Linda Lear: Beatrix Potter (2007)

It was a cold, wet November day in 1918. The frosty air had settled just above the lake. Soon it would be dark. Through the gloom the figure of a woman could just be made out. She was on her hands and knees scrabbling about in the stubble of the harvested cornfield, searching for something. Close up she was a handsome woman with noticeably high colour in her cheeks, deep-set brilliant blue eyes and unruly brown hair pulled back haphazardly from her face.

So beginnt die bisher umfangreichste Biografie zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen Großbritanniens:

Linda Lear: Beatrix Potter (2007)

Zum Inhalt

Beatrix Potter (1866-1943) entstammte einer wohlhabenden Unitarier-Familie. Ihr Großvater väterlicherseits, Edmund Potter, war ein erfolgreicher Unternehmer und späteres Parlamentsmitglied.

As an enlightened employer, Edmund was concerned for the welfare and education of his employees, many of whom were children under the age of 13. He built a large dining room in the mill which could serve a hot meal to three hundred and fifty people at one time. He converted part of a nearby mill into the Logwood School, where the children of his workers, as well as the child labourers, could learn reading, writing and basic hygiene. He also built a reading room and library which was kept well stocked with books and newspapers. Edmund Potter believed in the necessity of educating the working classes […] but he had no sympathy for trade unionism. (S. 12)

Auch ihr Großvater mütterlicherseits, John Leech, schuf mit seinen Tuchfabriken die Grundlage für einen Generationen überdauernden Wohlstand.

Beatrix und ihr Bruder Bertram wachsen folglich in einem behüteten und finanziell privilegierten Umfeld auf. Beatrix besucht als Mädchen keine Schule, sondern wird zu Hause von einer Reihe von Gouvernanten unterrichtet. Ihr zeichnerisches Talent wird früh von der Familie gefördert. Sie bekommt Zeichenunterricht und ihr Vater schenkt ihr teure Bücher und alles, was sie für ihr „Hobby“ benötigt. Die Kinder dürfen eine Reihe von Haustieren, wie z. B. Mäuse, halten, die dann von Beatrix hingebungsvoll gezeichnet werden.

Rabbits were also favourite subjects. […] Both rabbits were drawn in every imaginable position and attitude. She observed how they rested, how they nested or hibernated, and the characteristics of their play. (S. 44)

Nach dem Tod der Mäuse, Kaninchen oder Fledermäuse interessieren sich die Kinder aber auch für deren genaue Anatomie, kochen die Knochen aus und stellen Skelettstudien an. Beatrix beginnt mit Begeisterung zu mikroskopieren.

Man verbringt monatelange Ferien in gemieteten Landhäusern in Schottland und später auch im Lake District. Hier dürfte die Liebe Beatrix zum Landleben ihren Ursprung haben, genießt sie auf dem Land doch mehr Freiheiten als in der Stadt und kann sich leichter ihren naturwissenschaftlichen Interessen widmen.

Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr eingeschränktes Leben. Denn die Eltern von Beatrix waren – man kann es wohl kaum anders nennen – unglaubliche Snobs. Niemand ist – gerade der Mutter – für den gesellschaftlichen Umgang mit ihrer Tochter gut genug, sodass Beatrix keine gleichaltrigen Spielkameraden oder Freundinnen hat. Noch als erwachsene Frau wird ihr das Recht abgesprochen, selbst über die Kutsche zu verfügen, ihre Cousinen einzuladen oder ihren gesellschaftlichen Umgang selbst zu wählen. Ihr späterer Verleger Norman Wayne, mit dem sie sich als 39-Jährige verlobt, wird ebenfalls als nicht ebenbürtig akzeptiert und als potentieller Schwiegersohn abgelehnt.

Mit 24 veröffentlicht sie erste Zeichnungen, die als Grußkarten auf den Markt kommen. Gleichzeitig vertieft sich ihr Interesse an Pilzen und Fossilien.

By the early 1890s Beatrix’s interests as an artist and naturalist had converged on fungi and, to a lesser degree, on fossils. Such enthusiasms were typical of the Victorian craze for natural history which, […] affected everyone from aristocrat to artisan. Women in particular were drawn to the study of insects, shells, ferns, fossils and fungi, and to their naming, classification, collection and frequently their illustration. Like many of her contempories, Beatrix was first drawn to natural history as a way to relieve the boredom that beset affluent Victorians, and for the measure of personal freedom it brought. (S. 76)

Dazu gehören auch häufige Besuche im Natural History Museum, wo Beatrix Spinnen, Insekten und Schmetterlinge zeichnet.

1892 lernt sie den Briefträger und begeisterten Naturkundler Charlie McIntosh kennen, der sie bei ihren Pilzforschungen tatkräftig unterstützt, indem er ihr immer wieder Pilze schickt und ihre Zeichnungen kommentiert. In ihrem Tagebuch hält sie die erste Begegnung fest:

He was quite painfully shy and uncouth at first, as though he was trying to swallow a muffin, and rolling his eyes about and mumbling. […] I would not make fun of him for worlds but he reminded me so much of a damaged lamp post. He warmed up to his favourite subject, his comments terse and to the point, and conscientiously accurate. (S. 82)

1893 schickt sie einen illustrierten Brief an den kleinen Sohn ihrer ehemaligen Gouvernante Annie Moore. In dieser Urfassung ihrer später weltberühmten Kaninchen-Geschichten erzählt sie von den Abenteuern ihren neuen Kaninchens Peter Piper.

Im gleichen Jahr wird sie gebeten, 12 Lithografien* für eine naturwissenschaftliche Vorlesungsreihe anzufertigen. Dank ihres einflussreichen Onkels erhält sie eine Eintrittskarte, die sie berechtigt, ihre Pilzstudien im berühmten Kew Gardens fortzusetzen, der damals für die Allgemeinheit nur eingeschränkt zugänglich war. Allerdings trifft sie dort sie als Amateurin, die vielleicht auch ein bisschen undiplomatisch vorgeht, auf wenig Gegenliebe.

