Ursula März: Tante Martl (2019)

Die Autorin und Literaturkritikerin Ursula März (*1957) hat ein hinreißendes Buch über ihre Patentante geschrieben. Die Eckdaten dieses Lebens werden uns gleich zu Beginn mitgeteilt, nachdem wir im Vorübergehen erfahren haben, wie Telefongespräche mit Tante Martl ablaufen und wie diese zu Thomas Gottschalk steht, den sie nur „de dumm Lackaff“ nennt.

Meine Tante war Lehrerin von Beruf. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Außer ein paar Jahren während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit verbrachte sie ihr gesamtes Leben in ihrem Elternhaus in der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken. Der einzige Wechsel ergab sich nach dem Tod ihrer Eltern, als meine Tante aus ihrer Wohnung im Erdgeschoss in das nun frei gewordene Obergeschoss zog. Danach verbrachte sie noch 38 Jahre allein in dem Haus, in dem sie an einem Junisonntag im Jahr 1925 geboren worden war. Sie war eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste, mit kribbelnder Vorfreude ihre Touren in Mittelmeerländer, ins Gebirge und sogar ans Nordkap plante. Aber sie unternahm nie einen Versuch, sich vom Elternhaus zu lösen, zumal von einem Vater, der sie rücksichtslos spüren ließ, dass er sie nicht gewollt hatte. (S. 8/9)

Tante Martl war die jüngste von drei Schwestern (eine davon die Mutter der Autorin), von denen die zwei anderen immer wie selbstverständlich davon ausgingen, dass Martl eher so Dienstbotenstatus habe und und dass es Martl sei, die sich trotz ihrer Berufstätigkeit um die alten Eltern zu kümmern habe.

Selbst als die drei Schwestern schon ältere Frauen sind, wollen sie Martl nicht erlauben, sich von einer alten Wanduhr in ihrer Wohnung zu trennen, die schließlich schon immer im Elternhaus gestanden habe. So lebt Martl jahrelang mit einem Möbelmonstrum in ihrer Wohnung. Wie sie sich schließlich doch davon befreit, ist nur eine der unterhaltsamen und gleichzeitig anrührenden Geschichten in diesem Buch.

Abgesehen davon, dass schon allein die Bekanntschaft mit der keineswegs immer liebenswürdigen „Tante Martl“ für den Leser/die Leserin lohnt, war für mich eine weitere Besonderheit an diesem Buch, dass ich trotz aller Individualität, die jedes Leben ausmacht, doch viel über die Generation meiner Großeltern darin wiedergefunden habe. Die Frage, welche Schulbildung man seinen Töchtern zubilligt. Die Prägung durch ein autoritäres Elternhaus, in dem der Vater, der es unter Hitler bis zum Gefängnisdirektor bringt, sich unwidersprochen als Despot aufführen darf, sich in seiner Männerehre getroffen fühlt, als Martl die unverzeihliche Schuld auf sich lädt, nicht als Sohn auf die Welt zu kommen. So lässt er sie zunächst auf dem Standesamt als Martin eintragen, in der Hoffnung, dass sich das Universum seinen Wünschen vielleicht doch noch beugt.

Eine Kränkung, die Martl nie verwinden wird und als sie alt ist, langsam dement wird und sie so vieles schon vergessen hat, bricht sich die Traurigkeit darüber, nie vom Vater gewollt und anerkannt gewesen zu sein, noch einmal mit vielen Tränen Bahn.

Sie wird im Gegensatz zur Lieblingstochter füchterlich verprügelt, bis manchmal die Mutter mit den Worten dazwischengeht, er solle jetzt mal besser aufhören, sonst würde er sie noch totschlagen.

Vermutlich ist es ihm nie seltsam erschienen, dass es gerade Martl war, die sich später um ihn kümmerte, als er im Alter auf Pflege angewiesen war.

Die Irrationalität und Ungerechtigkeit im Umgang mit den Töchtern wirken sich natürlich auf deren weiteres Leben aus. Die Lieblingstochter Rosa ist später oft vom Leben überfordert und flüchtet sich lieber in Krankheiten und die Geschichten um den europäischen Adel in diversen Klatschmagazinen, schließlich ist sie auf nichts anderes vorbereitet worden.

Doch auch dieses Frauenschicksal ist nicht ohne den geschichtlichen Hintergrund zu sehen und zu verstehen. Rosa heiratete im Frühsommer 1944. Nach einer Woche Hochzeitsurlaub musste ihr Mann zurück zu seiner Einheit. Rosa erkrankte im Spätherbst 1944 an einer schweren Hepatitis. Als sie im Januar 1945 die Nachricht erhielt, dass er in Oberitalien bei einem Angriff eines Lazaretts – er war Arzt – ums Leben gekommen war, lag sie noch im Krankenhaus.

Ab dieser Zeit nahm sie die Position der überempfindlichen, von jedem Lüftchen bedrohten und kaum belastbaren Frau ein, die um Hilfe ruft, wenn eine große Bratpfanne von der Herdplatte gehoben werden muss. (S. 71)

Auch der Reinlichkeitszwahn der ältesten Schwester Bärbel kommt vermutlich nicht von ungefähr. Als erwachsene Frau begeistert sie sich schließlich für das Desinfektionsmittel Sakrotan.

Sie kaufte Flaschen davon im Dutzend und fand im Desinfizieren des Haushalts große Befriedigung. Wenn ich bei ihr in Kaiserslautern zu Besuch war und mir vor dem Essen die Hände wusch, wartete sie ungeduldig, bis ich fertig war, sie einen Putzschwamm mit Sakrotan begießen und das Waschbecken ausreiben konnte. (S. 33)

März schafft es, uns diese Frauen nahezubringen, indem sie Geschichten, die in der Familie überliefert wurden, in Bezug setzt zu ihrer eigenen Beziehung zu Tante Martl und den vielen Gesprächen, die die beiden miteinander geführt haben. Dazu kommen zahlreiche, wunderbar ausgewählte und aussagekräftige Erinnerungen der Autorin, die auch die andauernden und oft nur unterschwellig wirksamen Familienkonflikte mit in den Blick nehmen und dem Ganzen eine große Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit verleihen.

Gleichzeitig bleibt das Buch durchlässig auf die Leerstellen und Widersprüchlichkeiten, die sich bei der Beschreibung dieses Lebens zeigen. Wer machte das wunderschöne Foto von ihrer ca. zwanzigjährigen Tante, auf dem sie wie auf keinem anderen glücklich und mit sich im Reinen in die Kamera schaut? Warum hat sie sich selbst als erwachsene Frau von ihren Schwestern den Wunsch nach einem Hund ausreden lassen, von dem sie doch ihr ganzes Leben geträumt hat?

Wie lassen sich die Unterwürfigkeit Tante Martls gegenüber der Familie und ihr Wunsch, in Restaurants immer auf den schlechtesten Plätzen zu sitzen, in Einklang bringen mit ihrer Emanzipation? Sie war die einzige der drei Schwestern, die eine überregionale Zeitung las, Auto fahren, einen Handwerker herbeibeordern und ihre Geldgeschäfte selbstständig regeln konnte. Und überhaupt: Eigentlich hieß sie Martina, wurde aber von allen immer nur als Tante, also in Relation zu ihrer Familie, bezeichnet.

Wie war die oft schroffe Frau als Lehrerin? Schließlich kommen zur Beerdigung viele ihrer ehemaligen HauptschülerInnen, von denen sich einer mit besonderer Dankbarkeit an sie erinnert.

