Tarek Leitner; Peter Coeln: Hilde & Gretl (2018)

Es ist herausfordernder denn je, täglich zu entscheiden, was aufzuheben, was wegzuwerfen ist. Was hat einen funktionellen Wert, was zumindest einen ideellen? Was hat seinen Wert verloren, und wird auch in keinem anderen Zusammenhang mehr einen bekommen? Es ist eine Kulturtechnik zu unterscheiden, wovon man sich zu trennen hat, was seinen Platz im Haus behält. Diese Kulturtechnik wird uns aber nicht gelehrt. Sie ist auch einem Wandel unterworfen, so rasch, wie sich auch die uns umgebenden Dinge ändern. Wir müssen sie uns ein Leben lang erarbeiten. Oft braucht es einen Schritt zurück, um aus einiger Entfernung einen Blick auf das Alleralltäglichste, das was uns ständig umgibt, zu werfen. Die meiste Zeit ist es zu nah, um es sehen und erkennen zu können. Es geht uns doch meistens so, dass wir die eigene Einrichtung nicht mehr bewusst wahrnehmen. Wir werden blind dafür … (S. 17)

Peter Münch beschreibt in der Süddeutschen, wie der Fotograf Peter Coeln dazu kam, ein altes Haus zu kaufen, was wiederum zur Entstehung dieses Buches geführt hat:

Es ist eine dieser Ideen gewesen, die aus dem Bauch heraus kommen. Ein Freund hat von einem Haus im niederösterreichischen Waldviertel erzählt, denkmalgeschützt und voller Gerümpel, leer stehend schon seit geraumer Zeit. Und Peter Coeln, der Wert darauf legt, kein Sammler zu sein, sondern Jäger, beschließt spontan, das Haus zu kaufen. Ungesehen, für 32 000 Euro, mit allem, was dazugehört. Einen Plan hat er nicht, aber als die Nachbarn fragen, was denn nun werden soll aus diesem Haus, da sagt er: „Ein Buch“.

Coeln und Leitner finden, dass sich im ehemaligen Schuhhaus Höfler in Gars, Niederösterreich, im dem Jahrzehnte lang die zwei Cousinen Hilde und Gretl gelebt haben, sehr schön studieren lasse,

was sich im Leben eines Menschen, oder – wie in diesem Fall – im Leben zweier Menschen alles ansammelt. Sie sammelten nichts. Es sammelte sich. Und sie ordneten dann. (S. 18)

Und genau dem gehen die beiden mit zahlreichen Fotos und in großzügig formatierten Essays nach.

Doch ginge es meines Erachtens nicht nur darum, was sich an Gegenständen, Kleidung, Dokumenten und selbst an Müllabfahrtsplänen ansammeln kann, wenn man Jahrzehnte lang nichts wegwerfen mag. Es müsste auch um die Frage gehen, warum man Dinge erwirbt – warum sonst die unzähligen Engelfiguren, die sich im ganzen Haus verteilt finden?

Mein Eindruck zu den vielen Fotos von Coeln ist gespalten. Ist es nicht voyeuristisch, anhand der Fotos in zwei Leben hineinzublicken, obwohl man doch gar nicht zur Wohnungsbesichtigung eingeladen war?

Und doch habe ich die Fotos sehr gern angeschaut, weniger aufgrund der Möglichkeit, Zeuge dieser zwanghaften und wunderlichen Sammeleien zu sein, sondern vielmehr deshalb, weil derlei „altmodische“ Einrichtung im Verschwinden begriffen ist. Noch heute bedauere ich, dass meine Großmutter in den siebziger/achtziger Jahren ihren wunderschönen Küchenschrank aus Holz gegen einen gesichtslosen, hässlichen, aber ach so modernen grauweißen Kunststoffschrank eingetauscht hat.

Geld und moderne Einrichtung sind nicht die Dinge, die einer Wohnung, einem Haus etwas sehr Eigenes geben und etwas über die Persönlichkeit der Bewohner verraten.

Was mich zum einen an diesem Buch gestört hat, war, wie wichtig sich die beiden Autoren zu nehmen scheinen. Zwischendurch geraten die ehemaligen Bewohnerinnen da arg aus dem Blick. Bis hin zu den albernen Momenten, in denen sich die beiden Männer Kleidung der Verstorbenen anziehen, um so noch ein wenig mehr der Aura nachspüren zu können. Und dass sich neben den über 100 Paar Frauenschuhen im Haus genau zwei Paar Männerschuhe befanden, die dem Autor und dem Fotografen wie angegossen gepasst haben sollen, ja, dass das Haus geradezu auf sie gewartet habe, nun, das mag man sehen, wie man mag.

Es brauchte für dieses Unterfangen einen Sichtungshut und einen Räumrock. Der Sichtungshut war der ideale, weil er im Thomas Bernhardschen Sinne ein Denkhut war, der gleichzeitig vor dem Spinnwebenhimmel schützte und durch seine Strohkrempe gute Sicht bot. […] Und der Räumrock ließ uns der Sache näher kommen, weil er das Eindringen kaschierte. Der Räumrock umhüllte uns wie Kutten die Mönche, die in diesem reduzierten, nicht ablenkenden Gewand, hochkonzentriert ihren Verrichtungen nachgehen können. Nichts Fremdes, Aktuelles, gar Modisches, war an uns zu sehen. (S. 48)

Wer wissen möchte, wie er sich das vorzustellen hat, kann sich das auf YouTube anschauen.

Zum anderen werden die Biografien der beiden Frauen leider nur sehr spärlich und in Ausschnitten beleuchtet. Ich erfahre weder, von wann bis wann die Frauen gelebt haben, noch wieso irgendwann die Cousine mit ins Haus gezogen ist, was genau passiert ist, dass das Haus gerade zum Weihnachtsfest in einen Dornröschenschlaf fiel, selbst die Geschenke auf dem Tisch waren noch nicht ausgepackt.

Nur der nebulöse Hinweis auf die Pflegebedürftigkeit der betagten Damen, der zu dem Auszug der beiden geführt habe:

Wer solch ein Leben führt, kann das nicht plötzlich an einem anderen Ort, schon gar nicht an einem anderen Ort in hohem Alter wieder beginnen. Es war ein kurzer Versuch, eine Entscheidung, die andere über die beiden getroffen haben, aber der Versuch musste scheitern. (S. 127)

Der im Klappentext vollmundig formulierte Anspruch, dass sich in den abertausenden Dingen „kunstvoll eine Inventur des Alltags im 20. Jahrhundert“ schreibe, kann jedenfalls nicht eingelöst werden.

