Sigrid Nunez: A Feather on the Breath of God (1995)

Nachdem ich The Friend von Nunez gelesen hatte, wollte ich mehr von dieser Autorin lesen und landete bei ihrem Debütroman A Feather on the Breath of God, der 1999 auch auf Deutsch erschien.

Das schmale Werk von 180 großzügig gesetzten Seiten ist stark autobiografisch und erkundet die dauerhaften Beschädigungen, die eine Immigrantenkindheit aus – wie wir heute sagen würden – bildungsfernen Verhältnissen mit sich bringen kann. Auch Nunez‘ Mutter war – wie die der Ich-Erzählerin – Deutsche, ihr Vater hatte chinesisch-panamaische Wurzeln. Die Eltern hatten sich in Deutschland kennengelernt, waren dann gemeinsam nach Amerika gegangen und haben sich und den drei Töchtern dann ein höchstmöglich dysfunktionales Familienleben beschert.

Nunez selbst hat das Buch als ihr „real hybrid genre book“ bezeichnet.

Even though there are parts that are based on my parents, with little distance between author and narrative, it isn’t really a memoir, because there’s a sufficient amount of distortion and invention. (Renée H. Shea: The Secret Facts of Fiction: A Profile of Sigrid Nunez, 2006)

Der erste große Abschnitt Chang geht den Erinnerungen an die Vaterfigur nach, der entweder abwesend ist, weil er sieben Tage die Woche den kärglichen Lebensunterhalt mit mies bezahlten Jobs verdient oder abends stumm in der Küche sitzt, während die anderen sich im Wohnzimmer aufhalten. In der Wohnung gibt es nichts, was auf die Heimat des Vaters hindeutet, er spricht zeit seines Lebens schlecht Englisch, doch es kommt auch niemand auf die Idee, dass es eine gute Idee sein könnte, den Kindern Chinesisch beizubringen.

We must have seemed as alien to him as he seemed to us. To him we must always have been „others“. Females. Demons. No different from other demons, who could not tell one Asian from another, who thought Chinese food meant chop suey and Chinese customs were matter for joking. I would have to live a lot longer and he would have to die before the full horror of this would sink in. And then it would sink in deeply, agonizingly, like an arrow that has found its mark. (S. 23)

Das zweite Kapitel Christa beschäftigt sich mit der Mutter, die seit ihrer Ankunft in Amerika heimwehkrank und unglücklich ist, sie lässt das an den drei Töchtern, doch auch vor allem an ihrem Mann aus, dem sie vorwirft, zu wenig zu verdienen, den sie klein und verächtlich macht, weil er die deutschen Namen der Töchter nicht richtig aussprechen kann, dem sie die Trennung androht, nur um dann doch alles beim Alten zu lassen. Im Laufe ihres Lebens sagt sie schreckliche Dinge, von denen die Tochter sagt:

Some things it would be death to forgive. (S. 180)

Aus dieser wenig Halt gebenden und unberechenbaren Atmosphäre flüchtet die Tochter lange in die Traumwelt des Balletts –  A Feather on the Breath of God – bis sie erkennt, dass ihr die wirkliche Begabung dazu fehlt. Im Nachhinein ist sie möglicherweise auch froh gewesen, ihrem Körper nicht länger die Schmerzen und den Hunger zufügen zu müssen, nur damit dieser den männlich geprägten Schönheitsvorstellungen des Balletts entspricht.

Now, of course, I can say precisely what it was that was happening to me. I had discovered the miraculous possibility that art holds out to us: to be a part of the world and to be removed from the world at the same time. (S. 101)

Lange fragte ich mich, wozu ich als Leserin die nüchtern und fast klinisch sachlich geschilderte Ehehölle, diese Kindheit und Jugend überhaupt kennenlernen musste, in der die Kinder außerdem damit zurechtkommen mussten, als „half-breeds“ beschimpft zu werden.

The last thing I would have believed back then was that one day it would be fashionable to be Chinese; or that I had only to wait a few years, till I reached adolescene, to hear people say that they envied me my exotic background. (S. 85)

Doch im vierten und letzten Teil Immigrant Love beantwortet sich das. Die Ich-Erzählerin erzählt von einer Affäre, die sie als gestandene Sprachlehrerin mit einem ihrer Schüler, einem verheirateten 37-jährigen Ex-Junkie aus Russland eingeht.

Und hier – gegen Ende – bindet Nunez mit nur einem Satz plötzlich das ganze Werk zusammen, man sieht, wie alles zusammenhängt, dass niemand von uns seinen Kindheitskatastrophen und -versehrungen unbeschadet entkommt, die im Falle einer missglückten Immigration der Eltern umso tiefgreifender sind.

Doch obwohl besonders der Schluss, ja ein einziger Satz,  mich mit der Kunst von Nunez versöhnte, bin ich überrascht, wie wenig nach zwei drei Wochen mir noch erinnerlich ist, wie wenig der Roman nachhallt. Vermutlich waren es mir dann doch zu viele assoziativ aneinandergereihte Erinnerungen, wie Bilder aus einem fremden Familienalbum, wobei die Gefühle und Gedanken der Beteiligten über weite Strecken verborgen blieben.

