Cecil Scott Forester: Payment deferred (1926)

‘Be quiet, children,‘ said Mrs Marble. ‘Can’t you see that your father’s busy?’ So he was. He propped his aching forehead on his hand, and tugged at his reddish moustache in an unhappy attempt at concentration. It was difficult to keep thinking about these wretched figures all the time, and it would have been even if Winnie did not try to poke John with a ruler in the intervals of squirming and muttering over her geometry homework.

So beginnt der 1926 erschienene Kriminalroman:

Cecil Scott Forester: Payment deferred (1926)

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Zahlungsaufschub.

Zum Inhalt

Mr Marble, Familienvater und hoch verschuldet, wittert seine Chance, als eines Abends überraschend sein wohlhabender und kürzlich verwaister Neffe vor der Tür steht. Ohne das Wissen seiner Familie bringt er ihn noch in der gleichen Nacht um und verscharrt die Leiche im Garten. Niemand kommt ihm auf die Spur, da niemand den jungen Mann vermisst, der erst kürzlich aus Australien zurückgekehrt war.

Fazit

Das  Ganze ist nur bedingt ein Kriminalroman, denn der Täter steht ja von vornherein fest. Es geht also eher um die Frage, ob er zur Rechenschaft gezogen werden wird.

Darüber hinaus funktioniert die Geschichte aber sehr gut als Charakterstudie: Wie verändert sich der Mörder durch die Angst, entdeckt zu werden?

Interessant fand ich, dass es dem Autor gelingt, dass ich mir immer wieder die Tat selbst vorstellen musste, obwohl sie gar nicht geschildert wird.

Ansonsten war es ein unangenehmes Buch, da alle Hauptpersonen so unglaublich unsympathisch sind – die einzige Ausnahme überlebt nur wenige Seiten. Der sagenhafte Reichtum, den er schließlich erwerben kann, bringt ihm kein Glück.

Vicki Myron: Dewey: The Small-Town Library Cat Who Touched the World (2008)

There is a thousand-mile table of land in the middle of the United States, between the Mississippi River on the east and the deserts on the west. Out here, there are rolling hills, but no mountains. There are rivers and creeks, but few large lakes. The wind has worn down the rock outcroppings, turning them first to dust, then dirt, then soil, and finally to fine black farmland.

So beginnt:

Vicki Myron: Dewey: The Small-Town Library Cat Who Touched the World (2008)

Auf Deutsch erschien die Geschichte unter dem Titel Dewey und ich: Die wahre Geschichte des berühmtesten Katers der Welt.

Es geht um die reizende Geschichte eines kleinen Kätzchens, das an einem bitterkalten Wintermorgen durch die Buchrückgabeklappe in der Bücherei der amerikanischen Kleinstadt Spencer in Iowa landet und dort in Form der Bibliothekarin Myron und ihrer Mitarbeiter die denkbar besten Adoptiveltern findet.

Die nächsten 19 Jahre wird die Bibliothek das Zuhause des menschenliebenden Katers, eine Fundgrube für viele Geschichten und Anekdoten, einschließlich der Lebensgeschichte Myrons.

Allerdings landet das Ganze auch schon mal jenseits der Kitschgrenze: Und so wird die Geschichte, die das doch gar nicht nötig hätte, aufgeladen mit hoffnungslos unkritischen Bemühungen, etwas unbedingt Patriotisch-Amerikanisches in das Ganze hineinzufabulieren:

That’s another of Spencer’s unique and valuable assets: its people. We are good, solid, hardworking Midwesterners. We are proud but humble. We don’t brag. We believe your worth is measured by the respect of your neighbors, and there is no place we’d rather be than with those neighbors right here in Spencer, Iowa. We are woven not just into this land, which our families have worked for generations, but to one another. (S. 202/203)

So geht das noch seitenlang weiter.

Die Vermenschlichung des Katers geht so weit, dass die Autorin ihm sogar zutraut, ihr durch seine Reaktionen deutlich zu machen, ob der Freund ihrer Tochter als Schwiegersohn geeignet ist. Schade.

Aber das Video auf Youtube http://www.youtube.com/watch?v=G8nSg8oxrfA kann man sich ruhig ansehen.