* Wer Näheres zu dem Begriff Lithografie wissen möchte, der wird bei DruckSchrift fündig.

Ihre Forschung, was die Keimung von Sporen anbelangt, wird stark von ihrem Onkel, der selbst Chemiker ist, unterstützt. 1897 werden ihre Erkenntnisse, vermutlich von einem Mitarbeiter von Kew Gardens, der Linnean Society in London präsentiert, denn Frauen hatten dort keinen Zutritt. Die Linnean Society hatte darüber zu befinden, ob eingereichte Artikel veröffentlichenswert waren. Potters Arbeit On the Germination of the Spores of Agaricineae wird freundlich ignoriert. 1997 hat sich die Linnean Society übrigens für den „sexism displayed in its handling of her research“ entschuldigt.

Darüber hinaus widmet sich Beatrix Potter mit großer Akribie der Frage, ob es sich bei Flechten nicht um ein symbiotisches System zwischen Algen und Pilzen handele. Ihre Hoffnung, von den Mitarbeitern des Natural History Museum in ihren Forschungen unterstützt zu werden, erfüllen sich nicht. Zum einen ist sie eine Frau, zum anderen weiß sie zu viel und zum dritten wird sie vom Direktor des Museums ignoriert, u. a. deshalb weil sie nicht begreift, wie sehr sie Mr Fowler dadurch verärgert hat, dass sie – wie alle Frauen ihrer Gesellschaftsschicht – Vogelfedern als Hutschmuck verwendet.

Die nächste große Etappe in Potters Leben wird bestimmt von den Veröffentlichungen ihrer Kinderbücher, von denen eine ganze Reihe auf die illustrierten Briefe zurückgehen, die sie an Kinder ihrer Freunde und Verwandten schickt.

Most of her picture letters describe her holiday activities: the weather, the pets she has with her, the animals she sees, farming practises, family gossip and local lore. Each letter was suited to the age and interests of the child, revealing her instinctive ability to match story to audience. (S. 132)

1901 lässt sie auf eigene Kosten eine Schwarz-Weiß-Ausgabe von 250 Exemplaren von The Tale of Peter Rabbit drucken. 1902 folgt dann die farbige Ausgabe im Frederick Warne & Co Verlag. Sie besteht darauf, dass die Bücher in einem kleinen Format erscheinen, sodass auch Kinder die Bücher mühelos halten können. Obwohl sie 35 Jahre alt ist, muss ihr Vater seine Erlaubnis zu den entsprechenden Verträgen geben. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung hat das Buch eine Auflage von über 56.000 erreicht und Beatrix schreibt:

The public must be fond of rabbits! what an appalling quantity of Peter. (S. 152)

Lear erklärt den durchschlagenden Erfolg folgendermaßen:

Beatrix Potter had in fact created a new form of animal fable: one in which anthropomorphized animals behave always as real animals with true animal instincts and are accurately drawn by a scientific illustrator. (S. 153)

1902 heiratet ihr Bruder Bertram seine geliebte Mary, doch aus Angst vor der Ablehnung seiner Eltern hält er die Ehe elf Jahre geheim.

1903 folgen die Bände The Tale of Squirrel Nutkin und The Tailor of Gloucester. 1904 erscheinen The Tale of Benjamin Bunny und The Tale of Two Bad Mice. Überhaupt erweist sich Beatrix als begabte Geschäftsfrau, die schon rasch erkennt, dass sich auch Merchandise-Produkte wie Puppen, Malbücher oder Tapetenbordüren hervorragend vermarkten lassen. Dabei hat sie ständig gegen Produktpiraterie und unautorisierte Nachdrucke etc. zu kämpfen.

Beatrix gewinnt mit ihrer Autorentätigkeit zunehmend finanzielle Unabhängigkeit von ihren Eltern, denen das überhaupt nicht recht ist, fürchten sie doch, dass ihre Tochter ihre familiären Verpflichtungen vernachlässigen und insgesamt zu unabhängig werden könnte. Auch die ständigen Kontakte mit Norman Wayne, ihrem Hauptansprechpartner im Verlag, sind den Eltern ein Dorn im Auge.

1905 verloben sich Beatrix und Norman. Ihre Eltern untersagen ihr, die Verlobung öffentlich bekanntzugeben. Der plötzliche Tod Normans – einen Monat nach der Verlobung – dürfte den Eltern als eine glückliche Fügung erschienen sein.

Im Verlag ist nun Harold, der Bruder Normans, ihr neuer Ansprechpartner. Jahre später wird sich herausstellen, dass er große Summen aus dem Verlag veruntreut hat, Beatrix und andere um viel Geld betrogen und den Verlag an den Rand des Ruins gebracht hat. Als Harold zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, übernimmt der dritte Bruder Fruing die Geschäfte.

Mit den Erlösen aus ihren Büchern kauft Beatrix Hill Top Farm, ihre erste Farm im Lake District. Vermutlich hatte sie dort zusammen mit Norman leben wollen. Doch noch mehrere Jahre nach dem Kauf der Farm kann sie nur tageweise dort sein, da ihre Eltern von ihr erwarten, dass sie weiterhin bei ihnen in London wohnt und sie ihre Eltern auch weiterhin auf ausgedehnten Ferienaufenthalten begleitet.

The happy challenge provided by Hill Top Farm – the necessity of overcoming her grief and getting on with her life – inspired a remarkable outburst of creativity. She produced thirteen stories over the next eight years, including some of her best work. In the course of this creative outburst, Beatrix Potter was transformed into a countrywoman. (S. 207)

Und so beginnt der dritte große Abschnitt im Leben dieser bemerkenswerten Frau, der gekennzeichnet ist von ihrer Liebe zum Lake District. Mit Hingabe und zunehmendem Sachverstand widmet sie sich dem Fell Farming. Sie entwickelt sich zu einer angesehenen Expertin im Hinblick auf ihre geliebten Herdwick Sheep. Vor allem der Schutz der einzigartigen Landschaft liegt ihr am Herzen. Sie kämpft gegen die Errichtung einer Flugzeugfabrik, gegen Wasserflugzeuge auf den Seen und gegen Zersiedelung und Bauprojekte, die den Charakter dieses Landstriches zerstören würden. Schon 1909 erwirbt sie die zweite Farm, der noch viele weitere folgen sollten. Sie arbeitet dabei eng mit dem National Trust zusammen und schon früh ist klar, dass sie nach ihrem Tod ihre ausgedehnten Ländereien dieser Organisation vermachen will.