Am stärksten ist das Buch da, wo der Autor sich Fragen stellt:

Das „Wozu“ bleibt trotzdem unbeantwortet. Wozu schreibt man das alles auf? Was bedeutet schon eines, oder in unserem Falle zwei dieser Milliarden Leben, die es gibt, und noch mehr, die es allein im 20. Jahrhundert gegeben hat, mit all ihren kleinsten Verzweigungen, ihren Erlebnissen, ihren Einstellungen, Zufällen, Gefühlen, Motiven, Beweggründen, Erklärungen und Entschuldigungen? Wozu hebt man eigentlich seine Schulbücher auf? Nur weil sie vielleicht so viel Mühe gemacht haben oder Zeugnis von Qualen sind? […] Aber vielleicht wollen wir gar nicht die Vergangenheit konservieren, sondern bei all den Gedanken über diese Alltagsgegenstände Ordnung und Struktur in unser eigenes Leben bekommen, und die Wertigkeiten unserer Dinge und Tätigkeiten überprüfen. (S. 132/133)

Zum Abschluss empfehle ich noch die kritischen Anmerkungen auf dem Blog Stars in Gars sowie die Besprechung auf Vielfalten.

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Jochen Missfeldt: Solsbüll 1989/2017

Alles liegen lassen. Wer ruft da. Die Blätter über mir rufen nicht. Sie gehen im Südwest hin und her, machen leise Blattgeräusche im Wind. Sie atmen ein und aus, Tag und Nacht. (S. 7)

So beginnt der Roman, dem Hans Daiber bei seinem Erscheinen 1989 höchstes Lob zollte. Daiber schrieb in der ZEIT:

Dieses Solsbüll rückt Maßstäbe zurecht. Was heutzutage sich so alles „Roman“ nennt! Dies ist einer. Eine weit ausgesponnene, welthaltige Familienchronik. Eine kleine Welt, aber sie spiegelt die große.

So recht konnte sich, vielleicht auch dem Erscheinungstermin geschuldet, das Buch nicht durchsetzen. Doch 2017 wurde der Roman in einer vom Autor durchgesehenen Ausgabe neu bei Rowohlt verlegt.

Jetzt aber zum Inhalt.

Der Erzähler nimmt uns fast ein Jahrhundert lang mit in das (fiktive) schleswig-holsteinische Städtchen Solsbüll, gelegen an der Bahnlinie zwischen Kiel und Flensburg und breitet ein Kleinstadtpanorama vor den LeserInnen aus, das drei Generationen umfasst. Dabei hangeln wir uns – nicht streng chronologisch, sondern auch vor- und zurückspringend – vor allem an der Familie der Hebamme Anne Hasse entlang. Die verliert ihren geliebten Mann Gustav im Ersten Weltkrieg und muss fortan ihre zwei Töchter Gret und Rosa und ihren Sohn Gustav den zweiten allein durchbringen.

Rosa und Gustav sterben im Zweiten Weltkrieg, doch Rosas Sohn Gustav der dritte wächst bei Tante Gret, ebenfalls Hebamme, und Großmutter Anne auf und führt mit seinen Kindern die Erzählung bis zum Ende der achtziger Jahre. Ihm wird auch als Einzigem zugestanden, in der Ich-Form erzählen zu dürfen.

Tante Gret wiederum ist diejenige, die so etwas wie den Familienkodex der Hasses formuliert:

Man soll keinem weh tun, denn weiß man, wie dieser oder jener es in seinem Leben gehabt hat, man weiß es nicht, wir schon gar nicht. (S. 407)

Allerdings handelt es sich hier um weit mehr als einen Familienroman. Der Autor nimmt eine ganze Dorfgemeinschaft mit in den Blick, manche tauchen nur kurz auf, andere heiraten, bekommen Kinder, die dann wieder mit Gustav dem zweiten oder Gustav dem dritten aufwachsen. Da gibt es den Arzt, der heftig mit den Nazis sympathisiert, obwohl er selbst jüdische Eltern hat.

Und da gibt es den Ober-Nazi Staiger, dessen Geliebte ausgerechnet Eva heißt. Staiger ist es auch, der das ganze Dorf unter seine Fuchtel bringt, politische Feinde aus dem Amt jagt und Spaß an Schikane und Willkür findet. Wer bei der Tollerei nicht mitmacht, bekommt die Quittung oder die Knochen gebrochen.

Nach dem Ende des Krieges geht man über die vergangenen Jahre hinweg wie über einen peinlichen Verwandten. Neue Geschäfte machen auf, der Lebensstandard steigt. Das Kino hat mit zurückgehenden Besucherzahlen zu kämpfen, da alle nun daheim vor den neuen Fernsehapparaten sitzen und dort die Heimatfilme um Förstertöchter und Barone schauen.

Und Gustav der dritte – übrigens wie auch sein Autor Missfeldt 1941 geboren – muss sich damit arrangieren, dass er diese Woche mit der Kinderbetreuung dran ist.

Wären die Kinder doch bloß schon erwachsen und aus dem Haus und brauchten nicht jeden Morgen den Schubs in die Schule. Dann müsste ich nicht jeden Morgen so rumlaufen. Dann müsste ich nicht jeden Morgen mit gespielter Freundlichkeit ans Kinderbett und dreimal flüstern: Hallo, süßer Schatz, du musst aufstehen, es ist schon Viertel nach sechs durch. Das kostet Kraft, ich muss mich erst mal aufraffen und tief durchatmen, bevor ich was sage. (S. 47)

In seinen besten Momenten schafft der Roman etwas ganz Seltenes, er macht unsere Umwelt – zumindest die kleinstädtische und dörfliche – durchlässig. Plötzlich begreift man, dass die Vergangenheit genau dort stattgefunden hat, wo wir uns heute befinden. Es gibt Verbindungslinien, die bis in die Gegenwart reichen, sei es durch die Generationen, die aufeinander folgen, sei es durch die Trauer über vorzeitige Witwenschaft, die ja an die Kinder weitergegeben wird, oder sei es durch die Landschaft, die mehr oder weniger unverändert fortbesteht. Nichts ist endgültig abgeschlossen, endgültig vorbei.

