Fundstück von Robert Seethaler

Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.

Aber vielleicht hatten die Toten gar kein Interesse an den Dingen, die hinter ihnen lagen. Vielleicht erzählten sie von drüben. Davon, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen. Abberufen. Eingegangen. Aufgenommen. Verwandelt.

aus: Robert Seethaler: Das Feld (2018), S. 9/10

Abgesehen von diesem Zitat habe ich mich bei diesem Buch arg gelangweilt, deswegen Lektüre vorzeitig abgebrochen, obwohl ich die zugrunde liegende Idee reizvoll fand.

 

 

 

 

Claire Tomalin: A Life of My Own (2017)

Was haben Charles Dickens, Thomas Hardy, Samuel Pepys, Jane Austen, Katherine Mansfield und Mary Wollstonecraft gemeinsam? Nun, zu jedem und zu jeder dieser AutorInnen hat die mit diversen Preisen ausgezeichnete Literaturkritikerin Claire Tomalin (*1933) eine Biografie geschrieben.

Doch in ihrem 2017 erschienenen Werk A Life of My Own macht die Autorin ihr eigenes Leben zum Thema. Und ein interessantes Leben ist das, ganz ohne Frage.

Writing about myself has not been easy. I have tried to be as truthful as possible, which has meant moving between the trivial and the tragic in a way that could seem callous. But that is how life is. Even when you are at the worst moments and would like to give all your attention to grief, you still have to clean the house and pay the bills; you may even enjoy your lunch. (S. IX)

Tomalin beginnt mit der Ehe ihrer Eltern, die sich früh haben scheiden lassen. Zunächst geht es um die – gelinde gesagt – komplizierte Beziehung zu ihrem französischen Vater Émile Delavenay, der keine nennenswerten Gefühle für seine Tochter entwickeln konnte. Selbst als Nick, Claires charmanter, aber zu Gewaltausbrüchen neigender Ehemann, sich von Claire trennen will, schreibt Claires Vater an seinen Noch-Schwiegersohn,

… he had not been able to live with my mother and so understood why Nick could not live with me. (S. 25)

Ihre Mutter Muriel Herbert, eigentlich eine begabte Komponistin und Pianistin, verdient den Lebensunterhalt für sich und ihre zwei Töchter und umgibt diese mit großer Liebe, sie bringt ihnen Schwimmen und Fahrradfahren bei, fährt mit ihnen sogar in Urlaub. Und das spärliche Taschengeld wird von Claire gleich wieder in Bücher umgesetzt.

At home we cooked, ate and did our homework on one table. In the bedroom each of us had a window next to our bed, and I used my window ledge for my books. Over the months the pile grew and gradually blocked out more and more of the window. I read under the bedclothes when I was supposed to be asleep. (S. 49)

Gelesen wird so ziemlich alles, was das Kind in die Hände bekommt; seien es nun Gedichte von Keats oder eine Biografie über Queen Elizabeth; zum elften Geburtstag schenkt ihr die Mutter die gesammelten Werke von Shakespeare. Und es dauert nicht lange, bis Claire selbst beginnt, Sonnette zu schreiben.

Soon I was turning out sonnets by the dozen. (S. 49)

Zu ihrem 13. Geburtstag wünscht sie sich das zweibändige Shorter Oxford Dictionary.

Mit 15 fliegt sie zu ihrem Vater nach New York in den Urlaub, der dort inzwischen bei den Vereinten Nationen arbeitet.

My mother was badly upset. She wept and told me she would put her head in the gas oven and kill herself if I went. I thought about this too, and decided that she would not carry out her threat. But it was difficult, because I loved her and felt entirely loyal to her. (S. 68)

Amerika ist für das junge Mädchen eine überwältigende Erfahrung, die Lebensmittel dort sind nicht mehr rationiert, neue Kleider, die Hochhäuser, die Autos, die Werbung. Vor allem aber versteht sie sich gut mit der neuen Partnerin ihres Vaters.

I also saw for the first time in my life beggars in rags, asking for money in the streets of Manhattan. I had led such a sheltered life that I thought beggars were strictly historical figures and had disappeared from the world in the twentieth century. (S. 69)

Dem Luxus, den Reisen und den neuen Erfahrungen, die der Vater bieten kann, können die Schwestern nicht widerstehen, obwohl sie sich immer auf der Seite der Mutter sehen. Als der Vater sein Domizil wieder in der Nähe von Paris aufschlägt, verbringt Claire dort viele Monate. Das Land, dessen Sprache sie bald perfekt beherrscht, wird zu einer zweiten Heimat.

