Pieter Steinz: Der Sinn des Lesens (OA 2015)

Anscheinend war der niederländische Originaltitel Lezen met ALS. Literatuur als levensbehoefte dem Reclam Verlag nicht schmissig genug, dabei ist er präziser und schickt die Leser nicht so in die Irre wie der deutsche Titel.

Denn es geht weniger um den Sinn des Lesens, sondern darum, dass der an ALS erkrankte Pieter Steinz, umtriebiger Journalist, Autor zahlreicher Werke und eine Instanz der niederländischen Literatur, seine noch verbleibende Zeit zwischen Diagnose und Lebensende u. a. den Menschen und Bedürfnissen widmen wollte, die ihm wertvoll waren. Und eines dieser Lebensbedürfnisse war die Literatur.

Für mich waren meine kleinen Essays in erster Linie ein guter Grund, um noch einmal eine Reihe meiner Lieblingsbücher lesen zu können. Außerdem bot das Schreiben eine wunderbare Möglichkeit, meinen körperlichen Verfall und den dazugehörigen Marsch durch die medizinischen Institutionen mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Das Buch, das so entstanden ist, gibt vielleicht keine definitive Antwort auf die Frage, ob Literatur in schwierigen Situationen Trost bieten kann, für mich hat sich auf jeden Fall erwiesen, dass zumindest das Schreiben über Literatur sehr tröstlich ist. (S. 8)

Und so stellt Steinz (1963 – 2016) in diesen anrührenden, traurigen, witzigen, selbstironischen kurzen Texten 52 Bücher und Textausschnitte in Bezug zu seiner Krankheit, deren körperliche Verwüstungen er nicht unter den Teppich kehrt und von der er weiß, dass er an ihr sterben wird.

Die Bandbreite der angesprochenen Bücher reicht dabei von Karlsson vom Dach bis Sokrates, von Autoren, die bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, bis zu Thoreau, Orwell, Oblomow und Dem Grafen von Monte Christo.

Hier schreibt einer hinreißend klug, dankbar und unsentimental über sein Leben, seine Ehefrau, seine Bücher, über die Folgen seiner Krankheit und unsere Endlichkeit. Wenn man am Ende des Buches angelangt ist, kann man gleich wieder von vorn beginnen, um von Steinz zu lernen.

Natürlich, niemand möchte sterben. Wenn man glücklich ist, möchte man ewig weiterleben, so wie man auch möchte, dass ein tolles Buch niemals aufhört und ein perfekter Urlaub endlos weitergeht.  Aber sterben muss man trotzdem, und vielleicht ist es besser, dass es geschieht, wenn man mitten im Leben steht und umgeben ist von seinen Liebsten, als wenn man alt und pflegebedürftig ist und seine Tage in Einsamkeit verbringt. Mein Bestreben ist es, meine Augen zufrieden zu schließen und mich so dem Glücksideal von Solon und Herodot anzunähern. (S. 60)

Den Hinweis auf dieses faszinierende Buch verdanke ich der Besprechung auf Peter liest.

 

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Alison Hoover Bartlett: The Man Who Loved Books Too Much (2009)

Noch einmal ein Beitrag aus dem Archiv; diesen möchte ich Petra widmen, deren neue Serie Gefahren des Lesens: Tipps & Tricks heute online gegangen ist.

For him that stealeth, or borroweth and returneth not, this book from its owner … let him be struck with palsy, & all his members blasted. … Let bookworms gnaw his entrails in token of the Worm that dieth not, & when at last he goeth to his final punishment, let the flames of Hell consume him forever.

Mit diesem Fluch aus einem mittelalterlichen Manuskript (Kloster St. Pedro in Barcelona), mit dem potentielle Diebe abgeschreckt werden sollten, beginnt die faszinierende Reise in die Welt der Büchersammler von

Alison Hoover Bartlett: The Man Who Loved Books Too Much (2009)

Die Frage, weshalb Menschen in ihrer leidenschaftlichen Suche nach wertvollen und/oder alten Büchern nicht einmal vor kriminellen Machenschaften zurückzuschrecken, ist der rote Faden in diesem Buch mit dem Untertitel „The true story of a thief, a detective, and a world of literary obsession“.

So führt die Autorin über drei Jahre hinweg Interviews mit einem der gefürchtetsten Bücherdiebe Amerikas, mit John Charles Gilkey. Gilkey wandert für seine Leidenschaft oder soll man besser sagen, für seine wahnhafte Vorstellung, durch den Besitz edler und vor allem teurer (gestohlener) Werke zu der Welt der Reichen und Gebildeten zu gehören, immer wieder ins Gefängnis.

