema ihr ganzes Leben. Und das alles, obwohl es kein einziges Fitzelchen, kein klitzekleines Zettelchen eines auch nur andeutenden historischen Hinweises auf eine andere Verfasserschaft gibt. Es ist eine rein aus Luft konstruierte Wahnwelt. Aber mit Methode, geradezu hamletisch: Hinter dem Schein der Weltoberfläche liegt eine tief verborgene andere Wahrheit. Es ist faszinierend: Was treibt diese Leute an? Warum machen die so was? Könnte es ein bislang unbekanntes Virus sein? (S. 291)

Also, wer seine Bekanntschaft mit Shakespeare vertiefen will, hat mit Frank Günther einen kompetenten und erfrischend unstaubigen Reiseführer an der Hand.

Blogbummel in unruhigen Zeiten: Februar/März 2020

In beunruhigenden Zeiten muss man sich seine Inseln der Besinnung suchen. Deshalb hier der nächste Blogbummel. Zur Einstimmung ein Beitrag von Von Orten und Menschen mit dem unwiderstehlichen Titel Forever Moor.

Deutschsprachige Blogs

Binge Reader macht mich in ihrer gemischten Tüte neugierig auf Robert Harris und die Interviews mit Joan Didion.

letteratura las Das Museum der Welt von Christopher Kloeble.

Koreander stellt Generation X von Douglas Coupland vor.

transitnuremberg macht mir doch wieder Lust auf Olga Tokarczuk und ihren Band Der liebevolle Erzähler.

Bleisatz hätte Die Wunderkammer der deutschen Sprache von Thomas Böhm und Christian Pfeiffer anzubieten.

Völlig abgedreht fand Bücherwurmloch Das eiserne Herz des Charlie Berg von Sebastian Stuertz.

Günter Keil las Eine fast perfekte Welt von Milena Argus.

Picknick im Dunkeln von Markus Orth wurde schon im letzten Blogbummel erwähnt, aber die Besprechung auf dem Bücheratlas macht mich jetzt endgültig schwach.

Der leseschatz hat Trümmerfrauen von Christine Koschmieder entdeckt und außerdem noch Dankbarkeiten von Delphine Vigan in der Truhe gefunden, während novellieren in einem Gastbeitrag von Kai Wieland den Roman Hawaii von Cihan Acar präsentiert.

LiteraturReich setzt mir Café Krane von Cora Sandel auf die never ending Liste. Dummerweise stellt sie auch Der Freund von Sigrid Nunez so ansprechend vor.

Und auch Zeichen & Zeiten ist wieder dabei: Diesmal mit ihren Empfehlungen zu Die Berglöwin von Jean Stafford sowie zu Die Unsichtbaren von Roy Jacobsen.

Intellectures lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein Buch von Marko Martin.

Sätze & Schätze las Das Mädchen von Edna O’Brien. Dazu passt ein Beitrag von titel thesen temperamente zu dieser Autorin, der noch bis Februar 2021 abrufbar ist.

Interessant fand ich in diesem Zusammenhang eine (weiße) englischsprachige Bloggerin auf chronic bibliophilia, die es nicht angemessen findet, dass eine weiße privilegierte Frau über missbrauchte schwarze Mädchen schreibt. Das sei kolonialistisch. Bookmunch kommt da zu einer differenzierteren Einschätzung.

Aus naheliegenden Gründen schließt die Autorin Jutta Reichelt erst einmal ihre Schreibwerkstätten, stattdessen wird sie ihren Blog zu einer solchen umfunktionieren. Toll!

Englischsprachige Blogs

ANZ LitLovers LitBlog stellt One Amazing Thing von Chitra Banerjee Divakaruni vor.

Für die Fans des Cozy Crime hat Heavenali zwei Krimis von John Bude gelesen.

Bitter Tea and Mystery stellt Life below Stairs: In the Victorian and Edwardian Country House von Siân Evans vor. Aber An Elderly Lady Is Up To No Good von Helene Tursten klingt auch reizvoll.

Ein älteres Unterhaltungs- und Entspannungsschätzchen von 1933 hat JacquiWine’s Journal für uns, nämlich Business as Usual von Jane Oliver und Ann Stafford.

Asian Review of Books bespricht wieder einen vielversprechenden Titel, nämlich Philippine Sanctuary: A Holocaust Odyssey von Bonnie M Harris. Aber das Reisebuch Sovietistan: Travels in Turkmenistan, Kazakhstan, Tajikistan, Kyrgyzstan, and Uzbekistan der norwegischen Autorin Erika Fatland klingt auch sehr reizvoll. Im Deutschen erschienen unter dem Titel Die Grenze. Dazu noch ein Bericht auf dem Logbuch Suhrkamp.

Aber damit nicht genug, auf Asian Review of Books wird auch das Buch Three Flames von Alan Lightman vorgestellt.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Michael’s Beers & Beans stellt uns die Torfkirche von Saurbæjar vor.

Der Bücheratlas war in einer Ausstellung zu Carl Spitzweg.

In das älteste Museum der Niederlande, das Tylers Museum in Haarlem, kommen wir alle mit, vorgestellt auf dem Blog mus.er.me.ku.

Die Reisefeder flog ins Parlament der norwegischen Samen.

Zum Abschluss

Einen ganz besonderen, feinen und schwingenden Text hat Petra auf ihrem Blog veröffentlicht.

Bleibt alle gesund.

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Natsume Sōseki: The Gate (OA 1910)

Nun habe ich bestimmt eine halbe Stunde lang das Internet nach einer deutschen Übersetzung dieses erstmals 1910 erschienenen japanischen Klassikers von Natsume Sōseki durchsucht. Unglaublich, gibt es nicht! Ins Englische wurde der Roman von William F. Sibley übersetzt. Die Ausgabe der New York Times Classics enthält außerdem ein hilfreiches Vorwort von Pico Iyer.

Nicht immer finde ich einen Zugang zu japanischer Literatur. Doch hier baute mir der Autor, der nur 49 Jahre alt wurde (1867 – 1916), Brücken, über die ich zwischen der mir fremden Welt der Romanfiguren und meiner eigenen Erfahrungswelt hin und her gehen bzw. lesen konnte. Schon in den ersten Zeilen zeigt sich der ruhige Blick auf die Details, den Verlauf der Jahreszeiten, die kleinen Momente des Alltags.

Sōsuke had been relaxing for some time on the veranda, legs comfortably crossed on a cushion he had sat down in a warm, sunny spot. After a while, however, he let drop the magazine he had been holding and lay down on his side. It was a truly fine autumn day, the sun bright, the air crisp, and the clatter of wooden clogs passing through the quiet neighbourhood echoed in his ears with a heightened clarity.

Ein junges Ehepaar lebt in bescheidenen, finanziell immer etwas angespannten Verhältnissen am Stadtrand von Tokio. Von dort fährt Sōsuke täglich zu seinem Arbeitsplatz in einem nicht näher bezeichneten Regierungsbüro. Seine Frau Oyone hält derweil zusammen mit einem Dienstmädchen die Wohnung in Ordnung, bereitet die Mahlzeiten zu und nimmt ihm bei seiner Rückkehr seine Jacke ab. Sie unterhalten sich, z. B. darüber, dass Sōsukes Schuhe vermutlich keinen weiteren Regenguss überstehen werden.

Unruhe in diesen ritualisierten, gänzlich unaufregenden Tagesablauf bringt die unerwartete Ankunft von Sōsukes 10 Jahre jüngerem Bruder, der – die Eltern der Brüder sind längst verstorben – von der Tante überraschenderweise nicht länger finanziell unterstützt wird, was seine Aussicht, die Universität zu besuchen, in Frage stellt. So nehmen Oyone und ihr Mann den jungen Mann auf, obwohl das nicht nur räumlich und finanziell, sondern auch seelisch eine große Belastung für sie bedeutet.

Spätestens jetzt wird deutlich, dass Sōsuke ein Zauderer ist; klare Worte, Klärungen und Entscheidungen überhaupt sind seine Sache nicht. So wie er andere nicht belästigt, so möchte er in Ruhe gelassen werden. An dieser Eigenschaft dürfte es auch liegen, dass er es damals, beim Tod des durchaus vermögenden Vaters, nicht geschafft hat, sich selbst um das Erbe zu kümmen, mit dem Ergebnis, dass Onkel und Tante sich das Meiste davon in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben.

Wir erfahren nun, wie Sōsuke und Oyone in den folgenden Wochen und Monaten mit den Veränderungen umgehen. In Rückblenden, die sich ausbreiten wie Kreise um ins Wasser geworfene Steine, erfahren wir, dass ihre so mühsam erkämpfte Ruhe und ihr unglaublich isoliertes Leben auf Geschehnisse in der Vergangenheit zurückzuführen sind. Auch Sōsuke war einmal Student, doch sein Verhalten machte einen Verbleib an der Universität unmöglich. Es bleibt offen, ob das Paar von nun an von der Gesellschaft und den beiden Familien radikal geschnitten wurde oder ob sich die beiden quasi freiwillig in die gesellschaftliche Isolation begeben haben.

Inzwischen leben die beiden in der Großstadt nur für sich, keineswegs unzufrieden. Miteinander glücklich. Auch wenn der Schmerz über ihre Kinderlosigkeit, die Vergangenheit und die Scham unter der nahezu unbewegten Oberfläche gegenwärtig sind.

Sōsuke and Oyone were without question a loving couple. In the six long years they had been together they had not spent so much as half a day feeling strained by the other’s presence, and they had never once engaged in a truly acrimonious quarrel. They went to the draper to buy cloth for their kimonos and to the rice dealer for their rice, but they had very few expectations of the wider world beyond that. Indeed, apart from provisioning their household with everyday necessities, they did little else that acknowledged the existence of society at large. The only absolute need to be fulfilled for each of them was the need for each other; this was not only a necessary but also a sufficient condition for life. They dwelled in the city as though living deep in the mountains. (S. 132)

Als sich für Sōsuke die Verhältnisse so zuspitzen, dass er sich gar keinen Ausweg mehr weiß, erzählt er seiner Frau nicht, welche Nachrichten ihres Vermieters ihn so tief beunruhigen, stattdessen nimmt er sich, der nie auch nur einen Tag an der Arbeit gefehlt hat, 10 Tage frei, um zum ersten Mal in seinem Leben zu meditieren. Doch auch der Aufenthalt im Kloster, der eher wie eine Flucht vor sehr konkreten Fragen wirkt, bringt ihm nicht die erhoffte Klarheit und Seelenruhe.

Ein wahrlich entschleunigendes Buch, unglaublich reizvoll, keineswegs langweilig, selbst wenn meine Anmerkungen zum Inhalt diesen Eindruck erwecken könnten. Melancholisch, leise, manchmal resignativ, zurückgenommen, doch nicht ohne Humor.

Watching the people all around him intent on making the short winter days even busier with their frantic activity, as if driven by the ebbing year to fill every moment, Sōsuke felt all the more weighed down by this nameless dread of things to come. It even popped into his head that, were it possible, he would choose to linger amid the shadows of the nearly spent year. His turn at a chair [at the hairdresser’s] having come at last, he caught sight of his reflection in the cold mirror, whereupon he asked himself: Who is this person staring out at me? […] When Sōsuke emerged onto the street, his head fragantly anointed and his ears ringing with the barber’s hearty farewell, he felt utterly refreshed. Feeling the cold air against his skin, he had to admit that, as Oyone had claimed, a haircut can go a long way towards improving one’s mood. (S. 118)

Am Ende hat man die beiden ins LeserInnenherz geschlossen, Einblick in eine andere Zeit und in eine Kultur im Umbruch gewonnen und überdies eine zart-diskrete Liebesgeschichte gelesen.

Even when in distress, Oyone generally did not neglect to smile for Sōsuke. (S. 111)

In der NZZ gibt es einen Beitrag zum Autor.

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Fundstück von Christopher St. John Sprigg

Nichts Neues unter der Sonne.

In der ansonsten ausgesprochen überflüssigen Neuauflage des Krimis Crime in Kensington (1933) von Christopher St. John Sprigg denkt die Hauptfigur Charles Venables, Hobby-Detektiv und Schmierenjournalist, über seinen eigenen Arbeitgeber, die Zeitung Mercury nach.

A paper that by pandering to the basest sensationalism of the common people climbed on stepping stones of discarded ethics to higher things. A paper whose public had brains with linings so corroded and crusted by jazz, sentimental films and cheap literature that the most earth-shaking events of the world had to be predigested and peptonized before they could be absorbed. A paper whose political policy had been invariably allied with the most reactionary and antisocial elements of English life. (S. 109)

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Blogbummel Januar/Februar 2020

Beginnen wir die heutige und wie immer wild subjektive und unvollständige Bummelei mit winterlichschönen Fotos von Erntetank.

Deutschsprachige Blogs

BuchUhu gefiel Der singende Baum von Tim Winton.

literaturleuchtet widmet sich den Romanen von Dag Solstad.

Wer könnte dem Titel Das langweiligste Hörbuch der Welt widerstehen? Vorgestellt von Günter Keil.

Buch-Haltung konnte sich letztlich doch anfreunden mit Picknick im Dunkeln von Markus Orth.

An die Schriftstellerin Irmgard Keun erinnert Kulturgeschwätz.

LiteraturReich stellt uns Die Spuren der Stadt von Lars Saabye Christensen vor.

Jargs Blog ist angetan von dem Sachbuch Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner.

Lena Riess las 64 von Hideo Yokoyama.

Frau Lehmann liest bzw. las, und zwar Friedrich der große Detektiv von Philip Kerr.

Familienbande empfiehlt Die Last, die du nicht trägst (1978) von Roswitha Geppert.

Zeichen & Zeiten las Das Haus am Rand der Welt von Henry Beston.

Normalerweise sammele ich hier nur Hinweise auf Bücher, die mich neugierig machen und locken. Doch in diesem Fall muss auch ein Link zur Besprechung auf 54BOOKS von Klassiker! – Ein Gespräch über die Literatur und das Leben aus dem Hanser Verlag sein: So einen schönen Verriss liest man ja selten.

Und ausnahmsweise ein Tipp aus dem Feuilleton. Dank Mannigfaltiges fand ich den Artikel aus dem Tagesspiegel von 2009. Darin wird an Das Schicksalsschiff. Rio de Janeiro-Lissabon-New York (1942) von Rosine De Dijn erinnert.

Englischsprachige Blogs

ANZ LitLovers LitBlog macht Lust auf Debra Adelaides Buch The Innocent Reader.

JacquiWine’s Journal mochte Don’t look at me like that von Diane Athill.

Asian Review of Books bespricht A New Sun Rises Over the Old Land von Suon Surin.

Krimis

Ein altes Schätzchen von 1959, nämlich Answer in the Negative von Henrietta Hamilton, empfiehlt crossexaminingcrime.   

missmesmerized las Wisting und der Tag der Vermissten von Jørn Lier Horst.

