Merlin Holland: Das Oscar-Wilde Album (OA 1997)

Vor vier Jahren (!) empfahl Petra auf Philea’s Blog Das Oscar-Wilde Album, das Fotos, Karikaturen und andere Bilder zu Wilde enthält. Zusammengestellt wurde es von Merlin Holland, dem einzigen Enkel des weltberühmten irischen Schriftstellers. Ich erstand das Büchlein damals günstig im Antiquariat und seitdem fristete es irgendwo ein Schattendasein in meinen eher unsortierten Bücherregalen. Aber im Urlaub las ich mal wieder Wildes große Gesellschaftskomödien.

Wie keck, wie frisch und frech die sich heute noch lesen! Und wie Wilde es schafft, innerhalb weniger Zeilen die Verlogenheit und die Heuchelei der oberen Gesellschaftsschichten auf den Punkt zu bringen. Und wenn man an seine letzten Lebensjahre denkt, behandelt er in seinen Stücken fast schon hellseherisch die Frage, was die Gesellschaft noch zu tolerieren bzw. zu verzeihen bereit ist oder was einen dauerhaft ins soziale Aus manövrieren wird.

Außerdem wird in den Komödien das Problem, dass man oft einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit unter Verschluss halten muss, um nicht durch das Raster der „Anständigen“ zu fallen, ironisch und wortgewandt verpackt. Aber vor dem Hintergrund von Wildes Homosexualität und den damals dramatischen Folgen (Prozess mit Verurteilung zu Zwangsarbeit, Einzelhaft, Verarmung und gesellschaftlicher Ächtung bis zum frühen Tod) läuft es einem trotz allem Wortwitz schon manchmal kalt den Rücken herunter.

Da passte das von Petra genannte Buch natürlich wie der Topf auf den Deckel. Und gerade bei Wilde (1854 – 1900), einem so an der Selbstdarstellung interessierten Menschen, ist das Visuelle ein ganz wesentlicher Bestandteil. Die Fotos, Karikaturen und Werbeplakate werden erläutert und hangeln sich an der kurz und knackig erzählten Biografie Wildes entlang.

Als Kinder durften Oscar und Willie beim Essen mit am Tisch sitzen und zuhören, ohne zur Unterhaltung beizutragen. Eine frühe Übung darin, den Mund zu halten, was ihm, wie Oscar erklärte, später half, ihn als Erwachsener so wirkungsvoll zu nutzen. (S. 20)

Wilde ließ sich von professionellen Starfotografen gleich in Serie portätieren, in verschiedensten Posen und teuren Kleidungsstücken – er hätte wahrscheinlich heute viel Freude an Facebook und Twitter.

Dabei weist Holland nicht zu Unrecht darauf hin, dass man heute allzu leicht vergesse,

was für ein hervorragender Akademiker er war. Sowohl bei seiner Zwischenprüfung im Jahre 1876 als auch bei seinem Abschlußexamen im Jahre 1878 schnitt er als Bester seines Jahrgangs ab, und bei der mündlichen Prüfung sollen die Prüfer mehr Zeit darauf verwendet haben, ihm zu seiner Leistung zu gratulieren, als ihn zu seinen schriftlichen Arbeiten zu befragen. (S. 35)

Schließlich hatte Wilde klassische Sprachen und Literatur, moderne Philosophie, Philologie und Geschichte zunächst in Dublin und später in Oxford studiert.

Aber es gibt auch anrührende Bilder in diesem Band: Als Oscar Wilde dreizehn Jahre alt ist, stirbt seine drei Jahre jüngere Schwester. Oscar bemalt einen Briefumschlag und bewahrte darin eine Locke ihres Haares bis zu seinem eigenen Tod. Oder die Porträts seiner großen und verhängnisvollen Liebe, des sechzehn Jahre jüngeren Lord Alfred „Bosie“ Douglas, den Wilde kennenlernt, als er 37 ist.

Das Album ist für alle geeignet, die etwas über Wilde erfahren möchten, sich aber nicht gleich den Ziegelstein von Ellmann mit knapp 900 Seiten antun möchten.

Ansonsten empfehle ich auch Petras Artikel zu Oscar Wilde selbst.

