Elena Ferrante: My Brilliant Friend (OA 2011; engl. Ausgabe 2012)

This morning Rino telephoned. I thought he wanted money again and I was ready to say no. But that was not the reason for the phone call: his mother was gone.
‚Since when?‘
‚Since two weeks ago.‘
‚And you’re calling me now?‘
‚My tone must have seemed hostile, even though I wasn’t angry or offended; there was just a touch of sarcasm.

So beginnt der erste Band der im englischsprachigen Ausland sehr erfolgreichen vierbändigen Reihe der 1943 geborenen italienischen Schriftstellerin Elena Ferrante.

Das italienische Original erschien 2011 und wurde von Ann Goldstein ins Englische übersetzt.

Zum Inhalt

Natürlich will ich nach den Anfangszeilen nun wissen, wohin Lila verschwunden ist. Die über sechzigjährige Neapolitanerin ist wie vom Erdboden verschluckt, sie hat zu Hause alle persönliche Habe vernichtet, sogar ihr Bild aus Familienfotos ausgeschnitten.

Ihre Freundin reagiert auf den Telefonanruf von Lilas Sohn aber keineswegs besorgt, wie man das vielleicht erwarten würde, sondern eher verärgert. Sie kennt Lila vermutlich so gut wie keiner sonst,, denn ihre Freundschaft reicht zurück bis in die fünfziger Jahre, als sie als Nachbarskinder in einer armen Arbeitergegend in Neapel aufwuchsen und gemeinsam die Grundschule besuchten.

It’s been at least three decades since she told me that she wanted to disappear without leaving a trace, and I’m the only one who knows what she means. She never had in mind any sort of flight, a change of identity, the dream of making an new life somewhere else. And she never thought of suicide, repulsed by the idea that Rino would have anything to do with her body and be forced to attend to the details. She meant something different: she wanted to vanish; she wanted every one of her cells to disappear, nothing of her ever to be found. And since I know her so well, or at least I think I know her, I take it for granted that she has found a way to disappear, to leave not so much as a hair anywhere in the world. (S. 21)

Elena setzt der Absicht ihrer Freundin zu verschwinden, ihren eigenen Willen entgegen:

We’ll see who wins this time, I said to myself. I turned on the computer and began to write – all the details of our story, everything that still remained in my memory. (S. 23)

Und so liest man in diesem ersten Band Elenas Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, in der ihre Freundin Lila eine wichtige Bezugsperson für sie war.

Beide leben mit ihren Familien in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel, in dem die Lebensbedingungen für alle hart sind. Doch die Frauen müssen vielleicht den höchsten Preis zahlen. Sie müssen mit zu wenig Geld große Familien durchbringen und sind von der nie endenden Arbeit erschöpft und verbittert. Wer seinen Mann verliert, muss auch die Kinder zur Arbeit schicken und putzen gehen, sich vielleicht bei dem unauffällig das ganze Viertel kontrollierenden Geldverleiher in Schulden stürzen, der vermutlich mit der Mafia in Verbindung steht.

Gewalt ist hier alltäglich und nichts Bemerkenswertes: Der Kneipenwirt prügelt mit einem schweren Stock diejenigen, die die Zeche nicht zahlen wollen oder ihren Kredit nicht zum vereinbarten Termin zurückzahlen.

Men returned home embittered by their losses, by alcohol, by debts, by deadlines, by beatings, and at the first inopportune word they beat their families, a chain of wrongs that generated wrongs. (S. 82)

Frauen und Kinder finden es normal, wenn Väter, Ehemänner und Brüder zuschlagen. Vor allem, wenn sie mit Situationen überfordert sind, wenn die Lehrerin sagt, man solle die begabte Tochter weiterhin zur Schule schicken, wenn der Nachbarjunge die Schwester berührt hat, wenn die Nachbarn ein größeres Feuerwerk an Silvester abbrennen, wenn die Schwester nicht das macht, was der Bruder will. Konfliktregelung funktioniert sowohl auf der Straße als auch in den Familien entweder mit Gewalt oder mit der Macht des Geldes.

