Can Merey: Der ewige Gast (2018)

Der deutsche Journalist und Autor Can Merey wurde 1972 in Frankfurt als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Sein Buch Der ewige Gast – Wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden ist das Interessanteste und Fundierteste, was ich bisher über die Geschichte und Probleme der Deutschtürken gelesen habe.

Can Mereys Vater, Tosun Merey, kam 1958 nicht als Gastarbeiter in die Bundesrepublik, sondern als Student. Doch die nachfolgenden Wirrnisse und Hindernisse, die sich einer erfolgreichen Integration in den Weg stellten, sind familien-, schicht- und generationsübergreifend, und wurden nur wenig durch die besseren beruflichen Chancen abgemildert, die ein erfolgreiches Studium natürlich mit sich brachte.

Ausgehend von der Geschichte seines Vaters, der als alter Mann resigniert feststellt, dass er letztendlich nicht in Deutschland heimisch werden durfte – beispielsweise muss er mehrmals während seines Berufslebens erfahren, dass Deutsche keinen Türken als Vorgesetzten akzeptieren wollen -, packt Merey das Buch randvoll mit Anekdoten, Erlebnissen, Geprächen und Familienerinnerungen.

Dabei bleibt er jedoch nicht im rein Persönlichen, sondern weitet den Blick der LeserInnen, indem er eben auch die geschichtlichen Hintergründe und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die jeweilige Rechtsprechung (beispielsweise zu den Details des Anwerbeabkommens) und die Art der öffentlichen Berichterstattung über die sogenannten Gastarbeiter mitsamt vieler Zitate aus zeitgenössischen Quellen miteinfließen lässt. Bis hin zu den menschenverachtenden Texten rechtsextremer Bands.

Wenig bekannt ist, dass die Türkei zwischen 1933 und 1945 Hunderten deutschen Wissenschaftlern und Künstlern sowie deren Familien Zuflucht bot, die aus dem Dritten Reich fliehen mussten. Die Exilanten bauten wichtige Fakultäten an türkischen Hochschulen auf, sie halfen bei der Modernisierung der Verwaltung – und sie trugen zu den Bestrebungen von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk bei, das Land nach Westen zu orientieren. Zum bekanntesten Vertreter dieser Gruppe wurde Ernst Reuter, der Sozialdemokrat und spätere Regierende Bürgermeister von Berlin lebte von 1935 bis 1946 in der Türkei. […] In Ausweispapieren von Flüchtlingen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war, trugen die türkischen Behörden den Vermerk ‚haymatloz‘ ein. (S. 20/21)

Dazu gibt es Kapitel, die sich beispielsweise mit den Fragen befassen, ob JournalistInnen mit türkischen Wurzeln die Rolle der Alibitürken in den Redaktionen übernehmen, welche (miesen) Erfahrungen seine KollegInnen mit Rassismus in Deutschland machen und warum genau der türkische Staatspräsident eigentlich so bedeutsam für viele Deutschtürken ist und wo Deutschland in seinen Beziehungen mit der Türkei vielleicht auch eine gewisse Doppelmoral an den Tag legt.

Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man den bürokratischen Wahnsinn und Widersinn bei der Einbürgerung Tosuns Mereys mitverfolgt, wenn ihm, dem erfolgreichen deutschsprachigen Manager, wiederholt Bescheinigungen seiner Deutschkenntnisse abverlangt werden.

Eine weitere Stärke dieses Buches ist es, dass es unaufgeregt möglichst viele Stimmen zu Gehör bringt. Merey nimmt es sogar auf sich, einen ehemaligen Korrespondentenfreund zu besuchen, der inzwischen AfD-Funktionär ist. Genauso interviewt er einen türkischstämmigen Polizisten, der lange hoffte, die AfD wäre eine wirkliche Alternative, und der kein Mitleid mit gesellschaftlich abgehängten „BMW-Murats“ oder  „Kickbox-Hassans“ mit den dicken Goldkettchen hat.

Abgesehen davon, dass das Buch eine interessante Lebensgeschichte schildert, ist es darüber hinaus randvoll mit hilfreichen Hintergrundinformationen, die u.a. den Wechsel in der öffentlichen Akzeptanz der türkischen Mitbürger veranschaulichen. So wurden noch Anfang der Sechziger Tosun und weitere Studenten in seinem Wohnheim von ihnen unbekannten deutschen Familien eingeladen, die Weihnachtsfeiertage bei ihnen zu verbringen, wodurch Tosun eine gastfreundliche Familie in Ulm kennenlernte.

Und von dem Wohnheim am Maßmannplatz in München hatte ich vorher noch nie gehört.

