Vita Sackville-West: No Signposts in the Sea (1961)

Das schmale Werk von knapp 150 Seiten war der letzte Roman der erfolgreichen Dichterin und Schriftstellerin Victoria Mary Sackville-West (1892-1962). 1913 heiratete sie Harold Nicolson, die beiden lebten eine offene Ehe und gestalteten einen der berühmtesten Gärten in Großbritannien, Sissinghurst Castle Garden.

Der Inhalt von No Signposts in the Sea ist rasch umrissen. Edmund Carr, ein ca. 50-jähriger erfolgreicher Journalist aus einfachen Verhältnissen, erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Kurzerhand beschließt er, eine Kreuzfahrt anzutreten, da er weiß, dass die von ihm verehrte Laura Drysdale, eine wohlhabende Witwe, ebenfalls an Bord sein wird.

It is amusing to observe a batch of new passengers coming on board. From the superiority of the upper deck one gazes down upon the quay-side swarming with native porters and Europeans, distinguishable from the idle crowd of sight-seers who have come to stare at the ship for want of anything better to do. What a medley of noise and colour! Then comes the rush as the gangway is lowered; everyone wants to be first, though there is no conceivable reason for hurry; women hesitate and struggle back, convinced that they have lost their luggage; men enter into argument with the officers in their cool white ducks. The emigrants lugging their poor bundles are directed to a secondary gangway near the stern; they turn this way and that, like panic-stricken cattle. A tall black-bearded man in a red turban clutches a small girl swathed in blue muslin. A Buddhist priest with shaven head and saffron robe falls flat as he stumbles over a rope. A lost child sets up a howl. Is it possible that all this pullulating humanity will ever be sorted out?

It seems like a microcosm of everything that is happening all over the world. (S. 22)

Edmund hat beschlossen, Laura nichts von seiner Erkrankung zu erzählen. Er will kein Mitleid. Doch auch seine Liebe will er ihr verheimlichen. Zum einen ist da seine Unsicherheit, es ist das erste Mal, dass er sich ernsthaft verliebt hat, zum anderen rechnet er sich bei dieser attraktiven Frau keinerlei Chancen aus, zudem will er Laura keinen Kummer bereiten.

Zunächst ist Edmund einfach dankbar, noch diese Zeit mit der geliebten Frau verbringen zu können.

Sometimes I come upon her traces, a cigarette case, a scarf left trailing  upon a chair. For the competent woman I divine her to be, she is curiously  careless of her possessions, but then none so lovable as those who are not all of a piece. These little surprises of inconsistency are endearing enough to mere affection; how much more so when one is in love! The Colonel and I spend quite a lot of time retrieving her belongings. (S. 62)

Doch sein Vorsatz, weder Liebe noch Krankheit zu erwähnen, fallen ihm zunehmend schwerer, da sich die beiden gut verstehen, schöne Momente miteinander teilen und die Gespräche persönlicher werden. Dazu kommt, dass Edmund in dem attraktiven Colonel Dalrymple einen Rivalen wittert, und diese Eifersucht, die er selbst schäbig findet, macht ihm schwer zu schaffen.

… I want my fill of beauty before I go. Geographically I do not care and scarcely know where I am. There are no signposts in the sea. (S. 28)

Der Leser erfährt dies alles aus Edmunds Tagebuch, das Laura ihm geschenkt hat. Dort finden sich auch durchaus spöttische Töne, wenn Edmund sich beispielsweise über den unerfreulichen Anblick mittelalter und unzureichend bekleideter sonnenbadender Mitreisender auslässt.

Ich muss sagen, dass ich diesen ruhigen Roman, dessen Anleihen bei der Biografie der Autorin im Vorwort von Victoria Glendinning erläutert werden, sehr gern gelesen habe. Das geradezu Traumwandlerische, zumindest scheinbar von allen Alltagsdingen losgelöste Leben auf einem Schiff ist wunderbar eingefangen. Und wie sich Edmund jegliches Selbstmitleid verbietet, versucht, mit Würde und seinen Prinzipien gemäß diese Zeit zu verbringen und doch dabei unbeholfen ist und sich seiner selbst und seiner Herkunft im Grunde immer noch schämt, das gefiel mir sehr.

So kauft er während eines Landgangs auf einem der Märkte einen Schal für Laura, doch als eine Mitpassagierin ihm zu verstehen gibt, dass dieser höchstens für eine Haushaltshilfe tauge, aber für eine Dame wie Laura nicht in Frage komme, wirft er ihn heimlich ins Meer.

Der Snobismus und die Herablassung der reichen weißen „Oberschicht“ spielen auch an anderen Stellen eine Rolle. Was allerdings arg unecht klang und  völlig zusammenhanglos im Raum stand, war, dass der armen Laura sogar eine Vergangenheit als Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg angedichtet wurde.

Es passiert überhaupt nichts Unerwartetes in dieser Geschichte, was ich hier nicht negativ meine. Dennoch wirkt sie nach, schon allein durch die ehrliche, wenn auch teilweise verblendete Selbstbefragung Edmunds, und durch den Gegensatz zwischen der reichen inneren Welt eines einzelnen Menschen und der Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, mit der man eben doch an den meisten Menschen vorbeiläuft. Und im Hintergrund immer das Wissen um die zeitliche Begrenztheit des Lebens.

‚Don’t you envy the early explorers who never knew what might be round the next corner? Fancy coming suddenly on the Grand Canyon when you had no idea of its existence.‘ (S. 45)

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Benjamin Zephaniah: The Life and Rhymes of Benjamin Zephaniah (2018)

Der Guardian hat ihn einmal einen der größten britischen Dichter der letzten Jahre genannt, die Times nahm ihn 2008 in die Liste der 50 wichtigsten Schriftsteller Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg auf.

Die Rede ist von dem Rastafari und Kämpfer gegen Rassismus und Unterdrückung: Benjamin Zephaniah, der sich selbst als Dichter für die Leute bezeichnet, die keine Dichter lesen, und der ziemlich säuerlich reagierte, als man ihm noch unter Tony Blair den Order of the British Empire verleihen wollte. (Die Begründung seiner Ablehung kann man hier nachlesen.)

2018 erschien nun seine Autobiografie und die ist so richtig klasse. Wunderte ich mich zunächst, dass der Autor das Buch sich selbst gewidmet hat, so erscheint das nach der Lektüre als absolut passend und mehr als gerechtfertigt.

