Mick Herron: Slow Horses (2010)

Da ich normalerweise einen Bogen um neuere Krimis oder gar Thriller mache, da ich befürchte, dass sie mir mit ihrer Schilderung von Grausamkeiten zu brutal, ja fast schon voyeuristisch sind, wäre mir beinahe der fulminante Auftakt zu einer Reihe entgangen, von der ich UNBEDINGT auch die nächsten Bände lesen möchte, und das, obwohl einige Szenen tatsächlich jenseits meiner Schmerzgrenze lagen.

Ehemalige Topleute des britischen Inlandsgeheimdienstes (auch bekannt als MI5) sind wegen diverser Verfehlungen  (Einsatz verpatzt, Alkoholprobleme, fehlender Kompatibilität mit Menschen, Geheimdienstunterlagen im Zug liegengelassen) ausgemustert und ins schäbige Slough House, das weit genug entfernt von der Zentrale am Regent’s Park liegt, abkommandiert worden.

Dort sollen sie unter der Leitung des schmierigen Unsympathen Jackson Lamb Akten schreddern, Telefonmitschnitte oder alte Unterlagen nach belanglosen Details durchwühlen. So hofft man, dass River Cartwright und seine LeidensgenossInnen freiwillig den Dienst quittieren. Das käme dem Geheimdienst gelegener als langwierige Streitereien vor Gericht, die bei einer Kündigung wohl zu erwarten wären.

Kollegiales Miteinander: Fehlanzeige. Jeder hasst seinen Arbeitsplatz im Slough House, da man nicht zum Müllsortieren und Aktenschreddern Agent geworden ist. Und jeder weiß, dass er von den Agenten im aktiven Dienst als Slow Horse beschimpft und verachtet wird. Man weiß noch nicht einmal, wo die Kollegen wohnen.

Diese bleierne, feindselige Atmosphäre wird zunächst auch durch die Nachricht nicht verändert, dass auf dem Blog der BBC ein Video veröffentlicht wurde, das einen entführten Jugendlichen zeigt, der in 48 Stunden vor laufender Kamera geköpft werden soll. Ein Fall, der die Kompetenzen der Slow Horses buchstäblich in mehr als einer Hinsicht überschreiten würde.

Doch warum beauftragt die stellvertretende Chefin des Geheimdienstes plötzlich eines der Slow Horses, nämlich Sidonie Baker, die Unterlagen eines dubiosen Journalisten zu stehlen? Und warum muss River Cartwright dessen Müll auf verdächtige Hinweise durchwühlen?

Und dann geht die Action richtig los. Selten so gespannt gewesen, wie die Geschichte weitergeht.

Dazu die Wechsel im Erzähltempus. Das erste Kapitel zunächst sehr aufregend. Wir erleben den Einsatz mit, dem River Cartwright seine Degradierung zu den Slow Horses verdankt. Dann kommt die Geschichte scheinbar zum Stillstand, da erst einmal Einblick in verschiedene Biografien einzelner Slow Horses gegeben wird. Manche Leser stört das, ich fand es gelungen, da so die Ermittler als eigenständige Charaktere mit je ganz eigenen wunden Punkten und Traumata erlebbar werden.

Und ob sie wollen oder nicht, irgendwann müssen auch Slow Horses miteinander kooperieren.

Später wird sich ohnehin kein Leser mehr über mangelndes Tempo beklagen können. Ständig schlägt die Handlung neue Haken, fügen sich neue Bausteine ins Mosaik des Ganzen ein. Und Cliffhanger gibt es hier gleich innerhalb mehrerer Erzählstränge.

Dazu wird das Ganze eingebettet in die aktuelle politische Großwetterlage. Außerdem wird das Opfer der Entführung ebenfalls als Charakter ernstgenommen und überaus glaubwürdig, ja liebevoll porträtiert.

Doch was mich darüber hinaus an Herrons Buch begeistert hat, ist die Sprache (mal abgesehen von der ganzen Flucherei, die mir an einigen Stellen ziemlich auf die Nerven ging), die Dialoge voller Schlagfertigkeit, dieses knallfreche, manchmal auch witzige Formulieren auf den Punkt.

Lamb turned to study him through half-open eyes, causing River to remember about the hippo being among the world’s most dangerous beasts. It was barrel-shaped and clumsy, but if you wanted to piss one off, do it from a helicopter. Not while sharing a car. (S. 178).

Mit meiner Begeisterung bin ich wohl nicht allein:  Im August erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel Slow Horses: Ein Fall für Jackson Lamb im Diogenes Verlag, übersetzt von Stefanie Schäfer.

Im Englischen umfasst die  Reihe bereits fünf Bände und zwei kürzere Erzählungen. Alle Bände schafften es auf eine oder mehrere Shortlists für diverse Krimi-Auszeichnungen.

Auf dem Blog von Ethan Jones gibt es ein kurzes Interview mit Mick Herron.

