Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater (OA 2005)

Die deutsche Übersetzung von Ebba D. Drolshagen erschien 2007 im Insel Verlag.

Ohne Schnörkel ist hier der Titel Programm. Der norwegische Autor Edvard Hoem (*1949) erzählt die Geschichte seiner Eltern, wobei der Schwerpunkt auf den dreißiger und vierziger Jahren des letztes Jahrhunderts liegt, der Zeit, als seine Eltern noch jung waren. Die späteren Jahrzehnte werden gerafft und erscheinen doch nicht weniger innig.

An den meisten Tagen meiner Kindheit war ich mit meinen eigenen Dingen beschäftigt. Meine Eltern waren Eltern, sie sollten sich um mich und meine Geschwister kümmern, dafür sorgen, daß wir Essen, Kleidung und Geborgenheit bekamen. Aber hin und wieder wunderte ich mich darüber, was gesagt und nicht gesagt wurde bei uns zu Hause. (S. 9)

Der Vater des Autors soll später den kleinen Bauernhof in der Nähe der Westküste im Gudbrandsdalen übernehmen. Doch dann kommt im Dezember 1931 einer der Wanderprediger in seinen Heimatort und hält eine Andacht in dem kleinen Schulhaus.

An diesem Tag hat es geregnet und geschneit, aber gegen Abend verziehen sich die Wolken, und die Sterne kommen heraus. Sie leuchten über den Wiesen, den Fjorden und über dem roten Schulhaus. Es sind dieselben Sterne, die auf der ganzen Welt scheinen, überall, wo Menschen ihr Zuhause haben. Es sind die Sterne, die über den Feldern von Bethlehem leuchteten, wo die Hirten schliefen, und sie schienen über der Prärie in Amerika. Die Sterne über dem Hang, wo die Hoem-Schule steht, gehören allen. […] Die Zeit vergeht, aber die Sterne bleiben dieselben, sie sind wie Gottes ewiges Wort, sie leuchten von Geschlecht zu Geschlecht. (S. 15)

Seit diesem Abend fühlt sich der junge Knut Hoem nicht länger zum bäuerlichen Leben berufen, sondern dazu, Menschen Gottes Wort nahezubringen. Und das setzt er auch durch und so predigt er, der Bauernjunge, nach kurzer Bibelschulausbildung in den Tälern und Dörfern den einfachen Leuten seiner Heimat Gottes Wort. Die Menschen hören den lebensfrohen, wenn auch etwas unpraktischen Mann gern und so wird er von einem Dorf zum nächsten, von einem Hof zum nächsten weitergereicht, um auch dort seine Andachten zu halten.

IMG_2394Stabkirche in Ringebu

Der Autor kann 50 Jahre später diese oftmals beschwerlichen Reisen, die sein Vater Jahrzehnte mit dem Fahrrad, dem Bus oder zu Fuß, vor allem in den Wintermonaten, absolviert hat, anhand unzähliger kleiner Notizbücher aus dem Nachlass des Vaters genauestens nachvollziehen. In den Sommermonaten hat er später, nachdem er verheiratet war, seiner Frau auf dem Hof geholfen, auch wenn er nie gern Arbeit verrichtet hat, bei er in Gefahr stand, sich schmutzig zu machen. Und sicherlich hätte sich seine Familie mehr als einmal einen zupackenderen, kräftigeren Helfer auf dem Hof gewünscht als diesen freundlichen, aber nicht besonders robusten Laienprediger, der manchmal mitten in der Kartoffelernte wieder auf Reisen ging.

Norge08_0176Die Geschichte seiner Mutter Kristine verlief zunächst ganz anders. Ein hübsches, arbeitsames Mädchen, das in seiner Jugend das Vieh auf der Sommeralm hüten musste und sich aufs Leben freute. Für eine höhere Schulbildung reichte das Geld nicht und so musste sie schon früh, wie auch ihre Zwillingsschwester, Geld verdienen. Sie war reserviert, sehr schüchtern, aber tüchtig und von ihren Arbeitgebern immer geschätzt. Dann kam der Krieg, die Besatzung und mit ihr kamen auch die verhassten deutschen Soldaten, u. a. auch nach Lillehammer, wo Kristine in einem Pflegeheim arbeitete. Ihre Brüder gingen schon bald in den Widerstand.

Letztlich war nichts unwahrscheinlicher als eine glückliche Verbindung zwischen dem tiefgläubigen Mann und dieser Frau. Das sah auch Kristine so, das sahen auch alle anderen so, die schließlich massiv intervenierten, um die Heirat zu verhindern. Wie daraus trotzdem eine besonders schöne Liebesgeschichte werden konnte, das muss nun jeder selbst erlesen.

Mir jedenfalls hat dieses unaufgeregte Buch sehr gefallen. Selbst das, was ich zunächst bemäkeln wollte – dass es dem Autor eben nicht gelingen will, bestimmte Vorkommnisse kraft seiner Imagination zum Leben zu erwecken, sagt er doch selbst, jetzt müsse er wohl ein wenig ausschmücken, weil er nicht wisse, was sich nun wirklich vorgetragen habe –  wendet sich und unterstreicht das Liebenswürdige, das Schlichte und Schöne dieser Erzählung, die ihren unaufdringlichen Reiz sicherlich zu einem Großteil der zurückgenommenen Sprache verdankt.

Mutter und er hatten schon lange zueinander gefunden. Sie waren ein Paar geworden. In den langen Jahren, wenn er nicht bei ihr war, schrieben sie sich Briefe über alle möglichen praktischen Fragen, aber es wurde nie mit einem Wort erwähnt, wie es ihnen ging. Doch wer zwischen den Zeilen liest, versteht. Nur ein Satz ist anders, in einem von tausend Briefen. Er schreibt, daß er sie, Kristine, grüße, er berichtet von allem, was er tut, und von seiner Hoffnung, daß das norwegische Volk ein weiteres Mal die Türen öffnen und die Gnade empfangen möge. Doch nachdem er all diese frommen Wünsche geäußert hat, […] kommt er zurück auf sie, die die Freude seiner Jugend und der Trost seines Alters geworden ist: Ein weiteres Mal grüße ich dich. So endet sein Brief. […] Wenn es tausend Briefe gäbe, und wenn sie aus tausend großen Worten und Beteuerungen bestünden, sie würden mir nicht mehr sagen als diese einfachen Worte. (S. 206)

Darüber hinaus ist es auch interessant, Einblick in die Zeit der deutschen Besatzung zu bekommen. Bei der Lektüre wird einem ebenfalls bewusst, welche Werte damals hochgehalten wurden und wie arm die Bauern in den abgelegenen Tälern Norwegens noch vor wenigen Jahrzehnten waren, wie hart die Arbeit war und wie wenig Aussicht bestand, aus diesem Leben herauszutreten, weil das Geld für höhere Schulbildung einfach nicht da war oder weil die Arbeitskraft des Sohnes oder der Tochter unersetzlich war.

IMG_2251Freilichtmuseum Maihaugen, Lillehammer

Irgend etwas ist im Haushalt immer gerade zu erledigen, sei es Brotbacken, Marmeladekochen, Buttern, Waschen, Weben oder Stricken. Wenn der Webstuhl in der Küche steht, ist fast kein Vorbeikommen. Sie leben so dicht gedrängt, daß kaum Luft zum Atmen bleibt. Es ist eng um den Küchentisch, alles ist zu knapp, zu kurz und zu wenig, aber hier leben sie, hier schweigen sie, und hier reden sie. Wenn der Schultag vorüber ist, bekommen die Töchter von der Mutter Aufgaben, die sie erledigen müssen, die Jungen gehen mit dem Vater in den Stall und zum Holzhacken. […] Die harten Arbeitstage ließen keinen Platz für Spiel, Spaß und Überflüssiges. Wenn man sich hinsetzte, dann nur, um sich auszuruhen. Wenn man für den Tag fertig war, war es Abend. (S. 49)

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Carry Brachvogel: Alltagsmenschen (1895)

Anlässlich des Autorinnenporträts auf Sätze & Schätze hole ich mal einen älteren Beitrag aus den Untiefen meines Blogs hervor.