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Rose Tremain: Trespass (2010)

The child’s name is Mélodie. Long ago, before Melodie was born, her pretty mother had had a stab at composing music.

So beginnt

Rose Tremain: Trespass (2010); auf Deutsch: Der unausweichliche Tag

Das Buch wird für seine Spannung gelobt. Schon im ersten Kapitel weiß der Leser, etwas Fürchterliches ist geschehen. Die zehnjährige Melodie setzt sich auf einem Ausflug etwas ab von ihren Klassenkameraden, und gerade als sie in einen Teich springen will, um sich zu erfrischen, entdeckt sie etwas:

… at the very corner of her vision, she sees something which shouldn’t be there. At first look, she doesn’t recognize what it is. She has to look again. She has to stare. Then she starts screaming. (S. 9)

Erst am Ende erfährt der Leser, was die Kleine zum Schreien gebracht hat.

Im Kern geht es um zwei Geschwisterpaare, beide in den Sechzigern, deren katastrophale Kindheit bis in die Gegenwart nachwirkt. Ein bisschen Psycho-Thriller, hat mich nicht wirklich angesprochen, grauenhafte Kindheiten ohnehin ein schwieriges Thema für mich als Leser. Was soll man damit anfangen? Sich gruseln? Das Unheil auch in diesem Buch nicht aufzuhalten. Und nach dem Buch von Ruth Andreas-Friedrich fast ein wenig abgeschmackt.

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Carson McCullers: Clock without Hands (1961)

Death is always the same, but each man dies in his own way. For J. T. Malone it began in such a simple ordinary way that for a time he confused the end of life with the beginning of a new season. The winter of his fortieth year was an unusually cold one for the Southern towns – with icy, pastel days and radiant nights.

So beginnt der Roman

Carson McCullers: Clock without Hands (1961); auf Deutsch: Uhr ohne Zeiger

Zum Inhalt

Der Roman spielt in einer Kleinstadt in den amerikanischen Südstaaten in den fünfziger Jahren, wo viele noch immer die aberwitzige Konstruktion der Rassentrennung mit Zähnen und Klauen verteidigen.

Vier Männer, deren Lebenswege miteinander verwoben sind, müssen sich in ihren eigenen kleinen Privatleben zu den großen Fragen der Zeit verhalten und jeder, egal ob er der unterdrückten Bevölkerungsgruppe angehört oder der der herrschenden, jeder ist beschädigt durch das System.

Die Hoffnung der Autorin ist, dass Liebe, Verzeihen und Verständnis in die armselige Situation des Einzelnen schließlich ein neues Fundament legen.

Gerade der Apotheker, der zu Beginn seiner Leukämieerkrankung nicht weiß, wie er sterben soll, da er noch gar nicht das Gefühl hat, je wirklich gelebt zu haben, und der sich verzweifelt fragt, wie ihm sein banales Leben so gänzlich abhanden kommen konnte, ist am Ende derjenige, der sich trotz aller Ängste klar gegen den Mob stellt und den geplanten Mord an einem Schwarzen ablehnt. Dieser hatte die „Frechheit“ besessen, ein Haus in einer „weißen“ Straße gemietet zu haben.

Er kann am Ende in Frieden sterben.

cnz 122

Susan Hill: I’m the King of the Castle (1970)

Three months ago, his grandmother died, and then they had moved to this house.

So beginnt

Susan Hill: I’m the King of the Castle (1970)

Für alle, die gern minutiös das Böse im Menschen verfolgen und denen „Herr der Fliegen“ von Golding noch zu sonnig war.

Auf der Homepage der Autorin findet sich eine kurze Inhaltsangabe: „EDMUND HOOPER lives with his father at Warings, a large house in the country, and he is not pleased with CHARLES KINGSHAW and his mother arrive – Mrs. Kingshaw is to be their housekeeper and hopes that the eleven year old boys will be great friends. They become enemies on sight and the novel is about the struggle between them. Kingshaw is uncertain, sensitive, pleasant, weak – and on strangemakes Charles’s life hell. The tables are turned as their roles are briefly reversed when they get lost in Hang Wood but the overall winner of the conflict is never in doubt. Meanwhile, the adults have their own agenda.“

Die Unfähigkeit aller Beteiligten zu kommunizieren, die Blindheit der Eltern und das Fehlen jeglicher Empathie sorgen für eine überaus betrübliche Lektüre. Schon auf S. 34 ist mir klar, dass das Ganze nur als Tragödie enden kann. Gab es in „Herr der Fliegen“ insofern noch ein Fünkchen Hoffnung, da sich die Jungen entscheiden müssen, auf wessen Seite sie stehen, gibt es diesen Hoffnungsschimmer hier nicht mehr.

