John Sutherland: How to Read a Novel (2006)

Every week now more novels are published than Samuel Johnson had to deal with in a decade. If you had the riches of Croesus (or Bill Gates) you could, with a few hours‘ key-stroking, order up from Amazon.com some half-million novels to be Fedexed, rush delivery, in thirty-six hours. You would, of course, need a disused airplane hangar to keep the books in and a small army of forklifting stackers and fetchers to move the things. Given a reading career of fifty years, a 40-hour reading week, a 46-week working year and three hours per novel, you would, as I calculate, need 163 lifetimes to read them all. And very dull lifetimes they would be. More fun on the forklifts. (S. 1)

Where to start? Is there any point in starting, or shaping one’s reading experiences? How can one organise a curriculum? (S. 57)

So umreißt der emeritierte Professor für englische Literatur das Problem, für das er mit seinem Buch eine Hilfestellung geben will:

John Sutherland: How to Read a Novel (2006)

Eine begeisterte Empfehlung auf dem britischen Blog A Common Reader hatte mich an einem meiner Schwachpunkte erwischt: Auch ich kann Büchern übers Lesen nur schwer widerstehen.

Doch jetzt muss ich leider sagen: Ich kann die Begeisterung nicht teilen. Zwischendurch fragte ich mich, für welche Zielgruppe dieses Buch denn wohl sein soll, denn wenn man sich mit Literatur schon im Studium beschäftigt hat oder – auch ohne Studium – keine Angst vor anspruchsvolleren Romanen hat, wird es doch – egal, wie ansprechend er schreibt – ab und an langweilig, ja geradezu banal. Man weiß dann einfach, dass man auch auf das Erscheinungsdatum achtet, dass die Einteilung in bestimmte Genres in der Buchhandlung – surprise, surprise – eine Hilfestellung ist und dass Buchcover manchmal so gar nicht zum Inhalt passen, dass man über den Titel des Buches nachdenkt, dass Schriftsteller sich oft, wenn auch unterschwellig, auf andere Werke und Autoren beziehen und dass Romane die Möglichkeit bieten, „hot-button isssues“ zu behandeln wie Rassendiskriminierung, Fundamentalismus oder Pädophilie.

Jede „echte“ Leserin, jeder „echte“ Leser weiß selbst:

The more fiction you read, and the more intelligently you do so, the richer your experience will be. Those readers who read most get most out of it. (S. 130)

Und alle anderen Leser, die ausschließlich Genres wie Horror oder Chick Lit bevorzugen, werden um dieses Buch ohnehin einen großen Bogen machen.

Sutherland (geb. 1938), emeritierter Professor für moderne englische Literatur, den Lesern des Guardian durch seine Rezensionen bekannt und 2005 Mitglied der Jury für den Booker Prize, kann natürlich aus einem reichen Fundus an Leseerfahrungen und Wissen schöpfen und so gibt es immer wieder auch Informationen und interessante Details, die mir vorher unbekannt waren (vermutlich der erste Autor, der ein Paralleluniversum entworfen hat, war Ward Moore in seinem Roman Bring the Jubilee von 1953), aber die konnten mich auch nicht mehr wirklich für das Buch erwärmen. Und mit dem am Anfang genannten Phänomen, dass es für uns heute eine schier unüberschaubare Menge an Büchern gibt, allein über 10.000 Neuerscheinungen jedes Jahr, aus denen wir auswählen müssen, bleibt der Leser letztlich doch allein. Oder wie hilfreich ist der folgende Tipp?

For the unprofessional searcher for the best novel to read, word-of-mouth, intuition, powerful browsing and McLuhan’s page 69 test remain the soundest first moves. At the very least you will make your own mistakes. (p. 62)

Marshall McLuhan hatte wohl empfohlen, bei unbekannten Büchern die S. 69 zu lesen, um so herauszufinden, ob man den Rest des Buches auch lesen möchte.

Gerade bei einem Professor, der doch Tausende von Studentinnen und Studenten an Literatur herangeführt haben muss, hätte ich mir das Ganze tiefgründiger vorgestellt. Oder hat er an der Universität ganz einfach eine Leseliste vorgelegt, die abgearbeitet werden musste? Und manche Fragen werden nur scheinbar beantwortet, so beispielsweise die Frage, wie viel Hintergrundwissen über die Welt des Romans und sein Setting notwendig oder empfehlenswert sei. Er zitiert Beispiele, bei denen selbst gestandenen Rezensenten offensichtliche Fehler bei der Interpretation passieren. Doch ohne jede weitere Begründung und aus völlig heiterem Himmel zieht er das Fazit:

It can be done. It is possible to reach across time and space to converse, intelligently, with Tolstoy, Sterne, Thomas Mann, Nick Hornby – or even Ian McEwan. (S. 212)

Das ist zwar richtig, hilft aber dem Leser natürlich kein bisschen weiter. Und auch die irritierende Tatsache, dass der eine Rezensent ein Buch am liebsten für den nächsten Booker Prize vorschlagen möchte, während sein Kollege bedauert, dass es überhaupt einen Verlag gefunden hat, wird einfach konstatiert, aber nicht näher beleuchtet.