Als vor nahezu sieben Jahren die münchener Zeitungen unter der Rubrik ‚Lokales‘ verkündeten, daß die einzige Tochter des Herrn Kommerzienrates und Handelsrichters Mey, Fräulein Elisabeth Mey, sich mit Herrn Dr. jur. Friedrich Becker, einem Sohn des bekannten Augsburger Großindustriellen Herrn Martin Becker, verlobt habe, da bot sich den sämtlichen Klatschmäulern der schönen Isarstadt (und es soll deren etliche geben!) Stoff zur Be- und Verarbeitung in Hülle und Fülle dar.

So beginnt Alltagsmenschen (1895), ein Buch von Carry Brachvogel, das in seiner psychologischen Hellsichtigkeit den Vergleich mit den großen Ehebruchsromanen nicht zu scheuen braucht.

Zum Inhalt

Die junge Elisabeth ist – wie die tuschelnde Gesellschaft nicht müde wird zu betonen – schon 23, als sie sich nach nur wenigen Wochen Bekanntschaft mit Friedrich Becker verlobt. Doch anders als die Klatschmäuler vermuten, wird es eine Liebesheirat.

Das blühende Mädchen mit den großen dunklen Augen, dem anmutigen, klug und lebhaft plaudernden Munde hatte ihn im ersten Augenblick bezaubert, und schon nach wenigen Wochen hielt er um sie bei ihren Eltern an, nachdem eine Aussprache mit der Geliebten vorhergegangen war, die an flammender Empfindung und beredtem Ausdruck alle Liebesszenen der dramatischen und novellistischen Litteratur zu übertrumpfen drohte. (S. 9)

Doch der Keim des späteren Unglücks ist schon längst gelegt, denn Elisabeth ist ein Produkt ihrer Umwelt und in den damaligen Rollenbildern gefangen. Sowohl die schulische Erziehung, die ja nicht auf eine spätere Selbstständigkeit der Frau abzielt, als auch das Elternhaus Elisabeths sorgen dafür, dass sie im Grunde gar nicht erwachsen werden kann.

Als einziges Kind überzärtlicher Eltern war ihr bislang ein Jahr nach dem andern in ungetrübt heiterer Gleichmäßigkeit dahingeflossen, jeder Schatten einer Sorge, ja nur einer Mißstimmung ängstlich von ihr ferngehalten worden. Aber das Mädchen fing bald an, sich in dieser schier beängstigenden Atmosphäre des Glückes und der Sorglosigkeit zu langweilen; es erging ihr ähnlich wie den Leuten, die in der Einsamkeit einer schwülen, lautlos brütenden, stahlblauen Hochsommermittagsstunde derselbe unheimliche, gespensterahnende Schauer beschleicht, der eigentlich nur für Mitternacht gestattet und üblich ist. – Und wenn sie auch frei blieb von modern-hysterischer Sehnsucht nach Leiden und Selbstentäußerung, so verlangte es sie eben doch nach etwas Unfaßlich-Wunderbarem, das endlich einmal erschreckend und erlösend zugleich in ihr Dasein hineinrauschen sollte. Ihrem Leben fehlte der Inhalt. Ein Tag wie der andere floß leer dahin: Toilette, Spaziergengehen, ein bischen Lesen, ein bischen Porzellanmalen, Besuche, Theater, Bälle. (S. 9)

Sie wünscht sich, etwas mit ihrem Leben anfangen zu können, etwas Großes zu vollbringen und wie ein Mann tätig zu sein, der seine Kräfte einsetzen kann. Doch wie hätte das für sie aussehen sollen? Die Erfüllung hat die Frau in der Ehe, ihren häuslichen Verpflichtungen und in der Mutterschaft zu finden.

Dementsprechend hat sie sich in ihren Mädchenträumen die Ehe recht heroisch ausgemalt: Der Mann als Adler, als Held, der der Sonne entgegenfliegt, und sie als die aufopferungsvolle Gefährtin, die dem Adler sorgsam das weiche Nest bereitet und so an seinem Ruhm Anteil hat. Aber Friedrich ist kein Adler, kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, der abends müde von der Arbeit kommt, der zwar seine Frau liebt und verwöhnt, ihre zunehmende Unzufriedenheit und Stimmungsschwankungen allerdings nicht nachvollziehen kann.

An ihrer kleinen Tochter hängt Elisabeth mit ganzem Herzen. Doch als die „Honigmonde“ der ersten Ehezeit vorbei sind und der neue Stand nichts Neues und Aufregendes mehr bereithält, stellt sich wieder das Gefühl der Langeweile und der gekränkten Eitelkeit ein.

… und ein Frösteln befiel zuweilen die junge Frau, wenn sie bedachte, daß es nun immer so weitergehen würde, bis ihr Haar grau geworden und ihr Sinn alt, daß für sie nunmehr alles fertig und abgeschlossen war. Ja, ja – abgeschlossen – dies Wort traf das Richtige, denn ihr schien’s zuweilen, als sei ein schweres, eisernes Thor unversehens hinter ihr ins Schloß gefallen und banne sie nun grausam vom hellen blühenden Leben weg in einen düstern, einsamen Burghof, zu dem die glänzenden, funkelnden Sonnenstrahlen von draußen wohl niemals den Weg fanden. (S. 14)

Letztlich ist sie nicht ausgelastet mit der „Spielzeugrolle, die man der modernen Frau in in der Ehe immer noch gerne anweist“ (S. 16).

Und als sie auf einem Ball den Legationsrat Max Heßling kennenlernt, ist sie betört von seiner Galanterie und seinem gesellschaftlichen Schliff.

Sein Gespräch war voll prickelnder Grazie, voll treffender Sarkasmen, die Elisabeth sehr entzückten; doppelt, da sie gleich den meisten Frauen Heßlings spöttelnde Frivolität nicht für echt hielt, sondern als stacheliges Panzerhemd betrachtete, mit dem sich eine ideale Seele  schamhaft bekleidete, um ihre zarten Regungen vor unzarter Berührung zu wahren. (S. 28)

Sie lässt sich aus Eitelkeit, aus Langeweile und Gedankenlosigkeit allmählich in eine Affäre mit Heßling hineingleiten, von der beide lange glauben, dass sie alles im Griff haben. Dabei erklärt uns der allwissende Erzähler, dass dabei von wirklicher Liebe keine Rede sein könne.

Elisabeths unbestimmte sehnsuchtsvolle Langeweile hatte sich endlich zu dem Bedürfnis abgeklärt, etwas Aufrüttelndes zu erleben: Heßlings Huldigungen schmeichelten ihrer Eitelkeit, ihre Überspanntheit flunkerte einiges von glühender Leidenschaft und alle konventionellen Schranken niederstürmender Liebe, der große Galeotto schwang kräftig seine Hetzpeitsche, und so war sie denn eben eines schönen Tages in die Arme des Legationsrats geeilt. (S. 71)

Doch natürlich wird auch diese Beziehung zu etwas Alltäglichem. Heßling überlegt schon, an einem anderen Ort seine Karriere fortsetzen zu wollen, doch die Kraft zu einem Schlussstrich findet keiner der beiden. Dabei wird das Versteckspiel immer gefährlicher und belastet Elisabeth immer mehr. Jetzt erst erkennt sie, was sie aufs Spiel setzt.

Fazit

Fontanes Effi Briest wurde fast zeitgleich zu den Alltagsmenschen veröffentlicht, nämlich als Fortsetzungsroman in der Neuen Rundschau von 1894 bis 1895. Der Leser denkt natürlich auch an Madame Bovary und Anna Karenina, letzteres wird sogar neben anderen in der Geschichte erwähnt, selbst wenn Brachvogel ihre Ménage-à-trois ganz anders auflöst als ihre großen Kollegen.

In seiner psychologischen Glaubwürdigkeit fand ich das Buch beeindruckend. Jede Seelenregung der drei Betroffenen wird mit großer Menschenkenntnis bis in die kleinsten Nuancen geschildert.

