Carry Brachvogel: Alltagsmenschen (1895)

Anlässlich des Autorinnenporträts auf Sätze & Schätze hole ich mal einen älteren Beitrag aus den Untiefen meines Blogs hervor.

Als vor nahezu sieben Jahren die münchener Zeitungen unter der Rubrik ‚Lokales‘ verkündeten, daß die einzige Tochter des Herrn Kommerzienrates und Handelsrichters Mey, Fräulein Elisabeth Mey, sich mit Herrn Dr. jur. Friedrich Becker, einem Sohn des bekannten Augsburger Großindustriellen Herrn Martin Becker, verlobt habe, da bot sich den sämtlichen Klatschmäulern der schönen Isarstadt (und es soll deren etliche geben!) Stoff zur Be- und Verarbeitung in Hülle und Fülle dar.

So beginnt Alltagsmenschen (1895), ein Buch von Carry Brachvogel, das in seiner psychologischen Hellsichtigkeit den Vergleich mit den großen Ehebruchsromanen nicht zu scheuen braucht.

Zum Inhalt

Die junge Elisabeth ist – wie die tuschelnde Gesellschaft nicht müde wird zu betonen – schon 23, als sie sich nach nur wenigen Wochen Bekanntschaft mit Friedrich Becker verlobt. Doch anders als die Klatschmäuler vermuten, wird es eine Liebesheirat.

Das blühende Mädchen mit den großen dunklen Augen, dem anmutigen, klug und lebhaft plaudernden Munde hatte ihn im ersten Augenblick bezaubert, und schon nach wenigen Wochen hielt er um sie bei ihren Eltern an, nachdem eine Aussprache mit der Geliebten vorhergegangen war, die an flammender Empfindung und beredtem Ausdruck alle Liebesszenen der dramatischen und novellistischen Litteratur zu übertrumpfen drohte. (S. 9)

Doch der Keim des späteren Unglücks ist schon längst gelegt, denn Elisabeth ist ein Produkt ihrer Umwelt und in den damaligen Rollenbildern gefangen. Sowohl die schulische Erziehung, die ja nicht auf eine spätere Selbstständigkeit der Frau abzielt, als auch das Elternhaus Elisabeths sorgen dafür, dass sie im Grunde gar nicht erwachsen werden kann.

Als einziges Kind überzärtlicher Eltern war ihr bislang ein Jahr nach dem andern in ungetrübt heiterer Gleichmäßigkeit dahingeflossen, jeder Schatten einer Sorge, ja nur einer Mißstimmung ängstlich von ihr ferngehalten worden. Aber das Mädchen fing bald an, sich in dieser schier beängstigenden Atmosphäre des Glückes und der Sorglosigkeit zu langweilen; es erging ihr ähnlich wie den Leuten, die in der Einsamkeit einer schwülen, lautlos brütenden, stahlblauen Hochsommermittagsstunde derselbe unheimliche, gespensterahnende Schauer beschleicht, der eigentlich nur für Mitternacht gestattet und üblich ist. – Und wenn sie auch frei blieb von modern-hysterischer Sehnsucht nach Leiden und Selbstentäußerung, so verlangte es sie eben doch nach etwas Unfaßlich-Wunderbarem, das endlich einmal erschreckend und erlösend zugleich in ihr Dasein hineinrauschen sollte. Ihrem Leben fehlte der Inhalt. Ein Tag wie der andere floß leer dahin: Toilette, Spaziergengehen, ein bischen Lesen, ein bischen Porzellanmalen, Besuche, Theater, Bälle. (S. 9)

Sie wünscht sich, etwas mit ihrem Leben anfangen zu können, etwas Großes zu vollbringen und wie ein Mann tätig zu sein, der seine Kräfte einsetzen kann. Doch wie hätte das für sie aussehen sollen? Die Erfüllung hat die Frau in der Ehe, ihren häuslichen Verpflichtungen und in der Mutterschaft zu finden.

Dementsprechend hat sie sich in ihren Mädchenträumen die Ehe recht heroisch ausgemalt: Der Mann als Adler, als Held, der der Sonne entgegenfliegt, und sie als die aufopferungsvolle Gefährtin, die dem Adler sorgsam das weiche Nest bereitet und so an seinem Ruhm Anteil hat. Aber Friedrich ist kein Adler, kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, der abends müde von der Arbeit kommt, der zwar seine Frau liebt und verwöhnt, ihre zunehmende Unzufriedenheit und Stimmungsschwankungen allerdings nicht nachvollziehen kann.

An ihrer kleinen Tochter hängt Elisabeth mit ganzem Herzen. Doch als die „Honigmonde“ der ersten Ehezeit vorbei sind und der neue Stand nichts Neues und Aufregendes mehr bereithält, stellt sich wieder das Gefühl der Langeweile und der gekränkten Eitelkeit ein.

… und ein Frösteln befiel zuweilen die junge Frau, wenn sie bedachte, daß es nun immer so weitergehen würde, bis ihr Haar grau geworden und ihr Sinn alt, daß für sie nunmehr alles fertig und abgeschlossen war. Ja, ja – abgeschlossen – dies Wort traf das Richtige, denn ihr schien’s zuweilen, als sei ein schweres, eisernes Thor unversehens hinter ihr ins Schloß gefallen und banne sie nun grausam vom hellen blühenden Leben weg in einen düstern, einsamen Burghof, zu dem die glänzenden, funkelnden Sonnenstrahlen von draußen wohl niemals den Weg fanden. (S. 14)

Letztlich ist sie nicht ausgelastet mit der „Spielzeugrolle, die man der modernen Frau in in der Ehe immer noch gerne anweist“ (S. 16).

Und als sie auf einem Ball den Legationsrat Max Heßling kennenlernt, ist sie betört von seiner Galanterie und seinem gesellschaftlichen Schliff.

Sein Gespräch war voll prickelnder Grazie, voll treffender Sarkasmen, die Elisabeth sehr entzückten; doppelt, da sie gleich den meisten Frauen Heßlings spöttelnde Frivolität nicht für echt hielt, sondern als stacheliges Panzerhemd betrachtete, mit dem sich eine ideale Seele  schamhaft bekleidete, um ihre zarten Regungen vor unzarter Berührung zu wahren. (S. 28)

Sie lässt sich aus Eitelkeit, aus Langeweile und Gedankenlosigkeit allmählich in eine Affäre mit Heßling hineingleiten, von der beide lange glauben, dass sie alles im Griff haben. Dabei erklärt uns der allwissende Erzähler, dass dabei von wirklicher Liebe keine Rede sein könne.

