Petra Hofmann: Nie mehr Frühling (2015)

„Was es bedeutete, dass einer tot war, verstand eigentlich niemand jemals.“

Dieses Zitat aus Laura Freudenthalers Buch Die Königin schweigt ist eine passende Überleitung zu Nie wieder Frühling von Petra Hofmann, dem Buch, das uns ebenfalls das Leben einer einfachen Frau erzählt. Erschienen ist es im Picus Verlag Wien.

Und doch wie ganz anders. Wuchtig und beeindruckend.

Bereits im ersten Kapitel, das alles andere als nett und gefällig daherkommt, lesen wir vom Tod einer 87-jährigen, abgemagerten und ungepflegten Frau. Ihr Sohn findet sie in ihrem verwahrlosten Haus, er ist auf der einen Seite erleichtert und gleichzeitig scheint eine uralte Last auf ihm zu liegen.

Danach wird die Geschichte dieser Hermine Stoll chronologisch erzählt. Geboren 1910 irgendwo in einem Dorf, das sie ihr Leben lang nie verlassen wird. Sie ist ein Wildfang, der sich nichts sagen lässt. Irgendwann heiratet Hermine ihre große Liebe, den Kommunisten Karl, verspricht ihm Treue „bis in den Tod und darüber hinaus“ (S. 25) und bekommt mit ihm zwei Söhne.

Als die ersten Nazis durchs Dorf marschieren, schüttet Hermine ihren Nachttopf über den Männern aus. Sie macht von Anfang an keinen Hehl aus ihrer Ablehnung gegen die braunen Horden, was ihr diverse Drohungen des Bürgermeisters einbringt. Und ihr Sohn Dieter fragt sich, warum sich sein Freund Aaron nicht von ihm verabschiedet hat, bevor er so plötzlich nach irgendwohin gereist ist.

Nach Kriegsbeginn wird auch Karl einberufen. Er wird nicht zurückkehren, etwas, das Hermine niemals anerkennen wird. Sie wird ihr Leben lang auf ihn warten.

Ich will nicht tanzen, sagt Hermine, ich will auch nicht lachen. Alles, was ich will, ist der Karl. Davon, dass er fort ist, tut mir alles weh. Am ganzen Körper tut es mir weh, auf der Haut und bis in die Seele hinein. (S. 141)

Ihre Weigerung, das Schicksal zu „akzeptieren“, wird auf Kosten ihrer Söhne Paul und Dieter gehen, für die sie nicht mehr kochen wird und die für ihr weiteres Leben von dieser Verwahrlosung in der Kindheit und der daraus resultierenden Ablehnung des Dorfes gezeichnet bleiben werden.

Mit offenen Augen lag er da bis es grau wurde hinter den Gardinen und dabei kamen diese Gedanken wieder wie böse Geister, sie schlichen sich ein und setzten sich fest in ihm, und er musste all den Unsinn denken, ob er wollte oder nicht. Dass im Leben gar nichts sicher ist, dachte er, dass der Boden, auf dem man geht, immer rutschig ist, als schüttete jemand unentwegt Seifenwasser aus, dass man ausrutschen kann, fallen, und dann nicht mehr auf die Beine kommt. Und dass man alles verlieren kann, jederzeit, von jetzt auf nachher. Und dass man sich nicht ausruhen kann, sich nicht verlassen, auf nichts und niemanden. Dass man beständig auf der Hut sein muss. Dass jederzeit ein Unglück geschehen kann, aber vor allem nachts und im Morgengrauen, wenn es still ist, und danach ist nichts mehr wie zuvor. Und das lässt sich dann nicht rückgängig machen, das ändert sich nie mehr.

So geht das in seinem Kopf, immer im Kreis herum, und hört erst auf, wenn endlich der Tag beginnt, und manchmal auch dann nicht. (S. 204)

Hermine gerät durch ihre Weigerung, sich den Konventionen zu fügen, allmählich in die Rolle einer asozialen Außenseiterin und sie wird, man kann es nicht anders sagen, zu einer bösartigen alten Frau, die sich, ihren Söhnen und sogar ihrer Schwester alles Schöne versagen möchte, solange ihr Mann nicht zurückgekehrt ist.

Das Buch wartet mit einer der widerlichsten Nazi-Figuren auf, die mir seit langem begegnet sind. So lebensecht, dass man sich schütteln möchte.

Doch es waren vor allem zwei Dinge, die mich besonders an diesem Buch fasziniert haben. Das eine ist die die Auseinandersetzung mit dem Tod. Hermine ist gnadenlos konsequent, wenn sie wie eine Fackel gegen den Tod protestiert. Sie versagt sich sogar das Schlafen im Ehebett und liegt stattdessen auf einem Strohsack in der Küche, solange ihr Mann nicht bei ihr ist.

Doch ihr Protest gegen die Ungeheuerlichkeit des Todes läuft ins Leere. Sie trifft nur sich selbst und ihre Kinder damit. Und ausnahmsweise hat es mich hier gar nicht gestört, dass wir nur sehr geringen Einblick in ihre Gedanken bekommen. Das war eindeutig nicht dem Unvermögen der Autorin geschuldet, sondern funktioniert im Gesamtaufbau des Romans, sodass ich das Interesse an Hermine nie verloren habe.

Nachdem er seine Mutter tot aufgefunden hat, kommt ihr Sohn Paul zu folgendem Fazit:

Was sind nicht schon alles für Geschichten erzählt worden über die Mutter! Jeder hat sie mit seinen Augen betrachtet und jeder hat es besser gewusst. Und dabei wohl auch seinen Stab gebrochen über sie, über ihr Leben. Aber das, denkt Paul, steht euch nicht zu, niemandem steht das zu. Ein Leben ist ein Leben, und es gilt. Das ist alles. Da gibt es nichts zu befinden, es gibt gefälligst nichts zu befinden. (S. 13/14)

Der zweite Aspekt, der hier so gelungen ist, ist die Art und Weise, wie das Umfeld mit hinein in die Handlung genommen wird. Wie ein Chor kommentieren die Dorfbewohner, vor allem die Frauen, das Tagesgeschehen; wir hören die Gespräche im Dorfladen oder bei der Bäckerin. Und dabei gelingt es der Autorin, verschiedenste Menschen und Charaktere in ihrer Großzügigkeit und ihrer Niedertracht auf knappstem Raum zu veranschaulichen.