Doch welche Leserin, welcher Leser würde ihm hier nicht zustimmen:

Two more humble assumptions are constant: 1) novels are things to be enjoyed; 2) the better we read them, the more enjoyment we will derive from them. A clever engagement with a novel is, in my opinion, one of the more noble functions of human intelligence.  (S. 12)

Und:

Know yourself (not, I hasten to add, know what you like, which leads to sadly impoverished reading habits). And, if you do not know yourself, look at the genre fiction on your shelves. The reflection there is you. (S. 142)

Er schließt mit dem rhetorisch wohlklingenden, aber unbefriedigenden Fazit:

Novels can do many things. They can instruct, enlighten, confuse, mislead, soothe, excite, indoctrinate, misinform, educate and waste time. […] And, at their highest pitch of achievement, novels can indeed be the one bright book of life. The trick is finding which, among the millions now accessible, fits that bill. For you, that is. And that, as Virginia Woolf told us, is something no one can tell you. Or, if they do, ignore them. (S. 243)

Jeanette Winterson: Oranges are not the Only Fruit (1985)

Zugegeben, ich hatte noch nie etwas von Winterson gelesen, auch nicht ihr Erstlingswerk, für das sie 1985 mit dem Whitbread Award (dem heutigen Costa Book Award) ausgezeichnet wurde. Doch das Interview, das sie Jennifer Byrne am 31. Juli 2012 gegeben hat, machte mich neugierig.

Like most people I lived for a long time with my mother and father. My father liked to watch the wrestling, my mother liked to wrestle; it didn’t matter what. She was in the white corner and that was that.

So beginnt der stark autobiografisch gefärbte Rückblick auf Kindheit und Jugend von

Jeanette Winterson: Oranges are not the Only Fruit (1985)

Auf Deutsch erschien das Werk unter dem Titel Orangen sind nicht die einzige Frucht.

Die kleine Jeanette, die nur zufällig irgendwann erfährt, dass sie adoptiert wurde, wächst bei einem strenggläubigen Freikirchler-Ehepaar in Lancashire, England, auf.

Von ihrer lieblosen Adoptivmutter dazu bestimmt, später Missionarin zu werden, lernt das Mädchen zunächst nur die Welt der Gemeinde kennen. Alles ist übersichtlich, klar in Gut und Böse (not holy) eingeteilt. Hier ist ihre Familie, hier findet sie Geborgenheit, Freude an der Musik und ihre Aufgaben. Sie kennt die Tiere aus der Bibel früher als die Tiere, die auf dem Bauernhof leben.

Dass andere Kinder ganz anders aufwachsen, muss sie mühsam in der Schule lernen. Sie wird rasch zur Außenseiterin, da sie auf alle kreativen Aufgaben Antworten gibt, die einen engen Bezug zur Bibel und zur Gemeinde aufweisen. Sie möchte die anderen Kinder vor der Hölle bewahren und andere Eltern beschweren sich über sie, weil sie ihren Kindern Angst mache. Gleichzeitig scheint es keine Lehrerin zu geben, die ihr bei dem Versuch, die Welt um sie herum zu verstehen, zur Seite steht.

Einmal kann sie über Wochen hin nichts hören. Ihre Mutter und die Gemeinde deuten das als ein Erfülltsein vom Heiligen Geist. Nur durch Zufall stellt sich dann heraus, dass ihre krankhaft vergrößerten Rachenmandeln, die für die Taubheit verantwortlich sind, operativ entfernt werden müssen.

Dennoch stellt Jeanette über viele Jahre das System, in dem sie aufwächst, nicht grundsätzlich in Frage, ist es doch die einzige Art Zuhause, die sie kennt, die sie für normal hält und in der sie anerkannt ist. Später unterstützt sie die evangelistischen Aktionen der Kirche und beginnt auch selbst erfolgreich zu predigen.

Doch immer wieder blitzt etwas auf, ein Lebenswille, eine Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Neugier und der Wille, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen, die schon früh andeuten, dass Jeanette auf Dauer keinen Platz in dieser engen und oft genug unbarmherzigen Welt finden wird. Als sie sich in ein anderes Mädchen verliebt und im Grunde gar nicht weiß, was da mit ihr geschieht, muss sie sich entscheiden, denn eine gleichgeschlechtliche Liebe kann nach Ansicht der Mutter und des Pfarrers nur direkt aus der Hölle kommen.

Um sich und ihre Geschichte zu verstehen, baut die Ich-Erzählerin immer wieder märchenhafte Szenen ein, die Schlüsselszenen ihres Lebens nachstellen und mit deren Hilfe sie ihre Ängste ausdrückt und weiß, welche Schritte sie als nächstes gehen muss.

Fazit

Das ist ein schmerzhaftes, witziges, trauriges Buch und ein unpathetischer Lobgesang auf das Leben. Dabei ist unerheblich, wie das genaue Mischungsverhältnis zwischen Realität und Fikion aussieht. So kann man nur über die Dinge schreiben, die man zu einem großen Teil selbst erlebt und erlitten hat.

Was mich an diesem Buch so beeindruckt hat, ist zum einen die Kraft, die Unverstelltheit, mit der hier gesprochen wird. Zwischendurch war es, als ob die Erzählerin in meinem Wohnzimmer sitzt und ihre Geschichte erzählt. Zum anderen das große Herz der Ich-Erzählerin; es handelt sich hier um keine verbitterte Anklage, die oft genug ja nahe gelegen hätte, keine Verurteilung und kein Hass den Klassenkameradinnen, Lehrerinnen oder Gemeindemitgliedern gegenüber (unter denen es durchaus auch wirkliche Freunde gibt, die zu ihr stehen).