Elisabeths unbestimmte sehnsuchtsvolle Langeweile hatte sich endlich zu dem Bedürfnis abgeklärt, etwas Aufrüttelndes zu erleben: Heßlings Huldigungen schmeichelten ihrer Eitelkeit, ihre Überspanntheit flunkerte einiges von glühender Leidenschaft und alle konventionellen Schranken niederstürmender Liebe, der große Galeotto schwang kräftig seine Hetzpeitsche, und so war sie denn eben eines schönen Tages in die Arme des Legationsrats geeilt. (S. 71)

Doch natürlich wird auch diese Beziehung zu etwas Alltäglichem. Heßling überlegt schon, an einem anderen Ort seine Karriere fortsetzen zu wollen, doch die Kraft zu einem Schlussstrich findet keiner der beiden. Dabei wird das Versteckspiel immer gefährlicher und belastet Elisabeth immer mehr. Jetzt erst erkennt sie, was sie aufs Spiel setzt.

Fazit

Fontanes Effi Briest wurde fast zeitgleich zu den Alltagsmenschen veröffentlicht, nämlich als Fortsetzungsroman in der Neuen Rundschau von 1894 bis 1895. Der Leser denkt natürlich auch an Madame Bovary und Anna Karenina, letzteres wird sogar neben anderen in der Geschichte erwähnt, selbst wenn Brachvogel ihre Ménage-à-trois ganz anders auflöst als ihre großen Kollegen.

In seiner psychologischen Glaubwürdigkeit fand ich das Buch beeindruckend. Jede Seelenregung der drei Betroffenen wird mit großer Menschenkenntnis bis in die kleinsten Nuancen geschildert.

Deutlicher als jemals zuvor offenbarte sich hier der Bruch in ihrem Charakter, das ungleiche Verhältnis darin zwischen Wollen und Können: sie wäre ja gar zu gerne eine außergewöhnliche Frau gewesen, eine von jenen, die als temperamentvoll gelten und über die hinweg sich die Männer mit verständnisvollem Blinzeln ansehen, aber sie war nicht schlecht genug, um sich ihres Fehltritts in aller Seelenruhe zu freuen, und bei weitem nicht groß genug, um ihr Thun nur vor den Gesetzen ihres eigenen Ichs verantworten zu wollen und zu können. […] Von der Bühne herab sah sich solch sündiges Liebesglück doch meistens sehr verlockend an, es las sich auch recht hübsch davon, aber in Wirklichkeit war es doch sicher richtiger und besser, eine anständige Frau zu sein, als eine gefallene. (S. 78)

Da hat Elisabeth natürlich recht, denn wenn ihr Mann von der Affäre erfährt, kann er sie aus dem Haus jagen, was nicht nur das Ende ihres gesellschaftlichen Ansehens und ihrer finanziellen Absicherung, sondern vor allem die Trennung von ihrem Kind bedeuten würde. Letztlich wird Elisabeth, wenn auch zu spät, erwachsen, denn sie sieht, welch mädchenhaften Fantasien und welcher Dummheit und Eitelkeit sie ihr Glück vor die Füße geworfen hat.

Doch auch Heßling, der nur eine kurze Affäre mit der schönen Frau gesucht hat, und Friedrich, der seine Frau liebt, werden in ihren inneren Konflikten und einander widerstrebenden Empfindungen scharfsinnig und nachvollziehbar gezeichnet.

Dabei sind alle drei, ohne sich dessen bewusst zu sein, auch Opfer des vorherrschenden Frauenbildes und stehen in Wechselwirkung mit der vierten Kraft im Roman, der Gesellschaft, deren oft verlogene und heuchlerische Stimme wir immer wieder vernehmen.

Was sich aber inzwischen überlebt hat, ist die oft unglaublich pathetische Sprache, die wilden Naturmetaphern.

Gleich schwerer, ertötender Eiseskälte legte sich die Erinnerung der Schuld auf die hochgehenden Wogen ihres fieberisch-verzweifelten Heroismus … (S. 104)

Auch die Erzählerstimme fand ich manchmal anstrengend. Sie weiß wirklich alles und ein Lesen zwischen den Zeilen ist nicht vonnöten. Es wird alles, alles erklärt und gedeutet.

Anmerkungen

Das Buch erschien im Allitera Verlag, und zwar in der edition monacensia, in der Werke Münchner Autoren und Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts erscheinen.

Das Cover fand ich entsetzlich und dass ein Zitat auf dem hinteren Buchdeckel fälschlicherweise Elisabeth zugeschrieben wird, das aber von Heßling stammt, machte die Sache nicht besser.

Das Nachwort von Ingvild Richardsen hingegen war sehr erhellend. Carry (eigentlich Caroline) Brachvogel (geboren 1864) gehörte damals zu den „modernen“ Autorinnen, die sich auf „die Suche nach einem neuen Selbstverständnis der Frau“ begaben und die traditionellen Rollenvorstellungen in Frage stellten (S. 156).

Auch zur Biografie der jüdischen Autorin und Frauenrechtlerin, die seit 1895/96 über 30 Jahre lang einen einflussreichen literarischen Salon leitete, gibt es interessante Hinweise. Sie wurde schließlich als Schriftstellerin in ganz Deutschland bekannt.

Mit ihrer Existenz als unverheiratet bleibende, selbstständige, arbeitende Witwe widerspricht sie dem gängigen Ideal der Frau im Bürgertum des Kaiserreichs (S. 160)

Doch das Ungeheuerliche ist den Herausgebern nur einen kurzen Satz in der hinteren Umschlagklappe wert:

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird die Jüdin Carry Brachvogel beruflich isoliert und schließlich 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf verstarb.

Und bei Lena Riess bitte gleich weiterlesen: Sie stellt eine Novellensammlung der Autorin vor.

Lioba Happel: dement (2015)

Wenn wir alles vergessen haben, zum Beispiel, dass man, wenn die Sonne scheint, sagt, es sei schönes Wetter, und dass man, wenn es regnet, sagt, es sei schlechtes Wetter; wenn wir vergessen habe, wie unser Ehepartner von uns gerufen wurde, der auf Fotos auf der Wand hängt und ob das überhaupt unser Ehepartner gewesen ist; wenn wir vergessen haben, wie unsere Kinder und Kindeskinder einmal von uns genannt wurden, die sich auf Stellbildern und allen Flächen um uns herum zeigen; wenn wir schließlich sogar vergessen haben, wie wir selber heißen, dann sind wir angekommen in der reinen Gegenwart. Es regnet heute in der reinen Gegenwart, aber wir behaupten, es sei schönes Wetter.

So beginnt eine schmale Erzählung von nur 117 Seiten, veröffentlicht im Rimbaud Verlag, in der Lioba Happel den Versuch unternimmt, sich den Gedanken einer demenzkranken älteren Frau anzunähern, sich in ihre Welt hineinzufühlen.

