Lioba Happel: dement (2015)

Wenn wir alles vergessen haben, zum Beispiel, dass man, wenn die Sonne scheint, sagt, es sei schönes Wetter, und dass man, wenn es regnet, sagt, es sei schlechtes Wetter; wenn wir vergessen habe, wie unser Ehepartner von uns gerufen wurde, der auf Fotos auf der Wand hängt und ob das überhaupt unser Ehepartner gewesen ist; wenn wir vergessen haben, wie unsere Kinder und Kindeskinder einmal von uns genannt wurden, die sich auf Stellbildern und allen Flächen um uns herum zeigen; wenn wir schließlich sogar vergessen haben, wie wir selber heißen, dann sind wir angekommen in der reinen Gegenwart. Es regnet heute in der reinen Gegenwart, aber wir behaupten, es sei schönes Wetter.

So beginnt eine schmale Erzählung von nur 117 Seiten, veröffentlicht im Rimbaud Verlag, in der Lioba Happel den Versuch unternimmt, sich den Gedanken einer demenzkranken älteren Frau anzunähern, sich in ihre Welt hineinzufühlen.

All die Jahre, die über uns hinweggegangen sind und wir, tief versunken in uns, wir halten es in unseren schmerzenden Körpern aus. Wir halten es aus auf dem Meer, bei Tag und bei Nacht, seekrank vor Erinnerung an die, die wir einmal gewesen sind und jetzt nicht mehr sind. (S. 105)

Dabei geht es um die Schreckmomente, in denen sich die alte Frau plötzlich in einem der Fotos von früher wiedererkennt, oder um den Besuch, der „nur mal eben“ hereinschauen wolle, um zu sehen, wie es ihr gehe, „um zu sehen, ob wir noch leben“, wie die Ich-Erzählerin trocken vermerkt. Um das unvermittelte Einschlafen tagsüber, um die Fragen des Besuchers, die man nicht so richtig deuten kann.

Ich habe es so empfunden: Die Geschichte zeigt keinen Kampf, keine Verzweiflung. Was für einen Sinn hätte es auch, gegen die Einsamkeit zu rebellieren. Im Großen und Ganzen liegt die Traurigkeit bereits hinter der Erzählerin. Das Auf-Sich-Zurückgeworfen-Sein wird leise angenommen.

In einer der Lyrik sehr nahen Sprache wird von einem allmählichen Loslassen erzählt, was beim Lesen auf mich trotz aller Wehmut wundersam ruhig und akzeptierend wirkte.

Gern gelesen.

Ihr habt „keine Zeit“ mehr, ihr sagt „wir müssen“.
„Was?“
„Wir müssen wirklich.“
„Wohin?“
„Eine Weltreise vorbereiten.“
Da zieht doch hinaus zu euren Abenteuern. Meldet euch gleich auch zur Fahrt
auf den Mond an. Hier bei uns, wenn ihr es eine Weile aushieltet, könntet ihr
einmal kopfüber durchs Weltall und quer wieder zurück. (S. 45)

 

Stefan Zweig: Buchmendel/Die Unsichtbare Sammlung (2016)

2016 hat  der Topalian & Milani Verlag zwei Novellen des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig neu herausgegeben.

Die Geschichte Buchmendel beginnt mit den folgenden Worten:

Wieder einmal in Wien und heimkehrend von einem Besuch in den äußeren Bezirken, geriet ich unvermutet in einen Regenguß, der mit nasser Peitsche die Menschen hurtig in Haustore und Unterstände jagte, und auch ich selbst suchte eilends nach einem schützenden Obdach. Glücklicherweise wartet nun in Wien an jeder Ecke ein Kaffeehaus und so flüchtete ich in das gerade gegenüberliegende, mit schon tropfendem Hut und arg durchnässten Schultern.

Die Novelle, die ursprünglich 1929 veröffentlicht wurde, handelt von Jakob Mendel, einem unansehnlichen galizischen Hausierer, der – obwohl ungebildet – so sehr in der Welt der Bücher lebt (weniger als Leser, sondern eher als phänomenaler geistiger Archivar von Autorennamen und sämtlichen bibliografischen Daten), dass er vom Ausbruch des Krieges völlig überrascht wird, was ihn teuer zu stehen kommt.

Einmal war eine glühende Kohle aus dem Ofen gefallen, schon brenzelte und qualmte zwei Schritte von ihm das Parkett, da erst, am infernalischen Gestank, bemerkte ein Gast die Gefahr und stürzte zu, hastig das Qualmen zu löschen: Er selbst aber, Jakob Mendel, nur zwei Zoll entfernt und schon angebeizt vom Rauch, er hatte nichts wahrgenommen. Denn er las, wie andere beten, wie Spieler spielen und Trunkene betäubt ins Leere starren: Er las mit einer so rührenden Versunkenheit, daß alles Lesen von anderen Menschen mir seither immer profan erschien. (S. 77)

Erschreckend hellsichtig, wie hier das Schicksal eines geistig tätigen Menschen vorweggenommen wird, der in der Gesellschaft keinen Raum mehr hat, die Umwandlung der Werte nicht rechtzeitig bemerkt und der Brutalität einer neuen Zeit hilflos ausgeliefert ist.

Gleichzeitig fragt man sich, was Stefan Zweig wohl heute sagen würde, wenn er schon damals schreiben konnte:

Jetzt erst, älter geworden, verstand ich, wieviel mit jedem solchen Menschen verschwindet – weil alles Einmalige von Tag zu Tag kostbarer wird in unserer rettungslos einförmiger werdenden Welt. (S. 96)

Der Text wurde von Joachim Brandenberg illustriert. Unglaublich, da werden die Lampen des Wiener Kaffeehauses unversehens zu Quallen, die im Text erwähnt wurden, und ich höre und sehe den Regen, der den Ich-Erzähler überhaupt erst ins Kaffeehaus getrieben hat, wo er sich dann an die zwanzig Jahre zurückliegende Begegnung mit Mendel erinnert und sich schließlich fragt, was wohl aus diesem seltsamen Menschen geworden ist.