Und hier ist eine Besprechung von der Querleserin, die mich überhaupt erst aufmerksam auf diesen Agententhriller gemacht hat.

Alistair MacLeod: No Great Mischief (1999)

And the stars are seldom clearly seen above the pollution of prosperity. (S. 192)

Der einzige Roman des kanadischen Schriftstellers und Englischprofessors Alistair MacLeod (1936-2014) wurde bei seinem Erscheinen 1999 in Kanada als Meisterwerk gefeiert und selbst Alice Munro sagte, dass sich Szenen dieses Buches dem Leser für immer einbrennen würden. Der Autor wurde dafür 1999 mit dem Trillium Book Award und 2001 mit dem International Dublin Literary Award  ausgezeichnet.

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Land der Bäume, was mit der historischen Anspielung des englischen Titels so gar nichts zu tun hat. Deutsche Kritiker waren in ihrer Meinung verhaltener; manch einer vermisste den Spannungsbogen, andere fanden es betulich oder bemängelten gar, dass die geschichtlichen Details der Besiedlung und Eroberung Kanadas die deutschen Leser doch eher kaltlasse. Doch worum geht es überhaupt?

Der Ich-Erzähler Alexander MacDonald ist um die 50, erfolgreicher Kieferorthopäde, glücklich verheirateter Familienvater. Doch diese äußeren Merkmale treten völlig hinter seiner Geschichte zurück. Viel entscheidender ist seine Herkunft als Nachkomme schottischer Einwanderer auf der Kap-Breton-Insel in der kanadischen Provinz Nova Scotia. Für seinen Clan ist die Geschichte immer gegenwärtig, selbst Aussprüche des 1779 nach Kanada ausgewanderten Patriarchen werden in der Familie immer noch geteilt und kommentiert.

Alte Traditionen sowie die gälische Sprache, ja selbst das Aussehen schweißen die Familie über Ländergrenzen und alle Generationen hinweg zusammen. Familienbande sind heilig, Hilfsbereitschaft untereinander und bedingungslose Solidarität selbstverständlich.

Dabei ist das Leben oft hart. Alexander und seine vier Geschwister verlieren, da ist Alexander gerade einmal drei Jahre alt, ihre Eltern und einen Bruder bei einem schrecklichen Unfall, als diese im trügerischen Märzeis einbrechen. Er und seine Zwillingsschwester kommen daraufhin zu ihren Großeltern väterlicherseits, zu Grandma und Grandpa.

Die etwas älteren Brüder im Teenageralter brechen den Schulbesuch ab und hausen fortan als Selbstversorger auf einer Farm der Familie.

Vieles davon erfahren wir aus den Erinnerungen, die Alexander kommen, während er seinen älteren Bruder Calum, einen in einer Absteige hausenden Alkoholiker, in Toronto  besucht.

Und so mischen sich Erinnerungen an die Familiengeschichte mit der Gegenwart und den historischen Mythen, bis sich allmählich herauskristallisiert, warum die Wege der Brüder so unterschiedlich verlaufen sind.

Es ist kein „perfektes“ Buch, ganz im Gegenteil, der Ich-Erzähler ist oft in der Beobachterposition und seine Gefühle können bestenfalls aus seinen Handlungen erahnt werden, er erschien mir seltsam blaß, ja streckenweise außerordentlich langweilig.

Bei Gesprächen wird vom Erzähler nahezu ausschließlich das Verb „said“ verwendet, das hätte gern etwas weniger nüchtern sein dürfen.

Allerdings verhindert der Autor dadurch auch, in die Kitsch- oder Dramafalle zu tappen. Außerdem fetzen die anderen Familienmitglieder dafür um so mehr. Allein schon die Großelterngeneration ist hinreißend. Auf der einen Seite der scheue, spröde und der Wahrheit der Geschichte verpflichtete Großvater mütterlicherseits, früh verwitwet, keine sexuellen Anspielungen ertragend, aber ein begnadeter Sänger und feiner Mann.

Ihm gegenüber Grandpa, der gerne einen oder lieber gleich mehrere über den Durst trinkt und nur zu gern Anspielungen unter der Gürtellinie macht, zusammen mit seiner geliebten, ganz bodenständigen Frau.

Als Alexanders Schwester sich an ihre Grandma erinnert, hat man sofort ein Bild dieser Frau vor Augen:

When we had to do our work, cleaning our rooms or doing the dishes or scrubbing the floor, I used to say sometimes, ‚But I’m tired.‘ She used to say, ‚Everybody’s tired, dear. I’m tired. The world doesn’t stop because we’re tired. So hurry up and it will be done in a minute.‘ And sometimes if her own tiredness were showing she would say, ‚I bet if your brother Collin were alive he wouldn’t be whining about cleaning his room. You’ve already passed him  in age, and he will never grow older. Poor little soul. He was so happy the last time I saw him in his new coat. We should all be grateful that we’re alive and have each other, so hurry up and make your bed.‘ (S. 238)

Die ganze Familie liebt ihre Heimat Kap Breton und ist den Franzosen, die zunächst diese Insel erobert hatten, noch immer in heftiger Abneigung verbunden.