Gleichzeitig setzt sie sich für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung auf dem Land ein und ist die treibende Kraft, als es darum geht, eine gut ausgebildete Krankenschwester einzustellen, denn viele der Farmer und Landarbeiter können es sich nicht leisten, bei Krankheiten einen Arzt kommen zu lassen. Sie lässt die Schwester mietfrei in einem ihrer Häuser wohnen und kauft ihr schließlich sogar ein Auto für die Wege, die mit dem Fahrrad dann doch zu beschwerlich wären.

Sie unterstützt die Pfadfinder, die jedes Jahr auf ihren Feldern zelten dürfen, und unterhält rege Brieffreundschaften mit Lesern aus aller Welt, vor allem aus Amerika, von denen etliche sie und ihren Mann im Lake District besuchen und um Autogramme bitten.

Unterstützt wird sie in allem von ihrem Mann William Heelis, den sie – natürlich gegen den erklärten Willen der Eltern – 1913 heiratet. Überraschenderweise bekommt sie Rückendeckung von ihrem Bruder, der den konsternierten Eltern erklärt, dass er schon seit Jahren verheiratet sei und auch Beatrix heiraten solle, wen sie wolle.

William Heelis ist Anwalt und teilt ihre Interessen. Die beiden führen bis zu Beatrix Tod im Jahr 1943 eine glückliche Ehe.

Fazit

Beatrix Potter war ein faszinierende Frau mit vielfältigen Interessen und einem eigenwilligen Lebenslauf. Dennoch musste ich mich manchmal zum Weiterlesen zwingen – gerade in Beatrix‘ Pilzphase wurde das Buch arg anstrengend. Linda Lears Stil ist nicht gerade spritzig und Fragen, die mich stärker interessiert hätten, wie z. B. die Ehe mit William oder wie sie auf Nachbarn und Verwandte wirkte oder wie genau die Dynamik zwischen Beatrix und ihrer Mutter war, wurden manchmal eher kurz abgehandelt. Dafür wurden andere Dinge, zweifellos akribisch recherchiert, sehr in die Länge gezogen. Es scheint, als ob Lear die Frage, wie umfangreich über bestimmte Themen berichtet wird, ausschließlich von der Recherchelage abhängig gemacht hat.

Und manchmal hat es den Eindruck, als ob Lear nur ungern über die vielleicht eher unsympathischen, manchmal herrischen und auch selbstherrlichen Seiten dieser ungewöhnlichen Frau berichtet. Nur en passant erfahren wir dann, dass sie ihren Pächtern keine WCs im Haus oder Elektrizität in den Farmhäusern erlaubt hat, während sie in ihren zwei Häusern natürlich Toiletten mit Wasserspülung hatte.

Kathryn Hughes bringt es im Guardian auf den Punkt, wenn sie schreibt: „This is the first full-length biography that has been written of Potter, so it is a shame that it should be such a dull one. Where Potter had an exquisite sense of how language works, Lear has none.“

Anmerkungen

Ihre Portfolios mit den naturkundlichen Zeichnungen hat Beatrix Potter übrigens dem Armitt Museum in Ambleside vermacht, dessen Homepage einen schönen Eindruck von ihren Zeichnungen vermittelt, die auch heute noch von Pilzkundlern zur Bestimmung benutzt werden.

Auch Peggy hat uns Beatrix Potter auf ihrem Blog Entdecke England bereits vorgestellt.

Da ich keine Bildrechte verletzen möchte, verlinke ich jetzt einfach mal auf eine Seite, auf der man die z. T. wunderschönen Illustrationen zu The Tailor of Gloucester bewundern kann. Potter hat ihre Arbeit immer sehr ernst genommen und für die Weste eine Vorlage aus dem South Kensington Museum, dem späteren Victoria and Albert Museum, verwendet.

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Barbara Reynolds: Dorothy L. Sayers – Her Life and Soul (1993)

Dorothy Leigh Sayers was born in Oxford in 1893, on 13 June, […] Her father, the Reverend Henry Sayers, was nearly forty and her mother, Helen Mary, was thirty-seven. They had married on 9 August 1892 and Dorothy was their only child.

So beginnt eine der bekanntesten Biografien zu einer der bekanntesten britischen Kriminalschriftstellerinnen des letzten Jahrhunderts:

Barbara Reynolds: Dorothy L. Sayers – Her Life and Soul (1993)

Fazit

Da ich befürchte, dass mir der ein oder andere Leser bei meinen diesmal sehr lang geratenen Ausführungen zum Inhalt sanft entschlummert, stelle ich vorsichtshalber mein Fazit an den Beginn und werde mich heute inhaltlich auf Sayers‘ Jugend und ihr Studium beschränken. Die Mutigen und wahrlich Interessierten mögen dann beim nächsten Mal weiterlesen, um mehr über die Schöpferin der herrlichen Kriminalromane um den Hobby-Detektiv Lord Peter Wimsey zu erfahren.

Zwar gab es ab und an kleine Ungenauigkeiten und nicht alle Mutmaßungen fand ich schlüssig, doch insgesamt fiel das nicht ins Gewicht. Letztendlich hat Reynolds eine Biografie geschrieben, die ich besonders gern gelesen habe.

Sie ist informativ, ohne überladen zu sein. Ich erinnere mich mit Schrecken an die Biografie zu Oscar Wilde von Ellmann, die wirklich bewundernswert gründlich recherchiert, aber gleichzeitig als Ziegelstein verwendbar war und drohte, den Leser unter einer Informationslawine zu begraben.

