Agatha Christie: Absent in the Spring (1944)

Agatha Christie hat neben ihren Detektivromanen auch einige andere Bücher unter dem Pseudonym Mary Westmacott geschrieben, die so gar nichts mit cosy crime zu tun haben.

Und dieser Roman um die wohlsituierte Anwaltsgattin Joan Scudamore – im Deutschen unter dem Titel Ein Frühling ohne dich erschienen – hat mir richtig gut gefallen. Hier wird die Spannung nur dadurch erzeugt, dass wir einer ziemlich selbstgefälligen Protagonistin ein paar Tage Gesellschaft leisten, in der sie von äußeren Zerstreuungen vollständig abgeschnitten ist.

Joan Scudamore ist auf der Rückreise von einem Krankenbesuch bei ihrer in Bagdad lebenden Tochter, doch dummerweise ist die Eisenbahnstrecke durch heftige Regenfälle für ein paar Tage unpassierbar und sie strandet in einer einfachen Herberge in der Wüste nahe der türkischen Grenze.

Das Problem: Sie ist der einzige Gast, Besitzer und Angestellte der Herberge sprechen nur rudimentär Englisch und fallen als Gesprächspartner aus, ihre restliche Reiselektüre ist schon am ersten Tag ausgelesen. So bleiben zum Zeitvertreib nur kurze Spaziergänge, ein paar Briefe und vor allem ihre Erinnerungen, ungebetene Gedankenfetzen und Assoziationen, die dem Leser nach und nach offenbaren, was für eine Frau sie eigentlich ist.

Es wäre schade, hier mehr zum Inhalt zu verraten, denn wie es Christie gelingt, zu zeigen, dass es da – gelinde gesagt – eine gewisse Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung Joans und dem Eindruck gibt, den sie tatsächlich auf Familie und Bekannte macht, ist großes Kino. Eines der harmloseren Beispiele dafür findet sich, als eines Tages Joan und ihr Mann Rodney zufällig auf ein bestimmtes Sonnett von Shakespeare zu sprechen kommen. Aus dem Stand ist sie in der Lage, das Gedicht fehlerlos zu rezitieren.

She finished, giving the last lines full emphasis und dramatic fervour. ‚Don’t you think I recite Shakespeare rather well? I was always supposed to at school. They said I read poetry with a lot of expression.‘

But Rodney had only answered absently, ‚It doesn’t really need expression. Just the words will do.‘ She had sighed and murmured, ‚Shakespeare is wonderful, isn’t he? And Rodney had answered, ‚What’s really so wonderful is that he was just a poor devil like the rest of us.‘

‚Rodney, what an extraordinary thing to say.‘ (S. 73)

Das Buch liest sich bis zum Ende mindestens so spannend wie ihre besten Kriminalromane. Ein empfehlenswerter kleiner Roman, in dem sich Christies Begabung für Dialoge und das, was zwischen den Zeilen steht, bestens ergänzen.

Und es ist auch ein bisschen unheimlich: Joan ist kein Monster, sondern ganz normal, ganz alltäglich, in ihrer Eitelkeit, Besserwisserei und Blindheit gegenüber den eigenen Motiven. Man schüttelt sich und fragt sich unwillkürlich, was wohl unsere Familienangehörigen, Kollegen und Freunde so wirklich über uns denken.

Nachdem ich das geschrieben hatte, stöberte ich in Agatha Christies Autobiografie und siehe da, Absent in the Spring ist das Buch, mit dem sie persönlich besonders zufrieden war.

… the book that I had always wanted to write, that had been clear in my mind. […]

It was going to be technically difficult to do, the way I wanted it; lightly, colloquially, but with a growing feeling of tension, of uneasiness, the sort of feeling one has – everyone has, sometime, I think – of who am I? What am I like really? What do all the people I love think of me? Do they think of me as I think they do?

I wrote that book in three days flat. […] I don’t know myself, of course, what it is really like. It may be stupid, badly written, no good at all. But it was written with integrity, with sincerity, it was written as I meant to write it, and that is the proudest joy an author can have.

