Fundstück von Francis Spufford

For what soul, to whom the world is still relatively new, does not feel the sensible excitement, the faster breath and expansion of hope, where every alley may yet contain an adventure, every door be back‘d by danger, or by pleasure, or by bliss.

aus: Francis Spufford: Golden Hill, Faber & Faber 2016, S. 19

Denn nur wem die Welt schon zu vertraut geworden ist, der verspürt nicht mehr den schnellen Atem und die steigende Erwartung dort, wo in jeder Gasse noch ein Abenteuer lauern kann und hinter jeder Tür Gefahr, Lust oder Glückseligkeit.

aus: Francis Spufford: Neu York, Rowohlt Verlag 2017, S. 30 (aus dem Englischen von Jan Schönherr)


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Fundstücke von Erwin Strittmatter

Die Tage gehen, einer geht hinter dem anderen her, und wir sehen sie nicht wieder. (S. 37)

Der Mensch hat die Wahl, in der Wirklichkeit oder in der Einbildung zu leben. Am liebsten lebt er in der Einbildung. (S. 269)

Von vorn erkennt man schwer, daß das Schlechte, was auf einen zukommt, ein Gutes im Gefolge  hat. (S. 332)

Bis auf den heutigen Tag frage ich mich, ob es gut ist, die Zeit, in der man lebt, mit Erinnerungen an gewesene Zeiten zu vertun. Sollte man nicht lieber die Gegenwart, so beschössen sie sich zuweilen auch darzustellen beliebt, mit Hilfe von Phantasie und Poesie an die Stelle rücken, an der sie schon jetzt der Glanz des Vergangenen trifft? (S. 424)

Aus: Erwin Strittmatter: Der Laden – Erster Teil (1983), zitiert nach der Ausgabe des Aufbau Verlages 2004

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Fundstück von David Park

Über Teenager und ihre Handys…

He [his son] knows that requests to disengage from phones are always a prelude to something of possible significance and although we’ve banned them from our evening meal-table we don’t ask very often because I know it’s the teenage equivalent of leaving the mother ship and floating away untethered into the emptiness of space.

aus: David Park: Travelling in a Strange Land (2018), S. 86

Fundstück von Bergsveinn Birgisson

Gedanke am Morgen

Auf die Bucht hinauszuschauen an einem Morgen, wenn die Wolkenkissen friedlich auf der gegenüberliegenden Küste ruhen, dort, wo alles besser zu sein scheint und irgendwelche unbekannten Versprechen im Licht wohnen.

aus: Bergsveinn Birgisson: Die Landschaft hat immer recht, Residenz Verlag 2018 (OA 2003), S. 232

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Fundstück von Angelika Overath

Kurz nach unserem Umzug brachte Matthias eine Schulkameradin mit, ein Mädchen mit blauen Augen und braunen Locken. Das Kind betrat unsere Wohnung und sah sich um. Langsam sah es über die hohen Wände mit den sehr vielen Büchern, und ich sah, daß es vielleicht noch nie so viele Bücher auf einmal gesehen hat. Aber das Mädchen sah, daß ich das sah. Da drehte es sich zu mir um, schlug die großen Augen auf und sagte: Und mein Vater hat 200 Schafe!

Aus: Angelika Overath: Alle Farben des Schnees: Senter Tagebuch, Luchterhand 2010, S. 35

Fundstück von Bergsveinn Birgisson

Das Leben und die Liebe – das bedeutet, anderem als sich selbst verbunden zu sein, und so findet man sich selbst. Aber die Menschen wollen frei und unabhängig leben, nicht gebunden sein and etwas anderes als den eigenen Willen. Und es wird heutzutage so viel in den Läden gekauft, dass man glauben möchte, Gott sei gestorben. Und dann bleiben die Menschen auf sich selbst sitzen und sagen, dass Freiheit bedeute, die Welt zu regieren. Dann werden dicke Bücher geschrieben und endlose Debatten darüber geführt, warum es den Menschen immer häufiger wie vergessenen, verrosteten Containern auf dem Hafenkai geht. Die Menschen haben sich losgerissen von anderen, um sich selbst zu finden. Der Grashalm auf der Hauswiese – hat er so etwas schon gehört?

aus: Bergsveinn Birgisson: Die Landschaft hat immer recht, Residenz Verlag 2018 (OA 2003), S. 207

Fundstück von Eduard von Keyserling

Ach, Kind! Was wissen wir, was verstehen wir von dem, was in anderen vorgeht! Wie können wir urteilen! Du und ich, wir leben nah beieinander. Was wissen wir voneinander? Was können wir füreinander tun? Wie die Pakete im Güterwagen, so stehen die Menschen nebeneinander. Ein jeder gut verpackt und versiegelt, mit einer Adresse. Was drin ist, weiß keines von dem anderen. Man reist eine Strecke zusammen, das ist alles, was wir wissen.

aus: Eduard von Keyserling: Dumala (1908)

Fundstück von Moses Mendelssohn

Moses Mendelssohn (1729 – 1786), der deutsche Philosoph der Aufklärung und Freund Lessings, schrieb in einem Brief Sätze, die leider nach wie vor so oder ähnlich geschrieben werden könnten:

Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande lebe ich gleichwohl so eingeengt, durch wahre Intoleranz so von allen Seiten beschränkt, daß ich meinen Kindern zu Liebe mich den ganzen Tag in einer Seidenfabrik […] einsperren muß. Ich ergehe mich zuweilen des Abends mit meiner Frau und meinen Kindern. Papa! fragt die Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach? Warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? Was haben wir ihnen getan? – Ja, lieber Papa! spricht ein Anderes, sie verfolgen uns immer in den Straßen und schimpfen: Juden! Juden! Ist denn dieses so ein Schimpf bei den Leuten, ein Jude zu sein? Und was hindert dieses andere Leute? Ach! Ich schlage die Augen unter und seufze mit mir selber: Menschen! Menschen! Wohin habt ihr es endlich kommen lassen?

Aus: Carola Stern: Ich möchte mir Flügel wünschen – Das Leben der Dorothea Schlegel, rororo 1990, S. 24

Fundstück von Horst Bienek

Valeska Piontek erwachte zu der Stunde, in der das Morgenlicht die Gardinen sanft bewegt und violette Schatten in die Fenster zeichnet. Noch ist der Fußboden ein fahles, rauchiges Weiß, in dem man versinken würde, aber schon treten die Gegenstände aus ihren Schatten, kommen näher und entfernen sich wieder mit dem wandernden Licht, bis ihre Konturen plastischer, ihre Ecken und Kanten schärfer werden; noch etwas mehr Licht, und die gelben Rosen müßten aus den Wänden stürzen.

So beginnt Die erste Polka (1975) von Horst Bienek (1930 – 1990). Der Roman spielt in Oberschlesien, einen Tag vor dem Überfall auf Polen, dem Auftakt für den Zweiten Weltkrieg.

Die erste Polka ist der erste Teil der vierbändigen Reihe: Gleiwitz. Eine oberschlesische Chronik in vier Romanen. Die Titel der weiteren Bände:

  • Septemberlicht (1977)
  • Zeit ohne Glocken (1979)
  • Erde und Feuer (1982)

 

Fundstück von Leonardo Padura

Wenn er dann an einem so heißen Morgen wie diesem auf die Straße trat, im Mund den einsamen Kaffeegeschmack, ohne den Abschiedskuss einer Frau hinter sich oder irgendein erfreuliches Ereignis in naher Zukunft vor sich, das ihn wie ein Magnet angezogen hätte, dann fragte er sich, ob er überhaupt noch einen Grund hatte, seine Uhr aufzuziehen oder den Wecker zu stellen, wo doch die Zeit genau das war, was seine Leere am objektivsten zum Ausdruck brachte. Und weil er keinen überzeugenden Grund dafür fand – Pflichtgefühl? Verantwortungsbewusstsein? Die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Bewegung der trägen Masse? -, fragte er sich immer wieder, was er hier eigentlich machte, auf dem Weg zur Bushaltestelle, zu der Schlange, die jeden Tag länger und brutaler wurde, eine Zigarette rauchend, die ihm die Eingeweide zerfraß, inmitten einer Menschenmenge, die ihm immer fremder war, unter der Hitze leidend, die mit jeder Minute unerträglicher wurde.

aus: Leonardo Padura: Labyrinth der Masken, Unionsverlag 2005, S, 25

Das Original, der erste Band des Havanna-Quartetts, erschien 1997.

Fundstück von Janice Galloway

Work is not a problem. I work in a school. I teach children. I teach them:

  1. routine
  2. when to keep their mouths shut
  3. how to put up with boredom and unfairness
  4. how to sublimate anger politely
  5. not to go into teaching

That isn’t true. And then again, it is. I am never sure what it is I do.

aus: Janice Galloway: The Trick is to Keep Breathing (1989)

Fundstück von Robert Seethaler

Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.

Aber vielleicht hatten die Toten gar kein Interesse an den Dingen, die hinter ihnen lagen. Vielleicht erzählten sie von drüben. Davon, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen. Abberufen. Eingegangen. Aufgenommen. Verwandelt.

aus: Robert Seethaler: Das Feld (2018), S. 9/10

Abgesehen von diesem Zitat habe ich mich bei diesem Buch arg gelangweilt, deswegen Lektüre vorzeitig abgebrochen, obwohl ich die zugrunde liegende Idee reizvoll fand.

 

 

 

 

Fundstück von Siegfried Lenz

Beim Wiederlesen ging mir auf, wie viele Einzelheiten ich bereits vergessen hatte, etwas löscht die Zeit ja immer, etwas ebnet sie immer ein, aber allmählich stellte ich fest, daß es auch manches gibt, für das die Zeit nicht vergeht, ein einziges Wort kann schon ausreichen, um zurückzuholen, was verblaßt und entschwunden schien.

aus: Siegfried Lenz: Arnes Nachlaß (1999), S. 130

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Fundstück von Johan Bargum

Ihm war klar geworden, dass auch er selbst, wenn es einmal so weit wäre, denselben Schrecken empfinden würde, dieselbe unvernünftige, paradoxe Angst vor dem Verschwinden. Es gab keinen guten Tod; das erfüllte ihn mit Wut und Verzweiflung und mit einem Gefühl, dass sein ganzes, langes Ärzteleben umsonst gewesen war, weil es ihn nichts anderes gelehrt hattte, als dass sich am Ende keiner aufs Sterben verstand und infolgedessen auch nicht aufs Leben.

aus: John Bargum: Nachsommer, mare Verlag 2018, S. 52

Die schwedische Originalausgabe erschien 1993.

Fundstück von H. G. Wells

Wells verdanken wir den Begriff der Zeitmaschine und in seinem Roman The Time Machine (1895) malt er aus, wohin eine Spaltung der Gesellschaft in im wahrsten Sinne Oben und Unten führen könnte.

Das folgende Zitat zeigt, wie der Zeitreisende seine Zuhörer zu packen weiß, als er von seinen Erlebnissen im Jahr 802.701 erzählt, und wie wir in diesen aufmerksamen Zirkel von schweigenden Männern aufgenommen werden:

You read, I will suppose, attentively enough; but you cannot see the speaker’s white, sincere face in the bright circle of the little lamp, nor hear the intonation of his voice. You cannot know how his expression followed the turns of his story! Most of us hearers were in a shadow, for the candles in the smoking-room hat not been lighted, and only the face of the Journalist and the legs of the Silent Man from the knees downward were illuminated. At first we glanced now and again at each other. After a time we ceased to do that, and looked only at the Time Traveller’s face.

aus: Herbert George Wells (1866-1946): The Time Machine (1895)

Fundstück von Tomas Espedal

Gehen

Es gehört nichts dazu, neue Orte zu sehen, schwieriger ist es, jeden Tag dieselbe Strecke zu gehen, dieselben Orte zu sehen, auf eine neue Weise, vielleicht, aber dennoch, dieselben Straßen, dieselben Häuser, um einen neuen Gedanken zu finden, eine ganz neue Art, derselbe zu sein.

aus: Tomas Espedal: Biografie Tagebuch Briefe, Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft 2017, S. 19

Fundstück von Agota Kristof

Wenn wir die Eltern meiner Mutter besuchen, die in einem nahe gelegenen Dorf wohnen, in einem Haus mit Licht und Wasser, nimmt mich mein Großvater an der Hand, und wir machen zusammen einen Rundgang durch die Nachbarschaft. Großvater holt eine Zeitung aus der großen Tasche seines Gehrocks und sagt zu den Nachbarn: ‚Seht her! Hört zu!‘ Und zu mir: ‚Lies.‘

Und ich lese. Fließend, fehlerlos, so schnell, wie man es verlangt.

Abgesehen von diesem großväterlichen Stolz, wird mir meine Lesekrankheit eher Vorwürfe und Verachtung einbringen:

‘Sie tut nichts. Sie liest die ganze Zeit.‘

‘Sie kann sonst nichts.‘

‘Das ist die bequemste Beschäftigung, die es gibt.‘

‘Das ist Faulheit.‘

Und vor allem: ‚Sie liest, anstatt…‘

Anstatt was?

‘Es gibt so viel Nützlicheres, nicht wahr?‘

aus: Agota Kristof: Die Analphabetin, Ammann Verlag 2005, S. 11

Die Originalausgabe erschien 2004.

Fundstück von Thornton Wilder

M … heiratet N… Millionen tun das. Das kleine Häuschen, der Kinderwagen, der Sonntagsnachmittagsausflug im Ford, der erste Rheumatismus, die Enkel, der zweite Rheumatismus, das Totenbett, die Verlesung des Testaments – einmal unter Tausenden ist es interessant.

aus: Thornton Wilder: Unsere kleine Stadt (OA 1938); in der Übersetzung von Hans Sahl

Fundstück von RC Sherriff

The man on his holidays becomes the man he might have been, the man he could have been, had things worked out a little differently. All men are equal on their holidays: all are free to dream their castles without thought of expense, or skill of architect. Dreams based upon such delicate fabric must be nursed with reverence and held away from the crude light of tomorrow week. (S. 25)

Aus: RC Sherriff: A Fortnight in  September (1931)

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Fundstück von Gottfried Keller

Unter einer offenen Halle dieses Waldes ging am frühsten Ostermorgen ein junger Mensch; er trug ein grünes Röcklein mit übergeschlagenem schneeweißen Hemde, braunes dichtwallendes Haar und darauf eine schwarze Samtmütze, in deren Falten ein feines weiß und blaues Federchen von einem Nußhäher steckte. Diese Dinge, nebst Ort und Tageszeit, kündigten den zwanzigjährigen Gefühlsmenschen an. Es war Heinrich Lee, der heute von der bisher nie verlassenen Heimat scheiden und in die Fremde nach Deutschland ziehen wollte; hier heraufgekommen, um den letzten Blick über sein schönes Heimatland zu werfen, beging er zugleich den Akt eines Naturkultus, wie es häufig bei hoffnungsreichen und enthusiastischen Jünglingen geschieht.

