Neil Ansell: Deep Country (2011)

Neil Ansell, inzwischen BBC-Journalist und Schriftsteller, bekommt, als er 30 Jahre alt ist, von Freunden das Angebot, spottgünstig ihr Cottage zu mieten, das in den abgelegenen Hügeln von Wales liegt. Reiseerfahren und naturverbunden verliebt er sich in die traumhaft schön gelegene Luxusimmobilie mit weiter Aussicht, dafür ohne Strom, Gas  und ohne fließendes Wasser: Der Weg zum Briefkasten an der nächsten Straße ist jedesmal ein ausgewachsener Spaziergang.

Das Wasser muss herbeigetragen, der Herd mit dem selbst geschlagenen Holz befeuert werden und scheinbar simple Tätigkeiten wie eine Tasse Tee kochen dauern auf einmal um ein Vielfaches länger als in der Zivilisation.

Er legt sich ein Gärtchen an, übernimmt hin und wieder Jobs für die Naturschutzbehörde, hilft beim Bauern aus, marschiert auch regelmäßig in das mehrere Stunden entfernt liegende Dorf, um seine Vorräte aufzufüllen, und bekommt ab und an Besuch von Freunden. Doch im Wesentlichen widmet er sich der Selbstversorgung, wandert stundenlang und manchmal auch tagelang durch die Gegend und beobachtet Tiere und Pflanzen. Doch besonders angetan haben es ihm die Vögel.

Aus den Notizen dieser fünf Jahre entsteht später sein Buch, das von Ulrike Kretschmer übersetzt wurde und im Deutschen unter dem Titel Tief im Land: Meine Jahre in den Wäldern von Wales erschienen ist.

Wer nun glaubt, dass der Autor diese Zeit als eine intensive Zeit der Reflexion schildert und uns an seinen Erkenntnissen teilhaben lässt, der wird enttäuscht. Es ist ein selten uneitles Buch und Ansell sagt selbst, dass ihn diese Jahre eher von allem Kreiseln um die eigene Person weggeführt haben:

This was the pattern of my days, a simple life led by natural rhythms rather than the requirements and expectations of others. Imagine being given the opportunity to take time out of your life, for five whole years. Free of social obligations, free of work commitments. Think how well you would get to know yourself, all that time to consider your past and the choices you had made, to focus on your personal development, to know yourself through and through, to work out your goals in life your true ambitions.

None of this happened, not to me. Perhaps for someone else it would have been different. Any insight I have gained has been the result of later reflection. Solitude did not breed introspection, quite the reverse. My days were spent outside, immersed in nature, watching. […] My attention was constantly focused away from myself and on the natural world around me. And my nights were spent sitting in front of the log fire, aimlessly turning a log from time to time and staring at the flickering flames. I would not be thinking of the day just gone; the day was done. And I would not be planning tomorrow; tomorrow would take care of itself. The silence without was reflected by a growing silence within. Any interior monologue quietened to a whisper, then faded away entirely. (S. 44)

Und so folgen wir ihm auf seinen Spaziergängen und Wanderungen und erfahren, warum er sich – wenn auch sehr, sehr widerwillig – kurz vor Ende seines Aufenthalts doch noch ans Telefonnetz anschließen lässt.

Mir persönlich waren es irgendwann der Vögelbeobachtungen gar zu viele und ich hätte lieber mehr über ihn, seine Vorgeschichte und auch die Begegnungen erfahren, die er in diesen fünf Jahren hatte – schließlich hat er dort keineswegs als Eremit gelebt. Doch es gibt auch immer wieder Passagen, in denen sein Glück und sein Staunen angesichts der ihn umgebenden Natur spürbar und erlebbar werden.

Ich kann zumindest nachvollziehen, warum das Buch sowohl die britischen Kritiker als auch viele Leser fasziniert und begeistert hat. Zum einen  entschleunigt es tatsächlich ungemein und zum anderen führt es vor Augen, wie weit entfernt von der Natur wir eigentlich leben.