What could I do? My needlework teacher suffered from a problem of vision. She recognized things according to expectation and environment. If you were in a particular  place, you expected to see particular things. Sheep and hills, sea and fish; if there was an elephant in the supermarket, she’d either not see it at all, or call it Mrs Jones and talk about fishcakes. But most likely, she’d do what most people do when confronted with something they don’t understand: Panic. (p. 58)

Auch den so schrecklich „strenggläubigen“ Frauen – die Männer spielen in dem Buch so gut wie keine Rolle, man fragt sich öfter, wo verflixt noch mal der Vater steckt – möchte man am liebsten helfen, weil sie wirklich von Herzen davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Und weil sie so grauenhaft blind gegenüber ihren eigenen Ängsten und Sehnsüchten sind. Sie benutzen Religion als Krücke für ihr verkrüppeltes Ich-Bewusstsein, als Opium, als Scheinwelt und Gegenwelt, als Mantel für ihre Ängste, als Machtmittel, als Schild gegen unangenehme Fragen, als Entschuldigung für Härte und Lieblosigkeit. Aber sie können und können es nicht sehen. Eher spüre ich so etwas wie Erschöpfung bei der Erzählerin, letztlich doch den Fängen dieser Prägung entronnen zu sein.

Man ahnt: Wer nach dieser Kindheit nicht gebrochen und zerbrochen ist, wird Stärke gewonnen haben. Sie sagt selbst in dem Interview mit Jennifer Byrne, dass – so seltsam das auch klingt – wahrscheinlich ihre Stiefmutter der Grund ist, weshalb sie Schriftstellerin geworden sei. Sie sei, um nicht kaputtzugehen, gezwungen gewesen, der Dominanz und den Worten dieser Frau etwas Eigenens entgegenzusetzen.

Und die Leser haben keinen Grund, sich selbstgefällig zurückzulehnen, die Frage gilt: Woher wissen wir, dass wahr ist, was wir für unumstößlich wahr halten?

Also sicherlich nicht das letzte Buch, das ich von Jeanette Winterson gelesen habe.

Die beste Interpretation des Buches stammt von der Autorin selbst, veröffentlicht im Vorwort zu der Vintage-Ausgabe von 2001:

Oranges is a threatening novel. It exposes the sanctity of family life as something of a sham; it illustrates by example that what the church calls love is actually psychosis and it dares to suggest that what makes life difficult for homosexuals is not their perversity but other people’s. Worse, it does these things with such humour and lightness that those disposed not to agree find that they do. […] Oranges is a comforting novel. Its heroine is someone on the outside of life. She’s poor, she’s working class but she has to deal with the big questions that cut across class, culture and colour. Everyone, at some time in their life, must choose whether to stay with a ready-made world that may be safe but which is also limiting, or to push forward, often past the frontiers of commonsense, into a personal place, unknown and untried. In Oranges this quest is one of sexuality as well as individuality. Superficially, it seems specific: an evangelical household and a young girl whose world is overturned because she falls in love with another young girl. In fact, Oranges deals absolutely with emotions and confrontations that none of us can avoid. First love, grief, rage, and above all courage, these are the engines that drive the narrative through the peculiar confines of the story. Fiction needs its specifics, its anchors. It needs also to pass beyond them. It needs to be weighed down with characters we can touch and know, it needs also to fly right through them into a larger, universal space. Oranges is comforting not because it offers any easy answers but because it tackles difficult questions. Once you can talk about what troubles you, you are some way towards handling it.

Is Oranges an autobiographical novel? No not at all and yes of course.

Mary Chase: Harvey (1944)

Diejenigen, denen der Name James Stewart noch etwas sagt, kennen das Theaterstück um den großen weißen Hasen Harvey wohl vor allem durch die Verfilmung (1950) mit Stewart, der mit weltverlorenem Charme den stets liebenswürdigen, möglicherweise verrückten Elwood P. Dowd verkörpert.

Mary McDonough Coyle Chase: Harvey (1945)

Die deutsche Fassung erschien unter dem Titel Mein Freund Harvey.

Für das Stück Harvey hat Mary McDonough Coyle Chase 1945 den Pulitzer-Preis für Theater bekommen. Die Geschichte selbst ist rasch erzählt:

Veta Louise Simmons möchte ihren Bruder Elwood P. Dowd in ‚Chumley’s Rest‘, einem Sanatorium für Geisteskranke, einweisen lassen. Zwar lebt sie mit ihrer Tochter Myrtle May bei ihm, da er das elterliche Haus geerbt hat, aber die Tatsache, dass der 47-jährige Elwood konsequent behauptet, sein bester Freund sei ein fast zwei Meter großer weißer Hase namens Harvey, sorgt ständig für peinliche Situationen und macht soziale Kontakte schwierig.

Veta und die geldgierige Myrtle befürchten, dass Myrtle mit einem ‚verrückten‘ Onkel niemals einen Ehemann finden wird. Also soll er mit Hilfe des Anwalts der Familie ins Heim abgeschoben werden, obwohl Elwood herzensgut ist und sich im Laufe der Handlung die Hinweise mehren, dass Harvey womöglich doch existiert. Elwood bezeichnet ihn als Pooka, was im Stück erklärt wird:

From old Celtic mythology. A fairy spirit in animal form. Always very large. The pooka appears here and there, now and then, to this one and that one, at his own caprice. A wise but mis-chie-vi-ous creature. Very fond of rum-pots…

Martin Schulze bezeichnet in seiner Geschichte der amerikanischen Literatur von 1999 das Stück als unterhaltsame Komödie um einen gutmütigen, aber verrückten Trunkenbold. Das greift meines Erachtens aber zu kurz, und auch die Verwechslung innerhalb des Sanatoriums, bei der für kurze Zeit Veta für die Geisteskranke gehalten wird und gegen ihren Willen den ersten Wasseranwendungen unterzogen wird, hat durchaus auch dunkle Untertöne. Rabiat wird sie von einem Pfleger entkleidet, denn gilt man erst einmal als verrückt, hat man das Recht auf Würde und Selbstbestimmung verspielt.

Veta will zwar das Beste für ihre Tochter, aber aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung will sie jemanden einweisen lassen, der niemandem etwas zu Leide tut und im Gegenteil seinen Mitmenschen ausnahmslos freundlich und wohlwollend begegnet. Er freut sich wie ein Kind, Menschen kennenzulernen (am liebsten im Pub), bietet ihnen seine und Harveys Freundschaft an und er nimmt sich die Zeit, ihnen zuzuhören und ihnen Komplimente zu machen. Ein einziges Mal ist er ungehalten, und zwar, als er von Mr Wilson, einem Pfleger in Chumley’s Rest, körperlich bedroht wird:

Mr Wilson – haven’t you some old friends you can go and play with?

Als Krankenschwester Kelly Mr Dowd fragt, ob Doktor Sanderson das Fenster öffnen soll, weil es so warm sei, gibt Elwood die bezeichnende Antwort:

Well, that’s up to him, isn’t it? I wouldn’t presume to live his life for him.

Er ist von entwaffnender Unschuld und kann nur Gutes in seinen Mitmenschen sehen. Als er erfährt, dass seine eigene Schwester innerhalb eines Nachmittages alles getan und geregelt hat, um ihn einweisen zu lassen, ist er voll des Staunens:

And Veta did all that in one afternoon? My, she certainly is a whirlwind!

Dem leitenden Arzt verrät er sein Lebensmotto:

Doctor, when I was a little boy, my mother used to say to me, „Elwood“ – she always called me „Elwood“ – „as you go through life you must be either ‚oh, so smart,‘ or ‚oh, so pleasant.'“  For years – I was smart. I recommend pleasant. You may quote me.

Für mich ist das Stück (und die kongeniale Verfilmung) weniger eine triviale Komödie, die den braven Geschmack der fünfziger Jahre bedient, sondern vielmehr ein Märchen über unsere Sehnsucht nach grundloser Menschenfreundlichkeit, die selbst Argwohn, Missgunst und Eigennutz überwindet.

Claudia Metz; Klaus Schubert: Abgefahren (1999)

Die Motoren laufen. Beide. Gleichmäßig stampfen sie in beruhigendem Rhythmus. Heute geht es los. Wir erreichen die Autobahn und beschleunigen auf 120. Abgefahren – endlich! Die Hochhäuser des Kölner Nordens bleiben hinter uns zurück. Ein Autofahrer schließt rechts auf, kurbelt das Fenster runter und ruft: ‚Wo soll es denn hingehen?‘ ‚Nach Japan!‘ brülle ich zurück. Er lacht erst, schaut noch mal rüber und schüttelt den Kopf. Soll er denken, was er will. Mir geht es auf einmal viel besser. Jetzt habe ich unser Ziel ausgesprochen. Wir sind tatsächlich unterwegs.

So beginnen die Reiseerinnerungen von

Claudia Metz; Klaus Schubert: Abgefahren – In 16 Jahren um die Welt (1999)

Klaus, Zivildienstleistender (23) und seine Freundin Claudia (20) versprechen der Schwester von Klaus, sie in Japan zu besuchen. Und so fahren sie 1981 mit ihren Motorrädern los. Geplant sind 10 Monate, doch sie stellen fest, dass es viel zu anstrengend ist, sich an feste Kilometerzahlen zu halten. Außerdem sieht man zu wenig von Land und Leuten, wenn man nur hetzt, also beschließen sie, als sie in Indien ankommen, sich die Zeit zu lassen, die sie brauchen. Insgesamt 16 Jahre.

Bin erst auf S. 81 von 318 und ein bisschen enttäuscht. Die beiden erleben auf ihrer Weltreise ‚Planet Earth Expedition‘ so unglaublich viel – ihre Schutzengel müssen ständig in Alarmbereitschaft gewesen sein. Überfälle, Bürokratie, wunderschöne Landschaften, Hilfsbereitschaft der Einheimischen, korrupte Beamte, Unfälle, Frauenfeindlichkeit, rechtlose Gebiete, wo Banditen das Sagen hatten, andere Kulturen, Begegnungen mit anderen Reisenden, lebensgefährliche Straßenverhältnisse, Arbeitserfahrungen … Aber um als Leser da mitzukommen, ist das manchmal zu straff hintereinander aufgereiht. Der Verlag hatte wohl konkrete Vorstellungen von der Länge des Buches und am Ende musste gekürzt werden.

Vermutlich hätte das Buch eine bessere Betreuung gebraucht, entweder mehr Seiten oder eine behutsamere Kürzung, sodass vielleicht nicht alles hätte erzählt werden können, das dann aber im Detail, damit dieser doch einmalige Erlebnisbericht – der abwechselnd aus der Perspektive der Frau und des Mannes erzählt wird – auch für den Leser eine Wirkung entfalten kann und ich nicht einfach einer mal mehr, mal weniger oberflächlich geschilderten Stationenkette nachhecheln muss. Mir bleiben auch die beiden Hauptpersonen sehr fremd, da die Schilderung der Gefühle und Wahrnehmungen doch oft zugunsten der abenteuerlichen Handlung zurückstehen muss. Und ein bisschen knausrig bei der Zahl der gezeigten Fotos ist das Buch auch.