All die Jahre, die über uns hinweggegangen sind und wir, tief versunken in uns, wir halten es in unseren schmerzenden Körpern aus. Wir halten es aus auf dem Meer, bei Tag und bei Nacht, seekrank vor Erinnerung an die, die wir einmal gewesen sind und jetzt nicht mehr sind. (S. 105)

Dabei geht es um die Schreckmomente, in denen sich die alte Frau plötzlich in einem der Fotos von früher wiedererkennt, oder um den Besuch, der „nur mal eben“ hereinschauen wolle, um zu sehen, wie es ihr gehe, „um zu sehen, ob wir noch leben“, wie die Ich-Erzählerin trocken vermerkt. Um das unvermittelte Einschlafen tagsüber, um die Fragen des Besuchers, die man nicht so richtig deuten kann.

Ich habe es so empfunden: Die Geschichte zeigt keinen Kampf, keine Verzweiflung. Was für einen Sinn hätte es auch, gegen die Einsamkeit zu rebellieren. Im Großen und Ganzen liegt die Traurigkeit bereits hinter der Erzählerin. Das Auf-Sich-Zurückgeworfen-Sein wird leise angenommen.

In einer der Lyrik sehr nahen Sprache wird von einem allmählichen Loslassen erzählt, was beim Lesen auf mich trotz aller Wehmut wundersam ruhig und akzeptierend wirkte.

Gern gelesen.

Ihr habt „keine Zeit“ mehr, ihr sagt „wir müssen“.
„Was?“
„Wir müssen wirklich.“
„Wohin?“
„Eine Weltreise vorbereiten.“
Da zieht doch hinaus zu euren Abenteuern. Meldet euch gleich auch zur Fahrt
auf den Mond an. Hier bei uns, wenn ihr es eine Weile aushieltet, könntet ihr
einmal kopfüber durchs Weltall und quer wieder zurück. (S. 45)

 

Stefan Zweig: Buchmendel/Die Unsichtbare Sammlung (2016)

2016 hat  der Topalian & Milani Verlag zwei Novellen des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig neu herausgegeben.

Die Geschichte Buchmendel beginnt mit den folgenden Worten:

Wieder einmal in Wien und heimkehrend von einem Besuch in den äußeren Bezirken, geriet ich unvermutet in einen Regenguß, der mit nasser Peitsche die Menschen hurtig in Haustore und Unterstände jagte, und auch ich selbst suchte eilends nach einem schützenden Obdach. Glücklicherweise wartet nun in Wien an jeder Ecke ein Kaffeehaus und so flüchtete ich in das gerade gegenüberliegende, mit schon tropfendem Hut und arg durchnässten Schultern.

Die Novelle, die ursprünglich 1929 veröffentlicht wurde, handelt von Jakob Mendel, einem unansehnlichen galizischen Hausierer, der – obwohl ungebildet – so sehr in der Welt der Bücher lebt (weniger als Leser, sondern eher als phänomenaler geistiger Archivar von Autorennamen und sämtlichen bibliografischen Daten), dass er vom Ausbruch des Krieges völlig überrascht wird, was ihn teuer zu stehen kommt.

Einmal war eine glühende Kohle aus dem Ofen gefallen, schon brenzelte und qualmte zwei Schritte von ihm das Parkett, da erst, am infernalischen Gestank, bemerkte ein Gast die Gefahr und stürzte zu, hastig das Qualmen zu löschen: Er selbst aber, Jakob Mendel, nur zwei Zoll entfernt und schon angebeizt vom Rauch, er hatte nichts wahrgenommen. Denn er las, wie andere beten, wie Spieler spielen und Trunkene betäubt ins Leere starren: Er las mit einer so rührenden Versunkenheit, daß alles Lesen von anderen Menschen mir seither immer profan erschien. (S. 77)

Erschreckend hellsichtig, wie hier das Schicksal eines geistig tätigen Menschen vorweggenommen wird, der in der Gesellschaft keinen Raum mehr hat, die Umwandlung der Werte nicht rechtzeitig bemerkt und der Brutalität einer neuen Zeit hilflos ausgeliefert ist.

Gleichzeitig fragt man sich, was Stefan Zweig wohl heute sagen würde, wenn er schon damals schreiben konnte:

Jetzt erst, älter geworden, verstand ich, wieviel mit jedem solchen Menschen verschwindet – weil alles Einmalige von Tag zu Tag kostbarer wird in unserer rettungslos einförmiger werdenden Welt. (S. 96)

Der Text wurde von Joachim Brandenberg illustriert. Unglaublich, da werden die Lampen des Wiener Kaffeehauses unversehens zu Quallen, die im Text erwähnt wurden, und ich höre und sehe den Regen, der den Ich-Erzähler überhaupt erst ins Kaffeehaus getrieben hat, wo er sich dann an die zwanzig Jahre zurückliegende Begegnung mit Mendel erinnert und sich schließlich fragt, was wohl aus diesem seltsamen Menschen geworden ist.

Hier kann man schon mal ein wenig in den Illustrationen schwelgen, siehe zum Beispiel das Bild auf S. 77.

Die Novelle Die unsichtbare Sammlung beginnt mit den Worten:

Zwei Stationen hinter Dresden stieg ein älterer Herr in unser Abteil, grüßte höflich und nickte mir dann, aufblickend, noch einmal ausdrücklich zu, wie einem guten Bekannten. Ich vermochte mich seiner im ersten Augenblick nicht zu entsinnen; kaum nannte er aber dann mit einem leichten Lächeln seinen Namen, erinnerte ich mich sofort: Es war einer der angesehensten Kunstantiquare Berlins, bei dem ich in Friedenszeiten öfters alte Bücher und Autographen besehen und gekauft hatte. Wir plauderten zunächst von gleichgültigen Dingen. Plötzlich sagte er unvermittelt: ‚Ich muß Ihnen doch erzählen, woher ich gerade komme. Denn diese Episode ist so ziemlich das Sonderbarste, was mir altem Kunstkrämer in den siebenunddreißig Jahren meiner Tätigkeit begegnet ist….

Die Geschichte wurde ursprünglich 1927 veröffentlicht.

Die überraschende Wendung möchte ich gar nicht verraten, nur so viel: Der Kunstantiquar Herr R. benötigt dringend neue Ware und kommt deshalb in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf die Idee, seinen ältesten Kunden aufzusuchen, der seine ersten Ankäufe schon vor ca. 60 Jahren, damals noch bei Vater und Großvater des jetzigen Inhabers, getätigt hatte.

… dennoch konnte ich mich nicht entsinnen, daß er in den siebenundreißig Jahren meiner persönlichen Tätigkeit jemals unser Geschäft betreten hätte. Alles deutete darauf hin, daß er ein sonderbarer, altväterischer, skurriler Mensch gewesen sein mußte […] Als Veteran aus dem siebziger Jahr mußte er also, wenn er noch lebte, zumindest seine guten achtzig Jahre auf dem Rücken haben. Aber dieser skurrile, lächerliche Sparmensch zeigte als Sammler alter Graphiken eine ganz ungewöhnliche Klugheit, vorzügliche Kenntnis und feinsten Geschmack … (S. 15/16)

Eine Versteigerung oder ein Verkauf der „herrlichsten Blätter Rembrandts neben Stichen Dürers und Mantegnas in tadelloser Vollständigkeit“ wäre dem Händler zu Ohren gekommen.