Deutlicher als jemals zuvor offenbarte sich hier der Bruch in ihrem Charakter, das ungleiche Verhältnis darin zwischen Wollen und Können: sie wäre ja gar zu gerne eine außergewöhnliche Frau gewesen, eine von jenen, die als temperamentvoll gelten und über die hinweg sich die Männer mit verständnisvollem Blinzeln ansehen, aber sie war nicht schlecht genug, um sich ihres Fehltritts in aller Seelenruhe zu freuen, und bei weitem nicht groß genug, um ihr Thun nur vor den Gesetzen ihres eigenen Ichs verantworten zu wollen und zu können. […] Von der Bühne herab sah sich solch sündiges Liebesglück doch meistens sehr verlockend an, es las sich auch recht hübsch davon, aber in Wirklichkeit war es doch sicher richtiger und besser, eine anständige Frau zu sein, als eine gefallene. (S. 78)

Da hat Elisabeth natürlich recht, denn wenn ihr Mann von der Affäre erfährt, kann er sie aus dem Haus jagen, was nicht nur das Ende ihres gesellschaftlichen Ansehens und ihrer finanziellen Absicherung, sondern vor allem die Trennung von ihrem Kind bedeuten würde. Letztlich wird Elisabeth, wenn auch zu spät, erwachsen, denn sie sieht, welch mädchenhaften Fantasien und welcher Dummheit und Eitelkeit sie ihr Glück vor die Füße geworfen hat.

Doch auch Heßling, der nur eine kurze Affäre mit der schönen Frau gesucht hat, und Friedrich, der seine Frau liebt, werden in ihren inneren Konflikten und einander widerstrebenden Empfindungen scharfsinnig und nachvollziehbar gezeichnet.

Dabei sind alle drei, ohne sich dessen bewusst zu sein, auch Opfer des vorherrschenden Frauenbildes und stehen in Wechselwirkung mit der vierten Kraft im Roman, der Gesellschaft, deren oft verlogene und heuchlerische Stimme wir immer wieder vernehmen.

Was sich aber inzwischen überlebt hat, ist die oft unglaublich pathetische Sprache, die wilden Naturmetaphern.

Gleich schwerer, ertötender Eiseskälte legte sich die Erinnerung der Schuld auf die hochgehenden Wogen ihres fieberisch-verzweifelten Heroismus … (S. 104)

Auch die Erzählerstimme fand ich manchmal anstrengend. Sie weiß wirklich alles und ein Lesen zwischen den Zeilen ist nicht vonnöten. Es wird alles, alles erklärt und gedeutet.

Anmerkungen

Das Buch erschien im Allitera Verlag, und zwar in der edition monacensia, in der Werke Münchner Autoren und Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts erscheinen.

Das Cover fand ich entsetzlich und dass ein Zitat auf dem hinteren Buchdeckel fälschlicherweise Elisabeth zugeschrieben wird, das aber von Heßling stammt, machte die Sache nicht besser.

Das Nachwort von Ingvild Richardsen hingegen war sehr erhellend. Carry (eigentlich Caroline) Brachvogel (geboren 1864) gehörte damals zu den „modernen“ Autorinnen, die sich auf „die Suche nach einem neuen Selbstverständnis der Frau“ begaben und die traditionellen Rollenvorstellungen in Frage stellten (S. 156).

Auch zur Biografie der jüdischen Autorin und Frauenrechtlerin, die seit 1895/96 über 30 Jahre lang einen einflussreichen literarischen Salon leitete, gibt es interessante Hinweise. Sie wurde schließlich als Schriftstellerin in ganz Deutschland bekannt.

Mit ihrer Existenz als unverheiratet bleibende, selbstständige, arbeitende Witwe widerspricht sie dem gängigen Ideal der Frau im Bürgertum des Kaiserreichs (S. 160)

Doch das Ungeheuerliche ist den Herausgebern nur einen kurzen Satz in der hinteren Umschlagklappe wert:

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird die Jüdin Carry Brachvogel beruflich isoliert und schließlich 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf verstarb.

Und bei Lena Riess bitte gleich weiterlesen: Sie stellt eine Novellensammlung der Autorin vor.

Emily Brontë: Wuthering Heights (1847)

#MeinKlassiker: Emily Brontë: Wuthering Heights

Da hatte Birgit von Sätze & Schätze mal wieder eine Idee und wir mussten ran:

Im Gegensatz zum Feuilleton sind Literaturblogger nicht dem ständigen Aktualitätszwang verpflichtet – darin liegt auch eine Chance, immer einmal wieder einen Klassiker aus dem Regal hervorzuholen, sie den Lesern – so sie ihn noch nicht kennen – näherzubringen. Ich habe daher einige lesende und schreibende Menschen (Blogger, Schriftsteller, Verleger, Literaturschaffende und Literaturliebhaber) gebeten, mir von ihrem persönlichen Favoriten zu erzählen und über Bücher zu schreiben, die sie seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten begleiten, denen sie eine besondere Bedeutung zuschreiben, die sie als Klassiker bezeichnen würden.

Und so entsteht eine höchst spannende Reihe zu unseren ganz persönlichen Klassikern. Mitmachen weiterhin dringend erwünscht!

Bei der Frage nach #MeinKlassiker kommt man erst einmal ins Grübeln. Das geht schon bei der Definition los, was man unter einem Klassiker verstehen will. Und welches von all den Büchern, die ich bisher gelesen habe, soll nun hier den Ehrentitel bekommen? Und doch, Birgits Anfrage erreichte mich gerade, als ich nach ca. 20 Jahren ein ganz bestimmtes Buch las, wiederlas.

Ich musste also gar nicht lange überlegen. Mein Klassiker ist Wuthering Heights von Emily Brontë, einigen vielleicht eher unter dem deutschen Titel Sturmhöhe bekannt.

Die wilde Geschichte von den zwei unterschiedlichen Familien, die irgendwo im einsamen und rauhen Yorkshire wie Naturgewalten aufeinandertreffen, wurde erstmals 1847 veröffentlicht. Da wären zum einen die Earnshaws samt Findelkind Heathcliff, eine Familie, die mit dysfunktional noch sehr freundlich umschrieben wäre, und  zum anderen die gesitteten Lintons. Es kommt zu unglückseligen Eheschließungen, Geburten, Liebesleid, Rache und Tod und schließlich zu einer milden Ruhe nach all dem stürmischen Gebaren.

Hab’s schon als Teenager gelesen, ohne die geringste Ahnung, dass das ein echter Klassiker ist. Später die Schwarzweiß-Verfilmung gesehen. Weitere Verfilmungen gingen spurlos an mir vorbei. Das Buch reicht mir völlig.

Im Studium habe ich mich monatelang mit dem Buch beschäftigt und es aus allen möglichen und unmöglichen Richtungen analysiert, interpretiert und dabei fast auswendig gelernt. Doch das Werk hat all dem standgehalten und begeistert mich heute noch genauso wie beim allerersten Mal.

Es bleibt bewunderndes Staunen oder staunende Bewunderung, denn bei jedem Lesen entdecke ich etwas Neues; man wird mit diesem Buch einfach nicht fertig. Da gibt es z. B. eine große psychologische Feinheit, mit der die Autorin zeigt, welche Verheerungen eine miese und brutale Erziehung anrichten kann.

Dann die Modernität der Gestaltung: Wie in einem Spiegellabyrinth muss man überlegen, wem man glauben kann. Die Erzählerfiguren, der Städter Lockwood und die Haushälterin Nelly Dean, die oft genug selbst ihre Finger im Spiel hatte, wollen uns von Anfang an ihre Sicht der Dinge unterjubeln.

Und erst die Hauptfiguren: Catherine, ihr Bruder Hindley, Heathcliff und dann Edgar und Isabelle Linton. In den zwei Häusern tobt ein archaischer Sturm, scheinbar meilenweit vom nächsten Ort entfernt, die Handlung drängt vorwärts; am Ende bin ich fast ein wenig erschöpft und brauche ein paar Tage, bis ich mich wieder auf ein neues Buch einlassen kann. Und dann die großen Fragen nach Schuld, nach Liebe. Schließlich tragen alle ihren Teil, gewollt oder ungewollt, zum Chaos und Herzeleid bei.

Und überhaupt, was ist eigentlich Liebe? Ist es Liebe oder eine schier unfassbare Selbsttäuschung, wenn Catherine beteuert:

If all else perished, and he [Heathcliff] remained, I should still continue to be; and if all else remained, and he were annihilated, the Universe would turn to a mighty stranger. I should not seem a part of it. (…) my love for Heathcliff resembles the eternal rocks beneath – a source of little visible delight, but necessary. Nelly, I am Heathcliff – he’s always, always in my mind – not as a pleasure, any more than I am always a pleasure to myself – but, as my own being….