Chanterelles are beautiful mushrooms, glowing apricot in colour, and many of mine were a variety tinged with a dusting of amethyst. It was like finding precious jewels shining in the leaf litter, in the darkness under the thick trees. And they are a great mushroom to pick, both for flavour and for the fact that they are completely untroubled by the mushroom flies, whose worms ruin many species of mushroom before they are big enough to eat. (S. 40)

Und obwohl ich schließlich die ornithologischen Feinheiten nur noch quergelesen habe, gab es doch einige Stellen, die ich mir markiert habe. Ich mochte Ansells Stil und seinen feindosierten Humor. Hier eine Auswahl:

One late-autumn day I opened the back door to fetch some water, and there was a young hare sat on my back step. Save for the twitching of its nose, it froze in position as if I had surprised it as it was about to knock. […] I stood there and waited for it to flush. After a while I began to doubt that it would, and squatted down to its level for a closer look, eye to eye. It stared back at me apparently unconcerned, chewing silently, with bulging eyes that were such a rich golden colour they were almost orange, with black depths like the keyhole of a door to another world. […] It seemed like a risky survival strategy, to trust in your camouflage when you are sitting on a doorstep… (S. 182)

The farmer […] had also spent every night of his life on this hillside. He had never been to England, not thirty miles away as the crow flies. He went to Cardiff once, to get his teeth fixed. Didn’t like it. (S. 54)

Nachdem der Nachwuchs eines Vogelpaares das Nest verlassen hat, nimmt Ansell das Nest mit nach Hause und nimmt es auseinander, um herauszufinden, welche Federsorten beim Nestbau verwendet wurden:

This nest was lined with around twelve hundred feathers. […] It took me all afternoon to pick through and sort them, and then I laughed at myself and wondered if I had too much time on my hands. (S. 98)

Als Haupteindruck bleibt, wie reich, schön und bunt und vielfältig die Natur ist, wenn wir denn stille wären, anhielten und uns die Zeit nähmen hinzuschauen.

It is hard to do justice to the beauty of the night sky in these hills. […] If I focused on the space between any two stars, more stars would appear to fill that space, and then still more to fill the spaces between them. The night sky became not a sprinkling of stars against a black backdrop, but a wash of unbroken light. […] I would step outside on a clear night and it would make me gasp. I could never get used to it. And deep in summer, when the Perseids came, there would be shooting stars every few seconds all night long. Drifting through space since time immemorial, then suddenly burning up in a blaze of glory, witnessed by no one save for me, by sheer chance looking at the right spot in the sky at the perfect moment. (S. 127)

Wer zumindest ansatzweise mal sehen möchte, wie das Cottage aussieht, in dem Ansell fünf Jahre gelebt hat, schaue sich dieses Video an.

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Robert Cedric Sherriff: The Fortnight in September (1931)

On rainy days, when the clouds drove across on a westerly wind, the signs of fine weather came from over the Railway Embankment at the bottom of the garden. Many a time, when Mrs. Stevens specially wanted it to clear up, she would look round the corner of the side door and search along the horizon of Railway Embankment for a streak of lighter sky.

Mr. Stevens, der aus einfachen Verhältnissen kommt und sich vom Laufburschen zum Angestellten hochgearbeitet hat, verbringt schon seit 20 Jahren seinen Jahresurlaub an der Küste. Immer im September fahren er, seine Frau und die drei Kinder für 14 Tage in die gleiche Pension ins britische Seebad Bognor.  Also tägliche Spaziergänge auf der Strandpromenade, Musikpavillions, Jahrmarktsrummel, vormittägliches Baden, gutes Essen, das ganze Programm.

Und bei einem dieser Familienurlaube und bei den dazu notwendigen Vorbereitungen – schließlich muss der Kanarienvogel bei der Nachbarin untergebracht, die Versorgung der Katze sichergestellt und der Gepäcktransport zum Bahnhof organisiert werden – begleitet der Leser die Stevens.

Mrs. Stevens wirkt die ganze Zeit ängstlich und in sich gekehrt, schon eine belebte U-Bahn-Station ist ihr ein Graus. Sie gewinnt im Laufe des Buches am wenigsten Kontur. Noch nicht einmal ihre Familie weiß, dass ihr die abendliche Stunde im Urlaub die liebste ist, die sie nach dem Abendessen allein mit ihrem – rein medizinischen – Glas Portwein und einer Handarbeit verbringt.

Und während der zehnjährige Ernie nach einem langen Strandtag schon tief und fest schläft, bummeln die beiden wesentlich älteren Geschwister Dick und Mary noch ein wenig durch den Küstenort und ihr Mann trinkt ein gepflegtes Bierchen in seinem Lieblingspub.

Mr. Stevens ist ein liebevoller Familienvater, zwar ein wenig pedantisch und alles akribisch planend, dabei aber immer daran interessiert, dass jedes Familienmitglied im Urlaub seinen Interessen nachgehen kann, und so verfügt er, dass alle zwei Tage jeder seinem eigenen Tagesprogramm folgt, damit man sich nicht gegenseitig auf die Nerven fällt und, wenn die Familie wieder zusammenkommt, auch etwas zu erzählen hat.