Und manche der Szenen sind einfach unglaublich komisch und zeigen, zu welchen Absurditäten das ganz „normale“ Familienleben immer wieder führen kann.

Eine besonders schöne Stelle beschreibt, wie die Autorin als Kind mit ihrer ca. vierzigjährigen Tante auf einem Jahrmarkt unterwegs ist. Das Kind möchte so gern, dass Tante Martl einmal zusammen mit ihr mit dem Kettenkarussell fährt.

‚Isch will net‘, wehrte sie barsch ab, ‚isch bin doch ke Hanswurscht, wo sisch vor de Leut blamiert.‘ (S. 34)

Das Kind schafft es mit einem Trick, dass der Tante nichts anderes übrigbleibt, als in das Karussell zu steigen, andernfalls wären noch viel mehr Menschen auf das Gerangel der beiden aufmerksam geworden.

Es begann sich zu drehen, nach ein paar Metern schwebten wir über dem Boden, bei der nächsten Runde lag das Kirmesgelände schon weit unter uns. Ich schaute zu meiner Tante hinüber und hoffte, es würde ihr nicht schwindlig oder übel. Mit den Händen umklammerte sie ängstlich die seitlichen Metallgriffe des Sessels, aber in ihrem Gesicht sah ich den lachenden  Jubel, nach dessen Ausdruck ich mich gesehnt hatte. (S. 35)

Auf der Homepage des Deutschlandfunk gibt es ein Interview mit der Autorin.

Und Lena Riess hat das Buch ebenfalls gelesen.

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Steven Naifeh; Gregory White Smith: Van Gogh – Sein Leben (OA 2011)

Vor einigen Jahren kaufte ich im Van Gogh Museum in Amsterdam DIE Biografie von Naifeh und Smith zum Künstler; doch wie so oft, das Buch war gekauft, aber dann verlor sich das Interesse und andere Bücher drängelten sich vor, bis es mir eher zufällig wieder in die Hände fiel. Unlustige Gedanken machten sich breit: Würde mein Interesse an van Gogh und seinen Bildern wirklich über 1000 Seiten tragen? Hätte es der Wikipedia-Artikel nicht auch getan?

Die Antwort ist einfach: Nein, das Buch war hinreißend und so spannend, ja manchmal geradezu nervenaufreibend, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte und mein Mann musste sich jeden Abend lange Inhaltsangaben anhören – selbst wenn es einiges gab, was man vielleicht hätte kürzer fassen können.

Den Trumm aus dem Amerikanischen übersetzt haben Bernhard Jendricke, Christa Prummer-Lehmaier, Sonja Schuhmacher und Rita Seuß.

Alle meine Ansichten, die ich vorher zu van Gogh (1853 – 1890) hatte, warf das Buch über den Haufen; nahezu jede Seite brachte neue Details eines Lebens, das sich zwischen Kunsthandel, Büchern, Museen, Holland, Prostituierten, Großbritannien, Selbstkasteiungen, einem belgischen Steinkohlerevier, Armut, Paris und Südfrankreich entfaltete. Auch die gängige Theorie von Vincents Selbstmord stellen die Autoren zumindest in Frage.

Naifeh und Smith konnten nicht nur auf die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungsarbeit zurückgreifen und auf die Hilfe renommierter Institutionen hoffen, sie haben es neben ihrer schier unglaublichen Recherchearbeit auch verstanden, unzählige Zitate aus den Briefen Vincents und anderer Familienmitglieder – allen voran von Bruder Theo – so organisch einzuflechten, dass man sehr nahe am Geschehen ist.

Die künstlerische Entwicklung van Goghs wird in den gesamtgesellschaftlichen und künstlerischen Rahmenbedingungen verortet und ist auch für Laien gut nachvollziehbar. Das Buch enthält eine ganze Reihe von Abbildungen, von denen man sich, wie könnte es anders sein, natürlich noch wesentlich mehr wünschen würde.

Doch es sind vor allem drei Aspekte, die mich am meisten an dieser unglaublichen und dabei doch immer sachlichen Biografie faszinieren, die weitab von jeglicher Verklärung oder Verkitschung ihres Gegenstandes ist.

Zum einen lässt sich das Buch auch als Psychogramm einer Familie lesen. Der Vater war Pfarrer und in dieser oft sehr verlogenen Welt, die nur auf äußere Wohlanständigkeit schielte, war von Anfang an kein Platz für einen schwierigen und unkonventionellen Sohn. Den Kindern wurde verboten, mit Bauern und armen Leuten Umgang zu haben. Man war schließlich etwas Besseres. Später „durften“ Vincent und sein Bruder Theo zwar Affären haben, selbst dass sie Frauen schwängerten, war nicht das eigentliche Problem. Doch sobald einer der Söhne seine unstandesgemäße Geliebte heiraten wollte, wurden die ganz großen Geschütze aufgefahren.

Zum anderen ist die Bruderbeziehung zwischen Vincent und Theo wesentlich vielschichtiger, als ich mir das so vorgestellt hatte. Und Vincent war allein schon vom Verhalten und den finanziellen Forderungen, die er an Theo stellte, tatsächlich eine unglaubliche Belastung. Vincent war nicht fähig und später auch nicht willens, seinen eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Vor allem, nachdem sich seine Träume, als einfacher Prediger in England Arbeit zu finden, als völlig wirklichkeitsfremd erwiesen hatten. Und zu seinen Lebzeiten ist nur der Verkauf eines einzigen Gemäldes von ihm dokumentiert.

Der dritte Aspekt, der nach der Lektüre nachhallt, ist die schier unfassbare lebenslange Einsamkeit dieses Mannes, der – so erscheint es mir jetzt – eher aus Zufall Künstler geworden ist. Ein Mensch, der ständig von Heimweh nach einer illusionären heilen Vergangenheit und Familie – die später nichts mehr von ihm wissen wollte – geplagt war und in grandiosen Wahnvorstellungen von einer Künstlergemeinschaft geträumt hat und für diese Gemeinschaft vermutlich der allerungeeignetste gewesen wäre. Sämtliche Beziehungen und Freundschaften zerbrachen an seinem unverschämten, distanzlosen und diktatorischen Verhalten. Selten dürften Selbst- und Fremdwahrnehmung bei einem Menschen immer wieder so weit auseinander gelegen haben wie bei Vincent van Gogh.

Seine große Liebe galt der Porträtmalerei, also genau dem Bereich, wo er vermutlich die größten handwerklichen Schwächen  hatte. Seine vielen Selbstporträts sind allerdings auch dem Umstand geschuldet, dass er oft kein Geld hatte, Modelle zu bezahlen.

Seine unbeschwerteste Zeit war womöglich die in der „Irrenanstalt“ in Südfrankreich, wo er einfach – zwischen seinen Wahnschüben – malen konnte, sich nicht um finanzielle Angelegenheiten sorgen und nicht befürchten musste, von Straßenjungen mit faulem Obst beworfen zu werden. Es geht einem nahe, wenn man nach über 1000 Seiten liest, was er kurz vor seinem Tod aus Auvers in einem Brief geschrieben hat:

Ich will nicht sagen, meine Arbeit wäre gut, aber von allem, was ich machen kann, ist sie noch am wenigsten schlecht. Das Übrige, Beziehungen zu Menschen, ist recht zweiten Ranges, denn dazu habe ich kein Talent. Das lässt sich nun mal nicht ändern.