Elena Ferrante beschreibt in einem Interview, was ein gutes Buch ihrer Meinung nach leistet. Nach dieser Definition ist Wuthering Heights ein phänomenal gutes Buch.

Good books are stunning charges of vital energy. They have no need of fathers, mothers, godfathers and godmothers. They are a happy event within the tradition and the community that guards the tradition. They express a force capable of expanding autonomously in space and time.

Elena Ferrante in einem Interview mit Sheila Heti, zitiert nach: ‘Be Silent, Recover My Strength, Start Again’: In Conversation with Elena Ferrante

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Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011)

26. Juni 1944

Mir schien alles trübe und traurig, weil ich von Dir fortging. Fortging, zwar in die tiefe Glaubensgewißheit, Dich wiederzusehen – aber auch mit der harten Gewißheit, dich lange entbehren zu müssen! Das entbehren zu müssen, was der liebe Gott zu meiner innigsten Ergänzung auf die Welt geschickt hat.

Nie noch habe ich die unbedingte Zusammengehörigkeit zu einem Menschen so hinreißend und grundsätzlich gespürt – als zu Dir. […]

Jeder Berg, jeder Baum, jeder Bach, jeder Schlaf, jedes Erwachen in Sonne oder Regen […] – alles lebte nur auf Dich bezogen und in mir, süß und zwingend, zu Dir hin. Manchmal irrte ich ab, zu dieser oder jener Frau, in Gedanken, leise und ganz tierhaft, und dennoch spürte ich – alles warst Du. Aus und mit Dir lebe und sterbe ich, ich will Dich ganz bei mir haben. Ich wünsche mir, zum erstenmal in Leben, ein Kind von Dir – ich und Du. Ich will nur Dich. In Dir vollendet sich mein Leben und mein Wirkenkönnen. Gott soll uns segnen und zusammenfügen. Ich will nur Dich – nicht „weil“, sondern ohne alle Gründe, weil Du bist und weil Du so bist, wie Dich eben Gott geschaffen hat. Mir und vielen zur Freude – aber mir zur letzten, einzigen Heimat. […]

Ich habe Dich lieber als mein Leben, lieber als Sonne und Mond, lieber als alle bestirnten Nächte, als alle Bäume und Tiere, die ich kenne und liebgewonnen habe, lieber, als mir je ein Mensch war, lieber als mein Leben, meine Hoffnung, meine Einsamkeit und die Summe meiner ganzen Arbeit und aller Seligkeiten, die mich auf meinem kurzen Gang durch die Dämmerung beglückt haben.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen Heinz Hilperts (1890-1967) vom 26. Juni 1944

Zum Hintergrund

Heinz Hilpert, Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters, hat seine große Liebe und spätere Ehefrau Annelies „Nuschka“ Heuser (1902-1963) Ende der zwanziger Jahre kennengelernt. Sie war Jüdin, ihre  Familie emigrierte, doch Annelies blieb in Deutschland.

Gerade noch rechtzeitig kann Nuschka im Juli 1943 in die Schweiz fliehen. Hilpert reist danach mehrere Male in die Schweiz. „Das vorerst letzte Mal sehen sich Heinz  und Nuschka Anfang Juli 1944 in Zürich. Kurz bevor er das Tagebuch beginnt.“ (S. 8)

Heinz Hilpert wird schließlich jede weitere Reise in die Schweiz untersagt. Er musste vorsichtig sein, war er den nationalsozialistischen Herrschers doch bereits unangenehm aufgefallen. Und Joseph Goebbels wird der drohende Satz zugeschrieben, dass Hilperts Theater nicht anderes seien als KZs auf Urlaub.

Bis Juni 1945 schreibt nun Hilpert dieses „Tagebuch für Nuschka“, das von Michael Dillmann und Andrea Rolz herausgegeben wurde und unter dem Titel So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben 2011 im Weidle Verlag erschienen ist.

Wir erfahren, wie das Wetter und seine jeweilige Stimmung ist, ob die Vögel singen, wie viel er an heißen Tagen trinkt und wie sehr er die sommerliche Wärme genießt, bis in den letzten Kriegsmonaten die Einträge verzweifelter werden.

Doch vor allem enthält das schmale Büchlein wunderschöne Liebesworte, auch wenn die sprachliche Vergötterung Nuschkas, der „Gebenedeiten“, die er um Segen bittet, für mich an manchen Stellen etwas schwer verdaulich war. Die geliebte Frau ist „seine Brücke“ zu Gott.

Könnte ich Dir nur einmal ganz sanft über Deine geschlossenen Lider streicheln, Deinen Haaransatz ganz, ganz leise mit meinen Lippen berühren und Dich noch ein wenig fester zudecken, damit Du nicht nachtkalt hast. Aber so bleibt mir nichts, als Dich ganz innig in  mein Gebet einzuschließen und Dich der Gnade dessen anheimzustellen, der uns zusammen auf diese wunderschöne Erde kommen ließ. (S. 21)

In poetischer Sprache umkreist Hilpert immer wieder die Fragen, wie sich diese Liebe auf ihn auswirkt, wie sie ihn verwandelt und unverwundbar macht.

Die Begriffe „sicher“ und „unsicher“ hören auf einzig und allein im Hoheitsgebiet der Liebe. Hier lebt der Mensch im Glauben, und der Glaube macht unversehrbar – man „sichert“ nicht mehr. […] und in der vollkommenen Liebe zu Dir, Nuschka, bin ich ganz unversehrbar, kann ich kämpfen, ohne mich umzusehen, kann ruhen, ohne mich zu schützen, kann schwerelos sein, ohne mich ekstatisch aufzuschwingen, kann kreisen, ohne schwindelig zu werden, kann verweilen, ohne zu versäumen. „Nichts mehr versäumen“ ist das tiefe, tiefste Lebensgefühl, was sich dem Liebenden erschließt. Er rennt und jagt nicht mehr, er bangt und flieht nicht mehr. Er hält inne und ist heiter, er geht still fort und fort und ist selig. Das Wissen und die Weisheit, die für ihn taugt, schmiegt sich still in sein Herz. (S. 24)

Geliebt werden ist schön – es entwickelt und differenziert aber nicht. Lieben – mit aller Fragwürdigkeit des Widergeliebtwerdens – ist eben eine Kraftvergeudung, die ständig verjüngt, ist eine Auslieferung, die einem sich selbst zurückbringt, ist ein Schmerzempfinden, das in Lust umschlägt. (S. 60)

Und ähnlich wie auch Bonhoeffer in seinen Brautbriefen ringt auch Hilpert darum, die lange Trennungszeit sinnvoll werden zu lassen:

Und dann baute sich immer wieder aus Sehnsucht und Liebe eine Brücke, die gerade in Dein liebes Herz hineinmündete. Und ich ging darauf und dachte, warum ist Liebe, die sich bescheiden muß und sich nicht stillen kann, weil die Geliebte fern ist, so viel inniger und zarter und verbundener, verflochtener, unauflösbarer als die, die genießt? Weil sie schmerzhafter ist? Schenkt uns der Schmerz diese ganz besonderen Innigkeiten? Warum werden Menschen erst im Entbehren wesentlich? Und ganz nahe? (S. 63)

In den letzten Kriegsmonaten werden die Briefe aus Berlin dunkler, die Verzweiflung und Sehnsucht riesengroß, aber selbst die Gedanken an den Tod sind aufgehoben in dieser großen Liebe:

Die Welt wird immer dunkler. Die Angriffe immer grauenhafter. Wir müssen’s dulden! Meine Unversehrtheit liegt ganz bei Dir und meinem Gefühl zu Dir. Was auch kommt – ich bin immer nur auf dem Wege zu Dir. Immer Richtung Nuschka. Auch wenn ich sterben muß, ist mein letzter Herzschlag für dich. Sei geküßt und gesegnet. (S. 97)

Eine weitere Besprechung findet sich auf lustauflesen.de.

