Can Merey: Der ewige Gast (2018)

Der deutsche Journalist und Autor Can Merey wurde 1972 in Frankfurt als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Sein Buch Der ewige Gast – Wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden ist das Interessanteste und Fundierteste, was ich bisher über die Geschichte und Probleme der Deutschtürken gelesen habe.

Can Mereys Vater, Tosun Merey, kam 1958 nicht als Gastarbeiter in die Bundesrepublik, sondern als Student. Doch die nachfolgenden Wirrnisse und Hindernisse, die sich einer erfolgreichen Integration in den Weg stellten, sind familien-, schicht- und generationsübergreifend, und wurden nur wenig durch die besseren beruflichen Chancen abgemildert, die ein erfolgreiches Studium natürlich mit sich brachte.

Ausgehend von der Geschichte seines Vaters, der als alter Mann resigniert feststellt, dass er letztendlich nicht in Deutschland heimisch werden durfte – beispielsweise muss er mehrmals während seines Berufslebens erfahren, dass Deutsche keinen Türken als Vorgesetzten akzeptieren wollen -, packt Merey das Buch randvoll mit Anekdoten, Erlebnissen, Geprächen und Familienerinnerungen.

Dabei bleibt er jedoch nicht im rein Persönlichen, sondern weitet den Blick der LeserInnen, indem er eben auch die geschichtlichen Hintergründe und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die jeweilige Rechtsprechung (beispielsweise zu die Details des Anwerbeabkommens) und die Art der öffentlichen Berichterstattung über die sogenannten Gastarbeiter mitsamt vieler Zitate aus zeitgenössischen Quellen miteinfließen lässt. Bis hin zu den menschenverachtenden Texten rechtsextremer Bands.

Wenig bekannt ist, dass die Türkei zwischen 1933 und 1945 Hunderten deutschen Wissenschaftlern und Künstlern sowie deren Familien Zuflucht bot, die aus dem Dritten Reich fliehen mussten. Die Exilanten bauten wichtige Fakultäten an türkischen Hochschulen auf, sie halfen bei der Modernisierung der Verwaltung – und sie trugen zu den Bestrebungen von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk bei, das Land nach Westen zu orientieren. Zum bekanntesten Vertreter dieser Gruppe wurde Ernst Reuter, der Sozialdemokrat und spätere Regierende Bürgermeister von Berlin lebte von 1935 bis 1946 in der Türkei. […] In Ausweispapieren von Flüchtlingen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war, trugen die türkischen Behörden den Vermerk ‚haymatloz‘ ein. (S. 20/21)

Dazu gibt es Kapitel, die sich beispielsweise mit den Fragen befassen, ob JournalistInnen mit türkischen Wurzeln die Rolle der Alibitürken in den Redaktionen übernehmen, welche (miesen) Erfahrungen seine KollegInnen mit Rassismus in Deutschland machen und warum genau der türkische Staatspräsident eigentlich so bedeutsam für viele Deutschtürken ist und wo Deutschland in seinen Beziehungen mit der Türkei vielleicht auch eine gewisse Doppelmoral an den Tag legt.

Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man den bürokratischen Wahnsinn und Widersinn bei der Einbürgerung Tosuns Mereys mitverfolgt, wenn ihm, dem erfolgreichen deutschsprachigen Manager, wiederholt Bescheinigungen seiner Deutschkenntnisse abverlangt werden.

Eine weitere Stärke dieses Buches ist es, dass es unaufgeregt möglichst viele Stimmen zu Gehör bringt. Merey nimmt es sogar auf sich, einen ehemaligen Korrespondentenfreund zu besuchen, der inzwischen AfD-Funktionär ist. Genauso interviewt er einen türkischstämmigen Polizisten, der lange hoffte, die AfD wäre eine wirkliche Alternative, und der kein Mitleid mit gesellschaftlich abgehängten BMW-Murats oder Kickbox-Hassans mit den dicken Goldkettchen hat.

Abgesehen davon, dass das Buch eine interessante Lebensgeschichte schildert, ist es darüber hinaus randvoll mit hilfreichen Hintergrundinformationen, die u.a. den Wechsel in der öffentlichen Akzeptanz der türkischen Mitbürger veranschaulichen. So wurden noch Anfang der Sechziger Tosun und weitere Studenten in seinem Wohnheim von ihnen unbekannten deutschen Familien eingeladen, die Weihnachtsfeiertage bei ihnen zu verbringen, wodurch Tosun eine gastfreundliche Familie in Ulm kennenlernte.

Und von dem Wohnheim am Maßmannplatz in München hatte ich vorher noch nie gehört.

Dann wieder der Hinweis auf einen Vorfall 1985,  der daran erinnert, dass Deutschland nicht erst seit den Möglichkeiten, die das Internet bietet, ein Hetzer- und Rassistenproblem hat. 1985 erschien auch Wallraffs Buch Ganz unten, von dem Can Merey sagt, dass ihn kein Buch tiefer verstört habe. Dass diese ständigen Kränkungen und bedrohlichen Nachrichten, ob selbst erfahren, gehört oder von ihnen gelesen, Auswirkungen auf das eigene Selbstbild und die Ausbildung einer nationalen Identität haben, steht außer Frage. Und da lagen die Angriffe in Hoyerswerda und Mölln sogar noch in der Zukunft.

CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl blieb der Trauerfeier für die Mordopfer von Mölln fern. Sein Sprecher Dieter Vogel sagte zur Begründung: ‚Die schlimme Sache wird nicht besser dadurch, dass wir in einen Beileidstourismus ausbrechen.‘ […] ‚Beileidstourismus‘ kam 1992 in die engere Auswahl bei der Wahl für das ‚Unwort des Jahres‘. (S. 158)

Auch der lakonische Humor des Autors gefiel mir: Um seinen Sprachkurs am Goethe-Institut in Blaubeuren absolvieren zu können, fliegt der junge Tosun Merey 1958 mit Swissair von Istanbul nach Zürich, wo er von einem Geschäftspartner des Vaters abgeholt wird.

Sein erster internationaler Flug beeindruckte ihn so nachhaltig, dass die Airline in unserer Familie noch über ihr Ende im Jahr 2002 hinaus einen hervorragenden Ruf genoss – obwohl außer meinem Vater wohl nie jemand von uns mit ihr geflogen ist. (S. 16)

Vor allem aber macht Can Mereys Buch deutlich: Integration ist keine Einbahnstraße:

Natürlich gibt es Türken, die jede Integration verweigern. Wer als Ausländer die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt, während er gleichzeitig die Vorzüge der Bundesrepublik genießt, der hat aus meiner Sicht hier nichts verloren. Tosuns Geschichte zeigt aber: Integration scheitert nicht nur an unwilligen Ausländern, sondern auch an der deutschen Mehrheitsgesellschaft. […] Ohne gesellschaftliche Akzeptanz  kann Integration nicht funktionieren. (S. 11)

Dass Bewerber mit nichtdeutschen Namen schlechtere Erfolgsaussichten bei der Suche nach einem Ausbildungs-, Arbeitsplatz oder einer Wohnung haben, haben Studien leider mehrfach bestätigt.

Der Vater des Autors, Tosun Merey, zieht ein ernüchterndes Fazit:

Es ist ja nicht so, dass ich jeden Tag auf der Straße beleidigt worden wäre. Aber ich glaube, dass der Mensch auch eine geistige Heimat benötigt, um sich integrieren zu können. Die kannst du aber nur finden, wenn du auch ein Zugehörigkeitsgefühl hast. Es reicht nicht, die Sprache zu lernen und die Lebensart zu übernehmen. Ein Zugehörigkeitsgefühl kann sich nicht entwickeln, wenn du zu spüren bekommst, dass du nicht willkommen bist. Und das ist das Schlimmste: sich unerwünscht zu fühlen und zu merken, dass man nicht dazugehört. Viele Türken haben das Gefühl, dass die Deutschen sie nicht integrieren wollen. (S. 231)

 

Hasnain Kazim: Post von Karl-Heinz (2018)

Der deutsche Journalist und Autor Hasnain Kazim muss sich wie viele andere, die in der Öffentlichkeit präsent sind und deren Namen nicht nach Müllermeierschulze klingen, immer wieder mit Hassmails befassen, die Drohungen, Pöbeleien und Gewaltfantasien enthalten, die ja heutzutage blitzschnell und ohne dass man noch in Briefmarken oder Umschläge investieren müsste, versandt werden können.

Einer seiner Wege, sich dagegen zu positionieren, ist, den Briefschreibern zu antworten, sie in ein Gespräch einzuladen, aufzuklären, sich aber auch abzugrenzen, wenn ein Austausch gänzlich hoffnungslos ist. Eine Reihe dieser Mailwechsel hat er in seinem Buch mit dem hübschen Titel Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte veröffentlicht.

Ich ziehe meinen Hut vor Kazims Ironie, seiner Schlagfertigkeit, seiner Geduld und vor seiner Weigerung, in gleicher Münze heimzuzahlen. Der Weigerung, sich verbittern zu lassen, zurückzuhassen.

Ich habe losgeprustet, wenn er die wildesten und idiotischsten Beleidigungen so ins Absurde gesteigert hat – ja, er komme gern am Wochenende mit kompletter Großfamilie mal vorbei, sie seien ohnehin in der Gegend und sie würden auch die Ziegen zur Schächtung mitbringen, dann könne ihm der Briefeschreiber mal zeigen, was ein richtiger Deutscher sei – und mich gefreut, wenn er doch noch jemanden auf die Ebene halbwegs zivilisierter Umgangsformen zurückverfrachten konnte. Auch die ein oder andere Hilfestellung für eigene Argumentationen ließe sich dem Buch entnehmen. Daneben gibt es auch ernsthafte und höfliche Leserzuschriften, die von ihm freundlich und ausführlich beantwortet werden.

Doch vor allem war ich nach der Lektüre dieses durchaus unterhaltsamen Buches verstört. Ich hatte das Gefühl, eine Bodenplatte tut sich auf, darunter krabbelt und tobt das, was eine Gesellschaft nachhaltig gefährden kann.

Wie kann es sein, dass manche Menschen ernsthaft glauben, mit ihren Pöbeleien, ihrem Rassismus, ihrer Ignoranz und Langeweile, ihrer miesen Kinderstube, ihrer völligen Überschätzung der eigenen Befindlichkeiten und dem Weltbild eines Grottenolms anderen ungestraft auf die Nerven fallen zu dürfen?