Dem Studium am Newnham College in Cambridge kann sie allerdings wenig abgewinnen. Zu deutlich ist noch die Erwartungshaltung, dass die Frauen, die dort Literatur studieren, nicht selbst denken wollen und sollen, sondern sich vor allem sagen lassen sollen, was sie zu bestimmten Themen zu denken haben. Schließlich würden sie das in ihrem späterem Lehrerinnenleben benötigen.

… but I believed we had come to university to be encouraged to think for ourselves, not to be told what to think. I gave up going to the lectures. […] and I spent more time in libraries than in lecture halls. Now I regret not having explored further afield by going to lectures on other subjects, history, anthropology, archeology, geography – I could have learned a great deal. (S. 92)

Schon damals lehnt sie die Ansichten von Francis Raymond Leavis, des von vielen verehrten Dozenten in Cambridge ab, der Jahre lang erklärte, dass Charles Dickens nur einen nennenswerten Roman geschrieben habe und ansonsten ein reiner Unterhaltungsschriftsteller gewesen sei.

Als sie das Studium mit ausgezeichneten Noten abschließt, hat sie keine klaren Berufspläne. Also beschließt ihr Vater, dass sie in London erst einmal Stenografie und Maschineschreiben lernen soll. Im Rückblick hört man schon eine gewisse Wehmut und die Frage heraus, wie wohl ihr Leben verlaufen wäre, hätte sie eine akademische Tätigkeit angestrebt.

1955 heiratet sie den charmanten Nicholas Tomalin, der später zu einem bekannten Journalisten werden sollte. Die Ehe ist stürmisch, manchmal katastrophal und sie bleiben – auch wegen der Kinder – viel länger zusammen, als sie das selbst vielleicht wollten.

Im gleichen Jahr bewirbt sie sich bei der BBC, nur um sich sagen zu lassen, dass die BBC grundsätzlich keine weiblichen Auszubildenden annehme. Als sie sich auf Rat ihres Vaters beim Heinemann Verlag bewirbt, bekommt sie zwar den Job, doch nur, wie sich später herausstellt, weil ihr Äußeres gerade noch als hübsch genug eingestuft worden war. Als Lektorin arbeitet sie schließlich auch für weitere Verlage.

Claire und Nick arbeiten an ihren jeweiligen Karrieren, haben Liebschaften, fühlen sich in London pudelwohl, feiern Partys, pflegen Freundschaften und lernen nach und nach die entscheidenden Leute im Kulturbetrieb der Sechziger kennen, seien das nun Jim Ballard, Zeitungsverleger, Buchverleger, Schriftsteller, Künstler oder auch berühmte Menschen wie Leonard Woolf. Daneben wuppt Claire noch die Erziehung der drei Töchter und des schwer körperbehinderten Sohnes Tom. Ein weiterer Sohn verstirbt kurz nach der Geburt.

Über die Mitte der Sechziger sagt Claire:

As to my inner life: it was calm in spite of all the parties […] I had a steady and pleasant job […] Nick’s career flourished […] and in 1965 he moved to reporting and was often away in Europe, Africa and further afield. Our family life was good, better than our life as a couple. I lived without any plan for the future beyond the bringing up of our daughters, whose education and happiness mattered more to me than anything else. (S. 158)

Auch mit ihnen wird die Tradition der Familienurlaube in Frankreich fortgesetzt.

Um Beruf und Familienleben miteinander vereinbaren zu können, schreibt sie immer mehr Kritiken, z. B. für The Times Literary Supplement, den Observer u. a., oder nimmt teil an literarischen Quizsendungen.

Reviewing is an education in itself. You learn from the books, and you have to order and condense your thoughts and capture the reader’s attention. (S. 162)

Claires Ehe ist chaotisch und schmerzhaft, da Nick der Meinung ist, dass sich alle seinen Verliebtheiten unterzuordnen haben. Manchmal sehen die Kinder ihren Vater Monate lang nicht, dann verlangt er plötzlich, als ob nichts wäre, wieder bei ihnen und Claire einzuziehen.

1971 schreibt Claire einen längeren Zeitungsartikel zu Mary Wollstonecraft. Zu ihrer Überraschung schlagen ihr daraufhin verschiedene Verlage vor, doch eine Biografie Wollstonecrafts zu schreiben. Das Buch erscheint 1974 und läutet den Beginn ihrer Karriere als Biografin ein. Darüber hinaus wird ihr der Whitbread Book Award in der Debütkategorie verliehen.