Außerdem schlendert der Leser zusammen mit der  Autorin über Büchermessen, auf denen Werke, wie z. B. die auf 500 Exemplare begrenzte Erstausgabe von Harry Potter and the Philosopher’s Stone für 30.000 Dollar oder seltene, Jahrhunderte alte Manuskripte und Bücher gehandelt werden.

Und man lernt den Antiquar Ken Sanders kennen, den Betreiber von Ken Sanders Rare Books in Salt Lake City, der 1999 von der Antiquarian Booksellers‘ Association of America zum Sicherheitsbeauftragten ernannt wurde. Bis dahin gab es nicht einmal ein sinnvoll funktionierendes Kommunikationssystem, mit dem sich die Antiquare gegenseitig über Diebstähle oder verdächtige Kunden informieren konnten. Er war auch derjenige, der als erster Gilkey hinter Gitter brachte und in Insiderkreisen als Bibliodick (Bücherdetektiv) bezeichnet wird.

Hoover Bartlett geht der Frage nach, wer den Begriff „Bibliomanie“ geprägt hat oder erklärt das hinreißende Fore-edge Painting. Oder man liest mit milder Verwunderung von dem amerikanischen Botanik-Professor Thomas Jefferson Fitzpatrick, der so viele Bücher in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts sein eigen nannte, dass

his Nebraska house exceeded the building code maximum load. When he died in 1952, at age eigthy-three, it was on an army cot he used as a bed in his kitchen, surrounded by ninety tons of books. (S. 195)

Zunächst bin ich den Recherchestreifzügen der Autorin mit Freude gefolgt, und dafür war es keineswegs notwendig, selbst Büchersammler zu sein, denn das Buch ist eine Fundgrube interessanter Geschichten, Anekdoten und Informationen.  Sie zitiert beispielsweise Nicholas Basbanes, der in seinem Buch A Gentle Madness: Bibliophiles, Bibliomanes, and the Eternal Passion for Books (1995) das folgende Rätsel präsentierte:

Which man is happier, ‚he that hath a library with well nigh unto all the world’s classics, or he that hath thirteen daughters?

The happier man is the one with thirteen daughters, because he knoweth that he hath enough. (S. 129)

Das Interesse der Autorin am Bücherdieb Gilkey konnte ich jedoch nur bedingt nachvollziehen. Zwar hat er allein von Januar bis Juni 2001 Bücher im Wert von mindestens 100.000 Dollar mit gestohlenen Kreditkartennummern bezahlt, die er während seiner Tätigkeit für einen Herrenausstatter ergaunerte, doch für die Frage, was einen Menschen immer wieder dazu bringt, selbst Gefängnisstrafen für seine Bücherleidenschaft zu riskieren, fand ich ihn gänzlich uninteressant. Er wollte sich einfach den Anschein von Reichtum und Kultiviertheit zulegen, sein Mittel der Wahl waren zufällig Bücher und hätten wohl auch etwas anderes sein können. Sein fehlendes bzw. völlig verdrehtes Rechtsverständnis schien mir mehr über seine psychische Störung auszudrücken als über eine tief empfundene Bücherleidenschaft.

And most striking, he collected books to feel ‚grand, regal, like royalty, rich, cultured,‘ yet has become a criminal, stealing in order to give himself the appearance of wealth and erudition. (S. 48)

Die Autorin kommt aber erst auf S. 209 zu der Vermutung, dass er vielleicht gestört sein könnte, denn er vertraut ihr an, dass er schließlich nichts dafür könne, wenn die Antiquare es ihm nicht ermöglichen, sich teure Werke leisten zu können. So seien seine Diebstähle, die er nie als solche bezeichnet, eben nichts anderes als die Korrektur eines fehlerhaften Systems.

„I mean, how am I supposed to build my collection unless I’m, like, this multimillionaire?“

In diesen Zusammenhang gehört auch das Interview, das die Autorin mit der Mutter Gilkeys führt. Als Hoover Bartlett die betagte Dame, deren Haus ebenfalls von diversen Sammlungen überquillt, fragt, wie sie sich erkläre, dass ihr Sohn immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerate, versucht Cora, ihn als Opfer darzustellen:

I mean, it’s innocent. Maybe he was just wandering around or looking around with the book, and he must have forgot about it, and then he got caught. (S. 236)

Diesen familiären Hintergrund hätte vielleicht mal ein Psychiater untersuchen sollen.

Die Autorin kommt zu dem nicht wirklich tiefsinnigen Ergebnis, dass Gilkey in vielen Aspekten dem normalen Büchersammler ähnele. Auch er will wie viele andere sich durch den Besitz wertvoller und anerkannter Bücher, die er keinesfalls immer liest, Prestige und Anerkennung verschaffen. Dabei verfolge er ein Gentleman-Ideal, für das er dann sogar Kurse, z. B. in Philosophie, belegt.