Zum Schauen, Staunen und Reisen

Der Beitrag vom Kind am Tellerrand über eine Reise nach Córdoba lässt mich ernsthaft überlegen, wann ich da wohl mal hinreisen kann.

Awesomatik erwanderte den norwegischen Kungsleden. Ich empfehle, alle Beiträge (in diesem Artikel sind alle verlinkt) anzuschauen. Tolle Fotos und Eindrücke.

Safe Travels begeistern mit ihren Fotos vom Zebra Slot Canyon.

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Maria Gräfin von Maltzan: Schlage die Trommel und fürchte dich nicht (1986)

Die Lebenserinnerungen der Maria Helene Françoise Izabel Gräfin von Maltzan, Freiin zu Wartenberg und Penzlin (*1909 in Schlesien; † 1997 in Berlin) sind eine hinreißende Lektüre. Was für eine Spannbreite gesellschaftlicher Erfahrungen sich hier in einer Person vereint: Kindheit als umsorgtes Komptesschen, bohemehaftes Studentenleben der Tiermedizin, Stationen in München, Afrikareise, Berlin, Widerstandskämpferin während der Zeit des Nationalsozialismus, Medikamentenabhängigkeit, Entzug der Approbation, mehrmalige Einweisung in die Psychiatrie, Sozialhilfe, Suizidversuch, nach Wiedererlangung der Approbation Tierärztin in Zirkussen, Zoos oder als Urlaubsvertretung, schließlich wieder in Berlin, wo sie die Hunde der Punks behandelt.

Ihre privilegierte Kindheit verbringt Maria Gräfin von Maltzan auf dem elterlichen Schloss Militsch in Schlesien, zu dem 12 Güter gehörten. Sie und ihre sechs älteren Geschwister werden selbstverständlich in gesellschaftliche Konventionen des Adels und Fertigkeiten wie Fremdsprachen, Fechten und Reiten (das erste Pferd bekam sie mit fünf Jahren) eingeführt. Sogar mit einer Waffe verstand sie umzugehen.

Auf Militsch war es Sitte, daß alle Kinder ab vier an der Familientafel aßen. Als ich dies dann auch endlich durfte, genoß ich es sehr, die Mahlzeiten mit den Erwachsenen einnehmen zu dürfen. Nur hatte die Sache einen Haken, unter dem ich zu leiden hatte. Es wurde nämlich bei uns – wie am kaiserlichen Hof in Berlin, wohin meine Eltern oft eingeladen wurden, sehr schnell serviert, und sobald Vater und Mutter das Besteck niederlegten, wurden sofort sämtliche Teller abgeräumt und der nächste Gang aufgetragen. Da ich die Jüngste war, wurde mir das Essen natürlich ganz zuletzt gereicht, wodurch ich immer zu kurz kam und bei dem Serviertempo nie richtig satt wurde. Eines Tages ertappte mich mein Vater dabei, wie ich noch nach Tisch stark vor mich hinkaute. Er zog mich in eine Fensternische und beförderte wortlos acht Scheiben Rehbraten aus meinen Backentaschen. (S. 13)

Ihren Vater liebt Maria sehr, dieser stirbt allerdings bereits 1921, damit endet die Zeit der behüteten Kindheit. Das Verhältnis zu ihrer Mutter wird immer auf gegenseitigem Unverständnis beruhen und schließlich in offene Ablehnung münden. Die Mutter empfindet ihre unkonventionelle Tochter, die sich schon früh für alle möglichen Tiere interessiert und gar Tierärztin werden will, als eher peinlich und aufmüpfig. Dass ihre Tochter auf diversen Internaten todunglücklich ist, kümmert sie wenig.

Bestimmte Werte, zu denen sie erzogen wurde, gelten für Maria ein Leben lang.

Mein zehnter Geburtstag brachte eine einschneidende Wende, denn von diesem Zeitpunkt an wurde ich mit „Sie“ angeredet, hatte dafür aber die Pflicht, wie meine älteren Geschwister, soziale Aufgaben wahrzunehmen. […] Für unsere Angestellten und Arbeiter gab es ein eigenes Altersheim, ein eigenes Siechenheim. Die Spielschule war ein Geschenk meiner Mutter nach einer Erbschaft, die auch für die Kosten der Kindergärtnerin aufkam. […] Mein Vater war jedenfalls ein sehr sozial denkender Mensch und erzog seine Kinder entsprechend. […] Zu den Selbstverständlichkeiten in den großen Herrschaften gehörte es auch, daß für begabte Kinder der Angestellten die gesamten Ausbildungskosten für eine höhere Laufbahn bezahlt wurden. Das ging soweit, daß jemand auf Kosten eines jüdischen Landbesitzers katholische Religion studieren konnte.

Wenn einer von unseren Leuten krank wurde, erfuhren wir dies durch den jeweiligen Inspektor, und dann war es Sache der Kinder, sich um die Betreffenden zu kümmern. Mit unseren Pferden und Wagen fuhren wir sie zum Arzt oder gegebenenfalls ins Krankenhaus, wo es eine bestimmte Zahl von  Betten gab, die uns gehörten. (S. 33)

Als der Vater beispielsweise von Maria erfährt, dass der Hof der Eltern eines Kindermädchens durch eigene Schuld in Brand geraten ist und die Versicherung den Schaden nicht übernehmen wird, fragt er seine Tochter, wie viel sie auf der Bank habe.

„Die zweihundert Mark holst du ab und gibst sie Bertha, die jahrelang deinen Dreck weggemacht hat. Man steht für seine Leute gerade.“ (S. 33)

Trotzdem zeigt sich schon in der Kindheit, dass sie und ihr einziger Bruder Carlos unterschiedliche Wertvorstellungen haben, was dann während der Zeit des Nationalsozialismus dazu führt, dass sie auf politisch entgegengesetzten Seiten stehen.

Von Anfang an reagiert sie allergisch auf die Rattenfänger der Nazis. Ostern 1933 reist sie deprimiert nach Hause.

Nach meiner Ankunft im Schloß ging ich sogleich in den Grünen Salon, wo wir nachmittags alle gemeinsam Tee zu trinken pflegten. Mein Bruder saß dort in Nazi-Uniform. ‚Du bist wohl vom Fasching übriggeblieben‘, sagte ich zu ihm und nahm an, er würde dies mit Humor auffassen. Doch weit gefehlt! Wie von der Tarantel gestochen, schoß Carlos wütend hoch und machte mir eine entsetzliche Szene.

Es kommt zum Bruch zwischen den Geschwistern,  er verweigert die weitere finanzielle Unterstützung seiner Schwester, die daraufhin beginnt, in München journalistisch tätig zu werden und so erste Kontakte zum Widerstand knüpft. Um ihre klammen Finanzen aufzubessern, arbeitet sie außerdem als Reitdouble beim Film und kümmert sich um die Pferde reicher Leute.

1933 promoviert sie in Naturwissenschaften, doch da ihre regimefeindliche Haltung, ihre Kontakte zu Kommunisten und Juden kein Geheimnis sind, kann sie nicht auf eine Festanstellung hoffen. Sie wird mehrmals von der Gestapo vorgeladen und als das Pflaster ein wenig zu heiß wird, begibt sie sich im Januar 1934 auf eine sechsmonatige Afrikareise.

Sie heiratet, geht mit ihrem Mann, dem Kabarettisten Walter Hillbring nach Berlin, die Ehe scheitert schon kurze Zeit später. Auch in  Berlin hat sie Kontakte zu  Widerstandsgruppen der katholischen und schwedischen Kirche. Immer wieder versteckt sie Untergetauchte, seien es Kommunisten oder Juden, in ihrer kleinen Wohnung, organisiert Dokumente, einmal wird sie sogar beordert, eine ältere jüdische Dame schwimmend über den Bodensee zu geleiten, sodass diese in der Schweiz untertauchen kann.

Am Morgen ihres Geburtstages im März 1939 erschienen bei Lulu [ihrer Freundin] zwei SS-Leute mit einem Paket und überreichten es ihr mit den Worten: ‚Das ist von Ihrem Mann.‘ Erfreut nahm sie es in Empfang. Als sie es öffnete, hielt sie seine Urne in den Händen. (S. 126)

Im Frühjahr 1944 versucht sie bei ihrem letzten Aufenthalt in Militsch ihre seit 1940 verwitwete Schwägerin davon zu überzeugen, wenigstens die Kunstschätze des Schlosses in Sicherheit zu bringen. Die empörte Schwägerin wirft ihr Defätismus vor.

Den Verlust meiner Heimat habe ich nie verwunden. Ich hing mit jeder Faser meines Wesens an Militsch. Ich liebte das Land, das Schloß und alles, was dazugehörte. Obwohl mir in späteren Jahren vielfach die Gelegenheit geboten wurde, Militsch wiederzusehen, habe ich darauf verzichtet. Mein Zuhause in Schlesien trage ich lieber als unberührte Erinnerung tief in meinem Herzen. (S. 219)

Ihre Aktivitäten im Untergrund nehmen zu, sie hilft dabei, Untergetauchte aus der Stadt zu bereitstehenden Fluchtwaggons zu bringen. Zum Glück liebt sie Hunde und ihre Bullterrier retten ihr vermutlich mehr als einmal das Leben. Man geht davon aus, dass sie ca. 60 Menschen das Leben gerettet hat.

Sie heiratet noch zweimal, und zwar den jüdischen Literaten Hans Hirschel, den sie während des Krieges in ihrer kleinen Wohnung versteckt hält. Diese erste Ehe hält nur zwei Jahre. 1972 heiraten die beiden erneut. Auch die Kapitel über die unmittelbare Nachkriegszeit sind überaus spannend und ziemlich bunt.

Die herbe Maria Gräfin von Maltzan, auf Fotos meist mit einem Zigarillo in der Hand,  erzählt ihre oft abenteuerlich anmutenden Erinnerungen, ihre vielen Geschichten so anschaulich, schnoddrig, unsentimental, als wäre man direkt dabei. Dabei werden die Abstürze dieses Lebens nicht unter den Teppich gekehrt.

Was mir allerdings zu kurz kam, waren die Beziehungen zu ihrer Familie. Und über ihre Talkshow-Auftritte nach dem Erscheinen ihrer Erinnerungen habe ich leider auch nichts weiter gefunden. Ihr Buch diente zwar als Vorlage für einen Film, doch schon ein Foto der Schauspielerbesetzung erstickte jegliches eventuelles Interesse meinerseits. Abschließend stellt sich nur die Frage, warum es denn in alles in der Welt keine Biografie zu dieser Frau gibt. So ein Leben hat weit mehr als diese – lesenswerten – 277 Seiten verdient.

Der Titel ihrer Erinnerungen ist übrigens der ersten Zeile des Gedichts Doktrin von Heinrich Heine entnommen.

Hier noch ein Artikel zu der Gräfin vom Deutschlandfunk.

Katja Oskamp: Marzahn Mon Amour – Geschichten einer Fußpflegerin (2019)

Den ZEIT-LeserInnen dürften Katja Oskamps wunderbare Texte, die sie über ihre Kundschaft in einem Berliner Fußpflegesalon schreibt, bereits bekannt sein. Die waren ein wenig an mir vorbeigegangen, doch das Buch dazu lag zufällig bei Freunden auf dem Küchentisch. Zum Glück.

Die Autorin (*1970 in Leipzig) beschließt mit 45 Jahren, als der Partner erkrankt, die Tochter aus dem Haus und die Schriftstellerinnenkarriere gerade etwas unbefriedigend dahindümpelt, noch mal etwas ganz Neues zu beginnen. Auf den Rat einer Freundin belegt sie einen achtwöchigen Kurs für Fußpflege.

Zu Hause lernte ich die Namen der achtundzwanzig Fußknochen auswendig, den Aufbau des Nagels, die Fußdeformitäten und wie eine Thrombose entsteht. Ich prägte mir die Materialien für Fräserknöpfe ein, die Wirkungen pflanzlicher Stoffe, die Hautkrebsarten, den Unterschied zwischen Viren, Bakterien und Pilzsporen. Die Besonderheiten des diabetischen Fußes und die Definition von Fissuren, Rhagaden und Krampfadern. Mein Mann fragte mich ab, wenn wir abends im Bett lagen, begraben unter Zetteln voller Mitschriften und Fußskizzen. (S. 11)

Seitdem arbeitet sie zweimal die Woche in einem Marzahner Salon, hört ihren KundInnen zu, lacht und schäkert mit ihnen und erfährt so im Laufe der Zeit viel über deren Leben. Und all den Witz, die Stille, Einsamkeit und Liebe, die Erinnerungen, das Unsentimentale der meist älteren und oft gebrechlichen Menschen, die da zu ihr, der Kollegin und der Chefin kommen, wird von Oskamp in berührenden, komischen, peppigen, erschreckenden und sehr anschaulichen Kurzporträts verdichtet. Mal schnoddrigaufdenpunkt, mal poetisch und ruhig.

Der Parkfriedhof Marzahn abends um acht, fern des Lärms der Stadt. Am Ende eines heißen, staubigen Tages singen die Vögel ihr Abendlied. Die Sonne steht schräg, letzte Strahlen streichen wie Flügel über einzelne Namen auf Steinen. Geharkte Wege. Gegossene Gräber. Brennende Kerzen. Lärchen, Eichen, Kiefern. Ich streife durch Farne, über Wiesen im Schatten. Kühle, Ruhe und Platz. Eine Birke. Eine Bank. Es ist schön, den Tag auf einem menschenleeren Friedhof zu beenden. (S. 136)

Unglaublich gern gelesen. So mit großzügiger Menschenfreundlichkeit betrachtet, quasi von den Füßen her, wird jedes Leben gewürdigt, wahrgenommen. Und die Tätigkeit der Fußpflegerin ist für mich ab sofort gesellschaftlich bedeutsam, was sich nicht nur in Anerkennung, sondern auch in entsprechender Vergütung niederzuschlagen hätte.

Zwei Fragen, deren Widersprüchlichkeit mir bewusst ist, bleiben:

Ist es eigentlich in Ordnung, so aus den Geschichten, die einem ja im Vertrauen und der Abgeschlossenheit eines Behandlungszimmers erzählt werden, ein Buch zu machen?

Wann erscheint die Fortsetzung? Ich möchte weiterlesen.

Ach, und gegen die Midlifecrisis der Autorin hat die Arbeit als Fußpflegerin übrigens auch geholfen.

Du bist fast fünfzig und hast begriffen, dass du Dinge, die du tun willst, jetzt tun solltest, nicht später. Alte Ratgeber-Binse, stimmt aber wirklich. Du bist fast fünfzig und noch unsichtbarer geworden, die beste Voraussetzung, diese Dinge zu tun, seien sie schrecklich, wundervoll oder abseitig. (S. 137)

Hier noch ein Interview mit Oskamp aus der Berliner Morgenpost und hier eins auf der Seite des Deutschlandfunk.

