Joseph O’Connor: Star of the Sea (2002)

All night long he would walk the ship, from bow to stern, from dusk until quarterlight, that sticklike limping man from Connemara with the drooping shoulders and ash-coloured clothes. The sailors, the watchmen, the lurkers near the wheelhouse would glance from their conversations or their solitary work and see him shifting through the vaporous darkness; cautiously, furtively, always alone, his left foot dragging as though hefting an anchor.

So anschaulich und an die Erzähltraditionen des 19. Jahrhundert erinnernd beginnt der Roman des irischen Schriftstellers (und Bruders von Sinéad O’Connor):

Joseph O’Connor: The Star of the Sea (2002)

2004 erschien die Übersetzung der ca. 400 Seiten von Manfred Allié und Gabrielle Kempf-Allié unter dem Titel Die Überfahrt.

Zum Inhalt

Das in die Jahre gekommene Passagierschiff Star of the Sea (= Stella Maris; Bezeichnung für die Jungfrau Maria) ist 1847 unterwegs von Queenstown (Irland) nach New York. An Bord befinden sich laut den akribischen Aufzeichnungen des wackeren Kapitäns Lockwood folgende Personen:

We have thirty-seven crew, 402 1/2 ordinary steerage passengers (a child being reckoned in the usual way as one half of one adult passenger) and fifteen in the First-Class quarters or superior staterooms. Among the latter: Earl David Merredith of Kingscourt and his wife the Countes, their children and an Irish maidservant. Mr G.G. Dixon of the New York Tribune: a noted columnist and man of letters. Surgeon Wm. Mangan, M.D. of the Theatre of Anatomy, Peter Street, Dublin, accompanied by his sister, Mrs Derrington, relict; His Imperial Highness, the potentate Maharajah Ranjitsinji, a princely personage of India; Reverend  Henry Deedes, D.D., a Methodist Minister from Lyme Regis in England (upgraded); and various others. (S. 3)

Was hier zunächst so spröde aufgezählt wird, entfaltet bald eine unglaubliche Wucht, denn die Schicksale mehrerer Passagiere sind miteinander verknüpft oder werden sich im Laufe der Reise miteinander verknüpfen, nicht immer zum Guten. Schließlich geschieht sogar ein Mord.

Im Zentrum stehen mehrere Passagiere der ersten Klasse, während die über 400 Menschen, die ihr letztes Geld für die Überfahrt ausgegeben hatten, ständig Hunger haben und im überfüllten, stinkenden, lauten und Krankheiten befördernden Zwischendeck hausen, bis auf wenige Ausnahmen keine aktive Rolle spielen. Aber indirekt erfahren wir doch viel über sie, z. B. wenn der Kapitän in seinen Aufzeichnungen, die sich mit denen des amerikanischen Reporters Dixon abwechseln, berichtet, welche Passagiere den Tag nicht überlebt haben und dem Meer und der Gnade Gottes anbefohlen werden mussten.

Fast alle Auswanderer – egal ob erste Klasse oder Zwischendeck – müssen ihre Heimat wegen der Großen Hungersnot verlassen. Die Große Hungersnot in Irland zwischen 1845 und 1852 (the Great Famine) wurde ausgelöst durch mehrere Kartoffelmissernten in Folge und die zynische Laissez-faire-Haltung der britischen Regierung, die dafür sorgte, dass gerade während der katastrophalen Hungerjahre so viel Weizen aus Irland exportiert wurde wie nie zuvor (weil die überwiegend britischen Großgrundbesitzer damit gut Geld machen konnten). „Infolge der Hungersnot starben eine Million Menschen, etwa zwölf Prozent der irischen Bevölkerung. Zwei Millionen Iren gelang die Auswanderung“ (Wikipedia).

Ein weiterer Faktor war die grausame und unbarmherzige Vertreibung der Kleinpächter von ihrem Land, weil sie die Pacht nicht länger aufbringen konnten. Wer „Glück“ hatte, konnte irgendwie noch die Überfahrt nach Amerika bezahlen, wo sie dann keineswegs mit offenen Armen empfangen wurden. Viele andere verhungerten.

Fazit

Zwischenzeitlich scheint die Handlung  auf der Stelle zu treten, denn in mehreren langen Rückblenden werden uns erst einmal die einzelnen Lebensgeschichten der Hauptpersonen erzählt, bevor wir wieder auf die Star of the Sea zurückkehren, doch das stört überhaupt nicht.

