Alec Guinness: My Name Escapes Me (1996)

Was für ein süchtig machendes Buch.

Der Ausnahmeschauspieler Alec Guinness (1914-2000) veröffentlichte den zweiten Teil seiner autobiografischen Schriften My Name Escapes Me: The Diary of a Retiring Actor 1996. Auf Deutsch erschien dieses Tagebuch unter dem Titel Adel verpflichtet: Tagebuch eines noblen Schauspielers.

Irgendwo war ich über die Empfehlung dieses Buchs gestolpert, und was soll ich sagen: Obwohl die Aufzeichnungen des über Achtzigjährigen vom 1. Januar 1995 bis zum 6. Juni 1996 von Anfang an zur Veröffentlichung gedacht waren und dementsprechend der Kontrolle und bewussten Auswahl des Künstlers unterlagen, habe ich das nirgendwo als störend empfunden.

Da mischen sich Erinnerungen an seine Karriere, an Filmaufnahmen und verstorbene Freunde mit kurzen Urlaubsschilderungen aus Südeuropa oder mit Einträgen zu Verabredungen zum Essen mit noch lebenden Freunden und Bekannten – gutes Essen ist ihm ein Bedürfnis. Da wird munter parliert, da wird ins Theater oder in Kunstausstellungen gegangen.

Nancy Cunard’s long long elegant feet in the painting by Alvaro Guevara, 1919, look like transatlantic liners. (S.5)

Überall schimmert ein großes Berufsethos durch. So wollte er später am liebsten auch gar nicht mehr auf seine Rolle als Obi-Wan Kenobi in Star Wars angesprochen werden. Die törichten Dialoge taten ihm einfach zu weh und beinahe hätte er einem Jungen ein Autogramm verweigert, als der ihm anvertraute, die Filme schon Dutzende Mal gesehen zu haben. Das wiederum sorgte für eine empörte Mutter.

Oder er schaut abends mit seiner Frau Merula fern, völlig entgeistert, falls man dabei zufällig in vulgäre Trash-Shows hineingerät. Bei Filmen oder Krimis, die Gnade vor seinen Augen finden, werden anschließend die Schauspieler einer fachmännischen Bewertung unterzogen. Selbst seine Lektüre – Montaignes Essays wären sein Buch für die einsame Insel – ist noch davon geprägt, dass er es nicht lassen kann, sich die Dialoge in Büchern wie Theaterstücke vorzusprechen, „with significant pauses and all“. Dummerweise sorgt das immer dafür, dass er so schrecklich lange für ein Buch braucht.

Er, der 1957 für seine Rolle in The Bridge on the River Kwai den Oscar gewann, ist sich völlig im Klaren über die Zufälligkeit, mit der es sich entscheidet, ob man einen Oscar oder eine beliebige andere Auszeichnung zugesprochen bekommt.

A race or a fight or a game can be won but to call something ‚the best‘ in the arts is absurd. I wouldn’t mind betting Dickens would fail to win the Booker Prize (too readable and too funny) and Turner the Turner Prize and poor Keats wouldn’t even be considered for any poetry prize. (S. 16)

Zwischendurch kommt er – dezent – auf sein Alter zu sprechen. Die Trauer, wenn man wieder zu einer Beerdigung eines liebgewordenen Weggefährten muss. Der Schreck, als er in den Straßen Londons stürzt und sich danach nur noch mit Stock aus dem Haus traut. Das Nachlassen seiner Kräfte, Augenprobleme, die nachlassende Konzentration, die ihm nicht mehr erlaubt,  längere Texte auswendig zu lernen. Die Sorge um seine Frau, die noch sechs Monate nach ihrer Hüftoperation nicht richtig laufen kann. Und selbst jetzt noch muss er sich mit unliebsames Stalkern herumärgern, die sich nicht scheuen, plötzlich bei ihnen im Garten zu stehen.

The new armchair has arrived […] It is very comfortable but a touch of effort is needed to get out of it. (S. 86)

Ein wacher Geist, ein Katholik, der so manche gesellschaftliche Entwicklung kritisch und auch besorgt beäugt, der traurig zu Bett geht, nachdem er am 13. März 1996 von dem Schulmassaker in Dunblane erfahren hat.

Turning on TV News at Ten we were appalled to hear of the ghastly, outrageous shooting of small children in the school at Dunblane, Perthshire. It is a numbing horror and the mind goes blank. Sympathy, comfort, love, tears – no words suffice. M and I went to bed silent and miserable. (S. 128)

Ein Mann, der seinem inneren Kompass treu bleibt, dem schlechter Geschmack oder grobe Umgangsformen ein Graus sind und der sich manchmal auch nur kurz angebunden über seine Frau Merula, eine Malerin, äußert, mit der er seit 58 Jahren verheiratet ist. Überhaupt hätte ich gern mehr über sie und den gemeinsamen Sohn Max gelesen. Doch dann erwähnt er wie im Vorübergehen, dass sie ihm jede Woche einen kleinen Blumenstrauß auf seinen Schreibtisch stellt.

Die Selbstverständlichkeit fasziniert, mit der die beiden Ehepartner jeweils die gleichen Bücher lassen, dieselben Filme schauten, im Radio abends Konzerte oder Musik-CDs hörten, um sich daran zu erfreuen, in der Kunst Trost zu finden oder um sich darüber auszutauschen.

Hier schreibt einer sehr menschlich, manchmal melancholisch, ein wenig wehmütig, sich der Endlichkeit bewusst, aber auch trocken, selbstironisch, witzig, boshaft in einem herrlich flüssigen, mühelos wirkenden Stil.

Today I have picked up a very good notice in an American film trade paper for a performance I have never given in a film I have never heard of. It says that I am ‚almost unrecognizable‘ in the film. I like the ‚almost‘. (S. 10)

Kurzum, das Buch mit dem Vorwort seines Freundes John le Carré ist, da man nie weiß, was als nächstes kommt, eine unterhaltsame, aber nie banale Wundertüte. Und ich brauche unbedingt den nächsten Band.

Anne Griffin: When All is Said (2019)

Der Debütroman When All is Said der irischen Autorin Anne Griffin soll irgendwann auch auf Deutsch erscheinen. Recht so!

Das Buch mit dem Untertitel Five Toasts – Five People – One Lifetime hätte sogar das Zeug zum Klassiker gehabt, hätte die Autorin bloß auf ein paar Mätzchen a la Wie-mache-ich- das-Buch-massenkompatibel verzichtet.

Doch noch mal von vorn. Um was geht es überhaupt?

Das Buch beginnt mit den Worten:

Is it me or are the barstools in this place getting lower? Perhaps it’s the shrinking. Eighty-four years can do that to a man, that and hairy ears.

