Dorothy Whipple: Greenbanks (1932)

Auch Greenbanks, der dritte Roman von Dorothy Whipple, der ursprünglich 1932 erschienen ist, wurde bei Persephone Books neu aufgelegt. Er beginnt mit den Worten:

The house was called Greenbanks, but there was no green to be seen today; all the garden was deep in snow. Snow lay on the banks that sloped from the front of the house; snow lay on the lawn to the left, presided over by an old stone eagle who looked as if it had escaped from a church and ought to have a Bible on his back; snow lay on the lawn to the right, where a discoloured Flora bent gracefully but unaccountably over a piece of lead piping that had once been her arm. Snow muffled the old house, low and built of stone, and of no particular style or period, and made it look like a house on a Christmas card, which was appropriate, because it was Christmas day.

Greenbanks, das ist also das gediegene Zuhause von Louisa Ashton. Hier hat sie mit ihrem notorisch untreuen Gatten sechs Kinder großgezogen, die inzwischen alle erwachsen und bis auf Laura auch verheiratet sind. Wir folgen nun fast zwei Jahrzehnte dem Alltag, den Ehequerelen und den beruflichen Entwicklungen der Familienmitglieder. Dabei geht es auch um die Frage, ob und wo eine Frau vor, während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg ihren Platz in der Gesellschaft finden kann, an dem sie glücklich ist und gleichzeitig von der Gesellschaft akzeptiert wird.

Im Zentrum steht Großmutter Louisa, in finanziellen Angelegenheiten immer von ihrem Ehemann und später ihrem Sohn abhängig, manchmal  naiv, mit wenig Durchsetzungsvermögen, und doch mit einem großen Herzen. Sie mag nicht besonders gebildet oder reflektiert sein, doch hat sie ein untrügliches Gespür für die Menschen um sich herum und kann kaltem Nützlichkeitsdenken wenig abgewinnen. Ihr Lieblingssohn Charles bekommt beruflich kein Bein auf die Erde, doch das Schlimme daran sind für sie nur die sarkastischen Kommentare seines geldgierigen Bruders und seines besserwisserischen Schwagers.

Hat Louisa allerdings erst einmal eine Entscheidung getroffen, wie z. B. die eine Bekannte als Gesellschafterin in ihr Haus aufzunehmen, die von der Gesellschaft wegen eines unehelichen Kindes ausgestoßen worden war, dann setzt sie das mit der Sturheit eines Maulesels durch, egal, was ihr fürchterlicher Schwiegersohn Ambrose davon hält.

Die zweite Person, die mir im Gedächtnis bleiben dürfte, ist Louisas Lieblingsenkelkind Rachel. Ihr kindlicher Blick ist wunderbar gezeichnet. Und ihr beim Erwachsenwerden zuzuschauen, macht große Freude. Sie ist die einzige Frauenfigur, die vermutlich halbwegs unbeschadet ihren Weg finden wird, auch deshalb, weil sie bei ihrer geliebten Großmutter immer einen Raum hatte, an dem sie ganz sie selbst sein durfte.

[Rachel] looked up from the page to her grandmother sitting in the window, her hands empty now that she had no one to knit for. ‚Darling,‘ thought Rachel. Some dim comprehension of the courage, the isolation of each human soul, the inevitable loneliness in spite of love, reached Rachel. The room was quiet, the ticking of the clock the only sound. Rachel was aware, for a moment, of the mystery of herself, her grandmother, eternity before and behind them both. Then she jumped up. Youth will glance at these things, but hates to look long. (S. 247)

Rachels Mutter Letty hingegen langweilt sich zunehmend in der Ehe mit ihrem pedantischen und befehlshaberischen Ehemann Ambrose, den sie als junges Mädchen noch so angehimmelt hatte.

He gave her, more and more frequently, the same flat exhausted feeling she had when she tried to carry a mattress downstairs unaided; that exasperating feeling of not being able to get hold of the thing properly and of wanting to give up at every step. But of course you couldn’t give up; you couldn’t sit down in the middle of the stairs with a great burden like that; you had to carry it the whole way, until you could put it down somewhere final. (S. 48)

Greenbanks ist für mich nicht der stärkste Roman der Autorin, aber im Nachhinein bin ich doch angetan davon, wie aufschlussreich der Roman als Zeitzeugnis ist. Welche gesellschaftlichen Veränderungen brachte der Erste Weltkrieg mit sich? Welchen Rollenzwängen sahen sich die Frauen damals ausgesetzt? Das alles mit einem Figurenensemble, das so durchschnittlich, so alltäglich ist, mit Dialogen und – fast noch wichtiger – mit Gedanken und Verhaltensweisen, die wir auch heute noch mühelos wiedererkennen. Trotz der Verankerung in einem bestimmten Milieu und einer vergangenen Zeit wirken die Figuren überraschend frisch und kein bisschen verstaubt.

Besonders die Männerfiguren sind in ihrer Heuchelei, Engstirnigkeit und Doppelmoral in Bezug auf Ehe, Treue oder Zölibat und Frauenbildung oft unerfreuliche und manchmal auch fast eindimensionale Gestalten, die aber von Whipple nicht verurteilt, sondern einfach geschildert werden. Auch sie haben ihre Gründe, so zu sein, wie sie sind.

Und wie bei jedem guten Schmöker will ich natürlich schon wissen, wie sich die ein oder andere Verwicklung auflösen wird.

Anmerkungen zur Rezeption des Romans

Der Spectator schrieb Ende September 1932:

Greenbanks is a pleasant, quiet, delightful domestic book, lifted head and shoulders above the ranks of pleasant, quiet, delightful domestic books by the uncanny accuracy of the portraiture and the lightness and delicacy of its touch.

Und Hugh Walpole war sich sicher:

I believe Greenbanks will be remembered for a long time to come because of the characters of two people in it, the grandmother Louisa and the granddaughter Rachel. In them Dorothy Whipple has performed splendidly the great job of the novelist, which is to increase for us infinitely the population of the living world.

Hier gibt es noch eine Besprechung auf Tales from the Reading Room.

