Laurie R. King: The Beekeeper’s Apprentice (1994)

I was fifteen when I first met Sherlock Holmes, fifteen years old with my nose in a book as I walked down the Sussex Downs, and nearly stepped on him. In my defence I must say it was an engrossing book, and it was very rare to come across another person in that particular part of the world in that war year of 1915. In my seven weeks of peripatetic reading amongst the sheep (which tended to move out of my way) and the gorse bushes (to which I had painfully developed an instinctive awareness) I had never before stepped on a person.

Auf Deutsch erschien der erste Band der 1952 geborenen Amerikanerin Laurie R. King um Mary Russell und den fast 40 Jahre älteren Sherlock Holmes unter dem Titel Die Gehilfin des Bienenzüchters.

King hat für ihre Krimis bereits mehrere Preise bekommen.

Zum Inhalt

Sherlock Holmes, der sich inzwischen in die ländliche Idylle von Sussex zurückgezogen hat, um sich dort der Bienenzucht und seinen chemischen Experimenten zu widmen, lernt also 1915 die Vollwaise Mary Russell kennen. Es dauert nur wenige Minuten und die beiden stellen zu ihrer großen Verblüffung fest, dass sie anscheinend sehr ähnlich ticken. Also nimmt Holmes das junge Mädchen, das bei einer unfreundlichen Tante lebt, unter seine geistigen Fittiche und zieht sich so eine kluge Auszubildende heran. (Die deutsche Übersetzung als „Gehilfin“ trifft es leider nicht so genau.)

Natürlich lassen die ersten zu lösenden Fälle nicht lange auf sich warten.  So müssen sie zum Beispiel die entführte kleine Tochter eines amerikanischen Senators in Wales aufspüren. Mary, die später in Oxford studieren wird, entwickelt sich dabei allmählich zu einer ebenbürtigen Partnerin des berühmten Detektivs.

Im (chronologisch) zweiten Band O Jerusalem (der allerdings später veröffentlicht wurde), müssen sie sogar ein Attentat in Palästina verhindern, das den fragilen Frieden nach dem Ersten Weltkrieg zunichte machen könnte. Recherchiert bis ins Kleinste und so anschaulich, dass man schließlich das Gefühl hat, mit ihnen durch die Gassen Jerusalems zu eilen.

Der dritte Band A Monstrous Regiment of Women spielt vor dem Hintergrund der erstarkenden Frauenbewegung in Großbritannien. Im Umfeld einer charismatischen Frauenrechtlerin kommt es zu mehreren Todesfällen. Dabei haben reale  Persönlichkeiten wie Marie Stopes ihre Gastauftritte und die Debatten um eine feministische Lesart der Bibel sind mehr als nur Fassade. Die den jeweiligen Kapiteln vorangestellten Zitate bekannter Autoren erinnern daran, dass im Westen Frauen Jahrhunderte lang als minderwertig bzw. dem Mann eindeutig nachgeordnet angesehen wurden.

Im vierten Band A Letter of Mary findet sich ein köstlicher kurzer Auftritt von Lord Peter Wimsey, der während einer Art Hausparty spontan von Mary gebeten wird, ihr zwei Frauen vom Leib zu halten, die ihre Tarnung auffliegen lassten könnten.

I paused, struck by a thought. ‚I might, actually, ask a small favour.‘

‚But of course – gallant is one of my overabundant middle names. What dragon does milady wish slain, what chasm spanned? A star pluck’t from the heavens, a cherry that hath no stone? Some shag for your pipe, perhaps?‘

‚Nothing so simple as dragons or bridges, I fear. I need two young ladies removed so that I might get at the groaning board where they stand waiting to recognise me for whom I am not […]‘

‚You wish me to murder two women so that you can eat lunch?‘ he asked with one politely raised eyebrow. ‚It seems just a bit excessive when there are servants willin‘ and able to bring you a tray […]‘

‚No, you idiot,‘ I said over the giggles he always managed to draw from me. ‚Just remove them for twenty minutes. Take them to view the peacocks, or see the etchings, or […]‘ (S. 215/215)

Fazit

Diese Pastiche-Krimis machen Spaß. Sie leben von dem freundlich-bissigen Austausch der beiden Protagonisten, abwechslungsreichen und sorgfältig in die Zeitgeschichte eingebetteten Fällen und genügend Charakterschilderung, sodass man den beiden eigenwilligen Figuren gerne auf ihren Streifzügen gegen das Verbrechen folgt. Garniert ist das Ganze mit Ironie und Augenzwinkern.