Der 84-jährige Maurice Hannigan sitzt allein an der Bar des Rainsford Hotels in seiner kleinen Heimatstadt und wird im Laufe des Abends im Juni 2014 fünf Toasts auf die Menschen aussprechen, die ihm im Laufe seines Lebens besonders wichtig geworden sind.

Das wären zum einen sein älterer Bruder, seine Frau Sadie, sein Sohn und zum anderen seine Schwägerin und seine Tochter. Die Erinnerungen von der Kindheit bis zu den Geschichten aus der Gegenwart, die sich gegenseitig erhellen, aufeinander verweisen und letztlich alle von urmenschlichen Glücks- und Verlusterfahrungen handeln, springen einen als Leser förmlich an.

Man hört diesem alten Sturkopf, der es von einem einfachen Farmer zum reichen Mann gebracht hat und trotzdem seiner geliebten Sadie bei einem Restaurantbesuch nicht mal ein Eis zum Nachtisch gönnt, fasziniert zu und glaubt ihm jedes Wort. Genauso wie die Tatsache, dass er sich lieber die Zunge abgebissen hätte, als all das den ihm nahe stehenden Menschen zu sagen.

Auch der Schauplatz, die Bar dieses Hotels, ist von Hannigan bewusst gewählt worden, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt.

Hätte Griffin bloß mal auf ihren knorrigen Protagonisten, seinen unbändigen Wunsch nach Selbstbestimmtheit und seine tolle Erzählstimme vertraut, was hätte das für ein wuchtiges – und auch berührendes – Buch werden können. Aber nein, die an den Haaren herbeigezogene Geschichte rund um einen Münzdiebstahl und einige kleinere alberne Dramenmomente stutzen das Buch leider an vielen Stellen wieder auf Normalmaß zurück.

Das ändert allerdings nichts daran, dass sich, auch wenn ich Griffin ein bisschen böse bin, Maurice Hannigan in meine innere Bibliothek wohl dauerhaft einschreiben wird.

 

Christopher Huang: A Gentleman’s Murder (2018)

1924 in London: Im Britannia, einem dieser gediegenen Herrenclubs, in den nur Gentlemen aufgenommen werden können, die irgendwann ihrem Land als Soldat gedient haben, passiert ein Mord. Interessanterweise ist das Opfer, ein junger Mann namens Benson, erst kurz zuvor überhaupt Mitglied geworden. Etwas widerstrebend hatte er sich auf eine Wette eingelassen, dass es nämlich Woolfe, einem arroganten Schnösel, nicht bis zum nächsten Mittag gelingen werde, einige Wertsachen aus Bensons Schließfach im Tresorraum des Clubs zu entwenden. Leutnant Eric Peterkin wird gebeten, als Schiedsrichter zu fungieren.

Peterkin lässt sich, um den Gewinner unparteiisch ermitteln zu können, vorsichtshalber von Benson die im Schließfach befindlichen Gegenstände zeigen. Dabei handelt es sich wider Erwarten gar nicht um wertvolle oder seltene Dinge, allerdings um Gegenstände, die laut Benson dazu dienen sollen, ein großes Unrecht zu sühnen. Doch am nächsten Morgen liegt Benson erstochen vor dem geöffneten Schließfach.

Peterkin bezweifelt, dass die Angelegenheit in den Händen von Scotland Yard gut aufgehoben ist, hatte er doch zufällig beobachtet, wie der zuständige Kommissar Parker etwas aus dem Zimmer des Ermordeten verschwinden lässt. Und warum wollen alle, dass Peterkin der Sache nicht weiter nachgeht? Doch stur und ehrenhaft wie er nun einmal ist, möchte er nicht nur den Mörder Bensons überführen, sondern am besten noch das große Unrecht ans Licht holen, von dem Benson gesprochen hatte und von dem er nicht im Geringsten weiß, um was es sich dabei handeln könnte. Und so nehmen über 300 spannende Krimiseiten ihren Lauf.

Es ist tatsächlich beeindruckend, wie Christopher Huang hier mehreres miteinander ausbalanciert, ohne dass das eine auf Kosten des anderen gehen würde. Da ist zum einen die Hauptperson, Leutnant Peterkin, der zwar einen britischen Vater hatte, aber eine chinesische Mutter. Das sieht man ihm auch an. Und wie er mal subtil, mal eklig mit Ressentiments konfrontiert wird, das spiegelt zeitlose Gegebenheiten, mit denen sich Menschen auseinandersetzen müssen, die aufgrund ihres Äußeren zunächst einmal als „anders“ wahrgenommen werden.

The only thing Eric missed about the War was that one had slightly more pressing things to worry about than blood heritage. The respect he’d received from his comrades had not been immediate, but after enough shells and sorties and gas attacks, no one cared anymore who your grandparents were – as long as you did your job well and kept your men alive. (S. 15)

In den ersten Entwürfen war Peterkin noch ein durch und durch weißer Brite, doch Huang, ein chinesischer Architekt, der inzwischen in Kanada lebt, fand es schließlich spannender, seiner Hauptperson Anteile von sich selbst mitzugeben, die ihm gleichzeitig ermöglichten, gängige Klischees zu beleuchten, wie sie gegenüber Chinesen in den zwanziger Jahren gang und gäbe waren. Huang sagt in einem Interview der Washington Post:

I soon came to realize that Eric’s half-and-half heritage said more about me than any direct representation of myself could. He’s not so much me as he is my cultural experience, this combination of Asian blood and European culture.

Dazu kommt ein dezent eingesetzter Humor, der uns dann wieder an die leichten Cosy Crimes erinnert, und Peterkins Freund Avery, der sehr dem Esoterischen zugeneigt ist, hat hier klar die Aufgabe, für ein bisschen Erheiterung in den durchaus auch gefährlichen Ermittlungen zu sorgen.

Doch was diesen Krimi vor allem von gut gemachter Unterhaltungsliteratur unterscheidet und ihn in einer anderen Liga spielen lässt, ist die sorgfältige und immer respektvolle Einbettung in einen bestimmten geschichtlichen Kontext. Dieser taucht in den Krimis, die tatsächlich in den zwanziger oder dreißiger Jahres des letzten Jahrhunderts  geschrieben wurden, meist nur als Randbemerkung auf, nämlich die Situation der ehemaligen Soldaten, die in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges gekämpft und gelitten haben. Die, so sie denn überhaupt überlebt hatten, nicht nur Gliedmaßen verloren haben, sondern auch Traumata, Alpträume und Schwierigkeiten bei der Rückkehr in ein ziviles Leben immer mit im Gepäck haben. Auch sechs Jahre nach Kriegsende.