Aber weder er noch seine Frau wissen, was Dick und Mary umtreibt. Die beiden sind seit kurzem berufstätig, wohnen aber noch zu Hause, doch alle ahnen, dass die Zeit der gemeinsamen Familienurlaube in absehbarer Zeit zu Ende gehen wird. Dick ist todunglücklich in seiner Stellung, die er noch nicht lange innehat, doch wagt er nicht, dies seinen Eltern zu gestehen, da sein Vater so stolz ist, ihm diese Stelle verschafft zu haben. Also nutzt Dick den Urlaub auch zum Nachdenken über seine Zukunft.

Mary hingegen lernt eine junge Frau kennen, mit der sie sich anfreundet und abends heimlich den Ort unsicher macht.

Klingt das unspektakulär? Fast ein wenig hausbacken? Ja, sicherlich, und doch hat das Buch – erschienen in der elegant-grauen Reihe der Persephone Books – einen ganz eigenen Reiz.

Der Erzähler lässt seinen Figuren ihre Durchschnittlichkeit, ihre Begrenzung und manchmal ist es auch des Auktorialen ein wenig zu viel. Aber ich mochte sehr, wie die unbändige, fast naive Freude an 14 Tagen Urlaubsfreiheit spürbar und nachvollziehbar wurde. Wie sehr die fünf diese Zeit als Familie genossen und alle kleinen und großen Aufregungen gemeinsam gemeistert und besprochen haben.

Der Horizont der „kleinen Leute“ mag eng sein, so wie metaphorisch schon der Eisenbahndamm am Ende des Gartens die Sicht versperrt, und die Stevens mögen sich durchaus durch Reichtum und selbstsicheres Auftreten anderer beeindrucken und auch einschüchtern lassen; dennoch zeigt der Erzähler ohne falsche Sentimentaliät, dass diese Menschen Arroganz und moralische Leere durchschauen und stolz auf ihre Familie sind.

Mr. Stevens hat z. B. das Ritual, einen Tag im Urlaub ganz allein eine lange Wanderung zu unternehmen, in der er seine Vergangenheit, seine Ehe und im Besonderen das vergangene Jahr Revue passieren lässt. Das richtet ihn wieder aus und versöhnt ihn mit Enttäuschungen und geplatzten Hoffnungen – und macht ihn dem Leser sehr sympathisch.

Sein moralischer Kompass wird auch noch einmal gefordert, als der Niedergang ihrer Pension immer offensichtlicher wird und er und seine Frau vor der Frage stehen, ob sie wohl nächstes Jahr wiederkommen und ihrer kranken Pensionswirtin die Treue halten oder – wie andere Stammgäste – sich eine andere Bleibe suchen werden.

Der Haupteindruck, der von der Lektüre zurückbleibt, ist der, dass Sherriff ein freundliches Buch geschrieben hat. Nicht platt, keine heile Welt, sicherlich auch keine Weltliteratur, aber ein freundliches, ein menschenfreundliches Buch.

Und letztendlich gilt es doch für uns alle, was Mr. Stevens am letzten Abend  durch den Kopf geht:

The first evening came back to him very clearly as he sat in the armchair to finish his pipe before going up to bed. He had known on that first night how quickly the holiday would slip away, and had pictured himself as he would be sitting on the last evening, looking back with mingled pleasure and sadness. (S. 319)

Das Buch war damals ein unglaublicher Überraschungserfolg, wurde sogar von der Kritik begeistert aufgenommen, in mehrere Sprachen übersetzt und erschien 1933 in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel Badereise im September.

Walter Benjamin hat damals den Roman besprochen und sah in ihm besonders die Fähigkeit der „kleinen Leute“ verkörpert, sich ihren Alltag durch kleine Fluchten und Tagträumereien erträglich zu machen.

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Jim Powell: Things we nearly knew (2018)

Arlene came from Pittsburgh. At least, that’s my provisional opinion. It’s one of the many things about Arlene that remain uncertain. I asked her a few times, like we all did, and never got an answer. Not a direct answer. ‚I come from somewhere out there;‘ she said on one occasion. Don’t we all?

So beginnt ein ganz berückender Roman, der mir vor allem auf Grund der Stimme des Ich-Erzählers noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Der Erzähler, um die 50, hat aus Gründen, die er uns später erzählen wird, irgendwann seinen Job als Lehrer aufgegeben und betreibt nun schon seit 15 Jahren zusammen mit seiner Frau Marcie eine Bar in ihrer kleinen amerikanischen Heimatstadt. Da die beiden im hinteren Teil des Gebäudes ihre Wohnung haben, kreist quasi ihr ganzes Leben um die Bar und ihre Gäste, obwohl sie in der Stadt durchaus noch alte Freunde haben.