I was due to enter my college at Oxford in the autumn of 1917. I had been with Holmes for two years, and by the spring of 1917 could follow a footprint ten miles across country, tell a London accountant from a Bath schoolmaster by their clothing, give the physical description of an individual based on his shoe, disguise myself well enough to deceive Mrs Hudson, and recognise the ashes from the 112 most common brands of cigarettes and cigars. In addition, I could recite whole passages of the Greek and Latin classics, the Bible, and Shakespeare, describe the major archeological sites in the Middle East, and, thanks to Mrs Hudson, tell a phlox from a petunia. (S. 63)

Doch dann wechselt der Ton wieder zu  ganz glaubhaften ruhigen Passagen, in denen es u. a. um die Ursache von Marys Alpträumen oder die Entwicklung der Beziehung zwischen Mary und Holmes geht. Und ein paar Seiten später befindet man sich plötzlich in einer Dan-Brown-artigen Verfolgungsjagd.

Wer ein bisschen Hintergrundwissen zu Holmes und seinen Fällen mitbringt, freut sich an der ein oder anderen Anspielung. So tarnt sich Holmes einmal beispielsweise als Lieutenant-Colonel William Gillette.

The original William Gillette was an American actor who had cobbled together one of the first stage plays about Holmes, using bits of the Conan Doyle stories [dem Herausgeber der von Watson verfassten Geschichten] and adding a romantic interest. Holmes‘ opinion of the production was what one might expect. (O Jerusalem, S. 333)

Und an kleinen Seitenhieben auf den zunehmend spiritistisch angehauchten Conan Doyle, der hier als Herausgeber für die Werke Watsons fungiert, fehlt es ebenfalls nicht.

Selbstverständlich sind auch Mycroft und Mrs Hudson mit von der Partie. Und  man kann sich von Holmes so schöne Sätze anstreichen wie diesen, als Mary ihn fragt, ob er sie eigentlich sehr ungern an ihrem zweiten gemeinsamen Fall hat mitarbeiten lassen.

I was indeed filled with a singular lack of enthusiasm at the prospect. (S. 196)

Oder den hier:

‚Good evening, Mycroft,‘ said Holmes. ‚I apologise for intruding on your quiet reading with my little problem, but unfortunately it appears that someone is attempting to exterminate Miss Russell and myself. I thought you might be willing to be of assistance.‘ (S. 234)

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James Runcie: Sidney Chambers and The Shadow of Death (2012)

Canon Sidney Chambers had never intended to become a detective. Indeed, it came about quite by chance, after a funeral, when a handsome woman of indeterminate age voiced her suspicion that the recent death of a Cambridge solicitor was not suicide, as had been widely reported, but murder. It was a weekday morning in October 1953 and the pale rays of a low autumn sun were falling over the village of Grantchester.

So beginnt die auf sechs Bände angelegte Reihe um den liebenswerten Detektiv wider Willen, die im englischsprachigen Raum schon viele Leser und Kritiker überzeugen konnte:

James Runcie: Sidney Chambers and the Shadow of Death (2012)

Zum Inhalt

In diesem Band sind die sechs ersten Geschichten um den Pfarrer Sidney Chambers versammelt, der seinen Dienst an der Kirche St Andrew and St Mary im – real existierenden – Dorf Grantchester ganz in der Nähe zu Cambridge versieht. Im ersten Fall, dem das Buch auch seinen Titel verdankt, kommt nach der Beerdigung eines Anwalts dessen Geliebte zu Sidney und bittet ihn, sich einmal umzuhören. Sie ist sicher, dass ihr Geliebter keinen Selbstmord begangen haben kann, sondern ermordet wurde. Zur Polizei möchte sie nicht, da sie ihre Affäre vor ihrem Mann geheim halten möchte.