In dem feinen Austarieren dieser verschiedenen Elemente mit einer wirklich spannenden und immer wieder Haken schlagenden Krimi-Handlung hat mich das Debüt Huangs an die besten Bücher Dorothy Sayers erinnert.

Hier gibt es ein Interview mit dem Autor auf der Homepage der Los Angeles Public Library.

Interessant ist vielleicht auch, dass Huangs Krimi bei Inkshares veröffentlicht wurde. Dieser Verlag lässt quasi die Leser entscheiden, was gedruckt wird. Hat ein Buch die erforderliche Anzahl an verbindlichen Vorbestellungen – normalerweise 750 -, dann wird das Buch verlegt.

Doch noch viel besser ist, dass Huang uns Anlass zur Hoffnung gibt, dass wir Eric Peterkin irgendwann wiedertreffen.

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Betty Smith: A Tree Grows in Brooklyn (1943)

Heute mal wieder etwas aus den Tiefen des Blogs, und zwar die Besprechung zu dem in weiten Teilen autobiografischen, sehr erfolgreichen und später auch verfilmten, fast 500 Seiten lange Roman A Tree Grows in Brooklyn (1943) von Betty Smith.

Zum Inhalt

Smith (1896-1972) verarbeitet in ihrem Debütroman, der ursprünglich als Autobiografie angelegt war, Erinnerungen an ihre eigene entbehrungsreiche Zeit als Kind armer deutscher Einwanderer in Brooklyn Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.

Im Zentrum stehen die Geschicke der Familie Nolan, allen voran die 1901 geborene Francie, ihr ein Jahr jüngerer Bruder Cornelius und ihre Mutter Katie, deren Eltern aus Österreich stammen, und Vater Johnny aus Irland.

Johnny, mit 21 schon zweifacher Vater, ist liebenswert, musikalisch begabt, gut aussehend und mit seiner familiären Verantwortung völlig überfordert. Tante Sissy hingegen, die Schwester Katies, ist einfach wundervoll in ihrer großzügigen Menschenliebe, auch wenn sich die nicht immer mit den Grundsätzen der katholischen Kirche in Übereinstimmung bringen lässt.

Die Nolans sind arm wie fast alle in diesem Stadtteil und auf den ersten Seiten erfahren wir, wie Francie und Cornelius, der von allen nur Neeley genannt wird, ihren samstäglichen Gang zum Schrotthändler machen, um für das während der Woche gesammelte Papier, Metall und Gummi ein paar Cent zu bekommen. Den Lebensunterhalt verdient im Wesentlichen Francies Mutter, indem sie in mehreren Mietskasernen putzt, während Johnny nur unregelmäßig etwas Geld als Kellner verdient und immer mehr dem Alkohol verfällt.

Obwohl vor allem Francies Kindheit und Jugend im Mittelpunkt stehen, ist für mich die toughe Mutter Katie die eigentliche Heldin des Buches.

Gradually, as the children grew up, Katie lost all of her tenderness although she gained in what people call character. She became capable, hard and far-seeing. She loved Johnny dearly but all the old wild worship faded away. […] Katie had the same hardships as Johnny and she was nineteen, two years younger. It might be said that she, too, was doomed. Her life, too, was over before it began. But there the similarity ended. Johnny knew he was doomed and accepted it. Katie wouldn’t accept it. She started a new life where her old one left off. She exchanged her tenderness for capability. She gave up her dreams and took over hard realities in their place. Katie had a fierce desire for survival which made her a fighter…“ (S. 97)

Manchmal ist das Geld so knapp, dass Katie mit ihren Kindern tagelang „Expedition zum Nordpol“ spielt, bei der sie alle während eines Schneesturms in einer Höhle festsitzen. Die Lebensmittelvorräte sind knapp.

They had to make it last till help came. Mama divided up what food there was in the cupboard and called it rations and when the children were still hungry after a meal, she’d say, „Courage, my men, help will come soon.“ When some money came in Mama bought a lot of groceries, she bought a little cake as celebration, and she’d stick a penny flag in it and say, „We made it, men. We got to the North Pole.“ (S. 218)

Katie würde niemals Almosen einer Wohltätigkeitsorganisation akzeptieren, eher schon würde sie den Gashahn in der Wohnung aufdrehen.

Sie ist entschlossen, ihren Kindern das zu geben, was sie und ihre Schwestern niemals hatten, nämlich eine anständige Schulbildung, „education“. Und so wachsen Francie und Neeley, deren Großmutter noch Analphabetin ist, mit zwei Büchern auf: einer aus einem Hotel stammenden Gideon-Bibel und einem ausrangierten Büchereibuch, den gesammelten Werken Shakespeares. Fantasie, Literatur und das Schreiben eigener Geschichten werden so schon früh Francies Ausweg aus Einsamkeit und Armut.

Sometimes Francie wavered. She didn’t know whether it would be better to be a band when she grew up or an organ grinder lady. It would be nice if she and Neeley could get a little organ and a cute monkey. All day they could have fun with him for nothing and go around playing and watching him tip his hat. And people would give them a lot of pennies and the monkey could eat with them and maybe sleep in her bed at night. This profession seemed so desirable that Francie announced her intentions to Mama but Katie threw cold water on the project telling her not to be silly; that monkeys had fleas and she wouldn’t allow a monkey in one of her clean beds. (S. 115)

Katie ist eine Frau, die sich keinerlei Selbstmitleid erlaubt, hart gegen sich und gegen andere, wenn sie glaubt, dass das für alle langfristig das Bessere ist. Überhaupt ist das Buch gänzlich unsentimental, auch da, wo Einsamkeit, Sehnsucht und der erste Liebeskummer Francies erzählt werden.

Francie liebt die Schule und ist immer eine sehr gute Schülerin:

Francie like school in spite of all the meanness, cruelty, and unhappiness. The regimented routine of many children, all doing the same thing at once, gave her a feeling of safety. She felt that she was a definite part of something, part of a community gathered under a leader for the one purpose. (S. 163)

Dabei schreien die Abgestumpftheit und die fehlende Empathie der meisten Lehrerinnen zum Himmel. Immer wieder kommt es zu scheußlichen Situationen. Die Kinder sollen beispielsweise eigentlich während der Pause die (viel zu wenigen) Toiletten benutzen, doch die werden von den zehn schlimmsten Schultyrannen bewacht, und nur gegen ein Entgeld lassen sie ihre Mitschüler auf die Toilette. Doch das kann sich kaum ein Kind leisten. Theoretisch darf man – nachdem man die Lehrerin um Erlaubnis gebeten hat – auch während des Unterrichts kurz den Raum verlassen, doch seltsamerweise sieht die Lehrerin immer nur die Meldungen der nicht ganz so armen und besser gekleideten Kinder.