Und wie kann es sein, dass es inzwischen Richter gibt, die solcherlei Komplettentgleisungen (siehe Renate Künast) noch als Meinungsäußerung deklarieren, die Personen, deren Arbeit öffentlich sichtbar ist, halt zu akzeptieren haben?

Oder dass eine Anzeige sofort gegenstandslos wird, wenn der Beschuldigte treuherzig versichert, dass nicht er die Mails geschrieben habe, schließlich habe der halbe Ort Zugang zu seinem Rechner.

In seinem einleitenden Kapitel Vom Umgang mit Hass im Posteingang schreibt er zu der Floskel, dass man auch den Brüllern und Hetzern mit Respekt begegnen solle:

Ich soll Leuten mit Respekt begegnen, die mich ‚in die Gaskammer!!!‘ wünschen? […] Und was soll, bitte schön, ‚auf Augenhöhe‘ heißen? Soll ich mich auf den Bauch legen, um mit diesen Leuten ‚auf Augenhöhe‘ zu reden? Diese, bei allem Respekt, dämlichen, jedenfalls unbeholfenen Ratschläge geben mir mehr zu denken als die meisten Beleidigungen und Drohungen. Ich empfinde dieses achselzuckende Zuschauen, solche ‚Na, damit musst du halt klarkommen‘-Positionen als dröhnendes Schweigen. […] Mir macht Angst, dass Leute inzwischen in entspanntem Ton darüber philosophieren, wie man mit Rechten reden sollte. Aber diejenigen, die solche intellektuellen Fingerübungen ausprobieren, sind Leute, die durch die Rechten in keinerlei Weise bedroht sind, schon gar nicht existenziell. (S. 17/18)

Kazims Buch mahnt an, dass Menschen Verantwortung für ihre Worte haben und dass es an der Zeit ist,  den einen oder die andere an diese Verantwortung nachdrücklich zu erinnern.

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Ahmet Toprak: Auch Alis werden Professor (2017)

Von Ahmet Toprak, einem Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, stammt der autobiografische Rückblick Auch Alis werden Professor: Vom Gastarbeiterkind zum Hochschullehrer (2017).

Abgesehen von einem unendlich drögen Cover, das mich beinahe vom Kauf abgehalten hätte, fing das schmale Buch sehr vielversprechend an.

Mein Vater meldet sich 1967 in Ankara in einem Anwerbebüro und wird medizinisch untersucht. Es ist damals üblich, dass die Arbeitswilligen von deutschen Ärzten und Krankenschwestern […] auf Herz und Nieren gecheckt werden. (S. 16)

Topraks Eltern stammen aus einem zentralanatolischen Dorf.

Im Winter ist das Dorf mit 150 bis 200 Einwohnern für mehrere Monate von der Außenwelt abgeschnitten. In den Häusern gibt es weder fließendes Wasser oder Strom. […] Zum Kartenspielen und Einkaufen müssen die Bewohner in die fünf Kilometer entfernte Kreisstadt laufen. Autos oder Busverbindung gibt es damals nicht. Viele im Dorf sind miteinander verwandt oder verschwägert. Alle kennen sich, alle helfen sich. Aber auch die soziale Kontrolle ist enorm.

Als der Vater sich zu einem Gastarbeiterdasein in Deutschland entscheidet, hat er bereits vier Kinder. Der Autor und ein weiterer Bruder werden erst später geboren. Der Vater findet Arbeit bei den Ford-Werken in Köln. Niemand erwartet dort von den Türken, dass sie Deutsch lernen. Selbst als man nicht mehr davon ausgeht, dass die türkischen Arbeiter in ihre Heimat zurückgehen – es hat sich als viel zu uneffektiv erwiesen, die meist ungebildeten Arbeiter im Rotationssystem immer wieder neu einzuarbeiten -, ist es für die Firma einfacher (und günstiger), einem Vorarbeiter genügend Türkisch beizubringen als der ganzen Hallenbelegschaft Deutsch.

Leider spielen die Eltern danach nur noch eine sehr vage Rolle. Irgendwann lässt der Vater seine Frau nachkommen, doch der Sohn Ahmet wird erst mit 10 Jahren nach Deutschland geholt. Das Brüderchen, das inzwischen in Deutschland geboren wurde, bekommt den Spitznamen „Made in Germany“ verpasst.

Ahmets erste Erfahrung in Deutschland ist ein freilaufender Hund, der in einem Park auf ihn zustürmt. Der Besitzer versteht die Angst des Kindes nicht und wiederholt immer nur den Satz „Der will nur spielen.“

Es folgen positive und negative Schulerfahrungen. Als es darum geht, was Ahmet nach der Hauptschule anfangen soll, plädiert der Vater für eine solide Schlosserlehre. Doch Ahmet kann sich nichts Schlimmerers vorstellen und ringt seinem Vater einen Deal ab. Er geht zurück in die Türkei. Sollte er dort das Abitur nicht schaffen, käme er zurück und würde sogar eine Dachdeckerlehre machen, was ihnen als Inbegriff unattraktiver Arbeit erschien.

Er lernt neu das autoritäre Schulsystem in der Türkei kennen, in dem kritisches Diskutieren und einem Lehrer zu widersprechen, als unerhört galten.

