Agatha Christie: Absent in the Spring (1944)

Agatha Christie hat neben ihren Detektivromanen auch einige andere Bücher unter dem Pseudonym Mary Westmacott geschrieben, die so gar nichts mit cosy crime zu tun haben.

Und dieser Roman um die wohlsituierte Anwaltsgattin Joan Scudamore – im Deutschen unter dem Titel Ein Frühling ohne dich erschienen – hat mir richtig gut gefallen. Hier wird die Spannung nur dadurch erzeugt, dass wir einer ziemlich selbstgefälligen Protagonistin ein paar Tage Gesellschaft leisten, in der sie von äußeren Zerstreuungen vollständig abgeschnitten ist.

Joan Scudamore ist auf der Rückreise von einem Krankenbesuch bei ihrer in Bagdad lebenden Tochter, doch dummerweise ist die Eisenbahnstrecke durch heftige Regenfälle für ein paar Tage unpassierbar und sie strandet in einer einfachen Herberge in der Wüste nahe der türkischen Grenze.

Das Problem: Sie ist der einzige Gast, Besitzer und Angestellte der Herberge sprechen nur rudimentär Englisch und fallen als Gesprächspartner aus, ihre restliche Reiselektüre ist schon am ersten Tag ausgelesen. So bleiben zum Zeitvertreib nur kurze Spaziergänge, ein paar Briefe und vor allem ihre Erinnerungen, ungebetene Gedankenfetzen und Assoziationen, die dem Leser nach und nach offenbaren, was für eine Frau sie eigentlich ist.

Es wäre schade, hier mehr zum Inhalt zu verraten, denn wie es Christie gelingt, zu zeigen, dass es da – gelinde gesagt – eine gewisse Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung Joans und dem Eindruck gibt, den sie tatsächlich auf Familie und Bekannte macht, ist großes Kino. Eines der harmloseren Beispiele dafür findet sich, als eines Tages Joan und ihr Mann Rodney zufällig auf ein bestimmtes Sonnett von Shakespeare zu sprechen kommen. Aus dem Stand ist sie in der Lage, das Gedicht fehlerlos zu rezitieren.

She finished, giving the last lines full emphasis und dramatic fervour. ‚Don’t you think I recite Shakespeare rather well? I was always supposed to at school. They said I read poetry with a lot of expression.‘

But Rodney had only answered absently, ‚It doesn’t really need expression. Just the words will do.‘ She had sighed and murmured, ‚Shakespeare is wonderful, isn’t he? And Rodney had answered, ‚What’s really so wonderful is that he was just a poor devil like the rest of us.‘

‚Rodney, what an extraordinary thing to say.‘ (S. 73)

Das Buch liest sich bis zum Ende mindestens so spannend wie ihre besten Kriminalromane. Ein empfehlenswerter kleiner Roman, in dem sich Christies Begabung für Dialoge und das, was zwischen den Zeilen steht, bestens ergänzen.

Und es ist auch ein bisschen unheimlich: Joan ist kein Monster, sondern ganz normal, ganz alltäglich, in ihrer Eitelkeit, Besserwisserei und Blindheit gegenüber den eigenen Motiven. Man schüttelt sich und fragt sich unwillkürlich, was wohl unsere Familienangehörigen, Kollegen und Freunde so wirklich über uns denken.

Nachdem ich das geschrieben hatte, stöberte ich in Agatha Christies Autobiografie und siehe da, Absent in the Spring ist das Buch, mit dem sie persönlich besonders zufrieden war.

… the book that I had always wanted to write, that had been clear in my mind. […]

It was going to be technically difficult to do, the way I wanted it; lightly, colloquially, but with a growing feeling of tension, of uneasiness, the sort of feeling one has – everyone has, sometime, I think – of who am I? What am I like really? What do all the people I love think of me? Do they think of me as I think they do?

I wrote that book in three days flat. […] I don’t know myself, of course, what it is really like. It may be stupid, badly written, no good at all. But it was written with integrity, with sincerity, it was written as I meant to write it, and that is the proudest joy an author can have.

