Betty Smith: A Tree Grows in Brooklyn (1943)

Heute mal wieder etwas aus den Tiefen des Blogs, und zwar die Besprechung zu dem in weiten Teilen autobiografischen, sehr erfolgreichen und später auch verfilmten, fast 500 Seiten lange Roman A Tree Grows in Brooklyn (1943) von Betty Smith.

Zum Inhalt

Smith (1896-1972) verarbeitet in ihrem Debütroman, der ursprünglich als Autobiografie angelegt war, Erinnerungen an ihre eigene entbehrungsreiche Zeit als Kind armer deutscher Einwanderer in Brooklyn Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.

Im Zentrum stehen die Geschicke der Familie Nolan, allen voran die 1901 geborene Francie, ihr ein Jahr jüngerer Bruder Cornelius und ihre Mutter Katie, deren Eltern aus Österreich stammen, und Vater Johnny aus Irland.

Johnny, mit 21 schon zweifacher Vater, ist liebenswert, musikalisch begabt, gut aussehend und mit seiner familiären Verantwortung völlig überfordert. Tante Sissy hingegen, die Schwester Katies, ist einfach wundervoll in ihrer großzügigen Menschenliebe, auch wenn sich die nicht immer mit den Grundsätzen der katholischen Kirche in Übereinstimmung bringen lässt.

Die Nolans sind arm wie fast alle in diesem Stadtteil und auf den ersten Seiten erfahren wir, wie Francie und Cornelius, der von allen nur Neeley genannt wird, ihren samstäglichen Gang zum Schrotthändler machen, um für das während der Woche gesammelte Papier, Metall und Gummi ein paar Cent zu bekommen. Den Lebensunterhalt verdient im Wesentlichen Francies Mutter, indem sie in mehreren Mietskasernen putzt, während Johnny nur unregelmäßig etwas Geld als Kellner verdient und immer mehr dem Alkohol verfällt.

Obwohl vor allem Francies Kindheit und Jugend im Mittelpunkt stehen, ist für mich die toughe Mutter Katie die eigentliche Heldin des Buches.

Gradually, as the children grew up, Katie lost all of her tenderness although she gained in what people call character. She became capable, hard and far-seeing. She loved Johnny dearly but all the old wild worship faded away. […] Katie had the same hardships as Johnny and she was nineteen, two years younger. It might be said that she, too, was doomed. Her life, too, was over before it began. But there the similarity ended. Johnny knew he was doomed and accepted it. Katie wouldn’t accept it. She started a new life where her old one left off. She exchanged her tenderness for capability. She gave up her dreams and took over hard realities in their place. Katie had a fierce desire for survival which made her a fighter…“ (S. 97)

Manchmal ist das Geld so knapp, dass Katie mit ihren Kindern tagelang „Expedition zum Nordpol“ spielt, bei der sie alle während eines Schneesturms in einer Höhle festsitzen. Die Lebensmittelvorräte sind knapp.

They had to make it last till help came. Mama divided up what food there was in the cupboard and called it rations and when the children were still hungry after a meal, she’d say, „Courage, my men, help will come soon.“ When some money came in Mama bought a lot of groceries, she bought a little cake as celebration, and she’d stick a penny flag in it and say, „We made it, men. We got to the North Pole.“ (S. 218)

Katie würde niemals Almosen einer Wohltätigkeitsorganisation akzeptieren, eher schon würde sie den Gashahn in der Wohnung aufdrehen.

Sie ist entschlossen, ihren Kindern das zu geben, was sie und ihre Schwestern niemals hatten, nämlich eine anständige Schulbildung, „education“. Und so wachsen Francie und Neeley, deren Großmutter noch Analphabetin ist, mit zwei Büchern auf: einer aus einem Hotel stammenden Gideon-Bibel und einem ausrangierten Büchereibuch, den gesammelten Werken Shakespeares. Fantasie, Literatur und das Schreiben eigener Geschichten werden so schon früh Francies Ausweg aus Einsamkeit und Armut.

Sometimes Francie wavered. She didn’t know whether it would be better to be a band when she grew up or an organ grinder lady. It would be nice if she and Neeley could get a little organ and a cute monkey. All day they could have fun with him for nothing and go around playing and watching him tip his hat. And people would give them a lot of pennies and the monkey could eat with them and maybe sleep in her bed at night. This profession seemed so desirable that Francie announced her intentions to Mama but Katie threw cold water on the project telling her not to be silly; that monkeys had fleas and she wouldn’t allow a monkey in one of her clean beds. (S. 115)

Katie ist eine Frau, die sich keinerlei Selbstmitleid erlaubt, hart gegen sich und gegen andere, wenn sie glaubt, dass das für alle langfristig das Bessere ist. Überhaupt ist das Buch gänzlich unsentimental, auch da, wo Einsamkeit, Sehnsucht und der erste Liebeskummer Francies erzählt werden.

Francie liebt die Schule und ist immer eine sehr gute Schülerin:

Francie like school in spite of all the meanness, cruelty, and unhappiness. The regimented routine of many children, all doing the same thing at once, gave her a feeling of safety. She felt that she was a definite part of something, part of a community gathered under a leader for the one purpose. (S. 163)

Dabei schreien die Abgestumpftheit und die fehlende Empathie der meisten Lehrerinnen zum Himmel. Immer wieder kommt es zu scheußlichen Situationen. Die Kinder sollen beispielsweise eigentlich während der Pause die (viel zu wenigen) Toiletten benutzen, doch die werden von den zehn schlimmsten Schultyrannen bewacht, und nur gegen ein Entgeld lassen sie ihre Mitschüler auf die Toilette. Doch das kann sich kaum ein Kind leisten. Theoretisch darf man – nachdem man die Lehrerin um Erlaubnis gebeten hat – auch während des Unterrichts kurz den Raum verlassen, doch seltsamerweise sieht die Lehrerin immer nur die Meldungen der nicht ganz so armen und besser gekleideten Kinder.

Mit 14 muss Francie die Schule verlassen, ebenso wie ihr ein Jahr jüngerer Bruder. Das Geld ist nach dem Tod Johnnys so knapp, dass sich die Geschwister als älter ausgeben müssen, als sie sind, um Arbeit zu finden. Damit rückt Francies Traum, die High School zu besuchen, um anschließend studieren zu können, erst einmal in weite Ferne.

Die Geschichte endet 1918 und entlässt die Nolans in eine glücklichere Zukunft, symbolisiert durch den ‚tree of heaven‘, den Götterbaum, der im Hinterhof ihrer Mietskaserne gestanden hat.

The tree whose leaf umbrellas had curled around, under and over her fire escape had been cut down because the housewives complained that wash on the lines got entangled in its branches. The landlord had sent two men and they had chopped it down. But the tree hadn’t died … it hadn’t died. A new tree had grown from the stump and its trunk had grown along the ground until it reached a place where there were no wash lines above it. Then it had started to grow towards the sky again. (S. 493)

Fazit

Anna Quindlen weist in ihrem Vorwort der englischen Ausgabe zu Recht darauf hin, dass der Stil des Buches sehr einfach ist:

It is not a showy book from a literary point of view. […] Its glory is in the clear-eyed descriptions of its scenes and people. […] There is little need for embellishment in these stories; their strength is in the simple universal emotion they evoke.

Die Frage, aus welcher Perspektive sie erzählen will, hat die Autorin an manchen Stellen nur unzureichend gelöst, und so wechseln sich personale, psychologisch überzeugende, anrührende Stellen mit manchmal unbeholfen wirkenden auktorialen Abschnitten ab, bei denen Inhalte referiert werden.

Brutalizing is the only adjective for the public schools of that district around 1908 and ’09. Child psychology had not been heard of in Williamsburg in those days. Teaching requirements were easy: graduation from high school and two years at Teachers Training School. Few teachers had the true vocation for their work. (S. 153)

Trotz dieser kleinen stilistischen Schwächen habe ich das Buch gern gelesen. Das ist einfach eine mitreißende Fundgrube an Geschichten und Schicksalen. Die Nolans stehen stellvertretend für viele Tausende Einwandererkinder, die in Amerika ihren Platz gesucht und letztlich gefunden haben. Und natürlich bietet es sich an, Parallelen zu heutigen Einwanderer- und Immigrantenschicksalen zu ziehen.

Das Buch bietet aber nicht nur einen spannenden Einblick in das Schicksal armer Immigranten und in einen ganzen Stadtteil mit seinen Bewohnern, Kneipen und kleinen Läden, sondern verkörpert auch das amerikanische Credo, dass man sich – wie man an Katie sieht – in äußerst widrigen Situationen Stolz und Würde bewahren könne und dass man selbst die Verantwortung für sein Leben übernehmen muss.

Wikipedia schreibt: „… its main theme is the need for tenacity: the determination to rise above difficult circumstances.“ Und nicht zuletzt feiert es den Zusammenhalt in der Familie, unsentimental, ja manchmal geradezu harsch.