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Edvard Hoem: Die Geschichte von Mutter und Vater (OA 2005)

Da ich zur Zeit verstärkt mit Nackenproblemen zu tun habe, wird es wohl eine Weile ruhiger und gemählicher auf Buchpost zugehen. Doch heute möchte ich noch eine lesenswerte Geschichte vorstellen, die ich in den Ferien gelesen habe.

Ebba D. Drolshagen übersetzte das Buch aus dem Norwegischen. Die deutsche Fassung erschien 2007 im Insel Verlag.

Ohne Schnörkel ist hier der Titel Programm. Der Autor Edvard Hoem (*1949) erzählt die Geschichte seiner Eltern, wobei der Schwerpunkt auf den dreißiger und vierziger Jahren des letztes Jahrhunderts liegt, der Zeit, als seine Eltern noch jung waren. Die späteren Jahrzehnte werden gerafft und erscheinen doch nicht weniger innig.

An den meisten Tagen meiner Kindheit war ich mit meinen eigenen Dingen beschäftigt. Meine Eltern waren Eltern, sie sollten sich um mich und meine Geschwister kümmern, dafür sorgen, daß wir Essen, Kleidung und Geborgenheit bekamen. Aber hin und wieder wunderte ich mich darüber, was gesagt und nicht gesagt wurde bei uns zu Hause. (S. 9)

Der Vater des Autors soll später den kleinen Bauernhof in der Nähe der Westküste im Gudbrandsdalen übernehmen. Doch dann kommt im Dezember 1931 einer der Wanderprediger in seinen Heimatort und hält eine Andacht in dem kleinen Schulhaus.

An diesem Tag hat es geregnet und geschneit, aber gegen Abend verziehen sich die Wolken, und die Sterne kommen heraus. Sie leuchten über den Wiesen, den Fjorden und über dem roten Schulhaus. Es sind dieselben Sterne, die auf der ganzen Welt scheinen, überall, wo Menschen ihr Zuhause haben. Es sind die Sterne, die über den Feldern von Bethlehem leuchteten, wo die Hirten schliefen, und sie schienen über der Prärie in Amerika. Die Sterne über dem Hang, wo die Hoem-Schule steht, gehören allen. […] Die Zeit vergeht, aber die Sterne bleiben dieselben, sie sind wie Gottes ewiges Wort, sie leuchten von Geschlecht zu Geschlecht. (S. 15)

Seit diesem Abend fühlt sich der junge Knut Hoem nicht länger zum bäuerlichen Leben berufen, sondern dazu, Menschen Gottes Wort nahezubringen. Und das setzt er auch durch und so predigt er, der Bauernjunge, nach kurzer Bibelschulausbildung in den Tälern und Dörfern den einfachen Leuten seiner Heimat Gottes Wort. Die Menschen hören den lebensfrohen, wenn auch etwas unpraktischen Mann gern und so wird er von einem Dorf zum nächsten, von einem Hof zum nächsten weitergereicht, um auch dort seine Andachten zu halten.

IMG_2394Stabkirche in Ringebu

Der Autor kann 50 Jahre später diese oftmals beschwerlichen Reisen, die sein Vater Jahrzehnte mit dem Fahrrad, dem Bus oder zu Fuß, vor allem in den Wintermonaten, absolviert hat, anhand unzähliger kleiner Notizbücher aus dem Nachlass des Vaters genauestens nachvollziehen. In den Sommermonaten hat er später, nachdem er verheiratet war, seiner Frau auf dem Hof geholfen, auch wenn er nie gern Arbeit verrichtet hat, bei er in Gefahr stand, sich schmutzig zu machen. Und sicherlich hätte sich seine Familie mehr als einmal einen zupackenderen, kräftigeren Helfer auf dem Hof gewünscht als diesen freundlichen, aber nicht besonders robusten Laienprediger, der manchmal mitten in der Kartoffelernte wieder auf Reisen ging.

Norge08_0176Die Geschichte seiner Mutter Kristine verlief zunächst ganz anders. Ein hübsches, arbeitsames Mädchen, das in seiner Jugend das Vieh auf der Sommeralm hüten musste und sich aufs Leben freute. Für eine höhere Schulbildung reichte das Geld nicht und so musste sie schon früh, wie auch ihre Zwillingsschwester, Geld verdienen. Sie war reserviert, sehr schüchtern, aber tüchtig und von ihren Arbeitgebern immer geschätzt. Dann kam der Krieg, die Besatzung und mit ihr kamen auch die verhassten deutschen Soldaten, u. a. auch nach Lillehammer, wo Kristine in einem Pflegeheim arbeitete. Ihre Brüder gingen schon bald in den Widerstand.