I feel no nostalgia for our childhood: it was full of violence. Every sort of thing happened, at home and outside, every day, but I don’t recall having ever thought that the life we had there was particularly bad. Life was like that, that’s all, we grew up with the duty to make it difficult for others before they made it difficult for us. Of course, I would have liked the nice manners that the teacher and the priest preached, but I felt that those ways were not suited to our neighbourhood, even if you were a girl. (S. 37)

Dabei – und das ist das Bewegende und Faszinierende an der Geschichte – geht es hier gar nicht um den Aufguss des alten Themas „Freudlose Kindheit in  sozial benachteiligtem Milieu“, sondern um eine tiefe Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die dennoch nicht vor Neid und Rivalitäten gefeit ist.

Lila appeared in my life in first grade and immediately impressed me because she was very bad. (S. 31)

Nachdem sich die beiden Mädchen vorsichtig einander angenähert haben, ist das erste, was Lila tut, den wertvollsten Besitz Elenas, ihre Puppe, in einen Kellerschacht zu werfen. Doch Lila reagiert instinktiv richtig. Sie wirft Lilas Puppe hinterher und anschließend krabbeln beide in den Keller, um die Puppen zu suchen.

Lila ist also von Anfang an ganz anders als ihre brave Freundin Elena, die es liebt, von den Lehrern gelobt zu werden und die die Schule als einen sicheren Hafen empfindet. Nach einigen Wochen erlebt Elena dann den ersten Schock: Sie erfährt, dass die wilde und zügellose Lila bereits lesen kann und ihr in allen schulischen Dingen so weit voraus ist, dass sich das erst Jahre später ändern wird.

Die Geschichten der zwei Kinder sind verwoben mit den Geschichten der anderen Familienmitglieder und der übrigen Nachbarschaft. Wir lernen auch deren Träume von sozialem Aufstieg, ihre dunklen Seiten und ihre Resignation kennen. Schließlich werden die Mädchen älter und auf einem Ausflug, begleitet von den Brüdern, erkennen sie, dass es jenseits ihres Viertels noch ganz andere Stadtteile gibt.

It was like crossing a border. I remember a dense crowd and a sort of humiliating difference. I looked not at the boys but at the girls, the women: they were absolutely different from us. They seemed to have breathed another air, to have eaten other food, to have dressed on some other planet, to have learned to walk on wisps of wind. I was astonished. All the more so that, while I would have paused to examine at leisure dresses, shoes, the style of glasses if they wore glasses, they passed by without seeming to see me. They didn’t see any of the five of us. We were not perceptible. Or not interesting. (S. 192)

Junge Männer fangen an, eine Rolle zu spielen, was besonders für die charismatische Lila von Anfang an mit Problemen verbunden ist.

Fazit

Anschaulich, fein beobachtet, mit vielen Details wird hier eine Geschichte erzählt, die mich – nach leichten Startschwierigkeiten – nicht mehr losließ. Trotz oder wegen der schlichten Sprache wirkt alles sehr eindringlich, sehr lebendig.

Das Buch bietet einen interessanten, auch verstörenden Blick auf die fünfziger Jahre in einem Arbeitervierteil Neapels und eine Kindheit und Jugend, wobei ein Frauen- und Männerbild herrscht, von dem ich froh bin, nur darüber zu lesen, statt damit leben zu müssen.

Gleichzeitig nötigt es mir Respekt ab, wenn jemand wie Elena seinen Weg geht, obwohl ihm dauernd Hindernisse in den Weg geworfen werden. Und bei allen Widrigkeiten: Es ist kein bedrückender Roman, sondern ein kraftvolles, lebensbejahendes Buch, bei dem ich mir auch eine Verfilmung gut vorstellen könnte.

Besonders eindrücklich fand ich die Stelle, in der auf den Titel des Buches Bezug genommen wurde. Und wer nun wissen will, was es mit Lilas Verschwinden als ältere Frau auf sich hat, muss wohl auch die drei weiteren Bände lesen …

Anmerkungen

Elena Ferrante entzieht sich übrigens konsequent jeglicher Publicity. Interviews führt sie, wenn überhaupt, nur schriftlich.

Mehr dazu und zu ihren bisherigen Büchern findet man in dem lesenswerten Artikel von James Wood – erschienen im New Yorker.

Nachtrag

Anlässlich der deutschen Übersetzung kommt der Roman nun auch ins deutsche Feuilleton. Eine Zusammenfassung dessen, was bisher passierte, liefert Stefan Mesch auf Spiegel Online.

