George Gissing: Die überzähligen Frauen (OA 1893)

‚Miss Royston war durchaus intelligent, das gebe ich zu; aber mir war schon immer klar, daß sie niemals das werden würde, was du hofftest. Ihre gesamte Freizeit widmete sie der Lektüre von Romanen. Wenn man sämtliche Romanschriftsteller erdrosseln und ins Meer werfen könnte, bestünde vielleicht eine gewisse Aussicht, die Frauen reformieren zu können. Das Mädchen triefte vor Sentimentalität, wie beinahe jede Frau, die intelligent genug ist, sogenannte ‚gute‘ Literatur zu lesen, aber nicht intelligent genug, zu durchschauen, was daran schädlich ist. Liebe – Liebe – Liebe; immer das gleiche eintönige, gewöhnliche Zeug. Gibt es etwas Gewöhnlicheres als das Ideal der Romanciers? Sie stellen das Leben nicht so dar, wie es wirklich ist; das wäre für ihre Leser zu langweilig. Wieviele Männer und Frauen verlieben sich im wirklichen Leben? Nicht mal einer von zehntausend, davon bin ich überzeugt. Nicht ein einziges von zehntausend Ehepaaren hat jemals füreinander empfunden, was zwei oder drei Paare in jedem Roman füreinander empfinden. Es gibt sehr wohl die geschlechtliche Anziehung, aber das ist etwas völlig anderes; darüber wagen die Romanschriftsteller nicht zu reden. Diese jämmerlichen Tröpfe wagen es nicht, jene eine Wahrheit auszusprechen, die von Nutzen wäre. Die Folge ist, daß eine Frau sich dann edel und großartig dünkt, wenn sie sich dem Tier am ähnlichsten verhält. Ich möchte wetten, daß diese Miss Royston irgendeine idiotische Romanheldin im Kopf hatte, als sie in ihr Verderben rannte.

So schimpft Rhoda Nunn, eine der emanzipierten Frauen in George Gissings (1857 – 1903) wichtigem Werk Die überzähligen Frauen.

Die Handlung spielt hauptsächlich im Jahre 1888, also während einer Zeit, wo die Versorgung alleinstehender Frauen nicht mehr von der Großfamilie übernommen werden konnte, aber die Frauen trotzdem noch nicht genügend auf ihre berufliche Selbstständigkeit vorbereitet waren.

Es geht um die Schicksale von fünf Frauen aus der Mittelschicht, von denen sich vier bereits seit Kindheitstagen kennen und deren Wege sich in London kreuzen. Alle fünf gehören zu den „odd women“, d. h. den überzähligen, ja geradezu überflüssigen Frauen, nämlich zu denen, die ihren Unterhalt selbst bestreiten müssen, da sie aus den verschiedensten Gründen unverheiratet geblieben sind.

Da gibt es dann die einen, die wie Rhoda Nunn und ihre Freundin Miss Barfoot nicht länger gewillt sind, die Ehelosigkeit als einen Makel zu sehen. Stattdessen betreiben sie eine Schule, an der junge Mädchen eine Büro-Ausbildung absolvieren können, um so nicht länger ausbeuterische, ungesunde und unzureichend bezahlte Tätigkeiten im Einzelhandel oder in den Fabriken annehmen zu müssen.

Gleichzeitig soll sich so das Spektrum der für Frauen zugänglichen Ausbildungsberufe erweitern, denn schließlich ist nicht jede Frau als Gouvernante oder Krankenschwester geeignet.

Aber wußten Sie, daß es in diesem unserem glücklichen Land eine halbe Million mehr Frauen als Männer gibt? […] So ungefähr schätzt man jedenfalls. So viele überzählige Frauen, die niemals einen Partner finden werden. Pessimisten halten ihr Dasein für nutzlos, vertan und vergeudet. Ich natürlich – die ich selbst eine von diesen Frauen bin – sehe das anders. Ich halte sie für eine große ‚Reserveeinheit‘. […] Zugegeben, sie sind noch nicht alle ausgebildet – davon sind wir noch weit entfernt. Ich möchte mithelfen … die Reserve auszubilden. (S. 50/51)

Im Gegensatz zu Rhoda und Miss Barfoot stehen die drei verarmten Schwestern der Madden-Familie. Monica, die jüngste und hübscheste der Schwestern, eine Ladenangestellte, sucht ihr Glück in der Heirat mit einem wohlhabenden älteren Mann, doch es dauert nicht lange, bis sie versteht, dass die finanzielle Absicherung sie kein bisschen glücklicher gemacht hat.

