Bücher zu verschenken

Es war dringend nötig: Ich habe meine Bücher und Regale nicht nur fein entstaubt, sondern neu geordnet und dabei, wie könnte es anders sein, das ein oder andere englischsprachige Buch gefunden, das sich über eine neue Besitzerin/einen neuen Besitzer freuen würde. Bei Interesse Kommentar hinterlassen; sollten sich mehrere Personen melden, entscheidet das Los.

A Gentle Madness von Nicholas A. Basbane mit über 600 Seiten (Danach weiß man vermutlich alles über Büchersammler, Bücherdiebe etc. und auch ein paar Dinge, die man nicht wissen wollte.)

The Light Years von Elizabeth Jane Howard. Die Times schreibt dazu: „The author draws the reader with seemingly effortless grace, craft and intelligence into the inner lives of her characters and into the subterranean emotions and loyalties of a family, and does so with a radiant humanity and truth.“ Musste leider feststellen, dass ich das Buch zweimal im Regal hatte.

Außerdem gäbe es Lady Audley’s Secret von Mary Elizabeth Braddon in der hübschen Ausgabe der Pinguin English Library.

Fundstück von Ruby Ferguson

Leider war Ruby Ferguson (1899 – 1966) ihrer eigenen Romanidee in Lady Rose and Mrs Memmary (1937) nicht durchgehend gewachsen. Es gab einfach zu viel Süßlichkeit, besonders in der oberidyllischen Kindheit der adligen Lady Rose – was von wohlmeinenden Geistern gern als „Märchenhaftigkeit“ verbrämt wird -, eine eiskalte Mutter, ein Hauch von Effie Briest und die wirklich albernste und unglaubwürdigste Szene einer Liebe auf den ersten Blick, die mir je untergekommen ist.

Anscheinend konnte sich Ferguson nicht so recht entscheiden, was für eine Art von Geschichte sie denn nun eigentlich erzählen wollte. Schade eigentlich, denn das Buch hätte durchaus das Potential gehabt, ein netter Schmöker zu werden.

Da konnte auch die Verschränkung zweier Zeitebenen, die ich hier ganz gelungen fand, nicht mehr viel retten: Drei Touristen entdecken Mitte der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts auf einer Spazierfahrt durch Schottland das einsam gelegene Herrenhaus Keepsfield, das zu vermieten wäre, und lassen sich von der alten Mrs Memmary, die sich um das Haus kümmert, die Geschichte der einstigen Besitzer erzählen.

So hätte ich das Buch gar nicht weiter erwähnt, aber Stellen wie die folgende zeigen, dass die Autorin durchaus schreiben konnte und was für ein Buch es hätte werden können:

Rose indulged in the most romantic dreams about marriage. Of course they were all delightfully vague and abstract, and for all practical purposes they began and ended with white satin and pearls and sheaves of flowers at St. George’s, and red carpet in front of Aunt Violet’s house in Belgrave Square, and tears, and hundreds of presents. After that came a kind of ideal and undefined state in which you lived blissfully under a new name, and had your own carriage, and didn’t have to ask permission from Mamma when you wanted to go out. Floating airily through all this, of course, was a man. He was not like any man you had ever seen; they were just men. This man – your husband, queer, mysterious word – was hardly human at all. He was dreadfully handsome, and a little frightening, but of course you didn’t see very much of him. When you did see him there were love scenes. He always called you „my darling“ in a deep, tender voice; and he gave you jewels and flowers, and sometimes went down on his knees to kiss your hand. All this came out of the books you had read. Some day, almost any time after you were presented and began to go about with Mamma, you would suddenly meet this marvellous being. You would be in love. You would be married. And that was the end, except that, of course, you would live happily ever after. (S. 112)

 

Blogbummel Juni 2017 – 1. Teil

Mit geheimnisvoll wirkenden Stone people, gefunden auf bardtke.net, geht es heute los.

Deutschsprachige Blogs

Keine Buchvorstellung, aber dieser kurze Text auf Klunker des Alltags hat mich angesprochen, vielleicht auch im Nachklang zu dem Buch Der Sinn des Lesens.

Auf buchrevier wurde Heute leben wir von Emmanuelle Pirotte gelesen und für gut befunden.

Der Leseschatz hat diesmal ein Buch von Zia Haider Rahman in der Schatzkiste.

Ausgesprochen eigenartig fand ich die inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen Hier können Sie im Kreis gehen, vorgestellt im Bücherwurmloch, und Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau.

Der paper and poetry blog befasste sich mit Die Taufe von Ann Patchett.

Die Besprechung von Hawthornes Das Haus mit den sieben Giebeln auf Sätze & Schätze machte mich ganz hibbelig. Kam sofort auf die Wunschliste.

Diesmal steht Richard Russo auf der Liste des Leseschatzes.

Vom der Leuchtturmwärterin wurde Terasa Präauers Roman Für den Herrscher aus Übersee erspäht.

literaturleuchtet hat für sich Ismail Kadare entdeckt.

