Fundstück von Irène Némirovsky

In solchen Momenten begriff er, warum Menschen heiraten … um ‚das‘ zu haben, die Gegenwart eines anderen, das Geräusch von Röcken, jemanden, dem man unwichtige Dinge erzählen konnte, jemanden, den man nicht anlächeln mußte, wenn man schlechter Stimmung war, jemanden, der da war, wenn man schwieg.

Aus: Irène Némirovsky: Das Mißverständnis (OA 1926)

Ein kleiner, feiner Roman über eine von von Anfang an zum Scheitern verurteilte Liason zwischen einer gelangweilten reichen Ehefrau und einem in engen finanziellen Verhältnissen lebenden Angestellten, dessen Leben durch den Krieg in andere als die erwarteten Bahnen gelenkt worden war. Das Erstaunliche daran ist für mich, wie hier – im Debüt einer dreiundzwanzigjährigen Schriftstellerin – schon das große Talent und das psychologische Feingefühl der Autorin zu erkennen sind, trotz einiger Holprigkeiten und kurzer melodramatischer Anwandlungen.

Einen ausführlichen Beitrag gibt es auf der Lesewelle, die leider seit längerem nicht mehr aktiv ist.

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Yasmina Khadra: Die Sirenen von Bagdad (OA 2006)

Beirut versinkt in der Nacht und verhüllt das Gesicht. Die blutigen Krawalle vom Vortag haben die Stadt keineswegs wachgerüttelt, was beweist, dass sie selbst im Gehen noch schläft. Und nach alter Väter Sitte stört man keinen Schlafwandler, auch dann nicht, wenn er ins eigene Verderben rennt. Ich hatte mir Beirut anders vorgestellt, arabisch, und stolz darauf. Ich hatte mich geirrt.

So beginnt Die Sirenen von Bagdad des 1955 geborenen algerischen Autors Mohammed Moulessehoul, der um Probleme mit der Zensur zu umgehen, seine Bücher unter dem Namen seiner Frau veröffentlichte. Nach der Übersiedlung nach Frankreich hat er diesen Namen beibehalten.

Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Regina Keil-Sagawe.

Zum Inhalt

Zu Beginn der Geschichte befindet sich der ca. 20-jährige Ich-Erzähler, ein Beduine aus dem Irak, in Beirut (Libanon). Er scheint auf etwas zu warten, doch bevor wir Genaueres erfahren, wird zunächst in einer großen Rückblende die Geschichte des jungen Mannes ausgebreitet.

Er hat nach dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad sein Studium abgebrochen und ist zu seiner Familie in sein Heimatdorf Kafr Karam zurückgekehrt, wo er mit den anderen jungen Männern des Dorfes notgedrungen in den Tag hineinlebt.

Sicher, wir hatten unsre kleinen Eigenarten, aber unsere Streitigkeiten arteten nie aus. Wenn es zu heftig zu werden drohte, schritten die Alten ein. Falls die gegnerischen Parteien die erlittene Kränkung als unverzeihlich ansahen, sprachen sie fortan nicht mehr miteinander, und der Fall war erledigt. Im Übrigen gehörte es zu unseren Lieblingsbeschäftigungen, uns mit Freunden auf dem Marktplatz oder in der Moschee zu treffen, durch die staubigen Straßen zu schlendern oder uns, an die Mauern gelehnt […] in der Sonne zu räkeln. Das Paradies war es nun nicht gerade, doch wir glichen die geistige Enge durch umso mehr Herzenswärme aus. Wir konnten uns über jeden witzigen Spruch ausschütten vor Lachen und fanden in unseren Blicken die Kraft, den Gemeinheiten des Lebens die Stirn zu bieten. (S. 30)

Zunächst kann man den Terror, der woanders im Land und besonders in der Hauptstadt tobt, noch halbwegs ignorieren, auch wenn die Diskussionen im Dorf hitziger werden und jeder allmählich das Gefühl hat, sich zwischen den verschiedenen politisch-militärischen Gruppen positionieren zu müssen. Und schließlich verlassen die ersten jungen Männer das Dorf, um sich den Kämpfern im Widerstand anzuschließen.

Doch dann wird der junge Ich-Erzähler zum ersten Mal Zeuge einer undenkbaren, ja unvorstellbaren Tat. Noch während er versucht, sich von diesem Schock zu erholen, bricht sein altes Leben endgültig zusammen.  Die Welt hört auf, ein geordneter und sinnvoller Ort zu sein.

Fazit

Manchmal habe ich mich an der Übersetzung gestoßen, deren Qualität ich gar nicht beurteilen kann; aber Redewendungen wie „treulose Tomate“; „etwas intus haben“ oder „auf dem falschen Dampfer sein“ klangen in meinen Ohren zu deutsch, als dass ich sie als die Sprache irakischer junger Männer empfunden hätte.

Sowohl das pamphletartige Herunterspulen von Klischees in manchen Dialogen – aus denen ich meinte, den Autor herauszuhören – als auch eine Wendung am Ende haben mich gestört bzw. nicht überzeugt.

Doch trotzdem fand ich das Buch höchst lesenswert. Nicht nur, weil Khadra über weite Strecken so anschaulich schreibt, dass man nur wenige Zeilen braucht, um sofort in der Geschichte zu sein:

Jeden Morgen brachte Bahia, meine Zwillingsschwester, mir das Frühstück ans Bett. ‚Aufstehen da drinnen!‘, rief sie, während sie die Tür aufstieß, ‚du gehst noch mal auf wie ein Hefeteig!‘ Sie stellte das Tablett auf einem niedrigen Tischchen am Fußende ab, riss das Fenster weit auf und zwickte mich in die Zehen. Ihre Gesten waren herrisch, was in einem seltsamen Gegensatz zur Sanftheit ihrer Stimme stand. (S. 21)

Vor allem aber wird hier der Versuch unternommen, aus der Innensicht zu zeigen, wie sich das für einfache Menschen anfühlt, wenn westliche Soldaten zur Befreiung anrücken, man bald nicht mehr weiß, wer Freund und wer Feind ist, und sich die „Überlegenheit“ des Westens vor allem in sogenannten Kollateralschäden – überhaupt, was für ein Wort – und noch größerem Chaos und Blutvergießen zeigt.

Dabei gibt es keine Schwarzweißmalerei; auch der junge Beduine hat seine Glaubenssätze, die nicht hinterfragt und reflektiert werden.