Dedicated to me.
And why not?
There was a time when I thought
I wouldn’t live to see thirty.
I doubled that, and now I’m sixty.
Well done, Rastaman, you’re a survivor.
A black survivor.

Das Ganze geht schon damit los, dass Zephaniah im ersten Satz erklärt, dass er Autobiografien hasse,

They’re so fake. The ones I hate the most are those written by individuals who have spent their lives deceiving people and then, when they see their careers (or their lives) coming to an and, they decide it’s time to be honest. […] And don’t get me started on the people who write autobiographies a couple of years after they’re born: the eighteen-year-old pop star who feels life has been such a struggle that it can only help others if he lets the world know how he made it.

Da hängt einer die Meßlatte hoch, ehrlich soll’s werden und man soll was zu sagen haben; Zephaniah löst das alles ein, in einem ans Mündliche angelehnten Stil, humorvoll, bissig, böse, abgrundtief traurig, aufregend. Und man lernt mehr über Großbritannien und seinen oft so zynischen Umgang mit Einwanderen, als einem für die eigene Gemütsruhe manchmal lieb ist.

Vorausschicken möchte ich, dass diese Autobiografie so gar nichts mit den sogenannten Misery Memoirs zu tun hat, obwohl diese Gefahr gerade bei den Kindheitserinnerungen naheliegend gewesen wäre. Aber hier schreibt einer mit so viel Menschenfreundlichkeit und einer energischen Lebensfreude, die im wahrsten Sinne des Wortes kaum totzukriegen ist.

Seine Mutter kommt aus Jamaika und arbeitet als Krankenschwester, sein Vater stammt aus Barbados. Zephaniah wird, wie auch seine Geschwister, in Birmingham geboren. Schon als Kind wird er aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt, mit Backsteinen angegriffen, selbst die Schule ist kein sicherer Raum. Die Mutter kann nicht helfen und will die Anfeindungen nicht wahrhaben, es gibt die ersten Erfahrungen mit rassistischen Nachbarn, später die Straßenschlachten mit Anhängern der tiefbraunen National Front.

Dazu kommen familiäre Gewalterfahrungen: Der Vater prügelt Mutter und alle sieben Kinder, bis Mutter und Benjamin flüchten. Das Frauenhaus verweigert ihre Aufnahme, da eine verprügelte jamaikanische Frau nicht so gut zu britischen verprügelten Frauen passe.

Als die beiden schließlich im Haushalt des geschiedenen Pastors Burris ein neues Zuhause finden, gibt es zum ersten Mal so etwas wie eine Vaterfigur für Benjamin, doch auch dort ist das Geld und der Platz für so viele Menschen begrenzt.

We slept three or four to a bed: two up and two down, or two up and one down if you were lucky. Different kids had different kinds of smelly feet, so there were always tough negotiations over who would sleep where. (S. 66)

Er fliegt aus mehreren Schulen, seine Legasthenie wird nicht erkannt, schließlich landet er in einer der berüchtigten Borstals (Erziehungsanstalten), dann im Knast. Eine Karriere als Krimineller oder als Opfer einer Straßenschlacht oder in einer Gefängniszelle scheint vorgrammiert. Doch neben all dem Elend gibt es noch (mündliche) Gedichte, Musik, Sound Systems, noch mehr Musik und Freunde.

Wie nun aus dem Kind aus kaputtem Elternhaus, dem Schulabrecher, der kaum lesen und schreiben kann, dem geschickten Dieb und Hehler im Laufe der Jahre ein gefeierter Dichter, Autor, begeisterter Leser, Besitzer eines netten Anwesens auf dem Lande und weitgereister Aktivist gegen Rassismus, Polizeiwillkür und Unterdrückung wird, dem mehrere Ehrendoktorwürden zuteil werden, erzählt Benjamin Zephaniah auf über 300 Seiten so mitreißend, vollgepackt mit Geschichten, spannend und energiegeladen, dass ich nur staune und bewundere.

Markiert habe ich mir über 60 Stellen, müsst ihr also alle selbst lesen.

Dass sich Zephaniah in seiner humanen Einstellung selbst von den jetzt wieder aus ihren Löchern kommenden Rassisten nicht irremachen lässt – seit den Brexit-Kampagnen sieht auch er sich wieder verstärkt rassistischen Pöbeleien und widerlicher Post im Briefkasten ausgesetzt – zeugt von großer Stärke. Seine Hoffnung, dass er sich aufgrund gesellschaftlicher Verbesserungen langsam als Rastafari-Komiker zur Ruhe setzen könne, habe sich allerdings in Luft aufgelöst. Er müsse wohl noch eine Weile der zornige schwarze Dichter bleiben.

Ein Vorbild also, auch den Ausgegrenzten, den Gewalterfahrenen, den Jugendlichen, von denen die Gesellschaft nur Negatives erwartet, denen mit der „anderen“ Hautfarbe und dann wieder allen, die sich für eine gerechtere und menschenfreundlichere Welt einsetzen.

Well done, Rastaman. Wie wahr.

Hier schreibt Zephaniah über seine Legasthenie und miserablen Schulerfahrungen und hier geht’s zu seiner Homepage.

Bleibt nur die Frage, wann das Buch ins Deutsche übersetzt wird.

 

Manchmal muss ein Bild (fast) genügen

Meist schreibe ich nur dann etwas zu einem Buch, wenn die Lektüre noch nicht zu lange zurückliegt. Doch wenn das aus Zeitgründen nicht möglich war, taucht ein Werk hier gar nicht auf, das ich aber unbedingt erwähnenswert finde. Was also tun? Ein Foto musste her und ein paar kurze Informationen.

Hier also drei Titel, die unterschiedlicher kaum sein können, und alle lesenswert!

Richard Hull: The Murder of My Aunt (1934)

Edward Powell, ein empathieloses Ekel, beschließt, Tante Mildred umzubringen, mit der er auf dem Lande, irgendwo in Wales, lebt. Er hasst das Landleben zwar wie die Pest, doch solange er bei ihr wohnt, muss er zumindest nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Nach Tante Mildreds Tod winken Geld und Unabhängigkeit. So jedenfalls stellt er sich das vor. Doch das Unterfangen erweist sich als schwieriger als gedacht.

