Barbara Pym: Some Tame Gazelle (1950)

The new curate seemed quite a nice young man, but what a pity it was that his combinations showed, tucked carelessly into his socks, when he sat down. Belinda hat noticed it when they had met him for the first time at the vicarage last week and had felt quite embarrassed. Perhaps Harriet could say something to him about it. Her blunt jolly manner could carry off these little awkwardnesses much better than Belinda’s timidity. Of course he might think it none of their business, as indeed it was not, but Belinda rather doubted whether he thought at all, if one were to judge by the quality of his first sermon.

So beginnt der erste Roman der 1980 verstorbenen britischen Autorin, dem noch zwölf weitere folgen sollten.

Zur Autorin

Die literarische Karriere Pyms, die von 1946 bis zur ihrer krankheitsbedingten Pensionierung im Jahr 1974 für die Zeitschrift des International African Institute in London arbeitete, verlief sehr wechselhaft:

Despite early success and continuing popularity, her publisher Jonathan Cape rejected her manuscripts after 1961, considering her writing style old-fashioned. She approached other publishers, who also declined to publish her work. The turning point for Pym came with an influential article in 1977 in The Times Literary Supplement in which two prominent figures, the historian Lord David Cecil and the poet Philip Larkin, nominated her as „the most underrated writer of the 20th century.“ (Wikipedia)

Auf einmal wurden auch ihre bis dahin unveröffentlichten Romane verlegt und 1977 wurde A Quartet in Autumn sogar für den Man Booker Prize nomiert.

Zum Buch

Das Besondere an diesem Debüt ist, dass Pym den Roman 1934 begonnen hat, als sie gerade einmal 21 Jahre alt war.  Dabei katapultiert Barbara Pym sich und ihre Schwester Hilary über 30 Jahre in die Zukunft und schildert den Alltag zweier Schwestern, Belinda und Harriet, Mitte fünfzig, als „respectable spinsters“ in einem kleinen englischen Dorf. Auch Studienfreunde und Barbaras große Liebe ihrer Studentenzeit in Oxford, Henry Stanley Harvey, werden im Buch verewigt.

Das fiktive Pfarrhaus der Hoccleves bildet dabei das Zentrum und Rückgrat der gesellschaftlichen Aktivitäten, so wie es auch Pym und ihre Schwester in ihrer Kindheit auf dem Dorf erlebt hatten. Hilary Pym schrieb später über ihre Kindheit:

Church was a natural part of our lives because our mother was assistant organist at the parish church of St.Oswald, and her family had always been on social terms with the vicar, curates and organists. Having curates to supper was a long-established tradition; and for Barbara and me there were children’s parties at the vicarage. Our father, too, sang bass in the church choir. (Barbara Pym: A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, edited by Hazel Holt and Hilary Pym, 1984, S. 4)

Doch es sollte dann noch fünfzehn Jahre dauern, bis Pym einen Verleger für ihren ersten Roman finden sollte.

Zum Inhalt

Die nicht besonders durchsetzungsfreudige und der englischen Lyrik zugetane Belinda hat sich längst damit abgefunden, dass ihre große Liebe, der Erzdiakon Henry Hoccleve, ihr vor dreißig Jahren den Laufpass gegeben hat und nun schon lange mit Agatha verheiratet ist. Doch ihre Zuneigung und Loyalität Henry gegenüber sind unerschütterlich – und auch ein bisschen betriebsblind, denn der ist mit seiner fürchterlich selbstbezogenen Art alles andere als ein Sympathieträger.

Belinda, having loved the Archdeacon when she was twenty and not having found anyone to replace him since, had naturally got into the habit of loving him, though with the years her passion had mellowed into a comfortable  feeling, more like the cosiness of a winter evening by the fire than the uncertain rapture of a spring morning. (S. 17)

Ihre Schwester Hilary hingegen mag gutes Essen, die Komplimente eines alten Verehrers, Klatsch und Tratsch – da werden die Nachbarn auch schon mal mit dem Fernglas bespitzelt – und vor allem die Hilfspriester, die den nicht eben arbeitssamen Erzdiakon unterstützen. Diese jungen Männer werden von ihr bekocht, mit selbstgestrickten Socken versorgt, bemuttert, angeflirtet und ein bisschen als ihr persönliches Eigentum betrachtet.

Unruhe in das eigentlich so geruhsame Leben der beiden Schwestern bringen der Besuch gemeinsamer Freunde aus Studientagen und die Ankunft eines Afrika-Missionars, der – das nur nebenbei – bei seinem Lichtbildvortrag über Mbawawa gänzlich unreflektiert davon ausgeht, dass ausschließlich westliche Lebensweise und Kleidung als christlich gelten können:

‚We have since introduced a form of European dress which is far more in keeping with Christian ideas of morality,‘ he said. (S. 177)

Schließlich kommt es sogar zu diversen Heiratsanträgen. Die beiden Schwestern haben also allen Grund, sich Gedanken über das angemessene Essen für ihre jeweiligen Gäste und die passende Kleidung zu machen und dabei zu beklönen, wie die jeweiligen Entwicklungen im Beziehungsgefüge zu bewerten sind.

Fazit

Muss man das lesen? Nein, nicht unbedingt, denn erst mit ihrem zweiten Roman Excellent Women erreicht Pym eine Qualität, die die Begeisterung ihrer Kritiker und LeserInnen bis heute rechtfertigt.

Insgesamt las sich das Buch wie Jane Austen in Zeitlupe. Irgendwann hat man einfach begriffen, welche Personen eher als Karikaturen ihrer selbst angelegt sind und wie die beiden Protagonistinnen ticken.

Dass das Buch so handlungsarm daherkommt, dürfte Absicht sein, denn für Belinda und Harriet ist schon die Frage, ob man dem jungen Hilfspfarrer nun die leckere Ente vorsetzt oder nicht, durchaus entscheidend.