Sein Bruder Theo, ohne dessen finanzielle Unterstützung Vincent nichts hätte malen können, starb nur ein Jahr nach ihm. Dass wir heute van Goghs Gemälde in den Museen der Welt bewundern können, verdanken wir ganz wesentlich seiner Schwägerin und seinem Neffen und Sammlern wie Helene Kröller-Müller.

Und wer mag, hört jetzt noch ein bisschen Don McLean.

 

Merlin Holland: Das Oscar-Wilde Album (OA 1997)

Vor vier Jahren (!) empfahl Petra auf Philea’s Blog Das Oscar-Wilde Album, das Fotos, Karikaturen und andere Bilder zu Wilde enthält. Zusammengestellt wurde es von Merlin Holland, dem einzigen Enkel des weltberühmten irischen Schriftstellers. Ich erstand das Büchlein damals günstig im Antiquariat und seitdem fristete es irgendwo ein Schattendasein in meinen eher unsortierten Bücherregalen. Aber im Urlaub las ich mal wieder Wildes große Gesellschaftskomödien.

Wie keck, wie frisch und frech die sich heute noch lesen! Und wie Wilde es schafft, innerhalb weniger Zeilen die Verlogenheit und die Heuchelei der oberen Gesellschaftsschichten auf den Punkt zu bringen. Und wenn man an seine letzten Lebensjahre denkt, behandelt er in seinen Stücken fast schon hellseherisch die Frage, was die Gesellschaft noch zu tolerieren bzw. zu verzeihen bereit ist oder was einen dauerhaft ins soziale Aus manövrieren wird.

Außerdem wird in den Komödien das Problem, dass man oft einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit unter Verschluss halten muss, um nicht durch das Raster der „Anständigen“ zu fallen, ironisch und wortgewandt verpackt. Aber vor dem Hintergrund von Wildes Homosexualität und den damals dramatischen Folgen (Prozess mit Verurteilung zu Zwangsarbeit, Einzelhaft, Verarmung und gesellschaftlicher Ächtung bis zum frühen Tod) läuft es einem trotz allem Wortwitz schon manchmal kalt den Rücken herunter.

Da passte das von Petra genannte Buch natürlich wie der Topf auf den Deckel. Und gerade bei Wilde (1854 – 1900), einem so an der Selbstdarstellung interessierten Menschen, ist das Visuelle ein ganz wesentlicher Bestandteil. Die Fotos, Karikaturen und Werbeplakate werden erläutert und hangeln sich an der kurz und knackig erzählten Biografie Wildes entlang.

Als Kinder durften Oscar und Willie beim Essen mit am Tisch sitzen und zuhören, ohne zur Unterhaltung beizutragen. Eine frühe Übung darin, den Mund zu halten, was ihm, wie Oscar erklärte, später half, ihn als Erwachsener so wirkungsvoll zu nutzen. (S. 20)

Wilde ließ sich von professionellen Starfotografen gleich in Serie portätieren, in verschiedensten Posen und teuren Kleidungsstücken – er hätte wahrscheinlich heute viel Freude an Facebook und Twitter.

Dabei weist Holland nicht zu Unrecht darauf hin, dass man heute allzu leicht vergesse,

was für ein hervorragender Akademiker er war. Sowohl bei seiner Zwischenprüfung im Jahre 1876 als auch bei seinem Abschlußexamen im Jahre 1878 schnitt er als Bester seines Jahrgangs ab, und bei der mündlichen Prüfung sollen die Prüfer mehr Zeit darauf verwendet haben, ihm zu seiner Leistung zu gratulieren, als ihn zu seinen schriftlichen Arbeiten zu befragen. (S. 35)

Schließlich hatte Wilde klassische Sprachen und Literatur, moderne Philosophie, Philologie und Geschichte zunächst in Dublin und später in Oxford studiert.

Aber es gibt auch anrührende Bilder in diesem Band: Als Oscar Wilde dreizehn Jahre alt ist, stirbt seine drei Jahre jüngere Schwester. Oscar bemalt einen Briefumschlag und bewahrte darin eine Locke ihres Haares bis zu seinem eigenen Tod. Oder die Porträts seiner großen und verhängnisvollen Liebe, des sechzehn Jahre jüngeren Lord Alfred „Bosie“ Douglas, den Wilde kennenlernt, als er 37 ist.

Das Album ist für alle geeignet, die etwas über Wilde erfahren möchten, sich aber nicht gleich den Ziegelstein von Ellmann mit knapp 900 Seiten antun möchten.

Ansonsten empfehle ich auch Petras Artikel zu Oscar Wilde selbst.

Hazel Hutchison: Henry James (2015)

Henry James‘ früheste Erinnerung beruht auf einer Kutschfahrt mit seinen Eltern: in einem langen Kinderkleidchen saß er da, mit den Beinen baumelnd, als sein Blick aus dem Fenster auf einen großen Platz fiel, auf dem sich eine steinerne Säule in den Himmel reckte. Man schrieb das Jahr 1844, und die Familie James weilte gerade in Paris, nachdem sie mehrere Monate in London verbracht hatte. Wie ihm seine Eltern später bestätigten, waren sie damals die Rue st. Honoré hinuntergefahren und hatten dabei auch den Place Vendôme passiert mit der Colonne Vendôme, der Siegessäule mit dem Standbild Napoleons. Es war, so schrieb er später in seiner Autobiografie, ein ‚Mirakel‘ der Erinnerung. Er war noch nicht einmal zwei Jahre alt, aber das Bild der Siegessäule, die im Rahmen des Kutschenfensters über der Silhouette der Stadt aufragte, hatte sich ihm tief ins Gedächtnis eingeprägt.

So beginnt die Biografie, die ich heute anlässlich des 100. Todestages von Henry James vorstellen möchte:

Hazel Hutchison: Henry James – Biografie (2015)

Die deutsche Übersetzung von Ute Astrid Rall wurde im Parthas Verlag veröffentlicht. Die Originalausgabe erschien 2012.

An dieser Stelle möchte ich mich für die Überlassung eines Besprechungsexemplars bedanken.

Zum Inhalt

Auf 192 Seiten verfolgen wir den Werdegang des Autors, der 1843 in New York in wohlhabenden, aber einengenden Familienverhältnissen zur Welt kam. Sein Großvater väterlicherseits, der als Achtzehnjähriger aus Irland eingewandert war, ließ sich 1793 in Albany nieder

und gab der Stadt Jamesville, New York, seinen Namen. Als er 1832 starb, hinterließ er ein Vermögen von drei Millionen Dollar. (S. 9)

Henry James‘ Vater, ein glühender Anhänger der Lehren Swedenborgs, brauchte aufgrund dieses Erbes niemals für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Er veranlasste auch die ständigen Schulwechsel seiner Söhne, wobei sich die Schulen mal in Amerika, mal in Europa befanden. Dabei hatte sich schon der Beginn von Henrys Schulbildung nicht eben vielversprechend angelassen:

Albany war auch der Sitz einer Grundschule namens Dutch House, in die er zunächst eingeschult werden sollte. Doch niemand brachte es fertig, den kleinen, schreienden und um sich tretenden Jungen über die Schwelle zu zerren, und so musste man ihn wieder nach Hause bringen. (S. 15)

Überhaupt werden die häufigen Orts- und Kulturwechsel zwischen Italien, Frankreich, England und der „Neuen Welt“ Amerika zu einem bestimmenden Lebensmotiv, dem die feinfühlige Beobachtungsgabe, die Sprachkenntnisse und die Werke des später weltberühmten Literaten wesentliche Impulse verdanken.