Hier kann man schon mal ein wenig in den Illustrationen schwelgen, siehe zum Beispiel das Bild auf S. 77.

Die Novelle Die unsichtbare Sammlung beginnt mit den Worten:

Zwei Stationen hinter Dresden stieg ein älterer Herr in unser Abteil, grüßte höflich und nickte mir dann, aufblickend, noch einmal ausdrücklich zu, wie einem guten Bekannten. Ich vermochte mich seiner im ersten Augenblick nicht zu entsinnen; kaum nannte er aber dann mit einem leichten Lächeln seinen Namen, erinnerte ich mich sofort: Es war einer der angesehensten Kunstantiquare Berlins, bei dem ich in Friedenszeiten öfters alte Bücher und Autographen besehen und gekauft hatte. Wir plauderten zunächst von gleichgültigen Dingen. Plötzlich sagte er unvermittelt: ‚Ich muß Ihnen doch erzählen, woher ich gerade komme. Denn diese Episode ist so ziemlich das Sonderbarste, was mir altem Kunstkrämer in den siebenunddreißig Jahren meiner Tätigkeit begegnet ist….

Die Geschichte wurde ursprünglich 1927 veröffentlicht.

Die überraschende Wendung möchte ich gar nicht verraten, nur so viel: Der Kunstantiquar Herr R. benötigt dringend neue Ware und kommt deshalb in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf die Idee, seinen ältesten Kunden aufzusuchen, der seine ersten Ankäufe schon vor ca. 60 Jahren, damals noch bei Vater und Großvater des jetzigen Inhabers, getätigt hatte.

… dennoch konnte ich mich nicht entsinnen, daß er in den siebenundreißig Jahren meiner persönlichen Tätigkeit jemals unser Geschäft betreten hätte. Alles deutete darauf hin, daß er ein sonderbarer, altväterischer, skurriler Mensch gewesen sein mußte […] Als Veteran aus dem siebziger Jahr mußte er also, wenn er noch lebte, zumindest seine guten achtzig Jahre auf dem Rücken haben. Aber dieser skurrile, lächerliche Sparmensch zeigte als Sammler alter Graphiken eine ganz ungewöhnliche Klugheit, vorzügliche Kenntnis und feinsten Geschmack … (S. 15/16)

Eine Versteigerung oder ein Verkauf der „herrlichsten Blätter Rembrandts neben Stichen Dürers und Mantegnas in tadelloser Vollständigkeit“ wäre dem Händler zu Ohren gekommen.

So mußte dieser sonderbare Mann wohl noch am Leben oder die Sammlung in den Händen seiner Erben sein. (S. 17)

Also macht sich unser Kunsthändler auf „in eine der unmöglichsten Provinzstädte, die es in Sachsen gibt“, und tatsächlich, der alte Herr lebt noch und ist auch bereit, den Händler zu empfangen. Doch dieser Nachmittag verläuft dann in einer Weise, die er nicht hat voraussehen können.

Der Ich-Erzähler, der doch nur „als schäbiger Krämer gekommen war, um ihm ein paar kostbare Stücke abzujagen“, nimmt von seinem Besuch etwas anderes, viel Wesentlicheres mit.

Ich hatte wieder einmal reine Begeisterung lebendig spüren dürfen in dumpfer, freudloser Zeit, eine Art geistig durchleuchteter, ganz auf die Kunst gewandter Ekstase, wie sie unsere Menchen längt verlernt zu haben scheinen. (S. 54)

Und ich mußte wieder an das alte, wahre Wort denken – ich glaube, Goethe hat es gesagt: ‚Sammler sind glückliche Menschen.‘ (S. 55)

Fazit

Statt ständig neuen, sensationsheischenden, immer abgefahreneren oder schlicht banalen Texten hinterherzuhecheln, hat hier ein Verlag die feine Entscheidung getroffen, zwei alte Geschichten neu zu veröffentlichen. Besonders Die unsichtbare Sammlung bleibt so wunderbar in der Schwebe.

Schon die Sprache, wie schafft es Zweig, dass man innerhalb weniger Sätze so völlig in der Geschichte ist?

Und dann der alte, weltfremde Sammler, der nichts von den schwierigen und teuren Zeiten versteht und vermutlich auch seiner Familie früher alle Annehmlichkeiten versagt hat, nur um seine Sammlung vervollständigen zu können.

Doch Ehefrau und Tochter tragen ihm seine Leidenschaft nicht nach und denken – wenn auch vielleicht arg idealisiert – nur an das Glück des alten Mannes. Ist es richtig, ihn in seinem Wahn, seinen Illusionen zu belassen? Hätte man ihn nicht viel früher mit der sogenannten Realität konfrontieren müssen? Und doch: Er ist ein Sammler, ein Kenner, jemand, dem Kunst tatsächlich etwas bedeutet, und der gern und leicht auf vieles verzichten kann, aber nicht auf seine Mappen.

Gleichzeitig schwingt die Geschichte weiter: Was sind unsere Illusionen, was macht uns glücklich und was würden wir sehen, wenn wir die Dinge sähen, wie sie sind?

Zu diesem Eindruck trägt die Illustrierung von Florian L. Arnold ungemein bei. Absurde, groteske, höchst filigrane Zeichnungen, die ebenfalls dazu einladen, sich auf eine andere (alp-)traumhafte, innere Wirklichkeit einzulassen.

Abgeschlossen wird das Buch mit kurzen, aber erhellenden Hinweisen zu Stefan Zweig, der sich 1942 zusammen mit seiner Frau im brasilianischen Exil das Leben nahm.

Kurzum, ein Buch, das in Inhalt und in seiner aufwendigen Gestaltung daran erinnert, dass Inhalte ursprünglich etwas waren, das verdiente, würdig in Szene gesetzt zu werden.

Da bleibt mir am Ende nur noch, dem Verlag für die freundliche Zusendung eines Leseexemplars zu danken. Und außerdem weckt das Buch Neugier auf die nächsten Projekte des Verlages und macht Lust, wieder mehr von Stefan Zweig zu lesen.