In Kafr Karam kostete man nicht von der verbotenen Frucht. Eher wäre man krepiert, als zu stehlen oder sich dem Laster zu ergeben. Der Gesang der Sirenen mochte noch so laut tönen, der Mahnruf der Alten hat ihn noch stets überdeckt – Anstand und Ehre sind uns angeboren. (S. 24)

Letztlich geht es um die Fragen, was passiert, wenn man die Würde des Menschen antastet, wie die Spirale des Hasses entsteht und wie der Hass den Einzelnen und dann die Gesellschaft korrumpiert.

Würde ist nichts, worüber sich feilschen lässt. Wer sie verliert, dem reichen alle Leichentücher der Erde nicht, um sein Haupt zu verhüllen, und kein Grab nimmt freiwillig seine Reste auf. (S. 141)

Und das Buch erinnert daran, dass das, was wir eher flüchtig, eher nebenbei in den Zeitungen lesen oder in den Nachrichten hören, von anderen Menschen konkret durchlitten werden muss.

Eugene Dabit: Hôtel du Nord (1929)

Ein trübes Licht hing zwischen den verschlissenen Vorhängen, die ausgeblichene Blümchentapete ließ die Wände trostlos wirken, das Bett stand eingezwängt zwischen einem hellen Holzschrank und dem Waschtisch, in der Ecke lag neben dem Toiletteneimer ein Paar alter Schuhe. Die Enge, die Ärmlichkeit, der Geruch dieses Ortes, das alles sorgte für Unbehagen.

So also sehen die Zimmer aus im Hôtel du Nord, dem Schauplatz des folgenden Romans:

Eugène Dabit: Hôtel du Nord (1929)

Schon zwei Jahre später erhielt der Autor dafür den 1929 geschaffenen französischen Literaturpreis Prix du roman populiste, der Werke auszeichnen sollte, die einfache Menschen als handelnde Personen in den Mittelpunkt stellen.

Die Neuübersetzung ins Deutsche stammt von Julia Schoch (2015) und erschien bei Schöffling & Co.

Zum Inhalt

Emile Lecourvreur und seine Frau, die Arbeiterin Louise, kaufen mit Geld, das sie von Louises Bruder geliehen haben, ein schäbiges Hotel an einem Kanal in Paris.

Nebeneinander, vereint, schreiten sie in eine Welt voller Hoffnungen. Ihre Augen leuchten. Wie schön es doch ist, einen Abend wie diesen zu erleben, zu der Stunde, da die Straßenlaternen angehen, die Lichterketten und Reklameschilder, die schillernden Auslagen. Die alten Nöte sind vergessen … Louise sieht sich bereits beim Schlussverkauf […] in den Stofffluten wühlen. (S. 17)

Dabit breitet in locker miteinander verwobenen Episoden, in denen jeweils andere Gäste im Mittelpunkt stehen, ein Milieu- und Sittenbild aus, das nichts mit dem Paris der prächtigen Boulevards und großen Museen zu tun hat.

Denn in diesem Hotel mit den 40 Zimmern steigen keine Touristen ab, sondern gewöhnliche Menschen leben dort, manchmal wenige Tage, öfter jedoch Monate oder Jahre, denn Wohnungen können sich die Arbeiter, Näherinnen, Wäscherinnen, arme Ehepaare oder auch Liebespaare von ihrem kärglichen Lohn nicht leisten. Auch die trinkfesten Rollkutscher des benachbarten Fuhrunternehmens gehören zu den Stammgästen. (Rollkutschen waren einfache Pferdefuhrwerke, die dem Transport von Waren dienten).

Für die neuen Besitzer bedeutet das Hotel – neben der finanziellen Absicherung – vor allem eines: Arbeit. Louise kümmert sich – von einem Dienstmädchen unterstützt – um die Zimmer, die sie nach und nach verschönert, während Emile in der Bar des Hotels arbeitet und zusätzlich seinen Dienst als Nachtportier versieht. Louise ist dabei diejenige, die ohne viel Aufhebens ihr Möglichstes versucht, damit das Hotel ein Ort der Menschlichkeit ist und dabei nicht zum Stundenhotel verkommt. Sie besucht kranke Mieter im Krankenhaus und wirft auch das Dienstmädchen nicht raus, obwohl es ein Kind erwartet.

Doch letztlich ändert Louises Freundlichkeit nichts am Lauf der Dinge. Der kranke Mieter stirbt und die Mädchen vom Land bleiben naiv und fallen auf den erstbesten Schürzenjäger herein, werden schwanger, die Väter verschwinden, das Kind muss zu einer Amme aufs Land gegeben werden. Die alleinstehenden Frauen sind einsam; die Gefahr, vergewaltigt zu werden oder käuflich zu werden, ist allgegenwärtig.

Die Männer langweilen sich, trinken viel, arbeiten hart, doch eine Perspektive auf Veränderung hat kaum jemand von ihnen.

Fazit

Das liest sich süffig und ist zunächst ein interessanter Einblick in eine andere Welt. Dabit schreibt ganz ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Pathos und ohne Mitleid. Ein Stück weit können wir nachvollziehen, warum Menschen in solch auch geistig beengten, harten und schmutzigen Verhältnissen grob werden und Träume von einer schöneren Zukunft wie Seifenblasen platzen.

Schlecht rasiert, kaum gewaschen, haben ihre starren Gesichter die Farbe des Morgengrauens. Die Müdigkeit lässt ihre Stimme belegt klingen, und ihre Lider flattern. Mit Flüchen, mit einem lauten ‚Scheißarbeit‘ reißen sie sich aus ihren Träumen. Manchmal lassen sie sich auf einen Stuhl fallen, strecken sich durch; ihr eintöniges Dasein drückt sie nieder. […] Mechanische Existenzen, unwiderruflich an Aufgaben ohne Größe gekettet. (S. 41/42)

Die Abstumpfung der Menschen wird fast schon fatalistisch konstatiert, aber weder beklagt noch psychologisiert. Ein Ehemann brüstet sich damit, seine Frau „ordentlich verdroschen“ zu haben:

Wird ihr eine Lehre sein. Mir jeden Abend Wurst vorzusetzen! (S. 116)

Allerdings blicken wir nur oberflächlich in die einzelnen Leben hinein. Und auch wenn die Protagonisten selbst sich vielleicht auch nicht mit mehr Tiefe betrachten (können) oder ihnen dafür die Sprache fehlt, irgendwann rauschten die grobkörnig erzählten Geschichten und Episoden an mir vorbei.

