Claire Tomalin: A Life of My Own (2017)

Was haben Charles Dickens, Thomas Hardy, Samuel Pepys, Jane Austen, Katherine Mansfield und Mary Wollstonecraft gemeinsam? Nun, zu jedem und zu jeder dieser AutorInnen hat die mit diversen Preisen ausgezeichnete Literaturkritikerin Claire Tomalin (*1933) eine Biografie geschrieben.

Doch in ihrem 2017 erschienenen Werk A Life of My Own macht die Autorin ihr eigenes Leben zum Thema. Und ein interessantes Leben ist das, ganz ohne Frage.

Writing about myself has not been easy. I have tried to be as truthful as possible, which has meant moving between the trivial and the tragic in a way that could seem callous. But that is how life is. Even when you are at the worst moments and would like to give all your attention to grief, you still have to clean the house and pay the bills; you may even enjoy your lunch. (S. IX)

Tomalin beginnt mit der Ehe ihrer Eltern, die sich früh haben scheiden lassen. Zunächst geht es um die – gelinde gesagt – komplizierte Beziehung zu ihrem französischen Vater Émile Delavenay, der keine nennenswerten Gefühle für seine Tochter entwickeln konnte. Selbst als Nick, Claires charmanter, aber zu Gewaltausbrüchen neigender Ehemann, sich von Claire trennen will, schreibt Claires Vater an seinen Noch-Schwiegersohn,

… he had not been able to live with my mother and so understood why Nick could not live with me. (S. 25)

Ihre Mutter Muriel Herbert, eigentlich eine begabte Komponistin und Pianistin, verdient den Lebensunterhalt für sich und ihre zwei Töchter und umgibt diese mit großer Liebe, sie bringt ihnen Schwimmen und Fahrradfahren bei, fährt mit ihnen sogar in Urlaub. Und das spärliche Taschengeld wird von Claire gleich wieder in Bücher umgesetzt.

At home we cooked, ate and did our homework on one table. In the bedroom each of us had a window next to our bed, and I used my window ledge for my books. Over the months the pile grew and gradually blocked out more and more of the window. I read under the bedclothes when I was supposed to be asleep. (S. 49)

Gelesen wird so ziemlich alles, was das Kind in die Hände bekommt; seien es nun Gedichte von Keats oder eine Biografie über Queen Elizabeth; zum elften Geburtstag schenkt ihr die Mutter die gesammelten Werke von Shakespeare. Und es dauert nicht lange, bis Claire selbst beginnt, Sonnette zu schreiben.

Soon I was turning out sonnets by the dozen. (S. 49)

Zu ihrem 13. Geburtstag wünscht sie sich das zweibändige Shorter Oxford Dictionary.

Mit 15 fliegt sie zu ihrem Vater nach New York in den Urlaub, der dort inzwischen bei den Vereinten Nationen arbeitet.

My mother was badly upset. She wept and told me she would put her head in the gas oven and kill herself if I went. I thought about this too, and decided that she would not carry out her threat. But it was difficult, because I loved her and felt entirely loyal to her. (S. 68)

Amerika ist für das junge Mädchen eine überwältigende Erfahrung, die Lebensmittel dort sind nicht mehr rationiert, neue Kleider, die Hochhäuser, die Autos, die Werbung. Vor allem aber versteht sie sich gut mit der neuen Partnerin ihres Vaters.

I also saw for the first time in my life beggars in rags, asking for money in the streets of Manhattan. I had led such a sheltered life that I thought beggars were strictly historical figures and had disappeared from the world in the twentieth century. (S. 69)

Dem Luxus, den Reisen und den neuen Erfahrungen, die der Vater bieten kann, können die Schwestern nicht widerstehen, obwohl sie sich immer auf der Seite der Mutter sehen. Als der Vater sein Domizil wieder in der Nähe von Paris aufschlägt, verbringt Claire dort viele Monate. Das Land, dessen Sprache sie bald perfekt beherrscht, wird zu einer zweiten Heimat.

Dem Studium am Newnham College in Cambridge kann sie allerdings wenig abgewinnen. Zu deutlich ist noch die Erwartungshaltung, dass die Frauen, die dort Literatur studieren, nicht selbst denken wollen und sollen, sondern sich vor allem sagen lassen sollen, was sie zu bestimmten Themen zu denken haben. Schließlich würden sie das in ihrem späterem Lehrerinnenleben benötigen.

… but I believed we had come to university to be encouraged to think for ourselves, not to be told what to think. I gave up going to the lectures. […] and I spent more time in libraries than in lecture halls. Now I regret not having explored further afield by going to lectures on other subjects, history, anthropology, archeology, geography – I could have learned a great deal. (S. 92)

Schon damals lehnt sie die Ansichten von Francis Raymond Leavis, des von vielen verehrten Dozenten in Cambridge ab, der Jahre lang erklärte, dass Charles Dickens nur einen nennenswerten Roman geschrieben habe und ansonsten ein reiner Unterhaltungsschriftsteller gewesen sei.

Als sie das Studium mit ausgezeichneten Noten abschließt, hat sie keine klaren Berufspläne. Also beschließt ihr Vater, dass sie in London erst einmal Stenografie und Maschineschreiben lernen soll. Im Rückblick hört man schon eine gewisse Wehmut und die Frage heraus, wie wohl ihr Leben verlaufen wäre, hätte sie eine akademische Tätigkeit angestrebt.

1955 heiratet sie den charmanten Nicholas Tomalin, der später zu einem bekannten Journalisten werden sollte. Die Ehe ist stürmisch, manchmal katastrophal und sie bleiben – auch wegen der Kinder – viel länger zusammen, als sie das selbst vielleicht wollten.

Im gleichen Jahr bewirbt sie sich bei der BBC, nur um sich sagen zu lassen, dass die BBC grundsätzlich keine weiblichen Auszubildenden annehme. Als sie sich auf Rat ihres Vaters beim Heinemann Verlag bewirbt, bekommt sie zwar den Job, doch nur, wie sich später herausstellt, weil ihr Äußeres gerade noch als hübsch genug eingestuft worden war. Als Lektorin arbeitet sie schließlich auch für weitere Verlage.

Claire und Nick arbeiten an ihren jeweiligen Karrieren, haben Liebschaften, fühlen sich in London pudelwohl, feiern Partys, pflegen Freundschaften und lernen nach und nach die entscheidenden Leute im Kulturbetrieb der Sechziger kennen, seien das nun Jim Ballard, Zeitungsverleger, Buchverleger, Schriftsteller, Künstler oder auch berühmte Menschen wie Leonard Woolf. Daneben wuppt Claire noch die Erziehung der drei Töchter und des schwer körperbehinderten Sohnes Tom. Ein weiterer Sohn verstirbt kurz nach der Geburt.

Über die Mitte der Sechziger sagt Claire:

As to my inner life: it was calm in spite of all the parties […] I had a steady and pleasant job […] Nick’s career flourished […] and in 1965 he moved to reporting and was often away in Europe, Africa and further afield. Our family life was good, better than our life as a couple. I lived without any plan for the future beyond the bringing up of our daughters, whose education and happiness mattered more to me than anything else. (S. 158)

Auch mit ihnen wird die Tradition der Familienurlaube in Frankreich fortgesetzt.

