William Melvin Kelley: A Different Drummer (1962)

Neu aufgelegt, von der internationalen Kritik begeistert besprochen, und nun erschien die deutsche Übersetzung des ca. 200-seitigen Debütromans des afroamerikanischen Autors William Melvin Kelley (1937-2017) von Dirk Gunsteren unter dem Titel Ein anderer Takt im Hoffmann und Campe Verlag.

Die Wiederentdeckung dieses Werks, ursprünglich erschienen auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung in Amerika, als der Autor gerade einmal 24 Jahre alt war, ist längst überfällig. Nicht nur, weil Rassismus in Amerika und Europa in einigen Kreisen wieder salonfähig ist, sondern weil es ein großartiges Buch ist.

Doch zunächst einmal kurz zur Geschichte, die in einem fiktiven Staat irgendwo westlich von Alabama spielt.

Im Juni 1957 lässt sich der junge Schwarze Tucker Caliban, der erst kürzlich ein Stück Land der ehemaligen Sklavenplantage der Willsons gekauft hat, eine Ladung Salz kommen, bestreut damit sein Feld, tötet Kuh und Pferd, setzt sein Haus in Brand und verlässt ohne weitere Erklärung zusammen mit Frau und Kind den Ort, an dem er und seine Vorfahren seit Generationen gelebt und geschuftet haben, zunächst als Sklaven, später als Feldarbeiter und Hausmädchen.

Sie machen sich auf Richtung Norden und lösen damit einen Massenexodus aus. In den nächsten Tagen werden nämlich alle Schwarzen ruhig und schweigend mit ihrer spärlichen Habe diesen Bundesstaat verlassen und versuchen, sich im Norden ein neues Leben aufzubauen.

Und der Leser wird Augen- und Ohrenzeuge der Geschichte, in der es nicht nur darum geht, wie die ersten Sklaven nach Sutton kamen, sondern auch wie die Weißen nun mit dem für sie ungeheuerlichen Vorgang umgehen, dass die Schwarzen ihnen und der widersinnigen Rassentrennung wortlos den Rücken kehren, nicht mehr im Ort einkaufen werden  und sie einfach mit der schmutzigen Arbeit sitzen lassen.

Nun erinnern sich Erzählerstimme und verschiedene weiße Protagonisten an möglicherweise bedeutsame Details aus Vergangenheit und Gegenwart, die vielleicht dabei helfen können, das Unbegreifliche zu verstehen. Dabei kommen die Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen, was sich in ihrem Auftreten und Handeln niederschlägt. Und immer wieder kehren wir im Verlauf der Geschichte zur Veranda des Lebensmittelgeschäftes zurück, dort treffen sich die Männer des Ortes, um die neuesten Entwicklungen zu bereden.

Es wäre schade, mehr zum Inhalt zu verraten. Viel zu interessant ist es, wie der Autor es schafft, die verschiedenen Stimmen zum Leben zu erwecken. Die Schwarzen selbst kommen nur indirekt zu Wort, doch dass der Auszug gerechtfertigt ist, kann am Ende von niemandem mehr bezweifelt werden.

Der Stil ist oft poetisch, anschaulich und die Gespräche scheinen den Menschen abgelauscht zu sein, die Bilder wuchtig, ohne dass sie aufdringlich wären, wie z. B. bei der Beschreibung der Standuhr, die der erste Plantagenbesitzer extra aus England kommen lässt und die mit aller Sorgfalt eingepackt und vor Stößen und Kratzern auf der langen Schiffspassage geschützt wurde, während die Sklaven auf demselben Schiff unter unbeschreiblichen Zuständen zusammengepfercht wurden.