Und wenn der Alltag eben nicht durch Arbeit oder Familie ausgefüllt ist, muss man halt sehen, wie man sich die Zeit vertreibt, die nach Staubwischen, Kochen, Backen und Gärtnern noch übrigbleibt. So ist es den Schwestern ein großes Vergnügen, als sie beispielsweise Agatha Hoccleve durchs Fernglas beobachten können, als diese zu einer Kur nach Karlsbad aufbricht.

To watch anyone coming or going in the village was a real delight to them, so that they had looked forward to this morning with an almost childish excitement. And yet it was understandable, for there were so many interesting things about a departure, if one could watch it without any feeling of sorrow or regret. What would Agatha wear? Would she have a great deal of luggage or just a suitcase and a hat-box? Would the Archdeacon go with her to the station in the taxi, or would he be too busy to spare the time? If he did not go to the station would he kiss Agatha goodbye before she got into the taxi, or would he already have done that in the house? (S. 71)

Doch trotz aller scheinbaren Trutschigkeit und dem Humor, der hier hin und wieder noch etwas ungelenk daherkommt, fand ich es beeindruckend, wie es einer 21/22-jährigen Autorin (ungeachtet der später noch vorgenommenen Änderungen) gelingt, anhand der beiden Schwestern enttäuschte Lebenshoffnungen, Selbstbetrug und den schier ununterdrückbaren Wunsch, jemanden liebzuhaben, zu zeigen, und das manchmal sozusagen gegen den Willen der Hauptpersonen.

And perhaps we are all silly over something or somebody without knowing it. (S. 83)

Dementsprechend gibt der Titel schon den Hinweis auf das eigentliche Thema.

Some tame gazelle, or some gentle dove:
Something to love, oh, something to love!
Thomas Haynes Bayly (1797 – 1839)

Und auch wenn sich die beiden Schwestern eher ungern mit ihren eigenen blinden Flecken auseinandersetzen, so achten sie doch aufeinander und passen auf, dass keine von ihnen gänzlich den Bezug zur Realität verliert. Beispielsweise erklärt Belinda ihrer Schwester, weshalb sie es unschicklich gefunden hätte, schon am ersten Tag von Agatha Hoccleves Abwesenheit die Einladung Henrys zum Tee anzunehmen.

‚… You know how servants gossip, especially in a small place like this. I don’t want to be silly in any way, of course there would have been nothing in it, but I decided it would be better if I didn’t go.‘

Das ist vermutlich eher Wunschdenken und die ehrlich-robuste Harriet erklärt dann auch:

‚I do wish you’d gone‘, she lamented. ‚So little of interest happens here and one may as well make the most of life. Besides, dear,‘ she added gently, ‚ I don’t think anybody would be likely to gossip about you in that old tweed coat.‘ (S. 88)

Und so meistern sie zusammen – so gut sie können – die Aufgabe, mit ihrem Ledigsein und Älterwerden zurechtzukommen.

Belinda put down her knitting and sat dreaming. Of course there was a certain pleasure in not doing something; it was impossible that one’s high expectations should be disappointed by the reality. (S. 89)

Zum Hintergrund

Barbara Pyms Romanidee, sich und Hilary als gemeinsam lebende, ledige Frauen vorzustellen, sollte später Realität werden. Die beiden Schwestern lebten über 30 Jahre zusammen. Hierzu noch einmal Hilary:

In 1946, when I left my husband Sandy Walton, we started sharing a flat in London, then in 1961 we bought a house, and eventually, in 1972, a country cottage in Oxfordshire. We didn’t necessarily do everything together – our different jobs after the war (Barbara worked at the International African Institute and I was already in the BBC) gave us a variety of interests and friends and holidays – but the bond between us was strong enough to keep us always on good terms. (Barbara Pym: A Very Private Eye, S. 6)

Liest man das von Hazel Holt und Hilary Pym herausgegebene Buch A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, erkennt man, wie sehr ihr Erstlingswerk Some Tame Gazelle auch eine Auseinandersetzung mit ihrer  Liebe zu dem etwas älteren Mitstudenten Henry Stanley Harvey war, der im Buch wenig schmeichelhaft als Archdeacon Hoccleve porträtiert wird.

Von Januar 1933 bis 1938  zieht sich Lorenzo, wie sie Henry zunächst nennt, als schmerzhaftes Leitmotiv durch ihr Tagebuch. Sie rennt ihm hinterher, wirft sich ihm an den Hals, lauert ihm auf, spielt die Überdreht-Kokette und lässt sich von ihm in kompromittierende Situationen bringen, doch Henrys Liebe lässt sich nicht erzwingen. Im März 1934 lesen wir in ihrem Tagebuch:

I am beginning to feel the weest bit hostile towards Henry, and to think that the glamour of being his doormat is wearing off. (S. 52)

Aber diese Ernüchterung ist nicht von langer Dauer. Im März 1935, als Henry längst eine Stelle in Finnland angetreten hat, besucht sie ‚Jock‘ Robert Liddell, der sich mit Henry eine Wohnung in Oxford geteilt hatte, und schreibt:

I went to see Jockie at the flat and yearned for Henry, as that atmosphere always makes me. Henry had left behind his grey overcoat and I sat in it sentimentally the whole evening. (S. 66)

Und immer, wenn Henry zurück in Oxford ist, geht das Drama von vorne los.

He will never talk about him and me and always gives evasive answers that are unsatisfying to me, as I want so much to know how things really are between us. Is it any use hoping even for his friendship – and is this enough? Is it not rather worse than nothing? At present I can’t decide. Barnicot thinks I have no hope at all and that his friendship would be of no use to me. But I think somehow that I’d like it. I don’t mind being part of the furniture of his background or even hanging over him like a gloomy cloud, as he said at tea one day. (S. 68)

Im Mai 1935 heißt es dann:

Barnicot thinks I have absolutely no hope at all, and it’s a waste of time me hanging around. Naturally this wasn’t really news to me, but I couldn’t help being a little cast down when he told me that Henry found me boring because I always agreed with him. […] Henry was rude about my teeth, which always makes me unhappy. (S. 72)

Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis Barbara keine Lust mehr auf seine Beleidigungen und sein gleichgültiges Verhalten hatte und sie ihm mit mehr Gelassenheit begegnen konnte.