Anmerkungen

Weitere Besprechungen gibt es auf

 

Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011)

26. Juni 1944

Mir schien alles trübe und traurig, weil ich von Dir fortging. Fortging, zwar in die tiefe Glaubensgewißheit, Dich wiederzusehen – aber auch mit der harten Gewißheit, dich lange entbehren zu müssen! Das entbehren zu müssen, was der liebe Gott zu meiner innigsten Ergänzung auf die Welt geschickt hat.

Nie noch habe ich die unbedingte Zusammengehörigkeit zu einem Menschen so hinreißend und grundsätzlich gespürt – als zu Dir. […]

Jeder Berg, jeder Baum, jeder Bach, jeder Schlaf, jedes Erwachen in Sonne oder Regen […] – alles lebte nur auf Dich bezogen und in mir, süß und zwingend, zu Dir hin. Manchmal irrte ich ab, zu dieser oder jener Frau, in Gedanken, leise und ganz tierhaft, und dennoch spürte ich – alles warst Du. Aus und mit Dir lebe und sterbe ich, ich will Dich ganz bei mir haben. Ich wünsche mir, zum erstenmal in Leben, ein Kind von Dir – ich und Du. Ich will nur Dich. In Dir vollendet sich mein Leben und mein Wirkenkönnen. Gott soll uns segnen und zusammenfügen. Ich will nur Dich – nicht „weil“, sondern ohne alle Gründe, weil Du bist und weil Du so bist, wie Dich eben Gott geschaffen hat. Mir und vielen zur Freude – aber mir zur letzten, einzigen Heimat. […]

Ich habe Dich lieber als mein Leben, lieber als Sonne und Mond, lieber als alle bestirnten Nächte, als alle Bäume und Tiere, die ich kenne und liebgewonnen habe, lieber, als mir je ein Mensch war, lieber als mein Leben, meine Hoffnung, meine Einsamkeit und die Summe meiner ganzen Arbeit und aller Seligkeiten, die mich auf meinem kurzen Gang durch die Dämmerung beglückt haben.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen Heinz Hilperts (1890-1967) vom 26. Juni 1944

Zum Hintergrund

Heinz Hilpert, Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters, hat seine große Liebe und spätere Ehefrau Annelies „Nuschka“ Heuser (1902-1963) Ende der zwanziger Jahre kennengelernt. Sie war Jüdin, ihre  Familie emigrierte, doch Annelies blieb in Deutschland.

Gerade noch rechtzeitig kann Nuschka im Juli 1943 in die Schweiz fliehen. Hilpert reist danach mehrere Male in die Schweiz. „Das vorerst letzte Mal sehen sich Heinz  und Nuschka Anfang Juli 1944 in Zürich. Kurz bevor er das Tagebuch beginnt.“ (S. 8)

Heinz Hilpert wird schließlich jede weitere Reise in die Schweiz untersagt. Er musste vorsichtig sein, war er den nationalsozialistischen Herrschers doch bereits unangenehm aufgefallen. Und Joseph Goebbels wird der drohende Satz zugeschrieben, dass Hilperts Theater nicht anderes seien als KZs auf Urlaub.

Bis Juni 1945 schreibt nun Hilpert dieses „Tagebuch für Nuschka“, das von Michael Dillmann und Andrea Rolz herausgegeben wurde und unter dem Titel So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben 2011 im Weidle Verlag erschienen ist.

Wir erfahren, wie das Wetter und seine jeweilige Stimmung ist, ob die Vögel singen, wie viel er an heißen Tagen trinkt und wie sehr er die sommerliche Wärme genießt, bis in den letzten Kriegsmonaten die Einträge verzweifelter werden.

Doch vor allem enthält das schmale Büchlein wunderschöne Liebesworte, auch wenn die sprachliche Vergötterung Nuschkas, der „Gebenedeiten“, die er um Segen bittet, für mich an manchen Stellen etwas schwer verdaulich war. Die geliebte Frau ist „seine Brücke“ zu Gott.

Könnte ich Dir nur einmal ganz sanft über Deine geschlossenen Lider streicheln, Deinen Haaransatz ganz, ganz leise mit meinen Lippen berühren und Dich noch ein wenig fester zudecken, damit Du nicht nachtkalt hast. Aber so bleibt mir nichts, als Dich ganz innig in  mein Gebet einzuschließen und Dich der Gnade dessen anheimzustellen, der uns zusammen auf diese wunderschöne Erde kommen ließ. (S. 21)

In poetischer Sprache umkreist Hilpert immer wieder die Fragen, wie sich diese Liebe auf ihn auswirkt, wie sie ihn verwandelt und unverwundbar macht.

Die Begriffe „sicher“ und „unsicher“ hören auf einzig und allein im Hoheitsgebiet der Liebe. Hier lebt der Mensch im Glauben, und der Glaube macht unversehrbar – man „sichert“ nicht mehr. […] und in der vollkommenen Liebe zu Dir, Nuschka, bin ich ganz unversehrbar, kann ich kämpfen, ohne mich umzusehen, kann ruhen, ohne mich zu schützen, kann schwerelos sein, ohne mich ekstatisch aufzuschwingen, kann kreisen, ohne schwindelig zu werden, kann verweilen, ohne zu versäumen. „Nichts mehr versäumen“ ist das tiefe, tiefste Lebensgefühl, was sich dem Liebenden erschließt. Er rennt und jagt nicht mehr, er bangt und flieht nicht mehr. Er hält inne und ist heiter, er geht still fort und fort und ist selig. Das Wissen und die Weisheit, die für ihn taugt, schmiegt sich still in sein Herz. (S. 24)

Geliebt werden ist schön – es entwickelt und differenziert aber nicht. Lieben – mit aller Fragwürdigkeit des Widergeliebtwerdens – ist eben eine Kraftvergeudung, die ständig verjüngt, ist eine Auslieferung, die einem sich selbst zurückbringt, ist ein Schmerzempfinden, das in Lust umschlägt. (S. 60)

