Rückblick auf das Lesejahr 2018

Auch in diesem Jahr soll es wieder einen kleinen Rückblick auf das vergangene Lesejahr geben. Die Fragen, an denen ich mich dabei entlanghangele, ändern sich von Jahr zu Jahr; diesmal greife ich gern die Anregungen von Kerstin Herbert von Frauenleserin auf, die dazu einlädt, sich einmal die „Frauenquote“ auf unseren Blogs genauer anzuschauen.

Gleich die ersten vier Fragen stammen von ihr:

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wie viele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wie viele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Auf den ersten Blick wäre die Antwort wohl erschreckend. Von den 22 Büchern, die ich dieses Jahr gelesen habe,  stammen nur fünf von Frauen. Doch wenn ich auf 2017 schaue, stellt sich das schon wieder anders da: Von den 31 gelesenen Büchern wurden 19 von Frauen geschrieben und 12 von Männern. Das bedeutet für mich, dass ich nach wie vor rein nach Lust und Laune auswählen werde, was mir lesenswert und interessant erscheint.

Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Molly Keane hat mich mit ihrer großartigen und psychologisch packenden Darstellung einer beschädigten Frau in ihrem Buch Good Behaviour sehr beeindruckt.

Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Das dürfte wohl zum einen die Autobiografie von Claire Tomalin sein, die in ihrem Leben mehr Bälle jongliert hat als andere in drei Leben und sich außerdem einen Namen in einer damals von Männern dominierten Welt erarbeitet hat. Und zum anderen wäre hier Alma M. Karlin zu nennen, eine der ersten erfolgreichen deutschsprachigen Reiseschriftstellerinnen mit ganz eigenem Sound.

Aber beim Stichwort Biografie muss unbedingt auch die zu Vincent van Gogh erwähnt werden. Naifeh und White Smith zeigen mit ihrem Werk von 2011, was eine Biografie sein kann. Überbordend informativ und spannend bis zur letzten Seite.

Welches Buch einer Autorin möchtest Du 2019 unbedingt lesen?

Da ich eine hoffnungslose Spontanleserin bin, lässt sich das schwerlich sagen, aber zwei Bücher liegen hier tatsächlich, die ich unbedingt wiederlesen möchte, nämlich the sea, the sea von Iris Murdoch und The Lonely Passion of Judith Hearne, das wurde allerdings von einem Mann geschrieben, nämlich Brian Moore.

Welches war das optisch ansprechendste Buch?

Das war nicht nur optisch das ansprechendste, sondern auch gleich das „gewichtigste“ Buch: Codices illustres: Die schönsten illuminierten Handschriften der Welt von Ingo F. Walther und Norbert Wolf.

Welches Buch hat dich enttäuscht?

Hilde & Gretl von Leitner und Coeln bot leider doch keinen Erkenntnisgewinn und die Biografie zu Graham Greene von Ulrich Greiwe brach ich vorzeitig ab.

Welches war deine persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Eine Neu-Entdeckung ist für mich jede Autorin, jeder Autor, deren/dessen Buch mir so gut gefallen hat, dass ich mich auf weitere Bücher einlassen würde. Jim Powell war eine solche Entdeckung.

Gab es Entdeckungen im Krimi-Bereich?

Oh, Mick Herron hat mich mit Slow Horses total begeistert, ansonsten habe ich nach wie vor Spaß mit Alan Bradleys Krimi-Geschichten um die intelligente, elfjährige Hobby-Chemikerin Flavia de Luce, die davon träumt, es ihren fürchterlichen Schwestern irgendwann einmal so richtig heimzuzahlen. Doch immer kommt ein Mordfall dazwischen.

Gab es lohnende Bücher, die raus aus deiner Lesekomfortzone führten?

The Sun Does Shine von Anthony Ray Hinton ist so ein Buch, das einem auf der einen Seite die Ungerechtigkeit des amerikanischen Rechtssystems vor Augen führt und gleichzeitig von Würde und menschlicher Größe erzählt.