Er schafft das Abitur, beginnt ein Studium in Ankara, wird irgendwann wieder zurück nach Deutschland beordert, das er durchaus vermisst hat, und nach einigen Irrungen und Wirrungen findet er seinen Platz im Pädagogikstudium.

2001 erfolgt die Promotion und 2007 schließlich die Ernennung zum Professor.

Das Buch krankt für mich an der Kürze (168 sehr großzügig gesetzte Seiten). Dass die Schwester gegen ihren Willen irgendwann wieder in die Türkei geschickt wird, wird zwar damit kommentiert, dass die Schwester sehr „niedergeschlagen“ gewesen sei, doch innerhalb des Buches gibt es keine Auseinandersetzung mit dem Erziehungsstil oder dem Frauenbild der Familie.

Auch dass die eigenen Eltern nicht an seinen Bildungsaufstieg glauben, wird nur sehr am Rand abgehandelt. Sie halten es für für pure Überheblichkeit, als er sich auf eine Professur bewirbt.

Der bewundernswerte Werdegang Ahmet Topraks ist sicherlich auch insofern ungewöhnlich, da er nach der Hauptschule zunächst in die Türkei zurückkehrt, um dort sein Abitur abzulegen. Ob das auch im deutschen Schulsystem mit seiner latenten Benachteiligung von (Gast-)Arbeiterkindern so ohne Weiteres möglich gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln.

Die miesen Anwürfe und Diskriminierung, die der Autor in vielerlei Situationen (Fahrscheinkontrolle, Einbürgerung, Wohnungssuche) erfahren hat, zeigen, wie weit weg wir noch von einem selbstverständlichen Zusammenleben verschiedener Ethnien sind. Der Autor nimmt’s oft mit Humor, manchmal mit Wut oder konfrontiert den anderen mit seinen rassistischen oder zumindest sehr stereotypen Aussagen. Dazu gehört viel Kraft und der Wille, sich nicht in einer Opferrolle einzukuscheln.

Und nicht jeder kann dann den Weg gehen, der ihm jetzt möglich ist. Als potentielle Vermieter sich plötzlich nicht mehr von seiner Herkunft abschrecken lassen, weil sie unglaublich gern einen Professor als Mieter hätten, kommentiert der Autor diese Erfahrungen ganz trocken mit: „Professor schlägt Türken“.

Fazit: Auf der einen Seite fand ich das Buch immer unbefriedigender, da wesentliche Faktoren im Dunkeln bleiben. Oft kam mir das Innenleben der Personen zu kurz und auch, wenn man die Familie nicht über Gebühr mit in die Öffentlichkeit eines Buches zerren will, letztendlich gehören Eltern und Geschwister ebenfalls zu der Frage, wie ein Gastarbeiterkind zum Professor werden kann. Da war mir der – berechtigte – Hinweis auf die beeindruckende Lebensleistung der Mutter, die als Analphabetin 33 Jahre in einer deutschen Firma gearbeitet und sechs Kinder (vier davon Akademiker) großgezogen hat, zu wenig.

Über weite Strecken habe ich das Werk auch als die Schilderung einer verwunderten Selbstvergewisserung gelesen, wohin man aus eigener Kraft gekommen ist und dass man nun sogar einen eigenen Eintrag in Wikipedia hat.

Und dennoch habe ich es gern gelesen, es macht Lust auf weitere Literatur aus dem thematischen Bereich der Gastarbeiter. Die Stärke des Buches sind die vielen kurzen Szenen, die einem auch nach dem Lesen noch nachgehen. Wo Toprak, als er einen Vortrag halten soll, für den Techniker gehalten wird, der sich doch bitte beeilen möge, den Beamer zum Laufen zu bringen, denn schließlich müsse der Professor jeden Moment erscheinen.

Die Erfahrungen, die die Gastarbeiter und ihre Kinder gemacht haben und noch täglich machen, ihre Geschichten, ihre Erinnerungen, mal peinlich, mal witzig, mal berührend, mal – für Deutschland – beschämend, sind ganz offensichtlich ein großer Schatz. Falls da jemand gute Erzählungen, Romane oder Biografien kennt, lasst einen Kommentar da.

 

Julie Otsuka: The Buddha in the Attic (2011)

On the boat we were mostly virgins. We had long black hair and flat wide feet and we were not very tall. Some of us had eaten nothing but rice gruel as young girls and had slightly bowed legs, and some of us were only fourteen years old and were still young girls ourselves. Some of us came from the city, and wore stylish city clothes, but many more of us came from the country and on the boat we wore the same old kimonos we’d been wearing for years – faded hand-me-downs from our sisters that had been patched and redyed many times.

So beginnt ein höchst erstaunlicher Roman der amerikanischen Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln.

Katja Scholtz übersetzte Wovon wir träumten ins Deutsche.

Ganz und gar ungewöhnlich an diesem Buch ist die Erzählperspektive, und in einer Rezension im Observer stand, dass ein solches Vorhaben eigentlich nicht gelingen könne und uns die Autorin zeige, dass es eben doch funktioniere, doch dazu später mehr.