Doch leider verwischt sich das im Laufe der Lektüre wieder. Mir ist der Chronist, der über weite Stellen so unbeteiligt berichtet, ja geradezu referiert, zu unpersönlich. Wenn von den Verbrechen an den Juden im Ort erzählt wird, bleibt das oft weit weg. Vielleicht war das sogar so für viele im Dorf. Doch das macht die Sache für mich als Leserin nicht besser.

Allerdings gibt es immer wieder Stellen, die mich bei den ca. 450 Seiten bei der Stange gehalten haben, weil sie in verdichteter Form etwas Grundsätzliches zum Menschsein sichtbar machten, z. B. als Anne im Februar 1943 eine Postkarte einer jüdischen Dorfbewohnerin erhält, die ihr ganz arglos schreibt, dass es übermorgen nach Theresienstadt gehe. Oder auch als der Ober-Nazi Steiger dem Jungen Gustav die Strafe mitteilt, die dieser auf sich gezogen hat, weil Gustavs Hund Hitler in den Hose gebissen hat.

Daneben auch skurrile oder ganz lakonisch erzählte Szenen, die mir sehr gefallen haben.

Gret war mit dem Fahrrad losgefahren. Die neue Seidenbluse sollte eingeweiht und der Rock sollte mal vom Fahrtwind durchgepustet werden. Wie zufällig war sie in Güldenholm gelandet. Als sie den Verwalter Hannes Hansen sah, der mit einer Ladung Roggensäcke auf dem Weg zur Matzen-Mühle war, war sie rot angelaufen und hatte ihren Blick im Seerosenteich verschwinden lassen, wo der bissige Schwan Gottfried gerade sein Federkleid umfänglicher machte und imponierend mit den Flügeln schlug. (S. 203)

Interessant auch, dass Kristof Wachinger, der den Roman als erster herausgebracht hat,  in seinem Nachwort genau die Szenen als für die Handlung entbehrlich bezeichnet, die für mich zu den schönsten gehören, da in ihnen der heranwachsende Gustav der dritte so wunderbar plastisch wird, wie er da in seiner norddeutschen Dorfidylle als Abenteuererheld durch die Prärie zieht und sich vor Feinden rechtzeitig in Deckung bringt.

Gustavo und der Colonel kamen langsam heraus aus dem tiefen Tal, erklommen und durchmaßen ein dürftig bewachsenes Vorgebirge, überquerten die Solsbüller Au, hier Rio Agava, auf einer schmalen Brücke, wo ein Feldweg rüberging, denn weiter oben war der Rio Agave zu reißend. (S. 322)

Schön, immer wieder die Sprache, poetisch, verträumt.

Immer ist da eine Winternacht mit einem langen Schlaf und einem langen Traum, der sich mit Frieden meldet, der immer wieder Frieden sagt und sich so durch den langen Schlaf zieht. Wie spät ist es. Wie spät ist es unterm Birnbaum. Wie spät ist es unterm Himmel. Sag mir, wie spät es ist. Wer legt seinen Kopf in meinen Schoß. Wer ist des Todes wie ich. Wer gedenkt der Steinbrüche und Steine, die rollen und lärmen und endlich still liegen bleiben. Wer gedenkt des Himmels und des Birnbaums, die über uns sind. Wer gedenkt der Erde und der Birnbaumwurzeln, die unter uns sind. (S. 275/276)

Doch alles in allem bleibt mein Eindruck blass, es hallt zu wenig nach, da Missfeldt für mich kaum jemanden des ausufernden Figurenensembles – nicht ohne Grund gibt es ein 12-seitiges Personenverzeichnis – so richtig zum Leben erweckt. Und hin und wieder habe ich mich in dem Wirrwarr der Namen verirrt und den Bezug zu den Figuren verloren.

Der Wecker klingelt, sechs Uhr. Jeden Morgen saure Mühsal. Wer steht auf, du oder ich. Ich schlafe, oder ich schlafe nicht. Ich habe geträumt, aber ich weiß nicht mehr, was. Oder ich träume, dass ich es weiß, also schlafe ich. Aber ich weiß nicht genau, ob ich schlafe, also bin ich wach, und schon weiß ich: Bloß nicht aufstehen. Das wäre gut, nicht aufstehen zu müssen, denn nichts ist schrecklicher als aufstehen. Nichts ist schrecklicher als in die Senkrechte zu kommen und das eigene Gesicht im Spiegel zu sehen. (S. 46)

Peter liest und konnte dem Roman deutlich mehr abgewinnen.

 

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Jens Rehn: Nichts in Sicht (1954)

Die Dünung war vollständig eingeschlafen. Die Sonne brannte auf die reglose See. Über dem Horizont lag leichter Dunst. Das Schlauchboot trieb nur unmerklich. Der Einarmige beobachtete unablässig die Kimm. Der Andere schlief. Es war nichts in Sicht.

So beginnt der Roman des ehemaligen U-Boot-Kommandeurs und späteren Literatur-Redakteurs Jens Rehn (1918 – 1983). Das Buch erschien 1954 und wurde 1978, 1993, 2003 und dann noch einmal 2018 vom Schöffling & Co. Verlag veröffentlicht.

Ein Schlauchboot ist etwa 2,5 m lang und 1,5 m breit. Der Mittelatlantik ist im Verhältnis hierzu so groß, daß seine genauen Maße keine Rolle spielen. Wenn ein Schlauchboot allein im Mittelatlantik treibt, ist es gleichgültig, ob es im Frieden oder im Kriege dort driftet. Es ist auch unerheblich, welcher Nationalität zwei Menschen angehören, wenn sie allein im Mittelatlantik treiben und verdursten werden, wenn man sie nicht rechtzeitig findet. Die Sonne ist uninteressiert daran, ob der Einarmige ein Amerikaner, der Andere ein Deutscher ist, und ob beide im Jahre 1943 im Mittelatlantik auf einem Schlauchboot hocken. Die Sonne strahlt nur ihre Wärmeenergie ab, steigt auf, kulminiert und versinkt wieder. Die See zeigt sich unbewegt und ohne Anteilnahme, wer auf ihr herumtreibt. Der Mittelatlantik bleibt groß, und das Schlauchboot bleibt klein. Die Grenzen verschieben sich niemals. (S. 9)

In diesen wenigen Sätzen ist der Inhalt des Romans auf den Punkt gebracht, der auf eigenen Erfahrungen des Autors und auf Erzählungen von Kriegsgefangenen  beruht.