Dann wieder der Hinweis auf einen Vorfall 1985,  der daran erinnert, dass Deutschland nicht erst seit den Möglichkeiten, die das Internet bietet, ein Hetzer- und Rassistenproblem hat. 1985 erschien auch Wallraffs Buch Ganz unten, von dem Can Merey sagt, dass ihn kein Buch tiefer verstört habe. Dass diese ständigen Kränkungen und bedrohlichen Nachrichten, ob selbst erfahren, gehört oder von ihnen gelesen, Auswirkungen auf das eigene Selbstbild und die Ausbildung einer nationalen Identität haben, steht außer Frage. Und da lagen die Angriffe in Hoyerswerda und Mölln sogar noch in der Zukunft.

CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl blieb der Trauerfeier für die Mordopfer von Mölln fern. Sein Sprecher Dieter Vogel sagte zur Begründung: ‚Die schlimme Sache wird nicht besser dadurch, dass wir in einen Beileidstourismus ausbrechen.‘ […] ‚Beileidstourismus‘ kam 1992 in die engere Auswahl bei der Wahl für das ‚Unwort des Jahres‘. (S. 158)

Auch der lakonische Humor des Autors gefiel mir: Um seinen Sprachkurs am Goethe-Institut in Blaubeuren absolvieren zu können, fliegt der junge Tosun Merey 1958 mit Swissair von Istanbul nach Zürich, wo er von einem Geschäftspartner des Vaters abgeholt wird.

Sein erster internationaler Flug beeindruckte ihn so nachhaltig, dass die Airline in unserer Familie noch über ihr Ende im Jahr 2002 hinaus einen hervorragenden Ruf genoss – obwohl außer meinem Vater wohl nie jemand von uns mit ihr geflogen ist. (S. 16)

Vor allem aber macht Can Mereys Buch deutlich: Integration ist keine Einbahnstraße:

Natürlich gibt es Türken, die jede Integration verweigern. Wer als Ausländer die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt, während er gleichzeitig die Vorzüge der Bundesrepublik genießt, der hat aus meiner Sicht hier nichts verloren. Tosuns Geschichte zeigt aber: Integration scheitert nicht nur an unwilligen Ausländern, sondern auch an der deutschen Mehrheitsgesellschaft. […] Ohne gesellschaftliche Akzeptanz  kann Integration nicht funktionieren. (S. 11)

Dass Bewerber mit nichtdeutschen Namen schlechtere Erfolgsaussichten bei der Suche nach einem Ausbildungs-, Arbeitsplatz oder einer Wohnung haben, haben Studien leider mehrfach bestätigt.

Der Vater des Autors, Tosun Merey, zieht ein ernüchterndes Fazit:

Es ist ja nicht so, dass ich jeden Tag auf der Straße beleidigt worden wäre. Aber ich glaube, dass der Mensch auch eine geistige Heimat benötigt, um sich integrieren zu können. Die kannst du aber nur finden, wenn du auch ein Zugehörigkeitsgefühl hast. Es reicht nicht, die Sprache zu lernen und die Lebensart zu übernehmen. Ein Zugehörigkeitsgefühl kann sich nicht entwickeln, wenn du zu spüren bekommst, dass du nicht willkommen bist. Und das ist das Schlimmste: sich unerwünscht zu fühlen und zu merken, dass man nicht dazugehört. Viele Türken haben das Gefühl, dass die Deutschen sie nicht integrieren wollen. (S. 231)

 

Hasnain Kazim: Post von Karl-Heinz (2018)

Der deutsche Journalist und Autor Hasnain Kazim muss sich wie viele andere, die in der Öffentlichkeit präsent sind und deren Namen nicht nach Müllermeierschulze klingen, immer wieder mit Hassmails befassen, die Drohungen, Pöbeleien und Gewaltfantasien enthalten, die ja heutzutage blitzschnell und ohne dass man noch in Briefmarken oder Umschläge investieren müsste, versandt werden können.

Einer seiner Wege, sich dagegen zu positionieren, ist, den Briefschreibern zu antworten, sie in ein Gespräch einzuladen, aufzuklären, sich aber auch abzugrenzen, wenn ein Austausch gänzlich hoffnungslos ist. Eine Reihe dieser Mailwechsel hat er in seinem Buch mit dem hübschen Titel Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte veröffentlicht.

Ich ziehe meinen Hut vor Kazims Ironie, seiner Schlagfertigkeit, seiner Geduld und vor seiner Weigerung, in gleicher Münze heimzuzahlen. Der Weigerung, sich verbittern zu lassen, zurückzuhassen.

Ich habe losgeprustet, wenn er die wildesten und idiotischsten Beleidigungen so ins Absurde gesteigert hat – ja, er komme gern am Wochenende mit kompletter Großfamilie mal vorbei, sie seien ohnehin in der Gegend und sie würden auch die Ziegen zur Schächtung mitbringen, dann könne ihm der Briefeschreiber mal zeigen, was ein richtiger Deutscher sei – und mich gefreut, wenn er doch noch jemanden auf die Ebene halbwegs zivilisierter Umgangsformen zurückverfrachten konnte. Auch die ein oder andere Hilfestellung für eigene Argumentationen ließe sich dem Buch entnehmen. Daneben gibt es auch ernsthafte und höfliche Leserzuschriften, die von ihm freundlich und ausführlich beantwortet werden.