Der poetische Titel verdankt sich übrigens einem Zitat Hildegard von Bingens.

End of the semester. It is very late and I am alone in my room. A narrow desk by the window, overlooking the courtyard that is slowly filling up with snow. Books open on the desk, bright lamp, cigarettes, a boyfriend’s photograph. I will sit there all through the night, I will smoke all the cigarettes, and in the morning I will cross the courtyard to answer questions about literature and the tragic sense of life. The sound of a pen scratching in the night ist a holy sound. I want to get down something T. S. Eliot said: Human beings are capable of passions that human experience can never live up to. (S. 118)

Sigrid Nunez: The Friend (2018)

Herbert liest befand, dass Allegro Pastell von Leif Randt eines der hässlichsten Bücher sei, die er je gekauft habe.  Ich überlege noch, ob ich die Gestaltung zu The Friend von Sigrid Nunez (*1951) nicht mindestens genauso schlimm finde. Jedenfalls hätte mich das Cover beinahe dauerhaft verschreckt.

Aber auch die Stichworte zum Inhalt „Frau um die fünfzig trauert um ihren besten Freund, einen etwas älteren Literaturdozenten und Schriftsteller, der Suizid  begangen hat und ihr ein Kalb von einer Deutschen Dogge vermacht, wobei ein Haustier in ihrer kleinen Mietwohnung im Wohnblock ohnehin verboten ist“ hatten zunächst nicht so wirklich bei mir verfangen.

Warum das Buch dann trotzdem hier gelandet ist, ich weiß es nicht mehr, begeisterte Kritiken allerorten, der National Book Award 2018 und was soll ich sagen: Das Buch ist klug und bewegend und als ich am Ende angekommen war, wollte ich am liebsten gleich wieder von vorn beginnen. So eines der seltenen Bücher, nach deren Lektüre ich gar nicht das Bedürfnis hatte, viel darüber zu schreiben. Alles spricht für sich. Und von Sentimentalitäten keine Spur.

Nunez hat ihrer Ich-Erzählerin einige autobiografische Details mitgegeben. Auch diese lebt in New York City und ist Dozentin für Creative Writing und Schriftstellerin. Die Protagonistin scheint zunächst sehr understated, geradezu überreflektiert. Sie beobachtet messerscharf, ironisch und ihre Erinnerungen mäandern durch die Jahrzehnte der Freundschaft mit dem einstmals so charismatischen, dreimal verheirateten Macho-Mann, der zunehmend irritiert war, dass junge Frauen nicht mehr am Sex mit ihm interessiert waren und dessen Studentinnen auch nicht länger von ihm als „dear“ bezeichnet werden wollten.

I don’t want to talk about you, or to hear others talk about you. It’s a cliché, of course: we talk about the dead in order to remember them, in order to keep them, in the only way we can, alive. But I have found that the more people say about you, […] the further you seem to slip away, the more like a hologram you become. (S. 12)

Dabei geht sie der Frage, ob sie ihn all die Jahre geliebt habe und vielleicht doch nur eines der zahlreichen, zu duldsamen Groupies war, lange aus dem Weg, denn sie vermisst ihn immer noch ganz entsetzlich, an jedem einzelnen Tag, auch als Partner für all die unzähligen Gespräche über Schriftsteller, Bücher, Literatur, deren Grenzen und Möglichkeiten. Über ihre Studenten, die Literatur zunehmend in den Dienst ihrer eigenen – oft sehr begrenzten – Weltsicht nehmen, nur noch nach Safe Spaces auf dem Campus rufen und sich Büchern verweigern, die sie unangenehm berühren, etwas in Frage stellen oder über den eigenen Tellerrand hinausgehen könnten.

Das ganze Buch ist eine einzige große Ansprache an den Toten, der Widerspruch von einer Frau nicht unbedingt geschätzt hat. Überdies ist es eine wunderbare Schilderung des Trauerprozesses, in dem sich die Frau mehr und mehr in sich und ihren Assoziationen zu verlieren droht, obwohl durchaus hilfreiche Freunde im Hintergrund parat stehen. Ist es überhaupt statthaft, seinen Haustieren einen Namen zu geben und was hat es mit dem Buch My Dog Tulip von J. R. Ackerley auf sich?

Dieser Prozess, der aber gleichzeitig auch sehr irdisch daherkommt, umfasst auch die allmähliche Annäherung an Apollo. Immer wieder mal drohen Probleme mit oder durch den großen Hund, was nicht ohne leisen Humor geschildert wird. Apollo mag es, wenn man ihm vorliest, z. B. Rilke.

Und plötzlich Wendungen, die einen wieder alles in Frage stellen lassen. Darüber hinaus ist es auch der Prozess einer Selbstvergewisserung als Frau in einer Welt, in der ehemals attraktive Männer wie der Verstorbene glaubten, jeder Frau – einschließlich seiner Studentinnen – Avancen machen zu dürfen und in der Männergewalt gegen Frauen nach wie vor gang und gäbe ist.