Um Beruf und Familienleben miteinander vereinbaren zu können, schreibt sie immer mehr Kritiken, z. B. für The Times Literary Supplement, den Observer u. a., oder nimmt teil an literarischen Quizsendungen.

Reviewing is an education in itself. You learn from the books, and you have to order and condense your thoughts and capture the reader’s attention. (S. 162)

Claires Ehe ist chaotisch und schmerzhaft, da Nick der Meinung ist, dass sich alle seinen Verliebtheiten unterzuordnen haben. Manchmal sehen die Kinder ihren Vater Monate lang nicht, dann verlangt er plötzlich, als ob nichts wäre, wieder bei ihnen und Claire einzuziehen.

1971 schreibt Claire einen längeren Zeitungsartikel zu Mary Wollstonecraft. Zu ihrer Überraschung schlagen ihr daraufhin verschiedene Verlage vor, doch eine Biografie Wollstonecrafts zu schreiben. Das Buch erscheint 1974 und läutet den Beginn ihrer Karriere als Biografin ein. Darüber hinaus wird ihr der Whitbread Book Award in der Debütkategorie verliehen.

1973 stirbt ihr Mann Nick bei einem Attentat auf den Golanhöhen. Wie sie den Eltern Nicks und ihren Kindern Jo (fast 17), Susanna (15) und Emily (12) diese Nachricht beibringen muss, gehört sicherlich zu den bewegendsten Stellen im Buch. Fast sachlich wird berichtet, wie die Töchter sich in den nächsten Tagen Kleidungsstücke des Vaters zusammensuchen und nachts mit ins Bett nehmen; und doch schimmern Schock,  Entsetzen und Fassungslosigkeit durch jede Zeile.

Die Sunday Times, in deren Auftrag Nick unterwegs war, möchte die Kosten einer Überführung sparen und Claire überreden, ihren Mann in Israel beisetzen zu lassen. Ein Ansinnen, das sie entschieden verweigert.

I also sat beside it [the coffin] alone, and thought about Nick: how gifted he was, and generous; how delightfully unpredictable and wretchedly unreliable; how much he loved his own children and how good he was with other people’s; what happy times we had shared. Whatever the failings of both of us in our marriage, it felt now as though the sun had been eclipsed. (S. 204)

Claire unternimmt im Februar 1975 noch eine letzte Reise mit ihrer damals bereits krebskranken Schwiegermutter Beth, die zu ihr sagt:

‚You can’t believe in your own death. You may know intellectually that you are going to die soon, but is has no meaning for you, the person alive thinking about it.‘ She was a remarkable woman, brave and truthful, and I learnt from her courage and clear-headedness. (S. 212)

Da für Claire Tomalin ihre Arbeit immer etwas ganz Entscheidendes und Erfüllendes gewesen ist, nimmt diese in einzelnen Kapiteln natürlich auch viel Raum ein: Was hat sie für welche Zeitung geschrieben, wo war sie Literaturchefin, mit wem hat sie zusammengearbeitet, wen hat sie kennengelernt, was waren ihre Ansprüche, welche Bücher wurden besprochen?

Ich gebe zu, da habe ich  manchmal ein bisschen schneller gelesen. Allerdings ist es ganz unfasslich, dass Tomalin das ganze Pensum in 24 Stunden untergebracht hat. Denn wie gesagt, sie hat ja auch vier Kinder großgezogen, und auch das mit viel Liebe und Engagement.

Als ihr auf den Rollstuhl angewiesener Sohn Tom in eine Förderschule kommt, ist sie entsetzt, dass man dort das handschriftliche Schreiben für überflüssig erklärt. Selbstverständlich muss er es dann doch lernen. Lesen bekommt er von seiner Mutter beigebracht, die ganz untröstlich ist, als er ihr später gesteht, deshalb nicht so gern zu lesen, weil zu Hause einfach immer zu viele Bücher herumlagen.

I was seen as an odd mother, but kindly tolerated. I asked the school not to give Tom sweets, which they handed out frequently and freely to all the children. One day when I happened to be there I heard a teacher say, ‚ Now there will be a sweetie for everyone except Tom Tomalin, whose mother does not allow them.‘ He did not seem to mind at all, and he has never needed a filling in his teeth. (S. 222)

Doch die Schikanen, denen Tom später, als einziger Rollstuhlfahrer an der weiterführenden Schule, ausgesetzt ist, sind unglaublich.

He was always eager to go to school, although he was bullied, had his medical equipment stolen from his bag, chewing gum pushed into his hair and regularly kicked. (S. 319)

Im Laufe der Zeit bessert sich die Situation. Als seine Mutter ihn Jahre später fragt, ob diese Schule ein Fehler gewesen sei, antwortet er trocken:

no because at least nothing could ever be so bad again. (S. 319)

In den Siebzigern hat Claire eine kurze Affäre mit Martin Amis, der 15 Jahre jünger ist als sie.

We had no quarrels, but after a time I began to realize what I thought of as a love-affair was more like membership of a club. Martin was attractive to many young women, and he was ready to enjoy the situation. That did not work for me. (S. 226)

Als Tomalin immer bekannter wird, sie schreibt u. a. für die New York Review of Books oder für Punch, wird sie Jurorin beim Booker Prize und beim Whitbread Book Award. Sie tritt Komitees bei, wie dem Royal Literary Fund, der sich für in Not geratene Schriftsteller oder deren Hinterbliebene kümmert. Dessen finanziell notorisch angespannte Lage bessert sich erst in den Neunzigern, als A. A. Milne der Organisation eine beträchtliche Erbschaft zukommen lässt.

Ihre zweite Tätigkeit, auf die sie stolz ist, ist ihre Mitarbeit beim Silver Jubilee Committee on Access for the Disabled, gegründet 1977.

1979 wird  sie Literaturredakteurin der Sunday Times und Julian Barnes wird ihr Stellvertreter. Dort erlebt sie mit, wie der neue Besitzer Rupert Murdoch moderne Druckverfahren einführt und damit einen fast ein Jahr andauernden Streik der Drucker auslöst, von denen viele ihre Arbeit verlieren. Auch die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher beutelt das Ansehen der renommierten Zeitung.

Doch 1980 erlebt sie eine weitere familiäre Katastrophe. Ihre einst so lebenslustige Tochter Susanna bringt sich um, trotz Therapie, trotz aller Unterstützung, trotz aller Liebe. Kein Tag vergeht, ohne dass ihre Mutter an sie denkt und glaubt, sie im Stich gelassen zu haben, nicht hart genug um sie gekämpft zu haben.

Grief has to be set aside, but it does not go away. It arrives each morning as you wake, lies in wait in the familiar routines of the day, takes you by surprise. You may not lose the power to enjoy the pleasures offered by the world but you stand in a different relation to them, in some ways more intense because you know now how fragile they are. The best things I saw, heard, read, felt, often brought me to tears because they came with the knowledge that my daughter was never going to share them. (S. 254)

1986 verlässt Tomalin die Times, nachdem Murdoch den Umzug der Zeitung nach Wapping veranlasst (siehe auch den Beitrag in der englischen Wikipedia zum Wapping Dispute) und unzählige Kündigungen ausgesprochen hat.