Die älteste, Alice, versucht mehr schlecht als recht, sich als Gouvernante über Wasser zu halten, was ihrer Gesundheit wenig zuträglich ist. Virginia hingegen sucht ihre Zuflucht in billigen Romanen und – von ihren Schwestern lange unbemerkt – in heimlicher Trinkerei.

Eigentlich hätten das spannende 400 Seiten über einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch werden können, aber ich wünschte, Gissing hätte für die Niederschrift mehr als sieben Wochen Zeit gehabt, damit er den Roman insgesamt noch einmal kräftig hätte überarbeiten können.

Zu sehr verkörpern die Frauen einzelne Ideen; besonders die selbstgerechte Rhoda Nunn neigt ganz schrecklich zu aufgeladenen kämpferischen Monologen, die sich besser als Flugblatt oder Zeitungsartikel geeignet hätten. Die Beschreibungen ihrer inneren Zerrissenheit, als sie sich unerwarteterweise verliebt, waren dann allerdings oft von großer psychologischer Feinheit.

Auch die Situation der gebildeten Männer, die oft genug keine geistig ebenbürtige Partnerin finden, wird thematisiert, wobei Rhoda Nunn nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass es ja in der Macht der Männer läge, genau diesen bedauernswerten Umstand zu ändern.

Und bei der Schilderung von Monicas Schicksal rutscht Gissing dann – nach großartigen und glaubwürdigen Szenen – am Ende ganz ins Melodrama ab, was der Glaubwürdigkeit nicht gerade zuträglich ist.

Gissing schrieb am 4. Oktober 1892 in seinem Tagebuch:

Ich habe [den Roman] sehr schnell geschrieben, aber das Schreiben war ein schwerer Kampf, so wie immer. Nicht ein Tag ohne Zanken und Lärm unten in der Küche; nicht eine Stunde, in der ich wirklich meinen Seelenfrieden hatte. Ein bitterer Kampf. (aus dem Nachwort von Wulfhard Stahl der von Karina Of übersetzten Ausgabe des Insel Verlages 1997, S. 409)

Aber vielleicht wäre es jetzt interessant, mehr über Gissing und die autobiografischen Anleihen in seinem Roman zu erfahren. An einer Stelle bezeichnet eine der männlichen Hauptfiguren Mädchen aus der Arbeiterschicht als ungebildet und verachtenswert, als „nichts weiter als ein Klumpen menschlichen Fleisches“ (S. 130). Gissing selbst flog vom College, weil er aus Liebe zu der Prostituierten „Nell“, die er später auch heiraten sollte, Mitstudenten bestohlen hatte.

Und später verfällt Nell dem Alkohol, so wie Gissings Romanfigur Virginia Madden.

Mit dem Titel Die überzähligen Frauen bezieht sich Gissing vermutlich auf den Essay Why are Women redundant? von William Rathbone Greg.

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Molly Thynne: The Draycott Murder Mystery (1928)

The wind swept down the crooked main street of the little village of Keys with a shriek that made those fortunate inhabitants who had nothing to tempt them from their warm firesides draw their chairs closer and speculate as to the number of trees that would be found blown down on the morrow.

Nach den letzten eher schwergewichtigen Büchern war mir nach Cosy Crime zumute und der neu aufgelegte erste von insgesamt sechs Krimis der britischen Autorin Mary „Molly“ Thynne (1881 – 1950) war da ein richtig guter Griff.

Der junge John Leslie kommt abends im Sturm zu seinem Farmhaus zurück, nur um dort zu seinem Entsetzen eine schöne Unbekannte im Wohnzimmer zu finden, offensichtlich erschossen. Da die Polizei die in seinem Schlafzimmer gefundene Waffe für die Tatwaffe hält und er kein Alibi vorweisen kann, muss er damit rechnen, als Täter zum Tode verurteilt zu werden.

