Mick Herron: Slow Horses (2010)

Da ich normalerweise einen Bogen um neuere Krimis oder gar Thriller mache, da ich befürchte, dass sie mir mit ihrer Schilderung von Grausamkeiten zu brutal, ja fast schon voyeuristisch sind, wäre mir beinahe der fulminante Auftakt zu einer Reihe entgangen, von der ich UNBEDINGT auch die nächsten Bände lesen möchte, und das, obwohl einige Szenen tatsächlich jenseits meiner Schmerzgrenze lagen.

Ehemalige Topleute des britischen Inlandsgeheimdienstes (auch bekannt als MI5) sind wegen diverser Verfehlungen  (Einsatz verpatzt, Alkoholprobleme, fehlender Kompatibilität mit Menschen, Geheimdienstunterlagen im Zug liegengelassen) ausgemustert und ins schäbige Slough House, das weit genug entfernt von der Zentrale am Regent’s Park liegt, abkommandiert worden.

Dort sollen sie unter der Leitung des schmierigen Unsympathen Jackson Lamb Akten schreddern, Telefonmitschnitte oder alte Unterlagen nach belanglosen Details durchwühlen. So hofft man, dass River Cartwright und seine LeidensgenossInnen freiwillig den Dienst quittieren. Das käme dem Geheimdienst gelegener als langwierige Streitereien vor Gericht, die bei einer Kündigung wohl zu erwarten wären.

Kollegiales Miteinander: Fehlanzeige. Jeder hasst seinen Arbeitsplatz im Slough House, da man nicht zum Müllsortieren und Aktenschreddern Agent geworden ist. Und jeder weiß, dass er von den Agenten im aktiven Dienst als Slow Horse beschimpft und verachtet wird. Man weiß noch nicht einmal, wo die Kollegen wohnen.

Diese bleierne, feindselige Atmosphäre wird zunächst auch durch die Nachricht nicht verändert, dass auf dem Blog der BBC ein Video veröffentlicht wurde, das einen entführten Jugendlichen zeigt, der in 48 Stunden vor laufender Kamera geköpft werden soll. Ein Fall, der die Kompetenzen der Slow Horses buchstäblich in mehr als einer Hinsicht überschreiten würde.

Doch warum beauftragt die stellvertretende Chefin des Geheimdienstes plötzlich eines der Slow Horses, nämlich Sidonie Baker, die Unterlagen eines dubiosen Journalisten zu stehlen? Und warum muss River Cartwright dessen Müll auf verdächtige Hinweise durchwühlen?

Und dann geht die Action richtig los. Selten so gespannt gewesen, wie die Geschichte weitergeht.

Dazu die Wechsel im Erzähltempus. Das erste Kapitel zunächst sehr aufregend. Wir erleben den Einsatz mit, dem River Cartwright seine Degradierung zu den Slow Horses verdankt. Dann kommt die Geschichte scheinbar zum Stillstand, da erst einmal Einblick in verschiedene Biografien einzelner Slow Horses gegeben wird. Manche Leser stört das, ich fand es gelungen, da so die Ermittler als eigenständige Charaktere mit je ganz eigenen wunden Punkten und Traumata erlebbar werden.

Und ob sie wollen oder nicht, irgendwann müssen auch Slow Horses miteinander kooperieren.

Später wird sich ohnehin kein Leser mehr über mangelndes Tempo beklagen können. Ständig schlägt die Handlung neue Haken, fügen sich neue Bausteine ins Mosaik des Ganzen ein. Und Cliffhanger gibt es hier gleich innerhalb mehrerer Erzählstränge.

Dazu wird das Ganze eingebettet in die aktuelle politische Großwetterlage. Außerdem wird das Opfer der Entführung ebenfalls als Charakter ernstgenommen und überaus glaubwürdig, ja liebevoll porträtiert.

Doch was mich darüber hinaus an Herrons Buch begeistert hat, ist die Sprache (mal abgesehen von der ganzen Flucherei, die mir an einigen Stellen ziemlich auf die Nerven ging), die Dialoge voller Schlagfertigkeit, dieses knallfreche, manchmal auch witzige Formulieren auf den Punkt.