Die eine Frau mahnt zur Vorsicht bei dem, was man nun öffentlich über den Nationalsozialismus sagt; die andere Nachbarin ist beglückt angesichts der marschierenden Kolonnen, die dritte hat einen Horizont, der nur bis zum Gartenzaun reicht. Auch Hermine ist immer wieder Gesprächsthema in diesen Runden. Es ist vielsagend, wie sich auch da die Meinungen im Laufe der Jahrzehnte verändern.

Das einzige, was man vielleicht doch etwas hätte reduzieren können, sind die Wendungen „er denkt“, „er sagt“ oder „sie denkt“.

Das Zitat aus dem Interview mit der Autorin auf Das Debüt zeigt den hohen Anspruch, den Hofmann an Literatur stellt. Und was soll ich sagen? Mit ihrem Buch löst sie ihn ein.

Grundsätzlich wünsche ich mir vermehrt Bücher, die etwas Eigentliches zu sagen haben und zwar mit einer gewissen Dringlichkeit. Die Texte sollten einen deutlich spürbaren glühenden Kern haben, der den Leser und die Leserin erreicht.

Und das sagen andere:

 

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Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt (2017)

Interessanterweise beschäftigen sich gleich zwei der Bücher, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, mit dem Leben einer einfachen Frau im letzten Jahrhundert, quasi die weiblichen Pendants zu Ein ganzes Leben von Robert Seethaler.

Als erstes las ich Die Königin schweigt (2017) von Laura Freudenthaler, erschienen im Grazer Literaturverlag Droschl.

Die 1984 geborene österreichische Autorin hat für ihren ersten Roman viel Anerkennung bekommen. Und doch muss ich sagen, dass mich das Buch seltsam unbeeindruckt gelassen hat. Schön, wenn es in einem Werk Leerstellen gibt, die Leserin oder der Leser Raum hat, selbst zu überlegen, zwischen den Zeilen zu lesen. Doch hier war mir das alles zu viel.

Die Königin des Titels ist inzwischen eine alte Frau, die sich assoziativ, in Träumen und manchmal angeregt durch die Fragen der Enkelin, an ihr Leben erinnert, das in einem österreichischen Bergdorf begonnen hat und durch viele Verluste geprägt wurde.

Vom Vater hat sie die „Haltung“, den Stolz übernommen, d. h. nie zu viel von dem preiszugeben, was einen wirklich beschäftigt und umtreibt. Im Krieg fällt der Bruder. Doch ansonsten werden Krieg oder die Zeit des Nationalsozialismus nicht weiter thematisiert. Der Krieg kommt sozusagen wie eine unabwendbare Naturkatastrophe, bei der man ja auch keine moralischen Kriterien anlegt oder die Frage nach dem Warum und Wozu stellt.

Die attraktive Frau heiratet den Schulmeister, ist fortan die anerkannte und tüchtige „Schulmeisterin“ des Dorfes, bekommt einen Sohn und wird in ihrem weiteren Leben immer wieder ihr nahe stehende Menschen verlieren. Für meinen Geschmack waren das dann doch ein paar zu viele. Wer verliert denn gleich drei Partner hintereinander?

Und dass sie nie gelernt hat, über bestimmte Dinge zu sprechen oder sich erst gar nicht auf wahre Nähe einlässt, weil sonst Gevatter Tod sowieso nur zuschlagen würde, macht ihr Leben recht trostlos. Passend dazu das Cover, das mich in seiner Verschwommenheit beinahe vom Kauf abgehalten hätte.

Spätere Verhaltensweisen, wie z. B. die Weigerung, ihr Heimatdorf noch einmal zu besuchen, finde ich zunehmend bizarr und nicht nachvollziehbar.

Ich könnte mir Erklärungen für das Verhalten der Frau überlegen und doch zucke ich nur die Achseln und bin selbst ein bisschen verwundert, wie rasch ich so vieles aus dem Roman schon wieder vergessen habe. Oder war es einfach das falsche Buch zur falschen Stunde?

Andere konnten dem Buch nämlich wesentlich mehr abgewinnen:

 

 

 

Carry Brachvogel: Alltagsmenschen (1895)

Anlässlich des Autorinnenporträts auf Sätze & Schätze hole ich mal einen älteren Beitrag aus den Untiefen meines Blogs hervor.

Als vor nahezu sieben Jahren die münchener Zeitungen unter der Rubrik ‚Lokales‘ verkündeten, daß die einzige Tochter des Herrn Kommerzienrates und Handelsrichters Mey, Fräulein Elisabeth Mey, sich mit Herrn Dr. jur. Friedrich Becker, einem Sohn des bekannten Augsburger Großindustriellen Herrn Martin Becker, verlobt habe, da bot sich den sämtlichen Klatschmäulern der schönen Isarstadt (und es soll deren etliche geben!) Stoff zur Be- und Verarbeitung in Hülle und Fülle dar.

So beginnt Alltagsmenschen (1895), ein Buch von Carry Brachvogel, das in seiner psychologischen Hellsichtigkeit den Vergleich mit den großen Ehebruchsromanen nicht zu scheuen braucht.

Zum Inhalt

Die junge Elisabeth ist – wie die tuschelnde Gesellschaft nicht müde wird zu betonen – schon 23, als sie sich nach nur wenigen Wochen Bekanntschaft mit Friedrich Becker verlobt. Doch anders als die Klatschmäuler vermuten, wird es eine Liebesheirat.