 

Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln (OA 1851)

Es missfällt einem Autor sehr, der sich bemüht, die Natur in all ihren Erscheinungsformen und Umständen mit realistischem Strich und in den echten Farben darzustellen, dass die reinste Erhabenheit, die sich im Leben finden lässt, hoffnungslos mit so viel Gewöhnlichem und Lächerlichem vermischt ist. Wie können wir etwa einer solchen Szene tragische Würde verleihen! Wie bringen wir es fertig, unserer Geschichte von der Sühne für einstige Sünde Größe zu verleihen, wenn wir gezwungen sind, als eine der Hauptfiguren nicht etwa eine junge, hübsche Frau – ja nicht einmal eine einstige Schönheit, würdevoll gramgebeugt – zu präsentieren, sondern eine hagere Jungfer mit fahlem Taint und knarrenden Gelenken, im Seidenkleid mit hoher Taille und einem monströsen Turban auf dem Kopf. […] Und ist es wirklich die Tragik ihres Lebens, wenn sie nach sechzig Jahren Untätigkeit mit der Eröffnung eines Kramladens ein besseres Auskommen sucht? Doch wenn wir die Heldengeschichten der Menschheit anschauen, finden wir überall diese Vermischung des Gewöhnlichen und Banalen mit den edelsten Gefühlen der Freude oder des Leids. Das Leben besteht aus Marmor und aus Dreck. Und wäre unser Vertrauen in ein allumfassendes Erbarmen über uns nicht stärker, würden wir wohl mit gutem Grund ein beleidigend höhnisches Grinsen und eine grimmige Fratze im ehernen Antlitz des Schicksals vermuten. Die Gabe des Dichters besteht darin, in diesem Reich der sonderbar verworrenen Elemente Schönheit und Erhabenheit zu entdecken, die ein so schäbiges Kleid tragen müssen. (zitiert nach der Irma Wehrli übersetzten Ausgabe des Manesse Verlages, 2004/2014, S. 62 – 63)

So weit zu der bedauernswerten Hepzibah, der ärmlichen Bewohnerin des uralten Hauses, und einigen poetologischen Gedanken, mit denen Nathaniel Hawthorne in seinem amerikanischen Klassiker Das Haus mit den sieben Giebeln die Leser traktiert. Die Originalausgabe erschien 1851.

Auf Sätze & Schätze erschien unlängst eine informative und lesenswerte Besprechung zu diesem Werk, sodass ich mich hier zu meiner und eurer Freude kurz fassen kann.

Mir ging es ganz anders als Birgit: Dieses Buch und ich sind keine Freunde geworden. Statt mich gepflegt zu gruseln, die Geister des Hauses zu spüren oder wenigstens in irgendeiner Weise Anteil am Schicksal der Protagonisten zu nehmen, beschlich mich eine Düsternis ganz anderer Art: Ich habe mich entsetzlich gelangweilt, die Seiten blätterten sich immer langsamer um, bis ich mich völlig ermattet dabei ertappte, nur noch querzulesen.

Der Erzähler musste sich immer wieder in den Vordergrund drängen und mir viel zu viel erklären anstatt es anschaulich zu machen, und die Handlung schlurfte so unentschlossen zwischen Motiven der Gothic Literature, feineren Pinselstrichen und aufdringlichen Erzählerkommentaren dahin, dass ich schließlich nicht anders konnte, als das Buch zur Seite zu legen.

Fundstück von Ruby Ferguson

Leider war Ruby Ferguson (1899 – 1966) ihrer eigenen Romanidee in Lady Rose and Mrs Memmary (1937) nicht durchgehend gewachsen. Es gab einfach zu viel Süßlichkeit, besonders in der oberidyllischen Kindheit der adligen Lady Rose – was von wohlmeinenden Geistern gern als „Märchenhaftigkeit“ verbrämt wird -, eine eiskalte Mutter, ein Hauch von Effie Briest und die wirklich albernste und unglaubwürdigste Szene einer Liebe auf den ersten Blick, die mir je untergekommen ist.

Anscheinend konnte sich Ferguson nicht so recht entscheiden, was für eine Art von Geschichte sie denn nun eigentlich erzählen wollte. Schade eigentlich, denn das Buch hätte durchaus das Potential gehabt, ein netter Schmöker zu werden.