Das Buch, anscheinend eine der klassischen englischen Schullektüren, hat 1971 den Somerset Maugham Award gewonnen und hat sicherlich in seiner Heiterkeit mal wieder dafür gesorgt, dass Generationen von Schülern beschlossen haben, dass sie Sinnvolleres mit ihrer Zeit anfangen können, als ausgerechnet Bücher zu lesen.

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Robertson Davies: The Cunning Man (1994)

Should I have taken the false teeth? In my years as a police surgeon I would certainly have done so; who can say what might be clinging to them, or in the troughs that fit over the gums? I would have been entirely within my rights. But in this curious situation, what indisputable rights had I?

So beginnt

Robertson Davies: The Cunning Man (1994) 

Der Klappentext, der dem Leser so etwas wie einen Krimi suggerieren soll, ist komplett irreführend. Als der seltsame Todesfall eines alten Priesters der High Church Hunderte von Seiten später durch das Geständnis des Täters zweifelsfrei aufgeklärt wird, hat man die Auflösung längst geahnt, zumal die Handlung selbst nichts zur Aufklärung des Verbrechens beiträgt. Eher handelt es sich um die fiktive Biografie eines alten kanadischen Arztes.

Dr. Hullah versucht sich also im Alter Rechenschaft über die Zusammenhänge in seinem Leben zu geben, über seine Herkunft auf dem Land, nahe eines Indianerreservates, seine schulische und universitäre Bildung, über die Menschen, die ihn formten, seine Erfahrungen z. B. während des Zweiten Weltkrieges und über die philosophischen Einflüsse und Ideen, denen er sich verpflichtet fühlt.

Die Hauptperson sieht sich in einem sehr milden Licht und hat keinerlei Gewissensbisse ob der Tatsache, jahrelang mit der Frau seines besten Freundes geschlafen zu haben. Okay, sie war vor dem Krieg seine Freundin, die er aber nicht unbedingt zu ehelichen gedachte. Jahrzehnte später ist er dann aber aufrichtig empört, als er erfährt, dass sein Freund damals einen Privatdetektiv auf die beiden angesetzt hatte. Dieser Dialog ist in seiner Dämlichkeit doch preisverdächtig:

„My God! Brocky – you put a tail on your own wife and your best friend? How could you do such a thing?”

“Well, when it comes to that, how could you do what you were doing? Making a cuckold of a man you think of as your best friend?”

“But – hiring a snoop!”

“What else is there to do? I don’t say I’m proud of it, but you know very well we all do a lot of things we’re not proud of, when it seems necessary.”

“But it shows such hateful mistrust.” (S. 285)

Und die Verliebtheit, in die der alte Narr gegen Ende des Buches noch stolpert, illustriert nur, was er in der Jugend an seinem Freund beobachtet hatte: Kultiviertheit schützt vor Torheit nicht.

Zwischendurch bin ich an dem wahrlich mäandernden Erzählstil fast verzweifelt; so etwas wie ein Handlungsfaden geriet zeitweise völlig aus dem Blick. Der Independent nannte den Stil freundlicherweise einfach „barock“.

Vielleicht ist es eines der Bücher, denen ich eine zweite Chance geben müsste, nicht zuletzt wegen des Vokabulars und der vielen literarischen und geschichtlichen Anspielungen. Möglicherweise könnte ich dann dem über alle Ufer tretenden Strom mehr abgewinnen.

Der Nachruf auf den Autor im Independent vom 5. Dezember 1995 ist jedenfalls geradezu hymnisch. John Julius Norwich schreibt u. a.:

Why even now this literary phenomenon should remain so relatively little known to the world at large constitutes, to all those readers, an impenetrable mystery; eminently worthy of the Nobel Prize for Literature, only once was he ever short-listed for the Booker. […]. There was also the fact that his books were unlike other people’s. They were long; they often deliberately rambled; they touched on magic, food, semantics, poetry, the supernatural, holistic medicine, Jungian analysis, murder, art forgery, the theatre, the interpretation of dreams and anything else that happened to strike the author’s astonishing imagination while he was writing. His novels, in the extravagance of their plots, the outlandishness of many of their characters, the luxury of their language, were baroque through and through; and unhappily, in the late 20th century, the baroque is no longer fashionable.

