Ruth Andreas-Friedrich: Der Schattenmann – Tagebuchaufzeichnungen 1938 – 1945 (1947)

Die Menschen sehen heute anders aus als gewöhnlich. Irgendwie riecht es in der Luft beunruhigend nach Sensationen.

So beginnen am 27. September 1938 die Tagebuchaufzeichnungen

Ruth Andreas-Friedrich: Der Schattenmann – Tagebuchaufzeichnungen 1938 – 1945 (1947)

Warum haben meine Geschichtslehrer nicht mit solchen Büchern gearbeitet? Geschichte schmerzhaft nachzuvollziehen. Die Entscheidungen, die jeder treffen muss. Die überzeugten Nazis allesamt Sadisten, die das nun ganz „legal“ ausleben durften und wollten. Die menschliche Erbärmlichkeit der Schurken, Bonzen und Denunzianten, dieser Verbohrten bis zum Schluss.

Ruth Andreas-Friedrich, die 1901 in Berlin geboren wurde, war zusammen mit ihrem Lebensgefährten wichtiges Mitglied der Widerstandszelle „Onkel Emil“ in Berlin, die vor allem Untergetauchten mit gefälschten Papieren, Übernachtungsmöglichkeiten und Lebensmitteln half. Sie wurde später zu einem der Gerechten der Völker erklärt, leider erst nach ihrem Selbstmord 1977.

Wie kann es heute noch Nazis und Rechtsextreme hier geben? Wie hirn- und herzamputiert kann man denn sein?

Am 24. Dezember 1941 schreibt sie über eine Freundin:

Ins Getto bei Landshut haben sie sie geschafft. Zusammen mit 900 Leidensgefährten. Heute, am Weihnachtsabend, kam ihr erster Brief. ‚Schickt uns zu essen, wir verhungern‘, steht in ihm. ‚Vergeßt mich nicht‘, steht in ihm. ‚Ich weine den ganzen Tag.‘ Es dürfte keine Weihnachtsbäume geben, solange Menschen auf der Welt sind, die den ganzen Tag weinen müssen. In acht Tagen beginnt das vierte Kriegsjahr. Das zehnte Jahr unseres staatlichen Antisemitismus.

Carson McCullers: Clock without Hands (1961)

Death is always the same, but each man dies in his own way. For J. T. Malone it began in such a simple ordinary way that for a time he confused the end of life with the beginning of a new season. The winter of his fortieth year was an unusually cold one for the Southern towns – with icy, pastel days and radiant nights.

So beginnt der Roman

Carson McCullers: Clock without Hands (1961); auf Deutsch: Uhr ohne Zeiger

Zum Inhalt

Der Roman spielt in einer Kleinstadt in den amerikanischen Südstaaten in den fünfziger Jahren, wo viele noch immer die aberwitzige Konstruktion der Rassentrennung mit Zähnen und Klauen verteidigen.

Vier Männer, deren Lebenswege miteinander verwoben sind, müssen sich in ihren eigenen kleinen Privatleben zu den großen Fragen der Zeit verhalten und jeder, egal ob er der unterdrückten Bevölkerungsgruppe angehört oder der der herrschenden, jeder ist beschädigt durch das System.

Die Hoffnung der Autorin ist, dass Liebe, Verzeihen und Verständnis in die armselige Situation des Einzelnen schließlich ein neues Fundament legen.

Gerade der Apotheker, der zu Beginn seiner Leukämieerkrankung nicht weiß, wie er sterben soll, da er noch gar nicht das Gefühl hat, je wirklich gelebt zu haben, und der sich verzweifelt fragt, wie ihm sein banales Leben so gänzlich abhanden kommen konnte, ist am Ende derjenige, der sich trotz aller Ängste klar gegen den Mob stellt und den geplanten Mord an einem Schwarzen ablehnt. Dieser hatte die „Frechheit“ besessen, ein Haus in einer „weißen“ Straße gemietet zu haben.

Er kann am Ende in Frieden sterben.

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Susan Hill: I’m the King of the Castle (1970)

Three months ago, his grandmother died, and then they had moved to this house.

So beginnt

Susan Hill: I’m the King of the Castle (1970)

Für alle, die gern minutiös das Böse im Menschen verfolgen und denen „Herr der Fliegen“ von Golding noch zu sonnig war.