Die Spiegel-Ausgabe vom  20. August 2016 bringt ein sechsseitiges Interview mit der Autorin.

Thomas Steinfeld kommt in der Süddeutschen Zeitung zu dem merkwürdigen Ergebnis, dass wenn man nur gründlich genug hinschaue, doch erkennen müsse, dass es sich dabei bloß um Trivialliteratur handele.

Sandra Kegel in der FAZ sieht das anders.

Und bei Sieglinde Geisel im TELL Magazin hat Elena Ferrante den „Page 99 Test“ bestanden.

Das sagt Iris Radisch in der ZEIT.

masuko13 und Zeichen & Zeiten sind ebenfalls angetan.

 

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo (OA 1957; deutsche Erstausgabe 1959)

‚Nunc et in hora mortis nostrae. Amen.‘
Der tägliche Rosenkranz war zu Ende. Eine halbe Stunde lang hatte die ruhige Stimme des Fürsten an die schmerzlichen Mysterien erinnert; eine halbe Stunde lang hatten sich andere Stimmen zu einem wogenden Gemurmel verwoben, auf dem sich die goldenen Blumen ungewohnter Worte abhoben: Liebe, Jungfräulichkeit, Tod; und solange das Gemurmel andauerte, schien es, als hätte der Rokokosalon sein Aussehen verändert; sogar die auf den Seidentapeten ihre schillernden Flügel ausbreitenden Papageien wirkten eingeschüchtert; selbst die Magdalena zwischen den zwei Fenstern erschien wie eine Büßerin und nicht wie eine traumverlorene, üppige blonde Schöne, als die man sie sonst immer sah.

So beginnt einer der Klassiker der italienischen Literatur, der im Original 1957 – nach dem Tod des Autors – erschien und manchen vielleicht eher unter dem Titel Der Leopard bekannt ist.

2002 erschien eine Neuübersetzung von Giò Waeckerlin Induni, die sich auch für den geänderten Titel entschieden hat.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo (2002)

Einleitung

Die Geschichte beginnt 1860 und endet 1910. Der Autor, der aus einer der ältesten Adelsfamilien Siziliens stammt, bat vor seinem Tod einen befreundeten Baron, für die Veröffentlichung Sorge zu tragen, denn:

Mir scheint, daß der Text von gewissem Interesse ist, denn er zeigt einen adeligen Sizilianer an einem historischen Wendepunkt […], wie er darauf reagiert und wie sich der Niedergang der Familie bis zum fast gänzlichen Verfall zuspitzt; dies alles jedoch von innen gesehen, mit einer gewissen Mitbeteiligung des Autors und […] ohne jeglichen Haß. Überflüssig, besonders darauf hinzuweisen, daß es sich bei ‚Fürst Salina‘ um Fürst Lampedusa handelt, um meinen Urgroßvater Giulio Fabrizio…

Zum Inhalt

Die titelgebende Gestalt, Fürst Fabrizio Salina, ist klug, reflektiert, sinnlich und dabei passiv bis ins Mark.

Einerseits vom mütterlichen Ehrgeiz und verstandesmäßigem Denken getrieben, andererseits von der Sinnlichkeit und Leichtfertigkeit des Vaters, lebte der arme Fürst Fabrizio selbst unter Zeus‘ finsterem Blick in ständiger Unzufriedenheit und ließ den Niedergang seines Standes und seines Vermögens geschehen, ohne irgendwelcher Tätigkeit nachzugehen und noch viel weniger Lust verspürend, dem Abhilfe zu schaffen. (S. 15)

Salina mag seinen adoptierten Neffen Tancredi viel mehr als seine eigenen Söhne und bewundert ihn für dessen Fähigkeit zu erkennen, woher der politische Wind weht. Und so schließt sich Tancredi den Truppen um den italienischen Freiheitskämpfer Garibaldi an, um für ein vereintes, unabhängiges Italien zu kämpfen. Die Kampfhandlungen bilden jedoch nur eine Art Hintergrundmusik zur Geschichte.

Tancredi, der zunächst Concetta, der Tochter des Fürsten, Hoffnungen gemacht hat, entscheidet sich dann aber, mit voller Billigung Salinas, für Angelica, die wunderschöne junge Tochter des Bürgermeisters, die als einziges Kind eine beträchtliche Mitgift zu erwarten hat.