Schon als Sechsjähriger erliegt Henry der Faszination der Literatur.

Als seine Mutter sich hinsetzte, um einem älteren Cousin die erste Folge von David Copperfield vorzulesen, verrieten den sechsjährigen Harry [wie Henry genannt wurde], der ins Bett geschickt worden war, sich zum Zuhören aber unter einem Tisch versteckt hatte, lauthalse Schluchzer angesichts der Leiden von Dickens jugendlichem Helden. Als er älter wurde, las James sämtliche Werke Dickens, derer er habhaft werden konnte, und wartete begierig auf das Erscheinen neuer Fortsetzungen der späteren Romane. (S. 17)

Ein Jura-Studium wird begonnen, dann abgebrochen. Henry James Junior, wie er sich bis zum Tode seines Vaters nennt, entwickelt eine tiefe Liebe zur Literatur, schreibt erste Kritiken für diverse Zeitschriften, knüpft Freundschaften zu wichtigen Mentoren und hat Kontakt mit der kulturellen Elite seiner Zeit. In London beispielsweise lernt er John Ruskin, Dante Gabriel Rossetti, Charles Darwin und William Morris kennen. Er besucht auch George Eliot, über die er in einem Brief schreibt:

Insgesamt  hat sie einen größeren Umfang, als ich es je bei einer Frau gesehen habe. (S. 55)

James vermeidet feste Liebesbeziehungen, obwohl er im Laufe seines Lebens mit mehreren Frauen freundschaftlich verbunden sein wird, z. B. mit Edith Wharton.

Früher oder später werde ich ein Haus beziehen, aber es ist keinerlei Eile geboten, und wenn ich einen Hausstand gründe, ist Mrs. H[enry]. nicht Teil des Mobiliars, das ich da hineinstellen werde. (S. 91)

Schließlich siedelt er dauerhaft nach England über, auch wenn die Beziehungen zu seiner Familie, und ganz besonders die zu seinem älteren Bruder William, sehr eng bleiben. 1915 nimmt er die britische Staatsbürgerschaft an.

James entwickelt sich zu einem geachteten Autor von Erzählungen und Romanen, die gerade auch in ihrer Darstellung der Frauengestalten neue Maßstäbe setzen. Der große Durchbruch bei der Masse des Publikums, von dem er träumt, bleibt ihm jedoch versagt, daran ändern auch einige Ausflüge in die Theaterwelt nichts.

Fazit

In diesem Fall wäre ein Vergleich mit der englischen Originalversion vielleicht aufschlussreich. Liest sich auch die englische Fassung über weite Strecken so leblos, enthält schon das Original die sachlichen Fehler, auf die Bonaventura  hinweist?

Dazu kommen dermaßen viele Druck- und Rechtschreibfehler (dass/das), fehlende oder falsch gesetzte Kommata (besonders gern vor „sowie“) und schiefe Satzkonstruktionen, dass man kaum glauben mag, dass das Buch ein Lektorat durchlaufen hat.

Und in diesem Fall hätte mich das Cover vermutlich davon abgehalten, das Buch zu kaufen, weil es so freudlos und trist daherkommt. Ein unscharfes Foto und alles Grau in Grau. Warum dann nicht wenigstens eine Farbabbildung des Sargent-Porträts?

Wer sich tiefergehend mit James‘ Biografie befassen möchte, den wird dieses Buch an manchen Stellen unbefriedigt zurücklassen. Sein Stottern wird von Hutchison überhaupt nicht erwähnt. Und die Theorie, dass James homosexuell war – siehe seine Briefe an junge Männer – wird von ihr mit wenigen Sätzen ad acta gelegt. Auch die Bemühungen der Familie, nach dem Tode des Autors unliebsame Informationen und Briefe der interessierten Öffentlichkeit vorzuenthalten, werden verschwiegen.

Daneben gibt es aber immer wieder zumindest Ansätze, z. B. der komplizierten Familienstruktur oder James‘ Kunstverständnis Rechnung zu tragen. Auch die Veröffentlichungsgeschichte des Œuvre dürfte verlässlich nachgezeichnet sein.

Und quasi im Vorbeigehen werden noch weitere interessante Aspekte gestreift, so z. B. die Lebensgeschichte von Henry James‘ Schwester Alice.

Eine unmittelbare Aussicht auf Heirat, die in den 1870ern immer noch der einzig wünschenswerte Werdegang für eine Frau der Mittelklasse war, bestand nicht. Alice indes scheint eine Reihe intensiver Freundschaften zu jungen Frauen ihres Alters vorgezogen zu haben. (S. 61)

Hutchison schreibt, dass die Ärzte 1868 bei der Zwanzigjährigen einen Nervenzusammenbruch diagnostizierten, und diese irgendwann ihren Vater um Erlaubnis bat, sich das Leben zu nehmen (und diese auch erhielt). Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die damalige Diagnose „Hysterie“ lautete.

Alice starb 1892 an Brustkrebs. Erst 1934 wurde eine „poorly edited version“ ihres Tagebuchs veröffentlicht (gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrer Familie), eine umfangreichere Ausgabe erschien 1964.

Henry hat übrigens seine Ausgabe des schwesterlichen Tagebuchs verbrannt.

The diary has made [Alice] James something of a feminist icon: she was seen as struggling through her illnesses to find her own voice. (Wikipedia)

Weitere Besprechungen

buecherrezension zeigt sich von dieser Einführung angetan, eine wesentlich bissigere Besprechung gibt es auf dem Blog Bonaventura.

Mirko Bonné bemängelt in der FAZ vor allem die „nicht selten haarsträubende Übersetzung von Hutchisons Buch, die hölzern am Unlesbaren dahinschrammt“.

Linktipps

Auf Seitengang findet sich ein Beitrag zu Eine Dame von Welt.

Elmar Krekeler veröffentlichte in der WELT den Artikel Man nehme Klatsch und mache große Literatur daraus.

Lust auf die Werke des Literaten macht auch der Beitrag Fancywork in der Taz von Ulrich Rüdenauer.

Colm Tóibín beschreibt in seinem Artikel im Guardian „how Henry James’s family tried to keep him in the closet“.

Bill Bryson: Shakespeare (2007)

Before he came into a lot of money in 1839, Richard Plantagenet Temple Nugent Brydges Chandos Grenville, second Duke of Buckingham and Chandos, led a largely uneventful life. He sired an illegitimate child in Italy, spoke occasionally in the House of Commons against the repeal of the Corn Laws, and developed an early interest in plumbing (his house at Stowe […] had nine of the first flush toilets in England), but otherwise was distinguished by nothing more than his glorious prospects and many names. But after inheriting his titles and one of England’s great estates, he astonished his associates, and no doubt himself, by managing to lose every penny of his inheritance in just nine years through a series of spectacularly unsound investments.

So beginnt die fröhliche Suche des Erfolgsautors nach dem, was wir nachweislich über Shakespeare wissen oder eben auch nicht:

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage (2007)

Die deutsche Übersetzung Shakespeare – wie ich ihn sehe stammt von Sigrid Ruschmeier.