So mußte dieser sonderbare Mann wohl noch am Leben oder die Sammlung in den Händen seiner Erben sein. (S. 17)

Also macht sich unser Kunsthändler auf „in eine der unmöglichsten Provinzstädte, die es in Sachsen gibt“, und tatsächlich, der alte Herr lebt noch und ist auch bereit, den Händler zu empfangen. Doch dieser Nachmittag verläuft dann in einer Weise, die er nicht hat voraussehen können.

Der Ich-Erzähler, der doch nur „als schäbiger Krämer gekommen war, um ihm ein paar kostbare Stücke abzujagen“, nimmt von seinem Besuch etwas anderes, viel Wesentlicheres mit.

Ich hatte wieder einmal reine Begeisterung lebendig spüren dürfen in dumpfer, freudloser Zeit, eine Art geistig durchleuchteter, ganz auf die Kunst gewandter Ekstase, wie sie unsere Menchen längt verlernt zu haben scheinen. (S. 54)

Und ich mußte wieder an das alte, wahre Wort denken – ich glaube, Goethe hat es gesagt: ‚Sammler sind glückliche Menschen.‘ (S. 55)

Fazit

Statt ständig neuen, sensationsheischenden, immer abgefahreneren oder schlicht banalen Texten hinterherzuhecheln, hat hier ein Verlag die feine Entscheidung getroffen, zwei alte Geschichten neu zu veröffentlichen. Besonders Die unsichtbare Sammlung bleibt so wunderbar in der Schwebe.

Schon die Sprache, wie schafft es Zweig, dass man innerhalb weniger Sätze so völlig in der Geschichte ist?

Und dann der alte, weltfremde Sammler, der nichts von den schwierigen und teuren Zeiten versteht und vermutlich auch seiner Familie früher alle Annehmlichkeiten versagt hat, nur um seine Sammlung vervollständigen zu können.

Doch Ehefrau und Tochter tragen ihm seine Leidenschaft nicht nach und denken – wenn auch vielleicht arg idealisiert – nur an das Glück des alten Mannes. Ist es richtig, ihn in seinem Wahn, seinen Illusionen zu belassen? Hätte man ihn nicht viel früher mit der sogenannten Realität konfrontieren müssen? Und doch: Er ist ein Sammler, ein Kenner, jemand, dem Kunst tatsächlich etwas bedeutet, und der gern und leicht auf vieles verzichten kann, aber nicht auf seine Mappen.

Gleichzeitig schwingt die Geschichte weiter: Was sind unsere Illusionen, was macht uns glücklich und was würden wir sehen, wenn wir die Dinge sähen, wie sie sind?

Zu diesem Eindruck trägt die Illustrierung von Florian L. Arnold ungemein bei. Absurde, groteske, höchst filigrane Zeichnungen, die ebenfalls dazu einladen, sich auf eine andere (alp-)traumhafte, innere Wirklichkeit einzulassen.

Abgeschlossen wird das Buch mit kurzen, aber erhellenden Hinweisen zu Stefan Zweig, der sich 1942 zusammen mit seiner Frau im brasilianischen Exil das Leben nahm.

Kurzum, ein Buch, das in Inhalt und in seiner aufwendigen Gestaltung daran erinnert, dass Inhalte ursprünglich etwas waren, das verdiente, würdig in Szene gesetzt zu werden.

Da bleibt mir am Ende nur noch, dem Verlag für die freundliche Zusendung eines Leseexemplars zu danken. Und außerdem weckt das Buch Neugier auf die nächsten Projekte des Verlages und macht Lust, wieder mehr von Stefan Zweig zu lesen.

Anmerkungen

Weitere Besprechungen gibt es auf

 

Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011)

26. Juni 1944

Mir schien alles trübe und traurig, weil ich von Dir fortging. Fortging, zwar in die tiefe Glaubensgewißheit, Dich wiederzusehen – aber auch mit der harten Gewißheit, dich lange entbehren zu müssen! Das entbehren zu müssen, was der liebe Gott zu meiner innigsten Ergänzung auf die Welt geschickt hat.

Nie noch habe ich die unbedingte Zusammengehörigkeit zu einem Menschen so hinreißend und grundsätzlich gespürt – als zu Dir. […]

Jeder Berg, jeder Baum, jeder Bach, jeder Schlaf, jedes Erwachen in Sonne oder Regen […] – alles lebte nur auf Dich bezogen und in mir, süß und zwingend, zu Dir hin. Manchmal irrte ich ab, zu dieser oder jener Frau, in Gedanken, leise und ganz tierhaft, und dennoch spürte ich – alles warst Du. Aus und mit Dir lebe und sterbe ich, ich will Dich ganz bei mir haben. Ich wünsche mir, zum erstenmal in Leben, ein Kind von Dir – ich und Du. Ich will nur Dich. In Dir vollendet sich mein Leben und mein Wirkenkönnen. Gott soll uns segnen und zusammenfügen. Ich will nur Dich – nicht „weil“, sondern ohne alle Gründe, weil Du bist und weil Du so bist, wie Dich eben Gott geschaffen hat. Mir und vielen zur Freude – aber mir zur letzten, einzigen Heimat. […]

Ich habe Dich lieber als mein Leben, lieber als Sonne und Mond, lieber als alle bestirnten Nächte, als alle Bäume und Tiere, die ich kenne und liebgewonnen habe, lieber, als mir je ein Mensch war, lieber als mein Leben, meine Hoffnung, meine Einsamkeit und die Summe meiner ganzen Arbeit und aller Seligkeiten, die mich auf meinem kurzen Gang durch die Dämmerung beglückt haben.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen Heinz Hilperts (1890-1967) vom 26. Juni 1944

Zum Hintergrund

Heinz Hilpert, Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters, hat seine große Liebe und spätere Ehefrau Annelies „Nuschka“ Heuser (1902-1963) Ende der zwanziger Jahre kennengelernt. Sie war Jüdin, ihre  Familie emigrierte, doch Annelies blieb in Deutschland.

Gerade noch rechtzeitig kann Nuschka im Juli 1943 in die Schweiz fliehen. Hilpert reist danach mehrere Male in die Schweiz. „Das vorerst letzte Mal sehen sich Heinz  und Nuschka Anfang Juli 1944 in Zürich. Kurz bevor er das Tagebuch beginnt.“ (S. 8)

Heinz Hilpert wird schließlich jede weitere Reise in die Schweiz untersagt. Er musste vorsichtig sein, war er den nationalsozialistischen Herrschers doch bereits unangenehm aufgefallen. Und Joseph Goebbels wird der drohende Satz zugeschrieben, dass Hilperts Theater nicht anderes seien als KZs auf Urlaub.