Doch seine Verlobte, die patente Cynthia, und alle Freunde des jungen Paares, wie der kürzlich aus Indien zurückgekehrte Fayre, der väterliche Freund Cynthias, sind von der Unschuld Johns überzeugt.  Fayre betätigt sich also notgedrungen als Hobby-Detektiv und stolpert dabei schon rasch über die ersten Ungereimtheiten. Alle sind froh, den eminenten Strafverteidiger Edward Kean und dessen schwerkranke Frau zu den Freunden zählen zu können, die nichts unversucht lassen werden, die Unschuld des jungen Mannes zu beweisen. Doch welches Urteil wird die Jury beim Prozess fällen?

Ein ganz reizendes Exemplar des Cosy Crime, und das, obwohl ich – zum ersten Mal – schon nach dem ersten Viertel den Täter zweifelsfrei identifiziert hatte. Doch die Handlung schlägt noch diverse Haken, es gibt dezenten Humor und die Charaktere sind durchaus als eigenständige Personen gezeichnet.

Eine Verfilmung wäre nett.

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Paulette Jiles: News of the World (2016)

Wichita Falls, Texas, Winter 1870

Captain Kidd laid out the Boston Morning Journal on the lectern and began to read from the article on the Fifteenth Amendment. He had been born in 1798 and the third war of his lifetime had ended five years ago and he hoped never to see another but now the news of the world aged him more than time itself. Still he stayed his rounds, even during the cold spring rains. He had  been at one time a printer but the war had taken his press and everything else, the economy of the Confederacy had fallen apart even before the surrender and so he now made his living in this drifting from one town to another in North Texas with his newspapers and journals in a waterproof portfolio and his coat collar turned up against the weather.

So lernen wir gleich mit den ersten Zeilen eine der zwei Hauptfiguren im neuesten Roman der bekannten kanadischen Autorin Paulette Jiles (*1943) kennen.

Captain Jefferson Kyle Kidd, rüstig, Anfang siebzig, verdient fünf Jahre nach Beendigung des Sezessionskrieges seinen Lebensunterhalt also damit, in kleinen Dörfern und abgelegenen Städtchen des nördlichen Texas den Menschen Nachrichten und Geschichten aus verschiedensten Zeitungen, die zum Teil sogar aus London kommen, vorzulesen.

Er hat bei seinen Lesungen auch den Wunsch, dass die Menschen wenigstens für einen Abend aus ihrem Alltag ausscheren und es genießen, aus der großen weiten Welt exotische, witzige oder wissenschaftliche Neuigkeiten auf sich wirken zu lassen.

He began to read to his audiences of far places and strange climates. Of the Esquimaux in their seal furs, the explorations of Sir John Franklin, shipwrecks on deserted isles, the long-limbed folk of the Australian Outback who were dark as mahagony and yet had blond hair and made strange music which the writer said was indescribable and which Captain Kidd longed to hear. (S. 201-202)

Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Schon der erste Satz des Romans zeigt, dass die Stimmung oft explosiv ist, denn im 15. Zusatzartikel zur Verfassung aus dem Frühjahr 1870, den Captain Kidd da vorliest, geht es um das Wahlrecht, das nun auch Farbigen und ehemaligen Sklaven nicht länger vorenthalten werden dürfe. Und so wollen manche die Lesungen in diesen unruhigen und unsicheren Zeiten nur als Anlass nehmen, den politischen Gegner an diesem Abend zu verprügeln.

Und geradezu bizarr wird es, wenn er einen Ort ganz auslassen muss, weil ihm gerade noch rechtzeitig zugetragen wird, dass die Brüder einer Familie, die nicht unbedingt zu den hellsten Kerzen auf der Torte gehören, ihm alles kurz und klein schlagen würden, wenn sie merken, dass sie selbst gar nicht in der Zeitung vorkommen.