Bekanntermaßen ist fürchterlich wenig Biografisches über Shakespeare bekannt, und Margret Fetzer  fragt in ihrer Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen denn auch etwas bissig, „warum ausgerechnet Bill Bryson, alles andere als ein Literaturexperte, sich jetzt in die Legendenschreiberei einreiht.“

Nun, die Antwort ist klar: Weil er’s kann und ihn das Thema interessiert. Oder in Brysons Worten:

To answer the obvious question, this book was written not so much because the world needs another book on Shakespeare as because this series does [gemeint ist die Serie Eminent Lives]. The idea is a simple one: to see how much of Shakespeare we can know, really know, from the record. (S. 21)

Unter anderem geht Bryson auf folgende Fragen ein:

  • Wissen wir wirklich, wie Shakespeare ausgesehen hat? Und was weiß man über seine Erziehung und seinen Bildungsgrad?
  • Welche gesicherten Informationen gibt es zu seiner Familie und seiner Ehe? Weshalb hat er in seinem Testament seiner Frau das zweitbeste Bett vermacht?
  • Mit was haben sich die Forscher schon alles in Bezug auf Shakespeare beschäftigt? (Zum Beispiel mit der Frage, wie viele Kommas und Fragezeichen seine Texte enthalten.)

Shakespeare, it seems, is not so much a historical figure as an academic obsession. A glance through the indexes of the many scholarly journals devoted to him and his age reveal  such dogged investigations as ‚Linguistic and Informational Entropy in Othello‘, ‚Ear Disease and Murder in Hamlet‘, ‚Poisson Distributions in Shakespeare’s Sonnets‘, ‚Shakespeare and the Quebec Nation‘, ‚Was Hamlet a Man or a Woman?‘ and others of similarly inventive cast. (S. 20)

  • Wie waren die gesellschaftlichen und religiösen Rahmenbedingungen unter Elizabeth I und später unter ihrem Nachfolger James I? (Man denke nur an den Sieg über die spanische Armada oder den Gunpowder-Plot.)

It was also an age that gave rise to the Puritans, a people so averse to sensual pleasure that they would rather live in a distant wilderness in the New World than embrace tolerance. Puritans detested the theatre and tended to blame every natural calamity, including a rare but startling earthquake in 1580, on the playhouses. (S. 71)

  • Wie sahen die Lebensbedingungen damals aus? Wie sah London aus?
  • Wie war die Gesellschaft strukturiert und wie war das Zusammenleben geregelt?
  • Wie sahen die Theater der damaligen Zeit aus?
  • Wie war die Aufführungspraxis in den Theatern?
  • Weshalb hatten die meisten Theatertruppen einen adligen Gönner?
  • Wem verdanken wir, dass wir heute überhaupt so viele von Shakespeares Stücken kennen?
  • Welchen Beitrag hat Shakespeare zur Entwicklung des Theaters und der englischen Sprache geleistet?
  • Worüber rätselt man bei den Sonetten bis heute?
  • Welche „Verbesserungen“ nahmen spätere Schriftsteller und Theaterdirektoren an seinen Werken vor?
  • Wie hat sich sein Ruhm im Laufe der Jahrhunderte entwickelt?
  • Was hat es mit der Folger Shakespeare Library in Washington, DC, auf sich?
  • Und warum können sich Touristen und Literaturfans glücklich schätzen, dass Shakespeares Geburtshaus heute nicht in Amerika steht?

Fazit

Wenn man bedenkt, dass allein über die Frage, ob wirklich Shakespeare die Stücke geschrieben hat, die ihm zugeschrieben werden, mehr als 5000 Bücher geschrieben wurden und dass pro Jahr ca. 4000 neue Texte über Shakespeare veröffentlicht werden, dann ist offensichtlich, dass ein einzelner die komplette Forschungslage zu Shakespeare ohnehin nicht mehr überblicken kann.

Muss Bryson aber auch nicht, denn er ist ein kluger Kopf, kann lesen, recherchieren und seine Reputation (man lese nur mal in der englischsprachigen Wikipedia, welche universitären Ehren er bisher eingeheimst hat) erlaubt ihm, diverse Koryphäen zu interviewen und Einblick in Archive zu erhalten, die normalen Lesern wohl auf immer verschlossen bleiben.

Dass dabei auf 195 Seiten nicht unendlich in die Tiefe gegangen werden kann, dürfte sich von selbst verstehen, und natürlich wird der Leser an der ein oder anderen Stelle das Bedürfnis haben, etwas nachzuschlagen und zu vertiefen.

Das Buch ist eine Einführung – nicht mehr und nicht weniger – und in seinen persönlichen Wertungen völlig unakademisch. Mit Brysons Blick für die interessante und manchmal einfach skurrile Anekdote, seinem Humor und seiner Informationsfülle ist es aber genau deshalb wunderbar lesbar.

Mir persönlich hat das neunte Kapitel am besten gefallen. Dort geht Bryson kopfschüttelnd und bestimmt leise kichernd der Frage nach, wo die Theorien, dass auf keinem Fall Shakespeare seine Stücke geschrieben haben könne, herkommen und was von ihnen zu halten ist.

Even ‚Scientific American‘ entered the fray with an article proposing that the person portrayed in the famous Martin Droeshout engraving might actually be – I weep to say it – Elizabeth I. […]

Shakespeare ’never owned a book‘, a writer for the ‚New York Times‘ gravely informed readers in one doubting article in 2002. The statement cannot actually be refuted, for we know nothing about his incidental possessions. But the writer might just as well have suggested that Shakespeare never owned a pair of shoes or pants.  (S. 180)

Besonders interessant dabei die Rolle von Delia Bacon, die nachweisen wollte, dass u. a. Francis Bacon der wahre Urheber der Stücke sei. Eine Theorie, die auch heute noch ihre Anhänger hat.

Bacon’s research methods were singular to say the least. She spent ten months in St Albans, Francis Bacon’s home town, but claimed not to have spoken to anyone during the whole of that time. She sought no information from museums or archives, and politely declined Carlyle’s offers of introduction to the leading scholars. Instead she sought out locations where Bacon had spent time and silently ‚absorbed atmospheres‘, refining her theories by a kind of intellectual osmosis. (S. 183)

One obvious objection to any Baconian theory is that Bacon had a very full life already, without taking on responsibility for the Shakespearean canon as well, never mind the works of Montaigne, Spenser and the others. (S. 186)

A third – and for a brief time comparatively popular – candidate for Shakespearean authorship was Christopher Marlowe. He was the right age […] had the requisite talent and would certainly have had ample leisure after 1593, assuming he wasn’t too dead to work. (S. 189)

Rezensionen

Irritiert hat mich hingegen die Kritik in der FAZ: Fast enttäuscht konstatiert Fetzer: Der „Vorwurf mangelnder historischer Informiertheit [ist] einer der wenigen, den man Bryson nicht machen kann.“, dafür missfällt ihr etwas anderes: Sie bezieht sich auf den Untertitel der deutschen Ausgabe „Shakespeare – Wie ich ihn sehe“ und moniert dann

dass man hier vergeblich auf Anflüge von Selbsterkenntnis wartet. […]. Davon abgesehen lässt der Titel eine programmatische These erwarten, aber leider fällt Bryson so gar nichts Eigenes ein. Am Ende weiß man nicht nur immer noch nicht, wie er Shakespeare sieht, sondern auch nicht, warum er dieses Buch überhaupt geschrieben hat. Bryson ist bemüht, sich das Faszinosum Shakespeare zu erschließen – doch immer wieder ertappt man ihn dabei, wie er ungläubig und kopfschüttelnd davorsteht und nicht die leiseste Ahnung hat, warum sich alle Welt für den Sohn eines Handschuhmachers begeistert.