 

Carry Brachvogel: Alltagsmenschen (1895)

Anlässlich des Autorinnenporträts auf Sätze & Schätze hole ich mal einen älteren Beitrag aus den Untiefen meines Blogs hervor.

Als vor nahezu sieben Jahren die münchener Zeitungen unter der Rubrik ‚Lokales‘ verkündeten, daß die einzige Tochter des Herrn Kommerzienrates und Handelsrichters Mey, Fräulein Elisabeth Mey, sich mit Herrn Dr. jur. Friedrich Becker, einem Sohn des bekannten Augsburger Großindustriellen Herrn Martin Becker, verlobt habe, da bot sich den sämtlichen Klatschmäulern der schönen Isarstadt (und es soll deren etliche geben!) Stoff zur Be- und Verarbeitung in Hülle und Fülle dar.

So beginnt Alltagsmenschen (1895), ein Buch von Carry Brachvogel, das in seiner psychologischen Hellsichtigkeit den Vergleich mit den großen Ehebruchsromanen nicht zu scheuen braucht.

Zum Inhalt

Die junge Elisabeth ist – wie die tuschelnde Gesellschaft nicht müde wird zu betonen – schon 23, als sie sich nach nur wenigen Wochen Bekanntschaft mit Friedrich Becker verlobt. Doch anders als die Klatschmäuler vermuten, wird es eine Liebesheirat.

Das blühende Mädchen mit den großen dunklen Augen, dem anmutigen, klug und lebhaft plaudernden Munde hatte ihn im ersten Augenblick bezaubert, und schon nach wenigen Wochen hielt er um sie bei ihren Eltern an, nachdem eine Aussprache mit der Geliebten vorhergegangen war, die an flammender Empfindung und beredtem Ausdruck alle Liebesszenen der dramatischen und novellistischen Litteratur zu übertrumpfen drohte. (S. 9)

Doch der Keim des späteren Unglücks ist schon längst gelegt, denn Elisabeth ist ein Produkt ihrer Umwelt und in den damaligen Rollenbildern gefangen. Sowohl die schulische Erziehung, die ja nicht auf eine spätere Selbstständigkeit der Frau abzielt, als auch das Elternhaus Elisabeths sorgen dafür, dass sie im Grunde gar nicht erwachsen werden kann.

Als einziges Kind überzärtlicher Eltern war ihr bislang ein Jahr nach dem andern in ungetrübt heiterer Gleichmäßigkeit dahingeflossen, jeder Schatten einer Sorge, ja nur einer Mißstimmung ängstlich von ihr ferngehalten worden. Aber das Mädchen fing bald an, sich in dieser schier beängstigenden Atmosphäre des Glückes und der Sorglosigkeit zu langweilen; es erging ihr ähnlich wie den Leuten, die in der Einsamkeit einer schwülen, lautlos brütenden, stahlblauen Hochsommermittagsstunde derselbe unheimliche, gespensterahnende Schauer beschleicht, der eigentlich nur für Mitternacht gestattet und üblich ist. – Und wenn sie auch frei blieb von modern-hysterischer Sehnsucht nach Leiden und Selbstentäußerung, so verlangte es sie eben doch nach etwas Unfaßlich-Wunderbarem, das endlich einmal erschreckend und erlösend zugleich in ihr Dasein hineinrauschen sollte. Ihrem Leben fehlte der Inhalt. Ein Tag wie der andere floß leer dahin: Toilette, Spaziergengehen, ein bischen Lesen, ein bischen Porzellanmalen, Besuche, Theater, Bälle. (S. 9)

Sie wünscht sich, etwas mit ihrem Leben anfangen zu können, etwas Großes zu vollbringen und wie ein Mann tätig zu sein, der seine Kräfte einsetzen kann. Doch wie hätte das für sie aussehen sollen? Die Erfüllung hat die Frau in der Ehe, ihren häuslichen Verpflichtungen und in der Mutterschaft zu finden.