Über Neuseeland heißt es beispielsweise:

Irgendwie fühlten wir uns nicht willkommen in diesem Land. Dies war wohl ein subjektiver Eindruck, doch konnten wir nicht so recht nachvollziehen, was andere Reisende so von diesem Land schwärmen ließ – mit Ausnahme vielleicht der steilen Berge zwischen den Fjorden auf der Südinsel, wo sich die Abholzung zur Schaffung von Weideland nicht lohnte. (S. 66)

Unklar bleibt hier, was sie eigentlich erwartet haben und wieso sie die Schönheit Neuseelands nicht sehen konnten.

Diverse Aussagen zur Umweltzerstörung sind zwar richtig, wirken aber sehr schlicht, weil sie eben alle Fragen nach politscher Umsetzung oder der konkreten Veränderung unserer Konsumgewohnheiten ausklammern:

Mir wird dann immer wieder bewußt, welche Kraft die Natur hat, wie sehr wir Menschen in unserem Allmachtswahn glauben, sie völlig berechnen und bezwingen zu können. Wir sind dabei, die Grundlagen unseres Lebens zu zerstören. Doch die Natur als gestaltende Kraft wird bleiben. Sie hat Zeit. Unendlich viel Zeit. Verglichen damit dauert die menschliche Existenz nur einen Augenblick. Aber dennoch maßen wir uns an, mit unserer überschätzten Intelligenz in das natürliche Gleichgewicht beliebig eingreifen zu dürfen – ohne die Konsequenzen auch nur zu erahnen. Jeder Eingriff zieht unvorhersehbare Folgen nach sich, die mit immer neuen Eingriffen korrigiert werden. Ein Lauffeuer, das bald zum Flächenbrand wird, dem die menschliche Intelligenz am Ende vielleicht nichts mehr entgegensetzen kann – es sei denn, wir denken um und nehmen die Natur wieder ernst. (S. 68)

Ich weiß noch nicht, ob ich weiterlesen möchte.

Die beiden haben es übrigens nach ihrer Rückkehr nicht sehr lange in Deutschland ausgehalten und leben nun mit ihrer Familie auf einer Farm in Patagonien.

Paul Briscoe: My friend the Enemy (2007)

Kristallnacht 9 – 10 November 1938

At first, I thought I was dreaming, but then the rhythmic, rumbling roar that had been growing inside my head became too loud to be contained by sleep. I sat up to break its hold, but the noise got louder still. There was something monstrous outside my bedroom window. I was eight years old, and I was afraid.

So beginnen die Kindheitserinnerungen von

Paul Briscoe (with Michael McMahon): My friend the Enemy: An English Boy in Nazi Germany (2007)

Zum Inhalt

Der Vater von Paul Briscoe stirbt, als Paul erst drei Jahre alt ist, und seine Mutter, die ihm keine Liebe zeigen kann und ihn eher als Last ansieht, versucht sich mit Sekretärinnenjobs und kleinen Zeitungsartikeln über Wasser zu halten.

Eher zufällig machen Mutter und Sohn 1934 Urlaub in Deutschland. Norah Briscoe verliebt sich in dieses „reizende“ und ordentliche Land und beschließt auf der Stelle, dass all die unschönen Dinge, die in den englischen Zeitungen über Nazi-Deutschland zu lesen sind, nichts als übelste Propaganda sind.

Und selbst ein Verhör bei der Gestapo aufgrund einer Namensverwechslung kommentiert sie später mit den Worten, dass ein Unschuldiger nie etwas von diesen Herren zu befürchten hätte. 1935 reist sie mit ihrem Sohn wochenlang durch Deutschland, um Material für ihre Artikel zu finden, und in den Zeiten, in denen sie nach England muss, um Abnehmer für ihre Texte zu suchen, lässt sie ihren kleinen Sohn in der Obhut einer deutschen Familie in Miltenberg/Bayern zurück. Dort findet der kleine Paul zum ersten Mal familiäre Geborgenheit und Liebe.

1936 geht Pauls Traum in Erfüllung. Er soll, weil er ins schulpflichtige Alter kommt, nun dauerhaft in Miltenberg bleiben, während seine Mutter nur alle paar Wochen oder Monate zu Besuch kommt. Er verlernt allmählich seine Muttersprache und nimmt ganz selbstverständlich die Werte seiner Umgebung und seiner Ersatzfamilie an. Und die Kristallnacht, die am Beginn dieser Erinnerungen steht, hat er nicht etwa als Opfer miterlebt, sondern – nach ein bisschen Ermutigung durch die Erwachsenen – als aktiver Täter, der sich, wenn auch nach kurzem Zögern, ob denn nicht etwa ein Erwachsener diesem bösen Treiben ein Ende setzen werde, ebenfalls voller Begeisterung an der Zerstörung der Miltenberger Synagoge beteiligt.

Als der Krieg ausbricht, kann ihn die Mutter nicht mehr rechtzeitig nach Großbritannien holen. Seine deutsche Ersatzfamilie adoptiert ihn, um ihm Ausweisung oder Gefangenschaft zu ersparen. Aus dem kleinen „Paulchen“ wird ein überzeugter Englandhasser und ein glühender Hitlerverehrer. Über seinen Eintritt in die Hitlerjugend schreibt er:

I was the proudest boy alive when I first put on my uniform: black shorts, brown shirt, and a scarf fastened round my neck with a leather knot. I made a solemn oath that dedicated the rest of my life to the Führer: In the presence of this blood banner which represents our Führer, I swear to devote all my energies and my strength to the saviour of our country, Adolf Hitler. I am willing and ready to give up my life for him, so help me God.