Lamb turned to study him through half-open eyes, causing River to remember about the hippo being among the world’s most dangerous beasts. It was barrel-shaped and clumsy, but if you wanted to piss one off, do it from a helicopter. Not while sharing a car. (S. 178).

Mit meiner Begeisterung bin ich wohl nicht allein:  Im August erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel Slow Horses: Ein Fall für Jackson Lamb im Diogenes Verlag, übersetzt von Stefanie Schäfer.

Im Englischen umfasst die  Reihe bereits fünf Bände und zwei kürzere Erzählungen. Alle Bände schafften es auf eine oder mehrere Shortlists für diverse Krimi-Auszeichnungen.

Auf dem Blog von Ethan Jones gibt es ein kurzes Interview mit Mick Herron.

Und hier ist eine Besprechung von der Querleserin, die mich überhaupt erst aufmerksam auf diesen Agententhriller gemacht hat.

Blogbummel September 2018

Zum Einstieg

In den Weiten des Netzes zufällig über das nördlichste Bushaltehäuschen in Großbritannien auf der Shetlandinsel Unst gestolpert. Hier ein paar Artikel dazu.

Deutschsprachige Blogs

A Readmill of my Mind machte mich aufmerksam auf Lola Marsh und ihr Lied She’s a Rainbow.

Sabine von Binge Reading & More beschäftigte sich im Rahmen ihrer Hirngymnastik diesmal mit Alexander von Humboldt.

Birgit las einen Hotelroman von Vicki Baum.

Frau Lehmann liest, diesmal zum Beispiel Little Summerford.

Englischsprachige Blogs

Heavenali las Summer’s Day von Mary Bell.

Der Dauerbrenner: Was tun mit all unseren Büchern? Gefunden auf Beauty is a Sleeping Cat.

Consumed by Ink las Dear Evelyn, einen Roman von Kathy Page.

Zum Reisen, Staunen und Gucken

Bei Birgit drücken wir im Museum noch mal die Schulbank.

Nach Amrum geht es auf dem Meerblick.Blog.

In der Naehe bleiben nimmt uns mit zu einem wunderschönen Ort in Oslo.

Restless Jo lässt uns an einer faszinierenden Ausstellung teilhaben.

Um einen Radiosender für Senioren geht es auf Ingos England-Blog.

Cindy Knoke entführt uns in die Torfhäuser Islands.

Und auch bei Tish Farrell geht es um ein historisches Kleinod; hier geht es lang zu Teil 1 und hier zu Teil 2.

Mit einem ganz besonderen Beitrag, gefunden auf Von Orten und Menschen, möchte ich diesmal meinen Bummel beschließen. Maren war in einem verlassenen Dorf in Grönland und brachte eindrückliche Bilder mit zurück.

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Fundstück von Robert Seethaler

Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.

Aber vielleicht hatten die Toten gar kein Interesse an den Dingen, die hinter ihnen lagen. Vielleicht erzählten sie von drüben. Davon, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen. Abberufen. Eingegangen. Aufgenommen. Verwandelt.

aus: Robert Seethaler: Das Feld (2018), S. 9/10

Abgesehen von diesem Zitat habe ich mich bei diesem Buch arg gelangweilt, deswegen Lektüre vorzeitig abgebrochen, obwohl ich die zugrunde liegende Idee reizvoll fand.

 

 

 

 

Claire Tomalin: A Life of My Own (2017)

Was haben Charles Dickens, Thomas Hardy, Samuel Pepys, Jane Austen, Katherine Mansfield und Mary Wollstonecraft gemeinsam? Nun, zu jedem und zu jeder dieser AutorInnen hat die mit diversen Preisen ausgezeichnete Literaturkritikerin Claire Tomalin (*1933) eine Biografie geschrieben.

Doch in ihrem 2017 erschienenen Werk A Life of My Own macht die Autorin ihr eigenes Leben zum Thema. Und ein interessantes Leben ist das, ganz ohne Frage.