Dementsprechend hat sie sich in ihren Mädchenträumen die Ehe recht heroisch ausgemalt: Der Mann als Adler, als Held, der der Sonne entgegenfliegt, und sie als die aufopferungsvolle Gefährtin, die dem Adler sorgsam das weiche Nest bereitet und so an seinem Ruhm Anteil hat. Aber Friedrich ist kein Adler, kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, der abends müde von der Arbeit kommt, der zwar seine Frau liebt und verwöhnt, ihre zunehmende Unzufriedenheit und Stimmungsschwankungen allerdings nicht nachvollziehen kann.

An ihrer kleinen Tochter hängt Elisabeth mit ganzem Herzen. Doch als die „Honigmonde“ der ersten Ehezeit vorbei sind und der neue Stand nichts Neues und Aufregendes mehr bereithält, stellt sich wieder das Gefühl der Langeweile und der gekränkten Eitelkeit ein.

… und ein Frösteln befiel zuweilen die junge Frau, wenn sie bedachte, daß es nun immer so weitergehen würde, bis ihr Haar grau geworden und ihr Sinn alt, daß für sie nunmehr alles fertig und abgeschlossen war. Ja, ja – abgeschlossen – dies Wort traf das Richtige, denn ihr schien’s zuweilen, als sei ein schweres, eisernes Thor unversehens hinter ihr ins Schloß gefallen und banne sie nun grausam vom hellen blühenden Leben weg in einen düstern, einsamen Burghof, zu dem die glänzenden, funkelnden Sonnenstrahlen von draußen wohl niemals den Weg fanden. (S. 14)

Letztlich ist sie nicht ausgelastet mit der „Spielzeugrolle, die man der modernen Frau in in der Ehe immer noch gerne anweist“ (S. 16).

Und als sie auf einem Ball den Legationsrat Max Heßling kennenlernt, ist sie betört von seiner Galanterie und seinem gesellschaftlichen Schliff.

Sein Gespräch war voll prickelnder Grazie, voll treffender Sarkasmen, die Elisabeth sehr entzückten; doppelt, da sie gleich den meisten Frauen Heßlings spöttelnde Frivolität nicht für echt hielt, sondern als stacheliges Panzerhemd betrachtete, mit dem sich eine ideale Seele  schamhaft bekleidete, um ihre zarten Regungen vor unzarter Berührung zu wahren. (S. 28)

Sie lässt sich aus Eitelkeit, aus Langeweile und Gedankenlosigkeit allmählich in eine Affäre mit Heßling hineingleiten, von der beide lange glauben, dass sie alles im Griff haben. Dabei erklärt uns der allwissende Erzähler, dass dabei von wirklicher Liebe keine Rede sein könne.

Elisabeths unbestimmte sehnsuchtsvolle Langeweile hatte sich endlich zu dem Bedürfnis abgeklärt, etwas Aufrüttelndes zu erleben: Heßlings Huldigungen schmeichelten ihrer Eitelkeit, ihre Überspanntheit flunkerte einiges von glühender Leidenschaft und alle konventionellen Schranken niederstürmender Liebe, der große Galeotto schwang kräftig seine Hetzpeitsche, und so war sie denn eben eines schönen Tages in die Arme des Legationsrats geeilt. (S. 71)

Doch natürlich wird auch diese Beziehung zu etwas Alltäglichem. Heßling überlegt schon, an einem anderen Ort seine Karriere fortsetzen zu wollen, doch die Kraft zu einem Schlussstrich findet keiner der beiden. Dabei wird das Versteckspiel immer gefährlicher und belastet Elisabeth immer mehr. Jetzt erst erkennt sie, was sie aufs Spiel setzt.

Fazit

Fontanes Effi Briest wurde fast zeitgleich zu den Alltagsmenschen veröffentlicht, nämlich als Fortsetzungsroman in der Neuen Rundschau von 1894 bis 1895. Der Leser denkt natürlich auch an Madame Bovary und Anna Karenina, letzteres wird sogar neben anderen in der Geschichte erwähnt, selbst wenn Brachvogel ihre Ménage-à-trois ganz anders auflöst als ihre großen Kollegen.