Doch vor allem war ich nach der Lektüre dieses durchaus unterhaltsamen Buches verstört. Ich hatte das Gefühl, eine Bodenplatte tut sich auf, darunter krabbelt und tobt das, was eine Gesellschaft nachhaltig gefährden kann.

Wie kann es sein, dass manche Menschen ernsthaft glauben, mit ihren Pöbeleien, ihrem Rassismus, ihrer Ignoranz und Langeweile, ihrer miesen Kinderstube, ihrer völligen Überschätzung der eigenen Befindlichkeiten und dem Weltbild eines Grottenolms anderen ungestraft auf die Nerven fallen zu dürfen?

Und wie kann es sein, dass es inzwischen Richter gibt, die solcherlei Komplettentgleisungen (siehe Renate Künast) noch als Meinungsäußerung deklarieren, die Personen, deren Arbeit öffentlich sichtbar ist, halt zu akzeptieren haben?

Oder dass eine Anzeige sofort gegenstandslos wird, wenn der Beschuldigte treuherzig versichert, dass nicht er die Mails geschrieben habe, schließlich habe der halbe Ort Zugang zu seinem Rechner.

In seinem einleitenden Kapitel Vom Umgang mit Hass im Posteingang schreibt er zu der Floskel, dass man auch den Brüllern und Hetzern mit Respekt begegnen solle:

Ich soll Leuten mit Respekt begegnen, die mich ‚in die Gaskammer!!!‘ wünschen? […] Und was soll, bitte schön, ‚auf Augenhöhe‘ heißen? Soll ich mich auf den Bauch legen, um mit diesen Leuten ‚auf Augenhöhe‘ zu reden? Diese, bei allem Respekt, dämlichen, jedenfalls unbeholfenen Ratschläge geben mir mehr zu denken als die meisten Beleidigungen und Drohungen. Ich empfinde dieses achselzuckende Zuschauen, solche ‚Na, damit musst du halt klarkommen‘-Positionen als dröhnendes Schweigen. […] Mir macht Angst, dass Leute inzwischen in entspanntem Ton darüber philosophieren, wie man mit Rechten reden sollte. Aber diejenigen, die solche intellektuellen Fingerübungen ausprobieren, sind Leute, die durch die Rechten in keinerlei Weise bedroht sind, schon gar nicht existenziell. (S. 17/18)

Kazims Buch mahnt an, dass Menschen Verantwortung für ihre Worte haben und dass es an der Zeit ist,  den einen oder die andere an diese Verantwortung nachdrücklich zu erinnern.

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Ahmet Toprak: Auch Alis werden Professor (2017)

Von Ahmet Toprak, einem Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, stammt der autobiografische Rückblick Auch Alis werden Professor: Vom Gastarbeiterkind zum Hochschullehrer (2017).

Abgesehen von einem unendlich drögen Cover, das mich beinahe vom Kauf abgehalten hätte, fing das schmale Buch sehr vielversprechend an.

Mein Vater meldet sich 1967 in Ankara in einem Anwerbebüro und wird medizinisch untersucht. Es ist damals üblich, dass die Arbeitswilligen von deutschen Ärzten und Krankenschwestern […] auf Herz und Nieren gecheckt werden. (S. 16)

Topraks Eltern stammen aus einem zentralanatolischen Dorf.

Im Winter ist das Dorf mit 150 bis 200 Einwohnern für mehrere Monate von der Außenwelt abgeschnitten. In den Häusern gibt es weder fließendes Wasser oder Strom. […] Zum Kartenspielen und Einkaufen müssen die Bewohner in die fünf Kilometer entfernte Kreisstadt laufen. Autos oder Busverbindung gibt es damals nicht. Viele im Dorf sind miteinander verwandt oder verschwägert. Alle kennen sich, alle helfen sich. Aber auch die soziale Kontrolle ist enorm.

Als der Vater sich zu einem Gastarbeiterdasein in Deutschland entscheidet, hat er bereits vier Kinder. Der Autor und ein weiterer Bruder werden erst später geboren. Der Vater findet Arbeit bei den Ford-Werken in Köln. Niemand erwartet dort von den Türken, dass sie Deutsch lernen. Selbst als man nicht mehr davon ausgeht, dass die türkischen Arbeiter in ihre Heimat zurückgehen – es hat sich als viel zu uneffektiv erwiesen, die meist ungebildeten Arbeiter im Rotationssystem immer wieder neu einzuarbeiten -, ist es für die Firma einfacher (und günstiger), einem Vorarbeiter genügend Türkisch beizubringen als der ganzen Hallenbelegschaft Deutsch.

Leider spielen die Eltern danach nur noch eine sehr vage Rolle. Irgendwann lässt der Vater seine Frau nachkommen, doch der Sohn Ahmet wird erst mit 10 Jahren nach Deutschland geholt. Das Brüderchen, das inzwischen in Deutschland geboren wurde, bekommt den Spitznamen „Made in Germany“ verpasst.