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Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer: Brautbriefe Zelle 92 (1992)

Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945), der bekannte Theologe, aktiv im Widerstand gegen Hitler, begegnet im Juni 1942 seiner großen Liebe, der 18 Jahre jüngeren Maria von Wedemeyer. Im November 1942 bittet Marias Mutter wegen des Altersunterschiedes um das Einhalten einer einjährigen Kontaktsperre, was sie allerdings im April 1943 zurücknimmt, als Bonhoeffer von den Nazis verhaftet wird und für fast zwei Jahre in Berlin Tegel, Zelle 92, inhaftiert ist. Den ersten Kuss geben sich die Brautleute im Gefängnis.

Also schreiben sich diese zwei so unterschiedlichen Persönlichkeiten und beide sind wunderbar ehrliche Briefeschreiber. Besonders die Briefe der jungen Frau sind von großer Anschaulichkeit und zeigen – vor allem in der Anfangsphase – Lebenslust, Energie und übersprudelnde Verliebtheit.

Wenn ich morgens um 6 aufwache, ist mein erster Griff in die Nachttischschublade nach Deinem Bild. Dann stelle ich es auf die Bettdecke und sage: „Guten Morgen, Dietrich, hast Du gut geschlafen? Machst Du ein fröhliches Gesicht? Denkst Du an mich? Hast Du mich noch lieb? Freust Du Dich auf später?“ und noch viel mehr. (2. September 1943, S. 49)

Hurra, Hurra, Hurra, Hoch, Vivat und Halleluja! Ich hab einen Brief von meinem Dietrich bekommen und bin sehr glücklich darüber. Mein liebster Dietrich, was kannst Du für schöne Briefe schreiben! Ich bin verliebt in jeden einzelnen Satz, in jedes Wort, in jeden Kringel Deiner Schrift. Ich lese immer und immer wieder. Es unterhält sich so schön mit Dir, wenn man einen Brief dazu in Händen hat. (21. September 1943, S. 58)

Wir lesen aber auch von Marias Sorge, dem älteren und gebildeten Mann vielleicht doch nicht genügen zu können. Sie spricht von ihrem Alltag, ihrer Arbeit, der Trauer über den Tod des Vaters und des Lieblingsbruders im Krieg.

Da werden Hochzeitspläne geschmiedet und sie denkt darüber nach, woher man die zum Hausstand notwendigen Möbel bekommt und wie man sich wohl jeweils in der Schwiegerfamilie wird eingewöhnen können. Dietrich und Maria empfehlen einander ihre Lieblingsbücher (wobei Bonhoeffer nicht immer glücklich ist mit den Vorlieben seiner jungen Braut). Man erfährt, wie sich die beiden nach den „Sprecherlaubnissen“ fühlen, wo sie für kurze Zeit unter Aufsicht miteinander reden dürfen.

Eigentlich ist es ganz unverständlich, wenn ich so neben Dir sitze, daß es nun nicht einfach so weitergehen kann, daß ich nicht Deine Hand fassen darf und mit Dir zusammen hinausgehen kann durch die 2 großen Türen auf die Straße und dann immer weiter nur noch mit Dir zusammen. (Maria am 5. Januar 1944, S. 111)

Dietrichs Briefe klingen gesetzter, durchdachter und reifer und sind durch seine theologische Arbeit und seinen Glauben geprägt. So schreibt er am 21. November 1943:

Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliche – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, daß die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent. (S. 83)

Doch zeigen gerade die wenigen an der Zensur vorbeigeleiteten Briefe, wie viel Herz und Leidenschaft sich eben den grauenhaften Bedingungen anpassen musste und sich nicht frei artikulieren durfte. So beginnt einer der wenigen unzensierten Briefe Dietrichs:

Meine liebe, liebe Maria! Es geht nun nicht mehr länger, ich muß endlich einmal an Dich schreiben und zu Dir sprechen, ohne daß ein Dritter daran teilnimmt. Ich muß Dich in mein Herz sehen lassen, ohne daß ein anderer, den es nichts angeht, mit hineinguckt. Ich muß zu Dir von dem reden, was uns beiden ganz allein auf der Welt gehört und was entheiligt wird, wenn es fremden Ohren preisgegeben wird. Was Dir allein gehört, daran lasse ich keine Dritten teilnehmen; ich empfände es als unerlaubt, als unrein, als hemmungslos, und als würdelos Dir gegenüber. Was in verschwiegenen Gedanken und Träumen mich zu Dir zieht und an Dich bindet, liebste Maria, das kann erst in der Stunde offenbar werden, in der ich Dich in meine Arme schließen darf. (11. März 1944, S. 150)

Außerdem ist er anfangs unsicher, ob er der jungen Maria mit einem von den Nazis inhaftierten Bräutigam nicht doch zu viel aufbürdet.

Die beiden wissen um ihre Unterschiede und tun das Menschenmögliche, sich durch ihre Briefe kennenzulernen, obwohl die meisten der Briefe ja die Zensur passieren mussten und nur wenige Briefe durch wohlwollendes Wachpersonal an den Augen der Nazi-Schergen vorbeigeschmuggelt werden konnten.

Wir bekommen Einblick in die familäre Prägung, vor allem von Maria. Sie schildert, wie bei ihr zuhause noch eine Jagdgesellschaft stattfindet, bei der die Gäste in Frack und Abendkleid erscheinen. Und wir hören von den Höhen und Tiefen dieses ungewöhnlichen Brautstandes, der beiden tiefes Glück, Traurigkeit, aber auch Dankbarkeit und Sehnsucht bedeutet. Immer wieder müssen sie darum ringen, das Unverständliche, das Sinnlose im Gottvertrauen wieder sinnvoll werden zu lassen, eine Aufgabe, an der besonders Maria spürbar reift.

Morgens, wenn ich um 1/2 sechs aufstehe, dann bemühe ich mich immer recht zart und behutsam an Dich zu denken, damit Du noch ein bißchen weiterschlafen kannst. Ich hab einen Kreidestrich um mein Bett gezogen etwa in der Größe Deiner Zelle. Ein Tisch und ein Stuhl steht da, so wie ich es mir vorstelle. (Maria, am 26. April 1944)

Im September 1944 entdeckt die Gestapo ein „Geheimarchiv der Verschwörer im Amt Canaris“, deren Kreis ja auch Bonhoeffer angehörte (S. 205), sodass die Hoffnungen, das Kriegsende noch zu erleben,  immer weiter schwinden. Am 9. Oktober wird Bonhoeffer ins Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts überführt. Dort entstehen dann im Dezember die berühmten Verse des später vertonten Gedichts „Von guten Mächten treu und still umgeben“.

Am 3. Februar 1945 erlebt Berlin den schwersten Luftangriff, so kommt „es am 7. Februar zum Transport, der Bonhoeffer mit 19 anderen prominenten Häftlingen in ein Kellergefängnis am Rande des KZ Buchenwald verbrachte. […] Am 3. April erfolgte die Weiterfahrt dieser Truppe gen Süden über Regensburg nach Schönberg im Bayrischen Wald, wo sie in einer Schule untergebracht wurden.“ (S. 212)

Am 8. April fand im KZ Flossenbürg das Standgericht statt „und am nächsten frühen Morgen die Hinrichtung am Galgen, zusammen mit Wilhelm Canaris, Ludwig Gehre, Hans Oster, Karl Sack und Theodor Strünck. Wohl zur gleichen Zeit erlitt Hans von Dohnanyi im KZ Sachsenhausen den Tod.“ (S. 213)

Maria von Wedemeyer hat vom Tod ihres Verlobten erst im Juni 1945 erfahren.

Ein gesondertes Fazit zu diesem Buch möchte ich gar nicht ziehen, zu sehr hat es mich bewegt und mitgenommen, wie hier zwei Menschen um ihre Liebe und ihre Zukunft ringen.

Ich konnte gut verstehen, dass Maria diesen Briefwechsel erst auf ihrem Sterbebett ihrer älteren Schwester überlassen hat. So persönlich, so zart, so intim sind diese Texte. Erst 1992 konnten die Briefe veröffentlicht werden, versehen mit einem umfangreichen und informativen Anhang, der u. a. die Lebenswege und die gesellschaftliche Stellung der Protagonisten noch einmal nachzeichnet.