Noch am 24. Juli 1936 schreibt sie:

Naturally I’ve ceased to miss Henry so agonizingly, but I still hope – though faintly – to hear from him. When I think of him apologizing for being irritable with me, and standing in the room in the early hours of the morning, looking like an unshaven Russian prince with a turquoise coloured scarf round his waist – of course I love him. (S. 84)

Und im August heißt es:

I wish you would teach me about them [i. e. Young’s Night Thoughts] and tell me which ones to read and how to understand them. […] You ought to try and educate me in things I don’t know about. (S. 85)

Die Nachricht, dass Henry im Dezember 1937 Elsie Godenhjelm in Helsingfors (Finnland) geheiratet hat, kommentiert sie im Tagebuch mit:

So endete eine grosse Liebe. (S. 87)

Im Januar 1938 genießt sie die Aufmerksamkeiten eines sechs Jahre jüngeren Studenten.

This was especially welcome at this time because I was still feeling rather unhappy and lost about Henry’s marriage – I was thankful for any interest to be taken in me. (S.89)

In den zunächst recht überdrehten Briefen, die sie dem Ehepaar oder auch nur Elsie schreibt, nennt sie sich mit Vorliebe „the old spinster“ und es finden sich – selbst zehn Jahre später – immer mal wieder Anspielungen auf ihre (ehemaligen) Gefühle für Henry.

Als sie im Frühjahr 1943 sehr unter der endgültigen Trennung von ihrem Geliebten Gordon Glover leidet, schreibt sie an Henry:

Of course I should have written to you yesterday as May 10th is the anniversary of the first time I ever spent an evening with you! What’s more it is the tenth anniversary, a solemn thought! Yes, it was in 1933 and we went to the Trout and played pingpong and ate mixed grill and the wisteria was out. (S. 181)

Did I tell you that I was in love and that it was hopeless? […] Dear Henry, I don’t know why I’m telling you all this – but I have a feeling that as we have known each other so long and your were once to much to me that it doesn’t matter. Like some comfortable chair and everything turned to mild, kindly looks and spectacles. (S. 182/183)

Was Elsie wohl von diesen Briefen gehalten hat?

Barbara Pym hat sich noch mehrmals in ihrem Leben verliebt, doch von Dauer war keine der Beziehungen.

Fiona McFarlane: The Night Guest (2013)

Ruth woke at four in the morning and her blurry brain said, „Tiger.“ That was natural; she was dreaming. But there were noises in the house, and as she woke she heard them. They came across the hallway from the lounge room. Something large was rubbing against Ruth’s couch and television and, she suspected, the wheat-coloured recliner disguised as a wingback chair. Other sounds followed: the panting of a large animal; a vibrancy of breath that suggested enormity and intent; definite mammalian noises, definitely feline, as if her cats had grown in size and were sniffing for food with huge noses.

So beginnt der Debütroman der Australierin

Fiona McFarlane: The Night Guest (2013)

Der Roman schaffte es auf Anhieb auf die Shortlist des renommierten Miles Franklin Award für 2014 und wurde unter dem Titel Nachts, wenn der Tiger kommt von Brigitte Walitzek ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhalt

Die 75-jährige Witwerin Ruth lebt allein mit ihren Katzen in ihrem Haus am Meer in New South Wales an der australischen Ostküste. Die erwachsenen Söhne leben im Ausland. Sie befürchtet nicht nur, nachts von einem Tiger heimgesucht zu werden, sondern bekommt einige Tage später auch sehr realen Besuch.

Frida Young erklärt, von der Regierung geschickt worden zu sein. Sie solle Ruth als Haushaltshilfe/Pflegekraft ein wenig unter die Arme greifen. Und bald schon ist Ruth, der die Altersgebrechen wie ein schmerzender Rücken oder Vergesslichkeit tatsächlich zu schaffen machen, völlig von Frida abhängig.

Die liebenswerte alte Dame erinnert sich an ihre Kindheit, ihre Ehe und ihre erste große Liebe Richard, der sie sogar einmal besucht. Die beiden alten Menschen verbringen ein schönes Wochenende miteinander.

He was looking back at her in a confidential way. If she’d been told, at nineteen, that it would take over fifty years to have him look at her like this, she would have been disgusted and heartbroken; now she was only a little sad, and it was both bearable and lovely. She brushed Richard’s arm with her hand. (S. 105)

Dem Leser ist rasch klar, dass Frida ihre eigenen Geheimnisse mit ins Haus gebracht hat, und Ruth ist zunehmend den Launen der undurchschaubaren Frida ausgeliefert, die mit den Ängsten, der Gebrechlichkeit und der Verwirrtheit der alten Frau ihr eigenes Spiel spielt.

Fazit

Vermutlich ist das Buch wirklich gut geschrieben, aber mir kam irgendwann die notwendige Distanz abhanden, um das überhaupt beurteilen zu können. Die Sprache, die Schilderungen aus der Sicht Ruths, der allmählich die Koordinaten für die Alltagsbewältigung abhanden kommen, dazu die sich langsam steigernde Spannung, das zunehmende Grauen. Ich war so mitgenommen davon, wie jemand die Hilfsbedürftigkeit eines alten und alleinstehenden Menschen ausnutzt, dass ich es schlicht nicht ertragen habe, es wirklich zu Ende zu lesen. Das letzte Drittel habe ich nur noch quergelesen.