I tend to put customers into boxes. There are the regulars, the ones that turn up several times a week, the ones that think this entitles them to a piece of us […]. There are the semi-regulars, the ones I see a few times each month, whose names I know, if I can remember them, whose stories I know, if I don’t confuse them with someone else’s. Then there are the strangers, the ones who turn up once or twice and are gone in the wind. These are the evening customers I’m talking about. […] The ones who belong in a box are Marcie and me. We’re the ones who live here, who work here, who spend our lives in the place. Others flow in and out, at times of their own choosing, with no respect for boxes and labels. The most loyal of them begin as strangers. You see them for the first time with no idea if you’ll see them again. Later, when you feel you’ve known them your entire life, you forget that you once met them for the first time, and you forget what impression they made on you, or whether you liked them. You like them now, that’s for sure, or at least you go out of your way to notice their good points. (S. 10)

Doch den Abend, an dem Arlene, eine attraktive Vierzigjährige, das erste Mal die Bar betritt, wird der namenlose Ich-Erzähler nicht so rasch vergessen. Arlene ist auf der Suche nach einem Jack, doch weitere Details zu ihrem Leben lassen sich ihr auch in den nächsten Monaten nur spärlich entlocken.

I can’t deny I was soft on her. It wasn’t just that she was good-looking, and sexy as hell. There was some other quality to Arlene that made me feel protective toward her. I don’t think I was alone in that. I think every guy felt the same way. Arlene was someone who invited protection, then declined it when it was offered. Not that it was on offer from me. There are lines and barriers, and it’s as well to respect them. Still, Marcie sensed my feelings that night. (S. 6)

Marcie kommentiert das Interesse ihres Mannes an der immer so heimatlos-verloren wirkenden Arlene freundlich-spöttisch, ohne sich dabei Sorgen um ihre Ehe zu machen.

We allow each other our fantasies, such as they are, and don’t feel threatened by them. Jealousy doesn’t come into it. Besides, Arlene was no more likely to want me than the young men with big muscles and tight sweatshirts were likely to want Marie. Our feet are on the ground. We know our market value. Neither of us has grabbed a bargain, but we’ve each got good value. (S. 7)

In den folgenden neun Monaten entfaltet sich, unter anderem durch die Rückkehr eines stadtbekannten Womanizers, um Arlene ein Gewirr an Fragen, Beziehungen, Gesprächen, Ereignissen und Mutmaßungen, die Marcie und ihr Mann abends noch einmal Revue passieren lassen. Überhaupt mochte ich, wie diese beiden gemeinsam durchs Leben gehen. Nicht unbedingt die große Hollywoodleidenschaft, aber unglaublich einander zugewandt, einander ergänzend, einander bedürfend.

Dabei wird es für die beiden zunehmend schwieriger, emotionalen Abstand zu wahren. Die Geschehnisse rücken auch ihnen näher. Und der Erzähler, der so abgeklärt freundlich auf seine Gäste und seine eigene Ehe schaut, wird am Ende Dinge wissen, die er nie hatte wissen sollen.

Und dazu diese lakonische Ausdrucksweise.

I’ve not said much about Davy till now. The first time he came into the bar, he was unconscious. I’ve known customers who arrived vertical and left horizontal. This was the only time it happened the other way around. (S. 35)

Ein feines Buch, in dem die durchaus dramatischen Ereignisse weniger wichtig sind, als dieser hinreißende, leicht melancholische Erzähler und Alltagsphilosoph, der so gerne mehr über Arlene erfahren hätte und der mir meinetwegen auch das Telefonbuch hätte erzählen können.

The way we behave as kids is most truly how we are. Everything that comes after is a disguise, or an effort. It’s a compromise between the person we are and the person the world needs us to be. When you’ve known someone as a child, you’ve known them from before the time they learned to dissemble. (S. 60)

Bei so einem Roman ist es umso verwunderlicher, dass der Autor das letzte Kapitel, überflüssig und melodramatisch bis zum dorthinaus, wie aus einer sehr, sehr schlechten Schreibschule, nicht einfach weggelassen hat. Aber beim Wiederlesen kann ich ja einfach rechtzeitig aufhören.

In the end, we are alone. It’s how we arrive and it’s how we depart. The journey between is little more than pulling tattered fabric about us as protection from the chill of the high lonesome. I have no complaints, but somewhere I’ve been missing the point. There are so many things that aren’t right in the world, and never have been right. I was going to say; ‚And never will be right,‘ but I’m not that big a pessimist. (S. 267)

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Elizabeth Daly: Unexpected Night (1940)

Nun ist es auf dem Blog schon länger ruhig und das wird zeitbedingt auch noch eine Weile so bleiben, dabei ist es nicht so, dass ich gar nicht zum Lesen komme. Aber wenn’s hektisch wird, lese ich gern Cozy Crime und ganz verhängnisvoll ist’s, wenn man sich dann – als zwanghafte Immer-von-vorn-anfangen-Leserin – wieder Band 1 einer älteren Reihe aus dem Regal fischt.