It is his crimes and his unwavering, narcissistic justification of them that sets him apart. (S. 245)

Insgesamt wird der Wert der von Gilkey gestohlenen Bücher auf bis zu 200.000 Dollar geschätzt. Manchmal hat er sich gegen Kaution aus der Untersuchungshaft freigekauft und die so gewonnenen Monate gleich wieder zu lukrativen Beutezügen genutzt.

Irgendwann ist die Autorin allerdings mit ihrer eigenen Rolle überfordert. Auf der einen Seite will sie Gilkey möglichst viele Informationen entlocken und auf der anderen Seite als neutrale  Beobachterin die Geschichte nicht beeinflussen. Schwierig wird es für sie, als sie entscheiden muss, ob sie die Informationen zu Diebstählen, die noch nicht verjährt sind, an die Behörden weiterleitet oder nicht. Sie ist froh, als sie erfährt, dass er für den Raub von einigen besonders wertvollen Büchern nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann, da sie so Stillschweigen bewahren kann. Auch als Gilkeys Mutter ihr den Kleiderschrank ihres Sohnes zeigt, in dem stapelweise Bücher lagern, weiß sie nicht mehr, was sie tun soll:

… but instead of looking inside to see if I recognized any of the books he had stolen, I turned away. It was like being invited to view a ghastly scar, something awful but riveting. I was afraid of what I would find if I drew the books from the pile, what degree of crime, and what responsibility I might bear in knowing the books were there. Later, I would curse my lack of courage. (S. 239 – 240)

Ich wäre auch froh gewesen, wenn Hoover Bartlett straffer erzählt und auf die ständigen Zeitsprünge verzichtet hätte, die keineswegs die Spannung steigern, sondern den Leser nur verwirren.

Was mich aber wirklich vergrätzt hat, ist, dass sie in den Danksagungen Wilkey den gleichen Anteil einräumt wie dem Antiquar und Bücherdiebjäger Ken Sanders.

Without the support of Ken Sanders and John Gilkey, this book would not have been possible. Both these men answered my endless questions, a feat of exceptional patience and generosity, for which I owe them profound thanks.

Wer die Autorin bei einer Lesung sehen möchte, schaue sich das Video an.

Übrigens wurde auch in  Deutschland 2012 eine spektakuläre Bücherdiebstahlserie aufgeklärt, die auf das Konto des Darmstädter SPD-Politikers Thorsten Roßmann ging, einem hochgebildeten, promovierten Ministerialbeamten des hessischen Wissenschaftsministeriums. Der Mann hatte aus Dutzenden deutschen und internationalen Bibliotheken über 20.000 wertvolle Werke gestohlen und sie in seinem Eigenheim gelagert.

Und fängt man erst einmal an zu recherchieren, entdeckt man, dass der Diebstahl wertvoller Bücher eine doch recht weit verbreitete Beschäftigung zu sein scheint, die einen zwar über kurz oder lang ins Gefängnis bringt, doch der man dank laxer Kontrollen in vielen Bibliotheken erst einmal mehrere Jahre nachgehen kann.

So zum Beispiel der Fall bei William Simon Jacques (geboren 1969), der es vor einer erneuten Haftstrafe immerhin geschafft hatte, vorher Bücher im Wert von über 1 Million Pfund zusammenzurauben (siehe den Artikel auf der BBC-Seite und auch der Telegraph berichtete).

Auch Stephen Carrie Blumberg hat es da zu trauriger Berühmtheit als „the most successful book thief of the 20th century in the United States“ gebracht (Wikipedia). Der Wert der von ihm gestohlenen Bücher wird auf über 5 Millionen Dollar geschätzt.

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Fundstück von Petra Gust-Kazakos

Mit großem Vergnügen schmökere ich mich gerade durch Gefahren des Lesens von Petra Gust-Kazakos. Allerdings ist auch die Lektüre selbst nicht ganz ungefährlich, kann es einem doch passieren, dass man immer wieder – genau wie auf Philea’s Blog – auf Titel stößt, die man unbedingt der eigenen Leseliste hinzufügen möchte.