 

 

 

Dorothy Whipple: High Wages (1930)

Schon für das folgende Zitat hat sich doch die Lektüre des zweiten Romans von Dorothy Whipple gelohnt, der 1930 erschien:

Jane’s days were now like a succession of crammed cupboards that would not shut on their contents. Things fell out in miscellaneous confusion and had to be picked up and put into the next cupboard, from which they fell out again and so on until they positively had to be attended to.

Der Titel High Wages bezieht sich dabei auf ein Zitat von Carlyle:

Experience doth take dreadfully high wages, but she teacheth like none other.

In High Wages geht es vor allem um Jane, eine Vollwaise, die sich seit ihrem 16. Lebensjahr ihren Lebensunterhalt als „shop girl“, als Verkäuferin in einem Textilgeschäft, verdienen muss. Die Handlung setzt 1912 ein und wir folgen ihr und den anderen Bewohnern der kleinen Stadt für die nächsten zehn Jahre.

Jane ist tough und hat das gewisse Händchen für ihren Beruf, nicht unbedingt zur Freude ihres geizigen und versnobten Chefs. Darüber hinaus ist sie voller Lebenslust und interessiert an Büchern. Wer würde sie nicht mögen, wenn es, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf einen richtigen Ball geht, heißt:

She drew on her first pair of silk stockings, and in a passion of delight kissed her own knees. (S. 98)

Fazit

Die Liebeswirren waren mir einen Hauch zu melodramatisch, aber das wurde wettgemacht durch die Einbettung der Geschichte in die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und eine intelligente und lebenstüchtige Protagonistin, die sich nicht mit der beruflichen Rolle bescheiden will, die ihr die Männer einzuräumen bereit sind.

Die Leserin erfährt viel über Janes Arbeitsbedingungen in einer von Männern dominierten Welt, die langen Arbeitstage und das damals in den kleineren Städten noch übliche Modell des „living in“, d. h. dass die Angestellten bei ihrem Dienstherrn Kost und Logis bekamen, womit der finanziellen Ausbeutung der Frauen Tür und Tor geöffnet wurde.

Außerdem veranschaulicht Janes beruflicher Weg den gesellschaftlichen Umbruch, als selbst die Bessergestellten anfingen, Kleidung von der Stange zu kaufen und sie nicht mehr notwendigerweise von Schneiderinnen individuell anfertigen ließen.

Anmerkung

Hier empfiehlt Heavenali ihre Lieblingsbücher aus dem Persephone Verlag und außerdem stellt sie einen Band mit kürzeren Erzählungen von Whipple vor.

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Dorothy Whipple: The Priory (1939)

Die Romane der englischen Schriftstellerin Dorothy Whipple (1893 – 1966) waren in den dreißiger und vierziger Jahren große Publikumserfolge und zwei ihrer Bücher wurden sogar verfilmt. Doch ab den Fünfzigern wurden ihre Familiengeschichten von vielen als nicht mehr zeitgemäß und interessant genug wahrgenommen. Ihre Bücher wurden als (minderwertige) Frauenliteratur (genre fiction) abgetan.

As Dorothy Whipple’s publisher told her in 1953, ‘editors have got mad about action and passion’, and although both are to be found in Dorothy Whipple’s novels, they are qualities that are presented in such a subtle, such an understated way, that the obtuse miss it altogether and think she is anodyne, simplistic, old-fashioned. (Nicola Beauman)

Inzwischen sind aber dankenswerterweise mehrere ihrer Bücher bei Persephone Books neu aufgelegt worden, u. a. auch ihr fünfter Roman The Priory, der ursprünglich 1939 erschienen ist. Er beginnt mit den Worten:

It was almost dark. Cars, weaving like shuttles on the high road between two towns fifteen miles apart, had their lights on. Every few moments, the gates of Saunby Priory were illuminated. Every few moments, to left or to right, the winter dusk was pierced by needle points of light which, rushing swiftly into brilliance, summoned the old gateway like an apparition from the night and, passing, dispelled it.

The gates were from time to time illuminated, but the Priory, set more than an mile behind them, was still dark. To the stranger it would have appeared deserted. It stood in dark bulk, with a cold glitter of water beside it, a cold glitter of glass window when clouds moved in the sky. The west front of the Priory, built in the thirteenth century for the service of God and the poor, towered above the house that had been raised alongside from its ruins, from its very stones. And because no light showed from any window here, the stranger visiting Saunby at this hour, would have concluded that the house was empty.

Man ahnt, das große Herrenhaus ist alles andere als unbewohnt. Saunby ist der Wohnsitz des verwitweten ca. fünfzigjährigen Major Marwood, seiner egozentrischen Schwester Victoria und seiner zwei Töchter Christine und Penelope. Die Zeiten sind hart, auch deshalb, weil Marwood ein miserabler Gutsherr ist, der sich nicht darum schert, dass sein Schuldenberg bald kaum noch abzutragen sein dürfte.

In the summer, while there was cricket, the Major was happy enough. But in the winter he had too much time to think and thinking depressed him. He was depressed today. (S. 17)

Das Einzige, was Marwood wirklich interessiert und wofür er das Geld ausgibt, das er strenggenommen gar nicht hat, ist Cricket.

Aus diesem Grund muss sich auch Thompson, ein guter Cricketspieler und der Schwarm aller Dienstmädchen, trotz der finanziell prekären Lage zunächst keine allzu großen Sorgen um seinen Arbeitsplatz bei Major Marwood machen.

Doch als der Haushalt unter der gleichgültig-exzentrischen Victoria immer mehr zu verwahrlosen droht, beschließt Marwood noch einmal zu heiraten. Anthea, 14 Jahre jünger als der Major, kann ihr Glück zunächst kaum fassen. Doch ihre Illusionen sind nicht von langer Dauer und als Anthea – zum Entsetzen des Majors – schwanger wird, ändert sich ihre mausgraue Unterwürfigkeit. Für ihre Zwillinge fängt sie an zu kämpfen, was das ganze Gefüge auf Saunby ins Wanken bringt.