Es macht nach wie vor Spaß, Henry Gamadge bei seinen unfreiwilligen Ausflügen in die kriminellen Irrungen und Wirrungen in und um  New York zu folgen. Die Geschichten spielen in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, vorzugsweise im familiären Umfeld, vor allem wenn bei Erbschaften viel Geld zu erwarten ist.

Mein momentaner Lieblingssatz aus Band 3 (insgesamt gibt es 16 Bände) fällt, als Henry zum zweiten Mal eine junge Frau trifft, in die er sich schon beim ersten Mal verliebt hat:

They exchanged a long, friendly gaze.

Doch jetzt noch mal ganz langsam von vorn; der erste Band Unexpected Night (1940) von Elizabeth Daly beginnt mit den Worten:

Pine trunks in a double row started out of the mist as the headlights caught them, opened to receive the car, passed like an endless screen, and vanished. The girl on the back seat withdrew her head from the open window. „We’ll never get there at this rate,“ she said. „We’re crawling.“

The older woman sat far back in her corner, a figure of exhausted elegance. She said, keeping her voice low: „In this fog, I don’t think it would be safe to hurry.“

Zum Inhalt

Gamadge, Experte für alte Handschriften und Bücher, besucht im Sommer 1939 eine befreundete Familie im Sommerurlaub in Maine, Colonel Barclay, dessen Ehefrau Lulu und ihren Sohn. Und während man sich den Abend mit Kartenspielen vertreibt und auf die Ankunft von Lulus Schwägerin und deren zwei Mündeln wartet, erzählen die Barclays, was es mit Schwägerin Eleanor und ihren zwei Schützlingen auf sich hat.

Alma und Amberley sind Geschwister und Amberley wird einen Tag später volljährig, das bedeutet, er wird ein Vermögen von einer Million Dollar erben. Doch Amberley ist todkrank und alle Anverwandten haben Angst, dass er seinen Geburtstag nicht mehr erlebt, dann würde nämlich das gesamte Vermögen irgendwelchen fremden Verwandten in Frankreich zufallen.

Am nächsten Morgen findet man Amberleys Leiche am Fuße der Klippen, ganz in der Nähe des Hotels, vermutlich eines natürlichen Todes gestorben, doch was wollte Amberley mitten in der Nacht an den Klippen?

Gamadge wird von dem zuständigen Kommisar Mitchell gebeten, ihn bei den Untersuchungen zu unterstützen. Und so kommt Gamadge eher unfreiwillig zu seinem ersten Fall. Er ist Anfang dreißig, finanziell unabhängig und äußerlich eher unauffällig und unscheinbar.

Mr. Henry Gamadge […] wore clothes of excellent material and cut; but he contrived, by sitting and walking in a careless and lopsided manner, to look presentable in nothing. He screwed his grey tweeds out of shape before he had worn them a week. […] People as a rule considered him a well-mannered, restful kind of young man; but if somebody happened to say something unusually outrageous or inane, he was wont to gaze upon the speaker in a wondering and somewhat disconcerting manner. (S. 6)

Gamadge hat ein Faible für Literatur, alte Handschriften und Bücher und ist – wie könnte es anders sein – ein intelligenter und aufmerksamer Zuhörer.

He did not object to his own society. (Deadly Nightshade, S. 2)

Fazit

Eine Krimi-Entdeckung mit Spannung, verwickelten Plots, Charakteren, denen man in den Folgebänden gern wiederbegegnet und einer feindosierten Portion Humor.

Die Schauplätze, eine Straße im Nebel, ein Hotel, ein Dorf, das eine Schauspielertruppe beherbergt, sind hier nicht bloße Staffage. Die Handlungsfäden fließen am Ende alle natürlich zusammen und es gibt kein weißes Kaninchen, das am Ende aus dem Hut gezaubert wird. Ich habe – erfolglos – fröhlich mitgerätselt. Und in einem der letzten Kapitel, als dem bis dahin ahnungslosen Familienanwalt erzählt wird, was sich zugetragen hat, läuft Daly sogar zu echtem Screwball Comedy-Format auf.

Das Buch war spannend und unterhaltsam. Ich finde es unerhört, dass es von dieser Krimireihe keine hübschen Schwarzweiß-Verfilmungen gibt.