Bis Juni 1945 schreibt nun Hilpert dieses „Tagebuch für Nuschka“, das von Michael Dillmann und Andrea Rolz herausgegeben wurde und unter dem Titel So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben 2011 im Weidle Verlag erschienen ist.

Wir erfahren, wie das Wetter und seine jeweilige Stimmung ist, ob die Vögel singen, wie viel er an heißen Tagen trinkt und wie sehr er die sommerliche Wärme genießt, bis in den letzten Kriegsmonaten die Einträge verzweifelter werden.

Doch vor allem enthält das schmale Büchlein wunderschöne Liebesworte, auch wenn die sprachliche Vergötterung Nuschkas, der „Gebenedeiten“, die er um Segen bittet, für mich an manchen Stellen etwas schwer verdaulich war. Die geliebte Frau ist „seine Brücke“ zu Gott.

Könnte ich Dir nur einmal ganz sanft über Deine geschlossenen Lider streicheln, Deinen Haaransatz ganz, ganz leise mit meinen Lippen berühren und Dich noch ein wenig fester zudecken, damit Du nicht nachtkalt hast. Aber so bleibt mir nichts, als Dich ganz innig in  mein Gebet einzuschließen und Dich der Gnade dessen anheimzustellen, der uns zusammen auf diese wunderschöne Erde kommen ließ. (S. 21)

In poetischer Sprache umkreist Hilpert immer wieder die Fragen, wie sich diese Liebe auf ihn auswirkt, wie sie ihn verwandelt und unverwundbar macht.

Die Begriffe „sicher“ und „unsicher“ hören auf einzig und allein im Hoheitsgebiet der Liebe. Hier lebt der Mensch im Glauben, und der Glaube macht unversehrbar – man „sichert“ nicht mehr. […] und in der vollkommenen Liebe zu Dir, Nuschka, bin ich ganz unversehrbar, kann ich kämpfen, ohne mich umzusehen, kann ruhen, ohne mich zu schützen, kann schwerelos sein, ohne mich ekstatisch aufzuschwingen, kann kreisen, ohne schwindelig zu werden, kann verweilen, ohne zu versäumen. „Nichts mehr versäumen“ ist das tiefe, tiefste Lebensgefühl, was sich dem Liebenden erschließt. Er rennt und jagt nicht mehr, er bangt und flieht nicht mehr. Er hält inne und ist heiter, er geht still fort und fort und ist selig. Das Wissen und die Weisheit, die für ihn taugt, schmiegt sich still in sein Herz. (S. 24)

Geliebt werden ist schön – es entwickelt und differenziert aber nicht. Lieben – mit aller Fragwürdigkeit des Widergeliebtwerdens – ist eben eine Kraftvergeudung, die ständig verjüngt, ist eine Auslieferung, die einem sich selbst zurückbringt, ist ein Schmerzempfinden, das in Lust umschlägt. (S. 60)

Und ähnlich wie auch Bonhoeffer in seinen Brautbriefen ringt auch Hilpert darum, die lange Trennungszeit sinnvoll werden zu lassen:

Und dann baute sich immer wieder aus Sehnsucht und Liebe eine Brücke, die gerade in Dein liebes Herz hineinmündete. Und ich ging darauf und dachte, warum ist Liebe, die sich bescheiden muß und sich nicht stillen kann, weil die Geliebte fern ist, so viel inniger und zarter und verbundener, verflochtener, unauflösbarer als die, die genießt? Weil sie schmerzhafter ist? Schenkt uns der Schmerz diese ganz besonderen Innigkeiten? Warum werden Menschen erst im Entbehren wesentlich? Und ganz nahe? (S. 63)

In den letzten Kriegsmonaten werden die Briefe aus Berlin dunkler, die Verzweiflung und Sehnsucht riesengroß, aber selbst die Gedanken an den Tod sind aufgehoben in dieser großen Liebe:

Die Welt wird immer dunkler. Die Angriffe immer grauenhafter. Wir müssen’s dulden! Meine Unversehrtheit liegt ganz bei Dir und meinem Gefühl zu Dir. Was auch kommt – ich bin immer nur auf dem Wege zu Dir. Immer Richtung Nuschka. Auch wenn ich sterben muß, ist mein letzter Herzschlag für dich. Sei geküßt und gesegnet. (S. 97)

Eine weitere Besprechung findet sich auf lustauflesen.de.

P1050326

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind (2016)

Eines Tages ist er einfach da. Über Nacht, ganz leise und unbemerkt. Er liegt dort, als wäre es nie anders gewesen, völlig selbstverständlich. Ich ziehe die Gardine im Wohnzimmer auf wie jeden Morgen. Und da steht es fest, so einfach, eine Tatsache. Wir hatten noch nie echten Schnee gesehen.

So beginnt der erste Roman der 1978 in Dortmund geborenen Autorin

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind (2016)

Zum Inhalt

Layla und Basils Eltern haben sich in Deutschland kennengelernt. Barbara, die junge Krankenschwester, hatte sich in den älteren Studenten aus Saudi-Arabien verliebt. Sie heiraten, bekommen zwei Kinder und leben mehrere Jahre in Saudi-Arabien.

Doch dann zieht die Familie zurück nach Deutschland, weil der Vater dort seinen Facharzt machen möchte. Die kleine Layla und ihr Bruder Basil werden vor vollendete Tatsachen gestellt und müssen sich damit arrangieren, dass es nach den Sommerferien nicht zurück nach Hause geht. Zuhause, das ist nun Deutschland, warme Klamotten, der erste Schnee, die deutschen Großeltern.

Jetzt, viele Jahre später, reist Basil als erwachsener Mann zum ersten Mal zurück nach Saudi-Arabien – zur Hochzeit seiner Schwester Layla, die sich entschieden hat, einen Saudi zu heiraten. Damit hat sie auch eine Entscheidung gegen ihren bisherigen westlichen Lebensstil in Deutschland getroffen. Sie wird also weder ihre Buchhändlerlehre beenden noch sich so frei bewegen können, wie sie das bisher gewohnt war.

‚Natürlich hat man dahinten [gemeint ist Deutschland] mehr Möglichkeiten‘, unterbricht sie mich. ‚Vor allem als Frau. Aber was bringt mir das denn, wenn die Freude darüber fehlt bei den Menschen? Wenn sie stumm und kalt bleiben trotz all ihrer Freiheit […] Was bringen mir denn die ganzen Möglichkeiten, wenn sie keine Verbindung herstellen zueinander?…‘ (S. 118)

Basil, der selbst ziemlich planlos ist und sein Studium immer noch nicht beendet hat, versucht sich also im Familiengewirr zurechtzufinden. Er muss seine spärlichen Arabischkenntnisse aktivieren und wird von Onkel, Tanten und Cousins im Familienclan willkommen geheißen, als wäre er der verlorene Sohn, der endlich nach Hause gekommen ist. Es wird gegessen, getrunken, gefeiert – bei der Hochzeit streng nach Geschlechtern getrennt – und fast immer ist man mit anderen zusammen. Da hinein sind seine Erinnerungen an die ersten Kinderjahre in Saudi-Arabien und an das Aufwachsen und Erwachsenwerden in Deutschland verwoben.