Dass zwei seiner Brüder nie mit Namen genannt werden und auch als Personen nicht greifbar werden, obwohl Alexander mit ihnen lange Zeit unter Tage im Bergbau verbringt, befremdet. Oder sehen sie sich so sehr als eine Einheit, dass Namen als Zeichen der Individualität unwichtig sind? Mir erschien es ein bisschen gekünstelt, genauso wie seitenlange Aufzählungen zur Geschichte und zu politischen Ereignissen in Form von name dropping. Und manche Metaphern waren zu deutlich ausgeleuchtet.

Und dass Alexander als Student der Zahnmedizin so gar keine Probleme hat, zusammen mit seinen Brüdern in den Bergminen zu arbeiten und dann doch noch als Kieferortopäde in einer Zahnartzpraxis für Wohlbetuchte landet, lässt für mich einige Fragen offen.

Und doch und doch: Die Geschichte ist eine unsentimentale Darstellung des Clan-Zusammenhalts; eine Liebeserklärung an die „neue“ Heimat, diese raue, schöne und unberechenbare, manchmal auch tödliche Natur. Das Ganze gepaart mit einer großen Selbstverständlichkeit, dass die MacDonalds die eigenen Wurzeln und Lieder nicht vergessen können und daraus einen Großteil ihrer Identität beziehen. Im Positiven wie im Negativen.

Und vor allem ist es eine spannende, manchmal witzige, oft melancholische und auch wuchtige und lebenspralle Geschichte, die ich so noch nicht gelesen habe. Alice Munro hat recht, es gibt Szenen, die haben sich bereits eingebrannt, und eigentlich müsste man das Buch sofort von vorn beginnen.

Wer noch eine fundierte Kritik lesen möchte, dem empfehle ich die Besprechung von Thomas Mellon in der New York Times. Auch wenn Mellon die Unebenheiten des Romans wahrnimmt, kommt er zu einem Ergebnis, das sich ein Autor nicht wertschätzender wünschen kann:

A month ago, the fiction of Alistair MacLeod was entirely unknown to me. The 64-year-old Canadian writer has published just three books, and “No Great Mischief,“ his only novel, is the first of them to be widely available in the United States. Having spent the last few weeks reading, in avid succession, volumes that his Canadian devotees have been given after long intervals of anticipation, I can report that MacLeod’s world of Cape Breton — with its Scottish fishermen and their displaced heirs, the miners and young professionals it has mournfully sent to the rest of the nation — has become a permanent part of my own inner library.

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Anthony Ray Hinton: The Sun Does Shine (2018)

Bevor sich alle fragen, ob Buchpost nun zu einem reinen Fotoblog mutiert, wird es Zeit, die Sommerpause für beendet zu erklären und für eine Besprechung, doch wie soll man dieser Autobiografie gerecht werden? Rasch und ungeplant in einer Flughafenbuchhandlung erstanden und dann nach dem Lesen Bestürzung, Betroffenheit, Bewunderung. Doch von vorne:

1985 wurden zwei Mitarbeiter von Fastfood-Restaurants bei Raubüberfällen in Alabama erschossen, ein drittes Opfer überlebte und identifizierte den Afroamerikaner Anthony Ray Hinton (*1956) anhand von Fotos als den Täter. Indizien oder Zeugen gab es nicht. Eine Zeugenaussage war gelogen, das Foto bei der Identifizierung durch das Opfer bereits als Täterfoto markiert.

Hinton bekommt einen schlecht bezahlten, unfähigen und lustlosen Pflichtverteidiger an die Seite gestellt, dem es gleichgültig ist, ob Hinton schuldig ist oder nicht. Der vom Verteidiger bestellte Gutachter, der beurteilen soll, ob es sich bei der alten Waffe von Hintons Mutter um die Tatwaffe handelt, ist auf einem Auge blind und kann das Mikroskop nicht richtig bedienen. Eine Katastrophe, die der Staatsanwalt im Prozess weidlich auskostet.

Trotz seines Alibis, er war zur fraglichen Zeit des dritten Überfalls an der Arbeit, bei der man ein- und auschecken musste, wird Hinton zur Todesstrafe verurteilt, da es sich bei der Waffe seiner Mutter definitiv um die Tatwaffe handele. Er verbringt die nächsten 29 Jahre in der Todeszelle im Gefängnis William C. Holman Correctional Facility.

Obwohl Anwälte der Equal Justice Initiative 2002 schließlich nachweisen können, dass Hinton unschuldig ist, FBI-Experten zweifelsfrei nachweisen, dass die Schüsse aus einer anderen Waffe abgefeuert wurden und sein erster Prozess eine einzige Abfolge von Fehlern der Verteidigung war, weigert sich der Staat Alabama, den neuen Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen, da dies den Steuerzahler nur unnötig Geld kosten würde.

