Fundstück von Francis Spufford

For what soul, to whom the world is still relatively new, does not feel the sensible excitement, the faster breath and expansion of hope, where every alley may yet contain an adventure, every door be back‘d by danger, or by pleasure, or by bliss.

aus: Francis Spufford: Golden Hill, Faber & Faber 2016, S. 19

Denn nur wem die Welt schon zu vertraut geworden ist, der verspürt nicht mehr den schnellen Atem und die steigende Erwartung dort, wo in jeder Gasse noch ein Abenteuer lauern kann und hinter jeder Tür Gefahr, Lust oder Glückseligkeit.

aus: Francis Spufford: Neu York, Rowohlt Verlag 2017, S. 30 (aus dem Englischen von Jan Schönherr)


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Merethe Lindstrøm: Days in the History of Silence (2011)

Angesichts der Tatsache, dass dieser Roman der Norwegerin Merethe Lindstrøm nun endlich auch auf Deutsch gelesen werden kann, mal wieder ein Beitrag aus den Tiefen des Blogarchivs. Das Buch beginnt mit den Sätzen:

I was the one who let him in. Later I called him the intruder, but he did not break in. He rang the doorbell as anyone at all might have done, and I opened the door. It unsettles me still when I think about it. Really that could be what bothers me most. He rang the doorbell, and I opened the door. So mundane.

Das Werk aus dem Jahr 2011 erschien 2013 zunächst auf Englisch und seit einem Monat liegt der Roman auch in einer deutschen Übersetzung von Elke Ranzinger unter dem Titel Tage in der Geschichte der Stille vor.

Zum Inhalt

Auf den ersten Blick passiert hier nicht viel. Eva, eine pensionierte Lehrerin, lebt mit ihrem ebenfalls pensionierten Ehemann, einem Arzt, in guter Wohngegend. Man hat drei Töchter und sogar schon Enkel. Der Alltag könnte also gemächlich und kultiviert vonstattengehen. Doch feine Risse tun sich auf.

Der Moment zu Beginn der Geschichte, als ein junger Mann an der Tür klingelt und Eva ihn ins Haus lässt, ist der Zeitpunkt, an dem Eva merkt, dass ihre Wirklichkeit ins Wanken gerät.

The episode that has a hard and inevitable quality when I reflect on it. It is as though it is scored into or through something. A gash, like a tear in thick canvas, in the perfectly normal day, and through that hole something has emerged that should not surface, not become visible. (S. 8)

Der Roman ist ein langer Monolog der Frau, die – ungeübt, tastend, widerwillig – versucht, sich Rechenschaft zu geben über das, was in ihrem Leben, ihrer Ehe missglückt ist, wo sie einzeln und zusammen mit ihrem Mann Simon schuldig geworden ist.

Evas Gedanken kreisen um zwei Geschehnisse, an die sie sich allmählich anzunähern versucht. Wird ihr das Thema zu bedrängend, lässt sie davon ab, um es später wieder aufzugreifen. Zum einen fällt immer wieder der Name ihrer ehemaligen Haushaltshilfe, Marija, einer Frau aus Litauen, mit der sich das Ehepaar regelrecht angefreundet hatte. Marijas Lebensfreude tat ihnen gut. Man unternahm Ausflüge und hatte Spaß zusammen. Doch dann ist etwas vorgefallen, was die Kündigung Marijas zur Folge hat. Den Grund dafür verschweigen Simon und seine Frau sogar vor ihren Töchtern.

Der andere Erinnerungsstrang handelt davon, dass Simon sich immer mehr ins Schweigen zurückzieht.

Some days I almost forget his silence. Then it feels only like a momentary stillness, and that we are going to talk together soon. He is going to say something, and I am going to answer. How I miss it. I want to tell him to stop doing this to me. It feels as though it is something he has made up his mind to do, something he has chosen of his own free will. That he has shut me out, all of us out. (S. 127)

Zwar hatte er  vor Jahrzehnten schon einmal Depressionen, doch diesmal wird aus seinem Verstummen kein Weg mehr herausführen. Alt, dement und von Traumata gezeichnet bleibt nur noch das Schweigen. Er hat als Junge den Holocaust zusammen mit seiner Familie in einem Versteck überlebt. Allerdings wissen seine eigenen Töchter nichts von der Kindheit ihres Vaters. Eva hat alle seine Ansätze, darüber zu sprechen, im Keim erstickt.

He was talking about it again as we drove. I thought there was something tactless about it, as though he were being indiscreet, coarse, as though he were relating something inappropriate. It was not suitable. […] I shushed him. Don’t drag all that darkness in here, I said. (S. 36)

Sein nun einsetzendes Schweigen macht auch Eva unendlich einsam. Wer hört ihr nun noch zu?