Da konnte auch die Verschränkung zweier Zeitebenen, die ich hier ganz gelungen fand, nicht mehr viel retten: Drei Touristen entdecken Mitte der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts auf einer Spazierfahrt durch Schottland das einsam gelegene Herrenhaus Keepsfield, das zu vermieten wäre, und lassen sich von der alten Mrs Memmary, die sich um das Haus kümmert, die Geschichte der einstigen Besitzer erzählen.

So hätte ich das Buch gar nicht weiter erwähnt, aber Stellen wie die folgende zeigen, dass die Autorin durchaus schreiben konnte und was für ein Buch es hätte werden können:

Rose indulged in the most romantic dreams about marriage. Of course they were all delightfully vague and abstract, and for all practical purposes they began and ended with white satin and pearls and sheaves of flowers at St. George’s, and red carpet in front of Aunt Violet’s house in Belgrave Square, and tears, and hundreds of presents. After that came a kind of ideal and undefined state in which you lived blissfully under a new name, and had your own carriage, and didn’t have to ask permission from Mamma when you wanted to go out. Floating airily through all this, of course, was a man. He was not like any man you had ever seen; they were just men. This man – your husband, queer, mysterious word – was hardly human at all. He was dreadfully handsome, and a little frightening, but of course you didn’t see very much of him. When you did see him there were love scenes. He always called you „my darling“ in a deep, tender voice; and he gave you jewels and flowers, and sometimes went down on his knees to kiss your hand. All this came out of the books you had read. Some day, almost any time after you were presented and began to go about with Mamma, you would suddenly meet this marvellous being. You would be in love. You would be married. And that was the end, except that, of course, you would live happily ever after. (S. 112)

 

Sam Selvon: The Lonely Londoners (1956)

Einundsechzig Jahre hat es gedauert, bis nun endlich The Lonely Londoners – der britische Klassiker um Immigranten in London, erschienen 1956 – ins Deutsche übersetzt wurde.  Das englische Original von nur 139 Seiten beginnt mit den Worten:

One grim winter evening, when it had a kind of unrealness about London, with a fog sleeping restlessly over the city and the lights showing in the blur as if is not London at all but some strange place on another planet, Moses Aloetta hop on a number 46 bus at the corner of Chepstow Road and Westbourne Grove to go to Waterloo to meet a fellar who was coming from Trinidad on the boat-train.

Selvon (1923 – 1994) verarbeitet darin eigene Erfahrungen, auch er wanderte in den 1950er Jahren aus Trinidad nach Großbritannien ein, als es für die Einwohner der ehemaligen Kolonien des Empire noch keine Einwanderungsbeschränkungen gab.

Zusammengehalten wird das Werk durch die Figur des Moses Aleotta, ebenfalls aus Trinidad, der schon seit zehn Jahren in London lebt und sich als widerwillig-hilfsbereiter Genosse zeigt, wenn es darum geht, den immer zahlreicher werdenden Neuankömmlingen mit Informationen zur Seite zu stehen. So begleitet er auch Henry, den er am Bahnhof abgeholt hat, zum Ministry of Labour.

It ain’t have no place in the world that exactly like a place where a lot of men get together to look for work and draw money from the Welfare State while they ain’t working. Is a kind of place where hate and disgust and avarice and malice and sympathy and sorrow and pity all mix up. Is a place where everyone is your enemy and your friend. (S. 27)

Jeden Sonntagmorgen treffen sich in Moses‘ kleinem schäbigen Zimmer – zu mehr hat er es in all den Jahren nicht gebracht – seine Freunde und Bekannten und tauschen Neuigkeiten über Arbeit, Zimmersuche, Frauen und die Heimat aus.

Moses ist auch derjenige, der sich keinen Illusionen mehr hingibt, er weiß um den Rassismus, der ihnen unvermutet überall entgegenspringen kann, auch wenn er sich höflicher tarnt als der in Amerika. Er weiß, welche Probleme es gibt, wenn ein Einwanderer ein weißes Mädchen heiraten will: Entweder wird er vom Vater des Mädchens aus dem Haus geworfen oder, wenn das Mädchen standhaft ist, werden die Kinder des Paares später als Darkies beschimpft.

Moses ist ein interessanter Charakter, der seine Situation in ihrer Widersprüchlichkeit reflektiert, z. B. wenn er versucht, sich darüber Rechenschaft zu geben, warum er nie zurückgegangen ist, obwohl sich die Träume auf Wohlstand und Anerkennung nicht erfüllt haben.