Die vielen Zitate, Abschweifungen und Erinnerungsfetzen, die die belesene Ich-Erzählerin aus ihrer lebenslangen Lektüre einfließen lässt, zeigen, wie sehr Bücher tatsächlich zu ihrem Leben gehören und wie sehr die nächste Generation, die sie unterrichtet, so ganz anders, vielleicht ärmer, an Literatur herangeht.

Was mich vielleicht am meisten an diesem Roman beeindruckt hat, ist wie die Sprache zu der Protagonistin passt. Da ist kein Wort zu viel, alles wird schnörkellos, aber so präzise gesagt, dass man sich nicht vorstellen kann, dass auch nur ein einziger Satz anders hätte formuliert werden können. Schon die ersten Sätze lassen einen nicht mehr vom Haken:

During the 1980s, in California, a large number of Cambodian women went to their doctors with the same complaint: they could not see. The women were all war refugees.

Anette Grube übersetzte das Buch ins Deutsche.

Hier noch ein Artikel mit einigen Hintergrundinformationen aus der New York Times.

 

 

Edward Abbey: Die Einsamkeit der Wüste (OA 1968)

1968 erschien Désert solitaire des Amerikaners Edward Abbey. Was für ein grandioses, größenwahnsinniges, oft genug auch machohaftes Buch. Was für eine elegische und gleichzeitig weitsichtige Liebeserklärung an eine ganz besondere Gegend in Amerika, die man grob mit dem heutigen Arches National Park gleichsetzen kann.

Edward Paul Abbey (1927-1989), Englisch- und Philosophiestudium, fünfmal verheiratet, aufmüpfig, atheistisch, anachistisch, immer auf dem Radar des FBI, arbeitete 1956 und 1957 als Park Ranger im Arches National Monument, dem „schönsten Ort auf Erden“ (S. 15). Als Unterkunft dient ihm ein Wohnwagen.

Der Ort liegt in der Nähe von Moab, einer Kleinstadt im Südosten Utahs. Weshalb ich dort hingegangen bin, spielt keine Rolle mehr; was ich dort vorgefunden habe, ist das Thema dieses Buches. Mein Job begann mit dem ersten April und endete mit dem letzten Septembertag. Mir gefiel die Arbeit und das Canyonland und so kehrte ich im darauffolgenden Jahr für eine weitere Saison zurück. (S. 7)

Einige Jahre später bleibt er für eine dritte Saison.

Es waren schöne Zeiten damals, besonders in den ersten beiden Saisons. Der Tourismus war noch kaum entwickelt, und die Zeit verstrich äußerst langsam, so wie Zeit eben verstreichen sollte, in trägen und langen Tagen, die so weiträumig und frei wie die Sommer der Kindheit waren. Zeit genug also, nichts oder fast nichts zu tun, und das Meiste in diesem Buch habe ich ich, manchmal direkt und unverändert, den Seiten meines Tagebuchs entnommen, das ich in den nahtlos ineinander übergehenden Tagen jener großartigen Sommer führte und füllte. (S. 7)

Sein Job lässt ihm viel Zeit, denn vor allem soll er mit einem Pickup

die Straßen patrouillieren, Touristen aus der Patsche helfen, Feuerholz auf die Campingplätze bringen und den dort anfallenden Müll entsorgen. (S. 23)

Eigentlich wäre es schade, zu viel zum Inhalt zu verraten, denn dieses wilde Potpourri wartet auf beinahe jeder Seite mit Überraschungen auf.

Er will die Mäuse, die sich im Wohnwagen eingenistet haben, zwar nicht töten, holt sich aber eine Schlange in den Wagen, die dem Problem Abhilfe schaffen soll, listet seitenlang Blumen und Pflanzen auf. Kennt anscheinend jede Schlucht, jeden Berg mit Vornamen.

Er spottet über die Möchtegern-Cowboys und Cowgirls mit ihren schicken Cowboystiefeln, die sich – je weniger echten Viehtrieb es noch gibt – vermehren wie die Fliegen auf der Torte. Er philosophiert, z. B. über Naturschutz und die Frage, welche Musik eigentlich der Wüste gemäß sei, und polemisiert gegen die Anstrengungen der Parkverwaltungen, immer mehr Menschen in diese Wildnis zu bringen, koste es, was es wolle. Was wiederum genau das zerstöre, was man jetzt noch dort finden könne. Freiheit. Das Gefühl, Wege selbst zu entdecken. Abends allein am Lagerfeuer zu sein.

… bevor die Nacht aufzieht: Jeder Felsen, jeder Strauch und Baum, jede Blume, jeder Grashalm steht für sich, aufs Lebendigste vereinzelt, doch einander in einer Einheit verbunden, deren Großzügigkeit auch mich und meine Einsamkeit umfasst. (S. 131)

Leider sei der Amerikaner als solches ja nur noch fähig, sich in seinem Auto zu bewegen. Jeder Weg müsse asphaltiert werden und jeder Übergewichtige bis an den Rand des Grand Canyon fahren können. Traumhafte Canyons müssten geflutet werden, damit noch mehr Strom erzeugt werden könne. Irgendwann überall Müll, Leichtsinn und Touristen, die nach dem nächsten Cola-Automaten fragen.