Auf der Homepage der Autorin findet sich eine kurze Inhaltsangabe: „EDMUND HOOPER lives with his father at Warings, a large house in the country, and he is not pleased with CHARLES KINGSHAW and his mother arrive – Mrs. Kingshaw is to be their housekeeper and hopes that the eleven year old boys will be great friends. They become enemies on sight and the novel is about the struggle between them. Kingshaw is uncertain, sensitive, pleasant, weak – and on strangemakes Charles’s life hell. The tables are turned as their roles are briefly reversed when they get lost in Hang Wood but the overall winner of the conflict is never in doubt. Meanwhile, the adults have their own agenda.“

Die Unfähigkeit aller Beteiligten zu kommunizieren, die Blindheit der Eltern und das Fehlen jeglicher Empathie sorgen für eine überaus betrübliche Lektüre. Schon auf S. 34 ist mir klar, dass das Ganze nur als Tragödie enden kann. Gab es in „Herr der Fliegen“ insofern noch ein Fünkchen Hoffnung, da sich die Jungen entscheiden müssen, auf wessen Seite sie stehen, gibt es diesen Hoffnungsschimmer hier nicht mehr.

Das Buch, anscheinend eine der klassischen englischen Schullektüren, hat 1971 den Somerset Maugham Award gewonnen und hat sicherlich in seiner Heiterkeit mal wieder dafür gesorgt, dass Generationen von Schülern beschlossen haben, dass sie Sinnvolleres mit ihrer Zeit anfangen können, als ausgerechnet Bücher zu lesen.

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Doris Dörrie: Was machen wir jetzt (1999)

 Ich bin im Begriff, meine Familie zu verlieren. Meine Ehe ist auf dem Hund, und meine Tochter Franka hat sich in einen Kerl verknallt, der sie nach Indien entführen will.

So beginnt

Doris Dörrie: Was machen wir jetzt (1999)

Also männliche Midlife Crisis, die den Antihelden unfreiwillig in ein buddhistisches Kloster führt, wo er auf seine Tochter aufpassen soll, damit die mit dem attraktiven Lama nicht einfach abhaut. Flott geschrieben, aber die Personen bleiben Typen, der Zufälle sind viele, das Ende aufgesetzt.

Ein bisschen Lebenshilfe nach dem Motto:

Der schönste Augenblick eures Lebens, sagt er zärtlich, der schönste Augenblick ist – jetzt. … Warum?… Sehr einfach. Weil es der einzige eures Lebens ist. Dieser Augenblick kommt nie wieder. Und wenn ihr ihn verpaßt, verpaßt ihr euer Leben…. Hört auf zu rennen, sagt Rinpoche leise, wie zu einem Kind, das aufhören soll, mit seinem Essen zu spielen. Hört auf, der Zukunft hinterherzurennen. Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft ist noch nicht da, die Gegenwart ist euer Zuhause.

Als Film würde ich mir das gern gefallen lassen, aber Volker Hages Einschätzung: „Lange hat es keine Autorin mehr gewagt, so mutig in die Seele eines Mannes zu blicken.“ finde ich dann doch etwas weit hergeholt. Mutig? Mutig sind die Menschen, die in Syrien ihren Protest unter Lebensgefahr auf die Straßen tragen.

Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher (2004)

BRD 031Hier fängt die Geschichte an. Sie erzählt, wie ich in den Besitz des Blutigen Buches kam und das Orm erwarb. Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven – welchen ich auch gleich empfehlen möchte, dieses Buch wieder zurück auf den Stapel zu legen und sich in die Kinderbuch-Abteilung zu verkrümeln. Husch, husch, verschwindet, ihr Kamillenteetrinker und Heulsusen, ihr Waschlappen und Schmiegehäschen, hier handelt es sich um eine Geschichte über einen Ort, an dem das Lesen noch ein echtes Abenteuer ist! Und Abenteuer definiere ich ganz altmodisch nach dem Zamonischen Wörterbuch: ‚Eine waghalsige Unternehmung aus Gründen des Forschungsdrangs oder des Übermuts; mit lebensbedrohlichen Aspekten, unberechenbaren Gefahren und manchmal fatalem Ausgang.‘

Ja, ich rede von einem Ort, wo einen das Lesen in den Wahnsinn treiben kann. Wo Bücher verletzen, vergiften, ja, sogar töten können. Nur wer wirklich bereit ist, für die Lektüre dieses Buches derartige Risiken in Kauf zu  nehmen, wer bereit ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um an meiner Geschichte teilzuhaben, der sollte mir zum nächsten Absatz folgen. Allen anderen gratuliere ich zu ihrer feigen, aber gesunden Entscheidung, zurückzubleiben. Macht’s gut, ihr Memmen! Ich wünsche euch ein langes und sterbenslangweiliges Dasein und winke euch mit diesem Satz Adieu!