Welche Bücher haben den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Dazu gehören sicherlich Good Behaviour von Molly Keane und Things we nearly knew von Jim Powell.

Trotz bestimmter Vorbehalte wird mir auch das sperrige Solsbüll von Jochen Missfeldt in Erinnerung bleiben.

Außerdem wären No Great Mischief von Alistair MacLeod und das menschenfreundliche Buch über einen ganz normalen Familienurlaub von Robert Cedric Sherriff von 1931 zu nennen.

Welches Buch willst du unbedingt 2019 lesen und warum?

Von Kai habe ich vor Jahren den schönen Begriff “sprunghafter Lustleser” gelernt; also, ich weiß noch nicht einmal, was ich nächste Woche lesen werde, geschweige denn nächstes Jahr.

Mit welcher Lektüre beschließt du das Lesejahr 2018?

Zurzeit lese ich Sibirische Sommer mit Dostojewski von Jan Brokken und William Shakespeare in seiner Zeit von Hans-Dieter Gelfert.

Welche Leseanregungen stammen von anderen Blogs?

Oh, das wird jedes Jahr schlimmer. Da kann ich nur einen großen Mantel des Schweigens drüber breiten. Mein Mann behauptet gar, wir hätten inzwischen ein ernsthaftes Problem …

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Sommerfrische

Pieter Steinz war mit seinem Buch Der Sinn des Lesens der Anlass, sich noch einmal Karlsson vom Dach von Astrid Lindgren aus dem Regal zu fischen.

Und mit einem Zitat dieses Karlssons verabschieden wir uns in die Sommerfrische.

Ich bin ein schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in meinen besten Jahren.

Doch nicht bevor ich noch auf das allerschönste Video der letzten Monate hingewiesen habe, das aus allen Knopflöchern Freude ausstrahlt:

 

Bloggen für Dummies

Es führt ja kein Weg an der Einsicht vorbei, dass man, wenn man über Bücher bloggen möchte, sich einige Regeln zu Herzen nehmen sollte.

  1. Konzentriere dich auf bestimmte Themen, bestimmte Genres, Epochen, Länder oder Schriftsteller. Springe keinesfalls von AutorInnen, die niemand kennt und niemand kennen lernen möchte, zu Titeln, die jeder schon kennt und über die folglich auch kein Mensch mehr etwas lesen will.
  2. Schreibe nichts zu einsamen mittelalterlichen Damen  und nerv deine LeserInnen nicht mit eher abseitigen Interessen.
  3. Bringe nicht dauernd englische Zitate. Ich will schließlich auch keine Texte lesen, die von französischen oder italienischen oder chinesischen Textstücken wimmeln.
  4. Plane deine Lektüre vorausschauend. Durchforste die Verlagsvorschauen schneller als alle anderen und sei die erste, die zu der herausragenden Neuerscheinung etwas schreibt.
  5. Verschweige, dass du auch mal zur Erholung liest. Also nichts Seichtes, Leichtes, Fluffiges. Es muss immer um das noch nie Dagewesene, so noch nie Gedachte und Geschriebene gehen. Sei gesellschaftlich relevant. Der Blog ist dein intellektuelles Aushängeschild.
  6. Lies NIE 16 Bände einer hübschen Krimireihe hintereinander. Da bloggst du nur über den ersten Band und dann? Das kostet viel zu viel Lesezeit. Außerdem: siehe Regel 5.
  7. Sei straff organisiert. Veröffentliche neue Beiträge nach Plan, einmal wöchentlich. Am besten zu einer festen Uhrzeit.
  8. Schaue dreimal täglich, wie sich deine Aufrufzahlen entwicklen. Sollte die Tendenz nicht zufriedenstellend sein, frage deine Follower, was sie sich von dir wünschen.
  9. Vernetze dich laut und sichtbar, auf allen möglichen Kanälen, aber vorzugsweise mit den intellektuellen, den relevanten, den echten Influencern, denen mit Reichweite. Denen sagst du auch, wie toll du sie und ihre Beiträge findest.
  10. Lies grundsätzlich keine Bücher mit mehr als 500 Seiten. Die Biografie zu Vincent van Gogh von Steven Naifeh und Gregory White Smith? Über tausend Seiten? Auf gar keinen Fall. Deine LeserInnen denken, du bist ausgewandert, an der Spanischen Grippe erkrankt oder von Außerirdischen entführt, weil sich auf deinem Blog nichts mehr regt.