Und so löst Sidney, zusammen mit seinem guten Freund, Inspector Keating, mit dem er jeden Donnerstag ein paar Bierchen trinkt und Backgammon spielt, seinen ersten Fall, dem – sehr zu Sidneys Leidwesen – rasch weitere folgen sollen. Zum Leidwesen deshalb, weil Sidney den Anspruch hat, zunächst unvoreingenommen zu glauben, was ihm erzählt wird und das Beste von seinem Nächsten zu denken, doch als Detektiv muss er alles, was ihm gesagt wird, skeptisch durchleuchten.

Außerdem muss er seine Nase in Dinge hineinstecken, die ihn eigentlich gar nichts angehen, und mehr als einmal lenken ihn seine inoffiziellen Gespräche, die er im Laufe der Ermittlungen führen muss, auch über Gebühr von seinen eigentlichen Gemeindeaufgaben ab.

Hier noch ein paar Worte zur Hauptperson:

Sidney was a tall, slender man in his early thirties. A lover of warm beer and hot jazz, a keen cricketer and an avid reader, he was known for his understated clerical elegance. His high forehead, aqualine nose and longish chin were softened by nutbrown eyes and a gentle smile, one that suggested he was always prepared to think the best of people. He had had the priestly good fortune to be born on a Sabbath day and was ordained soon after the war. After a brief curacy in Coventry, and a short spell as domestic chaplain to the Bishop of Ely, he had been appointed to the church of St Andrew and St Mary in 1952.

Fazit

Zuerst war ich enttäuscht, dass das Buch gar kein ausgewachsener Kriminalroman war, sondern eine Sammlung von sechs Geschichten, die immer so um die 60 bis 70 Seiten umfassen. Aber diese bauen geschickt aufeinander auf und in den Folgegeschichten treffen wir immer wieder Personal, das wir schon kennen. So entsteht allmählich ein Kosmos, in dem man immer wieder gute alte Bekannte trifft, sich auskennt und doch stets auf Neue überrascht wird.

So kann es passieren, dass Sidney mit der Witwe aus der ersten Geschichte später einen regen Briefwechsel unterhält, seine Dauerfreundin Amanda in einem Fall kräftig zur Aufklärung beiträgt, um dann im nächsten selbst ins Visier des Täters zu rücken. Ebenfalls zum Stammpersonal gehört die rabiate Haushälterin Mrs Maguire, deren Herrschaftsanspruch später durch den Einzug eines Vikars und einen Labrador bittere Niederlagen erleidet.

Der Handlungsort ist ebenfalls geschickt gewählt. Da Sidney nur 20 Minuten mit dem Fahrrad nach Cambridge braucht und London nur eine Stunde Zugfahrt entfernt ist, können die Fälle sehr abwechslungsreich und mit liebevoll gezeichnetem Zeitkolorit gestaltet werden. Schön auch, wenn sich plötzlich literarische Spiegelungen ergeben. In einer Geschichte im zweiten Band wird Sidney als Laienschauspieler für die Verfilmung eines Dorothy Sayers-Krimis engagiert, in einer anderen nimmt er teil an der Trauerfeier von C. S. Lewis. Die Bandbreite der Themen reicht dabei vom Kunstraub, einem Mord in einem Londoner Jazz-Lokal über die Spionageaffäre in den Fünfzigern an der University of Cambridge bis hin zu der repressiven Haltung gegenüber Homosexuellen und einem plötzlich verschwundenen Verlobungsring. Manchmal kann sich der geerdete Kirchenmann nur wundern:

‚What a mess people make of their lives,‘ he thought. (S. 13)

Sidneys Beruf, seine Berufung als Pfarrer, ist dabei keine bloße Staffage. Manchmal erfahren wir sogar, zu welchen Predigtthemen ihn seine Detektivarbeit anregt oder welche Fragen er sich im Bezug auf seinen Glauben stellt. Gerade in diesen Fragen und scheinbar beiläufigen Gedanken liegt ein großer Reiz der Geschichten.