Mit 14 muss Francie die Schule verlassen, ebenso wie ihr ein Jahr jüngerer Bruder. Das Geld ist nach dem Tod Johnnys so knapp, dass sich die Geschwister als älter ausgeben müssen, als sie sind, um Arbeit zu finden. Damit rückt Francies Traum, die High School zu besuchen, um anschließend studieren zu können, erst einmal in weite Ferne.

Die Geschichte endet 1918 und entlässt die Nolans in eine glücklichere Zukunft, symbolisiert durch den ‚tree of heaven‘, den Götterbaum, der im Hinterhof ihrer Mietskaserne gestanden hat.

The tree whose leaf umbrellas had curled around, under and over her fire escape had been cut down because the housewives complained that wash on the lines got entangled in its branches. The landlord had sent two men and they had chopped it down. But the tree hadn’t died … it hadn’t died. A new tree had grown from the stump and its trunk had grown along the ground until it reached a place where there were no wash lines above it. Then it had started to grow towards the sky again. (S. 493)

Fazit

Anna Quindlen weist in ihrem Vorwort der englischen Ausgabe zu Recht darauf hin, dass der Stil des Buches sehr einfach ist:

It is not a showy book from a literary point of view. […] Its glory is in the clear-eyed descriptions of its scenes and people. […] There is little need for embellishment in these stories; their strength is in the simple universal emotion they evoke.

Die Frage, aus welcher Perspektive sie erzählen will, hat die Autorin an manchen Stellen nur unzureichend gelöst, und so wechseln sich personale, psychologisch überzeugende, anrührende Stellen mit manchmal unbeholfen wirkenden auktorialen Abschnitten ab, bei denen Inhalte referiert werden.

Brutalizing is the only adjective for the public schools of that district around 1908 and ’09. Child psychology had not been heard of in Williamsburg in those days. Teaching requirements were easy: graduation from high school and two years at Teachers Training School. Few teachers had the true vocation for their work. (S. 153)

Trotz dieser kleinen stilistischen Schwächen habe ich das Buch gern gelesen. Das ist einfach eine mitreißende Fundgrube an Geschichten und Schicksalen. Die Nolans stehen stellvertretend für viele Tausende Einwandererkinder, die in Amerika ihren Platz gesucht und letztlich gefunden haben. Und natürlich bietet es sich an, Parallelen zu heutigen Einwanderer- und Immigrantenschicksalen zu ziehen.

Das Buch bietet aber nicht nur einen spannenden Einblick in das Schicksal armer Immigranten und in einen ganzen Stadtteil mit seinen Bewohnern, Kneipen und kleinen Läden, sondern verkörpert auch das amerikanische Credo, dass man sich – wie man an Katie sieht – in äußerst widrigen Situationen Stolz und Würde bewahren könne und dass man selbst die Verantwortung für sein Leben übernehmen muss.

Wikipedia schreibt: „… its main theme is the need for tenacity: the determination to rise above difficult circumstances.“ Und nicht zuletzt feiert es den Zusammenhalt in der Familie, unsentimental, ja manchmal geradezu harsch.

Doch dabei werden die Fallstricke auf dem Weg in eine hellere Zukunft, wie z. B. die überstürzte Wahl eines ungeeigneten Ehepartners, Vorurteile, miserable Schulen und bornierte Vertreter der Mittelschicht, nicht verschwiegen. In einer der Schlüsselszenen beschreibt Smith zum Beispiel, wie Francie nicht länger die kitschig verlogenen Geschichten schreiben will, die ihr in der Schule immer Bestnoten eingetragen haben, sondern beginnt, ihren Alltag zu verarbeiten, die Armut, den Alkoholismus ihres Vaters. Ihre Lehrerin ist empört:

‚But poverty, starvation and drunkenness are ugly subjects to choose. We all admit these things exist. But one doesn’t write about them.‘ (S. 321)

‚Drunkenness is neither truth nor beauty. It’s a vice. Drunkards belong in jail, not in stories. And poverty. There is no excuse for that. There’s work enough for all who want it. People are poor because they’re too lazy to work. There’s nothing beautiful about laziness. (Imagine Mama lazy!) ‚Hunger is not beautiful. It is also unnecessary. We have well-organized charities. No one need go hungry.‘ Francie ground her teeth. Her mother hated the word ‚charity‘ above any word in the language and she had brought up her children to hate it, too. (S. 322)

Der Roman war schon bald nach seiner Veröffentlichung unglaublich erfolgreich und wird auch heute noch auf unzähligen englischsprachigen Blogs besprochen.

The book sold 300,000 copies in the first six weeks after it was published. A Tree Grows in Brooklyn is now considered an essential part of American literature. As an indispensable classic, Smith’s book appears on reading lists across the country. It has profoundly influenced readers from all walks of life – young and old alike. The New York Public Library even chose the book as one of the „Books of the Century“  (siehe hier).

1945 wurde der Roman übrigens von Elia Kazan verfilmt.

Doch selbst nach der Veröffentlichung gab es noch Leser, die so dachten wie die Lehrerin im Buch, die Francie ja hatte verbieten wollen, über reale Erfahrungen zu schreiben:

Because Smith wrote about some of the more unsavory aspects of human existence, some critics found the book unacceptable. One Boston woman even wrote a letter to Smith saying that the author of such a book should live in a stable. (siehe hier)

Anlässlich der Neuübersetzung von Eike Schönfeld im Insel Verlag gab es  Besprechungen auf mehreren Blogs:

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Graham Greene: Travels with my Aunt (1969)

Mein Versuch, mich mit Hilfe der Biografie von Ulrich Greiwe dem weitgereisten Schriftsteller Graham Greene (1904-1991) und seinem interessanten Leben anzunähern, endete mit Verdruß und vorzeitigem Abbruch der Lektüre, und zwar genau auf Seite 62.

Ich hatte mich die ganze Zeit schon gegrämt, dass Greiwe, weil er halt so originell sein wollte, seine vor Lobeshymnen überschäumende Biografie in der zweiten Lebenshälfte Greenes beginnen lässt.

Das außerordentliche Leben eines starken, intelligenten und gefühlvollen Mannes. Da bedurfte es eines besonderen biografischen Aufbaus. Eine Biografie also nach dem Inspektor-Columbo-Prinzip: der Fall und das Leben Greenes, von hinten aufgerollt. Nachdem seine ‚Schandtaten‘ und die ‚menschlichen Faktoren‘ seines Daseins bekannt sind, bleibt die Frage: wie konnte es dazu kommen? (S. 10)

Außerdem wurden wichtige Reisen des Autors und politische Hintergründe oft nur kurz angerissen und ich drohte, den Faden zu verlieren ob all der Zeitsprünge, Namen und Infoschnipsel. Doch ab Seite 62 wurde es dann endgültig bizarr.