Wirklich Anteil genommen habe ich nicht. Das spricht aber vielleicht gar nicht gegen die Qualität des Romans, sondern zeigt, dass es dem Autor gelungen ist, die Worte von Jean Guéhenno umzusetzen, die er seinem Werk vorangestellt hat:

Keiner von uns, der besonders wäre, unverwechselbar. An uns ist nichts, das die Blicke auf sich zieht, die Aufmerksamkeit und Liebe weckt. Nicht einmal originell sind wir. Wir sind weder liebenswert noch rührend. Jeder von uns gäbe einen schlechten Romanhelden ab. Er ist unbedeutend, und unbedeutend ist sein Leben. Es entrinnt niemals dem Prinzip ‚gewöhnliches Elend‘.

Anmerkungen

1923 kauften die Eltern des Schriftstellers das Hôtel du Nord. Eugène hat dort so manche Schicht als Nachtwächter gearbeitet. Das Gebäude gibt es übrigens immer noch.

Das Schicksal wollte es, dass ich lange Zeit im Hôtel du Nord lebte und arbeitete. Hier habe ich die Figuren meines Romans ankommen und wieder fortgehen sehen, ohne ihnen später je wieder zu begegnen. Nichts ist erschütternder und trostloser als ihr Dasein, ein Leben ohne Poesie, ohne Aufbegehren, auch ohne Traum… Nichts von ihnen ist geblieben. Ein Name? Nur selten. So kam mir der Wunsch, sie wieder lebendig werden zu lassen, sie zu verstehen, zu lieben. (aus dem Nachwort von Julia Schoch, S. 211)

Das Buch wurde 1938 verfilmt.

Und hier gibt es weitere Besprechungen:

Henri Alain-Fournier: Der große Meaulnes (OA 1913; deutsche Erstausgabe 1951)

Er kam an einem Sonntag im November 189… in unser Haus. Ich sage noch immer ‚unser Haus‘, obwohl es uns nicht mehr gehört. Vor fast fünfzehn Jahren sind wir aus der Gegend fortgezogen und werden sicher niemals dorthin zurückkehren.

So beginnt der unglaubliche Roman von

Henri Alain-Fournier: Der große Meaulnes (1913) – neu übersetzt von Cornelia Hasting und Otfried Schulze

Der Autor, der eigentlich Henri Alban-Fournier hieß, wurde 1986 geboren, war also bei Veröffentlichung seines einzigen fertiggestellten Romans erst 27 Jahre alt und starb 1914 nahe Verdun.

Zum Inhalt

Im Rückblick erzählt der Lehrer François Seurel von seinen Jugenderinnerungen, die im Wesentlichen um seinen früheren Kameraden Augustin Meaulnes kreisen. Dieser wurde als 17-jähriger Pensionsschüler in die Familie Seurel aufgenommen, um von Monsieur Seurel unterrichtet zu werden. Der lebhafte, immer in die Ferne schweifende und furchtlose Augustin wird das Vorbild und der Held des zwei Jahre jüngeren Francois. Francois selbst ist ruhig und zurückhaltend und ein wenig durch ein steifes Knie gehandicapt.

Eines Tages verirrt sich Augustin bei dem Versuch, die Großeltern von Francois vom Bahnhof abzuholen, samt dem Pferd, das er sich unerlaubt vom Nachbarhof ausgeliehen hat.  Während er schon völlig orientierungslos durch die Gegend irrt, stößt er auf ein Landgut, auf dem ein geheimnisvolles und märchenhaftes Kostümfest gefeiert wird.

Arm und Reich, Alt und Jung feiern für mehrere Tage die bevorstehende Hochzeit des jungen Herrn Frantz, der mit seiner Braut auf dem Hof erwartet wird. Während der Vergnügungen und Lustbarkeiten trifft Augustin auf Yvonne, die Schwester des Bräutigams, und verliebt sich in sie mit jugendlicher Unbedingtheit. Doch das Fest geht traurig zu Ende. Frantz kehrt ohne Braut zurück und verlässt bald darauf den Hof, ohne jemandem zu sagen, wohin er mit seinem Kummer fliehen möchte. Die Gäste verlassen das Anwesen.

Auch Augustin kehrt nach mehreren Tagen in seinen Alltag als Schüler zurück. Doch seit diesem Ausflug ist er ein anderer. Sein ganzes Streben geht nun dahin, das geheimnisvolle Gut und vor allem Yvonne wiederzufinden. Später wird Augustin dieses Erlebnis zu einem nahezu mythischen Ereignis verklären, ohne dass ihm der Leser das übelnehmen könnte:

Sicher wollte ich Mademoiselle de Galais einmal wiedersehen, nur sie wiedersehen …  Aber jetzt bin ich davon überzeugt, daß ich, als ich das namenlose Gut entdeckte, auf einer Höhe, auf einer Stufe der Vollkommenheit und Reinheit war, die ich nie wieder erreichen werde. Im Tod erst, wie ich dir einmal schrieb, werde ich vielleicht die Schönheit jener Zeit wiederfinden. (S. 174)

Francois macht sich die Sehnsucht des Freundes ebenfalls zu eigen und schmiedet mit ihm Fluchtpläne. Als ständiger Beobachter scheint er vor allem durch die Freundschaft zu Francois zu leben und seine Erfüllung  zu finden. Doch gerade in seiner halsstarrigen Suche nach dem einmal gesehenen Glück wird Augustin schuldig.

Für den Erzähler Francois verkörpert die Jugendzeit mit Augustin die Unbedingtheit, den für immer verlorenen Zauber der Kindheit.

So heißt es schon auf S. 8, nachdem Francois den Bauplan des elterlichen Hauses geschildert hat:

… das ist knapp der Plan des Hauses, in dem ich die stürmischsten und kostbarsten Tage meines Lebens verbrachte – des Hauses, von dem unsere Abenteuer ausgingen und wohin sie zurückkehrten, sich zu brechen wie Wellen an einem einsamen Felsen.

Eine tiefe Melancholie liegt also von Anfang an über allem.