Anmerkungen

Hier zwei Artikel aus dem Guardian:

Und das sagen die andern:

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Emma Healey: Elizabeth is missing (2014)

‚You know there was an old woman mugged around here?‘ Carla says, letting her long black ponytail snake over one shoulder. ‚Well, actually it was Weymouth, but it could have been here. So you see, you can’t be too careful. They found her with half her face smashed in.‘ This last bit is said in a hushed voice, but hearing isn’t one of my problems. I wish Carla wouldn’t tell me these things; they leave me with an uneasy feeling long after I’ve forgotten the stories themselves. I shudder and look out of the window.

So beginnt der Debütroman der 1985 geborenen Autorin

Emma Healey: Elizabeth is missing (2014)

Die deutsche Übersetzung Elizabeth wird vermisst von Rainer Schumacher erschien 2014. Die Autorin hat für dieses Buch den Costa Book Award in der Kategorie Debütroman gewonnen.

Zum Inhalt

Die verwitwete 82-jährige Maud, die uns ihre Geschichte erzählt, lebt zwar noch in ihrem eigenen Haus, doch so richtig gut läuft das nicht mehr, denn sie leidet an Demenz und vergisst schon mal zu trinken, den Gasherd abzustellen oder was sie nun eigentlich im Laden kaufen wollte.

Ihre Tochter und diverse Pflegekräfte tun, was sie können, doch oft weisen sie die alte Dame zurecht, sind genervt und überfordert. Und vor allem können sie die alte Leier nicht mehr hören, dass Elizabeth, die einzige gute Freundin Mauds, angeblich verschwunden sei. Doch Maud gibt nicht auf und versucht verzweifelt Hinweise auf den Verbleib Elizabeths zu finden, was nicht so einfach ist, wenn man nicht mal mehr weiß, wann man seine Freundin eigentlich das letzte Mal gesehen hat. Die Zettel, die sie sich selbst schreibt, sind auch nicht wirklich hilfreich, da sie nie weiß, welcher Zettel der aktuelle ist.

Die Suche nach Elizabeth löst immer wieder Assoziationen an die Vergangenheit aus, denn als Schülerin musste Maud miterleben, wie ihre ältere, frisch verheiratete Schwester Sukey über Nacht spurlos verschwand. Ein Trauma, das die Familie nie verwunden hat. Elizabeths Erinnerungen an früher sind – im Gegensatz zu den Erinnerungen an die letzte Stunde, die letzten Tage – glasklar. Und der Schmerz von damals ist sicherlich einer der Gründe, weshalb Maud sich mit dem Verschwinden Elizabeths nicht abfinden kann. Und so folgen wir Maud bei ihren mühsamen, manchmal skurrilen, manchmal traurigen Bemühungen, Licht ins Dunkel dieser zwei Vermisstenfälle zu bringen.

Fazit

Zwar wurde das Geheimnis der verschwundenen Freundin Elizabeth überstrapaziert, denn es blieb offen, weshalb die Lösung sich nicht auf einem der vielen Zettel finden sollte, die Maud doch dauernd schreibt, um Wichtiges nicht zu vergessen. Dadurch entstanden einige Längen, die vermeidbar gewesen wären.

Doch davon abgesehen, ist der Autorin ein spannender und berührender Roman gelungen. Spannend, weil ich wissen wollte, wo Elisabeth ist – auch wenn die Auflösung enttäuscht – und vor allem, was damals mit Sukey, Mauds Schwester, passiert ist.

Berührend, weil einer jungen Autorin gelingt, so einfühlsam und glaubwürdig aus Sicht einer verwirrten alten Dame zu schreiben, der die Orientierung in der Gegenwart allmählich abhanden kommt. Die sich einsam und unverstanden fühlt, deren Welt unübersichtlich und bedrohlich wird, denn was soll man von Menschen halten, die behaupten, sie seien die eigene Tochter oder Enkeltocher, dabei erkennt man sie manchmal gar nicht mehr.

Und vor allem zeigt es, dass die Welt und Denkweise eines dementen Menschen eine Welt ist, die vielleicht nur dem Außenstehenden unlogisch, chaotisch und verwirrt vorkommt. Und es zeigt, wie wichtig Geduld, Liebe, Humor, Würde und Fürsorge im Alter sind, auch wenn gerade das so schwierig zu gewährleisten ist…

Anmerkungen

Die englischen Verlage haben sich um die Rechte am Buch gerissen und in den wichtigen britischen Zeitungen erschienen Rezensionen. In Deutschland ging das Buch – veröffentlicht im Bastei Lübbe Verlag – anscheinend unter. Dabei halte ich es für wesentlich besser als Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau von Dimitri Verhulst, in dessen Roman ebenfalls eine (vorgespielte) Demenz eine tragende Rolle spielt.

Deutsche Besprechungen gibt es bei Leselebenszeichen und bei phelmas.com.

Hier einige englischsprachige Besprechungen:

Wer noch weitere Besprechungen sucht, wird auf der Homepage der Autorin fündig.

Fundstück von Thoreau

Ich finde es gesund, die meiste Zeit allein zu sein. Gesellschaft, selbst mit den Besten, wirkt bald ermüdend und zerstreuend. Ich bin unendlich gern allein. Noch nie fand ich den Gesellschafter, der so gesellig war wie die Einsamkeit. Wir sind meistens einsamer, wenn wir hinausgehen unter die Menschen, als wenn wir in unserm Zimmer bleiben. Der denkende und arbeitende Mensch ist immer allein, sei er, wo er wolle. Die Einsamkeit wird nicht nach den Meilen der Strecke gemessen, die zwischen uns und unsern Mitmenschen liegen. […]

Gesellschaft ist gewöhnlich billig zu haben. Wir treffen uns nach zu kurzen Zwischenräumen, als daß wir Zeit genug gehabt hätten, neuen Wert füreinander zu erlangen. Wir kommen dreimal täglich bei den Mahlzeiten zusammen und lassen den andern immer wieder von dem schimmeligen alten Käse kosten, der wir sind. Wir mußten übereinkommen, eine Reihe gewisser Regeln zu beobachten, die wir Etikette und Höflichkeit nennen, um diese häufigen Zusammenkünfte erträglich zu machen und nicht zu offenem Krieg zu kommen. Wir treffen einander auf der Post, bei ‚gesellschaftlichen Anlässen‘ und am Kamin jeden Abend; wir wohnen dicht zusammengepfercht, sind einander im Weg, stolpern übereinander und verlieren, meine ich, einigermaßen den Respekt voreinander. Gewiß würde weniger große Häufigkeit für jeden bedeutenden und herzlichen Verkehr genügen. (S. 202 ff)