Ein deutscher U-Boot-Matrose und ein amerikanischer Pilot – nur benannt als der Andere und der Einarmige und eigentlich ja verfeindet – finden sich also nach einem Angriff gemeinsam auf einem Schlauchboot, geben sich Halt, so gut es geht, und teilen die letzten spärlichen Schokolade-, Whisky- und Zigarettenvorräte. Trinkwasser ist keines an Bord. Der Amerikaner stirbt kurze Zeit später an seiner Wunde, der Deutsche hatte ihm notgedrungen den Arm amputieren müssen. Der Andere wartet weiter auf Rettung, schaut nachts in den wunderschönen Sternenhimmel und wird tagsüber von einer gleichgültigen Sonne verbrannt. Der Mann spürt den allmählichen Verfall seines Körpers und sinniert über sein Leben, die Sinnlosigkeit allen Tuns und beschimpft Gott, an den er nicht glaubt. Der Titel des Buchs Nichts in Sicht ist gleichzeitig das Credo des Matrosen.

Du weißt immer erst etwas, wenn du keine Zeit mehr hast. (S. 36)

Ursula März erinnert in ihrem Nachwort in der Ausgabe von 2018 zu Recht daran, dass sich Rehns Buch in gedanklicher und zeitlicher Nähe zu Warten auf Godot (1952) und Hemingways Der alte Mann und das Meer (1952) befindet. Zunächst von Kollegen wie Siegfried Lenz und Gottfried Benn und Kritikern wie Reich-Ranicki gelobt, fiel das Werk trotz mehrerer Neuveröffentlichungen der Vergessenheit anheim.

Sie interpretiert das Werk als „eine Parabel über die metaphysische Verlorenheit des Menschen und sein vergebliches Warten auf eine Antwort des Großen“, wie er im Roman genannt wird. (S. 165)

Gleichzeitig wies März schon 2003 in ihrer Besprechung in der Frankfurter Rundschau darauf hin, dass es da ja eine Erzählinstanz geben müsse.

Der Gott, der sich von den sterbenden Soldaten so grausam abwendet und nicht daran denkt, ihnen zu helfen, tritt zugleich als Berichterstatter ihres einsamen Sterbens auf. Denn wer sollte, nachdem beide Soldaten tot sind, davon berichten können, wenn nicht „der Große“ in Gestalt der Sonne? Es ist kaum eine literarische Erzählung denkbar, die die Widersprüche des modernen Gottesdiskurses schärfer und anschaulicher darstellte.

Das Fehlen jeglicher Kriegsanekdoten in den Gesprächen der beiden Männer vermittele die Botschaft:

Das Einzige, was sich vom Krieg zu erzählen lohnt, ist das Sterben des einzelnen Menschen. Kompromissloser lässt sich die Sinnlosigkeit des Krieges kaum vermitteln. (S. 167)

und

Die Meisterschaft dieses schmalen Buches aber liegt in der Ausweitung einer historischen Begebenheit zur Universalmetapher der Todesverlassenheit. (S. 168)

Mein eigenes Fazit fällt gemischter aus. Auf der einen Seite ist es wirklich ein ungewöhnliches Buch, radikal, an manchen Stellen zwingend, unpathetisch, kühl sezierend. Und sicherlich die Frage aufwerfend, was den verzweifelten Menschen durch den Kopf gehen mag, die heute auf anderen Schlauchbooten auf lebensgefährlicher Fahrt das Mittelmeer zu überqueren versuchen.

Gleichzeitig brachten die Wiederholungen irgendwann keinen Erkenntnisgewinn mehr, und viele Passagen fand ich hölzern. Das Buch fing an, sich wie das Schlauchboot nur noch auf der Stelle zu bewegen. Ich ertappte mich dabei querzulesen.

Und an einer Stelle muss ich der bissigen Kritik von Hermann Kurzke aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 2004 recht geben. Die beiden Männer im Schlauchboot reden über alles Mögliche, aber an keiner Stelle über Hitler und all die gesellschaftlichen Ursachen, die sie überhaupt erst in diese Lage gebracht haben. Das wäre dann nicht mehr so schön existenzialistisch:

So spiegelt die Erzählung die ganze Hilflosigkeit der fünfziger Jahre wider, die an der Ursachenanalyse scheitert und sich statt dessen gläubig in die düstere Toga des Nihilismus hüllt.

Ein jeder tot, tot oder noch lebend, trieb in seiner kleinen Einsamkeit und wußte nur sich selber. (S. 134)

Und hier noch die Besprechung aus dem Spiegel (1955).

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Gastbeitrag: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts von Joseph Roth bis Hermann Burger (1994)

Klaus liest gern Erzählungen und genau darum soll es heute gehen:

Zu den Anthologien, die MRR herausgegeben hat, gehört auch ein ausführlicher Kanon deutscher Erzähler. 31 Erzählungen enthält dieser sehr schön gestaltete Band, der im Manesse Verlag erschienen ist. Wer sich einen ersten Überblick über den Reichtum guter Erzählungen verschaffen möchte, ist mit diesem und dem Vorgängerband gut beraten.

Nach eigenen Worten fühlte sich MRR ausschließlich dem Gedanken verpflichtet, literarische Qualität zwischen zwei Buchdeckeln versammelt zu wissen. Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass es auch um eine Textauswahl geht, die sich dem besonderen Blickwinkel des Herausgebers auf die deutsche Geschichte verpflichtet fühlt. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Allerdings erscheint mir dieser besondere Blickwinkel als ein weiteres Entscheidungskriterium, das zur Textauswahl beigetragen hat.

Ich habe auch nicht sämtliche Erzählungen mit gleich hohem Interesse gelesen. Hermann Burgers „Der Orchesterdiener“ erscheint mir augenblicklich einfach zu langatmig. Martin Walsers „Selbstportrait als Kriminalroman“ hat mich ebenfalls in der falschen Lesestimmung angetroffen und daher keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Aber es gibt neben lieben Bekannten auch ein paar nette Entdeckungen. Kannte ich bislang Gabriele Wohmann? Ihre Geschichte Sonntag bei den Kreisands hat mich unterhalten und in gewisser Weise bewegt. Die Kreisands sind ein eingespieltes Ehepaar, gut situiert, Teilnehmer am deutschen Wirtschaftswunder.