Doch dabei werden die Fallstricke auf dem Weg in eine hellere Zukunft, wie z. B. die überstürzte Wahl eines ungeeigneten Ehepartners, Vorurteile, miserable Schulen und bornierte Vertreter der Mittelschicht, nicht verschwiegen. In einer der Schlüsselszenen beschreibt Smith zum Beispiel, wie Francie nicht länger die kitschig verlogenen Geschichten schreiben will, die ihr in der Schule immer Bestnoten eingetragen haben, sondern beginnt, ihren Alltag zu verarbeiten, die Armut, den Alkoholismus ihres Vaters. Ihre Lehrerin ist empört:

‚But poverty, starvation and drunkenness are ugly subjects to choose. We all admit these things exist. But one doesn’t write about them.‘ (S. 321)

‚Drunkenness is neither truth nor beauty. It’s a vice. Drunkards belong in jail, not in stories. And poverty. There is no excuse for that. There’s work enough for all who want it. People are poor because they’re too lazy to work. There’s nothing beautiful about laziness. (Imagine Mama lazy!) ‚Hunger is not beautiful. It is also unnecessary. We have well-organized charities. No one need go hungry.‘ Francie ground her teeth. Her mother hated the word ‚charity‘ above any word in the language and she had brought up her children to hate it, too. (S. 322)

Der Roman war schon bald nach seiner Veröffentlichung unglaublich erfolgreich und wird auch heute noch auf unzähligen englischsprachigen Blogs besprochen.

The book sold 300,000 copies in the first six weeks after it was published. A Tree Grows in Brooklyn is now considered an essential part of American literature. As an indispensable classic, Smith’s book appears on reading lists across the country. It has profoundly influenced readers from all walks of life – young and old alike. The New York Public Library even chose the book as one of the „Books of the Century“  (siehe hier).

1945 wurde der Roman übrigens von Elia Kazan verfilmt.

Doch selbst nach der Veröffentlichung gab es noch Leser, die so dachten wie die Lehrerin im Buch, die Francie ja hatte verbieten wollen, über reale Erfahrungen zu schreiben:

Because Smith wrote about some of the more unsavory aspects of human existence, some critics found the book unacceptable. One Boston woman even wrote a letter to Smith saying that the author of such a book should live in a stable. (siehe hier)

Anlässlich der Neuübersetzung von Eike Schönfeld im Insel Verlag gab es  Besprechungen auf mehreren Blogs:

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Elizabeth Daly: Unexpected Night (1940)

Nun ist es auf dem Blog schon länger ruhig und das wird zeitbedingt auch noch eine Weile so bleiben, dabei ist es nicht so, dass ich gar nicht zum Lesen komme. Aber wenn’s hektisch wird, lese ich gern Cozy Crime und ganz verhängnisvoll ist’s, wenn man sich dann – als zwanghafte Immer-von-vorn-anfangen-Leserin – wieder Band 1 einer älteren Reihe aus dem Regal fischt.

Es macht nach wie vor Spaß, Henry Gamadge bei seinen unfreiwilligen Ausflügen in die kriminellen Irrungen und Wirrungen in und um  New York zu folgen. Die Geschichten spielen in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, vorzugsweise im familiären Umfeld, vor allem wenn bei Erbschaften viel Geld zu erwarten ist.

Mein momentaner Lieblingssatz aus Band 3 (insgesamt gibt es 16 Bände) fällt, als Henry zum zweiten Mal eine junge Frau trifft, in die er sich schon beim ersten Mal verliebt hat:

They exchanged a long, friendly gaze.

Doch jetzt noch mal ganz langsam von vorn; der erste Band Unexpected Night (1940) von Elizabeth Daly beginnt mit den Worten:

Pine trunks in a double row started out of the mist as the headlights caught them, opened to receive the car, passed like an endless screen, and vanished. The girl on the back seat withdrew her head from the open window. „We’ll never get there at this rate,“ she said. „We’re crawling.“

The older woman sat far back in her corner, a figure of exhausted elegance. She said, keeping her voice low: „In this fog, I don’t think it would be safe to hurry.“

Zum Inhalt

Gamadge, Experte für alte Handschriften und Bücher, besucht im Sommer 1939 eine befreundete Familie im Sommerurlaub in Maine, Colonel Barclay, dessen Ehefrau Lulu und ihren Sohn. Und während man sich den Abend mit Kartenspielen vertreibt und auf die Ankunft von Lulus Schwägerin und deren zwei Mündeln wartet, erzählen die Barclays, was es mit Schwägerin Eleanor und ihren zwei Schützlingen auf sich hat.

Alma und Amberley sind Geschwister und Amberley wird einen Tag später volljährig, das bedeutet, er wird ein Vermögen von einer Million Dollar erben. Doch Amberley ist todkrank und alle Anverwandten haben Angst, dass er seinen Geburtstag nicht mehr erlebt, dann würde nämlich das gesamte Vermögen irgendwelchen fremden Verwandten in Frankreich zufallen.

Am nächsten Morgen findet man Amberleys Leiche am Fuße der Klippen, ganz in der Nähe des Hotels, vermutlich eines natürlichen Todes gestorben, doch was wollte Amberley mitten in der Nacht an den Klippen?

Gamadge wird von dem zuständigen Kommisar Mitchell gebeten, ihn bei den Untersuchungen zu unterstützen. Und so kommt Gamadge eher unfreiwillig zu seinem ersten Fall. Er ist Anfang dreißig, finanziell unabhängig und äußerlich eher unauffällig und unscheinbar.

Mr. Henry Gamadge […] wore clothes of excellent material and cut; but he contrived, by sitting and walking in a careless and lopsided manner, to look presentable in nothing. He screwed his grey tweeds out of shape before he had worn them a week. […] People as a rule considered him a well-mannered, restful kind of young man; but if somebody happened to say something unusually outrageous or inane, he was wont to gaze upon the speaker in a wondering and somewhat disconcerting manner. (S. 6)

Gamadge hat ein Faible für Literatur, alte Handschriften und Bücher und ist – wie könnte es anders sein – ein intelligenter und aufmerksamer Zuhörer.

He did not object to his own society. (Deadly Nightshade, S. 2)

Fazit

Eine Krimi-Entdeckung mit Spannung, verwickelten Plots, Charakteren, denen man in den Folgebänden gern wiederbegegnet und einer feindosierten Portion Humor.

Die Schauplätze, eine Straße im Nebel, ein Hotel, ein Dorf, das eine Schauspielertruppe beherbergt, sind hier nicht bloße Staffage. Die Handlungsfäden fließen am Ende alle natürlich zusammen und es gibt kein weißes Kaninchen, das am Ende aus dem Hut gezaubert wird. Ich habe – erfolglos – fröhlich mitgerätselt. Und in einem der letzten Kapitel, als dem bis dahin ahnungslosen Familienanwalt erzählt wird, was sich zugetragen hat, läuft Daly sogar zu echtem Screwball Comedy-Format auf.

Das Buch war spannend und unterhaltsam. Ich finde es unerhört, dass es von dieser Krimireihe keine hübschen Schwarzweiß-Verfilmungen gibt.

Elizabeth Daly lebte übrigens von 1878 bis 1967. Es heißt, sie sei die Lieblings-Krimischriftstellerin Agatha Christies gewesen.

Margaret Humphreys: Oranges and Sunshine (1994)

The truth which makes men free is, for the most part, the truth which men prefer not to hear. (Herbert Agar, S. 200)

Anlässlich Peggys Artikel Von Strafkolonien und Völkermord auf ihrem Blog Entdecke England möchte ich noch einmal eine eindrückliche Geschichtsstunde aus meinem Archiv holen.

Margaret Humphreys: Oranges and Sunshine (1994); Originaltitel: Empty Cradles

So fing alles an

Margaret Humphreys, 1944 in Nottingham geboren, arbeitete als Sozialarbeiterin und war zuständig für Familien, die damit überfordert waren, sich selbst um ihre Kinder zu kümmern.

1975 sorgte eine Gesetzesänderung dafür, dass erwachsene Adoptivkinder Zugang zu ihren Geburtsurkunden bekommen konnten. Daraufhin gründete Humphreys 1984 eine Selbsthilfegruppe, damit diese Erwachsenen sich über die Probleme, Ängste und Identitätsfragen austauschen konnten, die durch die Suche nach den leiblichen Eltern ausgelöst wurden.

Eine Australierin, 1986 zufällig auf Besuch in Nottingham, erfährt von dieser Gruppe und berichtet ihrer Freundin Madeleine in Australien davon. Kurze Zeit später bittet Madeleine Margaret in einem Brief um Hilfe bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern, denn Madeleine war als englisches Waisenkind mit vier Jahren nach Australien verschickt worden.

Margaret kann das nicht so ganz glauben, doch auch eine ihrer Klientinnen in der Selbsthilfegruppe behauptet, dass ihr Bruder als kleiner Junge nach Australien verschickt worden sei. Sie beginnt nachzuforschen und bringt für sich und andere eine Lawine ins Rollen, die der Leser nun beeindruckt und entsetzt über die nächsten sieben Jahre mitverfolgt.

So geht es weiter

Humphreys schildert, wie sie, zunächst selbst völlig arg- und ahnungslos, mit Unterstützung ihres Mannes immer mehr Details über das sogenannte „child migration scheme“ in Erfahrung bringt: Die britische Regierung hatte schon im frühen 17. Jahrhundert Kinder nach Virginia verschickt, um die Kolonialisierung voranzutreiben (siehe auch den Wikipedia-Artikel zu Home Children). Doch noch im 20. Jahrhundert erfreute sich die Idee, missliebige Kinder aus Kinderheimen, die dem Steuerzahler ja ohnehin nur auf der Tasche lagen, in Gebiete des ehemaligen Empire zu schicken, großer Beliebtheit.