Und Petras Stil ist, wie könnte es anders sein, charmant-belesen. Ich jedenfalls habe schon jetzt viel Freude an Stellen wie diesen, die mir nachdrücklich vor Augen führen, dass es eigentlich Zeit für ein Artenschutzprogramm wäre. Nachdem die Autorin belegt hat, dass nur ca. drei Prozent der Bevölkerung zu den sogenannten Viel-Lesern (mehr als 50 Bücher pro Jahr) gehören, schreibt sie:

Erfreut sich der gewöhnliche Leser (Lector communis) noch weitgehend allgemeiner Munterkeit, so sieht es für den belesenen Viel-Leser (Lector multiplex) trüb und trüber aus. Das glauben Sie nicht? Nun, natürlich, da Sie dies lesen, gehören Sie vielleicht selbst zu seltenen Art der Viel-Leser – wer sonst interessiert sich schon für Bücher über Bücher und das Lesen. Sie lieben Bücher, sprechen gern mit anderen darüber und kommen sich dabei keineswegs gefährdet vor. Das ist übrigens typisch für den Viel-Leser: Unter Artgenossen fühlt er sich wohl, anerkannt und ganz in seinem Element. Doch außerhalb dieser kleinen Gemeinschaft gilt er als Exot, seine natürlichen Lebensräume schwinden und seine Arterhaltung steht nicht im Mittelpunkt des Interesses, weder gesellschaftlich noch politisch noch sonstwie. (S. 55)

aus: Petra Gust-Kazakos: Gefahren des Lesens: Essays zu Risiken und Nebenwirkungen, adson fecit 2016.

 

 

Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock (2015)

Alles begann in einem Zug. Auf einer ihrer vielen Fahrten kamen Steven Moffat und Mark Gatiss auf die Idee, eine der berühmtesten Gestalten der Weltliteratur neu zu interpretieren: Sherlock Holmes. Aus der Figur des in den achtzehnhundertneunziger Jahren von Arthur Conon Doyle geschaffenen Gentleman-Detektivs wollten sie einen modernen genialen Sonderling machen.

So beginnt die Spurensuche nach der Erfolgsgeschichte der fiktiven Figur Sherlock Holmes von

Matthias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock (2015)

Die Übersetzung der schwedischen Originalausgabe von 2013 stammt von Susanne Dahmann und Hanna Granz.

Fazit

Diesmal nur ein kurzes Fazit zu den 558 Seiten Text, zu denen noch 50 Seiten Quellenangaben und Register kommen.

Sicherlich haben wir es bei Boströms Werk mit einer beeindruckenden Rechercheleistung zu tun, mit der hier der Entstehung einer Kultfigur nachgegangen wird, die erstmals 1887 den Lesern präsentiert wurde und bis heute in unzähligen Neuauflagen, Bearbeitungen, Pastiches, Stummfilmen, Hörspielen, Theaterstücken, Parodien und modernen Verfilmungen bis hin zu Pornos eine nahezu beispiellose Karriere hingelegt hat.

Hübsch auch die Hinweise dazu, dass Sherlock Holmes regelmäßig von seinen Fans angeschrieben wurde.

Und doch, wenn ich ehrlich bin, hat mich das Buch oft gelangweilt. Manches – wie die Inspiration durch den Arzt Joseph Bell, bei dem Conan Doyle in Edinburgh studiert hatte, – war mir bereits bekannt. Anderes wie die Biografie Conan Doyles und sein späteres Versinken im Spiritismus war zwar an sich interessant, aber den Schreibstil fand ich wenig anregend. Es ist weder als reines Sachbuch geschrieben, noch hat Boström den Esprit eines Bill Bryson, stattdessen wirkt das Ganze wie eine mühselige Nacherzählung unzähliger Fakten.

Im zweiten Teil, als es nach Conan Doyles Tod um die drögen und nicht enden wollenden Streitereien der schillernden Erbengemeinschaft um die Urheberrechte bei diversen Filmproduktionen ging und sich zeitgleich die ersten Sherlock Holmes-Gesellschaften in Großbritannien und den USA bildeten, habe ich auch mehr als einmal den Überblick bei den vielen Personen, Zeitsprüngen, Namen und Daten verloren.

Eine Zeittafel gab es leider nicht.

Und dass Laurie R. King, die Romane um den gealterten Holmes und seine junge Assistentin schreibt, entweder von Boström oder den Übersetzerinnen auf S. 520 kurzerhand zu einem Mann gemacht wurde, gefiel mir auch nicht.

Für meinen Geschmack hätte der Autor viel häufiger aus zeitgenössischen Briefen,  Zeitungsartikeln und Theaterkritiken etc. zitieren können, das hätte dem Buch vielleicht ein bisschen mehr Pep eingehaucht.

Und mir kam die Frage zu kurz, was genau es denn eigentlich ist, was die Menschen bis heute so an Sherlock Holmes fasziniert. Oder ließe sich der ganze Erfolg nur auf den Unterhaltungswert eines rational-exzentrischen Detektivs und auf die Tatsache zurückführen, dass die Figur zum jeweils günstigsten Zeitpunkt in das gerade neu aufkommende Medium (Zeitschrift, Stummfilm, Theater, Radio, Film) transportiert wurde?