Selbst dass manche Charaktere nicht mit so ganz tolstoifeinem Blick gezeichnet werden, war egal. Ich habe schon lange nicht mehr so einen packenden und bewegenden Roman gelesen, der eine ganze Gesellschaft in den Blick nimmt. Öfter fühlte ich mich an Charles Dickens erinnert (der sogar seinen eigenen Auftritt in der Geschichte hat), nur ohne den Kitsch und ohne den Klamauk. Auch wie das in die Jahre gekommene Schiff selbst zu leben scheint, stöhnt und ächzt, sich durch Stürme kämpft, Ratten, Not und menschliche Schicksale beherbergt, war ganz großes Kino.

Vor allem durch die Einbettung der Geschichte in die Große Hungersnot in Irland öffnet sich der Blick auf einen wichtigen Moment der irischen Geschichte, ja der Menschheit insgesamt. Was für eine Not, was für eine Traurigkeit und – wie leicht das Wegschauen fiel. Was vorher nur ein paar Schlagworte aus der Geschichte waren, bekam plötzlich eine Tiefenschärfe, eine menschliche Dimension. Was für ein Trauma das für Irland bedeutet und welcher Hass sich da entwickelt haben muss, wurde auf einmal sehr nachvollziehbar.

Heute machen sich wieder Menschen auf, um Hungertod und Krieg zu entkommen. Wieder in überfüllten Booten. Skrupellosen Schleusern ausgeliefert. Und falls sie überhaupt irgendwo ankommen und nicht schon unterwegs ertrunken, erstickt oder sonst wie zu Tode gekommen sind, müssen sie sich in Flüchtlingsheimen fürchten und sehen sich u. U. einem pöbelnden Mob gegenüber, der von irrationalen Ängsten und Hass getrieben ist. Wie viel weiter als damals sind wir eigentlich gekommen?

Dixon, der amerikanische Journalist, der selbst von den Einkünften einer Plantage profitiert, will jedenfalls nicht länger dazu schweigen:

Nothing hat prepared him for it: the fact of famine. The trench-graves and screams. The hillocks of corpses. The stench of death on the tiny roads. The sunlit, frosted mornings he had walked alone from the inn at Cashel to the village of Carna – the sun shone, still, in this place of extinguished chances – and found three old women fighting over the remains of a dog. The man arrested on the outskirts of Clifden accused of devouring the body of his child. The blankness on his face as he was carried into the courtroom, not being able to walk with hunger. The blankness when he was found guilty and carried away. […] Dixon had no words for it. Nobody did.

And yet could there be silence? What did silence mean? Could you allow yourself to say nothing at all to such things? To remain silent, in fact, was to say something powerful: that it never happened: that these people did not matter. They were not rich. They were not cultivated. They spoke no lines of elegant dialogue; many, in fact, did not speak at all. They died very quietly. They died in the dark. (S. 130)

Anmerkungen

Hier geht’s lang zu einigen Besprechungen:

  • literaturkritik.de – Das Albtraumschiff (Petra Porto)
  • TAZ – Das Phantom der Wilden (Andreas Merkel)
  • FAZ – Kreuzfahrt auf einem Sargschiff (Tanya Lieske)
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Carsten Jensen: Wir Ertrunkenen (2006)

Laurids Madsen war im Himmel gewesen, doch dank seiner Stiefel war er auch wieder heruntergekommen. Er war nicht bis hoch zum Masttopp geflogen, eher so auf die Höhe der Großrahe eines Vollschiffs. Er hatte am Tor zum Paradies gestanden und den heiligen Petrus gesehen, doch es war nur der Arsch, den der Hüter der Pforte zum Jenseits ihm gezeigt hatte. Laurids Madsen hätte tot sein sollen. Aber der Tod hatte ihn nicht gewollt, und so wurde er ein anderer.

So beginnt der fast 800 Seiten starke Roman des Dänen

Carsten Jensen: Wir Ertrunkenen (2006) – übersetzt von Ulrich Sonnenberg

Warnung

Wer das Buch liest, muss damit rechnen, dass alltägliche Verrichtungen nicht mehr ordentlich ausgeführt werden können, denn man möchte lesen und nicht wegen Belanglosigkeiten unterbrochen werden. Ein paar Ferientage wären also hilfreich.

Zum Inhalt

Der Inhalt dieser Seefahrergeschichte über drei Generationen ist nicht so ohne Weiteres zu beschreiben, weil ich nichts vorwegnehmen möchte. Jedenfalls ist das Werk sowohl eine Abenteuergeschichte als auch eine Geschichte der Seefahrt von 1849 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, so wie sie sich in den Schicksalen der Seeleute der dänischen Stadt Marstal (dem Geburtsort des Autors) auf der Insel Ærø gespiegelt hat.