Between 1900 and the Depression of the 1930s, children were primarily sent to Canada, but after the Second World War the charities and agencies began to concentrate on Australia and, to a much lesser extent, Rhodesia and New Zealand. (S. 79)

Margaret kann das Interesse des Observer gewinnen und hat so die Möglichkeit, die Journalistin Annabel Ferriman auf der ersten Recherchereise nach Australien zu begleiten. Da wissen sie bereits, dass vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Schiffsladungen mit Kindern aus England nach Australien gebracht wurden. Beteiligt waren u. a. folgende Organisationen: die Heilsarmee, National Children’s Home, Children’s Society, die Church of England, die Presbyterian Church, die Church of Scotland, die Fairbridge Society, Dr Barnardo’s und der ebenfalls katholische Orden der sogenannten Christian Brothers.

Die Kinder kamen dann in (vorwiegend katholische) Kinderheime in Australien und mussten dort z. T. Sklavenarbeit verrichten. Viele begingen Diebstähle, weil sie nicht genug zu essen bekamen. In den überwiegend von Männern geführten Institutionen gab es keine Liebe, keine Fürsorge. Bettnässer wurden bestraft und gedemütigt, die Bettdecken waren zu dünn, die Matratzen schmutzig. Vor allem bei den Christian Brothers gab es zahlreiche Fälle von grauenhafter sexueller Gewalt. Doch auch in den von Nonnen geführten Mädchenheimen haben sich einzelne Sadistinnen oder völlig von ihrer Aufgabe überforderte Frauen ausgetobt.

Einige der Zöglinge waren anschließend für ihr Leben gezeichnet und nie wieder in der Lage, irgendjemandem zu vertrauen. Es gab zwar Angebote aus der australischen Bevölkerung, Kinder zu adoptieren, doch das wurde von der katholischen Kirche normalerweise verweigert. Die Kinder mussten in den Institutionen bleiben, denn sie waren nicht nur billige Arbeitskräfte, sondern auch eine gute Einnahmequelle, da sich die britische und die australische Regierung die Kosten pro Kind bis zum 14. Lebensjahr teilten.

Humphreys zeigt, dass es eine in vielen Fällen geradezu aberwitzige Verdrehung der Tatsachen ist, wenn behauptet wurde, dass den Waisenkindern in Australien tolle Möglichkeiten geboten wurden, die sie in Großbritannien nie gehabt hätten.

Es kommt aber noch schlimmer: Selbst die Kinder, die in ihrer neuen Heimat erträgliche Bedingungen vorfanden, sind um einen wesentlichen Teil ihrer Identität betrogen worden. Humphreys findet heraus, dass es sich bei den angeblichen Waisenkindern gar nicht um Waisenkinder gehandelt hat. Nahezu alle haben oder hatten in Großbritannien Mütter, Geschwister oder Verwandte, die sie nun – Jahrzehnte später – mit der von Humphreys gegründeten Stiftung „Child Migrants Trust“ versuchen, ausfindig zu machen. Doch Kinder, denen man erzählt hatte, dass sie Vollwaisen seien, waren natürlich leichter beeinflussbar und eher bereit, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, ohne unbequeme Fragen zu stellen.

Den Müttern, die, oft aus einer Notlage heraus, ihre Kinder ins Heim gegeben hatten, hat man, wenn sie ihre Kinder wieder zu sich nehmen wollten, erzählt, dass ihre Kinder tot seien. Eine andere Variante lautete, sie würden inzwischen bei liebevollen englischen Adoptiveltern aufwachsen oder sie seien halt inzwischen in Australien. Dies sogar dann, wenn Mütter ausdrücklich eine Adoption verweigert hatten, weil sie immer vorhatten, ihr Kind irgendwann zurückzuholen.

Humphreys geht dabei auch der Frage nach, wie es politisch und juristisch überhaupt möglich war, Kinder einfach in ein anderes Land abzuschieben. Großbritannien hat lange jegliche Verantwortung für diese Zwangsverschickung abgestritten, obwohl die Dokumente in den Archiven eine andere Sprache sprechen. Die historischen Quellen belegen außerdem, dass Australien ein enormes Interesse an britischen Kindern hatte, weil die der „richtigen“ Rasse angehörten, noch formbar waren, finanziell günstiger waren als erwachsene Einwanderer und als Verstärkung gegen eine befürchtete asiatische Invasion die Bevölkerungsdichte nach oben treiben sollten. 1945 beispielsweise rief der australische Premierminister eine entsprechende Konferenz ein, um für die massenhafte Einwanderung von Kindern zu werben. Er dachte an mindestens 50.000 Kinder.

Das weitere Schicksal der Kinder hing dann auch davon ab, in welches Land sie verschickt wurden. Diejenigen, die nach Neuseeland kamen, wurden zwar überwiegend in Pflegefamilien gebracht, doch denen ging es vorrangig um billige Arbeitskräfte auf den Farmen. Die Kinder, die nach Simbabwe – damals Rhodesien – verschickt wurden, haben ihre Kindheit meist in guter Erinnerung. Ihre Auswanderung war oft die Entscheidung der gesamten Familie, die – zu Recht – vermutete, dass dem Kind als Mitglied der weißen „Herrenrasse“ in Afrika Möglichkeiten offen stehen würden, die in Großbritannien völlig illusorisch gewesen wären. Einige der ehemaligen child migrants sehen das selbst heute noch völlig unkritisch und bedauern höchstens, dass der Einfluss der Weißen schwindet. Humphreys befragt z. B. einen wohlhabenden weißen Anwalt, der als Kind nach Simbabwe gekommen war, nach den Lebensbedingungen seines Kochs:

  • ‚He lives at the end of the garden.‘
  • ‚And is he married?‘
  • ‚Oh yes – and he’s got children.‘
  • ‚Does his wife live here?‘
  • ‚No, we let him go and see her once a year.‘ (S. 153)

Humphreys schildet aber nicht nur die Einzelheiten des lange totgeschwiegenen child migration scheme, sondern zeigt auch die politischen und kirchlichen Reaktionen auf die Enthüllungen.

Die offiziellen Reaktionen der katholischen Kirche waren alles andere als christlich: Die Kirche versuchte lange, sich als Opfer einer medialen Hetzkampagne zu inszenieren und selbst Jahrzehnte später nur eine Pseudo-Aufarbeitung durch eigene Ordensleute zuzulassen. Dr Barry Coldrey, selbst ein Angehöriger der Christian Brothers und von der katholischen Kirche beauftragt, den Anschuldigungen nachzugehen, entblödete sich nicht, noch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Kindern die Schuld an den sexuellen Abartigkeiten ihrer Priester zu geben.

Brother Gerald Faulkner verteidigte die in den fünfziger Jahren gängige Praxis, pädophile Priester einfach in ein anderes Jungenheim zu versetzen, da man es halt nicht besser gewusst habe.

People assumed that a new start in life at a new place would bring about a different sort of life. (S. 325)

Die ersten Forschungsarbeiten zu dem Thema gingen davon aus, dass ca. 20 % der Jungen in den Heimen der Christian Brothers missbraucht oder vergewaltigt wurden.

Auch die anderen Organisationen waren zunächst weder zu einer Aufarbeitung dieses Kapitels noch zu einer (finanziellen) Unterstützung des Child Migrants Trust bereit. Manche weigerten sich, Akteneinsicht zu gewähren.

Als der öffentliche Druck zu groß wurde, schickte z. B. die Fairbridge Society brisante Unterlagen den Betroffenen einfach per Post, die dann sehen konnten, wie sie damit zurechtkamen, auf einmal den Namen ihrer Mutter, ein anderes Geburtsdatum und vielleicht einen anderen Taufnamen schwarz auf weiß vor sich zu haben, obwohl sie bis dahin geglaubt hatten, Vollwaisen zu sein.

Als Leser ist man beschämt, wenn man von den Schwierigkeiten liest, genügend Geld für die Arbeit des Child Migrants Trust zusammenzubetteln, und man fragt sich, wer wohl hinter den Morddrohungen und dem nächtlichen Überfall in Australien gegen Margaret gesteckt hat, nach dem sie jahrelang Schlafprobleme hatte.

Fazit

Ein spannendes, informatives Buch mit vielen Zitaten aus historischen Dokumenten, Briefen und Gesprächen, das es einem nicht einfach macht, denn es zeigt, dass das „Böse“ oft ein kaum noch zu entwirrendes Gemisch aus Rassismus, Zeitgeist, guten Absichten, Bürokratie, Fanatismus, Heuchelei, fehlender Kontrolle, Selbstgerechtigkeit und banaler Ignoranz ist.

Als Humphreys sich irgendwann fragt, wie sie bloß in all das hineingeraten ist, lächelt ihr Mann sie an und meint:

It’s that well-known mixture of the right person, in the right place, at the right time, with a smashing family. (S. 329)

Sie hat persönliche Opfer für diese Arbeit gebracht, ihren Mann und ihre zwei Kinder oft über Wochen, manchmal Monate, allein gelassen und selbst gesundheitliche Beeinträchtigungen in Kauf genommen, nur um ihrem Ziel näher zu kommen: so viele child migrants wie möglich noch mit ihren Müttern in Großbritannien zusammenzubringen, bevor der Tod das unmöglich macht.

Sie erzählt ihre Geschichte mit sanftem Humor, Wehmut und einer nicht versiegenden Menschlichkeit.

