Sigrid Nunez: A Feather on the Breath of God (1995)

Nachdem ich The Friend von Nunez gelesen hatte, wollte ich mehr von dieser Autorin lesen und landete bei ihrem Debütroman A Feather on the Breath of God, der 1999 auch auf Deutsch erschien.

Das schmale Werk von 180 großzügig gesetzten Seiten ist stark autobiografisch und erkundet die dauerhaften Beschädigungen, die eine Immigrantenkindheit aus – wie wir heute sagen würden – bildungsfernen Verhältnissen mit sich bringen kann. Auch Nunez‘ Mutter war – wie die der Ich-Erzählerin – Deutsche, ihr Vater hatte chinesisch-panamaische Wurzeln. Die Eltern hatten sich in Deutschland kennengelernt, waren dann gemeinsam nach Amerika gegangen und haben sich und den drei Töchtern dann ein höchstmöglich dysfunktionales Familienleben beschert.

Nunez selbst hat das Buch als ihr „real hybrid genre book“ bezeichnet.

Even though there are parts that are based on my parents, with little distance between author and narrative, it isn’t really a memoir, because there’s a sufficient amount of distortion and invention. (Renée H. Shea: The Secret Facts of Fiction: A Profile of Sigrid Nunez, 2006)

Der erste große Abschnitt Chang geht den Erinnerungen an die Vaterfigur nach, der entweder abwesend ist, weil er sieben Tage die Woche den kärglichen Lebensunterhalt mit mies bezahlten Jobs verdient oder abends stumm in der Küche sitzt, während die anderen sich im Wohnzimmer aufhalten. In der Wohnung gibt es nichts, was auf die Heimat des Vaters hindeutet, er spricht zeit seines Lebens schlecht Englisch, doch es kommt auch niemand auf die Idee, dass es eine gute Idee sein könnte, den Kindern Chinesisch beizubringen.

We must have seemed as alien to him as he seemed to us. To him we must always have been „others“. Females. Demons. No different from other demons, who could not tell one Asian from another, who thought Chinese food meant chop suey and Chinese customs were matter for joking. I would have to live a lot longer and he would have to die before the full horror of this would sink in. And then it would sink in deeply, agonizingly, like an arrow that has found its mark. (S. 23)

Das zweite Kapitel Christa beschäftigt sich mit der Mutter, die seit ihrer Ankunft in Amerika heimwehkrank und unglücklich ist, sie lässt das an den drei Töchtern, doch auch vor allem an ihrem Mann aus, dem sie vorwirft, zu wenig zu verdienen, den sie klein und verächtlich macht, weil er die deutschen Namen der Töchter nicht richtig aussprechen kann, dem sie die Trennung androht, nur um dann doch alles beim Alten zu lassen. Im Laufe ihres Lebens sagt sie schreckliche Dinge, von denen die Tochter sagt:

Some things it would be death to forgive. (S. 180)

Aus dieser wenig Halt gebenden und unberechenbaren Atmosphäre flüchtet die Tochter lange in die Traumwelt des Balletts –  A Feather on the Breath of God – bis sie erkennt, dass ihr die wirkliche Begabung dazu fehlt. Im Nachhinein ist sie möglicherweise auch froh gewesen, ihrem Körper nicht länger die Schmerzen und den Hunger zufügen zu müssen, nur damit dieser den männlich geprägten Schönheitsvorstellungen des Balletts entspricht.

Now, of course, I can say precisely what it was that was happening to me. I had discovered the miraculous possibility that art holds out to us: to be a part of the world and to be removed from the world at the same time. (S. 101)

Lange fragte ich mich, wozu ich als Leserin die nüchtern und fast klinisch sachlich geschilderte Ehehölle, diese Kindheit und Jugend überhaupt kennenlernen musste, in der die Kinder außerdem damit zurechtkommen mussten, als „half-breeds“ beschimpft zu werden.

