Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960)

b-nz 202dDas Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, hieß Lummerland und war nur sehr klein. Es war sogar ganz außerordentlich klein im Vergleich zu anderen Ländern, wie zum Beispiel Deutschland oder Afrika oder China. Es war ungefähr doppelt so groß wie unsere Wohnung und bestand zum größten Teil aus einem Berg mit zwei Gipfeln, einem hohen und einem, der etwas niedriger war.

So beginnt

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960)

Damit gewann Ende den Deutschen Jugendbuchpreis 1960. Überhaupt eines der erfolgreichsten deutschen Kinderbücher, das ich als Kind mit Begeisterung gelesen habe. Inzwischen sollte man dazu den Artikel von Julia Voss aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16.Dezember 2008 lesen, der folgendermaßen eingeleitet wird:

„Michael Endes „Jim Knopf“ ist mehr als nur ein Kinderbuch. Nicht nur weil dem Titelhelden Jemmy Button Pate stand, der mit Charles Darwin von den Galápagos-Inseln zurückkehrte. Wer Endes Buch genauer liest, sieht darin gar eine Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Vereinnahmung der Evolutionstheorie.“

Die Überlegungen dieses Artikels hatJulia Voss 2009 dann noch zu einem Buch ausgewalzt, es trägt den Titel Darwins Jim Knopf.

Richard Ellman: Oscar Wilde (1987)

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Richard Ellman: Oscar Wilde (1987)

Ein Rezensent nannte das Buch eine “Materiallawine”, kein Wunder bei schlappen 730 Seiten.

Zwar auch für den Nichtakademiker gut lesbar, aber irgendwann ging mir doch die Puste aus, ich brauche wirklich nicht jedes Detail, wie z. B. wo er sich denn seine Anzüge hat schneidern lassen, egal wie „schillernd“ dieses Leben auch gewesen sein mag.

Jon Krakauer: Into the Wild (1996)

Hier erzählt der erfahrene Bergsteiger Jon Krakauer die Lebensgeschichte von Christopher McCandless nach, eines amerikanischen Jungen, der rebelliert, durchs Land zieht und schließlich beim Trampen in der Wildnis von Alaska zuerst die Freiheit findet und dann dort verhungert. McCandless lebte von 1968 bis 1992.

Das Buch ist an einigen Stellen fürchterlich in die Länge gezogen, da Krakauer der Versuchung nicht widerstehen kann, sich auch immer wieder selbst zum Thema des Buches zu machen, es ist sprunghaft erzählt und doch unglaublich faszinierend und entsetzlich. Es ließ mich kaum los, jemand, der so klar wusste, was er wollte, diesen Traum kompromisslos, man kann auch sagen entsetzlich naiv gelebt hat. Ob er wirklich bereit war, diesen Traum mit seinem Leben zu bezahlen, ich glaube es nicht.

Wenn man etwas recherchiert, merkt man, dass Krakauer den Jungen wohl ein bisschen zum Thoreauschen Helden gemacht hat. Doch diejenigen, die mit der harschen Gegend und den Witterungsbedingungen dort vertraut sind, sind eher entsetzt gewesen, dass jemand, der ohne ausreichend Proviant, ohne Kompass, vernünftige Klamotten und ohne jemandem Bescheid zu sagen, einfach in die Wildnis Alaskas zieht, dann auch noch zum Helden stilisiert wird.

Trotzdem: ein verstörendes Buch, das einem die letztendliche Deutung schwer macht. Wirft es die Frage auf, wofür es sich zu leben lohnt, oder schildert es den Lebensweg eines verwirrten Menschen?

Das Foto, das Christopher, schon vom Verhungern gezeichnet, noch von sich aufgenommen hat und natürlich in der Grube des Internets zu finden ist, verfolgte mich noch Tage später.

Anmerkung

Auch Jahrzehnte später lässt die Frage, woran genau denn Christopher gestorben sei, die Menschen nicht los. Diverse Theorien wurden entwickelt und wieder verworfen. Den letzten Stand kann man bei awesomatik nachlesen.

David Nicholls: One day (2009)

Friday 15 July 1988, Rankeillor Street, Edinburgh

‘I suppose the important thing is to make some sort of difference,’ she said. ‘You know, actually change something.’

‘What, like “change the world”, you mean?’   

‘Not the whole entire world. Just the little bit around you.’        