Das Besondere: Der Snob Edward erzählt uns seine Version der Geschichte in der Ich-Form und als Leser wird einem immer kälter, wenn man seine Sicht der Dinge erfährt, da für Edward alles so einfach ist, er als der Mittelpunkt der Welt, dem sich alles und alle anderen unterzuordnen haben. Am Ende fragt man sich tatsächlich, inwieweit eine völlig verquere Erziehung zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnte.

Außerdem formuliert Hull hier so klasse auf den Punkt, dass der boshafte Ton einem durchaus auch Spaß macht, bis einem das Schmunzeln bei dieser Charakterstudie dann endgültig abhanden kommt.

As I look back at what I have written in order to relieve my mind of what I feel of this awful place, I see I spoke of ’sodden woods‘. That was the right adjective. Never, never does it stop raining here, except in the winter when it snows. They say that is why we grow such wonderful trees here which provided the oaks from which Rodney’s and Nelson’s fleet were built. Well, no one makes ships out of wood nowadays, so that is no longer useful, and it seems to me that one tree is much like another. I’d rather see less rain, less trees and more men and women. ‚Oh, Solitude, where are the charms?‘ Exactly so. (S. 17)

Marjorie Hillis: Live Alone and Like it (1936)

Ein großer Spaß und – wenn man das Jahr der Erstveröffentlichung anschaut – sehr moderner Ratgeber mit vielen Beispielen, der allen freiwillig oder unfreiwillig ledigen Frauen Mut machen soll, ihr Leben, ihr Erscheinungsbild, ihren Beruf, ihre Finanzen und kulturelle Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, anstatt zu hoffen, dass es ein anderer für sie tun wird.

Und auch wenn sich vieles seitdem verändert hat, ist Hillis freches und fröhliches Plädoyer gegen Selbstmitleid und ihr Aufruf zur Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben an vielen Stellen zeitlos, oft auch klug und ein echtes Lesevergnügen.

It’s a good idea, first of all, to get over the notion (if you have it) that your particular situation is a little bit worse than anyone else’s.  This point of view has been experienced by every individual the world over at one time or another, except perhaps those who will experience it next year. (S. 13)

Die Autorin Marjorie Hillis (1889–1971) arbeitete über 20 Jahre für die VOGUE und schrieb mehrere erfolgreiche Ratgeber für Frauen und Live Alone and Like It war eines der erfolgreichsten Bücher der dreißiger Jahre.

2005 erschien die deutsche Übersetzung von Sabine Hübner unter dem Titel Live alone and like it: Benimmregeln für die vergnügte Singlefrau.

David Park: Travelling in a Strange Land (2018)

Dieses Buch des nordirisches Autors (*1953) hat nur einen Nachteil, nämlich dass ich jetzt auch alles andere von ihm lesen möchte. Idealerweise sollte man es im Winter lesen. Ein Vater macht sich nach heftigen Schneefällen und dementsprechend unangenehmen Straßenverhältnissen auf, um seinen kranken Sohn mit dem Auto aus Sunderland zu holen, wo der Junge studiert, sodass die Familie zusammen Weihnachten feiern kann. Aufgrund des Wetters sind bereits alle Flüge gestrichen.

Während der langen Fahrt von Belfast nach Sunderland trifft Tom natürlich auch auf andere Menschen und hilft einer verunglückten Autofahrerin, obwohl ihn das wertvolle Zeit kostet. Zudem erinnert sich Tom, ein Fotograf, an die Vergangenheit, an Szenen aus seinem Familienleben und immer deutlicher wird, dass es noch einen zweiten Sohn gibt, zu dem es nur noch eine gedankliche Verbindung gibt.

Bewundernswert, wie Park es schafft, diesen eher billigen Effekt zum Spannungsaufbau – wir wollen wissen, was damals passiert ist – in den Hintergrund treten zu lassen. Nur allmählich kann Tom sich der Katastrophe, auch sprachlich, annähern. Dieser durchschnittliche Vater, der immer nur das Beste für seine drei Kinder wollte, wächst uns mit seiner Frau Lorna ans Herz und am Ende verstehen wir, warum er und Lorna so überfürsorglich darauf aus sind, dass ihr Sohn auf keinem Fall diese Weihnachten allein in seiner Studentenbude verbringen soll.

Travelling in a Strange Land – der Titel passt, der Vater macht sich auf den langen Weg zum Sohn, er reist in die Vergangenheit und hat dabei seinen ganz eigenen Blick. So werden wir an einer Stelle an das Foto von Denis Thorpe Mr Lowry’s Hat and Coat erinnert.

taken  the day after the painter’s death – shows two coats and hats hanging on pegs in a shadowed hallway, vaguely flowered wallpaper, a dado rail. On one of the coats the lining is facing outward and catching something of the light. The photograph’s about absence, an opened space and a stillness flowing into it, homing in on the relics of someone who once was but is no more.

Sometimes when I go into my children’s rooms I have a strong sense of how closely our lives and the places we live in bear each other’s print. So it’s as if their breathing is still present even in the empty room and all their memories and dreams are somehow seamlessly fused with the folds of a fabric or the grain of a surface. (S. 54)

Außerdem geht es um das schwierige Gelände zwischen Eltern und Kindern und die unüberwindbare Sprachlosigkeit, die oft zwischen beiden herrscht. Gleichzeitig ist nicht nur die Trauer, sondern auch das Erwachsenwerden eine Reise durch unbekanntes Gebiet, die nicht jeder meistert. Ein leises, sehr feines Buch. Kein Happy End, aber am Ende so etwas wie eine vorsichtige Hoffnung.

Hier noch ein Interview mit dem Autor, der Jahrzehnte als Lehrer gearbeitet hat, über sein Buch in der Irish News und hier ein älterer Artikel zu Park aus dem Guardian von 2012.

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Krimilesen bildet: Colorstruck

Nachdem mich der erste Kriminalroman Blanche on the Lam (1992) von Barbara Neely um Blanche White, die schwarze Haushaltshilfe, so begeistert hat, hier ein paar nachgetragene Gedanken zu den Folgebänden.

Der zweite Band Blanche among the Talented Tenth krankte für mich zunächst daran, dass Neely viel zu lange braucht, bis sie anfängt, ihre Geschichte zu erzählen. Allerdings habe ich keinen Moment daran gedacht, das Buch zur Seite zu legen, dafür waren Setting und Hintergrund viel zu interessant, geht es doch um die „feinen Unterschiede“ innerhalb der Gäste einer noblen Ferienanlage für Schwarze, die sich nur die Wohlbetuchten und Erfolgreichen leisten können. Blanche kann sich den Aufenthalt auch nur deshalb leisten, weil sie zugesagt hat, sich einige Tage um die reichen Schulfreunde ihrer Pflegekinder zu kümmern.