Eine Unbequemlichkeit empfand ich oft in meinem kleinen Haus, nämlich die Schwierigkeit, in genügende Entfernung von meinem Gast zu gelangen, wenn wir anfingen, umfangreiche Gedanken in umfangreicheren Worten auszudrücken. Man braucht Platz für seine Gedanken, um sie zum Segeln zu bringen und ein paar Schwenkungen machen zu lassen, ehe sie den Hafen anlaufen. Die Kugel des Gedankens muß ihre seitliche und ihre Prallbewegung erst überwinden und in ihre eigentliche Flugbahn  getreten sein, ehe sie das Ohr des Hörers erreicht, sonst kann sie sich eventuell wieder an der Seite seines Kopfes hinauswühlen. So brauchen auch unsere Sätze Platz, sich zu entfalten und im Zwischenraum ihre Perioden zu bilden. Individuen wie Völker brauchen angemessen breitgezogene und natürliche Grenzen, selbst einen beträchtlichen neutralen Grund zwischen einander. (S. 209)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

Kyung-Sook Shin: Please look after Mother (2008)

It’s been one week since Mom went missing.

The family is gathered at your eldest brother Hyong-chol’s house, bouncing ideas off each other. You decide to make flyers and hand them out where Mother was last seen.

So beginnt ein ganz unglaublicher Roman der koreanischen Autorin:

Kyung-Sook Shin: Please look after Mother (2008)

Die englische Fassung stammt von Chi-Young Kim, die deutsche Übersetzung von Cornelia Holfelder-von der Tann erschien unter dem Titel Als Mutter verschwand (2012).

Einleitung

Die Autorin, die 1963 in Südkorea geboren wurde, gewann 2011 für diesen Roman den Man Asian Literary Prize. Er verkaufte sich inzwischen über zwei Millionen Mal, wurde für die Bühne adaptiert und soll in über 30 Ländern erscheinen. Prof. David Parker, Vorsitzender des Man Asian Literary Prize Komitees, fasst zusammen:

Please Look After Mom is a deeply moving, humane and intricately wrought book, at once culturally specific and universal. It is a book that will be loved everywhere.

Zum Inhalt

Die Handlung ist rasch erzählt: Eine 69-jährige Frau vom Land, die mit ihrem Mann die erwachsenen Kinder in Seoul besuchen will, steigt am Hauptbahnhof in Seoul nicht schnell genug in die U-Bahn ein. Als ihr Mann merkt, dass er ohne sie losgefahren ist, ist es bereits zu spät. Als er an der nächsten Station anhält und zurückfährt, ist seine Frau schon nicht mehr auffindbar.

Die Familie unternimmt nun panisch die zu erwartenden Schritte, um Hinweise auf den Verbleib der Mutter zu bekommen. Flyer, Vermisstenanzeigen in der Zeitung, die Polizei; sie gehen allen Hinweisen nach und suchen in der ganzen Stadt nach ihr.

Mit dieser Rahmenhandlung werden die Erinnerungen der einzelnen Familienmitglieder, der Kinder und des Ehemannes, verwoben. Keiner von ihnen hat die Frau je losgelöst von ihrer Rolle als Mutter gesehen:

You don’t understand why it took you so long to realise something so obvious. To you, Mother was always Mother. It never occured to you that she had once taken her first step, or had once been three or twelve or twenty years old. Mother was Mother. She was born as Mother. (S. 27)

Vor dem Leser setzt sich nach und nach – beinahe hätte ich gesagt, ein Bild, aber das ist falsch, denn die alte Frau wird sozusagen vor unseren Augen lebendig, als ob sie bei uns im Zimmer sitzen würde – das Leben dieser Frau zusammen. In fast schon shakespearischer Wucht, und zwar aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Trotz der kulturellen Unterschiede und der Verortung nicht nur in einem anderen Kontinent und in einem ganz spezifischen Zeitraum finde ich einen so direkten Zugang zu den Figuren, dass es fast schmerzt. Die Mutter: eine hart arbeitende Frau auf dem Land ohne jegliche Schulbildung, die den Ehemann noch von den Eltern ausgesucht bekam, die ihren einzigen Ring verkauft, um die Schulgebühren für ihre Tochter zu bezahlen, mit einem lieblos-egozentrischen Klotz von Ehemann geschlagen. Eine Frau, die sich zeitlebens in ein geradezu archaisches Frauenbild gefügt hat.

‚Mother, do you like being in the kitchen?‘ When you asked this once, your mother didn’t understand what you meant. (S. 63)

Doch sie hat erreicht, dass jedes ihrer Kinder eine „ordentliche“ Ausbildung bekommen und den Sprung nach Seoul, in die Moderne geschafft hat. Doch was ist der Preis, den jeder dafür zahlen muss?

Fazit

Gegen Ende des Buches findet sich ein Kapitel, in dem der Autorin kurzzeitig das Vertrauen in ihr eigenes Werk abhanden gekommen ist. Der Brief, den eine Schwester an die andere schreibt, ist überflüssig, denn der Leser hat das Wesentliche verstanden, ohne dass ihm eine Romanfigur das noch einmal erklären müsste. Und über den Schluss könnte man trefflich diskutieren, aber mehr darf man zum Inhalt nicht verraten. Es wäre schade für den, der den Roman noch lesen möchte.