‚Sometimes I look back on all the years I spend in Brit’n,‘ Moses say, ‚and I surprise that so many years gone by. Looking at things in general life really hard for the boys in London. This is a lonely miserable city, if it was that we didn’t get together now and then to talk about things back home, we would suffer like hell. Here is not like home where you have friends all about. … (S. 126)

Er fungiert gleichsam als Klammer für viele andere Geschichten und Schicksale, von denen er hört, die er miterlebt und kommentiert. Dabei nimmt er geradezu stoisch zur Kenntnis, dass einzelne kiffende Faulpelze und Sozialleistungen-Schnorrer die Vorurteile gegenüber allen Farbigen befördern und dass harte Arbeit kein Garant fürs Vorwärtskommen ist.

Oft genug ist Moses die Stimme der Vernunft, doch er hat sich damit abgefunden, dass kaum jemand auf ihn hört. Und Henry Oliver, den er am Bahnhof abholen soll, wird von ihm nur „Galahad“ genannt, weil der sich weigert, die Dinge so nüchtern-abgeklärt wie Moses zu sehen.

Things does have a way of fixing themselves, whether you worry or not. If you hustle, it will happen, if you don’t hustle, it will still happen. Everybody living to dead, no matter what they doing while they living, in the end everybody dead. (S. 52)

Wir erfahren nicht nur von Lewis, der seine Frau so lange verprügelt, bis sie ihn verlässt, sondern auch von der hinreißenden Tanty, die zu stolz ist, zuzugeben, wie viel Angst ihr U-Bahn und Busfahren machen. Wir erfahren von Einwanderern, die so hungrig sind, dass sie eine Taube im Park fangen und dann als Monster beschimpft werden.

Und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit eröffnen Einwanderer die ersten Geschäfte, z. B. mit bestimmten Lebensmitteln, und tragen so zu einer bunteren britischen Gesellschaft bei. Das liest sich unglaublich spannend, so als säße jemand bei uns im Zimmer und würde uns erzählen, wie das damals war, auch wenn zwischenzeitlich mal der rote Faden ein bisschen verloren geht und man von einer Episode zur nächsten hüpft.

The Lonely Londoners handelt aber nicht nur von Tristesse, Armut und Problemen, es ist auch eine Liebeserklärung an London, eine Stadt, die auf viele Einwanderer wie ein Zauber, ein Versprechen wirkt, dem sie sich selbst nach Jahren nicht entziehen können. Irgendwann wird die Fremde quasi notgedrungen zur – wenn auch nicht unbedingt geliebten – Heimat.

The changing of the seasons, the cold slicing winds, the falling leaves, sunlight on green grass, snow on the land, London particular. Oh what it is and where it is and why it is, no one knows, but to have said: ‚I walked on Waterloo Bridge,‘ ‚I rendezvoused at Charing Cross,‘ ‚Piccadilly Circus is my playground,‘ to say these things, to have lived these things, to have lived in the great city of London, centre of the world. […] Why is it, that although they grumble about it all the time, curse the people, curse the government, say all kind of thing about this and that, why is it, that in the end, everyone cagey about saying outright that if the chance come they will go back to them green islands in the sun? (S. 133 – 134)

Und das Buch zeigt eine unbändige Lebensfreude, der kleinste Anlass wird genutzt, um zu feiern, zu trinken, zu tanzen, sich schöne Anzüge schneidern zu lassen, hübsche Frauen abzuschleppen, sich wie verrückt auf den Sommer zu freuen, wenn man wieder in die Parks geht und sich mit seiner Freundin verabredet, zu einer Party, einem Theater- oder Kinobesuch. Doch manchmal schimmert hinter all den Vergnügungen auch die Verzweiflung auf, nicht wirklich zur englischen Gesellschaft zu gehören.