Ahmets erste Erfahrung in Deutschland ist ein freilaufender Hund, der in einem Park auf ihn zustürmt. Der Besitzer versteht die Angst des Kindes nicht und wiederholt immer nur den Satz „Der will nur spielen.“

Es folgen positive und negative Schulerfahrungen. Als es darum geht, was Ahmet nach der Hauptschule anfangen soll, plädiert der Vater für eine solide Schlosserlehre. Doch Ahmet kann sich nichts Schlimmerers vorstellen und ringt seinem Vater einen Deal ab. Er geht zurück in die Türkei. Sollte er dort das Abitur nicht schaffen, käme er zurück und würde sogar eine Dachdeckerlehre machen, was ihnen als Inbegriff unattraktiver Arbeit erschien.

Er lernt neu das autoritäre Schulsystem in der Türkei kennen, in dem kritisches Diskutieren und einem Lehrer zu widersprechen, als unerhört galten.

Er schafft das Abitur, beginnt ein Studium in Ankara, wird irgendwann wieder zurück nach Deutschland beordert, das er durchaus vermisst hat, und nach einigen Irrungen und Wirrungen findet er seinen Platz im Pädagogikstudium.

2001 erfolgt die Promotion und 2007 schließlich die Ernennung zum Professor.

Das Buch krankt für mich an der Kürze (168 sehr großzügig gesetzte Seiten). Dass die Schwester gegen ihren Willen irgendwann wieder in die Türkei geschickt wird, wird zwar damit kommentiert, dass die Schwester sehr „niedergeschlagen“ gewesen sei, doch innerhalb des Buches gibt es keine Auseinandersetzung mit dem Erziehungsstil oder dem Frauenbild der Familie.

Auch dass die eigenen Eltern nicht an seinen Bildungsaufstieg glauben, wird nur sehr am Rand abgehandelt. Sie halten es für für pure Überheblichkeit, als er sich auf eine Professur bewirbt.

Der bewundernswerte Werdegang Ahmet Topraks ist sicherlich auch insofern ungewöhnlich, da er nach der Hauptschule zunächst in die Türkei zurückkehrt, um dort sein Abitur abzulegen. Ob das auch im deutschen Schulsystem mit seiner latenten Benachteiligung von (Gast-)Arbeiterkindern so ohne Weiteres möglich gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln.

Die miesen Anwürfe und Diskriminierung, die der Autor in vielerlei Situationen (Fahrscheinkontrolle, Einbürgerung, Wohnungssuche) erfahren hat, zeigen, wie weit weg wir noch von einem selbstverständlichen Zusammenleben verschiedener Ethnien sind. Der Autor nimmt’s oft mit Humor, manchmal mit Wut oder konfrontiert den anderen mit seinen rassistischen oder zumindest sehr stereotypen Aussagen. Dazu gehört viel Kraft und der Wille, sich nicht in einer Opferrolle einzukuscheln.

Und nicht jeder kann dann den Weg gehen, der ihm jetzt möglich ist. Als potentielle Vermieter sich plötzlich nicht mehr von seiner Herkunft abschrecken lassen, weil sie unglaublich gern einen Professor als Mieter hätten, kommentiert der Autor diese Erfahrungen ganz trocken mit: „Professor schlägt Türken“.

Fazit: Auf der einen Seite fand ich das Buch immer unbefriedigender, da wesentliche Faktoren im Dunkeln bleiben. Oft kam mir das Innenleben der Personen zu kurz und auch, wenn man die Familie nicht über Gebühr mit in die Öffentlichkeit eines Buches zerren will, letztendlich gehören Eltern und Geschwister ebenfalls zu der Frage, wie ein Gastarbeiterkind zum Professor werden kann. Da war mir der – berechtigte – Hinweis auf die beeindruckende Lebensleistung der Mutter, die als Analphabetin 33 Jahre in einer deutschen Firma gearbeitet und sechs Kinder (vier davon Akademiker) großgezogen hat, zu wenig.

Über weite Strecken habe ich das Werk auch als die Schilderung einer verwunderten Selbstvergewisserung gelesen, wohin man aus eigener Kraft gekommen ist und dass man nun sogar einen eigenen Eintrag in Wikipedia hat.

Und dennoch habe ich es gern gelesen, es macht Lust auf weitere Literatur aus dem thematischen Bereich der Gastarbeiter. Die Stärke des Buches sind die vielen kurzen Szenen, die einem auch nach dem Lesen noch nachgehen. Wo Toprak, als er einen Vortrag halten soll, für den Techniker gehalten wird, der sich doch bitte beeilen möge, den Beamer zum Laufen zu bringen, denn schließlich müsse der Professor jeden Moment erscheinen.