Im Buch geht es nicht nur um Mutterschaft unter schwierigsten Bedingungen, sondern auch um familiäre Kommunikation oder eben das Scheitern derselben. Shin geht dabei außerdem den Fragen nach, wie wir Tag für Tag leben wollen und was mit all den winzigen Versäumnissen passiert, die sich in einem Menschenleben eben so ansammeln.

Dem Roman ist ein Gedichtanfang von Ferdinand Freiligrath vorangestellt:

O love, so long as you can love.

(im Deutschen: O lieb‘, solang du lieben kannst!)

Anmerkungen

Ein Interview mit der Autorin lässt sich hier nachlesen.

Das Buch stieß auch auf heftige Ablehnung: Manche bemängelten die angebliche Heiligsprechung der Mutterfigur, andere wollten den Roman am besten gleich in die Mottenkiste der Trivialliteratur werfen:

If there’s a literary genre in Korean that translates into „manipulative sob sister melodrama,“ Please Look After Mom is surely its reigning queen. I’m mystified as to why this guilt-laden morality tale has become such a sensation in Korea and why a literary house like Knopf would embrace it. (Although, as women are the biggest audience for literary fiction, Please Look After Mom must be anticipated to be a book club hit in this country.) But, why wallow in cross-cultural self-pity, Karies? (Maureen Corrigan, 5. April 2011, NPR)

Eine Besprechung, die Corrigan nicht nur massiven Protest, sondern auch den Vorwurf des Rassismus eingebracht hat. Corrigan hat da irgendetwas ganz gründlich missverstanden.

Hilfreicher ist da vielleicht der Hintergrundartikel aus The Daily Beast, April 2012. Und wenn in Deutschland die Zeitungsartikel schon titeln Wenn deutsche Omas in die Slowakei fliehen müssen, dann kann man auch noch einen ganz anderen Bezug zu diesem Buch finden …

Alfred Hayes: My Face for the World to See (1958)

It was a party that had lasted too long; and tired of the voices, a little too animated, and the liquor, a little too available, and thinking it would be nice to be alone, thinking I’d escape, for a brief interval, those smiles which pinned you against the piano or those questions which trapped you wriggling in a chair, I went out to look at the ocean.

There it was, exactly as advertised, a dark and heavy swell, and far out the lights of some delayed ship moving slowly south, I stared at the water […] while behind me, from the brightly lit room with its bamboo bar and its bamboo furniture, the voices, detailing a triumph or recounting a joke, of those people who were not entirely strangers and not exactly friends, continued. It seemed silly to stay, tired as I was and the party dying; it seemed silly to go, with nothing home but an empty house.

So beginnt der beeindruckend gute Roman des 1985 verstorbenen

Alfred Hayes: My Face for the World to See (1958)

Zum Inhalt

Der Ich-Erzähler, ein desillusionierter und zynischer Drehbuchschreiber, verbringt jeweils vier Monate im Jahr in Hollywood, verdient damit richtig gut Geld und stellt dabei sicher, dass seine Ehefrau in New York ihn so lange in Ruhe lässt. Im Grunde verachtet er das System, von dem er selbst profitiert.

At this very moment, the town was full of people lying in bed thinking with an intense, an inexhaustible, an almost raging passion of becoming famous if they weren’t already famous, and even more famous if they were; or of becoming wealthy if they weren’t already wealthy, or wealthier if they were; or powerful if they weren’t powerful now, and more powerful if they already were. There were times when the intensity with which they wanted these things impressed me. There was even, at times, a certain legitimacy to their desires. But it seemed to me […] there was something finally ludicrous, finally unimpressive about even the people who had all the things so coveted by all the people who did not have them.  (S. 11/12)

Auf einer der Partys, auf die man halt so geht, wenn man im weitesten Sinne dazugehört, rettet er einer jungen Frau das Leben, die versucht hatte, sich – noch mit dem Martini-Glas in der Hand – im Meer umzubringen.

Ein paar Tage später ruft sie ihn an, bedankt sich, man verabredet sich zum Essen. Dabei wird ihm rasch klar, dass ihn die unterschwellig negative Ausstrahlung der eigentlich hübschen Frau abstößt, zumal sie kein Geheimnis daraus macht, dass sie wegen ihrer (Alkohol-)Probleme regelmäßig einen Therapeuten aufsucht. Dass er verheiratet ist, ist für sie kein nennenswertes Hindernis.

Die Frau ist einer der zahllosen jungen Frauen, die – vom Land kommend – überzeugt sind, dass sich in Hollywood ihr Traum, eine berühmte Schauspielerin zu werden, erfüllen wird. Doch die Jobangebote sind rarer als gedacht, die finanzielle Existenz immer gefährdet.

Er hingegen verdient gut, auch wenn er feststellen muss, dass er sich dadurch kein bisschen besser oder sicherer fühlt.

The fact that the money was made so easily, and in such impressive amounts, gave me the feeling that I’d been a sort of fool in the past about money, and made the long struggle to earn a respectable living slightly grotesque. But there was something odd about the money one made here. (S. 32)

Der Ich-Erzähler erzählt mit brutaler Ehrlichkeit, fast wie ein Wissenschaftler beobachtet er sein und ihr Treiben. Einmal lädt er sie ein, einen Stierkampf anzuschauen. Sie ist voller Vorfreude, macht sich hübsch und kann einen Moment lang ihren Traum leben, eine attraktive junge Frau im geselligen Treiben zu sein, doch als der Stierkampf beginnt und sie die Grausamkeit des Schauspiels nicht länger ausblenden kann, wird ihr schlecht. Doch statt zu gehen, will sie es aushalten, sich daran gewöhnen. Schließlich finden es alle anderen um sie herum spannend und jubeln und amüsieren sich wie auf einem Volksfest.

She wanted so much to be able to sit elegantly and attractively there in the stands, in her nice summer frock and the large straw hat she wore, and she wanted to be like a sort of minor, a diminutive queen among them, enjoying a popular spectacle, and she just couldn’t watch it. She felt wretched. (S. 72)

Die beiden lassen sich treiben, sie zieht bei ihm ein. Man tut, als habe man alles im Griff. Man ist ja erwachsen.