Letztlich war nichts unwahrscheinlicher als eine glückliche Verbindung zwischen dem tiefgläubigen Mann und dieser Frau. Das sah auch Kristine so, das sahen auch alle anderen so, die schließlich massiv intervenierten, um die Heirat zu verhindern. Wie daraus trotzdem eine besonders schöne Liebesgeschichte werden konnte, das muss nun jeder selbst erlesen.

Mir jedenfalls hat dieses unaufgeregte Buch sehr gefallen. Selbst das, was ich zunächst bemäkeln wollte – dass es dem Autor eben nicht gelingen will, bestimmte Vorkommnisse kraft seiner Imagination zum Leben zu erwecken, sagt er doch selbst, jetzt müsse er wohl ein wenig ausschmücken, weil er nicht wisse, was sich nun wirklich vorgetragen habe –  wendet sich und unterstreicht das Liebenswürdige, das Schlichte und Schöne dieser Erzählung, die ihren unaufdringlichen Reiz sicherlich zu einem Großteil der zurückgenommenen Sprache verdankt.

Mutter und er hatten schon lange zueinander gefunden. Sie waren ein Paar geworden. In den langen Jahren, wenn er nicht bei ihr war, schrieben sie sich Briefe über alle möglichen praktischen Fragen, aber es wurde nie mit einem Wort erwähnt, wie es ihnen ging. Doch wer zwischen den Zeilen liest, versteht. Nur ein Satz ist anders, in einem von tausend Briefen. Er schreibt, daß er sie, Kristine, grüße, er berichtet von allem, was er tut, und von seiner Hoffnung, daß das norwegische Volk ein weiteres Mal die Türen öffnen und die Gnade empfangen möge. Doch nachdem er all diese frommen Wünsche geäußert hat, […] kommt er zurück auf sie, die die Freude seiner Jugend und der Trost seines Alters geworden ist: Ein weiteres Mal grüße ich dich. So endet sein Brief. […] Wenn es tausend Briefe gäbe, und wenn sie aus tausend großen Worten und Beteuerungen bestünden, sie würden mir nicht mehr sagen als diese einfachen Worte. (S. 206)

Darüber hinaus ist es auch interessant, Einblick in die Zeit der deutschen Besatzung zu bekommen. Bei der Lektüre wird einem ebenfalls bewusst, welche Werte damals hochgehalten wurden und wie arm die Bauern in den abgelegenen Tälern Norwegens noch vor wenigen Jahrzehnten waren, wie hart die Arbeit war und wie wenig Aussicht bestand, aus diesem Leben herauszutreten, weil das Geld für höhere Schulbildung einfach nicht da war oder weil die Arbeitskraft des Sohnes oder der Tochter unersetzlich war.

IMG_2251Freilichtmuseum Maihaugen, Lillehammer

Irgend etwas ist im Haushalt immer gerade zu erledigen, sei es Brotbacken, Marmeladekochen, Buttern, Waschen, Weben oder Stricken. Wenn der Webstuhl in der Küche steht, ist fast kein Vorbeikommen. Sie leben so dicht gedrängt, daß kaum Luft zum Atmen bleibt. Es ist eng um den Küchentisch, alles ist zu knapp, zu kurz und zu wenig, aber hier leben sie, hier schweigen sie, und hier reden sie. Wenn der Schultag vorüber ist, bekommen die Töchter von der Mutter Aufgaben, die sie erledigen müssen, die Jungen gehen mit dem Vater in den Stall und zum Holzhacken. […] Die harten Arbeitstage ließen keinen Platz für Spiel, Spaß und Überflüssiges. Wenn man sich hinsetzte, dann nur, um sich auszuruhen. Wenn man für den Tag fertig war, war es Abend. (S. 49)

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Fundstück von Ken Bruen

Vor Jahren hatte ich gelesen, wie ein Mann fragt:

Wieso kann meine Familie – egal, wie lange ich sie nicht gesehen habe oder wie viel Abstand ich zwischen sie und mich gebracht habe – immer noch bei mir auf die Knöpfe drücken?

Die Antwort:

Weil sie sie angebracht hat.

aus: Ken Bruen: Jack Taylor fliegt raus, Atrium Verlag 2009, S. 199

Im Original klingt das so:

Years ago I’d read where a man asks,

How come, no matter how long since I’ve seen the family or how much distance I put between us, they can always push my buttons?

The answer:

Because they installed them.

Und eine begeisterte Besprechung zum Roman gibt es auf Textem.

Agatha Christie: Absent in the Spring (1944)

Agatha Christie hat neben ihren Detektivromanen auch einige andere Bücher unter dem Pseudonym Mary Westmacott geschrieben, die so gar nichts mit cosy crime zu tun haben.

Und dieser Roman um die wohlsituierte Anwaltsgattin Joan Scudamore – im Deutschen unter dem Titel Ein Frühling ohne dich erschienen – hat mir richtig gut gefallen. Hier wird die Spannung nur dadurch erzeugt, dass wir einer ziemlich selbstgefälligen Protagonistin ein paar Tage Gesellschaft leisten, in der sie von äußeren Zerstreuungen vollständig abgeschnitten ist.

Joan Scudamore ist auf der Rückreise von einem Krankenbesuch bei ihrer in Bagdad lebenden Tochter, doch dummerweise ist die Eisenbahnstrecke durch heftige Regenfälle für ein paar Tage unpassierbar und sie strandet in einer einfachen Herberge in der Wüste nahe der türkischen Grenze.

Das Problem: Sie ist der einzige Gast, Besitzer und Angestellte der Herberge sprechen nur rudimentär Englisch und fallen als Gesprächspartner aus, ihre restliche Reiselektüre ist schon am ersten Tag ausgelesen. So bleiben zum Zeitvertreib nur kurze Spaziergänge, ein paar Briefe und vor allem ihre Erinnerungen, ungebetene Gedankenfetzen und Assoziationen, die dem Leser nach und nach offenbaren, was für eine Frau sie eigentlich ist.

Es wäre schade, hier mehr zum Inhalt zu verraten, denn wie es Christie gelingt, zu zeigen, dass es da – gelinde gesagt – eine gewisse Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung Joans und dem Eindruck gibt, den sie tatsächlich auf Familie und Bekannte macht, ist großes Kino. Eines der harmloseren Beispiele dafür findet sich, als eines Tages Joan und ihr Mann Rodney zufällig auf ein bestimmtes Sonnett von Shakespeare zu sprechen kommen. Aus dem Stand ist sie in der Lage, das Gedicht fehlerlos zu rezitieren.

She finished, giving the last lines full emphasis und dramatic fervour. ‚Don’t you think I recite Shakespeare rather well? I was always supposed to at school. They said I read poetry with a lot of expression.‘

But Rodney had only answered absently, ‚It doesn’t really need expression. Just the words will do.‘ She had sighed and murmured, ‚Shakespeare is wonderful, isn’t he? And Rodney had answered, ‚What’s really so wonderful is that he was just a poor devil like the rest of us.‘

‚Rodney, what an extraordinary thing to say.‘ (S. 73)

Das Buch liest sich bis zum Ende mindestens so spannend wie ihre besten Kriminalromane. Ein empfehlenswerter kleiner Roman, in dem sich Christies Begabung für Dialoge und das, was zwischen den Zeilen steht, bestens ergänzen.

Und es ist auch ein bisschen unheimlich: Joan ist kein Monster, sondern ganz normal, ganz alltäglich, in ihrer Eitelkeit, Besserwisserei und Blindheit gegenüber den eigenen Motiven. Man schüttelt sich und fragt sich unwillkürlich, was wohl unsere Familienangehörigen, Kollegen und Freunde so wirklich über uns denken.

Nachdem ich das geschrieben hatte, stöberte ich in Agatha Christies Autobiografie und siehe da, Absent in the Spring ist das Buch, mit dem sie persönlich besonders zufrieden war.

… the book that I had always wanted to write, that had been clear in my mind. […]

It was going to be technically difficult to do, the way I wanted it; lightly, colloquially, but with a growing feeling of tension, of uneasiness, the sort of feeling one has – everyone has, sometime, I think – of who am I? What am I like really? What do all the people I love think of me? Do they think of me as I think they do?