Direkt nachdem Greiwe den Tod des Schriftstellers im Jahre 1991 konstatiert hat, malt er sich aus, wie die Verleihung des Literaturnobelpreises an Greene hätte aussehen können. Hätte er den Preis einem Kloster gespendet, wäre er betrunken gewesen?

Nur die Kurzsichtigkeit des alten Königs Gustav wäre ihm leider nicht zuteil geworden. Statt dem seinerzeitigen Literaturnobelpreisträger hatte dieser die Ehrung aus Versehen dem Saaldiener überreicht. (S. 63)

Bekanntermaßen erhielt Greene nie den Nobelpreis für Literatur, obwohl dies immer wieder erwartet und von seinen Bewunderern erhofft wurde.

Doch egal, nachdem eine halbe Seite zuvor Greene das Zeitliche gesegnet hat, heißt es plötzlich:

Da die weltweite Rebellion der künftigen geistigen Eliten an den Universitäten Greene durchaus entgegenkam, fühlte er sich politisch erfrischt. Der Vietnamkrieg, dessen Eskalation er 1955 romanhaft vorausgesehen hatte, ging in seine entscheidende Phase. (S. 63)

Auch für mich war das eine entscheidende Phase. Ich habe hier so viele lohnende Bücher, dass ich mich nicht länger mit dieser Biografie herumärgern werde.

Gregor Schuhen hatte ebenfalls wenig Freude an Greiwes Werk. Er schrieb 2004 in der FAZ:

Ferner stiftet die unangemessene Kürze der Biographie mehr Verwirrung als erhellende Informationen. Zu viele Figuren, Namen, Ereignisse und Verstrickungen werden auf zu wenigen Seiten so knapp dargestellt, daß man häufiger als gewöhnlich den Faden verliert. Des weiteren gerät die Darstellung wiederholt zur unreflektierten Lobhudelei.

Stattdessen entstaube ich heute mal wieder einen älteren Artikel aus dem Archiv, und zwar den zu Greenes Roman Travels with my Aunt. 

Er wird uns von Henry Pulling erzählt, der auf der Beerdigung seiner Mutter seine Tante Augusta trifft, mit Folgen, die sich dieser spießige Reihenhauslangweiler in seinen schlimmsten Träumen nicht hätte ausmalen können:

I met my Aunt Augusta for the first time in more than half a century at my mother’s funeral. My mother was approaching eighty-six when she died, and my aunt was some eleven or twelve years younger. I had retired from the bank two years before with an adequate pension and a silver handshake. […] Everyone thought me lucky, but I found it difficult to occupy my time. I have never married, I have always lived quietly, and, apart from my interest in dahlias, I have no hobby. For those reasons I found myself agreeably excited by my mother’s funeral.

Henry, pensionierter Bankbeamter in den Fünfzigern, begeht den „Fehler“, Tante Augusta nach der Trauerfeier zu besuchen. Dort lernt er Wordsworth kennen, den aus Sierra Leone stammenden und um Jahrzehnte jüngeren Liebhaber seiner Tante. Wordsworth schmuggelt dem armen Henry Marihuana in die Urne mit der Asche seiner Mutter, um einer Polizeikontrolle zu entgehen. Und so gerät das wohlgeordnete, aber zum Weinen langweilige Leben Henrys kräftig in Unordnung.

Am Anfang eher widerstrebend erklärt er sich bereit, seine Tante auf einer Reise nach Brighton zu begleiten.

We sat down in a shelter. The lights ran out to sea along the Palace Pier and the edge of the water was white with phosphorescence. The waves were continually pulled up along the beach and pulled back as though someone were making a bed and couldn’t get the sheet to lie properly. […] This trip was quite an adventure, I thought to myself, little knowing how small a one it would seem in retrospect. (S. 42)

Schließlich reisen sie sogar im Orient Express von Paris nach Istanbul. Tante Augusta führt ihn an Plätze und lässt ihn mit Menschen zusammentreffen, die für sie sehr wichtig gewesen sind. Henry erfährt dabei auch so einiges über seine eigene Familie, das er sich nicht hätte träumen lassen. Vor allem aber erzählt Tante Augusta aus ihrem abenteuerlichen Leben. Moral und Gesetze haben dabei eine eher nebensächliche Rolle gespielt.

‚I have an impression,‘ my aunt said, ‚that you are really a little shocked by trivial illegalities. When you reach my age you will be more tolerant… (S. 63)

Sie war Prostituierte, was Henry lange als Mitgliedschaft in einer Theatergruppe missverstehen will. Tante Augusta hat jedenfalls eine Menge Gefahren überstanden, Geld gewonnen und verloren, getrunken, viel Spaß gehabt und freizügig geliebt. Dazu ist sie auch weiterhin fest entschlossen, mit dem Unterschied, dass Henry sie von nun an begleiten soll.

Das führt natürlich zu allerlei komischen Situationen, denn Henry ist keineswegs überzeugt davon, dass ihn seine stets gewissenhaft ausgeübte Karriere als Bankbeamter auf so ein halbkriminelles Vagabundenleben, inclusive Gefängnisaufenthalten, CIA-Agenten und ehemaligen Nazi-Kollaborateuren, angemessen vorbereitet hat.

Fazit

Man kann das Buch auf mehrere Arten lesen. Zum einen als eine leichtfüßige Gaunerkomödie, die den Helden aus der Langeweile seiner Vorgartenidylle mit Dahlienzucht und einsamen Nachbarn in die Sphäre seiner lebenslustigen, kriminellen und liebenden Tante bis hin nach Paraguay führt. Dann wäre Tante Augusta der Weckruf, sein Leben mit allen Sinnen zu leben und zu genießen.

Regret your own actions, if you like that kind of wallowing self-pity, but never, never despise. Never presume yours is a better morality. […] But you, I suppose, never cheated in all your little provincial banker’s life because there’s not anything you wanted enough, not even money, not even a woman. You looked after people’s money like a nanny who looks after other people’s children. Can’t I see you in your cage, stacking up the little fivers endlessly before you hand them over to their proper owner? (S. 106)

Aber auch eine andere Lesart ist denkbar. Greene selbst hat Langeweile als eines seiner größten Probleme angesehen. Die Biografen streiten immer noch, ob er nun als junger Mann Russisches Roulette gespielt habe oder nicht.