So kann Blanche aus nächster Nähe die Fiesheiten und die rassistischen Verhaltensweisen innerhalb der black community beobachten. Glauben doch die hellhäutigeren Gäste sich abgrenzen zu müssen und wertvoller zu sein als die dunkelhäutigeren, ein quasi gegen sich selbst gerichtetes Erbe der Sklaverei, was mit dem Begriff „colorstruck“ beschrieben wird. Einige versuchen mit Make-up und entsprechender Haarbehandlung alles zu tun, um weißer auszusehen. Die Ursprünge dieser traurigen Unlogik gehen auf die Zeit der Sklaverei zurück und werden hier unter dem Abschnitt „United States, History“ näher erklärt.

Diese Unterschiede wirken sich nicht nur bis auf die Tischordnung aus, sondern auch auf die Frage, wer als angemessene Schwiegertochter für den eigenen Sohn gilt.

Ich vermute, dass der Begriff Color Struck selbst auf das Theaterstück Color Struck von Zora Neale Hurston zurückgeht, das erstmals 1926 veröffentlicht wurde.

Die Talented Tenth des Titels wiederum beziehen sich auf die Theorie einer Elite der schwarzen Amerikaner am Anfang des 20. Jahrhunderts, von denen man sich eine Vorreiterrolle bei der gesellschaftlichen Teilhabe aller Schwarzen erhoffte.

Der Begriff wurde von Philanthropen aus der WASP-Oberschicht der Nordstaaten geprägt. W. E. B. Du Bois, ein schwarzer Autor veröffentlichte 1903 einen Essay selben Namens. Dieser erschien im von Booker T. Washington herausgegebenen Sammelband The Negro Problem. (Wikipedia)

Man sieht, auch Krimilesen bildet, und irgendwann kam auch die Geschichte in Fahrt.

Im dritten Band Blanche cleans up hat Neely ihre Geschichte von Anfang an besser im Griff . Es geht u. a. um das Leben in einer Schwarzensiedlung, um Nachbarn, kriminelle Jugendliche, korrupte Politiker, Homosexualität und schmierige Geistliche. Und ich staune und bewundere, wie viele Bälle die Autorin wunderbar jongliert, ohne dass da einer zu Boden fällt.

Auf die Schilderung einer Selbstmordszene hätte ich verzichten können, ansonsten ist dieser schnoddrig-kluge Tonfall der Protagonistin wieder wunderbar. So heißt es über das Wohnzimmer ihrer momentanen Arbeitgeber:

The house was furnished in what Blanche called undeclared rich: gleaming wood chests and tables with the kind of detail that said handmade, sofas and chairs that looked like they’d grown up in the rooms, Oriental carpets older than her grandmama, and pictures so ugly they had to be expensive originals. (S. 4)

Ich bedauere jetzt schon, dass ich nun nur noch einen Band vor mir habe. Reizen andere Schriftsteller ihre Serienhelden manchmal bis zur Erschöpfung des Lesers – und darüber hinaus – aus, wäre ich hier sehr dafür, dass Neely uns noch viele Geschichten von und um Blanche erzählt hätte, die mir – soweit Literatur das überhaupt leisten kann – Zugang zu einer anderen Lebenswirklichkeit ermöglichen.

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Barbara Neely: Blanche on the Lam (1992)

Durch einen Hinweis auf die englische Neuveröffentlichung von 2014 geriet mir dieser mehrfach preisgekrönte Kriminalroman auf den Schirm. Und was soll ich sagen, Barbara Neely (*1941) hat mich mit ihrem ersten Roman um die schwarze Hausangestellte Blanche White so dermaßen überzeugt, dass ich es kaum abwarten kann, den nächsten Band in die Hände zu bekommen.

Auf Deutsch erschien Blanche on the Lam im Fischer Verlag 2016 unter dem Titel Night Girl.

Das Buch funktioniert auf allen Ebenen. Eine Protagonistin, die einen mit ihrer Bodenständigkeit, ihrer Stärke, ihrer Verletzlichkeit und Familienliebe sofort in ihren Bann zieht.

Doch zunächst zur Handlung, die Anfang der neunziger Jahre spielt.

Blanche, Hausangestellte in Farleigh, North Carolina, steht wegen ungedeckter Schecks vor Gericht und wird zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Doch als sich wegen eines Tumults im Gericht die Gelegenheit zur Flucht ergibt, haut sie ab und irrt durch die Straßen. Schließlich steht sie vor dem Haus, zu dem sie ihre Agentur an diesem Morgen eigentlich für einen einwöchigen Job hätte schicken wollen. Sie hat Glück; Grace, die Dame des Hauses, ist zwar ob Blanches Verspätung verärgert, doch letztendlich froh, dass sie noch rechtzeitig gekommen ist, denn am Nachmittag wollen sie, ihr Gatte Everett und der leicht behinderte Cousin Mumsfield zum Landsitz der reichen Erbtante Emmeline fahren und dort ein paar Tage verbringen.

Blanche soll die Familie begleiten und derweil kochen, putzen, bügeln und eben alle anstehenden Arbeiten erledigen.

Doch die Hoffnung, nun einfach einige Tage untertauchen zu können, wenigstens hin und wieder mit ihrer meinungsstarken Mama und ihrer Nichte und ihrem Neffen telefonieren zu können, bis sie finanziell in der Lage ist, nach New York zu flüchten und sich dort ein neues Zuhause aufzubauen, trügt. Irgendetwas stimmt mit dieser Familie nicht. Und das bezahlen schließlich einige mit dem Leben.

Tante Emmeline ist eine grobe Trinkerin, die arrogante Grace ihrem hübschen Gatten hörig und nur Mumsfield und der alte Gärtner Nate, ein Schwarzer, nehmen Blanche ernst und nur diesen beiden vertraut sie.