Es beginnt ganz unschuldig:

Wieder einer dieser gemütlichen Sonntage bei den Kreisands. Frau Kreisand sagt: harmonisch.

Und schon rollt man hinein in das verkümmerte Seelenleben zweier Menschen, die alles haben und doch nichts. Artur nennt seine Frau gern Milli und denkt dabei heimlich an eine verflossene Geliebte. Elisabeth lässt sich lieber von Artur im nagelneuen Auto kutschieren statt ihre Freundin zu Besuch zu haben.

Den Eltern wird ein versprochener gemeinsamer Urlaub auf perfide Art wieder abgesagt und wie zum Dank bekommen sie eine eklige Skulptur geschenkt und eine Flasche guten Wein entwendet.

Die Kreisands interessieren sich gerade so für sich selber, aber nicht füreinander und erst recht nicht für Dritte außerhalb dieser Lebenszweckgemeinschaft. Die Kreisands, das sind zwei Meteoriten, zufällig beim Urknall auf die gleiche Umlaufbahn geschleudert.

Zeile für Zeile spitzt Wohmann diese widerlichen Charaktere zu. Ich fühlte mich beim Lesen körperlich regelrecht unwohl. Tolle Erzählkunst, die mir Blicke nach Innen und Außen ermöglicht. Und am Ende der Erzählung ist man erleichtert, beinahe glücklich, andere Freunde zu haben als die Kreisands! Von Gabriele Wohmann werde ich sicher noch mehr lesen als nur die Kreisands. Und das ist doch mit das Beste, was eine Anthologie erreichen kann: das Weiterlesen.

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Michael Roes: Zeithain (2017)

Ich heiße Philip Stanhope, wie mein Großvater, der letzte Graf von Chesterfield, mein Ururgroßvater, Admiral der Royal Navy, und mein Ururururgroßvater, jener junge missratene Philip Stanhope, unehelicher Sohn des gleichnamigen Vaters, Vierter Graf von Chesterfield, der seine berühmten, doch letztendlich vergeblichen „Briefe an seinen Sohn über die anstrengende Kunst, ein Gentleman zu werden“ an ebendiesen Philip Stanhope adressiert hat. Nicht nur die Namensgleichheit, auch die unehelichen Verhältnisse durchziehen meine Genealogie wie ein misstönendes Leitmotiv.

So beginnt Michael Roes‚ Annäherung an die historische Person Hans Hermann von Katte (1704-1730).

Dabei versetzt sich Roes traumwandlerisch intensiv und vermutlich exzellent recherchiert in seine Hauptperson Katte, schildert seine eher freudlose Jugend als Sohn eines adligen Soldaten, der alle weicheren Regungen verabscheut und sie auch seinem Sohn verbietet. Der Sohn wird auf dem heimischen Gut in Wust nach den gleichen Prinzipien wie die Hunde des Gutsherrn erzogen: Der geringste Ungehorsam wird mit brutalen Prügelorgien geahndet. Wann immer möglich hält er sich bei den Dienstboten oder bei seinen bäuerlichen Spielkameraden auf. Nur beim Großvater in Berlin findet er Förderung und Zuneigung.

Frühe Kindheitserinnerungen haben etwas Mythisches. Da der Erinnernde nicht mit Gewißheit sagen kann, was sich wahrhaftig ereignet und was die Phantasie hinzugedichtet, das Hörensagen ergänzt und die Zeit verschönert oder verfälscht hat, muß man wohl das Erzählte als das einzig Wahrhaftige hinnehmen. (S. 89)

1717 bis 1721 besucht der junge Adlige das Pädagogium des Pietisten August Hermann Franke in Halle. Dort findet er schließlich Freunde, ist aber unglaublich angeödet vom begrenzten Horizont seiner Lehrer. Anschließend studiert er in Königsberg und Utrecht und unternimmt eine ausgedehnte Kavaliersreise, die ihn u. a. bis nach Paris führt.

1724 tritt er auf Geheiß des Vaters in das Kürassierregiment Gens d’armes von Friedrich Wilhelm I, dem Soldatenkönig, ein. Das Unglück nimmt seinen Anfang, als die Beziehung Kattes zu Friedrich Wilhelms Sohn, dem Kronprinzen Friedrich, der acht Jahre jünger ist als Katte, immer intensiver wird.

Der Kronprinz wird ständig von seinem Vater schikaniert, überwacht, gedemütigt, verprügelt und abgrundtief verachtet, hegt der Sohn doch so unsoldatische und „weibische“ Interessen wie die Musik. Schließlich hält es der Prinz nicht mehr aus und will von Zeithain ins Ausland fliehen, dabei bittet er seinen einzigen Freund Katte um Hilfe.

Dieser rät von der Flucht ab, doch letztendlich will er seinen Freund nicht im Stich lassen. Der Kronprinz wird gefasst und man kann Katte nachweisen, dass er von den Fluchtplänen wusste. Dafür und dafür dass man ihn verdächtigt, homosexuelle Beziehungen zum Kronprinzen unterhalten zu haben, wird er vors Kriegsgericht gestellt.

Der König zwingt seinen Sohn, zuzuschauen, wie Katte seinen letzten Weg zum Schafott antritt.

Diese trockene Auflistung der Fakten (schon der Klappentext verrät auch dem geschichtsunkundigen Leser, wie es ausgeht) kann diesem Trumm von einem Buch mit seinen ca. 800 Seiten) natürlich nicht gerechtwerden.

Mir bleibt viel Zeit zum Lesen und Musizieren und, ich werde es nur Ihnen, liebe Tante, unter dem Siegel größter Verschwiegenheit gestehen, zum Dichten. Ich höre Ihren Entsetzensschrei, und Sie haben ja vollkommen recht, nichts sollte einem das Dichten so verleiden wie die Flut vorgeblicher Werke, die Europa überschwemmt. Der Mißbrauch, den man mit der geistvollen Erfindung der Buchdruckerkunst treibt, verleiht vor allem unseren Dummheiten ewiges Leben. (S. 111)

Roes gelingt es, über weite Strecken so intensiv und emphatisch zu erzählen, dass man geneigt ist dem Ich-Erzähler Katte alles zu glauben, selbst wenn in der Forschung die These von der Homosexualität des Kronprinzen umstritten ist, selbst wenn es Episoden gibt, die ich zumindest auf die Schnelle nicht durch Internetrecherche belegen konnte, wie z. B. die medizinischen Versuche an den Internatszöglingen.