Herz auf Eis von Isabelle Autissier war die Lektüre des Kaffeehaussitzers. Da gibt es auch eine ansprechende Zusammenstellung interessanter Graphic Novels.

Wortspiele macht neugierig auf Aras Ören.

Literaturlese holt ein altes Schätzchen raus, nämlich Désirée (1951) von Annemarie Selinko.

Bei Inkunabel dreht sich diesmal alles um eine Krimi-Reihe von Ken Bruen.

Bei dem Titel Klassenbuch von John von Düffel werde ich hellhörig, vorgestellt auf SOUNDS & BOOKS.

Wortakzente widmet sich einem Buch über die Situation Afghanistans.

Englischsprachige Blogs

chronic bibliophila las Marriage of a Thousand Lies von SJ Sindu.

A Life in Books stellt harten Tobak vor, nämlich In Every Moment We Are Still Alive von Tom Malmquist, auf Deutsch unter dem Titel In Jedem Augenblick unseres Lebens erschienen.

Zum Schauen, Staunen und Schauen

Auf dem Blog Nur Lesen ist schöner geht es diesmal nach Ghent.

Restless Jo hat orientalischen Mohn fotografiert.

Mal wieder Zeit für eine Stippvisite in Yorkshire, besonders das letzte Foto auf Walking with a Smacked Pentax ist unglaublich schön.

Und mit The World according to Dina geht es nach Schottland zu den Stones of Callanish. Die Bilder sprechen für sich.

Cindy Knoke bummelte durch Ancient Olympia.

Sind diese Fotos von Jane Lurie nicht fantastisch? Da hören wir dann gleich noch Takes two to tango von Louis Armstrong.

 

Fundstück von Sei Shōnagon

Unausstehliches

Ein Besucher, der genau dann kommt, wenn ich dringende Dinge zu erledigen habe, und dann endlos daherschwatzt. …

Langweiler, die unter widerwärtigem Lachen viel leeres Geplapper von sich geben. …

Unausstehlich sind Leute, die immerzu auf andere neidisch sind und sich über ihre eigene Lage beklagen, die über andere tratschen, jede noch so winzige Neuigkeit begierig aufsaugen und alles in Erfahrung bringen wollen, die jedem grollen, der sie nicht mit neuem Klatsch versorgt, und das Wenige, das sie aus zweiter Hand gehört haben, gleich aufblasen und wildfremden Leuten weitererzählen.

Säuglinge, die losplärren, wenn ich mich mit jemandem unterhalten möchte.

Eine Ansammlung von Krähen, die unentwegt hin- und herflattern und dabei laut krächzen.

Hunde, die laut losbellen, wenn der Geliebte nachts heimlich zu Besuch kommt. …

Ich bin todmüde und habe mich gerade zum Schlafen niedergelegt. Da meldet sich mit feinem Sirren eine einsame Schnake und summt mir immer wieder ums Gesicht herum. …

Jemand, der mir ins Wort fällt, wenn ich etwas erzähle, und dann dreist den Schluss vorwegnimmt. Jegliches Dreinreden, ob von Kindern oder von Erwachsenen, ist unausstehlich. …

Hunde, die im Verein mit anderen endlos heulen. …

Unausstehlich sind Leute, die beim Hereinkommen die Tür zwar öffnen, sie aber nicht wieder schließen.

(aus dem Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, entstanden um 1000, zitiert nach der erstmals vollständig von Michael Stein aus dem Japanischen übersetzten Fassung, Manesse Verlag 2015, S. 33 – 36)

 

Fundstück von Sei Shōnagon

Was mein Herz anrührt

Spatzen, die ihre Jungen aufziehen.

Wenn ich an spielenden Kleinkindern vorbeigehe.

Wenn ich Räucherwerk entzünde, das angenehm duftet, und mich dann alleine zur Ruhe lege.

Wenn ich mich in einem Spiegel chinesischer Machart betrachte, der ein wenig Patina angesetzt hat.

Ein stattlicher junger Herr von Stand, der seinen Wage vor dem Tor halten und durch einen Bediensteten seinen Besuch anmelden oder nach etwas fragen lässt.

Ich wasche mir die Haare, schminke mich sorgfältig und lege wunderbar duftende Gewänder an. Auch ohne dass mich irgendjemand sieht, bin ich dann, nur für mich allein, im Herzen vollkommen glücklich.

In Nächten, in denen mein Liebster zu mir kommen soll, bereitet mir schon das Rauschen des Regens Herzklopfen, oder der Wind, der am Dach rüttelt.

(aus dem Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, entstanden um 1000; zitiert nach der erstmals vollständig von Michael Stein aus dem Japanischen übersetzten Fassung, Manesse Verlag 2015, S. 37)

Überhaupt, eine wunderbar ansprechend gestaltete Ausgabe, mit sorgfältig erstellten Erläuterungen und weiteren Fußnoten im Text.

Es ist faszinierend, wie unglaublich frisch und nah die Aufzeichnungen dieser Hofdame klingen, die von uns doch 1000 Jahre entfernt ist, in ihrem Tratsch und Klatsch, ihren Gefühlen, ihrer Loyalität, ihrer manchmal scharfen und manchmal so poetischen Zunge sowie ihrer Selbstvergewisserung als Individuum.