1973 stirbt ihr Mann Nick bei einem Attentat auf den Golanhöhen. Wie sie den Eltern Nicks und ihren Kindern Jo (fast 17), Susanna (15) und Emily (12) diese Nachricht beibringen muss, gehört sicherlich zu den bewegendsten Stellen im Buch. Fast sachlich wird berichtet, wie die Töchter sich in den nächsten Tagen Kleidungsstücke des Vaters zusammensuchen und nachts mit ins Bett nehmen; und doch schimmern Schock,  Entsetzen und Fassungslosigkeit durch jede Zeile.

Die Sunday Times, in deren Auftrag Nick unterwegs war, möchte die Kosten einer Überführung sparen und Claire überreden, ihren Mann in Israel beisetzen zu lassen. Ein Ansinnen, das sie entschieden verweigert.

I also sat beside it [the coffin] alone, and thought about Nick: how gifted he was, and generous; how delightfully unpredictable and wretchedly unreliable; how much he loved his own children and how good he was with other people’s; what happy times we had shared. Whatever the failings of both of us in our marriage, it felt now as though the sun had been eclipsed. (S. 204)

Claire unternimmt im Februar 1975 noch eine letzte Reise mit ihrer damals bereits krebskranken Schwiegermutter Beth, die zu ihr sagt:

‚You can’t believe in your own death. You may know intellectually that you are going to die soon, but is has no meaning for you, the person alive thinking about it.‘ She was a remarkable woman, brave and truthful, and I learnt from her courage and clear-headedness. (S. 212)

Da für Claire Tomalin ihre Arbeit immer etwas ganz Entscheidendes und Erfüllendes gewesen ist, nimmt diese in einzelnen Kapiteln natürlich auch viel Raum ein: Was hat sie für welche Zeitung geschrieben, wo war sie Literaturchefin, mit wem hat sie zusammengearbeitet, wen hat sie kennengelernt, was waren ihre Ansprüche, welche Bücher wurden besprochen?

Ich gebe zu, da habe ich  manchmal ein bisschen schneller gelesen. Allerdings ist es ganz unfasslich, dass Tomalin das ganze Pensum in 24 Stunden untergebracht hat. Denn wie gesagt, sie hat ja auch vier Kinder großgezogen, und auch das mit viel Liebe und Engagement.

Als ihr auf den Rollstuhl angewiesener Sohn Tom in eine Förderschule kommt, ist sie entsetzt, dass man dort das handschriftliche Schreiben für überflüssig erklärt. Selbstverständlich muss er es dann doch lernen. Lesen bekommt er von seiner Mutter beigebracht, die ganz untröstlich ist, als er ihr später gesteht, deshalb nicht so gern zu lesen, weil zu Hause einfach immer zu viele Bücher herumlagen.

I was seen as an odd mother, but kindly tolerated. I asked the school not to give Tom sweets, which they handed out frequently and freely to all the children. One day when I happened to be there I heard a teacher say, ‚ Now there will be a sweetie for everyone except Tom Tomalin, whose mother does not allow them.‘ He did not seem to mind at all, and he has never needed a filling in his teeth. (S. 222)

Doch die Schikanen, denen Tom später, als einziger Rollstuhlfahrer an der weiterführenden Schule, ausgesetzt ist, sind unglaublich.

He was always eager to go to school, although he was bullied, had his medical equipment stolen from his bag, chewing gum pushed into his hair and regularly kicked. (S. 319)

Im Laufe der Zeit bessert sich die Situation. Als seine Mutter ihn Jahre später fragt, ob diese Schule ein Fehler gewesen sei, antwortet er trocken:

no because at least nothing could ever be so bad again. (S. 319)

In den Siebzigern hat Claire eine kurze Affäre mit Martin Amis, der 15 Jahre jünger ist als sie.

We had no quarrels, but after a time I began to realize what I thought of as a love-affair was more like membership of a club. Martin was attractive to many young women, and he was ready to enjoy the situation. That did not work for me. (S. 226)

Als Tomalin immer bekannter wird, sie schreibt u. a. für die New York Review of Books oder für Punch, wird sie Jurorin beim Booker Prize und beim Whitbread Book Award. Sie tritt Komitees bei, wie dem Royal Literary Fund, der sich für in Not geratene Schriftsteller oder deren Hinterbliebene kümmert. Dessen finanziell notorisch angespannte Lage bessert sich erst in den Neunzigern, als A. A. Milne der Organisation eine beträchtliche Erbschaft zukommen lässt.