The last thing I would have believed back then was that one day it would be fashionable to be Chinese; or that I had only to wait a few years, till I reached adolescene, to hear people say that they envied me my exotic background. (S. 85)

Doch im vierten und letzten Teil Immigrant Love beantwortet sich das. Die Ich-Erzählerin erzählt von einer Affäre, die sie als gestandene Sprachlehrerin mit einem ihrer Schüler, einem verheirateten 37-jährigen Ex-Junkie aus Russland eingeht.

Und hier – gegen Ende – bindet Nunez mit nur einem Satz plötzlich das ganze Werk zusammen, man sieht, wie alles zusammenhängt, dass niemand von uns seinen Kindheitskatastrophen und -versehrungen unbeschadet entkommt, die im Falle einer missglückten Immigration der Eltern umso tiefgreifender sind.

Doch obwohl besonders der Schluss, ja ein einziger Satz,  mich mit der Kunst von Nunez versöhnte, bin ich überrascht, wie wenig nach zwei drei Wochen mir noch erinnerlich ist, wie wenig der Roman nachhallt. Vermutlich waren es mir dann doch zu viele assoziativ aneinandergereihte Erinnerungen, wie Bilder aus einem fremden Familienalbum, wobei die Gefühle und Gedanken der Beteiligten über weite Strecken verborgen blieben.

Der poetische Titel verdankt sich übrigens einem Zitat Hildegard von Bingens.

End of the semester. It is very late and I am alone in my room. A narrow desk by the window, overlooking the courtyard that is slowly filling up with snow. Books open on the desk, bright lamp, cigarettes, a boyfriend’s photograph. I will sit there all through the night, I will smoke all the cigarettes, and in the morning I will cross the courtyard to answer questions about literature and the tragic sense of life. The sound of a pen scratching in the night ist a holy sound. I want to get down something T. S. Eliot said: Human beings are capable of passions that human experience can never live up to. (S. 118)

Caradog Prichard: one moonlit night (OA 1961)

one moonlit night (1961), der einzige Roman des walisischen Journalisten Prichard (1904 – 1980), wurde erstmals 1995 von Philip Mitchell vollständig ins Englische übersetzt. Auf dieser englischen Version beruht die Übersetzung ins Deutsche von Christel Dormagen (1999 im Piper Verlag erschienen).

Der Roman beginnt mit den Sätzen:

I’ll go and ask Huw’s Mam if he can come out to play. Can Huw come out to play, O Queen of the Black Lake? No, he can’t, he’s in bed and that’s where you should be, you little monkey, instead of going round causing a riot at this time of night. Where were you two yesterday making mischief and driving village folk out of their minds? (S. 1)

Ich geh jetzt Huws Mam fragen, ob er zum Spielen rauskommen darf. Darf Huw rauskommen zum Spielen, o Königin des Schwarzen Sees? Nein, er liegt im Bett, und da solltest du auch längst sein, du kleines Äffchen, statt hier rumzugeistern und so spät noch solchen Lärm zu machen. Wo habt ihr zwei euch denn gestern rumgetrieben? Mit eurem Unfug habt ihr die Leute im Dorf ganz verrückt gemacht. (S. 7)

Ein Junge, das einzige Kind seiner Eltern, lässt uns teilhaben an seinen Erlebnissen und Gedanken seiner Kindheit und Jugendzeit. Erst nach und nach erschließen sich der Ort – Bethesda, ein Kaff im nordwestlichen Wales, geprägt von den harschen Bedingungen des Schieferabbaus – und die ungefähre Zeit der Handlung – um 1915 herum. Der ca. Zehnjährige liebt seine Mutter sehr, die ihm trotz der Armut und des allgegenwärtigen Hungers Geborgenheit und relativ lange so etwas wie die Illusion einer normalen Kindheit ermöglicht. Der Vater ist schon vor Jahren bei einem Grubenunglück gestorben und seitdem lebt er mit seiner Mutter von der Wohlfahrt und dem bisschen, was sich die Mutter mit Waschen und Bügeln für den Pfarrer dazu verdient. Doch als dieser stirbt, verändert sich die Mutter, sie wird nie wieder so wie früher sein.