Zum Inhalt

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts begeben sich viele junge Japanerinnen als sogenannte picture brides auf die beschwerliche Schiffsreise nach Kalifornien, um dort japanische Einwanderer zu heiraten, die sie nur von den Fotos der Heiratsvermittler kennen. Dort angekommen, müssen viele von ihnen feststellen, dass die Fotos zum Teil schon Jahrzehnte alt sind, dass nicht das große oder kleine Liebesglück mit Häuschen und Tulpen im Vorgarten auf sie wartet, sondern Knochenarbeit auf den Feldern, Armut und schweigsame oder trinkende Männer. Sie lernen die Sprache nur unzureichend. Und nur sehr sehr allmählich stabilisieren sich die Verhältnisse.

Manchmal können von den geringen Ersparnissen die ersten eigenen Lokale und Wäschereien eröffnet werden. Manch eine findet eine Anstellung in einem weißen Haushalt (samt der Nachstellungen des Hausherrn). Nachwuchs stellt sich ein, der bald eher amerikanisch als japanisch redet und sich oft genug seiner Herkunft schämt. Die Frauen bleiben – wenn auch als zuverlässige, billige und arbeitsame Arbeitskräfte geschätzt – immer geduldete Außenseiter. Das ändert sich im Zweiten Weltkrieg. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour beginnt eine hysterische Kampagne. Alle Japaner im weiteren Westküstenbereich werden der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt und interniert oder umgesiedelt. Die Nachbarn schauen zu und nehmen’s hin.

Fazit

Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist die Perspektive. Konsequent wird aus der „Wir-Perspektive“ geschrieben und so verschmelzen unzählige Stimmen zu einem gewaltigen Chor, in dem das einzelne, individuelle Schicksal eingebettet wird in einen nicht abreißenden Strom, und zwar, ohne dass es dadurch unpersönlich oder langweilig würde. Die Traumata solcher Lebensgeschichten werden in den Träumen und dem Heimweh spürbar:

And when we’d saved up enough money to help our parents live a more comfortable life we would pack up our things and go back home to Japan. It would be autumn, and our fathers would be out threshing in the fields. We would walk through the mulberry groves, past the big loquat tree and the old lotus pond, where we used to catch tadpoles in spring. Our dogs would come running up to us. Our neighbours would wave. Our mothers would be sitting by the well with their sleeves tied up, washing the evening’s rice. And when they saw us they would just stand up and stare: „Little girl,“ they would say to us, „where in the world have you been?“ (S. 53)

Nachgetragen sei hier noch das Gedicht von Mizuta Masahide (1657 – 1723), das die Autorin ganz an den Anfang ihres Romans stellt:

Barn’s burnt down —
now
I can see the moon.

Hätte ich vorher gewusst, welche Erzählperspektive Otsuka gewählt hat, ich wäre skeptisch gewesen. Doch das Vorhaben ist ihr gelungen. Elizabeth Day schreibt im Observer am 8. April 2012:

Instead of a single, named protagonist, Otsuka writes in the first personal plural through a series of thematic chapters. Such a device shouldn’t work but does. Although there are no dominant characters, Otsuka’s brilliance is that she is able to make us care about the crowd precisely because we can glimpse individual stories through the delicate layering of collective experience.

Zu Recht ist sie für dieses Buch nicht nur unter die fünf Finalisten des National Book Award 2011 gekommen, sie hat auch den PEN/Faulkner Award for Fiction und den David J. Langum Sr. Prize verliehen bekommen, einen amerikanischen Literaturpreis für Werke, die sich mit geschichtlichen Themen befassen. Johan Dehoust schreibt am 13. August 2012 im Spiegel:

Julie Otsuka stützt sich auf echte Schicksale, im Nachwort des Romans listet sie akribisch die historischen Quellen auf, auf die sie zurückgegriffen hat. Und nach ihrer Recherche scheint sie entgegen aller Erzählprinzipien beschlossen zu haben, so viele Figuren auftauchen zu lassen wie möglich. Dass man ihr Buch deshalb nicht völlig verwirrt über die Bettkante wirft, liegt neben Otsukas einzigartiger Sprache vor allem an der Perspektive: Die jungen Frauen sprechen in der Wir-Form, wie ein mächtiger, orakelhafter Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt.

Auch ihr erster Roman When the Emperor was Divine (2002) befasst sich mit der Geschichte japanischer Einwanderer in Amerika, diesmal zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Sie verarbeitet darin Erfahrungen ihrer eigenen Familie: „… her grandfather was arrested by the FBI as a suspected spy for Japan the day after Pearl Harbor was bombed, and her mother, uncle and grandmother spent three years in an internment camp in Topaz, Utah“ (siehe die Homepage der Autorin).

Wer mehr  zum geschichtlichen Hintergrund wissen möchte, sei noch auf den Wikipedia-Artikel hingewiesen: Internierung japanischstämmiger Amerikaner.

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Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo (2017)

Niroz Malek (1946 in Aleppo geboren) hat bisher mehrere Bände mit Erzählungen und sechs Romane veröffentlicht.

Schon auf den ersten Seiten dieses Werks erklärt der Erzähler, weshalb er selbst, im Gegensatz zu Millionen anderen Syrerinnen und Syrern, sein Land und seine Stadt Aleppo nicht verlassen will.

