Matt Haig: The Radleys (2010)

It is a quiet place, especially at night. Too quiet, you’d be entitled to think, for any kind of monster to live among its pretty, tree-shaded lanes. Indeed, at three o’clock in the morning in the village of Bishopthorpe, it is easy to believe the lie indulged in by its residents – that it is a place for good and quiet people to live good and quiet lives.

So beginnt

Matt Haig: The Radleys (2010); auf Deutsch: Die Radleys

Suchte etwas Unterhaltsames und dachte, mit diesem Buch über eine enthaltsam lebende Vampirsfamilie wäre ich fündig geworden. Sie leben getarnt als englische Mittelschichtsfamilie, Papa Doktor, schickes Einfamilienhaus, zwei Kinder, die das Familiengeheimnis gar nicht wissen, der Sohn mit ihm unerklärlichen Schlafstörungen und massiv sonnenempfindlicher Haut und die Nachbarn, die man zum Essen einlädt, sind überaus langweilig. Ein bisschen der Anti-Harry Potter, eine Familie, die absolut nichts von ihren Neigungen und Fähigkeiten wissen will.

Das geht so lange gut, bis Clara, die Tochter, sich nach einer Party gegen einen Vergewaltigungsversuch wehrt und dabei auf den Geschmack des Blutes kommt. Ich fand, dass dem Buch das Skurrile fehlte. Das Witzige, die Situationskomik, die ausschweifend entzückende Fantasie, die z. B. den ersten Harry Potter-Band auszeichnet. Für Gruselfans ist es auch nichts, jedenfalls soweit ich es gelesen habe.

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James Robertson: And the Land lay still (2010)

Mike is at the bedroom window, taking in the view of the water, the road and the scattering of cottages along it, when he sees Murdo’s red van come round the end of the kyle.

So beginnt

James Robertson: And the Land lay still (2010)

Mike, Anfang 50, bereitet eine Ausstellung für Edinburgh mit Fotos seines verstorbenen Vaters vor. Am Ende der 671 Seiten findet diese Ausstellung statt und der Autor schafft es, all die verschiedenen Stränge, die er im Buch entfaltet hat und deren Zusammenhänge sich dem Leser erst nach und nach erschließen, am Ende tatsächlich zusammenzuführen.

Dazwischen ein Panorama Schottlands und seiner Geschichte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Lehrreich und aufschlussreich, keine Frage, ein Werk der Recherche. Manchmal bemüht, so muss auch schon mal ein Monolog eines Volltrunkenen, dem seine  Gesprächspartner nur noch in Suffträumereien erscheinen, dazu herhalten, ganze Abschnitte der schottischen Politik zu rekapitulieren.

Was mich aber wirklich gestört hat, war dass mir die Personen so fern blieben, so als ob ich einen kurzen Abschnitt in der Zeitung über sie lesen würde. Viele der Personen werden in ihrem Lebensweg über Jahrzehnte begleitet, doch sie sind immer gleich, nie erscheinen sie einem älter oder jünger. Eine Vergewaltigungsszene ließ mich völlig kalt, die Personen wie Staffage für ein Geschichtsbuch.

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David Abbott: The Upright Piano Player (2010)

He knew it was unforgivable to drive to the funeral in the old Land Rover, but it was the only transport he had. And anyhow, what difference did it make? What did any of it matter now?

So beginnt

David Abbott: The Upright Piano Player (2010); auf Deutsch: Die späte Ernte des Henry Cage

Die Beerdigung ist die seines Enkels, von dessen Existenz er lange gar nichts gewusst und mit dem er sich in den letzten Jahren wunderbar verstanden hatte. Doch bei einem Ausflug mit seinem Enkel hält er an einer Tankstelle. Der Kleine bleibt im Auto, während der Großvater zum Bezahlen geht. Ein durchgeknallter Jugendlicher schnappt sich das Auto, fährt los und bemerkt überhaupt nicht, dass er einen kleinen Jungen mitschleift, der versucht hatte, noch rasch aus dem Auto zu steigen und sich dabei im Gurt verheddert hat.

Zwischen dieser umgekehrt chronologischen Rahmenhandlung – Beerdigung am Anfang und Unfall am Ende – werden die Lebensstationen des alten Mannes rekapituliert.

