Benjamin Zephaniah: The Life and Rhymes of Benjamin Zephaniah (2018)

Der Guardian hat ihn einmal einen der größten britischen Dichter der letzten Jahre genannt, die Times nahm ihn 2008 in die Liste der 50 wichtigsten Schriftsteller Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg auf.

Die Rede ist von dem Rastafari und Kämpfer gegen Rassismus und Unterdrückung: Benjamin Zephaniah, der sich selbst als Dichter für die Leute bezeichnet, die keine Dichter lesen, und der ziemlich säuerlich reagierte, als man ihm noch unter Tony Blair den Order of the British Empire verleihen wollte. (Die Begründung seiner Ablehung kann man hier nachlesen.)

2018 erschien nun seine Autobiografie und die ist so richtig klasse. Wunderte ich mich zunächst, dass der Autor das Buch sich selbst gewidmet hat, so erscheint das nach der Lektüre als absolut passend und mehr als gerechtfertigt.

Dedicated to me.
And why not?
There was a time when I thought
I wouldn’t live to see thirty.
I doubled that, and now I’m sixty.
Well done, Rastaman, you’re a survivor.
A black survivor.

Das Ganze geht schon damit los, dass Zephaniah im ersten Satz erklärt, dass er Autobiografien hasse,

They’re so fake. The ones I hate the most are those written by individuals who have spent their lives deceiving people and then, when they see their careers (or their lives) coming to an and, they decide it’s time to be honest. […] And don’t get me started on the people who write autobiographies a couple of years after they’re born: the eighteen-year-old pop star who feels life has been such a struggle that it can only help others if he lets the world know how he made it.

Da hängt einer die Meßlatte hoch, ehrlich soll’s werden und man soll was zu sagen haben; Zephaniah löst das alles ein, in einem ans Mündliche angelehnten Stil, humorvoll, bissig, böse, abgrundtief traurig, aufregend. Und man lernt mehr über Großbritannien und seinen oft so zynischen Umgang mit Einwanderen, als einem für die eigene Gemütsruhe manchmal lieb ist.

Vorausschicken möchte ich, dass diese Autobiografie so gar nichts mit den sogenannten Misery Memoirs zu tun hat, obwohl diese Gefahr gerade bei den Kindheitserinnerungen naheliegend gewesen wäre. Aber hier schreibt einer mit so viel Menschenfreundlichkeit und einer energischen Lebensfreude, die im wahrsten Sinne des Wortes kaum totzukriegen ist.

Seine Mutter kommt aus Jamaika und arbeitet als Krankenschwester, sein Vater stammt aus Barbados. Zephaniah wird, wie auch seine Geschwister, in Birmingham geboren. Schon als Kind wird er aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt, mit Backsteinen angegriffen, selbst die Schule ist kein sicherer Raum. Die Mutter kann nicht helfen und will die Anfeindungen nicht wahrhaben, es gibt die ersten Erfahrungen mit rassistischen Nachbarn, später die Straßenschlachten mit Anhängern der tiefbraunen National Front.

Dazu kommen familiäre Gewalterfahrungen: Der Vater prügelt Mutter und alle sieben Kinder, bis Mutter und Benjamin flüchten. Das Frauenhaus verweigert ihre Aufnahme, da eine verprügelte jamaikanische Frau nicht so gut zu britischen verprügelten Frauen passe.

Als die beiden schließlich im Haushalt des geschiedenen Pastors Burris ein neues Zuhause finden, gibt es zum ersten Mal so etwas wie eine Vaterfigur für Benjamin, doch auch dort ist das Geld und der Platz für so viele Menschen begrenzt.

We slept three or four to a bed: two up and two down, or two up and one down if you were lucky. Different kids had different kinds of smelly feet, so there were always tough negotiations over who would sleep where. (S. 66)

Er fliegt aus mehreren Schulen, seine Legasthenie wird nicht erkannt, schließlich landet er in einer der berüchtigten Borstals (Erziehungsanstalten), dann im Knast. Eine Karriere als Krimineller oder als Opfer einer Straßenschlacht oder in einer Gefängniszelle scheint vorgrammiert. Doch neben all dem Elend gibt es noch (mündliche) Gedichte, Musik, Sound Systems, noch mehr Musik und Freunde.

Wie nun aus dem Kind aus kaputtem Elternhaus, dem Schulabrecher, der kaum lesen und schreiben kann, dem geschickten Dieb und Hehler im Laufe der Jahre ein gefeierter Dichter, Autor, begeisterter Leser, Besitzer eines netten Anwesens auf dem Lande und weitgereister Aktivist gegen Rassismus, Polizeiwillkür und Unterdrückung wird, dem mehrere Ehrendoktorwürden zuteil werden, erzählt Benjamin Zephaniah auf über 300 Seiten so mitreißend, vollgepackt mit Geschichten, spannend und energiegeladen, dass ich nur staune und bewundere.

Markiert habe ich mir über 60 Stellen, müsst ihr also alle selbst lesen.

Dass sich Zephaniah in seiner humanen Einstellung selbst von den jetzt wieder aus ihren Löchern kommenden Rassisten nicht irremachen lässt – seit den Brexit-Kampagnen sieht auch er sich wieder verstärkt rassistischen Pöbeleien und widerlicher Post im Briefkasten ausgesetzt – zeugt von großer Stärke. Seine Hoffnung, dass er sich aufgrund gesellschaftlicher Verbesserungen langsam als Rastafari-Komiker zur Ruhe setzen könne, habe sich allerdings in Luft aufgelöst. Er müsse wohl noch eine Weile der zornige schwarze Dichter bleiben.

Ein Vorbild also, auch den Ausgegrenzten, den Gewalterfahrenen, den Jugendlichen, von denen die Gesellschaft nur Negatives erwartet, denen mit der „anderen“ Hautfarbe und dann wieder allen, die sich für eine gerechtere und menschenfreundlichere Welt einsetzen.

Well done, Rastaman. Wie wahr.

Hier schreibt Zephaniah über seine Legasthenie und miserablen Schulerfahrungen und hier geht’s zu seiner Homepage.