‚Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen?‘ […] ‚Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Photographien sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.‘ […] ‚Kann ein Körper ohne Seele leben? Aus diesem Grund werde ich meine Wohnung nicht verlassen: Weil ich meine Seele nicht in einen noch so großen Koffer stopfen kann. Meine Seele ist all das, was du in meinem Zimmer siehst … Tausende Bücher. Hunderte Schallplatten, Zeichnungen, Gemälde und Photographien.‘ (S. 6/7)

Malek konstatiert den Irrsinn, dass sich Liebespaare immer noch küssen, dass Frauen vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes warten, dass irgendwo Hochzeit gefeiert wird, während gleichzeitig ein kleiner Junge betrauert wird, der einem Scharfschützen zum Opfer gefallen ist.

Er trifft sich mit seinen verbliebenen Freunden im Café, flüchtet in Bücher und Gemälde von van Gogh und vermisst seine über die Welt verstreute Familie, seine Enkelkinder.

Ich weiß, daß meine Briefe Dich nicht erreichen. Dennoch schreibe ich Dir jeden Abend, um Dir zu sagen, wie sehr Du mir fehlst. Am nächsten Morgen lege ich den Brief wie ein wertvolles Pfand in die Hände des Briefträgers. (S. 8)

Gleichzeitig ist er erschüttert, dass die Kinder in Aleppo, die überhaupt noch in der Lage sind, etwas malen zu können, nur noch verkohlte Bäume und Leichenteile malen.

Und so enthält Der Spaziergänger von Aleppo 57 kurze Texte; Einblicke, Impressionen, surreale Geschichten und Reflexionen, in denen sich der Autor, der nach wie vor in Aleppo lebt, an früher erinnert und an geflohene Freunde, an Zurückgekehrte, an Ermordete und Trauernde.

Wir lesen seine Alpträume, in denen sich die Grenzen zwischen Lebenden und Toten vermischen, denn der Tod kann jede Minute in Form von Raketen, Heckenschützen oder verrohten Soldaten an den unzähligen Checkpoints zuschlagen. Nichts ist mehr sicher, geordnet oder verlässlich. Er schaut fern, sieht die Leichen im Mittelmeer.

Der Anblick war schrecklich. Ertrinkende Frauen und Kinder, mit denen die Wellen des Meers spielten. Eine Welle spülte sie ans Ufer, eine andere trieb sie aufs Meer, als lägen sie auf einem Wasserbett. (S. 27)

Das erzählt Malek in einer einfachen, ganz zurückgenommenen Sprache. Wenn alles implodiert, dann wird die Sprache schlicht, fast dokumentarisch.

Dass diese Texte nie länger als anderhalb Seiten sind, ergibt sich zwingend aus ihrem Inhalt. Im Irrsinn und Widersinn des Krieges gibt es keinen roten Faden mehr, nur noch Zersplitterung.

Ein Buch, das dennoch nicht leicht zu lesen ist, denn wir können jederzeit das Büchlein aus der Hand legen, den Opfern gewaltsamer Auseinandersetzungen, den Zivilisten jedoch steht keine Fluchtmöglichkeit offen und keine Atempause zu.

Anmerkungen

Dieser schmale Band von nur 139 Seiten wurde von Larissa Bender aus dem Arabischen übersetzt und im Weidle Verlag veröffentlicht. Die französische Ausgabe erschien bereits 2015.

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Hisham Matar: The Return (2016)

Early morning, March 2012. My mother, my wife Diana and I were sitting in a row of seats that were bolted to the tiled floor of a lounge in Cairo International airport. Flight 835 for Benghazi, a voice announced, was due to depart on time. Every now and then, my mother glanced anxiously at me. Diana too seemed concerned. She placed a hand on my arm and smiled. I should get up and walk around, I told myself. But my body remained rigid. I had never felt more capable of stillness.

So beginnt das dritte Buch des libyschen Autors, das mich in einer Weise beschäftigt, wie das nur sehr wenigen Büchern gelingt.

Fathers, sons and the land in between, so lautet der Untertitel und Ende Februar 2017 erschien das Buch auch in Deutsch im Luchterhand Verlag unter dem Titel Die Rückkehr.

Vielleicht zunächst etwas zum Hintergrund: Hisham Matar wurde 1970 in New York geboren, dann ging die Familie zurück nach Libyen, doch als sein Vater – im aktiven Widerstand gegen das Gaddafi-Regime – immer mehr um seine Sicherheit und um die seiner Familie fürchten musste, emigrierte die Familie zunächst nach Kenia, dann nach Ägypten. Da war Hisham gerade einmal sieben Jahre alt. Hisham und sein Bruder Ziad absolvierten ihre schulische Ausbildung in Großbritannien und Hisham studierte anschließend in London. 1990 wurde der Vater durch den Verrat des ägyptischen Geheimdienstes an Libyen ausgeliefert. Ein paar Jahre später verliert sich in dem berüchtigten Folterknast Abu Salim seine Spur endgültig. Weitere Verwandte des Autors, Onkel und Cousins, saßen ebenfalls zum Teil über 20 Jahre in diesem  Gefängnis.