Reingefallen auf die Rezensionsschnipsel auf dem Buchrücken: Der Autor erzählt sozusagen von außen, zu vieles soll sich dem Leser zwischen den Zeilen erschließen. Ich trauere nicht mit. Der Versuch, den ekligen Kriminellen genauso in seinem Umwelt zu zeigen wie den ausgemusterten Manager, ist eine interessante Idee, aber nahe kommt mir keine der Figuren. Wenn man will, kann man sich am Ende die philosophische Frage stellen, warum die wirklichen Katastrophen, wie hier der Unfalltod des Enkels, so gänzlich aus „heiterem Himmel“ kommen, aber auch der Verursacher steckt ja in einem Geflecht, nur dass uns das nicht gezeigt wurde. Öde. Keine Ahnung, warum man das lesen soll.

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Charles Portis: True Grit (1968)

People do not give it credence that a fourteen-year old girl could leave home and go off in the wintertime to avenge her father’s blood but it did not seem so strange then, although I will say it did not happen every day. I was just fourteen years of age when a coward going by the name of Tom Chaney shot my father down in Fort Smith, Arkansas, and robbed him of his life and his horse and 150 in cash money plus two California gold pieces that he carried in his trouser band.

So beginnt

Charles Portis: True Grit (1968)

Zum Inhalt

Mattie Ross erinnert sich an den Rachefeldzug, den sie als arrogantes vierzehnjähriges Gör durchgezogen hat, um den Tod ihres Vaters zu rächen. Ihr zur Seite stehen Marshal Rooster Cogburn und der Texas Ranger LaBoeuf. Das Ganze läuft auf munterste Selbstjustiz hinaus, die mit ein bisschen Slapstick garniert wird.

Fünfundzwanzig Jahre nach dem geglückten Rachefeldzug, bei dem die Leichen nur so links und rechts am Wegesrand herumpurzelten, muss der ruhelose Ex-Marshall Rooster Cogburn als abgehalfterte Zirkusattraktion auftreten. Nix mehr mit wildem Westen.

Fazit

Verschwommene Erinnerungen an John Wayne und die Werbung für eine Neuverfilmung und plötzlich lag es in irgendeiner Buchhandlung aus. Schon 1968 erschienen, wird es inzwischen als „American classic“ gefeiert, ja als ebenbürtige Gesellschaft für Huckleberry Finn.

Auch Donna Tartt müht sich in ihrem Nachwort redlich, den Nachweis für die Klasse dieses Buches zu führen, da ja schließlich ihre Urgroßmutter, ihre Mutter, sie selbst und ihre Tochter alle gleichermaßen begeistert gewesen sein.

Nun, ich hatte ja nicht Dostojewski erwartet, sondern gute Unterhaltung, aber der angebliche Humor des Buches ist mit meinem leider so überhaupt nicht kompatibel.

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John Boyne: The Boy in Striped Pyjamas (2006)

One afternoon, when Bruno came home from school, he was surprised to find Maria, the family’s maid – who always kept her head bowed and never looked up from the carpet – standing in his bedroom, pulling all his belongings out of the wardrobe and packing them in four wooden crates, even the things he’d hidden at the back that belonged to him and were nobody else’s business.

So beginnt

John Boyne: The Boy in Striped Pyjamas (2006); auf Deutsch: Der Junge im gestreiften Pyjama

Ich war erst skeptisch, ob das funktionieren kann: die Gräuel der Konzentrationslager aus Sicht eines neunjährigen deutschen Jungen zu schildern, der als Sohn des Lagerkommandanten gar nicht begreift, wo er da gelandet ist. Ja, es funktioniert: Auf schlichte und ergreifende Weise wird klar, der Nationalsozialismus, Auschwitz ist so absurd, so dämlich doof, so unvorstellbar blöde, dass jedes Kind es hätte erkennen können. Selbst wenn man den Schluss dann ahnt, nimmt das dem Buch überhaupt nichts.

In der FAZ hieß es am 21. Juli 2007: „John Boyne ist mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ eine Art minimalistischer Geniestreich gelungen.“

David Nicholls: One day (2009)

Friday 15 July 1988, Rankeillor Street, Edinburgh

‘I suppose the important thing is to make some sort of difference,’ she said. ‘You know, actually change something.’

‘What, like “change the world”, you mean?’   

‘Not the whole entire world. Just the little bit around you.’        

They lay in silence for a moment, bodies curled around each other in the single bed, then both began to laugh in low, predawn voices.

