Gerbrand Bakker: Der Umweg (OA 2010)

An einem frühen Morgen sah sie die Dachse. Sie liefen an dem Steinkreis herum, den sie vor ein paar Tagen entdeckt hatte und gern einmal bei Tagesanbruch sehen wollte. Dachse hatte sie sich immer als friedliche, ein wenig träge und scheue Wesen vorgestellt, aber hier wurde gekämpft und gefaucht. Als die Tiere sie bemerkten, verschwanden sie ohne Hast zwischen den blühenden Stechginstersträuchern.

Mit diesen Sätzen beginnt der dritte Roman des Niederländers Gerbrand Bakker mit dem Titel Der Umweg von 2010. Die deutsche Übersetzung von Andreas Ecke erschien 2012.

So beeeindruckt ich von seinem ersten Roman Oben ist es still war, so enttäuscht war ich von seinem zweiten Roman Juni.  Der Umweg lässt mich jetzt nur noch irritiert zurück.

„Sie“, deren Namen wir erst auf den letzten Seiten erfahren, hat ihre Stelle als Literaturdozentin an der Amsterdamer Universität verloren. Kurz danach fährt sie ziellos von zu Hause fort, landet eher zufällig in Großbritannien und mietet ein Haus mitten in der walisischen Pampa. Ein paar Kühe und zehn Gänse sind ihre Nachbarn. Dort will sie ihre Ruhe haben und vielleicht an ihrer Dissertation zu der Dichterin Emily Dickinson arbeiten. Ihr Handy hat sie absichtlich auf der Fähre liegenlassen, damit man ihr nicht auf die Spur kommen kann. Wir ahnen rasch, dass es ihr gesundheitlich nicht gut geht. Die Menge der Schmerztabletten, die sie einnimmt, steigt allmählich an.

Irgendwann kommt ein junger Hiker an ihrem Haus vorbei, er will eigentlich die Route eines Wanderweges ausarbeiten, doch stattdessen quartiert er sich bei der eigenbrötlerischen Frau ein. Er kümmert sich um sie, kocht, kauft ein, erledigt Gartenarbeiten, ja, und man kommt sich auch sonst näher.

Andreas Schäfer  schreibt dazu im Tagesspiegel vom 25. März 2012:

Es ist schon rührend, wie die beiden, die nichts von sich erzählen, sich aneinander klammern, als kennten sie sich lange – aber glaubhaft ist diese Beziehung nicht. Denn der Junge ist unwirklich wie eine Einbildung, schleicht auf seinen Sportsocken wie ein herbei gewünschter Engel durch die Räume, und auch Agnes bleibt für ihn eher ein Gespenst. Statt zu sprechen, seufzt sie „Ach!“, außerdem verschweigt sie ihren wirklichen Namen und nennt sich Emily, nach der Dichterin Emily Dickinson, über die sie promoviert.

Parallel dazu gibt es einen zweiten Handlungsstrang: Ihr Mann, der ihr Fortgehen zunächst so hingenommen hatte, erfährt etwas, das ihn dazu bewegt, doch einen Privatdetektiv zu beauftragen, der ihren Aufenthaltsort ermitteln soll, so dass er ihr folgen kann.

Fazit

Es gibt Gemeinsamkeiten im Bakkerschen Literaturkosmos: Alle Romane spielen auf dem Land und die Protagonisten sind grundsätzlich nicht fähig oder willens, die sie existenziell betreffenden Fragen anzusprechen. Agnes ist ausgesprochen spröde, will niemanden mehr an sich heranlassen, und auch zu ihren Gedanken erhalten wir nur sehr spärlichen Zugang. Die Leserin, der Leser muss sich anhand der äußeren Handlung überlegen, was wohl in der Frau vorgeht und was sie antreibt. Eine Literaturdozentin, die nicht kommunizieren will oder kann und dem Mann und den Eltern – Freunde werden erst gar nicht erwähnt – nicht mitteilt, wo sie ist. Einfach abhaut, ein nettes Haus mietet, Geld anscheinend kein Problem. Das war für mich von vornherein nicht stimmig bzw. nicht nachvollziehbar.