Schlagfertigkeit, musikalische Fähigkeiten und Kenntnisse der japanischen und chinesischen Literatur waren dabei einige der Möglichkeiten, Anerkennung bei der Kaiserin zu finden – vornehme Abstammung wurde bei den Hofdamen natürlich  vorausgesetzt.

Darüber hinaus ist das Kopfkissenbuch ein historisch und literarisch wertvoller Einblick in die Sitten und komplizierten Gepflogenheiten am Hofe einer vergangenen Epoche.

Und trotzdem: Irgendwann fand ich die Beschreibungen, wer welche Gewänder und Farbkombinationen trug und was die Herren anstellten, um doch einmal die Damen, von denen sie oft nur die Kleidersäume oder die weißgeschminkten Gesichter sahen, etwas genauer in Augenschein nehmen zu können, ein wenig ermüdend.

Man vertrieb sich die Zeit mit allerlei Künsten, Stegreifgedichten und Ausflügen zu religiösen Stätten. Stolz war man dabei auf guten Geschmack und ästhetische Empfindsamkeit.

Und wie überall, wo mächtige Menschen vergessen, wessen Hände Arbeit eigentlich die Grundlage für ihren Reichtum legen und wer die kostbaren Stoffe, Teppiche und Gefäße herstellt, ihre Gärten und Paläste in Ordnung hält und die leckeren Speisen kocht, ist die Überheblichkeit gegenüber ärmeren Menschen nicht weit.

Eine Bettlerin in schmutziger Kleidung wird da schon mal mit einem Affen verglichen.

Unpassend ist es, wenn Schnee auf die Hütten des niederen Volkes fällt, und um das Mondlicht, das bei ihnen hineinscheint, ist es auch zu schade. (S. 59)

Stein bekam übrigens für seine Neuübersetzung dieses Werkes im Herbst 2016 den Japan Foundation Übersetzerpreis. Hier geht’s lang zu einem Interview mit Stein.

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Pieter Steinz: Der Sinn des Lesens (OA 2015)

Anscheinend war der niederländische Originaltitel Lezen met ALS. Literatuur als levensbehoefte dem Reclam Verlag nicht schmissig genug, dabei ist er präziser und schickt die Leser nicht so in die Irre wie der deutsche Titel.

Denn es geht weniger um den Sinn des Lesens, sondern darum, dass der an ALS erkrankte Pieter Steinz, umtriebiger Journalist, Autor zahlreicher Werke und eine Instanz der niederländischen Literatur, seine noch verbleibende Zeit zwischen Diagnose und Lebensende u. a. den Menschen und Bedürfnissen widmen wollte, die ihm wertvoll waren. Und eines dieser Lebensbedürfnisse war die Literatur.

Für mich waren meine kleinen Essays in erster Linie ein guter Grund, um noch einmal eine Reihe meiner Lieblingsbücher lesen zu können. Außerdem bot das Schreiben eine wunderbare Möglichkeit, meinen körperlichen Verfall und den dazugehörigen Marsch durch die medizinischen Institutionen mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Das Buch, das so entstanden ist, gibt vielleicht keine definitive Antwort auf die Frage, ob Literatur in schwierigen Situationen Trost bieten kann, für mich hat sich auf jeden Fall erwiesen, dass zumindest das Schreiben über Literatur sehr tröstlich ist. (S. 8)

Und so stellt Steinz (1963 – 2016) in diesen anrührenden, traurigen, witzigen, selbstironischen kurzen Texten 52 Bücher und Textausschnitte in Bezug zu seiner Krankheit, deren körperliche Verwüstungen er nicht unter den Teppich kehrt und von der er weiß, dass er an ihr sterben wird.

Die Bandbreite der angesprochenen Bücher reicht dabei von Karlsson vom Dach bis Sokrates, von Autoren, die bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, bis zu Thoreau, Orwell, Oblomow und Dem Grafen von Monte Christo.

Hier schreibt einer hinreißend klug, dankbar und unsentimental über sein Leben, seine Ehefrau, seine Bücher, über die Folgen seiner Krankheit und unsere Endlichkeit. Wenn man am Ende des Buches angelangt ist, kann man gleich wieder von vorn beginnen, um von Steinz zu lernen.

Natürlich, niemand möchte sterben. Wenn man glücklich ist, möchte man ewig weiterleben, so wie man auch möchte, dass ein tolles Buch niemals aufhört und ein perfekter Urlaub endlos weitergeht.  Aber sterben muss man trotzdem, und vielleicht ist es besser, dass es geschieht, wenn man mitten im Leben steht und umgeben ist von seinen Liebsten, als wenn man alt und pflegebedürftig ist und seine Tage in Einsamkeit verbringt. Mein Bestreben ist es, meine Augen zufrieden zu schließen und mich so dem Glücksideal von Solon und Herodot anzunähern. (S. 60)

Den Hinweis auf dieses faszinierende Buch verdanke ich der Besprechung auf Peter liest.