So beginnt

Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher (2004)

Welche Fabulierdroge hat der denn eingeworfen? Die hat jedenfalls gewirkt!

Fantasie ohne Ende, Nonsens und Grusel, Abenteuer, Action und ein Lindwurm, der nicht gerade zu philosophischen Höhenflügen neigt, eine wilde und gelungene Mischung, die über weite Strecken hinaus einfach Spaß macht.

Der junge Dichter Hildegunst von Mythenmetz, ein eher tollpatschiger Lindwurm, erbt von seinem Dichterpaten ein makelloses Manuskript. Um dessen Geheimnis zu lüften und um den unbekannten Autor dieses genialen Werkes zu finden, begibt sich Hildegunst nach Buchhaim, der Stadt der Träumenden Bücher. Dort gerät er in Intrigen und haarsträubende Abenteuer und trifft dabei bizarre, liebenswerte und monstergefährliche Kreaturen.

Am Ende sind bis auf die Hauptfigur Hildegunst von Mythenmetz, eben den besagten Lindwurm, alle tot. Aber so richtig nahe geht einem das nicht. Nun, das Buch soll ja auch keine psychologisch ausgefeilte Charakteranalyse sein.

Eine der vielen Köstlichkeiten sind z. B. die Anagramme, die Moers mit den Buchstaben eines Scrabble-Spiels austüftelt; der arme Dölerich Hirnfidler wird beispielsweise beim Dichterraten schon nach dem ersten Buchstaben „O“ als Hölderlin enttarnt. Weitere Kostproben:

  • Gofid Letterkerl:    Gottfried Keller
  • Perla La Gadeon:   Edgar Allan Poe
  • Sanotthe von Rhüffel-Ostend:  Annette von Droste-Hülshoff
  • T. T. Kreischwurst:    Kurt Schwitters
  • Ojahnn Golgo van Fontheweg:   Johann Wolfgang von Goethe

Holger Kreitling hat in der WELT in seiner Rezension Wanderer, kommst du nach Buchhaim vom 25. September 2004 sicherlich zu Recht behauptet: „Es ist zudem die größte, schönste Liebeserklärung an das Lesen und die Literatur, die in diesem Jahr zu haben ist.“

Für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer vielleicht interessant: sein Interview in der WELT vom 20. Oktober 2011, in dem Moers mal eben kurz Folgendes konstatiert:

  • Welt Online: Herr Moers, woher rührt Ihr Faible für Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts?
  • Walter Moers: Wahrscheinlich von meiner anhaltenden Beschäftigung mit Arno Schmidt, der uns immer wieder mit der Nase darauf stößt, dass unsere besten Sachen in dieser Zeit geschrieben worden sind.
  • Welt Online: Haben Sie nicht als Schüler unter der Klassiker-Rezeption gelitten?
  • Moers: Nein, im Gegenteil. Ich hatte sogenannte fortschrittliche Lehrer, die uns zwangen, unsere kostbare Lektüre-Zeit mit Grass, Böll oder Frisch zu verplempern.

Zum Abschluss diesmal für alle, die es gern noch genauer hätten, eine Empfehlung auf einen von der Wikipedia-Community als „lesenswert“ eingestuften Artikel zu diesem Buch.

Fundstück von Halldor Laxness

Oft scheint mir, mit der Allmacht verhält es sich so wie mit einer Schneeammer, gegen die sich alle Wetter verschworen haben. So ein Vogel wiegt nicht mehr als eine Briefmarke. Dennoch wird er nicht hinweggefegt, wenn er bei schwerem Sturm auf freiem Felde steht. Haben Sie jemals den Kopf einer Schneeammer gesehen? Sie hält diesen zarten Kopf dem Unwetter entgegen, den Schnabel zur Erde, legt die Flügel fest an die Seiten, der Schwanz zeigt nach oben. Der Sturm kann den Vogel nicht packen, sondern er muß sich spalten. Selbst in den schlimmsten Böen schwankt der Vogel nicht. Wo er steht, ist Windstille. Nicht einmal eine Feder an seinem Körper bewegt sich. (S. 64)

aus: Halldor Laxness: Am Gletscher (1968)

anz 194

Robertson Davies: The Cunning Man (1994)

Should I have taken the false teeth? In my years as a police surgeon I would certainly have done so; who can say what might be clinging to them, or in the troughs that fit over the gums? I would have been entirely within my rights. But in this curious situation, what indisputable rights had I?