Wie hellsichtig Abbey war, erkennt man daran, dass heute viele seiner Ideen (geführte Ranger-Touren und Shuttle Services statt überallhin mit dem eigenen PKW zu fahren) aufgegriffen werden, um der Touristenhorden einigermaßen Herr zu werden.

Es gibt lyrische Beschreibungen von Gewittern, Stürmen und Tagen, an denen er einem befreundeten Rancher hilft, dessen Vieh aus den Canyons zusammenzutreiben.

Er wandert, mal allein, mal mit einem Kumpel – Frauen spielen auf diesem unendlichen Abenteuerspielplatz nicht mit. Eindrücklich auch das Kapitel zu einer einwöchigen Bootstour, zusammen mit einem Freund, durch den Glen Canyon, der kurze Zeit später für immer und unwiederbringlich unter einem Stausee verschwunden sein wird.

Abbey klettert und kraxelt umher, auch mal ohne Karte oder mit nur ungenügend Wasservorräten ausgestattet. Gehört aber alles dazu, wenn man ein echter Kerl ist. Dennoch ein großer Respekt vor den Kräften der Wüste, die den Menschen in seine Grenzen weist. Wer das nicht versteht, endet wie der Tourist, den der Suchtrupp zwei Tage, nachdem man sein Auto gefunden hat, nur noch tot und aufgedunsen bergen kann.

Dazu Kapitel, die unglaublich plastisch und spannend eine Geschichte erzählen, sei es vom Goldrausch und maßlosen Profiteuren oder sei es von einem alten Pferd, das lieber in der Wüste hungert, als sich wieder von den Menschen einfangen zu lassen.

Die anarchistische Seite des Autors, die ihn immer wieder in Konflikte mit der Obrigkeit gebracht hat, schimmert durch, wenn er beispielsweise auch deshalb die Wildnis schützen möchte, damit die Unangepassten, die Revolutionäre immer einen Rückzugsort haben.

Nein, die Wildnis ist kein Luxus, sie ist eine Notwendigkeit für den menschlichen Geist und so unerlässlich für unser Leben wie Wasser und gutes Brot. Eine Zivilisation, die das Wenige, das noch von der Wildnis übrig ist, die Reserve, das Ursprüngliche, zerstört, schneidet sich von ihren Wurzeln ab und verrät das Prinzip der Zivilisation selbst. (S. 214)

Sein unbändiges tiefes Glück, einfach an diesem für ihn schönsten Ort der Welt sein zu können, sowie seine Trauer, dass der Mensch bereits im Begriff ist, vieles davon zu zerstören, teilen sich dem Leser mit. Als ich zwischendurch mal nach Fotos googelte, um mir von einzelnen Orten ein besseres Bild machen zu können, stellte sich das als überflüssig heraus. Seine Schilderungen waren so präzise, dass ich beim Anschauen der Bilder dachte, ja, genau, so hat er das beschrieben, so habe ich mir das vorgestellt.

Ob Sandsturm oder Sonnenschein, ich bin mit allem zufrieden, so lange ich bei guter Gesundheit bin, zu essen habe, die Erde, um darauf zu stehen, und Augenlicht, um zu sehen. (S. 48)

Das Buch setzt zwar einer Landschaft ein Denkmal. Es aber einfach als „nature writing“ einzusortieren, griffe zu kurz. Es ist großartige Literatur.

Mit einer Einschränkung: Das, was er in einem Kapitel über die Navajo schreibt, ist streckenweise unerträglich herablassend. Zwar möchte er den Ureinwohnern gern das Recht auf eigene Traditionen und Kultur einräumen, doch sobald er da von Geburtenkontrolle schwadroniert, klingt das, als müsse eine Kaninchenplage unter Kontrolle gebracht werden. Er selbst hatte übrigens fünf Kinder. Und kein Wort der Einsicht, dass für die Entstehung der sozialen misslichen Lage vieler Indiander ja der „weiße Mann“ verantwortlich ist.

… ein Mann an einem Tisch neben einem blinkenden Lagerfeuer, inmitten einer hügeligen Einöde aus Steinen und Dünen und Sandsteinmonumenten, die Einöde umgeben von dunklen Canyons und Flussläufen und Bergketten auf einem weiten Plateau, das sich über Colorado, Utah, New Mexico und Arizona erstreckt, und jenseits dieses Plateaus noch mehr Wüsten und größere Gebirge, die Rockies in der Abenddämmerung, die Sierra Nevadas, die in ihrem späten Nachmittag leuchten und weiter und noch weiter der abgedunkelte Osten, der funkelnde Pazifik, die gekrümmten Konturen der großen Erde selbst, und jenseits der Erde das Weltall mit Sonne und Sternen, dessen Grenzen für uns unerkundbar sind. (S. 271)

2016 brachte Matthes & Seitz die Übersetzung von Dirk Höfer unter dem Titel Die Einsamkeit der WüsteEine Zeit in der Wildnis auf den Markt. Herausgekommen ist dabei ein leinengebundenes Schmuckstück, bei dem ich mir allerdings gehaltvollere Informationen zum Autor, auch zu seinen rassistischen Ansichten, und zur Rezeption des Werkes gewünscht hätte.

Hier noch ein passender Artikel von John O’Connor aus der New York Times (2018).

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William Melvin Kelley: A Different Drummer (1962)

Neu aufgelegt, von der internationalen Kritik begeistert besprochen, und nun erschien die deutsche Übersetzung des ca. 200-seitigen Debütromans des afroamerikanischen Autors William Melvin Kelley (1937-2017) von Dirk Gunsteren unter dem Titel Ein anderer Takt im Hoffmann und Campe Verlag.

Die Wiederentdeckung dieses Werks, ursprünglich erschienen auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung in Amerika, als der Autor gerade einmal 24 Jahre alt war, ist längst überfällig. Nicht nur, weil Rassismus in Amerika und Europa in einigen Kreisen wieder salonfähig ist, sondern weil es ein großartiges Buch ist.

Doch zunächst einmal kurz zur Geschichte, die in einem fiktiven Staat irgendwo westlich von Alabama spielt.

Im Juni 1957 lässt sich der junge Schwarze Tucker Caliban, der erst kürzlich ein Stück Land der ehemaligen Sklavenplantage der Willsons gekauft hat, eine Ladung Salz kommen, bestreut damit sein Feld, tötet Kuh und Pferd, setzt sein Haus in Brand und verlässt ohne weitere Erklärung zusammen mit Frau und Kind den Ort, an dem er und seine Vorfahren seit Generationen gelebt und geschuftet haben, zunächst als Sklaven, später als Feldarbeiter und Hausmädchen.

Sie machen sich auf Richtung Norden und lösen damit einen Massenexodus aus. In den nächsten Tagen werden nämlich alle Schwarzen ruhig und schweigend mit ihrer spärlichen Habe diesen Bundesstaat verlassen und versuchen, sich im Norden ein neues Leben aufzubauen.

Und der Leser wird Augen- und Ohrenzeuge der Geschichte, in der es nicht nur darum geht, wie die ersten Sklaven nach Sutton kamen, sondern auch wie die Weißen nun mit dem für sie ungeheuerlichen Vorgang umgehen, dass die Schwarzen ihnen und der widersinnigen Rassentrennung wortlos den Rücken kehren, nicht mehr im Ort einkaufen werden  und sie einfach mit der schmutzigen Arbeit sitzen lassen.

Nun erinnern sich Erzählerstimme und verschiedene weiße Protagonisten an möglicherweise bedeutsame Details aus Vergangenheit und Gegenwart, die vielleicht dabei helfen können, das Unbegreifliche zu verstehen. Dabei kommen die Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen, was sich in ihrem Auftreten und Handeln niederschlägt. Und immer wieder kehren wir im Verlauf der Geschichte zur Veranda des Lebensmittelgeschäftes zurück, dort treffen sich die Männer des Ortes, um die neuesten Entwicklungen zu bereden.

Es wäre schade, mehr zum Inhalt zu verraten. Viel zu interessant ist es, wie der Autor es schafft, die verschiedenen Stimmen zum Leben zu erwecken. Die Schwarzen selbst kommen nur indirekt zu Wort, doch dass der Auszug gerechtfertigt ist, kann am Ende von niemandem mehr bezweifelt werden.

Der Stil ist oft poetisch, anschaulich und die Gespräche scheinen den Menschen abgelauscht zu sein, die Bilder wuchtig, ohne dass sie aufdringlich wären, wie z. B. bei der Beschreibung der Standuhr, die der erste Plantagenbesitzer extra aus England kommen lässt und die mit aller Sorgfalt eingepackt und vor Stößen und Kratzern auf der langen Schiffspassage geschützt wurde, während die Sklaven auf demselben Schiff unter unbeschreiblichen Zuständen zusammengepfercht wurden.

Dann gibt es auch geradezu sanfte Passagen, in denen fast so etwas wie spöttische Nachsicht mit den Weißen aufscheint, die trotz bester Vorsätze eben auch geprägt sind von der allgegenwärtigen Rassentrennung im Süden der USA. So schreibt David Willson nach seinem Umzug nach Massachusetts:

Just after I got there and found a seat, a negro came in and sat next to me. That’s something I will have to go into at length one of these nights: the absence of segregation. At first, I was disturbed by it, not that I mind its absence so much as when you sit somewhere you usually do not take too much notice of who sits next to you. If you are sitting on a trolley and someone sits next to you, usually you glance at him, then ignore him, that is, if he does not sit on your coattail. But when a negro sits next to me I find myself distracted from what I was reading, or from looking out of the window because I am not used to being that close to a negro in public. And so when this negro sat next to me, I noticed, and continued to notice it. (S. 155)

Das Buch enthält Szenen, die sich unwillkürlich einprägen, und man wünscht sich so dringend, dass die Welt inzwischen eine andere wäre, dass man den Roman als eine (gelungene) Auseinandersetzung mit dem rassistischen Amerika der Vergangenheit lesen könnte, doch nein, er ist aktuell wie eh und je, zeigt er doch die Mechanismen und Facetten menschlichen Verhaltens auf und macht deutlich: Jeder hat eine Wahl. Jeder trifft die Wahl. Täglich. Im Kleinen. Im Großen.

Lesenwert.

