Fundstück von Agota Kristof

Wenn wir die Eltern meiner Mutter besuchen, die in einem nahe gelegenen Dorf wohnen, in einem Haus mit Licht und Wasser, nimmt mich mein Großvater an der Hand, und wir machen zusammen einen Rundgang durch die Nachbarschaft. Großvater holt eine Zeitung aus der großen Tasche seines Gehrocks und sagt zu den Nachbarn: ‚Seht her! Hört zu!‘ Und zu mir: ‚Lies.‘

Und ich lese. Fließend, fehlerlos, so schnell, wie man es verlangt.

Abgesehen von diesem großväterlichen Stolz, wird mir meine Lesekrankheit eher Vorwürfe und Verachtung einbringen:

‘Sie tut nichts. Sie liest die ganze Zeit.‘

‘Sie kann sonst nichts.‘

‘Das ist die bequemste Beschäftigung, die es gibt.‘

‘Das ist Faulheit.‘

Und vor allem: ‚Sie liest, anstatt…‘

Anstatt was?

‘Es gibt so viel Nützlicheres, nicht wahr?‘

aus: Agota Kristof: Die Analphabetin, Ammann Verlag 2005, S. 11

Die Originalausgabe erschien 2004.

Sommerfrische

Pieter Steinz war mit seinem Buch Der Sinn des Lesens der Grund, sich noch einmal Karlsson vom Dach von Astrid Lindgren aus dem Regal zu fischen.

Und mit einem Zitat dieses Karlssons verabschieden wir uns in die Sommerfrische.

Ich bin ein schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in meinen besten Jahren.

Doch nicht bevor ich noch auf das allerschönste Video der letzten Monate hingewiesen habe, das aus allen Knopflöchern Freude ausstrahlt:

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Jens Rehn: Nichts in Sicht (1954)

Die Dünung war vollständig eingeschlafen. Die Sonne brannte auf die reglose See. Über dem Horizont lag leichter Dunst. Das Schlauchboot trieb nur unmerklich. Der Einarmige beobachtete unablässig die Kimm. Der Andere schlief. Es war nichts in Sicht.

So beginnt der Roman des ehemaligen U-Boot-Kommandeurs und späteren Literatur-Redakteurs Jens Rehn (1918 – 1983). Das Buch erschien 1954 und wurde 1978, 1993, 2003 und dann noch einmal 2018 vom Schöffling & Co. Verlag veröffentlicht.

Ein Schlauchboot ist etwa 2,5 m lang und 1,5 m breit. Der Mittelatlantik ist im Verhältnis hierzu so groß, daß seine genauen Maße keine Rolle spielen. Wenn ein Schlauchboot allein im Mittelatlantik treibt, ist es gleichgültig, ob es im Frieden oder im Kriege dort driftet. Es ist auch unerheblich, welcher Nationalität zwei Menschen angehören, wenn sie allein im Mittelatlantik treiben und verdursten werden, wenn man sie nicht rechtzeitig findet. Die Sonne ist uninteressiert daran, ob der Einarmige ein Amerikaner, der Andere ein Deutscher ist, und ob beide im Jahre 1943 im Mittelatlantik auf einem Schlauchboot hocken. Die Sonne strahlt nur ihre Wärmeenergie ab, steigt auf, kulminiert und versinkt wieder. Die See zeigt sich unbewegt und ohne Anteilnahme, wer auf ihr herumtreibt. Der Mittelatlantik bleibt groß, und das Schlauchboot bleibt klein. Die Grenzen verschieben sich niemals. (S. 9)

In diesen wenigen Sätzen ist der Inhalt des Romans auf den Punkt gebracht, der auf eigenen Erfahrungen des Autors und auf Erzählungen von Kriegsgefangenen  beruht.