Vor allem liegt hier der Glücksfall vor, dass die Biografin aus einem schier unerschöpflichen Fundus von Originalbriefen zitieren kann und Sayers persönlich gekannt hat. Was uns Reynolds allerdings nicht verrät, ist, dass Sayers ihre Patentante war. Das mag zwar der wissenschaftlichen Objektivität abträglich sein, ist aber der Lesbarkeit enorm zuträglich. Immer wieder dachte ich, den trocken-ironischen Stil kenne ich doch. Der Leser der Sayerschen Kriminalromane weiß, woher.

When she was eighteen her mother passed on to her a compliment about her looks. Dorothy replied: „How very kind of dear Mrs Wilde to say I was good-looking! She’s completely mistaken – but that’s quite beside the point. (S. 45)

Dabei hat Sayers lange nicht erkannt, dass genau dies eine ihrer Stärken ist. Während ihres Studiums beklagt sie, dass sie keine Prosa schreiben könne:

… in poetry I have to sit upon it, but in prose it ambles away with me. (S. 55)

Was allerdings, je länger, je mehr auffiel, war, dass die Biografin jede kritische Bewertung vermeidet; auch der zwischenzeitlich aufgekommenen Frage, ob man Sayers antisemitische Tendenzen unterstellen könne, weicht sie leider aus. Allerdings werden dem Leser doch genügend Fakten an die Hand gegeben, um sich selbst ein Bild dieser willensstarken und sicherlich nicht immer liebenswürdigen Frau zu machen.

Und interessant war der Ausflug in die Vergangenheit außerdem, nicht nur, was den Lebensweg Sayers und die Verbindungen zwischen Leben und Werk angeht – als kleines Beispiel sei hier nur erwähnt, dass Sayers sich – wie später auch ihr Ehemann – schon in ihrer Schulzeit mit Fotografie beschäftigt hat. Wer denkt da nicht an Bunter, der seinem adeligen Arbeitgeber mehr als einmal aus der Patsche hilft, auch mit seinen am Tatort aufgenommenen Fotos.

Lesenswert natürlich auch, weil man erfährt, wie ein privilegiertes Mädchen zur Jahrhundertwende aufwachsen konnte und welchen Einschränkungen sie sich als Studentin ausgesetzt sah in einer Zeit, in der man nicht ohne Anstandsdame mit einem männlichen Studenten reden sollte und in der Verstöße gegen diese Regel unangenehme und peinliche Folgen für einen haben konnten. Wir sehen, wie der Lebensweg einer Frau verlief, die ihre eigentliche Bestimmung – Schriftstellerin, Dramatikerin, Apologetin, Übersetzerin – erst über Umwege fand.

Und wir erfahren etwas darüber, was uns die Brüche in Sayers‘ Biografie, wie z. B. ihr Umgang mit ihrem unehelich geborenen Sohn, über eine Zeit erzählen, die längst vergangen ist und in der die Menschen erst lernen mussten, auf einer Rolltreppe zu stehen, ohne dass ihnen übel dabei wurde.

Im letzten Drittel der Biografie, das ein wenig unpersönlicher als die anderen Teile ausfällt, lernen wir zudem eine kluge, streitbare Christin kennen, die sich – obwohl das ihr keineswegs so recht war – während des Zweiten Weltkrieges irgendwann in der Rolle der Apologetin wiederfand und mit ihren Theaterstücken, zum einen für das Canterbury Festival und zum anderen für Radiosendungen der BBC, zu einer nationalen Berühmtheit wurde und dabei sogar – wie man heute sagen würde – regelrechte Shitstorms entfachte.

Für die LeserInnen ihrer Kriminalromane sind natürlich die Bedingungen, unter denen diese entstanden, und die biografischen Fakten, die sich in den Krimis widerspiegeln, von Interesse. Dabei geht Reynolds auch der Frage nach, wie aus dem manchmal leicht nervtötenden Dandy Wimsey der ersten Bände ein immer runderer, komplexer Charakter wird und wie anhand dieser Figur nachzuzeichnen ist, wie Sayers das Schema des Krimis verändert, verfeinert und letztlich auf eine psychologische Höhe hebt, die den Unterschied zu „anspruchsvolleren“ literarischen Romanen mehr und mehr verwischt.

Zum Inhalt

Das Elternhaus

Sayers wurde zwar in Oxford geboren, doch als sie viereinhalb war, nahm ihr Vater die Pfarrstelle in Bluntisham-cum-Earith in Huntingdonshire an.

The house was large enough for Dorothy to have a night and a day nursery. There was room for Grandmother Sayers and Aunt Mabel Leigh, who both lived there permanently, and for Aunt Gertrude Sayers who came on long visits. The servants who had chosen to accompany them from Oxford comprised a cook, a manservant and three maids. There was also Dorothy’s nurse, later to be replaced by a series of governesses. A gardener, John Chapman, was engaged locally. His wife Elizabeth  was the laundry-maid and later took over as cook. Their son Bob was the houseboy and helped his father in the garden. (S. 9)

Dorothy ist das einzige Kind des Paares. Dabei ist von Anfang an beeindruckend, wie selbstverständlich die Eltern die Entwicklung ihrer Tochter fördern. Klein Dorothy kann lesen und hat eine gute Handschrift, bevor sie fünf Jahre alt ist. Unterrichtet wird sie zunächst zu Hause von einer Gouvernante, nach festgelegtem Stundenplan und mit regulären Ferienzeiten. Und noch vor ihrem siebten Geburtstag beginnt der Vater, sie in Latein zu unterrichten. Als sie sechseinhalb ist, liest sie ihrer Großmutter den Leitartikel der Zeitung vor.