Nein, in Wahrheit  erfreue ich mich meiner Einsamkeit nicht, im Gegenteile legt sie sich wie ein schwarzer, giftiger Schatten über meine Seele. Eigentlich bin ich kein übellauniger Mensch. Aber die Erfahrung lehrt, daß gerade diejenigen, welche sehr lebhafte Leidenschaften und eine empfindsame Natur haben, deren Einbildungskraft leicht gereizt und deren Gefühle schnell erschüttert sind, am raschesten und heftigsten der üblen Schwermut ausgesetzt sind.

Da ihre Phantasie oft ohne ihren Willen selbst die größte Kleinigkeit so schnell zu einer Riesengröße zu erheben weiß, so ist es begreiflich, warum empfindsame Menschen, wie ich einer bin, selbst bei einem guten und richtigen Verstande sich oft am wenigsten in der Gewalt haben, sobald sie von ihrem Gemüte, sei es heiterer und trauriger Natur, überfallen werden. (S. 317)

Besonders die Kindheit und die Jahre im Internat brennen sich dem Leser ein. Da kann es bei den Prügelstrafen schon einmal zu gebrochenen Knochen kommen.

Ausreißer und Arbeitsverweigerer werden besonders hart bestraft. Schläge, kahlgeschorene Köpfe, Essensentzug, Karzer. Die Inspectoren nennen diese Zellen „Besinnungsräume“: Ein enges, dunkles und im Winter eisiges Verlies mit einem Sitzbrett und einem stinkenden Kübel für die Notdurft. (S. 176)

Danach wird man „Preußentum“ und „preußische Tugenden“, immer hübsch mit einem aus der Religion hergeleiteten Absolutheitsanspruch verbrämt, noch einmal mit ganz anderen Assoziationen verbinden. Und man wird sich natürlich auch fragen, wie derlei Werte und Verhaltensnormen (blinder Gehorsam, Prügelstrafe, Härte, Unterdrückung der Sexualität und jeglichen kritischen Denkens) in der deutschen Geschichte weitergewirkt haben.

Es sind oft die scheinbar beiläufigen Beobachtungen, die den Roman so reich machen, wie sie beispielsweise während Kattes Internatszeit zum Tragen kommen:

Der Schulordnung gemäß dürften wir nicht einmal über unseren Unterricht sprechen, denn wir Schüler könnten ja „raisonieren wie die Heiden“. Außerdem werden wir angehalten, den Lehrern regelmäßig übereinander Auskunft zu geben, was nicht gerade der ungezwungenen Rede förderlich ist. (S. 172)

Oder die Regel, dass die Jungen im Schlafsaal selbst im Winter und bei Minustemperaturen mit den Händen auf der Decke schlafen mussten, damit der wachhabende Lehrer sofort sehen konnte, ob sich da etwa jemand selbst befriedigen wollte. Da gehen die Verbindungslinien direkt bis zu dem Prozess um den Hauslehrer, der 1903 seinen Schützling totgeschlagen hat.

Auch die Sprache passt sich dem meist wunderbar an. Trotz einiger überbordender Metaphern und einiger Stellen, an denen man den Eindruck hatte, dass einem Geschichtsbuchwissen referiert wurde.

Graf Brühl […] besitzt zweihundert Paar Schuhe, achthundert gestickte Schlafröcke, fünfhundert Anzüge, hundertzwei Uhren, achthundertdreiundvierzig Tabatieren, siebenundachtzig Ringe, siebenundsechzig Riechfläschchen, neunundzwanzig Kutschen und tausendfünfhundertsiebenundsechzig Perücken. Zu jedem Anzuge gehört eine besondere Uhr, eine spezielle Tabakdose und ein ausgewählter Degen. Wieso die Welt über dergleichen Bagatellen so gut Bescheid weiß?  Alle Gewänder sind in einem Buche aufgemalt, das ihm täglich zur Auswahl vorgelegt wird. Darüber hinaus besitzt er mehr Mätressen als Verstand. (S. 666)

Als ausgesprochen langatmig habe ich allerdings die Beschreibung der Kavaliersreise empfunden, da wurden die Stationen brav aberzählt, aber mir war’s herzlich gleichgültig, wo Katte sich gerade aufhielt.

Gänzlich überflüssig fand ich die Rahmenhandlung, in der sich der junge Philip Stanhope, selbstverständlich ebenfalls mit problematischer Vaterbeziehung, nach dem Fund einiger alter Familienbriefe auf die Reise macht, um herauszufinden, ob an den historischen Orten, an denen Katte gelebt hat, noch Spuren der Geschichte zu finden sind.

Andreas Kilb schreibt in der FAZ:

Aber Roes beschränkt sich nicht darauf, Stanhope auf Kattes Spuren zu schicken, er halst ihm zusätzliche allegorische Aufgaben auf. Stanhope ist Epileptiker und ebenfalls homosexuell. Das Laken, das er in seinem Hotel über Nacht vollgeblutet hat, dreht er den ahnungslosen Berlinern als Kunstwerk an. Im Tiergarten fallen ihm ein neugeborener Kojote und ein Engel-Embryo vor die Füße, die er mütterlich aufzieht. In einem Krankenhaus trifft er einen Arzt, mit dem sein Vater einst als britischer Besatzungssoldat sein Coming-out erlebte. Und zuletzt wächst Stanhope auch noch eine zweite Zunge. Offenbar hat Roes in dieser Figur alle Einfälle begraben, die ihm beim Nachdenken über Katte und Friedrich gekommen sind. Er hätte es besser gelassen.

Derlei surreale Einsprengsel haben nichts daran geändert, dass Philip für die Geschichte im höchsten Maße entbehrlich blieb, doch leider tritt er immer wieder auf, bis sich seine Spuren dann im Nichts verlieren.

Die Reflexionen, die Roes seinem Erzähler Stanhope in den Mund legt, hätten mich vermutlich mehr interessiert, wenn sich der Autor selbst als Spurensucher zu erkennen gegeben hätte.