Die Erfahrungen, die die Gastarbeiter und ihre Kinder gemacht haben und noch täglich machen, ihre Geschichten, ihre Erinnerungen, mal peinlich, mal witzig, mal berührend, mal – für Deutschland – beschämend, sind ganz offensichtlich ein großer Schatz. Falls da jemand gute Erzählungen, Romane oder Biografien kennt, lasst einen Kommentar da.

 

Benjamin Zephaniah: The Life and Rhymes of Benjamin Zephaniah (2018)

Der Guardian hat ihn einmal einen der größten britischen Dichter der letzten Jahre genannt, die Times nahm ihn 2008 in die Liste der 50 wichtigsten Schriftsteller Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg auf.

Die Rede ist von dem Rastafari und Kämpfer gegen Rassismus und Unterdrückung: Benjamin Zephaniah, der sich selbst als Dichter für die Leute bezeichnet, die keine Dichter lesen, und der ziemlich säuerlich reagierte, als man ihm noch unter Tony Blair den Order of the British Empire verleihen wollte. (Die Begründung seiner Ablehung kann man hier nachlesen.)

2018 erschien nun seine Autobiografie und die ist so richtig klasse. Wunderte ich mich zunächst, dass der Autor das Buch sich selbst gewidmet hat, so erscheint das nach der Lektüre als absolut passend und mehr als gerechtfertigt.

Dedicated to me.
And why not?
There was a time when I thought
I wouldn’t live to see thirty.
I doubled that, and now I’m sixty.
Well done, Rastaman, you’re a survivor.
A black survivor.

Das Ganze geht schon damit los, dass Zephaniah im ersten Satz erklärt, dass er Autobiografien hasse,

They’re so fake. The ones I hate the most are those written by individuals who have spent their lives deceiving people and then, when they see their careers (or their lives) coming to an and, they decide it’s time to be honest. […] And don’t get me started on the people who write autobiographies a couple of years after they’re born: the eighteen-year-old pop star who feels life has been such a struggle that it can only help others if he lets the world know how he made it.

Da hängt einer die Meßlatte hoch, ehrlich soll’s werden und man soll was zu sagen haben; Zephaniah löst das alles ein, in einem ans Mündliche angelehnten Stil, humorvoll, bissig, böse, abgrundtief traurig, aufregend. Und man lernt mehr über Großbritannien und seinen oft so zynischen Umgang mit Einwanderen, als einem für die eigene Gemütsruhe manchmal lieb ist.

Vorausschicken möchte ich, dass diese Autobiografie so gar nichts mit den sogenannten Misery Memoirs zu tun hat, obwohl diese Gefahr gerade bei den Kindheitserinnerungen naheliegend gewesen wäre. Aber hier schreibt einer mit so viel Menschenfreundlichkeit und einer energischen Lebensfreude, die im wahrsten Sinne des Wortes kaum totzukriegen ist.

Seine Mutter kommt aus Jamaika und arbeitet als Krankenschwester, sein Vater stammt aus Barbados. Zephaniah wird, wie auch seine Geschwister, in Birmingham geboren. Schon als Kind wird er aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt, mit Backsteinen angegriffen, selbst die Schule ist kein sicherer Raum. Die Mutter kann nicht helfen und will die Anfeindungen nicht wahrhaben, es gibt die ersten Erfahrungen mit rassistischen Nachbarn, später die Straßenschlachten mit Anhängern der tiefbraunen National Front.

Dazu kommen familiäre Gewalterfahrungen: Der Vater prügelt Mutter und alle sieben Kinder, bis Mutter und Benjamin flüchten. Das Frauenhaus verweigert ihre Aufnahme, da eine verprügelte jamaikanische Frau nicht so gut zu britischen verprügelten Frauen passe.

Als die beiden schließlich im Haushalt des geschiedenen Pastors Burris ein neues Zuhause finden, gibt es zum ersten Mal so etwas wie eine Vaterfigur für Benjamin, doch auch dort ist das Geld und der Platz für so viele Menschen begrenzt.

We slept three or four to a bed: two up and two down, or two up and one down if you were lucky. Different kids had different kinds of smelly feet, so there were always tough negotiations over who would sleep where. (S. 66)

Er fliegt aus mehreren Schulen, seine Legasthenie wird nicht erkannt, schließlich landet er in einer der berüchtigten Borstals (Erziehungsanstalten), dann im Knast. Eine Karriere als Krimineller oder als Opfer einer Straßenschlacht oder in einer Gefängniszelle scheint vorgrammiert. Doch neben all dem Elend gibt es noch (mündliche) Gedichte, Musik, Sound Systems, noch mehr Musik und Freunde.

Wie nun aus dem Kind aus kaputtem Elternhaus, dem Schulabrecher, der kaum lesen und schreiben kann, dem geschickten Dieb und Hehler im Laufe der Jahre ein gefeierter Dichter, Autor, begeisterter Leser, Besitzer eines netten Anwesens auf dem Lande und weitgereister Aktivist gegen Rassismus, Polizeiwillkür und Unterdrückung wird, dem mehrere Ehrendoktorwürden zuteil werden, erzählt Benjamin Zephaniah auf über 300 Seiten so mitreißend, vollgepackt mit Geschichten, spannend und energiegeladen, dass ich nur staune und bewundere.