Dann kommt unerwartet ein Anruf seiner Frau. Ihr Vater ist gestorben. Am nächsten Montag möge er sie am Flughafen abholen.

Fazit

In nur 131 Seiten sehen wir die dunkle Seite Hollywoods oder anders gesagt unserer modernen Gesellschaft, in der sich ein Großteil der Anstrengungen darauf richtet, aus der Menge der Namenlosen herauszutreten und stattdessen attraktiv, reich und berühmt zu sein. Ganz egal, ob es dem einzelnen gut dabei geht oder ob man sich dabei zugrunde richtet. Gleichgültig auch, wie sehr das Verschwinden der Integrität die Beziehungen zu anderen korrumpiert.

Wow, was für ein Buch. Auf den ersten Seiten fühlte ich mich an die Sprache Chandlers erinnert.

I thought of my wife. She was at a distance. The distance was in itself beneficial. […] She was what she was: I was what I was. That, when you came down to it, was the most intolerable thing of all. If only she weren’t, now and then, what she was, always. If she’d let up a little or knock it off a little or hang it out for a good airing once in a little while. God, marriage. No: it wasn’t marriage. There wasn’t, even on close examination, any other available institution you could substitute. There seemed to be nothing but marriage, when you thought of it, my God, was that all there was? That, and raising a family. That, and earning a living. That, and calling the undertaker. (S. 13)

Ein Zyniker, der alles sieht und doch nicht erkennen kann, wie tief er selbst schon gesunken ist und in welche Katastrophe er da hineinschlittert.

Alfred Hayes hat übrigens selbst als Drehbuchschreiber in Hollywood gearbeitet, u. a. auch mit Marilyn Monroe. Vielleicht auch deshalb fühlt sich diese Geschichte so „dicht dran“ am Leben an.

Und auch wenn die beiden Hauptpersonen unsympathisch im Quadrat sind, fühlt man doch mit ihnen. In ihrer Sinnsuche und ihren Illusionen sind sie zeitlos.

Anmerkungen

Hier geht es lang zu zwei Besprechungen im Guardian:

Im Februar 2015 erscheint im Nagel und Kimche Verlag, der zu Hanser gehört, die Übersetzung von In Love, das ursprünglich 1953 erschien. Aber der ein oder andere wird vielleicht auch im Buchregal der Eltern oder Großeltern fündig, denn in den fünfziger und sechziger Jahren erschienen einige von Hayes Büchern auf Deutsch.

Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey at the Claremont (1971)

Mrs Palefrey first came to the Claremont Hotel on a Sunday afternoon in January. Rain had closed in over London, and her taxi sloshed along the almost deserted Cromwell Road, past one cavernous porch after another, the driver going slowly and poking his head out into the wet, for the hotel was not known to him. This discovery, that he did not know, had a little disconcerted Mrs Palefrey, for she did not know it either, and began to wonder what she was coming to. She tried to banish terror from her heart. She was alarmed at the threat of her own depression.

So beginnt der elfte und damit letzte Roman der britischen Autorin, der noch zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde.

Elizabeth Taylor: Mrs Palefrey at the Claremont (1971)

Zum Inhalt

Da Mrs Palefrey, Witwe eines kolonialen Verwaltungsbeamten, nicht mehr gut zu Fuß ist und immer ihren Gehstock benötigt, überlegt sie, ob es nicht vernünftiger wäre, ihr Haus Rottingdean aufzugeben, in dem sie mit ihrem Mann Arthur nach dessen Pensionierung noch glückliche Jahre verbracht hat.

Und so beschließt sie, für ihre letzte Lebensetappe, die sie noch bei halbwegs guter Gesundheit verbringen kann, ein Hotel zu ihrem Wohnsitz zu machen. Ihre Wahl fällt auf das Londoner Claremont Hotel, das mit verbilligten Wintertarifen wirbt.

Dieser Wechsel ist schmerzhaft und die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit ihrem Mann tun immer noch weh.

She thought of Rottingdean, imagined it, with the leaves coming down – or down already – on the lawns, and this softness in the air; but at the very idea of ever going back there, her heart heeled over in pain. (S. 189)

Doch mit einer „stiff upper lip“-Haltung versucht sie vom ersten Tag an, ihre Traurigkeit über die neue Situation unter Kontrolle zu halten, was ihr nicht so recht gelingt.

The silence was strange – a Sunday-afternoon silence and strangeness; and for the moment her heart lurched, staggered in appalled despair, as it had done once before when she had suddenly realised, or suddenly could no longer not realise that her husband at death’s door was surely going through it. Against all hope, in the face of all her prayers. (S. 4)

Der Kontakt zu ihrer in Schottland lebenden Tochter beschränkt sich auf die Wahrung der Form, man schreibt sich regelmäßig nichtssagende Briefe. Ihr Enkel lebt zwar in London, besucht sie aber nur zweimal voller Widerwille, und auch nur, weil ihn seine Mutter dazu genötigt hat.

Wir lernen auch die anderen Dauergäste kennen, einsame alte Menschen, nach Kontakten und Neuigkeiten dürstend, nahezu vergessen von der Welt, abhängig von den Launen der Verwandtschaft, die ab und an zur Gewissensberuhigung ihre Pflichtbesuche absolviert.

So kämpfen alle einen Kampf gegen die Verengung des eigenen Handlungsspielraums und gegen die Langeweile, in der sogar das Studieren des eintönigen Speiseplans eine willkommene Abwechslung darstellt.

… Mrs Palefrey considered the day ahead. The morning was to be filled in quite nicely; but the afternoon and evening made a long stretch. I must not wish my life away, she told herself; but she knew that, as she got older, she looked at her watch more often, and that it was always earlier than she had thought it would be. When she was young, it had always been later.