Noch in einem 2009 veröffentlichten Buch faselt der inzwischen verstorbene Staatsanwalt McGregor davon, wie sehr Hinton „just radiated guilt and pure evil“.

Erst 2015, nachdem Bryan Stevenson und sein Team von der EJI 16 Jahre dafür gearbeitet haben, Hintons Unschuld zu beweisen, gelangt der Fall vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Hinton kann nach fast 30 Jahren das Gefängnis als freier Mann verlassen.

Dabei verschweigt er nicht, dass das Leben im Knast ihn gezeichnet hat. Noch lange nach seiner Entlassung wacht er morgens um drei Uhr auf, weil man dann im Gefängnis Frühstück bekam. Er fühlt sich anfangs in Räumen, die größer als seine Zelle sind, unwohl. Und jeden Tag ruft er mehrmals Freunde an, sammelt Quittungen, verschafft sich sozusagen Alibis, denn die Furcht, grundlos von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben gerissen zu werden, hat sich tief in ihn eingegraben. Diejenigen, die ihn 1985 sterben lassen wollten, sind natürlich über seine Freilassung unglücklich und halten sie für grundfalsch. Von den an dem Fehlurteil Beteiligten hat sich niemand je bei ihm entschuldigt. Eine finanzielle Entschädigung hat er bis jetzt nicht bekommen.

In diesem Buch, das er zusammen mit Lara Love Hardin geschrieben hat, erzählt er auf hinreißende Weise von seiner Jugend, der engen Beziehung zu seiner Mutter und deren christlichem Glauben und von seinem besten Kumpel Lester, der ihn schließlich fast dreißig Jahre lang jeden Monat im Gefängnis besuchen wird und der sich um Hintons Mutter kümmern wird, als wäre es seine eigene.

Wir lesen, wie eklatante Unfähigkeit und Rassismus sich auch strukturell in der Rechtsprechung austoben dürfen, wie ihm Anklagevertreter ganz unverhohlen sagen, dass es ihnen egal sei, ob er schuldig ist oder nicht, Hauptsache, es gäbe wieder einen Nigger weniger auf Alabamas Straßen. Einer droht ihm sogar, ihn im Falle einer Freilassung persönlich am Gefängniseingang abzuknallen.

Und Hinton erzählt vom Leben im Gefängnis, von den Demütigungen und Schikanen einzelner Wächter, den seltsamen Freundschaften, die sich bilden, z. B. mit dem ehemaligen KKK-Mitglied Henry Hays, den im Sommer unerträglich heißen Zellen, von seiner Idee eines Buchklubs und dem Geruch von Menschenfleisch, wenn alle riechen können, dass wieder einer auf dem elektrischen Stuhl gestorben ist. Und auf welche Art und Weise die Männer einander das Beileid aussprechen, wenn einer von ihnen einen Angehörigen verloren hat. Und von der Sehnsucht nach seiner Mutter.

Dabei verhehlt er nicht, dass viele der Männer grauenhafte Verbrechen begangen haben, manche Psychopathen und andere geistig behindert ist.

Natürlich schildert das Buch auch den juristischen Kampf um seine Unschuld, ohne die Organisation von Bryan Stevenson hätte er Holman niemals lebend verlassen, wobei für den juristischen Laien vielleicht ein paar Hintergrundinformationen hilfreich gewesen wären.

Doch vor allem erzählt Hinton von seinem täglichen Kampf darum, im Gefängnis nicht innerlich zu sterben und der Verlockung des Selbstmords nicht zu erliegen. Mehrere Jahre dauert es, bis er zu der Einsicht kommt, dass er selbst in seiner engen und widerlichen Zelle Wahlmöglichkeiten hat.

I was on death row not by my own choice, but I had made the choice to spend the last three years thinking about killing McGregor and thinking about killing myself. Despair was a choice. Hatred was a choice. Anger was a choice. I still had choices, and that knowledge rocked me. I may not have had as many as Lester had, but I still had some choices. I could choose to give up or to hang on. Hope was a choice. Faith was a choice. And more than anything, love was a choice. Compassion was a choice. (S. 115)

Das ist die Nacht, in der er anfängt, Anteil am Leben der anderen Insassen und Wärter zu nehmen, Empathie, Humor und Mitgefühl zu zeigen. Er kann wieder – manchmal auch unter Tränen – Witze machen und darf schließlich sogar den Wärtern öfter was Leckeres kochen.

Und so verrückt das klingt, es ist ein verstörendes Buch, aber von großer Wärme, Stärke und manchmal auch Witz durchzogen. Eine Liebeserklärung an seine Mutter, die Frau mit den klaren Ansagen, die ihm gezeigt hat, was es bedeutet, bedingungslos geliebt zu werden, und an seinen besten Freund Lester, seinen Verteidiger und späteren Freund Bryan Stevenson und – wenn man das überhaupt noch erwähnen muss – natürlich ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und eine Geschichte, die uns viel über Rassismus in Amerika erzählt. Voller einprägsamer Momente.

