Fundstück

Die Erfindung der Schrift

wird die Lernenden in ihrer Seele vergesslich machen, weil sie dann das Gedächtnis nicht mehr üben; denn im Vertrauen auf die Schrift suchen sie sich durch fremde Zeichen außerhalb, und nicht durch ihre eigene Kraft in ihrem Innern zu erinnern. Also nicht ein Heilmittel für das Gedächtnis, sondern eines für das Wiedererinnern hast du erfunden. Deinen Schülern verleihst du aber nur den Schein der Weisheit, nicht die Wahrheit selbst. Sie bekommen nun vieles zu hören ohne eigentliche Belehrung und meinen nun, vielwissend geworden zu sein, während sie doch meistens unwissend sind und zudem schwierig zu behandeln, weil sie sich für weise halten, statt weise zu sein.

In diesem Ausschnitt aus dem Phaidros, einer der Schriften Platons, erzählt Sokrates von zwei ägyptischen Göttern. Der eine will dem anderen seine Erfindung der Schrift schmackhaft machen, doch der andere weist sie mit den oben genannten Worten zurück. Du liebe Zeit, vor über zweitausend Jahren hat Platon schon das Problem unseres sogenannten Informationszeitalters auf den Punkt gebracht.

Deborah Moggach: The Best Exotic Marigold Hotel (2004)

Muriel Donnelly, an old girl in her seventies, was left in a hospital cubicle for forty-eight hours. She had taken a tumble in Peckham High Street and was admitted with cuts, bruises and suspected concussion. Two days she lay in A & E, untended, the blood stiffening on her clothes. It made the headlines. TWO DAYS! screamed the tabloids.

So beginnt

Deborah Moggach: These Foolish Things (2004)

– später auch veröffentlicht unter dem Titel der Verfilmung: The Best Exotic Marigold Hotel

Eigentlich lautete der Titel These Foolish Things, aber dann wurde der Name der Verfilmung kurzerhand als Titel der folgenden Ausgaben verwendet.

Zum Inhalt

Eine Reihe britischer Pensionäre macht sich – aus den unterschiedlichsten Gründen – auf den Weg nach Indien, um dort in einem ehemaligen Hotel statt in heruntergewirtschafteten englischen Altersheimen ihren Lebensabend zu verbringen.

Muriel, die zwei Tage ohne Behandlung in einem Londoner Krankenhaus ausharren musste (weil sie sich weigerte, sich von einem „Darkie“ behandeln zu lassen), hofft, dort ihren Sohn zu finden, der wegen krimineller Machenschaften untergetaucht ist. Andere wiederum glauben, dass in Indien das Klima angenehmer und vor allem wärmer sei. Manch einem ist das England der Gegenwart auch fremd und bedrohlich geworden, während ein weiterer seinen Kindheitserinnerungen nachgehen möchte.

Und nicht zuletzt: Die Lebenshaltungskosten sind in Indien wesentlich günstiger als in Großbritannien, auch wenn man dann dafür in Kauf nehmen muss, dass die angebliche Krankenschwester eigentlich nur eine medizinische Fußpflegerin ist.

Letztendlich führt sie alle auch die Einsamkeit so weit weg von ihrem bisherigen Zuhause. Den erwachsenen Kindern will  man nicht zur Last fallen oder sie leben in der ganzen Welt verstreut, falls man überhaupt welche hat, doch die meisten der alten Herrschaften sind verwitwet oder geschieden, fühlen sich ungeliebt, nicht mehr gebraucht, ja „invisible“.

Fazit

Das Buch stellt einem die unbequeme Frage, wie man wohl selbst seinen Lebensabend verbringen wird. Und für die meisten von uns wird die Antwort wahrscheinlich nicht so zuckersüß ausfallen, und dass sich viele Fragen lösen, neue Lieben entstehen und der vermisste Sohn dann ausgerechnet durch unglaubwürdige Handlungsverrenkungen just an Weihnachten vor der Tür steht, ist nur für hartgesottene Kitschfans zu ertragen.

Allerdings gibt es einige durchaus treffende Seitenhiebe auf die unerfreulichen Entwicklungen in der britischen Gesellschaft: Rassismus, fehlende Integration, Kriminalität, die Einsamkeit im Alter.

Leider werden die indischen Protagonisten entweder als fremdartig, unverständlich oder als kindlich und alles Britische anhimmelnd gezeichnet.

Doch auch wenn die Charaktere ziemlich blass bleiben, selbst die zaghafte Ironie ändert daran nichts – als Film ist das bestimmt schön, zumal sie erstklassige Schauspieler engagiert haben, so ein Gute-Laune-Film, bei dem es wahrscheinlich nicht schlimm ist, dass man sich nicht immer streng an der Handlung des Buches orientiert hat.

