Susan Hill: I’m the King of the Castle (1970)

Three months ago, his grandmother died, and then they had moved to this house.

So beginnt

Susan Hill: I’m the King of the Castle (1970)

Für alle, die gern minutiös das Böse im Menschen verfolgen und denen „Herr der Fliegen“ von Golding noch zu sonnig war.

Auf der Homepage der Autorin findet sich eine kurze Inhaltsangabe: „EDMUND HOOPER lives with his father at Warings, a large house in the country, and he is not pleased with CHARLES KINGSHAW and his mother arrive – Mrs. Kingshaw is to be their housekeeper and hopes that the eleven year old boys will be great friends. They become enemies on sight and the novel is about the struggle between them. Kingshaw is uncertain, sensitive, pleasant, weak – and on strangemakes Charles’s life hell. The tables are turned as their roles are briefly reversed when they get lost in Hang Wood but the overall winner of the conflict is never in doubt. Meanwhile, the adults have their own agenda.“

Die Unfähigkeit aller Beteiligten zu kommunizieren, die Blindheit der Eltern und das Fehlen jeglicher Empathie sorgen für eine überaus betrübliche Lektüre. Schon auf S. 34 ist mir klar, dass das Ganze nur als Tragödie enden kann. Gab es in „Herr der Fliegen“ insofern noch ein Fünkchen Hoffnung, da sich die Jungen entscheiden müssen, auf wessen Seite sie stehen, gibt es diesen Hoffnungsschimmer hier nicht mehr.

Das Buch, anscheinend eine der klassischen englischen Schullektüren, hat 1971 den Somerset Maugham Award gewonnen und hat sicherlich in seiner Heiterkeit mal wieder dafür gesorgt, dass Generationen von Schülern beschlossen haben, dass sie Sinnvolleres mit ihrer Zeit anfangen können, als ausgerechnet Bücher zu lesen.

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Robertson Davies: The Cunning Man (1994)

Should I have taken the false teeth? In my years as a police surgeon I would certainly have done so; who can say what might be clinging to them, or in the troughs that fit over the gums? I would have been entirely within my rights. But in this curious situation, what indisputable rights had I?

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Robertson Davies: The Cunning Man (1994) 

Der Klappentext, der dem Leser so etwas wie einen Krimi suggerieren soll, ist komplett irreführend. Als der seltsame Todesfall eines alten Priesters der High Church Hunderte von Seiten später durch das Geständnis des Täters zweifelsfrei aufgeklärt wird, hat man die Auflösung längst geahnt, zumal die Handlung selbst nichts zur Aufklärung des Verbrechens beiträgt. Eher handelt es sich um die fiktive Biografie eines alten kanadischen Arztes.

Dr. Hullah versucht sich also im Alter Rechenschaft über die Zusammenhänge in seinem Leben zu geben, über seine Herkunft auf dem Land, nahe eines Indianerreservates, seine schulische und universitäre Bildung, über die Menschen, die ihn formten, seine Erfahrungen z. B. während des Zweiten Weltkrieges und über die philosophischen Einflüsse und Ideen, denen er sich verpflichtet fühlt.

Die Hauptperson sieht sich in einem sehr milden Licht und hat keinerlei Gewissensbisse ob der Tatsache, jahrelang mit der Frau seines besten Freundes geschlafen zu haben. Okay, sie war vor dem Krieg seine Freundin, die er aber nicht unbedingt zu ehelichen gedachte. Jahrzehnte später ist er dann aber aufrichtig empört, als er erfährt, dass sein Freund damals einen Privatdetektiv auf die beiden angesetzt hatte. Dieser Dialog ist in seiner Dämlichkeit doch preisverdächtig:

„My God! Brocky – you put a tail on your own wife and your best friend? How could you do such a thing?”

“Well, when it comes to that, how could you do what you were doing? Making a cuckold of a man you think of as your best friend?”

“But – hiring a snoop!”

“What else is there to do? I don’t say I’m proud of it, but you know very well we all do a lot of things we’re not proud of, when it seems necessary.”

“But it shows such hateful mistrust.” (S. 285)

Und die Verliebtheit, in die der alte Narr gegen Ende des Buches noch stolpert, illustriert nur, was er in der Jugend an seinem Freund beobachtet hatte: Kultiviertheit schützt vor Torheit nicht.