Aus diesem etwas eintönigen und vielleicht auch einsamen Dahintreiben reißt ihn jedoch die Bitte seines Freundes, des Schwarzen Britt Johnson. Er hat es geschafft, ein weißes Mädchen, das vor vier Jahren von Kiowa-Indianern entführt worden war, aus dem Indianergebiet herauszuholen. Aber auch nur deshalb, weil die Indianer auf die Drohung reagiert haben, dass man ihnen die Kavallerie auf den Hals hetzen würde, wenn sie nicht endlich ihre weißen Gefangenen ausliefern.

Die Verwandten des Mädchens – die Familie selbst war damals bei dem Indianer-Überfall getötet worden – haben dafür bezahlt, dass jemand die kleine Johanna, inzwischen 10 Jahre alt, zu ihnen zurückbringt. Doch Britt würde nur Schererereien bekommen, würde er als Schwarzer ein weißes Mädchen bei sich haben, außerdem könnte er ohnehin nicht so lange sein Geschäft im Stich lassen, also bittet er Captain Kidd, das Mädchen zu ihren 400 Meilen entfernt lebenden Verwandten in der Nähe von San Antonio zu bringen.

She sat perfectly composed, wearing the feather and a necklace of glass beads as if they were costly adornments. Her eyes were blue and her skin that odd bright colour that occurs when fair skin has been burned and weathered by the sun. She had no more expression than an egg. (S. 4)

Captain Kidd, ein aufrechter Ehrenmann, lässt sich auf das Unterfangen ein, wobei ihm schnell klar wird, dass seine Schutzbefohlene nun zum zweiten Mal ihre Familie verloren hat. Johanna war nach ihrer Entführung von einem indianischen Paar adoptiert worden und hat in den vier Jahren nicht nur die englische Sprache verlernt, sondern auch die Denkweisen der Weißen. Besitz um des Besitzes willen ist lächerlich, Tiere sind zum Essen da und gehören, außer den Pferden, allen gemeinsam, man isst mit den Händen und zur Körperpflege geht man nackt in den Fluss.

The greatest pride of the Kiowa was to do without, to make use of anything at hand; they were almost vain of their ability to go without water, food, and shelter. Life was not safe and nothing could make it so, neither fashionable dresses nor bank accounts. The baseline of human life was courage. (S. 201)

Und so brauchen selbst die Huren in Wichita Falls, die nicht so zimperlich wie die anständigen Damen sind, zwei Stunden, um das Mädchen zu baden, die Läuse zu entfernen und es in neue Kleider zu zwingen.

Captain Kidd was a man old not only in years but in wars. He smiled at her at last and took out his pipe. More than ever knowing in his fragile bones that it was the duty of men who aspired to the condition of humanity to protect children and kill for them if necessary. It comes to a person most clearly when he has daughters. He had thought he was done raising daughters. As for protecting this feral child he was all for it in principle but wished he could find somebody else to do it. (S. 38)

Die Kommunikation ist also mehr als schwierig und die gegenseitige Annäherung erfolgt in kleinen Schritten und eher zwangsweise, weil man aufeinander angewiesen ist und sich sogar kaltblütiger Verbrecher erwehren muss.

Und immer mehr merkt Captain Kidd, dass es ihm schwer fallen wird, Johanna am Ende der Reise ihren Verwandten zu überlassen. Wie soll Johanna verstehen, wieso Captain Kidd, der jetzt ihre einzige Bezugsperson ist, sie im Stich lassen kann? Und werden Tante und Onkel begreifen, wie sehr die vier Jahre bei den Kiowa das Mädchen für immer verändert haben?

Captain Kidd weiß, dass viele der geraubten weißen Kinder, wenn man sie nach Jahren zurück in die weiße Gesellschaft holte, für immer heimatlos waren und einige von ihnen nur danach verlangten, zu ihren indianischen Familien zurückkehren zu dürfen. Sehr zum Unverständnis und Unwillen der Ursprungsfamilien, die immer ganz selbstverständlich von der Überlegenheit der weißen Zivilisation ausgingen und die nie begreifen konnten, weshalb Kinder, deren Eltern und Geschwister zum Teil auf fürchterlichste Art und Weise von den Indianern umgebracht worden waren, dennoch so enge Bindungen zu ihren Entführern aufbauen konnten, sodass der Weg zurück in die weiße Herkunftsfamilie kaum noch möglich war.