Die Schwestern Penelope und Christine, beide im heiratsfähigen Alter, haben so eine miserable Schulbildung genossen, dass jeder Versuch, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, zum Scheitern verurteilt wäre. So bleibt ihnen nur, entweder zu heiraten oder für immer in Saunby als ungeliebte Stieftöchter zu versauern.

Da kommt zu einem der von Major Marwood organisierten Cricket-Wettkämpfe der hübsche Spieler Nicholas Ashton, Sohn wohlhabender Eltern, und verliebt sich in Christine. Doch wer meint, hier käme nun ein kitschiges Happy-End, der irrt gewaltig. Die Handlung nimmt jetzt noch einmal richtig Fahrt auf.

Besonders gefiel mir, dass der Blick der Erzählerin nicht nur auf den gesellschaftlich Bessergestellten ruht, sondern genauso auf den Bediensteten, wie zum Beispiel der reizenden, aber unglücklich verliebten Bessy, und deren Arbeitsbedingungen.

For half an hour she [Bessy] despised Thompson with fierce joy. She was angry with him and anger is a grand cure for love if you can only keep it up. Bessy kept it up for half an hour, during which she cleaned windows with great vigour. But when they were done, she wept. It didn’t matter whether he was worth bothering about or not. It didn’t matter what he was. She loved him. (S. 130)

Ich habe The Priory unglaublich gerne gelesen. Die Personen kommen so frisch und lebendig daher, die einen mag man, die anderen mag man weniger, dann verschiebt sich das Bild, neue Facetten werden sichtbar. Und ich verstand danach besser, was all die Kritiker meinen, wenn sie sagen, dass Whipple über alltägliche, über durchschnittliche Menschen schreibe. Es gibt keine Helden und Prinzessinen mehr. Fast befürchtete ich, mich für keine der Romanfiguren wirklich erwärmen zu können, was sich im Laufe der Lektüre allerdings änderte. Die Charaktere werden dreidimensional und ihre Entscheidungen, die zum Teil katastrophale Folgen haben, werden nicht einfach durch ein Happy-End glattgebügelt.

Außerdem sind Bücher von Whipple wie eine kleine Zeitreise: Gesellschaftliche Umwälzungen sorgen dafür, dass traditionelle Rollenzuschreibungen brüchig werden, ohne dass neue Modelle sofort an ihre Stelle treten könnten. Und immer geht es auch – ganz ohne erhobenen Zeigefinger – um die zeitlosen Fragen: Was sind die Werte, die einem wichtig sind? Wie will oder sollte man mit seinen Mitmenschen umgehen?

Darüber hinaus war die Lektüre wie bei einem guten Krimi. Ich wollte wissen, wie es weitergeht, und habe abends viel zu lange gelesen. Kurz, anspruchsvoller als ein reiner Schmöker, doch auch keine Weltliteratur. Salley Vickers, die britische Schriftstellerin, hat deshalb diesem Roman die Wiederentdeckung als „a minor classic“ gewünscht.

Anmerkungen zur Rezeption der Autorin

Als in den siebziger und achtziger Jahren Neuauflagen mehr oder weniger vergessener Autorinnen auf ein größeres Interesse hoffen konnten,  stieß Whipple keineswegs überall auf verlegerische Begeisterung. Carmen Calill, die 1973 Virago Press gründete, äußerte sich in einem Artikel im Guardian 2008 sehr abfällig:

For some years I chose all the Classics, but as time went by first Alexandra Pringle and then Lynn Knight […] joined me, to form a trio that read everything. We had a limit known as the Whipple line, below which we would not sink. Dorothy Whipple was a popular novelist of the 1930s and 1940s whose prose and content absolutely defeated us. A considerable body of women novelists, who wrote like the very devil, bit the Virago dust when Alexandra, Lynn and I exchanged books and reports, on which I would scrawl a brief rejection: „Below the Whipple line.“

Doch inzwischen gehört Whipple zu den Bestsellern bei Persephone und Harriet Evans stellt in ihrem Vorwort zu Because of the Lockwoods, einem weiteren Roman Whipples, die Frage, warum Whipple nicht bekannter sei.

Why has she been so neglected, when every time someone picks her up for the first time they almost always become a fan? […] Why is she not acclaimed more widely, when so many of her contemporaries are still in print? […] the case does need to be made for Dorothy Whipple’s entry into the pantheon of great British novelists of the twentieth century. (S. vi)

Schließlich war Whipple in der ersten Hälfe des letzten Jahrhunderts eine auch von der Kritik anerkannte Schriftstellerin, doch soweit mir bekannt ist, gibt es bis heute keine Übersetzungen ins Deutsche, und das, obwohl J. B. Priestley in ihr gar die Jane Austen des zwanzigsten Jahrhunderts sah, womit er recht und unrecht zugleich hat.

Whipples Sprache hat nicht das Leuchtende, das Brillante. Sie wirkt behäbiger, ein klein wenig umständlicher, manchmal erklärt der allwissende Erzähler zu viel, anstatt darauf zu vertrauen, dass die Leserin/der Leser auch allein die richtigen Schlüsse aus dem Gesagten ziehen kann.

Gleichzeitig traut sich Whipple viel näher an die egozentrischen, boshaften, ja kriminellen oder sogar gewalttätigen Menschen heran, als dies Austen in ihren Romanen je getan hat. Und das Ende ihrer Geschichten ist viel verhaltener als bei Austen, nicht immer kommen die Liebenden zusammen, manchmal heiraten die Falschen und vor allem: Ihre Hauptpersonen gehören nicht automatisch zu den oberen Zehntausend.

Evans macht nun mehrere Gründe für Whipples Dahindümpeln in der zweiten oder gar dritten Reihe aus: Nicht nur die Titel ihrer Bücher seien heutzutage zu wenig marktschreierisch, auch ihre Sujets, die Geschichten ganz normaler, gewöhnlicher Familien, würden zu rasch als banal, überholt und nicht interessant genug verunglimpft.