I could go to the Victoria and Albert Museum, she thought – yet had a feeling that this would be somehow deferred until another day. (S. 8)

Ein weiterer Feind ist die drohende körperliche Hinfälligkeit, denn alle wissen, dass sie das Hotel verlassen müssen, sobald sie gebrechlich oder gar inkontinent werden. Schon das Überqueren der Straße kann dabei ein Angst auslösender Vorgang sein, weil da kein Arm ist, der einen stützen könnte.

Eines Tages stürzt Mrs Palefrey auf einem ihrer Spaziergänge und lernt so den jungen mittellosen Schriftsteller Ludo kennen. Da sie sich schämt, dass ihr eigener Enkelsohn sie noch nicht besucht hat, gibt sie Ludo den anderen Mitbewohnern kurzerhand als ihren Enkel Desmond aus. Ludo spielt das Spiel in einer Mischung aus Langeweile und Mitleid mit, zumal er immer wieder Zitate und Situationen aus dieser Bekanntschaft als Material für sein Romanprojekt verwenden möchte.

Für Mrs Palefrey ist Ludo allerdings unwahrscheinlich wichtig, da er außerhalb der Hotelwelt der einzige ist, mit dem sie ab und an Kontakt hat.

Fazit

Sprachlich superb. Als Ludo ihr ein Küsschen auf die Wange gibt, heißt es:

At the same time, he registered the strange, tired petal-softness of her skin, stored that away for future usefulness. And the old smell, which was too complex to describe yet. (S. 35)

Falls meine Notizen zum Inhalt ein bisschen dröge wirken, täuscht das, denn auch wenn der Roman natürlich kein Action-Thriller ist, lebt das Buch von einer inneren Spannung. Es ist fast unmöglich, sich der Einsamkeit des Alters, die hier ganz kühl und scheinbar beiläufig seziert wird, zu entziehen.

When she was young, she had had an image of herself to present to her new husband, whom she admired; then to herself, thirdly to the natives (I am an Englishwoman). Now, no one reflected the image of herself, and it seemed diminished … (S. 3)

Symptomatisch ist, dass nur an einer Stelle der Vorname der Hauptfigur genannt wird. Es gibt einfach niemanden mehr, der so vertraut mit Mrs. Palefrey ist, dass er sie mit ihrem Vornamen anreden könnte.

Auch die Mitbewohner, mit denen Mrs Palefrey nun ihre Tage verbringt, werden ja nicht deshalb zu Freunden, nur weil man ihnen dauernd nahe ist. Im Gegenteil, spitze Bemerkungen werden ausgetauscht, Denkweisen und Temperamente, die früher nicht kompatibel gewesen wären, sind es auch jetzt nicht.

Manche kommen besser mit der Situation zurecht – dabei ist es hilfreich, wenn man geistig eher schlicht gestrickt ist -, andere schlechter. Der eine sieht einen Ausweg in der Illusion einer späten Ehe, der andere im Trinken. Die dritte in einer unablässigen Neugier.

Der ganze Handlungsstrang um Ludo, der ebenfalls einsam ist, hat mich persönlich weniger angesprochen. Viel interessanter fand ich die kühlen und genauen Beobachtungen, mit denen uns der Erzähler Mrs Palefrey nahebringt.

Although she felt too old to do so, she knew that she must soldier on, as Arthur might have put it, with this new life of her own. She would never again have anyone to turn to for help, to take her arm crossing a road, to comfort her; to listen to any news of hers, good or bad. She was helplessly exposed – to the idiosyncrasies of other old people, the winter coming on, her aches and pains and loneliness … (S. 189)

Aber wir sehen auch ihre Sehnsucht nach Gesehenwerden und ihre Herzlichkeit, mit der sie Ludo beschenkt. Ihr so menschlicher Wunsch nach Zuwendung. Manchmal finde ich ihre Fähigkeit zur Selbstreflektion und ihre – seltenen – Anflüge von Heiterkeit, in denen sie sich völlig unsentimental Rechenschaft über ihre Situation gibt, geradezu altersweise.

Als sie überlegt, dass sie – als ihr Mann noch lebte – das Glück ihrer langen Ehe als selbstverständlich ansah, ohne damals überhaupt verstanden zu haben, dass sie glücklich war, heißt es am Ende:

People are sorry for brides who lose their husbands early, from some accident, or war. And they should be sorry, Mrs Palefrey thought. But the other thing is worse. (S. 64)

Und am Ende habe ich auch verstanden, warum sie dann tatsächlich nie das Victoria and Albert Museum besucht hat.

Ein Roman, der sich unerschrocken, kühl, manchmal ironisch und immer unsentimental den Themen Alter und Einsamkeit stellt.

Sehr gern gelesen. Das Buch zwickt und zwackt auch dann noch, wenn man es längst ausgelesen hat.

Fazit

Wer sich nun fragt, wer Elizabeth Taylor war und ob man noch mehr von ihr lesen sollte, der möge hier weiterlesen.

In a Summer Season (1961)

Taylors achter Roman um die wohlhabende Kate Heron, die einen zehn Jahre jüngeren, attraktiven, aber haltlosen Mann heiratet, hat mich dagegen enttäuscht.

Hier versuchte die Autorin, gleich eine ganze Reihe an Figuren, Kate, ihre zwei fast erwachsenen Kinder, ihren Mann Dermot, den verwitweten Nachbarn Charles und dessen alle Männer betörende Tochter sowie eine unverheiratete Tante dem Leser nahezubringen.

Wieder wird jede der Personen „seziert“ und noch die feinsten Nuancen der Gedanken und Gefühle werden wunderbar vermittelt (bis auf Aramintha, die lebende Schaufensterpuppe), aber im Grunde fand ich den Motor der Handlung, dass eine Ehe, die nur auf sexueller Anziehung basiert, wohl kaum gegen Gefährdungen gewappnet ist, einfach zu dünn.

Eine weitere, sehr positive Besprechung, die allerdings einige Spoiler enthält, findet sich auf dem Blog book word.