Blanche leaned back in her chair and adopted a listening pose. Nate had already proved to her that he was a storytelling man. She knew enough storytelling folks – like her Aunt Maeleen, who could bring tears to Blanche’s eyes by telling her about the tragic death and/or funeral of someone neither of them knew – to know that a storytelling person couldn’t be rushed. Their rhythm, the silences between their words, and their intonation were as important to the telling of the tale as the words they spoke. The story might sound like common gossip when told by another person, but in the mouth of a storyteller, gossip was art. (S. 83)

Neely nimmt sich wunderbar Zeit, um uns mit den Figuren, dem Haus und seiner Atmosphäre bekannt zu machen. Wer also schnelle Action und große Detektivarbeit sucht, wäre mit diesem Krimi falsch beraten.

Das hängt auch mit der Perspektive zusammen, die die politisch engagierte Autorin gewählt hat, denn hier wird konsequent aus der Sicht einer schwarzen Frau geschrieben, die ihre einschlägigen Erfahrungen mit Rassismus, Alltagsdiskriminierung und Herablassung in den Haushalten der wohlhabenderen Weißen gemacht hat und die uns ihre Überlebensstrategien ausplaudert. So habe es sich bewährt, sich immer ein bisschen dümmer und gefühliger zu stellen, damit einem die Arbeitgeber vertrauen.

Blanche was reminded of old lady Ivy, out on Long Island. She couldn’t stand to see the help in regular clothes, either. Might mistake them for human beings. (S. 11)

Und ganz ärgerlich wird sie, wenn sie bei sich oder anderen das Ausbrechen der „Darkies‘ Disease“ – der Krankheit der Schwarzen – befürchtet, die Vermutung, dass man tatsächlich von seinen weißen ArbeitgeberInnen anerkannt, ja als gleichwertiger Mensch auf Augenhöhe respekiert und gemocht werde.

There was a woman among the regular riders on the bus she often rode home from work who had a serious dose of the disease. Blanche actually cringed when the woman began talking in her bus-inclusive voice about old Mr. Stanley, who said she was more like a daughter to him than his own child, and how little Edna often slipped and called her Mama. That woman and everyone else on the bus knew what would happen to all that close family feeling if she told Mr. Stanley, or little Edna’s mama, that instead of scrubbing the kitchen floor she was going to sit down with a cup of coffee and make some phone calls. (S. 43)

Deswegen ist Blanche zunächst keineswegs begeistert, als sie merkt, dass Mumsfield und sie fast buchstäblich auf einer Wellenlänge sind.

Selbst die Art und Weise, wie sie an Informationen herankommt, ist von ihrer Hautfarbe geprägt, haben die Schwarzen in Farleigh doch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und es gibt immer jemanden, der jemanden kennt, der etwas weiß oder gehört hat. Außerdem gibt es so etwas wie ein kollektives Gedächtnis, z. B. an die Morde des Ku-Klux-Klan, und das immer präsente Bewusstsein, Schikanen weißer Gesetzeshüter relativ ungeschützt ausgesetzt zu sein.

So wird man als „weiße“ Leserin immer wieder daran erinnert, wie die Welt von einem anderen Standpunkt aus aussieht und wie sich das anfühlt.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen fügt sich das organisch in die Handlung und die Charakterisierung dieser tollen Frau ein. Und das Ganze liest sich dabei kein bisschen trostlos, im Gegenteil: Blanche springt einem von den Seiten quasi lebensgroß entgegen. In ihrer Traurigkeit, ihrer Widerborstigkeit, ihrem Stolz und bissigen Humor, ihrer Würde. Mit ihrer ganz eigenen Stimme.

Die Titel der drei weiteren Bände lauten:

  • Blanche among the Talented Tenth (1994)
  • Blanche Cleans Up (1998)
  • Blanche Passes Go (2000)

 

 

James Runcie: Sidney Chambers and the Shadow of Death (2012)

In den letzten Wochen, in denen ich mich vorzugsweise am „Korrekturrand der Gesellschaft“ (Herr Schröder) aufgehalten habe, kamen Lesen und Bloggen naturgemäß zu kurz. Doch ganz ohne Bücher ging’s natürlich trotzdem nicht. So habe ich mich beispielsweise erneut mit Vergnügen durch alle sechs Bände um den sympathischen Pfarrer und Hobby-Ermittler Sidney Chambers geschmökert, die inzwischen verfilmt und ins Deutsche übersetzt worden sind und die ich heute noch einmal in überarbeiteter Fassung vorstellen möchte.

Canon Sidney Chambers had never intended to become a detective. Indeed, it came about quite by chance, after a funeral, when a handsome woman of indeterminate age voiced her suspicion that the recent death of a Cambridge solicitor was not suicide, as had been widely reported, but murder. It was a weekday morning in October 1953 and the pale rays of a low autumn sun were falling over the village of Grantchester.

Zum Inhalt

In Sidney Chambers and the Shadows of Death sind die sechs ersten Geschichten um Sidney Chambers versammelt, der seinen Dienst an der Kirche St Andrew and St Mary im – real existierenden – Dorf Grantchester ganz in der Nähe zu Cambridge versieht. Im ersten Fall, dem das Buch auch seinen Titel verdankt, kommt im Oktober 1953 nach der Beerdigung eines Anwalts dessen Geliebte zu Sidney und bittet ihn, sich einmal umzuhören. Sie ist sicher, dass ihr Geliebter keinen Selbstmord begangen hat, sondern ermordet wurde. Zur Polizei möchte sie nicht, da sie ihre Affäre vor ihrem Mann geheim halten will.

Und so löst Sidney, zusammen mit seinem guten Freund, Inspector Keating, mit dem er jeden Donnerstag ein paar Bierchen trinkt und Backgammon spielt, seinen ersten Fall, dem – sehr zu Sidneys Leidwesen – rasch weitere folgen sollen.

Nun muss er seine Nase in Dinge hineinstecken, die ihn eigentlich gar nichts angehen, und mehr als einmal lenken ihn seine inoffiziellen Gespräche, die er im Laufe der Ermittlungen führen muss, auch über Gebühr von seinen eigentlichen Gemeindeaufgaben und Familienpflichten ab.

Hier noch ein paar Worte zur Hauptperson:

Sidney was a tall, slender man in his early thirties. A lover of warm beer and hot jazz, a keen cricketer and an avid reader, he was known for his understated clerical elegance. His high forehead, aqualine nose and longish chin were softened by nutbrown eyes and a gentle smile, one that suggested he was always prepared to think the best of people. He had had the priestly good fortune to be born on a Sabbath day and was ordained soon after the war. After a brief curacy in Coventry, and a short spell as domestic chaplain to the Bishop of Ely, he had been appointed to the church of St Andrew and St Mary in 1952.

