Betty Smith: A Tree Grows in Brooklyn (1943)

Heute mal wieder etwas aus den Tiefen des Blogs, und zwar die Besprechung zu dem in weiten Teilen autobiografischen, sehr erfolgreichen und später auch verfilmten, fast 500 Seiten lange Roman A Tree Grows in Brooklyn (1943) von Betty Smith.

Zum Inhalt

Smith (1896-1972) verarbeitet in ihrem Debütroman, der ursprünglich als Autobiografie angelegt war, Erinnerungen an ihre eigene entbehrungsreiche Zeit als Kind armer deutscher Einwanderer in Brooklyn Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.

Im Zentrum stehen die Geschicke der Familie Nolan, allen voran die 1901 geborene Francie, ihr ein Jahr jüngerer Bruder Cornelius und ihre Mutter Katie, deren Eltern aus Österreich stammen, und Vater Johnny aus Irland.

Johnny, mit 21 schon zweifacher Vater, ist liebenswert, musikalisch begabt, gut aussehend und mit seiner familiären Verantwortung völlig überfordert. Tante Sissy hingegen, die Schwester Katies, ist einfach wundervoll in ihrer großzügigen Menschenliebe, auch wenn sich die nicht immer mit den Grundsätzen der katholischen Kirche in Übereinstimmung bringen lässt.

Die Nolans sind arm wie fast alle in diesem Stadtteil und auf den ersten Seiten erfahren wir, wie Francie und Cornelius, der von allen nur Neeley genannt wird, ihren samstäglichen Gang zum Schrotthändler machen, um für das während der Woche gesammelte Papier, Metall und Gummi ein paar Cent zu bekommen. Den Lebensunterhalt verdient im Wesentlichen Francies Mutter, indem sie in mehreren Mietskasernen putzt, während Johnny nur unregelmäßig etwas Geld als Kellner verdient und immer mehr dem Alkohol verfällt.

Obwohl vor allem Francies Kindheit und Jugend im Mittelpunkt stehen, ist für mich die toughe Mutter Katie die eigentliche Heldin des Buches.

Gradually, as the children grew up, Katie lost all of her tenderness although she gained in what people call character. She became capable, hard and far-seeing. She loved Johnny dearly but all the old wild worship faded away. […] Katie had the same hardships as Johnny and she was nineteen, two years younger. It might be said that she, too, was doomed. Her life, too, was over before it began. But there the similarity ended. Johnny knew he was doomed and accepted it. Katie wouldn’t accept it. She started a new life where her old one left off. She exchanged her tenderness for capability. She gave up her dreams and took over hard realities in their place. Katie had a fierce desire for survival which made her a fighter…“ (S. 97)

Manchmal ist das Geld so knapp, dass Katie mit ihren Kindern tagelang „Expedition zum Nordpol“ spielt, bei der sie alle während eines Schneesturms in einer Höhle festsitzen. Die Lebensmittelvorräte sind knapp.

They had to make it last till help came. Mama divided up what food there was in the cupboard and called it rations and when the children were still hungry after a meal, she’d say, „Courage, my men, help will come soon.“ When some money came in Mama bought a lot of groceries, she bought a little cake as celebration, and she’d stick a penny flag in it and say, „We made it, men. We got to the North Pole.“ (S. 218)

Katie würde niemals Almosen einer Wohltätigkeitsorganisation akzeptieren, eher schon würde sie den Gashahn in der Wohnung aufdrehen.

Sie ist entschlossen, ihren Kindern das zu geben, was sie und ihre Schwestern niemals hatten, nämlich eine anständige Schulbildung, „education“. Und so wachsen Francie und Neeley, deren Großmutter noch Analphabetin ist, mit zwei Büchern auf: einer aus einem Hotel stammenden Gideon-Bibel und einem ausrangierten Büchereibuch, den gesammelten Werken Shakespeares. Fantasie, Literatur und das Schreiben eigener Geschichten werden so schon früh Francies Ausweg aus Einsamkeit und Armut.

Sometimes Francie wavered. She didn’t know whether it would be better to be a band when she grew up or an organ grinder lady. It would be nice if she and Neeley could get a little organ and a cute monkey. All day they could have fun with him for nothing and go around playing and watching him tip his hat. And people would give them a lot of pennies and the monkey could eat with them and maybe sleep in her bed at night. This profession seemed so desirable that Francie announced her intentions to Mama but Katie threw cold water on the project telling her not to be silly; that monkeys had fleas and she wouldn’t allow a monkey in one of her clean beds. (S. 115)

Katie ist eine Frau, die sich keinerlei Selbstmitleid erlaubt, hart gegen sich und gegen andere, wenn sie glaubt, dass das für alle langfristig das Bessere ist. Überhaupt ist das Buch gänzlich unsentimental, auch da, wo Einsamkeit, Sehnsucht und der erste Liebeskummer Francies erzählt werden.