Ihre zweite Tätigkeit, auf die sie stolz ist, ist ihre Mitarbeit beim Silver Jubilee Committee on Access for the Disabled, gegründet 1977.

1979 wird  sie Literaturredakteurin der Sunday Times und Julian Barnes wird ihr Stellvertreter. Dort erlebt sie mit, wie der neue Besitzer Rupert Murdoch moderne Druckverfahren einführt und damit einen fast ein Jahr andauernden Streik der Drucker auslöst, von denen viele ihre Arbeit verlieren. Auch die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher beutelt das Ansehen der renommierten Zeitung.

Doch 1980 erlebt sie eine weitere familiäre Katastrophe. Ihre einst so lebenslustige Tochter Susanna bringt sich um, trotz Therapie, trotz aller Unterstützung, trotz aller Liebe. Kein Tag vergeht, ohne dass ihre Mutter an sie denkt und glaubt, sie im Stich gelassen zu haben, nicht hart genug um sie gekämpft zu haben.

Grief has to be set aside, but it does not go away. It arrives each morning as you wake, lies in wait in the familiar routines of the day, takes you by surprise. You may not lose the power to enjoy the pleasures offered by the world but you stand in a different relation to them, in some ways more intense because you know now how fragile they are. The best things I saw, heard, read, felt, often brought me to tears because they came with the knowledge that my daughter was never going to share them. (S. 254)

1986 verlässt Tomalin die Times, nachdem Murdoch den Umzug der Zeitung nach Wapping veranlasst (siehe auch den Beitrag in der englischen Wikipedia zum Wapping Dispute) und unzählige Kündigungen ausgesprochen hat.

I could not stomach Murdoch’s mixture of bullying and bribery, which has not in the long run been good for the press. I also knew that I was lucky to be able to face losing my job, because I had ideas for books I wanted to write and a publisher ready to pay me advances. (S. 280)

Eines dieser Ideen ist das Buch über Katherine Mansfield, für das sie Mansfields engste Freundin Ida Baker besucht, die schon nahe der neunzig ist, als Tomalin sie kennenlernt.

1993 heiratet Claire ihren langjährigen Freund Michael Frayn, der ebenfalls Schriftsteller ist und ihretwegen seine Frau verlässt. 2002 sind die beiden sogar Konkurrenten bei der Verleihung des Whitbread Awards, was wiederum die Journalisten entzückt, die am liebsten Fotos hätten, auf denen sich die beiden ihre Bücher um die Ohren hauen.

Letztlich bietet uns Claire Tomalin hier einen Einblick in ein Leben, in dem sie sich männlichen Rollenerwartungen nicht gebeugt, sondern mit unglaublich viel Power eine große Familie, Arbeit und Liebe miteinander verbunden hat, mit allen Höhen und Traurigkeiten, die dazu gehören. Dem Abschied von Kindern, dem ersten Ehemann, den Eltern. Dazu Karriere in einer von Männen dominierten Berufswelt. Anerkennung. Freunde. Freude am Schreiben, an der Recherche, am Lesen, am Reisen, an Musik, an der Familie.

Bescheiden, manchmal witzig, manchmal fast zu diskret, politisch wach, manchmal wehmütig, leicht, im Sinne von sich selbst nicht so unendlich wichtig nehmend. Und was für ein hübsches Fazit:

Until now my books have ended with the death of the main character. This one has to be different. I have reached eighty-four, longer than any of my subjects except Thomas Hardy, who got to eighty-seven. He went on writing to the end, and I intend to take a lesson from him and begin on another book if possible when this one is finished. (S. 329)

 

 

 

 

 

Fundstück von Siegfried Lenz

Beim Wiederlesen ging mir auf, wie viele Einzelheiten ich bereits vergessen hatte, etwas löscht die Zeit ja immer, etwas ebnet sie immer ein, aber allmählich stellte ich fest, daß es auch manches gibt, für das die Zeit nicht vergeht, ein einziges Wort kann schon ausreichen, um zurückzuholen, was verblaßt und entschwunden schien.

aus: Siegfried Lenz: Arnes Nachlaß (1999), S. 130

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Fundstück von Johan Bargum

Ihm war klar geworden, dass auch er selbst, wenn es einmal so weit wäre, denselben Schrecken empfinden würde, dieselbe unvernünftige, paradoxe Angst vor dem Verschwinden. Es gab keinen guten Tod; das erfüllte ihn mit Wut und Verzweiflung und mit einem Gefühl, dass sein ganzes, langes Ärzteleben umsonst gewesen war, weil es ihn nichts anderes gelehrt hattte, als dass sich am Ende keiner aufs Sterben verstand und infolgedessen auch nicht aufs Leben.

aus: John Bargum: Nachsommer, mare Verlag 2018, S. 52

Die schwedische Originalausgabe erschien 1993.