Elizabeth Daly lebte übrigens von 1878 bis 1967. Es heißt, sie sei die Lieblings-Krimischriftstellerin Agatha Christies gewesen.

John Bude: The Cornish Coast Murder (1935)

The Reverend Dodd, Vicar of St. Michael’s-on-the-Cliff, stood at the window of his comfortable bachelor study looking out into the night. It was raining fitfully, and gusts of wind from off the Atlantic rattled the window-frames and soughed dismally among the the sprinkling of gaunt pines which surrounded the Vicarage. It was a threatening night. No moon. But a lowering bank of cloud rested far away on the horizon of the sea, dark against the departing daylight.

Noch einen alten Cozy Crime gelesen. Unter dem Pseudonym John Bude veröffentliche Ernest Carpenter Elmore 1935 seinen ersten Krimi The Cornish Coast Murder.

Und wir haben all die Ingredienzien, die zu einem guten Cozy Crime gehören. Eine stürmische Gewitternacht, in der unter dem Schutz des Donnergrollens ein unsympathischer Landbesitzer erschossen wird, einen Detektiv, der immer, wenn er meint, den Mörder zweifelsfrei identifiziert zu haben, von neuen Indizien gezwungen wird, seine Ermittlungen von vorn zu beginnen. Und den freundlichen, dem guten Essen zugeneigten Reverend Dodd, der letztlich dem überforderten Detektiv zur Seite springt.

Die Handlungsstränge sind nett, nicht zu überdreht und werden gemächlich entwirrt. Ein Pluspunkt war, da weist auch Martin Edwards in seinem Vorwort der Neuauflage in der Reihe der British Library Crime Classics hin, der sorgfältig ausgearbeitete Schauplatz an der Küste.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass Bude im Verlauf der Handlung leider über weite Strecken den sympathischen Reverend Dodd und seinen Freund Dr. Pendrill etwas aus den Augen verliert, die er uns doch im ersten Kapitel so reizend vorstellt. Sie haben nämlich ein festes Montagabendritual. Jede Woche bestellt einer der beiden einige Kriminalromane von einer Leihbücherei, die sie dann während der Woche lesen. Der Karton mit den Büchern wird nach einem guten Abendessen im Arbeitszimmer des Reverend feierlich geöffnet.

With a leisurely hand, as if wishing to prolong the pleasures of anticipation, the Vicar cut the string with which the crate was tied and prised up the lid. Nestling deep in a padding of brown paper were two neat piles of vividly coloured books. One by one the Vicar drew them out, inspected the titles, made a comment and placed the books on the table beside his chair.

‚A very catholic choice,‘ he concluded. ‚Let’s see now – an Edgar Wallace – quite right, Pendrill, I hadn’t read that one. What a memory, my dear chap! The new J. S. Fletcher. Excellent. A Farjeon, a Dorothy L. Sayers and a Freeman Wills-Croft. And my old friend, my very dear old friend, Mrs. Agatha Christie. New adventures of that illimitable chap Poirot, I hope. I must congratulate you, Pendrill. You’ve run the whole gamut of crime, mystery, thrills and detection in six volumes!‘ (S. 15)

Stattdessen folgen wir viele Kapitel lang einem eher uninteressanten Inspector. Erst am Ende hat Reverend Dodd dann seinen großen Auftritt.

Und im letzten Kapitel – eine Woche nach dem Mord – sehen wir Dodd und seinen Freund, Doktor Pendrill, wieder. Nach einem guten Essen fachsimpeln sie im Pfarrhaus über den Fall. Vor sich – wie seit vielen Jahren – die neue Kiste mit den nächsten Krimis.

Doch diesmal ist die Begeisterung des Reverend getrübt.

‚Really, Pendrill. Somehow … dear me … I feel that I never want to read another crime story as long as I live. I seem to have lost my zest for a good mystery. It’s strange how contact with reality kills one’s appreciation of the imaginary. No, my dear fellow, I’ll never get back my enthusiasm for thrillers. I’ve decided to devote my energies for worthier problems.‘ (S. 285)

Alles in allem kann ich mich der Einschätzung von Martin Edwards nur anschließen:

Bude’s aims were not as lofty as Sayer’s; his focus was on producing light entertainment, and although his work does not rank with Sayers’s for literary style or with Agatha Christie’s for complexity of plot, it certainly does not deserve the neglect into which it has fallen. (S. 9)

 

 

 

George Gissing: Die überzähligen Frauen (OA 1893)