Writing about myself has not been easy. I have tried to be as truthful as possible, which has meant moving between the trivial and the tragic in a way that could seem callous. But that is how life is. Even when you are at the worst moments and would like to give all your attention to grief, you still have to clean the house and pay the bills; you may even enjoy your lunch. (S. IX)

Tomalin beginnt mit der Ehe ihrer Eltern, die sich früh haben scheiden lassen. Zunächst geht es um die – gelinde gesagt – komplizierte Beziehung zu ihrem französischen Vater Émile Delavenay, der keine nennenswerten Gefühle für seine Tochter entwickeln konnte. Selbst als Nick, Claires charmanter, aber zu Gewaltausbrüchen neigender Ehemann, sich von Claire trennen will, schreibt Claires Vater an seinen Noch-Schwiegersohn,

… he had not been able to live with my mother and so understood why Nick could not live with me. (S. 25)

Ihre Mutter Muriel Herbert, eigentlich eine begabte Komponistin und Pianistin, verdient den Lebensunterhalt für sich und ihre zwei Töchter und umgibt diese mit großer Liebe, sie bringt ihnen Schwimmen und Fahrradfahren bei, fährt mit ihnen sogar in Urlaub. Und das spärliche Taschengeld wird von Claire gleich wieder in Bücher umgesetzt.

At home we cooked, ate and did our homework on one table. In the bedroom each of us had a window next to our bed, and I used my window ledge for my books. Over the months the pile grew and gradually blocked out more and more of the window. I read under the bedclothes when I was supposed to be asleep. (S. 49)

Gelesen wird so ziemlich alles, was das Kind in die Hände bekommt; seien es nun Gedichte von Keats oder eine Biografie über Queen Elizabeth; zum elften Geburtstag schenkt ihr die Mutter die gesammelten Werke von Shakespeare. Und es dauert nicht lange, bis Claire selbst beginnt, Sonnette zu schreiben.

Soon I was turning out sonnets by the dozen. (S. 49)

Zu ihrem 13. Geburtstag wünscht sie sich das zweibändige Shorter Oxford Dictionary.

Mit 15 fliegt sie zu ihrem Vater nach New York in den Urlaub, der dort inzwischen bei den Vereinten Nationen arbeitet.

My mother was badly upset. She wept and told me she would put her head in the gas oven and kill herself if I went. I thought about this too, and decided that she would not carry out her threat. But it was difficult, because I loved her and felt entirely loyal to her. (S. 68)

Amerika ist für das junge Mädchen eine überwältigende Erfahrung, die Lebensmittel dort sind nicht mehr rationiert, neue Kleider, die Hochhäuser, die Autos, die Werbung. Vor allem aber versteht sie sich gut mit der neuen Partnerin ihres Vaters.

I also saw for the first time in my life beggars in rags, asking for money in the streets of Manhattan. I had led such a sheltered life that I thought beggars were strictly historical figures and had disappeared from the world in the twentieth century. (S. 69)

Dem Luxus, den Reisen und den neuen Erfahrungen, die der Vater bieten kann, können die Schwestern nicht widerstehen, obwohl sie sich immer auf der Seite der Mutter sehen. Als der Vater sein Domizil wieder in der Nähe von Paris aufschlägt, verbringt Claire dort viele Monate. Das Land, dessen Sprache sie bald perfekt beherrscht, wird zu einer zweiten Heimat.

Dem Studium am Newnham College in Cambridge kann sie allerdings wenig abgewinnen. Zu deutlich ist noch die Erwartungshaltung, dass die Frauen, die dort Literatur studieren, nicht selbst denken wollen und sollen, sondern sich vor allem sagen lassen sollen, was sie zu bestimmten Themen zu denken haben. Schließlich würden sie das in ihrem späterem Lehrerinnenleben benötigen.