Doch vor allem will Basil, der immer eine enge und liebevolle Beziehung zu seiner Schwester hatte,  verstehen, was Layla zu dieser Entscheidung bewogen hat.

Fazit

Ein feines, ruhiges Buch, das ebenfalls – wie auch Mein Leben als Schäfer – die Frage stellt, wo man zu Hause ist bzw. sein will. Dabei kann die Autorin auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, denn auch sie, in Dortmund geboren, wuchs die ersten Jahre in Saudi-Arabien auf und kehrte mit elf Jahren nach Deutschland zurück.

Ihr Roman erzählt ganz unaufgeregt in einer schönen Sprache und nicht ohne Witz davon, wieso es manchmal so schwierig sein kann, sich in Deutschland zu Hause zu fühlen, wenn man einen nicht deutschklingenden Namen und eine dunklere Hautfarbe hat. Und wenn man sich diese ganzen klischeelastigen Zuschreibungen – entweder ist man die Wüstenprinzessin mit der Pyramide im Vorgarten oder eine potentielle Terroristin, die mit den Mördern des 11. September sympathisiert – nicht mehr zumuten möchte.

Zuhause, das ist für Layla der Ort,

von dem aus ich überall hingehen und an den ich zurückkommen kann und wo niemand will, dass ich mich gegen was anderes entscheide. (S. 119)

Dabei wird die alte Heimat nicht verklärt. Sie erscheint zwar wärmer und herzlicher und im Familienclan ist man aufgehoben und vorbehaltlos angenommen, aber auch kontrolliert und begrenzt. Und wenn die Religionspolizei ins Cafe kommt, sollte man tunlichst alles vermeiden, was ihren Unmut auf sich ziehen könnte.

„Weißt du noch, was wir damals immer gesagt haben: Im Leben der Entorteten ist kein Platz für Liebe.“ „Weil man so viel Kraft zum Überleben braucht. Und das glaube ich noch immer.“ (S. 93)

Schön wäre, beides zu haben: man selbst sein dürfen, ohne sich von der Familie, den männlichen Verwandten, der Religion, dem Staat die individuellen Lebensentscheidungen abnehmen lassen zu müssen, und gleichzeitig so geborgen, so aufgehoben und vorbehaltlos im Familienclan angenommen zu sein…

So könnte man voneinander lernen, wenn man denn wollte.

Das Buch mit dem coolen Cover erschien übrigens im DuMont Verlag.

Anmerkungen

Das sagt Die Buchbloggerin.

Hier geht’s lang zu den Besprechungen von Jenny Hoch und Christoph Schröder aus der Zeit.

 

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2015)

Mit zwanzig wurde ich zu meiner großen Überraschung in München auf einer Schauspielschule angenommen und zog, da ich kein Zimmer fand, bei meinen Großeltern ein. Diese beiden Welten hätten nicht unterschiedlicher sein können. Davon will ich erzählen: von meinen über alles geliebten Großeltern, gemeinsam gefangen in ihrem wunderschönen Haus, und davon, wie es ist, wenn einem gesagt wird: „Du musst lernen, mit den Brustwarzen zu lächeln.“

So, gleichsam mit einer Inhaltszusammenfassung „in a nutshell“, beginnt der dritte Teil der Erinnerungen von

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2015)

Zum Inhalt

Nach irgendwie bestandenem Abitur weiß Meyerhoff nur, dass er aus seiner kleinen norddeutschen Heimatstadt Schleswig weg will, irgendwohin, wo ihn keiner mitleidig anschaut, wo niemand von dem Unfalltod seines Bruders weiß.

Ich war durch den noch nicht lange zurückliegenden Unfalltod meines mittleren Bruders komplett aus der Bahn geworfen worden. Mein Leben war bis zu diesem Verlust ein stabiles und angenehmes gewesen. Eine verlässlich zugefrorene Fläche, auf der ich gutbürgerlich herangewachsen und wohlbehütet Schlittschuh gelaufen war. Doch jetzt knirschte und taute es gewaltig unter mir. Eine unberechenbare Traurigkeit hatte mich ergriffen und brachte Bewegung in die Tektonik meiner einst so soliden Tage. Ich glitt auf dünnem Eis dahin, doch immer öfter blieb ich unvermittelt stehen, da mich eine Verzagtheit ergriff, die mir den Atem nahm und jeden weiteren Schritt sinnlos zu machen schien. Aber genau dieses Stehenbleiben war gefährlich. Ich musste stets in Bewegung bleiben, um nicht einzubrechen. Auch quälten mich Zukunftssorgen, da ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was ich werden sollte. (S. 37)

Liebäugelt er zunächst mit einer Zivildienststelle in München als Bademeister für erkrankte Kinder, so entschließt er sich dann doch, an der Aufnahmeprüfung der Otto-Falckenberg-Schule teilzunehmen. Er wird genommen, obwohl er nur eine statt der drei geforderten Rollen eingeübt hat.

Aus Bequemlichkeit und Geldnot zieht der Erzähler in die Villa seiner Münchner Großeltern, der ehemaligen Schauspielerin Inge Birkmann und dem Philosophie-Professor Hermann Krings. War zunächst nur von einigen Wochen die Rede, wird er – zu seiner und des Lesers Freude – die nächsten drei Jahre im „rosa Zimmer“ der Großeltern wohnen, sich an seine Kindheit erinnern und sich mehrmals die Woche gepflegt mit ihnen betrinken.

In dieser Zeit kämpft und hadert er mit seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule und oft genug verzweifelt er an sich, den Lehrern, den Aufgaben. Was soll man auch davon halten, wenn man die Anweisung bekommt, als Nilpferd einen Monolog aus Effi Briest zu sprechen?

Fazit

Ich interessiere mich eigentlich weder für Schauspielschulen noch für Meyerhoffs Großeltern, doch was soll ich sagen: Was für ein wundervolles Buch. Ich bin entzückt, die Bekanntschaft dieser zwei elegant-trinkfesten Menschen gemacht zu haben, und kann mich nur wiederholen:

Meyerhoff schaut ganz genau hin, auch wenn’s wehtut. Dabei schont er sich nicht, ist entwaffnend ehrlich und klug. So entsteht ein anrührender Blick auf einen jungen Mann, der noch keine Ahnung hat, wo es für ihn langgehen könnte, und der sich keineswegs sicher ist, an der Schauspielschule am richtigen Ort zu sein. Das kommt so frisch, absurd und unmittelbar daher, als hätte der Erzähler seine Ausbildungsjahre erst gestern erlebt.