Eine große und wunderbare Liebesgeschichte, ein Fremdkörper in einer Zeit der Freizügigkeit, der Selfies, Pornos und der scheinbar völligen Tabulosigkeit, die doch die Zeit überdauern wird und mich verstört und bewegt hat wie lange kein Buch mehr und die en passant auch den Irrsinn des Nationalsozialismus zeigt.

Am 8. Oktober 1945 schreibt Karl Bonhoeffer, der Vater Dietrichs, an seinen Kollegen Professor Joßmann in Boston:

… Daß wir viel Schlimmes erlebt und zwei Söhne (Dietrich, der Theologe, und Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa) und zwei Schwiegersöhne (Prof. Schleicher und Dohnanyi) durch die Gestapo verloren haben, haben Sie, wie ich höre, erfahren. Sie können sich denken, daß das an uns alten Leuten nicht ohne Spuren vorübergegangen ist. […] Da wir alle aber über die Notwendigkeit zu handeln einig waren und meine Söhne auch sich im Klaren waren, was ihnen bevorstand im Falle des Mißlingens des Komplotts und mit dem Leben abgeschlossen hatten, sind wir wohl traurig, aber auch stolz über ihre geradlinige Haltung. (zitiert nach: E. Bethge, R. Bethge, C. Gremmels: Dietrich Bonhoeffer, Bilder aus seinem Leben, 1986, S. 234)

Anmerkungen

Aus der gleichen Zeit stammen die Briefe von Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hartnagel, die von Thomas Hartnagel veröffentlicht wurden, siehe dazu den Beitrag auf Annes Lesetagebuch.

Wer auf der Suche nach weiteren Liebesbriefen ist, sollte auf Leselebenszeichen vorbeischauen. Ulrike bespricht Die Liebesbriefe von Dylan Thomas.

Elizabeth Jenkins: The Tortoise and the Hare (1954)

The sunlight of late September filled the pale, formal streets between Portland Place and Manchester Square. The sky was a burning blue yet the air was chill. A gold chestnut fan sailed down from some unseen tree and tinkled on the pavement. In the small antique-dealer’s a strong shaft of sunlight, cloudy with whirling gold-dust, penetrated the collection of red lacquer and tortoiseshell, ormulu and morocco. Imogen Gresham held a mug in her bare hands; it was a pure sky blue, decorated with a pattern of raised wheat ears, and of the kind known in country districts as a „harvester“. Her eye absorbed the colour and her fingers the moulding of the wheat. Her husband however saw that there was a chip at the base of the mug, from which cracks meandered up the inside like rivers on a map.

So beginnt der sechste Roman von

Elizabeth Jenkins: The Tortoise and the Hare (1954)

Zum Inhalt

Manchmal lese ich ein Buch, bei dem ich denke, dass ihm ein paar Worte zum Inhalt nicht gerecht werden können, ja sogar einen falschen Eindruck erwecken. Dies ist so ein Roman. Denn wenn ich schreibe, dass wir hier die Geschichte über den allmählichen Zerfall einer Ehe in der gehobenen britischen Gesellschaftsschicht lesen, die in den fünfziger Jahren spielt, klingt das nicht wirklich aufregend, oder?

Ist es aber.

Also: Imogen, mit 37 immer noch sehr attraktiv, ist die Frau des erfolgreichen Anwalts Evelyn Gresham. Er ist 15 Jahre älter als seine Frau.

When a foolish or inaccurate thing was said in Evelyn’s presence, in court or during a consultation, it was essential that he should correct it at once, as decisively as possible, and the habit of instantly setting right other people’s blunders and mistakes was perhaps carried with him into private life farther than he knew. (S. 27)

Sie leben auf dem Land und haben eine ca. 50-jährige Nachbarin namens Blanche Silcox, die in so ziemlich allen Belangen das Gegenteil Imogens ist. Sie ist unscheinbar, kleidet sich unvorteilhaft, ist aber durch eine Erbschaft wohlhabend und vor allem unglaublich „kompetent“. Sie geht „männlichen“ Beschäftigungen nach, fährt Auto, reitet, angelt, jagt und organisiert mühelos einen großen Haushalt. Sie hat einen Kopf für geschäftliche Dinge, spekuliert an der Börse, dirigiert diverse Wohltätigkeitsvereine und – ist ledig.

Imogen hingegen ist das Produkt eines früheren Frauenbildes: Sie hat keinerlei Berufsausbildung, dafür ist sie schön, elegant, an Kunst und Literatur interessiert, die Bewunderung der Männer für selbstverständlich haltend, hoffnungslos unpraktisch und für ihren Mann ein früher mal geschätztes Dekorationsobjekt, das aber mehr und mehr seine Daseinsberechtigung verliert.

Sie ist aber keineswegs das dumme Frauchen eines wohlhabenden Gatten, nur verlieren ihre liebenswerten Eigenschaften und Fähigkeiten für Evelyn zunehmend an Bedeutung. Sie hat Sinn für Schönheit, ist taktvoll, freundlich und großzügig. Sie möchte, dass es allen in ihrer Umgebung gut geht. An sich selbst denkt sie dabei gar nicht.

There was never a doubt in her mind that to meet his [Evelyn’s] demands was the most absorbing and the most valuable end to which her energies could be used. (S. 31)

Auch der Freund ihres Sohnes, ein vernachlässigter Nachbarjunge, der zu Hause kaum genug zu essen bekommt, wird von ihr ganz selbstverständlich aufgenommen und quasi ein Mitglied der Familie. Und: Sie liebt ihren Mann aus ganzem Herzen.

Das Gefährliche dabei: Sie stellt ihren Mann auf ein Podest, in ihren Augen kann er kein Falsch tun. Nie kann sie sich in einer Auseinandersetzung gegen ihn durchsetzen. Sie gehorcht ihm und hat sich – da sie ihn liebt – in dieser Rolle zwölf Jahre lang wohl und sicher gefühlt. Sobald er sie kritisiert, hat sie ein schlechtes Gewissen: Als ihr ein Buch gefällt und sie ihn zugegebenermaßen etwas naiv bittet, es ebenfalls zu lesen, weil sie ihre Freude mit ihm teilen möchte, heißt es:

‚My dear girl,‘ he said, ‚you must be out of your mind. For heaven’s sake, read something worthwhile, if you must spend all this time reading.‘ The condemnation and disgust in his tone seemed to convince her at the same time of the folly and wickedness of the characters and the incompetence of their author. (S. 36)

Imogen nimmt es als naturgegeben hin, dass er sie in ihrer Rolle als Mutter nicht unterstützt und ihre Autorität untergräbt. Die Verachtung, die Evelyn ihr gegenüber spürt, darf auch der Sohn ungehindert zeigen. Selbst als sie ihre Vorbehalte gegen die zunehmenden Aufmerksamkeiten äußert, die Blanche ihrem Gatten erweist, hat sie Gewissensbisse ob ihrer Geschmacklosigkeit. Dazu kommt ihre gekränkte Eitelkeit, „her touchy pride as a fading beauty“ (Hilary Mantel). Viel zu spät stellt sie ihren Mann – und damit ihren Lebenssinn – in Frage.

Was hätte eine solche Frau der Bedrohung ihrer Ehe entgegenzusetzen?

Fazit

Zwar ist dem Leser schon nach den ersten Absätzen klar, dass hier zwei Menschen verheiratet sind, die einander nicht verstehen und einander nichts zu sagen haben. Und zwischendurch dachte ich: Oh nein, nicht noch ein Beispiel, nicht noch eine Szene, die uns verdeutlicht, dass und wo genau hier eine Ehe im Argen liegt. Doch genau dadurch baut sich allmählich Spannung auf und der Leser lebt mit, fast als ob das alles in einer befreundeten Familie passieren würde.

Die Tragik liegt auch weniger darin, dass die beiden nicht zusammenpassen, sondern dass Evelyn jegliche Wertschätzung und jeder Respekt für seine Frau abhanden kommt. Sie ist anders als er, und jetzt, wo nach über einem Jahrzehnt Ehe der romantische Lack ab ist, wirft er ihr das vor und macht daraus ein Werturteil. Diese Abwertung wiederum entzieht Imogens Selbstsicherheit jeden Boden. Und auch wenn mal alle drei Hauptprotagonisten schütteln möchte, man versteht sie. Keiner ist ohne Schuld und keiner kann anders handeln, als er es tut.