Und ähnlich wie auch Bonhoeffer in seinen Brautbriefen ringt auch Hilpert darum, die lange Trennungszeit sinnvoll werden zu lassen:

Und dann baute sich immer wieder aus Sehnsucht und Liebe eine Brücke, die gerade in Dein liebes Herz hineinmündete. Und ich ging darauf und dachte, warum ist Liebe, die sich bescheiden muß und sich nicht stillen kann, weil die Geliebte fern ist, so viel inniger und zarter und verbundener, verflochtener, unauflösbarer als die, die genießt? Weil sie schmerzhafter ist? Schenkt uns der Schmerz diese ganz besonderen Innigkeiten? Warum werden Menschen erst im Entbehren wesentlich? Und ganz nahe? (S. 63)

In den letzten Kriegsmonaten werden die Briefe aus Berlin dunkler, die Verzweiflung und Sehnsucht riesengroß, aber selbst die Gedanken an den Tod sind aufgehoben in dieser großen Liebe:

Die Welt wird immer dunkler. Die Angriffe immer grauenhafter. Wir müssen’s dulden! Meine Unversehrtheit liegt ganz bei Dir und meinem Gefühl zu Dir. Was auch kommt – ich bin immer nur auf dem Wege zu Dir. Immer Richtung Nuschka. Auch wenn ich sterben muß, ist mein letzter Herzschlag für dich. Sei geküßt und gesegnet. (S. 97)

Eine weitere Besprechung findet sich auf lustauflesen.de.

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Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind (2016)

Eines Tages ist er einfach da. Über Nacht, ganz leise und unbemerkt. Er liegt dort, als wäre es nie anders gewesen, völlig selbstverständlich. Ich ziehe die Gardine im Wohnzimmer auf wie jeden Morgen. Und da steht es fest, so einfach, eine Tatsache. Wir hatten noch nie echten Schnee gesehen.

So beginnt der erste Roman der 1978 in Dortmund geborenen Autorin

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind (2016)

Zum Inhalt

Layla und Basils Eltern haben sich in Deutschland kennengelernt. Barbara, die junge Krankenschwester, hatte sich in den älteren Studenten aus Saudi-Arabien verliebt. Sie heiraten, bekommen zwei Kinder und leben mehrere Jahre in Saudi-Arabien.

Doch dann zieht die Familie zurück nach Deutschland, weil der Vater dort seinen Facharzt machen möchte. Die kleine Layla und ihr Bruder Basil werden vor vollendete Tatsachen gestellt und müssen sich damit arrangieren, dass es nach den Sommerferien nicht zurück nach Hause geht. Zuhause, das ist nun Deutschland, warme Klamotten, der erste Schnee, die deutschen Großeltern.

Jetzt, viele Jahre später, reist Basil als erwachsener Mann zum ersten Mal zurück nach Saudi-Arabien – zur Hochzeit seiner Schwester Layla, die sich entschieden hat, einen Saudi zu heiraten. Damit hat sie auch eine Entscheidung gegen ihren bisherigen westlichen Lebensstil in Deutschland getroffen. Sie wird also weder ihre Buchhändlerlehre beenden noch sich so frei bewegen können, wie sie das bisher gewohnt war.

‚Natürlich hat man dahinten [gemeint ist Deutschland] mehr Möglichkeiten‘, unterbricht sie mich. ‚Vor allem als Frau. Aber was bringt mir das denn, wenn die Freude darüber fehlt bei den Menschen? Wenn sie stumm und kalt bleiben trotz all ihrer Freiheit […] Was bringen mir denn die ganzen Möglichkeiten, wenn sie keine Verbindung herstellen zueinander?…‘ (S. 118)

Basil, der selbst ziemlich planlos ist und sein Studium immer noch nicht beendet hat, versucht sich also im Familiengewirr zurechtzufinden. Er muss seine spärlichen Arabischkenntnisse aktivieren und wird von Onkel, Tanten und Cousins im Familienclan willkommen geheißen, als wäre er der verlorene Sohn, der endlich nach Hause gekommen ist. Es wird gegessen, getrunken, gefeiert – bei der Hochzeit streng nach Geschlechtern getrennt – und fast immer ist man mit anderen zusammen. Da hinein sind seine Erinnerungen an die ersten Kinderjahre in Saudi-Arabien und an das Aufwachsen und Erwachsenwerden in Deutschland verwoben.

Doch vor allem will Basil, der immer eine enge und liebevolle Beziehung zu seiner Schwester hatte,  verstehen, was Layla zu dieser Entscheidung bewogen hat.

Fazit

Ein feines, ruhiges Buch, das ebenfalls – wie auch Mein Leben als Schäfer – die Frage stellt, wo man zu Hause ist bzw. sein will. Dabei kann die Autorin auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, denn auch sie, in Dortmund geboren, wuchs die ersten Jahre in Saudi-Arabien auf und kehrte mit elf Jahren nach Deutschland zurück.

Ihr Roman erzählt ganz unaufgeregt in einer schönen Sprache und nicht ohne Witz davon, wieso es manchmal so schwierig sein kann, sich in Deutschland zu Hause zu fühlen, wenn man einen nicht deutschklingenden Namen und eine dunklere Hautfarbe hat. Und wenn man sich diese ganzen klischeelastigen Zuschreibungen – entweder ist man die Wüstenprinzessin mit der Pyramide im Vorgarten oder eine potentielle Terroristin, die mit den Mördern des 11. September sympathisiert – nicht mehr zumuten möchte.

Zuhause, das ist für Layla der Ort,

von dem aus ich überall hingehen und an den ich zurückkommen kann und wo niemand will, dass ich mich gegen was anderes entscheide. (S. 119)

Dabei wird die alte Heimat nicht verklärt. Sie erscheint zwar wärmer und herzlicher und im Familienclan ist man aufgehoben und vorbehaltlos angenommen, aber auch kontrolliert und begrenzt. Und wenn die Religionspolizei ins Cafe kommt, sollte man tunlichst alles vermeiden, was ihren Unmut auf sich ziehen könnte.