No matter how many stories of abuse I hear, I am always shocked. You can’t be prepared. I’m not shocked by the knowledge that brothers or priests or others are capable of such brutality. It’s the total devastation of the victim that stuns me; the fact that he has held on to his pain for all these years. It humbles me. […] It’s no good sitting there saying I don’t want it. You take their baggage because you know it’s too heavy for one person to carry through a lifetime. (S. 298)

Die letzten Kinder wurden übrigens 1967 verschickt.

Sowohl die australische als auch die britische Regierung haben sich inzwischen offiziell bei den ehemaligen child migrants entschuldigt und Humphreys ist vielfach für ihr Engagement ausgezeichnet worden.

Anmerkungen

Das Buch zeigt, wie hilfreich die Medien sein können. Ohne die Arbeit engagierter Journalisten und Filmemacher wäre die Arbeit von Humphreys und ihren Mitstreitern wahrscheinlich im Sande verlaufen. Nur mit der Hilfe von Zeitungsartikeln, Radiointerviews und Dokumentationen konnte die nötige Breitenwirkung erreicht werden, die notwendig war, um politischen Druck auszuüben, Beratungsstellen in Großbritannien und Australien aufzubauen, die Frage nach finanzieller Entschädigung anzustoßen und die Suche nach vermissten Familienangehörigen zu finanzieren.

Folgende Dokumentationen und Filme haben besonders dazu beigetragen, dass das Thema öffentlich wahrgenommen und diskutiert wurde. Die Filme sorgten außerdem dafür, dass sich Tausende ehemaliger child migrants an die jeweils geschalteten Hotlines wendeten, ihre Geschichten erzählten und sich ebenfalls auf die Suche nach ihren Müttern begaben, von denen sie Jahrzehnte lang geglaubt hatten, dass sie tot seien.

Auf die Ähnlichkeiten mit dem Schicksal der australischen „Stolen Generation“ kann hier nur hingewiesen werden.

Übrigens ist auch Frankreich in der Vergangenheit ähnlich vorgegangen und hat von 1963 bis 1982 über 1600 Waisenkinder aus Réunion nach Frankreich gebracht, um der zahlenmäßig schwächelnden Landbevölkerung aufzuhelfen. Siehe dazu den Artikel im Guardian vom Februar 2014.

Trauriger Nachtrag: Noch immer werden unzählige Aborigenes-Kinder zwangsweise von ihren Familien getrennt. Siehe den Artikel im Guardian vom März 2014.

Jane Austen: Pride and Prejudice (1813)

It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife. However little known the feelings or views of such a man may be on his first entering a neighbourhood, this truth is so well fixed in the minds of the surrounding families, that he is considered as the rightful property of some one or other of their daughters.

Mit diesem weithin bekannten Einstieg beginnt einer der englischen Romanklassiker

Jane Austen: Pride and Prejudice (1813), auf Deutsch: Stolz und Vorurteil

Zum Inhalt

Folgerichtig erregt die Ankunft des wohlhabenden Mr Bingley, des neuen Mieters des nachbarschaftlichen Herrenhauses, die Aufmerksamkeit der Familie Bennet. Bennets haben gleich fünf Töchter, die ja irgendwann unter die Haube sollen, was schon deshalb wichtig ist, weil aufgrund der damaligen Erbregelung das Anwesen nach dem Tode Mr Bennets nur einem männlichen Verwandten zufallen darf. Das wäre in diesem Fall Mr Collins, ein entfernter Cousin der Mädchen und ein schier unerträglicher Esel. Ohne Ehemann würden die Töchter nach dem Tod des Vaters im Grunde mittellos sein.

Hier wird nun von Austen ein etwas größerer Ausschnitt der Gesellschaft ins Auge gefasst, als das in den früheren Romanen der Fall war. Allerdings ändert diese Ausweitung nichts an den grundlegenden Themen, die auch diesen Roman durchziehen: die Rolle des Geldes, die Bedeutung von Erziehung, die Frage nach dem, was den richtigen Ehepartner ausmacht, die Überwindung von Vorurteilen. Und welche charakterlichen Reifungsprozesse müssen vollzogen werden, bevor man glücklich in den Hafen der Ehe einlaufen kann?

Die verschiedenen Möglichkeiten werden nun anhand der Familie Bennet durchgespielt. Da wären zum einen die Eltern: Mr Bennet ist eine interessante, weil durchaus zwiespältige Figur. Er ist intelligent und integer und sich im Klaren darüber, dass er er bei der Wahl seiner Ehegefährtin kräftig danebengegriffen hat, dennoch ist er nicht bereit, dem moralischen Verfall seiner Familie Einhalt zu gebieten. Stattdessen flüchtet er sich in Spott und in seine Bibliothek, in der ihn niemand stören darf.

Her mind was less difficult to develope. She was a woman of mean understanding, little information, and uncertain temper. When she was discontented, she fancied herself nervous. The business of her life was to get her daughters married; its solace was visiting and news. (S. 3 der in gebundenen Ausgabe der Everyman’s Library)

Jane, die älteste und tugendsame Tochter, verliebt sich in Mr Bingley. Die Liebe wird erwidert. Doch da Jane nicht als „gute Partie“ gilt und ihre Mutter und ihre jüngeren Schwestern ungebildet, ja fast schon ordinär sind, nimmt der zaudernde Bingley wenn auch schweren Herzens zunächst Abstand von Jane.

Ihre attraktive und lebhafte Schwester Elizabeth, die Hauptfigur, betrachtet das Treiben um sich herum mit gemischten Gefühlen. Sie nimmt ihrer Freundin Charlotte übel, dass diese, um lebenslang abgesichert zu sein, den Heiratsantrag von Mr Collins angenommen hat. Für sich selbst lehnt sie eine Heirat, die nicht auf gegenseitiger Achtung und Liebe beruht, grundsätzlich ab.

Elizabeth erkennt, wie berechnend und dümmlich sich ihre Mutter verhält. Sie ist empört, weil Bingley mit den Gefühlen ihrer Schwester zu spielen scheint, und kultiviert eine innige Abneigung gegen Bingleys Freund, den reichen, gut aussehenden, aber versnobten und stolzen Mr Darcy.

Der wiederum ist das Objekt der Begierde von Bingleys Schwester. Schonungslos legt der Erzähler deren Absichten offen, doch wer hätte nicht auch ein wenig Mitleid mit Miss Bingley?

Miss Bingley’s attention was quite as much engaged in watching Mr Darcy’s progress through his book, as in reading her own; and she was perpetually either making some inquiry, or looking at his page. She could not win him, however, to any conversation; he merely answered her question, and read on. At length, quite exhausted by the attempt to be amused with her own book, which she had only chosen because it was the second volume of his, she gave a great yawn and said: „How pleasant it is to spend an evening in this way! I declare after all there is no enjoyment like reading! How much sooner one tires of anything than of a book! – When I have a house of my own, I shall be miserable if I have not an excellent library.“ (S. 50/51)

Die mittlere Tochter der Bennets, Mary, ein unattraktives Mädchen, das von niemandem so richtig wahrgenommen wird, fällt allen anderen mit ihren Büchern, Klavierspielen und moralischen Sentenzen auf die Nerven.

Blieben noch die beiden jüngsten, Lydia und Kitty. An der fünfzehnjährigen Lydia, die wenig im Kopf hat außer ihrem Interesse für schöne Kleider und die im Ort stationierten Soldaten, sehen wir, wie gefährlich es ist, wenn eine dumme Mutter ihre Kinder verwöhnt und ihnen weder Werte noch Fähigkeiten vermittelt. Lydia brennt schließlich mit einem Tunichtgut durch.

Fazit

Anna Marie Quindlen, die einflussreiche amerikanische Autorin, Journalistin und Kritikerin, schrieb in ihrer Einleitung der Ausgabe der Modern Library voller Begeisterung:

Pride and Prejudice is also about that thing that all great novels consider, the search for self. And it is the first great novel to teach us that that search is as surely undertaken in the drawing room making small talk as in the pursuit of a great white whale or the public punishment of adultery.

Dennoch hat mich dieser Roman längst nicht so angesprochen wie Emma. Zwar führt Austen ihre Erzählfäden auch hier souverän zusammen und ihr Englisch ist wie immer ein Genuss. Austen ermöglicht dem Leser, der Leserin, nahezu mühelos die Distanz von 200 Jahren zu überbrücken. Wie in ihren anderen Werken betont sie auch hier, wie wichtig eine vernünftige Erziehung und die intellektuelle Ebenbürtigkeit in einer Ehe sind. Das ist zeitlos gültig.

Doch diesmal war mir die Handlung über weite Strecken zu sehr „Versuchsanordnung“, was zur Folge hatte, dass manche der Protagonisten wie Schachfiguren hin und hergeschoben wurden, ohne wirklich zu leben. Oft erschienen mir die Personen eher als Verkörperung bestimmter Tugenden bzw. Untugenden.

Jane, die Arglose, ist so dermaßen fehlerlos, gut und immer darauf erpicht, nur das Beste von allen Menschen zu denken, dass sie mich extrem ermüdet hat. Auch ihre große Liebe Bingley war so fad und farblos.

Ihre Schwester Elizabeth kommt längst nicht an den Charme einer Emma Woodhouse heran und Lydia, ein dummes, verzogenes Ding, das in seiner Ehe garantiert nicht lange glücklich sein wird, erschien mir lebendiger als viele der anderen Romanfiguren.