I could not stomach Murdoch’s mixture of bullying and bribery, which has not in the long run been good for the press. I also knew that I was lucky to be able to face losing my job, because I had ideas for books I wanted to write and a publisher ready to pay me advances. (S. 280)

Eines dieser Ideen ist das Buch über Katherine Mansfield, für das sie Mansfields engste Freundin Ida Baker besucht, die schon nahe der neunzig ist, als Tomalin sie kennenlernt.

1993 heiratet Claire ihren langjährigen Freund Michael Frayn, der ebenfalls Schriftsteller ist und ihretwegen seine Frau verlässt. 2002 sind die beiden sogar Konkurrenten bei der Verleihung des Whitbread Awards, was wiederum die Journalisten entzückt, die am liebsten Fotos hätten, auf denen sich die beiden ihre Bücher um die Ohren hauen.

Letztlich bietet uns Claire Tomalin hier einen Einblick in ein Leben, in dem sie sich männlichen Rollenerwartungen nicht gebeugt, sondern mit unglaublich viel Power eine große Familie, Arbeit und Liebe miteinander verbunden hat, mit allen Höhen und Traurigkeiten, die dazu gehören. Dem Abschied von Kindern, dem ersten Ehemann, den Eltern. Dazu Karriere in einer von Männen dominierten Berufswelt. Anerkennung. Freunde. Freude am Schreiben, an der Recherche, am Lesen, am Reisen, an Musik, an der Familie.

Bescheiden, manchmal witzig, manchmal fast zu diskret, politisch wach, manchmal wehmütig, leicht, im Sinne von sich selbst nicht so unendlich wichtig nehmend. Und was für ein hübsches Fazit:

Until now my books have ended with the death of the main character. This one has to be different. I have reached eighty-four, longer than any of my subjects except Thomas Hardy, who got to eighty-seven. He went on writing to the end, and I intend to take a lesson from him and begin on another book if possible when this one is finished. (S. 329)

 

 

 

 

 

Anthony Ray Hinton: The Sun Does Shine (2018)

Bevor sich alle fragen, ob Buchpost nun zu einem reinen Fotoblog mutiert, wird es Zeit, die Sommerpause für beendet zu erklären und für eine Besprechung, doch wie soll man dieser Autobiografie gerecht werden? Rasch und ungeplant in einer Flughafenbuchhandlung erstanden und dann nach dem Lesen Bestürzung, Betroffenheit, Bewunderung. Doch von vorne:

1985 wurden zwei Mitarbeiter von Fastfood-Restaurants bei Raubüberfällen in Alabama erschossen, ein drittes Opfer überlebte und identifizierte den Afroamerikaner Anthony Ray Hinton (*1956) anhand von Fotos als den Täter. Indizien oder Zeugen gab es nicht. Eine Zeugenaussage war gelogen, das Foto bei der Identifizierung durch das Opfer bereits als Täterfoto markiert.

Hinton bekommt einen schlecht bezahlten, unfähigen und lustlosen Pflichtverteidiger an die Seite gestellt, dem es gleichgültig ist, ob Hinton schuldig ist oder nicht. Der vom Verteidiger bestellte Gutachter, der beurteilen soll, ob es sich bei der alten Waffe von Hintons Mutter um die Tatwaffe handelt, ist auf einem Auge blind und kann das Mikroskop nicht richtig bedienen. Eine Katastrophe, die der Staatsanwalt im Prozess weidlich auskostet.

Trotz seines Alibis, er war zur fraglichen Zeit des dritten Überfalls an der Arbeit, bei der man ein- und auschecken musste, wird Hinton zur Todesstrafe verurteilt, da es sich bei der Waffe seiner Mutter definitiv um die Tatwaffe handele. Er verbringt die nächsten 29 Jahre in der Todeszelle im Gefängnis William C. Holman Correctional Facility.

Obwohl Anwälte der Equal Justice Initiative 2002 schließlich nachweisen können, dass Hinton unschuldig ist, FBI-Experten zweifelsfrei nachweisen, dass die Schüsse aus einer anderen Waffe abgefeuert wurden und sein erster Prozess eine einzige Abfolge von Fehlern der Verteidigung war, weigert sich der Staat Alabama, den neuen Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen, da dies den Steuerzahler nur unnötig Geld kosten würde.

Noch in einem 2009 veröffentlichten Buch faselt der inzwischen verstorbene Staatsanwalt McGregor davon, wie sehr Hinton „just radiated guilt and pure evil“.

Erst 2015, nachdem Bryan Stevenson und sein Team von der EJI 16 Jahre dafür gearbeitet haben, Hintons Unschuld zu beweisen, gelangt der Fall vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Hinton kann nach fast 30 Jahren das Gefängnis als freier Mann verlassen.

Dabei verschweigt er nicht, dass das Leben im Knast ihn gezeichnet hat. Noch lange nach seiner Entlassung wacht er morgens um drei Uhr auf, weil man dann im Gefängnis Frühstück bekam. Er fühlt sich anfangs in Räumen, die größer als seine Zelle sind, unwohl. Und jeden Tag ruft er mehrmals Freunde an, sammelt Quittungen, verschafft sich sozusagen Alibis, denn die Furcht, grundlos von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben gerissen zu werden, hat sich tief in ihn eingegraben. Diejenigen, die ihn 1985 sterben lassen wollten, sind natürlich über seine Freilassung unglücklich und halten sie für grundfalsch. Von den an dem Fehlurteil Beteiligten hat sich niemand je bei ihm entschuldigt. Eine finanzielle Entschädigung hat er bis jetzt nicht bekommen.

In diesem Buch, das er zusammen mit Lara Love Hardin geschrieben hat, erzählt er auf hinreißende Weise von seiner Jugend, der engen Beziehung zu seiner Mutter und deren christlichem Glauben und von seinem besten Kumpel Lester, der ihn schließlich fast dreißig Jahre lang jeden Monat im Gefängnis besuchen wird und der sich um Hintons Mutter kümmern wird, als wäre es seine eigene.

Wir lesen, wie eklatante Unfähigkeit und Rassismus sich auch strukturell in der Rechtsprechung austoben dürfen, wie ihm Anklagevertreter ganz unverhohlen sagen, dass es ihnen egal sei, ob er schuldig ist oder nicht, Hauptsache, es gäbe wieder einen Nigger weniger auf Alabamas Straßen. Einer droht ihm sogar, ihn im Falle einer Freilassung persönlich am Gefängniseingang abzuknallen.