They lay in silence for a moment, bodies curled around each other in the single bed, then both began to laugh in low, predawn voices.

So beginnt

David Nicholls: One day (2009); auf Deutsch: Zwei an einem Tag

Emma und Dexter verbringen „nach ihrem College-Abschluss in Edinburgh die Nacht des 15. Juli 1988 (ohne miteinander zu schlafen), bevor sich ihre Wege wieder trennen. Die beiden sind Anfang Zwanzig und sind sehr unterschiedlich, trotzdem können sie sich nicht vergessen und obwohl sie sich während der nächsten 16 Jahre immer wieder aus den Augen verlieren, denken sie stets an den anderen.“ (Wikipedia)

Nun schildert der Erzähler für viele Jahre immer nur den 15. Juli. Ein bisschen Harry und Sally, ein bisschen Vier Hochzeiten und ein Todesfall und ein bisschen sehr bemüht, die politischen Entwicklungen miteinzubeziehen. Erstaunlich, dass in dem Buch niemand an AIDS erkrankt. Aber die Dialoge sind witzig und man folgt den beiden auf ihren Wegen und Wirrungen sehr gern.

ACHTUNG: SPOILER:

Die Struktur, bei der immer nur der 15. Juli herausgegriffen wird, hat für den Autor den Vorteil, dass er bestimmte Dinge, z. B. die erste Zeit der Trauer nach dem Tode Emmas, nicht schildern muss.

Zuerst war ich empört, da lese ich 400 Seiten,  bloß damit dann die eine der beiden Hauptpersonen in zwei Sätzen stirbt. Und doch: Ist das nicht genau so richtig und angemessen? Der Schreck, dass wir nicht unsterblich sind, und die Tatsache, dass wir oft nicht die geringste Ahnung haben, was wir mit dieser Erkenntnis anfangen sollen, wie wir gut und richtig leben und sterben können.

Auch Harry Ritchie war sehr angetan:

he has drawn on all his comic and literary gifts to produce a novel that is not only roaringly funny but also memorable, moving and, in its own unassuming, unpretentious way, rather profound. (Guardian, 4. Juli 2009)

Im Telegraph vom 6. August 2011 streiten sich zwei Journalisten unter dem vielsagenden Titel „One Day: the best novel ever – or a tedious schmaltz-fest?

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Meg Rosoff: What I was (2007)

I am a century old, an impossible age, and my brain has no anchor in the present. Instead it drifts, nearly always to the same shore. Today, as most days, it is 1962. The year I discovered love. I am sixteen years old.

So beginnt

Meg Rosoff: What I was (2007); auf Deutsch: Damals, das Meer

Zum Inhalt

Der sechzehnjährige Hilary kommt in ein neues Internat, hasst dort alles und jeden und trifft zufällig bei einem Geländelauf einen gut aussehenden Jungen namens Finn, der völlig allein in einer Hütte am Meer lebt und seinen Lebensunterhalt mit Fischen und Arbeiten auf dem Wochenmarkt verdient. Dieses Leben erscheint Hilary als der Inbegriff der Freiheit. Eine von Anfang an zerbrechliche Freundschaft beginnt.

Rezeption

Die Kritik war begeistert, in England kam sie mit dem Buch auf die Shortlists zweier Kinder- und Jugendbuchpreise und in Deutschland bekam sie 2009 den LUCHS des Jahres verliehen. Man lese zum Beispiel die geradezu lyrischen Schlussworte von Wilhelm Trapp in der ZEIT am 9. September 2009:

Zu viel steht gegen diese Beziehung. Eifersüchtige Mitschüler, die schlechten Noten des Erzählers, auch sein Egoismus, der das inselhafte Leben Finns zerstören wird. Als das Ende da ist, gelingt Meg Rosoff eine ganz überraschende Wende, sie löst den kunstvollen Knoten aus Geheimnissen und Irrungen, der die zerbrechliche Freundschaft der beiden Jungen für eine kurze, wundervolle Zeit zusammenhielt, in einer Weise auf, dass man nicht nur traurig, sondern fast ein wenig erleichtert ist. In diesem Moment nennt der alte Erzähler erstmals seinen Namen. Als ob er endlich sich selbst erkannt und verstanden hätte, was auch der Kern dieses großartigen Buches ist: dass die schmerzlichsten Zeiten des Lebens zugleich die schönsten und wahrhaftigsten sind, weil sie es möglich machen, die eigene Sehnsucht zu begreifen und das Leben in die Hand zu nehmen.