Und doch lohnt sich die Lektüre allemal, nicht nur, um einen Klassiker der englischen Literaturgeschichte kennenzulernen, sondern auch um das Werk von Jo Baker zu verstehen, die in ihrem Roman Longbourn die gleiche Geschichte erzählt, und doch ganz anders, nämlich aus der Sicht der Hausangestellten. Unbedingt lesenswert.

Anmerkungen

Zum Abschluss hier die berühmten Worte aus Sir Walter Scotts Tagebuch vom 14. März 1826:

Also read again, and for the third time at least, Miss Austen’s very finely written novel of Pride and Prejudice. That young lady had a talent for describing the involvements and feelings and characters of ordinary life, which is to me the most wonderful I ever met with. The Big Bow-wow strain I can do myself like any now going; but the eyquisite touch, which renders ordinary commonplace things and characters interesting from the truth of the description and the sentiment, is denied to me. What a pity such a gifted creature died so early!

Janeites

Als Janeites  werden übrigens Austens Verehrer und Fans bezeichnet. Mit diesem Begriff wollten sich die ursprünglich eher akademisch geprägten Austen-Fans vom trivialen Literaturgeschmack der Massen abheben. Geprägt wurde der Begriff von George Saintsbury, einem britischen Literaturkritiker und Weinkenner: „He coined the term ‚Janeite‘ for a fan of Jane Austen in his introduction to a 1894 edition of Pride and Prejudice.

Der englischsprachigen Ausgabe der Wikipedia verdanke ich außerdem den verblüffenden  Hinweis, dass die Begeisterung für Jane Austen zunächst eine eher männlich-elitäre Angelegenheit war. Rudyard Kipling hat sogar eine Erzählung mit dem Titel The Janeites geschrieben, die im Ersten Weltkrieg spielt und die man hier nachlesen kann.

Doch als auch die „Massen“ begannen, Jane Austen und ihre Romane zu entdecken, und eine regelrechte Fan-Kultur entstand, deren Ende längst nicht abzusehen ist (inzwischen gibt es Jane Austen und Zombie-Kombinationen), entwickelte sich der Begriff Janeite fast hin zu einem Schimpfwort für jemanden, der die Romane Austens sozusagen aus den falschen Gründen liebe und die literarischen Feinheiten gar nicht zu würdigen wisse.

Wer möchte, kann sich hier den Roman in Englisch vorlesen lassen.

P. D. James (*1920) lässt ihren Kriminalroman Death comes to Pemberley (2011) sechs Jahre nach der Hochzeit zwischen Elisabeth und Darcy einsetzen.

Jo Baker: Longbourn (2013)

There could be no wearing of clothes without their laundering, just as surely as there could be no going without clothes, not in Hertfordshire anyway, and not in September. Washday could not be avoided, but the weekly purification of the household’s linen was nontheless a dismal prospect for Sarah. The air was sharp at four thirty in the morning, when she started work. The iron pump-handle was cold, and even with her mitts on, her chilblains flared as she heaved the water up from the underground dark and into her waiting pail. A long day to be got through, and this just the very start of it.

So beginnt die lohnende Auseinandersetzung mit einem der bekanntesten Romane der englischen Literaturgeschichte:

Jo Baker: Longbourn (2013)

Longbourn, das ist der Name des Dorfes und damit des Anwesens der Familie Bennet in Jane Austens bekanntestem Roman Pride and Prejudice (auf Deutsch Stolz und Vorurteil). Baker erzählt den Roman quasi noch einmal, und zwar aus Sicht der Bediensteten. Dabei sind die Bennets und deren Sorgen und Liebeständel zweitrangig, denn Baker legt den Schwerpunkt auf das Leben der Untergebenen, ihre Ängste, Hoffnungen und vor allem auf ihren Tagesablauf, der natürlich von harter Arbeit, so gut wie keiner Privatsphäre und wenig Wertschätzung geprägt war.

Der Leser von Pride and Prejudice hat vielleicht noch die Szene vor Augen, wie Elizabeth sich auf dem nassen und schmutzigen Weg zu Bingleys Anwesen, wo sich ihre erkrankte Schwester aufhält, ihre Schuhe und Kleidung verdreckt. Bei Baker klingt das dann so:

If Elizabeth had the washing of her own petticoats, Sarah often thought, she’d most likely be a sight more careful with them. (S. 11)

Im Mittelpunkt steht Sarah, das Dienstmädchen, die genau wie die kleine Polly halbverhungert aus dem Armenhaus kommt und von Mrs Hill, der Haushälterin, ausgebildet, beaufsichtigt und angeleitet wird. Mrs Hill meint es gut mit den Mädchen, doch da sie sich – nicht ohne Grund, wie man im Laufe der Geschichte erfährt – alles Weiche und Herzliche nahezu abgewöhnt hat, kann sie dies nicht so zeigen, wie sie gern würde.

In die relative Ruhe und Gleichförmigkeit der Tage kommt Bewegung, als ein neuer footman, der attraktive James Smith, eingestellt wird, der von Sarah misstrauisch und gleichzeitig fasziniert beäugt wird. Die Ankunft des Militärs in Meryton und die Besuche der Offiziere in Longbourn scheinen James zu beunruhigen. Hatte er doch nach dramatischen Erlebnissen gehofft, hier ein ruhiges Plätzchen gefunden zu haben.

What was astonishing was the peace of this place. Like a pebble dropped into a stream, his arrival had made a ripple in the surface of things. He’d felt that; he’d seen it in the way they looked at him, Sarah and Mrs Hill and the little girl. But the ripples were getting fainter as they spread, and he himself was by now sunk deep and settled here; time would flow by and over him, and wedge him firmer, and he would take on the local colour of things. (S. 67)

Mrs Hill sieht mit Besorgnis, wie angetan Sarah von dem Mulatten Ptolomy Bingley ist, der von einer der Plantagen stammt, die den Bingleys gehören, und der nun in England als freier Mann sein Glück zu machen gewillt ist. Die erste Stufe dazu ist der Dienst als Diener im Bingleyschen Haushalt. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Fazit

Baker reiht sich damit nun keineswegs in die gerade im englischsprachigen Raum überaus beliebte Fan-Fiction ein, die die Werke Austens als Vorlage und Anregung für meist locker-flockige und nicht allzu anspruchsvolle Liebesromane nimmt; inzwischen gibt es sogar Zombie- und Erotikversionen, siehe z. B. die Besprechung zu Pride and Prejudice and Zombies von Thomas Rau.

Doch Baker hat einen anderen Anspruch. Sie schafft so etwas wie einen Spiegel, den man bei der nächsten Austen-Lektüre immer mitdenken wird.

Das Buch gibt all den namenlosen „guten Geistern“ ein Gesicht und gibt ihnen ihre Würde. Natürlich ist Baker keine Jane Austen, manches gerät notgedrungen ein bisschen langatmig, z. B. wenn sie – exzellent recherchiert – den Tagesablauf und die Tätigkeiten der Hausangestellten ganz genau schildert, aber nur so kann der Leser ja einen Eindruck gewinnen vom Leben derjenigen, die zur Zeit Austens eher unsichtbar sein sollten.  Wir bekommen plötzlich eine Ahnung, wie sich das vielleicht angefühlt haben mag, wenn man Seife aus Fett des gerade geschlachteten Schwein hergestellt hat, den Nachttopf der Herrschaften leeren und die Wäsche mit dem Menstruationsblut waschen musste. Oder bis früh morgens aufbleiben musste, damit die heimkehrende Herrschaft nach der kalten Kutschfahrt noch einen Tee genießen konnte.

Baker arbeitet dabei ganz unaufdringlich immer wieder mit interessanten Spiegelungen. Der Leser erinnert sich vielleicht, welche Fürsorge Jane Bennet im Hause der Bingleys erfährt, als sie schwer erkältet ist. Bei Baker erkrankt Sarah, doch was für ein Unterschied. Kein Arzt, keine Medizin. Und Mrs Hill muss sich die Minuten absparen, in denen sie nach Sarah schauen kann, die in der kalten Dachkammer liegt.

On Friday, Sarah burnt to the touch; her head rolled on the pillow; she muttered. Mrs Hill came up, or sent Polly, when she could, with broth or tea, and they would prop her up and spoon a little between her chattering teeth. But the attics were a long way from the kitchen and it was not often that someone could get away, and there was certainly little time to stay and comfort her. (S. 95)

Baker öffnet quasi den Hintereingang zur Welt der feinen Leute, die deshalb einen bestimmten Lebensstil pflegen konnten, weil das Geld beispielsweise in den kolonialen Plantagen mit Sklavenarbeit verdient wurde. Eine Welt, in der es beim Militär und in den kriegerischen Auseinandersetzungen gegen Napoleon brutal zuging. Eine Welt, in der uneheliche Kinder eine Katastrophe waren und in der die Dienstboten für einen geringen Lohn harte und schmutzige Arbeit verrichtet haben und in der ein Aufstieg kaum möglich war. Die Alternative dürfte oft genug nur das Armenhaus gewesen sein.

Das schriftstellerische Verdienst Bakers liegt nun darin, dass sie keinen schaurigen Sensationsroman geschrieben hat, sondern uns einfühlsam einen Blick in eine fremde Welt ermöglicht, der eine beeindruckende Ergänzung zum Werk Jane Austens ist, passend zum 200. Geburtstag von Pride and Prejudice. Über kleine Holprigkeiten in der Handlung habe ich gern hinweggesehen.

Anmerkungen

Hier geht’s lang zur Besprechung auf dem Blog Shelf Love.