Gibt es das, einen Entdeckungsreisenden, der nicht mit den Fremden ins Gespräch kommen will, sondern es vorzieht, über seinen Gegenstand zu meditieren, statt zu kommunizieren, ein mystischer Völkerkundler sozusagen, ein reisender Trappist, ein Eremit im ethnologischen Feld?

Vielleicht ist diese Haltung nicht ganz so widersinnnig, wie sie auf den ersten Blick scheint. Denn es dürfte kaum einen vernünftigen Menschen geben, der die fortschreitende Erosion der Verbindung zwischen den Zeichen und den Dinge noch in Zweifel zöge. Tatsächlich meditiere ich über die Dinge, weil ich immer weniger weiß, was ich von ihnen halten soll und mir die naheliegenden Wörter für sie immer fragwürdiger erscheinen. Während ich sie betrachte, verändern sie sich, so wie meine Betrachtung sie verändert. Noch weiß ich nicht, wie das alles enden, wie das alles für mich enden wird. (S. 121/122)

Zarte Gemüter sollten sich durch die ersten Seiten, auf denen gefühlte 500 Namen mitsamt ihrer Abstammung vor dem Leser ausgebreitet werden, nicht abschrecken lassen. Sie tun nichts zur Sache bei diesem fulminanten, melancholischen Ausflug ins Preußentum.

Wie spricht man aufrichtig von sich selbst? Ein hoffnungsloses Ringen, zwischen Strenge und Eitelkeit eine Brücke zu schlagen. Entweder endet dieser Kampf im Wahnsinn oder im Verstummen. (S. 583)

Sechsundzwanzig Jahre habe ich gelebt, und schon ist alles darüber gesagt. Im Wochenbett ist bereits das Sterbebett aufgedeckt. Warum strampeln wir uns in der kurzen Zwischenzeit so heroisch ab, als könnten wir die Welt retten?

Niemand wird in dieser kurzen Zeit je das sein können, was er hätte sein sollen. Ganz gleich, wie lang sie dauert, am Ende wird es immer eine Zeit des Versagens gewesen sein. – Am besten ist es, man hält sich aus allem heraus. Während das Glück dich anlächelt, spannt es schon den Hahn. (S. 761)

Hier geht’s lang zu einem Interview mit dem Autor und eine weitere Besprechung findet man auf lustauflesen.de.

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Petra Hofmann: Nie mehr Frühling (2015)

„Was es bedeutete, dass einer tot war, verstand eigentlich niemand jemals.“

Dieses Zitat aus Laura Freudenthalers Buch Die Königin schweigt ist eine passende Überleitung zu Nie wieder Frühling von Petra Hofmann, dem Buch, das uns ebenfalls das Leben einer einfachen Frau erzählt. Erschienen ist es im Picus Verlag Wien.

Und doch wie ganz anders. Wuchtig und beeindruckend.

Bereits im ersten Kapitel, das alles andere als nett und gefällig daherkommt, lesen wir vom Tod einer 87-jährigen, abgemagerten und ungepflegten Frau. Ihr Sohn findet sie in ihrem verwahrlosten Haus, er ist auf der einen Seite erleichtert und gleichzeitig scheint eine uralte Last auf ihm zu liegen.

Danach wird die Geschichte dieser Hermine Stoll chronologisch erzählt. Geboren 1910 irgendwo in einem Dorf, das sie ihr Leben lang nie verlassen wird. Sie ist ein Wildfang, der sich nichts sagen lässt. Irgendwann heiratet Hermine ihre große Liebe, den Kommunisten Karl, verspricht ihm Treue „bis in den Tod und darüber hinaus“ (S. 25) und bekommt mit ihm zwei Söhne.

Als die ersten Nazis durchs Dorf marschieren, schüttet Hermine ihren Nachttopf über den Männern aus. Sie macht von Anfang an keinen Hehl aus ihrer Ablehnung gegen die braunen Horden, was ihr diverse Drohungen des Bürgermeisters einbringt. Und ihr Sohn Dieter fragt sich, warum sich sein Freund Aaron nicht von ihm verabschiedet hat, bevor er so plötzlich nach irgendwohin gereist ist.

Nach Kriegsbeginn wird auch Karl einberufen. Er wird nicht zurückkehren, etwas, das Hermine niemals anerkennen wird. Sie wird ihr Leben lang auf ihn warten.

Ich will nicht tanzen, sagt Hermine, ich will auch nicht lachen. Alles, was ich will, ist der Karl. Davon, dass er fort ist, tut mir alles weh. Am ganzen Körper tut es mir weh, auf der Haut und bis in die Seele hinein. (S. 141)

Ihre Weigerung, das Schicksal zu „akzeptieren“, wird auf Kosten ihrer Söhne Paul und Dieter gehen, für die sie nicht mehr kochen wird und die für ihr weiteres Leben von dieser Verwahrlosung in der Kindheit und der daraus resultierenden Ablehnung des Dorfes gezeichnet bleiben werden.

Mit offenen Augen lag er da bis es grau wurde hinter den Gardinen und dabei kamen diese Gedanken wieder wie böse Geister, sie schlichen sich ein und setzten sich fest in ihm, und er musste all den Unsinn denken, ob er wollte oder nicht. Dass im Leben gar nichts sicher ist, dachte er, dass der Boden, auf dem man geht, immer rutschig ist, als schüttete jemand unentwegt Seifenwasser aus, dass man ausrutschen kann, fallen, und dann nicht mehr auf die Beine kommt. Und dass man alles verlieren kann, jederzeit, von jetzt auf nachher. Und dass man sich nicht ausruhen kann, sich nicht verlassen, auf nichts und niemanden. Dass man beständig auf der Hut sein muss. Dass jederzeit ein Unglück geschehen kann, aber vor allem nachts und im Morgengrauen, wenn es still ist, und danach ist nichts mehr wie zuvor. Und das lässt sich dann nicht rückgängig machen, das ändert sich nie mehr.

So geht das in seinem Kopf, immer im Kreis herum, und hört erst auf, wenn endlich der Tag beginnt, und manchmal auch dann nicht. (S. 204)

Hermine gerät durch ihre Weigerung, sich den Konventionen zu fügen, allmählich in die Rolle einer asozialen Außenseiterin und sie wird, man kann es nicht anders sagen, zu einer bösartigen alten Frau, die sich, ihren Söhnen und sogar ihrer Schwester alles Schöne versagen möchte, solange ihr Mann nicht zurückgekehrt ist.