So wenig, außer dem tiefen ruhigen Strömen des Flusses, ein Ton in dieser Frühe hörbar wurde, ebenso wenig war an der weiten tiefen himmlischen Krystallglocke der leiseste Hauch eines Wölkleins zu sehen. Der weite See verschmolz mit den Füßen des Hochgebirges in eine blaugraue Dämmerung; die Schneekuppen und Hörner standen milchblaß in der Frühe. Als Heinrich an den Rand des Waldes trat, überflog der erste Rosenschimmer der nahenden Sonne die geisterhaften Gebilde; über dem letzten einsamen Eisaltar glimmte noch der Morgenstern.

Indem unser Knabe starr nach ihm hinsah, tat er einen jener stummen, flüchtigen Gebetsseufzer, die, wenn sie in Worte zu fassen wären, ungefähr so lauten würden: Das ist sehr schön, o Gott! ich danke dir dafür, ich gelobe, das Meinige auch zu tun! Wo und wer du auch seist, habe Nachsicht mit mir, du weißt, wie alles kommt in deiner Welt, übrigens mache mit mir, was du willst.

aus: Gottfried Keller: Der grüne Heinrich (1854/1855; erste Fassung)

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Fundstück von C. S. Lewis

In 1905, my seventh year, the first great change in my life took place. We moved house. My father […] decided to build himself a much larger house, further out into what was then the country. The „New House“, as we continued for years to call it, was a large one even by my present standards; to a child it seemed less like a house than a city. My father, who had more capacity for being cheated than any man I have ever known, was badly cheated by his builders, the drains were wrong, the chimneys were wrong, and there was a draught in every room. None of this, however, mattered to a child. To me, the important thing about the move was that the background of my life became larger. […] I am a product of long corridors, empty sunlit rooms, upstair indoor silences, attics explored in solitude, distand noises of gurgling cisterns and pipes, and the noise of wind under the tiles.

Also, of endless books. My father bought all the books he read and never got rid of any of them. There were books in the study, books in the drawing-room, books in the cloakroom, books (two deep) in the great bookcase on the landing, books in the bedrooms, books piled as high as my shoulder in the cistern attic, books of all kinds reflecting every transient stage of my parents’s interests, books readable and unreadable, books suitable for a child and books most emphatically not. Nothing was forbidden me. In the seemingly endless rainy afternoons I took volume after volume from the shelves. I had always the same certainty of finding a book that was new to me as a man who walks into a field has of finding a new blade of grass. Where all these books had been before we came to the New House is a problem hat never occurred to me until I began writing this paragraph. I have no idea of the answer.

aus der Autobiografie Surprised by Joy (1955) von C. S. Lewis (1898-1963)

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Fundstück von Muriel Spark

Nachdem Dame Lettie erneut einen anoynmen Anruf erhalten hat, ruft sie ihren Bruder an:

A few moments later Dame Lettie telephoned to her brother Godfrey.
‚Godfrey, it has happened again.‘
‚I’ll come and fetch you, Lettie,‘ he said. ‚You must spend the night with us.‘
‚Nonsense. There is no danger. It is merely a disturbance.‘
‚What did he say?‘
‚The same thing. And quite matter-of-fact, not really threatening. Of course the man’s mad. I don’t know what the police are thinking of, they must be sleeping. It’s been going on for six weeks now.‘
‚Just those words?‘
‚Just the same words – Remember you must die – nothing more.‘
‚He must be a maniac,‘ said Godfrey.

Aus: Muriel Spark: Memento Mori (1959)

Fundstück von Mary Stewart

‚You couldn’t help it. One can’t help who one falls in love with.‘ Julie was offering this shabby cliché as if it were the panacea still sealed all glittering in its virgin polythene. […] I mean, if one falls in love with a married man there is nothing to do, is there?‘ It seemed that, to Julie, falling in love was an act as definable and as little controlled by the will, as catching a disease in an epidemic. That there came a moment when the will deliberately sat back and franked the desire, was as foreign to her as the knowledge that, had the will not retreated, desire would have turned aside and life, in the end, have gone as quietly on.

(aus dem seinerzeit sehr erfolgreichen Spannungsschmöker von Mary Stewart: The Ivy Tree, 1961)

Fundstück von George Gissing

Er hätte keiner Frau der Welt volles Vertrauen entgegenzubringen vermocht. Frauen waren in seinen Augen auf ewig unmündige Wesen. Nicht daß man ihnen dabei unbedingt Böswilligkeit unterstellen mußte; sie waren einfach außerstande, erwachsen zu werden, blieben ihr Leben lang unvollkommene Geschöpfe, befanden sich ständig in Gefahr, hereingelegt zu werden und, naiv wie sie waren, vom rechten Weg abzukommen. Davon war er überzeugt; er hingegen repräsentierte den männlichen Beschützer, den Besitzer einer Ehefrau, der seit Urzeiten gewissenhaft dafür Sorge trägt, daß eine Frau nicht über das Stadium der Unreife hinauswachse. Das Erbitternde an seiner Situation lag in der Tatsache, daß er eine Frau geheiratet hatte, die darauf bestand, von ihm als Mensch betrachtet zu werden.

aus: George Gissing: Die überzähligen Frauen (OA 1893), S. 243

Fundstück von Tilman Spengler

Wir können uns einbilden, attraktiver auszusehen, wenn wir dem einen oder anderen Modehinweis folgen. Oder verlockender zu riechen. Wir können auch lernen, raffinierter zu kochen, anmutiger Treppen zu steigen oder tiefer in die Ferne zu reisen. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft offerieren ihren Subjekten mannigfaltige Möglichkeiten, ein gefälliges Bild ihrer selbst zu entwerfen oder entwerfen zu lassen.

Aber nachdem scheinbar alles gerichtet ist, die Frisur, die Bügelfalte, die Tischblumen, nachdem der Personal Trainer fürstlich entlohnt, das Aftershave gewandt einmassiert wurde, kommt es unweigerlich zu einer Situation, auf die uns keine herkömmliche Erziehung vorbereitet hat, eine Konstellation, für die jeder brauchbare Ratgeber fehlt. Wir müssen den Mund aufmachen und ein Gespräch führen. Ein Gespräch!

Das Buch von Tilman Spengler: Sind Sie öfter hier? Von der Kunst, ein kluges Gespräch zu führen (2009) beginnt also sehr vielversprechend, aber dann breitet der Autor seine Bildungsschätze, Anekdoten und Beobachtungen vor dem Leser aus. Ich weiß jetzt, was ein Kummerbund ist und dass dieser so gar nichts mit unserem deutschen Wort Kummer zu tun hat.

Doch wirklich hilfreich ist das nicht und überhaupt auch eher unwahrscheinlich, dass ich je in die Situation komme, dies im Sinne Spenglers in einem Gespräch einfließen zu lassen.

Der Kummerbund ist eine von Männern getragene Schärpe (Leibbinde).

Wahrscheinlich brachten britische Soldaten zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft die Schärpenmode aus Indien nach Europa: Wegen des tropischen Klimas war den Offizieren die Weste unter dem Jackett schlicht zu warm. Als Ersatz übernahmen sie die Sitte der Inder, eine Bauchbinde aus edlen Stoffen, den sog. kamarband, zu tragen. Aus Persisch kamarband (= Hüftgürtel) wurde dann phonetisch das noch heute gebräuchliche englische Wort cummerbund (auch cumberbund). Von da war es sprachlich nur noch ein kleiner Schritt zum deutschen Wort Kummerbund, das nichts mit der Bedeutung von Kummer zu tun hat.

Von Indien gelangte die neue Mode dann zunächst nach England, wo die Leibbinde in drei bis vier waagerechten Falten seit 1893 beim Abendanzug eine Alternative zur Weste darstellte. Seit etwa 1930 setzte sich der Kummerbund zum Smoking dann auch im übrigen Europa immer mehr durch.

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Fundstück von Nathaniel Hawthorne

Das häusliche Leben kennt kaum angenehmere Aussichten als einen hübsch gedeckten, wohlversehenen Frühstückstisch. Wir treten unverbraucht, in der taubenetzten Frische des Tages hinzu, wenn die Harmonie des Geists und der Sinne am größten ist und ein kräftiges Morgenessen ohne übertriebene Bedenken wegen des Magens oder des Gewissens genossen werden kann, selbst wenn wir damit unserem animalischen Wesen etwas zu sehr frönen.

aus: Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln (OA 1851), übersetzt von Irma Wehrli, Manesse Verlag 2014

Fundstück von Ken Bruen

Vor Jahren hatte ich gelesen, wie ein Mann fragt:

Wieso kann meine Familie – egal, wie lange ich sie nicht gesehen habe oder wie viel Abstand ich zwischen sie und mich gebracht habe – immer noch bei mir auf die Knöpfe drücken?

Die Antwort:

Weil sie sie angebracht hat.

aus: Ken Bruen: Jack Taylor fliegt raus, Atrium Verlag 2009, S. 199

Im Original klingt das so:

Years ago I’d read where a man asks,

How come, no matter how long since I’ve seen the family or how much distance I put between us, they can always push my buttons?

The answer:

Because they installed them.

Und eine begeisterte Besprechung zum Roman gibt es auf Textem.

Fundstück von Ken Bruen

Ich gehe nicht in die Sonne.

Ich bin entzückt, wenn es nicht regnet, und alles, was darüber geht, ist Verhätschelung. Ich traue dem nicht. Führt nur zu Sehnsucht. Nach Dingen, die keine Dauer haben können. (S. 271)

aus: Ken Bruen: Jack Taylor fliegt raus, Atrium Verlag 2009, übersetzt von Harry Rowohlt

Im Original klingt das so:

I don’t do sun.

I’m delighted with the lack of rain and anything over is over-indulgence. I don’t trust it. Makes you yearn. For things that cannot last. (S. 263)

aus: Ken Bruen: The Guards, 2001

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Fundstück von Ruby Ferguson

Leider war Ruby Ferguson (1899 – 1966) ihrer eigenen Romanidee in Lady Rose and Mrs Memmary (1937) nicht durchgehend gewachsen. Es gab einfach zu viel Süßlichkeit, besonders in der oberidyllischen Kindheit der adligen Lady Rose – was von wohlmeinenden Geistern gern als „Märchenhaftigkeit“ verbrämt wird -, eine eiskalte Mutter, ein Hauch von Effie Briest und die wirklich albernste und unglaubwürdigste Szene einer Liebe auf den ersten Blick, die mir je untergekommen ist.

Anscheinend konnte sich Ferguson nicht so recht entscheiden, was für eine Art von Geschichte sie denn nun eigentlich erzählen wollte. Schade eigentlich, denn das Buch hätte durchaus das Potential gehabt, ein netter Schmöker zu werden.

Da konnte auch die Verschränkung zweier Zeitebenen, die ich hier ganz gelungen fand, nicht mehr viel retten: Drei Touristen entdecken Mitte der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts auf einer Spazierfahrt durch Schottland das einsam gelegene Herrenhaus Keepsfield, das zu vermieten wäre, und lassen sich von der alten Mrs Memmary, die sich um das Haus kümmert, die Geschichte der einstigen Besitzer erzählen.

So hätte ich das Buch gar nicht weiter erwähnt, aber Stellen wie die folgende zeigen, dass die Autorin durchaus schreiben konnte und was für ein Buch es hätte werden können:

Rose indulged in the most romantic dreams about marriage. Of course they were all delightfully vague and abstract, and for all practical purposes they began and ended with white satin and pearls and sheaves of flowers at St. George’s, and red carpet in front of Aunt Violet’s house in Belgrave Square, and tears, and hundreds of presents. After that came a kind of ideal and undefined state in which you lived blissfully under a new name, and had your own carriage, and didn’t have to ask permission from Mamma when you wanted to go out. Floating airily through all this, of course, was a man. He was not like any man you had ever seen; they were just men. This man – your husband, queer, mysterious word – was hardly human at all. He was dreadfully handsome, and a little frightening, but of course you didn’t see very much of him. When you did see him there were love scenes. He always called you „my darling“ in a deep, tender voice; and he gave you jewels and flowers, and sometimes went down on his knees to kiss your hand. All this came out of the books you had read. Some day, almost any time after you were presented and began to go about with Mamma, you would suddenly meet this marvellous being. You would be in love. You would be married. And that was the end, except that, of course, you would live happily ever after. (S. 112)

 

Fundstück von Sei Shōnagon

Unausstehliches

Ein Besucher, der genau dann kommt, wenn ich dringende Dinge zu erledigen habe, und dann endlos daherschwatzt. …

Langweiler, die unter widerwärtigem Lachen viel leeres Geplapper von sich geben. …

Unausstehlich sind Leute, die immerzu auf andere neidisch sind und sich über ihre eigene Lage beklagen, die über andere tratschen, jede noch so winzige Neuigkeit begierig aufsaugen und alles in Erfahrung bringen wollen, die jedem grollen, der sie nicht mit neuem Klatsch versorgt, und das Wenige, das sie aus zweiter Hand gehört haben, gleich aufblasen und wildfremden Leuten weitererzählen.

Säuglinge, die losplärren, wenn ich mich mit jemandem unterhalten möchte.

Eine Ansammlung von Krähen, die unentwegt hin- und herflattern und dabei laut krächzen.

Hunde, die laut losbellen, wenn der Geliebte nachts heimlich zu Besuch kommt. …

Ich bin todmüde und habe mich gerade zum Schlafen niedergelegt. Da meldet sich mit feinem Sirren eine einsame Schnake und summt mir immer wieder ums Gesicht herum. …

Jemand, der mir ins Wort fällt, wenn ich etwas erzähle, und dann dreist den Schluss vorwegnimmt. Jegliches Dreinreden, ob von Kindern oder von Erwachsenen, ist unausstehlich. …

Hunde, die im Verein mit anderen endlos heulen. …

Unausstehlich sind Leute, die beim Hereinkommen die Tür zwar öffnen, sie aber nicht wieder schließen.

(aus dem Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, entstanden um 1000, zitiert nach der erstmals vollständig von Michael Stein aus dem Japanischen übersetzten Fassung, Manesse Verlag 2015, S. 33 – 36)

 

Fundstück von Sei Shōnagon

Was mein Herz anrührt

Spatzen, die ihre Jungen aufziehen.

Wenn ich an spielenden Kleinkindern vorbeigehe.

Wenn ich Räucherwerk entzünde, das angenehm duftet, und mich dann alleine zur Ruhe lege.

Wenn ich mich in einem Spiegel chinesischer Machart betrachte, der ein wenig Patina angesetzt hat.

Ein stattlicher junger Herr von Stand, der seinen Wage vor dem Tor halten und durch einen Bediensteten seinen Besuch anmelden oder nach etwas fragen lässt.

Ich wasche mir die Haare, schminke mich sorgfältig und lege wunderbar duftende Gewänder an. Auch ohne dass mich irgendjemand sieht, bin ich dann, nur für mich allein, im Herzen vollkommen glücklich.

In Nächten, in denen mein Liebster zu mir kommen soll, bereitet mir schon das Rauschen des Regens Herzklopfen, oder der Wind, der am Dach rüttelt.

(aus dem Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, entstanden um 1000; zitiert nach der erstmals vollständig von Michael Stein aus dem Japanischen übersetzten Fassung, Manesse Verlag 2015, S. 37)

Überhaupt, eine wunderbar ansprechend gestaltete Ausgabe, mit sorgfältig erstellten Erläuterungen und weiteren Fußnoten im Text.