Voll des Lobes war auch Clare Clark in ihrer Rezension, die am 14. August 2013 im Guardian erschien:

Like Austen, Baker has written an intoxicating love story but, also like Austen, the pleasure of her novel lies in its wit and fierce intelligence. Longbourn is a profound exploration of injustice, of poverty and dependence, of loyalty and the price of principle; running through the quiet beauty of much of Baker’s writing is the unmistakable glint of anger. […] The result is a triumph: a splendid tribute to Austen’s original but, more importantly, a joy in its own right, a novel that contrives both to provoke the intellect and, ultimately, to stop the heart.

Literarische Nachbarn

Elena Ferrante: My Brilliant Friend (OA 2011; engl. Ausgabe 2012)

This morning Rino telephoned. I thought he wanted money again and I was ready to say no. But that was not the reason for the phone call: his mother was gone.
‚Since when?‘
‚Since two weeks ago.‘
‚And you’re calling me now?‘
‚My tone must have seemed hostile, even though I wasn’t angry or offended; there was just a touch of sarcasm.

So beginnt der erste Band der im englischsprachigen Ausland sehr erfolgreichen vierbändigen Reihe der 1943 geborenen italienischen Schriftstellerin Elena Ferrante.

Das italienische Original erschien 2011 und wurde von Ann Goldstein ins Englische übersetzt.

Zum Inhalt

Natürlich will ich nach den Anfangszeilen nun wissen, wohin Lila verschwunden ist. Die über sechzigjährige Neapolitanerin ist wie vom Erdboden verschluckt, sie hat zu Hause alle persönliche Habe vernichtet, sogar ihr Bild aus Familienfotos ausgeschnitten.

Ihre Freundin reagiert auf den Telefonanruf von Lilas Sohn aber keineswegs besorgt, wie man das vielleicht erwarten würde, sondern eher verärgert. Sie kennt Lila vermutlich so gut wie keiner sonst,, denn ihre Freundschaft reicht zurück bis in die fünfziger Jahre, als sie als Nachbarskinder in einer armen Arbeitergegend in Neapel aufwuchsen und gemeinsam die Grundschule besuchten.

It’s been at least three decades since she told me that she wanted to disappear without leaving a trace, and I’m the only one who knows what she means. She never had in mind any sort of flight, a change of identity, the dream of making an new life somewhere else. And she never thought of suicide, repulsed by the idea that Rino would have anything to do with her body and be forced to attend to the details. She meant something different: she wanted to vanish; she wanted every one of her cells to disappear, nothing of her ever to be found. And since I know her so well, or at least I think I know her, I take it for granted that she has found a way to disappear, to leave not so much as a hair anywhere in the world. (S. 21)

Elena setzt der Absicht ihrer Freundin zu verschwinden, ihren eigenen Willen entgegen:

We’ll see who wins this time, I said to myself. I turned on the computer and began to write – all the details of our story, everything that still remained in my memory. (S. 23)

Und so liest man in diesem ersten Band Elenas Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, in der ihre Freundin Lila eine wichtige Bezugsperson für sie war.

Beide leben mit ihren Familien in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel, in dem die Lebensbedingungen für alle hart sind. Doch die Frauen müssen vielleicht den höchsten Preis zahlen. Sie müssen mit zu wenig Geld große Familien durchbringen und sind von der nie endenden Arbeit erschöpft und verbittert. Wer seinen Mann verliert, muss auch die Kinder zur Arbeit schicken und putzen gehen, sich vielleicht bei dem unauffällig das ganze Viertel kontrollierenden Geldverleiher in Schulden stürzen, der vermutlich mit der Mafia in Verbindung steht.

Gewalt ist hier alltäglich und nichts Bemerkenswertes: Der Kneipenwirt prügelt mit einem schweren Stock diejenigen, die die Zeche nicht zahlen wollen oder ihren Kredit nicht zum vereinbarten Termin zurückzahlen.

Men returned home embittered by their losses, by alcohol, by debts, by deadlines, by beatings, and at the first inopportune word they beat their families, a chain of wrongs that generated wrongs. (S. 82)

Frauen und Kinder finden es normal, wenn Väter, Ehemänner und Brüder zuschlagen. Vor allem, wenn sie mit Situationen überfordert sind, wenn die Lehrerin sagt, man solle die begabte Tochter weiterhin zur Schule schicken, wenn der Nachbarjunge die Schwester berührt hat, wenn die Nachbarn ein größeres Feuerwerk an Silvester abbrennen, wenn die Schwester nicht das macht, was der Bruder will. Konfliktregelung funktioniert sowohl auf der Straße als auch in den Familien entweder mit Gewalt oder mit der Macht des Geldes.

I feel no nostalgia for our childhood: it was full of violence. Every sort of thing happened, at home and outside, every day, but I don’t recall having ever thought that the life we had there was particularly bad. Life was like that, that’s all, we grew up with the duty to make it difficult for others before they made it difficult for us. Of course, I would have liked the nice manners that the teacher and the priest preached, but I felt that those ways were not suited to our neighbourhood, even if you were a girl. (S. 37)

Dabei – und das ist das Bewegende und Faszinierende an der Geschichte – geht es hier gar nicht um den Aufguss des alten Themas „Freudlose Kindheit in  sozial benachteiligtem Milieu“, sondern um eine tiefe Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die dennoch nicht vor Neid und Rivalitäten gefeit ist.

Lila appeared in my life in first grade and immediately impressed me because she was very bad. (S. 31)

Nachdem sich die beiden Mädchen vorsichtig einander angenähert haben, ist das erste, was Lila tut, den wertvollsten Besitz Elenas, ihre Puppe, in einen Kellerschacht zu werfen. Doch Lila reagiert instinktiv richtig. Sie wirft Lilas Puppe hinterher und anschließend krabbeln beide in den Keller, um die Puppen zu suchen.

Lila ist also von Anfang an ganz anders als ihre brave Freundin Elena, die es liebt, von den Lehrern gelobt zu werden und die die Schule als einen sicheren Hafen empfindet. Nach einigen Wochen erlebt Elena dann den ersten Schock: Sie erfährt, dass die wilde und zügellose Lila bereits lesen kann und ihr in allen schulischen Dingen so weit voraus ist, dass sich das erst Jahre später ändern wird.

Die Geschichten der zwei Kinder sind verwoben mit den Geschichten der anderen Familienmitglieder und der übrigen Nachbarschaft. Wir lernen auch deren Träume von sozialem Aufstieg, ihre dunklen Seiten und ihre Resignation kennen. Schließlich werden die Mädchen älter und auf einem Ausflug, begleitet von den Brüdern, erkennen sie, dass es jenseits ihres Viertels noch ganz andere Stadtteile gibt.

It was like crossing a border. I remember a dense crowd and a sort of humiliating difference. I looked not at the boys but at the girls, the women: they were absolutely different from us. They seemed to have breathed another air, to have eaten other food, to have dressed on some other planet, to have learned to walk on wisps of wind. I was astonished. All the more so that, while I would have paused to examine at leisure dresses, shoes, the style of glasses if they wore glasses, they passed by without seeming to see me. They didn’t see any of the five of us. We were not perceptible. Or not interesting. (S. 192)

Junge Männer fangen an, eine Rolle zu spielen, was besonders für die charismatische Lila von Anfang an mit Problemen verbunden ist.

Fazit

Anschaulich, fein beobachtet, mit vielen Details wird hier eine Geschichte erzählt, die mich – nach leichten Startschwierigkeiten – nicht mehr losließ. Trotz oder wegen der schlichten Sprache wirkt alles sehr eindringlich, sehr lebendig.

Das Buch bietet einen interessanten, auch verstörenden Blick auf die fünfziger Jahre in einem Arbeitervierteil Neapels und eine Kindheit und Jugend, wobei ein Frauen- und Männerbild herrscht, von dem ich froh bin, nur darüber zu lesen, statt damit leben zu müssen.

Gleichzeitig nötigt es mir Respekt ab, wenn jemand wie Elena seinen Weg geht, obwohl ihm dauernd Hindernisse in den Weg geworfen werden. Und bei allen Widrigkeiten: Es ist kein bedrückender Roman, sondern ein kraftvolles, lebensbejahendes Buch, bei dem ich mir auch eine Verfilmung gut vorstellen könnte.

Besonders eindrücklich fand ich die Stelle, in der auf den Titel des Buches Bezug genommen wurde. Und wer nun wissen will, was es mit Lilas Verschwinden als ältere Frau auf sich hat, muss wohl auch die drei weiteren Bände lesen …

Anmerkungen

Elena Ferrante entzieht sich übrigens konsequent jeglicher Publicity. Interviews führt sie, wenn überhaupt, nur schriftlich.

Mehr dazu und zu ihren bisherigen Büchern findet man in dem lesenswerten Artikel von James Wood – erschienen im New Yorker.

Nachtrag

Anlässlich der deutschen Übersetzung kommt der Roman nun auch ins deutsche Feuilleton. Eine Zusammenfassung dessen, was bisher passierte, liefert Stefan Mesch auf Spiegel Online.

Die Spiegel-Ausgabe vom  20. August 2016 bringt ein sechsseitiges Interview mit der Autorin.

Thomas Steinfeld kommt in der Süddeutschen Zeitung zu dem merkwürdigen Ergebnis, dass wenn man nur gründlich genug hinschaue, doch erkennen müsse, dass es sich dabei bloß um Trivialliteratur handele.

Sandra Kegel in der FAZ sieht das anders.