Am Ende öffnet der Autor in den Überlegungen Moses das Buch sogar auf eine ganz andere Dimension hin:

Under the kiff-kaff laughter, behind the ballad and the episode, the what-happening, the summer-is-hearts, he could see a great aimlessness, a great restless, swaying movement that leaving you standing in the same spot. (S. 139)

Zur literaturgeschichtlichen Bedeutung und Sprache des Romans

Das Buch ist in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes:

Its publication marked the first literary work focusing on poor, working-class blacks in the beat writer tradition following the enactment of the British Nationality Act 1948. (Wikipedia)

Zum anderen hat Selvon hier eine Sprache gefunden, die seinen Protagonisten entspricht: ein Dialekt, der den Redegewohnheiten der Einwanderer abgelauscht ist und damit authentisch und ganz lebendig klingt. Selvon hat dazu in einem Interview Folgendes gesagt:

When I wrote the novel that became The Lonely Londoners, I tried to recapture a certain quality in West Indian everyday life. I had in store a number of wonderful anecdotes and could put them into focus, but I had difficulty starting the novel in straight English. The people I wanted to describe were entertaining people indeed, but I could not really move. At that stage, I had written the narrative in English and most of the dialogues in dialect. Then I started both narrative and dialogue in dialect and the novel just shot along. (Michel Fabre, „Samuel Selvon: Interviews and Conversations“, in Susheila Nasta, ed., Critical Perspectives on Sam Selvon, Washington, Three Continents Press, 1988; p. 66, zitiert nach der englischen Wikipedia)

Für den deutschen Leser erschließen sich unbekannte Ausdrücke aber fast immer durch den Kontext. Allerdings gibt es auch eine Stelle, da geht ein Satz über mehrere (!) Seiten, und zwar ohne ein einziges Komma. Das ist beim Lesen schon reichlich mühsam, fängt aber möglicherweise das Gefühl des traumartigen, ungeordneten und manchmal haltlosen Lebens ganz gut ein.

Das Buch ist nun über 60 Jahre alt und doch zeitlos, denn für Einwanderer, Flüchtlinge und Asylsuchende gilt – egal wo – sicherlich noch immer:

When Moses did arrive fresh in London, he look around for a place where he wouldn’t have to spend much money, where he could get plenty food, and where he could meet the boys and coast a old talk to pass the time away – for this city powerfully lonely when you on your own. (S. 29)

Wer ein paar kurze Informationen zum geschichtlichen Hintergrund sucht, wird hier fündig und hier geht’s lang zu einer treffenden Rezension von Helon Habila aus dem Guardian vom 17. März 2007. Die Folgebände heißen Moses Ascending (1975) und Moses Migrating (1983).

Besprechungen der deutschen Ausgabe gibt es bei:

Und hier noch ein Gespräch mit der Übersetzerin Miriam Mandelkow.

Ungelöst bleibt allerdings noch die Frage, wie und warum aus den „lonely Londoners“ des Originaltitels plötzlich die harmlosen oder nichtsnutzigen „Taugenichtse“ wurden …

Elizabeth Fair: A Winter Away (1957)

Heute gibt es einen schönen kleinen Schmöker, dessen Ton bereits auf der ersten Seite deutlich wird:

Maud had been in the house less than an hour, but she had already made out that Puppy and Wilbraham were alternative names for the same animal. He was Wilbraham to Cousin Alice and Puppy to Miss Conway. She had not seen him yet but she gathered from their talk that he was their joint property and that they had had him for seven years. Puppyhood must be far behind him, but perhaps he was exceptionally skittish for his age; or perhaps Miss Conway disliked being reminded of the passage of time. (S. 1)

Maud Ansdell, die gerade zwanzig geworden ist, zieht also als Untermieterin bei Alice, der älteren Cousine ihres Vaters, und deren 43-jähriger Gesellschafterin Miss Conway ein. Denn Cousine Alice hat Maud ihre erste Arbeitsstelle als Sekretärin bei Nachbar Marius Feniston vermittelt.

Feniston, der hinter seinem Rücken von allen nur „old M.“ genannt wird, ist ein wohlhabender und sehr durchsetzungsfreudiger älterer Herr.

‚My last secretary was thirty-five,‘ old M. said gloomily, ‚and no more sense than a child of ten. Or else she wasn’t all there. You all there?‘ he asked suddenly, giving Maud a searching look. ‚No banging your head on the table? No throwing the china at me? Hey?‘ (S. 18)

Sein prächtiges Herrenhaus lässt er aus Geiz vergammeln, mit seinem gut aussehenden Neffen hat er seit Jahren kein Wort mehr gewechselt und sein Sohn Oliver scheint auf den ersten Blick ein eulenhafter Langweiler zu sein.