Hinton ist laut Wikipedia der 152. Mensch, der seit 1973 in Amerika nachweislich unschuldig zum Tode verurteilt worden ist.

Er hat sich entschlossen, denjenigen, die ihm 30 Jahre seines Lebens gestohlen haben, zu vergeben.

Hier gibt es noch einen Bericht im Guardian.

 

Fundstück von J. Jefferson Farjeon

Der Krimi Seven Dead von Joseph Jefferson Farjeon, erschienen 1939 und 2017 in der Reihe der British Library Crime Classics neu aufgelegt, macht einfach Spaß.  Schon mit den ersten Sätzen hatte mich der Autor am Haken:

This is not Ted Lyte’s story. He merely had the excessive misfortune to come into it, and to remain in it longer than he wanted. Had he adopted Cardinal Wolsey’s advice and flung away ambition, continuing his illegal acts to the petty pilfering and pickpocketing at which he was fairly expert, he would have spared himself on this historic Saturday morning the most horrible moment of his life. The moment was so horrible that it deprived him temporarily of his senses. But he was not a prophet; all he could predict of the future was the next instant, and that often wrongly; and the open gate, with the glimpse beyond of the shuttered window tempted him.

Leider hat die Logik des Plots fußballfeldgroße Löcher, doch da der Autor schreiben konnte, die Dialoge vergnüglich und die Charaktere nett ausgearbeitet sind, bleibt man als Leser dabei, ohne sich allzu sehr zu grämen, wie abgrundtief hanebüchen die Auflösung ist.

 

Neil Ansell: Deep Country (2011)

Neil Ansell, inzwischen BBC-Journalist und Schriftsteller, bekommt, als er 30 Jahre alt ist, von Freunden das Angebot, spottgünstig deren Cottage zu mieten, das in den abgelegenen Hügeln von Wales liegt. Reiseerfahren und naturverbunden verliebt er sich in die traumhaft schön gelegene Luxusimmobilie mit weiter Aussicht, dafür ohne Strom, Gas  und ohne fließendes Wasser: Der Weg zum Briefkasten an der nächsten Straße ist jedesmal ein ausgewachsener Spaziergang.

Das Wasser muss herbeigetragen, der Herd mit dem selbst geschlagenen Holz befeuert werden und scheinbar simple Tätigkeiten wie eine Tasse Tee kochen dauern auf einmal um ein Vielfaches länger als in der Zivilisation.

Er legt sich ein Gärtchen an, übernimmt hin und wieder Jobs für die Naturschutzbehörde, hilft beim Bauern aus, marschiert auch regelmäßig in das mehrere Stunden entfernt liegende Dorf, um seine Vorräte aufzufüllen, und bekommt ab und an Besuch von Freunden. Doch im Wesentlichen widmet er sich der Selbstversorgung, wandert stundenlang und manchmal auch tagelang durch die Gegend und beobachtet Tiere und Pflanzen. Besonders angetan haben es ihm die Vögel.

Aus den Notizen dieser fünf Jahre entsteht später sein Buch, das von Ulrike Kretschmer übersetzt wurde und im Deutschen unter dem Titel Tief im Land: Meine Jahre in den Wäldern von Wales erschienen ist.

Wer nun glaubt, dass der Autor diese Zeit als eine intensive Zeit der Reflexion schildert und uns an seinen Erkenntnissen teilhaben lässt, der wird enttäuscht. Es ist ein selten uneitles Buch und Ansell sagt selbst, dass ihn diese Jahre eher von allem Kreiseln um die eigene Person weggeführt haben:

This was the pattern of my days, a simple life led by natural rhythms rather than the requirements and expectations of others. Imagine being given the opportunity to take time out of your life, for five whole years. Free of social obligations, free of work commitments. Think how well you would get to know yourself, all that time to consider your past and the choices you had made, to focus on your personal development, to know yourself through and through, to work out your goals in life your true ambitions.

None of this happened, not to me. Perhaps for someone else it would have been different. Any insight I have gained has been the result of later reflection. Solitude did not breed introspection, quite the reverse. My days were spent outside, immersed in nature, watching. […] My attention was constantly focused away from myself and on the natural world around me. And my nights were spent sitting in front of the log fire, aimlessly turning a log from time to time and staring at the flickering flames. I would not be thinking of the day just gone; the day was done. And I would not be planning tomorrow; tomorrow would take care of itself. The silence without was reflected by a growing silence within. Any interior monologue quietened to a whisper, then faded away entirely. (S. 44)

Und so folgen wir ihm auf seinen Spaziergängen und Wanderungen und erfahren, warum er sich – wenn auch sehr, sehr widerwillig – kurz vor Ende seines Aufenthalts doch noch ans Telefonnetz anschließen lässt.

Mir persönlich waren es irgendwann der Vögelbeobachtungen gar zu viele und ich hätte lieber mehr über ihn, seine Vorgeschichte und auch die Begegnungen erfahren, die er in diesen fünf Jahren hatte – schließlich hat er dort keineswegs als Eremit gelebt. Doch es gibt auch immer wieder Passagen, in denen sein Glück und sein Staunen angesichts der ihn umgebenden Natur spürbar und erlebbar werden.