Ist es nicht verblüffend, dass Fetzer den Untertitel der deutschen Ausgabe Bryson zum Vorwurf macht?

Und dass Bryson nicht wüsste, warum sich alle Welt für Shakespeare begeistert, ist schlicht Unsinn. Zum einen geht es ihm in diesem Buch gar nicht um die einzelnen Werke. Zum anderen erklärt er, nachdem er beschrieben hat, wie groß vermutlich Shakespeares Wortschatz war und welche Wörter und Redewendungen die englische Sprache dem Barden aus Stratford-upon-Avon verdankt:

Anyway, and obiously, it wasn’t so much a matter of how many words he used, but what he did with them – and no one has ever done more. It is often said that what sets Shakespeare apart is his ability to illuminate the workings of the soul and so on, and he does that superbly, goodness knows, but what really characterizes his work […] is a positive and palpable appreciation of the transfixing power of language. (S. 109)

We thrill at these plays now. But what must it have been like when they were brand new, when all their references were timely and sharply apt, and all the words never before heard? Imagine what it must have been like to watch Macbeth without knowing the outcome, to be part of a hushed audience hearing Hamlet’s soliloquy for the first time, to witness Shakespeare speaking his own lines. There cannot have been, anywhere in history, many more favoured places than this [gemeint ist das Globe Theatre]. (S. 125)

Anmerkungen

Abgesehen von der Besprechung in der FAZ hüllt sich das deutsche Feuilleton in vornehmes Schweigen. Im englischsprachigen Raum liest man derlei Flott-Intelligentes einfach lieber.

If a trio of witches were cooking up this book in a cauldron, there’d be a pinch of P.G. Wodehouse, a soupçon of Sir Osbert Lancaster and a cup of Sir Arthur Conan Doyle. One can be firm of purpose and blithe at the same time, it turns out; one can write a seriously entertaining book. Shakespeare: The World as Stage is aimed at general readers, not Shakespeare scholars, though the latter do make appearances now and then, not always is a flattering light, but always entertainingly. […]

Mr. Bryson goes off at times on amusing tangents […] and is otherwise completely charming and conversational, like a good host. The pleasure of his company cannot, to borrow a phase from him, “be emphasized too strenuously.” (Nancy Dalva, The New York Observer)

Hier geht es lang zu einer Besprechung von Tom Payne im Telegraph.

Veit-Jakobus Dieterich: Johann Amos Comenius (1991)

Wenn man bedenkt, was für ein umtriebiger, kluger und interessanter Mensch Comenius gewesen sein muss, ist es doch erstaunlich, dass die einzige Biografie von ihm der schmale Band von Veit-Jakobus Dieterich aus der Reihe der rowohlt monografien ist (1991).

Dieterich geht kurz auf den biografischen Hintergrund ein, vor dem Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens gesehen werden muss: Comenius (*1592 in Mähren) hat 1622 seine erste Frau und kurz danach seine zwei Söhne verloren. Er musste aufgrund seiner protestantischen Überzeugung in den politisch-religiösen Wirren während des Dreißigjährigen Krieges in den Untergrund und zu allem Überfluss fiel ein großer Teil seines Besitzes noch einem Brand zum Opfer.

Die Ansicht, dass ausschließlich ein sehr nach innen gerichteter Glaube, wie er im Labyrinth der Welt als Lösung propagiert wurde, sinnvoll sei, wurde später von Comenius selbst revidiert bzw. erweitert.

Sein ganzes Leben wies Comenius darauf hin, daß Welt und Mensch in ihrer gegenwärtigen Verfassung nicht in Ordnung sind. Diesem verkehrten Wesen von Welt und Mensch stellt er in einem zweiten Schritt stets den idealen, von Gott gewollten Zustand gegenüber. Auf einer dritten Stufe betont Comenius, daß der Mensch in einer doppelten Bewegung aus seinem falschen Zustand herausgehen und sich ins richtige Verhältnis zu Gott, zu sich selbst und zur Welt setzen muß. Eine Entwicklung zeigt sich bei der Frage nach dem Weg, der vom falschen zum richtigen Zustand von Welt und Mensch führt. Hier, in den Frühschriften, verweist Comenius auf den Weg nach innen, auf den mystischen Gedanken der Welt- und Selbstentfremdung, auf die wahre Herzensfrömmigkeit. Später wird ihm die Verbesserung des gesamten Menschen und der ganzen Welt zum zentralen Anliegen, und er entdeckt an diesem Punkt eine pädagogische und politische Aufgabe. (Dieterich, S. 43 f)

Der Christ muss also auch handeln, um die Welt und die in ihr herrschenden Zustände zu verbessern. Deshalb auch Comenius‘ unermüdliches Bemühen um eine kindgerechte Pädagogik. Er schrieb Schulbücher, plädierte für eine allgemeine Schulpflicht – auch für Mädchen – und wollte harschen Zwang und Angst am liebsten ganz aus den Schulen verbannen.

Das Waisenkind aus einfachen Verhältnissen wurde zu einem international hoch angesehenen Gelehrten, der im Laufe seines Lebens „ein großartiges, geschlossenes Gedankensystem ausgearbeitet“ hat (Dieterich, S. 8). Comenius schrieb, philosophierte und stand im Austausch mit vielen Geistesgrößen seiner Zeit, wurde als Berater an verschiedene Höfe Europas eingeladen, nahm regen Anteil am politischen Leben, musste ins Exil, heiratete dreimal und setzte sich vehement für Frieden – auch zwischen den Religionen und Konfessionen – ein, fand Krieg bestialisch und ermahnte die Herrschenden, die Armen nicht zu unterdrücken und zu knechten. Die letzten 14 Jahre seines Lebens verbrachte er in Amsterdam, wo er 1670 starb.

Linda Lear: Beatrix Potter (2007)

It was a cold, wet November day in 1918. The frosty air had settled just above the lake. Soon it would be dark. Through the gloom the figure of a woman could just be made out. She was on her hands and knees scrabbling about in the stubble of the harvested cornfield, searching for something. Close up she was a handsome woman with noticeably high colour in her cheeks, deep-set brilliant blue eyes and unruly brown hair pulled back haphazardly from her face.

So beginnt die bisher umfangreichste Biografie zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen Großbritanniens:

Linda Lear: Beatrix Potter (2007)

Zum Inhalt

Beatrix Potter (1866-1943) entstammte einer wohlhabenden Unitarier-Familie. Ihr Großvater väterlicherseits, Edmund Potter, war ein erfolgreicher Unternehmer und späteres Parlamentsmitglied.

As an enlightened employer, Edmund was concerned for the welfare and education of his employees, many of whom were children under the age of 13. He built a large dining room in the mill which could serve a hot meal to three hundred and fifty people at one time. He converted part of a nearby mill into the Logwood School, where the children of his workers, as well as the child labourers, could learn reading, writing and basic hygiene. He also built a reading room and library which was kept well stocked with books and newspapers. Edmund Potter believed in the necessity of educating the working classes […] but he had no sympathy for trade unionism. (S. 12)

Auch ihr Großvater mütterlicherseits, John Leech, schuf mit seinen Tuchfabriken die Grundlage für einen Generationen überdauernden Wohlstand.