Nach und nach gewinnt Maud eine Freundin und lernt mit old M. auszukommen. Sie muss sich nicht nur im komplizierten Geflecht zwischen Cousine Alice und Miss Conway, sondern auch im Durcheinander der kleinen dörflich geprägten Gemeinde zurechtfinden.

Aber das Entscheidende an dem Buch ist ohnehin nicht der Inhalt, sondern die Art und Weise, wie uns hier ein kleines Stückchen Welt präsentiert wird.

Liebenswürdig und mit feinen Charakterschilderungen von Menschen, die wir mit ihren kleinen und größeren Schrullen sofort wiedererkennen. Dabei werden allerdings die Abgründe, die die Protagonisten bei sich selbst nicht wahrhaben wollen, nicht verschwiegen.

Fairs Humor, der nie ins Alberne abrutscht, kommt besonders in den Dialogen zum Tragen und sie hat die Fähigkeit, aus wirklich unbedeutenden Geschehnissen großes Kino zu machen.

Als Maud bei Nachbarn Zeuge eines völlig harmlosen Unfalls wird, entsteht in beinahe loriothafter Zwangsläufigkeit eine Kettenreaktion, die mit den Worten endet:

Explanations must wait till the morning, Cousin Alice had insisted. As it was they had been up half the night, calming Miss Conway, removing thorns from her person and sponging her scratches, and persuading her to accept a hot-water bottle, a glass of hot milk, and three biscuits.
‘I’m perfectly all right.’ Miss Conway had repeated frequently, though even to Maud’s eyes she looked all wrong.

Kurzgesagt: Kein großer gesellschaftskritischer Roman, keine Lektüre, nach der ich die Welt anders sehe. Und selbst in den fünfziger Jahren, in denen Elizabeth Fair ihre sechs kleinen Romane veröffentlichte, dürften ihre Bücher schon ein bisschen provinziell-idyllische Patina gehabt haben.

Also kein Fünf-Gänge-Menü, sondern eher so ein fluffig-luftiger Schokoladenpudding oder wie die Lieblingsstrickjacke. Aber manchmal muss es eben unbedingt ein Schokoladenpudding sein.

Und ich habe es bedauert, als dieser kleine, feine Roman von 221 Seiten, der mich abwechselnd an Jane Austen, Barbary Pym und Alexander McCall Smith erinnerte, schon zu Ende war.

BOOK SNOB ging es anscheinend ganz ähnlich:

…this is a hilarious, witty and wonderfully warm story about a number of misfits whose convergence in a corner of rural Dorset leads to just the sort of trifling yet utterly absorbing events that make up the often ridiculous course of everyday life. This is the perfect antidote to current affairs: it’s light and wonderfully funny, but also very well written and sensitively observed. I adored every moment, and felt quite bereft at leaving the world of the characters behind.

Ich vermute, dass die Autorin, die 1997 verstarb, nach 1960 keinen Roman mehr veröffentlicht hat, weil sich dann Verleger- und Publikumsgeschmack doch grundsätzlich wandelten. Umso schöner, dass ihre sechs Romane nun neu aufgelegt wurden.

Nachtrag

The Native Heath (1954) war mir zu glatt, zu harmlos.

Der letzte Roman der Autorin The Mingham Air (1960) hatte deutliche Schwächen. Nicht alle Figuren waren organisch in die Handlung integriert. Das Buch wirkte wie aus Einzelteilen zusammengeschustert.

Mit Seaview House (1955) und Landscape in Sunlight (1953) gab es aber wieder uneingeschränktes Lesevergnügen.

Julie Otsuka: The Buddha in the Attic (2011)

On the boat we were mostly virgins. We had long black hair and flat wide feet and we were not very tall. Some of us had eaten nothing but rice gruel as young girls and had slightly bowed legs, and some of us were only fourteen years old and were still young girls ourselves. Some of us came from the city, and wore stylish city clothes, but many more of us came from the country and on the boat we wore the same old kimonos we’d been wearing for years – faded hand-me-downs from our sisters that had been patched and redyed many times.