I need to tell this to someone, how it feels, how it is so difficult to live with someone who has suddenly become silent. It is not simply the feeling that he is no longer there. It is the feeling that you are not either.

Aber auch Eva, die manchmal – vielleicht aus Hilflosigkeit – seltsam gefühlskalt wirkt, muss sich eingestehen, dass sie über Dinge geschwiegen hat, die deswegen nicht weniger real sind, ja, je älter sie wird, umso bedrängender werden. Doch was tun, wenn man jahrzehntelang an den falschen Stellen geschwiegen hat und letztlich nichts mehr verändert und geändert werden kann?

Again that thought pops up, that underneath everything, the house, the children, all the years of movement and unrest, there has been, this silence. That it has simply risen to the surface, pushed up by external changes. Like a splinter of stone is forced up by the innards of the earth, by disturbances in the soil, and gradually comes to light in the spring. (S. 139)

Dabei ist Evas und Simons Ehe keineswegs kaputt, sie hatten sich lieb und wussten um die Geheimnisse, die der andre mit sich herumtrug, und sie kannten die Abgründe des anderen. Die Autorin sagt selbst in einem Interview, dass es ihr u. a. darum gegangen sei, wie und ob es überhaupt möglich sei, in alltäglichen Gesprächen über erlebte Traumata zu sprechen.

Nun bleibt tatsächlich nur noch der Leser, dem Eva ihre Geschichte erzählen kann, da der geliebte Mensch nicht mehr mit ihr sprechen kann.

I think I have never been close to anyone in that way, been so happy with anyone as I was with him. That it was so intense. And when I waken, my life, or that part of it, my youth, is like a dream I dreamed just a few minutes before I woke. It was over so fast. (S. 63)

Mehr zum Inhalt zu verraten, wäre schade, denn wie die Autorin hier Handlung, Sprache, Erinnerung, Schweigen, Schuld und Schuldigwerden auf den unterschiedlichsten Ebenen, den Holocaust und lebenslange Traumatisierung, aber auch Einsamkeit und unsere alltäglichen Versäumnisse miteinander verbindet, ist große Literatur.  Ein leises, aber sehr berührendes Buch, spannender als jeder Psycho-Thriller.

Zur Autorin

Die norwegische Schriftstellerin Merethe Lindstrøm wurde 1963 geboren und für Days in the History of Silence bekam sie 2012 den hochdotierten Literaturpreis des Nordischen Rates verliehen.

Auch LiteraturReich hat den Roman besprochen.

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William Melvin Kelley: A Different Drummer (1962)

Neu aufgelegt, von der internationalen Kritik begeistert besprochen, und nun erschien die deutsche Übersetzung des ca. 200-seitigen Debütromans des afroamerikanischen Autors William Melvin Kelley (1937-2017) von Dirk Gunsteren unter dem Titel Ein anderer Takt im Hoffmann und Campe Verlag.

Die Wiederentdeckung dieses Werks, ursprünglich erschienen auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung in Amerika, als der Autor gerade einmal 24 Jahre alt war, ist längst überfällig. Nicht nur, weil Rassismus in Amerika und Europa in einigen Kreisen wieder salonfähig ist, sondern weil es ein großartiges Buch ist.

Doch zunächst einmal kurz zur Geschichte, die in einem fiktiven Staat irgendwo westlich von Alabama spielt.

Im Juni 1957 lässt sich der junge Schwarze Tucker Caliban, der erst kürzlich ein Stück Land der ehemaligen Sklavenplantage der Willsons gekauft hat, eine Ladung Salz kommen, bestreut damit sein Feld, tötet Kuh und Pferd, setzt sein Haus in Brand und verlässt ohne weitere Erklärung zusammen mit Frau und Kind den Ort, an dem er und seine Vorfahren seit Generationen gelebt und geschuftet haben, zunächst als Sklaven, später als Feldarbeiter und Hausmädchen.

Sie machen sich auf Richtung Norden und lösen damit einen Massenexodus aus. In den nächsten Tagen werden nämlich alle Schwarzen ruhig und schweigend mit ihrer spärlichen Habe diesen Bundesstaat verlassen und versuchen, sich im Norden ein neues Leben aufzubauen.

Und der Leser wird Augen- und Ohrenzeuge der Geschichte, in der es nicht nur darum geht, wie die ersten Sklaven nach Sutton kamen, sondern auch wie die Weißen nun mit dem für sie ungeheuerlichen Vorgang umgehen, dass die Schwarzen ihnen und der widersinnigen Rassentrennung wortlos den Rücken kehren, nicht mehr im Ort einkaufen werden  und sie einfach mit der schmutzigen Arbeit sitzen lassen.

