Sibylle Berg: Der Mann schläft (2009)

Draußen war ein Winter gewesen, der den Bildern, die wir früher vom Winter gehabt haben, nicht einmal entfernt glich. Saubere, tiefgekühlte Dezember mit Reif und kleinen Häusern, in denen gepflegte Familien vor Bratäpfeln saßen, gab es schon lange nicht mehr.

So beginnt

Sibylle Berg: Der Mann schläft (2009)

Ich war alt genug  zu wissen, dass es Glück ist, einen zu treffen, den man so gern hat, dass er einen nie stört. (S. 11)

Eine nicht mehr junge Frau, Verfasserin von Gebrauchsanweisungen, an deren Nutzen sie selbst nicht glaubt, sitzt auf einer chinesischen Insel fest, auf der sie eigentlich nur den Urlaub mit ihrem Partner verbringen wollte, doch der Mann kommt ihr abhanden, als er eine Besorgung erledigen wollte. Sie leidet, wartet auf seine Rückkehr, trauert und blickt auf die vier gemeinsamen Jahre mit dem Mann zurück. Und so wechseln die Kapitel zwischen der Gegenwart auf der Insel und dem Rückblick auf die gemeinsame Vergangenheit ab.

Auf Dauer wirkt das etwas ermüdend.

Bergs Sprache ist wie immer sehr pointiert, mit wunderbar klaren Beobachtungen und stets leicht säuerlicharrogantem – oder anders ausgedrückt – misanthropischem Unterton, z. B. wenn sie eine Bekannte beschreibt:

Allein war sie immer gewesen, und wie fast alle, die immer allein blieben, hatte sie sich fast ausschließlich mit Projektionen aufgehalten, war davon ausgegangen, dass jeder Mann, der sie in Aufregung versetzte, das Gleiche für sie empfinden müsste, hatte wegen der mangelnden Zivilcourage der Männer die meiste Zeit ihres Lebens auf Nachrichten gewartet, die nie eintrafen, war bitter geworden über dem Warten und fühlte sich betrogen. […] Wie hilfreich es für viele wäre, sich nur kurz von außen betrachten zu können. Der seltsamen Bekannten wäre dann klargeworden, dass es für niemanden einen Grund geben konnte, sein Leben mit ihr zu teilen. Die Chance, dass sich einer fand, der sie für den Sonnenschein seiner Existenz hielt, war sehr gering. […] Sie war ein Mensch, den nichts auch nur für eine kurze Zeit glücklich machen konnte. Ich glaube, sie hatte das Gefühl, wunschlos zu sein, nie kennengelernt. Es gab nichts, was sie nicht auf sich bezog; sah sie eine schöne Landschaft, so erschien es ihr ungerecht, dass sie darin kein Haus besaß. (S. 40/42)

Auch die Neue Zürcher Zeitung schreibt am 8. September 2009 in ihrer Rezension Das Zen der Müdigkeit:

Sibylle Berg zeichnet ein zauberhaftes Porträt einer Misanthropin, der es zunehmend nicht gelingt, uns Leser und sich selbst von ihrem Existenz- und Weltekel zu überzeugen. Sie liebt sich mehr, als sie sich zugesteht, und sie hängt stärker am Leben, als ihre kultivierte Todessehnsucht vermuten lässt. Sie leidet wie ein Hund und hundert Mal mehr als jeder Verzweifelte in einem gediegenen französischen Film. Sie sagt die schrecklichsten Sätze und trifft damit ins Prekäre der Existenz […] Und geradezu abgründig komisch entlarven ihre Bonmots jede Liebhaberei als blinde Schwärmerei: ‚Italien war attraktiver gewesen, als ich es noch nicht so genau gekannt hatte.‘ […] Sibylle Bergs Roman kokettiert auf vielfältige Weise mit einem gepflegten Lebensüberdruss; aber das bildet lediglich die Staffage dieser Reise in die Einsamkeit. Im Hintergrund lauern die Melancholie, die Trauer über eine unzulänglich eingerichtete Welt und die stille Wut am eigenen Ungenügen.

Aber irgendwann nervt’s als Attitüde, alle Personen, selbst die Chinesen sprechen den typischen Sibylle Berg-Sound. Und manchmal hoffnungslos plump und anbiedernd, speziell wenn die Erzählerin meint, über Christen (Sekten, Gurus, für sie ohnehin alles das Gleiche) lästern zu müssen.

Dabei stellt sie selbst eine der großen Menschheitsfragen, wie man nämlich die Vergänglichkeit des Lebens aushalten kann. Warum sie allerdings meint, dass man mindestens einmal am Tag das eigene unvermeidliche Ende betrauern soll, wenn doch sowieso alles so blöd ist, bleibt ein Widerspruch, den sie nicht auflöst.