Fundstück von Walter Kappacher

Nach dem Frühstück hatte er sich aufs Bett gelegt und die Erzählung „The Lesson of the Master“ zu lesen begonnen: „He had been informed that the ladies were at church …“ Es hatte ihm wohlgetan, an der sicheren Hand des Autors in die Geschichte hineingezogen zu werden.

aus: Walter Kappacher: Der Fliegenpalast, Residenz Verlag, 2009, S. 20

Sarah Kirsch: Ænglisch (2015)

Herr Buddenbohm war schuld daran, dass Petra von Philea’s Blog das Büchlein Ænglisch von Sarah Kirsch las. Petras Fazit:

Sarah Kirschs Ænglisch ist ein bezauberndes, sprachschrulliges Reisetagebuch, das ich wärmstens empfehle.

Was blieb mir da anderes übrig? Ich freute mich, ein prima erhaltenes Exemplar auf Tauschticket zu erstehen, und schon schmökerte ich mich durch die Erinnerungen der bekannten Lyrikerin (*1935 – †2013) an einen 16-tägigen Urlaub, den sie 2000 mit ihrem Sohn Moritz in Cornwall und Devon verbrachte. Die endgültige Form fand dieses Tagebuch im September 2012.

Und was soll ich noch groß sagen: Was wäre das für ein Pech gewesen, hätte Petra das Buch nicht empfohlen. Dabei passiert gar nichts Besonderes: Die beiden Urlauber müssen sich mit qualitativ sehr unterschiedlichen Unterkünften arrangieren, unternehmen Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten der Region, gehen essen und in den Zoo, freuen sich über nette Cafés, bummeln, beobachten, haben Wetter und Moritz kauft Klassiker, während sie noch Harry Potter liest.

Niemand außer uns unterwegs. Ein einziger Mensch kam uns entgegen und hat holdseligst gegrüßt. (S. 58)

Das Besondere liegt in der Aufmerksamkeit für die Kleinigkeiten, im Sprachwitz, mal poetisch, mal flapsig, in der Freude an Worten, an der Gabe Kirschs, die scheinbar belanglosen Reiseeindrücke lebendig werden zu lassen oder sie mit anderen Erfahrungen in Verbindung zu setzen. Wir reisen mit und denken gleichzeitig an eigene Urlaube, eigene kostbare und banale Erinnerungen. Nur dass wir sie wohl nicht so wunderbar in Sprache verpacken könnten.

Hin & wieder steckte ein Kormoran den Schnorchel aus dem Wasser. Wunderbarste Fregattvögel flogen, wenn ich die See und die Fregattvögel in den Lüften hab, so haut es mir nahezu um. Weeß ooch nicht weshalb. (S. 14)

Für mich schwingt in all der Leichtigkeit auch ein wenig Melancholie mit, obwohl Kirsch sich am Ende der Reise durchaus auf ihr Zuhause in Norddeutschland freut. Hat doch jeder Urlaub von Anfang an ein festgesetztes Datum der Rückkehr. Selbst der schönste Tag geht vorüber, nichts kann das aufhalten. Wir ahnen das und wollen es doch nicht wissen.

Morgen schiffen wir uns langsam dann ein. Dann ist der Sommer auch gleich vorbei, wirste sehn. (S. 58)

Diese 67 Seiten, zu denen noch ein Nachwort und eine Liste ihrer Veröffentlichungen kommen, zeigen aber auch, was Sprache vermag: Die flüchtigen Momente werden, wenn sie liebevoll wahrgenommen wurden, eben doch durch Sprache wie in Bernstein festgehalten, wie Flaschenpost weitergereicht.

Und so ließe sich das Werk auch lesen als eine Aufforderung, aufmerksamer durch seine eigenen Tage zu gehen und dabei das ein oder andere zu notieren.

Ein kleines Werk; wie Wasser, auf dem die Sonne funkelt.

War so hübsch da im Schloß uff Mount St. Michael, als wir durch alle möglichen Waffenzimmer in die sehr hübsche gemütliche Bibliothek gelangten, da sagte er aus vollem Herzen, daß er am liebsten in solche Bibliothek immer wär. (S. 50)

 

 

 

Walter Kappacher: Rosina (1978/2010)

Viel zu lange stand dieses Buch, das ursprünglich 1978 erschien, für die Ausgabe 2010 im Deuticke Verlag überarbeitet wurde und für das Armin Ayren das lesenswerte Nachwort geschrieben hat, unbeachtet in meinem Regal. Die Erzählung mit ihren 128 Seiten hat mich so angesprochen, dass ich sie gleich zweimal gelesen habe. Und erst beim zweiten Lesen ließen sich die Feinheiten der Charakterzeichnung besser wahrnehmen und die Chronologie der Handlung trotz der zahlreichen Zeitsprünge nachvollziehen.

Die junge und hübsche Rosina aus der österreichischen Provinz träumt vom Leben in der großen Stadt. Die Lehre hat sie noch im heimischen Kaufhaus Perner abgeschlossen, dessen Chef sie gern mal „in den Po gezwickt“ hat. Dagegen aufzubegehren war damals noch außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Doch sie bewirbt sich in Salzburg und ergattert tatsächlich einen Platz in einem kleinen Reiseunternehmen. Dort ist es allerdings trostlos, ganz anders als erhofft, die ältere Mitarbeiterin ist wohl auch über den hübschen Neuzugang nicht begeistert, so dass sie sich kurze Zeit später auf die Stelle einer Bürokraft im Autohaus Fellner bewirbt.

Sie bekommt die Stelle und so beginnt mit Anfang zwanzig ihre Karriere, bei der ihr nicht allein ihr Arbeitseinsatz zugute kommt – meist ist sie die letzte, die die Firma abends verlässt -, sondern auch ihr Aussehen, ihre Naivität und Unerfahrenheit. Fellner, ihr Chef und mindestens 20 Jahre älter als die junge Frau, protegiert sie, hievt sie irgendwann gar auf den lukrativen Posten der Chefsekretärin und mietet ihr schließlich ein Apartement, stellt ihr einen Wagen zur Verfügung und besucht sie einmal die Woche nach seinem Tennisabend. Die Kollegen nennen sie schließlich halb ironisch, halb respektvoll „die Chefin“.

Die große Liebe ist das nicht, obwohl Rosina eine Zeitlang tatsächlich glaubt, dass Fellner sich ihretwegen scheiden lassen würde.

Doch Rosina ist der zunehmenden Arbeitsbelastung im Büro auf Dauer nicht gewachsen. Sie arbeitet die Pausen durch, raucht wie ein Schlot, benötigt Schlaftabletten und zwischendurch immer mal einen entspannenden Schluck aus der Whiskyflasche, versteckt in ihrer Handtasche oder hinter den Aktenordnern.

Schließlich verursacht sie in angetrunkenem Zustand einen Autounfall, nach dem sie einige Monate arbeitsunfähig ist. Niemand aus der Firma besucht sie im Krankenhaus, nur der Bürobote bringt einmal Blumen im Auftrag einiger Kollegen vorbei. Ihr ist klar, dass sie, wenn sie wieder gesund ist, nicht zurück zu Fellner gehen wird.

Erzählt wird das, mit vielen Rückblenden und Zeitsprüngen, als Rosina Anfang dreißig ist und langsam, zumindest äußerlich, wieder Boden unter den Füßen und eine neue Arbeitsstelle gefunden hat, wo sie nun niemand mehr Chefin nennen wird.

Klingt das deprimierend? Nach der Lektüre spürte ich stattdessen eher eine stille Wut. Dieses schmale Werk rechnet ab mit einer Art der Arbeitswelt, in der der Mensch rein auf seine Nützlichkeit – wie eine Maschine – hin beurteilt und benutzt wird. Jeder ist ersetzbar und steht in Konkurrenz zu den KollegInnen. Also versucht Rosina, sich unersetzlich zu machen, bis zur völligen körperlichen und seelischen Überlastung.

Darüber hinaus wird nicht nur der Egoismus des Chefs, der die junge Frau ausnutzt, sondern auch der Wahn mancher Männer vorgeführt, die glauben, jede Frau dürfe berührt, betatscht und angegrabscht werden. Ein Nein wird überhört oder sorgt für Unverständnis und Aggression. Zugehört und sich für sie interessiert hat sich kaum einer der Männer, denen sie begegnet ist.

Das Spannende dabei: Rosina wird dabei keineswegs nur als Opfer der Umstände geschildert. Sie verfolgt zielstrebig ihren Plan, in der großen Stadt zu leben, obwohl sie aufgrund ihrer Sozialisation – die in einem Hotel arbeitende Mutter war allein erziehend und ihren Vater hat Rosina nie kennengelernt – nur sehr ungenaue Vorstellungen davon hat, wie das wohl sein wird. Sie weiß nur oder lässt es sich einreden, dass sie nicht als Ehefrau und berufstätige Mutter im Heimatort enden möchte.

War das ihr Leben? Hatte sie es alles gewollt, wie es verlaufen war? Hätte sie ein anderes Leben haben können? (S. 7/8)

Ihre jugendlichen Vorstellungen von einem idealen Partner, die fast zwangsläufig in Enttäuschung enden müssen, klingen eher nach Hollywood. Gleichzeitig ist sie auch ein kleiner Snob, wenn sie über einen gleichaltrigen Verehrer denkt „Wer war er denn schon?“ (S. 12) oder wenn sie sich schämt, als ihre einfach gekleidete Tante vom Land ihr Äpfel ins Fellnersche Büro bringt.

Als sie bemerkt, wie Fellner sie bevorzugt, scheut sie sich nicht, ihm von ihrem Wunsch nach einem eigenen Auto zu erzählen. Sie kann auch tough sein, so als sie beispielsweise ihren Führerschein macht, obwohl sie wenig Zeit hat.

Und nachdem der Leser/die Leserin weiß, wie sehr Rosina ihre Gesundheit in den letzten Jahren bei Fellner ruiniert hat, rührt es, wenn es nun heißt, dass sie nach Feierabend noch rasch ein paar Äpfel einkauft.

Sie, die vaterlos aufgewachsen ist, versteht jetzt, warum Männer wie Fellner für sie so anziehend sind.

Ist es die Selbstsicherheit, sind es die Umgangsformen, was zeichnete Leute wie Fellner aus, dass man sofort Zutrauen zu ihnen fasste? […] und jedes Mal hatte sie die Macht gespürt, die von diesen Leuten ausging, ein seltsames Gefühl der Geborgenheit auch, als könne ihr jetzt und hier im Dunstkreis dieses Menschen keiner etwas anhaben. (S. 42/43)

Dass dabei ihre Mädchenträume auf der Strecke geblieben sind und sie immer noch keinen wirklichen Gesprächspartner hat, ist wohl der Preis, den sie für ihr Aufwachen zahlen muss.

Die farbige Abbildung des Spiralnebels aus der Illustrierten fiel ihr ein. Sie hatte das doppelseitige Bild ausgeschnitten: Die Erde am Horizont des Mondes aufgehend, eine blaue, stellenweise etwas verschleierte Halbkugel. Sie wollte die Blätter – wenn sie einmal Zeit hätte – auf einen Karton aufziehen und irgendwohin hängen, sie ab und zu anschauen. Beim ersten Aufblättern der Gedanke: Wie unwichtig sind deine Probleme. Und nicht nur deine. Für einen Augenblick eine unerhörte Distanz, eine Befreiung. Und niemand im Raum, um mit ihm darüber zu reden. (S. 6)

Mir gefiel diese spröde, zurückhaltende und assoziative, dabei gleichzeitig präzise Art des Erzählens sehr, die alle Gefahren, ins Kitschige, Vorhersehbare oder Plakative abzurutschen, umgeht.

Keine Frage, das war für mich nicht das letzte Buch von Walter Kappacher (*1948 in Salzburg).

Gab es für sie überhaupt Grund, sich auf etwas zu freuen? Aufs abendliche Fernsehprogramm, wenn ein Spielfilm angezeigt war, der ihr vor Jahren einmal im Kino gut gefallen hatte? […] Manchmal, für Augenblicke, erwachte sie aus ihrer Isolation, in der sie sich eingerichtet hatte, und erschrak darüber, dass sie sich ganz wohl fühlte; nicht wohl, aber es war gut auszuhalten; es hätte schlimmer sein können. Wer war schon glücklich? Man brauchte nur die Gesichter der Leute anzuschauen. (S. 37)

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Blogbummel Nr. 100

Offensichtlich hatten alle zwischen den Feiertagen ein bisschen mehr Zeit zum Lesen, denn ich konnte mich bei euren zahlreichen interessanten Beiträgen für meinen ersten Blogbummel 2020 kaum entscheiden. Also, legen wir los – mit dem 100. Blogbummel auf Buchpost. Viel Spaß beim Stöbern.

Beginnen wir mit drei Reisebüchern

Petra empfiehlt Ænglisch von Sarah Kirsch als bezaubernd schrullige Reiseerinnerungen. Also, wenn das nicht auf die Merkliste darf, dann weiß ich auch nicht.

Literatur leuchtet war sehr angetan von Eine Frau erlebt die Polarnacht (1938) von Christiane Ritter.

Hopewell’s Public Library of Life las mit Freude The Greater Journey: Americans in Paris von David McCullough.

Deutschsprachige Blogs

Frau Lehmann liest, diesmal James Herriot. Da kann ich nicht anders und muss ausnahmsweise auch zu meinem Fanbeitrag verlinken.

In der Buch-Haltung wurde die Empire-Trilogie von James Gordon Farrell gelesen und für gut befunden. Begeisterung löste auch Die Karte meiner Träume von Reif Larsen aus. Der Originaltitel, der der Hauptperson vielleicht gerechter wird, ist gleich weniger kitschig: The Selected Works of T. S. Spivet.

Buchrevier freute sich über Gott wohnt im Wedding von Regina Scheer.

Nacht und Tag genoss Middlemarch von George Eliot.

Auch Buchuhu las einen Klassiker, den Stechlin von Fontane.

Für alle Stressgeplagten, die meinen, keine Zeit für Bücher zu haben, aber auch für alle anderen ist Die verlorene Seele ein schönes Geschenk. Die Illustrationen stammen von Joanna Concejo. Die nur anderthalb Seiten Text von Olga Torkarczuk. Kaffee mit Maren stellt uns den Band vor.

Für LiteraturReich war Die Kunst zu verlieren von Alice Zeniter ein erstes Lesehighlight im neuen Jahr. Auch Zeichen & Zeiten las das Buch.

Auf dem Grauen Sofa wurde Laufen von Isabel Bogdan gelesen.

Bookster HRO erfreute sich am Wortwitz der Neuübersetzung von Zazie in der Metro.

letteratura hatte Spaß mit Der größte Spaß, den wir je hatten von Claire Lombardo.

Sätze & Schätze hat einen wichtigen Zeitzeugentitel entdeckt: Eddy de Wind schrieb Ich blieb in Auschwitz.

Dazu passt das Buch Nürnberger Tagebuch von Gustave M. Gilbert, vorgestellt auf Travel without Moving.

Englischsprachige Blogs

Tanja Britton las The Girl Who Drew Butterflies von Joyce Sidman, eine Biografie zu Maria Sybilla Merian (1647-1717).