Fazit

Was man jedem anderen Schriftsteller übelnehmen würde, äußert seltsame Zufälle in der Handlungsführung und unklare Charakterbeschreibungen – Yvonne erinnert ganz fürchterlich an die schlimmsten Frauenfiguren bei Charles Dickens – sowie Pathetik und Ich-Bezogenheit, kommt mir beim Lesen dieses kleinen Romans (247 Seiten) als pedantische Krittelei vor.

Das Buch ist im Laufe der Zeit auf die unterschiedlichsten Arten gedeutet worden, sei es, dass man darin die romantische Suche nach dem unerreichbaren Ideal verkörpert oder den Verlust der Kindheit betrauert sah. Andere wiederum legten die Betonung auf die Unabwendbarkeit des Erwachsenwerden-Müssens, dem man sich nicht ungestraft widersetzen dürfe.

Überhaupt ist erstaunlich, wie wenig hier die Erwachsenen die Handlung beeinflussen. Verblendet von einer merkwürdigen Liebe sehen sie nahezu tatenlos zu, selbst wenn sich ihre Kinder zugrunde richten.

Ich selbst finde gerade Francois, den Erzähler, interessant. Auch er, der seinem Freund, dem ‚großen Meaulnes‘ in schwärmerischer Zuneigung zugetan ist, hätte vielleicht den Gang der Dinge noch zum Guten beeinflussen können, hätte er sich nicht selbst mit der passiven Zuschauerrolle zufriedengegeben.

Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens (OA 2011; deutsche Ausgabe 2014)

Die Marke Heinz vermarktet etwa fünfzehn verschiedene Saucen. Der Supermarkt von Irkutsk führt sie alle, und ich kann mich nicht entscheiden. Ich habe schon sechs Einkaufswagen mit Nudeln und Tabasco beladen. Der blaue Lastwagen wartet auf mich. Mischa, der Fahrer, hat den Motor nicht abgestellt, draußen herrschen minus 32 Grad. Morgen verlassen wir Irkutsk. In drei Tagen werden wir die Blockhütte am Ostufer des Sees erreichen. […] Fünfzehn Sorten Ketchup. Wegen solcher Dinge wollte ich dieser Welt den Rücken kehren.

So beginnt

Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens: Tagebuch aus der Einsamkeit (2014)

Das französische Original erschien 2011 und wurde von Claudia Kalscheuer ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhalt

Tesson wurde 1972 in Paris geboren. Der Schriftsteller, Journalist und Reisende fasst selbst den Inhalt auf der ersten Seite des Buches unter dem Titel Randnotiz zusammen:

Ich hatte mir vorgenommen, vor meinem 40. Lebensjahr als Eremit in den Wäldern zu leben.
Ich zog für sechs Monate in eine sibirische Hütte am Ufer des Baikalsees, an der Spitze des Nördlichen Zedernkaps. Das nächste Dorf, 120 Kilometer entfernt, keine Nachbarn, keine Zugangsstraßen, gelegentlich ein Besuch. Im Winter Temperaturen um die minus 30 Grad, im Sommer Bären an den Ufern. Kurz, das Paradies.
Ich nahm Bücher mit, Zigarren und Wodka. Alles Übrige – die Weite, die Stille und die Einsamkeit – war schon da.
In dieser Wildnis schuf ich mir ein schlichtes und schönes Leben, ich machte die Erfahrung eines aus einfachen Handlungen bestehenden Daseins. Im Angesicht von See und Wald betrachtete ich das Vorüberziehen der Tage. Ich hackte Holz, angelte mein Abendessen, las viel, wanderte durch die Berge und trank am Fenster Wodka. Die Blockhütte war ein idealer Beobachtungsposten, um noch die kleinste Bewegung der Natur zu erfassen.
Ich erlebte den Winter und den Frühling, das Glück, die Verzweiflung und am Ende den Frieden. In der tiefsten Taiga verwandelte ich mich. Die Bewegungslosigkeit gab mir, was das Reisen mir nicht mehr verschaffen konnte. Der Geist des Ortes half mir, die Zeit zu zähmen. Meine Einsiedelei wurde zum Laboratorium dieser Wandlungen.
Jeden Tag verzeichnete ich meine Gedanken in einem Heft. Dieses Tagebuch eines Einsiedlerlebens halten Sie in Händen.

Warnung

Da dieses „Tagebuch“ so viele sprachlich gelungene sowie inhaltlich interessante Stellen enthielt, konnte ich mich kaum entscheiden, welche Zitate ich denn nun einfließen lassen soll und welche nicht. Wer also mit dem Gedanken spielt, das Buch selbst zu lesen, kann ja gleich zum Fazit weiterblättern…

Noch ein bisschen mehr zum Inhalt

2003 wanderte Tesson das erste Mal am Baikalsee. Das hinterließ einen so tiefen Eindruck, dass er beschloss, irgendwann wiederzukommen. Sieben Jahre später erfüllt er sich nun diesen Traum und bezieht seine Blockhütte am Ufer des ältesten und tiefsten Sees der Welt. Neben den streng überlebenswichtigen Vorräten hat er auch ein paar Luxusgüter im Gepäck: Beträchtliche Mengen an Wodka, Paracetamol (gegen die Wirkungen des Wodka), Zigarren und eine große Bücherkiste. Solarzellen liefern den Strom für seinen kleinen Computer. Das Satellitentelefon für Notfälle funktioniert nur ab und zu.

Als erstes räumt er den Müll des Vorgängers hinter die Hütte. Zunächst allein, später kommen zwei Hunde dazu. Ab und an Besuche von trinkfesten Fischern und Angestellten des Baikal-Lena-Naturreservats.

Im Abstand von 30 Kilometern beherbergen Stationen des Naturschutzgebiets Inspektoren […] Später werde ich in melancholischen Momenten, wenn ich das Bedürfnis verspüre, mit jemandem anzustoßen, nur einen Tag nach Süden oder fünf Stunden nach Norden wandern müssen. (S. 22)

Und so beginnt sein großes Abenteuer:

Ich bin an der Landungsbrücke meines Lebens angelangt. Ich werde endlich erfahren, ob ich ein Innenleben habe. (S. 33)

Über weite Strecken spürt man sein geradezu physisches Wohlbehagen, das er empfindet, ja manchmal macht ihn die Einsamkeit fast ein bisschen größenwahnsinnig: Sie

wirkt als Resonanzkörper: Alle Eindrücke sind wesentlich stärker, wenn man allein ist. Sie erlegt einem Verantwortung auf: Im menschenleeren Wald bin ich Botschafter der menschlichen Gattung. Ich muss dieses Schauspiel für alle genießen, denen es versagt ist. Sie […] wäscht alles Geschwätz von mir ab, erlaubt es, mein Inneres zu sondieren. Sie lässt Erinnerungen an geliebte Menschen aufsteigen… (S. 114)

Er wandert und klettert, angelt, beobachtet stundenlang den gefrorenen See, erlebt Stürme, geht später im Frühling den Bären aus dem Weg und protokolliert die feinsten Nuancen am Himmel und in der Eisdecke. Er füttert Meisen, wärmt sich an seinem Ofen und philosophiert dabei buchstäblich über Gott und die Welt. Er angelt und fährt stundenlang Schlittschuh, vermisst seine Liebste und genießt seinen nachhaltigen und konzentrierten Lebensstil, den er durchaus als Revolte gegen die Gesellschaft deutet.