Fazit

Zuerst war ich enttäuscht, dass das Buch gar kein ausgewachsener Kriminalroman war, sondern eine Sammlung von sechs Erzählungen, die immer so um die 60 bis 70 Seiten umfassen. Aber diese bauen aufeinander auf und in den Folgegeschichten treffen wir immer wieder Personal, das wir schon kennen. So entsteht allmählich ein Kosmos, in dem man immer wieder gute alte Bekannte trifft, sich auskennt und doch stets auf Neue überrascht wird.

So kann es passieren, dass Sidney mit der Witwe aus der ersten Geschichte später einen regen Briefwechsel unterhält, seine Dauerfreundin Amanda in einem Fall kräftig zur Aufklärung beiträgt, um dann im nächsten selbst ins Visier des Täters zu rücken. Ebenfalls zum Stammpersonal gehört die rabiate Haushälterin Mrs Maguire, deren Herrschaftsanspruch später durch den Einzug eines Vikars und einen Labrador immer wieder an seine Grenzen stößt.

Da Sidney nur 20 Minuten mit dem Fahrrad nach Cambridge braucht und London nur eine Stunde Zugfahrt entfernt ist, können die Fälle abwechslungsreich und mit liebevoll gezeichnetem Zeitkolorit gestaltet werden. Schön auch, wenn sich plötzlich literarische Spiegelungen ergeben. In einer Geschichte im zweiten Band wird Sidney als Laienschauspieler für die Verfilmung eines Dorothy Sayers-Krimis engagiert, in einer anderen nimmt er teil an der Trauerfeier von C. S. Lewis. Die Bandbreite der Themen reicht dabei – wenn man alle Bände miteinbezieht – vom Kunstraub, Gewalt in der Ehe, dem Diebstahl einer kostbaren Bibelhandschrift, Missbrauch, einem Mord in einem Londoner Jazz-Lokal über die Spionageaffäre in den Fünfzigern an der University of Cambridge bis hin zu der repressiven Haltung gegenüber Homosexuellen und einem plötzlich verschwundenen Verlobungsring. Manchmal kann sich der geerdete Kirchenmann nur wundern:

‚What a mess people make of their lives,‘ he thought. (S. 13)

Sidneys Beruf, seine Berufung als Pfarrer, ist dabei keine bloße Staffage. Oft erfahren wir sogar, zu welchen Predigtthemen ihn seine Detektivarbeit anregt oder welche Fragen er sich im Bezug auf seinen Glauben stellt. Gerade in diesen Fragen und scheinbar beiläufigen Gedanken liegt ein großer Reiz der Geschichten.

Als er am 7. Mai 1954 im Radio vom Rekord Roger Bannisters hört, philosophiert er darüber, was alles in dieser kurzen Zeitspanne möglich ist. Man könne ein Ei kochen, einen Rekord aufstellen oder wie Sidney Bechet Summertime auf dem Saxofon spielen.

Runcie weiß selbst:

I have to confess there is perhaps an element of preachiness to it all. My editor once said to me: “These are disguised sermons, aren’t they?” I am not ashamed of that and I am hopeful that the television series, as well as being dramatic, consists of thoughtful and moral meditations on subjects such as loyalty, friendship, deceit, cruelty and generosity. There are all the usual human fallibilities and they are taken seriously; but they are also viewed, wherever possible, with a kindly eye. (Hate the sin, but love the sinner.) (Telegraph, 5. Oktober 2014)

Darüber hinaus ist Sidney belesen und kann in einem Gespräch mit seinem Vikar, in dem es darum geht, welche Schriftsteller auf eher seltsamem Weg den Tod fanden, locker mithalten.

And didn’t the Chinese poet Li Po drown while trying to kiss the reflection of the moon in water? (S. 119)

Das Ganze ist hin und wieder von dezentem Humor untermalt. Als sein Freund Inspector Keating ihn dazu bringen möchte, einem verlobten Paar etwas genauer auf den Zahn zu fühlen, entspinnt sich folgender Dialog.

‚When people come to you to be married, you tend to put the couple through their paces beforehand, don’t you?‘
‚I give them pastoral advice.‘
‚You tell them what marriage is all about; warn them that it’s not all lovey-dovey and that as soon as you have children it’s a different kettle of fish altogether… […] There’s the money worries, and the job worries and you start to grow old. Then you realise that you’ve married someone with whom you have nothing in common. You have nothing left to say to each other. That’s the kind of thing you tell them, isn’t it?’
‚I wouldn’t put it exactly like that …‘
‚But that’s the gist?‘
‚I do like it to make it a bit more optimistic, Geordie. How friendship sometimes matters more than passion. The importance of kindness…‘
‚Yes, yes, but you know what I’m getting at.‘ (S. 153)

Kurzum: Ideal für LeserInnen wie mich, die keinen Wert auf ausgedehnte Schilderungen von Brutalität in ihren Krimis legen, die Krimis eher zur Entspannung lesen und dabei trotzdem nicht für blöd verkauft werden wollen.

Gleichzeitig bieten die sechs Bände viele Anregungen und Informationen, denen man nachgehen kann. Ist Sidneys spätere Ehefrau doch Pianistin, sein erster Vikar großer Dostojewski-Fan und seine beste Freundin Amanda Kunsthistorikerin.

Runcie hat einmal gesagt, dass er mit der Reihe „a moral history of post-war Britain“ habe schaffen wollen. Und tatsächlich hat Runcie hier ein Sittengemälde der fünfziger bis siebziger Jahre geschaffen, das sich eher ruhig und mäandernd entwickelt. Und in allen Geschichten geht es nicht nur um die Auflösung, um den Täter, sondern immer auch darum, wie es den Opfern geht.

Manchmal gibt es auch gar keine eigentliche Krimi-Handlung, sondern Sidney holt einfach den von zu Hause abgehauenen Neffen zurück, der sich von seinen Eltern nicht verstanden gefühlt hat.

Überhaupt spielen Beziehungen und Loyalität gegenüber seinen Freunden eine wichtige Rolle, genauso wie die Frage nach dem angemessenen Verhalten, nach der persönlichen Moral, nach Anstand. Und Sidney ist dabei ein geduldiger und aufmerksamer Zuhörer, der den Menschen helfen möchte, sich für das jeweils Richtige zu entscheiden.

Dachte ich zwischendurch, dass die Tiefe der Charakterisierungen vielleicht nicht gerade die Stärke dieser Bücher sei, holt Runcie im sechsten Band noch einmal aus und ich bin beeindruckt, wie feinfühlig und treffend er das Wesen der Trauer beschreibt. Ein sehr würdiger Abschluss der Reihe, obwohl ich trotzdem hoffe, dass sich Runcie das doch noch mal überlegt und der menschenfreundliche Sidney, der inzwischen Archdeacon von Ely ist, weitere Fälle lösen darf.

Perhaps the rest of his life should be like this? he thought. It would involve a concentration on things close to the heart; a dedicated care of friends and family; a quieter existence, one that depended on listening harder and loving better; never resting in complacency; acknowledging faults, doubts and insecurities; the balance between solitude and company, the wish to escape and the need to come home: a loving attention. (James Runcie: Sidney Chambers and the Persistence of Love, S. 266)

Anmerkungen

Der Autor James Runcie scheint ein umtriebiger, kluger und kreativer Kopf zu sein. Hier lohnt ein Blick auf den Wikipedia-Eintrag. Auch die Rezensenten waren angetan. Hier geht’s lang zur Besprechung im Independent.

Mai 2019 erschien der Prequel-Band The Road to Grantchester.

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Louisa May Alcott: Little Women (1868/1869)

Das dürfte einer der seltenen Fälle sein, bei denen ich mir ein Buch nicht gekauft habe, weil ich so erpicht auf den Inhalt war – hatte ich dieses Mädchenbuch doch vor Jahrzehnten gelesen -, sondern weil mir eine so unglaublich ansprechend gestaltete Ausgabe der Annotated Books des Verlages W. W. Norton & Company auf der Frankfurter Buchmesse in die Augen gefallen war. Veröffentlicht wurde dieser Trumm, der mit seinen 736 Seiten über zwei Kilo auf die Waage bringt, 2015. Er ist dementsprechend unhandlich und schon deshalb nicht als leichte Gute-Nacht-Lektüre geeignet.

Louisa May Alcott (1832-1888), die zeitlebens davon träumte, irgendwann ein ernstzunehmendes Werk für Erwachsene zu schreiben, steht mit ihren Romanen um die March-Töchter Jo, Amy, Meg und Beth am Anfang der amerikanischen Mädchenliteratur. Der erste Teil der Trilogie wurde 1868/1869 veröffentlicht,  hat inzwischen Klassikerstatus, wird bis heute gelesen, verfilmt, als Musical auf die Bühne gebracht und wurde in -zig Sprachen übersetzt.

Kann man das heute noch lesen? Ja, ich finde schon, die Geschichte ist viel weniger eindimensional, als ich das in Erinnerung hatte. In diesem fiktiven Haushalt, der sich über große Strecken an das Leben Alcotts und ihrer drei Schwestern anlehnt, wird gelesen, Theater gespielt, den armen Nachbarn das eigene Frühstück gebracht, da arbeiten die zwei älteren Schwestern, um den stets klammen Familienfinanzen aufzuhelfen, denn der Vater kann seiner Familie kein geregeltes Einkommen bieten. Und was hätte sich bis heute an den individuellen Träumen und Eitelkeiten junger Mädchen geändert?

Meg’s high-heeled slippers were dreadfully tight, and hurt her, though she would not own it, and Jo’s nineteen hairpins all seemed stuck straight into her head, which was not exactly comfortable; but dear me, let us be elegant or die. (S. 39)

Die rührseligen und idealisierten Predigten der Mutter werden erträglich, da sich die Erzählerin immer wieder mit ironischen Seitenhieben einmischt. Amys erste künstlerische Gehversuche werden beispielsweise kräftig veralbert.

… and she daubed away, producing pastoral and marine views, such as were never seen on land or sea. Her monstrosities in the way of cattle would have taken prizes at an agricultural fair; and the perilous pitching of her vessels would have produced sea-sickness in the most nautical observer, if the utter disregard to all known rules of ship building and rigging had not convulsed him with laughter at the first glance. (S. 330)

Da wuppen die Töchter und ihre Mutter zusammen mit dem Dienstmädchen Hannah die ganze Arbeit und die Mutter ist durchaus in der Lage, allein die Verantwortung für die Familie zu tragen, während das männliche Familienoberhaupt den ersten Teil der Geschichte irgendwo als Geistlicher im Bürgerkrieg verbringt.

Und auch wenn mir die Mutter oft zu süßlich vollkommen war, vertritt sie Ansichten, die auch heute noch gelten und damals sicherlich auch auf Widerspruch gestoßen sind, z. B. sei es besser, glücklich und unverheiratet zu sein, als in einer unglücklichen Zweckehe leben zu müssen. Und zum Glück gehöre, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Das müsse nicht zwangsläufig im eigenen Heim geschehen. Und den Bräutigam suche man sich natürlich nicht des Geldes wegen aus und außerdem könne ein Mann erwarten, dass sich seine Frau auch für Dinge jenseits von Kleidern und Kindererziehung interessiere. Auch Frauen sollten intelligent über Politik sprechen können. Ehe sei eine Institution auf Augenhöhe. Und die Männer sollten bei der Kindererziehung miteinbezogen werden.

Immer wieder zeigt die Erzählerin in all der Idylle auch einen robusten Humor, der das Ganze wohltuend erdet. Als Professor Bhaer Jo zu Hause besucht und abends im Familienkreis ein gemeinsames Ständchen vorschlägt, heißt es nur:

‚You will sing with me; we go excellently well together.‘ A pleasing fiction, by the way, for Jo had no more idea of music than a grasshopper; but she would have consented, if he had proposed to sing a whole opera, and warbled away, blissfully regardless of time and tune. (S. 581)

Was aus heutiger Sicht besonders aus der Zeit gefallen wirkt, ist das Loblied auf die Familie, man hilft einander, verzeiht einander, vertraut einander. Und vor allem: Man erzieht seine Kinder zu bestimmten Tugenden und steht zu seinen Wertvorstellungen der Nächstenliebe. Ja, Charakterbildung sei gar ein lebenslang andauernder Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Bei den Diskussionen, die ich gerade mit Schülern zu der Frage führe, weshalb man das Video des australischen Terroristen, der in Neuseeland 50 Menschen ermordet hat, nicht anschauen sollte, frage ich mich manchmal, wie vielen Eltern eigentlich bewusst ist, dass Werteerziehung auch zu ihren Aufgaben gehört.

Doch hätte ich das Buch hier auf dem Blog vielleicht gar nicht erwähnt, ja, ich hätte es vermutlich nicht noch einmal gelesen, wäre es mir nicht in dieser speziellen Ausgabe begegnet. Bei dem 20-seitigen Vorwort, dem 41-seitigen Lebensabriss der Autorin und den zahllosen Erläuterungen, die sich jeweils links und rechts am Textrand befinden, war ein Kenner am Werk, nämlich John Matteson, ein Professor, der 2008 für seine Alcott-Biografie den Pulitzer Prize gewonnen hat.

Sowohl Vorwort, Lebenslauf als auch die Anmerkungen zum zeitgeschichtlichen Hintergrund helfen, vieles besser einordnen zu können und sich auch vor der ein oder anderen Fehlinterpretation zu hüten. So kommt dem modernen Leser das Buch mit seinen Bezügen zu Bunyans Pilgrim’s Progress sehr stark christlich geprägt vor, die Zeitgenossen bemängelten aber, dass das Buch sich eben nicht genügend auf die Religion beziehe, zumal Alcott einiges diametral entgegengesetzt zu Bunyans Pilgerreise gestalte.

Wir erfahren, dass Jo, in der Alcott sich selbst porträtierte, nach dem Willen der Autorin nicht hätte heiraten sollen, doch da machte ihr ihr Verleger einen Strich durch die Rechnung. Die LeserInnen forderten sehr ungestüm ein, dass Jo ihren Jugendfreund Laurie heiraten müsse. Dem jedoch verweigerte sich Alcott. Also musste ein „unmöglicher“ Bräutigam her, doch auch den schlossen die LeserInnen ins Herz.

Neben zeitgenössischen Rezepten, Liedern, Gedichten und Erläuterungen zu den zahlreichen literarischen Verweisen im Buch, die den Anspruch „normaler“ Jugendbücher weit hinter sich lassen, finden sich viele Hinweise darauf, wo die Geschichten von der autobiografischen Vorlage abweichen und wo Alcott ihre jungen Leserinnen vor gar zu realistischen Härten des Lebens verschonen wollte. Der Tod Beths im Buch wird abgemildert und verklärt, nichts im Gesicht der Verstorbenen deute mehr auf die lange Leidenszeit hin. Doch im Tagebuch der Autorin klingt das nach dem Tod ihrer Schwester ganz anders:

What she had suffered was seen in the face, for at twenty-three she looked like a woman of forty, so worn was she, all her pretty hair gone. (S. 539)

Matteson hilft uns, die Brücke in die Vergangenheit zu schlagen und den Hintergrund, vor dem das Werk entstand, besser zu verstehen. Alcotts Vater beispielsweise, wahlweise ein Träumer und Phantast und in manchen Dingen seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, aber auch jemand mit klaren Wertvorstellungen, führte kurzzeitig eine halbwegs florierende Schule. Man erzählte sich von ihm, dass ihm körperliche Züchtigung seiner Schüler zuwider war. Als er sich bei zwei aufmüpfigen Schülern nicht anders zu helfen wusste, befahl er ihnen, ihn, den Lehrer, mit dem Lineal zu schlagen. Die Jungen brachen in Tränen aus und waren von Stund an gehorsam.

Doch als er eine schwarze Schülerin aufnahm, nahmen die Eltern der weißen Schüler reihenweise ihre Kinder aus der Schule. Die Schule musste daraufhin wegen fehlender Einnahmen geschlossen werden.

Überhaupt setzten sich Alcotts für die Abschaffung der Sklaverei ein und waren als Transzendentalisten mit Emerson und Thoreau befreundet. Henry James hat sich bei einem gemeinsamen Abendessen die Mühe gemacht, Louisa extra darauf hinzuweisen, dass sie sich bitte nicht für ein Genie halten solle.  Die Gefahr bestand zwar ohnehin nicht, aber möglicherweise haben ihn die Verkaufszahlen der Schriftstellerin nachhaltig irritiert.

Und dass die über 700 Seiten noch üppig mit alten Illustrationen, Filmszenen und  Zeichnungen der künstlerisch begabten May Alcott, einer Schwester der Autorin, ausgestattet sind, sorgt dafür, dass dieser Ziegelstein auch optisch ein Genuss ist. Da gibt es beispielsweise Fotos aus dem ehemaligen Wohnhaus der Alcotts, in dem sich inzwischen ein Museum befindet, und wir sehen das mehr als 150 Jahre alte Hochzeitskleid von Anna Alcott Pratt, Porträts, Dokumente, Haarlocken und Fotos der Rezeptsammlungen der Familie.

Louisa May Alcotts Lebenslauf ist keineswegs so sonnig, wie man sich das von einer Autorin erfolgreicher Kinderbücher vielleicht vorstellt oder wie man ihr das gewünscht hätte. Im Gegenteil, an ihr blieb letztendlich die Hauptverantwortung hängen, die Familie bis zu ihrem Lebensende finanziell zu unterstützen, der Schwester May Europa-Aufenthalte für ihre Kunststudien zu ermöglichen, Elternstatt an verwaisten Nichten und Neffen zu übernehmen und sich um ihre eigenen Eltern zu kümmern. Die Belastungen führten so weit, dass sie ihren Eltern eingestand, immer öfter an Selbstmord zu denken. Dazu kamen zunehmende gesundheitliche Beeinträchtigungen. Ihr Traum, nach dem Abschluss ihrer March-Trilogie, die sie als Literatur nie so richtig ernst genommen hatte, endlich ein Werk für Erwachsene zu schreiben, erfüllte sich nicht. Schließlich starb sie nach längerer Krankheit zwei Stunden vor der Beerdigung des eigenen Vaters.

Matteson zieht folgendes Fazit:

The work at which she excelled […] seemed paltry to her. But it was a greater talent than she realized. Her children’s novels, and Little Women in particular, are more than genial entertainment. They are companions. Admitting freely that growing up is hard and that not all dreams come true, they illustrate the virtues and teach the values that form the foundations of a life bravely and honourably lived. (S. lxxvii)