… but I believed we had come to university to be encouraged to think for ourselves, not to be told what to think. I gave up going to the lectures. […] and I spent more time in libraries than in lecture halls. Now I regret not having explored further afield by going to lectures on other subjects, history, anthropology, archeology, geography – I could have learned a great deal. (S. 92)

Schon damals lehnt sie die Ansichten von Francis Raymond Leavis, des von vielen verehrten Dozenten in Cambridge ab, der Jahre lang erklärte, dass Charles Dickens nur einen nennenswerten Roman geschrieben habe und ansonsten ein reiner Unterhaltungsschriftsteller gewesen sei.

Als sie das Studium mit ausgezeichneten Noten abschließt, hat sie keine klaren Berufspläne. Also beschließt ihr Vater, dass sie in London erst einmal Stenografie und Maschineschreiben lernen soll. Im Rückblick hört man schon eine gewisse Wehmut und die Frage heraus, wie wohl ihr Leben verlaufen wäre, hätte sie eine akademische Tätigkeit angestrebt.

1955 heiratet sie den charmanten Nicholas Tomalin, der später zu einem bekannten Journalisten werden sollte. Die Ehe ist stürmisch, manchmal katastrophal und sie bleiben – auch wegen der Kinder – viel länger zusammen, als sie das selbst vielleicht wollten.

Im gleichen Jahr bewirbt sie sich bei der BBC, nur um sich sagen zu lassen, dass die BBC grundsätzlich keine weiblichen Auszubildenden annehme. Als sie sich auf Rat ihres Vaters beim Heinemann Verlag bewirbt, bekommt sie zwar den Job, doch nur, wie sich später herausstellt, weil ihr Äußeres gerade noch als hübsch genug eingestuft worden war. Als Lektorin arbeitet sie schließlich auch für weitere Verlage.

Claire und Nick arbeiten an ihren jeweiligen Karrieren, haben Liebschaften, fühlen sich in London pudelwohl, feiern Partys, pflegen Freundschaften und lernen nach und nach die entscheidenden Leute im Kulturbetrieb der Sechziger kennen, seien das nun Jim Ballard, Zeitungsverleger, Buchverleger, Schriftsteller, Künstler oder auch berühmte Menschen wie Leonard Woolf. Daneben wuppt Claire noch die Erziehung der drei Töchter und des schwer körperbehinderten Sohnes Tom. Ein weiterer Sohn verstirbt kurz nach der Geburt.

Über die Mitte der Sechziger sagt Claire:

As to my inner life: it was calm in spite of all the parties […] I had a steady and pleasant job […] Nick’s career flourished […] and in 1965 he moved to reporting and was often away in Europe, Africa and further afield. Our family life was good, better than our life as a couple. I lived without any plan for the future beyond the bringing up of our daughters, whose education and happiness mattered more to me than anything else. (S. 158)

Auch mit ihnen wird die Tradition der Familienurlaube in Frankreich fortgesetzt.

Um Beruf und Familienleben miteinander vereinbaren zu können, schreibt sie immer mehr Kritiken, z. B. für The Times Literary Supplement, den Observer u. a., oder nimmt teil an literarischen Quizsendungen.

Reviewing is an education in itself. You learn from the books, and you have to order and condense your thoughts and capture the reader’s attention. (S. 162)

Claires Ehe ist chaotisch und schmerzhaft, da Nick der Meinung ist, dass sich alle seinen Verliebtheiten unterzuordnen haben. Manchmal sehen die Kinder ihren Vater Monate lang nicht, dann verlangt er plötzlich, als ob nichts wäre, wieder bei ihnen und Claire einzuziehen.

1971 schreibt Claire einen längeren Zeitungsartikel zu Mary Wollstonecraft. Zu ihrer Überraschung schlagen ihr daraufhin verschiedene Verlage vor, doch eine Biografie Wollstonecrafts zu schreiben. Das Buch erscheint 1974 und läutet den Beginn ihrer Karriere als Biografin ein. Darüber hinaus wird ihr der Whitbread Book Award in der Debütkategorie verliehen.