Und vermutlich sei es Whipple zum Verhängnis geworden, dass sie so lesbar schreibe, regelrechte Schmökerqualitäten habe:

Then there is the readability factor: perhaps that is what mostly damages her reputation, the fact that she is so damned unputdownable. The thinking is the same as it has been for years: shouldn’t real literature be hard to read? (S. xi)

Dabei werde übersehen, welche Vorzüge gerade diese Autorin auszeichneten, die Romane geschrieben habe, die mit ihrer klaren, eleganten Prosa und dem Blick fürs Detail etwas ganz Eigenständiges und Unverwechselbares seien. Aber vor allem seien ihre Bücher wie ein Spiegel:

showing good and bad, light and dark and, crucially, the lives of normal people, where she makes the ordinary extraordinary. (S. vii)

Selbst Christopher Fowler nahm Dorothy Whipple im Independent in seine Reihe der Forgotten Authors auf, begrüßte die – im Übrigen sehr geschmackvoll gestalteten – Neuausgaben bei Persephone Books und kam zu dem Fazit:

Is it possible to read books like these now and still find pleasure in them? Absolutely, because our emotional centres remain unchanged, so Whipple’s novels and short stories are as valid as they ever were.

Emily Brontë: Wuthering Heights (1847)

#MeinKlassiker: Emily Brontë: Wuthering Heights

Da hatte Birgit von Sätze & Schätze mal wieder eine Idee und wir mussten ran:

Im Gegensatz zum Feuilleton sind Literaturblogger nicht dem ständigen Aktualitätszwang verpflichtet – darin liegt auch eine Chance, immer einmal wieder einen Klassiker aus dem Regal hervorzuholen, sie den Lesern – so sie ihn noch nicht kennen – näherzubringen. Ich habe daher einige lesende und schreibende Menschen (Blogger, Schriftsteller, Verleger, Literaturschaffende und Literaturliebhaber) gebeten, mir von ihrem persönlichen Favoriten zu erzählen und über Bücher zu schreiben, die sie seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten begleiten, denen sie eine besondere Bedeutung zuschreiben, die sie als Klassiker bezeichnen würden.

Und so entsteht eine höchst spannende Reihe zu unseren ganz persönlichen Klassikern. Mitmachen weiterhin dringend erwünscht!

Bei der Frage nach #MeinKlassiker kommt man erst einmal ins Grübeln. Das geht schon bei der Definition los, was man unter einem Klassiker verstehen will. Und welches von all den Büchern, die ich bisher gelesen habe, soll nun hier den Ehrentitel bekommen? Und doch, Birgits Anfrage erreichte mich gerade, als ich nach ca. 20 Jahren ein ganz bestimmtes Buch las, wiederlas.

Ich musste also gar nicht lange überlegen. Mein Klassiker ist Wuthering Heights von Emily Brontë, einigen vielleicht eher unter dem deutschen Titel Sturmhöhe bekannt.

Die wilde Geschichte von den zwei unterschiedlichen Familien, die irgendwo im einsamen und rauhen Yorkshire wie Naturgewalten aufeinandertreffen, wurde erstmals 1847 veröffentlicht. Da wären zum einen die Earnshaws samt Findelkind Heathcliff, eine Familie, die mit dysfunktional noch sehr freundlich umschrieben wäre, und  zum anderen die gesitteten Lintons. Es kommt zu unglückseligen Eheschließungen, Geburten, Liebesleid, Rache und Tod und schließlich zu einer milden Ruhe nach all dem stürmischen Gebaren.

Hab’s schon als Teenager gelesen, ohne die geringste Ahnung, dass das ein echter Klassiker ist. Später die Schwarzweiß-Verfilmung gesehen. Weitere Verfilmungen gingen spurlos an mir vorbei. Das Buch reicht mir völlig.

Im Studium habe ich mich monatelang mit dem Buch beschäftigt und es aus allen möglichen und unmöglichen Richtungen analysiert, interpretiert und dabei fast auswendig gelernt. Doch das Werk hat all dem standgehalten und begeistert mich heute noch genauso wie beim allerersten Mal.

Es bleibt bewunderndes Staunen oder staunende Bewunderung, denn bei jedem Lesen entdecke ich etwas Neues; man wird mit diesem Buch einfach nicht fertig. Da gibt es z. B. eine große psychologische Feinheit, mit der die Autorin zeigt, welche Verheerungen eine miese und brutale Erziehung anrichten kann.

Dann die Modernität der Gestaltung: Wie in einem Spiegellabyrinth muss man überlegen, wem man glauben kann. Die Erzählerfiguren, der Städter Lockwood und die Haushälterin Nelly Dean, die oft genug selbst ihre Finger im Spiel hatte, wollen uns von Anfang an ihre Sicht der Dinge unterjubeln.

Und erst die Hauptfiguren: Catherine, ihr Bruder Hindley, Heathcliff und dann Edgar und Isabelle Linton. In den zwei Häusern tobt ein archaischer Sturm, scheinbar meilenweit vom nächsten Ort entfernt, die Handlung drängt vorwärts; am Ende bin ich fast ein wenig erschöpft und brauche ein paar Tage, bis ich mich wieder auf ein neues Buch einlassen kann. Und dann die großen Fragen nach Schuld, nach Liebe. Schließlich tragen alle ihren Teil, gewollt oder ungewollt, zum Chaos und Herzeleid bei.

Und überhaupt, was ist eigentlich Liebe? Ist es Liebe oder eine schier unfassbare Selbsttäuschung, wenn Catherine beteuert:

If all else perished, and he [Heathcliff] remained, I should still continue to be; and if all else remained, and he were annihilated, the Universe would turn to a mighty stranger. I should not seem a part of it. (…) my love for Heathcliff resembles the eternal rocks beneath – a source of little visible delight, but necessary. Nelly, I am Heathcliff – he’s always, always in my mind – not as a pleasure, any more than I am always a pleasure to myself – but, as my own being….

Elena Ferrante beschreibt in einem Interview, was ein gutes Buch ihrer Meinung nach leistet. Nach dieser Definition ist Wuthering Heights ein phänomenal gutes Buch.

Good books are stunning charges of vital energy. They have no need of fathers, mothers, godfathers and godmothers. They are a happy event within the tradition and the community that guards the tradition. They express a force capable of expanding autonomously in space and time.

