David Nicholls: One day (2009)

Friday 15 July 1988, Rankeillor Street, Edinburgh

‘I suppose the important thing is to make some sort of difference,’ she said. ‘You know, actually change something.’

‘What, like “change the world”, you mean?’   

‘Not the whole entire world. Just the little bit around you.’        

They lay in silence for a moment, bodies curled around each other in the single bed, then both began to laugh in low, predawn voices.

So beginnt

David Nicholls: One day (2009); auf Deutsch: Zwei an einem Tag

Emma und Dexter verbringen „nach ihrem College-Abschluss in Edinburgh die Nacht des 15. Juli 1988 (ohne miteinander zu schlafen), bevor sich ihre Wege wieder trennen. Die beiden sind Anfang Zwanzig und sind sehr unterschiedlich, trotzdem können sie sich nicht vergessen und obwohl sie sich während der nächsten 16 Jahre immer wieder aus den Augen verlieren, denken sie stets an den anderen.“ (Wikipedia)

Nun schildert der Erzähler für viele Jahre immer nur den 15. Juli. Ein bisschen Harry und Sally, ein bisschen Vier Hochzeiten und ein Todesfall und ein bisschen sehr bemüht, die politischen Entwicklungen miteinzubeziehen. Erstaunlich, dass in dem Buch niemand an AIDS erkrankt. Aber die Dialoge sind witzig und man folgt den beiden auf ihren Wegen und Wirrungen sehr gern.

ACHTUNG: SPOILER:

Die Struktur, bei der immer nur der 15. Juli herausgegriffen wird, hat für den Autor den Vorteil, dass er bestimmte Dinge, z. B. die erste Zeit der Trauer nach dem Tode Emmas, nicht schildern muss.

Zuerst war ich empört, da lese ich 400 Seiten,  bloß damit dann die eine der beiden Hauptpersonen in zwei Sätzen stirbt. Und doch: Ist das nicht genau so richtig und angemessen? Der Schreck, dass wir nicht unsterblich sind, und die Tatsache, dass wir oft nicht die geringste Ahnung haben, was wir mit dieser Erkenntnis anfangen sollen, wie wir gut und richtig leben und sterben können.

Auch Harry Ritchie war sehr angetan:

he has drawn on all his comic and literary gifts to produce a novel that is not only roaringly funny but also memorable, moving and, in its own unassuming, unpretentious way, rather profound. (Guardian, 4. Juli 2009)

Im Telegraph vom 6. August 2011 streiten sich zwei Journalisten unter dem vielsagenden Titel „One Day: the best novel ever – or a tedious schmaltz-fest?

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Meg Rosoff: What I was (2007)

I am a century old, an impossible age, and my brain has no anchor in the present. Instead it drifts, nearly always to the same shore. Today, as most days, it is 1962. The year I discovered love. I am sixteen years old.

So beginnt

Meg Rosoff: What I was (2007); auf Deutsch: Damals, das Meer

Zum Inhalt

Der sechzehnjährige Hilary kommt in ein neues Internat, hasst dort alles und jeden und trifft zufällig bei einem Geländelauf einen gut aussehenden Jungen namens Finn, der völlig allein in einer Hütte am Meer lebt und seinen Lebensunterhalt mit Fischen und Arbeiten auf dem Wochenmarkt verdient. Dieses Leben erscheint Hilary als der Inbegriff der Freiheit. Eine von Anfang an zerbrechliche Freundschaft beginnt.

Rezeption

Die Kritik war begeistert, in England kam sie mit dem Buch auf die Shortlists zweier Kinder- und Jugendbuchpreise und in Deutschland bekam sie 2009 den LUCHS des Jahres verliehen. Man lese zum Beispiel die geradezu lyrischen Schlussworte von Wilhelm Trapp in der ZEIT am 9. September 2009:

Zu viel steht gegen diese Beziehung. Eifersüchtige Mitschüler, die schlechten Noten des Erzählers, auch sein Egoismus, der das inselhafte Leben Finns zerstören wird. Als das Ende da ist, gelingt Meg Rosoff eine ganz überraschende Wende, sie löst den kunstvollen Knoten aus Geheimnissen und Irrungen, der die zerbrechliche Freundschaft der beiden Jungen für eine kurze, wundervolle Zeit zusammenhielt, in einer Weise auf, dass man nicht nur traurig, sondern fast ein wenig erleichtert ist. In diesem Moment nennt der alte Erzähler erstmals seinen Namen. Als ob er endlich sich selbst erkannt und verstanden hätte, was auch der Kern dieses großartigen Buches ist: dass die schmerzlichsten Zeiten des Lebens zugleich die schönsten und wahrhaftigsten sind, weil sie es möglich machen, die eigene Sehnsucht zu begreifen und das Leben in die Hand zu nehmen.

Fazit

Das kann ich gar nicht nachvollziehen, der Ich-Erzähler scheint mir doch gerade nicht sein Leben in die Hand genommen zu haben, sondern nur seiner ersten großen Liebe hinterhergetrauert zu haben.

Sicher, das ist Jugendliteratur mit Anspruch, doch irgendwann ahnt man die Auflösung. Viel spannender wäre die Frage gewesen, was danach mit den beiden Hauptpersonen geschieht. Dass das Ganze aus dem Rückblick eines fast Hundertjährigen erzählt sein soll, wirkt unglaubwürdig.

Aber in Erinnerung wird mir dieser Satz bleiben:

Nevertheless, I can tell you that you will awake some day to find that your life has rushed by at a speed at once impossible and cruel. (S. 194)

Anmerkungen

Der deutsche Wikipedia-Artikel über Meg Rosoff gibt einen Überblick über die begeisterte Rezeption der Autorin in Deutschland.