Zunächst scheint es um typische Kindheitserlebnisse zu gehen: Abendliche Streifzüge mit seinen besten Kumpeln Huw und Moi, die Schule, der Rohrstock des Lehrers, die Freude, wenn er im Pfarrhaus ein dickes Butterbrot vorgesetzt bekommt. Die Panik, als er sich beim Beerensammlen mit Freunden verirrt. Die Nachbarn, eine Prügelei vor der Kneipe. Die Gottesdienste. Ein offizieller Boxkampf.

Weder die Lebensbedingungen noch der Hunger setzen der Kinderunschuld zunächst zu. Doch rasch wird deutlich, dass die Kinder Dinge sehen und hören, die ganz bestimmt nicht zu einer behüteten Kindheit gehören, auch wenn sich ihnen manchmal nicht sofort erschließt, was sie da eigentlich beobachtet haben. Warum verschwindet der Lehrer so lange mit einer Schülerin in einem anderen Raum? Warum bringt sich der Onkel seines Kumpels Huw um?

Besondere Begabungen oder ein Gespür für das Schöne sind in dieser Welt irrelevant.

You’d think the sky would look so near from here, with us having climbed so high. But it didn’t look close at all as I lay flat on my back, seeing nothing but blue sky without a single cloud to spoil it, and the sunhot on my cheeks. Dew, it must be great to be allowed to go to Heaven, I said. It’s strange that I can’t see Heaven from here or see an angel flying somewhere over there. That must be the underneath side of Heaven’s floor and the floor on the other side must be blue too. Dew, it must have needed a lot of blue colour to make it all. Much more than Mam uses on washing day. (S. 39)

Eigentlich hätte ich gedacht, daß der Himmel von hier ganz nah aussieht, wo wir doch so hoch geklettert sind. Aber er sah überhaupt nicht nah aus, als ich auf dem Rücken lag und nichts als blauen Himmel sah. Keine einzige Wolke störte ihn, und die Sonne brannte auf meine Backen. Mensch, es muß toll sein, wenn man in den Himmel kommen darf, sagte ich. Es ist komisch, daß ich Gottes Himmel nicht sehen kann und auch keinen Engel, der irgendwo da oben rumfliegt. Das muß die Unterseite vom Himmelsfußboden sein, und auf der anderen Seite muß der Fußboden auch blau sein. Mensch, da haben die aber eine Menge blaue Farbe für gebraucht. Viel mehr, als Mam am Waschtag benutzt. (S. 55)

Die Kirche und ihre Lieder geben Halt und der Chorgesang und die Jahreszeiten bringen ein wenig Schönheit in diese harten Arbeiterleben, doch wehe, eine Frau bekommt ein uneheliches Baby. Der Schleier des Nichtverstehens, der kindlichen Unschuld, der  über vielen Szenen liegt, wird immer dünner, bis er schließlich zerreißt. Letztlich war diese Kindheit von Anfang an unbehütet. Am Ende führt einen die Geschichte bis hin zu existentieller Einsamkeit und Trauer, die das ganze Buch in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Nun handelt es sich hier aber keineswegs um eine dieser bloßen misery memoirs, denen ich nicht viel abgewinnen kann. one moonlit night strahlt eine Energie, einen Sog und manchmal sogar einen Humor aus, dem man sich beim Lesen kaum entziehen kann. Auch der Stil ist eines Klassikers würdig.

Die Eigenwilligkeit der Gestaltung liegt darin, dass alle Zeitebenen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, die Chronologie völlig aufgehoben erscheint und man erst später durch sparsame Andeutungen versteht, dass sich hier ein Mann in einer mondhellen Nacht an seine Kindheit in diesem Dorf erinnert, während er die bekannten Straßen und Wege abschreitet.