Sie wird dabei nicht gedrängt oder streng diszipliniert, eher scheint sie die Inhalte aufgesogen zu haben. Auch hat sie Kontakt mit anderen Kindern, die entweder aus der Nachbarschaft kommen oder als „boarder“ im selben Haushalt wohnen und ebenfalls am Unterricht teilnehmen. Doch auch das Künstlerisch-Musische kommt dabei nicht zu kurz: Sie bekommt Geigen- und Tanzunterricht. Als sie beginnt, kleine Gedichte und später sogar Theaterstücke zu schreiben, wird auch dieses von den Eltern unterstützt. Dorothy schreibt dazu die Programme, bastelt die Requisiten und Eltern und Bedienstete hatten dann Rollen zu übernehmen. Abends vor dem Einschlafen erzählt sie sich selbst Geschichten; Großmutter und Tante lesen ihr die Klassiker wie Scott oder Dickens vor. Dorothys Belesenheit nimmt hier ihren Anfang. Da ihre Eltern das Theater lieben, fährt die Familie einmal im Jahr nach London, um sich dort eine Aufführung anzusehen.

She drew and painted well and made her own Christmas cards. Out of doors, she collected botanical specimens and insects and worked at classifying them. She had an appetite for exact information and enjoyed passing it on to other people. She also liked to know how things worked. Aunt Mabel […] taught her to knit. (S. 16)

She played tennis and croquet in the garden, skated on the river in winter, went for country walks and rode a bicycle. She sang in the church choir and played her violin at village concerts. She began to learn French and progressed rapidly once she had a French governess […] She also learned German and could converse fluently in that language with her governess, with whom she read a good deal of German Romantic poetry. (S. 17)

Später wird sie sagen, dass ihre Eltern sie zu sehr verwöhnt haben. Das nenne ich Jammern auf hohem Niveau.

Ganz selbstverständlich wächst Dorothy Sayers in die religiöse Prägung ihres Elternhauses hinein.

It was a conventional household. The family gathered in the dining-room at eight-fifteen in the morning, the servants entered and the rector said prayers. (S. 13)

Jahrzehnte später meint sie, dass sie nie eine Bekehrung erlebt habe, da sie von Anfang an „inside“ gewesen sei. Sie liest Chesterton und betont, wie wichtig es sei, „to worship with the understanding“. Mit pietistisch-gefühlvollem Christentum kann sie nichts anfangen, und so findet sie später ihre geistliche Heimat im katholisch orientierten Teil der Anglican Church, der High Church.

Später schreibt sie über den von ihr verehrten Chesterton:

To the young people of my generation, G.K.C. was a … Christian liberator. Like a beneficient bomb, he blew out of the Church the quality of stained glass of a very poor period and let in gusts of fresh air in which the dead leaves of doctrine danced. … It was stimulating to be told that Christianity was not a dull thing, but a gay thing … and adventurous thing … not an unintelligent thing, but a wise thing … (Dr. Art Lindsley: Profiles in Faith – Dorothy Sayers)

Schon als junges Mädchen schreibt und dichtet sie, was das Zeug hält und übt sich in verschiedenen Themenkreisen und Lyrikformen.

Schulzeit

Da ihre Eltern davon ausgehen, dass Dorothy intelligent genug ist, um später in Oxford an einer der neu gegründeten colleges for women zu studieren, schicken sie sie ab 1909 ins Internat, um ihr die Zugangsvoraussetzungen für Oxford zu ermöglichen.

It has been said that she was unpopular at school and a misfit. It is true that she was not the conventional type of schoolgirl, good at games and experienced in communal living. Nevertheless, she had a great deal to offer. Her command of French was exceptional […], she played the piano  and the violin, she could sing, act and produce plays, she could write, she was lively and exuberant, above all, she enjoyed sharing enthusiasms with her friends … (S. 29)

Seit dieser Zeit schreibt Dorothy regelmäßig bis weit in ihr Erwachsenenalter Briefe an ihre Eltern (wie es damals auch für Söhne keineswegs unüblich war), die in ihrer Offenherzigkeit den modernen Leser verblüffen. Diese haben von Anfang an den lebhaften, begeisterungsfähigen und manchmal auch bissigen Stil mit dem Blick fürs Detail, den ihre Leser aus ihren Lord Peter Wimsey-Romanen kennen.

Sie verwendet wohl nicht allzu viel Zeit und Energie aufs Lernen, da ihr gute Noten ohne viel Mühe zufliegen. Auch hier verbringt sie einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit mit Theaterspielen und Musizieren und noch nach dem Zweiten Weltkrieg bemüht sie sich, etwas über das Schicksal ihrer ehemaligen Musiklehrerin aus Deutschland in Erfahrung zu bringen, um sie bis zu deren Tod 1948 mit Kleidung und Lebensmitteln zu unterstützen.

1911 erkrankt Dorothy lebensgefährlich, nachdem Masern bei ihr zu einer schweren Lungenentzündung geführt haben. Für mehrere Monate kehrt sie nach Hause zurück. Aufgrund der Krankheit verliert sie ihre Haare und muss für längere Zeit eine Perücke tragen. Zurück im Internat ist sie, wie der Rest der Schule auch, begeistert von den Auftritten einer französischen Theatergruppe. Dabei bringt sie jedoch die gesellschaftliche Heuchelei ganz fürchterlich auf die Palme, denn während die Aufführung in den höchsten Tönen gelobt wird, darf man sich als Schülerin auf gar keinen Fall mit den Schauspielern unterhalten, da dies als anstößig galt.

Oxford

Im März 1912 schafft sie es, ein Stipendium für Somerville College in Oxford zu bekommen, das 1879 für Frauen gegründet worden war. (Seit 1994 werden auch Männer zugelassen.) Sie studiert moderne Sprachen und mittelalterliche Literatur. Das bedeutet Unterricht in Griechisch, Latein, Französisch, Italienisch und Deutsch. Und so beginnt eine lange Liebesbeziehung zu dieser Stadt. Sie raucht – ihre Eltern schicken ihr 1912, als das nun für eine Neunzehnjährige wirklich nicht üblich war, sogar die Zigaretten. Sie flirtet, lernt, erfreut sich an schöner Kleidung und exzellenter Kirchenmusik. Sie tritt dem Oxford Bach Choir bei, was Reynolds als eine der prägendsten ästhetischen Erfahrungen für Sayers deutet.