Zwischendurch bin ich an dem wahrlich mäandernden Erzählstil fast verzweifelt; so etwas wie ein Handlungsfaden geriet zeitweise völlig aus dem Blick. Der Independent nannte den Stil freundlicherweise einfach „barock“.

Vielleicht ist es eines der Bücher, denen ich eine zweite Chance geben müsste, nicht zuletzt wegen des Vokabulars und der vielen literarischen und geschichtlichen Anspielungen. Möglicherweise könnte ich dann dem über alle Ufer tretenden Strom mehr abgewinnen.

Der Nachruf auf den Autor im Independent vom 5. Dezember 1995 ist jedenfalls geradezu hymnisch. John Julius Norwich schreibt u. a.:

Why even now this literary phenomenon should remain so relatively little known to the world at large constitutes, to all those readers, an impenetrable mystery; eminently worthy of the Nobel Prize for Literature, only once was he ever short-listed for the Booker. […]. There was also the fact that his books were unlike other people’s. They were long; they often deliberately rambled; they touched on magic, food, semantics, poetry, the supernatural, holistic medicine, Jungian analysis, murder, art forgery, the theatre, the interpretation of dreams and anything else that happened to strike the author’s astonishing imagination while he was writing. His novels, in the extravagance of their plots, the outlandishness of many of their characters, the luxury of their language, were baroque through and through; and unhappily, in the late 20th century, the baroque is no longer fashionable.

Der letzte Satz des Buches ist allerdings ein würdiger Abschluss. Hullah antwortet jemandem, der sich am Telefon verwählt hat:

This is the Great Theatre of Life. Admission is free but the taxation is mortal. You come when you can, and leave when you must. The show is continuous.

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Pamela Lyndon Travers: Mary Poppins (1934)

If you want to find Cherry Tree Lane all you have to do is ask the Policeman at the crossroads. He will push his helmet slightly to one side, scratch his head thoughtfully, and then he will point his huge white-gloved finger and say: ‘First to your right, second to your left, sharp right again, and you’re there. Good morning‘.

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Pamela Lyndon Travers: Mary Poppins (1934)

Es macht Spaß, den ersten Band der Poppins-Reihe zu lesen. Wie schade, dass meine Eltern mir diese Bücher nicht haben geben können, da sie sie selbst nicht kannten.

Während eines heftigen Ostwindes kommt Mary Poppins zu den Banks und stellt sich als das neue Kindermädchen für Jane, Michael und die Zwillinge vor, die noch im Babyalter sind. Schon die Art ihrer Ankunft ist ein wenig ungewöhnlich, was allerdings nur Jane und Michael auffällt:

Then the shape, tossed and bent under the wind, lifted the latch of the gate, and they could see that it belonged to a woman, who was holding her hat on with one hand and carrying a bag in the other. As they watched, Jane and Michael saw a curious thing happen. As soon as the shape was inside the gate the wind seemed to catch her up into the air and fling her at the house. […] The watching children heard a terrific bang, and as she landed the whole house shook. (S. 17 der Taschenbuchausgabe)

Später am Abend fragt Jane:

‚How did you come?‘ Jane asked. ‚It looked just as if the wind blew you here.‘

‚It did,‘ said Mary Poppins briefly. (S. 19)

Eine wunderbare, zauberhafte und aufregende Zeit beginnt. Mary ist außerordentlich streng, eitel und oft sehr kurz angebunden, ja fast ein wenig übellaunig, aber sie kümmert sich mehr um die Kinder als die Eltern. Mr Banks muss schließlich den ganzen Tag arbeiten und Mrs Banks hat trotz Köchin, Zimmermädchen und Gärtner keine Zeit, sich ernsthaft mit ihnen zu beschäftigen. Im Stillen vergleichen Jane und Michael ihre Mutter sogar mit den „silly, anxious, soft blue doves“ (S. 95), die sie in der Nähe von St. Paul’s Cathedral füttern.