So beginnt ein höchst erstaunlicher Roman der amerikanischen Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln. Katja Scholtz übersetzte Wovon wir träumten ins Deutsche. Noch nie habe ich ein Buch aus dieser Perspektive gelesen, und in einer Rezension im Observer stand, dass ein solches Vorhaben eigentlich nicht gelingen könne, und uns die Autorin zeigt, dass es eben doch funkioniere, doch dazu später mehr.

Zum Inhalt

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts begeben sich viele junge Japanerinnen als sogenannte picture brides auf die beschwerliche Schiffsreise nach Kalifornien, um dort japanische Einwanderer zu heiraten, die sie nur von den Fotos der Heiratsvermittler kennen. Dort angekommen, müssen viele von ihnen feststellen, dass die Fotos zum Teil schon Jahrzehnte alt sind, dass nicht das große oder kleine Liebesglück mit Häuschen und Tulpen im Vorgarten auf sie wartet, sondern Knochenarbeit auf den Feldern, Armut und schweigsame oder trinkende Männer. Sie lernen die Sprache nur unzureichend. Und nur sehr sehr allmählich stabilisieren sich die Verhältnisse.

Manchmal können von den geringen Ersparnissen die ersten eigenen Lokale und Wäschereien eröffnet werden. Manch eine findet eine Anstellung in einem weißen Haushalt (samt der Nachstellungen des Hausherrn). Nachwuchs stellt sich ein, der bald eher amerikanisch als japanisch redet und sich oft genug seiner Herkunft schämt. Die Frauen bleiben – wenn auch als zuverlässige, billige und arbeitsame Arbeitskräfte geschätzt – immer geduldete Außenseiter. Das ändert sich im Zweiten Weltkrieg. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour beginnt eine hysterische Kampagne. Alle Japaner im weiteren Westküstenbereich werden der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt und interniert oder umgesiedelt. Die Nachbarn schauen zu und nehmen’s hin.

Fazit

Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist die Perspektive. Konsequent wird aus der „Wir-Perspektive“ geschrieben und so verschmelzen unzählige Stimmen zu einem gewaltigen Chor, in dem das einzelne, individuelle Schicksal eingebettet wird in einen nicht abreißenden Strom, und zwar, ohne dass es dadurch unpersönlich oder langweilig würde. Die Traumata solcher Lebensgeschichten werden in den Träumen und dem Heimweh spürbar:

And when we’d saved up enough money to help our parents live a more comfortable life we would pack up our things and go back home to Japan. It would be autumn, and our fathers would be out threshing in the fields. We would walk through the mulberry groves, past the big loquat tree and the old lotus pond, where we used to catch tadpoles in spring. Our dogs would come running up to us. Our neighbours would wave. Our mothers would be sitting by the well with their sleeves tied up, washing the evening’s rice. And when they saw us they would just stand up and stare: „Little girl,“ they would say to us, „where in the world have you been?“ (S. 53)

Nachgetragen sei hier noch das Gedicht von Mizuta Masahide (1657 – 1723), das die Autorin ganz an den Anfang ihres Romans stellt:

Barn’s burnt down —
now
I can see the moon.

Hätte ich vorher gewusst, welche Erzählperspektive Otsuka gewählt hat, ich wäre skeptisch gewesen. Doch das Vorhaben ist ihr gelungen. Elizabeth Day schreibt im Observer am 8. April 2012:

Instead of a single, named protagonist, Otsuka writes in the first personal plural through a series of thematic chapters. Such a device shouldn’t work but does. Although there are no dominant characters, Otsuka’s brilliance is that she is able to make us care about the crowd precisely because we can glimpse individual stories through the delicate layering of collective experience.

Zu Recht ist sie für dieses Buch nicht nur unter die fünf Finalisten des National Book Award 2011 gekommen, sie hat auch den PEN/Faulkner Award for Fiction und den David J. Langum Sr. Prize verliehen bekommen, einen amerikanischen Literaturpreis für Werke, die sich mit geschichtlichen Themen befassen. Johan Dehoust schreibt am 13. August 2012 im Spiegel:

Julie Otsuka stützt sich auf echte Schicksale, im Nachwort des Romans listet sie akribisch die historischen Quellen auf, auf die sie zurückgegriffen hat. Und nach ihrer Recherche scheint sie entgegen aller Erzählprinzipien beschlossen zu haben, so viele Figuren auftauchen zu lassen wie möglich. Dass man ihr Buch deshalb nicht völlig verwirrt über die Bettkante wirft, liegt neben Otsukas einzigartiger Sprache vor allem an der Perspektive: Die jungen Frauen sprechen in der Wir-Form, wie ein mächtiger, orakelhafter Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt.