Mit einer Freundin gründet sie schon 1912 die „M.S.A“ (Mutual Admiration Society), in der sich die Mitglieder aus ihren eigenen Werken vorlesen. Auch am College überarbeitet sie sich nicht, bekommt trotzdem exzellente Noten und im dritten Term schreibt sie an ihre Eltern:

Do you know, it is dreadful, but the longer I stay in Oxford, the more certain I am that I was never cut out for an academic career – I was really meant to be sociable. (S. 53)

Im Brief an eine Freundin heißt es:

Elsie makes me quite ill. She is steadily working through all those books we had to take home, and I simply daren’t tell her I’ve done practically nothing! It’s not exactly that I am idle, but I’m interested in something else the whole time. At present I am deep in the writing of an allegorical epic… (S. 54)

Das ändert aber nichts daran, dass sie 1915 ein hervorragendes Examen ablegt. (Erst einige Jahre später bekommen die Absolventinnen dann auch den entsprechenden Abschluss zuerkannt. Vorher war das für Frauen gar nicht üblich.) Sie lehnt das großzügige Angebot ihres keineswegs wohlhabenden Vaters ab, ihr noch ein weiteres Jahr in Oxford zu finanzieren.

Ihre Versuche, sich als Krankenschwester ausbilden zu lassen und so in Frankreich ihren Beitrag während des Krieges zu leisten, scheitern. Stattdessen nimmt sie im Januar 1916 eine Stelle als Lehrerin in Hull an, wobei sie alles andere als entzückt von diesem Beruf ist. Vermutlich ist das der Grund, dass sie für sich keine akademische Karriere in Betracht zieht.

1916 wird ihr erster Gedichtband in einer Auflage von 350 Stück veröffentlicht.

Hier geht’s lang zum zweiten und hier zum dritten Teil.

Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter (2013)

Wir hatten als einzige einen Kirschbaum.

Er stand in der Mulde neben dem Haus,

ein wenig geschützt vor dem eisigen Wind.

Um ihn durchzubringen, ging mein Vater in den Frostnächten hinaus,

ein kleines Feuer anzuzünden, das rauchte weiß wie die Blüten. 

So steht es auf der zweiten Seite des faszinierenden Buches

Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter (2013)

Zum Autor

Erich Hackl wurde 1954 in Österreich geboren. Stefan Howald schreibt in der Wochenzeitung am 2. September 2010 über ihn: „Seit seinem Erstling vor über zwanzig Jahren hat Erich Hackl praktisch ein eigenes Genre entwickelt und gepflegt. Auf historisch-dokumentarischen Recherchen aufbauend, vergegenwärtigt er Geschichte durchs Einzelschicksal. […] Den Sprachlosen und Vergessenen verleiht er eine Stimme und hält sie im kollektiven Gedächtnis.“ Eva Menasse hat ihn 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal als diesen“ besessene(n) Rechercheur und Grenzgänger zwischen Literatur und literarisch-historischer Reportage“ bezeichnet.

Zum Inhalt

Hier nun verdichtet Hackl die Erinnerungen seiner Mutter Maria an ihre ersten 25 Jahre als Bauerstochter in der österreichischen Provinz nahe der tschechischen Grenze so sehr, dass man stellenweise meint, ein einziges langes Gedicht mit vielen Strophen zu lesen. Das genaue Geburtsdatum findet sich leider nirgendwo. Vermutlich zwischen 1920 und 1930.

Dabei wird keine fortlaufende Handlung geschildert. Stattdessen werden bestimmte Schlaglichter gesetzt, die zusammen betrachtet so etwas wie das Panorama einer untergegangenen Epoche ergeben. Beschönigt wird hier nichts: Die Tante Marias starb während einer Zwangsabtreibung, das nahm eine gute katholische Familie eher in Kauf als die Schande eines unehelichen Kindes.

Die Arbeit auf dem Feld, die Armut, besonders in den Familien mit zehn und mehr Kindern;  Klassenkameraden Marias, die oft nur verschimmeltes Essen mit in die Schule bringen konnten. Die Mäuse im Haus, die Ratten im Stall. Hartherzige Priester, die Züchtigungen in der Schule. Der Nachbar, von dem alle wussten, dass er seine Töchter vergewaltigte und der trotzdem keine Anzeige fürchten musste. Die Männer, von denen mehr als einer sein Hab und Gut versoffen hat. Der große Brand, der viele im Dorf obdachlos machte. Später dann die Machtübernahme der Nazis, die ersten Zwangsarbeiter, die marodierenden Russen bei der Befreiung.

In dieser harschen und abgeschiedenen Welt gilt zunächst einmal alle Kraft dem wirtschaftlichen Überleben. Schon der Vater Marias sollte als Sechsjähriger einer kinderlosen Verwandten „geschenkt“ werden, damit er deren Hof erbt. Als er von dort wegläuft und wieder nach Hause kommt, schämen sich seine Eltern.

Eine eigene Stimme, ein eigenes Empfinden wird gleich unter Generalverdacht gestellt und so ist der Vater ganz und gar nicht begeistert, als Maria ihre Schwester und eine Tante in Wien besucht, die dort als Dienstmädchen arbeiten. Als sie zurückkommt und voll Verzückung ob all des unerhört Neuen und Schönen dem Vater gesteht, in Wien sei es gerade wie im Paradies, kann der nur kontern mit Beschimpfungen und der guten Luft, die sie auf dem Lande doch hätten.

Ich war noch nicht einmal siebzehn,

trug Zöpfe, lief barfuß, betete dreimal am Tag    

und ehrte den Vater in Wort und Werk.                      

Dagegenreden, wie meine Schwester,                     

übte ich erst nach seinem Tod.

Für viele Worte und Gefühle ist in dieser Welt kein Platz. Nur durch Zufall kann Maria ihren alt und deshalb nutzlos gewordenen Hund Lord vor dem Abdecker retten. Und Worte für Gefühle gibt es schon gar nicht.

Ich weiß, was Liebe ist, aber ich konnte sie nie benennen, auch nicht für mich. Gernhaben und Mögen, andere Wörter hatten wir nicht.

