Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo (2017)

Dieser schmale Band von nur 139 Seiten wurde von Larissa Bender aus dem Arabischen übersetzt und im Weidle Verlag veröffentlicht. Die französische Ausgabe erschien bereits 2015.

Niroz Malek (1946 in Aleppo geboren) hat bisher mehrere Bände mit Erzählungen und sechs Romane veröffentlicht.

Der Spaziergänger von Aleppo enthält 57 kurze Texte; Einblicke, Impressionen, surreale Geschichten und Reflexionen, in denen sich der Autor, der nach wie vor in Aleppo lebt, an früher erinnert und an geflohene Freunde, an Zurückgekehrte, an Ermordete und Trauernde.

Schon auf den ersten Seiten erklärt der Autor, weshalb er selbst, im Gegensatz zu so vielen anderen, Aleppo nicht verlassen wolle.

‚Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen?‘ […] ‚Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Photographien sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.‘ […] ‚Kann ein Körper ohne Seele leben? Aus diesem Grund werde ich meine Wohnung nicht verlassen: Weil ich meine Seele nicht in einen noch so großen Koffer stopfen kann. Meine Seele ist all das, was du in meinem Zimmer siehst … Tausende Bücher. Hunderte Schallplatten, Zeichnungen, Gemälde und Photographien.‘ (S. 6/7)

Malek konstatiert den Irrsinn, dass sich Liebespaare immer noch küssen, dass Frauen vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes warten, dass irgendwo Hochzeit gefeiert wird, während gleichzeitig ein kleiner Junge betrauert wird, der einem Scharfschützen zum Opfer gefallen ist.

Er trifft sich mit seinen verbliebenen Freunden im Café, flüchtet in Bücher und Gemälde von van Gogh und vermisst seine über die Welt verstreute Familie, seine Enkelkinder.

Ich weiß, daß meine Briefe Dich nicht erreichen. Dennoch schreibe ich Dir jeden Abend, um Dir zu sagen, wie sehr Du mir fehlst. Am nächsten Morgen lege ich den Brief wie ein wertvolles Pfand in die Hände des Briefträgers. (S. 8)

Gleichzeitig ist er erschüttert, dass die Kinder in Aleppo, die überhaupt noch in der Lage sind, etwas malen zu können, nur noch verkohlte Bäume und Leichenteile malen.

Wir lesen seine Alpträume, in denen sich die Grenzen zwischen Lebenden und Toten vermischen, denn der Tod kann jede Minute in Form von Raketen, Heckenschützen oder verrohten Soldaten an den unzähligen Checkpoints zuschlagen. Nichts ist mehr sicher, geordnet oder verlässlich. Er schaut fern, sieht die Leichen im Mittelmeer.

Der Anblick war schrecklich. Ertrinkende Frauen und Kinder, mit denen die Wellen des Meers spielten. Eine Welle spülte sie ans Ufer, eine andere trieb sie aufs Meer, als lägen sie auf einem Wasserbett. (S. 27)

Das erzählt Malek in einer einfachen, ganz zurückgenommenen Sprache. Wenn alles implodiert, dann wird die Sprache schlicht, fast dokumentarisch.

Dass diese Texte nie länger als anderhalb Seiten sind, ergibt sich zwingend aus ihrem Inhalt. Im Irrsinn und Widersinn des Krieges gibt es keinen roten Faden mehr, nur noch Zersplitterung.

Ein Buch, das dennoch nicht leicht zu lesen ist, denn wir können jederzeit das Büchlein aus der Hand legen, den Opfern gewaltsamer Auseinandersetzungen, den Zivilisten jedoch steht keine Fluchtmöglichkeit offen und keine Atempause zu.

Margery Allingham: The Crime at Black Dudley (1929)

Margery Allingham (1904-1966) war eine der vier Queens of Crime des Golden Age of detective fiction – neben Agatha Christie, Ngaio Marsh und Dorothy L. Sayers.

Diese sich an bestimmen Konventionen und Spielregeln orientierenden Krimis mit britischem Lokalkolorit, Humor und vielen einsam gelegenen Landhäusern hatten ihre Blütezeit vor allem in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, auch wenn es, wie uns der Wikipedia-Eintrag verrät, anscheinend sogar japanische Autoren gibt, die in diesen Spuren wandeln.