Zu spät habe ich eingesehen, dass ich in diesem Fall mit den deutsch- und englischsprachigen Wikipedia-Artikeln zum Autor und seinem berühmten Helden besser bedient gewesen wäre.

 

Andy Miller: The Year of Reading Dangerously (2014)

Zum Autor

Auf seiner Homepage kann man, wenn man das denn möchte, sicherheitshalber genauer aufdröseln, mit welchen der zahlreichen und z. T. berühmten Namensverwandten er NICHT identisch ist. Auch verbittet er sich jegliche Verwechslung mit jenem „Andy Miller on Facebook who counts ‚Women bringing me sandwiches‘ amongst his activities and interests. I am not on Facebook. I make my own sandwiches.“

Aber nun zum Inhalt

Let me begin on the back foot and linger there awhile. This book is entitled The Year of Reading Dangerously. It is the true story of the year I spent reading some of the greatest and most famous books in the world, and two by Dan Brown. I am proud of what I achieved in that year and how the experience changed my life – really altered its course – which is why I am about to spend several hundred pages telling you about it.

Mit diesen einleitenden Worten wäre der Inhalt des biografisch verankerten Lektürerückblicks des Journalisten und Schriftstellers Andy Miller bereits umrissen.

Auslöser war zunächst seine Situation als berufstätiger und ständig übermüdeter Papa eines dreijährigen Sohnes. Dabei kommt Miller irgendwann zu dem ernüchternden Ergebnis:

I assume we are happy. Certainly we love each other. We have been working parents for three years. In that time I have, for pleasure, read precisely one book – ‚The Da Vince Code‘ by Dan Brown. (S. 23)

Irgendetwas Entscheidendes fehlt jedoch, Bücher hatten bisher immer zu seinem Leben gehört, nicht umsonst hat Miller Literatur studiert. Doch jetzt fehlen Zeit und Energie für anspruchsvollere Literatur. Und selbst die Zeit, die er in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg zur Arbeit zum Lesen verwenden könnte, verbringt er eher mit Sudoko oder irgendwelchen Zeitschriften.

Und überhaupt befindet er sich gerade in seiner eher mittelmäßigen Midlife-Crisis, in der ihm nicht nur Literatur, sondern auch Musik und gute Filme abhanden gekommen sind:

Now, however, like many people on the threshold of middle-age, out there in the jungle somewhere I could discern a disconcerting drumbeat; and I realised that at some point in the aforementioned Not Too Distant Future, closer now, the drumming would cease, leaving a terrible silence it its wake. And that would be it for me. Immediately, we produced a child. But if anything, this only made matters worse. I had heard that other people dealt with this sort of problem by having ill-advised affairs with schoolgirls, or dyeing their hair a ‚fun‘ colour, or plunging into a gruelling round of charity marathon running, ‚to put something back‘. But I did not want to do any of that; I just wanted to be left alone. My sadness for things undone was smaller and duller, yet maybe more undignified. It seemed to fix itself on minor letdowns, everyday stuff I had been meaning to do but somehow, in half a lifetime, had not got round to. I was still unable to play the guitar. I had never been to New York. I did not know how to drive a car or roast a chicken. Roasting a chicken – the impossible dream! Even my mid-life crisis was a disappointment. (S. 39)

Als er mit Sohn und Kinderwagen auf der Flucht vor einem Regenguss ist, findet er zufällig in einem Buchladen den Roman Der Meister und Margarita des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Miller kommt auf den Geschmack und beschließt, auf den Genuss anspruchsvoller Literatur nicht länger verzichten zu wollen.

Eine Bücherliste muss her, die im Laufe der Zeit auf 50 Titel anwächst und die er in einem Jahr „abgearbeitet“ haben will. Die Auswahl erfolgt streng subjektiv. Es werden Bücher ausgewählt, die er tatsächlich gerne kennen würde und von denen er hofft, dass sie das erfüllen, was Henry Miller einmal so ausgedrückt habe: „They were alive and they spoke to me.“ (S. 8)

Schließlich stehen auf der „List of Betterment“ so ganz unterschiedliche Titel, wie z. B.:

  • Middlemarch (George Elliot)
  • Post Office (Charles Bukowski)
  • The Ragged Trousered Philanthropists (Robert Tressell)
  • The Sea, The Sea (Iris Murdoch)
  • The Communist Manifesto (Marx/Engels)
  • Moby-Dick (Herman Melville)
  • Anna Karenina (Leo Tolstoy)
  • Of Human Bondage (Somerset Maugham)
  • The Odyssey (Homer)
  • Absolute Beginners (Colin MacInnes)
  • Krautrocksampler (Julian Cope)
  • The Leopard (Giuseppe Tomasi di Lampedusa)
  • Beloved (Toni Morrison)
  • Atomised (Michel Houellebecq)

An Houellebecq schreibt er einen enthusiastischen Brief, den er zwar nie abgeschickt hat, der hier aber abgedruckt wird. Das letzte Buch auf seiner Liste, das übrigens seine Frau aussuchen musste, war The Code of the Woosters von P.G. Wodehouse.