Beatrix und ihr Bruder Bertram wachsen folglich in einem behüteten und finanziell privilegierten Umfeld auf. Beatrix besucht als Mädchen keine Schule, sondern wird zu Hause von einer Reihe von Gouvernanten unterrichtet. Ihr zeichnerisches Talent wird früh von der Familie gefördert. Sie bekommt Zeichenunterricht und ihr Vater schenkt ihr teure Bücher und alles, was sie für ihr „Hobby“ benötigt. Die Kinder dürfen eine Reihe von Haustieren, wie z. B. Mäuse, halten, die dann von Beatrix hingebungsvoll gezeichnet werden.

Rabbits were also favourite subjects. […] Both rabbits were drawn in every imaginable position and attitude. She observed how they rested, how they nested or hibernated, and the characteristics of their play. (S. 44)

Nach dem Tod der Mäuse, Kaninchen oder Fledermäuse interessieren sich die Kinder aber auch für deren genaue Anatomie, kochen die Knochen aus und stellen Skelettstudien an. Beatrix beginnt mit Begeisterung zu mikroskopieren.

Man verbringt monatelange Ferien in gemieteten Landhäusern in Schottland und später auch im Lake District. Hier dürfte die Liebe Beatrix zum Landleben ihren Ursprung haben, genießt sie auf dem Land doch mehr Freiheiten als in der Stadt und kann sich leichter ihren naturwissenschaftlichen Interessen widmen.

Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr eingeschränktes Leben. Denn die Eltern von Beatrix waren – man kann es wohl kaum anders nennen – unglaubliche Snobs. Niemand ist – gerade der Mutter – für den gesellschaftlichen Umgang mit ihrer Tochter gut genug, sodass Beatrix keine gleichaltrigen Spielkameraden oder Freundinnen hat. Noch als erwachsene Frau wird ihr das Recht abgesprochen, selbst über die Kutsche zu verfügen, ihre Cousinen einzuladen oder ihren gesellschaftlichen Umgang selbst zu wählen. Ihr späterer Verleger Norman Wayne, mit dem sie sich als 39-Jährige verlobt, wird ebenfalls als nicht ebenbürtig akzeptiert und als potentieller Schwiegersohn abgelehnt.

Mit 24 veröffentlicht sie erste Zeichnungen, die als Grußkarten auf den Markt kommen. Gleichzeitig vertieft sich ihr Interesse an Pilzen und Fossilien.

By the early 1890s Beatrix’s interests as an artist and naturalist had converged on fungi and, to a lesser degree, on fossils. Such enthusiasms were typical of the Victorian craze for natural history which, […] affected everyone from aristocrat to artisan. Women in particular were drawn to the study of insects, shells, ferns, fossils and fungi, and to their naming, classification, collection and frequently their illustration. Like many of her contempories, Beatrix was first drawn to natural history as a way to relieve the boredom that beset affluent Victorians, and for the measure of personal freedom it brought. (S. 76)

Dazu gehören auch häufige Besuche im Natural History Museum, wo Beatrix Spinnen, Insekten und Schmetterlinge zeichnet.

1892 lernt sie den Briefträger und begeisterten Naturkundler Charlie McIntosh kennen, der sie bei ihren Pilzforschungen tatkräftig unterstützt, indem er ihr immer wieder Pilze schickt und ihre Zeichnungen kommentiert. In ihrem Tagebuch hält sie die erste Begegnung fest:

He was quite painfully shy and uncouth at first, as though he was trying to swallow a muffin, and rolling his eyes about and mumbling. […] I would not make fun of him for worlds but he reminded me so much of a damaged lamp post. He warmed up to his favourite subject, his comments terse and to the point, and conscientiously accurate. (S. 82)

1893 schickt sie einen illustrierten Brief an den kleinen Sohn ihrer ehemaligen Gouvernante Annie Moore. In dieser Urfassung ihrer später weltberühmten Kaninchen-Geschichten erzählt sie von den Abenteuern ihren neuen Kaninchens Peter Piper.

Im gleichen Jahr wird sie gebeten, 12 Lithografien* für eine naturwissenschaftliche Vorlesungsreihe anzufertigen. Dank ihres einflussreichen Onkels erhält sie eine Eintrittskarte, die sie berechtigt, ihre Pilzstudien im berühmten Kew Gardens fortzusetzen, der damals für die Allgemeinheit nur eingeschränkt zugänglich war. Allerdings trifft sie dort sie als Amateurin, die vielleicht auch ein bisschen undiplomatisch vorgeht, auf wenig Gegenliebe.

* Wer Näheres zu dem Begriff Lithografie wissen möchte, der wird bei DruckSchrift fündig.

Ihre Forschung, was die Keimung von Sporen anbelangt, wird stark von ihrem Onkel, der selbst Chemiker ist, unterstützt. 1897 werden ihre Erkenntnisse, vermutlich von einem Mitarbeiter von Kew Gardens, der Linnean Society in London präsentiert, denn Frauen hatten dort keinen Zutritt. Die Linnean Society hatte darüber zu befinden, ob eingereichte Artikel veröffentlichenswert waren. Potters Arbeit On the Germination of the Spores of Agaricineae wird freundlich ignoriert. 1997 hat sich die Linnean Society übrigens für den „sexism displayed in its handling of her research“ entschuldigt.

Darüber hinaus widmet sich Beatrix Potter mit großer Akribie der Frage, ob es sich bei Flechten nicht um ein symbiotisches System zwischen Algen und Pilzen handele. Ihre Hoffnung, von den Mitarbeitern des Natural History Museum in ihren Forschungen unterstützt zu werden, erfüllen sich nicht. Zum einen ist sie eine Frau, zum anderen weiß sie zu viel und zum dritten wird sie vom Direktor des Museums ignoriert, u. a. deshalb weil sie nicht begreift, wie sehr sie Mr Fowler dadurch verärgert hat, dass sie – wie alle Frauen ihrer Gesellschaftsschicht – Vogelfedern als Hutschmuck verwendet.

Die nächste große Etappe in Potters Leben wird bestimmt von den Veröffentlichungen ihrer Kinderbücher, von denen eine ganze Reihe auf die illustrierten Briefe zurückgehen, die sie an Kinder ihrer Freunde und Verwandten schickt.

Most of her picture letters describe her holiday activities: the weather, the pets she has with her, the animals she sees, farming practises, family gossip and local lore. Each letter was suited to the age and interests of the child, revealing her instinctive ability to match story to audience. (S. 132)

1901 lässt sie auf eigene Kosten eine Schwarz-Weiß-Ausgabe von 250 Exemplaren von The Tale of Peter Rabbit drucken. 1902 folgt dann die farbige Ausgabe im Frederick Warne & Co Verlag. Sie besteht darauf, dass die Bücher in einem kleinen Format erscheinen, sodass auch Kinder die Bücher mühelos halten können. Obwohl sie 35 Jahre alt ist, muss ihr Vater seine Erlaubnis zu den entsprechenden Verträgen geben. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung hat das Buch eine Auflage von über 56.000 erreicht und Beatrix schreibt:

The public must be fond of rabbits! what an appalling quantity of Peter. (S. 152)

Lear erklärt den durchschlagenden Erfolg folgendermaßen:

Beatrix Potter had in fact created a new form of animal fable: one in which anthropomorphized animals behave always as real animals with true animal instincts and are accurately drawn by a scientific illustrator. (S. 153)

1902 heiratet ihr Bruder Bertram seine geliebte Mary, doch aus Angst vor der Ablehnung seiner Eltern hält er die Ehe elf Jahre geheim.