Und Hinton erzählt vom Leben im Gefängnis, von den Demütigungen und Schikanen einzelner Wächter, den seltsamen Freundschaften, die sich bilden, z. B. mit dem ehemaligen KKK-Mitglied Henry Hays, den im Sommer unerträglich heißen Zellen, von seiner Idee eines Buchklubs und dem Geruch von Menschenfleisch, wenn alle riechen können, dass wieder einer auf dem elektrischen Stuhl gestorben ist. Und auf welche Art und Weise die Männer einander das Beileid aussprechen, wenn einer von ihnen einen Angehörigen verloren hat. Und von der Sehnsucht nach seiner Mutter.

Dabei verhehlt er nicht, dass viele der Männer grauenhafte Verbrechen begangen haben, manche Psychopathen und andere geistig behindert ist.

Natürlich schildert das Buch auch den juristischen Kampf um seine Unschuld, ohne die Organisation von Bryan Stevenson hätte er Holman niemals lebend verlassen, wobei für den juristischen Laien vielleicht ein paar Hintergrundinformationen hilfreich gewesen wären.

Doch vor allem erzählt Hinton von seinem täglichen Kampf darum, im Gefängnis nicht innerlich zu sterben und der Verlockung des Selbstmords nicht zu erliegen. Mehrere Jahre dauert es, bis er zu der Einsicht kommt, dass er selbst in seiner engen und widerlichen Zelle Wahlmöglichkeiten hat.

I was on death row not by my own choice, but I had made the choice to spend the last three years thinking about killing McGregor and thinking about killing myself. Despair was a choice. Hatred was a choice. Anger was a choice. I still had choices, and that knowledge rocked me. I may not have had as many as Lester had, but I still had some choices. I could choose to give up or to hang on. Hope was a choice. Faith was a choice. And more than anything, love was a choice. Compassion was a choice. (S. 115)

Das ist die Nacht, in der er anfängt, Anteil am Leben der anderen Insassen und Wärter zu nehmen, Empathie, Humor und Mitgefühl zu zeigen. Er kann wieder – manchmal auch unter Tränen – Witze machen und darf schließlich sogar den Wärtern öfter was Leckeres kochen.

Und so verrückt das klingt, es ist ein verstörendes Buch, aber von großer Wärme, Stärke und manchmal auch Witz durchzogen. Eine Liebeserklärung an seine Mutter, die Frau mit den klaren Ansagen, die ihm gezeigt hat, was es bedeutet, bedingungslos geliebt zu werden, und an seinen besten Freund Lester, seinen Verteidiger und späteren Freund Bryan Stevenson und – wenn man das überhaupt noch erwähnen muss – natürlich ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und eine Geschichte, die uns viel über Rassismus in Amerika erzählt. Voller einprägsamer Momente.

Hinton ist laut Wikipedia der 152. Mensch, der seit 1973 in Amerika nachweislich unschuldig zum Tode verurteilt worden ist.

Er hat sich entschlossen, denjenigen, die ihm 30 Jahre seines Lebens gestohlen haben, zu vergeben.

Hier gibt es noch einen Bericht im Guardian.

 

Fundstück von Agota Kristof

Wenn wir die Eltern meiner Mutter besuchen, die in einem nahe gelegenen Dorf wohnen, in einem Haus mit Licht und Wasser, nimmt mich mein Großvater an der Hand, und wir machen zusammen einen Rundgang durch die Nachbarschaft. Großvater holt eine Zeitung aus der großen Tasche seines Gehrocks und sagt zu den Nachbarn: ‚Seht her! Hört zu!‘ Und zu mir: ‚Lies.‘

Und ich lese. Fließend, fehlerlos, so schnell, wie man es verlangt.

Abgesehen von diesem großväterlichen Stolz, wird mir meine Lesekrankheit eher Vorwürfe und Verachtung einbringen:

‘Sie tut nichts. Sie liest die ganze Zeit.‘

‘Sie kann sonst nichts.‘

‘Das ist die bequemste Beschäftigung, die es gibt.‘

‘Das ist Faulheit.‘

Und vor allem: ‚Sie liest, anstatt…‘

Anstatt was?

‘Es gibt so viel Nützlicheres, nicht wahr?‘

aus: Agota Kristof: Die Analphabetin, Ammann Verlag 2005, S. 11

Die Originalausgabe erschien 2004.

Fred Uhlman: The Making of an Englishman (1960)

Ich weiß sehr wenig über die Herkunft meiner Familie, die aus Freudental, einem kleinen Dorf in der Nähe von Stuttgart, stammte. Vor dem 18. Jahrhundert hatten die deutschen Juden, soweit ich weiß, keine Nachnamen. Es gab nur ungefähr fünfhundert Juden in ganz Württemberg, und sie hatten alle kein Wohnrecht in den größeren Städten.

So, zunächst ein bisschen trocken, beginnt das Buch, das auf Deutsch in folgenden Ausgaben erschienen ist:

  • Erinnerungen eines Stuttgarter Juden (1992)
  • The Making of an Englishman: Erinnerungen eines deutschen Juden, Diogenes Verlag (1998)

Manche Bücher sind eine unerwartete Entdeckung und diese Autobiografie eines jüdischen Rechtsanwalts gehört dazu. Er musste 1933 Hals über Kopf Stuttgart verlassen, da er als engagiertes SPD-Mitglied in Schutzhaft genommen werden sollte, aber gerade noch rechtzeitig von einem NSDAP-Mitglied gewarnt worden war. Über Frankreich gelangte er schließlich nach Großbritannien. Den Rest seines Lebens verbrachte er als Maler und Schriftsteller in Paris, Spanien und England. 1985 starb er in London.

Warum das lesenswerte Buch erst 1992 ins Deutsche übersetzt wurde, ist mir ein Rätsel.

Am meisten hat mich vielleicht überrascht, dass das Buch ab und zu auch unglaublich komisch ist. Das entlarvt meine falsche Brille: als ob alle Juden in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Trauermine still und schattenhaft einer ihnen bereits bekannten Katastrophe entgegengingen.  Zum vollen Menschsein gehört natürlich der Humor. Und verfolgt und umgebracht wurden später keine Schatten, sondern Menschen.

Die Schilderungen burschenschaftlicher Trinkgelage, die er während seiner Studententage in den zwanziger Jahren mehr halbherzig denn aus Überzeugung mitmacht, lassen mich möglicherweise das Verhalten mancher meiner Schüler etwas entspannter sehen.