Und so erleben sie die merkwürdigsten Abenteuer, wie z. B. eine Einladung zum Kaffeetrinken bei Marys Onkel, bei der sie alle direkt unter der Zimmerdecke sitzen und viel Spaß haben, eine Nacht im Zoo, bei der die Menschen, die nach Torschluss noch auf dem Gelände angetroffen wurden, die Nacht in den Gehegen und Käfigen verbringen müssen, während die Tiere eine ausgelassene und friedliche Geburtstagsparty feiern. Auch ganz ernsthafte Themen werden durch die Abenteuer angesprochen, sei es das Älterwerden oder die Tatsache, dass man manchmal gern etwas Böses tut und dann gar keine Gewissensbisse hat.

Hier ist die Fantasie ein Ausweg aus der dumpfen Langeweile und den fehlenden Anregungen zu Hause. Allerdings gibt Mary schon zu Beginn zu bedenken, dass sie nur so lange bleibt, bis der Wind sich dreht.

Travers hat von 1934 bis 1988 insgesamt acht Bände um das Kindermädchen Mary Poppins veröffentlicht. Das Kapitel „Bad Tuesday“ aus dem ersten Band, das inzwischen als rassistisch und klischeebeladen galt, hat sie erst in den achtziger Jahren überarbeitet.

Margaret Laurence: The Stone Angel (1964)

Above the town, on the hill brow, the stone angel used to stand. I wonder if she stands there yet, in memory of her, who relinquished her feeble ghost as I gained my stubborn one, my mother’s angel that my father bought in pride to mark her bones and proclaim his dynasty, as he fancied, forever and a day.

So beginnt

Margaret Laurence: The Stone Angel (1964); auf Deutsch: Der steinerne Engel

Der Klappentext tönt wie eine Fanfare, wenn er die Hauptperson ankündigt:

Hagar Shipley, one of the most memorable characters in Canadian fiction. Stubborn, querulous, self-reliant – and, at ninety with her life nearly behind her – Hagar Shipley makes a bold last step towards freedom and independence.

Tatsächlich ist dieser Lebensrückblick einer Neunzigjährigen, in dem die Gegenwart der sechziger Jahre und die Vergangenheit völlig ungekünstelt ineinander gefügt werden, anrührend. Die alte Dame hat keine Lust, den letzten Lebensabschnitt im Altersheim zu verbringen, obwohl ihre Hinfälligkeit ihren Sohn und dessen Frau an die Grenze der Belastbarkeit bringen.

Hier passt alles zueinander, eine unglaublich sture und uneinsichtige Hauptperson, die auch nur das weitergeben kann, was sie selbst als Kind gelernt hat. Ihr Blick auf die Welt, ihre Versuche, das Glück zu finden, ihr Stolz, ihre Verluste.

Die Sprache des Romans spiegelt den Inhalt: eine unglaubliche Wahrnehmungsfähigkeit der Hauptperson, die sich mit erschreckend blinden Flecken in ihrer Selbstwahrnehmung vermischt.

Sicherlich wird das Buch zu Recht immer wieder als einer der wichtigsten kanadischen Romane bezeichnet. Wer noch ein bisschen weiter recherchieren möchte, dem sei folgender Link empfohlen, unter dem man diverse Fernsehinterviews mit der Autorin abrufen kann, die 1987 im Alter von 60 Jahren Selbstmord beging, da bei ihrer Krebserkrankung keine Hoffnung mehr auf Heilung bestand.

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Matt Haig: The Radleys (2010)

It is a quiet place, especially at night. Too quiet, you’d be entitled to think, for any kind of monster to live among its pretty, tree-shaded lanes. Indeed, at three o’clock in the morning in the village of Bishopthorpe, it is easy to believe the lie indulged in by its residents – that it is a place for good and quiet people to live good and quiet lives.

So beginnt

Matt Haig: The Radleys (2010); auf Deutsch: Die Radleys

Suchte etwas Unterhaltsames und dachte, mit diesem Buch über eine enthaltsam lebende Vampirsfamilie wäre ich fündig geworden. Sie leben getarnt als englische Mittelschichtsfamilie, Papa Doktor, schickes Einfamilienhaus, zwei Kinder, die das Familiengeheimnis gar nicht wissen, der Sohn mit ihm unerklärlichen Schlafstörungen und massiv sonnenempfindlicher Haut und die Nachbarn, die man zum Essen einlädt, sind überaus langweilig. Ein bisschen der Anti-Harry Potter, eine Familie, die absolut nichts von ihren Neigungen und Fähigkeiten wissen will.