Der letzte Satz des Buches ist allerdings ein würdiger Abschluss. Hullah antwortet jemandem, der sich am Telefon verwählt hat:

This is the Great Theatre of Life. Admission is free but the taxation is mortal. You come when you can, and leave when you must. The show is continuous.

anz 284

Pamela Lyndon Travers: Mary Poppins (1934)

If you want to find Cherry Tree Lane all you have to do is ask the Policeman at the crossroads. He will push his helmet slightly to one side, scratch his head thoughtfully, and then he will point his huge white-gloved finger and say: ‘First to your right, second to your left, sharp right again, and you’re there. Good morning‘.

So beginnt

Pamela Lyndon Travers: Mary Poppins (1934)

Es macht Spaß, den ersten Band der Poppins-Reihe zu lesen. Wie schade, dass meine Eltern mir diese Bücher nicht haben geben können, da sie sie selbst nicht kannten.

Während eines heftigen Ostwindes kommt Mary Poppins zu den Banks und stellt sich als das neue Kindermädchen für Jane, Michael und die Zwillinge vor, die noch im Babyalter sind. Schon die Art ihrer Ankunft ist ein wenig ungewöhnlich, was allerdings nur Jane und Michael auffällt:

Then the shape, tossed and bent under the wind, lifted the latch of the gate, and they could see that it belonged to a woman, who was holding her hat on with one hand and carrying a bag in the other. As they watched, Jane and Michael saw a curious thing happen. As soon as the shape was inside the gate the wind seemed to catch her up into the air and fling her at the house. […] The watching children heard a terrific bang, and as she landed the whole house shook. (S. 17 der Taschenbuchausgabe)

Später am Abend fragt Jane:

‚How did you come?‘ Jane asked. ‚It looked just as if the wind blew you here.‘

‚It did,‘ said Mary Poppins briefly. (S. 19)

Eine wunderbare, zauberhafte und aufregende Zeit beginnt. Mary ist außerordentlich streng, eitel und oft sehr kurz angebunden, ja fast ein wenig übellaunig, aber sie kümmert sich mehr um die Kinder als die Eltern. Mr Banks muss schließlich den ganzen Tag arbeiten und Mrs Banks hat trotz Köchin, Zimmermädchen und Gärtner keine Zeit, sich ernsthaft mit ihnen zu beschäftigen. Im Stillen vergleichen Jane und Michael ihre Mutter sogar mit den „silly, anxious, soft blue doves“ (S. 95), die sie in der Nähe von St. Paul’s Cathedral füttern.

Und so erleben sie die merkwürdigsten Abenteuer, wie z. B. eine Einladung zum Kaffeetrinken bei Marys Onkel, bei der sie alle direkt unter der Zimmerdecke sitzen und viel Spaß haben, eine Nacht im Zoo, bei der die Menschen, die nach Torschluss noch auf dem Gelände angetroffen wurden, die Nacht in den Gehegen und Käfigen verbringen müssen, während die Tiere eine ausgelassene und friedliche Geburtstagsparty feiern. Auch ganz ernsthafte Themen werden durch die Abenteuer angesprochen, sei es das Älterwerden oder die Tatsache, dass man manchmal gern etwas Böses tut und dann gar keine Gewissensbisse hat.

Hier ist die Fantasie ein Ausweg aus der dumpfen Langeweile und den fehlenden Anregungen zu Hause. Allerdings gibt Mary schon zu Beginn zu bedenken, dass sie nur so lange bleibt, bis der Wind sich dreht.

Travers hat von 1934 bis 1988 insgesamt acht Bände um das Kindermädchen Mary Poppins veröffentlicht. Das Kapitel „Bad Tuesday“ aus dem ersten Band, das inzwischen als rassistisch und klischeebeladen galt, hat sie erst in den achtziger Jahren überarbeitet.