Ich kann zumindest nachvollziehen, warum das Buch sowohl die britischen Kritiker als auch viele Leser fasziniert und begeistert hat. Zum einen  entschleunigt es tatsächlich ungemein und zum anderen führt es vor Augen, wie weit entfernt von der Natur wir eigentlich leben.

Chanterelles are beautiful mushrooms, glowing apricot in colour, and many of mine were a variety tinged with a dusting of amethyst. It was like finding precious jewels shining in the leaf litter, in the darkness under the thick trees. And they are a great mushroom to pick, both for flavour and for the fact that they are completely untroubled by the mushroom flies, whose worms ruin many species of mushroom before they are big enough to eat. (S. 40)

Und obwohl ich schließlich die ornithologischen Feinheiten nur noch quergelesen habe, gab es doch einige Stellen, die ich mir markiert habe. Ich mochte Ansells Stil und seinen feindosierten Humor. Hier eine Auswahl:

One late-autumn day I opened the back door to fetch some water, and there was a young hare sat on my back step. Save for the twitching of its nose, it froze in position as if I had surprised it as it was about to knock. […] I stood there and waited for it to flush. After a while I began to doubt that it would, and squatted down to its level for a closer look, eye to eye. It stared back at me apparently unconcerned, chewing silently, with bulging eyes that were such a rich golden colour they were almost orange, with black depths like the keyhole of a door to another world. […] It seemed like a risky survival strategy, to trust in your camouflage when you are sitting on a doorstep… (S. 182)

The farmer […] had also spent every night of his life on this hillside. He had never been to England, not thirty miles away as the crow flies. He went to Cardiff once, to get his teeth fixed. Didn’t like it. (S. 54)

Nachdem der Nachwuchs eines Vogelpaares das Nest verlassen hat, nimmt Ansell das Nest mit nach Hause und nimmt es auseinander, um herauszufinden, welche Federsorten beim Nestbau verwendet wurden:

This nest was lined with around twelve hundred feathers. […] It took me all afternoon to pick through and sort them, and then I laughed at myself and wondered if I had too much time on my hands. (S. 98)

Als Haupteindruck bleibt, wie reich, schön und bunt und vielfältig die Natur ist, wenn wir denn stille wären, anhielten und uns die Zeit nähmen hinzuschauen.

It is hard to do justice to the beauty of the night sky in these hills. […] If I focused on the space between any two stars, more stars would appear to fill that space, and then still more to fill the spaces between them. The night sky became not a sprinkling of stars against a black backdrop, but a wash of unbroken light. […] I would step outside on a clear night and it would make me gasp. I could never get used to it. And deep in summer, when the Perseids came, there would be shooting stars every few seconds all night long. Drifting through space since time immemorial, then suddenly burning up in a blaze of glory, witnessed by no one save for me, by sheer chance looking at the right spot in the sky at the perfect moment. (S. 127)

Wer zumindest ansatzweise mal sehen möchte, wie das Cottage aussieht, in dem Ansell fünf Jahre gelebt hat, schaue sich dieses Video an.

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Robert Cedric Sherriff: The Fortnight in September (1931)

On rainy days, when the clouds drove across on a westerly wind, the signs of fine weather came from over the Railway Embankment at the bottom of the garden. Many a time, when Mrs. Stevens specially wanted it to clear up, she would look round the corner of the side door and search along the horizon of Railway Embankment for a streak of lighter sky.

Mr. Stevens, der aus einfachen Verhältnissen kommt und sich vom Laufburschen zum Angestellten hochgearbeitet hat, verbringt schon seit 20 Jahren seinen Jahresurlaub an der Küste. Immer im September fahren er, seine Frau und die drei Kinder für 14 Tage in die gleiche Pension ins britische Seebad Bognor.  Also tägliche Spaziergänge auf der Strandpromenade, Musikpavillions, Jahrmarktsrummel, vormittägliches Baden, gutes Essen, das ganze Programm.

Und bei einem dieser Familienurlaube und bei den dazu notwendigen Vorbereitungen – schließlich muss der Kanarienvogel bei der Nachbarin untergebracht, die Versorgung der Katze sichergestellt und der Gepäcktransport zum Bahnhof organisiert werden – begleitet der Leser die Stevens.

Mrs. Stevens wirkt die ganze Zeit ängstlich und in sich gekehrt, schon eine belebte U-Bahn-Station ist ihr ein Graus. Sie gewinnt im Laufe des Buches am wenigsten Kontur. Noch nicht einmal ihre Familie weiß, dass ihr die abendliche Stunde im Urlaub die liebste ist, die sie nach dem Abendessen allein mit ihrem – rein medizinischen – Glas Portwein und einer Handarbeit verbringt.