2014 erstellte die Wales Arts Review auf der Suche nach dem wichtigsten walisischen Werk eine Longlist mit 25 Titeln. Die Wahl der Öffentlichkeit fiel auf one moonlit night oder Un Nos Una Leaud. Ich kenne die übrigen Titel nicht, bin aber sicher, dass das mal eine sehr verdiente Würdigung war.

Mich jedenfalls hat dieser gleichermaßen poetische wie kompromisslose Roman fasziniert.

Wenn man möchte, kann man sich anschließend noch weiter informieren, sei es zur Biografie des Autors (sinnvollerweise erst NACH der Lektüre) oder zu den Arbeitsbedingungen im damaligen Schieferabbau, und sich fragen, wie damals die Besitzer der Gruben eigentlich ihren Reichtum und die Armut der Arbeiter vor ihren Gewissen rechtfertigen konnten.

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Fundstücke von Edward Abbey

Die Trump-Administration arbeitet inzwischen unter Hochdruck daran, die öffentlichen Ausgaben für die Nationalparks zu reduzieren, möglichst viel der dortigen Infrastruktur zu privatisieren, noch mehr Camper in die Parks zu bringen und ihnen sogar Amazonlieferdienste anzubieten. Siehe diesen Artikel aus dem Guardian. Trump selbst spricht von den “harmful and unnecessary restrictions on hunting, ranching and responsible economic development”, die dringend aufgehoben werden müssten.

Hier kann man, wenn man sich gruseln möchte, die entsprechende Rede, in der alte Schutzbestimmungen mal eben ausgehebelt werden, noch einmal in Gänze nachlesen.

Abbey beobachtete diese Entwicklung bereits 1968:

Manch einer tritt sogar offen und rückhaltlos dafür ein, auch die letzten Überbleibsel der Wildnis auszumerzen und die Natur nicht den Erfordernissen des Menschen, sondern der Industrie zu unterwerfen. Das ist eine mutige Ansicht, bewundernswert in ihrer Einfachheit und Kraft […] Zugleich ist sie ziemlich schwachsinnig, und ich sehe mich außerstande, hier weiter auf sie einzugehen. (S. 70)

Der industrielle Tourismus ist ein Riesengeschäft. Er riecht förmlich nach Geld. An ihm sind Motel- und Restaurantbesitzer, Tankstellenbetreiber, Ölkonzerne, Straßenbaufirmen, Baumaschinenhersteller, Behörend auf Landes- und Bundesebene und die unabhängige, allmächtige Autoindustrie beteiligt. Diese unterschiedlichen Interessengruppen sind gut organisiert, befehlen über mehr Reichtum als die meisten modernen Nationen und sind im Kongress in einer Stärke vertreten, die weit über das hinausgeht, was noch verfassungsgemäß oder demokratisch zu rechtfertigen wäre. (S. 72)

aus: Edward Abbey: Die Einsamkeit der Wüste (1968)

Siehe dazu auch zwei wie immer fantastisch illustrierte Beiträge auf dem Blog Safe Travels:

Fundstück von Edward Abbey

A weird lovely fantastic object out of nature, like Delicate Arch, has the curious ability to remind us — like rock and sunlight and wind and wilderness — that out there is a different world, older and greater and deeper by far than ours, a world which surrounds and sustains the little world of men as sea and sky sustain a ship.  The shock of the real.  For a little while we are again able to see, as a child sees, a world of marvels.  For a few moments we discover that nothing can be taken for granted, for if this ring of stone is marvelous all which shaped it is marvelous, and our journey here on earth, able to see and touch and hear in the midst of tangible and mysterious things-in-themselves, is the most strange and daring of all adventures.

aus: Edward Abbey: Desert Solitaire (1968)

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