In seiner psychologischen Glaubwürdigkeit fand ich das Buch beeindruckend. Jede Seelenregung der drei Betroffenen wird mit großer Menschenkenntnis bis in die kleinsten Nuancen geschildert.

Deutlicher als jemals zuvor offenbarte sich hier der Bruch in ihrem Charakter, das ungleiche Verhältnis darin zwischen Wollen und Können: sie wäre ja gar zu gerne eine außergewöhnliche Frau gewesen, eine von jenen, die als temperamentvoll gelten und über die hinweg sich die Männer mit verständnisvollem Blinzeln ansehen, aber sie war nicht schlecht genug, um sich ihres Fehltritts in aller Seelenruhe zu freuen, und bei weitem nicht groß genug, um ihr Thun nur vor den Gesetzen ihres eigenen Ichs verantworten zu wollen und zu können. […] Von der Bühne herab sah sich solch sündiges Liebesglück doch meistens sehr verlockend an, es las sich auch recht hübsch davon, aber in Wirklichkeit war es doch sicher richtiger und besser, eine anständige Frau zu sein, als eine gefallene. (S. 78)

Da hat Elisabeth natürlich recht, denn wenn ihr Mann von der Affäre erfährt, kann er sie aus dem Haus jagen, was nicht nur das Ende ihres gesellschaftlichen Ansehens und ihrer finanziellen Absicherung, sondern vor allem die Trennung von ihrem Kind bedeuten würde. Letztlich wird Elisabeth, wenn auch zu spät, erwachsen, denn sie sieht, welch mädchenhaften Fantasien und welcher Dummheit und Eitelkeit sie ihr Glück vor die Füße geworfen hat.

Doch auch Heßling, der nur eine kurze Affäre mit der schönen Frau gesucht hat, und Friedrich, der seine Frau liebt, werden in ihren inneren Konflikten und einander widerstrebenden Empfindungen scharfsinnig und nachvollziehbar gezeichnet.

Dabei sind alle drei, ohne sich dessen bewusst zu sein, auch Opfer des vorherrschenden Frauenbildes und stehen in Wechselwirkung mit der vierten Kraft im Roman, der Gesellschaft, deren oft verlogene und heuchlerische Stimme wir immer wieder vernehmen.

Was sich aber inzwischen überlebt hat, ist die oft unglaublich pathetische Sprache, die wilden Naturmetaphern.

Gleich schwerer, ertötender Eiseskälte legte sich die Erinnerung der Schuld auf die hochgehenden Wogen ihres fieberisch-verzweifelten Heroismus … (S. 104)

Auch die Erzählerstimme fand ich manchmal anstrengend. Sie weiß wirklich alles und ein Lesen zwischen den Zeilen ist nicht vonnöten. Es wird alles, alles erklärt und gedeutet.

Anmerkungen

Das Buch erschien im Allitera Verlag, und zwar in der edition monacensia, in der Werke Münchner Autoren und Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts erscheinen.

Das Cover fand ich entsetzlich und dass ein Zitat auf dem hinteren Buchdeckel fälschlicherweise Elisabeth zugeschrieben wird, das aber von Heßling stammt, machte die Sache nicht besser.

Das Nachwort von Ingvild Richardsen hingegen war sehr erhellend. Carry (eigentlich Caroline) Brachvogel (geboren 1864) gehörte damals zu den „modernen“ Autorinnen, die sich auf „die Suche nach einem neuen Selbstverständnis der Frau“ begaben und die traditionellen Rollenvorstellungen in Frage stellten (S. 156).

Auch zur Biografie der jüdischen Autorin und Frauenrechtlerin, die seit 1895/96 über 30 Jahre lang einen einflussreichen literarischen Salon leitete, gibt es interessante Hinweise. Sie wurde schließlich als Schriftstellerin in ganz Deutschland bekannt.