Nun erinnern sich Erzählerstimme und verschiedene weiße Protagonisten an möglicherweise bedeutsame Details aus Vergangenheit und Gegenwart, die vielleicht dabei helfen können, das Unbegreifliche zu verstehen. Dabei kommen die Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen, was sich in ihrem Auftreten und Handeln niederschlägt. Und immer wieder kehren wir im Verlauf der Geschichte zur Veranda des Lebensmittelgeschäftes zurück, dort treffen sich die Männer des Ortes, um die neuesten Entwicklungen zu bereden.

Es wäre schade, mehr zum Inhalt zu verraten. Viel zu interessant ist es, wie der Autor es schafft, die verschiedenen Stimmen zum Leben zu erwecken. Die Schwarzen selbst kommen nur indirekt zu Wort, doch dass der Auszug gerechtfertigt ist, kann am Ende von niemandem mehr bezweifelt werden.

Der Stil ist oft poetisch, anschaulich und die Gespräche scheinen den Menschen abgelauscht zu sein, die Bilder wuchtig, ohne dass sie aufdringlich wären, wie z. B. bei der Beschreibung der Standuhr, die der erste Plantagenbesitzer extra aus England kommen lässt und die mit aller Sorgfalt eingepackt und vor Stößen und Kratzern auf der langen Schiffspassage geschützt wurde, während die Sklaven auf demselben Schiff unter unbeschreiblichen Zuständen zusammengepfercht wurden.

Dann gibt es auch geradezu sanfte Passagen, in denen fast so etwas wie spöttische Nachsicht mit den Weißen aufscheint, die trotz bester Vorsätze eben auch geprägt sind von der allgegenwärtigen Rassentrennung im Süden der USA. So schreibt David Willson nach seinem Umzug nach Massachusetts:

Just after I got there and found a seat, a negro came in and sat next to me. That’s something I will have to go into at length one of these nights: the absence of segregation. At first, I was disturbed by it, not that I mind its absence so much as when you sit somewhere you usually do not take too much notice of who sits next to you. If you are sitting on a trolley and someone sits next to you, usually you glance at him, then ignore him, that is, if he does not sit on your coattail. But when a negro sits next to me I find myself distracted from what I was reading, or from looking out of the window because I am not used to being that close to a negro in public. And so when this negro sat next to me, I noticed, and continued to notice it. (S. 155)

Das Buch enthält Szenen, die sich unwillkürlich einprägen, und man wünscht sich so dringend, dass die Welt inzwischen eine andere wäre, dass man den Roman als eine (gelungene) Auseinandersetzung mit dem rassistischen Amerika der Vergangenheit lesen könnte, doch nein, er ist aktuell wie eh und je, zeigt er doch die Mechanismen und Facetten menschlichen Verhaltens auf und macht deutlich: Jeder hat eine Wahl. Jeder trifft die Wahl. Täglich. Im Kleinen. Im Großen.

Lesenwert.

Like I said, nobody’s claiming this story is all truth. It must-a started out that way, but somebody along the way or a whole parcel of somebodies must-a figured they could improve on the truth. And they did.  It’s a damn sight better story for being half lies. Can’t a story be good without some lies. (S. 9)

Der Titel bezieht sich übrigens auf ein Zitat von Henry David Thoreau, das aus Walden stammt:

Why should we be in such desperate haste to succeed and in such desperate enterprises? If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.

Auch Birgit hat auf Sätze & Schätze den Roman besprochen.

Weitere Rezensionen:

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Fundstücke von Erwin Strittmatter

Die Tage gehen, einer geht hinter dem anderen her, und wir sehen sie nicht wieder. (S. 37)

Der Mensch hat die Wahl, in der Wirklichkeit oder in der Einbildung zu leben. Am liebsten lebt er in der Einbildung. (S. 269)

Von vorn erkennt man schwer, daß das Schlechte, was auf einen zukommt, ein Gutes im Gefolge  hat. (S. 332)

Bis auf den heutigen Tag frage ich mich, ob es gut ist, die Zeit, in der man lebt, mit Erinnerungen an gewesene Zeiten zu vertun. Sollte man nicht lieber die Gegenwart, so beschössen sie sich zuweilen auch darzustellen beliebt, mit Hilfe von Phantasie und Poesie an die Stelle rücken, an der sie schon jetzt der Glanz des Vergangenen trifft? (S. 424)

Aus: Erwin Strittmatter: Der Laden – Erster Teil (1983), zitiert nach der Ausgabe des Aufbau Verlages 2004

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