Der Luchs ist ein Literaturpreis für Kinder- und Jugendbücher, der von der Wochenzeitung Die Zeit und   Radio Bremen gemeinsam verliehen wird. Geschaffen wurde er von Ute Blaich. Gewählt werden der „Luchs des Monats“ (seit 1986) und der „Luchs des Jahres“ (seit 1997), der aus den zwölf Monatsempfehlungen von der Jury ausgewählt wird. Der „Luchs des Jahres“ ist mit 8.000 Euro dotiert. Die Monats-Luchse werden durchnummeriert. (Wikipedia)

Selina Hastings: The Secret Lives of Somerset Maugham (2009)

Selina Hastings: The Secret Lives of Somerset Maugham (2009)

Maugham hat zweifelsohne ein interessantes Leben geführt. Seine Kurzgeschichten habe ich während des Studiums verschlungen. Und schon lange will ich seinen halb autobiografischen Roman Of Human Bondage wiederlesen. Aber wie ernüchternd ist es, mehr über ihn zu erfahren. Diese Schmuddeligkeit, z. B. in der Beziehung zu Gerald Haxton, die Nähe zu Prostituierten- und Pädophilenkreisen. Anscheinend entstammt auch der Plot zu vielen seiner Geschichten nicht seiner Fantasie, sondern realen Begebenheiten und Erzählungen seiner Bekannten, die oft alles andere als begeistert waren, sich oder ihre Nöte in einer seiner Stories verwurstet zu sehen.

Martin Doerry: Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 – 1944 (2002)

Martin Doerry: Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 – 1944 (2002)

Martin Doerry – Chefredakteur des Spiegel – erkannte die historische Bedeutung des bewegenden Briefwechsels zwischen seiner Großmutter, der jüdischen Ärztin Lilli Jahn, und ihren Kindern, der 1998 im Nachlass seines Onkels, des ehemaligen Bundesjustizministers Gerhard Jahn, entdeckt wurde.  Er stammt vor allem aus der Zeit, als Lilli Jahn in dem Arbeitserziehungslager Breitenau nahe Kassel interniert war und ihre fünf Kinder nahezu auf sich alleine gestellt waren. Doerry veröffentlichte 2002 eine Auswahl der 250 Briefe als Buch unter dem Titel „Mein verwundetes Herz – das Leben der Lilli Jahn“. Von der Wochenzeitung Die Zeit wird dieses Buch in eine Reihe gestellt mit dem Tagebuch der Anne Frank und den Aufzeichnungen Victor Klemperers. Es wurde in 19 Sprachen übersetzt. (nach Wikipedia)

Zu Recht.

Der Mann Lillis war „Arier“ und trennte sich ganz opportunistisch von seiner jüdischen Frau und versagte ihr damit den einzigen denkbaren Schutz vor der Verfolgung. Diese Briefe machen aus einer Nummer von nicht zu zählenden Ermordeten eine Person, einen einzelnen und unverwechselbaren Menschen. Es ist ungeheuerlich.

Am 25. November 1943 schreibt die älteste Tochter Ilse an ihre inhaftierte Mutter das Aufsatzthema, das sie in der Schule zu bearbeiten hatte: „Was bedeuten dir die Umgangsformen.“

Was kann man da noch zu sagen?

Mike Gayle: The To-do List (2009)

Mike Gayle: The To-Do List (2009)

Zum Inhalt

Was für ein Unterfangen, das sich der britische Autor am Vorabend seines 36. Geburtstages vorgenommen hat. Erst stellt er eine to-do Liste mit 1277 (!) Punkten auf und beschließt dann, diese innerhalb eines Jahres abzuarbeiten.

Fazit

Manchmal liest sich das liebenswert-witzig mit hohem Wiedererkennungswert für den Leser. Man kann seine Kenntnisse der englischen Umgangssprache ein wenig aufpolieren, großen Tiefsinn sucht man aber vergebens. Letztlich kann man das Buch mit den Worten des Autors zusammenfassen:

  1. Make a list.
  2. Do it.

Aber genau das bringt einen natürlich dann doch wieder zum Nachdenken. Wie vieles verschieben wir auf später, wie unaufgeräumt ist oft unser Leben – äußerlich und innerlich.

Wäre es nicht unglaublich toll, wieder dieses Gefühl zu haben wie damals nach dem Abschreiben der Schulhefte: Alles war aufgeräumt, sortiert, geordnet, beantwortet, abgearbeitet, geputzt, geregelt, entrümpelt, entlastet.

In meiner Lieblingsstelle geht es allerdings um etwas ganz Anderes: Hier beschreibt er den Becherwahn seiner Frau:

I should point out here that Claire doesn’t have many vices. … Her one Achilles heel, however, is mugs. She loves them. Claire’s idea of a perfect day would be spent perusing the shelves of a shop called ‘Mugs, Mugs, Mugs’, while drinking from a mug only interrupting her perusing/drinking to look through the ‘Mugs, Mugs, Mugs’ catalogue for anything that they didn’t have in store. In the eleven years that we’ve been together I have seen Claire buy more mugs than any sane woman could want. She’s bought tall mugs, small mugs, wide mugs and deep mugs; she’s bought plain mugs and mugs with every kind of pattern. But I had never seen her look at a mug the way that she looked at that Dean and Deluca mug. It was mug at first sight. And unlike other mugs that, over time, tended to fall out of favour to be replaced by yet another of its kind, the Dean and Deluca mug was always number one. So when I managed to break it the summer before last by knocking it off the counter while making myself a cup of tea to go with my fried breakfast, Claire wasn’t just saddened by its loss, she was devastated. (S. 250)