How does a man behave when he knows that his death is imminent? (S. 29)

Als er am 7. Mai 1954 im Radio vom Rekord Roger Bannisters hört, philosophiert er darüber, was alles in dieser kurzen Zeitspanne möglich ist. Man kann ein Ei kochen, einen Rekord aufstellen oder wie Sidney Bechet Summertime auf dem Saxofon spielen. Darüber hinaus ist Sidney belesen und kann in einem Gespräch mit seinem Vikar, in dem es darum geht, welche Schriftsteller auf eher seltsamem Weg den Tod fanden, locker mithalten.

And didn’t the Chinese poet Li Po drown while trying to kiss the reflection of the moon in water? (S. 119)

Dass das Ganze hin und wieder noch von dezentem Humor untermalt ist, muss man nicht mehr erwähnen, oder? Als sein Freund Inspector Keating ihn dazu bringen möchte, einem verlobten Paar etwas genauer auf den Zahn zu fühlen, entspinnt sich folgender Dialog.

‚When people come to you to be married, you tend to put the couple through their paces beforehand, don’t you?‘
‚I give them pastoral advice.‘
‚You tell them what marriage is all about; warn them that it’s not all lovey-dovey and that as soon as you have children it’s a different kettle of fish altogether… […] There’s the money worries, and the job worries and you start to grow old. Then you realise that you’ve married someone with whom you have nothing in common. You have nothing left to say to each other. That’s the kind of thing you tell them, isn’t it?’
‚I wouldn’t put it exactly like that …‘
‚But that’s the gist?‘
‚I do like it to make it a bit more optimistic, Geordie. How friendship sometimes matters more than passion. The importance of kindness…‘
‚Yes, yes, but you know what I’m getting at.‘ (S. 153)

Kurzum: Ideal für LeserInnen wie mich, die keinen Wert auf ausgedehnte Schilderungen von Brutalität, Folter oder Eingeweiden in ihren Krimis legen, die Krimis eher zur Entspannung lesen und dabei trotzdem nicht für blöd verkauft werden wollen.

Anmerkungen

Der Autor James Runcie scheint ein umtriebiger, kluger und kreativer Kopf zu sein. Hier lohnt ein Blick auf den Wikipedia-Eintrag. Auch die Rezensenten waren angetan. Hier geht’s lang zur Besprechung im Independent und Ausschnitte vieler anderer Besprechungen sammelt die Homepage zur Serie. Dort findet sich außerdem ein schöner Eintrag, der erklärt, nach wem Sidney benannt wurde, und hier gibt es ein paar Fotos von einigen Plätzen in und um Grantchester.

Elizabeth Daly: Unexpected Night (1940)

Pine trunks in a double row started out of the mist as the headlights caught them, opened to receive the car, passed like an endless screen, and vanished. The girl on the back seat withdrew her head from the open window. „We’ll never get there at this rate,“ she said. „We’re crawling.“

The older woman sat far back in her corner, a figure of exhausted elegance. She said, keeping her voice low: „In this fog, I don’t think it would be safe to hurry.“

So beginnt der erste Kriminalroman um den Hobbydetektiv Henry Gamadge von

Elizabeth Daly: Unexpected Night (1940)

Zum Inhalt

Gamadge, Experte für alte Handschriften und Bücher, besucht im Sommer 1939 eine befreundete Familie im Sommerurlaub in Maine, Colonel Barclay, dessen Ehefrau Lulu und ihren Sohn. Und während man sich den Abend mit Kartenspielen vertreibt und auf die Ankunft von Lulus Schwägerin und deren zwei Mündeln wartet, erzählen die Barclays, was es mit Schwägerin Eleanor und ihren zwei Schützlingen auf sich hat. Alma und Amberley sind Geschwister und Amberley wird einen Tag später volljährig, das bedeutet, er wird ein Vermögen von einer Million Dollar erben. Doch Amberley ist todkrank und alle Anverwandten haben Angst, dass er seinen Geburtstag nicht mehr erlebt, dann würde nämlich das gesamte Vermögen irgendwelchen fremden Verwandten in Frankreich zufallen.

Am nächsten Morgen findet man Amberleys Leiche am Fuße der Klippen, ganz in der Nähe des Hotels, vermutlich eines natürlichen Todes gestorben, doch was wollte Amberley mitten in der Nacht an den Klippen?