Die Geschichte ist mit Witz und Tempo, Wärme und Menschlichkeit geschrieben, auch wenn mir gegen Ende vielleicht ein Hauch zu viel Süßlichkeit aufgelegt wurde. Aber alles in allem ein sehr unterhaltsamer und zum Teil poetischer Abenteuerroman, der nicht nur die Orte, die Landschaft und das Wetter wunderbar miteinbezieht, sondern außerdem die Frage danach verhandelt, mit welchem Recht man eigentlich die eigene Kultur immer als die überlegene ansieht.

Maybe life is just carrying news. Surviving to carry the news. Maybe we have just one message, and it is delivered to us when we are born and we are never sure what it says; it may have nothing to do with us personally but it must be carried by hand through a life, all the way, and at the end handed over, sealed. (S. 121)

Dem Fazit von kann ich nur zustimmen:

So begins a remarkable journey, one that involves the elements of a Western – danger and adventure on the trail – with the finer points of a story crafted by an award-winning poet. It brims with pathos, humor and compassion translated into wonderful language and transcends into literary historic fiction with a soul.

Darüber hinaus weckt das Buch Interesse, dem Schicksal der geraubten Kinder noch weiter nachzugehen.

Da könnte man beispielsweise hier ansetzen:

  • Zu: Cynthia Ann Parker (deutschsprachige Wikipedia)
  • Zu: Hermann Lehmann (deutschsprachige Wikipedia)
  • Zu: Josephine Meeker (englischsprachige Wikipedia)
  • Blogbeitrag auf We’re all Relative: The Puzzling “White Indians” Who Loved Their Abductors.
  • Oliver Tree: How Cynthia Ann became The Found One: Extraordinary story of abducted Texan girl who became a devoted Comanche Indian… and gave birth to their last commander (2011)
  • Beitrag auf Indian Country Today : Native History: White Child Abducted by Delaware Embraced Native Life

Eine Besprechung des Buches, das 2016 auch auf der Shortlist des National Book Award stand, findet sich u. a. in The New York Times.

Und hier gibt es ein Interview mit der Autorin.

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Merlin Holland: Das Oscar-Wilde Album (OA 1997)

Vor vier Jahren (!) empfahl Petra auf Philea’s Blog Das Oscar-Wilde Album, das Fotos, Karikaturen und andere Bilder zu Wilde enthält. Zusammengestellt wurde es von Merlin Holland, dem einzigen Enkel des weltberühmten irischen Schriftstellers. Ich erstand das Büchlein damals günstig im Antiquariat und seitdem fristete es irgendwo ein Schattendasein in meinen eher unsortierten Bücherregalen. Aber im Urlaub las ich mal wieder Wildes große Gesellschaftskomödien.

Wie keck, wie frisch und frech die sich heute noch lesen! Und wie Wilde es schafft, innerhalb weniger Zeilen die Verlogenheit und die Heuchelei der oberen Gesellschaftsschichten auf den Punkt zu bringen. Und wenn man an seine letzten Lebensjahre denkt, behandelt er in seinen Stücken fast schon hellseherisch die Frage, was die Gesellschaft noch zu tolerieren bzw. zu verzeihen bereit ist oder was einen dauerhaft ins soziale Aus manövrieren wird.

Außerdem wird in den Komödien das Problem, dass man oft einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit unter Verschluss halten muss, um nicht durch das Raster der „Anständigen“ zu fallen, ironisch und wortgewandt verpackt. Aber vor dem Hintergrund von Wildes Homosexualität und den damals dramatischen Folgen (Prozess mit Verurteilung zu Zwangsarbeit, Einzelhaft, Verarmung und gesellschaftlicher Ächtung bis zum frühen Tod) läuft es einem trotz allem Wortwitz schon manchmal kalt den Rücken herunter.