Das Buch wartet mit einer der widerlichsten Nazi-Figuren auf, die mir seit langem begegnet sind. So lebensecht, dass man sich schütteln möchte.

Doch es waren vor allem zwei Dinge, die mich besonders an diesem Buch fasziniert haben. Das eine ist die die Auseinandersetzung mit dem Tod. Hermine ist gnadenlos konsequent, wenn sie wie eine Fackel gegen den Tod protestiert. Sie versagt sich sogar das Schlafen im Ehebett und liegt stattdessen auf einem Strohsack in der Küche, solange ihr Mann nicht bei ihr ist.

Doch ihr Protest gegen die Ungeheuerlichkeit des Todes läuft ins Leere. Sie trifft nur sich selbst und ihre Kinder damit. Und ausnahmsweise hat es mich hier gar nicht gestört, dass wir nur sehr geringen Einblick in ihre Gedanken bekommen. Das war eindeutig nicht dem Unvermögen der Autorin geschuldet, sondern funktioniert im Gesamtaufbau des Romans, sodass ich das Interesse an Hermine nie verloren habe.

Nachdem er seine Mutter tot aufgefunden hat, kommt ihr Sohn Paul zu folgendem Fazit:

Was sind nicht schon alles für Geschichten erzählt worden über die Mutter! Jeder hat sie mit seinen Augen betrachtet und jeder hat es besser gewusst. Und dabei wohl auch seinen Stab gebrochen über sie, über ihr Leben. Aber das, denkt Paul, steht euch nicht zu, niemandem steht das zu. Ein Leben ist ein Leben, und es gilt. Das ist alles. Da gibt es nichts zu befinden, es gibt gefälligst nichts zu befinden. (S. 13/14)

Der zweite Aspekt, der hier so gelungen ist, ist die Art und Weise, wie das Umfeld mit hinein in die Handlung genommen wird. Wie ein Chor kommentieren die Dorfbewohner, vor allem die Frauen, das Tagesgeschehen; wir hören die Gespräche im Dorfladen oder bei der Bäckerin. Und dabei gelingt es der Autorin, verschiedenste Menschen und Charaktere in ihrer Großzügigkeit und ihrer Niedertracht auf knappstem Raum zu veranschaulichen.

Die eine Frau mahnt zur Vorsicht bei dem, was man nun öffentlich über den Nationalsozialismus sagt; die andere Nachbarin ist beglückt angesichts der marschierenden Kolonnen, die dritte hat einen Horizont, der nur bis zum Gartenzaun reicht. Auch Hermine ist immer wieder Gesprächsthema in diesen Runden. Es ist vielsagend, wie sich auch da die Meinungen im Laufe der Jahrzehnte verändern.

Das einzige, was man vielleicht doch etwas hätte reduzieren können, sind die Wendungen „er denkt“, „er sagt“ oder „sie denkt“.

Das Zitat aus dem Interview mit der Autorin auf Das Debüt zeigt den hohen Anspruch, den Hofmann an Literatur stellt. Und was soll ich sagen? Mit ihrem Buch löst sie ihn ein.

Grundsätzlich wünsche ich mir vermehrt Bücher, die etwas Eigentliches zu sagen haben und zwar mit einer gewissen Dringlichkeit. Die Texte sollten einen deutlich spürbaren glühenden Kern haben, der den Leser und die Leserin erreicht.

Und das sagen andere:

 

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt (2017)

Interessanterweise beschäftigen sich gleich zwei der Bücher, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, mit dem Leben einer einfachen Frau im letzten Jahrhundert, quasi die weiblichen Pendants zu Ein ganzes Leben von Robert Seethaler.

Als erstes las ich Die Königin schweigt (2017) von Laura Freudenthaler, erschienen im Grazer Literaturverlag Droschl.

Die 1984 geborene österreichische Autorin hat für ihren ersten Roman viel Anerkennung bekommen. Und doch muss ich sagen, dass mich das Buch seltsam unbeeindruckt gelassen hat. Schön, wenn es in einem Werk Leerstellen gibt, die Leserin oder der Leser Raum hat, selbst zu überlegen, zwischen den Zeilen zu lesen. Doch hier war mir das alles zu viel.

Die Königin des Titels ist inzwischen eine alte Frau, die sich assoziativ, in Träumen und manchmal angeregt durch die Fragen der Enkelin, an ihr Leben erinnert, das in einem österreichischen Bergdorf begonnen hat und durch viele Verluste geprägt wurde.

Vom Vater hat sie die „Haltung“, den Stolz übernommen, d. h. nie zu viel von dem preiszugeben, was einen wirklich beschäftigt und umtreibt. Im Krieg fällt der Bruder. Doch ansonsten werden Krieg oder die Zeit des Nationalsozialismus nicht weiter thematisiert. Der Krieg kommt sozusagen wie eine unabwendbare Naturkatastrophe, bei der man ja auch keine moralischen Kriterien anlegt oder die Frage nach dem Warum und Wozu stellt.

Die attraktive Frau heiratet den Schulmeister, ist fortan die anerkannte und tüchtige „Schulmeisterin“ des Dorfes, bekommt einen Sohn und wird in ihrem weiteren Leben immer wieder ihr nahe stehende Menschen verlieren. Für meinen Geschmack waren das dann doch ein paar zu viele. Wer verliert denn gleich drei Partner hintereinander?

Und dass sie nie gelernt hat, über bestimmte Dinge zu sprechen oder sich erst gar nicht auf wahre Nähe einlässt, weil sonst Gevatter Tod sowieso nur zuschlagen würde, macht ihr Leben recht trostlos. Passend dazu das Cover, das mich in seiner Verschwommenheit beinahe vom Kauf abgehalten hätte.

Spätere Verhaltensweisen, wie z. B. die Weigerung, ihr Heimatdorf noch einmal zu besuchen, finde ich zunehmend bizarr und nicht nachvollziehbar.

Ich könnte mir Erklärungen für das Verhalten der Frau überlegen und doch zucke ich nur die Achseln und bin selbst ein bisschen verwundert, wie rasch ich so vieles aus dem Roman schon wieder vergessen habe. Oder war es einfach das falsche Buch zur falschen Stunde?

Andere konnten dem Buch nämlich wesentlich mehr abgewinnen: