Fundstück von J. Jefferson Farjeon

Der Krimi Seven Dead von Joseph Jefferson Farjeon, erschienen 1939 und 2017 in der Reihe der British Library Crime Classics neu aufgelegt, macht einfach Spaß.  Schon mit den ersten Sätzen hatte mich der Autor am Haken:

This is not Ted Lyte’s story. He merely had the excessive misfortune to come into it, and to remain in it longer than he wanted. Had he adopted Cardinal Wolsey’s advice and flung away ambition, continuing his illegal acts to the petty pilfering and pickpocketing at which he was fairly expert, he would have spared himself on this historic Saturday morning the most horrible moment of his life. The moment was so horrible that it deprived him temporarily of his senses. But he was not a prophet; all he could predict of the future was the next instant, and that often wrongly; and the open gate, with the glimpse beyond of the shuttered window tempted him.

Leider hat die Logik des Plots fußballfeldgroße Löcher, doch da der Autor schreiben konnte, die Dialoge vergnüglich und die Charaktere nett ausgearbeitet sind, bleibt man als Leser dabei, ohne sich allzu sehr zu grämen, wie abgrundtief hanebüchen die Auflösung ist.

 

Mohamed El Bachiri: A Jihad for Love (2017)

Mohamed El Bachiris Vater wanderte als marokkanischer Gastarbeiter in den sechziger Jahren nach Belgien ein. Von Anfang an hat die Familie in Brüssel im heute berüchtigten Stadtteil Molenbeek gelebt.

Im März 2016  verlor El Bachiri (*1981) seine Frau Loubna bei einem Terroranschlag des IS in Brüssel. Seine Frau starb durch eine Bombe in der U-Bahn und  war eines der 35 Opfer. Mehr als 300 Menschen wurden verletzt.

Besonders bitter: Auch der Attentäter war ein in Belgien geborener Marokkaner.

Auf 92 großzügig gesetzten Seiten nähert sich der Autor in kurzen, manchmal lyrischen Texten seiner Biografie, seiner Ehe, seinen Erfahrungen mit Rassismus und seinem Glauben und diesem Unfassbaren, der Trauer, der Aufgabe, nun allein drei Söhne großziehen zu müssen, und der Frage, was die angemessene Haltung sein kann. Rache? Hass? Vergeltung? Oder wie der Titel schon anklingen lässt: Liebe.

Zunächst erschien das Buch, das in Zusammenarbeit mit David van Reybrouck entstand, auf Französisch, die Übersetzung ins Englische stammt von Sam Garrett und unter dem Titel Mein Dschihad der Liebe erschienen die Texte auch auf Deutsch.

Interessant fand ich den Einblick in das Glaubensverständnis, das El Bachiri, der übrigens auf eine katholische Schule ging, von seinen Eltern vermittelt bekommen hat. Der Vater erklärte ihm ganz entspannt den Unterschied zum Christentum mit den Worten:

It’s just like with us, except Jesus is not the son of God and we have an extra prophet. (S. 21)

Für El Bachiri ist Fundamentalismus unvereinbar mit jeglichem Glauben, schließlich habe Gott alle Menschen und alle Völker geschaffen. So plädiert er für einen aufgeklärten und weltoffenen Islam. Er bedauert, dass so viele seiner Glaubensbrüder so wenig über ihre eigene Geschichte wüssten, was sie bei kritischen Fragen völlig verunsichere und anfälliger für einfache Dogmen mache.

Some of them measure the credibility of an imam by the length of his beard. (S. 33)

For us, as Muslims with common sense, it is obvious and necessary to see the belligerent passages in the Koran as historical words from the seventh century. It would be an absolute mistake to try to claim that they are universally valid. And they may never, ever be used to harm another person.  (S. 27)

Doch wenn man nachdenke, neugierig und lernwillig bleibe, dann gelte:

When you’re sure of yourself, you can go very far and still always find your way back. (S. 34)

Sich in angeblich perfekte islamischen Zeiten zurückbomben zu wollen, erscheint ihm absurd.

Living the way they did in the Middle Ages? With WhatsApp? (S. 59)

Zum anderen ist das Buch eine warmherzige Liebeserklärung an seine schöne Frau, seine beste Freundin, die Mutter seiner Kinder, über deren Verlust nichts hinwegzutrösten vermag.

I’m in a different dimension.

That is the only way I can go on living. (S.9)

Für seine Trauer findet er einfache und berührende Worte:

Her name ist still beside the doorbell.

Of course. This is her house.

Even if she doesn’t live here any more.

Even if she doesn’t live at all any more. (S. 11)

Dann wieder erzählt er von seinen Erinnerungen, die gerade in ihrer Alltäglichkeit sehr plastisch sind. Und davon, wie oft sie in den 12 gemeinsamen Jahren zusammen gelacht haben.

I loved to cook, but I always dirtied about twenty pans. The food was good, but the kitchen looked as though a hurricane hat hit. I was so much sloppier than she was. […] She was very organized. (S. 43)

Über den Attentäter verliert er nur wenige Sätze:

He leaves me cold, that guy. (S. 48)

The problem with such people is that everything proceeds from the logic of hatred, and I don’t feel that hatred. They have lost their humanity and dehumanise others. You can’t answer an injustice with another injustice, that makes no sense. You may be completely confused, totally desperate, but that can never justify hate or atrocities. (S. 58)

Die Mörder sollen über das hinaus, was sie in seinem Leben und in dem seiner Familie angerichtet haben, nicht noch mehr Macht bekommen. Deshalb weigert sich El Bachiri zu hassen oder Vergeltung zu fordern. Er will sich nicht auf die gleiche Ebene der Mörder und Verbrecher ziehen lassen.

Doch wie kann er all das seinen Kindern erklären? Für seine Söhne ist ein Leben ohne Mama nicht richtig, sie verstehen nicht, wie sich eine Mutter noch morgens von ihnen verabschiedet, so als sei alles normal, und dann kommt sie einfach nicht zurück.

I am the only captain left on a ship with three crew members, on an ocean of sorrow. The wind blows hard, speaking your sweet name, blowing us towards the unknown. Without you I have lost my way, life has lost all its flavour. (S. 53)

Ein entscheidender Moment auf seinem Weg der Trauer war die Begegnung mit dem marokkanischen König, der in seiner Würdigung der Verstorbenen wohl die richtigen Worte gefunden hat, um El Bachiri Mut und Durchhaltewillen für die Zukunft zu geben.

Und obwohl er zum Zeitpunkt des Schreibens noch völlig in der Luft hängt, er seinen Beruf als U-Bahnfahrer nicht mehr ausüben kann und ihm die öffentlichen Auftritte Mühe bereiten, hält er daran fest, dass es unsere Menschlichkeit sei, die uns verbinde. Erst an zweiter Stelle stehen Religionen und Staaten. Unseren Kindern sollten wir neben Kunst, Poesie und einem Sinn für Schönheit auch beibringen, welche großen Menschen und Denker es gibt, denn deren Erkenntnisse gehörten allen.

I’m going to release four doves to fly to all four corners of the world, to spread love as the only answer to hatred. And you’ll go with them, my youngest son, you’ll protect them, my little falcon. (S. 55)

Mein Leseeindruck war gemischt:

Auf der einen Seite Hochachtung, Respekt und Mitgefühl für einen Trauernden, der sich weigert, Hass zu empfinden und der seinen Kindern trotz des Irrsinns, den seine Familie getroffen hat, Liebe und Achtung als Grundprinzipien mitgeben möchte.

Und es gab zahlreiche Stellen, die mir auch sprachlich gefielen. Schlicht, treffend, anrührend.

Aber dieses schmale Büchlein ist von sehr uneinheitlicher Qualität. Manches ist schon recht einfach gestrickt und anderes wird wiederum so kurz abgehandelt, dass darunter die gedankliche Schärfe notgedrungen leidet. Und ob es wirklich sein muss, auch noch auf Polygamie und den Nahostkonflikt zu sprechen zu kommen? Da wäre weniger mehr gewesen.

Ich hätte lieber mehr über seine Biografie, seine Familie oder seine Söhne erfahren. Oder über die Schwierigkeiten, trotz eines solchen Verbrechens seiner pazifistischen Grundhaltung treu zu bleiben.

Im Guardian gibt es einen schönen Artikel zu ihm und seinem Buch.

Fundstück von Thornton Wilder

M … heiratet N… Millionen tun das. Das kleine Häuschen, der Kinderwagen, der Sonntagsnachmittagsausflug im Ford, der erste Rheumatismus, die Enkel, der zweite Rheumatismus, das Totenbett, die Verlesung des Testaments – einmal unter Tausenden ist es interessant.

aus: Thornton Wilder: Unsere kleine Stadt (OA 1938); in der Übersetzung von Hans Sahl

Gastbeitrag: Einrichtungsvorschläge

So im Frühling oder Frühsommer kommt der ein oder die andere vielleicht auf die Idee, Frühjahrsputz zu machen oder neue Möbel zu kaufen oder wenigstens die Wohnung umzudekorieren. Klaus hätte da in seinem neuesten Beitrag ein paar Einrichtungsvorschläge:

Gedanken beim Durchstöbern der Buchpost

Bis vor kurzer Zeit hielt ich mich für einen Vielleser. Ein paar Bücher sind immer um mich herum, griffbereit warten sie darauf, mir ihre Geschichten zu erzählen. Einen kleinen Ausschnitt aus dem überbordenden Angebot des Büchermarktes bekomme ich immerhin mit, kaufe, was mir entspricht. Damit ich diesen Lebensstil halten kann, braucht es in meinem Bücherregal von Zeit zu Zeit ein beherztes Eingreifen. Dann entdeckte ich Buchpost. Seither fühle ich mich wie jemand, der sich für literarisch gebildet hält, weil er schon einmal im Leben die Apothekenumschau von vorn bis hinten durchgelesen hat und der seinen Gästen stolz einen kleinen Bücherstapel neben dem Fernseher präsentiert, der aus Lustigen Taschenbüchern besteht, weil Donald und Dagobert doch irgendwie auch Weltliteratur sind.

Im Blick auf die Menge der besprochenen Bücher auf Buchpost beschäftigt mich der Gedanke, ob Anna ihren Fernseher längst beim Buchhändler untergestellt hat, damit der Platz sinnvoller für das Aufstellen der zuletzt erworbenen Krimireihe genutzt werden kann.

Für kurze Zeit habe ich mir vorgestellt, Anna lebt in einem englischen Schloss oder einem stattlichen Herrenhaus in Schottland samt Bibliothek und Bibliothekar. Auf der Insel soll es ja noch echte Lebensart geben. Aber diese These ist nicht haltbar. Eine Lehrerin mit Bibliothekar und Butler zum Türöffnen klingt selbst in meinen Ohren zu romantisch.

Die Sache mit dem Fernseher scheint mir dagegen vorstellbar. Man kann ja nur mit Büchern leben und nicht ohne. Und irgendwie leben die Bücher und ihre Geschichten ja auch mit uns. Warum sollen sie da nicht gegen den Fernseher stimmen dürfen? Schließlich leben wir in einer Demokratie.

Es geht also um die Frage, wie man mit so vielen Büchern im Alltag klarkommt. In meiner Vorstellung sind sämtliche Räume bei Anna konsequent mit Regalen ausgestattet. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Keller, Flur, Bad. Überall Regale voller Literatur.

Die den Räumen zugehörenden Utensilien vertragen sich prima mit den Büchern. Wenn Anna einen Kochtopf aus dem Schrank holt, steht darin bestimmt ein Kochbuchklassiker. Das ist praktisch, weil kein Mensch das Rezept für Boeuf Stroganoff oder polnischen Blumenkohl auswendig weiß. Die Sache mit den Gewürzen habe ich ausprobiert: Die Buchrücken immer schön auf der Regalbrettkante entlang, dann bleibt erstaunlich viel Platz dahinter übrig. Anis steht hinter Alfred Andersch, Fenchel hinter Fontane, Kandis und Kümmel hinter Kästner und Klopstock. Majoran sucht Deckung hinter Karl Mays Winnetou, Zimt hinter Zuckmayer.

Bei den Weinen hält man sich an die Länder. Boccaccios Decamerone und Umberto Ecos Baudolino kann sowieso niemand ohne ein Glas italienischen Rotwein lesen.

Im Bad geht es um das den Raum bestimmende Element Wasser. Wo könnte man Nautilus von Jules Verne besser unterbringen? Über der Badewanne findet sich sicher auch Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer. Das sollte man sowohl im Original als auch in der deutschen Übersetzung dahaben, damit kein Badender in Verlegenheit gerät. Siegfried Lenz passt auch prima ins Badezimmer: Das Feuerschiff, Deutschstunde, Arnes Nachlass. Der ganze Lenz hat ja irgendwie einen Hang zum Wasser. Der Butt von Günter Grass und Moby Dick lesen sich auch prima in der Badewanne. Der Titel For Whom the Bell Tolls bekommt eine zusätzliche Bedeutung, wenn man ihn gut sichtbar vor der Badewanne platziert. Schließlich muss man raus aus dem Wasser, ehe man komplett aufgeweicht ist.

In der Küche zu lesen, erscheint mir persönlich allerdings irgendwie „nahrhafter“. Seit einiger Zeit trinke ich übrigens ganz gern Tee. Stövchen und Teekanne unterstützen das Gemütliche des Lesens! Übrigens: Wo bisher meine Kaffeemaschine stand, steht jetzt Frühstück bei Tiffany von Truman Capote …

Hmm, da komme ich natürlich ins Grübeln, wie man das weiterspinnen könnte. Vielleicht noch Rivers of London  und Star of the Sea ins Badezimmer oder gar Wir Ertrunkenen von Carsten Jensen?

Peter Pan, Mary Poppins und Harry Potter lägen griffbereit im Kinderzimmer.

Im Musikzimmer, so vorhanden, warteten Der Kontrabaß, Der Ball und selbstverständlich Blasmusikpop.

Na, und die ganzen Bücher über Bücher wären im Lesezimmer zu finden.

Ins Schlafzimmer kämen Der Mann schläft von Sibylle Berg und natürlich Unexpected Night von Daly.

Im Gästezimmer fände sich An Unexpected Guest sowie Ein Tag zu lang.

Unter dem Dach läge Oben ist es still von Bakker und selbstverständlich The Buddha in the Attic.

A Month in the Country von Carr würde im Wintergarten deponiert, genauso wie Die Kameliendame von Dumas, Into the Wild von Krakauer, The Beekeeper’s Apprentice und Oranges and Sunshine von Humphreys.

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