Wir lesen von Jagdausflügen, Bällen und den dort angebotenen Speisen – das kann schon mal zwei Seiten in Anspruch nehmen – oder vom riesigen Sommerpalast der Salinas, der so groß ist, dass selbst der Fürst nicht alle Zimmer kennt. Würde er sie alle kennen, wäre er keine angemessene Behausung. In diesem Sommerpalast tändeln Tancredi und Angelica glücklich und erwartungsfroh durch die Flure und Zimmer.

Tancredi wollte Angelica den ganzen Palast zeigen, in seinem unentwirrbaren Ganzen aus alten Gästeflügeln und neuen Gästeflügeln, aus Repräsentationsräumen, Küchen, Kapellen, Theatern, nach Leder duftenden Remisen, Stallungen, schwülen Treibhäusern, Durchgängen, Fluren, Wendeltreppen, Balkonen und Arkaden, und vor allem aus einer ganzen Reihe nicht mehr genutzter, seit Jahrzehnten nicht mehr betretener Appartements, die ein geheimnisvolles labyrinthisches Gewirr bildeten. (S. 203)

Die Armut im Dorf gehört zur von Gott gegebenen Ordnung, der man sich durch reichliche Almosen verpflichtet weiß. Doch die Zeichen der Zeit stehen auf Veränderung, der Einfluss des Bürgertums nimmt zu. Der Fürst sieht das skeptisch, nicht nur, weil die Macht seiner eigenen Schicht schwindet, sondern auch weil er nicht glaubt, dass das Neue irgendetwas verbessern wird. Gelder und geplante Maßnahmen wie neue Rohrleitungen für das Dorf werden in Korruption und Bürokratie versickern. Als es bei der Volksabstimmung im Dorf zur Unterschlagung der Neinstimmen kommt, ist dem Fürsten klar, dass schon jetzt, zu Beginn der ’neuen‘ Zeit, das junge Pflänzchen Vertrauen mit Füßen getreten wird. Kurzum: Ändern wird sich nichts. Das entspräche auch gar nicht der sizilianischen Mentalität.

Doch nicht nur der Einfluss solcher Familien wie der Salinas schwindet, sondern auch deren ehemals unvorstellbarer Reichtum. Man speist zwar noch von edelstem Geschirr,

die Teller jedoch, jeder mit einer berühmten Signatur versehen, waren bloß Überlebende der von den Spüljungen angerichteten Verheerungen und stammten aus verschiedenen Gedecken. (S. 26)

Man kann auch Concetta, der eigenen Tochter, keine Mitgift mitgeben, die Tancredi überzeugt hätte.

Selbst die Liebe zwischen Tancredi und Angelica, die von Anfang an nicht völlig uneigennützig ist, wird vom allwissenden Erzähler schon an ihrem ersten gemeinsamen Ball, auf dem Angelica in die gehobenen Kreise eingeführt wird, unter das Motiv der Vergänglichkeit gestellt:

Sie boten das ergreifendste Bild überhaupt, das von zwei sehr jungen verliebten Menschen, die zusammen tanzen, blind für die gegenseitigen Fehler, taub für die Warnungen des Schicksals, arme Träumer, die glauben, ihre künftiger Lebensweg sei wie der spiegelglatte Fliesenboden des Ballsaals, ahnungslose Darsteller, die der Regisseur die Rollen Julias und Romeos spielen läßt, jedoch die Gruft und das Gift vergißt, die im Drehbuch bereits vorgesehen sind. (S. 294)