Bleibt nur die Frage, wann das Buch ins Deutsche übersetzt wird.

 

Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen (2009)

Inge Jens (*1927): Studium, Promotion, Lehraufträge, Mitarbeit bei Verlagen und Rundfunk, Literaturwissenschaftlerin, Mitarbeiterin ihres Mannes, Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns und dessen Briefwechsels mit Ernst Bertram, intensive Beschäftigung mit der Geschichte ihrer Wahlheimat und deren Universität Tübingen, Edition der Aufzeichnungen und Briefe der Geschwister Scholl. Gemeinsame Arbeit mit ihrem Mann Walter Jens (1923 – 2013) an Frau Thomas Mann und Katias Mutter. 

2013 wird Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt veröffentlicht und 2016 erscheint Langsames Entschwinden, das ihre Erfahrungen im Leben mit ihrem an Demenz erkrankten Ehemann zum Thema hat.

2009 schließlich veröffentlicht sie ihre autobiografischen Erinnerungen, die von vornherein nicht auf Vollständigkeit oder gar zu intime Einblicke in ihr Privatleben angelegt sind.

Schon das Vorwort ihrer Unvollständigen Erinnerungen ist typisch für die Autorin.

Es zeigt Inge Jens als reflektiert, nüchtern, rational, präzise, fast ein wenig distanziert, diskret. Zunächst einmal versucht Inge Jens, sich darüber Rechenschaft abzulegen, warum sie dieses Buch, das zunächst eher als ein Zeitvertreib gedacht gewesen sei, geschrieben hat.

Weil ich merkte, dass es mir Spaß machte, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Das war eine unerwartete Erfahrung. Ich bin immerhin 82 Jahre alt und habe mich, soweit ich weiß, noch nie sehr intensiv für mich interessiert. (S. 9)

Bei so einem Lebensrückblick gehe es Menschen darum,

zu versuchen, sich am Ende ihres Daseins der Erlebnisse und Erfahrungen zu erinnern, die sie prägten und die es ihnen wert schienen, aufbewahrt und weitergegeben zu werden. (S. 9)

Ein Auslöser seien außerdem die Diskussionen bei und nach öffentlichen Veranstaltungen gewesen, die oft dazu geführt hätten, dass sie gebeten wurde, das, was sie persönlich erlebt habe, doch auch aufzuschreiben.

Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Nach 57 Jahren nie abreißender Gespräche bin ich allein – ohne den Menschen, mit dem sich über alles auszutauschen mir so selbstverständlich war wie essen und trinken oder atmen. Mein Mann ist seit langer Zeit schwer krank. Seit gut zwei Jahren kann er weder lesen noch schreiben. Eine Unterhaltung mit ihm ist nicht mehr möglich. (S. 11).

Doch dieses Zurückblicken habe erstaunlicherweise Kräfte freigesetzt, die auch ihren Blick auf die Gegenwart verändert hätten.

Die Rückschau auf mein Leben verbietet mir, mit dem Heute zu hadern. Auf die Frage: ‚Warum muss das sein, warum trifft es gerade uns?‘, wüsste ich zwar auch jetzt noch keine Antwort zu geben. Aber – und das wurde mir schlagartig bewusst – diese Frage zöge unweigerlich eine zweite mit sich, die ich ebenso wenig wie die erste beantworten könnte. Denn sie müsste lauten: Warum denn ist es gerade mir – uns – so lange so ungeheuer gut ergangen? Warum war es gerade uns vergönnt, ein so interessantes, erfülltes und – trotz mancher Schwierigkeiten – glückliches Leben zu führen? (S. 12)

Inge und Walter Jens, die beide aus Hamburg stammten, hatten sich während des Studium in Tübingen kennengelernt.

In diesem Dokument der Zeitgeschichte erfahren wir nicht nur, wie Inge Jens den Krieg und die Indoktrination der Nationalsozialisten erlebte. Als sie nach dem Krieg von Konzentrationslagern hört, kann sie das im ersten Moment nur als Feindpropaganda abtun.

Dann die Begeisterung der Studentin, die sich zwar von ihrem Traum eines Medizinstudiums verabschiedet, aber letztendlich völlig in der ihr bisher unbekannten

Vielfalt menschlicher Denk- und Lebensmöglichkeiten [aufgeht und] Vergnügen an dem Versuch [hatte], anderes, teilweise auch Fremdes, zu verstehen und in die eigenen Überlegungen einzubeziehen. (S. 55)

Genauso erinnert sie sich auch daran, wie sich später die Proteste der Studentenbewegung in Tübingen äußerten und wie die einzelnen Professoren damit umgingen.

Inge und Walter Jens teilten ihre pazifistische Grundeinstellung, die bei Inge Jens auf ihre Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges zurückging. Beide waren später in der Friedensbewegung (Stichwort Mutlangen) aktiv und pflegten viele Kontakte in die ehemalige DDR.

Die Fehler, die dann bei der Wiedervereinigung gemacht wurden, konnte man schon erkennen, als Walter Jens nach seiner Emeritierung 1989 die Stelle als Präsident der Akademie der Künste zu Berlin annahm und das Ehepaar aufregende und kulturell bereichernde Jahre in Berlin verlebte.

Ich habe diese Erinnerungen mit Respekt vor der Belesenheit und Ebenbürtigkeit der Ehepartner und ihrer Jahrzehnte langen gegenseitigen Inspiration gelesen. Und auch wenn Inge Jens angeberisches Name Dropping sicherlich zuwider ist, schimmert natürlich durch, dass kluge Menschen eben wieder andere kluge Menschen kennenlernen, sei es durch die Arbeit an den verschiedensten Projekten, sei es durch Walter Jens‘ Kontakte zur Gruppe 47 oder durch das politische Engagement. Stellvertretend und völlig willkürlich seien hier nur Hans Mayer, Ernst Rowohlt, Vicco von Bülow, Dietrich Fischer-Dieskau oder Golo Mann genannt.