Gamadge wird von dem zuständigen Kommisar Mitchell gebeten, ihn bei den Untersuchungen zu unterstützen. Und so kommt Gamadge eher unfreiwillig zu seinem ersten Fall. Er ist Anfang dreißig und äußerlich eher unauffällig und unscheinbar.

Mr. Henry Gamadge […] wore clothes of excellent material and cut; but he contrived, by sitting and walking in a careless and lopsided manner, to look presentable in nothing. He screwed his grey tweeds out of shape before he had worn them a week. […] People as a rule considered him a well-mannered, restful kind of young man; but if somebody happened to say something unusually outrageous or inane, he was wont to gaze upon the speaker in a wondering and somewhat disconcerting manner. (S. 6)

Gamadge hat ein Faible für Literatur, alte Handschriften und Bücher und ist – wie könnte es anders sein – ein intelligenter und aufmerksamer Zuhörer.

He did not object to his own society. (2. Band Deadly Nightshade, S. 2)

Fazit

Eine Krimi-Entdeckung, die mir viel Spaß gemacht hat.

Die Schauplätze, eine Straße im Nebel, ein Hotel, ein Dorf, das eine Schauspielertruppe beherbergt, sind hier nicht bloße Staffage. Die Handlungsfäden fließen am Ende alle natürlich zusammen und es gibt kein weißes Kaninchen, das am Ende künstlich aus dem Hut gezaubert wird. Ich habe – erfolglos – fröhlich mitgerätselt. Und in einem der letzten Kapitel, als dem bis dahin ahnungslosen Familienanwalt erzählt wird, was sich zugetragen hat, läuft Daly sogar zu echtem Screwball Comedy-Format auf.

Das Buch war spannend und unterhaltsam. Ich finde es unerhört, dass es von diesem Krimi keine hübsche Schwarzweiß-Verfilmung gibt.

Der zweite Band Deadly Nightshade geht ebenfalls von einer rätselhaften, wenn auch makaberen Grundkonstellation aus: Mehrere Nachbarkinder haben Beeren des Schwarzen Nachtschattens gegessen. Ein Kind stirbt, eines bleibt verschwunden, eines erholt sich, das vierte spricht noch nicht wieder. Mitchell bittet Gamadge, sofort aus New York zu kommen und ihn wieder bei den Befragungen zu unterstützen.

Doch leider verzettelt sich Daly hier in der Menge der beteiligten Personen, von denen leider auch nicht alle als Charaktere überzeugend sind, einige bleiben bloße Namen. Mir wurde ein bisschen schwindlig von all den Fahrten zwischen den Häusern der Opferfamilien, den potentiellen Tätern und den in der Nähe campierenden „gypsies“, die alle in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander liegen, zumal die Handlung an einem einzigen Wochenende spielt.

Anmerkung

Elizabeth Daly lebte von 1878 bis 1967. Es heißt, sie sei die Lieblings-Krimischriftstellerin Agatha Christies gewesen.

Martin Edwards: The Coffin Trail (2004)

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‚Forget about the murder‘. It’s history. Daniel tightened his grip on the steering wheel as the Audi jolted over potholes in the winding lane, his palms sweating. Miranda thought he was so cool, so relaxed, but it was an illusion. Might a conjurer feel like this when walking onto the stage? Fearing that his magic wouldn’t work, that when he whipped the cloak away, his audience wouldn’t gasp, but merely yawn? The car eased over the top of the fell and Daniel held his breath. At last Brackdale revealed itself. Unfolding beneath them, luxuriating in the sunshine.

So beginnt der erste im Lake District in Großbritannien spielende Kriminalroman um den Historiker Daniel Kind und DCI Hannah Scarlett:

Martin Edwards: The Coffin Trail (2004); auf Deutsch: Tote schlafen nicht

Der Historiker Daniel Kind und seine neue Partnerin Miranda beschließen aus privaten Gründen Oxford den Rücken zu kehren. Bei einem Kurzurlaub im traumhaft schönen Lake District finden sie ein Cottage, das ihnen mit seiner idyllischen Lage an einem kleinen See gefällt, und kaufen es. Daniel kennt das Haus noch aus seiner Kindheit: Während eines Familienurlaubs im Lake District hatte er sich mit dem Dreizehnjährigen Barrie Gilpin angefreundet, der allein mit seiner Mutter eben in jenem Haus lebte. Barrie war ein bisschen sonderbar, was aber der Kinderfreundschaft keinen Abbruch tat.