Egal, wo man hinschaut, in diesem Roman wird man von Ödnis und Sprachlosigkeit umfangen. Das hat Blogger Tony auf Tony’s Book World dazu inspiriert, die neue Romankategorie „gorse novel“ (Ginsterroman) zu kreieren. Köstlich, ein Ginsterroman muss nämlich vier Kritierien erfüllen:

 1. A Gorse Novel takes place in an isolated rural area where the people are few and far between.  But these lonely souls make up for their sparseness with all of their eccentricities.

 2. These folks in a Gorse Novel are necessarily very close to nature, and the novel will contain elaborate descriptions of the birds, the other wildlife, the plants, or the weather that will usually put all but the most dedicated readers to restful sleep.

 3. People in a Gorse Novel don’t say much, and when they do, it is only in a few short words which are supposed to be Greatly Significant.  So when a character says “Storm’s a coming”, it means much more than that a storm is approaching.

 4. Nothing much happens in a Gorse Novel.  There is an eerie sense of quiet and calm, so finally when some tiny event happens like an itch or a cough, it seems as momentous as an earthquake.

Als fünftes Kriterium könnte man vielleicht noch ergänzen, dass eine Einsamkeit zelebriert werden muss, die einen frösteln macht.

Letztlich negiert das Buch – zumindest für die Hauptperson – jede Möglichkeit auf Gemeinschaft. Auch die Beziehung zu dem jungen Bradwen funktioniert ja nicht auf Augenhöhe. Ihre Begegnungen mit den Dorfbewohnern, dem Arzt, der sie nach einem Dachsbiss behandelt und ihr Schlaftabletten verschreiben soll, muten immer bedrohlicher an.

… und weil die Hauptfigur klärende Erinnerung verweigert, wird die Umwelt im Zustand der Verdrängung ein unheimlicher Projektionsraum, in dem sich Sehnsüchte und Ängste spiegeln. (Andreas Schäfer)

Ich kann mir einfach keine Frau vorstellen, die sich gerade noch auf ihre Fruchtbarkeit hat untersuchen lassen, um dann kurze Zeit später dem Ehemann nicht einmal mitzuteilen, was sie bedrängt, und einfach „weggeht“. Der Erzähler gibt uns außerdem den aufdringlichen Hinweis auf eine Katze, die auch einfach weggehe, wenn sie spürt, dass ihre Zeit gekommen sei.

Allerdings macht die Frau durchaus eine Entwicklung in dem Sinne durch, dass sie sich innerlich komplett von ihrem bisherigen Leben und Beziehungen lossagt. Schließlich verschwindet sogar das Heimweh bzw. die Wehmut, wenn sie an ihre Vergangenheit denkt. Ihr wird immer klarer, was sie eigentlich will, und sie wird es auch in die Tat umsetzen.

Sie ging noch ein Stück weiter, der Hohlweg stieg leicht an. Nach vielleicht zehn Minuten kam sie zu einer T-Gabelung, und dort sah sie zum ersten Mal den Berg. In diesem Moment wurde ihr klar, wie weit die Landschaft hinter ihrem Haus war und wie klein sie ihren Raum gehalten hatte. (S. 19)

Der Der Umweg und ich sind keine Freunde geworden. Auch die Art, in der das Ende der Handlung gestaltet ist, fand ich mehr als befremdlich. Gekünstelt. Da hat es auch nicht mehr geholfen, dass Bakkers Sprache ab und zu zu wahrer Meisterschaft auflief:

Das zähe Fließen des Bachs trug sie fort, ihr Denken dehnte sich, jeden Moment würde sie einschlafen. Sie hatte gerade noch genug Zeit für den Gedanken, wie angenehm es war zu schlafen. So von allem gelöst. So frei von den Dingen, über die der wache Mensch sich den Kopf zerbricht, vor denen er Angst hat, denen er mit Schrecken entgegensieht. (S. 159)

Wer sich die ersten drei Seiten vorlesen lassen möchte, klicke hier den Kanal von „Drei Erste Seiten“ an.

Lesemond und Syn-ästhetisch konnten dem Buch jedoch wesentlich mehr abgewinnen. Auch im Guardian wurde der Roman sehr positiv besprochen und die englische Übersetzung steht auf der Shortlist für den Independent Foreign Fiction Prize 2013. Und sehr gern weise ich auf eine einfühlsame Besprechung auf dem Grauen Sofa hin.

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