Vier Liter an einem Abend waren eher die Regel als die Ausnahme […] Lange nach Mitternacht gingen wir heim. Die weniger Betrunkenen halfen den ganz Betrunkenen. Auf dem Nachhauseweg flogen Fenster auf, und die Einwohner, die aus dem Schlaf gerissen wurden, schrien Beleidigungen. Oft gab es Streit. Ich erinnere mich an K., der auf einem Briefkasten lag und seine volle Blase in ihn entleerte und an Z., der so betrunken war, daß wir ihn, als wir ihn endlich nach Hause gebracht hatten, entkleiden und an sein Bett fesseln mußten, da er drohte, die Möbel kurz und klein zu schlagen. Ein anderer, der glaubte, er sei bereits im Bett, wurde von der Polizei schlafend und splitternackt unter einer Straßenlaterne gefunden, die Kleider waren sauber auf einem Haufen neben ihm zusammengelegt. (S. 81-82)

Und von wegen, dass ausschließlich mittelalterliche Unterschichtjungs ausrasten, weil man angeblich ihre Mutter oder Schwester beleidigt habe. Uhlman erklärt z. B. das studentische Duell:

Das Duell war eine ernstere Angelegenheit. Es gab verschiedene Abstufungen, die von der Schwere der Beleidigung abhingen. Wenn man zum Beispiel einen Corpsstudenten einen ‚alten Esel‘ nannte, reichte ein Duell auf leichten Säbeln; aber wenn man seinen Vater einen Schwarzhändler nannte, seine Mutter eine Hure oder an der Tugendhaftigkeit seiner Schwester zweifelte, dann konnte die Ehre nur durch ein Duell auf schweren Säbeln wiederhergestellt werden. (S. 81)

Wer Näheres zu Uhlmanns Leben und dem seiner jüdischen Angehörigen wissen möchte, dem empfehle ich den Artikel aus der Stuttgarter Zeitung von Susanne Stephan aus dem Jahre 2013.

Alma M. Karlin: Ein Mensch wird (1931)

Obwohl Alma Maximiliana Karlin in den zwanziger und dreißiger Jahren eine der bekanntesten deutschsprachigen Reiseschriftstellerinnen war, war sie mir bis zu diesem Buch unbekannt.

1889 wurde sie im damaligen Österreich-Ungarn, dem heutigen Slowenien, geboren. Nach einem bewegten Leben geriet sie in ihrer Heimat, vermutlich aufgrund der Vorbehalte gegenüber ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Kulturraum, nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. 1950 starb sie verarmt und vergessen in ihrer Heimat.

Dass eine Wiederentdeckung lohnt, zeigen schon die ersten Seiten ihrer Autobiografie, auf denen Karlin einen ganz eigenen Klang entfaltet. So schreibt sie über ihre ersten Lebenstage:

Ich schlug die Augen nur selten auf, wohl aus dem richtigen Gefühl heraus, daß es für mich auf Erden noch genug Unangenehmes zu schauen geben würde, und so vergingen volle sechs Wochen, ehe meine Eltern wahrnahmen, daß ich die Augen unrichtig eingehängt hatte. Meine Mutter war trostlos darüber, weil es ein Schönheitsfehler, eine weitere Handhabe zu bösartigem Spott war, aber mein Vater sagte sich, daß an einem Zwetschkenbaum keine Pfirsiche hängen und von sehr alten Eltern keine körperlich bervorzugten Kinder kommen konnten, und deshalb erklärte er mir, als ich in die Jahre des Verstehens gekommen war, daß ich ihm so, wie ich eben ausgefallen war, ganz gut paßte. Diese seine Einstellung freute mich um so mehr, als er darin vereinsamt dastand, denn nicht einmal von mir selbst dürfte ich Gleiches behaupten. Ein Menschenleben hat nicht genügt, mich mit meinem Äußeren zu versöhnen. (S. 9)

Die ersten Jahre sind für die kleine Alma im Großen und Ganzen noch eine unbeschwerte Zeit. Die Eltern sind wohlhabend und die Liebe ihres bereits 60-jährigen Vaters schützt sie vor der unnachsichtigen, überängstlichen und nur auf den äußeren Schein bedachten Mutter, der es ein ewiger Stein des Anstoßes war, dass das angeblich so unhübsche und linksseitig leicht gelähmte Mädchen sich nicht zu einem fügsamen Modepüppchen entwickeln wollte. Und damit möglichst niemand den Sehfehler ihrer Tochter bemerkt, stülpt sie ihr, sobald man das Haus verlässt, „schwammartige Hüte“ über den Kopf.

Mit ihrem Vater unternimmt sie lange Spaziergänge, auf denen sie auch mal mitsamt dem neuen Mantel in die Pfütze fällt, weil sie nicht weit genug gesprungen ist, während die Spaziergänge mit ihrer Mutter der reinste Graus sind.

Bis ich genug  gewaschen und geputzt und belehrt und bedroht worden war, bis die Handschuhe saßen und ich artig die Hand zum Halten gegeben hatte, waren schon Bäche von Tränen geflossen und dann, im Park, wo der liebe Gott alle unangenehmen Frauen der Welt versammelt zu haben schien, jagte man mich von einer zu anderen und bei jeder hieß es: ‚Engerl, mach einen Knicks.‘ […] Außerdem regnete es törichte Fragen. ‚Schatzerle, wen hast du lieber – deinen Vater oder deine Mutter?‘ Und ich prompt darauf: ‚Meinen Vater!‘ Sofort die weisen Lehrer: ‚Seine Mutter muß man mehr lieben!‘ Im Allgemeinen konnte man von Glück reden, wenn ich mich als Antwort nur in Schweigen hüllte. (S. 16)

Doch ihr geliebter Vater stirbt, als Alma sechs Jahre alt ist. Danach ist das Mädchen dem Perfektionismus ihrer Mutter und deren Mantra „Das schickt sich nicht.“ schutzlos ausgeliefert.

So verwundert es nicht, dass sich die Beziehung zur Mutter stetig verschlechtert. Und noch Jahrzehnte später ist Karlins Meinung zur berufstätigen Frau geprägt von ihren eigenen Erfahrungen mit ihrer lieblosen und wenig empathischen Mutter, die ihre Tätigkeit als Lehrerin trotz Ehe und Mutterschaft nicht aufgegeben hat. Sie ist sich sicher, dass

… Frauen, die einen Beruf haben, nicht Mütter sein können, deshalb geht heute die Ehe zugrunde, erlischt so viel Schönes schon in der aufwachsenden Jugend. […] Warum? Weil eine Frau, die im Beruf steht, ihre Interessen außer Haus verankert hat; weil sie – nach Erfüllung bezahlter Pflichten – müde und abgespannt heimkehrt und da wirklich Unterhaltung braucht, nicht solche noch zu bieten vermag; weil sie den erschöpften Geist nicht nochmals anstrengen kann und weil ihr, die tagsüber vom Heim weg war, der innere Zusammenhang mit den darin befindlichen Personen und Sachen fehlt. Sie ist bei sich selbst zu Gast. (S. 19)

Dazu kommt, dass das Mädchen nur Umgang mit Gleichaltrigen pflegen darf, wenn diese aus der gleichen gesellschaftlichen Schicht und zudem aus dem deutschsprachigen Milieu kommen. Ihr Vater hatte sich immer als österreichischer General verstanden, der über der Nationalitätenfrage stand. So pflegte die Familie „nur Verkehr in Kreisen, die sich keiner politischen Partei anschlossen.“ Damit fallen aber viele gesellschaftliche Veranstaltungen von vornherein aus.

Das Lavieren der Mutter zwischen Deutschen und Slowenen – welche Fahne soll an den jeweiligen Feiertagen herausgehängt werden? – sorgt denn dann auch regelmäßig für Probleme:

Nach einem Fest auf der Festwiese grüßten uns die Deutschen nicht und nach einem Slawenfest die Slawen nicht. (S. 45)

Aus der insgesamt eher unerfreulichen Außenwelt flüchtet sich Alma immer stärker in die Welt der Bücher, der Fantasie, des Sprachenlernens und der Bildung.