So beginnt

Robertson Davies: The Cunning Man (1994) 

Der Klappentext, der dem Leser so etwas wie einen Krimi suggerieren soll, ist komplett irreführend. Als der seltsame Todesfall eines alten Priesters der High Church Hunderte von Seiten später durch das Geständnis des Täters zweifelsfrei aufgeklärt wird, hat man die Auflösung längst geahnt, zumal die Handlung selbst nichts zur Aufklärung des Verbrechens beiträgt. Eher handelt es sich um die fiktive Biografie eines alten kanadischen Arztes.

Dr. Hullah versucht sich also im Alter Rechenschaft über die Zusammenhänge in seinem Leben zu geben, über seine Herkunft auf dem Land, nahe eines Indianerreservates, seine schulische und universitäre Bildung, über die Menschen, die ihn formten, seine Erfahrungen z. B. während des Zweiten Weltkrieges und über die philosophischen Einflüsse und Ideen, denen er sich verpflichtet fühlt.

Die Hauptperson sieht sich in einem sehr milden Licht und hat keinerlei Gewissensbisse ob der Tatsache, jahrelang mit der Frau seines besten Freundes geschlafen zu haben. Okay, sie war vor dem Krieg seine Freundin, die er aber nicht unbedingt zu ehelichen gedachte. Jahrzehnte später ist er dann aber aufrichtig empört, als er erfährt, dass sein Freund damals einen Privatdetektiv auf die beiden angesetzt hatte. Dieser Dialog ist in seiner Dämlichkeit doch preisverdächtig:

„My God! Brocky – you put a tail on your own wife and your best friend? How could you do such a thing?”

“Well, when it comes to that, how could you do what you were doing? Making a cuckold of a man you think of as your best friend?”

“But – hiring a snoop!”

“What else is there to do? I don’t say I’m proud of it, but you know very well we all do a lot of things we’re not proud of, when it seems necessary.”

“But it shows such hateful mistrust.” (S. 285)

Und die Verliebtheit, in die der alte Narr gegen Ende des Buches noch stolpert, illustriert nur, was er in der Jugend an seinem Freund beobachtet hatte: Kultiviertheit schützt vor Torheit nicht.

Zwischendurch bin ich an dem wahrlich mäandernden Erzählstil fast verzweifelt; so etwas wie ein Handlungsfaden geriet zeitweise völlig aus dem Blick. Der Independent nannte den Stil freundlicherweise einfach „barock“.

Vielleicht ist es eines der Bücher, denen ich eine zweite Chance geben müsste, nicht zuletzt wegen des Vokabulars und der vielen literarischen und geschichtlichen Anspielungen. Möglicherweise könnte ich dann dem über alle Ufer tretenden Strom mehr abgewinnen.

Der Nachruf auf den Autor im Independent vom 5. Dezember 1995 ist jedenfalls geradezu hymnisch. John Julius Norwich schreibt u. a.:

Why even now this literary phenomenon should remain so relatively little known to the world at large constitutes, to all those readers, an impenetrable mystery; eminently worthy of the Nobel Prize for Literature, only once was he ever short-listed for the Booker. […]. There was also the fact that his books were unlike other people’s. They were long; they often deliberately rambled; they touched on magic, food, semantics, poetry, the supernatural, holistic medicine, Jungian analysis, murder, art forgery, the theatre, the interpretation of dreams and anything else that happened to strike the author’s astonishing imagination while he was writing. His novels, in the extravagance of their plots, the outlandishness of many of their characters, the luxury of their language, were baroque through and through; and unhappily, in the late 20th century, the baroque is no longer fashionable.

Der letzte Satz des Buches ist allerdings ein würdiger Abschluss. Hullah antwortet jemandem, der sich am Telefon verwählt hat:

This is the Great Theatre of Life. Admission is free but the taxation is mortal. You come when you can, and leave when you must. The show is continuous.

anz 284