Nun ca. 20 Jahre später: Barrie gilt den meisten im Dorf als der Mörder einer jungen, schönen Touristin, deren Leiche man vor sieben Jahren brutal zugerichtet auf einem uralten Stein oberhalb des Dorfes gefunden hatte. Barrie selbst konnte nicht mehr vor Gericht gestellt werden, da er nur wenige hundert Meter vom Fundort der Leiche in eine Felsspalte gestürzt war, aus der er sich nicht mehr hatte befreien können.

Daniel kann den Mord nicht so recht in Einklang bringen mit dem sanften Jungen, den er als Kind kennengelernt hatte, und ist unvorsichtig genug, das überall im Dorf herumzuposaunen.

Zeitgleich wird eine neues Team bei der Polizei zusammengestellt, das sich alten, aber niemals aufgeklärten Verbrechen widmen soll. Aufgrund eines anonymen Anrufs wird die Einsatztruppe unter Leitung von Hannah Scarlett auf genau diesen Touristenmord aufmerksam. Und so verknüpfen sich die Geschichten von Hannah, ihrem Partner und Daniel und Miranda und den anderen Dorfbewohnern immer enger, zumal Hannah früher unter dem Vater Daniels ihr Polizistenhandwerk gelernt hat.

Fazit

Ein solide gemachter Krimi, der es über weite Strecken schafft, die Gattung des cozy mystery in die Moderne zu bringen. Kein Ausmalen blutiger und unappetitlicher Einzelheiten, ein gemächliches Tempo, es dauert über 100 Seiten, bis Hannah überhaupt am Fall arbeitet. Daniel selbst macht sich vor seiner Einladung bei dem reichen Immobilienhändler Dumelow lustig:

So this is our first toe in the water, so far as integrating with the local community goes? A dinner party with the local squire and his wife. Very traditional. Except that he only keeps a farm as a write-off against tax and she’s a townie who plays at being an artist. (S. 126)

Die Dialoge sind lebhaft und gut geschrieben. Das Setting mit dem Lake District schön gewählt und den uralten sogenannten Coffin Trail gibt es wirklich. Auf ihm wurden die Toten auf Pferden von Rydal Mount nach Grasmere gebracht, da es dort eine Kirche gab. Hier kann man ein bisschen Wanderfernweh schnuppern und nebenbei noch etwas über Wordsworth erfahren.

Allerdings habe ich die Auflösung schon ca. 40 Seiten vor dem Ende geahnt und die Schönheit des Lake District erschloss sich mir eher aufgrund eigener Urlaubserinnerungen, weniger durch sprachlich gelungene Beschreibungen. Auch dass wildfremde Menschen schon gleich bei ihrem ersten Treffen über so persönliche Dinge sprechen, war mir nicht immer so ganz nachvollziehbar. Bei dieser Art von Kriminalroman hätte ich mir auch ein bisschen mehr Humor vorstellen können.

Also: Kein neuer Chandler, aber solide Krimi-Unterhaltung, nicht mehr, nicht weniger.

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Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009)

It was as black in the closet as old blood. They had shoved me in and locked the door. I breathed heavily through my nose, fighting desperately to remain calm. I tried counting to ten on every intake of breath, and to eight as I released each one slowly into the darkness. Luckily for me, they had pulled the gag so tightly into my open mouth that my nostrils were left unobstructed, and I was able to draw in one slow lungful after another of the stale, musty air.