Die Blockhütte, das Reich der Vereinfachung. Unter dem Schutz der Kiefern beschränkt sich das Dasein auf lebenswichtige Handlungen. Die den täglichen Aufgaben abgerungene Zeit füllt sich mit Ausruhen, Kontemplation und kleinen Freuden. Die Palette der zu erledigenden Dinge ist begrenzt. Lesen, Wasser holen, Holz hacken, schreiben und Tee eingießen werden zu einer Liturgie. In der Stadt geht jede Handlung auf Kosten von tausend anderen. Der Wald verdichtet, was die Stadt zerstreut. (S. 40)

In eine Hütte zu ziehen bedeutet, von den Kontrollschirmen zu verschwinden. Der Einsiedler löscht sich. Er sendet keine digitalen Spuren mehr, keine Telefonsignale, keine Bankkartenimpulse. […] er tritt aus dem großen Spiel aus. (S. 120)

Aber auch die dunklen Momente des Zweifels, des nicht enden wollenden Regens und der Verzweiflung verschweigt er nicht.

Gleichzeitig spürt Tesson die Notwendigkeit, sich und seinen Tag zu strukturieren, denn er weiß um die Gefahr, ohne die soziale Kontrolle der Mitmenschen den ganzen Tag nur verdreckt und betrunken in der Ecke zu liegen.

Robinson kennt diese Gefahr und beschließt, um nicht auf den Hund zu kommen, jeden Abend am Tisch und im Anzug zu dinieren, als empfange er einen Gast. […] Die Einsamkeit ist eine Bewährungsprobe […] Der Einsame muss sich der Pflicht der Tugend unterwerfen, sagt er, und darf sich keine Grausamkeit erlauben. Wenn er schlecht handelt, wird sein Einsiedlertum ihm eine doppelte Strafe auferlegen: Nicht nur wird er das durch seine eigene Bosheit verdorbene Klima zu ertragen haben, sondern er wird auch die Niederlage einstecken müssen, der menschlichen Gattung nicht würdig gewesen zu sein. (S. 99/100)

Er liest und wird immer mal wieder durch Besuche aufgestört, was dann regelmäßig in Besäufnissen endet. Wir wandern mit ihm durch die Jahreszeiten, erleben seine Entschleunigung, sehen, wie seine Konzentration sich verschiebt. Brauchte er in Paris den Trubel, Besuche und Betriebsamkeit, um die Tage zu bewältigen, reicht ihm hier schon der Besuch einer Meise am Fenster, um ihn einen ganzen Nachmittag zu entzücken.

Dabei sorgt aber die harsche Natur dafür, dass er nicht völlig abhebt. Auf einem Aussichtspunkt oberhalb des Sees sinniert er:

Im Leben braucht es drei Zutaten: Sonne, einen Ausblick und in den Beinen die milchsaure Erinnerung an die Anstrengung. Und kleine Montechristos. Das Glück ist flüchtig wie ein Wölkchen Zigarrenrauch. Es herrschen minus 30 Grad. Zu kalt für längere Kontemplationen.

Fazit

Keine Frage, unbedingt lesenswert! Selbst wenn mir Tessons Hang zu apodiktischen Aussagen manchmal auf die Nerven fiel.

Siebzig Jahre historischer Materialismus haben bei den Russen jedes ästhetische Empfinden zunichtegemacht. Woher kommt der schlechte Geschmack? Warum gibt es Linoleum und nicht nichts? Wie hat der Kitsch die Welt erobert? Der Run der Völker auf das Hässliche ist das Hauptphänomen der Globalisierung. […] Der schlechte Geschmack ist der gemeinsame Nenner der Menschheit. (S. 26)

Tesson ist ein belesener Reisender. Seine Bücherkiste enthält ca. 60 Titel, von den Stoikern, den Eremiten des 4. Jahrhunderts bis hin zu Shakespeare, Robinson Crusoe und einigen Krimis, aus denen er immer wieder zitiert, die er gedanklich verknüpft, denen er widerspricht, aus denen er entnimmt, was ihm nützlich erscheint. Schön auch die Lektüre der chinesischen Dichter, die sich schon vor Jahrhunderten so ihre Gedanken über den Rausch, die Schönheit und die Zurückgezogenheit gemacht  haben. Es macht Spaß, Tesson dabei zu folgen. Beim nächtlichen Besuch seiner Latrine, 120 Schritte von der Hütte entfernt, fällt ihm beispielsweise die Geschichte von Daphne du Maurier ein, in der ein Mann in einer kalten Winternacht über die Wurzeln eines Baumes stolpert, den seine Frau einst gepflanzt hat.

Manchmal ist es auch einfach nur komisch. Da verkriecht sich einer im Winter am Ufer des Baikalsees und selbst dort ist er nicht sicher vor Leuten, die weder Sinn für die Schönheit des Ortes oder die Einsamkeit haben. Eines Nachts kommen Mitglieder aus Putins Partei in acht Geländewagen und  kampieren am Strand. Er ist niedergeschmettert, nicht zuletzt, weil sie die schöne Schneefläche komplett zertrampelt haben.

… der Lärm, die Hässlichkeit, das testosterongesteuerte Herdenverhalten. Und ich armer Tropf mit meinen Reden über Rückzug und meinem Exemplar von Jean-Jacques‘ Träumereien auf dem Tisch! Ich denke an die Benediktinerbrüder, die heute gezwungen sind, Touristen durch ihre Klöster zu führen … (S. 42)

Einmal besucht ihn der Meteorologe von einer der Inseln, in Begleitung einer australischen Touristin.