Dieses Vermögen, mir eine eigene Welt zu schaffen, in der alle Leute immer nur das taten, was ich am meisten wünschte oder anstrebte, entzog mich sehr dem Wirklichen, half mir wunderbar über die Düsterheit des Daseins hinweg, entfremdete mich indessen sicherlich meiner Umwelt und machte mich seltsam unabhängig von ihr. In den Entwicklungsjahren haftete diesen Träumereien etwas Ungesundes an, doch in späteren Jahren war ich in meinem Traumreich so, wie ich mir wünschte, es in Wirklichkeit zu sein – weiser, besser, gütiger – und so wuchs ich an diesem Ideal, bis ich eine Anzahl leidiger Schwächen abgestreift hatte. So bleibt selbstredend  noch immer viel zu wünschen übrig. Wie auch nicht? (S. 57)

Doch die eigentliche Katastrophe beginnt, als Almas Mutter eines Tages auffällt, dass eine Schulter ihrer Tochter höher als die andere ist. Alma ist sich sicher, dass die extreme Reaktion ihrer Mutter eher der verletzten Eitelkeit einer schönen Frau geschuldet ist als der Sorge um das Wohlergehen ihrer Tochter.

In dieser kurzen Stunde hatte eine Feindschaft begonnen, die nichts im Leben mehr zu verwischen imstande war, denn an diesem Nachmittag begann der Kreuzweg, der meine ganze Mädchenzeit in ein Fegefeuer verwandelte… (S. 67)

Und tatsächlich bestimmen nun Qualen und Quälerei die nächsten Jahre. Nachdem Alma von diversen Orthopäden untersucht worden ist, muss sie täglich stundenlange Übungen absolvieren, kopfüber in irgendwelchen Seilen hängen und darf keinesfalls irgendwo mal ruhig sitzen, lesen oder sich ausruhen. Dazu zwingt ihre Mutter sie, mehrere Stunden am Tag ein Mieder zu tragen, auf dass das Kind wenigstens eine Wespentaille bekomme.

Um ununterbrochenen Szenen zu entgehen, legte ich es täglich  auf einige Stunden an und wenn ich nicht die Innenorgane zusammengepreßt hatte, so sah ich Sterne der Arme wegen. Um mich nämlich immer ganz gerade zu halten zu müssen, trug ich einen sehr breiten Gummigurt, der um die Schultern und um eine Hüfte lief und der so stark einschnitt, daß ich vom vierzehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr stets geschwollene und oft eiternde Striemen um den Oberarm und die Achselhöhlen hatte und sich die eine Brust durch den ununterbrochenen Druck nicht so gut entwickelte wie die andere. Es gab Tage, an denen ich mich freute, ins Bett gehen zu dürfen, nur um endlich jeden Druck los zu sein, obschon das Bett hart, kissenlos und unbequem war. (S. 89)

Da Alma unter der ganzen Schinderei, die mehr als einmal ihre Schulbildung unterbricht, immer stiller, ernster und verschlossener wird, sinnt ihr Kindermädchen Mimi auf Abhilfe. Zusammen mit anderen fingiert sie Liebesbriefe eines jungen Adeligen, der heimlich in Alma verliebt sei. Tatsächlich fällt Alma auf den Betrug herein und jahrelang ist dieser Traum vom strahlenden Ritter, der sie irgendwann retten und auf sein Schloss holen wird, ihr ein Halt und ein Trost. Doch als dann nach fünf Jahren die Fiktion auffliegt, geht durch diesen Vertrauensmissbrauch etwas in dem jungen Mädchen unwiderruflich zu Bruch.

Wenn ich mich an jene Trugliebe erinnere, muß ich an einen Obstbaum denken, den man im Februar zur Blüte bringt und den der Reif vernichtet. Er geht nicht ein, er steht immer noch am Wegrand, aber er blüht nicht und trägt keine Früchte und lädt niemanden ein, in seinem Schatten zu ruhen, denn er hat nichts zu geben. Er ist kahl. In sich geschlossen, blüht er höchstens in sich hinein. … Auch das ist Schicksal. (S. 77)

Wie sich Alma Karlin aus dieser freudlosen Jugendzeit und den einengenden gesellschaftlichen Verhältnissen, die eigentlich nur eine „standesgemäße“ Heirat zuließen, dank eines schier unglaublichen Kampfeswillen und ihres Sprachenlernens herauswindet und es bereits als junge Frau bis nach Paris, Norwegen, Schweden und nach London schafft, erfährt der Leser in den zwei weiteren Dritteln des Buches. Es bleibt also trotz meines langen Beitrags noch viel zu entdecken.

Und ich bin beeindruckt von einer Autorin, deren glasklarer, leicht spöttischer Stil mir ausnehmend gut gefallen hat und die uns einen Einblick in eine vergangene Zeit ermöglicht, auch wenn der in ihren anderen Büchern wohl nicht immer frei von theosophischen und manchmal auch rassistisch geprägten Sichtweisen ist.

Wir erleben die Jugend eines Mädchens aus „den besseren Kreisen“ mit, das über weite Strecken auf sich allein gestellt war und kaum Ermutigung und Zuwendung erfahren hat. Aber vielleicht hat Alma M. Karlin genau daraus ihre Kraft und ihre Stärke gezogen, die sie später befähigt haben, durch die Welt zu reisen und ein selbstbestimmtes Leben zu leben.

Ihr Buch Einsame Weltreise mit dem Untertitel Erlebnisse und Abenteuer einer Frau im Reich der Inkas und im Fernen Osten (1928) liegt hier jedenfalls schon bereit.

Bleibt mir noch, dem Aviva Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar zu danken, das durch ein informatives Nachwort der Karlin-Biografin Jerneja Jezernik abgerundet wird.

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Herrad Schenk: Das Haus, das Glück und der Tod (1998)

Die Nacht hier ist so dunkel, wie sich das wohl niemand von den Freunden in der Stadt vorstellen kann. […] Ich verschließe für die Nacht die Kellertür und die Tür zur Brennkammer, das ist ein Abendritual noch aus guten Zeiten, und sehe zum Mond auf. […] Um mich herum ist eine große gesammelte Stille, in der sogar der Wind den Atem anhält. Die Schleiereule kommt erst später, zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens – und da fällt mir auf, daß ich sie schon einige Zeit nicht mehr gehört habe. Es mag daran liegen, daß ich jetzt wieder besser schlafe, aber vielleicht hat sie auch den Winter nicht überlebt.

So klingen bereits auf den ersten zwei Seiten des Romans, den die Sozialwissenschaftlerin und Autorin auf ihrer Homepage einen autobiografischen Bericht nennt, die Bestandteile des Titels an. Es geht um ein Jahrhunderte altes, unter Denkmalschutz stehendes Haus in Pfaffenweiler, das die Ich-Erzählerin zusammen mit ihrem Mann gekauft und renoviert hat.