Francie liebt die Schule und ist immer eine sehr gute Schülerin:

Francie like school in spite of all the meanness, cruelty, and unhappiness. The regimented routine of many children, all doing the same thing at once, gave her a feeling of safety. She felt that she was a definite part of something, part of a community gathered under a leader for the one purpose. (S. 163)

Dabei schreien die Abgestumpftheit und die fehlende Empathie der meisten Lehrerinnen zum Himmel. Immer wieder kommt es zu scheußlichen Situationen. Die Kinder sollen beispielsweise eigentlich während der Pause die (viel zu wenigen) Toiletten benutzen, doch die werden von den zehn schlimmsten Schultyrannen bewacht, und nur gegen ein Entgeld lassen sie ihre Mitschüler auf die Toilette. Doch das kann sich kaum ein Kind leisten. Theoretisch darf man – nachdem man die Lehrerin um Erlaubnis gebeten hat – auch während des Unterrichts kurz den Raum verlassen, doch seltsamerweise sieht die Lehrerin immer nur die Meldungen der nicht ganz so armen und besser gekleideten Kinder.

Mit 14 muss Francie die Schule verlassen, ebenso wie ihr ein Jahr jüngerer Bruder. Das Geld ist nach dem Tod Johnnys so knapp, dass sich die Geschwister als älter ausgeben müssen, als sie sind, um Arbeit zu finden. Damit rückt Francies Traum, die High School zu besuchen, um anschließend studieren zu können, erst einmal in weite Ferne.

Die Geschichte endet 1918 und entlässt die Nolans in eine glücklichere Zukunft, symbolisiert durch den ‚tree of heaven‘, den Götterbaum, der im Hinterhof ihrer Mietskaserne gestanden hat.

The tree whose leaf umbrellas had curled around, under and over her fire escape had been cut down because the housewives complained that wash on the lines got entangled in its branches. The landlord had sent two men and they had chopped it down. But the tree hadn’t died … it hadn’t died. A new tree had grown from the stump and its trunk had grown along the ground until it reached a place where there were no wash lines above it. Then it had started to grow towards the sky again. (S. 493)

Fazit

Anna Quindlen weist in ihrem Vorwort der englischen Ausgabe zu Recht darauf hin, dass der Stil des Buches sehr einfach ist:

It is not a showy book from a literary point of view. […] Its glory is in the clear-eyed descriptions of its scenes and people. […] There is little need for embellishment in these stories; their strength is in the simple universal emotion they evoke.

Die Frage, aus welcher Perspektive sie erzählen will, hat die Autorin an manchen Stellen nur unzureichend gelöst, und so wechseln sich personale, psychologisch überzeugende, anrührende Stellen mit manchmal unbeholfen wirkenden auktorialen Abschnitten ab, bei denen Inhalte referiert werden.

Brutalizing is the only adjective for the public schools of that district around 1908 and ’09. Child psychology had not been heard of in Williamsburg in those days. Teaching requirements were easy: graduation from high school and two years at Teachers Training School. Few teachers had the true vocation for their work. (S. 153)

Trotz dieser kleinen stilistischen Schwächen habe ich das Buch gern gelesen. Das ist einfach eine mitreißende Fundgrube an Geschichten und Schicksalen. Die Nolans stehen stellvertretend für viele Tausende Einwandererkinder, die in Amerika ihren Platz gesucht und letztlich gefunden haben. Und natürlich bietet es sich an, Parallelen zu heutigen Einwanderer- und Immigrantenschicksalen zu ziehen.

Das Buch bietet aber nicht nur einen spannenden Einblick in das Schicksal armer Immigranten und in einen ganzen Stadtteil mit seinen Bewohnern, Kneipen und kleinen Läden, sondern verkörpert auch das amerikanische Credo, dass man sich – wie man an Katie sieht – in äußerst widrigen Situationen Stolz und Würde bewahren könne und dass man selbst die Verantwortung für sein Leben übernehmen muss.

Wikipedia schreibt: „… its main theme is the need for tenacity: the determination to rise above difficult circumstances.“ Und nicht zuletzt feiert es den Zusammenhalt in der Familie, unsentimental, ja manchmal geradezu harsch.