Mit ihrer Existenz als unverheiratet bleibende, selbstständige, arbeitende Witwe widerspricht sie dem gängigen Ideal der Frau im Bürgertum des Kaiserreichs (S. 160)

Doch das Ungeheuerliche ist den Herausgebern nur einen kurzen Satz in der hinteren Umschlagklappe wert:

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird die Jüdin Carry Brachvogel beruflich isoliert und schließlich 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf verstarb.

Und bei Lena Riess bitte gleich weiterlesen: Sie stellt eine Novellensammlung der Autorin vor.

Blogbummel Juli/August 2017

Wir beginnen mit den Beach Reflections von Jane Lurie und einem Wow-Foto von Christopher Martin.  Ach, und diese entzückende Hirschkuh samt Kalb ist ihm auch vor die Linse gekommen.

Deutschsprachige Blogs

LiteraturReich weckt Interesse für die Erzählungen von Katherine Kressmann Taylor.

Peter liest … hat für die Krimileser Bogmail von Patrick McGinley im Gepäck.

Für alle Gestressten empfiehlt Bücherwurmloch ein Buch von Yoko Ogawa.

SCHWARZAUFWEISS las Die Schatzinsel, einen Klassiker der Abenteuerliteratur.

Ebenfalls einen Klassiker stellte Petra auf Phileas’s Blog vor: The Awakening von Kate Chopin.

Auch auf Binge Reading & More ging es um ein älteres Werk, nämlich Die Welt von Gestern von Stefan Zweig.

Anscheinend doch viel mehr als nur ein beliebig gehyptes Buch: Warten auf Bojangles, vorgestellt auf Zeichen und Zeiten.

Englischsprachige Blogs

Gleich drei sehr interessante Titel werden auf ANZLitLoversLitBlog vorgestellt, nämlich The Enlightenment of the Greengage Tree und Educated Youth von Ye Xin, der sich mit einem Aspekt der Chinesischen Kulturrevolution beschäftigt, der vermutlich eher selten im Roman thematisiert wird.

Auch Maybe Tomorrow (1998), die Autobiografie des Aborigene Boori Pryor, klingt lohnend.

The Bookbinder’s Daughter las Penthesilea von Kleist.

A Life in Books las Johannesburg von Fiona Melrose, was sicherlich nicht nur für Fans von Virginia Woolf interessant sein dürfte.

Einen der schönsten und persönlichsten Texte zu den Büchern von Jane Austen fand ich auf thebooktrunkblog.

Passend dazu entschuldigt sich Book Snob dafür, erst so spät die Qualität von Mansfield Park erkannt zu haben.

Zum Schauen, Staunen und Reisen

Ingo stellt auf seinem England-Blog wieder eine interessante Londoner Besonderheit vor, nämlich den Hardy Tree.

Was für Fotos, was für ein Tal: Glencoe, fotographiert von Hanne Siebers.

Farbenfrohes hat Cindy Knoke für uns, und zwar Orte im Elsass. Da will man doch die Koffer packen.

Und hier Fotos für Architekturfans von Jane Lurie sowie mal wieder ein Beitrag auf Walking with a Smacked Pentax, in dem es um eine schöne Wanderung von Großvater und Enkelsohn geht.

Schließen möchte ich mit Fotos von Steve McCurry. Damit wäre alles gesagt.

Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln (OA 1851)