Alistair MacLeod: No Great Mischief (1999)

And the stars are seldom clearly seen above the pollution of prosperity. (S. 192)

Der einzige Roman des kanadischen Schriftstellers und Englischprofessors Alistair MacLeod (1936-2014) wurde bei seinem Erscheinen 1999 in Kanada als Meisterwerk gefeiert und selbst Alice Munro sagte, dass sich Szenen dieses Buches dem Leser für immer einbrennen würden. Der Autor wurde dafür 1999 mit dem Trillium Book Award und 2001 mit dem International Dublin Literary Award  ausgezeichnet.

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Land der Bäume, was mit der historischen Anspielung des englischen Titels so gar nichts zu tun hat. Deutsche Kritiker waren in ihrer Meinung verhaltener; manch einer vermisste den Spannungsbogen, andere fanden es betulich oder bemängelten gar, dass die geschichtlichen Details der Besiedlung und Eroberung Kanadas die deutschen Leser doch eher kaltlasse. Doch worum geht es überhaupt?

Der Ich-Erzähler Alexander MacDonald ist um die 50, erfolgreicher Kieferorthopäde, glücklich verheirateter Familienvater. Doch diese äußeren Merkmale treten völlig hinter seiner Geschichte zurück. Viel entscheidender ist seine Herkunft als Nachkomme schottischer Einwanderer auf der Kap-Breton-Insel in der kanadischen Provinz Nova Scotia. Für seinen Clan ist die Geschichte immer gegenwärtig, selbst Aussprüche des 1779 nach Kanada ausgewanderten Patriarchen werden in der Familie immer noch geteilt und kommentiert.

Alte Traditionen sowie die gälische Sprache, ja selbst das Aussehen schweißen die Familie über Ländergrenzen und alle Generationen hinweg zusammen. Familienbande sind heilig, Hilfsbereitschaft untereinander und bedingungslose Solidarität selbstverständlich.

Dabei ist das Leben oft hart. Alexander und seine vier Geschwister verlieren, da ist Alexander gerade einmal drei Jahre alt, ihre Eltern und einen Bruder bei einem schrecklichen Unfall, als diese im trügerischen Märzeis einbrechen. Er und seine Zwillingsschwester kommen daraufhin zu ihren Großeltern väterlicherseits, zu Grandma und Grandpa.

Die etwas älteren Brüder im Teenageralter brechen den Schulbesuch ab und hausen fortan als Selbstversorger auf einer Farm der Familie.

Vieles davon erfahren wir aus den Erinnerungen, die Alexander kommen, während er seinen älteren Bruder Calum, einen in einer Absteige hausenden Alkoholiker, in Toronto  besucht.

Und so mischen sich Erinnerungen an die Familiengeschichte mit der Gegenwart und den historischen Mythen, bis sich allmählich herauskristallisiert, warum die Wege der Brüder so unterschiedlich verlaufen sind.

Es ist kein „perfektes“ Buch, ganz im Gegenteil, der Ich-Erzähler ist oft in der Beobachterposition und seine Gefühle können bestenfalls aus seinen Handlungen erahnt werden, er erschien mir seltsam blaß, ja streckenweise außerordentlich langweilig.

Bei Gesprächen wird vom Erzähler nahezu ausschließlich das Verb „said“ verwendet, das hätte gern etwas weniger nüchtern sein dürfen.

Allerdings verhindert der Autor dadurch auch, in die Kitsch- oder Dramafalle zu tappen. Außerdem fetzen die anderen Familienmitglieder dafür um so mehr. Allein schon die Großelterngeneration ist hinreißend. Auf der einen Seite der scheue, spröde und der Wahrheit der Geschichte verpflichtete Großvater mütterlicherseits, früh verwitwet, keine sexuellen Anspielungen ertragend, aber ein begnadeter Sänger und feiner Mann.

Ihm gegenüber Grandpa, der gerne einen oder lieber gleich mehrere über den Durst trinkt und nur zu gern Anspielungen unter der Gürtellinie macht, zusammen mit seiner geliebten, ganz bodenständigen Frau.