Das blühende Mädchen mit den großen dunklen Augen, dem anmutigen, klug und lebhaft plaudernden Munde hatte ihn im ersten Augenblick bezaubert, und schon nach wenigen Wochen hielt er um sie bei ihren Eltern an, nachdem eine Aussprache mit der Geliebten vorhergegangen war, die an flammender Empfindung und beredtem Ausdruck alle Liebesszenen der dramatischen und novellistischen Litteratur zu übertrumpfen drohte. (S. 9)

Doch der Keim des späteren Unglücks ist schon längst gelegt, denn Elisabeth ist ein Produkt ihrer Umwelt und in den damaligen Rollenbildern gefangen. Sowohl die schulische Erziehung, die ja nicht auf eine spätere Selbstständigkeit der Frau abzielt, als auch das Elternhaus Elisabeths sorgen dafür, dass sie im Grunde gar nicht erwachsen werden kann.

Als einziges Kind überzärtlicher Eltern war ihr bislang ein Jahr nach dem andern in ungetrübt heiterer Gleichmäßigkeit dahingeflossen, jeder Schatten einer Sorge, ja nur einer Mißstimmung ängstlich von ihr ferngehalten worden. Aber das Mädchen fing bald an, sich in dieser schier beängstigenden Atmosphäre des Glückes und der Sorglosigkeit zu langweilen; es erging ihr ähnlich wie den Leuten, die in der Einsamkeit einer schwülen, lautlos brütenden, stahlblauen Hochsommermittagsstunde derselbe unheimliche, gespensterahnende Schauer beschleicht, der eigentlich nur für Mitternacht gestattet und üblich ist. – Und wenn sie auch frei blieb von modern-hysterischer Sehnsucht nach Leiden und Selbstentäußerung, so verlangte es sie eben doch nach etwas Unfaßlich-Wunderbarem, das endlich einmal erschreckend und erlösend zugleich in ihr Dasein hineinrauschen sollte. Ihrem Leben fehlte der Inhalt. Ein Tag wie der andere floß leer dahin: Toilette, Spaziergengehen, ein bischen Lesen, ein bischen Porzellanmalen, Besuche, Theater, Bälle. (S. 9)

Sie wünscht sich, etwas mit ihrem Leben anfangen zu können, etwas Großes zu vollbringen und wie ein Mann tätig zu sein, der seine Kräfte einsetzen kann. Doch wie hätte das für sie aussehen sollen? Die Erfüllung hat die Frau in der Ehe, ihren häuslichen Verpflichtungen und in der Mutterschaft zu finden.

Dementsprechend hat sie sich in ihren Mädchenträumen die Ehe recht heroisch ausgemalt: Der Mann als Adler, als Held, der der Sonne entgegenfliegt, und sie als die aufopferungsvolle Gefährtin, die dem Adler sorgsam das weiche Nest bereitet und so an seinem Ruhm Anteil hat. Aber Friedrich ist kein Adler, kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, der abends müde von der Arbeit kommt, der zwar seine Frau liebt und verwöhnt, ihre zunehmende Unzufriedenheit und Stimmungsschwankungen allerdings nicht nachvollziehen kann.

An ihrer kleinen Tochter hängt Elisabeth mit ganzem Herzen. Doch als die „Honigmonde“ der ersten Ehezeit vorbei sind und der neue Stand nichts Neues und Aufregendes mehr bereithält, stellt sich wieder das Gefühl der Langeweile und der gekränkten Eitelkeit ein.

… und ein Frösteln befiel zuweilen die junge Frau, wenn sie bedachte, daß es nun immer so weitergehen würde, bis ihr Haar grau geworden und ihr Sinn alt, daß für sie nunmehr alles fertig und abgeschlossen war. Ja, ja – abgeschlossen – dies Wort traf das Richtige, denn ihr schien’s zuweilen, als sei ein schweres, eisernes Thor unversehens hinter ihr ins Schloß gefallen und banne sie nun grausam vom hellen blühenden Leben weg in einen düstern, einsamen Burghof, zu dem die glänzenden, funkelnden Sonnenstrahlen von draußen wohl niemals den Weg fanden. (S. 14)

Letztlich ist sie nicht ausgelastet mit der „Spielzeugrolle, die man der modernen Frau in in der Ehe immer noch gerne anweist“ (S. 16).

Und als sie auf einem Ball den Legationsrat Max Heßling kennenlernt, ist sie betört von seiner Galanterie und seinem gesellschaftlichen Schliff.

Sein Gespräch war voll prickelnder Grazie, voll treffender Sarkasmen, die Elisabeth sehr entzückten; doppelt, da sie gleich den meisten Frauen Heßlings spöttelnde Frivolität nicht für echt hielt, sondern als stacheliges Panzerhemd betrachtete, mit dem sich eine ideale Seele  schamhaft bekleidete, um ihre zarten Regungen vor unzarter Berührung zu wahren. (S. 28)

Sie lässt sich aus Eitelkeit, aus Langeweile und Gedankenlosigkeit allmählich in eine Affäre mit Heßling hineingleiten, von der beide lange glauben, dass sie alles im Griff haben. Dabei erklärt uns der allwissende Erzähler, dass dabei von wirklicher Liebe keine Rede sein könne.

Elisabeths unbestimmte sehnsuchtsvolle Langeweile hatte sich endlich zu dem Bedürfnis abgeklärt, etwas Aufrüttelndes zu erleben: Heßlings Huldigungen schmeichelten ihrer Eitelkeit, ihre Überspanntheit flunkerte einiges von glühender Leidenschaft und alle konventionellen Schranken niederstürmender Liebe, der große Galeotto schwang kräftig seine Hetzpeitsche, und so war sie denn eben eines schönen Tages in die Arme des Legationsrats geeilt. (S. 71)

Doch natürlich wird auch diese Beziehung zu etwas Alltäglichem. Heßling überlegt schon, an einem anderen Ort seine Karriere fortsetzen zu wollen, doch die Kraft zu einem Schlussstrich findet keiner der beiden. Dabei wird das Versteckspiel immer gefährlicher und belastet Elisabeth immer mehr. Jetzt erst erkennt sie, was sie aufs Spiel setzt.