Es ist faszinierend, wie unglaublich frisch und nah die Aufzeichnungen dieser Hofdame klingen, die von uns doch 1000 Jahre entfernt ist, in ihrem Tratsch und Klatsch, ihren Gefühlen, ihrer Loyalität, ihrer manchmal scharfen und manchmal so poetischen Zunge sowie ihrer Selbstvergewisserung als Individuum.

Schlagfertigkeit, musikalische Fähigkeiten und Kenntnisse der japanischen und chinesischen Literatur waren dabei einige der Möglichkeiten, Anerkennung bei der Kaiserin zu finden – vornehme Abstammung wurde bei den Hofdamen natürlich  vorausgesetzt.

Darüber hinaus ist das Kopfkissenbuch ein historisch und literarisch wertvoller Einblick in die Sitten und komplizierten Gepflogenheiten am Hofe einer vergangenen Epoche.

Und trotzdem: Irgendwann fand ich die Beschreibungen, wer welche Gewänder und Farbkombinationen trug und was die Herren anstellten, um doch einmal die Damen, von denen sie oft nur die Kleidersäume oder die weißgeschminkten Gesichter sahen, etwas genauer in Augenschein nehmen zu können, ein wenig ermüdend.

Man vertrieb sich die Zeit mit allerlei Künsten, Stegreifgedichten und Ausflügen zu religiösen Stätten. Stolz war man dabei auf guten Geschmack und ästhetische Empfindsamkeit.

Und wie überall, wo mächtige Menschen vergessen, wessen Hände Arbeit eigentlich die Grundlage für ihren Reichtum legen und wer die kostbaren Stoffe, Teppiche und Gefäße herstellt, ihre Gärten und Paläste in Ordnung hält und die leckeren Speisen kocht, ist die Überheblichkeit gegenüber ärmeren Menschen nicht weit.

Eine Bettlerin in schmutziger Kleidung wird da schon mal mit einem Affen verglichen.

Unpassend ist es, wenn Schnee auf die Hütten des niederen Volkes fällt, und um das Mondlicht, das bei ihnen hineinscheint, ist es auch zu schade. (S. 59)

Stein bekam übrigens für seine Neuübersetzung dieses Werkes im Herbst 2016 den Japan Foundation Übersetzerpreis. Hier geht’s lang zu einem Interview mit Stein.

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Fundstück von Nancy Pearl

Reading has always brought me pure joy. I read to encounter new worlds and new ways of looking at our own world. I read to enlarge my horizons, to gain wisdom, to experience beauty, to understand myself better, and for the pure wonderment of it all. I read and marvel over how writers use language in ways I never thought of. I read for company, and for escape. Because I am incurably interested in the lives of other people, both friends and strangers, I read to meet myriad folks and enter their lives – for me, a way of vanquishing the “otherness” we all experience. […]
Mine was a family that today would be labeled dysfunctional. All I knew then that I was deeply and fatally unhappy. It was painful to live in our house, and consequently I spent most of my childhood and early adolescence at the public library.

Nancy Pearl: Booklust: Recommended Reading for every mood, moment, and reason, Sasquatch books Seattle 2003

Fundstück: Thoreau über die Arbeit und wie sie den Menschen am Menschsein hindert

Die meisten Menschen sind, selbst in unserm verhältnismäßig freien Land, aus lauter Unwissenheit und Irrtum so sehr durch die unnatürliche, überflüssige, grobe Arbeit für das Leben in Anspruch genommen, daß seine edleren Früchte von ihnen nicht gepflückt werden können. Von der anstrengenden Arbeit sind ihre Finger zu plump geworden und zittern zu sehr. Tatsächlich hat der arbeitende Mensch Tag für Tag keine Muße zu einer wahren Ganzheit; er kann die Zeit nicht aufbringen, die menschlichsten Beziehungen zu den Menschen zu unterhalten; seine Arbeit würde auf dem Markte im Wert sinken, und er hat keine Zeit, etwas anderes zu sein als eine Maschine. Wie kann derjenige viel an seine Unwissenheit denken – und er muß es tun, wenn er vorwärtsschreiten will -, der so oft von dem, was er weiß, Gebrauch zu machen hat? (S. 25)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

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Fundstück von Petra Gust-Kazakos

Mit großem Vergnügen schmökere ich mich gerade durch Gefahren des Lesens von Petra Gust-Kazakos. Allerdings ist auch die Lektüre selbst nicht ganz ungefährlich, kann es einem doch passieren, dass man immer wieder – genau wie auf Philea’s Blog – auf Titel stößt, die man unbedingt der eigenen Leseliste hinzufügen möchte.

Und Petras Stil ist, wie könnte es anders sein, charmant-belesen. Ich jedenfalls habe schon jetzt viel Freude an Stellen wie diesen, die mir nachdrücklich vor Augen führen, dass es eigentlich Zeit für ein Artenschutzprogramm wäre. Nachdem die Autorin belegt hat, dass nur ca. drei Prozent der Bevölkerung zu den sogenannten Viel-Lesern (mehr als 50 Bücher pro Jahr) gehören, schreibt sie:

Erfreut sich der gewöhnliche Leser (Lector communis) noch weitgehend allgemeiner Munterkeit, so sieht es für den belesenen Viel-Leser (Lector multiplex) trüb und trüber aus. Das glauben Sie nicht? Nun, natürlich, da Sie dies lesen, gehören Sie vielleicht selbst zu seltenen Art der Viel-Leser – wer sonst interessiert sich schon für Bücher über Bücher und das Lesen. Sie lieben Bücher, sprechen gern mit anderen darüber und kommen sich dabei keineswegs gefährdet vor. Das ist übrigens typisch für den Viel-Leser: Unter Artgenossen fühlt er sich wohl, anerkannt und ganz in seinem Element. Doch außerhalb dieser kleinen Gemeinschaft gilt er als Exot, seine natürlichen Lebensräume schwinden und seine Arterhaltung steht nicht im Mittelpunkt des Interesses, weder gesellschaftlich noch politisch noch sonstwie. (S. 55)

aus: Petra Gust-Kazakos: Gefahren des Lesens: Essays zu Risiken und Nebenwirkungen, adson fecit 2016.

 

 

Was ist ein Klassiker?

Als ich auf diesem Blog die Kategorie „Klassiker“ einfügen wollte, schien mir das ein guter Moment, um noch einmal zu überdenken, welche Merkmale ein literarischer Klassiker für mich erfüllen sollte. Beim Stöbern fand ich das folgende Zitat von Charles Augustin Sainte-Beuve (1850):

A true classic, as I should like to hear it defined, is an author who has enriched the human mind, increased its treasure, and caused it to advance a step;

who has discovered some moral and not equivocal truth, or revealed some eternal passion in that heart where all seemed known and discovered;

who has expressed his thought, observation, or invention, in no matter what form, only provided it be broad and great, refined and sensible, sane and beautiful in itself;

who has spoken to all in his own peculiar style, a style which is found to be also that of the whole world, a style new without neologism, new and old, easily contemporary with all time.

(aus: Literary and Philosophical Essays. 1909-14, Vol. 32. The Harvard Classics)

Ein bisschen trockener formuliert: Ein Klassiker der Literatur widmet sich zeitlosen Themen wie Kindheit, Abenteuer, Sinnsuche, Identität und Liebe oder dem Kampf zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht oder der Auseinandersetzung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Dabei sollte das Werk:

  • über Generationen und oft genug auch über Ländergrenzen hinweg Menschen ansprechen, unabhängig von Moden und Zeitgeist
  • etwas Allgemeingültiges in neuer, so bisher noch nicht da gewesener Weise darstellen
  • Qualitätsmaßstäbe für kommende Generationen setzen
  • der Leserin, dem Leser die Augen öffnen und ihr oder ihm einen tieferen Blick auf die Natur des Menschen und die ihn umgebende Welt ermöglichen
  • unaufdringlich und ohne erhobenen Zeigefinger die Welt menschlicher machen

Mark Twain hat in einer Rede am 20. November 1900 das daraus entstehende Dilemma für den Leser auf den Punkt gebracht: A classic is

something that everyone wants to have read but no one wants to read.

Nun, wir wollen bestimmte Bücher gelesen haben, weil sie Teil eines wie auch immer entstandenen und von wem auch immer aufgestellten Kanons sind, weil wir wissen, sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Kultur und Geschichte.

Auf der anderen Seite haben heutzutage die wenigsten die Zeit oder den Anspruch, solche Klassikerlisten (siehe die Kanondiskussion) abzuarbeiten. Und Italo Calvino tröstet die, die sich schämen, ein bestimmtes Werk noch nicht gelesen zu haben:

Um sie zu beruhigen, reicht es anzumerken, daß, so umfangreich die ‚Bildungslektüre‘ eines Individuums auch sein mag, immer eine riesige Anzahl grundlegender Werke übrigbleibt, die man nicht gelesen hat. (Calvino: „Warum Klassiker lesen?“)

Der heutige Leser ist selbstbewusst und weiß, dass das persönliche Interesse, die persönliche Betroffenheit ohnehin dazukommen müssen. Chris Cox  hat im Guardian vom 8. Dezember 2009 in Anspielung auf Mark Twain noch einmal klargestellt:

There are two kinds of classic novel. The first are those we know we should have read, but probably haven’t. These are generally the books that make us burn with shame when they come up in conversation: from Crime and Punishment to Jane Eyre, we know they would do us good if only we could get around to reading them. For me, embarrassingly, this category includes not just individual books, but entire oeuvres: I’ve yet to pick up a single Dickens novel, for example, and when someone mentions Proust, I actually have to make an excuse and leave the room. The second kind, meanwhile, are those books that we’ve read five times, can quote from on any occasion, and annoyingly push on to other people with the words: ‚You have to read this. It’s a classic.‘

Trotzdem sollte man das Kind nicht gleich mit dem Bade ausschütten und die Diskussion um Klassiker nicht einfach für obsolet erklären, trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten. Wer zum Beispiel legt fest, was als Klassiker zu werten ist, wenn sich doch schon die Fachleute – meist weiße, ältere Herren, westlich geprägt – keineswegs immer einig sind.

Auch Calvino geht in seinem Essay „Warum Klassiker lesen?“ (zuerst 1981 veröffentlicht) in immer wieder neuen Definitionsversuchen der Frage nach, was denn nun einen Klassiker ausmache. Er hat dabei die folgenden Formulierungen gefunden, die die Balance zwischen der überindividuellen Bedeutung eines Werkes und der Notwendigkeit des persönlichen Zugangs veranschaulichen:

Ein Klassiker ist ein Buch, das nie aufhört, das zu sagen, was es zu sagen hat.

Wenn der Funke nicht überspringt, ist nichts zu machen: die Klassiker liest man nicht aus Pflicht oder Respekt, sondern nur aus Liebe.

Und so nehme ich also die Bücher in meine Kategorie der Klassiker auf, die eine nachweisbare, Jahrzehnte überdauernde überindividuelle Bedeutung haben und zu denen ich gleichzeitig einen persönlichen Zugang gefunden habe. Wenn der Funke übergesprungen ist.

Wer sich noch ein wenig mit der Entstehung des Klassikerkanons beschäftigen möchte, sei auf den Beitrag Vergangen und gegenwärtig – Was ist ein literarischer Klassiker? hingewiesen.

Ach, und natürlich wird diese Frage immer wieder neu verhandelt, hier begründet Denis Scheck, warum er einen neuen Kanon der Meisterwerke aufstellen möchte.

Auch Michael Sommer, ja, der mit den Playmobilfiguren, hat sich an einer Definition von Weltliteratur versucht.

Fundstück von Stefan Zweig

Die meisten Menschen sind von stumpfer Phantasie. Was sie nicht unmittelbar anrührt, nicht aufdringlich spitzen Keil bis hart an ihre Sinne treibt, vermag sie kaum zu entfachen; geschieht aber einmal knapp vor ihren Augen, in unmittelbarer Tastnähe des Gefühls auch nur ein Geringes, sogleich regt es in ihnen übermäßige Leidenschaft. Sie ersetzen dann gewissermaßen die Seltenheit ihrer Anteilnahme durch eine unangebrachte und übertriebene Vehemenz.

aus der Erzählung Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau (1927) von Stefan ZweigP1110939

Fundstück von Heinz Hilpert: 18. November 1944

Diese Tage sind grausam. Man tritt morgens aus einer halbkalten Wohnung in nasse, kalte Finsternis. Ein Fröstelgefühl durchschaudert einen. Man tastet sich mit dem Fuß durch Pfützen und schlägt seinen Kragen hoch, damit einem der feine, vom Wind gepeitschte Fisselregen nicht hinten in den Nacken geblasen wird, die kalten Hände tief in die Manteltaschen vergraben. So springt man in die Elektrische, sitzt mit hustenden, rotzenden, triefäugigen, unausgeschlafenen und deshalb, aber nicht nur deshalb, halb mißvergnügten, halb dösenden, halb schlafenden Menschen zusammen. […]

Alle sind entwillt, aber nicht hingegeben, sondern in dem merkwürdigen Zwischenzustand, in dem übergroße Müdigkeit jede Persönlichkeit tötet oder entnervt.

Grausig – tierhafte Ausgeliefertsein an den Zwang, den sinnlosen Zwang.

aus: Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011), S. 59

Fundstück von Fritz Hartnagel

Obwohl viele den Herbst hassen und in seinen Nebeln und Winden und in seiner Herbheit schon das absterbende Jahr sehen, finde ich in dieser Jahreszeit erst die letzte Vollendung, das Genie, das allerdings in seinen Farben, in seiner Wildheit, seiner Trunkenheit und seiner Melancholie vielleicht schon zum Wahnsinn übergeht. Aber darum liebe ich den Herbst.

Fritz Hartnagel in einem Brief an seine Freundin Sophie Scholl vom 27. September 1939

zitiert nach: Sophie Scholl, Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlieren: Briefwechsel 1937 – 1943, hrsg. von Thomas Hartnagel, 2005

Charles Chaplin über Patriotismus

Naturally, if the country I which I lived were to be invaded, like most of us, I believe I would be capable of an act of supreme sacrifice. But I am incapable of a fervent love of homeland, for it has only to turn Nazi and I would leave it without compunction – and from what I have observed, the cells of Nazism, although dormant at the moment, can be activated very quickly in every country. Therefore, I do not wish to make any sacrifice for a political cause unless I personally believe in it. I am no martyr for nationalism – neither do I wish to die for a president, a prime minister or a dictator.

Charles Chaplin: My Autobiography, 1964, S. 350

Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011)

26. Juni 1944

Mir schien alles trübe und traurig, weil ich von Dir fortging. Fortging, zwar in die tiefe Glaubensgewißheit, Dich wiederzusehen – aber auch mit der harten Gewißheit, dich lange entbehren zu müssen! Das entbehren zu müssen, was der liebe Gott zu meiner innigsten Ergänzung auf die Welt geschickt hat.