Wie ich am Anfang schon schrieb, dies ist ein diskretes Buch, persönliche Katastrophen wie zwei verstorbene Kinder werden kurz erwähnt, reflektiert und dann geht es bereits weiter mit eher beruflich bedingten Fragestellungen. Das ist zum einen sicherlich dem Interesse an der eigenen Arbeit geschuldet, zum anderen scheint Inge Jens nicht das Bedürfnis zu haben, sich unentwegt in den Mittelpunkt stellen zu müssen. Allerdings wirkt das Buch dadurch manchmal ein wenig unpersönlich.

Dennoch hat mich dieser Gang durch über ein halbes Jahrhundert deutsche Geschichte fasziniert. Und mit dem letzten Kapitel, in dem sie über die Erkrankung ihres Mannes schreibt, hat Inge Jens mich dann endgültig für sich und ihr Buch eingenommen. Ehrlich und anrührend.

Ach, und Lust auf nähere oder erneute Beschäftigung mit Katia Mann oder Hans und Sophie Scholl und auf einen Tübingen-Besuch macht das Buch natürlich auch.

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Alec Guinness: My Name Escapes Me (1996)

Was für ein süchtig machendes Buch.

Der Ausnahmeschauspieler Alec Guinness (1914-2000) veröffentlichte den zweiten Teil seiner autobiografischen Schriften My Name Escapes Me: The Diary of a Retiring Actor 1996. Auf Deutsch erschien dieses Tagebuch unter dem Titel Adel verpflichtet: Tagebuch eines noblen Schauspielers.

Irgendwo war ich über die Empfehlung dieses Buchs gestolpert, und was soll ich sagen: Obwohl die Aufzeichnungen des über Achtzigjährigen vom 1. Januar 1995 bis zum 6. Juni 1996 von Anfang an zur Veröffentlichung gedacht waren und dementsprechend der Kontrolle und bewussten Auswahl des Künstlers unterlagen, habe ich das nirgendwo als störend empfunden.

Da mischen sich Erinnerungen an seine Karriere, an Filmaufnahmen und verstorbene Freunde mit kurzen Urlaubsschilderungen aus Südeuropa oder mit Einträgen zu Verabredungen zum Essen mit noch lebenden Freunden und Bekannten – gutes Essen ist ihm ein Bedürfnis. Da wird munter parliert, da wird ins Theater oder in Kunstausstellungen gegangen.

Nancy Cunard’s long long elegant feet in the painting by Alvaro Guevara, 1919, look like transatlantic liners. (S.5)

Überall schimmert ein großes Berufsethos durch. So wollte er später am liebsten auch gar nicht mehr auf seine Rolle als Obi-Wan Kenobi in Star Wars angesprochen werden. Die törichten Dialoge taten ihm einfach zu weh und beinahe hätte er einem Jungen ein Autogramm verweigert, als der ihm anvertraute, die Filme schon Dutzende Mal gesehen zu haben. Das wiederum sorgte für eine empörte Mutter.

Oder er schaut abends mit seiner Frau Merula fern, völlig entgeistert, falls man dabei zufällig in vulgäre Trash-Shows hineingerät. Bei Filmen oder Krimis, die Gnade vor seinen Augen finden, werden anschließend die Schauspieler einer fachmännischen Bewertung unterzogen. Selbst seine Lektüre – Montaignes Essays wären sein Buch für die einsame Insel – ist noch davon geprägt, dass er es nicht lassen kann, sich die Dialoge in Büchern wie Theaterstücke vorzusprechen, „with significant pauses and all“. Dummerweise sorgt das immer dafür, dass er so schrecklich lange für ein Buch braucht.

Er, der 1957 für seine Rolle in The Bridge on the River Kwai den Oscar gewann, ist sich völlig im Klaren über die Zufälligkeit, mit der es sich entscheidet, ob man einen Oscar oder eine beliebige andere Auszeichnung zugesprochen bekommt.

A race or a fight or a game can be won but to call something ‚the best‘ in the arts is absurd. I wouldn’t mind betting Dickens would fail to win the Booker Prize (too readable and too funny) and Turner the Turner Prize and poor Keats wouldn’t even be considered for any poetry prize. (S. 16)

Zwischendurch kommt er – dezent – auf sein Alter zu sprechen. Die Trauer, wenn man wieder zu einer Beerdigung eines liebgewordenen Weggefährten muss. Der Schreck, als er in den Straßen Londons stürzt und sich danach nur noch mit Stock aus dem Haus traut. Das Nachlassen seiner Kräfte, Augenprobleme, die nachlassende Konzentration, die ihm nicht mehr erlaubt,  längere Texte auswendig zu lernen. Die Sorge um seine Frau, die noch sechs Monate nach ihrer Hüftoperation nicht richtig laufen kann. Und selbst jetzt noch muss er sich mit unliebsames Stalkern herumärgern, die sich nicht scheuen, plötzlich bei ihnen im Garten zu stehen.

The new armchair has arrived […] It is very comfortable but a touch of effort is needed to get out of it. (S. 86)

Ein wacher Geist, ein Katholik, der so manche gesellschaftliche Entwicklung kritisch und auch besorgt beäugt, der traurig zu Bett geht, nachdem er am 13. März 1996 von dem Schulmassaker in Dunblane erfahren hat.

Turning on TV News at Ten we were appalled to hear of the ghastly, outrageous shooting of small children in the school at Dunblane, Perthshire. It is a numbing horror and the mind goes blank. Sympathy, comfort, love, tears – no words suffice. M and I went to bed silent and miserable. (S. 128)

Ein Mann, der seinem inneren Kompass treu bleibt, dem schlechter Geschmack oder grobe Umgangsformen ein Graus sind und der sich manchmal auch nur kurz angebunden über seine Frau Merula, eine Malerin, äußert, mit der er seit 58 Jahren verheiratet ist. Überhaupt hätte ich gern mehr über sie und den gemeinsamen Sohn Max gelesen. Doch dann erwähnt er wie im Vorübergehen, dass sie ihm jede Woche einen kleinen Blumenstrauß auf seinen Schreibtisch stellt.