Fazit

Das kann ich gar nicht nachvollziehen, der Ich-Erzähler scheint mir doch gerade nicht sein Leben in die Hand genommen zu haben, sondern nur seiner ersten großen Liebe hinterhergetrauert zu haben.

Sicher, das ist Jugendliteratur mit Anspruch, doch irgendwann ahnt man die Auflösung. Viel spannender wäre die Frage gewesen, was danach mit den beiden Hauptpersonen geschieht. Dass das Ganze aus dem Rückblick eines fast Hundertjährigen erzählt sein soll, wirkt unglaubwürdig.

Aber in Erinnerung wird mir dieser Satz bleiben:

Nevertheless, I can tell you that you will awake some day to find that your life has rushed by at a speed at once impossible and cruel. (S. 194)

Anmerkungen

Der deutsche Wikipedia-Artikel über Meg Rosoff gibt einen Überblick über die begeisterte Rezeption der Autorin in Deutschland.

Der Luchs ist ein Literaturpreis für Kinder- und Jugendbücher, der von der Wochenzeitung Die Zeit und   Radio Bremen gemeinsam verliehen wird. Geschaffen wurde er von Ute Blaich. Gewählt werden der „Luchs des Monats“ (seit 1986) und der „Luchs des Jahres“ (seit 1997), der aus den zwölf Monatsempfehlungen von der Jury ausgewählt wird. Der „Luchs des Jahres“ ist mit 8.000 Euro dotiert. Die Monats-Luchse werden durchnummeriert. (Wikipedia)

Selina Hastings: The Secret Lives of Somerset Maugham (2009)

Selina Hastings: The Secret Lives of Somerset Maugham (2009)

Maugham hat zweifelsohne ein interessantes Leben geführt. Seine Kurzgeschichten habe ich während des Studiums verschlungen. Und schon lange will ich seinen halb autobiografischen Roman Of Human Bondage wiederlesen. Aber wie ernüchternd ist es, mehr über ihn zu erfahren. Diese Schmuddeligkeit, z. B. in der Beziehung zu Gerald Haxton, die Nähe zu Prostituierten- und Pädophilenkreisen. Anscheinend entstammt auch der Plot zu vielen seiner Geschichten nicht seiner Fantasie, sondern realen Begebenheiten und Erzählungen seiner Bekannten, die oft alles andere als begeistert waren, sich oder ihre Nöte in einer seiner Stories verwurstet zu sehen.

Martin Doerry: Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 – 1944 (2002)

Martin Doerry: Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 – 1944 (2002)

Martin Doerry – Chefredakteur des Spiegel – erkannte die historische Bedeutung des bewegenden Briefwechsels zwischen seiner Großmutter, der jüdischen Ärztin Lilli Jahn, und ihren Kindern, der 1998 im Nachlass seines Onkels, des ehemaligen Bundesjustizministers Gerhard Jahn, entdeckt wurde.  Er stammt vor allem aus der Zeit, als Lilli Jahn in dem Arbeitserziehungslager Breitenau nahe Kassel interniert war und ihre fünf Kinder nahezu auf sich alleine gestellt waren. Doerry veröffentlichte 2002 eine Auswahl der 250 Briefe als Buch unter dem Titel „Mein verwundetes Herz – das Leben der Lilli Jahn“. Von der Wochenzeitung Die Zeit wird dieses Buch in eine Reihe gestellt mit dem Tagebuch der Anne Frank und den Aufzeichnungen Victor Klemperers. Es wurde in 19 Sprachen übersetzt. (nach Wikipedia)

Zu Recht.

Der Mann Lillis war „Arier“ und trennte sich ganz opportunistisch von seiner jüdischen Frau und versagte ihr damit den einzigen denkbaren Schutz vor der Verfolgung. Diese Briefe machen aus einer Nummer von nicht zu zählenden Ermordeten eine Person, einen einzelnen und unverwechselbaren Menschen. Es ist ungeheuerlich.

Am 25. November 1943 schreibt die älteste Tochter Ilse an ihre inhaftierte Mutter das Aufsatzthema, das sie in der Schule zu bearbeiten hatte: „Was bedeuten dir die Umgangsformen.“

Was kann man da noch zu sagen?