Doch das Buch, das sowohl ihn als auch seine Frau komplett von den Socken gehauen hat, war Krieg und Frieden von Tolstoi. Hier schließt sich dann auch der Kreis zum Titel. Krieg und Frieden war nach Aussage Millers tatsächlich der letzte Anstoß, sein Leben noch einmal komplett zu ändern. Er reicht seine Kündigung ein und beschließt selbst zu schreiben. Eines der Resultate ist das vorliegende Buch.

Nun schreibt Miller aber nicht einfach fünfzig Besprechungen. Viele der von ihm gelesenen Titel spielen im Buch gar keine Rolle, stattdessen wählt er aus, erzählt, welche Bücher ihm aus welchen Gründen besonders gefallen, welche ihn schier zur Verzweiflung gebracht haben und welche Bücher in seiner Biografie, beim Erwachsenwerden, wichtig waren.

Und vor allem beschäftigt ihn die Frage, wie man die Lektüre der Klassiker mit einem Vollzeitjob und einem Familienleben unter einen Hut bringen kann. Dazu gibt es mal mehr, mal weniger interessante Exkurse zum Lesen im einundzwanzigsten Jahrhundert, zum Verschwinden der örtlichen Buchhandlungen und den ständigen Budgetkürzungen bei allem, was mit Literatur oder (Schul-)Büchereien zu tun hat.

Gleichzeitig macht er sich so seine Gedanken über eine weitere Veränderung:

Meanwhile, the last decade has given us blogs, book groups, festivals, all the chatter of the social network, developments which, while they may indeed be progress, are not the thing itself. They are not reading. (S. 12)

Fazit

Ich selbst fand meist die Hintergrundinformationen zu den Büchern am interessantesten. Wie Melville, einer der ganz Großen, von seinen Zeitgenossen keineswegs als Literat anerkannt wurde und schließlich einem Brotberuf nachgehen musste und unbeachtet starb. Oder dass Bulgakovs Roman erst 26 Jahre nach seinem Tod erschien – und es somit keineswegs selbstverständlich war, dass Miller dieses Buch in der Auslage einer kleinen Buchhandlung in Broadstairs entdeckte.

Dass er mit Jane Austen nicht warm wird, ist natürlich unverzeihlich, dafür scheitert er an Romanen des Magischen Realismus genauso grandios wie ich…

Das Buch ist ein ehrliches und über weite Strecken vergnügliches Plädoyer für Kultur, wenn auch nicht immer ganz so knackig und hübsch auf den Punkt gebracht, wie ich das von Nick Hornbys Buchkolumnen in Erinnerung habe. Köstlich jedoch, als er beispielsweise planlos Rezepte aus Murdochs The Sea, The Sea nachkocht, weil er keinen Zugang zum Buch findet. Das muss kulinarisch eine ziemliche Katastrophe gewesen sein. Seine Frau bat ihn jedenfalls, von solcherlei Experimenten in Zukunft abzusehen.

Auch das Kapitel, in dem er Gemeinsamkeiten zwischen Dan Brown und Melville sucht – und findet, macht Spaß.

The Year of Reading Dangerously ist letztlich nicht nur das Buch mit dem scheußlichsten Cover (gebundene Ausgabe), das mir seit langem untergekommen ist, sondern vor allem eine dringende Einladung, (wieder) Bücher zu lesen, die einen fordern, die einem etwas abverlangen und bei denen man eben auch mal zugeben muss, vielleicht nicht alles verstanden zu haben.

Culture could come in many forms, high, low or somewhere in-between: Mozart, The Muppet Show, Ian McEwan. Very little of it was truly great and much of it would always be bad, but all of it was necessary to live, to be fully alive, to frame the endless, numbered days and make sense of them. (S. 40)

Und diese Kultur kann unerwartete Nebenwirkungen mit sich bringen: Tina, seine Frau, kauft nach ihrer Lektüre von Tolstoi wesentlich weniger Bücher, da die meisten ohnehin nicht so gut sein können wie Krieg und Frieden. Da stecke schließlich schon fast alles drin. (Ich habe den Fehler gemacht, diese Anekdote meinem Mann zu erzählen, woraufhin es keine fünf Minuten dauerte, bis er mir freundlich lächelnd seine alte Ausgabe des ersten Bandes von Krieg und Frieden in die Hand drückte.)