Die Selbstverständlichkeit fasziniert, mit der die beiden Ehepartner jeweils die gleichen Bücher lassen, dieselben Filme schauten, im Radio abends Konzerte oder Musik-CDs hörten, um sich daran zu erfreuen, in der Kunst Trost zu finden oder um sich darüber auszutauschen.

Hier schreibt einer sehr menschlich, manchmal melancholisch, ein wenig wehmütig, sich der Endlichkeit bewusst, aber auch trocken, selbstironisch, witzig, boshaft in einem herrlich flüssigen, mühelos wirkenden Stil.

Today I have picked up a very good notice in an American film trade paper for a performance I have never given in a film I have never heard of. It says that I am ‚almost unrecognizable‘ in the film. I like the ‚almost‘. (S. 10)

Kurzum, das Buch mit dem Vorwort seines Freundes John le Carré ist, da man nie weiß, was als nächstes kommt, eine unterhaltsame, aber nie banale Wundertüte. Und ich brauche unbedingt den nächsten Band.

Claire Tomalin: A Life of My Own (2017)

Was haben Charles Dickens, Thomas Hardy, Samuel Pepys, Jane Austen, Katherine Mansfield und Mary Wollstonecraft gemeinsam? Nun, zu jedem und zu jeder dieser AutorInnen hat die mit diversen Preisen ausgezeichnete Literaturkritikerin Claire Tomalin (*1933) eine Biografie geschrieben.

Doch in ihrem 2017 erschienenen Werk A Life of My Own macht die Autorin ihr eigenes Leben zum Thema. Und ein interessantes Leben ist das, ganz ohne Frage.

Writing about myself has not been easy. I have tried to be as truthful as possible, which has meant moving between the trivial and the tragic in a way that could seem callous. But that is how life is. Even when you are at the worst moments and would like to give all your attention to grief, you still have to clean the house and pay the bills; you may even enjoy your lunch. (S. IX)

Tomalin beginnt mit der Ehe ihrer Eltern, die sich früh haben scheiden lassen. Zunächst geht es um die – gelinde gesagt – komplizierte Beziehung zu ihrem französischen Vater Émile Delavenay, der keine nennenswerten Gefühle für seine Tochter entwickeln konnte. Selbst als Nick, Claires charmanter, aber zu Gewaltausbrüchen neigender Ehemann, sich von Claire trennen will, schreibt Claires Vater an seinen Noch-Schwiegersohn,

… he had not been able to live with my mother and so understood why Nick could not live with me. (S. 25)

Ihre Mutter Muriel Herbert, eigentlich eine begabte Komponistin und Pianistin, verdient den Lebensunterhalt für sich und ihre zwei Töchter und umgibt diese mit großer Liebe, sie bringt ihnen Schwimmen und Fahrradfahren bei, fährt mit ihnen sogar in Urlaub. Und das spärliche Taschengeld wird von Claire gleich wieder in Bücher umgesetzt.

At home we cooked, ate and did our homework on one table. In the bedroom each of us had a window next to our bed, and I used my window ledge for my books. Over the months the pile grew and gradually blocked out more and more of the window. I read under the bedclothes when I was supposed to be asleep. (S. 49)

Gelesen wird so ziemlich alles, was das Kind in die Hände bekommt; seien es nun Gedichte von Keats oder eine Biografie über Queen Elizabeth; zum elften Geburtstag schenkt ihr die Mutter die gesammelten Werke von Shakespeare. Und es dauert nicht lange, bis Claire selbst beginnt, Sonnette zu schreiben.

Soon I was turning out sonnets by the dozen. (S. 49)

Zu ihrem 13. Geburtstag wünscht sie sich das zweibändige Shorter Oxford Dictionary.

Mit 15 fliegt sie zu ihrem Vater nach New York in den Urlaub, der dort inzwischen bei den Vereinten Nationen arbeitet.

My mother was badly upset. She wept and told me she would put her head in the gas oven and kill herself if I went. I thought about this too, and decided that she would not carry out her threat. But it was difficult, because I loved her and felt entirely loyal to her. (S. 68)

Amerika ist für das junge Mädchen eine überwältigende Erfahrung, die Lebensmittel dort sind nicht mehr rationiert, neue Kleider, die Hochhäuser, die Autos, die Werbung. Vor allem aber versteht sie sich gut mit der neuen Partnerin ihres Vaters.

I also saw for the first time in my life beggars in rags, asking for money in the streets of Manhattan. I had led such a sheltered life that I thought beggars were strictly historical figures and had disappeared from the world in the twentieth century. (S. 69)

Dem Luxus, den Reisen und den neuen Erfahrungen, die der Vater bieten kann, können die Schwestern nicht widerstehen, obwohl sie sich immer auf der Seite der Mutter sehen. Als der Vater sein Domizil wieder in der Nähe von Paris aufschlägt, verbringt Claire dort viele Monate. Das Land, dessen Sprache sie bald perfekt beherrscht, wird zu einer zweiten Heimat.

Dem Studium am Newnham College in Cambridge kann sie allerdings wenig abgewinnen. Zu deutlich ist noch die Erwartungshaltung, dass die Frauen, die dort Literatur studieren, nicht selbst denken wollen und sollen, sondern sich vor allem sagen lassen sollen, was sie zu bestimmten Themen zu denken haben. Schließlich würden sie das in ihrem späterem Lehrerinnenleben benötigen.

… but I believed we had come to university to be encouraged to think for ourselves, not to be told what to think. I gave up going to the lectures. […] and I spent more time in libraries than in lecture halls. Now I regret not having explored further afield by going to lectures on other subjects, history, anthropology, archeology, geography – I could have learned a great deal. (S. 92)

Schon damals lehnt sie die Ansichten von Francis Raymond Leavis, des von vielen verehrten Dozenten in Cambridge ab, der Jahre lang erklärte, dass Charles Dickens nur einen nennenswerten Roman geschrieben habe und ansonsten ein reiner Unterhaltungsschriftsteller gewesen sei.