Nie noch habe ich die unbedingte Zusammengehörigkeit zu einem Menschen so hinreißend und grundsätzlich gespürt – als zu Dir. […]

Jeder Berg, jeder Baum, jeder Bach, jeder Schlaf, jedes Erwachen in Sonne oder Regen […] – alles lebte nur auf Dich bezogen und in mir, süß und zwingend, zu Dir hin. Manchmal irrte ich ab, zu dieser oder jener Frau, in Gedanken, leise und ganz tierhaft, und dennoch spürte ich – alles warst Du. Aus und mit Dir lebe und sterbe ich, ich will Dich ganz bei mir haben. Ich wünsche mir, zum erstenmal in Leben, ein Kind von Dir – ich und Du. Ich will nur Dich. In Dir vollendet sich mein Leben und mein Wirkenkönnen. Gott soll uns segnen und zusammenfügen. Ich will nur Dich – nicht „weil“, sondern ohne alle Gründe, weil Du bist und weil Du so bist, wie Dich eben Gott geschaffen hat. Mir und vielen zur Freude – aber mir zur letzten, einzigen Heimat. […]

Ich habe Dich lieber als mein Leben, lieber als Sonne und Mond, lieber als alle bestirnten Nächte, als alle Bäume und Tiere, die ich kenne und liebgewonnen habe, lieber, als mir je ein Mensch war, lieber als mein Leben, meine Hoffnung, meine Einsamkeit und die Summe meiner ganzen Arbeit und aller Seligkeiten, die mich auf meinem kurzen Gang durch die Dämmerung beglückt haben.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen Heinz Hilperts (1890 – 1967) vom 26. Juni 1944

Zum Hintergrund

Heinz Hilpert, Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters, hat seine große Liebe und spätere Ehefrau Annelies „Nuschka“ Heuser (1902 – 1963) Ende der zwanziger Jahre kennengelernt. Sie war Jüdin, ihre  Familie emigrierte, doch Annelies blieb in Deutschland.

Gerade noch rechtzeitig kann Nuschka im Juli 1943 in die Schweiz fliehen. Hilpert reist danach mehrere Male in die Schweiz. „Das vorerst letzte Mal sehen sich Heinz  und Nuschka Anfang Juli 1944 in Zürich. Kurz bevor er das Tagebuch beginnt.“ (S. 8)

Heinz Hilpert wird schließlich jede weitere Reise in die Schweiz untersagt. Er musste vorsichtig sein, war er den nationalsozialistischen Herrschers doch bereits unangenehm aufgefallen. Und Joseph Goebbels wird der drohende Satz zugeschrieben, dass Hilperts Theater nicht anderes seien als KZs auf Urlaub.

Bis Juni 1945 schreibt nun Hilpert dieses „Tagebuch für Nuschka“, das von Michael Dillmann und Andrea Rolz herausgegeben wurde und unter dem Titel So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben 2011 im Weidle Verlag erschienen ist.

Wir erfahren, wie das Wetter und seine jeweilige Stimmung ist, ob die Vögel singen, wie viel er an heißen Tagen trinkt und wie sehr er die sommerliche Wärme genießt, bis in den letzten Kriegsmonaten die Einträge verzweifelter werden.

Doch vor allem enthält das schmale Büchlein wunderschöne Liebesworte, auch wenn die sprachliche Vergötterung Nuschkas, der „Gebenedeiten“, die er um Segen bittet, für mich an manchen Stellen etwas schwer verdaulich war. Die geliebte Frau ist „seine Brücke“ zu Gott.

Könnte ich Dir nur einmal ganz sanft über Deine geschlossenen Lider streicheln, Deinen Haaransatz ganz, ganz leise mit meinen Lippen berühren und Dich noch ein wenig fester zudecken, damit Du nicht nachtkalt hast. Aber so bleibt mir nichts, als Dich ganz innig in  mein Gebet einzuschließen und Dich der Gnade dessen anheimzustellen, der uns zusammen auf diese wunderschöne Erde kommen ließ. (S. 21)

In poetischer Sprache umkreist Hilpert immer wieder die Fragen, wie sich diese Liebe auf ihn auswirkt, wie sie ihn verwandelt und unverwundbar macht.

Die Begriffe „sicher“ und „unsicher“ hören auf einzig und allein im Hoheitsgebiet der Liebe. Hier lebt der Mensch im Glauben, und der Glaube macht unversehrbar – man „sichert“ nicht mehr. […] und in der vollkommenen Liebe zu Dir, Nuschka, bin ich ganz unversehrbar, kann ich kämpfen, ohne mich umzusehen, kann ruhen, ohne mich zu schützen, kann schwerelos sein, ohne mich ekstatisch aufzuschwingen, kann kreisen, ohne schwindelig zu werden, kann verweilen, ohne zu versäumen. „Nichts mehr versäumen“ ist das tiefe, tiefste Lebensgefühl, was sich dem Liebenden erschließt. Er rennt und jagt nicht mehr, er bangt und flieht nicht mehr. Er hält inne und ist heiter, er geht still fort und fort und ist selig. Das Wissen und die Weisheit, die für ihn taugt, schmiegt sich still in sein Herz. (S. 24)

Geliebt werden ist schön – es entwickelt und differenziert aber nicht. Lieben – mit aller Fragwürdigkeit des Widergeliebtwerdens – ist eben eine Kraftvergeudung, die ständig verjüngt, ist eine Auslieferung, die einem sich selbst zurückbringt, ist ein Schmerzempfinden, das in Lust umschlägt. (S. 60)

Und ähnlich wie auch Bonhoeffer in seinen Brautbriefen ringt auch Hilpert darum, die lange Trennungszeit sinnvoll werden zu lassen:

Und dann baute sich immer wieder aus Sehnsucht und Liebe eine Brücke, die gerade in Dein liebes Herz hineinmündete. Und ich ging darauf und dachte, warum ist Liebe, die sich bescheiden muß und sich nicht stillen kann, weil die Geliebte fern ist, so viel inniger und zarter und verbundener, verflochtener, unauflösbarer als die, die genießt? Weil sie schmerzhafter ist? Schenkt uns der Schmerz diese ganz besonderen Innigkeiten? Warum werden Menschen erst im Entbehren wesentlich? Und ganz nahe? (S. 63)

In den letzten Kriegsmonaten werden die Briefe aus Berlin dunkler, die Verzweiflung und Sehnsucht riesengroß, aber selbst die Gedanken an den Tod sind aufgehoben in dieser großen Liebe:

Die Welt wird immer dunkler. Die Angriffe immer grauenhafter. Wir müssen’s dulden! Meine Unversehrtheit liegt ganz bei Dir und meinem Gefühl zu Dir. Was auch kommt – ich bin immer nur auf dem Wege zu Dir. Immer Richtung Nuschka. Auch wenn ich sterben muß, ist mein letzter Herzschlag für dich. Sei geküßt und gesegnet. (S. 97)

Eine weitere Besprechung findet sich auf lustauflesen.de.

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Fundstück von Irène Némirovsky

In solchen Momenten begriff er, warum Menschen heiraten … um ‚das‘ zu haben, die Gegenwart eines anderen, das Geräusch von Röcken, jemanden, dem man unwichtige Dinge erzählen konnte, jemanden, den man nicht anlächeln mußte, wenn man schlechter Stimmung war, jemanden, der da war, wenn man schwieg.

Aus: Irène Némirovsky: Das Mißverständnis (OA 1926)

Ein kleiner, feiner Roman über eine von von Anfang an zum Scheitern verurteilte Liason zwischen einer gelangweilten reichen Ehefrau und einem in engen finanziellen Verhältnissen lebenden Angestellten, dessen Leben durch den Krieg in andere als die erwarteten Bahnen gelenkt worden war. Das Erstaunliche daran ist für mich, wie hier – im Debüt einer dreiundzwanzigjährigen Schriftstellerin – schon das große Talent und das psychologische Feingefühl der Autorin zu erkennen sind, trotz einiger Holprigkeiten und kurzer melodramatischer Anwandlungen.

Einen ausführlichen Beitrag gibt es auf der Lesewelle, die leider seit längerem nicht mehr aktiv ist.

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Fundstück von Sophie Scholl – für alle Morgenmuffel

Ich liege gerade auch im Bett, es ist morgens, vielleicht 11 Uhr, also schon mittags; Du mußt wissen, es ist der letzte Tag vor dem Schulanfang, ich muß mich noch einmal ganz ganz gründlich ausruhen, obwohl ich das beinahe jeden Tag tue. Ich habe es auch nicht nötig, denn ich habe mich blendend erholt. Ich tue es aber trotzdem, aus Sympathie für mein liebes Bett.

Sophie Scholl in einem Brief vom 29. August 1938 an ihren Freund Fritz Hartnagel; zitiert nach: Sophie Scholl, Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlieren: Briefwechsel 1937 – 1943, hrsg. von Thomas Hartnagel

Fundstücke über die Liebe von Fritz Hartnagel

Meine liebe Sofie!

Du mußt mir bitte entschuldigen, daß ich Dich habe warten lassen, aber mir bleibt zur Zeit nur das Viertelstündchen vor dem Einschlafen. Und da habe ich oft gedacht, wie soll ich Dir bloß antworten? Wie soll ich all das ausdrücken, was ich selbst nicht begreife? Ich weiß nur, daß es etwas Großes und Schönes sein muß, das mich bewegt! Ich kann das nicht zergliedern und definieren, denn es ist ein Ganzes, es ist nicht dieses oder jenes, sondern alles. Was ich von Dir haben möchte? Nichts, Sofie, gar nichts – nur, was Du mir schenken magst und kannst.

Fritz Hartnagel in einem Brief an seine Freundin Sophie Scholl vom 1. Februar 1939

Glaub nicht, daß ich wunders was von Dir wollte. Ich möchte nur bei Dir sitzen, Deine Hand in der meinen halten, und meinen Kopf an Deine Schulter lehnen dürfen, ich möchte teilhaben an Deinen Gedanken, Deinen Freuden und Traurigkeiten, ich möchte nur ein bisschen daheim sein dürfen bei Dir.

Fritz Hartnagel in einem Brief an Sophie Scholl vom 12. Januar 1940

Sophie Scholl, Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlieren: Briefwechsel 1937 – 1943, hrsg. von Thomas Hartnagel, 2005

Fundstück von Edmund Hillary

Sollte mein Leben morgen zu Ende gehen, dann brauchte ich mich kaum über irgend etwas zu beklagen. Ich habe ein paar Erfolge gehabt; man hat mich geehrt, ich habe lachen dürfen, und man hat mir wahrscheinlich mehr Liebe entgegengebracht, als ich es verdiene. Dazu kommen die Freundschaften, die meinem Leben einen Sinn gegeben haben: mit Harry Ayres, George Lowe, Peter Mulgrew, Mike Gill, Jim Wilson, Max Pearl, Mingmatsering und vor allen anderen mit Louise. Die Liste der Namen ist noch sehr viel länger. Ohne meine Freunde wäre ich nichts. Ich glaube, ich müßte zufrieden sein. Und doch bin ich es nicht ganz. Ich hätte so viel mehr tun können. Es kommt nicht darauf an, daß man etwas leistet. Es kommt darauf an, wie man seine Möglichkeiten genutzt und welche Möglichkeiten man geschaffen hat.

Edmund Hillary: Wer wagt, gewinnt (1975), S. 447

Fundstück von Edmund Hillary

Auf den riesigen Bäumen, in deren Schatten unsere Unterkünfte (auf den Salomon-Inseln) lagen, wohnten die verschiedensten Vögel, darunter einige fette Tauben. Das regte mich dazu an, mir Pfeil und Bogen zu bauen, und nachdem ich mehrere Tage fleißig geschnitzt  hatte, besaß ich eine gefährliche Waffe. Zuerst erprobte ich sie in unserer Baracke. Ich stellte eine Scheibe an die dünne Außenwand und ließ den Pfeil fliegen. Mit dem dumpfen Klang der Sehne schoß der Pfeil durch das Ziel und durchschlug die Wand. Aufgeregt lief ich hinterher, durchsuchte zwei weitere Baracken, in denen es vor Menschen wimmelte, und fand ihn endlich mit der Spitze tief in einen Pfahl gebohrt. Es war ein Wunder, daß der Pfeil niemanden getroffen hatte. Ich konnte nicht verstehen, wie ich so leichtsinnig hatte sein können. Aber ich habe festgestellt, daß junge Männer, wenn sie in einer Gruppe zusammenleben, zur Sorglosigkeit neigen. Übrigens ist es mir trotz all meiner Bemühungen nie gelungen, eine Taube für den Suppentopf zu schießen.

Sir Edmund Hillary: Wer wagt, gewinnt, 1975,  S. 72

Fundstück eines Dienstmädchens

Die Kartoffeln habe ich meistens schon [vorher] mit den Kindern [gemeint sind ihre jüngeren Geschwister] gebuddelt. Da mußte gutes Wetter sein, sonst ging es nicht. Denn das war ein extra Vergnügen, Vergnügen und Zeitvertreib, denn Spielsachen, wie die Kinder jetztzutage haben, kannten wir doch nicht. Eine Peitsche für die Knaben, wenn der Jahrmarkt kam, Bilderbogen mit großen schönen Geschichten, bunte Papierbogen, wo wir Puppen mit Kleid und Mantel draus fabrizierten. Wo wir denn im Verhältnis glücklicher waren wie viele Kinder jetzt sind mit ihrem vielen Tand, daß sie gar nicht wissen, womit spielen. Eine Puppe zu Weihnachten, ein Ruhebett mußte selbst fabriziert werden. Ein Knabe, der vielleicht von Onkel Seemann ein Schiff auf einem Wasser zu schwimmen bekommen hatte, das war ein angesehener Held.

aus: In Träumen war ich immer wach: Das Leben des Dienstmädchens Sophia von ihr selbst erzählt, hrsg. von Gunilla-Friederike Budde, 1990

Sophia Friederika Hinriette Lemitz, 1844 in Lütjenburg (Schleswig-Holstein) geboren, schreibt im Alter von ca. 64 Jahren ihre Lebenserinnerungen auf. Höchst ungewöhnlich für eine einfache Frau, die als Kind für zwei Jahre nicht zur Schule gehen konnte, weil sie sich nach dem Tod der Mutter um den Haushalt und die jüngeren Geschwister kümmern musste. Da war Sophia erst neun Jahre alt.

Sie wird dann später Dienstmädchen, wechselt die Herrschaften, was durchaus gängig war, kommt auf diese Weise sogar bis nach Kopenhagen und arbeitet mal in der Landwirtschaft, mal als Kindermädchen oder bei einer jähzornigen und zu Gewaltausbrüchen neigenden Gräfin. Sie heiratet einen gutaussehenden Handwerker, der zum Trinker wird, nichts mehr zum Lebensunterhalt beiträgt und katastophale Fehlentscheidungen trifft, die vor allem seine Frau ausbaden muss.

Ihre Erinnerungen schreibt sie in ein Poesiealbum, das erst in den achtziger Jahren auf einem Dachboden gefunden wurde und der Sammeltätigkeit Walter Kempowskis sein Fortleben zu verdanken hat. Als das Album bis auf den letzten Quadratzentimeter vollgeschrieben ist, brechen die Aufzeichnungen ab. Jedenfalls hat man kein zweites Heft gefunden.