Dann gibt es auch geradezu sanfte Passagen, in denen fast so etwas wie spöttische Nachsicht mit den Weißen aufscheint, die trotz bester Vorsätze eben auch geprägt sind von der allgegenwärtigen Rassentrennung im Süden der USA. So schreibt David Willson nach seinem Umzug nach Massachusetts:

Just after I got there and found a seat, a negro came in and sat next to me. That’s something I will have to go into at length one of these nights: the absence of segregation. At first, I was disturbed by it, not that I mind its absence so much as when you sit somewhere you usually do not take too much notice of who sits next to you. If you are sitting on a trolley and someone sits next to you, usually you glance at him, then ignore him, that is, if he does not sit on your coattail. But when a negro sits next to me I find myself distracted from what I was reading, or from looking out of the window because I am not used to being that close to a negro in public. And so when this negro sat next to me, I noticed, and continued to notice it. (S. 155)

Das Buch enthält Szenen, die sich unwillkürlich einprägen, und man wünscht sich so dringend, dass die Welt inzwischen eine andere wäre, dass man den Roman als eine (gelungene) Auseinandersetzung mit dem rassistischen Amerika der Vergangenheit lesen könnte, doch nein, er ist aktuell wie eh und je, zeigt er doch die Mechanismen und Facetten menschlichen Verhaltens auf und macht deutlich: Jeder hat eine Wahl. Jeder trifft die Wahl. Täglich. Im Kleinen. Im Großen.

Lesenwert.

Like I said, nobody’s claiming this story is all truth. It must-a started out that way, but somebody along the way or a whole parcel of somebodies must-a figured they could improve on the truth. And they did.  It’s a damn sight better story for being half lies. Can’t a story be good without some lies. (S. 9)

Der Titel bezieht sich übrigens auf ein Zitat von Henry David Thoreau, das aus Walden stammt:

Why should we be in such desperate haste to succeed and in such desperate enterprises? If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.

Auch Birgit hat auf Sätze & Schätze den Roman besprochen.

Weitere Rezensionen:

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David Park: Travelling in a Strange Land (2018)

Dieses Buch des nordirischen Autors (*1953) hat nur einen Nachteil, nämlich dass ich jetzt auch alles andere von ihm lesen möchte. Idealerweise sollte man es im Winter lesen. Ein Vater macht sich nach heftigen Schneefällen und dementsprechend unangenehmen Straßenverhältnissen auf, um seinen kranken Sohn mit dem Auto aus Sunderland in England zu holen, wo der Junge studiert, sodass die Familie zusammen Weihnachten feiern kann. Aufgrund des Wetters sind bereits alle Flüge gestrichen.

Während der langen Fahrt von Belfast nach Sunderland trifft Tom natürlich auch auf andere Menschen und hilft einer verunglückten Autofahrerin, obwohl ihn das wertvolle Zeit kostet. Zudem erinnert sich Tom, ein Fotograf, an die Vergangenheit, an Szenen aus seinem Familienleben und immer deutlicher wird, dass es noch einen zweiten Sohn gibt, zu dem es nur noch eine gedankliche Verbindung zu geben scheint.

Bewundernswert, wie Park es schafft, diesen eher billigen Effekt zum Spannungsaufbau – wir wollen wissen, was damals passiert ist – in den Hintergrund treten zu lassen. Nur allmählich kann Tom sich der Katastrophe, auch sprachlich, annähern. Dieser durchschnittliche Vater, der immer nur das Beste für seine drei Kinder wollte, wächst uns mit seiner Frau Lorna ans Herz und am Ende verstehen wir, warum er und Lorna so überfürsorglich darauf bedacht sind, dass ihr Sohn auf keinem Fall Weihnachten allein in seiner Studentenbude verbringen soll.

Travelling in a Strange Land – der Titel passt, der Vater macht sich auf den langen Weg zum Sohn, er reist in die Vergangenheit und hat dabei seinen ganz eigenen Blick. So werden wir an einer Stelle an das Foto von Denis Thorpe Mr Lowry’s Hat and Coat erinnert.

… taken  the day after the painter’s death – shows two coats and hats hanging on pegs in a shadowed hallway, vaguely flowered wallpaper, a dado rail. On one of the coats the lining is facing outward and catching something of the light. The photograph’s about absence, an opened space and a stillness flowing into it, homing in on the relics of someone who once was but is no more.

Sometimes when I go into my children’s rooms I have a strong sense of how closely our lives and the places we live in bear each other’s print. So it’s as if their breathing is still present even in the empty room and all their memories and dreams are somehow seamlessly fused with the folds of a fabric or the grain of a surface. (S. 54)

Außerdem geht es um das schwierige Gelände zwischen Eltern und Kindern und die unüberwindbare Sprachlosigkeit, die oft zwischen den Generationen herrscht. Gleichzeitig ist nicht nur die Trauer, sondern auch das Erwachsenwerden eine Reise durch unbekanntes Gebiet, die nicht jeder meistert. Ein leises, sehr feines Buch. Kein Happy End, aber am Ende so etwas wie eine vorsichtige Hoffnung.

Hier noch ein Interview mit dem Autor, der Jahrzehnte als Lehrer gearbeitet hat, über sein Buch in der Irish News und hier ein älterer Artikel zu Park aus dem Guardian von 2012.

Vita Sackville-West: No Signposts in the Sea (1961)

Das schmale Werk von knapp 150 Seiten war der letzte Roman der erfolgreichen Dichterin und Schriftstellerin Victoria Mary Sackville-West (1892-1962). 1913 heiratete sie Harold Nicolson, die beiden lebten eine offene Ehe und gestalteten einen der berühmtesten Gärten in Großbritannien, Sissinghurst Castle Garden.

Der Inhalt von No Signposts in the Sea ist rasch umrissen. Edmund Carr, ein ca. 50-jähriger erfolgreicher Journalist aus einfachen Verhältnissen, erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Kurzerhand beschließt er, eine Kreuzfahrt anzutreten, da er weiß, dass die von ihm verehrte Laura Drysdale, eine wohlhabende Witwe, ebenfalls an Bord sein wird.

It is amusing to observe a batch of new passengers coming on board. From the superiority of the upper deck one gazes down upon the quay-side swarming with native porters and Europeans, distinguishable from the idle crowd of sight-seers who have come to stare at the ship for want of anything better to do. What a medley of noise and colour! Then comes the rush as the gangway is lowered; everyone wants to be first, though there is no conceivable reason for hurry; women hesitate and struggle back, convinced that they have lost their luggage; men enter into argument with the officers in their cool white ducks. The emigrants lugging their poor bundles are directed to a secondary gangway near the stern; they turn this way and that, like panic-stricken cattle. A tall black-bearded man in a red turban clutches a small girl swathed in blue muslin. A Buddhist priest with shaven head and saffron robe falls flat as he stumbles over a rope. A lost child sets up a howl. Is it possible that all this pullulating humanity will ever be sorted out?

It seems like a microcosm of everything that is happening all over the world. (S. 22)

Edmund hat beschlossen, Laura nichts von seiner Erkrankung zu erzählen. Er will kein Mitleid. Doch auch seine Liebe will er ihr verheimlichen. Zum einen ist da seine Unsicherheit, es ist das erste Mal, dass er sich ernsthaft verliebt hat, zum anderen rechnet er sich bei dieser attraktiven Frau keinerlei Chancen aus, zudem will er Laura keinen Kummer bereiten.

Zunächst ist Edmund einfach dankbar, noch diese Zeit mit der geliebten Frau verbringen zu können.

Sometimes I come upon her traces, a cigarette case, a scarf left trailing  upon a chair. For the competent woman I divine her to be, she is curiously  careless of her possessions, but then none so lovable as those who are not all of a piece. These little surprises of inconsistency are endearing enough to mere affection; how much more so when one is in love! The Colonel and I spend quite a lot of time retrieving her belongings. (S. 62)

Doch sein Vorsatz, weder Liebe noch Krankheit zu erwähnen, fallen ihm zunehmend schwerer, da sich die beiden gut verstehen, schöne Momente miteinander teilen und die Gespräche persönlicher werden. Dazu kommt, dass Edmund in dem attraktiven Colonel Dalrymple einen Rivalen wittert, und diese Eifersucht, die er selbst schäbig findet, macht ihm schwer zu schaffen.

… I want my fill of beauty before I go. Geographically I do not care and scarcely know where I am. There are no signposts in the sea. (S. 28)

Der Leser erfährt dies alles aus Edmunds Tagebuch, das Laura ihm geschenkt hat. Dort finden sich auch durchaus spöttische Töne, wenn Edmund sich beispielsweise über den unerfreulichen Anblick mittelalter und unzureichend bekleideter sonnenbadender Mitreisender auslässt.

Ich muss sagen, dass ich diesen ruhigen Roman, dessen Anleihen bei der Biografie der Autorin im Vorwort von Victoria Glendinning erläutert werden, sehr gern gelesen habe. Das geradezu Traumwandlerische, zumindest scheinbar von allen Alltagsdingen losgelöste Leben auf einem Schiff ist wunderbar eingefangen. Und wie sich Edmund jegliches Selbstmitleid verbietet, versucht, mit Würde und seinen Prinzipien gemäß diese Zeit zu verbringen und doch dabei unbeholfen ist und sich seiner selbst und seiner Herkunft im Grunde immer noch schämt, das gefiel mir sehr.

So kauft er während eines Landgangs auf einem der Märkte einen Schal für Laura, doch als eine Mitpassagierin ihm zu verstehen gibt, dass dieser höchstens für eine Haushaltshilfe tauge, aber für eine Dame wie Laura nicht in Frage komme, wirft er ihn heimlich ins Meer.

Der Snobismus und die Herablassung der reichen weißen „Oberschicht“ spielen auch an anderen Stellen eine Rolle. Was allerdings arg unecht klang und  völlig zusammenhanglos im Raum stand, war, dass der armen Laura sogar eine Vergangenheit als Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg angedichtet wurde.

Es passiert überhaupt nichts Unerwartetes in dieser Geschichte, was ich hier nicht negativ meine. Dennoch wirkt sie nach, schon allein durch die ehrliche, wenn auch teilweise verblendete Selbstbefragung Edmunds, und durch den Gegensatz zwischen der reichen inneren Welt eines einzelnen Menschen und der Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, mit der man eben doch an den meisten Menschen vorbeiläuft. Und im Hintergrund immer das Wissen um die zeitliche Begrenztheit des Lebens.

‚Don’t you envy the early explorers who never knew what might be round the next corner? Fancy coming suddenly on the Grand Canyon when you had no idea of its existence.‘ (S. 45)

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Benjamin Zephaniah: The Life and Rhymes of Benjamin Zephaniah (2018)

Der Guardian hat ihn einmal einen der größten britischen Dichter der letzten Jahre genannt, die Times nahm ihn 2008 in die Liste der 50 wichtigsten Schriftsteller Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg auf.

Die Rede ist von dem Rastafari und Kämpfer gegen Rassismus und Unterdrückung: Benjamin Zephaniah, der sich selbst als Dichter für die Leute bezeichnet, die keine Dichter lesen, und der ziemlich säuerlich reagierte, als man ihm noch unter Tony Blair den Order of the British Empire verleihen wollte. (Die Begründung seiner Ablehung kann man hier nachlesen.)

2018 erschien nun seine Autobiografie und die ist so richtig klasse. Wunderte ich mich zunächst, dass der Autor das Buch sich selbst gewidmet hat, so erscheint das nach der Lektüre als absolut passend und mehr als gerechtfertigt.

Dedicated to me.
And why not?
There was a time when I thought
I wouldn’t live to see thirty.
I doubled that, and now I’m sixty.
Well done, Rastaman, you’re a survivor.
A black survivor.

Das Ganze geht schon damit los, dass Zephaniah im ersten Satz erklärt, dass er Autobiografien hasse,

They’re so fake. The ones I hate the most are those written by individuals who have spent their lives deceiving people and then, when they see their careers (or their lives) coming to an and, they decide it’s time to be honest. […] And don’t get me started on the people who write autobiographies a couple of years after they’re born: the eighteen-year-old pop star who feels life has been such a struggle that it can only help others if he lets the world know how he made it.

Da hängt einer die Meßlatte hoch, ehrlich soll’s werden und man soll was zu sagen haben; Zephaniah löst das alles ein, in einem ans Mündliche angelehnten Stil, humorvoll, bissig, böse, abgrundtief traurig, aufregend. Und man lernt mehr über Großbritannien und seinen oft so zynischen Umgang mit Einwanderen, als einem für die eigene Gemütsruhe manchmal lieb ist.

Vorausschicken möchte ich, dass diese Autobiografie so gar nichts mit den sogenannten Misery Memoirs zu tun hat, obwohl diese Gefahr gerade bei den Kindheitserinnerungen naheliegend gewesen wäre. Aber hier schreibt einer mit so viel Menschenfreundlichkeit und einer energischen Lebensfreude, die im wahrsten Sinne des Wortes kaum totzukriegen ist.

Seine Mutter kommt aus Jamaika und arbeitet als Krankenschwester, sein Vater stammt aus Barbados. Zephaniah wird, wie auch seine Geschwister, in Birmingham geboren. Schon als Kind wird er aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt, mit Backsteinen angegriffen, selbst die Schule ist kein sicherer Raum. Die Mutter kann nicht helfen und will die Anfeindungen nicht wahrhaben, es gibt die ersten Erfahrungen mit rassistischen Nachbarn, später die Straßenschlachten mit Anhängern der tiefbraunen National Front.

Dazu kommen familiäre Gewalterfahrungen: Der Vater prügelt Mutter und alle sieben Kinder, bis Mutter und Benjamin flüchten. Das Frauenhaus verweigert ihre Aufnahme, da eine verprügelte jamaikanische Frau nicht so gut zu britischen verprügelten Frauen passe.

Als die beiden schließlich im Haushalt des geschiedenen Pastors Burris ein neues Zuhause finden, gibt es zum ersten Mal so etwas wie eine Vaterfigur für Benjamin, doch auch dort ist das Geld und der Platz für so viele Menschen begrenzt.

We slept three or four to a bed: two up and two down, or two up and one down if you were lucky. Different kids had different kinds of smelly feet, so there were always tough negotiations over who would sleep where. (S. 66)

Er fliegt aus mehreren Schulen, seine Legasthenie wird nicht erkannt, schließlich landet er in einer der berüchtigten Borstals (Erziehungsanstalten), dann im Knast. Eine Karriere als Krimineller oder als Opfer einer Straßenschlacht oder in einer Gefängniszelle scheint vorgrammiert. Doch neben all dem Elend gibt es noch (mündliche) Gedichte, Musik, Sound Systems, noch mehr Musik und Freunde.

Wie nun aus dem Kind aus kaputtem Elternhaus, dem Schulabrecher, der kaum lesen und schreiben kann, dem geschickten Dieb und Hehler im Laufe der Jahre ein gefeierter Dichter, Autor, begeisterter Leser, Besitzer eines netten Anwesens auf dem Lande und weitgereister Aktivist gegen Rassismus, Polizeiwillkür und Unterdrückung wird, dem mehrere Ehrendoktorwürden zuteil werden, erzählt Benjamin Zephaniah auf über 300 Seiten so mitreißend, vollgepackt mit Geschichten, spannend und energiegeladen, dass ich nur staune und bewundere.

Markiert habe ich mir über 60 Stellen, müsst ihr also alle selbst lesen.

Dass sich Zephaniah in seiner humanen Einstellung selbst von den jetzt wieder aus ihren Löchern kommenden Rassisten nicht irremachen lässt – seit den Brexit-Kampagnen sieht auch er sich wieder verstärkt rassistischen Pöbeleien und widerlicher Post im Briefkasten ausgesetzt – zeugt von großer Stärke. Seine Hoffnung, dass er sich aufgrund gesellschaftlicher Verbesserungen langsam als Rastafari-Komiker zur Ruhe setzen könne, habe sich allerdings in Luft aufgelöst. Er müsse wohl noch eine Weile der zornige schwarze Dichter bleiben.

Ein Vorbild also, auch den Ausgegrenzten, den Gewalterfahrenen, den Jugendlichen, von denen die Gesellschaft nur Negatives erwartet, denen mit der „anderen“ Hautfarbe und dann wieder allen, die sich für eine gerechtere und menschenfreundlichere Welt einsetzen.

Well done, Rastaman. Wie wahr.

Hier schreibt Zephaniah über seine Legasthenie und miserablen Schulerfahrungen und hier geht’s zu seiner Homepage.

Bleibt nur die Frage, wann das Buch ins Deutsche übersetzt wird.

 

Marjorie Hillis: Live Alone and Like it (1936)

Das Buch ist ein großer Spaß und – wenn man das Jahr der Erstveröffentlichung anschaut – sehr moderner Ratgeber mit vielen Beispielen, der allen freiwillig oder unfreiwillig ledigen Frauen Mut machen soll, ihr Leben, ihr Erscheinungsbild, ihren Beruf, ihre Finanzen und kulturelle Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, anstatt zu hoffen, dass es ein anderer für sie tun wird.

Und auch wenn sich vieles seitdem verändert hat, ist Hillis freches und fröhliches Plädoyer gegen Selbstmitleid und ihr Aufruf zur Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben an vielen Stellen zeitlos, oft auch klug und ein echtes Lesevergnügen.

It’s a good idea, first of all, to get over the notion (if you have it) that your particular situation is a little bit worse than anyone else’s.  This point of view has been experienced by every individual the world over at one time or another, except perhaps those who will experience it next year. (S. 13)

Die Autorin Marjorie Hillis (1889–1971) arbeitete über 20 Jahre für die VOGUE und schrieb mehrere erfolgreiche Ratgeber für Frauen und Live Alone and Like It war eines der erfolgreichsten Bücher der dreißiger Jahre.

2005 erschien die deutsche Übersetzung von Sabine Hübner unter dem Titel Live alone and like it: Benimmregeln für die vergnügte Singlefrau.

Richard Hull: The Murder of my Aunt (1934)

Edward Powell, ein empathieloses Ekel, beschließt, Tante Mildred umzubringen, mit der er auf dem Lande, irgendwo in Wales, lebt. Er hasst das Landleben zwar wie die Pest, doch solange er bei ihr wohnt, muss er zumindest nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Nach Tante Mildreds Tod winken Geld und Unabhängigkeit. So jedenfalls stellt er sich das vor. Doch das Unterfangen erweist sich als schwieriger als gedacht.

Das Besondere: Der Snob Edward ist gleichzeitig der Ich-Erzähler, der uns seine Version der Geschichte präsentiert. Den Leser schaudert’s, da für Edward alles so einfach ist, er als der Mittelpunkt der Welt, dem sich alles und alle anderen unterzuordnen haben. Am Ende fragt man sich tatsächlich, inwieweit eine völlig verquere Erziehung zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnte.

Außerdem formuliert Hull hier so klasse auf den Punkt, dass der boshaft-spöttische Ton keineswegs nur der Unterhaltung dient; am Ende hatte ich den Eindruck, eine veritable und glaubwürdige Charakterstudie gelesen zu haben.

As I look back at what I have written in order to relieve my mind of what I feel of this awful place, I see I spoke of ’sodden woods‘. That was the right adjective. Never, never does it stop raining here, except in the winter when it snows. They say that is why we grow such wonderful trees here which provided the oaks from which Rodney’s and Nelson’s fleet were built. Well, no one makes ships out of wood nowadays, so that is no longer useful, and it seems to me that one tree is much like another. I’d rather see less rain, less trees and more men and women. ‚Oh, Solitude, where are the charms?‘ Exactly so. (S. 17)

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Krimilesen bildet: Colorstruck

Nachdem mich der erste Kriminalroman Blanche on the Lam (1992) von Barbara Neely um Blanche White, die schwarze Haushaltshilfe, so begeistert hat, hier ein paar nachgetragene Gedanken zu den Folgebänden.

Der zweite Band Blanche among the Talented Tenth krankte für mich zunächst daran, dass Neely viel zu lange braucht, bis sie anfängt, ihre Geschichte zu erzählen. Allerdings habe ich keinen Moment daran gedacht, das Buch zur Seite zu legen, dafür waren Setting und Hintergrund viel zu interessant, geht es doch um die „feinen Unterschiede“ innerhalb der Gäste einer noblen Ferienanlage für Schwarze, die sich nur die Wohlbetuchten und Erfolgreichen leisten können. Blanche kann sich den Aufenthalt auch nur deshalb leisten, weil sie zugesagt hat, sich einige Tage um die reichen Schulfreunde ihrer Pflegekinder zu kümmern.

So kann Blanche aus nächster Nähe die Fiesheiten und die rassistischen Verhaltensweisen innerhalb der black community beobachten. Glauben doch die hellhäutigeren Gäste sich abgrenzen zu müssen und wertvoller zu sein als die dunkelhäutigeren, ein quasi gegen sich selbst gerichtetes Erbe der Sklaverei, was mit dem Begriff „colorstruck“ beschrieben wird. Einige versuchen mit Make-up und entsprechender Haarbehandlung alles zu tun, um weißer auszusehen. Die Ursprünge dieser traurigen Unlogik gehen auf die Zeit der Sklaverei zurück und werden hier unter dem Abschnitt „United States, History“ näher erklärt.

Diese Unterschiede wirken sich nicht nur bis auf die Tischordnung aus, sondern auch auf die Frage, wer als angemessene Schwiegertochter für den eigenen Sohn gilt.

Ich vermute, dass der Begriff Color Struck selbst auf das Theaterstück Color Struck von Zora Neale Hurston zurückgeht, das erstmals 1926 veröffentlicht wurde.

Die Talented Tenth des Titels wiederum beziehen sich auf die Theorie einer Elite der schwarzen Amerikaner am Anfang des 20. Jahrhunderts, von denen man sich eine Vorreiterrolle bei der gesellschaftlichen Teilhabe aller Schwarzen erhoffte.

Der Begriff wurde von Philanthropen aus der WASP-Oberschicht der Nordstaaten geprägt. W. E. B. Du Bois, ein schwarzer Autor veröffentlichte 1903 einen Essay selben Namens. Dieser erschien im von Booker T. Washington herausgegebenen Sammelband The Negro Problem. (Wikipedia)

Man sieht, auch Krimilesen bildet, und irgendwann kam auch die Geschichte in Fahrt.

Im dritten Band Blanche cleans up hat Neely ihre Geschichte von Anfang an besser im Griff . Es geht u. a. um das Leben in einer Schwarzensiedlung, um Nachbarn, kriminelle Jugendliche, korrupte Politiker, Homosexualität und schmierige Geistliche. Und ich staune und bewundere, wie viele Bälle die Autorin wunderbar jongliert, ohne dass da einer zu Boden fällt.

Auf die Schilderung einer Selbstmordszene hätte ich verzichten können, ansonsten ist dieser schnoddrig-kluge Tonfall der Protagonistin wieder wunderbar. So heißt es über das Wohnzimmer ihrer momentanen Arbeitgeber:

The house was furnished in what Blanche called undeclared rich: gleaming wood chests and tables with the kind of detail that said handmade, sofas and chairs that looked like they’d grown up in the rooms, Oriental carpets older than her grandmama, and pictures so ugly they had to be expensive originals. (S. 4)

Ich bedauere jetzt schon, dass ich nun nur noch einen Band vor mir habe. Reizen andere Schriftsteller ihre Serienhelden manchmal bis zur Erschöpfung des Lesers – und darüber hinaus – aus, wäre ich hier sehr dafür, dass Neely uns noch viele Geschichten von und um Blanche erzählt hätte, die mir – soweit Literatur das überhaupt leisten kann – Zugang zu einer anderen Lebenswirklichkeit ermöglichen.

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