Markiert habe ich mir über 60 Stellen, müsst ihr also alle selbst lesen.

Dass sich Zephaniah in seiner humanen Einstellung selbst von den jetzt wieder aus ihren Löchern kommenden Rassisten nicht irremachen lässt – seit den Brexit-Kampagnen sieht auch er sich wieder verstärkt rassistischen Pöbeleien und widerlicher Post im Briefkasten ausgesetzt – zeugt von großer Stärke. Seine Hoffnung, dass er sich aufgrund gesellschaftlicher Verbesserungen langsam als Rastafari-Komiker zur Ruhe setzen könne, habe sich allerdings in Luft aufgelöst. Er müsse wohl noch eine Weile der zornige schwarze Dichter bleiben.

Ein Vorbild also, auch den Ausgegrenzten, den Gewalterfahrenen, den Jugendlichen, von denen die Gesellschaft nur Negatives erwartet, denen mit der „anderen“ Hautfarbe und dann wieder allen, die sich für eine gerechtere und menschenfreundlichere Welt einsetzen.

Well done, Rastaman. Wie wahr.

Hier schreibt Zephaniah über seine Legasthenie und miserablen Schulerfahrungen und hier geht’s zu seiner Homepage.

Bleibt nur die Frage, wann das Buch ins Deutsche übersetzt wird.

 

Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen (2019)

Bei seinem neuesten Buch Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte ist sich Bartholomäus Grill (*1954) durchaus des möglichen Einwands bewusst,

dass sich schon wieder ein weißer Mann anmaßt, über die koloniale Erfahrung zu schreiben. Natürlich bin auch ich durch europäische Weltbilder geprägt, und ich stelle immer wieder fest, dass ich selbst nach drei Jahrzehnten in Afrika das rassistische Erbe nicht einfach abschütteln kann. Ich habe versucht, die Blickrichtung zu ändern, um Klischees und Zerrbilder zu überwinden. Das ist mir vermutlich nicht immer gelungen. Und die Toten konnte ich auch nicht mehr zum Sprechen bringen. (S. 13)

Ausgehend vom Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in Europa und der Tatsache, dass rassistisches Vokabular wieder in den allgemeinen Sprachgebrauch zurückkehre, obwohl „eine reiche Nation mit über 80 Millionen Einwohnern diese Herausforderung [die Aufnahme der Flüchtlinge im Jahr 2015] bewältigen können“ müsste, macht sich Grill auf die Suche nach unserer kolonialen Vergangenheit. Die dauerte zwar vergleichsweise kurz und endete bereits mit dem ersten Weltkrieg, doch die mentalen und wirtschaftlichen Folgen dauerten bis heute an.

Die Vorläufer des deutschen Kolonialismus gehen zurück bis auf Friedrich Wilhelm und im Jahr 1681 schaffte es ein brandenburgischer Kapitän erstmals „ein paar Häuptlingen an der Goldküste, dem heutigen Ghana, ein Abkommen aufzunötigen, in dem diese die kurfürstliche Oberhoheit über ihr Gebiet anerkannten.“ (S. 21)

Anschließend widmet sich Grill jeweils den ehemaligen Kolonialgebieten „Deutsch-Westafrika“, Togo, Kamerun, „Deutsch-Südwestafrika“, Kiautschou (in China) und den deutschen Südsee-Kolonien.

Und vor allem stellt er uns das Personal vor, das für die Kolonisierung notwendig war: Sadistische Kommandeure, Forscher, Heuchler, Betrüger und Schwindler, Rassisten, Missionare (in ihrer zweischneidigen Rolle als Vorhut der Kolonialisierung und westlicher Bildung), brutale oder aufgeklärte Aufseher, Erbauer von Stadtvillen und Händler, skrupellose Ausbeuter, Ingenieure und Wirtschaftsunternehmer.

Daneben gibt es ein Kapitel, das sich mit der Frage nach kolonialer Raubkunst beschäftigt, die heute in den deutschen Völkerkundemuseen gezeigt wird.

Auch die Rolle der Askari, der schwarzen Hilfssoldaten, die ihre deutschen Unterdrücker gegen das britische Empire verteidigen durften, wird näher beleuchtet.

Genau so interessant und erschreckend sind die Interviews, die der Autor mit deutschen Nachfahren in Namibia geführt hat und die darüber schwadronieren, dass die dummen Schwarzen ihr schönes Land zugrunderichten.