Da passte das von Petra genannte Buch natürlich wie der Topf auf den Deckel. Und gerade bei Wilde (1854 – 1900), einem so an der Selbstdarstellung interessierten Menschen, ist das Visuelle ein ganz wesentlicher Bestandteil. Die Fotos, Karikaturen und Werbeplakate werden erläutert und hangeln sich an der kurz und knackig erzählten Biografie Wildes entlang.

Als Kinder durften Oscar und Willie beim Essen mit am Tisch sitzen und zuhören, ohne zur Unterhaltung beizutragen. Eine frühe Übung darin, den Mund zu halten, was ihm, wie Oscar erklärte, später half, ihn als Erwachsener so wirkungsvoll zu nutzen. (S. 20)

Wilde ließ sich von professionellen Starfotografen gleich in Serie portätieren, in verschiedensten Posen und teuren Kleidungsstücken – er hätte wahrscheinlich heute viel Freude an Facebook und Twitter.

Dabei weist Holland nicht zu Unrecht darauf hin, dass man heute allzu leicht vergesse,

was für ein hervorragender Akademiker er war. Sowohl bei seiner Zwischenprüfung im Jahre 1876 als auch bei seinem Abschlußexamen im Jahre 1878 schnitt er als Bester seines Jahrgangs ab, und bei der mündlichen Prüfung sollen die Prüfer mehr Zeit darauf verwendet haben, ihm zu seiner Leistung zu gratulieren, als ihn zu seinen schriftlichen Arbeiten zu befragen. (S. 35)

Schließlich hatte Wilde klassische Sprachen und Literatur, moderne Philosophie, Philologie und Geschichte zunächst in Dublin und später in Oxford studiert.

Aber es gibt auch anrührende Bilder in diesem Band: Als Oscar Wilde dreizehn Jahre alt ist, stirbt seine drei Jahre jüngere Schwester. Oscar bemalt einen Briefumschlag und bewahrte darin eine Locke ihres Haares bis zu seinem eigenen Tod. Oder die Porträts seiner großen und verhängnisvollen Liebe, des sechzehn Jahre jüngeren Lord Alfred „Bosie“ Douglas, den Wilde kennenlernt, als er 37 ist.

Das Album ist für alle geeignet, die etwas über Wilde erfahren möchten, sich aber nicht gleich den Ziegelstein von Ellmann mit knapp 900 Seiten antun möchten.

Ansonsten empfehle ich auch Petras Artikel zu Oscar Wilde selbst.

Agatha Christie: Absent in the Spring (1944)

Agatha Christie hat neben ihren Detektivromanen auch einige andere Bücher unter dem Pseudonym Mary Westmacott geschrieben, die so gar nichts mit cosy crime zu tun haben.

Und dieser Roman um die wohlsituierte Anwaltsgattin Joan Scudamore – im Deutschen unter dem Titel Ein Frühling ohne dich erschienen – hat mir richtig gut gefallen. Hier wird die Spannung nur dadurch erzeugt, dass wir einer ziemlich selbstgefälligen Protagonistin ein paar Tage Gesellschaft leisten, in der sie von äußeren Zerstreuungen vollständig abgeschnitten ist.

Joan Scudamore ist auf der Rückreise von einem Krankenbesuch bei ihrer in Bagdad lebenden Tochter, doch dummerweise ist die Eisenbahnstrecke durch heftige Regenfälle für ein paar Tage unpassierbar und sie strandet in einer einfachen Herberge in der Wüste nahe der türkischen Grenze.

Das Problem: Sie ist der einzige Gast, Besitzer und Angestellte der Herberge sprechen nur rudimentär Englisch und fallen als Gesprächspartner aus, ihre restliche Reiselektüre ist schon am ersten Tag ausgelesen. So bleiben zum Zeitvertreib nur kurze Spaziergänge, ein paar Briefe und vor allem ihre Erinnerungen, ungebetene Gedankenfetzen und Assoziationen, die dem Leser nach und nach offenbaren, was für eine Frau sie eigentlich ist.