‚Miss Royston war durchaus intelligent, das gebe ich zu; aber mir war schon immer klar, daß sie niemals das werden würde, was du hofftest. Ihre gesamte Freizeit widmete sie der Lektüre von Romanen. Wenn man sämtliche Romanschriftsteller erdrosseln und ins Meer werfen könnte, bestünde vielleicht eine gewisse Aussicht, die Frauen reformieren zu können. Das Mädchen triefte vor Sentimentalität, wie beinahe jede Frau, die intelligent genug ist, sogenannte ‚gute‘ Literatur zu lesen, aber nicht intelligent genug, zu durchschauen, was daran schädlich ist. Liebe – Liebe – Liebe; immer das gleiche eintönige, gewöhnliche Zeug. Gibt es etwas Gewöhnlicheres als das Ideal der Romanciers? Sie stellen das Leben nicht so dar, wie es wirklich ist; das wäre für ihre Leser zu langweilig. Wieviele Männer und Frauen verlieben sich im wirklichen Leben? Nicht mal einer von zehntausend, davon bin ich überzeugt. Nicht ein einziges von zehntausend Ehepaaren hat jemals füreinander empfunden, was zwei oder drei Paare in jedem Roman füreinander empfinden. Es gibt sehr wohl die geschlechtliche Anziehung, aber das ist etwas völlig anderes; darüber wagen die Romanschriftsteller nicht zu reden. Diese jämmerlichen Tröpfe wagen es nicht, jene eine Wahrheit auszusprechen, die von Nutzen wäre. Die Folge ist, daß eine Frau sich dann edel und großartig dünkt, wenn sie sich dem Tier am ähnlichsten verhält. Ich möchte wetten, daß diese Miss Royston irgendeine idiotische Romanheldin im Kopf hatte, als sie in ihr Verderben rannte.

So schimpft Rhoda Nunn, eine der emanzipierten Frauen in George Gissings (1857 – 1903) wichtigem Werk Die überzähligen Frauen.

Die Handlung spielt hauptsächlich im Jahre 1888, also während einer Zeit, wo die Versorgung alleinstehender Frauen nicht mehr von der Großfamilie übernommen werden konnte, aber die Frauen trotzdem noch nicht genügend auf ihre berufliche Selbstständigkeit vorbereitet waren.

Es geht um die Schicksale von fünf Frauen aus der Mittelschicht, von denen sich vier bereits seit Kindheitstagen kennen und deren Wege sich in London kreuzen. Alle fünf gehören zu den „odd women“, d. h. den überzähligen, ja geradezu überflüssigen Frauen, nämlich zu denen, die ihren Unterhalt selbst bestreiten müssen, da sie aus den verschiedensten Gründen unverheiratet geblieben sind.

Da gibt es dann die einen, die wie Rhoda Nunn und ihre Freundin Miss Barfoot nicht länger gewillt sind, die Ehelosigkeit als einen Makel zu sehen. Stattdessen betreiben sie eine Schule, an der junge Mädchen eine Büro-Ausbildung absolvieren können, um so nicht länger ausbeuterische, ungesunde und unzureichend bezahlte Tätigkeiten im Einzelhandel oder in den Fabriken annehmen zu müssen.

Gleichzeitig soll sich so das Spektrum der für Frauen zugänglichen Ausbildungsberufe erweitern, denn schließlich ist nicht jede Frau als Gouvernante oder Krankenschwester geeignet.

Aber wußten Sie, daß es in diesem unserem glücklichen Land eine halbe Million mehr Frauen als Männer gibt? […] So ungefähr schätzt man jedenfalls. So viele überzählige Frauen, die niemals einen Partner finden werden. Pessimisten halten ihr Dasein für nutzlos, vertan und vergeudet. Ich natürlich – die ich selbst eine von diesen Frauen bin – sehe das anders. Ich halte sie für eine große ‚Reserveeinheit‘. […] Zugegeben, sie sind noch nicht alle ausgebildet – davon sind wir noch weit entfernt. Ich möchte mithelfen … die Reserve auszubilden. (S. 50/51)

Im Gegensatz zu Rhoda und Miss Barfoot stehen die drei verarmten Schwestern der Madden-Familie. Monica, die jüngste und hübscheste der Schwestern, eine Ladenangestellte, sucht ihr Glück in der Heirat mit einem wohlhabenden älteren Mann, doch es dauert nicht lange, bis sie versteht, dass die finanzielle Absicherung sie kein bisschen glücklicher gemacht hat.

Die älteste, Alice, versucht mehr schlecht als recht, sich als Gouvernante über Wasser zu halten, was ihrer Gesundheit wenig zuträglich ist. Virginia hingegen sucht ihre Zuflucht in billigen Romanen und – von ihren Schwestern lange unbemerkt – in heimlicher Trinkerei.