Ein deutscher U-Boot-Matrose und ein amerikanischer Pilot – nur benannt als der Andere und der Einarmige und eigentlich ja verfeindet – finden sich also nach einem Angriff gemeinsam auf einem Schlauchboot, geben sich Halt, so gut es geht, und teilen die letzten spärlichen Schokolade-, Whisky- und Zigarettenvorräte. Trinkwasser ist keines an Bord. Der Amerikaner stirbt kurze Zeit später an seiner Wunde, der Deutsche hatte ihm notgedrungen den Arm amputieren müssen. Der Andere wartet weiter auf Rettung, schaut nachts in den wunderschönen Sternenhimmel und wird tagsüber von einer gleichgültigen Sonne verbrannt. Der Mann spürt den allmählichen Verfall seines Körpers und sinniert über sein Leben, die Sinnlosigkeit allen Tuns und beschimpft Gott, an den er nicht glaubt. Der Titel des Buchs Nichts in Sicht ist gleichzeitig das Credo des Matrosen.

Du weißt immer erst etwas, wenn du keine Zeit mehr hast. (S. 36)

Ursula März erinnert in ihrem Nachwort in der Ausgabe von 2018 zu Recht daran, dass sich Rehns Buch in gedanklicher und zeitlicher Nähe zu Warten auf Godot (1952) und Hemingways Der alte Mann und das Meer (1952) befindet. Zunächst von Kollegen wie Siegfried Lenz und Gottfried Benn und Kritikern wie Reich-Ranicki gelobt, fiel das Werk trotz mehrerer Neuveröffentlichungen der Vergessenheit anheim.

Sie interpretiert das Werk als „eine Parabel über die metaphysische Verlorenheit des Menschen und sein vergebliches Warten auf eine Antwort des Großen“, wie er im Roman genannt wird. (S. 165)

Gleichzeitig wies März schon 2003 in ihrer Besprechung in der Frankfurter Rundschau darauf hin, dass es da ja eine Erzählinstanz geben müsse.

Der Gott, der sich von den sterbenden Soldaten so grausam abwendet und nicht daran denkt, ihnen zu helfen, tritt zugleich als Berichterstatter ihres einsamen Sterbens auf. Denn wer sollte, nachdem beide Soldaten tot sind, davon berichten können, wenn nicht „der Große“ in Gestalt der Sonne? Es ist kaum eine literarische Erzählung denkbar, die die Widersprüche des modernen Gottesdiskurses schärfer und anschaulicher darstellte.

Das Fehlen jeglicher Kriegsanekdoten in den Gesprächen der beiden Männer vermittele die Botschaft:

Das Einzige, was sich vom Krieg zu erzählen lohnt, ist das Sterben des einzelnen Menschen. Kompromissloser lässt sich die Sinnlosigkeit des Krieges kaum vermitteln. (S. 167)

und

Die Meisterschaft dieses schmalen Buches aber liegt in der Ausweitung einer historischen Begebenheit zur Universalmetapher der Todesverlassenheit. (S. 168)

Mein eigenes Fazit fällt gemischter aus. Auf der einen Seite ist es wirklich ein ungewöhnliches Buch, radikal, an manchen Stellen zwingend, unpathetisch, kühl sezierend. Und sicherlich die Frage aufwerfend, was den verzweifelten Menschen durch den Kopf gehen mag, die heute auf anderen Schlauchbooten auf lebensgefährlicher Fahrt das Mittelmeer zu überqueren versuchen.

Gleichzeitig brachten die Wiederholungen irgendwann keinen Erkenntnisgewinn mehr, und viele Passagen fand ich hölzern. Das Buch fing an, sich wie das Schlauchboot nur noch auf der Stelle zu bewegen. Ich ertappte mich dabei querzulesen.

Und an einer Stelle muss ich der bissigen Kritik von Hermann Kurzke aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 2004 recht geben. Die beiden Männer im Schlauchboot reden über alles Mögliche, aber an keiner Stelle über Hitler und all die gesellschaftlichen Ursachen, die sie überhaupt erst in diese Lage gebracht haben. Das wäre dann nicht mehr so schön existenzialistisch:

So spiegelt die Erzählung die ganze Hilflosigkeit der fünfziger Jahre wider, die an der Ursachenanalyse scheitert und sich statt dessen gläubig in die düstere Toga des Nihilismus hüllt.

Ein jeder tot, tot oder noch lebend, trieb in seiner kleinen Einsamkeit und wußte nur sich selber. (S. 134)

Und hier noch die Besprechung aus dem Spiegel (1955).

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