Mit großer Präzision und klarem Blick werden hier Beziehungen analysiert, ja geradezu seziert. Gewinner der gesellschaftlichen Rollenverteilung ist Evelyn. Er nimmt sich, was er haben möchte. Gleichzeitig kann man verstehen, dass das kritiklose, kindliche Anhimmeln seiner Frau sich nach zwölf Jahren vermutlich etwas fad anfühlt, zumal sie nicht einmal kompetent die Rolle der treusorgenden Hausfrau einnehmen kann. Seine bevorzugte Anrede für sie lautet „my dear girl.“

Über Paul, einen Freund der Greshams, der bei der Wahl seiner wesentlich jüngeren Ehefrau auch nicht gerade große Geisteskraft bewiesen hat, heißt es hingegen:

… his choice had been made with a complete and fatal lack of judgement. […] Her refusal to alter or modify her opinions or tastes under his influence seemed a charming instance of integrity. It wore a different air somewhat later, when he found himself bound down beside a being narrow and stubborn, with the strongest disinclination to compromise or learn. (S. 14)

Doch Paul sieht sich ebenfalls in starren Rollenbildern gefangen: Statt seiner dummen jungen Frau, mit der ihn buchstäblich nichts verbindet, den Laufpass zu geben, will er den ehrenhaften Schein wahren und ist ständig darum besorgt, dass es wenigstens ihr gut geht. Das erreicht er dadurch, dass er ihr unbegrenzten Zugriff auf sein Konto erlaubt und sich möglichst nie in ihrer Nähe aufhält.

Jenkins Stil ist elegant, treffend, ironisch. Als Imogen die Nachbarin Mrs Leeper nach deren Schwester fragt, die als Dichterin mit atemberaubendem Aussehen als Femme Fatale bekannt ist, heißt es:

‚She is digesting the Corsican experiences,‘ she answered. Most people would have said that their sister had had a very good holiday in Corsica, but Corinne Leeper thoroughly understood her duties as the relation of an artist. (S. 21)

Dazu kommt eine lyrische Sprache, wenn die Schönheit der Natur in geradezu filmischer Pracht den Wirrungen der Hauptfiguren entgegengestellt wird.

Noch lange nach der Lektüre überlegte ich, wer wie hätte handeln sollen. Das geht mir selten so. Auch kommt man mit dem Roman nicht  dadurch zurande, dass man ihn einfach in die Kiste packt mit der Aufschrift „Beispiel für rückständiges und einengendes Frauenbild“. Natürlich wird Imogen das Verhaftetsein in diesem unerwachsenen Rollenbild zum Verhängnis.

Doch was ist mit dem Egoismus von Blanche und der zunehmenden Kaltschnäuzigkeit ihres Mannes? Kein Grund, sich heute auf dem hohen Roß zu fühlen, zeigen doch die heutigen Scheidungsraten, dass das Patentrezept für eine glückliche und dauerhafte Ehe noch nicht gefunden wurde…

Jenkins schildert Menschen, die von Konventionen und Normen einer vergangenen Zeit geprägt sind. Und das Faszinierende dabei: Der Roman wirkt kein bisschen veraltet, da sie es schafft, den Kern ihrer Protagonisten freizulegen. Die Rahmenbedingungen ändern sich, die Menschen wohl nicht.

Übrigens: Nein, Imogen wirft sich nicht vor den Zug.

Anmerkungen

Hilary Mantel schreibt in ihrem Vorwort ganz treffend:

„I have admired this exquisitely written novel for many years, partly for its focus on a fascinating and lost social milieu, but also because through her close attention to the negotations between men and women, and women and women, Elizabeth Jenkins has provided a thoughtful and astrigent guide to the imperatives of sexual politics – and one which is of more than historical interest.“

Elizabeth Jenkins lebte von 1905 bis 2010. Sie schrieb nicht nur Romane, sondern auch hochgelobte Biografien, u. a. über  Elizabeth I. und Jane Austen. Jenkins war maßgeblich an der Gründung der Jane-Austen-Society und am Erwerb des Hauses in Chawton beteiligt, das später das Jane Austen’s House Museum beherbergen sollte. Sie selbst hat übrigens nie geheiratet.

2004 erschien ihre Autobiografie The View from Downshire Hill.

Hier geht’s lang zum Nachruf im Telegraph.

John W. Evans: Young Widower (2014)

The year after my wife died, I compulsively watched television. I needed distraction, to be entertained. What I could not stream online or order through the mail I sought out at the local video store. I was living in a suburb of Indianapolis, about a mile from a strip mall where I could rent, in a pinch, midseason discs of The Wire, The Office, Friday Night Lights.

So beginnt der autobiografische Bericht des Dozenten und Schriftstellers über das schlimme Jahr nach dem Tod seiner Frau im Jahr 2007

John W. Evans: Young Widower (2014)

Zum Inhalt

Evans hatte seine Frau in Bangladesch während der Arbeit im Peace Corps kennengelernt. Die beiden leben zwischendurch auch in Amerika, doch dort hält es sie nicht lange. Sie gehen nach Bukarest in Rumänien, seine Frau Katie arbeitet u. a. in einem Anti-AIDS-Programm mit und er unterrichtet Englisch.

Irgendwann unternehmen sie mit Freunden eine zweitägige Wanderung durch die Karpaten. Spät am Nachmittag trennt sich die Gruppe, damit die Schnelleren wie John schon mal eine Unterkunft in einem Hostel organisieren können. Doch als es dunkel wird und man ungeduldig auf die Nachzügler wartet, kommen nur zwei der drei völlig verstört am Hostel an. Die Gruppe war von einem Bären angegriffen worden und nur den beiden ist die Flucht gelungen, Katie ist also allein mit dem Bären irgendwo in der Dunkelheit.

My wife’s death was violent and sensational. She was killed by a wild bear, while we were hiking in the Carpathian Mountains outside of Bucharest, where we had lived and worked for the last year of her life. She was thirty years old. (S. 2)

Der Autor schreibt nun – wie schon viele Witwer und Witwen vor ihm – seine und Katies Geschichte auf. Wir erfahren im Rückblick, wie sie sich kennengelernt haben, sich ihre Liebe entwickelt hat, was für ein Mensch Katie gewesen ist.

Doch vor allem ist das Buch der unerbittliche Versuch, sich selbst Klarheit zu verschaffen über den Ablauf des Trauerprozesses, wobei der Schreibprozess auch ordnen soll, was im Grunde nicht zu ordnen ist. Gerade den genauen Hergang des grauenhaften Unglücks hat er wohl vor der Veröffentlichung nahezu zwanghaft immer wieder und wieder umgeschrieben.

In Wellenbewegungen nähert er sich dabei auch dieser verhängnisvollen Wanderung – und der Leser erfährt immer weitere Details, wobei es dem Autor nie um Sensationshascherei geht, was für den Leser den Schmerz entsprechender Stellen fast unerträglich macht.

Katie und John hatten sich, als sich die Gruppe getrennt hat, ein wenig gestritten (fast schon ein zu großes Wort für die kleine Missstimmung). Die Nachzügler hatten zwar Bärenspray dabei, doch dies hatten sie in ihren Rucksäcken verstaut, die sie als erstes wegwarfen, in der Hoffnung, so den Bären abzulenken.

John muss außerdem damit zurechtkommen, dass der Hostelbetreiber ihm keine Waffe aushändigen wollte, um keine Scherereien zu bekommen. Als die Bärenjäger aus dem Nachbardorf kommen, ist alles zu spät. So war John allein zurückgegangen, um Katie zu helfen. Doch er kann nur noch wie erstarrt zusehen, wie der Bär Katie den Brustkorb zerquetscht.

Danach fühlt er sich schuldig für seinen Überlebenswillen und die Unfähigkeit, Katie zu retten.