Es missfällt einem Autor sehr, der sich bemüht, die Natur in all ihren Erscheinungsformen und Umständen mit realistischem Strich und in den echten Farben darzustellen, dass die reinste Erhabenheit, die sich im Leben finden lässt, hoffnungslos mit so viel Gewöhnlichem und Lächerlichem vermischt ist. Wie können wir etwa einer solchen Szene tragische Würde verleihen! Wie bringen wir es fertig, unserer Geschichte von der Sühne für einstige Sünde Größe zu verleihen, wenn wir gezwungen sind, als eine der Hauptfiguren nicht etwa eine junge, hübsche Frau – ja nicht einmal eine einstige Schönheit, würdevoll gramgebeugt – zu präsentieren, sondern eine hagere Jungfer mit fahlem Taint und knarrenden Gelenken, im Seidenkleid mit hoher Taille und einem monströsen Turban auf dem Kopf. […] Und ist es wirklich die Tragik ihres Lebens, wenn sie nach sechzig Jahren Untätigkeit mit der Eröffnung eines Kramladens ein besseres Auskommen sucht? Doch wenn wir die Heldengeschichten der Menschheit anschauen, finden wir überall diese Vermischung des Gewöhnlichen und Banalen mit den edelsten Gefühlen der Freude oder des Leids. Das Leben besteht aus Marmor und aus Dreck. Und wäre unser Vertrauen in ein allumfassendes Erbarmen über uns nicht stärker, würden wir wohl mit gutem Grund ein beleidigend höhnisches Grinsen und eine grimmige Fratze im ehernen Antlitz des Schicksals vermuten. Die Gabe des Dichters besteht darin, in diesem Reich der sonderbar verworrenen Elemente Schönheit und Erhabenheit zu entdecken, die ein so schäbiges Kleid tragen müssen. (zitiert nach der Irma Wehrli übersetzten Ausgabe des Manesse Verlages, 2004/2014, S. 62 – 63)

So weit zu der bedauernswerten Hepzibah, der ärmlichen Bewohnerin des uralten Hauses, und einigen poetologischen Gedanken, mit denen Nathaniel Hawthorne in seinem amerikanischen Klassiker Das Haus mit den sieben Giebeln die Leser traktiert. Die Originalausgabe erschien 1851.

Auf Sätze & Schätze erschien unlängst eine informative und lesenswerte Besprechung zu diesem Werk, sodass ich mich hier zu meiner und eurer Freude kurz fassen kann.

Mir ging es ganz anders als Birgit: Dieses Buch und ich sind keine Freunde geworden. Statt mich gepflegt zu gruseln, die Geister des Hauses zu spüren oder wenigstens in irgendeiner Weise Anteil am Schicksal der Protagonisten zu nehmen, beschlich mich eine Düsternis ganz anderer Art: Ich habe mich entsetzlich gelangweilt, die Seiten blätterten sich immer langsamer um, bis ich mich völlig ermattet dabei ertappte, nur noch querzulesen.

Der Erzähler musste sich immer wieder in den Vordergrund drängen und mir viel zu viel erklären anstatt es anschaulich zu machen, und die Handlung schlurfte so unentschlossen zwischen Motiven der Gothic Literature, feineren Pinselstrichen und aufdringlichen Erzählerkommentaren dahin, dass ich schließlich nicht anders konnte, als das Buch zur Seite zu legen.

Fundstück von Ken Bruen

Ich gehe nicht in die Sonne.

Ich bin entzückt, wenn es nicht regnet, und alles, was darüber geht, ist Verhätschelung. Ich traue dem nicht. Führt nur zu Sehnsucht. Nach Dingen, die keine Dauer haben können. (S. 271)

aus: Ken Bruen: Jack Taylor fliegt raus, Atrium Verlag 2009, übersetzt von Harry Rowohlt

Im Original klingt das so:

I don’t do sun.

I’m delighted with the lack of rain and anything over is over-indulgence. I don’t trust it. Makes you yearn. For things that cannot last. (S. 263)

aus: Ken Bruen: The Guards, 2001

IMG_2186

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie (OA 2016)

Ich heiße J. D. Vance, und ich denke, ich sollte mit einem Geständnis beginnen: Ich finde die Tatsache, dass es dieses Buch gibt, das Sie in Händen halten, einigermaßen absurd.

So beginnt das von Gregor Hens aus dem Amerikanischen übersetzte Buch, das von der Süddeutschen als das wichtigste politische Buch des Jahres bezeichnet worden ist.

Das Absurde an dem Buch ist laut Vance, dass er eigentlich gar nichts Besonderes zuwege gebracht habe, jedenfalls nichts, was rechtfertigen würde, dass Fremde Geld für die Lebensgeschichte eines gerade einmal Einundreißigjährigen ausgeben. Er habe bloß erfolgreich an der Yale University Jura studiert, sei glücklich verheiratet und habe eine gute Stelle und zwei Hunde. Das sei alles – aber das ist es eben nur fast.