I meant it. I would have carved those words in my heart if they had asked me. I was even prouder when I became a fully qualified Pimpf by passing  the first test, the Pimpfenprobe. (S. 106)

Und während Paul sich in Miltenberg pudelwohl fühlt und wohl auch – von einem Lehrertyrannen abgesehen – akzeptiert wird, orientiert sich seine Mutter in England als glühende Hitler-Verehrerin im politischen Spektrum immer weiter rechts, verkehrt in faschistischen und antisemitischen Kreisen und versucht sich sogar als Spionin für Deutschland. Dabei gerät sie ins Visier der britischen Spionageabwehr. Sie wird überwacht und dabei ertappt, wie sie versucht, vertrauliche Unterlagen aus dem Versorgungsministerium nach Deutschland zu schmuggeln. Sie und ihre Freundin entgehen nur knapp dem Todesurteil und sie wird zu fünfjähriger Haft verurteilt, die sie allerdings nicht komplett verbüßen muss.

Paul geht derweil 1939 zum Kommunionsunterricht, um anschließend zum ersten Mal zu beichten und die Erstkommunion zu empfangen:

We were taught about mortal sins, which were so bad that they meant death to our souls and eternal damnation if we died without confessing them. I don’t suppose any of us eight-year-olds had committed any, but just to learn of their existence put the fear of God in us. We were taught about venial sins, which were not deadly in themselves, but which could put us in a state of mind in which committing mortal sins became more likely. We were told about ‚occasions of sin‘ – and how to avoid them. We were told about encouraging others to sin – and how that was a sin, too. We were taught how to make an examination of conscience and made to write out lists of the sins that our eight-year-old consciences informed us that we had committed – and then we had to learn those lists by heart so that we wouldn’t forget anything when the time came to make our first confession. […] When we were not learning what to feel guilty about in our R.E. lessons, we were learning about things to be proud of in the newsreels we watched on Saturday mornings. (S. 90)

Über seine erste Beichte schreibt Briscoe:

God only knows what sins I had committed or confessed to; I certainly can’t remember any of them now. But I do know that there was one thing that I didn’t confess, because nothing I had been taught suggested to me that it might have been sinful. I made no mention of my part in wrecking the Miltenberg synagogue. It didn’t occur to me for a moment that what I had done there was a matter a personal morality. (S. 91)

Das Interessante an dieser Autobiografie ist – neben den Einblicken in die damalige Faschistenszene in England -, wie Briscoe selbst seine Indoktrination erlebt hat. Damit gewinnen seine Kindheitserinnerungen eine gewisse Repräsentativität, obwohl sie von einem Briten stammen. Seine Ersatzfamilie schien eher zu den Mitläufern zu gehören.

I didn’t know I was being indoctrinated. I was ten years old. I wasn’t outraged to discover that the English were robbers and land-grabbers; I just accepted it as a historical fact. My real interest was in getting hold of the pictures I needed to complete my collection. I would have taken almost as much pleasure in cards of film stars. The fact that the Raubstaat England cards showed thrilling scenes of barbarity was a bonus. (S. 108)

Und wie so oft, sind es gerade die „Kleinigkeiten“, die so viel über die Denkweise der Nazis verraten. Bei einem Bombenangriff wird er an der Hand verletzt und bekommt vom Gruppenführer eine HJ-Bronzemedaille verliehen:

He gave a little speech that made it sound as if I had done something heroic, pointing out that if the arm had been amputated, I would have won a silver medal. (S. 158)

Nach Kriegsende lässt ihn seine Mutter gegen seinen Willen und gegen den Willen seiner deutschen Ersatzfamilie zurück nach England holen. Dort muss der junge Mann erst mühsam lernen, sich zu orientieren. Er hat nicht nur seine Muttersprache verlernt und leidet schrecklich an Heimweh, sondern muss auch das, was er nun über den Nationalsozialismus und die Judenvernichtung lernt, mühsam in sein Weltbild integrieren. So erzählt er bei einem Treffen von Exildeutschen in London noch ganz naiv von seiner Bronzemedaille der Hitlerjugend, bis ihn jemand eher mitleidig fragt, ob ihm klar sei, dass alle Anwesenden Juden seien.

Doch Paul geht seinen Weg. Er wird später Lehrer für Holzverarbeitung und Deutsch, gründet eine Familie und hält den Kontakt zu seinen deutschen Freunden. 2010 starb er im Alter von 80 Jahren.

Anmerkungen

Aufmerksam auf dieses lesenswerte Buch wurde ich durch die Rezension von Tom Cunliffe zu The Perfect Nazi von Martin Davidson auf seinem interessanten Blog A Common Reader. Dort hatte er zu Recht gestöhnt, dass der Leser keinen wesentlichen Erkenntnisgewinn habe und stattdessen lieber Briscoes Buch oder „Bomber County“ von Daniel Swift lesen solle.

Tom Cunliffe schreibt: „It is a relief to read that Paul was able to build a good life for himself in England despite his extremely bizarre childhood. This is an excellent book, recounting as it does a unique story, but with the compassion and understanding years of reflection have brought to it. Apart from Paul’s remarkable story and his unique perspective on the Nazi movement, anyone who wishes to understand more about the way “ordinary” German people thought during the war years will find this book a rich source of material.“

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Ben Aaronovitch: Rivers of London (2011)

It started at one thirty on a cold Tuesday morning in January when Martin Turner, street performer and, in his own words, apprentice gigolo, tripped over a body in front of the East Portico of St Paul’s at Covent Garden. Martin, who was none too sober himself, at first thought the body was that of one of the many celebrants who had chosen the Piazza as a convenient outdoor toilet and dormitory. Being a seasoned Londoner, Martin gave the body the ‚London once-over‘ – a quick glance to determine whether this was a drunk, a crazy or a human being in distress. The fact that it was entirely possible for someone to be all three simultaneously is why good-Samaritanism in London is considered an extreme sport – like base-jumping or crocodile-wrestling.