So beginnt der erste Band um die Amateurdetektivin Flavia de Luce, der mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde

Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009); auf Deutsch: Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet (2009)

Der Kanadier Alan Bradley (*1938) hat seine Romane um die elfjährige Flavia im England der fünfziger Jahre angesiedelt. Dort lebt sie mit ihren Schwestern Daphne (Daffy) und Ophelia (Feely) und ihrem Vater Colonel Haviland de Luce in dem großen alten Herrenhaus Buckshaw, das praktischerweise auch ein fantastisch ausgestattetes Chemielabor – eingerichtet von einem der Vorfahren – enthält, denn Flavia ist mit ganzem Herzen Chemikerin. Die Fehden zwischen ihr und den Schwestern enden schon mal damit, dass sie Ophelia ein bisschen Gift des Kletternden Giftsumachs in ihren Lippenstift schmuggelt und sie die allergischen Beschwerden fein säuberlich protokolliert.

Die Mutter Harriet starb, als Flavia ein Jahr alt war, und der Vater nimmt seine Töchter eher selten wahr und kümmert sich vor allem um seine große Leidenschaft, die Welt der Briefmarken. Das Personal besteht aus der Haushälterin Mrs Mullet und dem Gärtner Arthur Dogger, der von Kriegstraumata gezeichnet ist und öfter Gedächtnisaussetzer und Zitteranfälle hat. Im Krieg hat er Flavias Vater das Leben gerettet und er ist der Familie der de Luces treu ergeben.

Im ersten Band der auf sechs Bände angelegten Reihe gerät Flavias Vater unter Mordverdacht, als einer seiner ehemaligen Mitschüler, Horace Bonepenny, tot im Gurkenbeet der de Luces aufgefunden wird. Zunächst schweigt sich der Vater aus, da er befürchtet, dass Dogger für den Mord verantwortlich sein könnte, denn der hatte, zusammen mit Flavia, heimlich gelauscht, als Bonepenny versucht hatte, Flavias Vater zu erpressen.

So liegt es nun an Flavia, ihren Vater von diesem schrecklichen Verdacht reinzuwaschen und herauszufinden, was wirklich passiert ist. Das Verbrechen hat seine Wurzeln in der Jugend des Vaters. Zusammen mit Bonepenny war er auf einem Internat, in dem sich ein allseits beliebter Lehrer in den Tod gestürzt hatte.

Bradley schafft es durchaus, für seine Ich-Erzählerin einen eigenen Ton zu finden, frech, altklug und vorlaut, ihren Schwestern in inniger Hassliebe verbunden, aber letztlich mit dem Herz am richtigen Fleck. Auch wimmelt das Buch von gelehrten Anspielungen, bei denen man sogar das ein oder andere nachschlagen kann, sei es zu Naturwissenschaften oder Büchern. Das zeigt sich schon am englischen Originaltitel, einem Zitat von William King „Unless some sweetness at the bottom lie, who cares for all the crinkling of the pie“ (The Art of Cookery, 1708).

Doch manchmal wird die Geduld des Lesers arg überstrapaziert. Wie glaubwürdig sind die folgenden Sätze aus dem Mund einer Elfjährigen?

As I expected, Father’s room war in near-darkness as I stepped inside. […] From inside, it possessed all the gloom of a museum after hours. The strong scent of Father’s colognes and shaving lotions suggested open sarcophagi and canopic jars that had once been packed with ancient spices. The finely curved legs of a Queen Anne washstand seemed almost indecent beside the gloomy Gothic bed in the corner, as if some sour old chamberlain were looking on dyspeptically as his mistress unfurled silk stockings over her long, youthful legs. (S. 146 – 147)

Auch die Handlung weist, gerade was die Motive des Bösewichts angeht, einige logische Löcher auf.

Wie schrieb Laura Wilson im Guardian so nett: „The Sweetness at the Bottom of the Pie reads like a cross between Dodie Smith’s I Capture the Castle (posh family fallen on hard times, dead mother, disengaged father, crumbling pile) and the Addams family (Flavia has a well-appointed laboratory where she makes poisons to test on her spiteful elder sisters). A strong plot, involving philately, ornithology and prestidigitation, and a wonderful supporting cast make this Canadian novelist’s debut delightfully entertaining.“

Fazit: Krimi-Unterhaltung, nett und mit skurril-überzeichneten Charakteren ansprechend gemacht, aber – meinen SUB wird’s freuen – die nächsten Bände erst einmal ohne mich.

Hier noch ein Link zu Literaturen: Sophie mochte besonders die ersten beiden Bände sehr.