Denn da gibt es durchaus noch etwas, was Vance von nahezu allen anderen erfolgreichen Menschen in Amerika unterscheidet: Er kommt aus dem Hillbilly-Milieu, einer ziemlich weit unten angesiedelten sozialen Schicht, die auch schon mal als White Trash bezeichnet wird und in der aufgrund Drogensucht, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Gewalt und fehlender familiärer Strukturen die Aufstiegschancen gleich Null sind.

Ich identifiziere mich eher mit den Millionen von weißen Arbeitern ulster-schottischer Herkunft, für die ein Studium nie in Frage kam. Für diese Menschen ist Armut Familientradition. Ihre Vorfahren waren Tagelöhner in der Sklavenhaltergesellschaft der Südstaaten, dann Farmpächter, dann Bergarbeiter, und schließlich arbeiteten sie als Maschinisten oder im Sägewerk. Amerikaner nennen sie Hillbillys, Rednecks oder White Trash. Ich nenne sie Nachbarn, Freunde und Verwandte. (S. 9)

Vance ist sich natürlich im Klaren darüber, dass die Schließung von Firmen katastrophale Auswirkungen auf die Arbeiterschicht hat, aber ihm geht es um noch etwas anderes:

Was passiert eigentlich im Leben wirklicher Menschen, wenn es mit der Industrie bergab geht? Es geht darum, dass diese Menschen auf die schlimmen Bedingungen denkbar schlecht reagieren. Es geht um eine Kultur, die den sozialen Verfall in zunehmendem Maße befördert, statt ihm entgegenzuwirken. (S. 14)

Als er jobbt, lernt er junge Männer kennen, die oft gar keinen Arbeitsplatz mehr halten können, weil sie notorisch unpünktlich, unzuverlässig und verlottert sind. Wird ihnen dann gekündigt, jammern sie, tun sich leid und geben ausschließlich anderen die Schuld.

Doch dann steigt Vance in seine eigene Lebensgeschichte ein und schildert diese so anschaulich – geradezu filmreif -, dass man als Leser manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ein Trinker als Großvater, der zumindest in seinen späteren Jahren ein wunderbarer Opa für den kleinen J. D. ist, eine schießfreudige Großmutter mit ordinärem Mundwerk und einem Herzen aus Gold, eine drogensüchtige und deshalb oft gemeingefährlich durchgeknallte Mutter mit ständig wechselnden Partnern und eine wenig lernförderliche Umgebung.

Das Männlichkeitsgehabe – wehe, du beleidigst meine Familie – wirkt wie auf dem Schulhof oder aus einewird aber bitterernst gelebt. Da lernt der kleine Vance von seiner Großmutter, die von allen nur Mamaw genannt wird, die besten Tricks und den Ehrenkodex für Prügeleien: Fange nie zuerst an, aber wenn jemand deine Familie beleidigt, dann gehe als Sieger vom Platz.

J. D. Vance und seine Schwester Lindsay sind in dieser chaotischen und oft auch gefährlichen Kindheit hauptsächlich mit Überleben beschäftigt. Auf gute Noten legt in der Familie niemand Wert, aber J. D. hat am Ende des Schultages Angst vor der Glocke, weil er nicht weiß, in welchem Zustand er seine Mutter vorfinden wird, wenn er nach Hause kommt.

Der emotionale Halt kommt ausschließlich von seinen Großeltern, die er über alles liebt und auf die er sich – obwohl sie selbst sich oft eher asozial verhalten und noch nicht einmal zu einer Beerdigung ohne ihre Waffen fahren – hundertprozentig verlassen kann.

Doch auch wenn es Vance durch alle Krisen hindurch ja offensichtlich bis nach Yale geschafft hat, ist sein mühsamer Weg nicht zu Ende. Er stellt fest, dass die erlittenen Traumata sich auf Beziehungen und seine Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen, langfristig auswirken.