„Weißt du noch, was wir damals immer gesagt haben: Im Leben der Entorteten ist kein Platz für Liebe.“ „Weil man so viel Kraft zum Überleben braucht. Und das glaube ich noch immer.“ (S. 93)

Schön wäre, beides zu haben: man selbst sein dürfen, ohne sich von der Familie, den männlichen Verwandten, der Religion, dem Staat die individuellen Lebensentscheidungen abnehmen lassen zu müssen, und gleichzeitig so geborgen, so aufgehoben und vorbehaltlos im Familienclan angenommen zu sein…

So könnte man voneinander lernen, wenn man denn wollte.

Das Buch mit dem coolen Cover erschien übrigens im DuMont Verlag.

Anmerkungen

Das sagt Die Buchbloggerin.

Hier geht’s lang zu den Besprechungen von Jenny Hoch und Christoph Schröder aus der Zeit.

 

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2015)

Mit zwanzig wurde ich zu meiner großen Überraschung in München auf einer Schauspielschule angenommen und zog, da ich kein Zimmer fand, bei meinen Großeltern ein. Diese beiden Welten hätten nicht unterschiedlicher sein können. Davon will ich erzählen: von meinen über alles geliebten Großeltern, gemeinsam gefangen in ihrem wunderschönen Haus, und davon, wie es ist, wenn einem gesagt wird: „Du musst lernen, mit den Brustwarzen zu lächeln.“

So, gleichsam mit einer Inhaltszusammenfassung „in a nutshell“, beginnt der dritte Teil der Erinnerungen von

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2015)

Zum Inhalt

Nach irgendwie bestandenem Abitur weiß Meyerhoff nur, dass er aus seiner kleinen norddeutschen Heimatstadt Schleswig weg will, irgendwohin, wo ihn keiner mitleidig anschaut, wo niemand von dem Unfalltod seines Bruders weiß.

Ich war durch den noch nicht lange zurückliegenden Unfalltod meines mittleren Bruders komplett aus der Bahn geworfen worden. Mein Leben war bis zu diesem Verlust ein stabiles und angenehmes gewesen. Eine verlässlich zugefrorene Fläche, auf der ich gutbürgerlich herangewachsen und wohlbehütet Schlittschuh gelaufen war. Doch jetzt knirschte und taute es gewaltig unter mir. Eine unberechenbare Traurigkeit hatte mich ergriffen und brachte Bewegung in die Tektonik meiner einst so soliden Tage. Ich glitt auf dünnem Eis dahin, doch immer öfter blieb ich unvermittelt stehen, da mich eine Verzagtheit ergriff, die mir den Atem nahm und jeden weiteren Schritt sinnlos zu machen schien. Aber genau dieses Stehenbleiben war gefährlich. Ich musste stets in Bewegung bleiben, um nicht einzubrechen. Auch quälten mich Zukunftssorgen, da ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was ich werden sollte. (S. 37)

Liebäugelt er zunächst mit einer Zivildienststelle in München als Bademeister für erkrankte Kinder, so entschließt er sich dann doch, an der Aufnahmeprüfung der Otto-Falckenberg-Schule teilzunehmen. Er wird genommen, obwohl er nur eine statt der drei geforderten Rollen eingeübt hat.

Aus Bequemlichkeit und Geldnot zieht der Erzähler in die Villa seiner Münchner Großeltern, der ehemaligen Schauspielerin Inge Birkmann und dem Philosophie-Professor Hermann Krings. War zunächst nur von einigen Wochen die Rede, wird er – zu seiner und des Lesers Freude – die nächsten drei Jahre im „rosa Zimmer“ der Großeltern wohnen, sich an seine Kindheit erinnern und sich mehrmals die Woche gepflegt mit ihnen betrinken.

In dieser Zeit kämpft und hadert er mit seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule und oft genug verzweifelt er an sich, den Lehrern, den Aufgaben. Was soll man auch davon halten, wenn man die Anweisung bekommt, als Nilpferd einen Monolog aus Effi Briest zu sprechen?

Fazit

Ich interessiere mich eigentlich weder für Schauspielschulen noch für Meyerhoffs Großeltern, doch was soll ich sagen: Was für ein wundervolles Buch. Ich bin entzückt, die Bekanntschaft dieser zwei elegant-trinkfesten Menschen gemacht zu haben, und kann mich nur wiederholen:

Meyerhoff schaut ganz genau hin, auch wenn’s wehtut. Dabei schont er sich nicht, ist entwaffnend ehrlich und klug. So entsteht ein anrührender Blick auf einen jungen Mann, der noch keine Ahnung hat, wo es für ihn langgehen könnte, und der sich keineswegs sicher ist, an der Schauspielschule am richtigen Ort zu sein. Das kommt so frisch, absurd und unmittelbar daher, als hätte der Erzähler seine Ausbildungsjahre erst gestern erlebt.

Neben dem Witz gibt es eine ganz große Unbefangenheit und ein manchmal fassungslosen Staunen, mit dem er seine in ihren Ritualen verhafteten, seltsam aus der Zeit gefallenen, durchaus exzentrischen Großeltern porträtiert. Und obwohl wir nach der Lektüre glauben, vieles, auch sehr Privates über diese zwei Menschen zu wissen, war es nie indiskret, habe ich mich nie als Voyeur gefühlt.