Eigentlich hätten das spannende 400 Seiten über einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch werden können, aber ich wünschte, Gissing hätte für die Niederschrift mehr als sieben Wochen Zeit gehabt, damit er den Roman insgesamt noch einmal kräftig hätte überarbeiten können.

Zu sehr verkörpern die Frauen einzelne Ideen; besonders die selbstgerechte Rhoda Nunn neigt ganz schrecklich zu aufgeladenen kämpferischen Monologen, die sich besser als Flugblatt oder Zeitungsartikel geeignet hätten. Die Beschreibungen ihrer inneren Zerrissenheit, als sie sich unerwarteterweise verliebt, waren dann allerdings oft von großer psychologischer Feinheit.

Auch die Situation der gebildeten Männer, die oft genug keine geistig ebenbürtige Partnerin finden, wird thematisiert, wobei Rhoda Nunn nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass es ja in der Macht der Männer läge, genau diesen bedauernswerten Umstand zu ändern.

Und bei der Schilderung von Monicas Schicksal rutscht Gissing dann – nach großartigen und glaubwürdigen Szenen – am Ende ganz ins Melodrama ab, was der Glaubwürdigkeit nicht gerade zuträglich ist.

Gissing schrieb am 4. Oktober 1892 in seinem Tagebuch:

Ich habe [den Roman] sehr schnell geschrieben, aber das Schreiben war ein schwerer Kampf, so wie immer. Nicht ein Tag ohne Zanken und Lärm unten in der Küche; nicht eine Stunde, in der ich wirklich meinen Seelenfrieden hatte. Ein bitterer Kampf. (aus dem Nachwort von Wulfhard Stahl der von Karina Of übersetzten Ausgabe des Insel Verlages 1997, S. 409)

Aber vielleicht wäre es jetzt interessant, mehr über Gissing und die autobiografischen Anleihen in seinem Roman zu erfahren. An einer Stelle bezeichnet eine der männlichen Hauptfiguren Mädchen aus der Arbeiterschicht als ungebildet und verachtenswert, als „nichts weiter als ein Klumpen menschlichen Fleisches“ (S. 130). Gissing selbst flog vom College, weil er aus Liebe zu der Prostituierten „Nell“, die er später auch heiraten sollte, Mitstudenten bestohlen hatte.

Und später verfällt Nell dem Alkohol, so wie Gissings Romanfigur Virginia Madden.

Mit dem Titel Die überzähligen Frauen bezieht sich Gissing vermutlich auf den Essay Why are Women redundant? von William Rathbone Greg.

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Molly Thynne: The Draycott Murder Mystery (1928)

The wind swept down the crooked main street of the little village of Keys with a shriek that made those fortunate inhabitants who had nothing to tempt them from their warm firesides draw their chairs closer and speculate as to the number of trees that would be found blown down on the morrow.

Nach den letzten eher schwergewichtigen Büchern war mir nach Cosy Crime zumute und der neu aufgelegte erste von insgesamt sechs Krimis der britischen Autorin Mary „Molly“ Thynne (1881 – 1950) war da ein richtig guter Griff.

Der junge John Leslie kommt abends im Sturm zu seinem Farmhaus zurück, nur um dort zu seinem Entsetzen eine schöne Unbekannte im Wohnzimmer zu finden, offensichtlich erschossen. Da die Polizei die in seinem Schlafzimmer gefundene Waffe für die Tatwaffe hält und er kein Alibi vorweisen kann, muss er damit rechnen, als Täter zum Tode verurteilt zu werden.

Doch seine Verlobte, die patente Cynthia, und alle Freunde des jungen Paares, wie der kürzlich aus Indien zurückgekehrte Fayre, der väterliche Freund Cynthias, sind von der Unschuld Johns überzeugt.  Fayre betätigt sich also notgedrungen als Hobby-Detektiv und stolpert dabei schon rasch über die ersten Ungereimtheiten. Alle sind froh, den eminenten Strafverteidiger Edward Kean und dessen schwerkranke Frau zu den Freunden zählen zu können, die nichts unversucht lassen werden, die Unschuld des jungen Mannes zu beweisen. Doch welches Urteil wird die Jury beim Prozess fällen?

Ein ganz reizendes Exemplar des Cosy Crime, und das, obwohl ich – zum ersten Mal – schon nach dem ersten Viertel den Täter zweifelsfrei identifiziert hatte. Doch die Handlung schlägt noch diverse Haken, es gibt dezenten Humor und die Charaktere sind durchaus als eigenständige Personen gezeichnet.

Eine Verfilmung wäre nett.

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