Und während der zehnjährige Ernie nach einem langen Strandtag schon tief und fest schläft, bummeln die beiden wesentlich älteren Geschwister Dick und Mary noch ein wenig durch den Küstenort und ihr Mann trinkt ein gepflegtes Bierchen in seinem Lieblingspub.

Mr. Stevens ist ein liebevoller Familienvater, zwar ein wenig pedantisch und alles akribisch planend, dabei aber immer daran interessiert, dass jedes Familienmitglied im Urlaub seinen Interessen nachgehen kann, und so verfügt er, dass alle zwei Tage jeder seinem eigenen Tagesprogramm folgt, damit man sich nicht gegenseitig auf die Nerven fällt und, wenn die Familie wieder zusammenkommt, auch etwas zu erzählen hat.

Aber weder er noch seine Frau wissen, was Dick und Mary umtreibt. Die beiden sind seit kurzem berufstätig, wohnen aber noch zu Hause, doch alle ahnen, dass die Zeit der gemeinsamen Familienurlaube in absehbarer Zeit zu Ende gehen wird. Dick ist todunglücklich in seiner Stellung, die er noch nicht lange innehat, doch wagt er nicht, dies seinen Eltern zu gestehen, da sein Vater so stolz ist, ihm diese Stelle verschafft zu haben. Also nutzt Dick den Urlaub auch zum Nachdenken über seine Zukunft.

Mary hingegen lernt eine junge Frau kennen, mit der sie sich anfreundet und abends heimlich den Ort unsicher macht.

Klingt das unspektakulär? Fast ein wenig hausbacken? Ja, sicherlich, und doch hat das Buch – erschienen in der elegant-grauen Reihe der Persephone Books – einen ganz eigenen Reiz.

Der Erzähler lässt seinen Figuren ihre Durchschnittlichkeit, ihre Begrenzung und manchmal ist es auch des Auktorialen ein wenig zu viel. Aber ich mochte sehr, wie die unbändige, fast naive Freude an 14 Tagen Urlaubsfreiheit spürbar und nachvollziehbar wurde. Wie sehr die fünf diese Zeit als Familie genossen und alle kleinen und großen Aufregungen gemeinsam gemeistert und besprochen haben.

Der Horizont der „kleinen Leute“ mag eng sein, so wie metaphorisch schon der Eisenbahndamm am Ende des Gartens die Sicht versperrt, und die Stevens mögen sich durchaus durch Reichtum und selbstsicheres Auftreten anderer beeindrucken und auch einschüchtern lassen; dennoch zeigt der Erzähler ohne falsche Sentimentaliät, dass diese Menschen Arroganz und moralische Leere durchschauen und stolz auf ihre Familie sind.

Mr. Stevens hat z. B. das Ritual, einen Tag im Urlaub ganz allein eine lange Wanderung zu unternehmen, in der er seine Vergangenheit, seine Ehe und im Besonderen das vergangene Jahr Revue passieren lässt. Das richtet ihn wieder aus und versöhnt ihn mit Enttäuschungen und geplatzten Hoffnungen – und macht ihn dem Leser sehr sympathisch.

Sein moralischer Kompass wird auch noch einmal gefordert, als der Niedergang ihrer Pension immer offensichtlicher wird und er und seine Frau vor der Frage stehen, ob sie wohl nächstes Jahr wiederkommen und ihrer kranken Pensionswirtin die Treue halten oder – wie andere Stammgäste – sich eine andere Bleibe suchen werden.

Der Haupteindruck, der von der Lektüre zurückbleibt, ist der, dass Sherriff ein freundliches Buch geschrieben hat. Nicht platt, keine heile Welt, sicherlich auch keine Weltliteratur, aber ein freundliches, ein menschenfreundliches Buch.

Und letztendlich gilt es doch für uns alle, was Mr. Stevens am letzten Abend  durch den Kopf geht:

The first evening came back to him very clearly as he sat in the armchair to finish his pipe before going up to bed. He had known on that first night how quickly the holiday would slip away, and had pictured himself as he would be sitting on the last evening, looking back with mingled pleasure and sadness. (S. 319)

Das Buch war damals ein unglaublicher Überraschungserfolg, wurde sogar von der Kritik begeistert aufgenommen, in mehrere Sprachen übersetzt und erschien 1933 in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel Badereise im September.

Walter Benjamin hat damals den Roman besprochen und sah in ihm besonders die Fähigkeit der „kleinen Leute“ verkörpert, sich ihren Alltag durch kleine Fluchten und Tagträumereien erträglich zu machen.

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Jim Powell: Things we nearly knew (2018)

Arlene came from Pittsburgh. At least, that’s my provisional opinion. It’s one of the many things about Arlene that remain uncertain. I asked her a few times, like we all did, and never got an answer. Not a direct answer. ‚I come from somewhere out there;‘ she said on one occasion. Don’t we all?