Ich versuchte es mit einer Therapie, aber das fand ich dann doch zu bizarr. […] Stattdessen ging ich in die Bibliothek, und da lernte ich, dass ein Verhalten, wie ich es für ganz normal gehalten hatte, von Wissenschaftlern sehr intensiv erforscht und diskutiert wurde. (S. 260)

Darüber hinaus geht der gesellschaftliche Aufstieg einher mit einem anstrengenden kulturellen Wechsel: Plötzlich ist es verpönt, in Fastfood-Restaurants zu essen, und man weiß, wie französische Weißweine ausgesprochen werden. Man schreit sich nicht dauernd an und prügelt sich nicht. Dazu kommt, dass man als Arbeiterkind über nahezu null soziales Kapital verfügt, das man an der Universität und spätestens bei den Bewerbungen aber dringend benötigt.

In seiner eindrücklichen Schilderung bezieht Vance immer wieder auch Studien und Dokumentationen, z. B. zur Armutsverteilung, zu Patchworkfamilien und zu Gesundheits- oder Ernährungsfragen ein, um seine Geschichte in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Er hat nicht auf alles eine Antwort, aber er zeigt, welche Fragen man stellen müsste und dass Regelungen von zwar wohlmeinenden, aber ahnungslosen Politikern manchmal eher kontraproduktiv sind.

Es ist ein großartiges Buch, es spricht nämlich nicht von oben herab über eine Schicht, die mir fremd und in diversen Verhaltensweisen durchaus suspekt ist, sondern zeigt unverwechselbare Menschen mit einer persönlichen Geschichte, die letztlich auch auf der Suche sind nach einem guten Leben, nach Liebe, nach einem gelingenden Familienleben, selbst wenn sie sich dabei mit katastrophalen Fehlentscheidungen dauerhaft ins Aus manövrieren.

Dadurch gibt Vance Menschen, die gedankenlos als White Trash abgewertet und aussortiert werden, ihre Würde zurück, da er sie nicht ausschließlich über ihre Opferrolle im Kapitalismus definiert, sondern auch auf die blinden Flecken in der Selbstwahrnehmung dieser Menschen hinweist und damit auf ihre Eigenverantwortung. Gleichzeitig mahnt er an, wie wichtig Erfahrungen von Selbstwirksamkeit sind. Das Gefühl, als er während seiner Zeit bei den US-Marines zum ersten Mal Geld verdient und damit seine Großmutter unterstützen kann, ist für ihn schier unbeschreiblich.

Gleichzeitig ist es auch ein beängstigendes Buch, denn die Folgen dieser Verelendung und Verwahrlosung ganzer Stadtteile und Landstriche sind ja noch gar nicht abzusehen.

Ach, und versteht man danach besser, warum manche dieser Hillbillys Trump so toll finden? Ja, natürlich, auch das. Vance zieht an einer Stelle das Resümee:

Was die Erfolgreichen von den Gescheiterten [aus seinem sozialen Umfeld] unterscheidet, sind die Erwartungen, die sie an ihr eigenes Leben gestellt haben. Aber was sie immer öfter von der politischen Rechten zu hören bekommen, ist: Es ist nicht deine Schuld, dass du ein Versager bist. Es ist die Schuld der Regierung. (S. 224)

Und ich denke, seine ordinäre, loyale Großmutter, die zusammen mit ihrem Mann mal eine Drogerie kurz und klein geschlagen hat, weil der Verkäufer nicht nett genug zu ihrem kleinen Sohn war, und die für ihren Enkel vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken  gemordet hätte, wird mir lange im Gedächtnis bleiben.

Anscheinend war ich nicht die Einzige, die gern Fotos seiner Familie sehen wollte, auf der Homepage des Autors gibt es zumindest einige Schnappschüsse.

Die Süddeutsche Zeitung hat ein Interview mit dem Autor veröffentlicht. Und Sabine wies bei Literaturen auf seinen TED-Talk hin.

Hier geht es zur Besprechung von Lenz Jacobsen in der Zeit.