Als sie das Studium mit ausgezeichneten Noten abschließt, hat sie keine klaren Berufspläne. Also beschließt ihr Vater, dass sie in London erst einmal Stenografie und Maschineschreiben lernen soll. Im Rückblick hört man schon eine gewisse Wehmut und die Frage heraus, wie wohl ihr Leben verlaufen wäre, hätte sie eine akademische Tätigkeit angestrebt.

1955 heiratet sie den charmanten Nicholas Tomalin, der später zu einem bekannten Journalisten werden sollte. Die Ehe ist stürmisch, manchmal katastrophal und sie bleiben – auch wegen der Kinder – viel länger zusammen, als sie das selbst vielleicht wollten.

Im gleichen Jahr bewirbt sie sich bei der BBC, nur um sich sagen zu lassen, dass die BBC grundsätzlich keine weiblichen Auszubildenden annehme. Als sie sich auf Rat ihres Vaters beim Heinemann Verlag bewirbt, bekommt sie zwar den Job, doch nur, wie sich später herausstellt, weil ihr Äußeres gerade noch als hübsch genug eingestuft worden war. Als Lektorin arbeitet sie schließlich auch für weitere Verlage.

Claire und Nick arbeiten an ihren jeweiligen Karrieren, haben Liebschaften, fühlen sich in London pudelwohl, feiern Partys, pflegen Freundschaften und lernen nach und nach die entscheidenden Leute im Kulturbetrieb der Sechziger kennen, seien das nun Jim Ballard, Zeitungsverleger, Buchverleger, Schriftsteller, Künstler oder auch berühmte Menschen wie Leonard Woolf. Daneben wuppt Claire noch die Erziehung der drei Töchter und des schwer körperbehinderten Sohnes Tom. Ein weiterer Sohn verstirbt kurz nach der Geburt.

Über die Mitte der Sechziger sagt Claire:

As to my inner life: it was calm in spite of all the parties […] I had a steady and pleasant job […] Nick’s career flourished […] and in 1965 he moved to reporting and was often away in Europe, Africa and further afield. Our family life was good, better than our life as a couple. I lived without any plan for the future beyond the bringing up of our daughters, whose education and happiness mattered more to me than anything else. (S. 158)

Auch mit ihnen wird die Tradition der Familienurlaube in Frankreich fortgesetzt.

Um Beruf und Familienleben miteinander vereinbaren zu können, schreibt sie immer mehr Kritiken, z. B. für The Times Literary Supplement, den Observer u. a., oder nimmt teil an literarischen Quizsendungen.

Reviewing is an education in itself. You learn from the books, and you have to order and condense your thoughts and capture the reader’s attention. (S. 162)

Claires Ehe ist chaotisch und schmerzhaft, da Nick der Meinung ist, dass sich alle seinen Verliebtheiten unterzuordnen haben. Manchmal sehen die Kinder ihren Vater Monate lang nicht, dann verlangt er plötzlich, als ob nichts wäre, wieder bei ihnen und Claire einzuziehen.

1971 schreibt Claire einen längeren Zeitungsartikel zu Mary Wollstonecraft. Zu ihrer Überraschung schlagen ihr daraufhin verschiedene Verlage vor, doch eine Biografie Wollstonecrafts zu schreiben. Das Buch erscheint 1974 und läutet den Beginn ihrer Karriere als Biografin ein. Darüber hinaus wird ihr der Whitbread Book Award in der Debütkategorie verliehen.

1973 stirbt ihr Mann Nick bei einem Attentat auf den Golanhöhen. Wie sie den Eltern Nicks und ihren Kindern Jo (fast 17), Susanna (15) und Emily (12) diese Nachricht beibringen muss, gehört sicherlich zu den bewegendsten Stellen im Buch. Fast sachlich wird berichtet, wie die Töchter sich in den nächsten Tagen Kleidungsstücke des Vaters zusammensuchen und nachts mit ins Bett nehmen; und doch schimmern Schock,  Entsetzen und Fassungslosigkeit durch jede Zeile.

Die Sunday Times, in deren Auftrag Nick unterwegs war, möchte die Kosten einer Überführung sparen und Claire überreden, ihren Mann in Israel beisetzen zu lassen. Ein Ansinnen, das sie entschieden verweigert.

I also sat beside it [the coffin] alone, and thought about Nick: how gifted he was, and generous; how delightfully unpredictable and wretchedly unreliable; how much he loved his own children and how good he was with other people’s; what happy times we had shared. Whatever the failings of both of us in our marriage, it felt now as though the sun had been eclipsed. (S. 204)

Claire unternimmt im Februar 1975 noch eine letzte Reise mit ihrer damals bereits krebskranken Schwiegermutter Beth, die zu ihr sagt:

‚You can’t believe in your own death. You may know intellectually that you are going to die soon, but is has no meaning for you, the person alive thinking about it.‘ She was a remarkable woman, brave and truthful, and I learnt from her courage and clear-headedness. (S. 212)

Da für Claire Tomalin ihre Arbeit immer etwas ganz Entscheidendes und Erfüllendes gewesen ist, nimmt diese in einzelnen Kapiteln natürlich auch viel Raum ein: Was hat sie für welche Zeitung geschrieben, wo war sie Literaturchefin, mit wem hat sie zusammengearbeitet, wen hat sie kennengelernt, was waren ihre Ansprüche, welche Bücher wurden besprochen?

Ich gebe zu, da habe ich  manchmal ein bisschen schneller gelesen. Allerdings ist es ganz unfasslich, dass Tomalin das ganze Pensum in 24 Stunden untergebracht hat. Denn wie gesagt, sie hat ja auch vier Kinder großgezogen, und zwar, wie es den Anschein hat, mit viel Liebe und Engagement.

Als ihr auf den Rollstuhl angewiesener Sohn Tom in eine Förderschule kommt, ist sie entsetzt, dass man dort das handschriftliche Schreiben für überflüssig erklärt. Selbstverständlich muss er es dann doch lernen. Lesen bekommt er von seiner Mutter beigebracht, die ganz untröstlich ist, als er ihr später gesteht, deshalb nicht so gern zu lesen, weil zu Hause einfach immer zu viele Bücher herumlagen.