Und bei Sieglinde Geisel im TELL Magazin hat Elena Ferrante den „Page 99 Test“ bestanden.

Das sagt Iris Radisch in der ZEIT.

masuko13 und Zeichen & Zeiten sind ebenfalls angetan.

 

Blogbummel März 2016 – 1. Teil

Und wir bummeln weiterhin durch eure Foto- und Literaturblogs. Beginnen wir mit Nipper, dem Jack Russell-Terrier aus Bristol, vorgestellt auf Ingos England-Blog.

Jetzt ist mir der Buchtunnel in Prag ein Begriff.

Doch vor allem warten wir auf den Frühling – so wie auch diese zwei Herrschaften auf Straßenfotografien.

Universität Tübingen

Die Universität Tübingen stellt Vorlesungen aus unterschiedlichen Fachbereichen online. Hier mal die Links zu

Weitere Hinweise auf ähnliche Projekte im Bereich der Literatur gern in die Kommentare.

Deutschsprachige Blogs

Analog-Lesen stellt Kolbe von Andreas Kollender vor. Mir war Fritz Kolbe bis dato unbekannt.

Im Archiv des Bücherstadt Kuriers fand ich eine Besprechung zu Grimsey von Ulrich Schacht.

Deep Read kann’s nicht lassen und ist so angetan von Juli Zehs Unterleuten, dass ich mir das Buch jetzt doch auf die ächzende Wunschliste ganz nach oben setze.

Zeichen und Zeiten empfiehlt Glückskind mit Vater von Christoph Hein. Zeilensprünge bemängelte allerdings die Sprache, die nicht radikal genug angelegt sei.

Diese Fremdheit in mir von Orhan Pamuk, vorgestellt von Günter Keil, klingt ebenfalls vielversprechend.

Englischsprachige  Blogs

Was könnte besser zu diesem Monat passen als das Gedicht I wandered lonely as a cloud von Wordsworth mit seinen tanzenden Osterglocken?

Alternativen gesucht zu Sherlock Holmes? Dann könnte Interesting Literature weiterhelfen.

The Captive Reader stellt Saturday’s Child von Kathleen Thompson Norris vor, einen echten „comfort read“.

Wer in die britische Geschichte eintauchen möchte, könnte die Biografie The Lost Tudor Princess von Alison Weir über Lady Margaret Douglas lesen, vorgestellt von I PREFER READING.

Zum Reisen und Staunen

Diese Straßenecke gefällt mir – gefunden auf Straßenfotografien, ebenso wie diese Laternen.

Sympathisch finde ich Chöre für Leute, die nicht singen können, z. B. den Tuneless Choir of Westbridgford, entdeckt auf Ingos England-Blog. Hier sei auch der Hinweis auf das von dem bekannten Schriftsteller Alexander McCall Smith und Peter Stevenson gegründete Really Terrible Orchestra erlaubt.

Den Fotoblog Sonntagsknipser von Cindy entdeckt, hier schon mal eine kleine Auswahl:

London Unveiled hat einen Tipp für uns, der selbst nicht allen Londonern bekannt sein dürfte, nämlich einen Besuch im Supreme Court.

Etwas näher liegt da Soltau in der Lüneburger Heide. Müsste man wohl mal wieder hin, wie der Beitrag der Reisefeder zeigt.

Schon der Name klingt gut: Watt & Meer war in Glücksstadt.

Karu unterwegs war in der Berger Heide (Niederlande).

Cindy Knoke bedankt sich mit einem bunten Blumenstrauß bei der Gemeinschaft der Blogger.

Was für eine Altstadt – hinreißende Bilder aus Chefchaouen, der nordmarokkanischen Stadt, gefunden auf Nareszcie urlop.

Und dort geht es auch gleich weiter mit einem Bericht und Fotos zu Volubilis.

Oder in die Mongolei – mit dem ADVENTURE JOURNAL?

Oder doch nach China, wie uns die Fotos auf eMORFES nahelegen?

 

Blogbummel September/Oktober 2015

Da wollte ich doch schon längst mal wieder einen Rückblick auf interessante, lesenswerte oder sehenswerte Beiträge werfen. Dann fange ich besser mal an.

Zur Einstimmung einige hinreißende, dabei ganz unterschiedliche Herbstimpressionen, zum einen auf Kombinat Lux und zum anderen bei Cindy Knoke die den Elchen zugeschaut hat. Fast noch beeindruckender finde ich ihre Bouncing Baby Buffalos.

Ach, und erst Zwischen den Zeiten auf Von Orten und Menschen

Englischsprachige Blogs

BEYOND EDEN ROCK stellt The Fountain overflows (1956) von Rebecca West vor.

Ebenfalls aus den Fünfzigern stammt Carol von Patricia Highsmith, vorgestellt auf Jacqui Wine’s Journal.

Deutschsprachige Blogs

Es hatten sich ja einige Blogger und Bloggerinnen zusammengetan, um ihren LeserInnen die für den Deutschen Buchpreis nominierten Titel vorzustellen. Die entsprechenden Links muss ich hier nicht noch einmal aufführen. Aber ein dickes Dankeschön an die Beteiligten, die mir manche Buchkaufentscheidung vereinfacht haben. Und wie immer finde ich es spannend, wenn sich die Bewertungen eines Buches unterscheiden und unterschiedliche Herangehens- und Sichtweisen deutlich werden. Doch jetzt zurück zu weiteren Empfehlungen:

Sowohl Sabine von Binge Reading als auch Ulrike von Leselebenszeichen machen Lust auf Lesen als Medizin von Andrea Gerk.

Tonspuren von Elliot Perlman wird uns von Zeichen und Zeiten näher gebracht.

Zum Glück liegt’s schon hier, sonst hätte ich es spätestens nach der Besprechung auf Zeilensprünge auf die Wunschliste gesetzt: Siebentürmeviertel von Feridun Zaimoglu.

Günter Keil macht auf seinem Blog auf Tim Winton, einen der wichtigsten australischen Schriftsteller, und seinen Roman Schwindel aufmerksam.

Auf Sounds & Books wird Die Palme und der Stern des Kubaners Leonardo Padura vorgestellt.

Deep Read empfiehlt Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel.

Über den Winter von Rolf Lappert – der Besprechung auf buchrevier ist kaum zu widerstehen.

Charlotte von David Foenkinos wird vom Buchbuben besprochen und für lesenswert befunden.

Der Nobelpreis für Literatur 2015 ging an Swetlana Alexijewitsch, eine Autorin, die ich überhaupt nicht kannte, Muromez konnte da Abhilfe schaffen.

Zum Staunen, Schauen und Reisen

Einen interessanten Beitrag (auf Englisch, aber schön bebildert) über ausziehbare Bücher im Mittelalter gibt es auf medievalbooks.

Dazu passend die alba amicorum, sozusagen das Facebook oder das Poesiealbum des 16. Jahrhunderts, gefunden auf Mental Floss.

eMORFES zeigt Hügellandschaften, bei denen man glatt tiefenentspannen kann. Und spätestens bei den Miniature calendar dioramas von Tatsuya Tanaka merke ich, dass andere Menschen die Welt ganz anders sehen als ich.

Besonders beeindruckend die Schwarz-Weiß-Fotos aus Afrika von Nick Brandt, ebenfalls gefunden auf eMORFES.

Diesen Palast in Istanbul würde ich auch gern mal besuchen, bis dahin tröste ich mich mit den Bildern der Photopraline.

Cornwall Photographic nimmt uns mit zu einem unglaublichen Polarlicht, während mannigfaltiges uns zu einem Spaziergang einlädt, bei dem noch offen ist, wo er hinführen wird.

Wer weiß, vielleicht fliegen wir sogar, gefunden auf Helen’s Journal. Und mit einem Zitat, gefunden auf dem Friedrich-Schiller-Projekt, verabschiede ich mich in eine kleine Herbstpause.

P1100011

Geert Mak: Amsterdam: A brief life of the city (1994)

The people who lived through Amsterdam’s history have vanished. Nobody can tell their stories; nevertheless, dumb witnesses to what happened still exist in their thousands. Time and again small fragments are released from this silent archive. Beneath the foundations of an old house in the Warmoesstraat, next to the red-light district of the Oudekerksplein, building workers found a barely deteriorated layer of fourteenth-century cow dung and straw, and a pair of bone skates, remnants of the time when the Warmoesstraat was still a dyke, and Amsterdam a little village on the IJ. […] Again, by the Herengracht, […] excavations for a new bank laid bare a bizarre combination of objects: the lower beams of an old mill; a silver medallion bearing a rose-shaped cameo; several skeletons in almost totally disintegrated coffins; a horn ointment press; smelling bottles […] a mediaval stone wall lamp; a single lady’s shoe. The builders had chanced upon the site of the provisional pesthouse from the seventeenth century; a place where thousands of victims of the Black Death spent their last days.

Mit diesem Zitat von Seite 1/2 bekommen wir schon einen guten Eindruck von dem wunderbaren Reiseführer in die Geschichte Amsterdams von

Geert Mak: Amsterdam: A brief life of the city (1994)

Die englischsprachige Übersetzung stammt von Philipp Blom. Die deutsche Ausgabe mit dem Titel Amsterdam: Biografie einer Stadt, übersetzt von Isabelle de Keghel, erschien im btb Verlag.