Anmerkungen

Hier gibt es ein Interview mit Miller und hier einige Besprechungen:

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung (2014)

Wir haben eine Buchhandlung gekauft. In Wien. Wir haben eine Mail mit einer Zahl geschrieben, ein Gebot, einen Betrag, den wir gar nicht hatten, und nach einigen Wochen kam die Antwort: Sie haben eine Buchhandlung gekauft! So etwas passiert dir nur bei eBay, wenn du dich hinreißen lässt und mehr bietest, als du eigentlich wolltest, weil sich das Kind das Harry-Potter-Lego so sehr wünscht und du dann diese eine Zahl hingeschrieben hast und keiner, verdammt noch mal keiner, findet sich, der mehr bietet. Und nun haben wir für eine Buchhandlung geboten, in einer Stadt, in der wir nicht leben, mit Geld, das wir nicht haben. Und haben sie bekommen. Und jetzt? Jetzt müssen wir das durchziehen.

So beginnt eine buchhändlerische Erfolgsstory, die zunächst so gar nicht ins Amazon-Zeitalter zu passen scheint:

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung (2014)

Zum Inhalt

Nach den schönen Besprechungen auf dem Grauen Sofa (dort bitte auch die anregenden Kommentare lesen!) und beim Kaffeehaussitzer muss zum Inhalt wohl nicht mehr viel gesagt werden: Familie kauft Buchhandlung in Wien. Arbeitet bis zur Erschöpfung und manchmal auch darüber hinaus, kämpft mit Tücken der Finanzierung und wunderbaren und manchmal auch ziemlich schrägen Kunden.

Den Vogel schießt die Kundin ab, die ein spanisches Kinderbuch, das sie im Urlaub für ihren Enkel gekauft hat, von uns übersetzen lassen will. Der Enkel spreche schließlich kein Spanisch. Darauf die Kollegin: „Ich auch nicht.“ Die Dame verlässt beleidigt den Laden. (S. 67)

Hin und wieder gerät das Familienboot unter all der Zeitnot und dem Stress gefährlich ins Trudeln. Sie gewinnen neue Mitarbeiter auf manchmal ungewöhnlichen Wegen und – verkaufen Bücher ohne Ende.

Inzwischen mit liebevoll gestalteter Homepage.

Fazit

Humorvoll, ironisch, locker-flockig, manchmal ein bisschen rüde, da wird dann für eine gute Pointe auch mal ausgeteilt. Über manches wird geschwiegen: Wie hat wohl der Sohn, der den Rest seiner Schulzeit in Hamburg absolviert hat und nicht mit der Familie nach Wien gezogen ist, diese Zeit erlebt? Und wenn alles immer noch nahe dem Nervenzusammenbruch passieren würde, dann hätte Frau Hartlieb sicherlich nicht die Zeit gefunden, dieses Buch und noch ein paar Krimis zu schreiben.

Trotzdem ist das Buch spannend, man will wirklich wissen, was passiert als nächstes? Zwischendurch ist es erholsam, wenn sie das Erzähltempo drosselt und einzelne Episoden erzählt, da kann man dann ein bisschen aufatmen.

Und wie schön zu lesen, dass so ein angeblich altmodisches Ding wie eine Buchhandlung hervorragend funktionieren kann. Dass es Menschen gibt, die ihren Traum leben und mit Enthusiasmus das wettmachen, was ursprünglich vielleicht an finanziellen Rücklagen und technischem Know-How gefehlt hat.

Dieses Loblied auf den Buchhandel vor Ort und auf einen Beruf, der uns allen hoffentlich noch lange, lange erhalten bleibt, macht Laune. Nicht mehr, nicht weniger. Und man möchte am liebsten gleich wieder in eine dieser mit Büchern vollgestopften Buchhandlungen verschwinden und auf Entdeckungstour gehen. Und der ein oder andere Buchladen kann sich von dem, wie hier Service, Beratung und Kundenbetreuung hochgehalten werden, vielleicht auch ein Scheibchen abschneiden.

Und wenn ein Buch mit so viel Wärme und Begeisterung von Hartlieb empfohlen wird wie Der Schrecken verliert sich vor Ort von Monika Held, dann werde ich doch gleich mal schauen…

 … wir verkaufen das schönste Produkt, das es gibt. Wir verkaufen Geschichten. Und ich kann mich für einen guten Unterhaltungsroman genauso begeistern wie für die sogenannte ernsthafte Literatur, und manchmal finde ich diese Unterscheidungen im deutschen Sprachraum sehr mühsam. Jedes Mal dieser Eiertanz, wenn man rausfinden möchte, welche Art von Buch eine Kundin gerne möchte, wenn sie in den Laden kommt und sagt: „Empfehlen Sie mir ein gutes Buch.“ Was könnte das sein? Was ist für die Dame eine gutes Buch? Irgendetwas zwischen Elfriede Jelinek und Cecilia Ahern, aber wie bekomme ich das raus, ohne beleidigend zu sein? (S. 129)