Laurids Madsen aus Marstal überlebt also die Schiffsexplosion in der Schlacht von Eckernförde 1849 und kehrt unversehrt zur Erde zurück. Später wird er sagen, seine Stiefel seien zu schwer für ein Leben da oben gewesen. Seitdem ist Laurids ein bisschen wunderlich, bis er irgendwann auf den Weltmeeren verschwindet. Seine Stiefel bleiben zurück, bis sein Sohn Albert sie anzieht. Albert macht sich, als er alt genug ist, auf den Weg in die Südsee, um seinen Vater zu suchen. Mit dem Schrumpfkopf von James Cook kehrt er als Reeder zurück in seine Heimatstadt. Er ist sich sicher, dass im neuen Jahrhundert die geschäftliche Zukunft in großen Segelschiffen liegt. Von Marstal aus sollen noch mehr Schiffe in See stechen. Doch ein Problem, das Albert nicht einkalkuliert hat, sind die Frauen.

Fazit

Wir haben hier schönstes Seemannsgarn – sogar für Leute wie mich, die mit Meer und Schiffen eigentlich gar nichts am Hut haben. Das Buch ist aber auch ein Denkmal – nicht nur für all die Seeleute der vergangenen Jahrhunderte, sondern auch für die Frauen, die oft genug jahrelang allein zu Haus blieben und sich um alles kümmern mussten.

Genauso ist es aber auch ein Plädoyer für Menschlichkeit, für die Verantwortung, sich dann, wenn es darauf ankommt, für das Richtige zu entscheiden. Ein Lobgesang auf das Leben. Auf Gemeinsinn und Solidarität. Und eine schier unerschöpfliche Schatztruhe an Figuren und Geschichten, die zwar keineswegs alle auf das Konto des Autors gehen, von denen wir ohne ihn jedoch nie erfahren hätten.

Ich zitiere ja gern Stellen, die mir besonders gut gefallen, aber hier fällt mir die Entscheidung schwer. Soll ich eine eher leichte und humorvolle oder eher eine traurige oder besonders gedankenvolle Stelle wählen?

Anton wurde als der Schrecken Marstals bezeichnet. Er hatte seinen Spitznamen erworben, als er mit einem Schuss aus einem Luftgewehr die Porzellanisolation an der Spitze einer Straßenlaterne zerschoss, woraufhin der Hälfte der Stadt im Dunkeln lag. Das Gewehr, das er sich von einem Vetter geliehen hatte, benutzte er im Übrigen dazu, für einen Hofbesitzer in Midtmarken Spatzen zu schießen, der ihm vier Öre für jeden Vogel gab. Die Vögel schmiss der Hofbesitzer auf den Mist, wo Anton sie wieder einsammelte und ihm dieselben Spatzen noch einmal verkaufte. Er konnte denselben Vogel bis zu viermal an den gutgläubigen Bauern verkaufen, der inzwischen eine ziemlich übertriebene Vorstellung von der Größe der Spatzenpopulation hatte, die seine Äcker heimsuchte. (S. 476)

Kurz gesagt, ein Roman, der selbst ein bisschen dem Meer ähnelt. Immer wenn man denkt, jetzt nähert sich das Buch dem Ende, reibt man sich verwundert die Augen und stellt fest, dass erst ein Drittel oder vielleicht die Hälfte vorbei ist und die Handlung ansetzt zu einer neuen Welle.

Nur gegen Ende hat den Autor, Professor für Kulturanalyse (geb. 1952), sein Gespür für Geschichten leider verlassen. Da sind die Schlachtenschilderungen eher schematisch und wirken die Unwahrscheinlichkeiten in der Handlung plötzlich albern und aufgesetzt und die Symbolik ein bisschen platt: Das Wiedertreffen der einstigen Jugendliebe – und das mitten auf dem Meer – und eine Unterwassergeburt in Todesgefahr, das wäre nicht nötig gewesen. Ein Neugeborenes als Symbol der Hoffnung mitten im Weltuntergang des Krieges, das hätte man sicherlich weniger aufdringlich  verpacken können.

Aber das ist ein Schönheitsfehler, der angesichts der Wucht des Romans auch nicht wirklich mehr ins Gewicht fällt.

Anmerkungen

Im Nachwort erläutert Jensen u. a., was er bei seinen Recherchen dem Museum Marstals (gegründet 1929), den angeschlossenen Archiven und auch den Bewohnern Marstals zu verdanken hat, die ihm nämlich Einblick in zum Teil sehr private Familienschriftstücke gewährten. Vieles davon hat er aufgegriffen und verarbeitet.

Hier äußert sich der Autor in der britischen Videoreihe The Interview Online über das Buch.

Hier geht’s lang zur Besprechung in der ZEIT.

Judith Leister fühlt sich in der NZZ zwar ein bisschen an den flunkernden Käpt’n Blaubär erinnert, trotzdem

ist man nach 784 Seiten auch als eingefleischte Landratte traurig, wenn man von den weitgereisten Fischköpfen aus Marstal Abschied nehmen muss.

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