Die Australierin versteht einiges nicht ganz:
„Do you have a car?“ – „No“, sage ich.
„A TV?“ – „No.“
„If you ever have a problem?“ – „I walk.“
„Do you go to the village for food?“ – „There is no village.“
„Do you wait for a car on the road?“ – „There is no road.“
„Are those your books?“ – „Yes.“
„Did you write all of them?“

Selbst zwei Shivaisten, die vor ihm einen schwer verdaulichen „spirituellen Brei“  auswalzen und dabei aussehen wie „Killer einer Spezialeinheit“ verirren sich an sein einsames Ufer.

Tesson ist kein romantischer Spinner. Angesichts der begrenzten Ressourcen unserer Erde hält er zwar ein ökonomisches Nullwachstum für das Gebot der Stunde, doch glaubt er nicht, dass irgendeine Regierung den Mut hätte, ihrer Bevölkerung abzuverlangen, eher „Seneca zu lesen, als Cheeseburger zu verschlingen“. (S. 45)

Dabei ist er sich völlig im Klaren darüber, dass er sich mit diesen sechs Monaten einen Luxus leistet, der immer elitär bleiben wird. Würden das viele oder gar alle nachahmen, gäbe es diese fast unberührten Orte der Schönheit nicht mehr.

Wenn die Massen in die Wälder zögen, würden sie die Übel mitbringen, die sie fliehen wollten, indem sie die Stadt verließen. Es gibt keinen Ausweg. (S. 46)

Am Rande werden auch die Umweltzerstörung und der gedankenlose Raubbau an den Wäldern der Taiga erwähnt. So zerlegen chinesische Holzfäller russische Zedern, um daraus beispielsweise Essstäbchen herzustellen.

Zum Abschluss noch einmal seine Beweggründe, sich in eine Blockhütte zurückzuziehen:

Ich war zu geschwätzig
Ich wollte Stille
Zu viel unbearbeitete Post
und zu viele Leute zu treffen
Ich beneidete Robinson …

Sicherlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn er seiner Geschwätzigkeit ein Schnippchen schlagen wollte und nun unzählige Tagebuchseiten vollgeschrieben hat. Egal.

Die wenigsten von uns werden sechs Monate in irgendeine Wildnis oder ein Kloster aufbrechen, doch die Fragen, die Tesson (sich) stellt, und die Einsichten, die er gewinnt, sind natürlich nicht nur für Eremiten von Belang:

Kann man sich selbst ertragen? (S. 50)

Es tut gut, kein Gespräch in Gang halten zu müssen. (S. 68)

Schade ist lediglich, dass hier, wie schon bei Winnemuths Buch Das große Los, das übrigens ebenfalls im Knaus-Verlag erschienen ist, in keiner Zeile davon erzählt wird, wie es Tesson nach seiner Rückkehr in die Zivilisation ergangen ist. Ist er ein dauerhaft Veränderter?

Aber vielleicht ist gerade das das Spannende? Wir malen uns aus, was wäre, wenn, und träumen ein bisschen, schreiben in unser Tagebuch und überlegen, wie auch wir ein bisschen geerdeter und konzentrierter leben können, ein bisschen weniger geschwätzig …

Anmerkungen

Tesson empfindet seine Versuche, die ihn schier überwältigende Landschaft zu fotografieren, mehr und mehr als Frevel am Augenblick. So enthält das Buch leider keine Bilder. Deshalb ist der Trailer auf der Verlagsseite umso wichtiger; so bekommt man wenigstens einen kleinen Eindruck.

2011 erhielt er für dieses Buch den französischen Literaturpreis Prix Médicis.

Blake Morrison schreibt im Guardian: „… in Linda Coverdale’s fluent translation, he comes across as the brainiest, daftest, sternest, funniest, most companionable hermit you’ll ever meet.“

Und hier geht’s lang zur Besprechung auf Zeichen und Zeiten.

Marie NDiaye: Ein Tag zu lang (OA 1994; deutsche Ausgabe 2012)

Als der Lehrer sich entschloss, Nachforschungen anzustellen, war es dunkel geworden. Die Lichter des nahe gelegenen Gehöfts waren im Nebel kaum zu erkennen, und bei aller Besorgnis war der Lehrer froh, die Gegend schon am nächsten Morgen zu verlassen, denn wie sich zeigte, lebte man dort, kaum war der August zu Ende, in ständigem Regen und Nebel, was er bisher nicht gewußt hatte und erst dieser Nachmittag ihm zu Bewußtsein brachte.

So beginnt ein Frühwerk der inzwischen sogar mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Autorin:

Marie NDiaye: Ein Tag zu lang (1994) – ins Deutsche übersetzt von Claudia Kalscheuer (2012)

Diese 159 Seiten sind eine Mischung aus Kafka, Karen Duves Regenroman und einem Schauermärchen, die mich mehr als ratlos zurückgelassen hat. Der Pariser Mathematiklehrer Herman kehrt mit seiner Familie nicht, wie sonst die Jahre, am 31. August aus den Ferien in der französischen Provinz zurück. Stattdessen beschließt die Familie erst am zweiten September die Heimreise anzutreten. Doch das erweist sich als verheerender Fehler.

Am ersten September verschwinden Frau und Sohn, und der Leser verliert – genau wie Herman – allmählich den Boden unter den Füßen. Das Wetter wird schlagartig kalt und nass, niemand im Dorf nimmt die Vermisstenmeldung allzu ernst, ja, man scheint derlei schon zu kennen, ohne dass man allzu viel darüber reden möchte. Und Herman verliert sich mehr und mehr an diese seltsame Dorfgemeinschaft, verfällt in eine seltsame Lethargie und der Leser ahnt, dass auch Herman diesem Dorf vermutlich nicht mehr entkommen wird.

Ich konnte leider überhaupt nichts, aber auch gar nichts damit anfangen, auch wenn mir Sprache und Stil gut gefallen haben. Wer mehr wissen möchte, sei auf die Besprechung von Sigrid Löffler hingewiesen, die sich nicht so schnell geschlagen geben mochte.