Es ist aus heutiger, westlicher Sicht kaum zu glauben, wie viel harte Arbeit in ein einziges Leben passt und ihren Ehemann hätte ich – so rund 100 Jahre später – gern aus dem Haus gejagt…

Abgerundet wird das schmale Werk durch ca. 35 Seiten Erläuterungen zum zeitgeschichtlichen Hintergrund.

Siehe auch die ausführlichere Vorstellung auf bloglichter.

 

Alper Canigüz: Söhne und siechende Seelen (OA 2004)

Den Hinweis auf das fetzige Söhne und siechende Seelen des türkischen Autors Alper Canigüz verdanke ich lustauflesen.de. Das Buch, im Original 2004 veröffentlicht und von Monika Demirel ins Deutsche übersetzt, hat Spaß gemacht, selbst wenn mir am Ende eine Drehung weniger auch gereicht hätte.

Die Auflösung des Mordfalls ist hier weniger wichtig als die Momentaufnahmen aus der türkischen Gesellschaft und die Sprache und der Blick des fünfjährigen Ich-Erzählers. Der liest zum Frühstück Philosophen und hört lieber Schostakowitsch, als dass er in der Schule „Alle meine Entchen“ singt. Das Buch beginnt mit den Worten:

Mit fünf Jahren befindet sich der Mensch auf der Höhe seiner Reife, danach beginnt er zu faulen. Ich, Alper Kamu, wurde vor einigen Monaten fünf. Während mein Geburtstag näher rückte, stand ich die meiste Zeit am Fenster, um die Menschen draußen zu beobachten. Ihr Leben verbrachten sie damit, zu beschleunigen, zu verlangsamen, alle möglichen Töne von sich zu geben und durch die Gegend zu gucken. Es machte mich krank, daran zu denken, dass ich eines Tages so werden würde wie sie. Leider gab es da keinen Ausweg. Die Zeit war grausam und ich alterte schnell.

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Fundstücke von Anthony Wynne

„I feel sure that only very stupid or very vain people are so entirely sure of themselves as to believe themselves immune from temptation. Saints and sinners have more in common than is usually supposed.“ (S. 157)

„She’s in love with him.“

“Sometimes,” he confessed rather sadly, “I wonder what that means. Do lovers really see one another truthfully? Isn’t it rather their own illusions that they see?”

There was no answer. McDonald passed his hand wearily across his brow.

“Perhaps lovers see everything and forgive everything,” he said. (S. 116)

Aus: Anthony Wynne: Murder of a Lady (1931)

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Fundstück von Barbara Pym

Tagebuch, 7. April 1940

Today I have been reading of No Importance – Rom Landau’s diary of February – October 1939. Many things in it I understand so well – the reluctance to sit down and begin writing so that one finds oneself doing all sorts of unnecessary tasks to postpone that moment of starting. And also the feeling that no day is really satisfactory if one hasn’t done some sort of work – preferably a few pages of writing, but anyway something useful. Why is it that one is still surprised to discover that other people feel these things too? I am beginning to be less surprised now. I used to think that I was the only person who the night before setting out to go abroad – even for a holiday – had the feeling that I’d give anything not to to be going. (S. 143)

Barbara Pym: A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, edited by Hazel Holt and Hilary Pym (1984)

Fundstück von Dieter Wellershoff

Wenn ich inmitten fremder Menschen durch die Stadt gehe, denke ich oft, daß sie alle Mitspieler in einem großen Experiment ‚Leben‘ sind. Jeder ist ein neuer, unwiederholbarer Versuch, zurechtzukommen mit den Umständen und Bedingungen, in denen er sich vorfindet. Gerade weil es unvermeidbar ist, daß man sich im Gewimmel der Straßen und Kaufhäuser und im Gedränge der Verkehrsmittel auf schnappschußartige Wahrnehmungen beschränkt, baut sich hinter dem Geflirre der vielen flüchtigen Eindrücke ein Geheimnis auf. Wer sind diese Menschen? Was tun sie? Wovon träumen sie? Wie leben sie? Und wie sterben sie? So groß die Unterschiede zwischen den Menschen auch sind, es gibt nach meiner Überzeugung kein gleichgültiges, belangloses Leben, keines, in dem nicht etwas zu finden wäre, was auch für mich und für andere gut wäre zu wissen.

Dieter Wellershoff: Blick auf einen fernen Berg (1991), S. 102

Fundstück von Dieter Wellershoff

Der Tod schien verblaßt zu sein, nicht, weil er nicht mehr wußte, daß er ihm mit achtzig Prozent Gewißheit bevorstand, sondern weil er so völlig davon eingenommen war, das Leben in sich aufzunehmen, daß nicht einmal die Nähe des Todes ihn davon ablenken konnte. Er lebte jetzt. Und das Jetzt war nicht das flüchtige Nichts der immer nur vorläufigen, immer schon entwerteten Gegenwart in einer stets auf ferne, imaginäre Ziele hingespannten Zeit, sondern glich eher der erfüllten, zeitvergessenen Gegenwart eines spielenden Kindes, das nicht an Morgen und schon gar nicht an ein Ende denkt. […] Aber er war jetzt ein Mensch, dessen innere Sperren sich gelöst hatten und der offen war für alles, was er lange übersehen hatte. Er sah nichts Neues. Es war das Alltägliche, Immer-schon-Dagewesene und Bekannte, dem er seine Aufmerksamkeit zuwandte, doch nach allem, was er mit sparsamen Worten darüber sagte, schien er davon erfüllt und auf selbstlose Weise beglückt zu sein.

Dieter Wellershoff: Blick auf einen fernen Berg (1991), S. 161/162

Fundstücke von Barbara Pym

Barbara Pym ist 25 Jahre alt und kein Verleger will ihren ersten Roman. Im Oktober 1938 schreibt sie in ihr Tagebuch:

… and I honestly don’t believe I can be happy unless I am writing. It seems to be the only thing I really want to do. (S. 121)

In einem Brief an Elsie Harvey (Oktober 1938) heißt es:

The only thing is to work at something you like and that you feel is worth doing, even if it’s only a novel that doesn’t get published. I suppose it is all good experience, anyway, and while I’m doing it I’m perfectly happy. (S. 122)

Sie beendete ihren zweiten Roman Adam and Cassandra 1939, doch veröffentlicht wurde er erst 1987, acht Jahre nach ihrem Tod, unter dem Titel Civil to Strangers.

Barbara Pym: A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, edited by Hazel Holt and Hilary Pym (1984)

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Fundstücke von Barbara Pym

I pulled myself up and told myself to stop these ridiculous thoughts, wondering why it is that we can never stop trying to analyse the motives of people who have no personal interest in us, in the vain hope of finding that perhaps they may have just a little after all. (S. 221)

Perhaps there can be too much making of cups of tea, I thought, as I watched Miss Statham filling the heavy teapot. We had all had our supper, or were supposed to have had it […] Did we really need a cup of tea?  I even said as much to Miss Statham and she looked at me with a hurt, almost angry look, ‚Do we need tea?‘ she echoed. ‚But Miss Lathbury…‘ She sounded puzzled and distressed and I began to realise that my question had struck at something deep and fundamental. It was the kind of question that starts a landslide in the mind. (S. 227)

‚Nothing can ever be really the same when time has passed,‘ I said, more to myself than to them, ‚even if it appears to be from the outside …‘ (S. 234)

Barbara Pym: Excellent Women (1952)

Fundstück von Logan Pearsall Smith

So I never lose a sense of the whimsical and perilous charm of daily life, with its meetings and words and accidents. Why, today, perhaps, or next week, I may hear a voice and, packing up my Gladstone bag, follow it to the ends of the world. (taken from: Trivia)

zitiert nach: Barbara Pym: A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, edited by Hazel Holt and Hilary Pym, 1984, S. 158

Fundstück von Barbara Pym

Barbara Pym in ihrem Tagebuch Mai 1939

What is the heart? A damp cave with things growing in it, mysterious secret plants of love or whatever you like. Or a dusty lumber room full of junk. Or a neat orderly place like a desk with a place for everything and everything in its place.

Something might be starting now that that would linger on through many years – dying sometimes and then coming back again, like a twinge of rheumatism in the winter, so that you suddenly felt it your knee when you were nearing the top of a long flight of stairs.

A Great Love that was unrequited might well be like that. (S. 127)

Barbara Pym: A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, edited by Hazel Holt and Hilary Pym (1984)

Fundstück von Barbara Pym

14 December 1933 – London

We had a good look round the shops without buying anything. Selfridge’s first – where what I liked almost best was the zoological department. There was the most adorable kangaroo there with eyes like Lorenzo and a long pointed nose. It loved having its neck stroked and closed its eyes in ecstasy. I would have loved to have it – but it was sold – and anyway what would I have done with it? (S. 44)

Barbara Pym: A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, edited by Hazel Holt and Hilary Pym (1984)

Anmerkung:

‚Lorenzo‘ war Pyms Spitzname für ihren Studienfreund Henry Stanley Harvey, in den sie verliebt war.

Fundstücke von Alice Thomas Ellis

I think I forgot the world is round, so no matter where you go, no matter how fast you run, sooner or later you find yourself staring at your own retreating backside. (S. 169)

He knew if you lived long enough you would inevitably, to a greater or lesser extent, become disenchanted with everybody in your life, from your nearest and dearest right down to the amiable newsagent on the corner. (S. 164)

‚Am I a person from Porlock?‘ asked Jessica who was no different from anybody else in that she rather enjoyed disturbing people who were attempting to work. There was not any malice in the urge: it was a primitive, tribal response to the individual intent on private concerns – ‚Kindly rejoin the community and let us play.‘ The man engrossed in solitary pursuits is always a little threatening. (S. 118)

aus: Alice Thomas Ellis: The Inn at the Edge of the World (1990)

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Fundstück von Bill Bryson

Although he [Shakespeare] left nearly a million words of text, we have just fourteen words in his own hand – his name signed six times and the words ‚by me‘ on his will. Not a single note or letter or page of manuscripts survives. […] We are not sure how best to spell his name – but then neither, it appears, was he, for the name is never spelled the same way twice in the signatures that survive […] Curiously, one spelling he didn’t use was the one now universally attached to his name. (S. 8/9)

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage, 2007

Fundstück von Bill Bryson

What we do have for Shakespeare are his plays – all of them but one or two – thanks in very large parts to the efforts of his colleagues Henry Condell and John Heminges, who put together a more or less complete volume of his work after his death – the justly revered First Folio. It cannot be overemphasized how fortunate we are to have so many of Shakespeare’s works, for the usual condition of sixteenth- and early-seventeenth-century plays is to be lost. Few manuscripts from any playwrights survive, and even printed plays are far more often missing than not. Of the approximately three thousand plays thought to have been staged in London from about the time of Shakespeare’s birth to the closure of the theatres by the Puritans in a coup of joylessness in 1642, 80 per cent are known only by title. Only 230 or so play texts still exist from Shakespeare’s time, including the thirty-eight by Shakespeare himself – about 15 per cent of the total, a gloriously staggering proportion. (S. 18)

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage (2007)

Fundstück von Michael Ellis DeBakey

Der damals 95-jährige weltweit anerkannte Herzchirurg Michael Ellis DeBakey (1908-2008) erzählte A. J. Jacobs folgende Geschichte:

Als ich ein kleiner Junge war, durften wir uns nur ein Buch pro Woche aus der Bibliothek leihen. Eines Tages kam ich nach Hause und erzählte meinen Eltern,  dass ich in der Bibliothek ein wunderbares Buch gesehen hätte – das man jedoch leider nicht ausleihen dürfe. Meine Eltern fragten: ‚Was für ein Buch?‘ Und ich sagte: ‚Die Encyclopaedia Britannica‘. Kurz darauf stand sie bei uns im Regal. Ich war damals zehn oder zwölf, das muss also um 1919 gewesen sein. Als ich mit dem Studium anfing, hatte ich sie durch. Ich hatte vier Geschwister, und nach der Schule konnten wir es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und die Britannica zu lesen. (S. 281)

Schöner kann man für Nachschlagewerke nicht werben.

P1120052.JPGPrunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek

Fundstück von Karl-Heinz Ott

Trotz alledem wird es auch diesmal ein Winter werden, der den früheren ähnelt und einem Augenblicke vergönnt, in denen man sich in der warmen Stube so wohlig fühlt, dass man meinen könnte, erst eine leise Einsamkeit lasse eine Ahnung von Glück aufkommen, zumal an solchen Tagen, da nichts sich zu rühren und die Zeit stillzustehen scheint, Tagen, an denen man sogar das Leben in einem von der Welt abgeschnittenen Dorf wie eine Gnade empfinden kann.

aus: Karl-Heinz Ott: Ob wir wollen oder nicht, 2008, S. 32

Fundstück von Bill Bryson zu Shakespeare

Über die Pest-Epidemie im Jahr 1564

The outbreak of 1564 was a vicious one. At least two hundred people died in Stratford, about ten times the normal rate. Even in non-plague years, 16 per cent of infants perished in England; in this year, nearly two-thirds did. One neighbour of the Shakespeares lost four children. In a sense William Shakespeare’s greatest achievement in life wasn’t writing Hamlet or the sonnets but just surviving his first year.

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage, 2007, S. 24

Fundstück von Agatha Christie

I suppose, as is so often the case, that if you are not attracted to a young man, but he is attracted to you, he is at once put out of court by the fact that men, when they are in love, invariably manage to look like a somewhat sick sheep. If a girl is attracted to such a man she feels flattered by this appearance, and does not hold it against him; if she has no interest she dismisses him from her mind. This is one of the great injustices of life. Women, when they fall in love, look ten times as good-looking as normally: their eyes sparkle, their cheeks are bright, their hair takes a special glow; their conversation becomes much wittier and more brilliant. (S. 175)

It is a curious thought, but it is only when you see people looking ridiculous, that you realise just how much you love them! Anyone can admire somebody for being handsome or amusing or charming, but that bubble is soon pricked when a trace of riducle comes in. I should give as my advice to any girl about to get married: ‚Well now, just imagine he had a terrible cold in his head, speaking through his nose all full of b’s and d’s, sneezing, eyes watering. What would you feel about him?‘ It’s a good test, really. What one needs to feel for a husband, I think, is the love that is tenderness, that comprises affection, that will take colds in the head and little mannerisms all in its stride. Passion one can take for granted.