Neben dem Witz gibt es eine ganz große Unbefangenheit und ein manchmal fassungslosen Staunen, mit dem er seine in ihren Ritualen verhafteten, seltsam aus der Zeit gefallenen, durchaus exzentrischen Großeltern porträtiert. Und obwohl wir nach der Lektüre glauben, vieles, auch sehr Privates über diese zwei Menschen zu wissen, war es nie indiskret, habe ich mich nie als Voyeur gefühlt.

In einem Taschenkalender [des Großvaters] steht zum Beispiel über einen Tag im Kurhotel in Dürnberg, als beide schon weit über achtzig waren, Folgendes: „Gegen viertel vor neun brechen Inge und ich bei kühlen Temperaturen auf. Ich habe einen Rucksack mit dem Nötigsten gepackt. Nach einem etwas gerölligen Aufstieg erreichen wir den Höhenweg gegen neun. Bei herrlicher Sicht wandern wir bis zum Kreuz. Ankunft um neun Uhr zehn. Wir rasten und essen jeder einen Apfel und trinken einen Schluck Schnaps. Genießen die Aussicht. Ich bin ungewöhnlich außer Atem. Inge sieht im Tal einen Hirsch, der sich mit dem Fernglas als Heuschober entpuppt. Um halb zehn brechen wir einigermaßen ausgeruht wieder auf. Es zieht sich zu. Gegen viertel vor zehn erreichen wir glücklich das Hotel. Sogar trocken geblieben sind wir.“ So steht es da. Sie waren eine Stunde unterwegs und doch klingt es nach einer grandiosen Gipfelerstürmung. (S. 157)

Meyerhoff kann erzählen und mit seinen Dialogen eine Unmittelbarkeit erzeugen, dass man meint, man sitze beim Sechs-Uhr-Whisky oder beim abendlichen Rotweingelage mit am Tisch und müsse ebenfalls aufpassen, nicht auf die wertvollen Großelternstühle zu kleckern, bis man schließlich ziemlich angeschickert mit dem Treppenlift nach oben zu den Schlafgemächern entschwindet.

Als Leser(in) ist man gerührt, entsetzt, betrübt und amüsiert. Komik und Tragik liegen oft ganz nah beieinander und genau das bewahrt das Buch davor, nur eine locker-flockige Anekdotensammlung zu werden.

Ich wünschte, viel mehr Autoren könnten auch so erzählen, so urkomisch, liebevoll, tolerant, verzweifelt und zärtlich und dabei immer durchlässig aufs zutiefst Menschliche.

Wenn ich nachts oder auch frühmorgens ins Haus meiner Großeltern kam, stand für mich das Abendessen in der Küche. Immer lag auf dem leeren Teller ein kleiner Zettel mit der nur schwer zu entziffernden Großmutter-Handschrift: „Lieberling, im Kühlschrank ist noch Lachs“ oder „Lieberling, die Avocado ist köstlich. Ein Rest aufgeschnittener Zunge ist auch noch da“ oder „Lieberling, iss bitte den Appenzeller auf und mach den Rotwein alle. Das Stück Baumkuchen ist für dich.“

Selten in meinem Leben habe ich so sicher gewusst: Genau hier will ich sein, genau in diesem Moment, genau an diesem Küchentisch will ich sitzen, mit tauben, nach Rauch riechenden Fingerspitzen ein Glas Rotwein trinken und dazu kalt aufgeschnittenen Braten essen. Über der Spüle sah ich die beiden mit Wasser gefüllten Gläser der vor Stunden zu Bett gegangenen Großeltern und am Rand des einen den Lippenstiftabdruck der Großmutter. (S. 258)

Eine meiner zahlreichen Lieblingsstellen beschreibt übrigens, wie er einen teuren Bildband klaut, und wenn man wissen will, warum ihn der Ladendetektiv – nach wildester Verfolgungsjagd – trotzdem laufen lässt, dann muss man das Buch schon selbst lesen.

Anmerkungen

Wer mehr Zeit hat, dem sei das Interview mit dem Autor auf SRF empfohlen. Dort erklärt er u. a. den Zusammenhang zwischen Humor und Ernst und auch, warum ihn seine Erinnerungen so wichtig sind. Er möchte seine Vergangenheit und auch die Verstorbenen quasi immer bei sich tragen. Er könne das Wort “Trauerarbeit” nicht ausstehen, wenn es suggeriere, dass man irgendwann mit der Trauer fertig sei.

Meine Besprechungen zu den bisher erschienenen Teilen seines auf sechs Bände angelegten Erinnerungsprojekts:

Und hier eine Besprechung von Katja Weise und ein Interview mit Julia Westlake auf NDR Kultur.

Auch Susanne von Susanne schreibt was teilt meine Begeisterung.

Einen prima Eindruck gibt ebenfalls Meyerhoffs Auftritt in der NDR Talkshow.

Lucien Deprijck: Ein letzter Tag Unendlichkeit (2015)

Die Dunkelheit wich. Ein Tag zog herauf. Wie ein jeder das Sinnbild aller Schöpfung. Zuerst war es nur eine Veränderung, welche die wenigsten Menschen in der Lage waren wahrzunehmen. Bevor noch irgendein Zeichen von Licht erkennbar wurde, verdichtete sich die Dunkelheit, zog ein Wind auf. Als ballte sich die Nacht in einem letzten Aufbäumen zusammen. So wie alles auf der Welt sich immer aufzulehnen scheint gegen etwas, was doch ganz unvermeidlich ist. Dann veränderte sich der Horizont im Osten, so allmählich, dass ein Anfang kaum zu bestimmen war.

So beginnt

Lucien Deprijck: Ein letzter Tag Unendlichkeit (2015)

Zum Inhalt

Der ist rasch umrissen: Die kulturelle Elite Zürichs ist begeistert, als der 26-jährige Dichter Klopstock der Einladung Johann Jakob Bodmers folgt und für einige Tage im Sommer 1750 zu Besuch kommt, eilt ihm doch der Ruf voraus, ein selten begnadeter Dichter zu sein. Ein Dichter, der alle Regeln der traditionellen Dichtkunst über den Haufen wirft und damit Gottsched den Fehdehandschuh hingeworfen habe. Nur zwei Jahre zuvor hatte der Dichter mit der Veröffentlichung der ersten Gesänge seines Messias unglaubliches Aufsehen erregt. Im Stillen hofft man zudem, Klopstock an Zürich zu binden, um so dem kulturellen Leben der Stadt weiteren Aufschwung zu verschaffen.