Fazit

Fontanes Effi Briest wurde fast zeitgleich zu den Alltagsmenschen veröffentlicht, nämlich als Fortsetzungsroman in der Neuen Rundschau von 1894 bis 1895. Der Leser denkt natürlich auch an Madame Bovary und Anna Karenina, letzteres wird sogar neben anderen in der Geschichte erwähnt, selbst wenn Brachvogel ihre Ménage-à-trois ganz anders auflöst als ihre großen Kollegen.

In seiner psychologischen Glaubwürdigkeit fand ich das Buch beeindruckend. Jede Seelenregung der drei Betroffenen wird mit großer Menschenkenntnis bis in die kleinsten Nuancen geschildert.

Deutlicher als jemals zuvor offenbarte sich hier der Bruch in ihrem Charakter, das ungleiche Verhältnis darin zwischen Wollen und Können: sie wäre ja gar zu gerne eine außergewöhnliche Frau gewesen, eine von jenen, die als temperamentvoll gelten und über die hinweg sich die Männer mit verständnisvollem Blinzeln ansehen, aber sie war nicht schlecht genug, um sich ihres Fehltritts in aller Seelenruhe zu freuen, und bei weitem nicht groß genug, um ihr Thun nur vor den Gesetzen ihres eigenen Ichs verantworten zu wollen und zu können. […] Von der Bühne herab sah sich solch sündiges Liebesglück doch meistens sehr verlockend an, es las sich auch recht hübsch davon, aber in Wirklichkeit war es doch sicher richtiger und besser, eine anständige Frau zu sein, als eine gefallene. (S. 78)

Da hat Elisabeth natürlich recht, denn wenn ihr Mann von der Affäre erfährt, kann er sie aus dem Haus jagen, was nicht nur das Ende ihres gesellschaftlichen Ansehens und ihrer finanziellen Absicherung, sondern vor allem die Trennung von ihrem Kind bedeuten würde. Letztlich wird Elisabeth, wenn auch zu spät, erwachsen, denn sie sieht, welch mädchenhaften Fantasien und welcher Dummheit und Eitelkeit sie ihr Glück vor die Füße geworfen hat.

Doch auch Heßling, der nur eine kurze Affäre mit der schönen Frau gesucht hat, und Friedrich, der seine Frau liebt, werden in ihren inneren Konflikten und einander widerstrebenden Empfindungen scharfsinnig und nachvollziehbar gezeichnet.

Dabei sind alle drei, ohne sich dessen bewusst zu sein, auch Opfer des vorherrschenden Frauenbildes und stehen in Wechselwirkung mit der vierten Kraft im Roman, der Gesellschaft, deren oft verlogene und heuchlerische Stimme wir immer wieder vernehmen.

Was sich aber inzwischen überlebt hat, ist die oft unglaublich pathetische Sprache, die wilden Naturmetaphern.

Gleich schwerer, ertötender Eiseskälte legte sich die Erinnerung der Schuld auf die hochgehenden Wogen ihres fieberisch-verzweifelten Heroismus … (S. 104)

Auch die Erzählerstimme fand ich manchmal anstrengend. Sie weiß wirklich alles und ein Lesen zwischen den Zeilen ist nicht vonnöten. Es wird alles, alles erklärt und gedeutet.

Anmerkungen

Das Buch erschien im Allitera Verlag, und zwar in der edition monacensia, in der Werke Münchner Autoren und Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts erscheinen.

Das Cover fand ich entsetzlich und dass ein Zitat auf dem hinteren Buchdeckel fälschlicherweise Elisabeth zugeschrieben wird, das aber von Heßling stammt, machte die Sache nicht besser.

Das Nachwort von Ingvild Richardsen hingegen war sehr erhellend. Carry (eigentlich Caroline) Brachvogel (geboren 1864) gehörte damals zu den „modernen“ Autorinnen, die sich auf „die Suche nach einem neuen Selbstverständnis der Frau“ begaben und die traditionellen Rollenvorstellungen in Frage stellten (S. 156).

Auch zur Biografie der jüdischen Autorin und Frauenrechtlerin, die seit 1895/96 über 30 Jahre lang einen einflussreichen literarischen Salon leitete, gibt es interessante Hinweise. Sie wurde schließlich als Schriftstellerin in ganz Deutschland bekannt.

Mit ihrer Existenz als unverheiratet bleibende, selbstständige, arbeitende Witwe widerspricht sie dem gängigen Ideal der Frau im Bürgertum des Kaiserreichs (S. 160)

Doch das Ungeheuerliche ist den Herausgebern nur einen kurzen Satz in der hinteren Umschlagklappe wert:

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird die Jüdin Carry Brachvogel beruflich isoliert und schließlich 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf verstarb.

Und bei Lena Riess bitte gleich weiterlesen: Sie stellt eine Novellensammlung der Autorin vor.

Lioba Happel: dement (2015)

Wenn wir alles vergessen haben, zum Beispiel, dass man, wenn die Sonne scheint, sagt, es sei schönes Wetter, und dass man, wenn es regnet, sagt, es sei schlechtes Wetter; wenn wir vergessen habe, wie unser Ehepartner von uns gerufen wurde, der auf Fotos auf der Wand hängt und ob das überhaupt unser Ehepartner gewesen ist; wenn wir vergessen haben, wie unsere Kinder und Kindeskinder einmal von uns genannt wurden, die sich auf Stellbildern und allen Flächen um uns herum zeigen; wenn wir schließlich sogar vergessen haben, wie wir selber heißen, dann sind wir angekommen in der reinen Gegenwart. Es regnet heute in der reinen Gegenwart, aber wir behaupten, es sei schönes Wetter.

So beginnt eine schmale Erzählung von nur 117 Seiten, veröffentlicht im Rimbaud Verlag, in der Lioba Happel den Versuch unternimmt, sich den Gedanken einer demenzkranken älteren Frau anzunähern, sich in ihre Welt hineinzufühlen.

All die Jahre, die über uns hinweggegangen sind und wir, tief versunken in uns, wir halten es in unseren schmerzenden Körpern aus. Wir halten es aus auf dem Meer, bei Tag und bei Nacht, seekrank vor Erinnerung an die, die wir einmal gewesen sind und jetzt nicht mehr sind. (S. 105)

Dabei geht es um die Schreckmomente, in denen sich die alte Frau plötzlich in einem der Fotos von früher wiedererkennt, oder um den Besuch, der „nur mal eben“ hereinschauen wolle, um zu sehen, wie es ihr gehe, „um zu sehen, ob wir noch leben“, wie die Ich-Erzählerin trocken vermerkt. Um das unvermittelte Einschlafen tagsüber, um die Fragen des Besuchers, die man nicht so richtig deuten kann.

Ich habe es so empfunden: Die Geschichte zeigt keinen Kampf, keine Verzweiflung. Was für einen Sinn hätte es auch, gegen die Einsamkeit zu rebellieren. Im Großen und Ganzen liegt die Traurigkeit bereits hinter der Erzählerin. Das Auf-Sich-Zurückgeworfen-Sein wird leise angenommen.

In einer der Lyrik sehr nahen Sprache wird von einem allmählichen Loslassen erzählt, was beim Lesen auf mich trotz aller Wehmut wundersam ruhig und akzeptierend wirkte.

Gern gelesen.

Ihr habt „keine Zeit“ mehr, ihr sagt „wir müssen“.
„Was?“
„Wir müssen wirklich.“
„Wohin?“
„Eine Weltreise vorbereiten.“
Da zieht doch hinaus zu euren Abenteuern. Meldet euch gleich auch zur Fahrt
auf den Mond an. Hier bei uns, wenn ihr es eine Weile aushieltet, könntet ihr
einmal kopfüber durchs Weltall und quer wieder zurück. (S. 45)

 

Stefan Zweig: Buchmendel/Die Unsichtbare Sammlung (2016)

2016 hat  der Topalian & Milani Verlag zwei Novellen des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig neu herausgegeben.

Die Geschichte Buchmendel beginnt mit den folgenden Worten:

Wieder einmal in Wien und heimkehrend von einem Besuch in den äußeren Bezirken, geriet ich unvermutet in einen Regenguß, der mit nasser Peitsche die Menschen hurtig in Haustore und Unterstände jagte, und auch ich selbst suchte eilends nach einem schützenden Obdach. Glücklicherweise wartet nun in Wien an jeder Ecke ein Kaffeehaus und so flüchtete ich in das gerade gegenüberliegende, mit schon tropfendem Hut und arg durchnässten Schultern.

Die Novelle, die ursprünglich 1929 veröffentlicht wurde, handelt von Jakob Mendel, einem unansehnlichen galizischen Hausierer, der – obwohl ungebildet – so sehr in der Welt der Bücher lebt (weniger als Leser, sondern eher als phänomenaler geistiger Archivar von Autorennamen und sämtlichen bibliografischen Daten), dass er vom Ausbruch des Krieges völlig überrascht wird, was ihn teuer zu stehen kommt.

Einmal war eine glühende Kohle aus dem Ofen gefallen, schon brenzelte und qualmte zwei Schritte von ihm das Parkett, da erst, am infernalischen Gestank, bemerkte ein Gast die Gefahr und stürzte zu, hastig das Qualmen zu löschen: Er selbst aber, Jakob Mendel, nur zwei Zoll entfernt und schon angebeizt vom Rauch, er hatte nichts wahrgenommen. Denn er las, wie andere beten, wie Spieler spielen und Trunkene betäubt ins Leere starren: Er las mit einer so rührenden Versunkenheit, daß alles Lesen von anderen Menschen mir seither immer profan erschien. (S. 77)

Erschreckend hellsichtig, wie hier das Schicksal eines geistig tätigen Menschen vorweggenommen wird, der in der Gesellschaft keinen Raum mehr hat, die Umwandlung der Werte nicht rechtzeitig bemerkt und der Brutalität einer neuen Zeit hilflos ausgeliefert ist.

Gleichzeitig fragt man sich, was Stefan Zweig wohl heute sagen würde, wenn er schon damals schreiben konnte:

Jetzt erst, älter geworden, verstand ich, wieviel mit jedem solchen Menschen verschwindet – weil alles Einmalige von Tag zu Tag kostbarer wird in unserer rettungslos einförmiger werdenden Welt. (S. 96)

Der Text wurde von Joachim Brandenberg illustriert. Unglaublich, da werden die Lampen des Wiener Kaffeehauses unversehens zu Quallen, die im Text erwähnt wurden, und ich höre und sehe den Regen, der den Ich-Erzähler überhaupt erst ins Kaffeehaus getrieben hat, wo er sich dann an die zwanzig Jahre zurückliegende Begegnung mit Mendel erinnert und sich schließlich fragt, was wohl aus diesem seltsamen Menschen geworden ist.

Hier kann man schon mal ein wenig in den Illustrationen schwelgen, siehe zum Beispiel das Bild auf S. 77.

Die Novelle Die unsichtbare Sammlung beginnt mit den Worten:

Zwei Stationen hinter Dresden stieg ein älterer Herr in unser Abteil, grüßte höflich und nickte mir dann, aufblickend, noch einmal ausdrücklich zu, wie einem guten Bekannten. Ich vermochte mich seiner im ersten Augenblick nicht zu entsinnen; kaum nannte er aber dann mit einem leichten Lächeln seinen Namen, erinnerte ich mich sofort: Es war einer der angesehensten Kunstantiquare Berlins, bei dem ich in Friedenszeiten öfters alte Bücher und Autographen besehen und gekauft hatte. Wir plauderten zunächst von gleichgültigen Dingen. Plötzlich sagte er unvermittelt: ‚Ich muß Ihnen doch erzählen, woher ich gerade komme. Denn diese Episode ist so ziemlich das Sonderbarste, was mir altem Kunstkrämer in den siebenunddreißig Jahren meiner Tätigkeit begegnet ist….

Die Geschichte wurde ursprünglich 1927 veröffentlicht.

Die überraschende Wendung möchte ich gar nicht verraten, nur so viel: Der Kunstantiquar Herr R. benötigt dringend neue Ware und kommt deshalb in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf die Idee, seinen ältesten Kunden aufzusuchen, der seine ersten Ankäufe schon vor ca. 60 Jahren, damals noch bei Vater und Großvater des jetzigen Inhabers, getätigt hatte.

… dennoch konnte ich mich nicht entsinnen, daß er in den siebenundreißig Jahren meiner persönlichen Tätigkeit jemals unser Geschäft betreten hätte. Alles deutete darauf hin, daß er ein sonderbarer, altväterischer, skurriler Mensch gewesen sein mußte […] Als Veteran aus dem siebziger Jahr mußte er also, wenn er noch lebte, zumindest seine guten achtzig Jahre auf dem Rücken haben. Aber dieser skurrile, lächerliche Sparmensch zeigte als Sammler alter Graphiken eine ganz ungewöhnliche Klugheit, vorzügliche Kenntnis und feinsten Geschmack … (S. 15/16)

Eine Versteigerung oder ein Verkauf der „herrlichsten Blätter Rembrandts neben Stichen Dürers und Mantegnas in tadelloser Vollständigkeit“ wäre dem Händler zu Ohren gekommen.

So mußte dieser sonderbare Mann wohl noch am Leben oder die Sammlung in den Händen seiner Erben sein. (S. 17)

Also macht sich unser Kunsthändler auf „in eine der unmöglichsten Provinzstädte, die es in Sachsen gibt“, und tatsächlich, der alte Herr lebt noch und ist auch bereit, den Händler zu empfangen. Doch dieser Nachmittag verläuft dann in einer Weise, die er nicht hat voraussehen können.

Der Ich-Erzähler, der doch nur „als schäbiger Krämer gekommen war, um ihm ein paar kostbare Stücke abzujagen“, nimmt von seinem Besuch etwas anderes, viel Wesentlicheres mit.

Ich hatte wieder einmal reine Begeisterung lebendig spüren dürfen in dumpfer, freudloser Zeit, eine Art geistig durchleuchteter, ganz auf die Kunst gewandter Ekstase, wie sie unsere Menchen längt verlernt zu haben scheinen. (S. 54)

Und ich mußte wieder an das alte, wahre Wort denken – ich glaube, Goethe hat es gesagt: ‚Sammler sind glückliche Menschen.‘ (S. 55)

Fazit

Statt ständig neuen, sensationsheischenden, immer abgefahreneren oder schlicht banalen Texten hinterherzuhecheln, hat hier ein Verlag die feine Entscheidung getroffen, zwei alte Geschichten neu zu veröffentlichen. Besonders Die unsichtbare Sammlung bleibt so wunderbar in der Schwebe.

Schon die Sprache, wie schafft es Zweig, dass man innerhalb weniger Sätze so völlig in der Geschichte ist?

Und dann der alte, weltfremde Sammler, der nichts von den schwierigen und teuren Zeiten versteht und vermutlich auch seiner Familie früher alle Annehmlichkeiten versagt hat, nur um seine Sammlung vervollständigen zu können.

Doch Ehefrau und Tochter tragen ihm seine Leidenschaft nicht nach und denken – wenn auch vielleicht arg idealisiert – nur an das Glück des alten Mannes. Ist es richtig, ihn in seinem Wahn, seinen Illusionen zu belassen? Hätte man ihn nicht viel früher mit der sogenannten Realität konfrontieren müssen? Und doch: Er ist ein Sammler, ein Kenner, jemand, dem Kunst tatsächlich etwas bedeutet, und der gern und leicht auf vieles verzichten kann, aber nicht auf seine Mappen.

Gleichzeitig schwingt die Geschichte weiter: Was sind unsere Illusionen, was macht uns glücklich und was würden wir sehen, wenn wir die Dinge sähen, wie sie sind?

Zu diesem Eindruck trägt die Illustrierung von Florian L. Arnold ungemein bei. Absurde, groteske, höchst filigrane Zeichnungen, die ebenfalls dazu einladen, sich auf eine andere (alp-)traumhafte, innere Wirklichkeit einzulassen.

Abgeschlossen wird das Buch mit kurzen, aber erhellenden Hinweisen zu Stefan Zweig, der sich 1942 zusammen mit seiner Frau im brasilianischen Exil das Leben nahm.

Kurzum, ein Buch, das in Inhalt und in seiner aufwendigen Gestaltung daran erinnert, dass Inhalte ursprünglich etwas waren, das verdiente, würdig in Szene gesetzt zu werden.

Da bleibt mir am Ende nur noch, dem Verlag für die freundliche Zusendung eines Leseexemplars zu danken. Und außerdem weckt das Buch Neugier auf die nächsten Projekte des Verlages und macht Lust, wieder mehr von Stefan Zweig zu lesen.

Anmerkungen

Weitere Besprechungen gibt es auf

 

Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011)

26. Juni 1944

Mir schien alles trübe und traurig, weil ich von Dir fortging. Fortging, zwar in die tiefe Glaubensgewißheit, Dich wiederzusehen – aber auch mit der harten Gewißheit, dich lange entbehren zu müssen! Das entbehren zu müssen, was der liebe Gott zu meiner innigsten Ergänzung auf die Welt geschickt hat.

Nie noch habe ich die unbedingte Zusammengehörigkeit zu einem Menschen so hinreißend und grundsätzlich gespürt – als zu Dir. […]

Jeder Berg, jeder Baum, jeder Bach, jeder Schlaf, jedes Erwachen in Sonne oder Regen […] – alles lebte nur auf Dich bezogen und in mir, süß und zwingend, zu Dir hin. Manchmal irrte ich ab, zu dieser oder jener Frau, in Gedanken, leise und ganz tierhaft, und dennoch spürte ich – alles warst Du. Aus und mit Dir lebe und sterbe ich, ich will Dich ganz bei mir haben. Ich wünsche mir, zum erstenmal in Leben, ein Kind von Dir – ich und Du. Ich will nur Dich. In Dir vollendet sich mein Leben und mein Wirkenkönnen. Gott soll uns segnen und zusammenfügen. Ich will nur Dich – nicht „weil“, sondern ohne alle Gründe, weil Du bist und weil Du so bist, wie Dich eben Gott geschaffen hat. Mir und vielen zur Freude – aber mir zur letzten, einzigen Heimat. […]

Ich habe Dich lieber als mein Leben, lieber als Sonne und Mond, lieber als alle bestirnten Nächte, als alle Bäume und Tiere, die ich kenne und liebgewonnen habe, lieber, als mir je ein Mensch war, lieber als mein Leben, meine Hoffnung, meine Einsamkeit und die Summe meiner ganzen Arbeit und aller Seligkeiten, die mich auf meinem kurzen Gang durch die Dämmerung beglückt haben.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen Heinz Hilperts (1890-1967) vom 26. Juni 1944

Zum Hintergrund

Heinz Hilpert, Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters, hat seine große Liebe und spätere Ehefrau Annelies „Nuschka“ Heuser (1902-1963) Ende der zwanziger Jahre kennengelernt. Sie war Jüdin, ihre  Familie emigrierte, doch Annelies blieb in Deutschland.

Gerade noch rechtzeitig kann Nuschka im Juli 1943 in die Schweiz fliehen. Hilpert reist danach mehrere Male in die Schweiz. „Das vorerst letzte Mal sehen sich Heinz  und Nuschka Anfang Juli 1944 in Zürich. Kurz bevor er das Tagebuch beginnt.“ (S. 8)

Heinz Hilpert wird schließlich jede weitere Reise in die Schweiz untersagt. Er musste vorsichtig sein, war er den nationalsozialistischen Herrschers doch bereits unangenehm aufgefallen. Und Joseph Goebbels wird der drohende Satz zugeschrieben, dass Hilperts Theater nicht anderes seien als KZs auf Urlaub.

Bis Juni 1945 schreibt nun Hilpert dieses „Tagebuch für Nuschka“, das von Michael Dillmann und Andrea Rolz herausgegeben wurde und unter dem Titel So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben 2011 im Weidle Verlag erschienen ist.

Wir erfahren, wie das Wetter und seine jeweilige Stimmung ist, ob die Vögel singen, wie viel er an heißen Tagen trinkt und wie sehr er die sommerliche Wärme genießt, bis in den letzten Kriegsmonaten die Einträge verzweifelter werden.

Doch vor allem enthält das schmale Büchlein wunderschöne Liebesworte, auch wenn die sprachliche Vergötterung Nuschkas, der „Gebenedeiten“, die er um Segen bittet, für mich an manchen Stellen etwas schwer verdaulich war. Die geliebte Frau ist „seine Brücke“ zu Gott.

Könnte ich Dir nur einmal ganz sanft über Deine geschlossenen Lider streicheln, Deinen Haaransatz ganz, ganz leise mit meinen Lippen berühren und Dich noch ein wenig fester zudecken, damit Du nicht nachtkalt hast. Aber so bleibt mir nichts, als Dich ganz innig in  mein Gebet einzuschließen und Dich der Gnade dessen anheimzustellen, der uns zusammen auf diese wunderschöne Erde kommen ließ. (S. 21)

In poetischer Sprache umkreist Hilpert immer wieder die Fragen, wie sich diese Liebe auf ihn auswirkt, wie sie ihn verwandelt und unverwundbar macht.

Die Begriffe „sicher“ und „unsicher“ hören auf einzig und allein im Hoheitsgebiet der Liebe. Hier lebt der Mensch im Glauben, und der Glaube macht unversehrbar – man „sichert“ nicht mehr. […] und in der vollkommenen Liebe zu Dir, Nuschka, bin ich ganz unversehrbar, kann ich kämpfen, ohne mich umzusehen, kann ruhen, ohne mich zu schützen, kann schwerelos sein, ohne mich ekstatisch aufzuschwingen, kann kreisen, ohne schwindelig zu werden, kann verweilen, ohne zu versäumen. „Nichts mehr versäumen“ ist das tiefe, tiefste Lebensgefühl, was sich dem Liebenden erschließt. Er rennt und jagt nicht mehr, er bangt und flieht nicht mehr. Er hält inne und ist heiter, er geht still fort und fort und ist selig. Das Wissen und die Weisheit, die für ihn taugt, schmiegt sich still in sein Herz. (S. 24)

Geliebt werden ist schön – es entwickelt und differenziert aber nicht. Lieben – mit aller Fragwürdigkeit des Widergeliebtwerdens – ist eben eine Kraftvergeudung, die ständig verjüngt, ist eine Auslieferung, die einem sich selbst zurückbringt, ist ein Schmerzempfinden, das in Lust umschlägt. (S. 60)

Und ähnlich wie auch Bonhoeffer in seinen Brautbriefen ringt auch Hilpert darum, die lange Trennungszeit sinnvoll werden zu lassen:

Und dann baute sich immer wieder aus Sehnsucht und Liebe eine Brücke, die gerade in Dein liebes Herz hineinmündete. Und ich ging darauf und dachte, warum ist Liebe, die sich bescheiden muß und sich nicht stillen kann, weil die Geliebte fern ist, so viel inniger und zarter und verbundener, verflochtener, unauflösbarer als die, die genießt? Weil sie schmerzhafter ist? Schenkt uns der Schmerz diese ganz besonderen Innigkeiten? Warum werden Menschen erst im Entbehren wesentlich? Und ganz nahe? (S. 63)

In den letzten Kriegsmonaten werden die Briefe aus Berlin dunkler, die Verzweiflung und Sehnsucht riesengroß, aber selbst die Gedanken an den Tod sind aufgehoben in dieser großen Liebe:

Die Welt wird immer dunkler. Die Angriffe immer grauenhafter. Wir müssen’s dulden! Meine Unversehrtheit liegt ganz bei Dir und meinem Gefühl zu Dir. Was auch kommt – ich bin immer nur auf dem Wege zu Dir. Immer Richtung Nuschka. Auch wenn ich sterben muß, ist mein letzter Herzschlag für dich. Sei geküßt und gesegnet. (S. 97)

Eine weitere Besprechung findet sich auf lustauflesen.de.