Like I said, nobody’s claiming this story is all truth. It must-a started out that way, but somebody along the way or a whole parcel of somebodies must-a figured they could improve on the truth. And they did.  It’s a damn sight better story for being half lies. Can’t a story be good without some lies. (S. 9)

Der Titel bezieht sich übrigens auf ein Zitat von Henry David Thoreau, das aus Walden stammt:

Why should we be in such desperate haste to succeed and in such desperate enterprises? If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.

Auch Birgit hat auf Sätze & Schätze den Roman besprochen.

Weitere Rezensionen:

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David Park: Travelling in a Strange Land (2018)

Dieses Buch des nordirischen Autors (*1953) hat nur einen Nachteil, nämlich dass ich jetzt auch alles andere von ihm lesen möchte. Idealerweise sollte man es im Winter lesen. Ein Vater macht sich nach heftigen Schneefällen und dementsprechend unangenehmen Straßenverhältnissen auf, um seinen kranken Sohn mit dem Auto aus Sunderland in England zu holen, wo der Junge studiert, sodass die Familie zusammen Weihnachten feiern kann. Aufgrund des Wetters sind bereits alle Flüge gestrichen.

Während der langen Fahrt von Belfast nach Sunderland trifft Tom natürlich auch auf andere Menschen und hilft einer verunglückten Autofahrerin, obwohl ihn das wertvolle Zeit kostet. Zudem erinnert sich Tom, ein Fotograf, an die Vergangenheit, an Szenen aus seinem Familienleben und immer deutlicher wird, dass es noch einen zweiten Sohn gibt, zu dem es nur noch eine gedankliche Verbindung zu geben scheint.

Bewundernswert, wie Park es schafft, diesen eher billigen Effekt zum Spannungsaufbau – wir wollen wissen, was damals passiert ist – in den Hintergrund treten zu lassen. Nur allmählich kann Tom sich der Katastrophe, auch sprachlich, annähern. Dieser durchschnittliche Vater, der immer nur das Beste für seine drei Kinder wollte, wächst uns mit seiner Frau Lorna ans Herz und am Ende verstehen wir, warum er und Lorna so überfürsorglich darauf bedacht sind, dass ihr Sohn auf keinem Fall Weihnachten allein in seiner Studentenbude verbringen soll.

Travelling in a Strange Land – der Titel passt, der Vater macht sich auf den langen Weg zum Sohn, er reist in die Vergangenheit und hat dabei seinen ganz eigenen Blick. So werden wir an einer Stelle an das Foto von Denis Thorpe Mr Lowry’s Hat and Coat erinnert.

… taken  the day after the painter’s death – shows two coats and hats hanging on pegs in a shadowed hallway, vaguely flowered wallpaper, a dado rail. On one of the coats the lining is facing outward and catching something of the light. The photograph’s about absence, an opened space and a stillness flowing into it, homing in on the relics of someone who once was but is no more.

Sometimes when I go into my children’s rooms I have a strong sense of how closely our lives and the places we live in bear each other’s print. So it’s as if their breathing is still present even in the empty room and all their memories and dreams are somehow seamlessly fused with the folds of a fabric or the grain of a surface. (S. 54)

Außerdem geht es um das schwierige Gelände zwischen Eltern und Kindern und die unüberwindbare Sprachlosigkeit, die oft zwischen den Generationen herrscht. Gleichzeitig ist nicht nur die Trauer, sondern auch das Erwachsenwerden eine Reise durch unbekanntes Gebiet, die nicht jeder meistert. Ein leises, sehr feines Buch. Kein Happy End, aber am Ende so etwas wie eine vorsichtige Hoffnung.

Hier noch ein Interview mit dem Autor, der Jahrzehnte als Lehrer gearbeitet hat, über sein Buch in der Irish News und hier ein älterer Artikel zu Park aus dem Guardian von 2012.

Vita Sackville-West: No Signposts in the Sea (1961)

Das schmale Werk von knapp 150 Seiten war der letzte Roman der erfolgreichen Dichterin und Schriftstellerin Victoria Mary Sackville-West (1892-1962). 1913 heiratete sie Harold Nicolson, die beiden lebten eine offene Ehe und gestalteten einen der berühmtesten Gärten in Großbritannien, Sissinghurst Castle Garden.

Der Inhalt von No Signposts in the Sea ist rasch umrissen. Edmund Carr, ein ca. 50-jähriger erfolgreicher Journalist aus einfachen Verhältnissen, erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Kurzerhand beschließt er, eine Kreuzfahrt anzutreten, da er weiß, dass die von ihm verehrte Laura Drysdale, eine wohlhabende Witwe, ebenfalls an Bord sein wird.

It is amusing to observe a batch of new passengers coming on board. From the superiority of the upper deck one gazes down upon the quay-side swarming with native porters and Europeans, distinguishable from the idle crowd of sight-seers who have come to stare at the ship for want of anything better to do. What a medley of noise and colour! Then comes the rush as the gangway is lowered; everyone wants to be first, though there is no conceivable reason for hurry; women hesitate and struggle back, convinced that they have lost their luggage; men enter into argument with the officers in their cool white ducks. The emigrants lugging their poor bundles are directed to a secondary gangway near the stern; they turn this way and that, like panic-stricken cattle. A tall black-bearded man in a red turban clutches a small girl swathed in blue muslin. A Buddhist priest with shaven head and saffron robe falls flat as he stumbles over a rope. A lost child sets up a howl. Is it possible that all this pullulating humanity will ever be sorted out?

It seems like a microcosm of everything that is happening all over the world. (S. 22)

Edmund hat beschlossen, Laura nichts von seiner Erkrankung zu erzählen. Er will kein Mitleid. Doch auch seine Liebe will er ihr verheimlichen. Zum einen ist da seine Unsicherheit, es ist das erste Mal, dass er sich ernsthaft verliebt hat, zum anderen rechnet er sich bei dieser attraktiven Frau keinerlei Chancen aus, zudem will er Laura keinen Kummer bereiten.

Zunächst ist Edmund einfach dankbar, noch diese Zeit mit der geliebten Frau verbringen zu können.

Sometimes I come upon her traces, a cigarette case, a scarf left trailing  upon a chair. For the competent woman I divine her to be, she is curiously  careless of her possessions, but then none so lovable as those who are not all of a piece. These little surprises of inconsistency are endearing enough to mere affection; how much more so when one is in love! The Colonel and I spend quite a lot of time retrieving her belongings. (S. 62)

Doch sein Vorsatz, weder Liebe noch Krankheit zu erwähnen, fallen ihm zunehmend schwerer, da sich die beiden gut verstehen, schöne Momente miteinander teilen und die Gespräche persönlicher werden. Dazu kommt, dass Edmund in dem attraktiven Colonel Dalrymple einen Rivalen wittert, und diese Eifersucht, die er selbst schäbig findet, macht ihm schwer zu schaffen.

… I want my fill of beauty before I go. Geographically I do not care and scarcely know where I am. There are no signposts in the sea. (S. 28)

Der Leser erfährt dies alles aus Edmunds Tagebuch, das Laura ihm geschenkt hat. Dort finden sich auch durchaus spöttische Töne, wenn Edmund sich beispielsweise über den unerfreulichen Anblick mittelalter und unzureichend bekleideter sonnenbadender Mitreisender auslässt.

Ich muss sagen, dass ich diesen ruhigen Roman, dessen Anleihen bei der Biografie der Autorin im Vorwort von Victoria Glendinning erläutert werden, sehr gern gelesen habe. Das geradezu Traumwandlerische, zumindest scheinbar von allen Alltagsdingen losgelöste Leben auf einem Schiff ist wunderbar eingefangen. Und wie sich Edmund jegliches Selbstmitleid verbietet, versucht, mit Würde und seinen Prinzipien gemäß diese Zeit zu verbringen und doch dabei unbeholfen ist und sich seiner selbst und seiner Herkunft im Grunde immer noch schämt, das gefiel mir sehr.

So kauft er während eines Landgangs auf einem der Märkte einen Schal für Laura, doch als eine Mitpassagierin ihm zu verstehen gibt, dass dieser höchstens für eine Haushaltshilfe tauge, aber für eine Dame wie Laura nicht in Frage komme, wirft er ihn heimlich ins Meer.

Der Snobismus und die Herablassung der reichen weißen „Oberschicht“ spielen auch an anderen Stellen eine Rolle. Was allerdings arg unecht klang und  völlig zusammenhanglos im Raum stand, war, dass der armen Laura sogar eine Vergangenheit als Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg angedichtet wurde.

Es passiert überhaupt nichts Unerwartetes in dieser Geschichte, was ich hier nicht negativ meine. Dennoch wirkt sie nach, schon allein durch die ehrliche, wenn auch teilweise verblendete Selbstbefragung Edmunds, und durch den Gegensatz zwischen der reichen inneren Welt eines einzelnen Menschen und der Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, mit der man eben doch an den meisten Menschen vorbeiläuft. Und im Hintergrund immer das Wissen um die zeitliche Begrenztheit des Lebens.

‚Don’t you envy the early explorers who never knew what might be round the next corner? Fancy coming suddenly on the Grand Canyon when you had no idea of its existence.‘ (S. 45)

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Benjamin Zephaniah: The Life and Rhymes of Benjamin Zephaniah (2018)

Der Guardian hat ihn einmal einen der größten britischen Dichter der letzten Jahre genannt, die Times nahm ihn 2008 in die Liste der 50 wichtigsten Schriftsteller Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg auf.

Die Rede ist von dem Rastafari und Kämpfer gegen Rassismus und Unterdrückung: Benjamin Zephaniah, der sich selbst als Dichter für die Leute bezeichnet, die keine Dichter lesen, und der ziemlich säuerlich reagierte, als man ihm noch unter Tony Blair den Order of the British Empire verleihen wollte. (Die Begründung seiner Ablehung kann man hier nachlesen.)

2018 erschien nun seine Autobiografie und die ist so richtig klasse. Wunderte ich mich zunächst, dass der Autor das Buch sich selbst gewidmet hat, so erscheint das nach der Lektüre als absolut passend und mehr als gerechtfertigt.