Schon sein zweiter Roman Anatomy of a Disappearance (2011), in Deutsch unter dem Titel Geschichte eines Verschwindens erschienen, beinhaltete die Entführung des Vaters des Ich-Erzählers aus der Schweiz. Doch dort bleibt dieses familiäre Trauma, das Matar in eine durchaus spannende Geschichte mit diversen familiären Wirrungen einbettet, noch seltsam blass.

Ganz anders in seinem dritten Werk The Return; hier gelingt Matar ein autobiografisches Meisterwerk, das ihm 2017 sogar den Pulitzer-Preis für Biografie oder Autobiografie eingebracht hat.

Die erstmalige Rückkehr Hisham Matars in sein Heimatland nach 33 Jahren im Exil im Jahr 2012 bildet die Rahmenhandlung oder eher die Handlung des Romans, mit der unzählige andere Geschichten, Rückblenden, Betrachtungen und Exkurse verwoben sind.

Hier schreibt einer, der geradezu traumwandlerisch weiß, was er tut. Herausgekommen ist so viel mehr als eine biografische Nabelschau. Es geht um die richtig großen Themen: Heimat, Entwurzelung, um den Mut, in einer Diktatur Widerstand zu leisten, das Wüten der italienischen Kolonialmacht in Libyen nach dem Ersten Weltkrieg, um die Liebe eines Sohnes und seine Erinnerungen an seinen Vater, die Liebe einer Familie zueinander, um Trauer und um das Gesicht des abgrundtief Bösen, das immer auch so unglaublich zynisch ist. Wie ähnlich sich doch die Diktatoren sind. Und wie rasch westliche Demokratien den Diktatoren die Hand reichen. Und es geht um den Kampf Matars, durch Öffentlichkeitsarbeit Informationen zum Verbleib seines Vaters zu bekommen. Selbst ein Treffen mit einem der Söhne Gaddafis mutet er sich und seinem Bruder Ziad zu.

Und es geht um Kunst, um Bilder, um Literatur, die einem dabei helfen kann, nicht den Verstand zu verlieren.

Ein Beispiel, wie Matar arbeitet: Er schildert eine Tizian-Ausstellung in Rom und vor allem das Gemälde Martyrium des heiligen Laurentius zieht ihn völlig in seinen Bann. Als jemand, dessen Verwandte gefoltert und dessen Vater im Nichts einer Diktatur verschwunden ist, hat Matar einen ganz anderen Zugang zu diesem Bild als irgendein beliebiger Kunstflaneur. Doch von dem Gedanken ausgehend, dass sich die Folterknechte, die man im Gemälde sehen kann, richtig Mühe geben, ihre Arbeit „gut“ zu machen, geht Matar über zu der Frage, wie das Foltergefängnis Abu Salim architektonisch geplant worden ist.

Ich habe selbst schon auf diesem Blog die Wendung benutzt, dass ein Autor, eine Autorin für mich Fenster in andere Bereiche aufgestoßen habe. Doch Matar macht etwas anderes: Er macht mir klar, dass das, was er erzählt, in der Welt passiert, in der ich, in der wir gemeinsam leben. Libyen ist gar nicht mehr weit weg.

Was ebenfalls frappiert: Kein Hass, keine Bitterkeit, stattdessen eine große Weite, eine große Klarheit und Anschaulichkeit, die keiner pathetischen Worte bedarf.

Natürlich habe ich auch in diesem Buch Stellen angestrichen, die ich normalerweise hier zitiere. Doch diesmal sind es zu viele, die ich nicht aus ihrem Zusammenhang herauslösen möchte, zu dicht verschränkt sind die Ebenen, die Themenbereiche. Die Struktur des Buches ähnelt dem Haus seines Großvaters:

For a young boy it was as mysterious and magical as a maze. And I cannot separate its various surprising turns, its seeming endlessness, its modest and somewhat austere aesthetic, from my grandfather’s life and character. I often lost my way in its endless rooms, corridors and courtyards. Some windows looked out on the street, some on to one of the courtyards, yet others, strangely, looked into other rooms. It was never clear whether you were indoors or outdoors. Some of its halls and corridors were roofless or had an opening through which a shaft of light leant in and turned with the hours. Some of its staircases took you outside, under the open sky, before winding back in. (S. 147)

Kurz: Ganz große Literatur.

Hier geht’s lang zu Besprechungen auf letteratura und LiteraturReich.

Das sagt die Neue Zürcher Zeitung.

Yasmina Khadra: Die Sirenen von Bagdad (OA 2006)

Beirut versinkt in der Nacht und verhüllt das Gesicht. Die blutigen Krawalle vom Vortag haben die Stadt keineswegs wachgerüttelt, was beweist, dass sie selbst im Gehen noch schläft. Und nach alter Väter Sitte stört man keinen Schlafwandler, auch dann nicht, wenn er ins eigene Verderben rennt. Ich hatte mir Beirut anders vorgestellt, arabisch, und stolz darauf. Ich hatte mich geirrt.

So beginnt Die Sirenen von Bagdad des 1955 geborenen algerischen Autors Mohammed Moulessehoul, der um Probleme mit der Zensur zu umgehen, seine Bücher unter dem Namen seiner Frau veröffentlichte. Nach der Übersiedlung nach Frankreich hat er diesen Namen beibehalten.

Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Regina Keil-Sagawe.