But marriage means more than a lover – I take an old-fashioned view that respect is necessary. (S. 63)

You’ve got to hand it to Victorian women; they got their menfolk where they wanted them. They established their frailty, delicacy, sensibility – their constant need of being protected and cherished. Did they lead miserable, servile lives, downtrodden and oppressed? Such is not my recollection of them. All my grandmothers‘ friends seem to me in retrospect singularly resilient and almost invariably successful in getting their own way. They were tough, self-willed, and remarkably well-read and well-informed. […]

In one respect man was paramount. He was the Head of the House. A woman, when she married, accepted as her destiny his place in the world and his way of life. That seems to me sound sense and the foundation of happiness. If you can’t face your man’s way of life, don’t take that job – in other words, don’t marry that man. Here, say, is a wholesale draper; he is a Roman-Catholic; he prefers to live in a suburb; he plays golf and like to go for holidays to the sea side. That is what you are marrying. Make up your mind to it and like it. (S. 132)

aus: Agatha Christie: An Autobiography (1977)

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Fundstück von Agatha Christie

Zur nie endgültig zu klärenden Frage, wann man jungen Menschen kulturelle Güter nahebringen sollte

Agatha Christie ist siebzehn, als sie mit ihrer Mutter einige Monate in Ägypten verbringt. In ihrer Autobiografie schreibt sie über diese Zeit:

I soon became mad about polo, and used to watch it every afternoon. Mother tried to broaden my mind by taking me occasionally to the Museum, and also suggested we should go up the Nile and see the glories of Luxor. I protested passionately, with tears in my eyes, ‚Oh no, mother, oh no, don’t let’s go away now. There’s the fancy dress dance on Monday, and I promised to go on a picnic to Sakkara on Tuesday…‘ and so on and so forth. The wonders of antiquity were the last thing I cared to see, and I am very glad she did not take me. Luxor, Karnak, the beauties of Egypt, were to come upon me with wonderful impact about twenty years later. How it would have spoilt them for me if I had seen them then with unappreciative eyes.

There is no greater mistake in life than seeing things or hearing them at the wrong time. Shakespeare is ruined for most people by having been made to learn it at school; you should see Shakespeare as it was written to be seen, played on the stage. There you can appreciate it quite young, long before you take in the beauty of the words and of the poetry. (S. 171)

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Fundstück von Amos Comenius

Alle Verwicklungen der Welt haben nur eine einzige Ursache, nämlich die, daß die Menschen nicht zwischen dem Nötigen und Unnötigen unterscheiden können, daß sie das, was ihnen not ist, übersehen und sich fortwährend mit dem Unnötigen beschäftigen, sich darein verwickeln und verstricken.

(Johann Amos Comenius, zitiert nach Dieterich, S. 110)

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Fundstück von Thoreau

Gegenwärtig sind unsere Häuser so vollgepfropft, daß eine gute Hausfrau den größten Teil des Plunders in die Kehrichtgrube fegen möchte, wodurch ein Teil ihrer Morgenarbeit aufs beste erledigt würde. Morgenarbeit! Beim Erröten der Aurora und den memnonischen Klängen, worin sollte die Morgenarbeit des Menschen auf dieser Welt bestehen? Ich hatte drei Kalksteine auf meinem Pult liegen, fand aber zu meinem Entsetzen, daß sie tägliches Abstauben benötigten, während mein geistiger Hausrat noch unabgestaubt dastand, und voll Abscheu warf ich sie zum Fenster hinaus. Wie sollte ich mich nun mit einem möblierten Haus abfinden? Lieber will ich unter freiem Himmel sitzen, denn auf dem Gras sammelt sich kein Staub… (S. 67)

Ehe wir unser Haus mit schönen Gegenständen schmücken dürfen, müssen die Wände gereinigt, muß unser Leben gereinigt und ein schönes Leben zugrunde gelegt werden: Nun wird aber der Geschmack für das Schöne am besten im Freien gebildet, wo es weder Haus noch Hausherren gibt. (S. 69)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

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Fundstück von Thoreau über Erfindungen und technische Errungenschaften

Unsere Erfindungen sind gewöhnlich hübsche Spielsachen, die unsere Aufmerksamkeit von ernsten Dingen ablenken. Sie sind nur verbesserte Mittel zu einem unverbesserten Zweck, zu einem Ziel, bei dem man jederzeit nur zu leicht anlangt – wie Eisenbahnen nach New York und Boston fahren. Wir beeilen uns stark, einen magnetischen Telegraphen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts Wichtiges miteinander zu besprechen. Jedes von beiden ist dann in gleicher Lage wie jener Mann, der dringend wünschte, einer tauben Dame vorgestellt zu werden; als aber die Vorstellung erfolgte und das eine Ende ihres Hörapparates in seine Hand gelegt wurde, wußte er nichts zu sagen. Die Hauptsache besteht nicht darin, schnell, sondern vernünftig zu sprechen. (S. 89)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

P1090988Mittelalterfestival Visby 2015

Fundstücke über das Lesen

Dichtung kann wie ein emotionaler Resonanzboden etwas im Inneren zum Schwingen bringen, sie kann etwas bewegen, was lange erstarrt war, oder verschlossene Räume öffnen und diese Wort für Wort von ihrem (Erinnerungs-)Gerümpel befreien, so dass sie neu bewohnbar werden. (S. 89)

Leise und laute Katastrophen begegnen uns in Märchen, Patientengeschichten, in uns selbst und – in der Literatur. In ihr können wir unserer Angst begegnen und erkennen, dass es weitergeht, auch oder gerade, wenn nichts mehr ist wie zuvor. (S. 211)

aus: Andrea Gerk: Lesen als Medizin: Die wundersame Wirkung der Literatur (2015)

Each time I do a reading, it opens a window in me. Each book is a humbling situation and allows me to be more clear and detailed in my life. All the books that I’ve read have contributed to who I am today and how I look at life. (Ben, Gefängnisinsasse)

aus:  Ann Walmsley: The Prison Book Club, 2015 (S. 72)

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Fundstück von Andrea Gerk

Wobei sich aus der positiven Wirkung des Erzählens nicht automatisch ableiten lässt, dass auch der Akt des Lesens gesund ist. Aus der Perspektive eines Physiotherapeuten zum Beispiel kann Lesen gar nicht gesund sein. Schon allein das dauernde Sitzen: mit krummem Rücken an den Schreibtisch geklemmt oder halb liegend auf der Couch, tief versunken in fiktive Welten und darum völlig unerreichbar für das Knirschen und Stöhnen von Nacken- und Schultermuskulatur, Bandscheibe und Verdauungsorganen. Zwar ist den meisten Lesern die Idee bekannt, dass Körper und Geist eine harmonische Einheit bilden sollten, allerdings vor allem aus Philosophie und Literatur und weniger aus der Praxis.

aus: Andrea Gerk: Lesen als Medizin: Die wundersame Wirkung der Literatur (2015), S. 43

Besorgt euch das Buch. Wer nicht weiß, wieso, der lese noch mal rasch bei Binge Reading und Leselebenszeichen nach.

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Fundstück von Thoreau

Was die Kleidung anbelangt, […] so lassen wir uns vielleicht häufiger durch Neuerungssucht und die Rücksicht auf die Ansicht der Leute bestimmen, als durch die wahre Nützlichkeit. Wer zu arbeiten hat, der möge bedenken, daß der Zweck der Kleidung erstens der ist, die Lebenswärme zu bewahren – und zweitens in unserer Gesellschaftsordnung die Nacktheit zu verdecken; er wird dann ermessen, wieviel nötige oder wichtige Arbeit verrichtet werden kann, ohne daß er seine Garderobe bereichert. (S. 46)

Kein Mensch stand noch deshalb tiefer in meiner Achtung, weil er einen Fleck auf dem Rock hatte, doch bin ich überzeugt, daß man im allgemeinen mehr darauf besorgt ist, moderne oder wenigstens reine und ungeflickte Kleider zu besitzen, als ein reines Gewissen. (S. 47)

Ich sage euch aber: Hütet euch vor allen Unternehmungen, die neue Kleider und nicht vielmehr einen neuen Träger derselben verlangen. Ist der Mensch nicht neu, wie soll der neue Anzug passen? Die Menschen brauchen nicht etwas, womit oder worin sie es tun, sondern sie müssen etwas tun schlechthin oder vielmehr: etwas sein. Vielleicht sollten wir nie einen neuen Anzug anschaffen – wie lumpig und zerrissen der alte auch sei -, bis wir so gelebt, derartiges ausgeführt haben und unser Lebensschiff so gelenkt haben, daß wir uns im alten Gewand als neue Menschen fühlen … (S. 49)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

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Fundstück von Thoreau

Die Völker sind von dem wahnsinnigen Ehrgeiz ergriffen, ihr Andenken durch einen Haufen behauener Steine zu verewigen. Wie wäre es aber, wenn sie sich die gleiche Mühe gäben, ihre Sitten zu glätten und zu polieren? Ein Stück gesunder Vernunft wäre denkwürdiger als ein Monument, das so hoch ist wie der Mond. Ich sehe lieber den Stein an seinem natürlichen Ort. […] Ein paar Meter Mauerwerk, welches das Feld eines ehrlichen Mannes einschließt, sind vernünftiger als ein hunderttoriges Theben, das so weit vom wahren Zweck des Lebens abirrte. […] Was die Pyramiden anbelangt, so ist an ihnen nichts so erstaunlich wie die Tatsache, daß sich so viele Menschen fanden, die niedrig genug waren, um ihr Leben zur Erbauung eines Grabes für irgendeinen ehrgeizigen Tölpel zu verwenden […]. Ich könnte vielleicht für sie und für ihn eine Entschuldigung finden, ich habe aber keine Zeit dazu. Was Religion und Kunstliebe der Erbauer betrifft, so ist es auf der ganzen Welt gleich, ob das Gebäude ein ägyptischer Tempel ist oder die Bank der Vereinigten Staaten. Es kostet mehr, als es wert ist. (S. 97)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

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Fundstück von Thoreau über die öffentliche Meinung, Vorurteile und den Rat der Älteren

Die öffentliche Meinung ist, mit unserer eigenen Privatmeinung verglichen, ein schwächlicher Tyrann. Das, was der Mensch von sich denkt, das bestimmt sein Schicksal oder weist ihm den Weg. Wo ist der Wilberforce, der in den westindischen Provinzen der Phantasie und Einbildung die Selbstbefreiung herbeiführt? Man denke auch nur an die Damen des Landes, die bis zum letzten Tage Zierkissen sticken, um ja nicht ein zu lebhaftes Interesse an ihrer Bestimmung zu verraten! Als ob man die Zeit totschlagen könnte, ohne die Ewigkeit zu verletzen.

Die große Masse der Menschen führt ein Leben voll Verzweiflung. Was man so Resignation nennt, ist bestätigte Verzweiflung. […] Eine stereotype, wenn auch unbewußte Verzweiflung ist selbst unter dem versteckt, was man gewöhnlich Vergnügungen und Unterhaltungen der Menschen nennt. […]

Es ist nie zu spät, unsere Vorurteile aufzugeben; auf keine Ansicht, keine Lebensweise, und sei sie noch so alt, kann man sich ohne Prüfung verlassen. Was heute jeder als wahr nachplappert oder stillschweigend geschehen läßt, kann sich morgen als falsch erweisen – als bloßer Ansichtsdunst, den man für eine Wolke hielt, welche Wiesen und Felder mit fruchtbarem Regen erquicken würde. Was alte Leute für unmöglich erklären, das probieren wir und finden, daß es gemacht werden kann. […] In Wirklichkeit haben die Alten keinen einzigen wichtigen Rat bereit, den sie den Jungen geben könnten. Ihre eigene Erfahrung war dazu viel zu einseitig; ihr Leben – aus Privatursachen, wie sie glauben – ein erbärmlicher Mißerfolg. […] Ich habe dreißig Jahre auf diesem Planeten gelebt, hätte aber noch die erste Silbe wertvollen und ernstgemeinten Rats von den Älteren zu vernehmen. […] Da ist das Leben – ein zum großen Teil von mir noch nicht ausgeführtes Experiment. Was hilft es mir, daß sie es ausführten? Wenn ich irgendeine Erfahrung gemacht habe, die ich für wertvoll halte, so hatten, ich kann mich darüber besinnen wie ich will, meine Ratgeber mir nichts davon gesagt. (S. 29/30)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

Fundstück von Sara Maitland

How have we arrived, in the relatively prosperous developed world, at least, at a cultural moment which values autonomy, personal freedom, fulfilment and human rights, and above all individualism, more highly than they have ever been valued before in human history, but at the same time these autonomous, free, self-fulfilling individuals are terrified of being alone with themselves?

Sara Maitland: How to be alone, Macmillan, 2014, S. 15

Dazu passend Wenn es nur einmal so ganz stille wäre, gefunden auf Jeden Tag ein Zitat, ein Gedanke oder ein Bild.

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Fundstück von Thoreau

Ich finde es gesund, die meiste Zeit allein zu sein. Gesellschaft, selbst mit den Besten, wirkt bald ermüdend und zerstreuend. Ich bin unendlich gern allein. Noch nie fand ich den Gesellschafter, der so gesellig war wie die Einsamkeit. Wir sind meistens einsamer, wenn wir hinausgehen unter die Menschen, als wenn wir in unserm Zimmer bleiben. Der denkende und arbeitende Mensch ist immer allein, sei er, wo er wolle. Die Einsamkeit wird nicht nach den Meilen der Strecke gemessen, die zwischen uns und unsern Mitmenschen liegen. […]

Gesellschaft ist gewöhnlich billig zu haben. Wir treffen uns nach zu kurzen Zwischenräumen, als daß wir Zeit genug gehabt hätten, neuen Wert füreinander zu erlangen. Wir kommen dreimal täglich bei den Mahlzeiten zusammen und lassen den andern immer wieder von dem schimmeligen alten Käse kosten, der wir sind. Wir mußten übereinkommen, eine Reihe gewisser Regeln zu beobachten, die wir Etikette und Höflichkeit nennen, um diese häufigen Zusammenkünfte erträglich zu machen und nicht zu offenem Krieg zu kommen. Wir treffen einander auf der Post, bei ‚gesellschaftlichen Anlässen‘ und am Kamin jeden Abend; wir wohnen dicht zusammengepfercht, sind einander im Weg, stolpern übereinander und verlieren, meine ich, einigermaßen den Respekt voreinander. Gewiß würde weniger große Häufigkeit für jeden bedeutenden und herzlichen Verkehr genügen. (S. 202 ff)

Eine Unbequemlichkeit empfand ich oft in meinem kleinen Haus, nämlich die Schwierigkeit, in genügende Entfernung von meinem Gast zu gelangen, wenn wir anfingen, umfangreiche Gedanken in umfangreicheren Worten auszudrücken. Man braucht Platz für seine Gedanken, um sie zum Segeln zu bringen und ein paar Schwenkungen machen zu lassen, ehe sie den Hafen anlaufen. Die Kugel des Gedankens muß ihre seitliche und ihre Prallbewegung erst überwinden und in ihre eigentliche Flugbahn  getreten sein, ehe sie das Ohr des Hörers erreicht, sonst kann sie sich eventuell wieder an der Seite seines Kopfes hinauswühlen. So brauchen auch unsere Sätze Platz, sich zu entfalten und im Zwischenraum ihre Perioden zu bilden. Individuen wie Völker brauchen angemessen breitgezogene und natürliche Grenzen, selbst einen beträchtlichen neutralen Grund zwischen einander. (S. 209)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

Fundstück von Comenius über Büchersammler

Indessen sah ich wieder andere, welche die Bücher weder in sich aufnahmen noch auch in die Tasche steckten, sondern auf ihre Stube trugen; und als ich ihnen nun auch dahin folgte, bemerkte ich, wie sie dieselben in sehr schöne Futterale taten, mit verschiedenen Farben bemalten, bisweilen sogar mit Gold und Silber schmückten; dann stellen sie dieselben in einem Kasten in Reihen auf, nahmen sie bald wieder heraus und unterzogen sie einer erneuten Prüfung, reihten sie nochmals ein und wiederholten diesen Vorgang mehrmals, traten bewundernd zur Seite und wieder vor, wobei sie nicht wenig stolz darauf waren, wie prächtig sich dieselben von außen ausnahmen. einige pflegten von Zeit zu Zeit die Titel zu besehen, um sie gelegentlich hersagen zu können. Ich fragte: ‚Was treiben denn die Leute da für Narrenpossen?‘ ‚Lieber Freund‘, entgegnete mein Führer, ‚eine schöne Bibliothek zu besitzen ist ein köstliches Ding.‘ ‚Auch wenn man sie gar nicht benützt?‘ bemerkte ich; er gab zur Antwort: ‚Auch den, der eine schöne Bücherei besitzt, zählt man zu den Gelehrten.‘ Ich aber dachte: ‚Beiläufig so, wie einer, der viele Zangen und Hämmer hat, sie aber nicht zu gebrauchen weiß, unter die Schmiede zu zählen ist.‘ (S. 54)

Und uns LeserInnen ins Stammbuch: Nur „jene, welche ihre Weisheit wohlverwahrt in ihrer Seele mit sich“ tragen, müssen sich nicht vor Dieben oder Feuern fürchten, in denen Bücher verbrennen.

Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631)

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Fundstück von Louise Penny

… here she leaned forward and whispered conspiratorially – ‚I think many people love their problems. Gives them all sorts of excuses for not growing up and getting on with life.‘ Waiting for someone to save them. Expecting someone to save them or at least protect them from the big, bad world.

aus dem ersten Kriminalroman von Louise Penny: Still Life (2005)

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Fundstück von Hans Sahl

‚Wieder von vorn anfangen‘, sagte Kobbe. ‚Alles noch einmal überprüfen, nichts für gegeben hinnehmen. Wachsam sein, ohne Vorurteile, gescheit und gütig zugleich und nie das eine ohne das andere, der Mehrheit mißtrauen und der Minderheit dazu verhelfen, gehört zu werden, die Schwachen und Kranken beschützen und den Starken ein unbequemer Partner sein, immer wieder fragen und immer von neuem wissen, daß es nicht eine Antwort gibt, sondern viele, und daß nichts beständig ist in diesem Meer der Ungwissheit. Das sind so ein paar Stichworte, die mir durch den Kopf gehen. Kannst du etwas damit anfangen?‘

Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen (1959), S. 361

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Fundstück von Andy Miller

Werbeanzeige in einer englischen Zeitung für einen Lesekreis:

If YOU have ever been tempted by the idea of joining a book club but put off by the thought of highbrow discussions, the town’s latest group could be for you. A club meets at the Umbrella Centre each month to discuss literature – but you don’t even have to read the book to take part. Organiser Liz W. said the idea was to have fun and make new friends. ‚We choose books that are easy to read, and that have been made into films so you don’t even have to read if you don’t want to,‘ she said. ‚It should be fun and it’s as much about socialising as it is about the books.‘ The group was set up after people complained they felt intimidated by groups held in people’s houses. It particularly welcomes male members.

At the end of the piece there was a contact phone number. Fortunately, I was already a member of a book group otherwise I might have been tempted to join. It sounded mindboggling yet somehow inevitable: a book group where you didn’t have to read the book. Wherever she lies, Virginia Woolf must be punching herself in the face.

zitiert nach: Andy Miller: The Year of Reading Dangerously, 2014, S. 194/195

Fundstück von Iris Murdoch

Dem Blog Dovegreyreader verdanke ich den Hinweis auf das Interview mit der britischen Schriftstellerin Iris Murdoch (1919 – 1999), das in der Paris Review erschien.

Das folgende Zitat findet sich gegen Ende des Interviews:

INTERVIEWER: What effect would you like your books to have?

MURDOCH: I’d like people to enjoy reading them. A readable novel is a gift to humanity. It provides an innocent occupation. Any novel takes people away from their troubles and the television set; it may even stir them to reflect about human life, characters, morals. So I would like people to be able to read the stuff. I’d like it to be understood too; though some of the novels are not all that easy, I’d like them to be understood, and not grossly misunderstood. But literature is to be enjoyed, to be grasped by enjoyment.

INTERVIEWER: How would you describe your ideal reader?

MURDOCH: Those who like a jolly good yarn are welcome and worthy readers. I suppose the ideal reader is someone who likes a jolly good yarn and enjoys thinking about the book as well, thinking about the moral issues.

Fundstück von Carlos María Domínguez

Was für ein erster Satz:

Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.

Carlos María Domínguez: Das Papierhaus (2002)

Nach so einem Einstieg waren meine Erwartungen hoch, doch um ehrlich zu sein, trotz begeisterter Empfehlungen allerorten habe ich die Lektüre irgendwann abgebrochen. Nicht mein Ding.

Aber ein Besuch bei Flattersatz lohnt sich, der hat’s zu Ende gelesen und auch gleich einige interessante Links zusammengetragen.

Fundstück von Ingeborg Bachmann

So kann es auch nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn, im Gegenteil wahr haben und noch einmal, damit wir sehen können, wahr machen. Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit.
Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kommen, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufgegangen. Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenommen haben, sondern weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. Und das sollte die Kunst zuwege bringen, daß uns, in diesem Sinne, die Augen aufgehen. (…)

Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.

Ingeborg Bachmann in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden am 17. März 1959

Quelle:  schorschkamerun.de

Entdeckt auf dem Blog Seelen-Snack.

 

Lake District 2014 – Teil 5

There was no place in the world for open country like this stretch of ground in Northern England and Scotland, for it was man’s country: it was neither desert nor icy waste; it had been on terms with man for centuries and was friendly to man. The hills were not so high that they despised you; their rains and clouds and becks and heather and bracken, gold at a season, green at a season, dun at a season, were yours, the air was fresh with kindliness, the running water sharp with friendship, and when the mist came down it was as though the hill put an arm around you and held you even though it killed you. For kill you it might. There was no sentimentality here. It had its own life to lead and, as in true friendship, kept its personality. It had its own tempers with the universe and, when in a rolling rage, was not like to stop and inquire whether you chanced to be about or not.

‚I appeal to you, sir […] this is a handsome country, but it rains unduly.‘
‚It would not be so handsome a country,‘ said Harcourt, ‚ did it not rain so frequently.‘

(Hugh Walpole: Rogue Herries)

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Fundstück von Victoria

Heute ein Zitat – mit freundlicher Erlaubnis der Blogbetreiberin – aus dem schönen Blog Tales from the Reading Room.

Victoria hat zwar einen wunderbaren Ehemann, der ihr sogar Bücherregale zimmert, aber hin und wieder äußert er doch Bedenken, was die sich ansammelnde Büchermenge im Haushalt angeht.

Victoria schreibt:

For the last couple of months, Mr Litlove has been busy making me new bookcases. It will probably not surprise you to know that we have been experiencing a bit of a book crisis once again. Mr Litlove has been rumbling darkly to the effect that rather than live in a house with a lot of books, we have now veered into the territory of hoarders and eccentrics, and are living in a library that happens to have beds in it. I’m not sure why this should be an issue, but he seems to think it is.

Manches kann man nur auf Englisch so nett ausdrücken. Thanks, Victoria!

 

 

 

 

Fundstück von Jack Kerouac

Nun beobachte einmal die da vorne. Sie haben Sorgen, sie zählen die Kilometer, sie machen sich Gedanken darüber, wo sie heute Nacht schlafen werden, wie viel das Benzin kostet, über das Wetter, wie sie hinkommen werden – und dabei werden sie doch sowieso hinkommen. Aber sie müssen sich Sorgen machen und an der Zeit zu Verrätern werden mit falschen Dringlichkeiten und sonstwie, einfach in Angst und unter Jammern; ihre Seelen werden erst wirklich Frieden haben, wenn sie sich an eine anerkannte und gültige Sorge hängen können, und wenn sie die einmal gefunden haben, setzen sie eine Miene auf, die dem entspricht und dazu passt; und das ist, siehst du, Unglücklichsein, und die ganze Zeit über fliegt alles an ihnen vorbei, und sie wissen es und das bekümmert sie auch unendlich.

Jack Kerouac: Unterwegs

– mit einem Dankeschön an Uwe, den Kaffeehaussitzer

Fundstück von Siri Hustvedt

Das Lesen hat in unserer Kultur so nachgelassen, dass jetzt alles Lesen für ‘gut’ gehalten wird. Kinder werden ermahnt, überhaupt zu lesen, so als wären alle Bücher gleich, doch ein mit Binsenweisheiten und Klischees, mit formelhaften Geschichten und einfachen Antworten auf schlecht gestellte Fragen aufgeblähtes Gehirn ist kaum das, worum wir uns bemühen sollten.

aus Siri Hustvedt: Leben, Denken, Schauen

– mit einem Dankeschön an Linus, der das Buch vorgestellt hat.

Fundstück von Harold Bloom

Reading well is one of the great pleasures that solitude can afford you, because it is, at least in my experience, the most healing of pleasures. It returns you to otherness, whether in yourself or in friends, or in those who may become friends. Imaginative literature is otherness, and as such alleviates loneliness. We read not only because we cannot know enough people, but because friendship is so vulnerable, so likely to diminish or disappear, overcome by space, time, imperfect sympathies, and all the sorrows of familial and passional life.

Harold Bloom: How to read and why (2000)

In der deutschen Übersetzung von Angelika Schweikhart

Das richtige Lesen ist eines der großen Vergnügungen des Alleinseins, denn es ist meiner Erfahrung nach das heilsamste Vergnügen. Es gibt den Zustand des Andersseins wieder, sei es in einem selbst oder in Freunden oder jenen, die zu Freunden werden können. Die imaginative Literatur bedeutet Anderssein und mildert als solche die Einsamkeit. Wir lesen nicht nur, weil wir nicht genug Menschen kennen können, sondern auch weil die Freundschaft so verletzlich ist, weil es so wahrscheinlich ist, dass sie abnimmt oder schwindet, bezwungen durch Raum, Zeit, unvollkommene Sympathien und all die Sorgen des Familien- und Liebeslebens.

Fundstück von R. D. Waller

Allen Literaturwissenschaftlern ins Stammbuch

1956 schreibt Professor R. D. Waller einen Brief an Dorothy L. Sayers, in dem er ihr für einen Vortrag dankt, den sie an der University of Manchester über Dante gehalten hat. Dieser Vortrag „had heart in it“, damit meine er

that it was about something humanly interesting and that you were humanly interested in it … I dont’t see why professors and lecturers shouldn’t try to give lectures like yours and so put a bit of heart into their universities … I think you do a good thing giving lectures like that when you can at universities … University people have grown shy of committing themselves to anything, especially in the presence of their colleagues, for fear of being proved wrong, or perhaps of being thought naive for having any beliefs or enthusiasms.

zitiert nach: Barbary Reynolds: Dorothy L. Sayers – Her Life and Soul, 1993, S. 355

Fundstück von Friedrich Schiller

Die Räuber – 3. Akt, 2. Szene [Moor zu Schwarz]

[…] Ich habe die Menschen gesehen, ihre Bienensorgen und ihre Riesenprojekte – ihre Götterplane und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach Glückseligkeit! – Dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut – ein Anderer der Nase seines Esels – ein Dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens, worin so Mancher seine Unschuld, und – seinen Himmel setzt, einen Treffer zu haschen, und – Nullen sind der Auszug – am Ende war kein Treffer darin. Es ist ein Schauspiel […], das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt.

Mit Dank an Thomas vom Blog  Schiller Kompakt

Fundstück von Sylvain Tesson

Über das Tagebuchschreiben

Ich schreibe Tagebuch, um gegen das Vergessen anzukämpfen, um dem Gedächtnis eine Stütze zu bieten. Wenn man über sein Tun und Treiben nicht Buch führt, wozu dann leben? Die Stunden fließen dahin, jeder Tag entschwindet, und das Nichts triumphiert. Das Tagebuch, ein Kommandounternehmen gegen die Sinnlosigkeit. Ich archiviere die Stunden, die vergehen. Ein Tagebuch zu führen befruchtet die Existenz. Das tägliche Stelldichein mit der leeren Tagebuchseite zwingt mich, den Ereignissen des Tages größere Aufmerksamkeit zu schenken – besser zuzuhören, lauter zu denken, intensiver zu schauen. Es wäre unhöflich, am Abend nichts zu haben, was ich in mein Notizbuch eintragen könnte. (S. 138)

aus: Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens

Fundstück von SylvainTesson

Hinweis zu der auf längeren Reisen mitzunehmenden Literatur:

Wenn man vor der Dürftigkeit seines Innenlebens Angst hat, muss man gute Bücher mitnehmen – so kann man die eigene Leere immer füllen. Falsch wäre es, ausschließlich schwierige Lektüre mitzunehmen, weil man sich vorstellt, das Leben in den Wäldern würde die geistige Temperatur auf einer sehr hohen Stufe halten. Die Zeit wird lang, wenn man für verschneite Nachmittage nur Hegel hat. (S. 28)

aus: SylvainTesson: In den Wäldern Sibiriens

Fundstück von Meike Winnemuth

Du hast die seltene Gabe, immer das Richtige zu sagen und das Richtige zu fragen. Wie es mir wirklich geht zum Beispiel und ob ich nicht über dieses und jenes traurig bin. Oder mich nicht hin und wieder einsam fühle. Das wollen viele gar nicht so genau wissen – vielleicht trauen sie sich auch nicht, einfach unbefangen nachzuhaken. Dabei ist das Wissenwollen doch so unendlich menschenfreundlich! Empathie und echtes Interesse am anderen bedeutet aber eben auch, manchmal indiskrete Fragen zu stellen, die in unserer nur scheinbar höflichen Wir-lassen-uns-gegenseitig-schön-in-Ruhe-Kultur (in Wirklichkeit eine Wir-ignorieren-uns-zu-Tode-Kultur) schon fast verpönt sind, weil sie wie ein Übergriff wirken. Diesen Mut muss man erst mal haben, um einander wirklich nahe zu kommen.

