Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung (2014)

Wir haben eine Buchhandlung gekauft. In Wien. Wir haben eine Mail mit einer Zahl geschrieben, ein Gebot, einen Betrag, den wir gar nicht hatten, und nach einigen Wochen kam die Antwort: Sie haben eine Buchhandlung gekauft! So etwas passiert dir nur bei eBay, wenn du dich hinreißen lässt und mehr bietest, als du eigentlich wolltest, weil sich das Kind das Harry-Potter-Lego so sehr wünscht und du dann diese eine Zahl hingeschrieben hast und keiner, verdammt noch mal keiner, findet sich, der mehr bietet. Und nun haben wir für eine Buchhandlung geboten, in einer Stadt, in der wir nicht leben, mit Geld, das wir nicht haben. Und haben sie bekommen. Und jetzt? Jetzt müssen wir das durchziehen.

So beginnt eine buchhändlerische Erfolgsstory, die zunächst so gar nicht ins Amazon-Zeitalter zu passen scheint:

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung (2014)

Zum Inhalt

Nach den schönen Besprechungen auf dem Grauen Sofa (dort bitte auch die anregenden Kommentare lesen!) und beim Kaffeehaussitzer muss zum Inhalt wohl nicht mehr viel gesagt werden: Familie kauft Buchhandlung in Wien. Arbeitet bis zur Erschöpfung und manchmal auch darüber hinaus, kämpft mit Tücken der Finanzierung und wunderbaren und manchmal auch ziemlich schrägen Kunden.

Den Vogel schießt die Kundin ab, die ein spanisches Kinderbuch, das sie im Urlaub für ihren Enkel gekauft hat, von uns übersetzen lassen will. Der Enkel spreche schließlich kein Spanisch. Darauf die Kollegin: „Ich auch nicht.“ Die Dame verlässt beleidigt den Laden. (S. 67)

Hin und wieder gerät das Familienboot unter all der Zeitnot und dem Stress gefährlich ins Trudeln. Sie gewinnen neue Mitarbeiter auf manchmal ungewöhnlichen Wegen und – verkaufen Bücher ohne Ende.

Inzwischen mit liebevoll gestalteter Homepage.

Fazit

Humorvoll, ironisch, locker-flockig, manchmal ein bisschen rüde, da wird dann für eine gute Pointe auch mal ausgeteilt. Über manches wird geschwiegen: Wie hat wohl der Sohn, der den Rest seiner Schulzeit in Hamburg absolviert hat und nicht mit der Familie nach Wien gezogen ist, diese Zeit erlebt? Und wenn alles immer noch nahe dem Nervenzusammenbruch passieren würde, dann hätte Frau Hartlieb sicherlich nicht die Zeit gefunden, dieses Buch und noch ein paar Krimis zu schreiben.

Trotzdem ist das Buch spannend, man will wirklich wissen, was passiert als nächstes? Zwischendurch ist es erholsam, wenn sie das Erzähltempo drosselt und einzelne Episoden erzählt, da kann man dann ein bisschen aufatmen.

Und wie schön zu lesen, dass so ein angeblich altmodisches Ding wie eine Buchhandlung hervorragend funktionieren kann. Dass es Menschen gibt, die ihren Traum leben und mit Enthusiasmus das wettmachen, was ursprünglich vielleicht an finanziellen Rücklagen und technischem Know-How gefehlt hat.

Dieses Loblied auf den Buchhandel vor Ort und auf einen Beruf, der uns allen hoffentlich noch lange, lange erhalten bleibt, macht Laune. Nicht mehr, nicht weniger. Und man möchte am liebsten gleich wieder in eine dieser mit Büchern vollgestopften Buchhandlungen verschwinden und auf Entdeckungstour gehen. Und der ein oder andere Buchladen kann sich von dem, wie hier Service, Beratung und Kundenbetreuung hochgehalten werden, vielleicht auch ein Scheibchen abschneiden.

Und wenn ein Buch mit so viel Wärme und Begeisterung von Hartlieb empfohlen wird wie Der Schrecken verliert sich vor Ort von Monika Held, dann werde ich doch gleich mal schauen…

 … wir verkaufen das schönste Produkt, das es gibt. Wir verkaufen Geschichten. Und ich kann mich für einen guten Unterhaltungsroman genauso begeistern wie für die sogenannte ernsthafte Literatur, und manchmal finde ich diese Unterscheidungen im deutschen Sprachraum sehr mühsam. Jedes Mal dieser Eiertanz, wenn man rausfinden möchte, welche Art von Buch eine Kundin gerne möchte, wenn sie in den Laden kommt und sagt: „Empfehlen Sie mir ein gutes Buch.“ Was könnte das sein? Was ist für die Dame eine gutes Buch? Irgendetwas zwischen Elfriede Jelinek und Cecilia Ahern, aber wie bekomme ich das raus, ohne beleidigend zu sein? (S. 129)

Und vielleicht sollte sich meine Buchhandlung vor Ort den folgenden Hinweis mal zu eigen machen:

Es gibt natürlich auch solche, die regelmäßig sehr, sehr viele Bücher kaufen, du weißt aber, dass sie nicht unfassbar reich sind und ihre Bücherregale eigentlich auch schon überquellen müssen. Da muss man auch schon mal etwas verweigern, zumindest rauszögern, ein wenig wie ein guter Wirt, der einschätzen kann, wann der Gast genug hat, und ihm nicht mehr nachschenkt. „Jetzt liest du mal das, was auf deinem Nachttisch liegt, und dann kommst du wieder.“ (S. 177)