I wrote that book in three days flat. […] I don’t know myself, of course, what it is really like. It may be stupid, badly written, no good at all. But it was written with integrity, with sincerity, it was written as I meant to write it, and that is the proudest joy an author can have.

 

Carry Brachvogel: Alltagsmenschen (1895)

Anlässlich des Autorinnenporträts auf Sätze & Schätze hole ich mal einen älteren Beitrag aus den Untiefen meines Blogs hervor.

Als vor nahezu sieben Jahren die münchener Zeitungen unter der Rubrik ‚Lokales‘ verkündeten, daß die einzige Tochter des Herrn Kommerzienrates und Handelsrichters Mey, Fräulein Elisabeth Mey, sich mit Herrn Dr. jur. Friedrich Becker, einem Sohn des bekannten Augsburger Großindustriellen Herrn Martin Becker, verlobt habe, da bot sich den sämtlichen Klatschmäulern der schönen Isarstadt (und es soll deren etliche geben!) Stoff zur Be- und Verarbeitung in Hülle und Fülle dar.

So beginnt Alltagsmenschen (1895), ein Buch von Carry Brachvogel, das in seiner psychologischen Hellsichtigkeit den Vergleich mit den großen Ehebruchsromanen nicht zu scheuen braucht.

Zum Inhalt

Die junge Elisabeth ist – wie die tuschelnde Gesellschaft nicht müde wird zu betonen – schon 23, als sie sich nach nur wenigen Wochen Bekanntschaft mit Friedrich Becker verlobt. Doch anders als die Klatschmäuler vermuten, wird es eine Liebesheirat.

Das blühende Mädchen mit den großen dunklen Augen, dem anmutigen, klug und lebhaft plaudernden Munde hatte ihn im ersten Augenblick bezaubert, und schon nach wenigen Wochen hielt er um sie bei ihren Eltern an, nachdem eine Aussprache mit der Geliebten vorhergegangen war, die an flammender Empfindung und beredtem Ausdruck alle Liebesszenen der dramatischen und novellistischen Litteratur zu übertrumpfen drohte. (S. 9)

Doch der Keim des späteren Unglücks ist schon längst gelegt, denn Elisabeth ist ein Produkt ihrer Umwelt und in den damaligen Rollenbildern gefangen. Sowohl die schulische Erziehung, die ja nicht auf eine spätere Selbstständigkeit der Frau abzielt, als auch das Elternhaus Elisabeths sorgen dafür, dass sie im Grunde gar nicht erwachsen werden kann.

Als einziges Kind überzärtlicher Eltern war ihr bislang ein Jahr nach dem andern in ungetrübt heiterer Gleichmäßigkeit dahingeflossen, jeder Schatten einer Sorge, ja nur einer Mißstimmung ängstlich von ihr ferngehalten worden. Aber das Mädchen fing bald an, sich in dieser schier beängstigenden Atmosphäre des Glückes und der Sorglosigkeit zu langweilen; es erging ihr ähnlich wie den Leuten, die in der Einsamkeit einer schwülen, lautlos brütenden, stahlblauen Hochsommermittagsstunde derselbe unheimliche, gespensterahnende Schauer beschleicht, der eigentlich nur für Mitternacht gestattet und üblich ist. – Und wenn sie auch frei blieb von modern-hysterischer Sehnsucht nach Leiden und Selbstentäußerung, so verlangte es sie eben doch nach etwas Unfaßlich-Wunderbarem, das endlich einmal erschreckend und erlösend zugleich in ihr Dasein hineinrauschen sollte. Ihrem Leben fehlte der Inhalt. Ein Tag wie der andere floß leer dahin: Toilette, Spaziergengehen, ein bischen Lesen, ein bischen Porzellanmalen, Besuche, Theater, Bälle. (S. 9)

Sie wünscht sich, etwas mit ihrem Leben anfangen zu können, etwas Großes zu vollbringen und wie ein Mann tätig zu sein, der seine Kräfte einsetzen kann. Doch wie hätte das für sie aussehen sollen? Die Erfüllung hat die Frau in der Ehe, ihren häuslichen Verpflichtungen und in der Mutterschaft zu finden.

Dementsprechend hat sie sich in ihren Mädchenträumen die Ehe recht heroisch ausgemalt: Der Mann als Adler, als Held, der der Sonne entgegenfliegt, und sie als die aufopferungsvolle Gefährtin, die dem Adler sorgsam das weiche Nest bereitet und so an seinem Ruhm Anteil hat. Aber Friedrich ist kein Adler, kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, der abends müde von der Arbeit kommt, der zwar seine Frau liebt und verwöhnt, ihre zunehmende Unzufriedenheit und Stimmungsschwankungen allerdings nicht nachvollziehen kann.

An ihrer kleinen Tochter hängt Elisabeth mit ganzem Herzen. Doch als die „Honigmonde“ der ersten Ehezeit vorbei sind und der neue Stand nichts Neues und Aufregendes mehr bereithält, stellt sich wieder das Gefühl der Langeweile und der gekränkten Eitelkeit ein.

… und ein Frösteln befiel zuweilen die junge Frau, wenn sie bedachte, daß es nun immer so weitergehen würde, bis ihr Haar grau geworden und ihr Sinn alt, daß für sie nunmehr alles fertig und abgeschlossen war. Ja, ja – abgeschlossen – dies Wort traf das Richtige, denn ihr schien’s zuweilen, als sei ein schweres, eisernes Thor unversehens hinter ihr ins Schloß gefallen und banne sie nun grausam vom hellen blühenden Leben weg in einen düstern, einsamen Burghof, zu dem die glänzenden, funkelnden Sonnenstrahlen von draußen wohl niemals den Weg fanden. (S. 14)

Letztlich ist sie nicht ausgelastet mit der „Spielzeugrolle, die man der modernen Frau in in der Ehe immer noch gerne anweist“ (S. 16).

Und als sie auf einem Ball den Legationsrat Max Heßling kennenlernt, ist sie betört von seiner Galanterie und seinem gesellschaftlichen Schliff.

Sein Gespräch war voll prickelnder Grazie, voll treffender Sarkasmen, die Elisabeth sehr entzückten; doppelt, da sie gleich den meisten Frauen Heßlings spöttelnde Frivolität nicht für echt hielt, sondern als stacheliges Panzerhemd betrachtete, mit dem sich eine ideale Seele  schamhaft bekleidete, um ihre zarten Regungen vor unzarter Berührung zu wahren. (S. 28)

Sie lässt sich aus Eitelkeit, aus Langeweile und Gedankenlosigkeit allmählich in eine Affäre mit Heßling hineingleiten, von der beide lange glauben, dass sie alles im Griff haben. Dabei erklärt uns der allwissende Erzähler, dass dabei von wirklicher Liebe keine Rede sein könne.

Elisabeths unbestimmte sehnsuchtsvolle Langeweile hatte sich endlich zu dem Bedürfnis abgeklärt, etwas Aufrüttelndes zu erleben: Heßlings Huldigungen schmeichelten ihrer Eitelkeit, ihre Überspanntheit flunkerte einiges von glühender Leidenschaft und alle konventionellen Schranken niederstürmender Liebe, der große Galeotto schwang kräftig seine Hetzpeitsche, und so war sie denn eben eines schönen Tages in die Arme des Legationsrats geeilt. (S. 71)

Doch natürlich wird auch diese Beziehung zu etwas Alltäglichem. Heßling überlegt schon, an einem anderen Ort seine Karriere fortsetzen zu wollen, doch die Kraft zu einem Schlussstrich findet keiner der beiden. Dabei wird das Versteckspiel immer gefährlicher und belastet Elisabeth immer mehr. Jetzt erst erkennt sie, was sie aufs Spiel setzt.

Fazit

Fontanes Effi Briest wurde fast zeitgleich zu den Alltagsmenschen veröffentlicht, nämlich als Fortsetzungsroman in der Neuen Rundschau von 1894 bis 1895. Der Leser denkt natürlich auch an Madame Bovary und Anna Karenina, letzteres wird sogar neben anderen in der Geschichte erwähnt, selbst wenn Brachvogel ihre Ménage-à-trois ganz anders auflöst als ihre großen Kollegen.

In seiner psychologischen Glaubwürdigkeit fand ich das Buch beeindruckend. Jede Seelenregung der drei Betroffenen wird mit großer Menschenkenntnis bis in die kleinsten Nuancen geschildert.

Deutlicher als jemals zuvor offenbarte sich hier der Bruch in ihrem Charakter, das ungleiche Verhältnis darin zwischen Wollen und Können: sie wäre ja gar zu gerne eine außergewöhnliche Frau gewesen, eine von jenen, die als temperamentvoll gelten und über die hinweg sich die Männer mit verständnisvollem Blinzeln ansehen, aber sie war nicht schlecht genug, um sich ihres Fehltritts in aller Seelenruhe zu freuen, und bei weitem nicht groß genug, um ihr Thun nur vor den Gesetzen ihres eigenen Ichs verantworten zu wollen und zu können. […] Von der Bühne herab sah sich solch sündiges Liebesglück doch meistens sehr verlockend an, es las sich auch recht hübsch davon, aber in Wirklichkeit war es doch sicher richtiger und besser, eine anständige Frau zu sein, als eine gefallene. (S. 78)

Da hat Elisabeth natürlich recht, denn wenn ihr Mann von der Affäre erfährt, kann er sie aus dem Haus jagen, was nicht nur das Ende ihres gesellschaftlichen Ansehens und ihrer finanziellen Absicherung, sondern vor allem die Trennung von ihrem Kind bedeuten würde. Letztlich wird Elisabeth, wenn auch zu spät, erwachsen, denn sie sieht, welch mädchenhaften Fantasien und welcher Dummheit und Eitelkeit sie ihr Glück vor die Füße geworfen hat.

Doch auch Heßling, der nur eine kurze Affäre mit der schönen Frau gesucht hat, und Friedrich, der seine Frau liebt, werden in ihren inneren Konflikten und einander widerstrebenden Empfindungen scharfsinnig und nachvollziehbar gezeichnet.

Dabei sind alle drei, ohne sich dessen bewusst zu sein, auch Opfer des vorherrschenden Frauenbildes und stehen in Wechselwirkung mit der vierten Kraft im Roman, der Gesellschaft, deren oft verlogene und heuchlerische Stimme wir immer wieder vernehmen.

Was sich aber inzwischen überlebt hat, ist die oft unglaublich pathetische Sprache, die wilden Naturmetaphern.

Gleich schwerer, ertötender Eiseskälte legte sich die Erinnerung der Schuld auf die hochgehenden Wogen ihres fieberisch-verzweifelten Heroismus … (S. 104)

Auch die Erzählerstimme fand ich manchmal anstrengend. Sie weiß wirklich alles und ein Lesen zwischen den Zeilen ist nicht vonnöten. Es wird alles, alles erklärt und gedeutet.

Anmerkungen

Das Buch erschien im Allitera Verlag, und zwar in der edition monacensia, in der Werke Münchner Autoren und Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts erscheinen.

Das Cover fand ich entsetzlich und dass ein Zitat auf dem hinteren Buchdeckel fälschlicherweise Elisabeth zugeschrieben wird, das aber von Heßling stammt, machte die Sache nicht besser.

Das Nachwort von Ingvild Richardsen hingegen war sehr erhellend. Carry (eigentlich Caroline) Brachvogel (geboren 1864) gehörte damals zu den „modernen“ Autorinnen, die sich auf „die Suche nach einem neuen Selbstverständnis der Frau“ begaben und die traditionellen Rollenvorstellungen in Frage stellten (S. 156).

Auch zur Biografie der jüdischen Autorin und Frauenrechtlerin, die seit 1895/96 über 30 Jahre lang einen einflussreichen literarischen Salon leitete, gibt es interessante Hinweise. Sie wurde schließlich als Schriftstellerin in ganz Deutschland bekannt.

Mit ihrer Existenz als unverheiratet bleibende, selbstständige, arbeitende Witwe widerspricht sie dem gängigen Ideal der Frau im Bürgertum des Kaiserreichs (S. 160)

Doch das Ungeheuerliche ist den Herausgebern nur einen kurzen Satz in der hinteren Umschlagklappe wert:

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird die Jüdin Carry Brachvogel beruflich isoliert und schließlich 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf verstarb.

Und bei Lena Riess bitte gleich weiterlesen: Sie stellt eine Novellensammlung der Autorin vor.