I was seen as an odd mother, but kindly tolerated. I asked the school not to give Tom sweets, which they handed out frequently and freely to all the children. One day when I happened to be there I heard a teacher say, ‚ Now there will be a sweetie for everyone except Tom Tomalin, whose mother does not allow them.‘ He did not seem to mind at all, and he has never needed a filling in his teeth. (S. 222)

Doch die Schikanen, denen Tom später, als einziger Rollstuhlfahrer an der weiterführenden Schule, ausgesetzt ist, sind unglaublich.

He was always eager to go to school, although he was bullied, had his medical equipment stolen from his bag, chewing gum pushed into his hair and regularly kicked. (S. 319)

Im Laufe der Zeit bessert sich die Situation. Als seine Mutter ihn Jahre später fragt, ob diese Schule ein Fehler gewesen sei, antwortet er trocken:

no because at least nothing could ever be so bad again. (S. 319)

In den Siebzigern hat Claire eine kurze Affäre mit Martin Amis, der 15 Jahre jünger ist als sie.

We had no quarrels, but after a time I began to realize what I thought of as a love-affair was more like membership of a club. Martin was attractive to many young women, and he was ready to enjoy the situation. That did not work for me. (S. 226)

Als Tomalin immer bekannter wird, sie schreibt u. a. für die New York Review of Books oder für Punch, wird sie Jurorin beim Booker Prize und beim Whitbread Book Award. Sie tritt Komitees bei, wie dem Royal Literary Fund, der sich für in Not geratene Schriftsteller oder deren Hinterbliebene kümmert. Dessen finanziell notorisch angespannte Lage bessert sich erst in den Neunzigern, als A. A. Milne der Organisation eine beträchtliche Erbschaft zukommen lässt.

Ihre zweite Tätigkeit, auf die sie stolz ist, ist ihre Mitarbeit beim Silver Jubilee Committee on Access for the Disabled, gegründet 1977.

1979 wird  sie Literaturredakteurin der Sunday Times und Julian Barnes wird ihr Stellvertreter. Dort erlebt sie mit, wie der neue Besitzer Rupert Murdoch moderne Druckverfahren einführt und damit einen fast ein Jahr andauernden Streik der Drucker auslöst, von denen viele ihre Arbeit verlieren. Auch die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher beutelt das Ansehen der renommierten Zeitung.

Doch 1980 erlebt sie eine weitere familiäre Katastrophe. Ihre einst so lebenslustige Tochter Susanna bringt sich um, trotz Therapie, trotz aller Unterstützung, trotz aller Liebe. Kein Tag vergeht, ohne dass ihre Mutter an sie denkt und glaubt, sie im Stich gelassen zu haben, nicht hart genug um sie gekämpft zu haben.

Grief has to be set aside, but it does not go away. It arrives each morning as you wake, lies in wait in the familiar routines of the day, takes you by surprise. You may not lose the power to enjoy the pleasures offered by the world but you stand in a different relation to them, in some ways more intense because you know now how fragile they are. The best things I saw, heard, read, felt, often brought me to tears because they came with the knowledge that my daughter was never going to share them. (S. 254)

1986 verlässt Tomalin die Times, nachdem Murdoch den Umzug der Zeitung nach Wapping veranlasst (siehe auch den Beitrag in der englischen Wikipedia zum Wapping Dispute) und unzählige Kündigungen ausgesprochen hat.

I could not stomach Murdoch’s mixture of bullying and bribery, which has not in the long run been good for the press. I also knew that I was lucky to be able to face losing my job, because I had ideas for books I wanted to write and a publisher ready to pay me advances. (S. 280)

Eines dieser Ideen ist das Buch über Katherine Mansfield, für das sie Mansfields engste Freundin Ida Baker besucht, die schon nahe der neunzig ist, als Tomalin sie kennenlernt.

1993 heiratet Claire ihren langjährigen Freund Michael Frayn, der ebenfalls Schriftsteller ist und ihretwegen seine Frau verlässt. 2002 sind die beiden sogar Konkurrenten bei der Verleihung des Whitbread Awards, was wiederum die Journalisten entzückt, die am liebsten Fotos hätten, auf denen sich die beiden ihre Bücher um die Ohren hauen.

Letztlich bietet uns Claire Tomalin hier einen Einblick in ein Leben, in dem sie sich männlichen Rollenerwartungen nicht gebeugt, sondern mit unglaublich viel Power eine große Familie, Arbeit und Liebe miteinander verbunden hat, mit allen Höhen und Traurigkeiten, die dazu gehören. Dem Abschied von Kindern, dem ersten Ehemann, den Eltern. Dazu Karriere in einer von Männen dominierten Berufswelt. Anerkennung. Freunde. Freude am Schreiben, an der Recherche, am Lesen, am Reisen, an Musik, an der Familie.

Bescheiden, manchmal witzig, manchmal fast zu diskret, politisch wach, manchmal wehmütig, leicht, im Sinne von sich selbst nicht so unendlich wichtig nehmend. Und was für ein hübsches Fazit:

Until now my books have ended with the death of the main character. This one has to be different. I have reached eighty-four, longer than any of my subjects except Thomas Hardy, who got to eighty-seven. He went on writing to the end, and I intend to take a lesson from him and begin on another book if possible when this one is finished. (S. 329)

 

 

 

 

 

Anthony Ray Hinton: The Sun Does Shine (2018)

Bevor sich alle fragen, ob Buchpost nun zu einem reinen Fotoblog mutiert, wird es Zeit, die Sommerpause für beendet zu erklären und für eine Besprechung, doch wie soll man dieser Autobiografie gerecht werden? Rasch und ungeplant in einer Flughafenbuchhandlung erstanden und dann nach dem Lesen Bestürzung, Betroffenheit, Bewunderung. Doch von vorne:

1985 wurden zwei Mitarbeiter von Fastfood-Restaurants bei Raubüberfällen in Alabama erschossen, ein drittes Opfer überlebte und identifizierte den Afroamerikaner Anthony Ray Hinton (*1956) anhand von Fotos als den Täter. Indizien oder Zeugen gab es nicht. Eine Zeugenaussage war gelogen, das Foto bei der Identifizierung durch das Opfer bereits als Täterfoto markiert.