Es geht um das Glück einer Jahrzehnte dauernden Beziehung, das mit dem Einzug in das alte Haus noch einmal vertieft und besonders genossen wird.

Und um den Tod, denn der geliebte Mann, der im Buch immer nur W. genannt wird, stirbt schon zwei Jahre später an plötzlichem Herzversagen.

Das wird nicht streng chronologisch erzählt, stattdessen springen wir mit der Erzählerin vor und zurück, blicken auf die kleineren und größeren Katastrophen, die sich ergeben, wenn man arg- und ahnungslos beschließt, mit eher begrenzten finanziellen Mitteln einen renovierungsbedürften Hof zu erwerben, bei dem man sich noch mit einem ungeeigneten Architekten herumärgern muss und mehr als einmal vor dem finanziellen Kollaps steht.

Im Frühsommer begannen wir schlecht zu schlafen, wälzten uns nebeneinander im Bett und lagen stundenlang grübelnd wach. Da war der Bauantrag, der zwischen dem Denkmalamt und dem Landratsamt hin und her wanderte und bei jeder Nachfrage an einer neuen Behördenklippe hing. Herr X. war in Urlaub, Frau Y. konnte ohne Herrn Z. nichts unternehmen, der aber auf unbestimmte Zeit krank war, und die Vertretung, Frau A., kannte sich mit dem Computer nicht aus, stellte aber nach geraumer Zeit mit Hilfe von Frau B. fest, daß da ja überhaupt noch ein entscheidender Zusatzplan in unseren Antragsunterlagen fehlte. Den sollten wir erst einmal nachliefern, und dann würde man weitersehen. (S. 34)

Und da schimmert auch eine große Liebe und Wertschätzung zu diesem alten, geschichtssatten Haus durch, das nach und nach seine rauhe Schönheit entfalten kann. Durch die Geschichten über die ehemaligen Bewohner und die Funde, die man bei der Renovierung macht – seien es kleine Apotheker-Glasfläschen, Grabsteine oder altes Kochgeschirr – ist  das Haus im Ort verwurzelt und gibt den neuen Bewohnern einen Halt und eine Geborgenheit, wie das moderne Häuser wohl nur schwerlich vermögen.

Dazwischen gibt es immer wieder Passagen über die Trauer, die ersten Monate nach dem Tod des Mannes; all die unterschiedlichsten Phasen und Gefühle, die die Trauernde durchlebt, sind anrührend und nachvollziehbar beschrieben.

Wenige Wochen nach W.’s Tod beende ich einen Spaziergang beim Friedhof. Ein sonniger Vorfrühlingstag geht zu Ende, ich habe unterwegs geweint, ich bücke mich am Grab über Unkraut, das nicht da ist, damit man meine Augen nicht sehen kann. Meistens gehe ich ganz früh oder ganz spät, wenn sonst niemand da ist, und ich hatte auch jetzt gehofft, daß ich allein dort sein würde im letzten Licht des Abends. Aber das Wetter hat noch andere Gestalten herausgelockt. Zwischen Tränenschleiern  nehme ich im weiteren Umkreis drei Frauen und einen Mann wahr, alle alt, alle über siebzig, registriere ich plötzlich, und ich denke erschauernd: Das hier ist nicht wirklich. Es kann gar nicht sein, daß ich hier stehe, und mein Liebstes liegt unter diesem Erdhaufen. Ich kann doch nicht mit einem Schlage so alt sein wie diese da und mein Leben ist vorbei; das geschieht nicht in Wirklichkeit, es ist nur eine alptraumhafte Vision von dem, was irgendwann einmal sein wird. – Aber ich stand hier und es war jetzt. (S. 46)

Und da hinein verwoben die Erinnerungen an die anstrengende Zeit der Renovierung und an das Glück, das das Paar in den letzten zwei Jahren erlebt hat. Untermalt von Festen, Besuchen von Familie und Freunden sowie Spaziergängen und Wanderungen in der schönen Landschaft. Dadurch wird das Buch geerdet, die Ich-Erzählerin gönnt uns auch helle und fröhliche Passagen, da wird auch mal geschimpft, genossen, gearbeitet und es geht handfest zur Sache.

Meine beiden Legehennen sind Italienerinnen […] Erdmuthe ist die Chefin, resolut und bodenständig; Bilhildis dagegen ist ein romantisches Huhn. Am Anfang schien mir, sie werde eher Gedichte schreiben als Eier legen; denn sie wanderte oft noch in der Dämmerung allein durch den Regen, wenn die anderen sich schon zu einem großen plustrig-warmen Federhaufen auf der Stallfensterbank lagerten… (S. 78)

Selten ein so kluges und schönes Buch über die Liebe und über das Trauern gelesen. Und tröstlich ist es auch, aber das nicht billig und wohlfeil, sondern eher in der emphatischen Erkenntnis, dass man nach dem Tod des geliebten Menschen ein anderer sein wird, dass eine Veränderung stattfinden wird, auf die man überhaupt nicht vorbereitet ist, die wie eine Naturkatastrophe über einen hereinbricht und die einen ganz und gar überfordert, die aber der Ich-Erzählerin letztlich doch möglich ist.

Und so ist alles gleichzeitig gegenwärtig: der Schmerz, der Tod, das Haus und das Glück.

Nur mit dem Schutzumschlag des Buches aus dem Jahr 1998 habe ich gehadert. Aber das wäre dann wieder eine andere Geschichte.

Fazit: Sehr gerne gelesen.

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J. D. Vance: Hillbilly-Elegie (OA 2016)

Ich heiße J. D. Vance, und ich denke, ich sollte mit einem Geständnis beginnen: Ich finde die Tatsache, dass es dieses Buch gibt, das Sie in Händen halten, einigermaßen absurd.

So beginnt das von Gregor Hens aus dem Amerikanischen übersetzte Buch, das von der Süddeutschen als das wichtigste politische Buch des Jahres bezeichnet worden ist.

Das Absurde an dem Buch ist laut Vance, dass er eigentlich gar nichts Besonderes zuwege gebracht habe, jedenfalls nichts, was rechtfertigen würde, dass Fremde Geld für die Lebensgeschichte eines gerade einmal Einundreißigjährigen ausgeben. Er habe bloß erfolgreich an der Yale University Jura studiert, sei glücklich verheiratet und habe eine gute Stelle und zwei Hunde. Das sei alles – aber das ist es eben nur fast.

Denn da gibt es durchaus noch etwas, was Vance von nahezu allen anderen erfolgreichen Menschen in Amerika unterscheidet: Er kommt aus dem Hillbilly-Milieu, einer ziemlich weit unten angesiedelten sozialen Schicht, die auch schon mal als White Trash bezeichnet wird und in der aufgrund Drogensucht, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Gewalt und fehlender familiärer Strukturen die Aufstiegschancen gleich Null sind.