Zum Inhalt

Zu Beginn der Geschichte befindet sich der ca. 20-jährige Ich-Erzähler, ein Beduine aus dem Irak, in Beirut (Libanon). Er scheint auf etwas zu warten, doch bevor wir Genaueres erfahren, wird zunächst in einer großen Rückblende die Geschichte des jungen Mannes ausgebreitet.

Er hat nach dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad sein Studium abgebrochen und ist zu seiner Familie in sein Heimatdorf Kafr Karam zurückgekehrt, wo er mit den anderen jungen Männern des Dorfes notgedrungen in den Tag hineinlebt.

Sicher, wir hatten unsre kleinen Eigenarten, aber unsere Streitigkeiten arteten nie aus. Wenn es zu heftig zu werden drohte, schritten die Alten ein. Falls die gegnerischen Parteien die erlittene Kränkung als unverzeihlich ansahen, sprachen sie fortan nicht mehr miteinander, und der Fall war erledigt. Im Übrigen gehörte es zu unseren Lieblingsbeschäftigungen, uns mit Freunden auf dem Marktplatz oder in der Moschee zu treffen, durch die staubigen Straßen zu schlendern oder uns, an die Mauern gelehnt […] in der Sonne zu räkeln. Das Paradies war es nun nicht gerade, doch wir glichen die geistige Enge durch umso mehr Herzenswärme aus. Wir konnten uns über jeden witzigen Spruch ausschütten vor Lachen und fanden in unseren Blicken die Kraft, den Gemeinheiten des Lebens die Stirn zu bieten. (S. 30)

Zunächst kann man den Terror, der woanders im Land und besonders in der Hauptstadt tobt, noch halbwegs ignorieren, auch wenn die Diskussionen im Dorf hitziger werden und jeder allmählich das Gefühl hat, sich zwischen den verschiedenen politisch-militärischen Gruppen positionieren zu müssen. Und schließlich verlassen die ersten jungen Männer das Dorf, um sich den Kämpfern im Widerstand anzuschließen.

Doch dann wird der junge Ich-Erzähler zum ersten Mal Zeuge einer undenkbaren, ja unvorstellbaren Tat. Noch während er versucht, sich von diesem Schock zu erholen, bricht sein altes Leben endgültig zusammen.  Die Welt hört auf, ein geordneter und sinnvoller Ort zu sein.

Fazit

Manchmal habe ich mich an der Übersetzung gestoßen, deren Qualität ich gar nicht beurteilen kann; aber Redewendungen wie „treulose Tomate“; „etwas intus haben“ oder „auf dem falschen Dampfer sein“ klangen in meinen Ohren zu deutsch, als dass ich sie als die Sprache irakischer junger Männer empfunden hätte.

Sowohl das pamphletartige Herunterspulen von Klischees in manchen Dialogen – aus denen ich meinte, den Autor herauszuhören – als auch eine Wendung am Ende haben mich gestört bzw. nicht überzeugt.

Doch trotzdem fand ich das Buch lesenswert. Nicht nur, weil Khadra über weite Strecken so anschaulich schreibt, dass man nur wenige Zeilen braucht, um sofort in der Geschichte zu sein:

Jeden Morgen brachte Bahia, meine Zwillingsschwester, mir das Frühstück ans Bett. ‚Aufstehen da drinnen!‘, rief sie, während sie die Tür aufstieß, ‚du gehst noch mal auf wie ein Hefeteig!‘ Sie stellte das Tablett auf einem niedrigen Tischchen am Fußende ab, riss das Fenster weit auf und zwickte mich in die Zehen. Ihre Gesten waren herrisch, was in einem seltsamen Gegensatz zur Sanftheit ihrer Stimme stand. (S. 21)

Vor allem aber wird hier der Versuch unternommen, aus der Innensicht zu zeigen, wie sich das für einfache Menschen anfühlt, wenn westliche Soldaten zur Befreiung anrücken, man bald nicht mehr weiß, wer Freund und wer Feind ist, und sich die „Überlegenheit“ des Westens vor allem in sogenannten Kollateralschäden – überhaupt, was für ein Wort – und noch größerem Chaos und Blutvergießen zeigt.

Dabei gibt es keine Schwarzweißmalerei; auch der junge Beduine hat seine Glaubenssätze, die er nicht hinterfragt und reflektiert.

In Kafr Karam kostete man nicht von der verbotenen Frucht. Eher wäre man krepiert, als zu stehlen oder sich dem Laster zu ergeben. Der Gesang der Sirenen mochte noch so laut tönen, der Mahnruf der Alten hat ihn noch stets überdeckt – Anstand und Ehre sind uns angeboren. (S. 24)

Letztlich geht es um die Fragen, was passiert, wenn man die Würde des Menschen antastet, wie die Spirale des Hasses entsteht und wie der Hass den Einzelnen und dann die Gesellschaft korrumpiert.

Würde ist nichts, worüber sich feilschen lässt. Wer sie verliert, dem reichen alle Leichentücher der Erde nicht, um sein Haupt zu verhüllen, und kein Grab nimmt freiwillig seine Reste auf. (S. 141)

Und das Buch erinnert daran, dass das, was wir eher flüchtig, eher nebenbei in den Zeitungen lesen oder in den Nachrichten hören, von anderen Menschen konkret durchlitten werden muss.