So beginnt

David Nicholls: One day (2009); auf Deutsch: Zwei an einem Tag

Emma und Dexter verbringen „nach ihrem College-Abschluss in Edinburgh die Nacht des 15. Juli 1988 (ohne miteinander zu schlafen), bevor sich ihre Wege wieder trennen. Die beiden sind Anfang Zwanzig und sind sehr unterschiedlich, trotzdem können sie sich nicht vergessen und obwohl sie sich während der nächsten 16 Jahre immer wieder aus den Augen verlieren, denken sie stets an den anderen.“ (Wikipedia)

Nun schildert der Erzähler für viele Jahre immer nur den 15. Juli. Ein bisschen Harry und Sally, ein bisschen Vier Hochzeiten und ein Todesfall und ein bisschen sehr bemüht, die politischen Entwicklungen miteinzubeziehen. Erstaunlich, dass in dem Buch niemand an AIDS erkrankt. Aber die Dialoge sind witzig und man folgt den beiden auf ihren Wegen und Wirrungen sehr gern.

ACHTUNG: SPOILER:

Die Struktur, bei der immer nur der 15. Juli herausgegriffen wird, hat für den Autor den Vorteil, dass er bestimmte Dinge, z. B. die erste Zeit der Trauer nach dem Tode Emmas, nicht schildern muss.

Zuerst war ich empört, da lese ich 400 Seiten,  bloß damit dann die eine der beiden Hauptpersonen in zwei Sätzen stirbt. Und doch: Ist das nicht genau so richtig und angemessen? Der Schreck, dass wir nicht unsterblich sind, und die Tatsache, dass wir oft nicht die geringste Ahnung haben, was wir mit dieser Erkenntnis anfangen sollen, wie wir gut und richtig leben und sterben können.

Auch Harry Ritchie war sehr angetan:

he has drawn on all his comic and literary gifts to produce a novel that is not only roaringly funny but also memorable, moving and, in its own unassuming, unpretentious way, rather profound. (Guardian, 4. Juli 2009)

Im Telegraph vom 6. August 2011 streiten sich zwei Journalisten unter dem vielsagenden Titel „One Day: the best novel ever – or a tedious schmaltz-fest?

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Mike Gayle: The To-do List (2009)

Mike Gayle: The To-Do List (2009)

Zum Inhalt

Was für ein Unterfangen, das sich der britische Autor am Vorabend seines 36. Geburtstages vorgenommen hat. Erst stellt er eine to-do Liste mit 1277 (!) Punkten auf und beschließt dann, diese innerhalb eines Jahres abzuarbeiten.

Fazit

Manchmal liest sich das liebenswert-witzig mit hohem Wiedererkennungswert für den Leser. Man kann seine Kenntnisse der englischen Umgangssprache ein wenig aufpolieren, großen Tiefsinn sucht man aber vergebens. Letztlich kann man das Buch mit den Worten des Autors zusammenfassen:

  1. Make a list.
  2. Do it.

Aber genau das bringt einen natürlich dann doch wieder zum Nachdenken. Wie vieles verschieben wir auf später, wie unaufgeräumt ist oft unser Leben – äußerlich und innerlich.

Wäre es nicht unglaublich toll, wieder dieses Gefühl zu haben wie damals nach dem Abschreiben der Schulhefte: Alles war aufgeräumt, sortiert, geordnet, beantwortet, abgearbeitet, geputzt, geregelt, entrümpelt, entlastet.

In meiner Lieblingsstelle geht es allerdings um etwas ganz Anderes: Hier beschreibt er den Becherwahn seiner Frau:

I should point out here that Claire doesn’t have many vices. … Her one Achilles heel, however, is mugs. She loves them. Claire’s idea of a perfect day would be spent perusing the shelves of a shop called ‘Mugs, Mugs, Mugs’, while drinking from a mug only interrupting her perusing/drinking to look through the ‘Mugs, Mugs, Mugs’ catalogue for anything that they didn’t have in store. In the eleven years that we’ve been together I have seen Claire buy more mugs than any sane woman could want. She’s bought tall mugs, small mugs, wide mugs and deep mugs; she’s bought plain mugs and mugs with every kind of pattern. But I had never seen her look at a mug the way that she looked at that Dean and Deluca mug. It was mug at first sight. And unlike other mugs that, over time, tended to fall out of favour to be replaced by yet another of its kind, the Dean and Deluca mug was always number one. So when I managed to break it the summer before last by knocking it off the counter while making myself a cup of tea to go with my fried breakfast, Claire wasn’t just saddened by its loss, she was devastated. (S. 250)