Dedicated to me.
And why not?
There was a time when I thought
I wouldn’t live to see thirty.
I doubled that, and now I’m sixty.
Well done, Rastaman, you’re a survivor.
A black survivor.

Das Ganze geht schon damit los, dass Zephaniah im ersten Satz erklärt, dass er Autobiografien hasse,

They’re so fake. The ones I hate the most are those written by individuals who have spent their lives deceiving people and then, when they see their careers (or their lives) coming to an and, they decide it’s time to be honest. […] And don’t get me started on the people who write autobiographies a couple of years after they’re born: the eighteen-year-old pop star who feels life has been such a struggle that it can only help others if he lets the world know how he made it.

Da hängt einer die Meßlatte hoch, ehrlich soll’s werden und man soll was zu sagen haben; Zephaniah löst das alles ein, in einem ans Mündliche angelehnten Stil, humorvoll, bissig, böse, abgrundtief traurig, aufregend. Und man lernt mehr über Großbritannien und seinen oft so zynischen Umgang mit Einwanderen, als einem für die eigene Gemütsruhe manchmal lieb ist.

Vorausschicken möchte ich, dass diese Autobiografie so gar nichts mit den sogenannten Misery Memoirs zu tun hat, obwohl diese Gefahr gerade bei den Kindheitserinnerungen naheliegend gewesen wäre. Aber hier schreibt einer mit so viel Menschenfreundlichkeit und einer energischen Lebensfreude, die im wahrsten Sinne des Wortes kaum totzukriegen ist.

Seine Mutter kommt aus Jamaika und arbeitet als Krankenschwester, sein Vater stammt aus Barbados. Zephaniah wird, wie auch seine Geschwister, in Birmingham geboren. Schon als Kind wird er aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt, mit Backsteinen angegriffen, selbst die Schule ist kein sicherer Raum. Die Mutter kann nicht helfen und will die Anfeindungen nicht wahrhaben, es gibt die ersten Erfahrungen mit rassistischen Nachbarn, später die Straßenschlachten mit Anhängern der tiefbraunen National Front.

Dazu kommen familiäre Gewalterfahrungen: Der Vater prügelt Mutter und alle sieben Kinder, bis Mutter und Benjamin flüchten. Das Frauenhaus verweigert ihre Aufnahme, da eine verprügelte jamaikanische Frau nicht so gut zu britischen verprügelten Frauen passe.

Als die beiden schließlich im Haushalt des geschiedenen Pastors Burris ein neues Zuhause finden, gibt es zum ersten Mal so etwas wie eine Vaterfigur für Benjamin, doch auch dort ist das Geld und der Platz für so viele Menschen begrenzt.

We slept three or four to a bed: two up and two down, or two up and one down if you were lucky. Different kids had different kinds of smelly feet, so there were always tough negotiations over who would sleep where. (S. 66)

Er fliegt aus mehreren Schulen, seine Legasthenie wird nicht erkannt, schließlich landet er in einer der berüchtigten Borstals (Erziehungsanstalten), dann im Knast. Eine Karriere als Krimineller oder als Opfer einer Straßenschlacht oder in einer Gefängniszelle scheint vorgrammiert. Doch neben all dem Elend gibt es noch (mündliche) Gedichte, Musik, Sound Systems, noch mehr Musik und Freunde.

Wie nun aus dem Kind aus kaputtem Elternhaus, dem Schulabrecher, der kaum lesen und schreiben kann, dem geschickten Dieb und Hehler im Laufe der Jahre ein gefeierter Dichter, Autor, begeisterter Leser, Besitzer eines netten Anwesens auf dem Lande und weitgereister Aktivist gegen Rassismus, Polizeiwillkür und Unterdrückung wird, dem mehrere Ehrendoktorwürden zuteil werden, erzählt Benjamin Zephaniah auf über 300 Seiten so mitreißend, vollgepackt mit Geschichten, spannend und energiegeladen, dass ich nur staune und bewundere.

Markiert habe ich mir über 60 Stellen, müsst ihr also alle selbst lesen.

Dass sich Zephaniah in seiner humanen Einstellung selbst von den jetzt wieder aus ihren Löchern kommenden Rassisten nicht irremachen lässt – seit den Brexit-Kampagnen sieht auch er sich wieder verstärkt rassistischen Pöbeleien und widerlicher Post im Briefkasten ausgesetzt – zeugt von großer Stärke. Seine Hoffnung, dass er sich aufgrund gesellschaftlicher Verbesserungen langsam als Rastafari-Komiker zur Ruhe setzen könne, habe sich allerdings in Luft aufgelöst. Er müsse wohl noch eine Weile der zornige schwarze Dichter bleiben.

Ein Vorbild also, auch den Ausgegrenzten, den Gewalterfahrenen, den Jugendlichen, von denen die Gesellschaft nur Negatives erwartet, denen mit der „anderen“ Hautfarbe und dann wieder allen, die sich für eine gerechtere und menschenfreundlichere Welt einsetzen.

Well done, Rastaman. Wie wahr.

Hier schreibt Zephaniah über seine Legasthenie und miserablen Schulerfahrungen und hier geht’s zu seiner Homepage.

Bleibt nur die Frage, wann das Buch ins Deutsche übersetzt wird.