Hinton bekommt einen schlecht bezahlten, unfähigen und lustlosen Pflichtverteidiger an die Seite gestellt, dem es gleichgültig ist, ob Hinton schuldig ist oder nicht. Der vom Verteidiger bestellte Gutachter, der beurteilen soll, ob es sich bei der alten Waffe von Hintons Mutter um die Tatwaffe handelt, ist auf einem Auge blind und kann das Mikroskop nicht richtig bedienen. Eine Katastrophe, die der Staatsanwalt im Prozess weidlich auskostet.

Trotz seines Alibis, er war zur fraglichen Zeit des dritten Überfalls an der Arbeit, bei der man ein- und auschecken musste, wird Hinton zur Todesstrafe verurteilt, da es sich bei der Waffe seiner Mutter definitiv um die Tatwaffe handele. Er verbringt die nächsten 29 Jahre in der Todeszelle im Gefängnis William C. Holman Correctional Facility.

Obwohl Anwälte der Equal Justice Initiative 2002 schließlich nachweisen können, dass Hinton unschuldig ist, FBI-Experten zweifelsfrei nachweisen, dass die Schüsse aus einer anderen Waffe abgefeuert wurden und sein erster Prozess eine einzige Abfolge von Fehlern der Verteidigung war, weigert sich der Staat Alabama, den neuen Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen, da dies den Steuerzahler nur unnötig Geld kosten würde.

Noch in einem 2009 veröffentlichten Buch faselt der inzwischen verstorbene Staatsanwalt McGregor davon, wie sehr Hinton „just radiated guilt and pure evil“.

Erst 2015, nachdem Bryan Stevenson und sein Team von der EJI 16 Jahre dafür gearbeitet haben, Hintons Unschuld zu beweisen, gelangt der Fall vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Hinton kann nach fast 30 Jahren das Gefängnis als freier Mann verlassen.

Dabei verschweigt er nicht, dass das Leben im Knast ihn gezeichnet hat. Noch lange nach seiner Entlassung wacht er morgens um drei Uhr auf, weil man dann im Gefängnis Frühstück bekam. Er fühlt sich anfangs in Räumen, die größer als seine Zelle sind, unwohl. Und jeden Tag ruft er mehrmals Freunde an, sammelt Quittungen, verschafft sich sozusagen Alibis, denn die Furcht, grundlos von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben gerissen zu werden, hat sich tief in ihn eingegraben. Diejenigen, die ihn 1985 sterben lassen wollten, sind natürlich über seine Freilassung unglücklich und halten sie für grundfalsch. Von den an dem Fehlurteil Beteiligten hat sich niemand je bei ihm entschuldigt. Eine finanzielle Entschädigung hat er bis jetzt nicht bekommen.

In diesem Buch, das er zusammen mit Lara Love Hardin geschrieben hat, erzählt er auf hinreißende Weise von seiner Jugend, der engen Beziehung zu seiner Mutter und deren christlichem Glauben und von seinem besten Kumpel Lester, der ihn schließlich fast dreißig Jahre lang jeden Monat im Gefängnis besuchen wird und der sich um Hintons Mutter kümmern wird, als wäre es seine eigene.

Wir lesen, wie eklatante Unfähigkeit und Rassismus sich auch strukturell in der Rechtsprechung austoben dürfen, wie ihm Anklagevertreter ganz unverhohlen sagen, dass es ihnen egal sei, ob er schuldig ist oder nicht, Hauptsache, es gäbe wieder einen Nigger weniger auf Alabamas Straßen. Einer droht ihm sogar, ihn im Falle einer Freilassung persönlich am Gefängniseingang abzuknallen.

Und Hinton erzählt vom Leben im Gefängnis, von den Demütigungen und Schikanen einzelner Wächter, den seltsamen Freundschaften, die sich bilden, z. B. mit dem ehemaligen KKK-Mitglied Henry Hays, den im Sommer unerträglich heißen Zellen, von seiner Idee eines Buchklubs und dem Geruch von Menschenfleisch, wenn alle riechen können, dass wieder einer auf dem elektrischen Stuhl gestorben ist. Und auf welche Art und Weise die Männer einander das Beileid aussprechen, wenn einer von ihnen einen Angehörigen verloren hat. Und von der Sehnsucht nach seiner Mutter.

Dabei verhehlt er nicht, dass viele der Männer grauenhafte Verbrechen begangen haben, manche Psychopathen und andere geistig behindert ist.

Natürlich schildert das Buch auch den juristischen Kampf um seine Unschuld, ohne die Organisation von Bryan Stevenson hätte er Holman niemals lebend verlassen, wobei für den juristischen Laien vielleicht ein paar Hintergrundinformationen hilfreich gewesen wären.

Doch vor allem erzählt Hinton von seinem täglichen Kampf darum, im Gefängnis nicht innerlich zu sterben und der Verlockung des Selbstmords nicht zu erliegen. Mehrere Jahre dauert es, bis er zu der Einsicht kommt, dass er selbst in seiner engen und widerlichen Zelle Wahlmöglichkeiten hat.

I was on death row not by my own choice, but I had made the choice to spend the last three years thinking about killing McGregor and thinking about killing myself. Despair was a choice. Hatred was a choice. Anger was a choice. I still had choices, and that knowledge rocked me. I may not have had as many as Lester had, but I still had some choices. I could choose to give up or to hang on. Hope was a choice. Faith was a choice. And more than anything, love was a choice. Compassion was a choice. (S. 115)

Das ist die Nacht, in der er anfängt, Anteil am Leben der anderen Insassen und Wärter zu nehmen, Empathie, Humor und Mitgefühl zu zeigen. Er kann wieder – manchmal auch unter Tränen – Witze machen und darf schließlich sogar den Wärtern öfter was Leckeres kochen.