Es wäre schade, hier mehr zum Inhalt zu verraten, denn wie es Christie gelingt, zu zeigen, dass es da – gelinde gesagt – eine gewisse Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung Joans und dem Eindruck gibt, den sie tatsächlich auf Familie und Bekannte macht, ist großes Kino. Eines der harmloseren Beispiele dafür findet sich, als eines Tages Joan und ihr Mann Rodney zufällig auf ein bestimmtes Sonnett von Shakespeare zu sprechen kommen. Aus dem Stand ist sie in der Lage, das Gedicht fehlerlos zu rezitieren.

She finished, giving the last lines full emphasis und dramatic fervour. ‚Don’t you think I recite Shakespeare rather well? I was always supposed to at school. They said I read poetry with a lot of expression.‘

But Rodney had only answered absently, ‚It doesn’t really need expression. Just the words will do.‘ She had sighed and murmured, ‚Shakespeare is wonderful, isn’t he? And Rodney had answered, ‚What’s really so wonderful is that he was just a poor devil like the rest of us.‘

‚Rodney, what an extraordinary thing to say.‘ (S. 73)

Das Buch liest sich bis zum Ende mindestens so spannend wie ihre besten Kriminalromane. Ein empfehlenswerter kleiner Roman, in dem sich Christies Begabung für Dialoge und das, was zwischen den Zeilen steht, bestens ergänzen.

Und es ist auch ein bisschen unheimlich: Joan ist kein Monster, sondern ganz normal, ganz alltäglich, in ihrer Eitelkeit, Besserwisserei und Blindheit gegenüber den eigenen Motiven. Man schüttelt sich und fragt sich unwillkürlich, was wohl unsere Familienangehörigen, Kollegen und Freunde so wirklich über uns denken.

Nachdem ich das geschrieben hatte, stöberte ich in Agatha Christies Autobiografie und siehe da, Absent in the Spring ist das Buch, mit dem sie persönlich besonders zufrieden war.

… the book that I had always wanted to write, that had been clear in my mind. […]

It was going to be technically difficult to do, the way I wanted it; lightly, colloquially, but with a growing feeling of tension, of uneasiness, the sort of feeling one has – everyone has, sometime, I think – of who am I? What am I like really? What do all the people I love think of me? Do they think of me as I think they do?

I wrote that book in three days flat. […] I don’t know myself, of course, what it is really like. It may be stupid, badly written, no good at all. But it was written with integrity, with sincerity, it was written as I meant to write it, and that is the proudest joy an author can have.

 

Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln (OA 1851)

Es missfällt einem Autor sehr, der sich bemüht, die Natur in all ihren Erscheinungsformen und Umständen mit realistischem Strich und in den echten Farben darzustellen, dass die reinste Erhabenheit, die sich im Leben finden lässt, hoffnungslos mit so viel Gewöhnlichem und Lächerlichem vermischt ist. Wie können wir etwa einer solchen Szene tragische Würde verleihen! Wie bringen wir es fertig, unserer Geschichte von der Sühne für einstige Sünde Größe zu verleihen, wenn wir gezwungen sind, als eine der Hauptfiguren nicht etwa eine junge, hübsche Frau – ja nicht einmal eine einstige Schönheit, würdevoll gramgebeugt – zu präsentieren, sondern eine hagere Jungfer mit fahlem Taint und knarrenden Gelenken, im Seidenkleid mit hoher Taille und einem monströsen Turban auf dem Kopf. […] Und ist es wirklich die Tragik ihres Lebens, wenn sie nach sechzig Jahren Untätigkeit mit der Eröffnung eines Kramladens ein besseres Auskommen sucht? Doch wenn wir die Heldengeschichten der Menschheit anschauen, finden wir überall diese Vermischung des Gewöhnlichen und Banalen mit den edelsten Gefühlen der Freude oder des Leids. Das Leben besteht aus Marmor und aus Dreck. Und wäre unser Vertrauen in ein allumfassendes Erbarmen über uns nicht stärker, würden wir wohl mit gutem Grund ein beleidigend höhnisches Grinsen und eine grimmige Fratze im ehernen Antlitz des Schicksals vermuten. Die Gabe des Dichters besteht darin, in diesem Reich der sonderbar verworrenen Elemente Schönheit und Erhabenheit zu entdecken, die ein so schäbiges Kleid tragen müssen. (zitiert nach der Irma Wehrli übersetzten Ausgabe des Manesse Verlages, 2004/2014, S. 62 – 63)

So weit zu der bedauernswerten Hepzibah, der ärmlichen Bewohnerin des uralten Hauses, und einigen poetologischen Gedanken, mit denen Nathaniel Hawthorne in seinem amerikanischen Klassiker Das Haus mit den sieben Giebeln die Leser traktiert. Die Originalausgabe erschien 1851.