Elena Ferrante in einem Interview mit Sheila Heti, zitiert nach: ‘Be Silent, Recover My Strength, Start Again’: In Conversation with Elena Ferrante

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Jane Austen: Pride and Prejudice (1813)

It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife. However little known the feelings or views of such a man may be on his first entering a neighbourhood, this truth is so well fixed in the minds of the surrounding families, that he is considered as the rightful property of some one or other of their daughters.

Mit diesem weithin bekannten Einstieg beginnt einer der englischen Romanklassiker

Jane Austen: Pride and Prejudice (1813), auf Deutsch: Stolz und Vorurteil

Zum Inhalt

Folgerichtig erregt die Ankunft des wohlhabenden Mr Bingley, des neuen Mieters des nachbarschaftlichen Herrenhauses, die Aufmerksamkeit der Familie Bennet. Bennets haben gleich fünf Töchter, die ja irgendwann unter die Haube sollen, was schon deshalb wichtig ist, weil aufgrund der damaligen Erbregelung das Anwesen nach dem Tode Mr Bennets nur einem männlichen Verwandten zufallen darf. Das wäre in diesem Fall Mr Collins, ein entfernter Cousin der Mädchen und ein schier unerträglicher Esel. Ohne Ehemann würden die Töchter nach dem Tod des Vaters im Grunde mittellos sein.

Hier wird nun von Austen ein etwas größerer Ausschnitt der Gesellschaft ins Auge gefasst, als das in den früheren Romanen der Fall war. Allerdings ändert diese Ausweitung nichts an den grundlegenden Themen, die auch diesen Roman durchziehen: die Rolle des Geldes, die Bedeutung von Erziehung, die Frage nach dem, was den richtigen Ehepartner ausmacht, die Überwindung von Vorurteilen. Und welche charakterlichen Reifungsprozesse müssen vollzogen werden, bevor man glücklich in den Hafen der Ehe einlaufen kann?

Die verschiedenen Möglichkeiten werden nun anhand der Familie Bennet durchgespielt. Da wären zum einen die Eltern: Mr Bennet ist eine interessante, weil durchaus zwiespältige Figur. Er ist intelligent und integer und sich im Klaren darüber, dass er er bei der Wahl seiner Ehegefährtin kräftig danebengegriffen hat, dennoch ist er nicht bereit, dem moralischen Verfall seiner Familie Einhalt zu gebieten. Stattdessen flüchtet er sich in Spott und in seine Bibliothek, in der ihn niemand stören darf.

Her mind was less difficult to develope. She was a woman of mean understanding, little information, and uncertain temper. When she was discontented, she fancied herself nervous. The business of her life was to get her daughters married; its solace was visiting and news. (S. 3 der in gebundenen Ausgabe der Everyman’s Library)

Jane, die älteste und tugendsame Tochter, verliebt sich in Mr Bingley. Die Liebe wird erwidert. Doch da Jane nicht als „gute Partie“ gilt und ihre Mutter und ihre jüngeren Schwestern ungebildet, ja fast schon ordinär sind, nimmt der zaudernde Bingley wenn auch schweren Herzens zunächst Abstand von Jane.

Ihre attraktive und lebhafte Schwester Elizabeth, die Hauptfigur, betrachtet das Treiben um sich herum mit gemischten Gefühlen. Sie nimmt ihrer Freundin Charlotte übel, dass diese, um lebenslang abgesichert zu sein, den Heiratsantrag von Mr Collins angenommen hat. Für sich selbst lehnt sie eine Heirat, die nicht auf gegenseitiger Achtung und Liebe beruht, grundsätzlich ab.

Elizabeth erkennt, wie berechnend und dümmlich sich ihre Mutter verhält. Sie ist empört, weil Bingley mit den Gefühlen ihrer Schwester zu spielen scheint, und kultiviert eine innige Abneigung gegen Bingleys Freund, den reichen, gut aussehenden, aber versnobten und stolzen Mr Darcy.

Der wiederum ist das Objekt der Begierde von Bingleys Schwester. Schonungslos legt der Erzähler deren Absichten offen, doch wer hätte nicht auch ein wenig Mitleid mit Miss Bingley?

Miss Bingley’s attention was quite as much engaged in watching Mr Darcy’s progress through his book, as in reading her own; and she was perpetually either making some inquiry, or looking at his page. She could not win him, however, to any conversation; he merely answered her question, and read on. At length, quite exhausted by the attempt to be amused with her own book, which she had only chosen because it was the second volume of his, she gave a great yawn and said: „How pleasant it is to spend an evening in this way! I declare after all there is no enjoyment like reading! How much sooner one tires of anything than of a book! – When I have a house of my own, I shall be miserable if I have not an excellent library.“ (S. 50/51)

Die mittlere Tochter der Bennets, Mary, ein unattraktives Mädchen, das von niemandem so richtig wahrgenommen wird, fällt allen anderen mit ihren Büchern, Klavierspielen und moralischen Sentenzen auf die Nerven.

Blieben noch die beiden jüngsten, Lydia und Kitty. An der fünfzehnjährigen Lydia, die wenig im Kopf hat außer ihrem Interesse für schöne Kleider und die im Ort stationierten Soldaten, sehen wir, wie gefährlich es ist, wenn eine dumme Mutter ihre Kinder verwöhnt und ihnen weder Werte noch Fähigkeiten vermittelt. Lydia brennt schließlich mit einem Tunichtgut durch.

Fazit

Anna Marie Quindlen, die einflussreiche amerikanische Autorin, Journalistin und Kritikerin, schrieb in ihrer Einleitung der Ausgabe der Modern Library voller Begeisterung:

Pride and Prejudice is also about that thing that all great novels consider, the search for self. And it is the first great novel to teach us that that search is as surely undertaken in the drawing room making small talk as in the pursuit of a great white whale or the public punishment of adultery.

Dennoch hat mich dieser Roman längst nicht so angesprochen wie Emma. Zwar führt Austen ihre Erzählfäden auch hier souverän zusammen und ihr Englisch ist wie immer ein Genuss. Austen ermöglicht dem Leser, der Leserin, nahezu mühelos die Distanz von 200 Jahren zu überbrücken. Wie in ihren anderen Werken betont sie auch hier, wie wichtig eine vernünftige Erziehung und die intellektuelle Ebenbürtigkeit in einer Ehe sind. Das ist zeitlos gültig.

Doch diesmal war mir die Handlung über weite Strecken zu sehr „Versuchsanordnung“, was zur Folge hatte, dass manche der Protagonisten wie Schachfiguren hin und hergeschoben wurden, ohne wirklich zu leben. Oft erschienen mir die Personen eher als Verkörperung bestimmter Tugenden bzw. Untugenden.

Jane, die Arglose, ist so dermaßen fehlerlos, gut und immer darauf erpicht, nur das Beste von allen Menschen zu denken, dass sie mich extrem ermüdet hat. Auch ihre große Liebe Bingley war so fad und farblos.

Ihre Schwester Elizabeth kommt längst nicht an den Charme einer Emma Woodhouse heran und Lydia, ein dummes, verzogenes Ding, das in seiner Ehe garantiert nicht lange glücklich sein wird, erschien mir lebendiger als viele der anderen Romanfiguren.

Und doch lohnt sich die Lektüre allemal, nicht nur, um einen Klassiker der englischen Literaturgeschichte kennenzulernen, sondern auch um das Werk von Jo Baker zu verstehen, die in ihrem Roman Longbourn die gleiche Geschichte erzählt, und doch ganz anders, nämlich aus der Sicht der Hausangestellten. Unbedingt lesenswert.

Anmerkungen

Zum Abschluss hier die berühmten Worte aus Sir Walter Scotts Tagebuch vom 14. März 1826:

Also read again, and for the third time at least, Miss Austen’s very finely written novel of Pride and Prejudice. That young lady had a talent for describing the involvements and feelings and characters of ordinary life, which is to me the most wonderful I ever met with. The Big Bow-wow strain I can do myself like any now going; but the eyquisite touch, which renders ordinary commonplace things and characters interesting from the truth of the description and the sentiment, is denied to me. What a pity such a gifted creature died so early!

Janeites

Als Janeites  werden übrigens Austens Verehrer und Fans bezeichnet. Mit diesem Begriff wollten sich die ursprünglich eher akademisch geprägten Austen-Fans vom trivialen Literaturgeschmack der Massen abheben. Geprägt wurde der Begriff von George Saintsbury, einem britischen Literaturkritiker und Weinkenner: „He coined the term ‚Janeite‘ for a fan of Jane Austen in his introduction to a 1894 edition of Pride and Prejudice.

Der englischsprachigen Ausgabe der Wikipedia verdanke ich außerdem den verblüffenden  Hinweis, dass die Begeisterung für Jane Austen zunächst eine eher männlich-elitäre Angelegenheit war. Rudyard Kipling hat sogar eine Erzählung mit dem Titel The Janeites geschrieben, die im Ersten Weltkrieg spielt und die man hier nachlesen kann.

Doch als auch die „Massen“ begannen, Jane Austen und ihre Romane zu entdecken, und eine regelrechte Fan-Kultur entstand, deren Ende längst nicht abzusehen ist (inzwischen gibt es Jane Austen und Zombie-Kombinationen), entwickelte sich der Begriff Janeite fast hin zu einem Schimpfwort für jemanden, der die Romane Austens sozusagen aus den falschen Gründen liebe und die literarischen Feinheiten gar nicht zu würdigen wisse.

Wer möchte, kann sich hier den Roman in Englisch vorlesen lassen.

P. D. James (*1920) lässt ihren Kriminalroman Death comes to Pemberley (2011) sechs Jahre nach der Hochzeit zwischen Elisabeth und Darcy einsetzen.

Jo Baker: Longbourn (2013)

There could be no wearing of clothes without their laundering, just as surely as there could be no going without clothes, not in Hertfordshire anyway, and not in September. Washday could not be avoided, but the weekly purification of the household’s linen was nontheless a dismal prospect for Sarah. The air was sharp at four thirty in the morning, when she started work. The iron pump-handle was cold, and even with her mitts on, her chilblains flared as she heaved the water up from the underground dark and into her waiting pail. A long day to be got through, and this just the very start of it.

So beginnt die lohnende Auseinandersetzung mit einem der bekanntesten Romane der englischen Literaturgeschichte:

Jo Baker: Longbourn (2013)

Longbourn, das ist der Name des Dorfes und damit des Anwesens der Familie Bennet in Jane Austens bekanntestem Roman Pride and Prejudice (auf Deutsch Stolz und Vorurteil). Baker erzählt den Roman quasi noch einmal, und zwar aus Sicht der Bediensteten. Dabei sind die Bennets und deren Sorgen und Liebeständel zweitrangig, denn Baker legt den Schwerpunkt auf das Leben der Untergebenen, ihre Ängste, Hoffnungen und vor allem auf ihren Tagesablauf, der natürlich von harter Arbeit, so gut wie keiner Privatsphäre und wenig Wertschätzung geprägt war.

Der Leser von Pride and Prejudice hat vielleicht noch die Szene vor Augen, wie Elizabeth sich auf dem nassen und schmutzigen Weg zu Bingleys Anwesen, wo sich ihre erkrankte Schwester aufhält, ihre Schuhe und Kleidung verdreckt. Bei Baker klingt das dann so:

If Elizabeth had the washing of her own petticoats, Sarah often thought, she’d most likely be a sight more careful with them. (S. 11)

Im Mittelpunkt steht Sarah, das Dienstmädchen, die genau wie die kleine Polly halbverhungert aus dem Armenhaus kommt und von Mrs Hill, der Haushälterin, ausgebildet, beaufsichtigt und angeleitet wird. Mrs Hill meint es gut mit den Mädchen, doch da sie sich – nicht ohne Grund, wie man im Laufe der Geschichte erfährt – alles Weiche und Herzliche nahezu abgewöhnt hat, kann sie dies nicht so zeigen, wie sie gern würde.

In die relative Ruhe und Gleichförmigkeit der Tage kommt Bewegung, als ein neuer footman, der attraktive James Smith, eingestellt wird, der von Sarah misstrauisch und gleichzeitig fasziniert beäugt wird. Die Ankunft des Militärs in Meryton und die Besuche der Offiziere in Longbourn scheinen James zu beunruhigen. Hatte er doch nach dramatischen Erlebnissen gehofft, hier ein ruhiges Plätzchen gefunden zu haben.

What was astonishing was the peace of this place. Like a pebble dropped into a stream, his arrival had made a ripple in the surface of things. He’d felt that; he’d seen it in the way they looked at him, Sarah and Mrs Hill and the little girl. But the ripples were getting fainter as they spread, and he himself was by now sunk deep and settled here; time would flow by and over him, and wedge him firmer, and he would take on the local colour of things. (S. 67)

Mrs Hill sieht mit Besorgnis, wie angetan Sarah von dem Mulatten Ptolomy Bingley ist, der von einer der Plantagen stammt, die den Bingleys gehören, und der nun in England als freier Mann sein Glück zu machen gewillt ist. Die erste Stufe dazu ist der Dienst als Diener im Bingleyschen Haushalt. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Fazit

Baker reiht sich damit nun keineswegs in die gerade im englischsprachigen Raum überaus beliebte Fan-Fiction ein, die die Werke Austens als Vorlage und Anregung für meist locker-flockige und nicht allzu anspruchsvolle Liebesromane nimmt; inzwischen gibt es sogar Zombie- und Erotikversionen, siehe z. B. die Besprechung zu Pride and Prejudice and Zombies von Thomas Rau.

Doch Baker hat einen anderen Anspruch. Sie schafft so etwas wie einen Spiegel, den man bei der nächsten Austen-Lektüre immer mitdenken wird.

Das Buch gibt all den namenlosen „guten Geistern“ ein Gesicht und gibt ihnen ihre Würde. Natürlich ist Baker keine Jane Austen, manches gerät notgedrungen ein bisschen langatmig, z. B. wenn sie – exzellent recherchiert – den Tagesablauf und die Tätigkeiten der Hausangestellten ganz genau schildert, aber nur so kann der Leser ja einen Eindruck gewinnen vom Leben derjenigen, die zur Zeit Austens eher unsichtbar sein sollten.  Wir bekommen plötzlich eine Ahnung, wie sich das vielleicht angefühlt haben mag, wenn man Seife aus Fett des gerade geschlachteten Schwein hergestellt hat, den Nachttopf der Herrschaften leeren und die Wäsche mit dem Menstruationsblut waschen musste. Oder bis früh morgens aufbleiben musste, damit die heimkehrende Herrschaft nach der kalten Kutschfahrt noch einen Tee genießen konnte.

Baker arbeitet dabei ganz unaufdringlich immer wieder mit interessanten Spiegelungen. Der Leser erinnert sich vielleicht, welche Fürsorge Jane Bennet im Hause der Bingleys erfährt, als sie schwer erkältet ist. Bei Baker erkrankt Sarah, doch was für ein Unterschied. Kein Arzt, keine Medizin. Und Mrs Hill muss sich die Minuten absparen, in denen sie nach Sarah schauen kann, die in der kalten Dachkammer liegt.

On Friday, Sarah burnt to the touch; her head rolled on the pillow; she muttered. Mrs Hill came up, or sent Polly, when she could, with broth or tea, and they would prop her up and spoon a little between her chattering teeth. But the attics were a long way from the kitchen and it was not often that someone could get away, and there was certainly little time to stay and comfort her. (S. 95)

Baker öffnet quasi den Hintereingang zur Welt der feinen Leute, die deshalb einen bestimmten Lebensstil pflegen konnten, weil das Geld beispielsweise in den kolonialen Plantagen mit Sklavenarbeit verdient wurde. Eine Welt, in der es beim Militär und in den kriegerischen Auseinandersetzungen gegen Napoleon brutal zuging. Eine Welt, in der uneheliche Kinder eine Katastrophe waren und in der die Dienstboten für einen geringen Lohn harte und schmutzige Arbeit verrichtet haben und in der ein Aufstieg kaum möglich war. Die Alternative dürfte oft genug nur das Armenhaus gewesen sein.

Das schriftstellerische Verdienst Bakers liegt nun darin, dass sie keinen schaurigen Sensationsroman geschrieben hat, sondern uns einfühlsam einen Blick in eine fremde Welt ermöglicht, der eine beeindruckende Ergänzung zum Werk Jane Austens ist, passend zum 200. Geburtstag von Pride and Prejudice. Über kleine Holprigkeiten in der Handlung habe ich gern hinweggesehen.

Anmerkungen

Hier geht’s lang zur Besprechung auf dem Blog Shelf Love.

Voll des Lobes war auch Clare Clark in ihrer Rezension, die am 14. August 2013 im Guardian erschien:

Like Austen, Baker has written an intoxicating love story but, also like Austen, the pleasure of her novel lies in its wit and fierce intelligence. Longbourn is a profound exploration of injustice, of poverty and dependence, of loyalty and the price of principle; running through the quiet beauty of much of Baker’s writing is the unmistakable glint of anger. […] The result is a triumph: a splendid tribute to Austen’s original but, more importantly, a joy in its own right, a novel that contrives both to provoke the intellect and, ultimately, to stop the heart.

Literarische Nachbarn

Laurie R. King: The Beekeeper’s Apprentice (1994)

I was fifteen when I first met Sherlock Holmes, fifteen years old with my nose in a book as I walked down the Sussex Downs, and nearly stepped on him. In my defence I must say it was an engrossing book, and it was very rare to come across another person in that particular part of the world in that war year of 1915. In my seven weeks of peripatetic reading amongst the sheep (which tended to move out of my way) and the gorse bushes (to which I had painfully developed an instinctive awareness) I had never before stepped on a person.

Auf Deutsch erschien der erste Band der 1952 geborenen Amerikanerin Laurie R. King um Mary Russell und den fast 40 Jahre älteren Sherlock Holmes unter dem Titel Die Gehilfin des Bienenzüchters.

King hat für ihre Krimis bereits mehrere Preise bekommen.

Zum Inhalt

Sherlock Holmes, der sich inzwischen in die ländliche Idylle von Sussex zurückgezogen hat, um sich dort der Bienenzucht und seinen chemischen Experimenten zu widmen, lernt also 1915 die Vollwaise Mary Russell kennen. Es dauert nur wenige Minuten und die beiden stellen zu ihrer großen Verblüffung fest, dass sie anscheinend sehr ähnlich ticken. Also nimmt Holmes das junge Mädchen, das bei einer unfreundlichen Tante lebt, unter seine geistigen Fittiche und zieht sich so eine kluge Auszubildende heran. (Die deutsche Übersetzung als „Gehilfin“ trifft es leider nicht so genau.)

Natürlich lassen die ersten zu lösenden Fälle nicht lange auf sich warten.  So müssen sie zum Beispiel die entführte kleine Tochter eines amerikanischen Senators in Wales aufspüren. Mary, die später in Oxford studieren wird, entwickelt sich dabei allmählich zu einer ebenbürtigen Partnerin des berühmten Detektivs.

Im (chronologisch) zweiten Band O Jerusalem (der allerdings später veröffentlicht wurde), müssen sie sogar ein Attentat in Palästina verhindern, das den fragilen Frieden nach dem Ersten Weltkrieg zunichte machen könnte. Recherchiert bis ins Kleinste und so anschaulich, dass man schließlich das Gefühl hat, mit ihnen durch die Gassen Jerusalems zu eilen.

Der dritte Band A Monstrous Regiment of Women spielt vor dem Hintergrund der erstarkenden Frauenbewegung in Großbritannien. Im Umfeld einer charismatischen Frauenrechtlerin kommt es zu mehreren Todesfällen. Dabei haben reale  Persönlichkeiten wie Marie Stopes ihre Gastauftritte und die Debatten um eine feministische Lesart der Bibel sind mehr als nur Fassade. Die den jeweiligen Kapiteln vorangestellten Zitate bekannter Autoren erinnern daran, dass im Westen Frauen Jahrhunderte lang als minderwertig bzw. dem Mann eindeutig nachgeordnet angesehen wurden.

Im vierten Band A Letter of Mary findet sich ein köstlicher kurzer Auftritt von Lord Peter Wimsey, der während einer Art Hausparty spontan von Mary gebeten wird, ihr zwei Frauen vom Leib zu halten, die ihre Tarnung auffliegen lassten könnten.

I paused, struck by a thought. ‚I might, actually, ask a small favour.‘

‚But of course – gallant is one of my overabundant middle names. What dragon does milady wish slain, what chasm spanned? A star pluck’t from the heavens, a cherry that hath no stone? Some shag for your pipe, perhaps?‘

‚Nothing so simple as dragons or bridges, I fear. I need two young ladies removed so that I might get at the groaning board where they stand waiting to recognise me for whom I am not […]‘

‚You wish me to murder two women so that you can eat lunch?‘ he asked with one politely raised eyebrow. ‚It seems just a bit excessive when there are servants willin‘ and able to bring you a tray […]‘

‚No, you idiot,‘ I said over the giggles he always managed to draw from me. ‚Just remove them for twenty minutes. Take them to view the peacocks, or see the etchings, or […]‘ (S. 215/215)

Fazit

Diese Pastiche-Krimis machen Spaß. Sie leben von dem freundlich-bissigen Austausch der beiden Protagonisten, abwechslungsreichen und sorgfältig in die Zeitgeschichte eingebetteten Fällen und genügend Charakterschilderung, sodass man den beiden eigenwilligen Figuren gerne auf ihren Streifzügen gegen das Verbrechen folgt. Garniert ist das Ganze mit Ironie und Augenzwinkern.

I was due to enter my college at Oxford in the autumn of 1917. I had been with Holmes for two years, and by the spring of 1917 could follow a footprint ten miles across country, tell a London accountant from a Bath schoolmaster by their clothing, give the physical description of an individual based on his shoe, disguise myself well enough to deceive Mrs Hudson, and recognise the ashes from the 112 most common brands of cigarettes and cigars. In addition, I could recite whole passages of the Greek and Latin classics, the Bible, and Shakespeare, describe the major archeological sites in the Middle East, and, thanks to Mrs Hudson, tell a phlox from a petunia. (S. 63)

Doch dann wechselt der Ton wieder zu  ganz glaubhaften ruhigen Passagen, in denen es u. a. um die Ursache von Marys Alpträumen oder die Entwicklung der Beziehung zwischen Mary und Holmes geht. Und ein paar Seiten später befindet man sich plötzlich in einer Dan-Brown-artigen Verfolgungsjagd.

Wer ein bisschen Hintergrundwissen zu Holmes und seinen Fällen mitbringt, freut sich an der ein oder anderen Anspielung. So tarnt sich Holmes einmal beispielsweise als Lieutenant-Colonel William Gillette.

The original William Gillette was an American actor who had cobbled together one of the first stage plays about Holmes, using bits of the Conan Doyle stories [dem Herausgeber der von Watson verfassten Geschichten] and adding a romantic interest. Holmes‘ opinion of the production was what one might expect. (O Jerusalem, S. 333)

Und an kleinen Seitenhieben auf den zunehmend spiritistisch angehauchten Conan Doyle, der hier als Herausgeber für die Werke Watsons fungiert, fehlt es ebenfalls nicht.

Selbstverständlich sind auch Mycroft und Mrs Hudson mit von der Partie. Und  man kann sich von Holmes so schöne Sätze anstreichen wie diesen, als Mary ihn fragt, ob er sie eigentlich sehr ungern an ihrem zweiten gemeinsamen Fall hat mitarbeiten lassen.

I was indeed filled with a singular lack of enthusiasm at the prospect. (S. 196)

Oder den hier:

‚Good evening, Mycroft,‘ said Holmes. ‚I apologise for intruding on your quiet reading with my little problem, but unfortunately it appears that someone is attempting to exterminate Miss Russell and myself. I thought you might be willing to be of assistance.‘ (S. 234)

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