In einem Taschenkalender [des Großvaters] steht zum Beispiel über einen Tag im Kurhotel in Dürnberg, als beide schon weit über achtzig waren, Folgendes: „Gegen viertel vor neun brechen Inge und ich bei kühlen Temperaturen auf. Ich habe einen Rucksack mit dem Nötigsten gepackt. Nach einem etwas gerölligen Aufstieg erreichen wir den Höhenweg gegen neun. Bei herrlicher Sicht wandern wir bis zum Kreuz. Ankunft um neun Uhr zehn. Wir rasten und essen jeder einen Apfel und trinken einen Schluck Schnaps. Genießen die Aussicht. Ich bin ungewöhnlich außer Atem. Inge sieht im Tal einen Hirsch, der sich mit dem Fernglas als Heuschober entpuppt. Um halb zehn brechen wir einigermaßen ausgeruht wieder auf. Es zieht sich zu. Gegen viertel vor zehn erreichen wir glücklich das Hotel. Sogar trocken geblieben sind wir.“ So steht es da. Sie waren eine Stunde unterwegs und doch klingt es nach einer grandiosen Gipfelerstürmung. (S. 157)

Meyerhoff kann erzählen und mit seinen Dialogen eine Unmittelbarkeit erzeugen, dass man meint, man sitze beim Sechs-Uhr-Whisky oder beim abendlichen Rotweingelage mit am Tisch und müsse ebenfalls aufpassen, nicht auf die wertvollen Großelternstühle zu kleckern, bis man schließlich ziemlich angeschickert mit dem Treppenlift nach oben zu den Schlafgemächern entschwindet.

Als Leser(in) ist man gerührt, entsetzt, betrübt und amüsiert. Komik und Tragik liegen oft ganz nah beieinander und genau das bewahrt das Buch davor, nur eine locker-flockige Anekdotensammlung zu werden.

Ich wünschte, viel mehr Autoren könnten auch so erzählen, so urkomisch, liebevoll, tolerant, verzweifelt und zärtlich und dabei immer durchlässig aufs zutiefst Menschliche.

Wenn ich nachts oder auch frühmorgens ins Haus meiner Großeltern kam, stand für mich das Abendessen in der Küche. Immer lag auf dem leeren Teller ein kleiner Zettel mit der nur schwer zu entziffernden Großmutter-Handschrift: „Lieberling, im Kühlschrank ist noch Lachs“ oder „Lieberling, die Avocado ist köstlich. Ein Rest aufgeschnittener Zunge ist auch noch da“ oder „Lieberling, iss bitte den Appenzeller auf und mach den Rotwein alle. Das Stück Baumkuchen ist für dich.“

Selten in meinem Leben habe ich so sicher gewusst: Genau hier will ich sein, genau in diesem Moment, genau an diesem Küchentisch will ich sitzen, mit tauben, nach Rauch riechenden Fingerspitzen ein Glas Rotwein trinken und dazu kalt aufgeschnittenen Braten essen. Über der Spüle sah ich die beiden mit Wasser gefüllten Gläser der vor Stunden zu Bett gegangenen Großeltern und am Rand des einen den Lippenstiftabdruck der Großmutter. (S. 258)

Eine meiner zahlreichen Lieblingsstellen beschreibt übrigens, wie er einen teuren Bildband klaut, und wenn man wissen will, warum ihn der Ladendetektiv – nach wildester Verfolgungsjagd – trotzdem laufen lässt, dann muss man das Buch schon selbst lesen.

Anmerkungen

Wer mehr Zeit hat, dem sei das Interview mit dem Autor auf SRF empfohlen. Dort erklärt er u. a. den Zusammenhang zwischen Humor und Ernst und auch, warum ihn seine Erinnerungen so wichtig sind. Er möchte seine Vergangenheit und auch die Verstorbenen quasi immer bei sich tragen. Er könne das Wort “Trauerarbeit” nicht ausstehen, wenn es suggeriere, dass man irgendwann mit der Trauer fertig sei.

Meine Besprechungen zu den bisher erschienenen Teilen seines auf sechs Bände angelegten Erinnerungsprojekts:

Und hier eine Besprechung von Katja Weise und ein Interview mit Julia Westlake auf NDR Kultur.

Auch Susanne von Susanne schreibt was teilt meine Begeisterung.

Einen prima Eindruck gibt ebenfalls Meyerhoffs Auftritt in der NDR Talkshow.

Lucien Deprijck: Ein letzter Tag Unendlichkeit (2015)

Die Dunkelheit wich. Ein Tag zog herauf. Wie ein jeder das Sinnbild aller Schöpfung. Zuerst war es nur eine Veränderung, welche die wenigsten Menschen in der Lage waren wahrzunehmen. Bevor noch irgendein Zeichen von Licht erkennbar wurde, verdichtete sich die Dunkelheit, zog ein Wind auf. Als ballte sich die Nacht in einem letzten Aufbäumen zusammen. So wie alles auf der Welt sich immer aufzulehnen scheint gegen etwas, was doch ganz unvermeidlich ist. Dann veränderte sich der Horizont im Osten, so allmählich, dass ein Anfang kaum zu bestimmen war.

So beginnt

Lucien Deprijck: Ein letzter Tag Unendlichkeit (2015)

Zum Inhalt

Der ist rasch umrissen: Die kulturelle Elite Zürichs ist begeistert, als der 26-jährige Dichter Klopstock der Einladung Johann Jakob Bodmers folgt und für einige Tage im Sommer 1750 zu Besuch kommt, eilt ihm doch der Ruf voraus, ein selten begnadeter Dichter zu sein. Ein Dichter, der alle Regeln der traditionellen Dichtkunst über den Haufen wirft und damit Gottsched den Fehdehandschuh hingeworfen habe. Nur zwei Jahre zuvor hatte der Dichter mit der Veröffentlichung der ersten Gesänge seines Messias unglaubliches Aufsehen erregt. Im Stillen hofft man zudem, Klopstock an Zürich zu binden, um so dem kulturellen Leben der Stadt weiteren Aufschwung zu verschaffen.

Klopstock logiert zwar bei Bodmer, doch fühlt er sich viel wohler unter Kulturbeflissenen – und vor allem Frauen – seines Alters, und so nimmt er gern die Einladung Hirzels an, mit 17 Verehrern seiner Dichtung an einer Bootsfahrt auf dem Zürchersee teilzunehmen. Mit Klopstocks Ode Der Zürchersee wird der Tag später in die deutschsprachige Literaturgeschichte eingehen.

Und von genau diesem warmen und sonnigen Sommertag in der Natur erzählt uns Deprijck in seinem Roman. Ein Tag, an dem man tändelt und flirtet (allen voran der eher unansehnliche Klopstock) und sich neckt. Man hat nun Zeit genug, sich seines bürgerlichen Glücks zu freuen und sich zu unterhalten (auch wenn ich mir nicht so recht vorstellen kann, dass man 1750 wirklich über die Geburt Goethes gesprochen hat…). Die älteste Teilnehmerin der Lustfahrt, die man ein als Garant für die Wohlanständigkeit der ganzen Veranstaltung eingeladen hat, macht sich so ihre Gedanken über das Älterwerden. Im Übrigen wird vorzüglich gespeist, man scherzt und genießt schon früh am Tag den ersten Wein. Alle sind hingerissen, ja tief bewegt, als der umschwärmte Dichter Proben seines Könnens gibt, und der ein oder andere sinniert, angeregt durch Klopstocks Vortrag, über seine Vergänglichkeit:

Auch Hirzel hatte die Szene ordentlich gepackt. Der frühe Wein, im Landhaus ein wenig zu reichlich genossen, mochte daran nicht ganz unschuldig sein. Während Klopstock die Bilder von Kindern und Eltern hatte erstehen lassen, die einander entrissen wurden, hatte er bestürzt die mit ihm Anwesenden und insbesondere seine strahlende Gattin betrachtet, und bei der Vorstellung, der Tod könnte sie eines Tages – gar früh – auseinanderreißen, ergriff ihn eine tiefe Wehmut. Verstorbene Freunde fielen ihm ein und dass der Tod einem jeden der noch Lebenden allerorts und zu jeder Zeit unbarmherzig drohe… (S. 78)

Indem die Paare für diesen Tag willkürlich zusammengestellt werden, setzt man sich für einen Tag über die strengen Sittenregeln Zürichs hinweg. Und die bezaubernde Anna Schinz, gerade einmal 17 Jahre alt und eigentlich einem anderen Begleiter zugeteilt, sieht sich auf einmal nicht nur dem verehrten Dichterstar gegenüber, nein, sie muss auch noch auf seine Avancen reagieren.

Fazit

Nach Sunset von Klaus Modick wollte ich keine Bücher mehr lesen, in denen sich einer vorstellt, wie eine tatsächlich stattgefundene Begebenheit hätte sein können. Biografien und Autobiografien mit Vergnügen, aber nie wieder dieses Nachempfundene. Und nun habe ich es doch getan – und bin sehr froh darum.

Deprijck macht keinen Hehl daraus, dass er sich auf Briefe und andere biografische Quellen bezieht, nur zwei Kapitel haben keinerlei Quellengrundlage. Dabei ist es etwas unglücklich, dass das eine dieser Kapitel zumindest nicht dringend notwendig gewesen wäre und dass Kapitel 18 uns in epischer Breite schildert, wie Klopstock sich irgendwann nicht anders zu helfen weiß und heimlich onaniert, in der Sprache des Buches „seinen Nektar in mehreren erquickenden Stößen hervorschießen“ lässt. Gewonnen ist damit nun wirklich nichts.

Doch davon abgesehen schafft der Autor einen so eigenständigen, wunderbar schwebenden Text, dass ich von nun an überzeugt bin, dass dieser Tag genau so abgelaufen ist und kein bisschen anders. Aber es ist auch ein Buch über einen besonderen Sommertag, der auf unsere Zeit hin durchlässig ist. Wer würde hier nicht an einen eigenen Sommertag denken oder die ein oder andere Äußerung nicht in die Gegenwart übertragen? Und das Ganze in einer hinreißenden Sprache, die sich dem Schreibstil der damaligen Zeit annähert und uns mit zarter Ironie und in feiner Beobachtungsgabe die Menschen von damals nahe bringt.

Ein Sommerbuch, das dem Begriff  „Sommerbuch“ eine ganz neue Bedeutung verleiht.

Die Menschen waren der Natur entwachsen, laut Gottes Plan und gemäß seiner unendlichen Weisheit, doch in ihren Schoß zurückzukehren war ein berauschendes Gefühl. Als stille man eine Sehnsucht, die lange unbemerkt Bestand gehabt, eine Art von Verlangen, das man erst erkannte, wenn man im Begriff stand, es zu erfüllen. Fast ein ganzes Leben in abgeschlossenen Räumen, in engen Straßen und Gassen, in Studierzimmern, Stuben und Kutschen. Und dann hier in freier Natur, in Sonnenschein, Hitze und Wind, speisen unter freiem Himmel, unter dem lichten Dach von Eichen, so schön, so angenehm berauscht vom Wein, Gefühle der Freundschaft und Hingabe im Herzen, welches der schönsten der Damen zuflog. Nur Schönes zu betrachten, nur Schönes zu empfinden, alle Lasten abzuwerfen und alles zu vergessen, was mühselig, betrüblich war. (S. 168)

Anmerkungen

Auf der Homepage des Domradio gibt es zwei hörenswerte Interviews mit dem Autor.

Die Zentralbibliothek Zürich verlinkt auf interessante Dokumente zu Klopstock und seinem Zürich-Aufenthalt, z. B. hier und hier.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs:

Interessanterweise hat Erich Schönebeck (1884-1982) schon 1969 im Union Verlag einen schmalen Band mit dem Titel Klopstock reist nach Zürich veröffentlicht.