Als Alexanders Schwester sich an ihre Grandma erinnert, hat man sofort ein Bild dieser Frau vor Augen:

When we had to do our work, cleaning our rooms or doing the dishes or scrubbing the floor, I used to say sometimes, ‚But I’m tired.‘ She used to say, ‚Everybody’s tired, dear. I’m tired. The world doesn’t stop because we’re tired. So hurry up and it will be done in a minute.‘ And sometimes if her own tiredness were showing she would say, ‚I bet if your brother Collin were alive he wouldn’t be whining about cleaning his room. You’ve already passed him  in age, and he will never grow older. Poor little soul. He was so happy the last time I saw him in his new coat. We should all be grateful that we’re alive and have each other, so hurry up and make your bed.‘ (S. 238)

Die ganze Familie liebt ihre Heimat Kap Breton und ist den Franzosen, die zunächst diese Insel erobert hatten, noch immer in heftiger Abneigung verbunden.

Dass zwei seiner Brüder nie mit Namen genannt werden und auch als Personen nicht greifbar werden, obwohl Alexander mit ihnen lange Zeit unter Tage im Bergbau verbringt, befremdet. Oder sehen sie sich so sehr als eine Einheit, dass Namen als Zeichen der Individualität unwichtig sind? Mir erschien es ein bisschen gekünstelt, genauso wie seitenlange Aufzählungen zur Geschichte und zu politischen Ereignissen in Form von name dropping. Und manche Metaphern waren zu deutlich ausgeleuchtet.

Und dass Alexander als Student der Zahnmedizin so gar keine Probleme hat, zusammen mit seinen Brüdern in den Bergminen zu arbeiten und dann doch noch als Kieferortopäde in einer Zahnartzpraxis für Wohlbetuchte landet, lässt für mich einige Fragen offen.

Und doch und doch: Die Geschichte ist eine unsentimentale Darstellung des Clan-Zusammenhalts; eine Liebeserklärung an die „neue“ Heimat, diese raue, schöne und unberechenbare, manchmal auch tödliche Natur. Das Ganze gepaart mit einer großen Selbstverständlichkeit, dass die MacDonalds die eigenen Wurzeln und Lieder nicht vergessen können und daraus einen Großteil ihrer Identität beziehen. Im Positiven wie im Negativen.

Und vor allem ist es eine spannende, manchmal witzige, oft melancholische und auch wuchtige und lebenspralle Geschichte, die ich so noch nicht gelesen habe. Alice Munro hat recht, es gibt Szenen, die haben sich bereits eingebrannt, und eigentlich müsste man das Buch sofort von vorn beginnen.

Wer noch eine fundierte Kritik lesen möchte, dem empfehle ich die Besprechung von Thomas Mellon in der New York Times. Auch wenn Mellon die Unebenheiten des Romans wahrnimmt, kommt er zu einem Ergebnis, das sich ein Autor nicht wertschätzender wünschen kann:

A month ago, the fiction of Alistair MacLeod was entirely unknown to me. The 64-year-old Canadian writer has published just three books, and “No Great Mischief,“ his only novel, is the first of them to be widely available in the United States. Having spent the last few weeks reading, in avid succession, volumes that his Canadian devotees have been given after long intervals of anticipation, I can report that MacLeod’s world of Cape Breton — with its Scottish fishermen and their displaced heirs, the miners and young professionals it has mournfully sent to the rest of the nation — has become a permanent part of my own inner library.

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Fundstück von H. G. Wells

Wells verdanken wir den Begriff der Zeitmaschine und in seinem Roman The Time Machine (1895) malt er aus, wohin eine Spaltung der Gesellschaft in im wahrsten Sinne Oben und Unten führen könnte.

Das folgende Zitat zeigt, wie der Zeitreisende seine Zuhörer zu packen weiß, als er von seinen Erlebnissen im Jahr 802.701 erzählt, und wie wir in diesen aufmerksamen Zirkel von schweigenden Männern aufgenommen werden:

You read, I will suppose, attentively enough; but you cannot see the speaker’s white, sincere face in the bright circle of the little lamp, nor hear the intonation of his voice. You cannot know how his expression followed the turns of his story! Most of us hearers were in a shadow, for the candles in the smoking-room hat not been lighted, and only the face of the Journalist and the legs of the Silent Man from the knees downward were illuminated. At first we glanced now and again at each other. After a time we ceased to do that, and looked only at the Time Traveller’s face.

aus: Herbert George Wells (1866-1946): The Time Machine (1895)