Wenn mir Zeit und Konzentration für längere oder anspruchsvollere  Bücher fehlen, dann sind solche Krimis wie die um den adligen Albert Campion genau das Richtige. Sein erster Auftritt in The Crime at Black Dudley ist nicht gerade schmeichelhaft, was sicherlich auch daran liegt, dass ihm zunächst gar nicht die Hauptrolle zugedacht war. Er schwatzt viel albernes Zeug und wirkt auf den ersten Blick arglos und nicht besonders intelligent, was für seine Nachforschungen natürlich oft von Vorteil ist.

‚His name is Albert Campion,‘ she said. ‚He came down in Anne Edgeware’s car, and the first thing he did when he was introduced to me was to show me a conjuring trick with a two-headed penny – he’s quite inoffensive, just a silly ass.‘ Abbershaw nodded and stared covertly at the fresh-faced young man with the tow-coloured hair and the foolish, pale-blue eyes behind tortoiseshell-rimmed spectacles, and wondered where he had seen him before. The slightly receding chin and mouth so unnecessarily full of teeth was distinctly familiar.

Doch die Verleger fanden rasch Gefallen an ihm und so geht Allingham in den nächsten Büchern auch ein bisschen gnädiger mit seinem Äußeren um. Sein Butler und Leibwächter ist ein ehemaliger Krimineller und hört auf den hübschen Namen Magersfontein Lugg. Campion hat, wie könnte es anders sein, beste Kontakt zu Scotland Yard.

Die Plots bei Allingham sind oft durchdachter und schlagen mehr Haken als bei Agatha Christie. Alles in allem eine schöne, entspannende Entdeckung im Cosy Crime Bereich.

Und die Hauptrolle in der BBC-Serie (1989/1990) spielte Peter Davison. Ja, genau, der, der auch Tristan Farnon in All Creatures Great and Small gespielt hat. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

 Nachtrag

Im vierten Band Police at the Funeral (1931) gibt es eine miese Szene, in der eine der Hauptfiguren sich unverhohlen rassistisch äußert, doch Albert Campion scheint das überhaupt nicht problematisch zu finden, er nimmt es als gegeben hin und freut sich einfach an dem ihm entgegengebrachten Vertrauen.  An dieser Stelle ging es mir dann wie Heavenali, die in ihrer Besprechung des Buches schreibt:

There was a rather unsettling moment at the end – which I can’t say too much about for obvious reasons – but suddenly out of nowhere came a rather unpleasant piece of casual racism which really left a sour taste. There have been lots of occasions when I have come across slight racist references before in old vintage mysteries – I tend to know already to expect them if there is a character in the story from another country for instance- and steal myself accordingly but this one caught me off guard rather and slightly spoiled a book I had otherwise thoroughly enjoyed.

Blogbummel März 2017 – 1. Teil

Beginnen wir mit einem einladenden Bild, gefunden bei Lady Fi, und nehmen Platz auf einem dieser Bänke.

Deutschsprachige Blogs

Das Richtige für alle Leser von Büchern über Bücher hat der Bouquineurblog gelesen, nämlich Das Bücherlesebuch von Horst Günther.

Koreander hat sich mit Living Dolls von Natasha Walter beschäftigt.

schiefgelesen.net informiert uns über die Longlist für den Baileys Women’s Prize for  Fiction. Klar, wir haben ja auch noch nicht genügend Bücher auf all unseren Wunschlisten.

Auf den Spuren Fontanes durch Schottland, das wäre mit Fontanes Jenseits des Tweed möglich, das der Blücher Bücherblog vorstellt.

Fast eine Familie von Bill Clegg konnte LiteraturReich überzeugen.

Seitengang macht neugierig auf den Roman Von allen guten Geistern von Andreas Kollender.

Susanne Becker nahm sich noch einmal Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse vor.

LiteraturReich las Winterjournal von Paul Auster.

Das Wissenstagebuch erinnert mich daran, dass ich noch nie Der Zauberer von Oz gelesen habe.

Ein weiteres Highlight der Serie #Mein Klassiker war für mich der Beitrag zu Anton Reiser von Karl Philipp Moritz.

Englischsprachige Blogs

Großartig, Anz LitLovers LitBlog mag ebenfalls die unglaubliche Stimme von Paul Robeson und stellt auch gleich eine Biografie zu ihm vor.

Mal wieder eine Empfehlung für die Cosy Crime-Leserinnen. Diesmal Patricia Wentworth, vorgestellt von Beyond Eden Rock.