1973 stirbt ihr Mann Nick bei einem Attentat auf den Golanhöhen. Wie sie den Eltern Nicks und ihren Kindern Jo (fast 17), Susanna (15) und Emily (12) diese Nachricht beibringen muss, gehört sicherlich zu den bewegendsten Stellen im Buch. Fast sachlich wird berichtet, wie die Töchter sich in den nächsten Tagen Kleidungsstücke des Vaters zusammensuchen und nachts mit ins Bett nehmen; und doch schimmern Schock,  Entsetzen und Fassungslosigkeit durch jede Zeile.

Die Sunday Times, in deren Auftrag Nick unterwegs war, möchte die Kosten einer Überführung sparen und Claire überreden, ihren Mann in Israel beisetzen zu lassen. Ein Ansinnen, das sie entschieden verweigert.

I also sat beside it [the coffin] alone, and thought about Nick: how gifted he was, and generous; how delightfully unpredictable and wretchedly unreliable; how much he loved his own children and how good he was with other people’s; what happy times we had shared. Whatever the failings of both of us in our marriage, it felt now as though the sun had been eclipsed. (S. 204)

Claire unternimmt im Februar 1975 noch eine letzte Reise mit ihrer damals bereits krebskranken Schwiegermutter Beth, die zu ihr sagt:

‚You can’t believe in your own death. You may know intellectually that you are going to die soon, but is has no meaning for you, the person alive thinking about it.‘ She was a remarkable woman, brave and truthful, and I learnt from her courage and clear-headedness. (S. 212)

Da für Claire Tomalin ihre Arbeit immer etwas ganz Entscheidendes und Erfüllendes gewesen ist, nimmt diese in einzelnen Kapiteln natürlich auch viel Raum ein: Was hat sie für welche Zeitung geschrieben, wo war sie Literaturchefin, mit wem hat sie zusammengearbeitet, wen hat sie kennengelernt, was waren ihre Ansprüche, welche Bücher wurden besprochen?

Ich gebe zu, da habe ich  manchmal ein bisschen schneller gelesen. Allerdings ist es ganz unfasslich, dass Tomalin das ganze Pensum in 24 Stunden untergebracht hat. Denn wie gesagt, sie hat ja auch vier Kinder großgezogen, und zwar, wie es den Anschein hat, mit viel Liebe und Engagement.

Als ihr auf den Rollstuhl angewiesener Sohn Tom in eine Förderschule kommt, ist sie entsetzt, dass man dort das handschriftliche Schreiben für überflüssig erklärt. Selbstverständlich muss er es dann doch lernen. Lesen bekommt er von seiner Mutter beigebracht, die ganz untröstlich ist, als er ihr später gesteht, deshalb nicht so gern zu lesen, weil zu Hause einfach immer zu viele Bücher herumlagen.

I was seen as an odd mother, but kindly tolerated. I asked the school not to give Tom sweets, which they handed out frequently and freely to all the children. One day when I happened to be there I heard a teacher say, ‚ Now there will be a sweetie for everyone except Tom Tomalin, whose mother does not allow them.‘ He did not seem to mind at all, and he has never needed a filling in his teeth. (S. 222)

Doch die Schikanen, denen Tom später, als einziger Rollstuhlfahrer an der weiterführenden Schule, ausgesetzt ist, sind unglaublich.

He was always eager to go to school, although he was bullied, had his medical equipment stolen from his bag, chewing gum pushed into his hair and regularly kicked. (S. 319)

Im Laufe der Zeit bessert sich die Situation. Als seine Mutter ihn Jahre später fragt, ob diese Schule ein Fehler gewesen sei, antwortet er trocken:

no because at least nothing could ever be so bad again. (S. 319)

In den Siebzigern hat Claire eine kurze Affäre mit Martin Amis, der 15 Jahre jünger ist als sie.