Außerdem stellt er das umstrittene Projekt des Tansania-Parks in Hamburg vor, dessen Ziel, die kommentarlose Zurschaustellung von Skulpturen aus der Kolonialgeschichte auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne, zu massiven Protesten geführt hat und der bis heute der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Spannend auch seine Rechercheergegnisse bezüglich des Völkermordes an den Herero und Nama im heutigen Namibia, für die der Autor angefeindet worden ist. Genausowenig entzückt war er über den Beifall der ewig Gestrigen.

Grill liefert eine interessante, gut lesbare und gleichzeitig bedrückende Nachhilfestunde, denn es ist doch traurig, wie wenig wir oder ich über diese Epoche deutscher Geschichte wissen.  Und überhaupt, schon die afrikanische Landkarte (die von den ehemaligen Kolonialherren mit dem Lineal gezogenen Grenzen, die Völker auseinanderriß und verfeindete Volksgruppen in ein Staatsgebiet zwang) macht mir Mühe.

Abgerundet wird das Ganze mit Literaturempfehlungen, Reiseerinnerungen, Eindrücken und Interviews.

Was mir allerdings zu kurz bzw. oberflächlich abgehandelt wurde, war die Frage, inwieweit die heutige ungerechte globalisierte Weltordnung auf die Kolonialzeit zurückgeht. Da hätte ich mir mehr konkrete Beispiele gewünscht sowie mehr Informationen, wie genau sich die einzelnen Länder nach ihrer Unabhängigkeit entwickelt haben.

Sonja Ernst zieht für den Deutschlandfunk folgendes Fazit zu dem Buch:

Bartholomäus Grill berichtet anschaulich von diesen vielen persönlichen Begegnungen und von vielen Orten. Und das ist die Stärke des Buches. Denn vielen Lesern werden Ereignisse und Personen der Kolonialgeschichte nicht ganz neu sein. Aber Bartholomäus Grill liefert eine gute Mischung aus Analyse und Reportage. Er schreibt mitreißend und anschaulich und transportiert immer wieder die Folgen der Kolonialzeit bis ins Jetzt.

Hier zwei Interviews mit Grill:

Und zur Ergänzung kann man – erschreckend aktuell – die Thesen des Oxforder Professors Danny Dorling heranziehen: Dieser ist der Meinung, dass

a British elite drunk on nationalism is responsible for the Brexit disaster. Raised in the traditions of the British Empire, they continue to glorify the crimes committed during colonialism. (Spiegel online)

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Anthony Ray Hinton: The Sun Does Shine (2018)

Bevor sich alle fragen, ob Buchpost nun zu einem reinen Fotoblog mutiert, wird es Zeit, die Sommerpause für beendet zu erklären und für eine Besprechung, doch wie soll man dieser Autobiografie gerecht werden? Rasch und ungeplant in einer Flughafenbuchhandlung erstanden und dann nach dem Lesen Bestürzung und Bewunderung. Doch von vorne:

1985 wurden zwei Mitarbeiter von Fastfood-Restaurants bei Raubüberfällen in Alabama erschossen, ein drittes Opfer überlebte und identifizierte den Afroamerikaner Anthony Ray Hinton (*1956) anhand von Fotos als den Täter. Indizien oder Zeugen gab es nicht. Eine Zeugenaussage war gelogen, das Foto bei der Identifizierung durch das Opfer bereits als Täterfoto markiert.

Hinton bekommt einen schlecht bezahlten und unfähigen Pflichtverteidiger an die Seite gestellt, dem es gleichgültig ist, ob Hinton schuldig ist oder nicht. Der vom Verteidiger bestellte Gutachter, der beurteilen soll, ob es sich bei der alten Waffe von Hintons Mutter um die Tatwaffe handelt, ist auf einem Auge blind und kann das Mikroskop nicht richtig bedienen. Eine Katastrophe, die der Staatsanwalt im Prozess weidlich auskostet.

Trotz seines Alibis, er war zur fraglichen Zeit des dritten Überfalls an der Arbeit, bei der man ein- und auschecken musste, wird Hinton zur Todesstrafe verurteilt, da es sich bei der Waffe seiner Mutter definitiv um die Tatwaffe handele. Er verbringt die nächsten 29 Jahre in der Todeszelle im Gefängnis William C. Holman Correctional Facility.

Obwohl Anwälte der Equal Justice Initiative 2002 schließlich nachweisen können, dass Hinton unschuldig ist, FBI-Experten zweifelsfrei nachweisen, dass die Schüsse aus einer anderen Waffe abgefeuert wurden und sein erster Prozess eine einzige Abfolge von Fehlern der Verteidigung war, weigert sich der Staat Alabama, den neuen Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen, da dies den Steuerzahler nur unnötig Geld kosten würde.

Noch in einem 2009 veröffentlichten Buch faselt der inzwischen verstorbene Staatsanwalt McGregor davon, wie sehr Hinton „just radiated guilt and pure evil“.

Erst 2015, nachdem Bryan Stevenson und sein Team von der EJI 16 Jahre dafür gearbeitet haben, Hintons Unschuld zu beweisen, gelangt der Fall vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Hinton kann nach fast 30 Jahren das Gefängnis als freier Mann verlassen.