Und wenn man sich die Hauptfigur näher anschaut, ist unter der Schale des einsamen und braven Bankbeamten von Anfang an etwas verborgen, was ihn zu einem würdigen Sohn seiner echten Mutter macht. Auch Henry Pulling ist froh über alles, was die Langeweile wenigstens kurzzeitig vertreibt. Schon die sensationslüsternen Gedanken, die ihm bei der Einäscherung seiner Stiefmutter durch den Kopf gehen, sind da ganz aufschlussreich.

Not many people attended the service, which took place at a famous crematorium, but there was that slight stirring of excited expectation which is never experienced at a graveside. Will the oven doors open? Will the coffin stick on the way to the flames? (S. 4)

Seine Beschreibung von Tante Augusta bei dieser Trauerfeier ist genauso unverblümt wie später deren eigene Redeweise.

I was surprised by her brilliant red hair, monumentally piled, and her two big front teeth which gave her a vital Neanderthal air. (S. 4)

Henry jedenfalls ähnelt Tante Augusta immer mehr. Schon nach einer kleinen Reise nach Brighton stellt er fest:

I discovered for the first time in myself a streak of anarchy. Had it been perhaps the result of my visit to Brighton or was it possibly my aunt’s influence (and yet I was not a man easily influenced), or some bacteria in the Pulling blood? (S. 47)

Nach einer weiteren Reise, die ihn und seine Tante bis nach Boulogne führte, hat er den Geschmack an seinem bisherigen Leben endgültig verloren.

I was afraid of burglars and Indian thugs and snakes and fires and Jack the Ripper, when I should have been afraid of thirty years in a bank and a take-over bid and a premature retirement and the Deuil du Roy Albert. […] I had lost the taste for dahlias. When weeds swarmed up I was tempted to let them grow. […] As I went upstairs to bed I felt myself to be a ghost returning home, transparent as water. I was almost surprised to see that my image was visible in the glass. (S. 159/160)

Aber er bleibt nicht auf Dauer daheim. Der Sirenenruf der Tante lockt ihn später sogar bis nach Südamerika, wo er nur noch mit milder Toleranz auf sein früheres Leben zurückblickt.

It was as though I had escaped from an open prison, had been snatched away, provided with a rope ladder and a waiting car, into my aunt’s world, the world of the unexpected character and the unforeseen event. (S. 200)

Doch je lebendiger sich Henry fühlt, umso mehr macht er sich gemein mit den Wertvorstellungen seiner Tante. Egal ist dann, woher der Geldsegen kommt, der ihnen Villa und Lebensunterhalt in Paraguay finanziert. Egal ist, dass die Tante ja nicht jünger wird und die Landessprache nicht spricht. Egal, dass um sie herum Korruption, Gewalt und Armut herrschen.

Half ruined huts stood at the very edge of the cliff and naked children with the pot-bellies of malnutrition stared down on us as the boat passed … (S. 210)

Auch Wordsworth, der Tante Augusta treu ergeben ist, taucht wieder auf. Er – der verliebte Narr – wird wie zur Zeit der Rassentrennung zum Essen in die Küche verbannt, weil der zurückgekehrte Liebhaber Augustas ihn, vielleicht aus Eifersucht, nicht in der Nähe haben mag. Schließlich schickt Augusta Wordsworth einfach weg, obwohl er sie über Jahre geliebt und auf ihren Reisen begleitet und beschützt hat. Eiskalt bekennt sie, dass Wordsworth nichts anderes als ein Lückenfüller gewesen sei. Und selbst die Nachricht seines gewaltsamen Todes kommentiert sie nur mit

‚Yes, dear, all in good time, but can’t you see that now I am dancing with Mr Visconti?‘ (S. 261)

Tante Augusta fasst ihre Moral für Henry bündig zusammen: In England

You will think how every day you are getting a little closer to death. It will stand there as close as the bedroom wall. And you’ll become more and more afraid of the wall because nothing can prevent you coming nearer and nearer to it every night while you try to sleep […]

Im Gegensatz dazu steht das Leben in Paraguay.

Tomorrow you may be shot in the street by a policeman […] or a man may knife you in a cantina because you can’t speak Spanish and he thinks you are acting in a superior way […] My dear Henry, if you live with us, you won’t be edging day by day across to any last wall. The wall will find you of its own accord without your help, and every day you live will seem to you a kind of victory. ‚I was too sharp for it that time,‘ you will say, when night comes, and afterwards you’ll sleep well… (S. 222)

Und Henry stellt – kurzzeitig inhaftiert – tatsächlich fest, dass er zwar nicht ganz sicher ist, wie er aus der Bredouille wieder rauskommen soll, doch dass er sich eigentlich ganz wohl dabei befinde, denn sein alter Feind, die Langeweile, ist verschwunden.

I am in a small cell ten feet by six, and I have nothing to sleep on but a piece of sacking. I have no idea what is going to happen next, but I confess I am not altogether unhappy, I am too deeply interested.

Am Ende seiner Entwicklung steht sogar die Aussicht, als fast Sechzigjähriger „a gentle and obedient child“ von 16 Jahren zu heiraten, was ich dann doch reichlich unappetitlich finde. Das Problem der Langeweile ist gelöst, doch um welchen Preis?

Ich habe Travels with my Aunt also eher als eine Charakterstudie gelesen, die im Gewand einer Komödie auftritt. Und diese zwei unterschiedlichen Seiten, das Unterhaltsame, Absurde und Skurrile und die für mich eher ins Negative verlaufende Entwicklung Henrys, konnte ich beim Lesen nicht immer in Einklang bringen. Der trockene Witz war jedoch oft große Klasse:

… and in any case I have a weakness for funerals. People are generally seen at their best on these occasions, serious and sober, and optimistic on the subject of personal immortality. (S. 4)

Anmerkungen

Gern verweise ich auf die Besprechungen auf Philea’s Blog und Durchleser’s Blog.

Die Inspiration zu der Figur der Tante lieferte wohl die 1885 geborene Elizabeth Moor, die 40 Jahre lang als Ärztin auf Capri praktizierte.

 

Molly Keane: Good Behaviour (1981)

Da ersteht man irgendwo – ich weiß schon gar nicht mehr wo – zufällig ein Secondhand-Exemplar eines Romans von einer irischen Schriftstellerin namens Molly Keane, die man bis dahin gar nicht auf dem Schirm hatte, und ehe man sich versieht, hat man ein Buch gelesen, das der kleinen Riege der Lieblingsbücher zugefügt wird.

Es beginnt – scheinbar ganz unspektakulär – damit, dass die Ich-Erzählerin, die 57-jährige Aroon St. Charles, aus vornehmer, aber verarmter anglo-irischer Familie, ihrer bettlägrigen Mutter das Essen bringt, hübsch angerichtet auf liebevoll dekoriertem Tablett.