Daneben und mittendrin gibt es aber auch das Andere, das Gewitzte, Lebenslust und Freude, z. B. an der ruhigen Stunde nach getaner Arbeit oder an den Bällen, wo man auch schon einmal zwei Paar Schuhe durchtanzt, und eine unglaubliche Schönheit.

Fazit

Es war bedrückend, von den Härten zu lesen, die in einer bäuerlichen Gemeinschaft auszuhalten waren. Die Armut, die Sprachlosigkeit, der unbarmherzige Katholizismus, die z. T. mörderischen Moralvorstellungen. Die starren Rollenbilder, aus denen weder Mann noch Frau ungestraft ausbrechen konnten.

Das Buch zwang mich, genau und noch genauer hinzuhören, viele Stellen mehrmals zu lesen, denn Maria spricht leise und scheint sich kaum vorstellen zu können, dass man ihr wie gebannt zuhört und sich kaum lösen kann, dabei scheint sie doch immer wieder hinter dem Erzählten und Erinnerten zu verschwinden, diskret, kunstlos, schnörkellos, alltäglich wie sie ist.

Hackl hat hier etwas geschrieben, was ich in dieser Form noch nie gelesen habe und was ich uneingeschränkt empfehle. Am liebsten würde ich seitenlang zitieren. Die folgende Passage hat mich sofort an Brechts „Vergnügungen“ erinnert.

Schlitten fahren.
Die jungen Katzen im Korbwagen spazierenfahren.
Auf dem Jahrmarkt mit dem Ringelspiel fahren.
Ein Rehkitz mit der Flasche aufziehen.
Das Roß striegeln.
Der alten Einlegerin die weißen Haare kämmen.
Von der Störschneiderin ein Märchen erzählt bekommen.
Dem Edi beim Faxenmachen zuschauen.
Den Schaum vom Bierglas schlecken.
Auf dem Dachboden alte Bücher finden.
Neben dem Fluder kleine Wasserräder laufen lassen.
Beim Brotbacken helfen.
Aufs Christkind warten.
Ans Christkind glauben (ein Mädchen wie ich, nur blond).
Das Christkind sehen (einen Zipfel seines himmelblauen Nachthemds).
Wenn es regnet, trocken bleiben.
Zum Essen sich Zeit nehmen dürfen.
Früh ins Bett gehen dürfen.
Beten.
Einen Schutzengel haben.
Ein gutes Wort hören.
Sich freuen.
 Anmerkungen
 

Hackl erklärt in seiner Nachbemerkung, dass er sich den Titel des Buches von Bettina von Arnims Dieses Buch gehört dem König ausgeborgt habe. Aber außerdem habe er zeigen wollen, „wie es Menschen trotz Armut und Mühsal gelingt, sich über die fremdbestimmten wie selbstverschuldeten Verhältnisse zu erheben, für einen Moment oder länger. […] Ich halte mich dabei an die Geschichten meiner Mutter, nehme mir aber die Freiheit, ihr Einsichten zu gestatten, die sie nicht auszudrücken vermochte oder zu denen sie nie gelangt ist. Die Freiheit, ihr mein Gewissen anzudichten. Ich glaube nicht, daß sie oder mein Vater dagegen Einspruch erheben würde.“

 

Ich gab immer zuviel auf das,

was die anderen sagten.

Das war mein Fehler

mein Lebtag lang

und schon damals.

Mag sein, dass mich an einigen Stellen das Hinzugedichtete – gerade in der sprachlichen Rhythmisierung – ein bisschen gestört hat, aber viel mehr bedauere ich, dass ich nicht mehr mit meiner Großmutter – Jahrgang 1919 – über dieses Buch sprechen kann. Ob sie nicht vieles ganz ähnlich erlebt hat? Hackl hat in den Erinnerungen seiner Mutter viel mehr verdichtet als die Geschichte einer einzelnen Frau.

Hier geht’s lang zur Besprechung von Tobias Becker auf Spiegel online. Dort gibt es auch ein schönes Kinderfoto Marias mit ihrem Hund Lord.

Weitere Besprechungen finden sich auf dem Blog Leselust und dem Psychosemitischen Buchblog.

Christian Grawe: Darling Jane (2010)

Jane Austens Lebenszeit umfasst eine der ereignisreichsten und turbulentesten Epochen der europäischen Geschichte. Sie wurde am 16. Dezember 1775 geboren und starb mit nur 41 Jahren am 18. Juli 1817. In dieser Zeit wurde in Frankreich von 1789 bis 1799 durch die Revolution der Staat vollständig umgeformt und durch die Herrschaft Napoleons von 1799 bis 1815 Europa in Krieg und Chaos

Grawe (*1935), ein deutscher Germanist und Übersetzer, hat zusammen mit seiner Frau sechs Romane Jane Austens übersetzt und legt nun hier auf 245 Seiten eine im Wesentlichen chronologisch aufgebaute Biografie Austens vor, in der er auch die gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründe miteinbezieht, die für ein tieferes Verständnis der Romane hilfreich sein können.

Er gibt also nicht nur Informationen zu ihrer Familie und zu den Jugendwerken der Autorin, sondern geht beispielsweise auch auf Details wie die Erbrechtregelung des Fideikommiss (entail) ein, die in Pride and Prejudice eine so wichtige Rolle spielt.

Grawe erläutert nicht nur die Berufswahl der Söhne aus der Gentry, die damaligen politischen Verhältnisse in England, sondern arbeitet auch Austens soziale Stellung als gesellschaftlich angesehene ‚gentlewoman‘ heraus. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie bis wenige Jahre vor ihrem Tod finanziell so abhängig von ihren Brüdern war, dass sie nicht einmal selbstständig ihre Reisen und Besuche planen konnte.

Austens Romane sind aufgrund ihrer Kunst der Charakterisierung und Dialoggestaltung auf den ersten Blick für viele LeserInnen scheinbar mühelos zugänglich, doch Grawes Hintergrundinformationen z. B. zum hochgradig formalisierten Umgang – selbst innerhalb der Familie – in der Schicht der Gentry sind für eine Lektüre der Romane durchaus erhellend.