Dabei verschweigt er nicht, dass das Leben im Knast ihn gezeichnet hat. Noch lange nach seiner Entlassung wacht er morgens um drei Uhr auf, weil man dann im Gefängnis Frühstück bekam. Er fühlt sich anfangs in Räumen, die größer als seine Zelle sind, unwohl. Und jeden Tag ruft er mehrmals Freunde an, sammelt Quittungen, verschafft sich sozusagen Alibis, denn die Furcht, grundlos von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben gerissen zu werden, hat sich tief in ihn eingegraben. Diejenigen, die ihn 1985 sterben lassen wollten, sind natürlich über seine Freilassung unglücklich und halten sie für grundfalsch. Von den an dem Fehlurteil Beteiligten hat sich niemand je bei ihm entschuldigt. Eine finanzielle Entschädigung hat er bis jetzt nicht bekommen.

In diesem Buch, das er zusammen mit Lara Love Hardin geschrieben hat, erzählt er auf hinreißende Weise von seiner Jugend, der engen Beziehung zu seiner Mutter und deren christlichem Glauben und von seinem besten Kumpel Lester, der ihn schließlich fast dreißig Jahre lang jeden Monat im Gefängnis besuchen wird und der sich um Hintons Mutter kümmern wird, als wäre es seine eigene.

Wir lesen, wie eklatante Unfähigkeit und Rassismus sich auch strukturell in der Rechtsprechung austoben dürfen, wie ihm Anklagevertreter ganz unverhohlen sagen, dass es ihnen egal sei, ob er schuldig ist oder nicht, Hauptsache, es gäbe wieder einen N… weniger auf Alabamas Straßen. Einer droht ihm, ihn im Falle einer Freilassung persönlich am Gefängniseingang abzuknallen.

Und Hinton erzählt vom Leben im Gefängnis, von den Demütigungen und Schikanen einzelner Wächter, den seltsamen Freundschaften, die sich bilden, z. B. mit dem ehemaligen KKK-Mitglied Henry Hays, den im Sommer unerträglich heißen Zellen, von seiner Idee eines Buchklubs und dem Geruch von Menschenfleisch, wenn alle riechen können, dass wieder einer auf dem elektrischen Stuhl gestorben ist. Und auf welche Art und Weise die Männer einander das Beileid aussprechen, wenn einer von ihnen einen Angehörigen verloren hat. Und von der Sehnsucht nach seiner Mutter.

Dabei verhehlt er nicht, dass viele der Männer grauenhafte Verbrechen begangen haben, manche sind Psychopathen und andere wiederum geistig behindert.

Natürlich schildert das Buch auch den juristischen Kampf um seine Unschuld, ohne die Organisation von Bryan Stevenson hätte er Holman niemals lebend verlassen, wobei für den juristischen Laien vielleicht ein paar Hintergrundinformationen hilfreich gewesen wären.

Doch vor allem erzählt Hinton von seinem täglichen Kampf darum, im Gefängnis nicht innerlich zu sterben und der Verlockung des Selbstmords nicht zu erliegen. Mehrere Jahre dauert es, bis er zu der Einsicht kommt, dass er selbst in seiner engen und widerlichen Zelle Wahlmöglichkeiten hat.

I was on death row not by my own choice, but I had made the choice to spend the last three years thinking about killing McGregor and thinking about killing myself. Despair was a choice. Hatred was a choice. Anger was a choice. I still had choices, and that knowledge rocked me. I may not have had as many as Lester had, but I still had some choices. I could choose to give up or to hang on. Hope was a choice. Faith was a choice. And more than anything, love was a choice. Compassion was a choice. (S. 115)

Das ist die Nacht, in der er anfängt, Anteil am Leben der anderen Insassen und Wärter zu nehmen, Empathie, Humor und Mitgefühl zu zeigen. Er kann wieder – manchmal auch unter Tränen – Witze machen und darf schließlich sogar den Wärtern öfter was Leckeres kochen.

Und so verrückt das klingt, es ist ein verstörendes Buch, aber von großer Wärme, Stärke und manchmal auch Witz durchzogen. Eine Liebeserklärung an seine Mutter, die Frau mit den klaren Ansagen, die ihm gezeigt hat, was es bedeutet, bedingungslos geliebt zu werden, und an seinen besten Freund Lester, seinen Verteidiger und späteren Freund Bryan Stevenson und – falls man das überhaupt noch erwähnen muss – natürlich ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und eine Geschichte, die uns viel über den Rassismus in Amerika erzählt.

Hinton ist laut Wikipedia der 152. Mensch, der seit 1973 in Amerika nachweislich unschuldig zum Tode verurteilt worden ist.

Er hat sich entschlossen, denjenigen, die ihm 30 Jahre seines Lebens gestohlen haben, zu vergeben.

Hier gibt es noch einen Bericht im Guardian.