Die Prämie der Lebensversicherung ermöglicht ihm, – abgesehen von kleineren Lehrtätigkeiten – erst einmal aus dem Arbeitsleben auszusteigen. Er zieht beim Bruder seiner verstorbenen Frau und dessen Familie ein und wird so etwas wie ein weiteres Familienmitglied, das mal am Familienleben teilnimmt, mal sich völlig zurückzieht, seine Therapiestunden besucht, Medikamente nimmt, Tagebuch schreibt, Freunde trifft, sich an die schönen und schwierigen Alltagsmomente mit Katie erinnert und versucht, das Gedenken an seine Frau, z. B. mit einem Blog, wachzuhalten.

I have three soft-cover notebooks in which I wrote daily accounts of my life during that year. The journal is a matter of will and record. I wanted to survive grief. I feared I would lose, with time, the intensity, of my reactions. A therapist said we were personally and creatively redefining the context of my emotional experience of the world. (S. 3)

Er fühlt sich auch schuldig, weil er sich mit zunehmendem zeitlichen Abstand beispielsweise Katies Lachen nicht mehr vergegenwärtigen kann und Erinnerungen seltsam leblos werden. Diverse Fragen treiben ihn um. Warum fühlt er – gerade am Anfang – den Drang, wirklich jedem seine Geschichte zu erzählen? Wäre es gefährlich, irgendwann die Tabletten gegen die Angst und die Schlafstörungen abzusetzen?

Hätte er seine Frau retten können? Ist er unschuldiger Zeuge eines entsetzlichen Unglücks oder ein Feigling? Wie verändern sich familiäre Beziehungen und Freundschaften in dieser Zeit?

Wie kann man trauern, wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der jeder funktionieren soll und es außer schwarzer Kleidung keine gesellschaftlich anerkannten Rituale für Trauer mehr gibt und kaum jemand damit umgehen kann, wenn ein anderer so aus der Bahn geschleudert wird? Wenn niemand mit der Endlichkeit des Lebens behelligt werden möchte?

Was antwortet man der Therapeutin, als die vorschlägt, nur noch jeden zweiten Abend eine Schlaftablette zu nehmen? Wie lernt man später, seinen Schmerz auch zu schützen?

I had carried grief at first so that everyone would see it, maybe even forced to acknowledge it. Now I had to learn how to step back and protect it, to cover my body and reveal only what I needed someone else to see. (S. 105)

Welches „Bild“ von Katie ist angemessen? Sie war ja mehr als „nur“ seine Frau, sie war Tochter, Tante, Freundin und eben ein ganz eigenständiger Mensch.

Wie kann es sein, dass das als selbstverständlich angenommene Zusammensein mit Katie nach ihrem Tod zu einer Reihe unzusammenhängender Einzelerinnerungen zerfällt?

Ab wann werden Trauer und Gedenkrituale zu einem Schauspiel, dem die echten Gefühle abhanden gekommen sind? Ein Schauspiel, das man nur deshalb noch aufführt, um die Anteilnahme der Mitmenschen zu bekommen und um eine Handlungsanweisung zu haben, an der  man sich orientieren kann.

Entscheidend ist bei diesem Buch, dass Evans mit aller Kraft versucht, seine Trauer intellektuell zu verstehen und zu verarbeiten.  Das zeigt sich bei Dingen wie dem im Eingangszitat erwähnten Fernsehkonsum.

I became suspicious of representations of suffering, especially gratuitous violence. What was the point of imagining bloodlust and apocalypse, if not to enjoy it? I preferred alternative logics – superheroes, universes, Texas – and comedies. They rejected finality. I found comfort in their repetitions. What did it matter that I was real and the people I watched were not? I felt present by proxy in constant variations on redemption: charity, sublimation, self-actualization. (S. 11)

Fazit

Traurig, tragisch und eine große Liebeserklärung an seine Frau. Drei Tage nach dem Unglück, noch in Rumänien, spricht er mit einem Psychologen der Botschaft. Sie reden über dies und das, über die Wirkung der Schlaftabletten usw. Evans schreibt:

I feel safe with Katie is what I should have said. If Katie were with me in the room, I should have told the nurse, then she would tell me what to do next. I wouldn’t need to ask the embassy nurse for pills, or the embassy psychiatrist for help, or anyone why, since Katie’s death, I had felt in such equal parts fear and excitement, even at night, as I fell asleep in a haze of narcosis and panic, uncertain how I might keep myself safe and protected for the seven hours I would not be conscious. Katie kept me safe, I thought, and though I knew this was sentimental, it was also true. (S. 89)

Und die indirekte Kritik am westlichen Gesellschaftssystem, das einem normalerweise keine längere Auszeit nach einer persönlichen Katastrophe zugesteht, würde ich sofort unterschreiben.

Evans schreibt schonungslos ehrlich und ist ein kluger Beobachter, trotzdem fehlte mir irgendetwas. Zum einen schreibt hier ein Mensch, der mir in seiner ganzen Lebensart ziemlich fremd wäre, diese Fremdheit ist durch die Lektüre nicht geringer geworden.

Children and parenting was a conversation Katie and I could never quite begin. We doted on nieces and nephews. We were good with babies. We had always imagined ourselves individually as adults with children. Together, we were less certain. How would parenting alter a life that valued speed, work and travel? Would our children inherit, from either side of the family, certain illnesses and conditions? The prospect of caring long term for a sick or disabled child terrified Katie. She dreamed about it frequently. Other considerations were less hypothetical. We had decided to marry as much to stay together as to continue a life we both liked. Would we really stay together long enough to raise a child? (S. 31)

Dazu kommt, dass Evans ein Liebhaber von Abstrakta ist. Das machte die Lektüre stellenweise schwierig und es gab Sätze, die ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht verstanden habe.

Obwohl jeder von uns sterben wird, geht jeder ein bisschen anders damit um. Und die literarischen Zeugnisse der Überlebenden, der Trauernden zeigen, dass auch jeder auf ganz individuellem Weg seinen Trost findet – oder eben auch nicht. Vielleicht war es das, was mich hier auf Abstand gehalten hat. Letztlich haben Evans der zeitliche Abstand geholfen, Tabletten, ein Therapeut, eine unterstützende Familie und nicht zuletzt die finanzielle Absicherung, sodass er nach ca. einem Jahr bereit ist, den Absprung zu wagen und bei seinem Schwager auszuziehen.

Und doch bleibt alles so, wie soll ich sagen, unbefriedigend. Ein wirklicher Trost, der das Grauen aushält, ist nicht in Sicht. Letztlich scheint das auch Evans zu spüren.

A therapist said to think of Katie’s death as a story. Name the parts that are too difficult, and then leave them out. Tell the story again and again, until those difficult parts come back.

Is it easier to think of our life together as a collection of facts and events, rather than one complete, exhaustive sequence? I’m not certain that either Katie’s life or our life together had certainty and coherence; that how we lived was exactly the one life described in eulogies and tributes, with its tidy beginning, middle, and end, full of premature accomplishment. (S. 36)

Auch die Tatsache des Schuldigwerdens, des dumme Fehler-Machens, was katastrophale Folgen haben kann, kann hier nur „wegtherapiert“ werden. So bleibt für Evans zunächst nichts als die Erkenntnis:

The healthy body does not grieve forever. It will not stay in bed all day, or refuse to go to work, or drink too much alcohol, or take too many pills. It is a highly adaptable organism. (S. 161)

Anmerkung

Das Buch hat den River Teeth Literary Non-Fiction Prize der Ashland University gewonnen.

Auf der Homepage des Autors, der inzwischen Creative Writing unterrichtet, findet sich ein kurzer biografischer Abriss.

Lesenswert scheint mir der Blog des Autors zu sein, den er zunächst als Forum für seine Gedichte und Erinnerungen, aber auch für Fotos und Beiträge von anderen begonnen hatte, um das Andenken an Katie wachzuhalten.

Zum Abschluss ein Zitat von Nicholas Montemarano aus der lesenswerten Besprechung in der Los Angeles Review of Books:

Evans is one in a long line of such messengers, from Lewis to Didion to Deraniyagala. And we need them: it is too easy to forget that what we have, we will lose — that brown bears come in many guises, and that we are all powerless in one way or another. But thanks to honest and sadly beautiful books like Young Widower, we are at the very least helpless together. We can’t go on, we’ll go on.

Montemarano nennt auch weitere Titel, die den Verlust geliebter Menschen zum Thema haben.