So beginnt der erste Band einer Reihe um den Polizisten Peter Grant:

Ben Aaronovitch: Rivers of London (2011); auf Deutsch: Die Flüsse von London

Zum Inhalt

Peter Grant, ein junger Polizist, der am Ende seiner zweijährigen Probezeit unbedingt vermeiden möchte, dauerhaft auf der Schreibstube eingesetzt zu werden, muss eines Morgens einen Tatort bewachen, bis seine Kollegen eintreffen. Dabei wird er von einem Geist angesprochen, der ihm Details zum Tathergang nennt, die eigentlich nur ein Augenzeuge wissen kann. Dass Peter zunächst gar nicht an die Existenz von Geistern glaubt, macht das Verhör des Zeugen nicht gerade einfacher.

Nachdem Grant Bericht erstattet hat, wird er erstaunlicherweise von seinen Vorgesetzten nicht für verrückt erklärt, sondern stattdessen in die Lehre bei Inspector Nightingale geschickt, der zaubern kann und ihm nun mühsam alte Sprachen und die ersten Zauberkunststücke beibringt. Ohne zu viel vorwegzunehmen, es geht um den Geist eines längst verstorbenen Schauspielers, der nun auf einen immer stärker außer Kontrolle geratenden Feldzug geht. Nightingale und Grant sollen ihn stoppen und so nebenher noch die zwei verfeindeten Clans der Themse-Flussgottheiten dazu bringen, den vereinbarten Waffenstillstand zu halten.

Der Leser erfährt nicht nur etwas über die Geschichte der Flüsse Londons, den „Großen Gestank“ (the Big Stink) von 1858, als der Gestank der Abfälle in Teilen Londons schier unerträglich wurde, sondern gewinnt auch Einblicke in einige kulturhistorische Besonderheiten und Orte, vor allem Covent Garden.

Fazit

Zunächst war ich sehr angetan und fragte mich, wie die Briten das bloß immer wieder hinbekommen, so schräge und witzige Geschichten zu schreiben. Das Buch beginnt spannend und mit trockenem Humor, z. B. als Peter versteht, dass Nightingale kein ganz alltäglicher Vorgesetzter ist:

‚You put a spell on that dog,‘ I said as we left the house. ‚Just a small one,‘ said Nightingale.
‚So magic is real,‘ I said. ‚Which makes you a … what?‘
‚A wizard.‘
‚Like Harry Potter?‘ Nightingale sighed. ‚No,‘ he said, ’not like Harry Potter.‘
‚In what way?‘
‚I’m not a fictional character,‘ said Nightingale. (S. 45)

Mal ganz abgesehen von der ständigen Wiederholung des Wörtchens ’said‘ in so einem kurzen Absatz verlor die Geschichte selbst für mich allmählich ihren Reiz.

Zwischendurch wird der Handlungsfaden zu dünn, die Charaktere werden nur noch durch die Handlung gehetzt und ich hatte keine Lust mehr, tröpfenweise hirnverbrannte Theorien übers Geisterwesen zu lesen.

Der Londonist schrieb am 28. Januar 2011:

Believability is also its flaw. The main character seems unfazed to learn the truth about ghosts and vampires and water spirits. Maybe it’s his police training, but we suspect even a constable of the force would go through some kind of personal struggle after witnessing the mutilation of innocent faces, or upon discovering he could conjure up balls of fire. Emotion is almost entirely absent. If you’re looking for a deep novel, this is more trickling Walbrook than mighty Thames.

Der Leser erfährt zu wenig über die Regeln, nach denen diese ausgedachte Welt funktioniert. Die Geistesblitze, die Peter dann hin und wieder hat, kommen sehr aus heiterem Himmel.

Eine Bloggerin schrieb, sie habe den Eindruck gehabt, Aaronovitch habe zwar immer gewusst, wo er hinwollte, nicht jedoch, wie er dahin kommen könnte. Mir ging es eher so, dass ich befürchtete, Aaronovitch hätte eine Seite zuvor auch noch nicht mehr gewusst als der Leser.

Am Ende war ich noch nicht mal mehr an der Auflösung interessiert. Die Nachfolgebände also ohne mich.

Aaronovitchs Fans seien hier aber noch auf seinen Blog hingewiesen.

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch (1957)

Als ich an Bord des Dampfers ging, sah ich, hörte und roch ich, daß ich eine Grenze überschritten hatte […] hier auf dem Dampfer war England zu Ende: hier roch es schon nach Torf, klang kehliges Keltisch aus Zwischendeck und Bar, hier schon nahm Europas soziale Ordnung andere Formen an: Armut war nicht nur „keine Schande“ mehr, sondern weder Ehre noch Schande: sie war – als Moment gesellschaftlichen Selbstbewußtseins – so belanglos wie Reichtum…

So beginnt das nach wie vor lesenswerte Buch

Heinrich Böll: Irisches Tagebuch (1957)

Zur Entstehung

Böll, der eine besondere Beziehung zu Irland hatte und gemeinsam mit seiner Frau mehrere irische Autoren ins Deutsche übersetzte, hielt sich 1954 mehrere Monate in Irland auf und die daraus resultierenden „Irland-Impressionen“ wurden zunächst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht. Daraus entstand 1957 das literarisch durchgestaltete „Tagebuch“.

Zum Inhalt

In 18 Kapiteln umkreist Böll verschiedene Themen und Wahrnehmungen, die ihn auf seiner Reise beschäftigen: die Trinkfreudigkeit der Iren, die Armut (viele Kinder laufen auch im Herbst barfuß zur Schule) sowie die damit eng verknüpfte seit jeher enorm hohe Auswanderungszahl. Aber auch die Frömmigkeit (sichtbar z. B. an den Neon-Heiligenscheinen in den vielen Kirchen), den Regen, ein verlassenes Dorf, den Smalltalk und die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen.

Dann wieder geht es um die herbschöne Landschaft, das Prasseln der Torffeuer oder das Warten einer jungen Arztgattin, deren Mann auf halsbrecherischen Küstenstraßen zu einer Hochschwangereren fährt, um ihr bei der Geburt beizustehen. Der werdende Vater wird auch diese Geburt nicht miterleben, da er nur in England genügend Geld für seine Familie verdienen kann. Als Dankeschön wird der Arzt entlohnt wie ein König, und zwar mit dem uralten Kupferkessel der Familie, der angeblich noch von einem Schiff der Armada stammen soll.

„Nur die Anfangs- und Schlußkapitel geben mit Ankunft und Abfahrt des Erzählers und seiner Familie in Irland einen Rahmen, der den Erlebnischarakter und die Besucherperspektive betont. Dazwischen aber reihen sich Episoden, die verschiedene Seiten und Aspekte irischen Lebens, durchaus in seiner alltäglichen Widersprüchlichkeit und Vertracktheit, hervortreten lassen. Oft scheint der Erzähler einfach Selbsterlebtes zu berichten, dann gewisse Erlebnisse, Wahrnehmungen, Personen fiktional zu verlängern, weiterzuspinnen bis sie zu einer abgerundeten Erzählung werden. Die Grenze zwischen Reisebericht und Fiktion ist also nicht streng gezogen; aber gerade in der fiktiven, bisweilen phantastischen Verlängerung des Tatsächlichen […] erweist sich der Blick des Dichters für die Eigenart des Landes.“ (Jochen Vogt: Heinrich Böll, Beck, München 1987, S. 59)

Fazit

Das Motto, das Böll dem Buch vorangestellt hat, gilt über 50 Jahre später natürlich erst recht, wenn auch anders als damals:

Es gibt dieses Irland; wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.

Irland hat in den letzten Jahrzehnten rasante und tiefgreifende Veränderungen erlebt, so dass das Buch schon fast dokumentarischen Charakter hat. Aber darüber hinaus ist es wunderschön zu lesen, nur ganz ganz selten rutscht Böll in die sprachliche Kitschkiste, so wenn er z. B. schreibt:

Entjungfert, ihres Siegels beraubt waren die Milchflaschen; grau, leer, schmutzig standen sie vor Türen und auf Fensterbänken, warteten traurig auf den Morgen, an dem sie durch ihre frischen, strahlenden Schwestern ersetzt werden würden, und die Möwen waren nicht weiß genug, das engelhafte Strahlen der unschuldigen Milchflaschen zu ersetzen… (S. 62)

Was so schön ist, das Buch strahlt eine Ruhe, eine Beruhigung aus, die vielleicht daher kommt, dass Böll so genau hingesehen und sich den Menschen und Eindrücken geöffnet hat, die ihm unterwegs begegnet sind. Diese Augen und Ohren und diese Nachdenklichkeit wünscht man sich als Reisender. Und natürlich liest man es unterschwellig als Vergleich und Kommentar zum Nachkriegsdeutschland.

Nach wie vor gilt:

‚Als Gott die Zeit machte‘, sagen die Iren, ‚hat er genug davon gemacht.‘ Zweifellos ist dieses Wort so zutreffend wie des Nachdenkens wert: stellt man sich die Zeit als einen Stoff vor, der uns zur Verfügung steht, um unsere Angelegenheiten dieser Erde zu erledigen, so steht uns zweifellos genug davon zur Verfügung, denn immer ist ‚Zeit gelassen‘. Wer keine Zeit hat, ist ein Ungeheuer, eine Mißgeburt… (S. 70/71)

Schade nur, dass über die konkreten Hintergründe und Gastgeber der Reise so wenig gesagt wird.

Anmerkung

Abschließend sei Zuckmayer zitiert, der ebenfalls dem Charme dieses Buches erlegen war:

„Das Irische Tagebuch – da ist alles locker und frei, auch das Beiläufige und nebenher Erzählte groß angelegt und wunderbar gesagt, Landschaft, Verhältnisse, Menschen, wenn auch nur wie mit einer Fahrradlampe kurz angeschnitten, gewinnen Kontur, prägen sich ein, nie wird eine verstimmende Absicht fühlbar, so stark und eindringlich auch das Denken und Empfinden des Mannes hervortritt, der hier seine Notizen poetisch zusammenfaßt und damit eine Welt und seine Persönlichkeit projiziert, man wird in diese Welt mitgenommen, man war weit weg, von Deutschland, von Europa, von der Aufdringlichkeit unserer Gegenwart, man hat eine lange, wunderliche Reise getan und merkt am Ende, daß man – heimlich geleitet – genau bei sich selbst angekommen ist, bei dem, was man ist oder sein sollte, was man am Leben liebt, worum man bangt und fürchtet, worauf man hofft, woran man glauben darf. Ich halte dieses Buch für eines der schönsten und wertvollsten, die in den letzten fünfzig Jahren geschrieben worden sind.“ (Carl Zuckmayer: Gerechtigkeit durch Liebe, in: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): In Sachen Böll: Ansichten und Einsichten, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1968, S. 52)

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