Im Gegensatz zu Deprijck legt Schönebeck den Schwerpunkt stärker auf die Beziehung zwischen Bodmer und Klopstock und die Frage, inwieweit man einem „Genie“ ungehobeltes oder unhöfliches Verhalten nachsehen müsse. Schönebeck arbeitet häufiger mit Klopstock-Zitaten und macht mich doch neugierig auf diesen Dichterjüngling, auch wenn mir stilistisch das Buch nicht immer gefallen hat. Sehr viele empfindsame Adjektive schmücken das Werk, was heute doch ein wenig hausbacken klingt. Auch das Frauenbild, für das Anna Schinz steht und bei dem ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass die junge Frau die Passive ist, die sich zu fügen hat, möchte ich gern in der Mottenkiste belassen, unabhängig davon, ob sich Anna bei den Aufmerksamkeiten des Dichters geschmeichelt gefühlt hat oder nicht:

Und er küßte sie abermals auf den Mund. Sie wurde bleich und rot. Sie wehrte sich nicht, sondern hielt still wie ein Opferlamm. (S. 65)

Still und stumm duldete sie seine Huldigungen. (S. 74)

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Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – letzter Teil

Nachdem der junge Pilger nun die ihm bekannte Welt durchreist hat und überall an der Unvollkommenheit aller menschlichen Einrichtungen schier verzweifelt ist, kommt er zu dem ernüchternden Fazit, dass er trotz aller Versuche, fröhlich zu sein, nicht in der Lage ist, sich mit dem äußeren Schein der Dinge zu begnügen. Er schaffe es nicht, ein zufälliges und nichtssagendes Lachen für wahre Freude und die Lektüre von ein paar alten Scharteken für echte Weisheit und ein Stückchen zufälligen Glücks schon für den Gipfel der Befriedigung zu halten (siehe S. 136).

Ihr habt mir Reichtum, Seelenruhe und Erkenntnis versprochen, aber was besitze ich von alledem? Nichts! Und was kann ich? Nichts! Wo bin ich? Ich weiß es nicht. Nur das weiß ich, daß ich nach so vielen Verirrungen, so vielen Mühen, so vielen überstandenen Gefahren und innerlich völlig ermattet und erschöpft nichts anderes gefunden habe als den Schmerz in meiner eigenen Brust, dazu den Haß der andern gegen mich. (S. 136)

Er weigert sich,

verblendet wie die andern in einem Wahn zu leben, haltlos umherzuschwanken, unter dem Joch des Lebens zu seufzen und zu stöhnen und schon krank, ja halbtot noch guten Mutes zu sein. Ich aber habe gesehen und erkannt, daß ich ebenso wie die andern nichts bin, nichts kann, nichts habe, sondern daß dies alles nur ein Schein ist. Wir alle haschen nach bloßen Schatten, während die Wahrheit uns überall entweicht. (S. 136 f)

Nach einem längeren Aufenthalt in der Burg der Weisheit, bei dem er auch Salomo begegnet, sieht der Pilger keinen anderen Ausweg mehr, als Gott um Erbarmen anzuflehen, und tatsächlich, da lässt sich eine Stimme vernehmen:

Kehre dahin zurück, von wo du ausgegangen bist, in deines Herzens Kämmerlein und schließe hinter dir die Tür zu. (S. 167)

Und der Pilger befolgt diesen Rat.

Ich sammelte also, so gut ich konnte, meine Gedanken, schloß Augen, Ohren, Mund und Nase und alle sonstigen Zugänge der Seele und hielt nun Einkehr in mein Herz; doch siehe! da war es finster.

Ein Licht kommt jedoch von oben herab und in tiefer Verzückung begegnet er nun Jesus Christus, der ihn freundlich als Bruder willkommen heißt.

Wo weiltest du, mein Sohn? Wo bliebst du denn so lange? Auf welchen Wegen wandeltest, was suchtest du? Trost in der Welt? Wo konntest du ihn finden außer in Gott? Und Gott wo anders als in seinem Tempel? Und in welchem außer dem lebendigen, den er sich selbst erwählet hat, in deinem Herzen? Ich sah dich, als du irrtest; doch ich wollte, mein lieber Sohn, nicht länger warten; darum habe ich dich zu dir selbst gebracht und in dein eigenes Herz geführt; denn dieses habe ich zu meiner Wohnstätte erkoren. Wenn du mit mir dort wohnen willst, dann wirst du finden, was du in der Welt vergeblich suchtest, Frieden, Trost, den wahren Ruhm und volle Sättigung. (S. 171)

Mit Anklängen an Augustinus, die Mystiker und die Bibel – man merkt, wie sehr Comenius auch Prediger war – gibt ihm der Gottessohn noch weitere Hinweise für ein weises und gottgefälliges Leben. Dabei werden auch viele der Bereiche gestreift, die der Pilger auf seiner Weltenreise vorher durchwandert hatte. Doch nun wird ihm gezeigt, wie Ehe, Kirche, weltliche Herrschaft, Arbeit und Gelehrsamkeit aussehen, wenn sie tatsächlich unter der Herrschaft Gottes stehen. Ein stilles, friedvolles und maßvolles Himmelreich auf Erden.

Du siehst auch, mit wieviel Gepränge und wie vielen Zwistigkeiten bei den Menschen die Ausübung der Religion verbunden ist. Laß du deinen Gottesdienst darin bestehen, in aller Stille mir zu dienen, ohne dich dabei um äußere Gebräuche zu kümmern: ich entbinde dich davon. Und wenn du mich, wie ich es wünsche, im Geist und in der Wahrheit anbetest, rechte mit niemand, ob man dich auch einen Heuchler, Ketzer oder wie immer nennen mag, sondern halte dich im stillen nur an mich und diene mir allein. (S. 174)

Fazit

Zwar war das Wandern mit dem Pilger durch das Jammertal der Erde manchmal ein wenig freudlos und das eher schematische Absolvieren der verschiedenen Etappen ermüdend, doch war diese Abtönung ins Dunkle und Unvollkommene aller menschlichen Einrichtungen für Comenius aus didaktischen Gründen wohl notwendig. Nur wenn sein Pilger sich nicht mit irdischen Genüssen abspeisen lässt, sucht er weiter nach dem, was ihm wirklich Frieden und Freude bringt.

Trotzdem habe ich das Buch sehr gern gelesen. Auch wenn man nicht überall zustimmen mag: Viele zeitlose Wahrheiten, der kluge Blick auf viele Bereiche der Gesellschaft und die wuchtige und dann wieder ganz zarte und innige Sprache gefielen mir ausnehmend gut.