Auch ihr erster Roman When the Emperor was Divine (2002) befasst sich mit der Geschichte japanischer Einwanderer in Amerika, diesmal zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Sie verarbeitet darin Erfahrungen ihrer eigenen Familie: „… her grandfather was arrested by the FBI as a suspected spy for Japan the day after Pearl Harbor was bombed, and her mother, uncle and grandmother spent three years in an internment camp in Topaz, Utah“ (siehe die Homepage der Autorin).

Wer mehr  zum geschichtlichen Hintergrund wissen möchte, sei noch auf den Wikipedia-Artikel hingewiesen: Internierung japanischstämmiger Amerikaner.

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Margery Allingham: The Crime at Black Dudley (1929)

Margery Allingham (1904-1966) war eine der vier Queens of Crime des Golden Age of detective fiction – neben Agatha Christie, Ngaio Marsh und Dorothy L. Sayers.

Diese sich an bestimmen Konventionen und Spielregeln orientierenden Krimis mit britischem Lokalkolorit, Humor und vielen einsam gelegenen Landhäusern hatten ihre Blütezeit vor allem in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, auch wenn es, wie uns der Wikipedia-Eintrag verrät, anscheinend sogar japanische Autoren gibt, die in diesen Spuren wandeln.

Wenn mir Zeit und Konzentration für längere oder anspruchsvollere  Bücher fehlen, dann sind solche Krimis wie die um den adligen Albert Campion genau das Richtige. Sein erster Auftritt in The Crime at Black Dudley ist nicht gerade schmeichelhaft, was sicherlich auch daran liegt, dass ihm zunächst gar nicht die Hauptrolle zugedacht war. Er schwatzt viel albernes Zeug und wirkt auf den ersten Blick arglos und nicht besonders intelligent, was für seine Nachforschungen natürlich oft von Vorteil ist.

‚His name is Albert Campion,‘ she said. ‚He came down in Anne Edgeware’s car, and the first thing he did when he was introduced to me was to show me a conjuring trick with a two-headed penny – he’s quite inoffensive, just a silly ass.‘ Abbershaw nodded and stared covertly at the fresh-faced young man with the tow-coloured hair and the foolish, pale-blue eyes behind tortoiseshell-rimmed spectacles, and wondered where he had seen him before. The slightly receding chin and mouth so unnecessarily full of teeth was distinctly familiar.

Doch die Verleger fanden rasch Gefallen an ihm und so geht Allingham in den nächsten Büchern auch ein bisschen gnädiger mit seinem Äußeren um. Sein Butler und Leibwächter ist ein ehemaliger Krimineller und hört auf den hübschen Namen Magersfontein Lugg. Campion hat, wie könnte es anders sein, beste Kontakt zu Scotland Yard.

Die Plots bei Allingham sind oft durchdachter und schlagen mehr Haken als bei Agatha Christie. Alles in allem eine schöne, entspannende Entdeckung im Cosy Crime Bereich.

Und die Hauptrolle in der BBC-Serie (1989/1990) spielte Peter Davison. Ja, genau, der, der auch Tristan Farnon in All Creatures Great and Small gespielt hat. Aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.

 Nachtrag

Im vierten Band Police at the Funeral (1931) gibt es eine miese Szene, in der eine der Hauptfiguren sich unverhohlen rassistisch äußert, doch Albert Campion scheint das überhaupt nicht problematisch zu finden, er nimmt es als gegeben hin und freut sich einfach an dem ihm entgegengebrachten Vertrauen.  An dieser Stelle ging es mir dann wie Heavenali, die in ihrer Besprechung des Buches schreibt:

There was a rather unsettling moment at the end – which I can’t say too much about for obvious reasons – but suddenly out of nowhere came a rather unpleasant piece of casual racism which really left a sour taste. There have been lots of occasions when I have come across slight racist references before in old vintage mysteries – I tend to know already to expect them if there is a character in the story from another country for instance- and steal myself accordingly but this one caught me off guard rather and slightly spoiled a book I had otherwise thoroughly enjoyed.