Übrigens hat die Autorin ganz ernsthaft dafür plädiert, die Alten „outzusourcen“, z. B. nach Indien, da das einfach günstiger sei und wir schließlich alle so fürchterlich lange leben. Erste Projekte in diese Richtung gibt es inzwischen.

cnz 102

Julian Barnes: The Sense of an Ending (2011)

I remember in no particular order: –  a shiny inner wrist; –  steam rising from a wet sink as a hot frying pan is laughingly tossed into it; …

So beginnt der 2011 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnete Roman

Julian Barnes: The Sense of an Ending (2011)

Getraude Krueger übersetzte Vom Ende einer Geschichte ins Deutsche.

Zum Inhalt

Ein über Sechzigjähriger versucht, sich Rechenschaft über seine Vergangenheit zu geben. Dafür geht er zurück bis in die Schulzeit. Er erinnert sich an seine drei Freunde, seine erste Freundin, ein Wochenende, das er bei ihr zu Hause verbracht hat, und an all die Weggabelungen, an denen er Entscheidungen treffen musste.

Doch obwohl er um die Tücken der Erinnerung weiß und glaubt, mit seinem Leben – seiner Ex-Frau ist er nach wie vor freundschaftlich verbunden, Tochter, Enkelkinder und geregelte finanzielle Verhältnisse – im Reinen zu sein, muss er erkennen, wie verzerrt, ja fehlerhaft seine Wahrnehmung,  seine Weltdeutung gewesen sind. Und was er anderen damit angetan hat.

Fazit

Das klingt zuerst ein bisschen sperrig, ja spröde. Doch dann gerät man in einen Sog, und das Buch wird zu Recht vom Independent als ein „whodunnit of memory and morality“ bezeichnet.

Beeindruckend. Glasklare Sätze. Die Vergegenwärtigung unserer Endlichkeit und unserer Fehlbarkeit.  Und eine spannende Handlung.

This was another of our fears: that Life wouldn’t turn out to be like Literature. Look at our parents – were they the stuff of literature? At best, they might aspire to the condition of onlookers and bystanders, part of a social backdrop against which real, true, important things could happen. Like what? The things Literature was all about: love, sex, morality, friendship, happiness, suffering, betrayal, adultery, good and evil, heroes and villains, guilt and innocence, ambition, power, justice, revolution, war, fathers and sons, mothers and daughters, the individual against society, success and failure, murder, suicide, death, God. And barn owls. (S. 15)

Eigentlich muss man das Buch gleich noch einmal lesen, um möglichst viele Bezüge und Verweise zu erkennen.

You get towards the end of life – no, not life itself, but of something else: the end of any likelihood of change in that life. You are allowed a long moment of pause, time enough to ask the question: what else have I done wrong? (S. 149)

Anmerkung

Von Barnes wurde übrigens am 29. Juni 2012 der Artikel My Life as a Bibliophile im Guardian veröffentlicht, in dem er über die Rolle nachdenkt, die Bücher in seinem Leben als Leser, Sammler und Autor spielen:

And it was through books that I first realised there were other worlds beyond my own; first imagined what it might be like to be another person; first encountered that deeply intimate bond made when a writer’s voice gets inside a reader’s head. I was perhaps lucky that for the first 10 years of my life there was no competition from television […]

I was beginning to view books as more than just utilitarian, sources of information, instruction, delight or titillation. First there was the excitement and meaning of possession. To own a certain book – one you had chosen yourself – was to define yourself. And that self-definition had to be protected, physically. So I would cover my favourite books (paperbacks, inevitably, out of financial constraint) with transparent Fablon. First, though, I would write my name – in a recently acquired italic hand, in blue ink, underlined with red – on the edge of the inside cover. […]

I even started to sell books, which once would have seemed inconceivable. Not that this slowed my rate of acquisition: I still buy books faster than I can read them. But again, this feels completely normal: how weird it would be to have around you only as many books as you have time to read in the rest of your life. […]

I am more optimistic, both about reading and about books. There will always be non-readers, bad readers, lazy readers – there always were. Reading is a majority skill but a minority art. Yet nothing can replace the exact, complicated, subtle communion between absent author and entranced, present reader.

Jakob Arjouni: Der Heilige Eddy (2009)

„Darf ich Ihnen mal ein Kompliment machen…‘

Herr Deger- oder Dregerlein, Eddy konnte sich den Namen einfach nicht merken, warf einen kurzen Blick auf die wenigen verbliebenen Gäste, ob ihm auch keiner zuhörte, ehe er sich über den Teller mit leeren Austern- und Krabbenschalen beugte und mit gesenkter Stimme sagte: ‚Ich komme jetzt schon zum dritten Mal zur Combär nach Berlin, aber ehrlich gesagt, Sie sind der erste wirklich nette Mensch, den ich hier treffe.‘

‚Na ja, genau genommen und im wahrsten Sinne des Wortes habe ja ich Sie getroffen.‘ Eddy lächelte verlegen, und Herr Deger- oder Dregerlein lehnte sich herzlich lachend in den Stuhl zurück.

„Na, da haben Sie natürlich recht! So ein dummer Unfall aber auch! Wie in einem dieser Filme, nicht wahr? Auf einer Banane!‘

In Wahrheit war Eddy fast zwei Stunden im neuen Hauptbahnhof herumgeschlendert, ehe er glaubte, mit Deger- oder Dregerlein endlich den idealen Mann gefunden zu haben…

So beginnt

Jakob Arjouni: Der Heilige Eddy (2009)

Zum Inhalt

Das erste Kapitel ist vielversprechend. Köstlich, wie der Kleinkriminelle und Trickbetrüger Eddy hier die Manipulierbarkeit des Herrn Dregerlein, eines Messebesuchers, ausnutzt und sich so in den Besitz einer nicht unerheblichen Menge Geldes bringt.

Eddy, der Gewalt als stillos verabscheut, hat dann allerdings das Pech, später ungewollt einen der reichsten Männer Berlins zu Tode zu bringen.

Daraufhin entspinnt sich eine Geschichte, in der zum einen die Leiche beseitigt werden muss und in der er sich in die – natürlich wunderschöne – Tochter des Verstorbenen verliebt und – oh Wunder – diese Liebe wird erwidert. Doch nun plagt Eddy sein Gewissen, denn niemand weiß, dass er der Mörder ihres Vaters ist, und gleichzeitig möchte er seine neue Liebe nicht mit einer solchen Lüge beginnen. Was also tun?

Fazit

Von einigen als gesellschaftskritischer Roman hochgejubelt, für mich eine komplett hanebüchene Story, die dringend noch mal überarbeitet hätte werden müssen.

Jakob Arjouni: Hausaufgaben (2004)

Joachim Linde, Deutschlehrer am Reichenheimer Schiller-Gymnasium, sah auf die Uhr.

‚… Also dann versucht doch mal in den zwanzig Minuten, die uns noch bleiben – auch ruhig unter dem Eindruck des vorhin gelesenen Walser-Texts -, zu beschreiben, was ihr meint, welchen Einfluß das Dritte Reich heute, fast sechzig Jahre später, auf euer Leben hat.‘

Linde verschränkte die Arme, lehnte sich gegen die Tafel und ließ den Blick über die Gesichter des Deutsch-Oberstufenkurses ‚Deutsche Nachkriegsschriftsteller und ihre Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich‘ streifen. Zweiundzwanzig Mädchen und Jungen im Alter von siebzehn bis zwanzig, die im Moment, wie Linde glaubte, nur im Kopf hatten, wo sie das verlängerte Wochenende verbringen würden.

So beginnt:

Jakob Arjouni: Hausaufgaben (2004)

Zum Inhalt

Nun, nach der aus den Fugen geratenen Deutschstunde, in der ein Schüler den Großeltern einer Mitschülerin die nachträgliche Vergasung wünscht, kann sich Lehrer Linde – ein Unsympath, wie er im Buche steht – dann auch noch das geplante Wanderwochenende in der Mark Brandenburg abschminken. Stattdessen fliegt ihm sein Familienleben bzw. der Scherbenhaufen, der davon noch übrig ist, um die Ohren.

Fazit

Lehrer sind in der Literatur ja immer wieder so richtige Sympathieträger (siehe Der Hals der Giraffe), aber das ist wirklich klug gemacht, wie hier zwei Bedeutungsebenen miteinander verschränkt werden: Linde, der sich sein Familienleben und seine Rolle als Vater schönlügt, bis sich die Balken biegen, und die Frage nach der Vergangenheitsbewältigung der Deutschen, die sich ihre blinden Flecken in der Wahrnehmung genauso wenig eingestehen können bzw. wollen.

Anmerkungen

Jutta Person schreibt am 5. Oktober 2004 in der Süddeutschen Zeitung zu Recht von der „boshafte(n) und gelegentlich hohntriefende(n) Erzählstimme“, die das Buch kennzeichne. „Denn die pädagogischen Phrasen von der ‚engagierten Diskussion‘, die Arjouni seiner Hauptfigur in den Mund legt, fallen mit parodistischem Krachen auf Linde zurück. Sätze wie ‚Ich denke, das würde uns allen helfen, konstruktiver miteinander umzugehen. Auch und gerade mit unseren Fehlern‘ lehren einen das Gruseln angesichts der Gemeinheiten dessen, der sie äußert.“

Arjouni starb im Januar 2013 im Alter von 48 Jahren an Krebs. Der Spiegel hält in seinem Nachruf Hausaufgaben für das am meisten unterschätzte Werk des Autors: „Vielleicht das böseste Buch, das je über Pädagogen und ihre Weltverbesserungslügen geschrieben wurde.“

Und wenn wir schon dabei sind, noch ein weiteres Zitat zu Lehrern:

Im übrigen war Marugg, wie viele Lehrer, nicht sonderlich lernfreudig, belehrte aber unablässig, und statt wirklich zuzuhören, wenn andere sprachen, lauerte er mit rüsselförmigem Mund auf ein Stichwort.

aus: Markus Werner: Bis bald (1992)

cnz 198

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind (2006)

15. Jänner

Betreff: Abbestellung

Ich möchte bitte mein Abonnement kündigen. Geht das auf diesem Wege? Freundliche Grüße, E. Rother.

So beginnt

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind (2006)

Zum Inhalt

Durch einen Zufall ergibt sich eine E-Mail-Bekanntschaft zwischen Emma und Leo – beide in den Dreißigern, sie verheiratet. Obwohl sie in derselben Stadt leben, scheuen sie die gesamte Geschichte hindurch vor einem Treffen zurück und verpassen so den geeigneten Zeitpunkt, ihre virtuelle Beziehung zu beenden.

Es kommt, wie es kommen muss: Sie verlieben sich ineinander bzw. in das Bild, das sie sich voneinander gemacht haben. Gegen Ende des Buches – wie gut, dass man in solchen Büchern immer so tolle Jobs hat, wo das möglich ist – setzt sich Leo erst mal für ein Jahr nach Boston ab, um Abstand von seiner virtuellen Freundin zu finden.

Vermutlich gibt es in Boston noch kein Internet…

Fazit

Die Geschichte beginnt leicht und verspielt wie eine Vogelfeder. Und ja, die ersten Schritte des Kennenlernens, der Schmetterlingsgefühle, des Flirts werden hier schlagfertig und witzig in die Sprache der E-Mails übertragen.

Irgendwann fängt aber besonders Emma an, mir ein bisschen auf die Nerven zu gehen. Sie hat den Tiefgang einer Briefmarke und weigert sich beharrlich, die naheliegendsten Fragen zu stellen: Was passiert hier eigentlich? Wo wird das hinführen? Was tue ich meinem Mann und meinen Stiefkindern mit dieser virtuellen Affäre eigentlich an?

Sie will auf diese Mails nicht mehr verzichten, diese sollen ihr den Alltag verzuckern und aufregend machen. Das mag realistisch sein, wird aber überhaupt nicht als problematisch wahrgenommen oder gar mal reflektiert.

Und richtig gruselig wird es, als dann noch ihr Ehemann, ein Konzertpianist (was sonst), in den E-Mail-Kontakt einsteigt und einen grauenhaft unglaubwürdigen Brief an Leo schreibt mit der flehentlichen Bitte, dass dieser sich doch endlich mit seiner Frau treffen, ja und bitte auch mit ihr schlafen möge, damit er dann die Chance habe, mit einem realen Konkurrenten um seine Frau zu kämpfen.

Außerdem, um noch ein bisschen weiter an diesem Lifestyle-Zeitgeist-Lebensabschnittsgefährten-Roman herumzumäkeln, sind Emma und Leo Namen, die in den Siebzigern, als die Hauptpersonen geboren sein müssten, überhaupt nicht vorkamen. Aber Sabine und Klaus oder Frank und Claudia klingt ja auch irgendwie uncool.

Oliver Jungen schrieb am 07. November 2006 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Glattauer hat beiden Figuren eine apodiktisch-lakonische Schlagfertigkeit verliehen. Daß die Personen dabei gewisse Konturen, aber keinerlei Tiefe erhalten, ist Programm (für die „Longlist“ des „Deutschen Buchpreises“ hat es gereicht) und Problem des Buches (für die „Shortlist“ reichte es nicht). Was zunächst vielfach bezogener Realismus zu sein verspricht, entpuppt sich schnell als eindimensionaler Verismus: Liebe in Zeiten des Tralala. Der „Hins“ und der „Hers“ zwischen Faszination und Bockigkeit sind deutlich zu viele. Bei aller durchaus vorhandenen Anmut der Tändelei: Millionen von Posteingangsfächern sehen ganz ähnlich aus.

Bliebe zu fragen, woher Herr Jungen das weiß…

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