Auf Sätze & Schätze erschien unlängst eine informative und lesenswerte Besprechung zu diesem Werk, sodass ich mich hier zu meiner und eurer Freude kurz fassen kann.

Mir ging es ganz anders als Birgit: Dieses Buch und ich sind keine Freunde geworden. Statt mich gepflegt zu gruseln, die Geister des Hauses zu spüren oder wenigstens in irgendeiner Weise Anteil am Schicksal der Protagonisten zu nehmen, beschlich mich eine Düsternis ganz anderer Art: Ich habe mich entsetzlich gelangweilt, die Seiten blätterten sich immer langsamer um, bis ich mich völlig ermattet dabei ertappte, nur noch querzulesen.

Der Erzähler musste sich immer wieder in den Vordergrund drängen und mir viel zu viel erklären anstatt es anschaulich zu machen, und die Handlung schlurfte so unentschlossen zwischen Motiven der Gothic Literature, feineren Pinselstrichen und aufdringlichen Erzählerkommentaren dahin, dass ich schließlich nicht anders konnte, als das Buch zur Seite zu legen.

Fundstück von Ruby Ferguson

Leider war Ruby Ferguson (1899 – 1966) ihrer eigenen Romanidee in Lady Rose and Mrs Memmary (1937) nicht durchgehend gewachsen. Es gab einfach zu viel Süßlichkeit, besonders in der oberidyllischen Kindheit der adligen Lady Rose – was von wohlmeinenden Geistern gern als „Märchenhaftigkeit“ verbrämt wird -, eine eiskalte Mutter, ein Hauch von Effie Briest und die wirklich albernste und unglaubwürdigste Szene einer Liebe auf den ersten Blick, die mir je untergekommen ist.

Anscheinend konnte sich Ferguson nicht so recht entscheiden, was für eine Art von Geschichte sie denn nun eigentlich erzählen wollte. Schade eigentlich, denn das Buch hätte durchaus das Potential gehabt, ein netter Schmöker zu werden.

Da konnte auch die Verschränkung zweier Zeitebenen, die ich hier ganz gelungen fand, nicht mehr viel retten: Drei Touristen entdecken Mitte der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts auf einer Spazierfahrt durch Schottland das einsam gelegene Herrenhaus Keepsfield, das zu vermieten wäre, und lassen sich von der alten Mrs Memmary, die sich um das Haus kümmert, die Geschichte der einstigen Besitzer erzählen.

So hätte ich das Buch gar nicht weiter erwähnt, aber Stellen wie die folgende zeigen, dass die Autorin durchaus schreiben konnte und was für ein Buch es hätte werden können:

Rose indulged in the most romantic dreams about marriage. Of course they were all delightfully vague and abstract, and for all practical purposes they began and ended with white satin and pearls and sheaves of flowers at St. George’s, and red carpet in front of Aunt Violet’s house in Belgrave Square, and tears, and hundreds of presents. After that came a kind of ideal and undefined state in which you lived blissfully under a new name, and had your own carriage, and didn’t have to ask permission from Mamma when you wanted to go out. Floating airily through all this, of course, was a man. He was not like any man you had ever seen; they were just men. This man – your husband, queer, mysterious word – was hardly human at all. He was dreadfully handsome, and a little frightening, but of course you didn’t see very much of him. When you did see him there were love scenes. He always called you „my darling“ in a deep, tender voice; and he gave you jewels and flowers, and sometimes went down on his knees to kiss your hand. All this came out of the books you had read. Some day, almost any time after you were presented and began to go about with Mamma, you would suddenly meet this marvellous being. You would be in love. You would be married. And that was the end, except that, of course, you would live happily ever after. (S. 112)