Solltet ihr noch weitere Regeln ergänzen wollen, bitte gern.

Nachtrag: Wunderbar, hier sind weitere Tipps für Dummies:

  1. Vergiss, dass Du ursprünglich mit dem Bloggen begonnen hast, weil Du so viel Spaß am Lesen hattest – es ist harte Arbeit und muss mit Ernsthaftigkeit betrieben werden. (von Niamh O’Connor)
  2. Wage es bloß nicht, dich intensiv mit einem (Sachbuch-) Thema zu beschäftigen und das auch noch für längere Zeit. Wenn schon jemand den kostenlosen Content liest, den du bereitstellst, dann hat er Anspruch auf Abwechslung. (von Nomadenseele)
  3. Platziere deine Bücher in möglichst schöner Umgebung und stelle sie fotogen zur Schau. Verwende am besten einen fancy Instagramfilter und deine Followerzahlen gehen durch die Decke. (von Marc)
  4. Melde dich wortreich ab, wenn du mal eine Woche keine Zeit (oder – ganz verwerflich – keine Lust) zum Bloggen hast. Bitte um Nachsicht und fordere die gerechte Strafe, denn sonst springen deine Leser sofort ab. (von Petra Wiemann, leicht verschärft)

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Lesejahr 2017

Auch dieses Jahr möchte ich mich an den Fragen entlanghangeln, die ursprünglich Katrin von Buchsaiten ins Spiel gebracht hat, um das Lesejahr abzuschließen. Dabei lasse ich einige Fragen weg, andere sind hinzugekommen.

1. Welches war das optisch ansprechendste Buch?

Das war ohne Frage das Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, entstanden um 1000; und zwar in der Übersetzung von Michael Stein aus dem Manesse Verlag.

2. Welches Buch hat dich enttäuscht?

Diese Auszeichnung geht an Nathaniel Hawthornes Klassiker Das Haus mit den sieben Giebeln.

3. Welches war deine persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Eine Neu-Entdeckung ist für mich jede Autorin, jeder Autor, deren/dessen Buch mir  so gut gefallen hat, dass ich mich auf weitere Bücher einlassen würde. Das war in diesem Jahr unter anderem Dorothy Whipple, von der ich gleich drei Romane gelesen habe.

4. Gab es Entdeckungen im Krimi-Bereich?

Ich staune immer wieder, wie viel es im Bereich des Cozy Crime aus dem letzten Jahrhundert noch zu entdecken gibt. Besonders gern habe ich dieses Jahr The Draycott Murder Mystery (1928) von Molly Thynne gelesen. Allein schon diese Einleitung:

The wind swept down the crooked main street of the little village of Keys with a shriek that made those fortunate inhabitants who had nothing to tempt them from their warm firesides draw their chairs closer and speculated as to the number of trees that would be found blown on the morrow.

Aber Absent in the Spring (1944) von Agatha Christie war auch großes Kino.

5. Welcher Einstiegssatz hat sofort funktioniert?

After two miles of walking he came to a town.

Da hatte mich Walter Tevis mit seinem The Man Who Fell to Earth sofort am Haken. Schuld daran war übrigens The Binge Reader.

6. Gab es lohnende Bücher, die raus aus deiner Lesekomfortzone führten?

Nun, Hillbilly-Elegie von J. D. Vance und Der Spaziergänger von Aleppo von Niroz Malik gehören vermutlich dazu.