Doch dabei werden die Fallstricke auf dem Weg in eine hellere Zukunft, wie z. B. die überstürzte Wahl eines ungeeigneten Ehepartners, Vorurteile, miserable Schulen und bornierte Vertreter der Mittelschicht, nicht verschwiegen. In einer der Schlüsselszenen beschreibt Smith zum Beispiel, wie Francie nicht länger die kitschig verlogenen Geschichten schreiben will, die ihr in der Schule immer Bestnoten eingetragen haben, sondern beginnt, ihren Alltag zu verarbeiten, die Armut, den Alkoholismus ihres Vaters. Ihre Lehrerin ist empört:

‚But poverty, starvation and drunkenness are ugly subjects to choose. We all admit these things exist. But one doesn’t write about them.‘ (S. 321)

‚Drunkenness is neither truth nor beauty. It’s a vice. Drunkards belong in jail, not in stories. And poverty. There is no excuse for that. There’s work enough for all who want it. People are poor because they’re too lazy to work. There’s nothing beautiful about laziness. (Imagine Mama lazy!) ‚Hunger is not beautiful. It is also unnecessary. We have well-organized charities. No one need go hungry.‘ Francie ground her teeth. Her mother hated the word ‚charity‘ above any word in the language and she had brought up her children to hate it, too. (S. 322)

Der Roman war schon bald nach seiner Veröffentlichung unglaublich erfolgreich und wird auch heute noch auf unzähligen englischsprachigen Blogs besprochen.

The book sold 300,000 copies in the first six weeks after it was published. A Tree Grows in Brooklyn is now considered an essential part of American literature. As an indispensable classic, Smith’s book appears on reading lists across the country. It has profoundly influenced readers from all walks of life – young and old alike. The New York Public Library even chose the book as one of the „Books of the Century“  (siehe hier).

1945 wurde der Roman übrigens von Elia Kazan verfilmt.

Doch selbst nach der Veröffentlichung gab es noch Leser, die so dachten wie die Lehrerin im Buch, die Francie ja hatte verbieten wollen, über reale Erfahrungen zu schreiben:

Because Smith wrote about some of the more unsavory aspects of human existence, some critics found the book unacceptable. One Boston woman even wrote a letter to Smith saying that the author of such a book should live in a stable. (siehe hier)

Anlässlich der Neuübersetzung von Eike Schönfeld im Insel Verlag gab es  Besprechungen auf mehreren Blogs:

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Andrea Hirata: Die Regenbogentruppe (OA 2005; deutsche Ausgabe 2013)

An jenem Morgen hockte ich auf einer langen Bank im Schatten eines dicht belaubten Filicium, eines japanischen Baumfarns. Mein Vater saß neben mir, hatte mir den Arm um die Schultern gelegt und nickte den anderen Eltern und Kindern, die auf der Bank gegenüber saßen, mit einem Lächeln zu. Es war ein ganz besonderer Tag: mein erster Schultag.

So beginnt das bisher erfolgreichste Buch eines indonesischen Autors:

Andrea Hirata: Die Regenbogentruppe (2005)

Peter Sternagel übersetzte das Buch ins Deutsche.

Zum Inhalt

Hirata, der sein Geburtsjahr nicht öffentlich machen möchte, setzt in diesem semi-autobiografischen Buch seinen ehemaligen Mitschülern und seinen zwei Grundschullehrern, die an einer winzigen Zwergschule auf der Insel Belitung unterrichteten, ein Denkmal.

Der Ich-Erzähler Ikal geht in Belitung zur Schule. Zwar wurde auf Belitung Jahrhunderte lang Zinn abgebaut, doch von den Bodenschätzen profitierte wie so oft die einheimische Bevölkerung am wenigsten. Zunächst bereicherten sich die niederländischen Kolonialmächte, die von ca. 1600 bis zum Zweiten Weltkrieg das Sagen hatten, und anschließend die Mittelschicht des Landes und die Besitzer und leitenden Angestellten einer Bergbaugesellschaft.