Und so verrückt das klingt, es ist ein verstörendes Buch, aber von großer Wärme, Stärke und manchmal auch Witz durchzogen. Eine Liebeserklärung an seine Mutter, die Frau mit den klaren Ansagen, die ihm gezeigt hat, was es bedeutet, bedingungslos geliebt zu werden, und an seinen besten Freund Lester, seinen Verteidiger und späteren Freund Bryan Stevenson und – wenn man das überhaupt noch erwähnen muss – natürlich ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und eine Geschichte, die uns viel über Rassismus in Amerika erzählt. Voller einprägsamer Momente.

Hinton ist laut Wikipedia der 152. Mensch, der seit 1973 in Amerika nachweislich unschuldig zum Tode verurteilt worden ist.

Er hat sich entschlossen, denjenigen, die ihm 30 Jahre seines Lebens gestohlen haben, zu vergeben.

Hier gibt es noch einen Bericht im Guardian.

 

Fundstück von Agota Kristof

Wenn wir die Eltern meiner Mutter besuchen, die in einem nahe gelegenen Dorf wohnen, in einem Haus mit Licht und Wasser, nimmt mich mein Großvater an der Hand, und wir machen zusammen einen Rundgang durch die Nachbarschaft. Großvater holt eine Zeitung aus der großen Tasche seines Gehrocks und sagt zu den Nachbarn: ‚Seht her! Hört zu!‘ Und zu mir: ‚Lies.‘

Und ich lese. Fließend, fehlerlos, so schnell, wie man es verlangt.

Abgesehen von diesem großväterlichen Stolz, wird mir meine Lesekrankheit eher Vorwürfe und Verachtung einbringen:

‘Sie tut nichts. Sie liest die ganze Zeit.‘

‘Sie kann sonst nichts.‘

‘Das ist die bequemste Beschäftigung, die es gibt.‘

‘Das ist Faulheit.‘

Und vor allem: ‚Sie liest, anstatt…‘

Anstatt was?

‘Es gibt so viel Nützlicheres, nicht wahr?‘

aus: Agota Kristof: Die Analphabetin, Ammann Verlag 2005, S. 11

Die Originalausgabe erschien 2004.

Fred Uhlman: The Making of an Englishman (1960)

Ich weiß sehr wenig über die Herkunft meiner Familie, die aus Freudental, einem kleinen Dorf in der Nähe von Stuttgart, stammte. Vor dem 18. Jahrhundert hatten die deutschen Juden, soweit ich weiß, keine Nachnamen. Es gab nur ungefähr fünfhundert Juden in ganz Württemberg, und sie hatten alle kein Wohnrecht in den größeren Städten.

So, zunächst ein bisschen trocken, beginnt das Buch, das auf Deutsch in folgenden Ausgaben erschienen ist:

  • Erinnerungen eines Stuttgarter Juden (1992)
  • The Making of an Englishman: Erinnerungen eines deutschen Juden, Diogenes Verlag (1998)

Manche Bücher sind eine unerwartete Entdeckung und diese Autobiografie eines jüdischen Rechtsanwalts gehört dazu. Er musste 1933 Hals über Kopf Stuttgart verlassen, da er als engagiertes SPD-Mitglied in Schutzhaft genommen werden sollte, aber gerade noch rechtzeitig von einem NSDAP-Mitglied gewarnt worden war. Über Frankreich gelangte er schließlich nach Großbritannien. Den Rest seines Lebens verbrachte er als Maler und Schriftsteller in Paris, Spanien und England. 1985 starb er in London.

Warum das lesenswerte Buch erst 1992 ins Deutsche übersetzt wurde, ist mir ein Rätsel.

Am meisten hat mich vielleicht überrascht, dass das Buch ab und zu auch unglaublich komisch ist. Das entlarvt meine falsche Brille: als ob alle Juden in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Trauermine still und schattenhaft einer ihnen bereits bekannten Katastrophe entgegengingen.  Zum vollen Menschsein gehört natürlich der Humor. Und verfolgt und umgebracht wurden später keine Schatten, sondern Menschen.

Die Schilderungen burschenschaftlicher Trinkgelage, die er während seiner Studententage in den zwanziger Jahren mehr halbherzig denn aus Überzeugung mitmacht, lassen mich möglicherweise das Verhalten mancher meiner Schüler etwas entspannter sehen.

Vier Liter an einem Abend waren eher die Regel als die Ausnahme […] Lange nach Mitternacht gingen wir heim. Die weniger Betrunkenen halfen den ganz Betrunkenen. Auf dem Nachhauseweg flogen Fenster auf, und die Einwohner, die aus dem Schlaf gerissen wurden, schrien Beleidigungen. Oft gab es Streit. Ich erinnere mich an K., der auf einem Briefkasten lag und seine volle Blase in ihn entleerte und an Z., der so betrunken war, daß wir ihn, als wir ihn endlich nach Hause gebracht hatten, entkleiden und an sein Bett fesseln mußten, da er drohte, die Möbel kurz und klein zu schlagen. Ein anderer, der glaubte, er sei bereits im Bett, wurde von der Polizei schlafend und splitternackt unter einer Straßenlaterne gefunden, die Kleider waren sauber auf einem Haufen neben ihm zusammengelegt. (S. 81-82)

Und von wegen, dass ausschließlich mittelalterliche Unterschichtjungs ausrasten, weil man angeblich ihre Mutter oder Schwester beleidigt habe. Uhlman erklärt z. B. das studentische Duell:

Das Duell war eine ernstere Angelegenheit. Es gab verschiedene Abstufungen, die von der Schwere der Beleidigung abhingen. Wenn man zum Beispiel einen Corpsstudenten einen ‚alten Esel‘ nannte, reichte ein Duell auf leichten Säbeln; aber wenn man seinen Vater einen Schwarzhändler nannte, seine Mutter eine Hure oder an der Tugendhaftigkeit seiner Schwester zweifelte, dann konnte die Ehre nur durch ein Duell auf schweren Säbeln wiederhergestellt werden. (S. 81)

Wer Näheres zu Uhlmanns Leben und dem seiner jüdischen Angehörigen wissen möchte, dem empfehle ich den Artikel aus der Stuttgarter Zeitung von Susanne Stephan aus dem Jahre 2013.