Er arbeitet außerdem heraus, worin das eigentlich Neue, ja literarisch geradezu Revolutionäre der Romane Austens liegt. Sie sei die erste Schriftstellerin, die – noch bevor der Begriff überhaupt auf Literatur bezogen wurde – den Anspruch hatte, realistisch zu schreiben. Kein Grusel, keine Sensationen, keine Sentimentalitäten, keine engelgleichen Heldinnen, die immer an der passenden Stelle in Ohnmacht fallen, keine fremden Länder, Räuber und Entführungen, kurzum keine Unwahrscheinlichkeiten mehr, die doch typisch für die Romanproduktion der damaligen Zeit waren. Stattdessen psychologisch glaubwürdige Charaktere in dem ihnen gemäßen sozialen Raum:

Gesprochene Worte müssen dem Sprecher, der Situation und dem sozialen Milieu angemessen sein, Charaktere entsprechend ihrer Anlage als Person handeln, und dieses Handeln muss motiviert sein, damit es menschlich überzeugend erscheint. (S. 175)

Dieser Anspruch auf Natürlichkeit und Stimmigkeit gehe einher mit einer zutiefst ironischen Weltsicht. Die Wirklichkeit werde in ihren Romanen noch einmal auf das Wesentliche hin gefiltert. „Jane Austens Geschichten von den Liebes- und Lebenssorgen junger Damen sind eingehüllt in eine bezaubernde Atmosphäre des Komödiantischen, das Ausdruck einer ironischen Weltsicht ist.“ (S. 182)

Das dürfe aber nicht dazu führen, dass man Austens Gesellschaftskritik übersehe, denn in den Romanen

erscheint trotzdem die soziale Welt als ein Jahrmarkt der Eitelkeit, der Selbstsucht, Gedankenlosigkeit und Dummheit. […] Heute herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, dass Austen eine bissige Gesellschaftskritikerin war, die ihrer Umgebung sehr viel distanzierter gegenüberstand, als das auf den ersten Blick erscheint. (S. 184)

Zwar stelle Austen die Gesellschaftsordnung nicht grundsätzlich in Frage, doch kritisiere sie leidenschaftlich deren Missstände und menschliches Fehlverhalten.

Interessant auch, wie Grawe die Happy Ends der Austenschen Romane deutet, nämlich als „Erfüllung des Menschen aus der schlechten, korrupten, selbstischen Alltagswelt“ und nicht als Eskapismus oder romantische Schönfärberei. Das glückliche Ende sei „ein zentrales Element ihrer Menschensicht, nach der die liebende Beziehung den Hoffnungsschimmer in einer ungenügenden Welt ausmacht.“ (S. 190)

So werde Austen zur Vorläuferin des später entstehenden bürgerlichen Familienethos, das dem traditionellen, aristokratischen Verständnis von Ehe als einem Mittel der Familienpolitik diametral entgegenstehe.

Außerdem arbeitet Grawe heraus, dass Austens Romane als ’novels of manner‘ mit ihrem „Gewicht, das darin den Lebens- und Umgangsformen für das reibungslose Funktionieren des häufigen Miteinanderumgehens“ zugeschrieben wird, „Jane Austens eigene soziale Welt und ihre eigenen moralischen Maßstäbe“ widerspiegeln. (S. 90)

Er versteht Austen als eine Autorin in der Tradition der Aufklärung:

Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand und den Wert der Kultur, Unsentimentalität und Toleranz, die Überzeugung von der Selbstbestimmung der menschlichen Vernunft und ihrer Fähigkeit, die Leidenschaften zu kontrollieren, und das Streben nach einer Balance zwischen Individuum und Gesellschaft sind für diese Tradition wesentlich. (S. 189)

Grawe selbst betont immer wieder, wie schwierig es gewesen sei, dem Menschen Jane Austen gerecht zu werden, da so unbefriedigend wenig persönliche Zeugnisse von ihr überlebt haben. Ihre Schwester Cassandra hatte nach dem Tode Janes viele Briefe vernichtet oder Stellen in den noch erhaltenen Briefen geschwärzt. Spätere Erinnerungen der Nichten und Neffen sind ebenfalls von Familiendiskretion und dem Wunsch geleitet, ein möglichst gefälliges Bild zu entwerfen.

Trotz dieser Einschränkung ist Grawe eine knappe, gut lesbare und informative Einführung in die Welt Austens gelungen, auch wenn ich manchmal seinen Stil etwas trocken fand. So schreibt Grawe – akademisch korrekt – von sich als dem „Verfasser der vorliegenden Biografie“ und spricht davon, dass Austen, wäre sie nicht so früh gestorben, sicherlich eine „Zelebrität“ hätte werden können.

Meine Lieblingsstelle beschäftigt sich mit dem Ideal „der gesellschaftlich geformten Persönlichkeit“, an dem sich die Figuren Austens messen lassen müssen. Dieses Ideal

umfasste auf eine für uns heute nur noch schwer vorstellbare Weise das ganze körperliche und geistig-seelische Wesen des Menschen. Gang, Gestik, Haltung, Eleganz, geschmackvolle und der Situation angemessene Kleidung, Gesichts- und Augenausdruck, sprachliche Gewandtheit und die Fähigkeit, sich in jeder Gesellschaft je nach dem erforderlichen Verhalten leutselig, zwanglos oder respektvoll zu bewegen, machten zusammen mit geistiger Lebhaftigkeit, höflichem Umgangston, menschlichem Empfinden, künstlerischem Interesse und Gespür, seelischem Feingefühl die Gesamtheit der ‚manners‘ aus. […] Schon eine laute  Stimme, eine indiskret wiederholte Frage, ein undelikates Gesprächsthema, eine brutale Wahrheit gegenüber einem wehrlosen Menschen […] können einen bedauerlichen Mangel an gesellschaftlicher Vollkommenheit bedeuten. (S. 90/91)

Und hier geht’s weiter: