Fundstück von Janice Galloway

Work is not a problem. I work in a school. I teach children. I teach them:

  1. routine
  2. when to keep their mouths shut
  3. how to put up with boredom and unfairness
  4. how to sublimate anger politely
  5. not to go into teaching

That isn’t true. And then again, it is. I am never sure what it is I do.

aus: Janice Galloway: The Trick is to Keep Breathing (1989)

Blogbummel November 2018

P. A. Moed zeigt uns schöne Fotos zur Einstimmung. Und dieser Vogel sieht viel zu schwer aus zum Fliegen, was ihn aber nicht zu stören scheint.

Deutschsprachige Blogs

Um die Emanzipation aus grauslichen Familienverhältnissen geht es in der Autobiografie von Tara Westover, exemplarisch vorgestellt auf dem Blog Wissenstagebuch.

Bei literaturleuchtet geht es diesmal um Sibirische Sommer mit Dostojewski von Jan Brokken.

Frau Lehmann liest, u. a. ein Buch von Evelyn Waugh und ein Werk von Turgenjew.

Zeichen & Zeiten stellt das Buch von Jonathan Drori In 80 Bäumen um die Welt vor.

Passend dazu einige Fotos auf eMORFES. Es will mir nie in den Kopf, warum man diese Wunderwerke der Natur so gedankenlos behandelt hat.

Englischsprachige Blogs

Die englische Übersetzung, vorgestellt auf Lizzy’s Literary Life,  machte mich auf Die Buchspringer von Mechthild Gläser aufmerksam.

The Sea, the Sea von Iris Murdoch will ich schon seit Jahren mal wieder lesen. We Need to Talk about Books erinnert mich nachdrücklich daran.

Calm Grove hat der Writing Lodge von Virginia Woolf einen tollen Besuch abgestattet.

Und die Vorläufer des Hypertexts lernen wir in Form von Bücherkarussells bei medieval books kennen.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Klingt ziemlich abgefahren, sieht aber klasse aus: die Pinsel-Porträts von Alexandra Dillon, gefunden bei eMORFES.

BritLitScout war in Venedig und frönte auch dort ihrer Bücherleidenschaft. Vielleicht hat sie ja Travel Words getroffen?

Sollte ich je nach Bukarest kommen, dann muss man wohl in diesen Buchladen, vorgestellt auf novellieren / urban literature.

Tanja Britton nimmt uns mit zu der Homestead einer beeindruckenden Frau in Colorado.

Michael von Beers & Beans hat eine Bustour durch den Hamburger Containerhafen mitgemacht. Aber auch die Weinberge im Elsass sind nicht vor ihm sicher.

Der Weltschaukasten war in Syrakus.

Jane Lurie war in Japan.

Wer sehr sportlich und sehr naturverbunden ist, kann an einer Biosphere Expedition in Kirgistan teilnehmen, auf der Suche nach dem Schneeleoparden.

Noch einmal zum Blog medieval books, hier sehen wir Bücher in wahrlich ungewöhnlichen Formaten und Formen.

wander.essence hält einen interessanten Rückblick auf einen längeren China-Aufenthalt für uns bereit.

Schon sehr winterlich ist es im Banff National Park in Kanada, fotografiert von Paul Zizka.

Und so entspannt wie dieser junge Mann auf dem Foto von SIMONETEFFECT gehen wir hoffentlich in die nächsten Tage.

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Tarek Leitner; Peter Coeln: Hilde & Gretl (2018)

Es ist herausfordernder denn je, täglich zu entscheiden, was aufzuheben, was wegzuwerfen ist. Was hat einen funktionellen Wert, was zumindest einen ideellen? Was hat seinen Wert verloren, und wird auch in keinem anderen Zusammenhang mehr einen bekommen? Es ist eine Kulturtechnik zu unterscheiden, wovon man sich zu trennen hat, was seinen Platz im Haus behält. Diese Kulturtechnik wird uns aber nicht gelehrt. Sie ist auch einem Wandel unterworfen, so rasch, wie sich auch die uns umgebenden Dinge ändern. Wir müssen sie uns ein Leben lang erarbeiten. Oft braucht es einen Schritt zurück, um aus einiger Entfernung einen Blick auf das Alleralltäglichste, das was uns ständig umgibt, zu werfen. Die meiste Zeit ist es zu nah, um es sehen und erkennen zu können. Es geht uns doch meistens so, dass wir die eigene Einrichtung nicht mehr bewusst wahrnehmen. Wir werden blind dafür … (S. 17)

Peter Münch beschreibt in der Süddeutschen, wie der Fotograf Peter Coeln dazu kam, ein altes Haus zu kaufen, was wiederum zur Entstehung dieses Buches geführt hat:

Es ist eine dieser Ideen gewesen, die aus dem Bauch heraus kommen. Ein Freund hat von einem Haus im niederösterreichischen Waldviertel erzählt, denkmalgeschützt und voller Gerümpel, leer stehend schon seit geraumer Zeit. Und Peter Coeln, der Wert darauf legt, kein Sammler zu sein, sondern Jäger, beschließt spontan, das Haus zu kaufen. Ungesehen, für 32 000 Euro, mit allem, was dazugehört. Einen Plan hat er nicht, aber als die Nachbarn fragen, was denn nun werden soll aus diesem Haus, da sagt er: „Ein Buch“.

Coeln und Leitner finden, dass sich im ehemaligen Schuhhaus Höfler in Gars, Niederösterreich, im dem Jahrzehnte lang die zwei Cousinen Hilde und Gretl gelebt haben, sehr schön studieren lasse,

was sich im Leben eines Menschen, oder – wie in diesem Fall – im Leben zweier Menschen alles ansammelt. Sie sammelten nichts. Es sammelte sich. Und sie ordneten dann. (S. 18)

Und genau dem gehen die beiden mit zahlreichen Fotos und in großzügig formatierten Essays nach.

Doch ginge es meines Erachtens nicht nur darum, was sich an Gegenständen, Kleidung, Dokumenten und selbst an Müllabfahrtsplänen ansammeln kann, wenn man Jahrzehnte lang nichts wegwerfen mag. Es müsste auch um die Frage gehen, warum man Dinge erwirbt – warum sonst die unzähligen Engelfiguren, die sich im ganzen Haus verteilt finden?

Mein Eindruck zu den vielen Fotos von Coeln ist gespalten. Ist es nicht voyeuristisch, anhand der Fotos in zwei Leben hineinzublicken, obwohl man doch gar nicht zur Wohnungsbesichtigung eingeladen war?

Und doch habe ich die Fotos sehr gern angeschaut, weniger aufgrund der Möglichkeit, Zeuge dieser zwanghaften und wunderlichen Sammeleien zu sein, sondern vielmehr deshalb, weil derlei „altmodische“ Einrichtung im Verschwinden begriffen ist. Noch heute bedauere ich, dass meine Großmutter in den siebziger/achtziger Jahren ihren wunderschönen Küchenschrank aus Holz gegen einen gesichtslosen, hässlichen, aber ach so modernen grauweißen Kunststoffschrank eingetauscht hat.

Geld und moderne Einrichtung sind nicht die Dinge, die einer Wohnung, einem Haus etwas sehr Eigenes geben und etwas über die Persönlichkeit der Bewohner verraten.

Was mich zum einen an diesem Buch gestört hat, war, wie wichtig sich die beiden Autoren zu nehmen scheinen. Zwischendurch geraten die ehemaligen Bewohnerinnen da arg aus dem Blick. Bis hin zu den albernen Momenten, in denen sich die beiden Männer Kleidung der Verstorbenen anziehen, um so noch ein wenig mehr der Aura nachspüren zu können. Und dass sich neben den über 100 Paar Frauenschuhen im Haus genau zwei Paar Männerschuhe befanden, die dem Autor und dem Fotografen wie angegossen gepasst haben sollen, ja, dass das Haus geradezu auf sie gewartet habe, nun, das mag man sehen, wie man mag.

Es brauchte für dieses Unterfangen einen Sichtungshut und einen Räumrock. Der Sichtungshut war der ideale, weil er im Thomas Bernhardschen Sinne ein Denkhut war, der gleichzeitig vor dem Spinnwebenhimmel schützte und durch seine Strohkrempe gute Sicht bot. […] Und der Räumrock ließ uns der Sache näher kommen, weil er das Eindringen kaschierte. Der Räumrock umhüllte uns wie Kutten die Mönche, die in diesem reduzierten, nicht ablenkenden Gewand, hochkonzentriert ihren Verrichtungen nachgehen können. Nichts Fremdes, Aktuelles, gar Modisches, war an uns zu sehen. (S. 48)

Wer wissen möchte, wie er sich das vorzustellen hat, kann sich das auf YouTube anschauen.

Zum anderen werden die Biografien der beiden Frauen leider nur sehr spärlich und in Ausschnitten beleuchtet. Ich erfahre weder, von wann bis wann die Frauen gelebt haben, noch wieso irgendwann die Cousine mit ins Haus gezogen ist, was genau passiert ist, dass das Haus gerade zum Weihnachtsfest in einen Dornröschenschlaf fiel, selbst die Geschenke auf dem Tisch waren noch nicht ausgepackt.

Nur der nebulöse Hinweis auf die Pflegebedürftigkeit der betagten Damen, der zu dem Auszug der beiden geführt habe:

Wer solch ein Leben führt, kann das nicht plötzlich an einem anderen Ort, schon gar nicht an einem anderen Ort in hohem Alter wieder beginnen. Es war ein kurzer Versuch, eine Entscheidung, die andere über die beiden getroffen haben, aber der Versuch musste scheitern. (S. 127)

Der im Klappentext vollmundig formulierte Anspruch, dass sich in den abertausenden Dingen „kunstvoll eine Inventur des Alltags im 20. Jahrhundert“ schreibe, kann jedenfalls nicht eingelöst werden.

Am stärksten ist das Buch da, wo der Autor sich Fragen stellt:

Das „Wozu“ bleibt trotzdem unbeantwortet. Wozu schreibt man das alles auf? Was bedeutet schon eines, oder in unserem Falle zwei dieser Milliarden Leben, die es gibt, und noch mehr, die es allein im 20. Jahrhundert gegeben hat, mit all ihren kleinsten Verzweigungen, ihren Erlebnissen, ihren Einstellungen, Zufällen, Gefühlen, Motiven, Beweggründen, Erklärungen und Entschuldigungen? Wozu hebt man eigentlich seine Schulbücher auf? Nur weil sie vielleicht so viel Mühe gemacht haben oder Zeugnis von Qualen sind? […] Aber vielleicht wollen wir gar nicht die Vergangenheit konservieren, sondern bei all den Gedanken über diese Alltagsgegenstände Ordnung und Struktur in unser eigenes Leben bekommen, und die Wertigkeiten unserer Dinge und Tätigkeiten überprüfen. (S. 132/133)

Zum Abschluss empfehle ich noch die kritischen Anmerkungen auf dem Blog Stars in Gars sowie die Besprechung auf Vielfalten.

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Fundstücke von Martin Luther

Doktor Martinus Luther riet allen Studenten, gleich welcher Fakultät, bestimmte gute Autoren beständig zu lesen. Einen guten Schriftsteller aber solle man sich durch immer erneutes Lesen so vertraut machen, daß  man gleichsam in sein Fleisch und Blut verwandelt werde. Denn vielerlei Verschiedenes lesen bringt mehr Verwirrung, als daß man wirklich etwas daraus lernt. Denn wenn einer überall zu Hause ist, der erreicht damit nur, daß er nirgends richtig zu Hause ist. Und wie wir in der menschlichen Gesellschaft nicht an jedem Tag alle Freunde um uns zu haben brauchen, sondern nur einige wenige, dafür aber auserlesene, so soll man sich auch an die besten Bücher, und zwar an wenige und auserwählte halten.

aus: Martin Luther: Tischreden, Reclams Universalbibliothek Nr. 1222, 1981, S. 12/13

Und auf S. 13 heißt es außerdem:

Luther beklagte einmal die Menge der Bücher und Schriftsteller, weil uns ein unendliches Meer von Büchern bevorstehe. Denn jeder beliebige schreibe seiner Anmaßung entsprechend ein Buch, andere förderten solch Übel um der Gewinnsucht willen.

Das ist also kein neues Phänomen …

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Jochen Missfeldt: Solsbüll 1989/2017

Alles liegen lassen. Wer ruft da. Die Blätter über mir rufen nicht. Sie gehen im Südwest hin und her, machen leise Blattgeräusche im Wind. Sie atmen ein und aus, Tag und Nacht. (S. 7)

So beginnt der Roman, dem Hans Daiber bei seinem Erscheinen 1989 höchstes Lob zollte. Daiber schrieb in der ZEIT:

Dieses Solsbüll rückt Maßstäbe zurecht. Was heutzutage sich so alles „Roman“ nennt! Dies ist einer. Eine weit ausgesponnene, welthaltige Familienchronik. Eine kleine Welt, aber sie spiegelt die große.

So recht konnte sich, vielleicht auch dem Erscheinungstermin geschuldet, das Buch nicht durchsetzen. Doch 2017 wurde der Roman in einer vom Autor durchgesehenen Ausgabe neu bei Rowohlt verlegt.

Jetzt aber zum Inhalt.

Der Erzähler nimmt uns fast ein Jahrhundert lang mit in das (fiktive) schleswig-holsteinische Städtchen Solsbüll, gelegen an der Bahnlinie zwischen Kiel und Flensburg und breitet ein Kleinstadtpanorama vor den LeserInnen aus, das drei Generationen umfasst. Dabei hangeln wir uns – nicht streng chronologisch, sondern auch vor- und zurückspringend – vor allem an der Familie der Hebamme Anne Hasse entlang. Die verliert ihren geliebten Mann Gustav im Ersten Weltkrieg und muss fortan ihre zwei Töchter Gret und Rosa und ihren Sohn Gustav den zweiten allein durchbringen.

Rosa und Gustav sterben im Zweiten Weltkrieg, doch Rosas Sohn Gustav der dritte wächst bei Tante Gret, ebenfalls Hebamme, und Großmutter Anne auf und führt mit seinen Kindern die Erzählung bis zum Ende der achtziger Jahre. Ihm wird auch als Einzigem zugestanden, in der Ich-Form erzählen zu dürfen.

Tante Gret wiederum ist diejenige, die so etwas wie den Familienkodex der Hasses formuliert:

Man soll keinem weh tun, denn weiß man, wie dieser oder jener es in seinem Leben gehabt hat, man weiß es nicht, wir schon gar nicht. (S. 407)

Allerdings handelt es sich hier um weit mehr als einen Familienroman. Der Autor nimmt eine ganze Dorfgemeinschaft mit in den Blick, manche tauchen nur kurz auf, andere heiraten, bekommen Kinder, die dann wieder mit Gustav dem zweiten oder Gustav dem dritten aufwachsen. Da gibt es den Arzt, der heftig mit den Nazis sympathisiert, obwohl er selbst jüdische Eltern hat.

Und da gibt es den Ober-Nazi Staiger, dessen Geliebte ausgerechnet Eva heißt. Staiger ist es auch, der das ganze Dorf unter seine Fuchtel bringt, politische Feinde aus dem Amt jagt und Spaß an Schikane und Willkür findet. Wer bei der Tollerei nicht mitmacht, bekommt die Quittung oder die Knochen gebrochen.

Nach dem Ende des Krieges geht man über die vergangenen Jahre hinweg wie über einen peinlichen Verwandten. Neue Geschäfte machen auf, der Lebensstandard steigt. Das Kino hat mit zurückgehenden Besucherzahlen zu kämpfen, da alle nun daheim vor den neuen Fernsehapparaten sitzen und dort die Heimatfilme um Förstertöchter und Barone schauen.

Und Gustav der dritte – übrigens wie auch sein Autor Missfeldt 1941 geboren – muss sich damit arrangieren, dass er diese Woche mit der Kinderbetreuung dran ist.

Wären die Kinder doch bloß schon erwachsen und aus dem Haus und brauchten nicht jeden Morgen den Schubs in die Schule. Dann müsste ich nicht jeden Morgen so rumlaufen. Dann müsste ich nicht jeden Morgen mit gespielter Freundlichkeit ans Kinderbett und dreimal flüstern: Hallo, süßer Schatz, du musst aufstehen, es ist schon Viertel nach sechs durch. Das kostet Kraft, ich muss mich erst mal aufraffen und tief durchatmen, bevor ich was sage. (S. 47)

In seinen besten Momenten schafft der Roman etwas ganz Seltenes, er macht unsere Umwelt – zumindest die kleinstädtische und dörfliche – durchlässig. Plötzlich begreift man, dass die Vergangenheit genau dort stattgefunden hat, wo wir uns heute befinden. Es gibt Verbindungslinien, die bis in die Gegenwart reichen, sei es durch die Generationen, die aufeinander folgen, sei es durch die Trauer über vorzeitige Witwenschaft, die ja an die Kinder weitergegeben wird, oder sei es durch die Landschaft, die mehr oder weniger unverändert fortbesteht. Nichts ist endgültig abgeschlossen, endgültig vorbei.