Beyond Eden Rock hat ein altes Schätzchen aufgestöbert: Not at Home (1948) von Doris Langley Moore.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Die Reisefeder macht uns mit den norwegischen Felszeichnungen von Alta bekannt.

Dream. Go. Explore. entführt zur Kasbah Aït-Ben-Haddou (Marokko).

Diesen Bericht über eine 5.000 km lange Wanderung fand ich spannend. Hut ab.

bluebrightly war mit der Kamera rund um Los Angeles unterwegs.

Viermal Fernweh war in Kyoto.

Das Schlusswort hat Von Orten und Menschen.

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Fundstück von Eva Sternheim-Peters

Bei diesen Sätzen aus Eva Sternheim-Peters Buch Habe ich denn allein gejubelt? frage ich mich, wann wir denn die unverhüllten Drohungen, (sexuellen) Gewaltfantasien, die verrohte Sprache und Denkweise, das Verschwörungsgeschwurbele, die Selbststilisierung als Opfer, die Machtdemonstrationen, das Aufrichten von Feindbildern, die Größenwahnwahnsinnsideen und das Einschüchterungsgehabe der Neunazis ernst nehmen und politisch, gesellschaftlich sowie strafrechtlich dagegen vorgehen? Statt diese unselige Suppe zu verharmlosen, zu ignorieren oder ihr gar das Mäntelchen der Meinungsfreiheit umzuhängen.

Der Paderborner SA-Sturm pflegte regelmäßig vor der Krankenkasse das Lied vom Sturmsoldaten anzustimmen, wenn die Marschkolonne bei Dienstschluss ihre Standarte heimbrachte. So musse E.s Familie viele Male den auf die jüdischen Nachbarn gemünzten Refrain mit anhören und ebenso oft das ärgerliche Zischen der Mutter: ‚Ach, das heißt ja nichts‘, wenn es von draußen klar und überdeutlich hereinschallte: ‚Ja, wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut. Soldaten, Kameraden, hängt die Juden, stellt die Bonzen an die Wand.‘ (S. 369)

Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? (1987/2015)

Diese 780 Seiten verlangen dem Leser, der Leserin nicht nur einiges in Bezug auf den Umfang des Buches ab, sondern auch inhaltlich.

Die 1925 in Paderborn geborene Lehrerin, Dozentin und Autorin Eva Sternheim-Peters veröffentlichte bereits 1987 Die Zeit der großen Täuschungen. Mädchenleben im Faschismus. Doch niemand interessierte sich so recht dafür. 2015 erschien im Europa Verlag die um zwei Kapitel erweiterte und überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Habe ich denn allein gejubelt? Eine Jugend im Nationalsozialismus, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhielt. Der Anspruch:

Habe ich denn allein gejubelt? ist keine Autobiografie, sondern ein subjektives Geschichtsbuch, in dem zwei Jahrzehnte deutscher Innen- und Außenpolitik mit Erinnerungen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen eines Kindes, einer Heranwachsenden und ihrer Umwelt belegt, politische und menschliche Verhaltensweisen damaliger Zeitgenossen weder gerechtfertigt noch entschuldigt, sondern nachvollziehbar dargestellt werden. (S. 16)

Die in einem Beamtenhaushalt aufgewachsene Sternheim-Peters umkreist ihre ersten zwanzig Lebensjahre und versucht sich Rechenschaft darüber abzulegen, wie es sein konnte, dass sie und Millionen anderer mit Liebe und kritikloser Hingabe an Volk, Führer, Vaterland und Partei glaubten, ohne dabei je den Eindruck gehabt zu haben, einer Diktatur anzuhängen. Selbst der „Heldentod“ der zwei geliebten Brüder im Krieg,  der dem so friedliebenden Deutschland ja nur aufgezwungen worden sei, brachte das ideologische Kartenhaus zunächst nicht zum Einsturz.

Für diesen Jahrgang [1925] und für wenige benachbarte Jahrgänge waren die zwölf Jahre des ‚Tausendjährigen Reiches‘ besonders lang, da sie erlebnisstarke Kindheits- und Jugendeindrücke prägten, die sich nicht ohne Identitätsverlust von der Person abtrennen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen lassen. (S. 17)

Und so schreibt hier eine, die weder bereit ist, ihre Jugendjahre als begeisterte und gläubige Jungmädelführerin von sich „abzutrennen“, noch die Augen verschließt vor dem, was sie nun als erwachsene Frau über den Nationalsozialismus, seine grauenhaften Verbrechen und nicht zu zählenden Opfer gelernt und verstanden hat. Sowohl die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit als auch das Sich-noch-rasch-zum-Widerstandskämpfer-Stilisieren vieler ihrer Zeitgenossen nach dem Kriegsende widern sie an.

Sie jedoch will verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Ich bin nicht mitgelaufen. Ich bin begeistert mitgestürmt.

Und das Traurige: Auch der Leser/die Leserin kann es nach der Lektüre in großen Teilen nachvollziehen und verstehen. Bedrückend, wie schon die frisch Eingeschulte den Abscheu vor „Juden“ verinnerlicht hat, obwohl eine ihrer Tanten sogar einen jüdischen Mann geheiratet hatte.  Wie lange sich die Illusion der Autorin gehalten hat, dass Deutsche grundanständig seien und charakterlich und kulturell himmelweit über anderen Völkern stünden. Beklommen liest man:

Große, unvergessliche Erlebnisse der Heranwachsenden sind nicht von der Hitlerjugend zu trennen: der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar, das Straßburger Münster, die Wartburg bei Eisenach, das Goethe-Haus in Weimar, der Schleswiger Dom, der Hamburger Hafen, die Brunnen im Oberelsass und die bunten Fachwerkdörfer des Thüringer Waldes, der Gletscherfirn der bayrischen Alpen und die rot glühend vor den kieferbewachsenen Kreidefelsen der Ostsee im Meer versinkende Sonne. (S. 274)

Damit man in der Stofffülle nicht den Überblick verliert, beginnt jedes Kapitel in der Kindheit und geht von dort chronologisch bis zum Kriegsende oder auch darüber hinaus.

Die Kapitelüberschriften lauten

  1. Zwischen den Kriegen
  2. Volksgemeinschaft
  3. Hitlerjugend
  4. Frauen
  5. Antisemitismus
  6. Eugenik – Euthanasie – Rassismus
  7. Terror und Widerstand
  8. Freunde und Feinde [Sicht auf die anderen Länder]
  9. Front und Heimatfront [Kriegsjahre]

Darüberhinaus ist das Buch natürlich doch auch ein Geschichtsbuch: Man bekommt noch einmal eine nachdrückliche Nachhilfestunde darin, wie geschickt die Nationalsozialisten darin waren, weiten Bevölkerungskreisen genau das zu geben und zu sagen, was diese haben und hören wollten. Und wie unproblematisch sie an bereits bestehende Ressentiments gegenüber Juden und Kommunisten anknüpfen konnten, im streng katholischen Paderborn damit zum Teil weit offene Türen einrannten.

Gebet für den Führer

Herrgott, steh dem Führer bei, daß sein Werk das Deine sei.

Daß Dein Werk das Seine sei, Herrgott, steh dem Führer bei!

Herrgott, steh uns allen bei.

(Hermann Claudius)

E. lernte das ‚Gebet für den Führer‘ als 15-Jährige auf einem Singeleiterlehrgang der Obergauführerinnenschule und auch, dass der Text von Hermann Claudius, dem Urenkel des ‚Wandsbeker Boten‘, stammte. Matthias Claudius galt mit seinem ‚Der Mond ist aufgegangen‘ als ein Vetreter der deutschen Innerlichkeit und des deutschen Gemüts. Dass sein Urenkel sich nun ‚zum Führer bekannte‘, erschien der Heranwachsenden ein weiterer Beweis dafür, dass die deutsche Kultur bei der NS-Regierung in besten Händen war. (S. 217)

Aber auch das ist die Wahrheit: Schon die Achtjährige litt schmerzlich darunter, dass der Führer so durchschnittlich, ja eigentlich dämlich aussah. […] Natürlich vertraute sie niemandem an, dass der Führer eigentlich dämlich aussah. Nicht aus Angst! Sie schämte sich dieses Eindrucks. Liebe und Verehrung durften sich doch nicht an Äußerlichkeiten stören! Es kam schließlich auf den Wert des Menschen an. (S. 218/219)

Das Buch hätte – Umfang hin oder her – einen ausführlichen Anmerkungsapparat verdient; beim Recherchieren, wozu einen dieser Wälzer immer wieder verleitet, bin ich auf einige Ungenauigkeiten gestoßen. So wird beispielsweise versäumt anzumerken, dass der Vers in dem ohnehin ziemlich kriegslüsternen Gedicht „Heilig Vaterland“ (1914) von Alexander Rudolf Schröder ursprünglich lautete: ‚Der Kaiser hat gerufen.‘ Die Umdichtung zu ‚Der Führer hat gerufen‘ stammt nicht von Schröder, sondern von Heinrich Spitta (1936).

Auch nennt die Autorin einen in Paderborn aufgewachsenen Kriegsverbrecher Anton Kleer, der eigenhändig „circa 20.000 Menschen mit einer Phenolspritze“ getötet habe. Doch Hinweise auf einen Anton Kleer habe ich bis jetzt nicht gefunden, aber auf einen Josef Klehr.

Aber dieses Manko fällt angesichts der unglaublichen Materialfülle an zeitgenössischen Zitaten, Zeitungsausschnitten und Schilderungen des ganz „normalen“ Alltags nicht wirklich ins Gewicht. Dazu kommen Liedtexte, Hitler-Gedichte, Bekanntmachungen, Familienereignisse, Anekdoten, Kinofilme, Reflexionen und Analysen (denen man nicht immer zustimmen muss) sowie eine schier unfassliche und überaus anschauliche Erinnerungsarbeit der Autorin. Auffällig auch, dass, wenn man vergnügt und überzeugt wie ein Fisch im Wasser im großen Strom mitschwimmen konnte, man alles Unliebsame – war war mit den Kindern des jüdischen Waisenhauses eigentlich passiert? – einfach ausblenden konnte, ja es überhaupt nicht einmal wahrnahm.

Ausnutzung des jugendlichen Idealismus, spürbare materielle Verbesserungen durch Abnahme der Arbeitslosigkeit, Führergläubigkeit, Opferbegeisterung, schöne Reisen, Fahrten, Gesang und organisierte Freitzeitbeschäftigungen und das künstlich erzeugte Bewusstsein, einer auserwählten Gruppe, einem auserwählten Land anzugehören sowie fehlende Gegeninformationen gingen eine nicht mehr aufzulösende Verbindung ein, bis zum bitteren Ende. Dazu kam die Tatsache, dass eben auch alle relevanten Autoritäten im Hause Peters, die Eltern, die Schulbücher, Lehrer, die Priester, Bischöfe und Schriftsteller dem System seinen Segen gaben.

Das Buch hat mir wesentliche Aspekte dieser Zeit erklärt, nachvollziehbar gemacht, dabei nichts entschuldigt, nichts oder nur wenig beschönigt, auch wenn man an der ein oder anderen Stelle gern mit der Autorin in ein Gespräch eintreten würde. Letztlich ist hier eine Gratwanderung gelungen, die nur durch die radikale Selbstbefragung und Ehrlichkeit der Autorin möglich geworden ist. Diese hat sich im Grunde selbst „entnazifiziert“.

Es hilft wenig…

Es hilft nichts …

Es ist geschehen, im Namen des deutschen Volkes.

Es ist geschehen, im Auftrag des Mannes, den E. verehrt und geliebt hat.

Es ist geschehen, im Namen einer Weltanschauung,

mit der sie sich alle Jahre ihrer Kindheit und Jugend im Einklang fühlte.

Es ist geschehen in ihrem Namen. (S. 279)

Hätte ich dieses Buch vor 30 oder 35 Jahren gelesen, dann wären die Gespräche mit meiner Großmutter, in denen ich sie nach ihrem Erleben der Nazi-Diktatur befragte, vermutlich fruchtbringender gewesen. Dafür ist es jetzt leider zu spät. Doch das Buch Sternheim-Peters bringt in gewisser Weise auch meine Großmutter noch einmal zum Reden. Ich beginne zu ahnen, was sich hinter ihren trotzigen Abwehrreaktionen, ihrem Schweigen, ihrem Sich-Zurückziehen, dem irgendetwas von Autobahnen-Bauen-Stammeln verborgen haben mag. Und ich verstehe, dass ich mit meiner Überheblichkeit und Rechthaberei, die ja oft auch nur dem Nichtbegreifen, der Fassungslosigkeit angesichts des Grauen geschuldet waren, genau jenes Gespräch verunmöglicht habe …

Hier noch ein Artikel, der zeigt, wie sehr dieses Buch von der Öffentlichkeit vernachlässigt und ignoriert wurde. Ich halte es für genauso wichtig wie die Tagebücher Victor Klemperers.

Dieser Artikel beschreibt, dass der Erfolg der Neuauflage zumindest noch zu Lebzeiten der Autorin stattfindet, auch wenn diese sich den Erfolg 30 Jahre früher gewünscht hätte, denn dann hätte sie noch eine große Lesereise unternehmen können.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Thomas Mann, welches Habe ich denn allein gejubelt? vorangestellt ist:

Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren Investierung von Glauben und Begeisterung war.

Tagebucheintrag von Thomas Mann, 17. Juli 1944 (aus: Thomas Mann, Tagebücher 1944-1966, S. Fischer, 2003)

 

 

 

 

 

 

 

 

Rückblick auf das Lesejahr 2019

Auch in diesem Jahr möchte ich noch einmal auf das vergangene Lesejahr schauen, bevor ich mir dann die ewigneue Frage stelle, was ich wohl als nächstes lese.

Wie im vergangenen Jahr greife ich die Anregung von Kerstin Herbert von Frauenleserin auf, die schon 2018 dazu eingeladen hatte, sich einmal die „Frauenquote“ auf unseren Blogs genauer anzuschauen. Das Thema wird uns noch eine Weile beschäftigen, wie Nicole Seifert in ihrem Beitrag auf ihrem Blog Nacht und Tag gezeigt hat. Ich empfehle dazu auch das von Auffermann, Kübler, März und Schmitter herausgegebene Werk Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur (2009).

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wie viele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wie viele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Dieses Jahr las ich 23 Bücher von Frauen und 22 Bücher von Männern. Das bedeutet für mich, dass ich weiterhin nach Lust und Laune auswählen werde, was mir lesenswert und interessant erscheint.

Welches Buch möchtest Du 2019 unbedingt lesen?

Da ich eine hoffnungslose Spontanleserin bin, lässt sich das schwerlich sagen, aber zwei Bücher liegen hier tatsächlich, die ich unbedingt lesen möchte, nämlich Habe ich denn allein gejubelt von Eva Sternheim-Peters. Und immer noch wartet The Lonely Passion of Judith Hearne von Brian Moore darauf, wiedergelesen zu werden.

Welches war das optisch ansprechendste Buch?

Das war nicht nur optisch das ansprechendste, sondern auch gleich das „gewichtigste“ Buch: Little Women von Luisa May Alcott.

Welches Buch hat dich enttäuscht?

War ich zunächst noch guter Dinge, was Gesang der Fledermäuse der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk anging, so beschlich mich je länger, je deutlicher das Gefühl, dass mich die Ich-Erzählerin Janina kein bisschen interessiert. Diese hat sich den Tierschutz und die Lyrik Blakes auf ihre Fahnen geschrieben. Der Originaltitel des Romans, den auch die englische Übersetzung beibehalten hat, stammt aus einem Gedicht William Blakes (1757-1827): „Lenke deinen Wagen und Pflug über die Gebeine der Toten“.

Die ältere Janina, ehemalige Brückenbauingenieurin, lebt in der polnischen Provinz nahe der tschechischen Grenze eigenbrötlerisch vor sich hin. Ihre wenigen Freunde sind mindestens solche Einzelgänger wie sie selbst. Janinas große Leidenschaft gilt der Astrologie. Sie berechnet Horoskope, wobei ihr die Leser leider manchmal seitenlang folgen müssen. Als es zu unerklärlichen Todesfällen unter den Jägern und Wilderern in der Nachbarschaft kommt, versucht Janina alle davon zu überzeugen, dass sich hier die Tiere für die Jagd, die Wilderei, den menschlichen Fleischkonsum und die qualvollen Fallen im Wald am Menschen rächen. Als sie das auch der Polizei mitteilt, zeigt sich diese jedoch nicht besonders offen für Janinas Sichtweise.

Plötzlich war mir klar, warum die Hochsitze, die doch mehr an die Wachtürme eines Konzentrationslagers erinnern, Kanzeln genannt werden. Auf einer Kanzel stellt sich ein Mensch über die anderen Lebewesen und erteilt sich selbst die Macht über ihr Leben und ihren Tod. (S. 273)

Ich wollte die Aufklärung der Mordfälle da schon gar nicht mehr wissen. Schade, denn den ruhigen, manchmal kauzigen Erzählstil mochte ich sehr, obwohl auch der nicht vor Klischees zurückschreckt.

Welches war deine persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Eine Neu-Entdeckung ist für mich jede Autorin, jeder Autor, deren/dessen Buch mir so gut gefallen hat, dass ich mich auf weitere Bücher einlassen würde. Christopher Huang, David Park und Anne Griffin waren solche Entdeckungen.

Gab es Entdeckungen im Krimi-Bereich?

Der Pokal geht ohne Frage an Barbara Neely und ihre vier Bände um die hinreißende Blanche White. Krimis, bei denen man etwas lernen kann.

Welche Bücher haben den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Dazu gehören sicherlich A Different Drummer von William Melvin Kelley.

Aber auch die Autobiografie Benjamin Zephaniahs und Alec Guinness mit seinen Tagebüchern werden mir in Erinnerung bleiben.

Welches Buch willst du unbedingt 2019 lesen und warum?

Das wird grundsätzlich spontan und situativ wendig entschieden.

Gibt es eine Schmökerempfehlung für das nächste verrregnete Wochenende?

Jane Harris hat mit ihrem 2011 erschienenen Roman Gillespie and I, der 1888 in Glasgow und 1933 in London spielt, eine Ich-Erzählerin geschaffen, die einem noch nach der Lektüre beunruhigend im Kopf herumgeistert.

Fundstück von Olga Tokarczuk

‚Hast du keine Taschenlampe?, fragte er. Natürlich hatte ich eine, aber wo? Das würde ich erst am nächsten Morgen sagen können. So ist es mit Taschenlampen: Am besten man sucht sie, wenn es hell ist.

aus: Olga Tokarczek: Gesang der Fledermäuse, übersetzt von Doreen Daume, S. 9

‚Don’t you have a flashlight?‘ he asked. Of course I had one, but I wouldn’t be able to tell where it was until morning. It’s a feature of flashlights that they’re only visible in the daytime.

aus: Olga Tokarczek: Drive your Plow over the Bones of the Dead, übersetzt von Antonia Lloyd-Jones, S. 3

Blogbummel Dezember 2019

Noch ein kurzer letzter Bummel für dieses Jahr. Beginnen wir mit den Aufnahmen aus dem Death Valley National Park von Cindy Knoke.

Deutschsprachige Literaturblogs

Feiner reiner Buchstoff stellt Rückkehr nach Old Buckram von Phillip Lewis vor.

Auf dem Gassenhauer / Literaturblog wird Wir waren eine gute Erfindung von Joachim Schnerf besprochen.

Sachbuchempfehlungen

Travel without Moving macht Lust auf einen Reiseführer der etwas anderen Art, nämlich How to Kill Yourself daheim von Markus Lesweng.

Schiefgelesen.net beschäftigte sich mit unserem Besitz und seinen Folgen. Sie las Empire of Things von Frank Trentmann, einen Wälzer, der auch auf Deutsch erhältlich ist.

Noch tiefer ins Portemonnaie greifen muss man bei Japanische Holzschnitte, einem Buch von Andreas Marks (150 Euro), vorgestellt vom Bücheratlas.

Susanne Becker setzte sich der verstörenden Erfahrung aus, Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders von Åsne Seierstad zu lesen.

Englischsprachige Empfehlungen

More was lost (1946) von Eleanor Perényi wird uns auf JacquiWine’s Journal vorgestellt.

Binge Reader las The Western Wind von Samantha Harvey.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Der Artikel auf Reisedepeschen zu einer Reise in Usbekistan ist diesmal eine Augenweide.

Zum Abschluss schließe ich mich gern den farbenprächtigen Weihnachtsgrüßen von Cindy an.

 

Can Merey: Der ewige Gast (2018)

Der deutsche Journalist und Autor Can Merey wurde 1972 in Frankfurt als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Sein Buch Der ewige Gast – Wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden ist das Interessanteste und Fundierteste, was ich bisher über die Geschichte und Probleme der Deutschtürken gelesen habe.

Can Mereys Vater, Tosun Merey, kam 1958 nicht als Gastarbeiter in die Bundesrepublik, sondern als Student. Doch die nachfolgenden Wirrnisse und Hindernisse, die sich einer erfolgreichen Integration in den Weg stellten, sind familien-, schicht- und generationsübergreifend, und wurden nur wenig durch die besseren beruflichen Chancen abgemildert, die ein erfolgreiches Studium natürlich mit sich brachte.

Ausgehend von der Geschichte seines Vaters, der als alter Mann resigniert feststellt, dass er letztendlich nicht in Deutschland heimisch werden durfte – beispielsweise muss er mehrmals während seines Berufslebens erfahren, dass Deutsche keinen Türken als Vorgesetzten akzeptieren wollen -, packt Merey das Buch randvoll mit Anekdoten, Erlebnissen, Geprächen und Familienerinnerungen.

Dabei bleibt er jedoch nicht im rein Persönlichen, sondern weitet den Blick der LeserInnen, indem er eben auch die geschichtlichen Hintergründe und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die jeweilige Rechtsprechung (beispielsweise zu den Details des Anwerbeabkommens) und die Art der öffentlichen Berichterstattung über die sogenannten Gastarbeiter mitsamt vieler Zitate aus zeitgenössischen Quellen miteinfließen lässt. Bis hin zu den menschenverachtenden Texten rechtsextremer Bands.

Wenig bekannt ist, dass die Türkei zwischen 1933 und 1945 Hunderten deutschen Wissenschaftlern und Künstlern sowie deren Familien Zuflucht bot, die aus dem Dritten Reich fliehen mussten. Die Exilanten bauten wichtige Fakultäten an türkischen Hochschulen auf, sie halfen bei der Modernisierung der Verwaltung – und sie trugen zu den Bestrebungen von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk bei, das Land nach Westen zu orientieren. Zum bekanntesten Vertreter dieser Gruppe wurde Ernst Reuter, der Sozialdemokrat und spätere Regierende Bürgermeister von Berlin lebte von 1935 bis 1946 in der Türkei. […] In Ausweispapieren von Flüchtlingen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war, trugen die türkischen Behörden den Vermerk ‚haymatloz‘ ein. (S. 20/21)

Dazu gibt es Kapitel, die sich beispielsweise mit den Fragen befassen, ob JournalistInnen mit türkischen Wurzeln die Rolle der Alibitürken in den Redaktionen übernehmen, welche (miesen) Erfahrungen seine KollegInnen mit Rassismus in Deutschland machen und warum genau der türkische Staatspräsident eigentlich so bedeutsam für viele Deutschtürken ist und wo Deutschland in seinen Beziehungen mit der Türkei vielleicht auch eine gewisse Doppelmoral an den Tag legt.

Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man den bürokratischen Wahnsinn und Widersinn bei der Einbürgerung Tosuns Mereys mitverfolgt, wenn ihm, dem erfolgreichen deutschsprachigen Manager, wiederholt Bescheinigungen seiner Deutschkenntnisse abverlangt werden.

Eine weitere Stärke dieses Buches ist es, dass es unaufgeregt möglichst viele Stimmen zu Gehör bringt. Merey nimmt es sogar auf sich, einen ehemaligen Korrespondentenfreund zu besuchen, der inzwischen AfD-Funktionär ist. Genauso interviewt er einen türkischstämmigen Polizisten, der lange hoffte, die AfD wäre eine wirkliche Alternative, und der kein Mitleid mit gesellschaftlich abgehängten „BMW-Murats“ oder  „Kickbox-Hassans“ mit den dicken Goldkettchen hat.

Abgesehen davon, dass das Buch eine interessante Lebensgeschichte schildert, ist es darüber hinaus randvoll mit hilfreichen Hintergrundinformationen, die u.a. den Wechsel in der öffentlichen Akzeptanz der türkischen Mitbürger veranschaulichen. So wurden noch Anfang der Sechziger Tosun und weitere Studenten in seinem Wohnheim von ihnen unbekannten deutschen Familien eingeladen, die Weihnachtsfeiertage bei ihnen zu verbringen, wodurch Tosun eine gastfreundliche Familie in Ulm kennenlernte.

Und von dem Wohnheim am Maßmannplatz in München hatte ich vorher noch nie gehört.

Dann wieder der Hinweis auf einen Vorfall 1985,  der daran erinnert, dass Deutschland nicht erst seit den Möglichkeiten, die das Internet bietet, ein Hetzer- und Rassistenproblem hat. 1985 erschien auch Wallraffs Buch Ganz unten, von dem Can Merey sagt, dass ihn kein Buch tiefer verstört habe. Dass diese ständigen Kränkungen und bedrohlichen Nachrichten, ob selbst erfahren, gehört oder von ihnen gelesen, Auswirkungen auf das eigene Selbstbild und die Ausbildung einer nationalen Identität haben, steht außer Frage. Und da lagen die Angriffe in Hoyerswerda und Mölln sogar noch in der Zukunft.

CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl blieb der Trauerfeier für die Mordopfer von Mölln fern. Sein Sprecher Dieter Vogel sagte zur Begründung: ‚Die schlimme Sache wird nicht besser dadurch, dass wir in einen Beileidstourismus ausbrechen.‘ […] ‚Beileidstourismus‘ kam 1992 in die engere Auswahl bei der Wahl für das ‚Unwort des Jahres‘. (S. 158)

Auch der lakonische Humor des Autors gefiel mir: Um seinen Sprachkurs am Goethe-Institut in Blaubeuren absolvieren zu können, fliegt der junge Tosun Merey 1958 mit Swissair von Istanbul nach Zürich, wo er von einem Geschäftspartner des Vaters abgeholt wird.

Sein erster internationaler Flug beeindruckte ihn so nachhaltig, dass die Airline in unserer Familie noch über ihr Ende im Jahr 2002 hinaus einen hervorragenden Ruf genoss – obwohl außer meinem Vater wohl nie jemand von uns mit ihr geflogen ist. (S. 16)

Vor allem aber macht Can Mereys Buch deutlich: Integration ist keine Einbahnstraße:

Natürlich gibt es Türken, die jede Integration verweigern. Wer als Ausländer die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt, während er gleichzeitig die Vorzüge der Bundesrepublik genießt, der hat aus meiner Sicht hier nichts verloren. Tosuns Geschichte zeigt aber: Integration scheitert nicht nur an unwilligen Ausländern, sondern auch an der deutschen Mehrheitsgesellschaft. […] Ohne gesellschaftliche Akzeptanz  kann Integration nicht funktionieren. (S. 11)

Dass Bewerber mit nichtdeutschen Namen schlechtere Erfolgsaussichten bei der Suche nach einem Ausbildungs-, Arbeitsplatz oder einer Wohnung haben, haben Studien leider mehrfach bestätigt.

Der Vater des Autors, Tosun Merey, zieht ein ernüchterndes Fazit:

Es ist ja nicht so, dass ich jeden Tag auf der Straße beleidigt worden wäre. Aber ich glaube, dass der Mensch auch eine geistige Heimat benötigt, um sich integrieren zu können. Die kannst du aber nur finden, wenn du auch ein Zugehörigkeitsgefühl hast. Es reicht nicht, die Sprache zu lernen und die Lebensart zu übernehmen. Ein Zugehörigkeitsgefühl kann sich nicht entwickeln, wenn du zu spüren bekommst, dass du nicht willkommen bist. Und das ist das Schlimmste: sich unerwünscht zu fühlen und zu merken, dass man nicht dazugehört. Viele Türken haben das Gefühl, dass die Deutschen sie nicht integrieren wollen. (S. 231)

 

Blogbummel November/Dezember 2019

Bevor wir uns in den Büchertrubel stürzen, geht es zunächst auf dem MEERblick.blog nach Sylt. Hier übrigens auch. So schön.

Deutschsprachige Blogs

Ruth liest und empfiehlt Die Jakobsbücher von Olga Tokarczuk.

Ersteindrücke ist angetan von Joseph Roths Roman Hiob.

Um das Buch Verschwörungsmythen von Holm Gero Hümmler geht es bei Poesierausch.

Auf dem Hotlistblog wird auf Shelagh Delaney aufmerksam gemacht.

So stirbt man also heißt das Buch von Marc Ritter und Tom Ising, das auf dem Blog Gassenhauer vorgestellt wird.

LiteraturReich stellt nicht nur Duell von Eduardo Halfon vor, sondern auch Dort dort von Tommy Orange.

Buch-Haltung las Drei Männer im Schnee von Kästner.

Buchuhu war zwar nicht uneingeschränkt begeistert von Ich hörte den Vogel rufen, doch zumindest seine Besprechung habe ich gern gelesen.

Im textmagazin ging es um Das Unglück schreitet schnell von Johannes Böhme.

Sätze & Schätze las  du, Alice von Simone Scharbert.

Englischsprachige Blogs

ANZLitLoversLitBlog las Rickshaw Boy von Lao She.

Heavenali setzt mir Leonard and Hungry Paul von Rónán Hession auf die Wunschliste. Auch The Street (1946) von Ann Petry klingt lohnenswert.

Da wir ja alle noch dringend weitere Tipps brauchen, wie wäre eine Liste mit 45 Titeln?

Zum Reisen, Staunen und Schauen

A pair on the prairie fotografierte Christoper Martin.

Watt & Meer sorgt für den heutigen Flauschfaktor namens Valese.

eMORFES zeigt Arbeiten der Künstlerin Christine Kim.

Dream. Go. Explore führt uns durch die alte norwegische Bergwerksstadt Røros.

Einen fotografischen Leckerbissen zu Wien hat der Bücheratlas für uns.

Ins Internationale Maritime Museum Hamburg geht es mit In der Nähe bleiben.

Und zum Abschluss besuchen wir isländische Kirchen mit Michael’s Beers & Beans und hier geht es gleich weiter.

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Hasnain Kazim: Post von Karl-Heinz (2018)

Der deutsche Journalist und Autor Hasnain Kazim muss sich wie viele andere, die in der Öffentlichkeit präsent sind und deren Namen nicht nach Müllermeierschulze klingen, immer wieder mit Hassmails befassen, die Drohungen, Pöbeleien und Gewaltfantasien enthalten, die ja heutzutage blitzschnell und ohne dass man noch in Briefmarken oder Umschläge investieren müsste, versandt werden können.

Einer seiner Wege, sich dagegen zu positionieren, ist, den Briefschreibern zu antworten, sie in ein Gespräch einzuladen, aufzuklären, sich aber auch abzugrenzen, wenn ein Austausch gänzlich hoffnungslos ist. Eine Reihe dieser Mailwechsel hat er in seinem Buch mit dem hübschen Titel Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte veröffentlicht.

Ich ziehe meinen Hut vor Kazims Ironie, seiner Schlagfertigkeit, seiner Geduld und vor seiner Weigerung, in gleicher Münze heimzuzahlen. Der Weigerung, sich verbittern zu lassen, zurückzuhassen.

Ich habe losgeprustet, wenn er die wildesten und idiotischsten Beleidigungen so ins Absurde gesteigert hat – ja, er komme gern am Wochenende mit kompletter Großfamilie mal vorbei, sie seien ohnehin in der Gegend und sie würden auch die Ziegen zur Schächtung mitbringen, dann könne ihm der Briefeschreiber mal zeigen, was ein richtiger Deutscher sei – und mich gefreut, wenn er doch noch jemanden auf die Ebene halbwegs zivilisierter Umgangsformen zurückverfrachten konnte. Auch die ein oder andere Hilfestellung für eigene Argumentationen ließe sich dem Buch entnehmen. Daneben gibt es auch ernsthafte und höfliche Leserzuschriften, die von ihm freundlich und ausführlich beantwortet werden.

Doch vor allem war ich nach der Lektüre dieses durchaus unterhaltsamen Buches verstört. Ich hatte das Gefühl, eine Bodenplatte tut sich auf, darunter krabbelt und tobt das, was eine Gesellschaft nachhaltig gefährden kann.

Wie kann es sein, dass manche Menschen ernsthaft glauben, mit ihren Pöbeleien, ihrem Rassismus, ihrer Ignoranz und Langeweile, ihrer miesen Kinderstube, ihrer völligen Überschätzung der eigenen Befindlichkeiten und dem Weltbild eines Grottenolms anderen ungestraft auf die Nerven fallen zu dürfen?

Und wie kann es sein, dass es inzwischen Richter gibt, die solcherlei Komplettentgleisungen (siehe Renate Künast) noch als Meinungsäußerung deklarieren, die Personen, deren Arbeit öffentlich sichtbar ist, halt zu akzeptieren haben?

Oder dass eine Anzeige sofort gegenstandslos wird, wenn der Beschuldigte treuherzig versichert, dass nicht er die Mails geschrieben habe, schließlich habe der halbe Ort Zugang zu seinem Rechner.

In seinem einleitenden Kapitel Vom Umgang mit Hass im Posteingang schreibt er zu der Floskel, dass man auch den Brüllern und Hetzern mit Respekt begegnen solle:

Ich soll Leuten mit Respekt begegnen, die mich ‚in die Gaskammer!!!‘ wünschen? […] Und was soll, bitte schön, ‚auf Augenhöhe‘ heißen? Soll ich mich auf den Bauch legen, um mit diesen Leuten ‚auf Augenhöhe‘ zu reden? Diese, bei allem Respekt, dämlichen, jedenfalls unbeholfenen Ratschläge geben mir mehr zu denken als die meisten Beleidigungen und Drohungen. Ich empfinde dieses achselzuckende Zuschauen, solche ‚Na, damit musst du halt klarkommen‘-Positionen als dröhnendes Schweigen. […] Mir macht Angst, dass Leute inzwischen in entspanntem Ton darüber philosophieren, wie man mit Rechten reden sollte. Aber diejenigen, die solche intellektuellen Fingerübungen ausprobieren, sind Leute, die durch die Rechten in keinerlei Weise bedroht sind, schon gar nicht existenziell. (S. 17/18)

Kazims Buch mahnt an, dass Menschen Verantwortung für ihre Worte haben und dass es an der Zeit ist,  den einen oder die andere an diese Verantwortung nachdrücklich zu erinnern.

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Ursula März: Tante Martl (2019)

Die Autorin und Literaturkritikerin Ursula März (*1957) hat ein hinreißendes Buch über ihre Patentante geschrieben. Die Eckdaten dieses Lebens werden uns gleich zu Beginn mitgeteilt, nachdem wir im Vorübergehen erfahren haben, wie Telefongespräche mit Tante Martl ablaufen und wie diese zu Thomas Gottschalk steht, den sie nur „de dumm Lackaff“ nennt.

Meine Tante war Lehrerin von Beruf. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Außer ein paar Jahren während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit verbrachte sie ihr gesamtes Leben in ihrem Elternhaus in der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken. Der einzige Wechsel ergab sich nach dem Tod ihrer Eltern, als meine Tante aus ihrer Wohnung im Erdgeschoss in das nun frei gewordene Obergeschoss zog. Danach verbrachte sie noch 38 Jahre allein in dem Haus, in dem sie an einem Junisonntag im Jahr 1925 geboren worden war. Sie war eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste, mit kribbelnder Vorfreude ihre Touren in Mittelmeerländer, ins Gebirge und sogar ans Nordkap plante. Aber sie unternahm nie einen Versuch, sich vom Elternhaus zu lösen, zumal von einem Vater, der sie rücksichtslos spüren ließ, dass er sie nicht gewollt hatte. (S. 8/9)

Tante Martl war die jüngste von drei Schwestern (eine davon die Mutter der Autorin), von denen die zwei anderen immer wie selbstverständlich davon ausgingen, dass Martl eher so Dienstbotenstatus habe und und dass es Martl sei, die sich trotz ihrer Berufstätigkeit um die alten Eltern zu kümmern habe.

Selbst als die drei Schwestern schon ältere Frauen sind, wollen sie Martl nicht erlauben, sich von einer alten Wanduhr in ihrer Wohnung zu trennen, die schließlich schon immer im Elternhaus gestanden habe. So lebt Martl jahrelang mit einem Möbelmonstrum in ihrer Wohnung. Wie sie sich schließlich doch davon befreit, ist nur eine der unterhaltsamen und gleichzeitig anrührenden Geschichten in diesem Buch.

Abgesehen davon, dass schon allein die Bekanntschaft mit der keineswegs immer liebenswürdigen „Tante Martl“ für den Leser/die Leserin lohnt, war für mich eine weitere Besonderheit an diesem Buch, dass ich trotz aller Individualität, die jedes Leben ausmacht, doch viel über die Generation meiner Großeltern darin wiedergefunden habe. Die Frage, welche Schulbildung man seinen Töchtern zubilligt. Die Prägung durch ein autoritäres Elternhaus, in dem der Vater, der es unter Hitler bis zum Gefängnisdirektor bringt, sich unwidersprochen als Despot aufführen darf, sich in seiner Männerehre getroffen fühlt, als Martl die unverzeihliche Schuld auf sich lädt, nicht als Sohn auf die Welt zu kommen. So lässt er sie zunächst auf dem Standesamt als Martin eintragen, in der Hoffnung, dass sich das Universum seinen Wünschen vielleicht doch noch beugt.

Eine Kränkung, die Martl nie verwinden wird, und als sie im Alter langsam dement wird und sie so vieles schon vergessen hat, bricht sich die Traurigkeit darüber, nie vom Vater gewollt und anerkannt gewesen zu sein, noch einmal mit vielen Tränen Bahn.

Sie wird im Gegensatz zur Lieblingstochter füchterlich verprügelt, bis manchmal die Mutter mit den Worten dazwischengeht, er solle jetzt mal besser aufhören, sonst würde er sie noch totschlagen.

Vermutlich ist es ihm nie seltsam erschienen, dass es gerade Martl war, die sich später um ihn kümmerte, als er im Alter auf Pflege angewiesen war.

Die Irrationalität und Ungerechtigkeit im Umgang mit den Töchtern wirken sich natürlich auf deren weiteres Leben aus. Die Lieblingstochter Rosa ist später oft vom Leben überfordert und flüchtet sich lieber in Krankheiten und die Geschichten um den europäischen Adel in diversen Klatschmagazinen, schließlich ist sie auf nichts anderes vorbereitet worden.

Doch auch dieses Frauenschicksal ist nicht ohne den geschichtlichen Hintergrund zu sehen und zu verstehen. Rosa heiratete im Frühsommer 1944. Nach einer Woche Hochzeitsurlaub musste ihr Mann zurück zu seiner Einheit. Rosa erkrankte im Spätherbst 1944 an einer schweren Hepatitis. Als sie im Januar 1945 die Nachricht erhielt, dass er in Oberitalien bei einem Angriff eines Lazaretts – er war Arzt – ums Leben gekommen war, lag sie noch im Krankenhaus.

Ab dieser Zeit nahm sie die Position der überempfindlichen, von jedem Lüftchen bedrohten und kaum belastbaren Frau ein, die um Hilfe ruft, wenn eine große Bratpfanne von der Herdplatte gehoben werden muss. (S. 71)

Auch der Reinlichkeitswahn der ältesten Schwester Bärbel kommt vermutlich nicht von ungefähr. Als erwachsene Frau begeistert sie sich schließlich für das Desinfektionsmittel Sakrotan.

Sie kaufte Flaschen davon im Dutzend und fand im Desinfizieren des Haushalts große Befriedigung. Wenn ich bei ihr in Kaiserslautern zu Besuch war und mir vor dem Essen die Hände wusch, wartete sie ungeduldig, bis ich fertig war, sie einen Putzschwamm mit Sakrotan begießen und das Waschbecken ausreiben konnte. (S. 33)

März schafft es, uns diese Frauen nahezubringen, indem sie Geschichten, die in der Familie überliefert wurden, in Bezug setzt zu ihrer eigenen Beziehung zu Tante Martl und den vielen Gesprächen, die die beiden miteinander geführt haben. Dazu kommen zahlreiche, wunderbar ausgewählte und aussagekräftige Erinnerungen der Autorin, die auch die andauernden und oft nur unterschwellig ausgetragenen Familienkonflikte mit in den Blick nehmen und dem Ganzen eine große Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit verleihen.

Gleichzeitig bleibt das Buch durchlässig auf die Leerstellen und Widersprüchlichkeiten, die sich bei der Beschreibung dieses Lebens zeigen. Wer machte das wunderschöne Foto von ihrer ca. zwanzigjährigen Tante, auf dem sie wie auf keinem anderen glücklich und mit sich im Reinen in die Kamera schaut? Warum hat sie sich selbst als erwachsene Frau von ihren Schwestern den Wunsch nach einem Hund ausreden lassen, von dem sie doch ihr ganzes Leben geträumt hat?

Wie lassen sich die Unterwürfigkeit Tante Martls gegenüber der Familie und ihr Wunsch, in Restaurants immer auf den schlechtesten Plätzen zu sitzen, in Einklang bringen mit ihrer Emanzipation? Sie war die einzige der drei Schwestern, die eine überregionale Zeitung las, Auto fahren, einen Handwerker herbeibeordern und ihre Geldgeschäfte selbstständig regeln konnte. Und überhaupt: Eigentlich hieß sie Martina, wurde aber von allen immer nur als Tante, also in Relation zu ihrer Familie, bezeichnet.

Wie war die oft schroffe Frau als Lehrerin? Schließlich kommen zur Beerdigung viele ihrer ehemaligen HauptschülerInnen, von denen sich einer mit besonderer Dankbarkeit an sie erinnert.

Und manche der Szenen sind einfach unglaublich komisch und zeigen, zu welchen Absurditäten das ganz „normale“ Familienleben immer wieder führen kann.

Eine besonders schöne Stelle beschreibt, wie die Autorin als Kind mit ihrer ca. vierzigjährigen Tante auf einem Jahrmarkt unterwegs ist. Das Kind möchte so gern, dass Tante Martl einmal zusammen mit ihr mit dem Kettenkarussell fährt.

‚Isch will net‘, wehrte sie barsch ab, ‚isch bin doch ke Hanswurscht, wo sisch vor de Leut blamiert.‘ (S. 34)

Das Kind schafft es mit einem Trick, dass der Tante nichts anderes übrigbleibt, als in das Karussell zu steigen, andernfalls wären noch viel mehr Menschen auf das Gerangel der beiden aufmerksam geworden.

Es begann sich zu drehen, nach ein paar Metern schwebten wir über dem Boden, bei der nächsten Runde lag das Kirmesgelände schon weit unter uns. Ich schaute zu meiner Tante hinüber und hoffte, es würde ihr nicht schwindlig oder übel. Mit den Händen umklammerte sie ängstlich die seitlichen Metallgriffe des Sessels, aber in ihrem Gesicht sah ich den lachenden  Jubel, nach dessen Ausdruck ich mich gesehnt hatte. (S. 35)

Auf der Homepage des Deutschlandfunk gibt es ein Interview mit der Autorin.

Und Lena Riess hat das Buch ebenfalls gelesen.

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Blogbummel November 2019

Wenn man einen Beitrag mit den Fotos von Dina beginnt, die mir den Atem stocken lassen, kann man eigentlich auch gleich wieder aufhören. Aber einige Literaturtipps möchte ich dann doch noch mit euch teilen.

Deutschsprachige Literatur

Sätze & Schätze hat eine ganz feine Entdeckung für uns, nämlich Meins von Ida Häusser.

Frau Lehmann liest, diesmal Über die Kunst, ein Gentleman zu sein des Earl von Chesterfield und Der Hammer von Dirk Stermann.

Günter Keil empfiehlt Henry persönlich von Stewart O’Nan.

Binge Reading & More bringt uns Vita Sackville-West näher.

Die lesende Käthe las Die Welt war so groß von Rona Jaffe.

Buchrevier war sehr angetan von Metropol, geschrieben von Eugen Ruge.

Um Effingers von Gabriele Tergit geht es auf schiefgelesen.

Lector in fabula las von Bei uns in Auschwitz von Tadeusz Borowski.

Im LiteraturReich geht es diesmal um Das zerbrochene Haus von Horst Krüger.

Englischsprachige Literatur

AnzLitLoversLitBlog war völlig begeistert von Island Story, Tasmania in Objects and Text.

Nach Sizilien führt uns Consumed by Ink mit Lampedusa von Steven Price.

Zum Schauen, Staunen und Reisen

Dem Bücheratlas verdanke ich Hinweise auf zwei Fotoausstellungen, u. a. im Schnütgen Museum in Köln.

Eher befremdlich finde ich das Junker-Haus in Lemgo, da würde mich die Biografie des Künstlers interessieren.

In der Naehe bleiben zog es diesmal in den Magma-Geopark in Norwegen.

Tanja Britton erinnert an die Geschichte des amerikanischen Bisons.

Zum Abschluss kommt nur Marens Beitrag auf Von Orten und Menschen in Betracht mit dem Titel Und mit Liebe zu schaun. Schön!

Dieter Wellershoff: Der Ernstfall (1995)

Ursprünglich nur zur Hand genommen, um zu überprüfen, ob das Buch, das jahrelang im Regal der ungelesenen Bücher geschlummert hat, nun das Haus in Richtung öffentlicher Bücherschrank verlassen sollte, habe ich mich doch festgelesen in den autobiografischen Kriegserinnerungen von Dieter Wellershoff, die 1995 unter dem Titel Der Ernstfall: Innenansichten des Krieges veröffentlicht wurden.

Warum wieder zurückblicken nach fast einem halben Jahrhundert? Was suchte ich? Was erwartete ich zu finden, als ich mich Ende März 1994 auf den Weg nach Bad Reichenhall machte, wo ich den Kriegswinter 1944/45 im Lazarett verbracht hatte? Meine chronisch erkrankten Nasennebenhöhlen zu kurieren, war das praktische Ziel meiner Reise. Doch zugleich und vielleicht sogar vor allem war es für mich eine Reise in die Vergangenheit. (S. 11)

Obwohl zum Zeitpunkt des Schreibens die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges schon Jahrzehnte zurückliegt, gelingt es Wellershoff über weite Strecken die Leser mitzunehmen in seine Erinnerungen und Reflexionen. Formuliert in seiner präzisen, manchmal ein wenig spröden Sprache.

Vieles, was heute schwer verständlich ist und deshalb oft rasche, schematische Urteile herausfordert, bedarf genauerer Beschreibung. Zum Beispiel die Tatsache, daß ich, wie die meisten meiner Klassenkameraden, mit siebzehn Jahren als Freiwilliger in den Krieg zog, obwohl, trotz der Schönfärberei der Wehrmachtsberichte, sich seit Stalingrad immer deutlicher abzeichnete, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Kriegsbegeisterung, wie ich sie noch in den ersten Kriegsjahren als Schüler empfunden hatte, war das nicht. Auch keine fanatische Opferbereitschaft, sondern eher eine noch fortbestehende patriotische Konvention, gegen die man, da das zu gefährlich war, auch im Gespräch unter Freunden keine Argumente entwickelt hatte. Man tat es, weil es üblich war, konnte aber die heimlichen Befürchtungen und fatalistischen Perspektiven vor sich selbst nicht mehr dauerhaft verdecken. Ich zog in diesen Krieg mangels einer Alternative und ohne Illusionen, aber mit einem vagen Pflichtgefühl, das im Grunde eine Solidarität gegenüber all jenen war, die es auch getan hatten, und gegenüber den vielen, die gefallen waren. Dieses Zugehörigkeitsgefühl war brüchig. Aber es war noch nicht ganz aufgelöst. Beigemischt war dieser Haltung auch ein jugendliches Bedürfnis nach Bewährung und ein wachsender Überdruß an der Schule, die uns vor dem Hintergrund des Krieges als ein unauthentischer Ort erschien, an dem man nicht erwachsen werden konnte. (S. 22)

So lesen wir nicht nur von Erschießungskommandos in Tegel, für die sich die Soldaten freiwillig meldeten, und dem grauenvollen Alltag und Verrecken der Soldaten an der russischen Front, sondern erfahren auch, wie Wellershoff im Nachhinein das Informationsvakuum einschätzt, in dem sich die deutschen Soldaten befanden.

Als Görings Vorschlag, den militärischen Gruß durch den Hitlergruß zu ersetzen, von Hitler gebilligt und verbindlich angeordnet wurde, fanden das viele Berufsoffiziere ganz schrecklich (als ob es darauf noch angekommen wäre) und der Oberleutnant

machte diesen Gruß in einer Weise vor, als wolle er damit die Bedeutung ausdrücken, die dem Nazigruß im Volksmund untergeschoben wurde: ‚So hoch liegt der Schutt in Berlin.‘

Besonders interessant fand ich die Ausschnitte aus zeitgenössischen Quellen, aus denen Wellershoff zitiert.

Als Walter Schellenberg, damals Chef des deutschen Geheimdienstes, Göring 1942 ein Dossier über die Produktionskapazität der amerikanischen Stahlerzeugung und der amerikanischen Rüstungsindustrie […] vorlegte, gab ihm Göring das Papier mit der Bemerkung zurück: ‚Alles, was Sie da geschrieben haben, ist Quatsch. Sie lassen sich am besten auf Ihren Geisteszustand untersuchen.‘ […] Der gleiche Vorgang wiederholte sich Anfang April 1945, als General Gehlen […] einen Bericht über die sowjetische Rüstungsindustrie vorlegte. Hitler nannte die ermittelten Produktionszahlen ‚übertrieben, defaitistisch, ja idiotisch‘ und ließ Gehlen ablösen. (S. 149)

Hübsch fand ich auch die Anmerkung, dass

ein von Himmler beautragter Astrologe für das Jahr 1945 eine deutliche Besserung der militärischen Lage Deutschlands vorausgesagt [hatte]… (S. 151)

Gegen Ende des Buches macht Wellershoff sich Gedanken darüber, wie man, wenn überhaupt, aus der Geschichte lernen kann. Selbstgerechte Schuldzuweisungen von moralisch einwandfreier Warte, bei denen man von vornherein unreflektiert davon ausgeht, dass man selbst nie auf Hitler oder irgendwelche anderen mörderischen Ideologien hereingefallen wäre oder hereinfallen würde, gehen laut Wellershoff am Kern der Sache vorbei und sind ihm eher ein Zeichen unbewusster Abwehr.

Nicht jeder ist sicher genug, um sich ungeschützt den Schwindelgefühlen abgründiger Erkenntnisse über die Wirrnisse und Schrecken des Menschenmöglichen auszusetzen.

Heute denke ich, daß es notwendig ist, immer wieder zum Individuellen vorzudringen. Man muß nach den lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Bedingungen des Verhaltens fragen. ‚Wovon bist du ausgegangen? Was hast du gewußt und was hast du gedacht? Was hast du getan und was für Folgen hat es gehabt? (S. 272)

Den Krieg hat Wellershoff als für sein ganzes späteres Leben als prägend erfahren, u. a. dahingehend, dass ihm kollektive Identitäten von nun an suspekt waren, da sie sich doch immer wieder als mörderische Wahngebilde entpuppen. Die daraus resultierende „weltanschauliche Obdachlosigkeit“ habe er als Glück, als „geschenkte Freiheit“ erlebt.

Außerdem verdanke er dem Krieg

die Einsicht in die Zufälligkeit meiner Existenz. (S. 289)

Darüber hinaus blieb eine gewisse Skepsis, was die menschliche Natur angeht:

Ich will daraus nicht ableiten, daß man mit Menschen alles machen kann. Aber ihr Sinn- und Glaubensbedürfnis, ihr Wunsch nach Anerkennung und Zusammengehörigkeit und vor allem ihr Angewiesensein auf den Schutz der Gesellschaft macht sie zu einem extrem formbaren Material. Nicht nur die vergangenen Kriege, auch die terroristischen Fanatismen unserer Tage beweisen es. (S. 280)

Und drittens blieb für Wellershoff, der 2018 in Köln verstarb, eine

unaufhebbare Fassungslosigkeit über das sechs Jahre dauernde Massenschlachten und seinen finstersten und innersten Bereich: die Todesfabriken der deutschen Konzentrationslager.

Der Autor, für den Literatur immer ein Simulationsraum war, in dem die Leser Erfahrungen machen können, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben, wurde zwar 1925 geboren und damit 21 Jahre nach meinem Großvater, dennoch habe ich die Erinnerungen Wellershoffs auch ein bisschen als Ersatz für die nicht stattgefundenen Gespräche in meiner Familie gelesen.

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Ahmet Toprak: Auch Alis werden Professor (2017)

Von Ahmet Toprak, einem Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, stammt der autobiografische Rückblick Auch Alis werden Professor: Vom Gastarbeiterkind zum Hochschullehrer (2017).

Abgesehen von einem unendlich drögen Cover, das mich beinahe vom Kauf abgehalten hätte, fing das schmale Buch sehr vielversprechend an.

Mein Vater meldet sich 1967 in Ankara in einem Anwerbebüro und wird medizinisch untersucht. Es ist damals üblich, dass die Arbeitswilligen von deutschen Ärzten und Krankenschwestern […] auf Herz und Nieren gecheckt werden. (S. 16)

Topraks Eltern stammen aus einem zentralanatolischen Dorf.

Im Winter ist das Dorf mit 150 bis 200 Einwohnern für mehrere Monate von der Außenwelt abgeschnitten. In den Häusern gibt es weder fließendes Wasser oder Strom. […] Zum Kartenspielen und Einkaufen müssen die Bewohner in die fünf Kilometer entfernte Kreisstadt laufen. Autos oder Busverbindung gibt es damals nicht. Viele im Dorf sind miteinander verwandt oder verschwägert. Alle kennen sich, alle helfen sich. Aber auch die soziale Kontrolle ist enorm.

Als der Vater sich zu einem Gastarbeiterdasein in Deutschland entscheidet, hat er bereits vier Kinder. Der Autor und ein weiterer Bruder werden erst später geboren. Der Vater findet Arbeit bei den Ford-Werken in Köln. Niemand erwartet dort von den Türken, dass sie Deutsch lernen. Selbst als man nicht mehr davon ausgeht, dass die türkischen Arbeiter in ihre Heimat zurückgehen – es hat sich als viel zu uneffektiv erwiesen, die meist ungebildeten Arbeiter im Rotationssystem immer wieder neu einzuarbeiten -, ist es für die Firma einfacher (und günstiger), einem Vorarbeiter genügend Türkisch beizubringen als der ganzen Hallenbelegschaft Deutsch.

Leider spielen die Eltern danach nur noch eine sehr vage Rolle. Irgendwann lässt der Vater seine Frau nachkommen, doch der Sohn Ahmet wird erst mit 10 Jahren nach Deutschland geholt. Das Brüderchen, das inzwischen in Deutschland geboren wurde, bekommt den Spitznamen „Made in Germany“ verpasst.

Ahmets erste Erfahrung in Deutschland ist ein freilaufender Hund, der in einem Park auf ihn zustürmt. Der Besitzer versteht die Angst des Kindes nicht und wiederholt immer nur den Satz „Der will nur spielen.“

Es folgen positive und negative Schulerfahrungen. Als es darum geht, was Ahmet nach der Hauptschule anfangen soll, plädiert der Vater für eine solide Schlosserlehre. Doch Ahmet kann sich nichts Schlimmerers vorstellen und ringt seinem Vater einen Deal ab. Er geht zurück in die Türkei. Sollte er dort das Abitur nicht schaffen, käme er zurück und würde sogar eine Dachdeckerlehre machen, was ihnen als Inbegriff unattraktiver Arbeit erschien.

Er lernt neu das autoritäre Schulsystem in der Türkei kennen, in dem kritisches Diskutieren und einem Lehrer zu widersprechen, als unerhört galten.

Er schafft das Abitur, beginnt ein Studium in Ankara, wird irgendwann wieder zurück nach Deutschland beordert, das er durchaus vermisst hat, und nach einigen Irrungen und Wirrungen findet er seinen Platz im Pädagogikstudium.

2001 erfolgt die Promotion und 2007 schließlich die Ernennung zum Professor.

Das Buch krankt für mich an der Kürze (168 sehr großzügig gesetzte Seiten). Dass die Schwester gegen ihren Willen irgendwann wieder in die Türkei geschickt wird, wird zwar damit kommentiert, dass die Schwester sehr „niedergeschlagen“ gewesen sei, doch innerhalb des Buches gibt es keine Auseinandersetzung mit dem Erziehungsstil oder dem Frauenbild der Familie.

Auch dass die eigenen Eltern nicht an seinen Bildungsaufstieg glauben, wird nur sehr am Rand abgehandelt. Sie halten es für für pure Überheblichkeit, als er sich auf eine Professur bewirbt.

Der bewundernswerte Werdegang Ahmet Topraks ist sicherlich auch insofern ungewöhnlich, da er nach der Hauptschule zunächst in die Türkei zurückkehrt, um dort sein Abitur abzulegen. Ob das auch im deutschen Schulsystem mit seiner latenten Benachteiligung von (Gast-)Arbeiterkindern so ohne Weiteres möglich gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln.

Die miesen Anwürfe und Diskriminierung, die der Autor in vielerlei Situationen (Fahrscheinkontrolle, Einbürgerung, Wohnungssuche) erfahren hat, zeigen, wie weit weg wir noch von einem selbstverständlichen Zusammenleben verschiedener Ethnien sind. Der Autor nimmt’s oft mit Humor, manchmal mit Wut oder konfrontiert den anderen mit seinen rassistischen oder zumindest sehr stereotypen Aussagen. Dazu gehört viel Kraft und der Wille, sich nicht in einer Opferrolle einzukuscheln.

Und nicht jeder kann dann den Weg gehen, der ihm jetzt möglich ist. Als potentielle Vermieter sich plötzlich nicht mehr von seiner Herkunft abschrecken lassen, weil sie unglaublich gern einen Professor als Mieter hätten, kommentiert der Autor diese Erfahrungen ganz trocken mit: „Professor schlägt Türken“.

Fazit: Auf der einen Seite fand ich das Buch immer unbefriedigender, da wesentliche Faktoren im Dunkeln bleiben. Oft kam mir das Innenleben der Personen zu kurz und auch, wenn man die Familie nicht über Gebühr mit in die Öffentlichkeit eines Buches zerren will, letztendlich gehören Eltern und Geschwister ebenfalls zu der Frage, wie ein Gastarbeiterkind zum Professor werden kann. Da war mir der – berechtigte – Hinweis auf die beeindruckende Lebensleistung der Mutter, die als Analphabetin 33 Jahre in einer deutschen Firma gearbeitet und sechs Kinder (vier davon Akademiker) großgezogen hat, zu wenig.

Über weite Strecken habe ich das Werk auch als die Schilderung einer verwunderten Selbstvergewisserung gelesen, wohin man aus eigener Kraft gekommen ist und dass man nun sogar einen eigenen Eintrag in Wikipedia hat.

Und dennoch habe ich es gern gelesen, es macht Lust auf weitere Literatur aus dem thematischen Bereich der Gastarbeiter. Die Stärke des Buches sind die vielen kurzen Szenen, die einem auch nach dem Lesen noch nachgehen. Wo Toprak, als er einen Vortrag halten soll, für den Techniker gehalten wird, der sich doch bitte beeilen möge, den Beamer zum Laufen zu bringen, denn schließlich müsse der Professor jeden Moment erscheinen.

Die Erfahrungen, die die Gastarbeiter und ihre Kinder gemacht haben und noch täglich machen, ihre Geschichten, ihre Erinnerungen, mal peinlich, mal witzig, mal berührend, mal – für Deutschland – beschämend, sind ganz offensichtlich ein großer Schatz. Falls da jemand gute Erzählungen, Romane oder Biografien kennt, lasst einen Kommentar da.

 

Blogbummel Oktober 2019

Mit toller Straßenkunst, gefunden auf Bardtke.net geht es los.

Deutschsprachige Blogs

Leselebenszeichen setzt mir Leben Schreiben Atmen von Dorris Dörrie auf die Wunschliste.

Frau Lehmann liest Wo wir waren von Norbert Zähringer und Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer.

Den Roman Quichotte von Salman Rushdie hat Buchweiser besprochen.

Der Bücheratlas empfahl Diese Wahrheiten – Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika von Jill Lepore.

Litblogkoeb war überrascht von Kein Teil der Welt von Stefanie de Velasco.

Binge Reader’s Beitrag zu Washington Black von Esi Edugyan habe ich noch nicht gelesen, da das Buch hier noch darauf wartet, gelesen zu werden, aber danach freue ich mich darauf, meine Eindrücke mit denen Sabines zu vergleichen.

Peter liest…, diesmal Blackbird von Matthias Brandt.

Um Lyrik von Knut Ødegård geht es auf Lobe den Tag.

Passend dazu „10 of the Best Poems about Books and Reading“ auf Interesting Literature.

Auf intellectures gab es eine sehr interessante Empfehlung zu Dort Dort von Tommy Orange.

Buch & Wort las Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten von Alice Hasters; klingt lohnenswert, auch wenn ich den Titel in seiner gewollt provokanten Pauschalisierung etwas platt finde.

In der Crime Alley wurde nicht nur der Goldfasan von Jan Zweyer gelesen, sondern auch Michail Bulgakows DerMeister und Margarita.

Bei umgebucht ging es um Licht in der Nacht der Seele von Martin Duda.

the lost art of keeping secrets macht Lust auf Der Verräter von Paul Beatty.

Vater Mutter Kim von Eivind Hofstad Evjemo konnte LiteraturReich überzeugen.

Englischsprachige Blogs

Auch Heavenali ist wieder dabei, diesmal mit ihrer Empfehlung zu Elisabeth Taylors Soul of Kindness (1964).

Missmesmerized hat ein Buch von James Aylott an Bord, das mich aufgrund des Covers die Flucht ergreifen ließe, aber es klingt trotzdem nett.

Dead Yesterday hat noch ein altes Krimi-Schätzchen von 1950 anbei.

Bitter Tea and Mystery hat ebenfalls einen Krimitipp von S. J. Rozan.

Zum Reisen, Staunen und Stöbern

East of Elveden hat eine tolle Schwarzweißserie für uns.

Und Jarg bereichert wieder das Reiseregal, diesmal mit Die allerseltsamten Orte der Welt von Alastair Bonnett.

Manche Reisende sind definitiv abenteuerlustiger oder leidensfähiger als ich: Philipp Laage wanderte in Uganda.

Angenehmer klingt da Mit den Schäfern auf Transhumanz durch Navarra auf Reisefeder.

Und Von Orten und Menschen nimmt uns mit zum Eben noch Sommer.

Sätze & Schätze hat ebenfalls einen Autorentipp für unser Reiseregal, nämlich Mathias Vatterodt.

Michael’s Beers & Beans hatte eine Begegnung mit einem Steinbock.

Eine kräftige Einstimmung auf den Winter mit unglaublichen Bildern von Frozen Bubbles bietet Paul Zizka.

Und die schönsten Reisefotos gab es diesmal auf Safe Travels und hier.

transitnuremberg verdanke ich den Hinweis auf das Gedicht Am Ende des Regenbogens von Richard Moore Rive.

Und der Abschied fällt ganz seehundmäßig aus, gefunden auf dem MEERblick.blog.

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Fundstück von Francis Spufford

For what soul, to whom the world is still relatively new, does not feel the sensible excitement, the faster breath and expansion of hope, where every alley may yet contain an adventure, every door be back‘d by danger, or by pleasure, or by bliss.

aus: Francis Spufford: Golden Hill, Faber & Faber 2016, S. 19

Denn nur wem die Welt schon zu vertraut geworden ist, der verspürt nicht mehr den schnellen Atem und die steigende Erwartung dort, wo in jeder Gasse noch ein Abenteuer lauern kann und hinter jeder Tür Gefahr, Lust oder Glückseligkeit.

aus: Francis Spufford: Neu York, Rowohlt Verlag 2017, S. 30 (aus dem Englischen von Jan Schönherr)


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Merethe Lindstrøm: Days in the History of Silence (2011)

Angesichts der Tatsache, dass dieser Roman der Norwegerin Merethe Lindstrøm nun endlich auch auf Deutsch gelesen werden kann, mal wieder ein Beitrag aus den Tiefen des Blogarchivs. Das Buch beginnt mit den Sätzen:

I was the one who let him in. Later I called him the intruder, but he did not break in. He rang the doorbell as anyone at all might have done, and I opened the door. It unsettles me still when I think about it. Really that could be what bothers me most. He rang the doorbell, and I opened the door. So mundane.

Das Werk aus dem Jahr 2011 erschien 2013 zunächst auf Englisch und seit einem Monat liegt der Roman auch in einer deutschen Übersetzung von Elke Ranzinger unter dem Titel Tage in der Geschichte der Stille vor.

Zum Inhalt

Auf den ersten Blick passiert hier nicht viel. Eva, eine pensionierte Lehrerin, lebt mit ihrem ebenfalls pensionierten Ehemann, einem Arzt, in guter Wohngegend. Man hat drei Töchter und sogar schon Enkel. Der Alltag könnte also gemächlich und kultiviert vonstattengehen. Doch feine Risse tun sich auf.

Der Moment zu Beginn der Geschichte, als ein junger Mann an der Tür klingelt und Eva ihn ins Haus lässt, ist der Zeitpunkt, an dem Eva merkt, dass ihre Wirklichkeit ins Wanken gerät.

The episode that has a hard and inevitable quality when I reflect on it. It is as though it is scored into or through something. A gash, like a tear in thick canvas, in the perfectly normal day, and through that hole something has emerged that should not surface, not become visible. (S. 8)

Der Roman ist ein langer Monolog der Frau, die – ungeübt, tastend, widerwillig – versucht, sich Rechenschaft zu geben über das, was in ihrem Leben, ihrer Ehe missglückt ist, wo sie einzeln und zusammen mit ihrem Mann Simon schuldig geworden ist.

Evas Gedanken kreisen um zwei Geschehnisse, an die sie sich allmählich anzunähern versucht. Wird ihr das Thema zu bedrängend, lässt sie davon ab, um es später wieder aufzugreifen. Zum einen fällt immer wieder der Name ihrer ehemaligen Haushaltshilfe, Marija, einer Frau aus Litauen, mit der sich das Ehepaar regelrecht angefreundet hatte. Marijas Lebensfreude tat ihnen gut. Man unternahm Ausflüge und hatte Spaß zusammen. Doch dann ist etwas vorgefallen, was die Kündigung Marijas zur Folge hat. Den Grund dafür verschweigen Simon und seine Frau sogar vor ihren Töchtern.

Der andere Erinnerungsstrang handelt davon, dass Simon sich immer mehr ins Schweigen zurückzieht.

Some days I almost forget his silence. Then it feels only like a momentary stillness, and that we are going to talk together soon. He is going to say something, and I am going to answer. How I miss it. I want to tell him to stop doing this to me. It feels as though it is something he has made up his mind to do, something he has chosen of his own free will. That he has shut me out, all of us out. (S. 127)

Zwar hatte er  vor Jahrzehnten schon einmal Depressionen, doch diesmal wird aus seinem Verstummen kein Weg mehr herausführen. Alt, dement und von Traumata gezeichnet bleibt nur noch das Schweigen. Er hat als Junge den Holocaust zusammen mit seiner Familie in einem Versteck überlebt. Allerdings wissen seine eigenen Töchter nichts von der Kindheit ihres Vaters. Eva hat alle seine Ansätze, darüber zu sprechen, im Keim erstickt.

He was talking about it again as we drove. I thought there was something tactless about it, as though he were being indiscreet, coarse, as though he were relating something inappropriate. It was not suitable. […] I shushed him. Don’t drag all that darkness in here, I said. (S. 36)

Sein nun einsetzendes Schweigen macht auch Eva unendlich einsam. Wer hört ihr nun noch zu?

I need to tell this to someone, how it feels, how it is so difficult to live with someone who has suddenly become silent. It is not simply the feeling that he is no longer there. It is the feeling that you are not either.

Aber auch Eva, die manchmal – vielleicht aus Hilflosigkeit – seltsam gefühlskalt wirkt, muss sich eingestehen, dass sie über Dinge geschwiegen hat, die deswegen nicht weniger real sind, ja, je älter sie wird, umso bedrängender werden. Doch was tun, wenn man jahrzehntelang an den falschen Stellen geschwiegen hat und letztlich nichts mehr verändert und geändert werden kann?

Again that thought pops up, that underneath everything, the house, the children, all the years of movement and unrest, there has been, this silence. That it has simply risen to the surface, pushed up by external changes. Like a splinter of stone is forced up by the innards of the earth, by disturbances in the soil, and gradually comes to light in the spring. (S. 139)

Dabei ist Evas und Simons Ehe keineswegs kaputt, sie hatten sich lieb und wussten um die Geheimnisse, die der andre mit sich herumtrug, und sie kannten die Abgründe des anderen. Die Autorin sagt selbst in einem Interview, dass es ihr u. a. darum gegangen sei, wie und ob es überhaupt möglich sei, in alltäglichen Gesprächen über erlebte Traumata zu sprechen.

Nun bleibt tatsächlich nur noch der Leser, dem Eva ihre Geschichte erzählen kann, da der geliebte Mensch nicht mehr mit ihr sprechen kann.

I think I have never been close to anyone in that way, been so happy with anyone as I was with him. That it was so intense. And when I waken, my life, or that part of it, my youth, is like a dream I dreamed just a few minutes before I woke. It was over so fast. (S. 63)

Mehr zum Inhalt zu verraten, wäre schade, denn wie die Autorin hier Handlung, Sprache, Erinnerung, Schweigen, Schuld und Schuldigwerden auf den unterschiedlichsten Ebenen, den Holocaust und lebenslange Traumatisierung, aber auch Einsamkeit und unsere alltäglichen Versäumnisse miteinander verbindet, ist große Literatur.  Ein leises, aber sehr berührendes Buch, spannender als jeder Psycho-Thriller.

Zur Autorin

Die norwegische Schriftstellerin Merethe Lindstrøm wurde 1963 geboren und für Days in the History of Silence bekam sie 2012 den hochdotierten Literaturpreis des Nordischen Rates verliehen.

Auch LiteraturReich hat den Roman besprochen.

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William Melvin Kelley: A Different Drummer (1962)

Neu aufgelegt, von der internationalen Kritik begeistert besprochen, und nun erschien die deutsche Übersetzung des ca. 200-seitigen Debütromans des afroamerikanischen Autors William Melvin Kelley (1937-2017) von Dirk Gunsteren unter dem Titel Ein anderer Takt im Hoffmann und Campe Verlag.

Die Wiederentdeckung dieses Werks, ursprünglich erschienen auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung in Amerika, als der Autor gerade einmal 24 Jahre alt war, ist längst überfällig. Nicht nur, weil Rassismus in Amerika und Europa in einigen Kreisen wieder salonfähig ist, sondern weil es ein großartiges Buch ist.

Doch zunächst einmal kurz zur Geschichte, die in einem fiktiven Staat irgendwo westlich von Alabama spielt.

Im Juni 1957 lässt sich der junge Schwarze Tucker Caliban, der erst kürzlich ein Stück Land der ehemaligen Sklavenplantage der Willsons gekauft hat, eine Ladung Salz kommen, bestreut damit sein Feld, tötet Kuh und Pferd, setzt sein Haus in Brand und verlässt ohne weitere Erklärung zusammen mit Frau und Kind den Ort, an dem er und seine Vorfahren seit Generationen gelebt und geschuftet haben, zunächst als Sklaven, später als Feldarbeiter und Hausmädchen.

Sie machen sich auf Richtung Norden und lösen damit einen Massenexodus aus. In den nächsten Tagen werden nämlich alle Schwarzen ruhig und schweigend mit ihrer spärlichen Habe diesen Bundesstaat verlassen und versuchen, sich im Norden ein neues Leben aufzubauen.

Und der Leser wird Augen- und Ohrenzeuge der Geschichte, in der es nicht nur darum geht, wie die ersten Sklaven nach Sutton kamen, sondern auch wie die Weißen nun mit dem für sie ungeheuerlichen Vorgang umgehen, dass die Schwarzen ihnen und der widersinnigen Rassentrennung wortlos den Rücken kehren, nicht mehr im Ort einkaufen werden  und sie einfach mit der schmutzigen Arbeit sitzen lassen.

Nun erinnern sich Erzählerstimme und verschiedene weiße Protagonisten an möglicherweise bedeutsame Details aus Vergangenheit und Gegenwart, die vielleicht dabei helfen können, das Unbegreifliche zu verstehen. Dabei kommen die Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen, was sich in ihrem Auftreten und Handeln niederschlägt. Und immer wieder kehren wir im Verlauf der Geschichte zur Veranda des Lebensmittelgeschäftes zurück, dort treffen sich die Männer des Ortes, um die neuesten Entwicklungen zu bereden.

Es wäre schade, mehr zum Inhalt zu verraten. Viel zu interessant ist es, wie der Autor es schafft, die verschiedenen Stimmen zum Leben zu erwecken. Die Schwarzen selbst kommen nur indirekt zu Wort, doch dass der Auszug gerechtfertigt ist, kann am Ende von niemandem mehr bezweifelt werden.

Der Stil ist oft poetisch, anschaulich und die Gespräche scheinen den Menschen abgelauscht zu sein, die Bilder wuchtig, ohne dass sie aufdringlich wären, wie z. B. bei der Beschreibung der Standuhr, die der erste Plantagenbesitzer extra aus England kommen lässt und die mit aller Sorgfalt eingepackt und vor Stößen und Kratzern auf der langen Schiffspassage geschützt wurde, während die Sklaven auf demselben Schiff unter unbeschreiblichen Zuständen zusa