Alexandre Dumas: Die Kameliendame (OA 1848)

Ich bin der Ansicht, daß man Gestalten erst dann zu erschaffen vermag, wenn man die Menschen eingehend erforscht hat, wie man ja auch eine Sprache erst beherrscht, nachdem man sie von Grund auf erlernt hat. Da ich selbst noch nicht in dem Alter bin, in dem man frei erfinden kann, will ich hier nichts als Tatsachen berichten. Der Leser darf also getrost der Überzeugung sein, daß diese Geschichte sich tatsächlich zugetragen hat und alle Personen, mit Ausnahme der Heldin, noch am Leben sind. Zumal es ein Leichtes wäre, für die meisten der hier geschilderten Begebenheiten in Paris Zeugen zu finden, sollte man mir nicht genug vertrauen.

Mit dieser Herausgeberfiktion beginnt der Roman, der in nur vier Wochen geschrieben wurde:

Alexandre Dumas: Die Kameliendame (1848) – übersetzt von Michaela Meßner

Die erste deutsche Ausgabe erschien 1907.

Zum Inhalt

Ein namenloser junger Mann wird zufällig Zeuge einer Versteigerung, bei der die Einrichtungsgegenstände und Kleider der kürzlich verstorbenen Kurtisane Marguerite Gautier unter den Hammer kommen. Dabei erwirbt er das Buch Manon Lescaut, da eine handschriftliche Eintragung seine Neugier geweckt hat.

Kurz darauf sucht ihn eben jener Armand Duval auf, von dem die Widmung im Buch stammt, und bittet ihn unter Tränen um das Buch. Die beiden jungen Männer freunden sich an und Armand ist irgendwann bereit, dem neugewonnenen Freund die tragische Geschichte seiner Beziehung zu Marguerite zu erzählen.

Armand hatte sich in die überaus schöne Kurtisane Marguerite verliebt und sie aus der Ferne verehrt.

In einem Oval von unbeschreiblicher Anmut stelle man sich zwei schwarze Augen vor, überwölbt von Brauen, deren geschwungener Bogen so rein ist, daß sie wie gemalt erscheinen; die Augen überschleiere man mit langen Wimpern, die beim Senken den rosigen Teint der Wangen überschatten; die Nase zeichne man fein, gerade, geistreich, mit leicht geöffneten Nasenflügeln, die ein heftiges Verlangen nach dem sinnlichen Leben verraten; dann entwerfe man einen regelmäßigen Mund, dessen anmutige Lippen milchweiße Zähne sehen lassen; die Haut koloriere man nach Art samtschimmernder Pfirsiche, die noch von keiner Hand berührt wurden, und das Ganze ergibt dann diesen berückenden Kopf. (S. 14)

Die beiden lernen sich kennen und Armand bringt eine unvermutete Seite in der jungen Frau zum Klingen, denn er will ihre Gesellschaft und ihren Körper nicht – wie sonst all die anderen Männer – kaufen. Er war derjenige, der sich jeden Tag nach ihrem Befinden erkundigt hatte, ohne dabei seinen Namen zu hinterlassen, als sie krank war. Und er hat als einziger Mitleid mit ihr, als sie nach einem Abendessen Blut hustet. Armand erkennt, dass sich die erfolgreiche Kokotte noch „so etwas wie Arglosigkeit“ bewahrt hat.

Man merkte ihr an, daß das Laster bei ihr noch etwas ganz Jungfräuliches war. (S. 77)

Sie verlieben sich ineinander und das Unheil nimmt seinen Lauf, denn eine Frau wie Marguerite führt einen Lebenswandel mit Pferden, Kutsche und teuren Kleidern, Blumen und Theaterbesuchen, den ihr Armand noch nicht einmal ansatzweise finanzieren könnte.

Sie ist trotz ihrer Jugend lebenserfahren, klug und sich über ihre Stellung völlig im Klaren:

Wenn all die Frauen, die unser schändliches Gewerbe ergreifen, von Anbeginn wüßten, was da auf sie zukommt, dann würden sie lieber Dienstmädchen werden. Aber nein! Uns verlockt die Eitelkeit, Kleider, Diamanten und Equipagen zu besitzen […] und dann verschleißt man nach und nach sein Herz, seinen Körper und seine Schönheit. Man wird gefürchtet wie ein wildes Tier, verachtet wie ein Paria und ist von lauter Menschen umgeben, die stets mehr nehmen als sie selbst geben, und eines Tages verreckt man wie ein Hund, nachdem man seine Freunde und auch sich selbst verloren hat. (S. 102)

Freunde haben wir natürlich keine. Wir haben selbstsüchtige Verehrer, die ihr Vermögen nicht für uns vergeuden, wie sie immer behaupten, sondern für die eigene Eitelkeit. Für diese Leute, die selbst an gar nichts glauben, müssen wir fröhlich sein, wenn sie guter Laune sind, Appetit haben, wenn sie essen gehen wollen. Aber Herz dürfen wir auf keinen Fall zeigen, sonst werden wir zur Strafe verhöhnt und verlieren unser Ansehen Wir können nicht mehr frei über unser Leben verfügen. Wir sind keine Menschen mehr, sondern Dinge. (S. 142)

Marguerite ist diejenige, die die Unmöglichkeit ihrer Liebe sieht, denn selbst wenn sie für Armand ihren Lebenswandel ändern würde, wovon sollten sie leben und wie wäre sie abgesichert, wenn Armand, wie zu erwarten ist, in einigen Jahren nichts mehr von ihr wissen will und sie dann keine reichen Gönner mehr hätte? Doch für kurze Zeit verdrängen sie alle Sorgen um die Zukunft. Marguerite prostituiert sich weiterhin, um sich mit dem Geld ihrer Liebhaber ein kleines Haus auf dem Land mieten zu können. Dort verleben die beiden einen glücklichen Sommer, ausschließlich ihrer Liebe lebend.

Aus heutiger Sicht ist es putzig, dass Armand auch nicht ein einziges Mal auf die Idee kommt, sich eine Stellung zu suchen. Seine einzige Idee diesbezüglich ist der Spieltisch.

Doch die Familie Armands will nicht zulassen, dass der Lebenswandel des Sohnes die Familie zu kompromittieren droht. Zwar war das Kurtisanentum ein akzeptierter Teil des gesellschaftlichen Lebens in Paris, und eine attraktive und kostspielige Geliebte war nichts anderes als ein Statussymbol, doch Armand nimmt nach Ansicht des Vaters diese Liebschaft viel zu ernst und bedenkt nicht, dass sie sein weiteres Fortkommen behindern, ja unmöglich machen würde.