1903 folgen die Bände The Tale of Squirrel Nutkin und The Tailor of Gloucester. 1904 erscheinen The Tale of Benjamin Bunny und The Tale of Two Bad Mice. Überhaupt erweist sich Beatrix als begabte Geschäftsfrau, die schon rasch erkennt, dass sich auch Merchandise-Produkte wie Puppen, Malbücher oder Tapetenbordüren hervorragend vermarkten lassen. Dabei hat sie ständig gegen Produktpiraterie und unautorisierte Nachdrucke etc. zu kämpfen.

Beatrix gewinnt mit ihrer Autorentätigkeit zunehmend finanzielle Unabhängigkeit von ihren Eltern, denen das überhaupt nicht recht ist, fürchten sie doch, dass ihre Tochter ihre familiären Verpflichtungen vernachlässigen und insgesamt zu unabhängig werden könnte. Auch die ständigen Kontakte mit Norman Wayne, ihrem Hauptansprechpartner im Verlag, sind den Eltern ein Dorn im Auge.

1905 verloben sich Beatrix und Norman. Ihre Eltern untersagen ihr, die Verlobung öffentlich bekanntzugeben. Der plötzliche Tod Normans – einen Monat nach der Verlobung – dürfte den Eltern als eine glückliche Fügung erschienen sein.

Im Verlag ist nun Harold, der Bruder Normans, ihr neuer Ansprechpartner. Jahre später wird sich herausstellen, dass er große Summen aus dem Verlag veruntreut hat, Beatrix und andere um viel Geld betrogen und den Verlag an den Rand des Ruins gebracht hat. Als Harold zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, übernimmt der dritte Bruder Fruing die Geschäfte.

Mit den Erlösen aus ihren Büchern kauft Beatrix Hill Top Farm, ihre erste Farm im Lake District. Vermutlich hatte sie dort zusammen mit Norman leben wollen. Doch noch mehrere Jahre nach dem Kauf der Farm kann sie nur tageweise dort sein, da ihre Eltern von ihr erwarten, dass sie weiterhin bei ihnen in London wohnt und sie ihre Eltern auch weiterhin auf ausgedehnten Ferienaufenthalten begleitet.

The happy challenge provided by Hill Top Farm – the necessity of overcoming her grief and getting on with her life – inspired a remarkable outburst of creativity. She produced thirteen stories over the next eight years, including some of her best work. In the course of this creative outburst, Beatrix Potter was transformed into a countrywoman. (S. 207)

Und so beginnt der dritte große Abschnitt im Leben dieser bemerkenswerten Frau, der gekennzeichnet ist von ihrer Liebe zum Lake District. Mit Hingabe und zunehmendem Sachverstand widmet sie sich dem Fell Farming. Sie entwickelt sich zu einer angesehenen Expertin im Hinblick auf ihre geliebten Herdwick Sheep. Vor allem der Schutz der einzigartigen Landschaft liegt ihr am Herzen. Sie kämpft gegen die Errichtung einer Flugzeugfabrik, gegen Wasserflugzeuge auf den Seen und gegen Zersiedelung und Bauprojekte, die den Charakter dieses Landstriches zerstören würden. Schon 1909 erwirbt sie die zweite Farm, der noch viele weitere folgen sollten. Sie arbeitet dabei eng mit dem National Trust zusammen und schon früh ist klar, dass sie nach ihrem Tod ihre ausgedehnten Ländereien dieser Organisation vermachen will.

Gleichzeitig setzt sie sich für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung auf dem Land ein und ist die treibende Kraft, als es darum geht, eine gut ausgebildete Krankenschwester einzustellen, denn viele der Farmer und Landarbeiter können es sich nicht leisten, bei Krankheiten einen Arzt kommen zu lassen. Sie lässt die Schwester mietfrei in einem ihrer Häuser wohnen und kauft ihr schließlich sogar ein Auto für die Wege, die mit dem Fahrrad dann doch zu beschwerlich wären.

Sie unterstützt die Pfadfinder, die jedes Jahr auf ihren Feldern zelten dürfen, und unterhält rege Brieffreundschaften mit Lesern aus aller Welt, vor allem aus Amerika, von denen etliche sie und ihren Mann im Lake District besuchen und um Autogramme bitten.

Unterstützt wird sie in allem von ihrem Mann William Heelis, den sie – natürlich gegen den erklärten Willen der Eltern – 1913 heiratet. Überraschenderweise bekommt sie Rückendeckung von ihrem Bruder, der den konsternierten Eltern erklärt, dass er schon seit Jahren verheiratet sei und auch Beatrix heiraten solle, wen sie wolle.

William Heelis ist Anwalt und teilt ihre Interessen. Die beiden führen bis zu Beatrix Tod im Jahr 1943 eine glückliche Ehe.

Fazit

Beatrix Potter war ein faszinierende Frau mit vielfältigen Interessen und einem eigenwilligen Lebenslauf. Dennoch musste ich mich manchmal zum Weiterlesen zwingen – gerade in Beatrix‘ Pilzphase wurde das Buch arg anstrengend. Linda Lears Stil ist nicht gerade spritzig und Fragen, die mich stärker interessiert hätten, wie z. B. die Ehe mit William oder wie sie auf Nachbarn und Verwandte wirkte oder wie genau die Dynamik zwischen Beatrix und ihrer Mutter war, wurden manchmal eher kurz abgehandelt. Dafür wurden andere Dinge, zweifellos akribisch recherchiert, sehr in die Länge gezogen. Es scheint, als ob Lear die Frage, wie umfangreich über bestimmte Themen berichtet wird, ausschließlich von der Recherchelage abhängig gemacht hat.

Und manchmal hat es den Eindruck, als ob Lear nur ungern über die vielleicht eher unsympathischen, manchmal herrischen und auch selbstherrlichen Seiten dieser ungewöhnlichen Frau berichtet. Nur en passant erfahren wir dann, dass sie ihren Pächtern keine WCs im Haus oder Elektrizität in den Farmhäusern erlaubt hat, während sie in ihren zwei Häusern natürlich Toiletten mit Wasserspülung hatte.

Kathryn Hughes bringt es im Guardian auf den Punkt, wenn sie schreibt: „This is the first full-length biography that has been written of Potter, so it is a shame that it should be such a dull one. Where Potter had an exquisite sense of how language works, Lear has none.“

Anmerkungen

Ihre Portfolios mit den naturkundlichen Zeichnungen hat Beatrix Potter übrigens dem Armitt Museum in Ambleside vermacht, dessen Homepage einen schönen Eindruck von ihren Zeichnungen vermittelt, die auch heute noch von Pilzkundlern zur Bestimmung benutzt werden.

Auch Peggy hat uns Beatrix Potter auf ihrem Blog Entdecke England bereits vorgestellt.

Da ich keine Bildrechte verletzen möchte, verlinke ich jetzt einfach mal auf eine Seite, auf der man die z. T. wunderschönen Illustrationen zu The Tailor of Gloucester bewundern kann. Potter hat ihre Arbeit immer sehr ernst genommen und für die Weste eine Vorlage aus dem South Kensington Museum, dem späteren Victoria and Albert Museum, verwendet.

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