Rose, schon seit ihrer Jugend Dienstmädchen in der Familie, weist noch darauf hin, dass die sich die alte Dame doch schon immer vor Kaninchenfleisch geekelt habe. Doch Aroon nimmt darauf keine Rücksicht. Und tatsächlich: Aroons Mutter wird übel, sie verstirbt noch während des Essens. Rose macht Aroon daraufhin ganz fürchterliche Vorwürfe, denen wir im Stillen sofort zustimmen.

Es scheint für den Leser also schon nach wenigen Seiten klar zu sein, wie egozentrisch und manipulativ, ja eiskalt Aroon doch ist. Und die merkwürdige Reaktion Aroons auf die wüsten Anschuldigungen von Rose tun ein Übriges.

Yes, she [Rose] stood there across the bed saying all these obscene, unbelievable things. Of course she loved Mummie, all servants did. Of course she was overwrought. I know all that – and she is ignorant to a degree, I allow for that too. Although there was a shocking force in what she said to me, it was beyond all sense or reason. It was so entirely and dreadfully false that it could not touch me. I felt as tall as a tree standing above all that passionate flood of words. I was determined to be kind to Rose. And understanding. And generous. I am her employer,  I thought. I shall raise her wages quite substantially. She will never be able to resist me then, because she is greedy. I can afford to be kind to Rose. She will learn to lean on me. There is nobody in the world who needs me now and I must be kind to somebody. (S. 8/9)

Man spürt, irgendetwas wird hier verdrängt und schöngeredet. Doch was genau?

And I do know how to behave – believe me, because I know. I have always known. All my life so far I have done everything for the best reasons and the most unselfish motives. I have lived for the people dearest to me, and I am at a loss to know why their lives have been at times so perplexingly unhappy. I have given them so much, I have given them everything, all I know how to give – Papa, Hubert, Richard, Mummie. At fifty-seven my brain is fairly bright, brighter than ever I sometimes think, and I have a cast-iron memory. If I look back beyond any shadow into the uncertainties and glories of our youth, perhaps I shall understand more about what became of us. (S. 9/10)

Ja, und genau das tut Aroon. Sie erinnert sich an ihre Kindheit und Jugend und an ihre Zeit als junge Frau.

Ihr Vater ein Verschwender, Liebhaber unzähliger Frauen, ausschließlich interessiert an Pferden, Jagd und gutem Essen, dem es nicht in den Kopf geht, dass einfache Leute wie der Automechaniker oder der Weinlieferant die Dreistigkeit haben, ihn mit unbezahlten Rechnungen die Stimmung zu verderben anstatt dankbar zu sein, ihm zu Diensten sein zu dürfen. Trotzdem schafft er es, eine Art Beziehung zu seinem Sohn Hubert und seiner Tochter Aroon aufzubauen. Zumindest, wenn die Kinder mutig auf ihren Pferden dahinjagen.

Aroons Mutter lebt nur für ihre Kunst; unbezahlte Rechnungen, die spätestens nach dem Tod ihres Ehemannes immer drängender werden, stopft sie einfach in eine Schublade. Problem erledigt. Und obwohl in dieser Familie niemand gewalttätig wird, dürfte „Mummy“ mir als eine der schauderhaftesten Mutterfiguren der Literatur in Erinnerung bleiben.

Die Kinder werden älter, durch ihren Bruder Hubert lernt Aroon den Nachbarssohn Richard näher kennen. Die beiden Familien hatten einst dasselbe liebevolle Kindermädchen, das sich – der Leser weiß warum – eines Tages im See ertränkt hat.

Mehr soll hier zum Inhalt gar nicht gesagt werden, da jede Seite eine neue Facette dieses dysfunktionalen, nur auf den äußeren Schein bedachten Familienlebens offenlegt. Ich weiß jedenfalls nicht, wann ich das letzte Mal eine so unter die Haut gehende und dabei absolut glaubwürdige Charakterschilderung gelesen habe. Und es wird dabei offensichtlich, was passiert, wenn über die wesentlichen Themen nicht geredet werden darf, entweder weil dann die hübschen Lebenslügen der Wohlanständigkeit offenbar würden oder weil man menschlich so verarmt ist, dass man im Grunde tatsächlich nichts mehr zu sagen hat. Alles, sogar die Trauer, wird unter dem Deckmantel des „Good Behaviour“ zugedeckt. Selbst wenn der Mantel dabei ordentlich verrutscht.

Am Ende ist Aroon eine beschädigte Frau, die vieles nicht sehen oder verstehen will und schließlich auch nicht mehr erkennen kann, wo ihr Glück vielleicht hätte liegen können. Man hätte ihr das anders gewünscht.

Darüber hinaus ist der Roman auch spannend, man wird – auch von der intensiven Stimme dieser Ich-Erzählerin, die keinen Hehl aus ihren Sympathien und  Antipathien macht und eine scharfe und bissige Beobachterin ist – vorwärtgetrieben, sodass die Lektüre keineswegs so deprimierend und trostlos ist, wie man anhand des Inhalts vielleicht vermuten könnte, zumal sie schöne Momente wie das Tanzengehen mit ihrem Bruder oder Richard und gutes Essen in vollen Zügen genießen kann.

Und es ist faszinierend zu sehen, wie Aroon, die uns das doch alles erzählt, so selten die richtigen Schlüsse aus dem Erlebten ziehen kann, ohne dass wir sie deswegen verachten oder für dumm halten würden. Ein gelungener Balanceakt.

Molly Keane (1904-1996) hat es mit ihrem Roman Good Behaviour von 1981, der auf Deutsch unter dem Titel Eine böse Geschichte erschien,  auf die Shortlist des Booker Prizes geschafft. Und die mehrmalige Booker Prize-Trägerin Hilary Mantel wünscht dem Buch noch viel mehr Aufmerksamkeit:

A real work of craftmanship, where the heroine is also the narrator, yet has no idea what is going on. You read it with mounting horror and hilarity as you begin to grasp her delusion.

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Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009)

Wie bei meinem letzten Blogbummel schon angedeutet, steht mir der Sinn zurzeit nicht nach „gehobenerer“ Lektüre. Die Korrekturenstapel häuften sich bedenklich und dann die Blogs, auf denen in rasanter Folge neue bummeltaugliche Beiträge erscheinen … Da bleibt also nur der Griff ins Cosy Crime Regal, da das so herrlich entspannt.

Und genau darum geht es heute, um den ersten Band einer Serie, der mir beim Wiederlesen richtig Spaß gemacht hat und den ich deshalb, wenn auch reichlich verspätet, heute vorstellen möchte.