Auch dement von Lioba Happel habe ich gern gelesen.

7. Welche Bücher haben den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Beschäftigt hat mich Zeithain von Michael Roes (2017).

Aber besonders bewegt haben mich Der Sinn des Lesens (2015) von Pieter Steinz und Das Haus, das Glück und der Tod (1998) von Herrad Schenk.

Doch am deutlichsten vor Augen geführt, warum wir (auch) lesen, hat mir sicherlich das unvergleichliche The Return von Hisham Matar, das inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist.

8. Welches Buch willst du unbedingt 2018 lesen und warum?

Von Kai habe ich vor Jahren den schönen Begriff “sprunghafter Lustleser” gelernt; also, ich weiß noch nicht einmal, was ich nächste Woche lesen werde, geschweige denn nächstes Jahr.

Aber der Vorsatz, meine Buchkaufgeschwindigkeit massiv zu drosseln, hat nichts von seiner Dringlichkeit verloren, denn es sind immer noch keine Anbaumaßnahmen geplant.

Außerdem ist es Zeit, sich dem Phänomen zu stellen, dass es manchmal reizvoller zu sein scheint, Bücher zu kaufen, als diejenigen auch zu lesen, die bereits hier rumstehen…

Da wären zum Beispiel:

  • Martin Edwards: The Story of Classic Crime in 100 Books (2017)
  • Sonja Hartwig: Kazim, wie schaffen wir das? Kazim Erdoğan und seine türkische Männergruppe – vom Zusammenleben in Deutschland (2017)
  • Und für zwischendurch und immer wieder zum Schmökern: Foer, Thuras, Morton:   Atlas Obscura (2017)

9. Welche Bücher wären spurlos an dir vorbei gegangen, wenn nicht andere BloggerInnen dich darauf aufmerksam gemacht hätten?

Über diese Frage möchte ich auch dieses Jahr einen besonders großen Mantel des Schweigens breiten, denn fast alle meine Anregungen stammen inzwischen von anderen Literaturbloggerinnen.

10. Mit welcher Lektüre beschließt du das Lesejahr 2017?

Das kann zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht abschließend geklärt werden.

Als vorletztes las ich jedenfalls Thrones, Dominations (1998). Jill Paton Walsh hat mit dem Buch fast 60 Jahre später einen von Dorothy Sayers begonnenen Kriminalroman um Lord Peter Wimsey fertiggestellt. Aber auch wenn die Grundidee interessant ist, fehlt dem Buch eine innere Balance. In den ersten hundert Seiten werden uns die Protagonisten vorgestellt, während die eigentliche Auflösung dann wiederum nur eine halbe Seite beansprucht. Insgesamt kommt es ein wenig schwerfällig daher.

Beendet habe ich gerade die Biografie zu Theodor Storm von Jochen Missfeldt. Ein Pageturner war Du graue Stadt am Meer für mich jetzt nicht. Zwischendurch passte der Stil des Autors nicht unbedingt zum Stoff. Aber geradezu minutiös recherchiert. Zum Glück war Storm ein eifriger Briefeschreiber. Und es ist toll, dass Missfeldt häufig zitiert, man hört vieles quasi aus erster Hand. Als Vater und Ehemann möchte man Storm allerdings nicht geschenkt haben.

Interessant schon der zeitgeschichtliche Hintergrund um die Auseinandersetzung zwischen Dänemark und Preußen, der die Storms ins Exil trieb, und natürlich die vielen Freundschaften mit Dichterkollegen, die aber auch nie völlig unproblematisch verliefen. Jedenfalls ist es nun Zeit, mal wieder den Schimmelreiter und Novellen von Storm aus dem Regal zu holen. Und Gottfried Keller und Fontane gleich mit.

Allen einen behüteten Jahreswechsel, Gesundheit und ein gutes neues Jahr.

Und natürlich immer genügend Bücher anbei.

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