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Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind (2016)

Eines Tages ist er einfach da. Über Nacht, ganz leise und unbemerkt. Er liegt dort, als wäre es nie anders gewesen, völlig selbstverständlich. Ich ziehe die Gardine im Wohnzimmer auf wie jeden Morgen. Und da steht es fest, so einfach, eine Tatsache. Wir hatten noch nie echten Schnee gesehen.

So beginnt der erste Roman der 1978 in Dortmund geborenen Autorin

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind (2016)

Zum Inhalt

Layla und Basils Eltern haben sich in Deutschland kennengelernt. Barbara, die junge Krankenschwester, hatte sich in den älteren Studenten aus Saudi-Arabien verliebt. Sie heiraten, bekommen zwei Kinder und leben mehrere Jahre in Saudi-Arabien.

Doch dann zieht die Familie zurück nach Deutschland, weil der Vater dort seinen Facharzt machen möchte. Die kleine Layla und ihr Bruder Basil werden vor vollendete Tatsachen gestellt und müssen sich damit arrangieren, dass es nach den Sommerferien nicht zurück nach Hause geht. Zuhause, das ist nun Deutschland, warme Klamotten, der erste Schnee, die deutschen Großeltern.

Jetzt, viele Jahre später, reist Basil als erwachsener Mann zum ersten Mal zurück nach Saudi-Arabien – zur Hochzeit seiner Schwester Layla, die sich entschieden hat, einen Saudi zu heiraten. Damit hat sie auch eine Entscheidung gegen ihren bisherigen westlichen Lebensstil in Deutschland getroffen. Sie wird also weder ihre Buchhändlerlehre beenden noch sich so frei bewegen können, wie sie das bisher gewohnt war.

‚Natürlich hat man dahinten [gemeint ist Deutschland] mehr Möglichkeiten‘, unterbricht sie mich. ‚Vor allem als Frau. Aber was bringt mir das denn, wenn die Freude darüber fehlt bei den Menschen? Wenn sie stumm und kalt bleiben trotz all ihrer Freiheit […] Was bringen mir denn die ganzen Möglichkeiten, wenn sie keine Verbindung herstellen zueinander?…‘ (S. 118)

Basil, der selbst ziemlich planlos ist und sein Studium immer noch nicht beendet hat, versucht sich also im Familiengewirr zurechtzufinden. Er muss seine spärlichen Arabischkenntnisse aktivieren und wird von Onkel, Tanten und Cousins im Familienclan willkommen geheißen, als wäre er der verlorene Sohn, der endlich nach Hause gekommen ist. Es wird gegessen, getrunken, gefeiert – bei der Hochzeit streng nach Geschlechtern getrennt – und fast immer ist man mit anderen zusammen. Da hinein sind seine Erinnerungen an die ersten Kinderjahre in Saudi-Arabien und an das Aufwachsen und Erwachsenwerden in Deutschland verwoben.

Doch vor allem will Basil, der immer eine enge und liebevolle Beziehung zu seiner Schwester hatte,  verstehen, was Layla zu dieser Entscheidung bewogen hat.

Fazit

Ein feines, ruhiges Buch, das ebenfalls – wie auch Mein Leben als Schäfer – die Frage stellt, wo man zu Hause ist bzw. sein will. Dabei kann die Autorin auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, denn auch sie, in Dortmund geboren, wuchs die ersten Jahre in Saudi-Arabien auf und kehrte mit elf Jahren nach Deutschland zurück.

Ihr Roman erzählt ganz unaufgeregt in einer schönen Sprache und nicht ohne Witz davon, wieso es manchmal so schwierig sein kann, sich in Deutschland zu Hause zu fühlen, wenn man einen nicht deutschklingenden Namen und eine dunklere Hautfarbe hat. Und wenn man sich diese ganzen klischeelastigen Zuschreibungen – entweder ist man die Wüstenprinzessin mit der Pyramide im Vorgarten oder eine potentielle Terroristin, die mit den Mördern des 11. September sympathisiert – nicht mehr zumuten möchte.

Zuhause, das ist für Layla der Ort,

von dem aus ich überall hingehen und an den ich zurückkommen kann und wo niemand will, dass ich mich gegen was anderes entscheide. (S. 119)

Dabei wird die alte Heimat nicht verklärt. Sie erscheint zwar wärmer und herzlicher und im Familienclan ist man aufgehoben und vorbehaltlos angenommen, aber auch kontrolliert und begrenzt. Und wenn die Religionspolizei ins Cafe kommt, sollte man tunlichst alles vermeiden, was ihren Unmut auf sich ziehen könnte.

„Weißt du noch, was wir damals immer gesagt haben: Im Leben der Entorteten ist kein Platz für Liebe.“ „Weil man so viel Kraft zum Überleben braucht. Und das glaube ich noch immer.“ (S. 93)

Schön wäre, beides zu haben: man selbst sein dürfen, ohne sich von der Familie, den männlichen Verwandten, der Religion, dem Staat die individuellen Lebensentscheidungen abnehmen lassen zu müssen, und gleichzeitig so geborgen, so aufgehoben und vorbehaltlos im Familienclan angenommen zu sein…

So könnte man voneinander lernen, wenn man denn wollte.

Das Buch mit dem coolen Cover erschien übrigens im DuMont Verlag.

Anmerkungen

Das sagt Die Buchbloggerin.

Hier geht’s lang zu den Besprechungen von Jenny Hoch und Christoph Schröder aus der Zeit.