Ich identifiziere mich eher mit den Millionen von weißen Arbeitern ulster-schottischer Herkunft, für die ein Studium nie in Frage kam. Für diese Menschen ist Armut Familientradition. Ihre Vorfahren waren Tagelöhner in der Sklavenhaltergesellschaft der Südstaaten, dann Farmpächter, dann Bergarbeiter, und schließlich arbeiteten sie als Maschinisten oder im Sägewerk. Amerikaner nennen sie Hillbillys, Rednecks oder White Trash. Ich nenne sie Nachbarn, Freunde und Verwandte. (S. 9)

Vance ist sich natürlich im Klaren darüber, dass die Schließung von Firmen katastrophale Auswirkungen auf die Arbeiterschicht hat, aber ihm geht es um noch etwas anderes:

Was passiert eigentlich im Leben wirklicher Menschen, wenn es mit der Industrie bergab geht? Es geht darum, dass diese Menschen auf die schlimmen Bedingungen denkbar schlecht reagieren. Es geht um eine Kultur, die den sozialen Verfall in zunehmendem Maße befördert, statt ihm entgegenzuwirken. (S. 14)

Als er jobbt, lernt er junge Männer kennen, die oft gar keinen Arbeitsplatz mehr halten können, weil sie notorisch unpünktlich, unzuverlässig und verlottert sind. Wird ihnen dann gekündigt, jammern sie, tun sich leid und geben ausschließlich anderen die Schuld.

Doch dann steigt Vance in seine eigene Lebensgeschichte ein und schildert diese so anschaulich – geradezu filmreif -, dass man als Leser manchmal nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ein Trinker als Großvater, der zumindest in seinen späteren Jahren ein wunderbarer Opa für den kleinen J. D. ist, eine schießfreudige Großmutter mit ordinärem Mundwerk und einem Herzen aus Gold, eine drogensüchtige und deshalb oft gemeingefährlich durchgeknallte Mutter mit ständig wechselnden Partnern und eine wenig lernförderliche Umgebung.

Das Männlichkeitsgehabe – wehe, du beleidigst meine Familie – wirkt wie auf dem Schulhof oder aus einewird aber bitterernst gelebt. Da lernt der kleine Vance von seiner Großmutter, die von allen nur Mamaw genannt wird, die besten Tricks und den Ehrenkodex für Prügeleien: Fange nie zuerst an, aber wenn jemand deine Familie beleidigt, dann gehe als Sieger vom Platz.

J. D. Vance und seine Schwester Lindsay sind in dieser chaotischen und oft auch gefährlichen Kindheit hauptsächlich mit Überleben beschäftigt. Auf gute Noten legt in der Familie niemand Wert, aber J. D. hat am Ende des Schultages Angst vor der Glocke, weil er nicht weiß, in welchem Zustand er seine Mutter vorfinden wird, wenn er nach Hause kommt.

Der emotionale Halt kommt ausschließlich von seinen Großeltern, die er über alles liebt und auf die er sich – obwohl sie selbst sich oft eher asozial verhalten und noch nicht einmal zu einer Beerdigung ohne ihre Waffen fahren – hundertprozentig verlassen kann.

Doch auch wenn es Vance durch alle Krisen hindurch ja offensichtlich bis nach Yale geschafft hat, ist sein mühsamer Weg nicht zu Ende. Er stellt fest, dass die erlittenen Traumata sich auf Beziehungen und seine Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen, langfristig auswirken.

Ich versuchte es mit einer Therapie, aber das fand ich dann doch zu bizarr. […] Stattdessen ging ich in die Bibliothek, und da lernte ich, dass ein Verhalten, wie ich es für ganz normal gehalten hatte, von Wissenschaftlern sehr intensiv erforscht und diskutiert wurde. (S. 260)

Darüber hinaus geht der gesellschaftliche Aufstieg einher mit einem anstrengenden kulturellen Wechsel: Plötzlich ist es verpönt, in Fastfood-Restaurants zu essen, und man weiß, wie französische Weißweine ausgesprochen werden. Man schreit sich nicht dauernd an und prügelt sich nicht. Dazu kommt, dass man als Arbeiterkind über nahezu null soziales Kapital verfügt, das man an der Universität und spätestens bei den Bewerbungen aber dringend benötigt.

In seiner eindrücklichen Schilderung bezieht Vance immer wieder auch Studien und Dokumentationen, z. B. zur Armutsverteilung, zu Patchworkfamilien und zu Gesundheits- oder Ernährungsfragen ein, um seine Geschichte in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Er hat nicht auf alles eine Antwort, aber er zeigt, welche Fragen man stellen müsste und dass Regelungen von zwar wohlmeinenden, aber ahnungslosen Politikern manchmal eher kontraproduktiv sind.

Es ist ein großartiges Buch, es spricht nämlich nicht von oben herab über eine Schicht, die mir fremd und in diversen Verhaltensweisen durchaus suspekt ist, sondern zeigt unverwechselbare Menschen mit einer persönlichen Geschichte, die letztlich auch auf der Suche sind nach einem guten Leben, nach Liebe, nach einem gelingenden Familienleben, selbst wenn sie sich dabei mit katastrophalen Fehlentscheidungen dauerhaft ins Aus manövrieren.

Dadurch gibt Vance Menschen, die gedankenlos als White Trash abgewertet und aussortiert werden, ihre Würde zurück, da er sie nicht ausschließlich über ihre Opferrolle im Kapitalismus definiert, sondern auch auf die blinden Flecken in der Selbstwahrnehmung dieser Menschen hinweist und damit auf ihre Eigenverantwortung. Gleichzeitig mahnt er an, wie wichtig Erfahrungen von Selbstwirksamkeit sind. Das Gefühl, als er während seiner Zeit bei den US-Marines zum ersten Mal Geld verdient und damit seine Großmutter unterstützen kann, ist für ihn schier unbeschreiblich.

Gleichzeitig ist es auch ein beängstigendes Buch, denn die Folgen dieser Verelendung und Verwahrlosung ganzer Stadtteile und Landstriche sind ja noch gar nicht abzusehen.

Ach, und versteht man danach besser, warum manche dieser Hillbillys Trump so toll finden? Ja, natürlich, auch das. Vance zieht an einer Stelle das Resümee:

Was die Erfolgreichen von den Gescheiterten [aus seinem sozialen Umfeld] unterscheidet, sind die Erwartungen, die sie an ihr eigenes Leben gestellt haben. Aber was sie immer öfter von der politischen Rechten zu hören bekommen, ist: Es ist nicht deine Schuld, dass du ein Versager bist. Es ist die Schuld der Regierung. (S. 224)

Und ich denke, seine ordinäre, loyale Großmutter, die zusammen mit ihrem Mann mal eine Drogerie kurz und klein geschlagen hat, weil der Verkäufer nicht nett genug zu ihrem kleinen Sohn war, und die für ihren Enkel vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken  gemordet hätte, wird mir lange im Gedächtnis bleiben.

Anscheinend war ich nicht die Einzige, die gern Fotos seiner Familie sehen wollte, auf der Homepage des Autors gibt es zumindest einige Schnappschüsse.

Die Süddeutsche Zeitung hat ein Interview mit dem Autor veröffentlicht. Und Sabine wies bei Literaturen auf seinen TED-Talk hin.

Hier geht es zur Besprechung von Lenz Jacobsen in der Zeit.