Fazit

Das Buch ist so voller Verve und mitreißendem Pathos und interessantem Zeitkolorit, dass man den beiden Liebenden gerne durch ihre Verirrungen und Seelenqualen folgt, auch wenn die Selbstlosigkeit Marguerites, mit der sie schließlich alles für ihren Liebhaber opfert, schon ein wenig übermenschlich wirkt. Doch sie verkörpert – im Gegensatz zur verlogenen feinen Gesellschaft – einen Liebesbegriff, der wirklich das Wohl des Geliebten im Blick hat.

Armand hingegen ist ein alberner und rührseliger Wicht. Er behauptet, sie schon nach 24 Stunden unendlich und unwiderruflich zu lieben, redet dabei gern davon, dass er sie die folgende Nacht wieder besitzen werde und philosophiert darüber, dass es doch eine ganz andere Heldentat sei, das Herz einer erfolgreichen Kurtisane zu erobern als das eines einfachen und keuschen Mädchens.

Er kümmert sich keinen Deut darum, was später aus Marguerite werden soll, wenn sie mit ihren reichen Liebhabern bricht. Eine Eheschließung kommt ihm nicht einmal in den Sinn. Das würde die Gesellschaft nicht verzeihen. Doch solange er in Marguerite verliebt ist, würde er gern von seiner Umwelt in Ruhe gelassen werden. Selbst auf die Briefe seines Vaters antwortet er nicht mehr.

Er weint gern und viel, ist eifersüchtig und trotz angeblich unsterblicher Liebe sofort bereit, das Schlimmste von seiner Geliebten zu denken. Eigentlich geht es ihm immer nur um sich selbst. Als er – das erfährt der Leser schon ganz früh – kurz nach der Beerdigung Marguerites nach Paris zurückkommt, lässt er sie exhumieren:

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß diese Frau, die so jung und so schön war, als ich wegfuhr, nun tot sein soll. Davon muß ich mich mit eigenen Augen überzeugen. Ich muß sehen, was Gott aus diesem Wesen gemacht hat, das ich so sehr liebte, vielleicht wird mir dann der Ekel vor diesem Anblick die Verzweiflung über die Erinnerung nehmen … (S. 46)

Vielleicht war es gerade dieses Pathos, das die Bühnenfassung des Buches zu einem der erfolgreichsten Theaterstücke des 19. Jahrhunderts machte, die wiederum als Inspiration für die Oper „La Traviata“ gilt.

Interessant ist es auch, sich Armands Vorstellung von Liebe ein bisschen genauer anzuschauen. Ist es wirklich Liebe, wenn Armand eine heiße Liebesnacht mit Marguerite verbringt, obwohl sie hohes Fieber hat?

Ach, was war das für eine seltsame Nacht! Ihr ganzes Leben schien in die Küsse zu strömen, mit denen sie mich bedeckte, und ich liebte sie so sehr, daß ich mir inmitten des fieberhaftes Rausches meiner Liebe die Frage stellte, ob ich sie nicht töten solle, damit sie nie wieder einem anderen gehören könnte. (S. 222)

Der Roman ist auch ein Plädoyer für Barmherzigkeit gegenüber denjenigen, die durch das Raster der Wohlanständigkeit fallen. Aus heutiger Sicht fällt allerdings auf, dass der Erzähler zwar Mitgefühl, Nachsicht und Vergebung für die Prostituierten fordert.

Es genügt nicht, beim Eintritt ins Leben zwei Pfähle aufzustellen, deren einer die Inschrift Weg des Guten und der andere die Warnung: Weg des Bösen trägt, und dann denen, die davorstehen, zu sagen: ‚Trefft eure Wahl!‘; vielmehr muß man wie Christus denen, die sich auf Abwege leiten ließen, die Pfade weisen, die vom zweiten zum ersten hinführen; und vor allem dürfen die ersten Schritte auf diesen Wegen weder allzu schmerzhaft sein noch allzu ungangbar erscheinen. […] Weshalb sollten wir strenger sein wollen als Christus? Weshalb sollten wir, indem wir uns halsstarrig an die Ansichten einer Welt klammern, die sich hart gibt, damit man sie für stark hält, jene blutenden Seelen zurückstoßen, deren Wunden das Übel ihrer Vergangenheit entströmt wie schlechtes Blut einem Kranken und die doch nur warten, daß eine Freundeshand sie pflege und ihrem Herzen Genesung bringe? (S. 25)

Doch die Liebhaber, die dieses System der Ausbeutung erst ermöglichen, scheinen sich dabei nicht mit Schuld zu beladen. Die Doppelmoral und die Regeln der damaligen Gesellschaft werden als gegeben akzeptiert und nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, mit dem Tod der Heldin ist die kurzzeitig gefährdete Ordnung wieder gesichert.

… der junge Duval ist auf den Pfad seiner gesellschaftlichen Pflichten zurückgebracht, und es wird keine Mühe gescheut, den schwer Getroffenen in den Schoß der Familie zurückzuholen. Nachdem die Kurtisane dem jungen Herrn von Stand geopfert wurde, endet die Anklage an die Gesellschaft in einem Loblied auf Familie und Rechtschaffenheit. (Michaela Meßner in ihrem Nachwort zur dtv-Ausgabe, S. 258)

Anmerkungen

Beim Autor dieses Werkes handelt es sich übrigens nicht um den Schöpfer von Der Graf von Monte Christo oder des Romans Die drei Musketiere, sondern um dessen unehelichen Sohn, der deshalb auch Dumas der Jüngere genannt wird.

1844 lernt Dumas der Jüngere die ebenfalls zwanzigjährige Marie Duplessis kennen, eine berühmte Kurtisane, mit der er elf Monate liiert war und „deren tragische Lebensgeschichte ihm zu seinem literarischen Durchbruch verhalf“. (Meßner, S. 253)

Viele Handlungsdetails hat Dumas fast unverändert der Realität entnommen. Duplessis stirbt 1847. „Am 10. Februar kehrte er [Alexandre Dumas] nach Paris zurück, genau an dem Tag, an dem ihre Habe versteigert wurde. Dumas selbst erstand Maries goldene Halskette. Den Erlös der Versteigerung, die auch Charles Dickens miterlebte, hatte Marie Duplessis einer Nichte unter der Bedingung vermacht, daß das junge Mädchen nie nach Paris gehen dürfe.“ (Meßner, S. 256)