So beginnt ein ganz berückender Roman, der mir vor allem auf Grund der Stimme des Ich-Erzählers noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Der Erzähler, um die 50, hat aus Gründen, die er uns später erzählen wird, irgendwann seinen Job als Lehrer aufgegeben und betreibt nun schon seit 15 Jahren zusammen mit seiner Frau Marcie eine Bar in ihrer kleinen amerikanischen Heimatstadt. Da die beiden im hinteren Teil des Gebäudes ihre Wohnung haben, kreist quasi ihr ganzes Leben um die Bar und ihre Gäste, obwohl sie in der Stadt durchaus noch alte Freunde haben.

I tend to put customers into boxes. There are the regulars, the ones that turn up several times a week, the ones that think this entitles them to a piece of us […]. There are the semi-regulars, the ones I see a few times each month, whose names I know, if I can remember them, whose stories I know, if I don’t confuse them with someone else’s. Then there are the strangers, the ones who turn up once or twice and are gone in the wind. These are the evening customers I’m talking about. […] The ones who belong in a box are Marcie and me. We’re the ones who live here, who work here, who spend our lives in the place. Others flow in and out, at times of their own choosing, with no respect for boxes and labels. The most loyal of them begin as strangers. You see them for the first time with no idea if you’ll see them again. Later, when you feel you’ve known them your entire life, you forget that you once met them for the first time, and you forget what impression they made on you, or whether you liked them. You like them now, that’s for sure, or at least you go out of your way to notice their good points. (S. 10)

Doch den Abend, an dem Arlene, eine attraktive Vierzigjährige, das erste Mal die Bar betritt, wird der namenlose Ich-Erzähler nicht so rasch vergessen. Arlene ist auf der Suche nach einem Jack, doch weitere Details zu ihrem Leben lassen sich ihr auch in den nächsten Monaten nur spärlich entlocken.

I can’t deny I was soft on her. It wasn’t just that she was good-looking, and sexy as hell. There was some other quality to Arlene that made me feel protective toward her. I don’t think I was alone in that. I think every guy felt the same way. Arlene was someone who invited protection, then declined it when it was offered. Not that it was on offer from me. There are lines and barriers, and it’s as well to respect them. Still, Marcie sensed my feelings that night. (S. 6)

Marcie kommentiert das Interesse ihres Mannes an der immer so heimatlos-verloren wirkenden Arlene freundlich-spöttisch, ohne sich dabei Sorgen um ihre Ehe zu machen.

We allow each other our fantasies, such as they are, and don’t feel threatened by them. Jealousy doesn’t come into it. Besides, Arlene was no more likely to want me than the young men with big muscles and tight sweatshirts were likely to want Marie. Our feet are on the ground. We know our market value. Neither of us has grabbed a bargain, but we’ve each got good value. (S. 7)

In den folgenden neun Monaten entfaltet sich, unter anderem durch die Rückkehr eines stadtbekannten Womanizers, um Arlene ein Gewirr an Fragen, Beziehungen, Gesprächen, Ereignissen und Mutmaßungen, die Marcie und ihr Mann abends noch einmal Revue passieren lassen. Überhaupt mochte ich, wie diese beiden gemeinsam durchs Leben gehen. Nicht unbedingt die große Hollywoodleidenschaft, aber unglaublich einander zugewandt, einander ergänzend, einander bedürfend.

Dabei wird es für die beiden zunehmend schwieriger, emotionalen Abstand zu wahren. Die Geschehnisse rücken auch ihnen näher. Und der Erzähler, der so abgeklärt freundlich auf seine Gäste und seine eigene Ehe schaut, wird am Ende Dinge wissen, die er nie hatte wissen sollen.

Und dazu diese lakonische Ausdrucksweise.

I’ve not said much about Davy till now. The first time he came into the bar, he was unconscious. I’ve known customers who arrived vertical and left horizontal. This was the only time it happened the other way around. (S. 35)

Ein feines Buch, in dem die durchaus dramatischen Ereignisse weniger wichtig sind, als dieser hinreißende, leicht melancholische Erzähler und Alltagsphilosoph, der so gerne mehr über Arlene erfahren hätte und der mir meinetwegen auch das Telefonbuch hätte erzählen können.

The way we behave as kids is most truly how we are. Everything that comes after is a disguise, or an effort. It’s a compromise between the person we are and the person the world needs us to be. When you’ve known someone as a child, you’ve known them from before the time they learned to dissemble. (S. 60)

Bei so einem Roman ist es umso verwunderlicher, dass der Autor das letzte Kapitel, überflüssig und melodramatisch bis zum dorthinaus, wie aus einer sehr, sehr schlechten Schreibschule, nicht einfach weggelassen hat. Aber beim Wiederlesen kann ich ja einfach rechtzeitig aufhören.

In the end, we are alone. It’s how we arrive and it’s how we depart. The journey between is little more than pulling tattered fabric about us as protection from the chill of the high lonesome. I have no complaints, but somewhere I’ve been missing the point. There are so many things that aren’t right in the world, and never have been right. I was going to say; ‚And never will be right,‘ but I’m not that big a pessimist. (S. 267)

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