Meike Winnemuth: Das große Los (S. 221)

Fundstück von Joseph Freiherr von Eichendorff

Und das sind die rechten Leser, die mit und über dem Buche dichten. Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel; er stellt nur die Himmelsleiter auf von der schönen Erde. Wer, zu träge und unlustig, nicht den Mut verspürt, die goldenen, losen Sprossen zu besteigen, dem bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot, und er täte besser, zu graben oder zu pflügen, als so mit unnützem Lesen müßig zu gehn.

aus: Joseph Freiherr von Eichendorff: Ahnung und  Gegenwart

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Fundstück von Sam Savage

Wenn das keine Liebeserklärung an Literatur ist:

Ich reiste in meinen Büchern durch Raum und Zeit […] Von Daniel Defoe ließ ich mir London zeigen, in der Zeit der Pest. Ich hörte des Glöckners Ruf: ‚Bringt heraus eure Toten!‘, es roch nach verbrannten Leichen. Diesen Geruch habe ich noch heute in der Nase. […] Nach ein paar Stunden brauchte ich einen Szenenwechsel und reiste nach China, stieg einen steilen Pfad durch Bambus und Zypressen hinauf und setzte mich für eine Weile in die offene Tür einer kleinen Berghütte, zu dem alten Tu Fu. Schweigend betrachteten wir den weißen Nebel, der in Schwaden aus dem Tal aufstieg, lauschten dem Fächeln des Windes, der durch die Schilfmatten hauchte, vernahmen die leisen Schwingungen entfernter Tempelglocken und waren, jeder für sich, ‚allein mit den zehntausend Dingen‘. Anschließend versetzte ich mich zurück nach England […] wo ich neben einem Feldweg ein Feuerchen anzündete, damit die arme, verstoßene Tess, die auf einem kahlen, windigen Acker Steckrüben ausgrub, ihre spröden Hände wärmen konnte. […] Als Nächstes fuhr ich mit Marlow an Bord eines verrosteten Dampfers einen afrikanischen Fluss hinauf und suchte einen Mann namens Kurtz. Wir fanden ihn tatsächlich. Besser wäre es gewesen, wir hätten ihn nicht gefunden! Ich brachte Leute zusammen. Baudelaire setzte ich auf das Floß neben Huck und Jim. Das ist ihm gut bekommen.

Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben, S. 57 – 58

Fundstück von Neil Gaiman

Fiction has two uses.

Firstly, it’s a gateway drug to reading. The drive to know what happens next, to want to turn the page, the need to keep going, even if it’s hard, because someone’s in trouble and you have to know how it’s all going to end … that’s a very real drive. And it forces you to learn new words, to think new thoughts, to keep going. To discover that reading per se is pleasurable. Once you learn that, you’re on the road to reading everything. And reading is key.

There were noises made briefly, a few years ago, about the idea that we were living in a post-literate world, in which the ability to make sense out of written words was somehow redundant, but those days are gone: words are more important than they ever were: we navigate the world with words, and as the world slips onto the web, we need to follow, to communicate and to comprehend what we are reading. People who cannot understand each other cannot exchange ideas, cannot communicate, and translation programs only go so far.

aus: Neil Gaiman: Why our future depends on libraries, reading, and daydreaming

Fundstück von Urs Widmer

… den einzigen Gewinn, den das Altwerden dir bieten kann: zu fühlen, dass du das Leben tatsächlich gelebt hast. Nicht als Luftschloss, von einem Schimärenzimmer ins andere stolpernd, sondern so lustvoll wie möglich und so schmerzhaft wie nötig. Es ist nahezu vorbei, das Leben, aber es war und ist immer noch. Hier, konkret, jetzt. Ich war jung, ich bin alt. Die Erkenntnis, notwendig einem Gesetz unterworfen zu sein, das keine Ausnahmen kennt, schenkt mir in kostbaren Augenblicken ein Gefühl des Glücks. Ich auch, wie alle.

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (2013)

Fundstück von Eleanor Catton

My sense of injustice about our family’s „weirdness“ in not owning a car was amplified by the fact that we did not own a television either – my parents were unapologetic about this, and told me very cheerfully that I would thank them for it when I was older, which was quite true.

Die Neuseeländerin Eleanor Catton, die gerade für den 800-Seiten-Roman The Luminaries mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde, über ihre Kindheit

Fundstück von Will Schwalbe

Manchen zur freundlichen Erinnerung:

I don’t like being interrupted either – but I interrupt other people. I often forget that other people’s stories aren’t simply introductions to my own more engaging, more dramatic, more relevant, and better-told tales, but rather ends in themselves, tales I can learn from or repeat or dissect or savor.

aus: Will Schwalbe: The End of your Life Book Club (2012), S. 50

Fundstück von Elisabeth Rynell

Das Schwierigste ist, sich lieben zu lassen. Nicht zu lieben. Das Kind nimmt die Liebe entgegen wie die Luft, wie die Milch. Aber der Erwachsene, der gelernt hat, das Selbstverständliche zu kaschieren, die Nacktheit zu kaschieren. Der sich seiner selbst qualvoll bewusst geworden ist und fragt: Wer ist es, der behauptet, mich zu lieben? Wer ist es, der glaubt, mich zu kennen? (S. 208)

aus: Elisabeth Rynell: Schneeland (1997)

Fundstück von John Sutherland

Every week now more novels are published than Samuel Johnson had to deal with in a decade. If you had the riches of Croesus (or Bill Gates) you could, with a few hours‘ key-stroking, order up from Amazon.com some half-million novels to be Fedexed, rush delivery, in thirty-six hours. You would, of course, need a disused airplane hangar to keep the books in and a small army of forklifting stackers and fetchers to move the things. Given a reading career of fifty years, a 40-hour reading week, a 46-week working year and three hours per novel, you would, as I calculate, need 163 lifetimes to read them all. And very dull lifetimes they would be. More fun on the forklifts. […] Where to start? Is there any point in starting, or shaping one’s reading experiences? How can one organise a curriculum?

So umreißt der emeritierte Professor John Sutherland das Problem, für das er mit seinem Buch How to Read a Novel (2006) eine Hilfestellung geben will.

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Fundstück von Markus Werner

Am Radio habe ich einmal gehört, wie ein Schriftsteller gefragt worden ist, warum er schreibe – eine Frage übrigens, die nur Schriftstellern gestellt wird, noch nie ist ein Geiger gefragt worden, warum er geige, nur Mörder und Schriftsteller fragt man nach dem Motiv ihrer Tätigkeit -, der Schriftsteller hat geantwortet, er schreibe, um der Wirklichkeit standzuhalten. Das tönt sehr tapfer. Und braucht trotzdem nicht mehr zu heißen, als daß Erzählen eine Technik ist, die dazu dient, der Wirklichkeit das Wirkliche zu nehmen, das unerträglich Scharfe und also Schneidende. Gern wird ein Gnädiger die Umwandlung der Welt in Sätze als eine Form des Standhaltens begreifen, der Strenge aber ahnt darin mit gleich viel Recht nur Feigheit vor dem Feind. So oder so, wer Überstandenes erzählt, der übersteht das Überstandene zum zweiten Mal und fühlt sich munter, auch wenn er manchmal weiß, daß alle Fabuliererei nur provisorisch rettet: Das Ende läßt sich nie erzählen.

aus: Markus Werner: Bis bald (1992)

Fundstück von Doris Lessing

Da musste ich an die Seminare im Studium denken, in denen wir monatelang einzelne Klassiker auseinanderklamüsert haben…

Wie jeder andere Schriftsteller bekomme ich ständig Briefe von jungen Leuten, die in verschiedenen Ländern – aber besonders in den Vereinigten Staaten – Examensarbeiten und Aufsätze über meine Bücher schreiben. Sie alle sagen: „Bitte schicken Sie mir ein Verzeichnis der Artikel über Ihr Werk, der Kritiker, die über Sie geschrieben haben, der Autoritäten.“ Sie fragen mich nach tausend Einzelheiten, die völlig irrelevant sind, die aber als wichtig zu betrachten sie gelehrt wurden und die schließlich ein Dossier ergeben wie das eines Einwanderungsbüros.

Diese Anfragen beantworte ich wie folgt: „Lieber Student, Du bist verrückt. Warum Monate und Jahre damit zubringen, Tausende von Wörtern über ein einziges Buch oder selbst einen einzigen Schriftsteller zu schreiben, wenn es Hunderte von Büchern gibt, die darauf warten, gelesen zu werden. Du begreifst nicht, daß Du das Opfer eines schädlichen Systems bist. Und wenn Du Dir mein Werk als Thema ausgesucht hast und wenn Du eine Examensarbeit schreiben mußt […], warum liest Du dann nicht, was ich geschrieben habe, und wirst Dir klar über das, was Du denkst, und prüfst  es anhand Deines eigenen Lebens, Deiner eigenen Erfahrung. Kümmere Dich nicht um Professor Schwarz und Weiß.“

Doris Lessing, in ihrem Vorwort zu Das Goldene Notizbuch (1962)

Fundstück von Nikolas Lezard

Über das Wiederlesen von Büchern

There are people, though, who cannot see the point of rereading, who consider it the very definition of a waste of time. (I never imagined such people existed until my wife announced this opinion herself.) They are, I regret to say, philistines with an atrophied response to literature who shouldn’t (with the possible exception of my wife) be allowed near a book in the first place. It’s like saying you don’t want to listen to a work of music because you’ve already heard it. Of course life is too short to go back to every book you have liked or loved – but to rule it out absolutely? That is to ignore the fact that a book is not the same when you come back to it. You never step in the same river twice, if you’re looking properly.

Nikolas Lezard, 9. November 2007 im Guardian

Fundstück von Jakob Wassermann

Ihr lest ein schönes Buch, ihr seht ein ergreifendes Theaterstück und seid erschüttert von diesen nur eingebildeten Leiden […] Ein trauriges Lied kann die Tränen entlocken […] Du konntest eine Nacht lang nicht schlafen, als man uns erzählte, drüben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes Kind verhungern lassen. Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das Ferne, woran ihr eure Teilnahme verschwendet? Warum immer nur dem Wort, dem Klang, dem Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen, dessen Not handgreiflich ist? Ich versteh‘ es nicht, versteh‘ es nicht, das quält mich, daran, ja daran verbrenn‘ ich.

Clara von Kannawurf in Jakob Wassermann: Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens (1908)

Fundstück von Joseph Joubert

Man verlangt ohne Unterlass nach neuen Büchern, dabei liegen in denen, die wir schon haben, unermessliche Schätze der Wissenschaft und Heiterkeit, die uns unbekannt sind, weil wir versäumt haben, ihnen nachzugehen. Es ist der Nachteil der neuen Bücher, dass sie uns hindern, die alten zu lesen.

Joseph Joubert (1754 – 1824)

Fundstück von Marie-Sabine Roger

… denn mit dem Nachdenken anzufangen ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt. Alles ringherum kam einem immer ganz okay vor – einfach weil es unscharf war. Und dann plötzlich sieht man die Risse, den Rost, die Mängel, alles, was bröckelt. Man sieht den Tod, die Tatsache, dass man alles eines Tages verlassen muss, und das nicht unbedingt auf die lustigste Art und Weise. Man kapiert, dass die Zeit nicht nur vergeht: Sie schubst uns mit beiden Händen jeden Tag ein bisschen weiter dem Tod entgegen.

Marie-Sabine Roger: Das Labyrinth der Wörter (S. 49 – 50 der Taschenbuchausgabe)

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Fundstück von Mitch Albom

Everyone knows they’re going to die, but nobody believes it. If we did, we would do things differently. (S. 81)

So many people walk around with a meaningless life. They seem half-asleep, even when they’re busy doing things they think are important. This is because they’re chasing the wrong things. (S. 43)

Mitch Albom: tuesdays with Morrie: an old man, a young man, and life’s greatest lesson (1997)

 

Fundstück von Harold Bloom

Sir Francis Bacon […] famously gave the advice:

Read not to contradict and confute, nor to believe and take for granted, nor to find talk and discourse, but to weigh and consider.

zitiert nach: Harold Bloom: How to read and why

Auf Deutsch: Sir Francis Bacon […] gab den Rat, zu

lesen, nicht um zu widersprechen und zu widerlegen, noch um zu glauben und für selbstverständlich zu nehmen, noch um ein Gespräch und eine Unterhaltung zu führen, sondern um abzuwägen und zu betrachten.

Fundstück von Seneca

Die Lektüre ist aber für mich, wie ich glaube, unbedingt notwendig: erstens, um mich nicht mit mir allein begnügen zu müssen, zweitens, um mit den Erkenntnissen anderer bekannt zu werden, drittens, damit ich mir über das, was sie herausgefunden haben, ein Urteil bilden und über die noch zu lösenden Fragen nachdenken kann.

L. Annaeus Seneca

Fundstück von Jeanette Winterson

Books, for me, are a home. Books don’t make a home – they are one, in the sense that just as you do with a door, you open a book, and you go inside. Inside there is a different kind of time and a different kind of space. There is warmth there too – a hearth. I sit down with a book and I am warm. I know that from the chilly nights on the doorstep.

Jeanette Winterson, brit. Schriftstellerin

Fundstück von Platon

Die Erfindung der Schrift

wird die Lernenden in ihrer Seele vergesslich machen, weil sie dann das Gedächtnis nicht mehr üben; denn im Vertrauen auf die Schrift suchen sie sich durch fremde Zeichen außerhalb, und nicht durch ihre eigene Kraft in ihrem Innern zu erinnern. Also nicht ein Heilmittel für das Gedächtnis, sondern eines für das Wiedererinnern hast du erfunden. Deinen Schülern verleihst du aber nur den Schein der Weisheit, nicht die Wahrheit selbst. Sie bekommen nun vieles zu hören ohne eigentliche Belehrung und meinen nun, vielwissend geworden zu sein, während sie doch meistens unwissend sind und zudem schwierig zu behandeln, weil sie sich für weise halten, statt weise zu sein.

In diesem Ausschnitt aus dem Phaidros, einer der Schriften Platons, erzählt Sokrates von zwei ägyptischen Göttern. Der eine will dem anderen seine Erfindung der Schrift schmackhaft machen, doch der andere weist sie mit den oben genannten Worten zurück. Du liebe Zeit, vor über zweitausend Jahren hat Platon schon das Problem unseres sogenannten Informationszeitalters auf den Punkt gebracht.

Fundstück aus der ZEIT

Ein Fundstück aus der ZEIT

London. U-Bahn-Haltestelle Westminster. Ein altes Ehepaar betritt das Abteil. Beide mindestens 90, sie gebückt und am Stock gehend, er zitternd und mit Hut. Sie halten sich an den Händen. Wie auf Kommando erheben sich alle Leute von ihren Plätzen. Die Alten nicken dankend und setzen sich mühsam. Er nimmt den Hut ab. Schaut versonnen lächelnd in die Runde. Dann beugt er sich zu seiner Frau, küsst sie auf die Wange und sagt seufzend: „We must look old, my dear.“

Leserzuschrift von Hannah Ruhm, 12. Mai 2010

Fundstück von Halldor Laxness

Oft scheint mir, mit der Allmacht verhält es sich so wie mit einer Schneeammer, gegen die sich alle Wetter verschworen haben. So ein Vogel wiegt nicht mehr als eine Briefmarke. Dennoch wird er nicht hinweggefegt, wenn er bei schwerem Sturm auf freiem Felde steht. Haben Sie jemals den Kopf einer Schneeammer gesehen? Sie hält diesen zarten Kopf dem Unwetter entgegen, den Schnabel zur Erde, legt die Flügel fest an die Seiten, der Schwanz zeigt nach oben. Der Sturm kann den Vogel nicht packen, sondern er muß sich spalten. Selbst in den schlimmsten Böen schwankt der Vogel nicht. Wo er steht, ist Windstille. Nicht einmal eine Feder an seinem Körper bewegt sich. (S. 64)

aus: Halldor Laxness: Am Gletscher (1968)

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