We had no quarrels, but after a time I began to realize what I thought of as a love-affair was more like membership of a club. Martin was attractive to many young women, and he was ready to enjoy the situation. That did not work for me. (S. 226)

Als Tomalin immer bekannter wird, sie schreibt u. a. für die New York Review of Books oder für Punch, wird sie Jurorin beim Booker Prize und beim Whitbread Book Award. Sie tritt Komitees bei, wie dem Royal Literary Fund, der sich für in Not geratene Schriftsteller oder deren Hinterbliebene kümmert. Dessen finanziell notorisch angespannte Lage bessert sich erst in den Neunzigern, als A. A. Milne der Organisation eine beträchtliche Erbschaft zukommen lässt.

Ihre zweite Tätigkeit, auf die sie stolz ist, ist ihre Mitarbeit beim Silver Jubilee Committee on Access for the Disabled, gegründet 1977.

1979 wird  sie Literaturredakteurin der Sunday Times und Julian Barnes wird ihr Stellvertreter. Dort erlebt sie mit, wie der neue Besitzer Rupert Murdoch moderne Druckverfahren einführt und damit einen fast ein Jahr andauernden Streik der Drucker auslöst, von denen viele ihre Arbeit verlieren. Auch die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher beutelt das Ansehen der renommierten Zeitung.

Doch 1980 erlebt sie eine weitere familiäre Katastrophe. Ihre einst so lebenslustige Tochter Susanna bringt sich um, trotz Therapie, trotz aller Unterstützung, trotz aller Liebe. Kein Tag vergeht, ohne dass ihre Mutter an sie denkt und glaubt, sie im Stich gelassen zu haben, nicht hart genug um sie gekämpft zu haben.

Grief has to be set aside, but it does not go away. It arrives each morning as you wake, lies in wait in the familiar routines of the day, takes you by surprise. You may not lose the power to enjoy the pleasures offered by the world but you stand in a different relation to them, in some ways more intense because you know now how fragile they are. The best things I saw, heard, read, felt, often brought me to tears because they came with the knowledge that my daughter was never going to share them. (S. 254)

1986 verlässt Tomalin die Times, nachdem Murdoch den Umzug der Zeitung nach Wapping veranlasst (siehe auch den Beitrag in der englischen Wikipedia zum Wapping Dispute) und unzählige Kündigungen ausgesprochen hat.

I could not stomach Murdoch’s mixture of bullying and bribery, which has not in the long run been good for the press. I also knew that I was lucky to be able to face losing my job, because I had ideas for books I wanted to write and a publisher ready to pay me advances. (S. 280)

Eines dieser Ideen ist das Buch über Katherine Mansfield, für das sie Mansfields engste Freundin Ida Baker besucht, die schon nahe der neunzig ist, als Tomalin sie kennenlernt.

1993 heiratet Claire ihren langjährigen Freund Michael Frayn, der ebenfalls Schriftsteller ist und ihretwegen seine Frau verlässt. 2002 sind die beiden sogar Konkurrenten bei der Verleihung des Whitbread Awards, was wiederum die Journalisten entzückt, die am liebsten Fotos hätten, auf denen sich die beiden ihre Bücher um die Ohren hauen.

Letztlich bietet uns Claire Tomalin hier einen Einblick in ein Leben, in dem sie sich männlichen Rollenerwartungen nicht gebeugt, sondern mit unglaublich viel Power eine große Familie, Arbeit und Liebe miteinander verbunden hat, mit allen Höhen und Traurigkeiten, die dazu gehören. Dem Abschied von Kindern, dem ersten Ehemann, den Eltern. Dazu Karriere in einer von Männen dominierten Berufswelt. Anerkennung. Freunde. Freude am Schreiben, an der Recherche, am Lesen, am Reisen, an Musik, an der Familie.

Bescheiden, manchmal witzig, manchmal fast zu diskret, politisch wach, manchmal wehmütig, leicht, im Sinne von sich selbst nicht so unendlich wichtig nehmend. Und was für ein hübsches Fazit:

Until now my books have ended with the death of the main character. This one has to be different. I have reached eighty-four, longer than any of my subjects except Thomas Hardy, who got to eighty-seven. He went on writing to the end, and I intend to take a lesson from him and begin on another book if possible when this one is finished. (S. 329)