An einer Stelle merkt die Erzählerin an, dass sich bisher keiner

der Anstrengung unterzogen [habe], eine Liebe zu schildern, die ruhig und still verlief, die freundschaftlich war und eine gewisse Niedlichkeit ausstrahlte. Von Liebe berichten, so schien es, ausschließlich Personen, die mit dem Begriff und dem Gefühl dazu nicht vertraut sind. (S. 95)

Sie versucht also genau das: ihre gedämpfte stille Zweisamkeit der letzten vier Jahre zu beschreiben. Das Ideal: am besten den ganzen Tag mit dem anderen im sicheren Bett  zu verbringen. Dies sei das Glück; dafür und auch für die brutale Katastrophe, von einem Moment auf den anderen plötzlich allein zu sein, findet sie Worte, die treffen und einem ganz neu erscheinen.

Auch das Zwiespältige und Doppeldeutige an unserer Vorstellung von Liebe wird nicht verschwiegen: Liebt man bloß, weil man Angst hat, allein zu sein? Liebt man bloß, um sich so in seiner behaglich-privaten Idylle die Welt – und unsere Verantwortung – vom Leib zu halten?

Das stellt man sich doch nicht vor, in seinen Träumen von Liebesgeschichten; dass die Anwesenheit von jemandem vierundzwanzig Stunden am Tag bedeutet, das eigene Leben zu ändern; man träumt von Sekundenaufnahmen, von Wegen in der Herbstsonne, Licht, das durch Küchentüren fällt, und Großmutter lebt noch. Dass es hauptsächlich meint, neben einem anderen zu gehen, zu liegen oder zu stehen, wenn man davon spricht, sein Leben miteinander zu verbringen, ist ein Umstand, der in der Weltliteratur kaum Erwähnung findet. Ich konnte mich sehr gut neben dem Mann aufhalten. (S. 97)

Und in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 23. August 2009 sagt sie ein paar sehr vernünftige Dinge über die seltsamen Ideen, mit denen viele an der Partnersuche scheitern.

Doch vor allem der Schluss des Romans hat mich nicht überzeugt. Berg sagt zwar im Interview, das im Buch abgedruckt ist, dass die Art, in der der Leser das offene Ende interpretiert, dessen Bewusstseinsstand widerspiegele, aber im Grunde fehlt ihr einfach eine schlüssige Motivation für das Verschwinden des Mannes. Zwar mag es im tatsächlichen Leben egal sein, wodurch die Katastrophe zuschlägt, „wenn das eintritt, vor dem man sich immer am meisten gefürchtet hat“, und nur die Frage zählt, wie man dann weiterleben kann. Aber für eine Romanhandlung finde ich es schon ein bisschen wurstig.

Den Begeisterungsausbruch eines Rezensenten, dass Berg eine der wenigen deutschen Autoren sei, für die es sich lohne, eine Buchhandlung zu überfallen, finde ich – um ein Lieblingsadjektiv der Erzählerin zu bemühen – eher niedlich.

Hier noch ein Zitat, das der ein oder anderen vielleicht hilft, das Schnarchen des Partners besser zu ertragen:

Das war der Zeitpunkt, an dem auch wir meist das Licht ausschalteten, ich mich zum Einschlafen nahe an den Mann legte und den kleinen Geräuschen lauschte, die schöner waren als alle, die ich kannte, weil sie einer machte, den man mochte, und weil er doch leben musste, um Geräusche zu machen, die mir ein Zelt bauten, in der Nacht. (S. 249)

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Kjersti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich (OA 2009; deutsche Ausgabe 2011)

Ich habe schon immer gern Dinge zu Ende gebracht. Ohrenwärmer, Winter, Frühjahr, Sommer, Herbst. Epsilons Berufsleben. Die Sachen erledigt. Diese Ungeduld hatte Folgen, als Epsilon mir einmal eine Orchidee zum Geburtstag schenkte. Sie war nicht gerade mein größter Wunsch gewesen, ich habe nie verstanden, was die Leute an Blumen finden, die ohnehin eines Tages verwelken. Am meisten wünschte ich mir, dass Epsilon in Rente ginge.

So beginnt der Roman der Norwegerin:

Kjersti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich (2009) – übersetzt von Ursel Allenstein

Ein kleiner Roman von 142 Seiten um eine ältere, leicht verschroben wirkende Dame, die nach dem Tod des geliebten Mannes vor Einsamkeit schier vergeht und sich fragt, wie sie die Angst vor dem Sterben loswerden kann.

Zwar passt das Ende wunderbar zum ersten Satz, doch bleibt mir unklar, wie sie zu ihrer persönlichen Entscheidung kommt. Bin mir auch nicht sicher, ob ich über Alterseinsamkeit so einen skurril verbrämten Text lesen möchte. Ob das nicht doch wieder trivial und zu zuckrig ist.

Aber ein erstaunliches Debüt ist das allemal:

Ich muss mich schrittweise mehr und mehr mit dem Tod konfrontieren, allerdings ohne zu weit zu gehen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass es ein feiner Balanceakt ist, aber am Ende möchte ich damit leben können, sterben zu müssen.