Die Bergbaugesellschaft betreibt auch eine eigene Schule, der Zugang ist allerdings nur Kindern der höheren Angestellten gestattet. Die Arbeiter, Fischer und Bauern bleiben bettelarm und schicken ihre Kinder meist erst gar nicht zur Schule, da diese zum Lebensunterhalt der Familien beitragen müssen. Und die, die trotzdem ihre Kinder schicken, haben, was die Schule angeht, ohnehin keine Wahl:

… und wir gehörten alle zur ärmsten Bevölkerungsschicht der Insel. Auch die Muhammadiyah (Name der Schule) war eine der ärmsten Dorfschulen auf Belitung. Es gab nur drei Gründe, warum unsere Eltern uns hier angemeldet hatten. Erstens, weil Muhammadiyah-Schulen keine Gebühren nahmen und sie lediglich freiwillige Beiträge zahlten, soweit sie es eben konnten. Zweitens, weil unsere Eltern hofften, dass eine frühe Unterweisung im Islam uns später vor schlechten Einflüssen bewahren würde. Und drittens, weil wir sowieso keinerlei Chance hatten, von einer anderen Schule genommen zu werden. (S. 8/9)

Schon der erste Schultag Ikals zeigt, wie gefährdet die kleine Schule ist. Der Schulinspektor will sie am liebsten schließen lassen und hat deshalb verfügt, dass zum neuen Schuljahr mindestens zehn Schüler zur Einschulung kommen müssen. Ihm ist diese heruntergekommene Schule ein Dorn im Auge und bei seinen Inspektionen findet er immer etwas zu beanstanden.

Unsere Schule war eine von Hunderten, wenn nicht Tausenden armer Schulen im Land, eine von der Sorte, die jederzeit in sich zusammenfallen konnte. Dazu hätte es nur eines Ziegenbocks bedurft, der hinter einer Ziege her war. Wir hatten nur zwei Lehrer für alle Fächer und alle Klassenstufen. Wir hatten keine Schuluniformen. Und wir hatten auch keine Toilette. Da unsere Schule am Waldrand lag, brauchten wir uns nur in die Büsche zu schlagen. Unsere Lehrer kamen immer mit, es hätte ja sein können, dass wir von einer Schlange gebissen worden wären. (S. 14)

Die Lehrer und Schüler kämpfen aber nicht nur mit dem vom Einsturz bedrohten Gebäude, dem Fehlen grundlegender Ausstattung und den Löchern im Dach. Wenn es regnet, versucht die fünfzehnjährige Lehrerin Bu Mus sich so gut es eben geht mit Bananenblättern zu schützen. Die zweite Gefahr geht von der Bergbaugesellschaft aus, die irgendwann Probebohrungen macht und Zinkvorkommen unter dem Schulhaus findet. Daraufhin rückten Bagger und große Maschinen an. Doch damit wollen sich weder die Schüler noch die zwei Lehrer abfinden, die sich zu allem anderen Ungemach ihren Lebensunterhalt auf andere Art und Weise verdienen müssen, denn entlohnt werden sie nicht.

Allmählich werden die Kinder älter und so lesen wir auch von der ersten Liebe Ikals. Am Abend seines ersten Rendezvous mit A Ling fahren die beiden mit einem Riesenrad:

Und dann schwiegen wir beide, schwiegen zusammen und wollten gar nicht wieder aussteigen. Das Riesenrad zeichnete mit seinen Lampen ein Muster in den Himmel. Mein Herz war weit. Dies war die schönste Nacht meines Lebens. (S. 133)

Leider endet die die Beziehung abrupt, weil A Ling von ihrer Familie nach Jakarta geschickt wird, um sich dort um eine Tante zu kümmern. Als Abschiedsgeschenk lässt sie ihm ein Buch zukommen, das den Leser doch überrascht, nämlich Der Doktor und das liebe Vieh von James Herriot. Das Buch heilt ihn von seinem Liebeskummer.

Ich war hingerissen von der Schönheit des kleinen Dorfes Edensor. Ich begriff, dass es außer der Liebe noch andere schöne Dinge gab auf der Welt. Herriots Beschreibungen waren so eindrücklich, dass ich meinte, den Duft der Narzissen und Aurikeln zu riechen, die an den Weidezäunen wucherten, von denen er erzählte. […] Es war wie ein Wunder, ich war wieder völlig gesund. Ich hatte eine neue Liebe, die in meiner zerschlissenen Tasche steckte. Das war Edensor. Nachdem ich 480 Stunden, 37 Minuten und 12 Sekunden den Verlust von A Ling beklagt hatte, beschloss ich mit dem Selbstmitleid aufzuhören. (S. 156/157)

Fazit

Mit Humor und Wehmut erzählt hier einer eine Bildungsgeschichte der besonderen Art. Neben skurrilen Begebenheiten, Klassenstreichen und dem selbstlosen Einsatz der Lehrer werden die Mitschüler porträtiert und uns fremd anmutende Sitten und Gebräuche und der Einfluss von Aberglauben und Schamanen geschildert.

Allein in Indonesien verkaufte sich das Buch millionenfach und die Verfilmung wurde der erfolgreichste indonesische Film. Inzwischen gibt es drei Fortsetzungen.

