Blogbummel März 2017 – 2. Teil

Damit uns ein Licht aufgeht, fangen wir in God’s own Junk Yard an. Und dazu  gefiel mir der Reggae tanzende Hase Booo.

Deutschsprachige Blogs

klunkerdesalltags las die Odyssee. Es hat sich gelohnt.

Das Bücherwurmloch war Damals, am Meer.

schiefgelesen.net las Black Mamba Boy.

Auf umgebucht geht es diesmal um Kokoro von Natsume Soseki, während sich der Bouquineurblog Der Welt von gestern von Stefan Zweig widmet.

Anscheinend muss ich diese Lücke doch noch füllen: Auch LETUSREADSOMEBOOKS empfiehlt Tomas Espedal.

Auf Novellieren wird Das weiße Leintuch empfohlen.

Zeichen & Zeiten hat einen schönen Beitrag über ihre persönlichen Leseschätze geschrieben. Und Machtspiele von Anna Kim kommt ganz oben auf die Wunschliste.

Zwei Biografien zu Fallada werden auf Sätze & Schätze vorgestellt. Dazu passt die auf Stift + Schrift vorgestellte Biografie zu Erich Ohser.

Der Buchuhu war sehr angetan von Nora Webster von Colm Tóibín.

Und für alle Kurzgeschichten-Fans gibt es auf Binge Reading eine überhaupt nicht kurze Liste. Da würde ich dann gern Alice Childress mit ihrer Sammlung Like one of the Family von 1956 ergänzen.

Englischsprachige Blogs

Beyond Eden Rock schreibt sehr verlockend über Fidelity von Susan Glaspell.

Zum Lesen, Staunen und Reisen

Katrin bastelt Origami-Schmetterlinge.

Auf nur Lesen ist schöner findet man Empfehlungen für einen literarischen Stadtbummel in London.

Ich bin ein Ranunkel-Fan, und ganz viele davon hat Cindy Knoke für uns.

Bei Maralee Park gibt es hinreißende Adlerfotos.

RESTLESSJO nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch den Boboli-Garten in Florenz.

Und noch einmal Cindy mit wunderschönen Fotos von Santorini. Da kommt Urlaubslaune auf. Oder soll es doch lieber nach Dubrovnik gehen? Traumhaft.

 

James Matthew Barrie: Peter Pan (OA 1911)

Peter Pan, der ewige Junge, egoistisch und ziemlich vergesslich, lockt kurzerhand Wendy Darling und ihre zwei Brüder aus ihrem nächtlichen Schlafzimmer auf die geheimnisvolle Insel Nimmerland, wo sie jeden Tag neue Abenteuer zu bestehen haben.

An diesen Zauberstränden [des Nimmerlands] ziehen Kinder ewig ihre Boote an Land. Wir sind auch dort gewesen, können noch das Brausen der Brandung hören, werden aber nie mehr dort landen. Von allen erdenklichen Inseln ist das Nimmerland die gemütlichste und engste; nicht groß und ausgedehnt, mit ermüdenden Abständen zwischen einem Abenteuer und dem nächsten, sondern schön vollgestopft. (S. 20)

Peter war zunächst eine Figur in einem Theaterstück von James Matthew Barrie, das 1904 in London uraufgeführt wurde. Inspiriert wurde Barrie dabei von den Geschwisterkindern der Familie Llewelyn-Davies. Der Roman, mit dem wir heute normalerweise Peter Pan verbinden, erschien erst 1911.

Ich selbst hatte diesen Klassiker der Kinderliteratur nie gelesen, doch als ich in der Buchhandlung die wunderschön gestaltete, deutsche Ausgabe des Coppenrath Verlages sah, schien mir das eine gute Gelegenheit, diese Lücke zu schließen. Die Illustrationen stammen von MinaLima Design, einem Grafikdesignstudio, das vor allem „durch die grafisch-visuelle Gestaltung der Harry-Potter-Filme“ bekannt wurde (siehe S. 254).

Um keine Bildrechte zu verletzen, verweise ich jetzt einfach mal auf den leider etwas hektisch geratenen Buchtrailer, der die beweglichen und ausklappbaren visuellen Effekte in Szene setzt, und auf eine Bilderstrecke, die noch einige weitere liebevoll gestaltete Seiten zeigt.

Nach der Lektüre muss ich sagen, dass die Erzählung mich nicht wirklich nachhaltig beeindruckt hat. Wendy beispielsweise darf in Nimmerland vor allem die Jungen bemuttern, füttern, trösten und ihre kaputten Sachen stopfen. Dabei ist sie kaum älter als ihre Schutzbefohlenen.

Wendy hatte natürlich nicht mitgekämpft, sie hatte Peter mit leuchtenden Augen zugeschaut. (S. 220)

Aber ein paar Szenen und Ideen sind tatsächlich großes Kino.

Das Kindermädchen von Wendy Darling und ihren Brüdern ist eine stattliche Neufundländerhündin namens Nana. Und Mrs Darling hört zum ersten Mal von Peter Pan,

als sie die Gedanken ihrer Kinder aufräumte. Jede gute Mutter kramt in den Gedanken ihrer Kinder, wenn sie schlafen, und ordnet sie für den nächsten Morgen und packt alle wieder an den rechten Platz. […] Es ist wie Schubladen aufräumen. Du würdest sie auf den Knien sehen, vermute ich, wie sie belustigt ein paar Dinge anschaut und sich fragt, wo in aller Welt du die denn aufgegabelt hast, wie sie schöne und weniger schöne Entdeckungen macht, wie sie das eine an ihre Wange drückt und das andere eilig wegpackt. Wenn du am Morgen aufwachst, sind die Ungezogenheiten und schlechten Angewohnheiten, mit denen du zu Bett gegangen bist, fein säuberlich zusammengefaltet und ganz unten in deinem Kopf verstaut; und oben, schön gelüftet, liegen die besseren Gedanken, dass du sie gleich benutzen kannst. (S. 17/18)

Auch das Wohnschlafzimmer von Tinkerbell, der kleinen eifersüchtigen Fee, hat es mir angetan.

Die Couch […] war echtes Feenrokoko, mit geschwungenen Beinen. Die Bettdecke wechselte sie mit der Jahreszeit, je nachdem, welche Blütenblätter es gerade gab. Der Spiegel war original Schneewittchen, wovon es nur noch drei vollständig erhaltene Exemplare im Feenhandel gibt. Der Waschtisch war Marke Kuchenform und verstellbar, die Kommode echt Prinzessin Chippendale und Teppich und Bettvorleger waren bester Gestiefelter Kater (die frühe Periode). Es gab einen Kronleuchter der Firma Hutmacher & Haselmaus, aber bloß zum Angucken – natürlich machte Tink in ihrem Prunkgemach selbst Licht. (S. 113)

Interessanter als die Geschichte selbst fand ich die kulturellen Wurzeln des Puer Aeternus, des ewigen Jungen, der schon von Carl Gustav Jung als psychologischer Archetyp gedeutet wurde. Die Spuren führen bis zur Neverland-Ranch von Michael Jackson, der sich selbst als Peter Pan bezeichnete.

Und der amerikanische Familientherapeut Dan Kiley veröffentlichte 1984 ein Buch über das Peter-Pan-Syndrom, in dem es um Männer geht, die „nie erwachsen werden“. Das Buch wurde später auch ins Deutsche übersetzt und hat sich wohl tadellos verkauft.

 

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo (2017)

Dieser schmale Band von nur 139 Seiten wurde von Larissa Bender aus dem Arabischen übersetzt und im Weidle Verlag veröffentlicht. Die französische Ausgabe erschien bereits 2015.

Niroz Malek (1946 in Aleppo geboren) hat bisher mehrere Bände mit Erzählungen und sechs Romane veröffentlicht.

Der Spaziergänger von Aleppo enthält 57 kurze Texte; Einblicke, Impressionen, surreale Geschichten und Reflexionen, in denen sich der Autor, der nach wie vor in Aleppo lebt, an früher erinnert und an geflohene Freunde, an Zurückgekehrte, an Ermordete und Trauernde.

Schon auf den ersten Seiten erklärt der Erzähler, weshalb er selbst, im Gegensatz zu so vielen anderen, Aleppo nicht verlassen wolle.

‚Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen?‘ […] ‚Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Photographien sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.‘ […] ‚Kann ein Körper ohne Seele leben? Aus diesem Grund werde ich meine Wohnung nicht verlassen: Weil ich meine Seele nicht in einen noch so großen Koffer stopfen kann. Meine Seele ist all das, was du in meinem Zimmer siehst … Tausende Bücher. Hunderte Schallplatten, Zeichnungen, Gemälde und Photographien.‘ (S. 6/7)

Malek konstatiert den Irrsinn, dass sich Liebespaare immer noch küssen, dass Frauen vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes warten, dass irgendwo Hochzeit gefeiert wird, während gleichzeitig ein kleiner Junge betrauert wird, der einem Scharfschützen zum Opfer gefallen ist.

Er trifft sich mit seinen verbliebenen Freunden im Café, flüchtet in Bücher und Gemälde von van Gogh und vermisst seine über die Welt verstreute Familie, seine Enkelkinder.

Ich weiß, daß meine Briefe Dich nicht erreichen. Dennoch schreibe ich Dir jeden Abend, um Dir zu sagen, wie sehr Du mir fehlst. Am nächsten Morgen lege ich den Brief wie ein wertvolles Pfand in die Hände des Briefträgers. (S. 8)

Gleichzeitig ist er erschüttert, dass die Kinder in Aleppo, die überhaupt noch in der Lage sind, etwas malen zu können, nur noch verkohlte Bäume und Leichenteile malen.

Wir lesen seine Alpträume, in denen sich die Grenzen zwischen Lebenden und Toten vermischen, denn der Tod kann jede Minute in Form von Raketen, Heckenschützen oder verrohten Soldaten an den unzähligen Checkpoints zuschlagen. Nichts ist mehr sicher, geordnet oder verlässlich. Er schaut fern, sieht die Leichen im Mittelmeer.

Der Anblick war schrecklich. Ertrinkende Frauen und Kinder, mit denen die Wellen des Meers spielten. Eine Welle spülte sie ans Ufer, eine andere trieb sie aufs Meer, als lägen sie auf einem Wasserbett. (S. 27)

Das erzählt Malek in einer einfachen, ganz zurückgenommenen Sprache. Wenn alles implodiert, dann wird die Sprache schlicht, fast dokumentarisch.

Dass diese Texte nie länger als anderhalb Seiten sind, ergibt sich zwingend aus ihrem Inhalt. Im Irrsinn und Widersinn des Krieges gibt es keinen roten Faden mehr, nur noch Zersplitterung.

Ein Buch, das dennoch nicht leicht zu lesen ist, denn wir können jederzeit das Büchlein aus der Hand legen, den Opfern gewaltsamer Auseinandersetzungen, den Zivilisten jedoch steht keine Fluchtmöglichkeit offen und keine Atempause zu.