Colin Dexter: Last Bus to Woodstock (1975)

„Let’s wait just a bit longer, please,“ said the girl in dark-blue trousers and the light summer coat. „I’m sure there’s one due pretty soon.“

She wasn’t quite sure though, and for the third time she turned to study the time-table affixed in its rectangular frame to Fare Stage 5.

So beginnt der erste der insgesamt dreizehn Kriminalromane um den englischen Inspector Morse:

Colin Dexter: The last Bus to Woodstock (1975); auf Deutsch: Der letzte Bus nach Woodstock

Zwei junge Frauen verpassen den Bus und trampen. Wenig später wird die eine tot auf dem Parkplatz einer Kneipe aufgefunden, doch weder der Autofahrer, der die beiden mitgenommen hat, noch die zweite Anhalterin melden sich bei der Polizei.

Habe den Roman vielleicht zu häppchenweise gelesen, deshalb kam er mir etwas „unflüssig“ vor. Dennoch hat er mir erst einmal gefallen. Es geht nicht um die möglichst detaillierte Schilderung eines abscheulichen Verbrechens. Viele falsche Spuren, die Auflösung clever, auch wenn das Motiv an den Haaren herbeigezogen war. Und die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen Morse und Sue auch nicht wirklich nötig.

Fundstück

Als ich ein kleiner Junge war, durften wir uns nur ein Buch pro Woche aus der Bibliothek leihen. Eines Tages kam ich nach Hause und erzählte meinen Eltern,  dass ich in der Bibliothek ein wunderbares Buch gesehen hätte – das man jedoch leider nicht ausleihen dürfe. Meine Eltern fragten: ‚Was für ein Buch?‘ Und ich sagte: ‚Die Encyclopaedia Britannica‘. Kurz darauf stand sie bei uns im Regal. Ich war damals zehn oder zwölf, das muss also um 1919 gewesen sein. Als ich mit dem Studium anfing, hatte ich sie durch. Ich hatte vier Geschwister, und nach der Schule konnten wir es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und die Britannica zu lesen. 

Michael Ellis DeBakey, Herzchirurg (1908 – 2008)

Fundstück

Ein Fundstück aus der ZEIT

London. U-Bahn-Haltestelle Westminster. Ein altes Ehepaar betritt das Abteil. Beide mindestens 90, sie gebückt und am Stock gehend, er zitternd und mit Hut. Sie halten sich an den Händen. Wie auf Kommando erheben sich alle Leute von ihren Plätzen. Die Alten nicken dankend und setzen sich mühsam. Er nimmt den Hut ab. Schaut versonnen lächelnd in die Runde. Dann beugt er sich zu seiner Frau, küsst sie auf die Wange und sagt seufzend: „We must look old, my dear.“

Leserzuschrift von Hannah Ruhm, 12. Mai 2010

Cecil Scott Forester: Payment deferred (1926)

‘Be quiet, children,‘ said Mrs Marble. ‘Can’t you see that your father’s busy?’ So he was. He propped his aching forehead on his hand, and tugged at his reddish moustache in an unhappy attempt at concentration. It was difficult to keep thinking about these wretched figures all the time, and it would have been even if Winnie did not try to poke John with a ruler in the intervals of squirming and muttering over her geometry homework.

So beginnt der 1926 erschienene Kriminalroman:

Cecil Scott Forester: Payment deferred (1926)

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Zahlungsaufschub.

Zum Inhalt

Mr Marble, Familienvater und hoch verschuldet, wittert seine Chance, als eines Abends überraschend sein wohlhabender und kürzlich verwaister Neffe vor der Tür steht. Ohne das Wissen seiner Familie bringt er ihn noch in der gleichen Nacht um und verscharrt die Leiche im Garten. Niemand kommt ihm auf die Spur, da niemand den jungen Mann vermisst, der erst kürzlich aus Australien zurückgekehrt war.

Fazit

Das  Ganze ist nur bedingt ein Kriminalroman, denn der Täter steht ja von vornherein fest. Es geht also eher um die Frage, ob er zur Rechenschaft gezogen werden wird.

Darüber hinaus funktioniert die Geschichte aber sehr gut als Charakterstudie: Wie verändert sich der Mörder durch die Angst, entdeckt zu werden?

Interessant fand ich, dass es dem Autor gelingt, dass ich mir immer wieder die Tat selbst vorstellen musste, obwohl sie gar nicht geschildert wird.

Ansonsten war es ein unangenehmes Buch, da alle Hauptpersonen so unglaublich unsympathisch sind – die einzige Ausnahme überlebt nur wenige Seiten. Der sagenhafte Reichtum, den er schließlich erwerben kann, bringt ihm kein Glück.

Vicki Myron: Dewey: The Small-Town Library Cat Who Touched the World (2008)

There is a thousand-mile table of land in the middle of the United States, between the Mississippi River on the east and the deserts on the west. Out here, there are rolling hills, but no mountains. There are rivers and creeks, but few large lakes. The wind has worn down the rock outcroppings, turning them first to dust, then dirt, then soil, and finally to fine black farmland.

So beginnt:

Vicki Myron: Dewey: The Small-Town Library Cat Who Touched the World (2008)

Auf Deutsch erschien die Geschichte unter dem Titel Dewey und ich: Die wahre Geschichte des berühmtesten Katers der Welt.

Es geht um die reizende Geschichte eines kleinen Kätzchens, das an einem bitterkalten Wintermorgen durch die Buchrückgabeklappe in der Bücherei der amerikanischen Kleinstadt Spencer in Iowa landet und dort in Form der Bibliothekarin Myron und ihrer Mitarbeiter die denkbar besten Adoptiveltern findet.

Die nächsten 19 Jahre wird die Bibliothek das Zuhause des menschenliebenden Katers, eine Fundgrube für viele Geschichten und Anekdoten, einschließlich der Lebensgeschichte Myrons.

Allerdings landet das Ganze auch schon mal jenseits der Kitschgrenze: Und so wird die Geschichte, die das doch gar nicht nötig hätte, aufgeladen mit hoffnungslos unkritischen Bemühungen, etwas unbedingt Patriotisch-Amerikanisches in das Ganze hineinzufabulieren:

That’s another of Spencer’s unique and valuable assets: its people. We are good, solid, hardworking Midwesterners. We are proud but humble. We don’t brag. We believe your worth is measured by the respect of your neighbors, and there is no place we’d rather be than with those neighbors right here in Spencer, Iowa. We are woven not just into this land, which our families have worked for generations, but to one another. (S. 202/203)

So geht das noch seitenlang weiter.

Die Vermenschlichung des Katers geht so weit, dass die Autorin ihm sogar zutraut, ihr durch seine Reaktionen deutlich zu machen, ob der Freund ihrer Tochter als Schwiegersohn geeignet ist. Schade.

Aber das Video auf Youtube http://www.youtube.com/watch?v=G8nSg8oxrfA kann man sich ruhig ansehen.

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Kjersti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich (OA 2009; deutsche Ausgabe 2011)

Ich habe schon immer gern Dinge zu Ende gebracht. Ohrenwärmer, Winter, Frühjahr, Sommer, Herbst. Epsilons Berufsleben. Die Sachen erledigt. Diese Ungeduld hatte Folgen, als Epsilon mir einmal eine Orchidee zum Geburtstag schenkte. Sie war nicht gerade mein größter Wunsch gewesen, ich habe nie verstanden, was die Leute an Blumen finden, die ohnehin eines Tages verwelken. Am meisten wünschte ich mir, dass Epsilon in Rente ginge.

So beginnt der Roman der Norwegerin:

Kjersti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich (2009) – übersetzt von Ursel Allenstein

Ein kleiner Roman von 142 Seiten um eine ältere, leicht verschroben wirkende Dame, die nach dem Tod des geliebten Mannes vor Einsamkeit schier vergeht und sich fragt, wie sie die Angst vor dem Sterben loswerden kann.

Zwar passt das Ende wunderbar zum ersten Satz, doch bleibt mir unklar, wie sie zu ihrer persönlichen Entscheidung kommt. Bin mir auch nicht sicher, ob ich über Alterseinsamkeit so einen skurril verbrämten Text lesen möchte. Ob das nicht doch wieder trivial und zu zuckrig ist.

Aber ein erstaunliches Debüt ist das allemal:

Ich muss mich schrittweise mehr und mehr mit dem Tod konfrontieren, allerdings ohne zu weit zu gehen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass es ein feiner Balanceakt ist, aber am Ende möchte ich damit leben können, sterben zu müssen.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (2011)

„Setzen“, sagte Inge Lohmark, und die Klasse setzte sich. Sie sagte: „Schlagen Sie das Buch auf Seite sieben auf“; und sie schlugen das Buch auf Seite sieben auf, und dann begannen sie mit den Ökosystemen, den Naturhaushalten, den Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen unter den Arten, zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt, dem Wirkungsgefüge von Gemeinschaft und Raum.

So beginnt:

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe: Bildungsroman (2011)

Ganz offensichtlich hätte ich vor dem Erwerb des Buches diesen ersten Satz lesen sollen, dann wäre mir manches erspart geblieben. Aber nein, ich bin wieder auf irgendwelche Rezensionen reingefallen.

Eine Biologie- und Sportlehrerin, in der DDR sozialisiert, bis ins Mark verknöchert – keine Ahnung, wie sie zu ihrer Tochter gekommen ist, die aus gutem Grund, wie man später erfährt, in Amerika lebt und sicherlich nicht mehr ins dieses ostdeutsche Kaff zurückkehren wird. Ihr Leben eine einzige Tristesse, ihre Ehe eine sprachlose Wohngemeinschaft, sie selbst unfähig, ihre Schüler als Menschen wahrzunehmen, weshalb sie auch das Mobbing, das in ihrer Klasse stattfindet, komplett und konsequent empathielos ignoriert.

Ihre Versuche, wirklich alles mit Darwin, Anpassung und Erblehre zu erklären und sich das Leben und die Sinnfragen vom Leib zu halten, am Ende natürlich zum Scheitern verurteilt.

Abhauen war ja keine Kunst. Das hatte sie immer den anderen überlassen. Es hatte nur eine ganz kurze Zeit gegeben, in der sie mit dem Gedanken spielte. Aber das war lange her. Sie war geblieben. Freiheit wurde überbewertet. Die Welt war entdeckt, die meisten Arten bestimmt. Man konnte getrost zu Hause bleiben. (S. 42)

Der bissige Erzählton wird brav durchgehalten, doch die Frage bleibt: Warum soll man das lesen?

Da, wo es spannend werden könnte, wo ihr die Wirklichkeit ganz nahe rückt, als ihr Direktor sie mit der Frage konfrontiert, ob sie das Mobbing in ihrer Klasse tatsächlich nicht bemerkt habe, wo man nun gern ihre Reaktion darauf wissen würde, ist das Buch zu Ende.

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