Shoshi’s Book Blog stellt die Liste The Best Books You’ve Never Read vor.

Lesser-known gems stellt uns drei Bücher des norwegischen Schriftstellers Matti Aikio vor.

746 Books stellt Molly Keane mit ihrem Buch Good Behaviour vor. Hat mich definitiv neugierig gemacht.

Zum Schauen, Staunen und Reisen

Vielleicht nicht für jeden etwas, aber zum Reinschmökern und Schauen doch interessant: die Geschichte der police telephone boxes. Dazu passen die Fotos auf Travel with Intent.

Karneval ist mir völlig fremd und lässt mich ratlos zurück, aber diese Fotos auf WANDERND gefielen mir sehr.

Entdecke England hat einen ganz besonderen Ort in London besucht, das „Memorial to heroic self sacrifice“.

Bleiben wir noch einen Moment in Großbritannien: Auf dem Reiseblog Travel with Intent gibt es viele schöne Fotos, hier schon mal vier aus Edinburgh:

Echoes of the Past hat wieder roof angels für uns, einer sieht aus wie ein Schmetterling und der andere scheint uns freundlich zuzuwinken.

Zum Abschluss eine Serie bezaubernder Sonnenuntergänge, gefunden bei Through My Lens.

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Blogbummel Februar 2017

Leider bin ich im vergangenen Monat zu wenig zum Lesen gekommen, geschweige denn dazu, über das Gelesene etwas halbwegs Sinnvolles zu schreiben. Das ist deshalb schade, weil es mich sehr gereizt hätte, mich intensiver mit dem beeindruckenden Butchers’s Crossing von John Williams auseinanderzusetzen. Müsst ihr also alle selbst lesen. Lohnt sich. Aber es gibt ja auch so genügend Empfehlungen, legen wir los mit einem Foto von Christopher Martin, schon ein Stammgast beim Blogbummel, und einem vom Bilderladen.

Deutschsprachige Blogs

Literatur im Fenster plädiert dafür, mal wieder Michael Kohlhaas aus dem Regal zu holen.

Gleich zwei Einladungen, sich mit türkischer Literatur zu beschäftigen, gibt es auf Sätze&Schätze.  Und hier der Beitrag zu einem Buch von Sait Faik.

Der investigative Journalist David Cay Johnston beschäftigt sich schon lange mit Trump. Und was dabei herausgekommen ist, hat Feiner Reiner Buchstoff gelesen.

Um ein Buch, das uns das Privileg, weiß zu sein, vor Augen führt, geht es bei Literaturen, sie las Unter Weißen von Mohamed Amjahid.

Dazu passt leider auch The Street (1946) von Ann Petry, vorgestellt auf My Book Strings.

Liegt hier immer noch ungelesen, deshalb freue ich mich über die Erinnerung an Der Trafikant auf Lesemanie.

Zeilensprünge las Das Floß der Medusa von Franzobel.

Eine der erfreulicheren Seiten des Valentinstages gibt es bei Buzzaldrins Bücher: Liebesbrief-Sammlungen.

Gazelleblockt erinnert mich daran, dass ich schon längst in den Zyklus von Anthony Powell eintauchen wollte.

Binge Reading reist auch literarisch durch Israel. Spannend.

Throwbackmonday stellt uns Sándor Márai vor, während sich die Nette Bücherkiste mit The Absolutely True Diary of a Half-Time Indian beschäftigte.

Etwas ganz Feines ist der Bericht in der Reihe #MeinKlassiker zu Laxness auf Wortspiele.

Englischsprachige Blogs

Von Mervyn Peakes Fantasy-Romanen hatte ich noch nie gehört, aber das hat Kaggsy’s Bookish Ramblings geändert.

A Life in Books war sehr angetan von His Whole Life von Elizabeth Hay.

Reading 1900-1950 las Stamboul Train von Graham Greene.

Zum Staunen, Schauen und Reisen

Dieses Foto bei Lucid Gypsy strahlt eine große Ruhe aus, oder?

Eine tolle Empfehlung scheint Per Anhalter durch Südamerika zu sein, gefunden auf Seitengang.

Eine bizarre Begegnung mit den vierziger Jahres des letzten Jahrhunderts kann man auf Ingos England-Blog haben.

Tanja Schimmel stellt uns einen Cousin Albert Einsteins vor.

Zum Abschluss bummeln wir durch China Town, San Francisco, mit Jane Lurie.