Klopstock logiert zwar bei Bodmer, doch fühlt er sich viel wohler unter Kulturbeflissenen – und vor allem Frauen – seines Alters, und so nimmt er gern die Einladung Hirzels an, mit 17 Verehrern seiner Dichtung an einer Bootsfahrt auf dem Zürchersee teilzunehmen. Mit Klopstocks Ode Der Zürchersee wird der Tag später in die deutschsprachige Literaturgeschichte eingehen.

Und von genau diesem warmen und sonnigen Sommertag in der Natur erzählt uns Deprijck in seinem Roman. Ein Tag, an dem man tändelt und flirtet (allen voran der eher unansehnliche Klopstock) und sich neckt. Man hat nun Zeit genug, sich seines bürgerlichen Glücks zu freuen und sich zu unterhalten (auch wenn ich mir nicht so recht vorstellen kann, dass man 1750 wirklich über die Geburt Goethes gesprochen hat…). Die älteste Teilnehmerin der Lustfahrt, die man ein als Garant für die Wohlanständigkeit der ganzen Veranstaltung eingeladen hat, macht sich so ihre Gedanken über das Älterwerden. Im Übrigen wird vorzüglich gespeist, man scherzt und genießt schon früh am Tag den ersten Wein. Alle sind hingerissen, ja tief bewegt, als der umschwärmte Dichter Proben seines Könnens gibt, und der ein oder andere sinniert, angeregt durch Klopstocks Vortrag, über seine Vergänglichkeit:

Auch Hirzel hatte die Szene ordentlich gepackt. Der frühe Wein, im Landhaus ein wenig zu reichlich genossen, mochte daran nicht ganz unschuldig sein. Während Klopstock die Bilder von Kindern und Eltern hatte erstehen lassen, die einander entrissen wurden, hatte er bestürzt die mit ihm Anwesenden und insbesondere seine strahlende Gattin betrachtet, und bei der Vorstellung, der Tod könnte sie eines Tages – gar früh – auseinanderreißen, ergriff ihn eine tiefe Wehmut. Verstorbene Freunde fielen ihm ein und dass der Tod einem jeden der noch Lebenden allerorts und zu jeder Zeit unbarmherzig drohe… (S. 78)

Indem die Paare für diesen Tag willkürlich zusammengestellt werden, setzt man sich für einen Tag über die strengen Sittenregeln Zürichs hinweg. Und die bezaubernde Anna Schinz, gerade einmal 17 Jahre alt und eigentlich einem anderen Begleiter zugeteilt, sieht sich auf einmal nicht nur dem verehrten Dichterstar gegenüber, nein, sie muss auch noch auf seine Avancen reagieren.

Fazit

Nach Sunset von Klaus Modick wollte ich keine Bücher mehr lesen, in denen sich einer vorstellt, wie eine tatsächlich stattgefundene Begebenheit hätte sein können. Biografien und Autobiografien mit Vergnügen, aber nie wieder dieses Nachempfundene. Und nun habe ich es doch getan – und bin sehr froh darum.

Deprijck macht keinen Hehl daraus, dass er sich auf Briefe und andere biografische Quellen bezieht, nur zwei Kapitel haben keinerlei Quellengrundlage. Dabei ist es etwas unglücklich, dass das eine dieser Kapitel zumindest nicht dringend notwendig gewesen wäre und dass Kapitel 18 uns in epischer Breite schildert, wie Klopstock sich irgendwann nicht anders zu helfen weiß und heimlich onaniert, in der Sprache des Buches „seinen Nektar in mehreren erquickenden Stößen hervorschießen“ lässt. Gewonnen ist damit nun wirklich nichts.

Doch davon abgesehen schafft der Autor einen so eigenständigen, wunderbar schwebenden Text, dass ich von nun an überzeugt bin, dass dieser Tag genau so abgelaufen ist und kein bisschen anders. Aber es ist auch ein Buch über einen besonderen Sommertag, der auf unsere Zeit hin durchlässig ist. Wer würde hier nicht an einen eigenen Sommertag denken oder die ein oder andere Äußerung nicht in die Gegenwart übertragen? Und das Ganze in einer hinreißenden Sprache, die sich dem Schreibstil der damaligen Zeit annähert und uns mit zarter Ironie und in feiner Beobachtungsgabe die Menschen von damals nahe bringt.

Ein Sommerbuch, das dem Begriff  „Sommerbuch“ eine ganz neue Bedeutung verleiht.

Die Menschen waren der Natur entwachsen, laut Gottes Plan und gemäß seiner unendlichen Weisheit, doch in ihren Schoß zurückzukehren war ein berauschendes Gefühl. Als stille man eine Sehnsucht, die lange unbemerkt Bestand gehabt, eine Art von Verlangen, das man erst erkannte, wenn man im Begriff stand, es zu erfüllen. Fast ein ganzes Leben in abgeschlossenen Räumen, in engen Straßen und Gassen, in Studierzimmern, Stuben und Kutschen. Und dann hier in freier Natur, in Sonnenschein, Hitze und Wind, speisen unter freiem Himmel, unter dem lichten Dach von Eichen, so schön, so angenehm berauscht vom Wein, Gefühle der Freundschaft und Hingabe im Herzen, welches der schönsten der Damen zuflog. Nur Schönes zu betrachten, nur Schönes zu empfinden, alle Lasten abzuwerfen und alles zu vergessen, was mühselig, betrüblich war. (S. 168)

Anmerkungen

Auf der Homepage des Domradio gibt es zwei hörenswerte Interviews mit dem Autor.

Die Zentralbibliothek Zürich verlinkt auf interessante Dokumente zu Klopstock und seinem Zürich-Aufenthalt, z. B. hier und hier.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs:

Interessanterweise hat Erich Schönebeck (1884-1982) schon 1969 im Union Verlag einen schmalen Band mit dem Titel Klopstock reist nach Zürich veröffentlicht.

Im Gegensatz zu Deprijck legt Schönebeck den Schwerpunkt stärker auf die Beziehung zwischen Bodmer und Klopstock und die Frage, inwieweit man einem „Genie“ ungehobeltes oder unhöfliches Verhalten nachsehen müsse. Schönebeck arbeitet häufiger mit Klopstock-Zitaten und macht mich doch neugierig auf diesen Dichterjüngling, auch wenn mir stilistisch das Buch nicht immer gefallen hat. Sehr viele empfindsame Adjektive schmücken das Werk, was heute doch ein wenig hausbacken klingt. Auch das Frauenbild, für das Anna Schinz steht und bei dem ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass die junge Frau die Passive ist, die sich zu fügen hat, möchte ich gern in der Mottenkiste belassen, unabhängig davon, ob sich Anna bei den Aufmerksamkeiten des Dichters geschmeichelt gefühlt hat oder nicht:

Und er küßte sie abermals auf den Mund. Sie wurde bleich und rot. Sie wehrte sich nicht, sondern hielt still wie ein Opferlamm. (S. 65)

Still und stumm duldete sie seine Huldigungen. (S. 74)

P1090838