Das geht so lange gut, bis Clara, die Tochter, sich nach einer Party gegen einen Vergewaltigungsversuch wehrt und dabei auf den Geschmack des Blutes kommt. Ich fand, dass dem Buch das Skurrile fehlte. Das Witzige, die Situationskomik, die ausschweifend entzückende Fantasie, die z. B. den ersten Harry Potter-Band auszeichnet. Für Gruselfans ist es auch nichts, jedenfalls soweit ich es gelesen habe.

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James Robertson: And the Land lay still (2010)

Mike is at the bedroom window, taking in the view of the water, the road and the scattering of cottages along it, when he sees Murdo’s red van come round the end of the kyle.

So beginnt

James Robertson: And the Land lay still (2010)

Mike, Anfang 50, bereitet eine Ausstellung für Edinburgh mit Fotos seines verstorbenen Vaters vor. Am Ende der 671 Seiten findet diese Ausstellung statt und der Autor schafft es, all die verschiedenen Stränge, die er im Buch entfaltet hat und deren Zusammenhänge sich dem Leser erst nach und nach erschließen, am Ende tatsächlich zusammenzuführen.

Dazwischen ein Panorama Schottlands und seiner Geschichte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Lehrreich und aufschlussreich, keine Frage, ein Werk der Recherche. Manchmal bemüht, so muss auch schon mal ein Monolog eines Volltrunkenen, dem seine  Gesprächspartner nur noch in Suffträumereien erscheinen, dazu herhalten, ganze Abschnitte der schottischen Politik zu rekapitulieren.

Was mich aber wirklich gestört hat, war dass mir die Personen so fern blieben, so als ob ich einen kurzen Abschnitt in der Zeitung über sie lesen würde. Viele der Personen werden in ihrem Lebensweg über Jahrzehnte begleitet, doch sie sind immer gleich, nie erscheinen sie einem älter oder jünger. Eine Vergewaltigungsszene ließ mich völlig kalt, die Personen wie Staffage für ein Geschichtsbuch.

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David Abbott: The Upright Piano Player (2010)

He knew it was unforgivable to drive to the funeral in the old Land Rover, but it was the only transport he had. And anyhow, what difference did it make? What did any of it matter now?

So beginnt

David Abbott: The Upright Piano Player (2010); auf Deutsch: Die späte Ernte des Henry Cage

Die Beerdigung ist die seines Enkels, von dessen Existenz er lange gar nichts gewusst und mit dem er sich in den letzten Jahren wunderbar verstanden hatte. Doch bei einem Ausflug mit seinem Enkel hält er an einer Tankstelle. Der Kleine bleibt im Auto, während der Großvater zum Bezahlen geht. Ein durchgeknallter Jugendlicher schnappt sich das Auto, fährt los und bemerkt überhaupt nicht, dass er einen kleinen Jungen mitschleift, der versucht hatte, noch rasch aus dem Auto zu steigen und sich dabei im Gurt verheddert hat.

Zwischen dieser umgekehrt chronologischen Rahmenhandlung – Beerdigung am Anfang und Unfall am Ende – werden die Lebensstationen des alten Mannes rekapituliert.

Reingefallen auf die Rezensionsschnipsel auf dem Buchrücken: Der Autor erzählt sozusagen von außen, zu vieles soll sich dem Leser zwischen den Zeilen erschließen. Ich trauere nicht mit. Der Versuch, den ekligen Kriminellen genauso in seinem Umwelt zu zeigen wie den ausgemusterten Manager, ist eine interessante Idee, aber nahe kommt mir keine der Figuren. Wenn man will, kann man sich am Ende die philosophische Frage stellen, warum die wirklichen Katastrophen, wie hier der Unfalltod des Enkels, so gänzlich aus „heiterem Himmel“ kommen, aber auch der Verursacher steckt ja in einem Geflecht, nur dass uns das nicht gezeigt wurde. Öde. Keine Ahnung, warum man das lesen soll.

cnz 087