Doch leider verwischt sich das im Laufe der Lektüre wieder. Mir ist der Chronist, der über weite Stellen so unbeteiligt berichtet, ja geradezu referiert, zu unpersönlich. Wenn von den Verbrechen an den Juden im Ort erzählt wird, bleibt das oft weit weg. Vielleicht war das sogar so für viele im Dorf. Doch das macht die Sache für mich als Leserin nicht besser.

Allerdings gibt es immer wieder Stellen, die mich bei den ca. 450 Seiten bei der Stange gehalten haben, weil sie in verdichteter Form etwas Grundsätzliches zum Menschsein sichtbar machten, z. B. als Anne im Februar 1943 eine Postkarte einer jüdischen Dorfbewohnerin erhält, die ihr ganz arglos schreibt, dass es übermorgen nach Theresienstadt gehe. Oder auch als der Ober-Nazi Steiger dem Jungen Gustav die Strafe mitteilt, die dieser auf sich gezogen hat, weil Gustavs Hund Hitler in den Hose gebissen hat.

Daneben auch skurrile oder ganz lakonisch erzählte Szenen, die mir sehr gefallen haben.

Gret war mit dem Fahrrad losgefahren. Die neue Seidenbluse sollte eingeweiht und der Rock sollte mal vom Fahrtwind durchgepustet werden. Wie zufällig war sie in Güldenholm gelandet. Als sie den Verwalter Hannes Hansen sah, der mit einer Ladung Roggensäcke auf dem Weg zur Matzen-Mühle war, war sie rot angelaufen und hatte ihren Blick im Seerosenteich verschwinden lassen, wo der bissige Schwan Gottfried gerade sein Federkleid umfänglicher machte und imponierend mit den Flügeln schlug. (S. 203)

Interessant auch, dass Kristof Wachinger, der den Roman als erster herausgebracht hat,  in seinem Nachwort genau die Szenen als für die Handlung entbehrlich bezeichnet, die für mich zu den schönsten gehören, da in ihnen der heranwachsende Gustav der dritte so wunderbar plastisch wird, wie er da in seiner norddeutschen Dorfidylle als Abenteuererheld durch die Prärie zieht und sich vor Feinden rechtzeitig in Deckung bringt.

Gustavo und der Colonel kamen langsam heraus aus dem tiefen Tal, erklommen und durchmaßen ein dürftig bewachsenes Vorgebirge, überquerten die Solsbüller Au, hier Rio Agava, auf einer schmalen Brücke, wo ein Feldweg rüberging, denn weiter oben war der Rio Agave zu reißend. (S. 322)

Schön, immer wieder die Sprache, poetisch, verträumt.

Immer ist da eine Winternacht mit einem langen Schlaf und einem langen Traum, der sich mit Frieden meldet, der immer wieder Frieden sagt und sich so durch den langen Schlaf zieht. Wie spät ist es. Wie spät ist es unterm Birnbaum. Wie spät ist es unterm Himmel. Sag mir, wie spät es ist. Wer legt seinen Kopf in meinen Schoß. Wer ist des Todes wie ich. Wer gedenkt der Steinbrüche und Steine, die rollen und lärmen und endlich still liegen bleiben. Wer gedenkt des Himmels und des Birnbaums, die über uns sind. Wer gedenkt der Erde und der Birnbaumwurzeln, die unter uns sind. (S. 275/276)

Doch alles in allem bleibt mein Eindruck blass, es hallt zu wenig nach, da Missfeldt für mich kaum jemanden des ausufernden Figurenensembles – nicht ohne Grund gibt es ein 12-seitiges Personenverzeichnis – so richtig zum Leben erweckt. Und hin und wieder habe ich mich in dem Wirrwarr der Namen verirrt und den Bezug zu den Figuren verloren.

Der Wecker klingelt, sechs Uhr. Jeden Morgen saure Mühsal. Wer steht auf, du oder ich. Ich schlafe, oder ich schlafe nicht. Ich habe geträumt, aber ich weiß nicht mehr, was. Oder ich träume, dass ich es weiß, also schlafe ich. Aber ich weiß nicht genau, ob ich schlafe, also bin ich wach, und schon weiß ich: Bloß nicht aufstehen. Das wäre gut, nicht aufstehen zu müssen, denn nichts ist schrecklicher als aufstehen. Nichts ist schrecklicher als in die Senkrechte zu kommen und das eigene Gesicht im Spiegel zu sehen. (S. 46)

Peter liest und konnte dem Roman deutlich mehr abgewinnen.

 

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