Und vielleicht sollte sich meine Buchhandlung vor Ort den folgenden Hinweis mal zu eigen machen:

Es gibt natürlich auch solche, die regelmäßig sehr, sehr viele Bücher kaufen, du weißt aber, dass sie nicht unfassbar reich sind und ihre Bücherregale eigentlich auch schon überquellen müssen. Da muss man auch schon mal etwas verweigern, zumindest rauszögern, ein wenig wie ein guter Wirt, der einschätzen kann, wann der Gast genug hat, und ihm nicht mehr nachschenkt. „Jetzt liest du mal das, was auf deinem Nachttisch liegt, und dann kommst du wieder.“ (S. 177)

Peter Braun: Von Blechtrommlern und Nestbeschmutzern (2010)

Randbemerkung in einem Schulbuch, eingetragen im Sommer 1934: ‚Leck mich am Arsch, Faschisten-Häuptling.‘ Der Schüler ist sechzehn, der das schreibt. ‚Tod den Braunen.‘ Sein Schulweg ist längst nicht mehr sicher. Jungnazis schlägern in den Straßen von Köln. Sie verprügeln gleichaltrige ‚Gesinnungslumpen‘, besonders gern die kirchennahen, zu denen der Schüler gehört.

So beginnt das erste Kapitel – zu Heinrich Böll – in der lesenswerten Einführung in die deutschsprachige Nachkriegsliteratur, die wohl vor allem für junge Leser gedacht ist:

Peter Braun: Von Blechtrommlern und Nestbeschmutzern: Deutsche Literaturgeschichte(n) nach 1945 (2010)

Peter Braun stellt sich auf seiner Homepage folgendermaßen vor: „gelernter Kfz-Mechaniker, arbeitet nach seinem Studium der Zahnmedizin als Publizist und freier Journalist.“ Kennt jemand einen kürzeren Lebenslauf?  Und diese knappe, sofort auf den Punkt kommende Sprache zeichnet auch seine Einladung zum Entdecken der deutschsprachigen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg aus.

Insgesamt fünfzehn Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden näher beleuchtet, und zwar in enger Verzahnung von Biografie, ihren wichtigsten Werken und der gesellschaftlich-politischen Großwetterlage. Das liest sich flott, durchaus zum Widerspruch anregend. Ich vermisste z. B. Elias Canetti, der immerhin 1981 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Die Lyrik wird nur gestreift und Nelly Sachs gar nicht erwähnt (Nobelpreis 1966). Erich Kästner wird nur als Autor von Kinderbüchern und Lyriker vorgestellt. Kein Wort über seine Romane für Erwachsene. Leider werden auch keine Quellen angegeben.

Aber der herrlich unakademische, d. h. überaus lesbare Stil und die Fülle an Informationen machen das wett und vor allem eins: Lust, sofort mindestens zehn der genannten Romane zu lesen oder wiederzulesen.

Mein Neffe ist vier, also doch noch ein wenig zu jung für das Buch, aber egal, ich habe Brauns Band Von Taugenichts bis Steppenwolf schon neben mir liegen.

… viele Bücher der Weltliteratur wurden irgendwo, irgendwann von irgendwem untersagt. Das wohl erstaunlichste Buchverbot: 1998, Kalifornien. Zwei Schulen verwehrten ihren Schülern das Märchen Little Red Riding Hood, das Rotkäppchen der Gebrüder Grimm. Begründung: Im Korb mit Geschenken, den Rotkäppchen zur Großmutter trägt, liegt eine Flasche Wein. Dies würde die Schüler zum Trinken verleiten. (S. 53)

Und noch eine völlig irrelevante Fußnote meinerseits: Im Kapitel über Thomas Bernhard wird Hedwig Stavianicek nicht erwähnt, die der Dichter als seinen „Lebensmenschen“ bezeichnete, dem er buchstäblich alles verdanke. Dieser Begriff geht angeblich auf Goethe zurück, dort noch in der Bedeutung „Mensch des Lebensgenusses“. 2008 dann wurde „Lebensmensch“ in Österreich zum Wort des Jahres. „Dies war eine Folge seines hohen Verbreitungsgrades im Oktober 2008, als Stefan Petzner den kurz zuvor tödlich verunglückten Jörg Haider in den Medien unter Tränen als seinen „Lebensmenschen“ bezeichnet hatte.“ (Wikipedia) Das hat Bernhard nicht verdient …

Peter Braun hat sich in Von Schatzinseln und weißen Walen (2011) auch der klassischen Abenteuerliteratur angenommen.