Die Handlung beginnt mitten in einer der zahlreichen Auseinandersetzungen dreier Schwestern:

It was as black in the closet as old blood. They had shoved me in and locked the door. I breathed heavily through my nose, fighting desperately to remain calm. I tried counting to ten on every intake of breath, and to eight as I released each one slowly into the darkness. Luckily for me, they had pulled the gag so tightly into my open mouth that my nostrils were left unobstructed, and I was able to draw in one slow lungful after another of the stale, musty air.

Die elfjährige Flavia, die Ich-Erzählerin, hat bei dem Streit den kürzeren gezogen und wurde im Schrank eingesperrt, doch ihre Rache wird nicht lange auf sich warten lassen.

Der Kanadier Alan Bradley (*1938) hat seine Romane um Flavia im England der fünfziger Jahre angesiedelt. Dort lebt sie mit ihren Schwestern Daphne (Daffy, 13) und Ophelia (Feely, 17) und ihrem Vater Colonel Haviland de Luce in dem großen alten Herrenhaus Buckshaw, das praktischerweise auch ein fantastisch ausgestattetes Chemielabor – eingerichtet von einem der Vorfahren – enthält, denn Flavia ist mit ganzem Herzen Chemikerin. Die Fehden zwischen ihr und den Schwestern enden schon mal damit, dass sie Ophelia ein bisschen Gift des Kletternden Giftsumachs in ihren Lippenstift schmuggelt und sie die allergischen Beschwerden fein säuberlich protokolliert.

Vervollständigt wird die Truppe von Arthur Dogger, einem mal mehr, mal weniger unter seinen Kriegstraumata, dem Zittern und den Gedächtnisaussetzern leidenden Butler, Gärtner, Chauffeur und Mädchen für alles. Im Krieg hat er Flavias Vater das Leben gerettet und ist der Familie der de Luces treu ergeben. Außerdem kommt täglich Mrs Mullet aus dem Dorf, Haushälterin und Klatschbase in einem, deren Kochkünste wohl als unterirdisch zu bezeichnen sind.

Harriet, die Mutter der Mädchen, starb, als Flavia ein Jahr alt war, und der Vater nimmt seine Töchter kaum wahr und kümmert sich stattdessen um seine große Leidenschaft, die Welt der Briefmarken, was wiederum der finanziellen Lage der de Luces nicht unbedingt zuträglich ist.

Im ersten Band der inzwischen auf zehn Bände angewachsenen Reihe gerät Flavias Vater unter Mordverdacht, als einer seiner ehemaligen Mitschüler, Horace Bonepenny, tot im Gurkenbeet der de Luces aufgefunden wird. Zunächst schweigt sich der Vater aus, da er befürchtet, dass Dogger für den Mord verantwortlich sein könnte, denn der hatte, zusammen mit Flavia, heimlich gelauscht, als Bonepenny versucht hatte, Flavias Vater zu erpressen.

So liegt es nun an Flavia, ihren Vater von diesem schrecklichen Verdacht reinzuwaschen und herauszufinden, was wirklich passiert ist.

Dass sie bei der Auflösung des Falles dem sympathischen Inspector Hewitt immer einen Schritt voraus ist und sich auch noch in Lebensgefahr begibt, erfreut den Kommissar nur bedingt.

Das Buch wimmelt von gelehrten Anspielungen, bei denen man sogar das ein oder andere nachschlagen kann, sei es zu Naturwissenschaften oder Büchern. Das zeigt sich schon am englischen Originaltitel, einem Zitat von William King „Unless some sweetness at the bottom lie, who cares for all the crinkling of the pie“ (The Art of Cookery, 1708).

Manchmal wird die Geduld des Lesers schon strapaziert, denn wie glaubwürdig sind die folgenden Sätze aus dem Mund einer Elfjährigen?

As I expected, Father’s room war in near-darkness as I stepped inside. […] From inside, it possessed all the gloom of a museum after hours. The strong scent of Father’s colognes and shaving lotions suggested open sarcophagi and canopic jars that had once been packed with ancient spices. The finely curved legs of a Queen Anne washstand seemed almost indecent beside the gloomy Gothic bed in the corner, as if some sour old chamberlain were looking on dyspeptically as his mistress unfurled silk stockings over her long, youthful legs. (S. 146 – 147)

Zudem weist auch die Handlung selbst, gerade was die Motive des Bösewichts angeht, einige logische Löcher auf.

Allerdings schafft es Bradley, für seine jugendliche Ich-Erzählerin einen ganz eigenen Ton zu finden, frech, altklug und vorlaut, ihren Schwestern in inniger Hassliebe verbunden, aber letztlich mit dem Herz am richtigen Fleck.

Flavias Schwestern verbünden sich ständig gegen sie, bringen sie zum Weinen mit der Geschichte, dass sie adoptiert und so wenig liebenswert sei, dass sie quasi schuld am Tod der Mutter sei.

Dabei scheint immer wieder Flavias Verletzlichkeit, ihre Einsamkeit und den Wunsch nach familiärer Geborgenheit hinter der altklugen und ruppigen Fassade durch.

Here we were, Father and I, shut up in a plain little room, and for the first time in my life having something that might pass for a conversation. We were talking to one another almost like adults; almost like one human being to another; almost like father and daughter. And even though I couldn’t think of anything to say, I felt myself wanting it to go on and on until the last star blinked out. I wished I could hug him, but I couldn’t. For some time now I had been aware that there was something in the de Luce character which discouraged any outward show of affection towards one another; any  spoken statement of love. […] And so we sat, Father and I, primly, like two old women at a parish tea. It was not a perfect way to live one’s life, but it would have to do. (S. 191)

Ganz unverstellt erscheint uns Flavia, wenn sie Dogger in einem seiner schlimmen Momente antrifft. Sie tut und sagt und unternimmt sofort etwas, um ihm behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen dabei zu helfen, sich wieder in der Gegenwart verankern zu können.

Wie schrieb Laura Wilson im Guardian so nett:

The Sweetness at the Bottom of the Pie reads like a cross between Dodie Smith’s I Capture the Castle (posh family fallen on hard times, dead mother, disengaged father, crumbling pile) and the Addams family (Flavia has a well-appointed laboratory where she makes poisons to test on her spiteful elder sisters). A strong plot, involving philately, ornithology and prestidigitation, and a wonderful supporting cast make this Canadian novelist’s debut delightfully entertaining.

Fazit: Preisgekrönte Krimi-Unterhaltung, skurril, frech und spannend, ansprechend, wie gemacht für dunkle Novembertage.

Der zweite Band The Weed that Strings the Hangman’s Bag um den Tod eines Puppenspielers hat mir ebenfalls gefallen.

Die Bücher erscheinen auch auf Deutsch.