Die Sprache ist einfach und die Erzählperspektive etwas wacklig. Manche Fragen z. B. zur Chronologie bleiben offen. Ob die von Hirata berichteten wundersamen Geschehnisse zutreffen – das Manuskript sei ihm gestohlen und ohne sein Wissen einem Verlag zugespielt worden -, sei dahingestellt. Und es irritiert, wenn im Buch das baufällige Schulgebäude zusammenbricht und Hirata trotzdem im Interview mit Wolfgang Herles behauptet, dass die große Scheune hinter ihnen genau diese Schule sein soll… So passen einige Details nicht recht zusammen. Man darf da wohl nicht alles als einen Tatsachenbericht lesen.

Dennoch: Es ist eine zutiefst menschliche, tolerante und warmherzige Geschichte, die einen Einblick in ein mir bisher unbekanntes Land gibt, und zugleich ein Plädoyer für das Recht auf Bildung und ein Loblied auf die Schule, das uns in Deutschland zu denken geben sollte:

Pak Harfan (der Lehrer) war allerdings nicht müde geworden, den Kindern klarzumachen, dass Wissen einen Wert für sich selbst darstellte und Erziehung eine Verpflichtung gegenüber dem Schöpfer bedeutete. Dass Schule nicht immer nur darauf abzielen musste, einen Titel zu erwerben, Geld zu verdienen oder gar reich zu werden. Schule bedeutete für ihn Wert und Würde, gelebte Menschlichkeit, sie war Lust am Lernen und Bildung. (S. 188)

Und zum Ethos des Lehrerberufs heißt es:

Ein Lehrer, dem ein Schüler abhandenkommt, ist wie ein Lehrer, dem die halbe Seele fehlt. (S. 207)

Wir in unserem reichen Land mit allgemeiner Schulpflicht sind da ja zum Glück schon weiter: Wie viele unserer Schüler (und Eltern) sehen Schule nicht mehr als die Institution an, in der man etwas lernen und sich dadurch sogar aus bedrückenden sozialen Rahmenbedingungen herausarbeiten kann, sondern eher als eine lästige Störung eines ansonsten unstrukturierten und regelfreien Spaßraums. Wie ganz anders hingegen der Klassenkamerad Ikals: Lintang, ein hochbegabter Junge, versäumt nie auch nur einen einzigen Schultag, selbst wenn ihm wieder mal die Fahrradkette kaputtgeht oder ihm Krokodile den Weg versperren.

Lintang setzte immer wieder dem Unterricht zuliebe sein Leben aufs Spiel. Aber er fehlte niemals. Vierzig Kilometer  hatte er täglich auf seinem Schulweg zurückzulegen. Wenn der Unterricht bis zum Nachmittag dauerte, kam er erst bei Dunkelheit zu Hause an. Mich schauderte manchmal, wenn ich an seinen Schulweg dachte. Dabei waren noch gar nicht die anderen Schwierigkeiten eingerechnet, wie etwa Wege, die in der Regenzeit manchmal bis in Brusthöhe überflutet waren. Wenn das Wasser zu hoch war, ließ er sein Fahrrad an einem höhergelegenen Baum stehen, schwamm durchs Wasser und lief dann zu Fuß weiter. (S. 47)

Die Szene, in der Lintang im Auftrag der Mutter den kostbarsten Besitz seiner Familie verkauft – den Ehering seiner Eltern -, damit er sich eine neue Fahrradkette kaufen kann, gehört bestimmt zu den traurigsten Momenten der ganzen Geschichte und zeigt, wie viel Hoffnung die Familie in den Schulbesuch ihres Sohnes setzt.

Der Titel des Buches verdankt sich übrigens der Lehrerin Bu Mus:

Eines Nachmittags – es hatte den ganzen Tag über stark geregnet – erschien ein perfekter Regenbogen am Himmel, ein voller Halbkreis, strahlend hell in sieben Farben. […] Der Regenbogen schwang sich seidig schimmernd über die Ebene, er sah aus wie Millionen von schönen Jungfrauen in bunten Gewändern, die sich in einen abgelegenen See stürzten, um ihre Schönheit zu verbergen. Wir rannten zum Filicium und kletterten hinauf, jeder auf seinen gewohnten Ast. Wir taten das jedes Mal, wenn es geregnet hatte, um den Regenbogen zu betrachten. Deswegen nannte uns Bu Mus „die Regenbogentruppe“. (S. 73)

Eine Frage bleibt allerdings offen: Welche Wirrungen der Übersetzung sorgten dafür, dass aus James Herriots fiktivem Darrowby Edensor wurde?