Doch eines kann der Adel: Seine verfeinerten Sitten, wie sie sich z. B. in der Ess- und Gesprächskultur zeigen, dienen den nach oben strebenden Bürgern als Vorbild. So wird dem ungepflegten und ungehobelten Bürgermeister, dem Vater Angelicas, bewusst:

wie angenehm ein guterzogener Mensch sein kann, weil dieser im Grunde genommen nichts anderes ist als ein Mensch, der die immer störenden Elemente eines wesentlichen Teils des menschlichen Daseins beseitigt hat […]. Nach und nach begriff don Calogero, daß ein gemeinsames Essen nicht zwingend ein Orkan aus Kaugeräuschen und Fettflecken sein muss; daß ein Gespräch sich nicht wie das Gebelle raufender Hunde anhören muß; daß einer Frau den Vortritt zu gewähren ein Zeichen von Stärke ist und nicht, wie er geglaubt hatte, von Schwäche; daß man bei einem Gesprächspartner mehr erreicht, wenn man ‚Ich habe mich nicht klar ausgedrückt‘ sagt, anstatt ‚Du hast einen Dreck verstanden‘; und daß für den, der geschickt mit solchen Taktiken umzugehen versteht, Speisen, Frauen, Argumente und Gesprächspartner beträchtliche Zinsen abwerfen können. (S. 180)

Fazit

Hilfreich für das Verständnis des Romans ist es, wenn man sich ein wenig Hintergrundwissen über die Zeit des Risorgimento anliest.

Mein Leseeindruck ist zwiespältig: Sowohl Thematik als auch Sprache des Romans waren eines Klassikers würdig, viele detailverliebte Schilderungen, die wunderbare wogende Sprache und eine Reihe von Szenen werden mir in Erinnerung bleiben.

Eine Stunde später erwachte er [Fürst Salina] ausgeruht und munter und ging in den Garten hinunter. Die Sonne stand bereits tief am Horizont, und da nun ihre Strahlen die Anmaßung abgelegt hatten, tauchten sie die Araukarien, die Pinien, die kräftigen Steineichen, die den Ruhm des Ortes ausmachten, in liebliches Licht. Die Hauptallee führte zwischen den anonymen Büsten nasenloser Göttinnen einrahmenden hohen Lorbeerhecken leicht abwärts; von zuhinterst hörte man den sanften Regen der Wasserfontänen, die in das Becken von Amphitrites Brunnen rieselten. Er lenkte den Schritt dorthin, eilig, begierig auf das Wiedersehen. Aus den Konchen der Tritonen, aus den Muscheln der Nereiden, aus den Nüstern der Meeresungeheuer ausgespien, schossen die Wasser in dünnen Fäden hervor, tüpfelten mit stechendem Plätschern die grünliche Oberfläche des Beckens, verursachten Aufspritzen, Blasen, Wellen, Erschauern, anmutige Wirbel; den lauen Wassern, den mit samtenen Moos überzogenenen Steinen, dem ganzen Brunnen entströmte die Verheißung einer Lust, die sich nie in Schmerz wandeln würde.

Interessant war die Person des Hausgeistlichen Pater Pirrone, eines Jesuiten, der ständig seine Rollen als Geistlicher, als Beichtvater, und gleichzeitig als komplett Abhängiger von seinem Fürsten ausbalancieren muss. Er kommt, wenig überraschend, zu dem Ergebnis:

Die vornehmen Herren waren zurückhaltend und unergründlich, die Bauern deutlich und klar; doch der Dämon wickelte sie um den kleinen Finger, die einen wie die anderen. (S. 274)

Und doch krankte das Buch – für mich – an einem großen Makel: Die Personen bleiben mir gleichgültig. Das lag nicht nur daran, dass hier einem Lebensstil, der auf der jahrhundertelangen Ausbeutung und Unterdrückung von anderen beruht, ein wehmütiger Abgesang gesungen wird. Letztlich wird angedeutet, dass auch die neue Gesellschaftsform nicht besser sein wird. Die Hauptfiguren blieben einem fern, so als habe der Fürst Salina eines seiner Instrumente in seinem Observatorium falsch herum gehalten. Ich habe das Schicksal der Fürstenfamilie ungefähr mit der Anteilnahme verfolgt, mit der ich die Gebrauchsanweisung für eine neue Spülmaschine lesen würde.

Was aber seltsamerweise dem Gedanken, das Buch irgendwann noch einmal zu lesen, keinen Abbruch tut…

Anmerkungen

Auf Deutschlandfunk gibt es einen längeren Artikel.

In diesem Fall empfehle ich bei Interesse auch den Wikipedia-Artikel zum Roman, der u. a. auf die wichtige Bedeutungsverschiebung in der Neuübersetzung des Titels eingeht.

1963 wurde der Roman von Visconti mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon verfilmt. Toskana 2004 (53)