Zum Inhalt

Eine großartige Reise in die Geschichte und Kultur einer wunderschönen Stadt. Mak, der mich schon mit Das Jahrhundert meines Vaters begeistert hat, zeichnet hier auf 338 Seiten die Entwicklung Amsterdams nach. Dazu benutzt er u. a. Tagebuchaufzeichnungen eines Mönchs aus dem 16. Jahrhundert, archäologische Funde, Recherchen in Archiven und Interviews.

Er geht ein auf die Anfänge als kleines Dorf:

When all is said and done, Amsterdam was an impossible city. Everything that was built sank into the mud, especially in later centuries when the harbour could only be reached by a complicated route made more difficult by sandbanks and headwinds. (S. 20)

Wir erleben die Bedeutung der Religion in der Stadt und den allmählichen Siegeszug der Reformation:

In the year 1500, Amsterdam had no fewer than 20 convents and monasteries, roughly one for every 500 inhabitants. (S. 44)

Und dieses Dorf steigt zu einer europäischen Großmacht auf, die die Meere und den Handel, u. a. mit Sklaven, beherrscht, sodass man das 17. Jahrhundert als das Goldene Zeitalter bezeichnet, in der die Künste florierten. Es geht um die Entdeckung neuer Handelsrouten und darum, dass nur ein Bruchteil der Schiffsmannschaften wieder heil nach Hause kam.

One in ten deck hands would not even survive the outward-bound journey. One in every 25 ships would sink on its way back from the West Indies. Of the 671,000 men who travelled out from Amsterdam, only 266,000 were to return. (S. 161)

Er beleuchtet die spezifische Regierungsform der alten Kaufmanns- und Handelsstadt, das lärmige und internationale Treiben am Hafen, die kriegerischen Auseinandersetzungen, in die die Stadt verwickelt war, das (grauenhaft brutale) Strafsystem im Mittelalter, die Lebensbedingungen der einfachen Leute und die entsetzlichen Hungerwinter, in denen die Grachten zufroren, die Stadt deshalb kein sauberes Trinkwasser mehr hatte und Menschen in ihren Häusern oder auf den Straßen erfroren.

Mak beschäftigt sich mit Architektur und Transport:

The building of the Central Station was the largest construction project in nineteenth-century Amsterdam, and the city’s greatest planning blunder ever. (S. 207)

Doch auch Wirtschaft, Politik, die Entstehung der Grachtenlandschaft und die Mentalität der Bewohner wird unter die Lupe genommen. Wir erfahren, warum Rembrandt ein Armengrab bekam und dass besondere Tulpenzwiebeln wie die der Semper Augustus schon mal so viel wie ein großes Haus samt Garten kosten konnten.

Famously, in 1636, the trading index of tulip bulbs had rocketed in Amsterdam and throughout the rest of Holland. (S. 154)

Wir erfahren etwas über die relative Toleranz gegenüber Andersgläubigen, den Aufstieg des Schiffsbaus, die Rolle der jüdischen Einwohner, die Besetzung durch Nazi-Deutschland, die unvorstellbaren Gräueltaten der Besetzer. Dabei setzt sich Mak auch mit der Kollaboration seiner Landsleute auseinander.

Die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen im Nachkriegsholland kommen ebenfalls zur Sprache bis hin zu den anarchistischen Ausschreitungen bei der Hochzeit der späteren Königin Beatrix.

Fazit

Zwar hätte ich mir eine üppigere Illustration gewünscht, die sich hier ja wirklich angeboten hätte, dennoch:

Ein tolles Buch, allen zur Vorbereitung oder Nachbereitung einer Reise nach Amsterdam dringendst empfohlen! Mak schafft es, übersprudelnd informativ und gleichzeitig unterhaltsam, spannend und interessant zu schreiben, da er immer ganz dicht am Leben der Menschen bleibt. Da finden sich dann so nette Passagen wie die folgende:

This specialization of trades [im 14. Jahrhundert] must have had momentous consequences, especially for women. Until the thirteenth century, they ground the grain by hand at home, made bread, wove garments and baked pots in the fire. By the end of the twelfth century, however, looms and potteries were beginning to be introduced, and soon these female tasks were taken over by male weavers and potters. This transition is clear from fingerprints found on earthenware dating from this time. With the help of fingerprint experts from the municipal police, Amsterdam city archaelogists were able to establish that the earliest pieces of earthenware were almost always handmade by women. Later, however, the pieces show the prints of men’s fingers. (S. 26)

IMG_0496Gemälde aus dem Het Scheepvaartmuseum in Amsterdam

Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude (1921)

Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich in Bildern und Figuren zu bewegen, will ich mir – gedrängt von innerer Not der Zeit – Rechenschaft ablegen über den problematischsten Teil meines Lebens, den, der mein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft, nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe, die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen, Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen.

Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend von der einen, gehässig von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd.

So beginnt das aufschlussreiche und beeindruckende Buch des deutsch-jüdischen Schriftstellers Jakob Wassermann, das 1921 erschien.

Zum Inhalt

Wassermann beschränkt sich in diesem Lebensrückblick, wie der Titel schon sagt, tatsächlich auf das Thema seiner deutsch-jüdischen Identität. Andere wichtige Bereiche seines Lebens, wie beispielsweise seine desaströse Ehe mit Julie Speyer, werden ausgeklammert und stattdessen in anderen Werken verarbeitet (siehe die Besprechung zu My first Wife auf dem Blog A Common Reader).

Wassermann, 1873 in Fürth geboren und 1934 in Altaussee (Österreich) gestorben, beginnt seine Bestandsaufnahme mit der Schilderung seiner freudlosen Kindheit: Die Mutter stirbt, als er neun Jahre alt ist; der Vater, ein erfolgloser Kaufmann, versucht die Familie mehr schlecht als recht als Versicherungsagent durchzubringen.

Der Junge lernt schon früh antisemitische Hänseleien kennen, die ihm aber zunächst nicht so sehr zu schaffen machen, da er spürt, dass sie weniger ihm als Individuum gelten, sondern eher der jüdischen Gemeinschaft. Es ist beklemmend zu lesen, wie klar Wassermann schon 1921 die Dämlichkeiten der Antisemiten entlarvt:

Aber ich merkte, daß meine Person, sobald sie außerhalb der Gemeinschaft auftrat, das heißt sobald die Beziehung nicht mehr gewußt wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast völlig verschont blieb. Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie primitiv Nichtjuden in der der Beurteilung dessen sind, was jüdisch ist, und was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt, schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, daß der Rassenhaß, den sie sich einreden oder einreden lassen, von den gröbsten Äußerlichkeiten genährt wird, und daß sie infolgedessen über die wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die Gehässigsten waren darin die Stumpfesten. (S. 12 – 13)

Der aufmerksame Junge nimmt von Anfang an die Ambivalenz seiner jüdischen Existenz wahr. Auf der einen Seite gehen er und seine Geschwister in den kleinen christlichen Handwerkerbetrieben der Nachbarschaft ein und aus und selbst Heiligabend dürfen sie dort zu Gast sein und werden ebenfalls beschenkt.

Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte. (S. 18)

Damit ist sein Grundproblem umrissen:

Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht, als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich entschließt, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen. (S. 19)

Da genau dieses Verlangen nicht gestillt werden konnte, sieht Wassermann in Literatur und Landschaft seine Retter, die ihn vor dem Verlust der eigenen Identität bewahrt haben. Schon als Elfjähriger lernt er die Macht des Wortes kennen, als er, um seinen fünf Jahre jüngeren Bruder am Petzen zu hindern, diesem jeden Abend eine verwickelte Fortsetzungsgeschichte erzählt, die aber nur bei Wohlverhalten des Bruders weitergeführt wird. Es dauert nicht lange, bis er diese Geschichten nachts heimlich aufzuschreiben versucht, immer bedroht von der unfreundlichen Stiefmutter, die alles Geschriebene, was ihr in die Hände fällt, erbarmungslos vernichtet.

Seine Hoffnung, in dieser Richtung auch beruflich tätig werden zu können, scheitert an der Kleinbürgerlichkeit der Familie. Der Vater spekuliert darauf, dass Jakob als Lehrling bei einem reichen Onkel in Wien zur Sanierung der prekären finanziellen Lage beiträgt. Doch dort macht er alles andere als eine gute Figur. Er schlägt sich die Nächte mit Schreiben um die Ohren und ist am Tage zu nichts zu gebrauchen. Schließlich hält er es nicht mehr aus, reist zu einem Freund nach München und beginnt ein Studium, doch schon nach kurzer Zeit wird ihm die ohnehin zu knapp bemessene Unterhaltshilfe des Onkels gestrichen. Er nimmt seinen Militärdienst auf und trifft dort – vor allem unter seinen Kameraden – auf unverhohlenen Antisemitismus:

Zum erstenmal begegnete ich jenem in den Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne der Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Haß. (S. 39)

Wassermann seziert nicht nur die Bestandteile der Vorurteile und Benachteiligungen, denen er ausgesetzt ist, er ist sich auch im Klaren darüber, dass dies nicht ohne Folgen auf die eigene Psyche bleiben kann, gerade auch, weil selbst Freunde ihn nicht als das anerkennen können, was er ist, ein Deutscher und ein Jude. Er will schon gar nicht von ihnen als löbliche Ausnahme anerkannt werden, da er auch darin tiefverwurzelte Vorurteile am Werke sieht.

Nach kurzen und unerquicklichen Aufenthalten in Nürnberg und Freiburg zieht er – bettelarm – zu einem Freund nach Zürich. Dieser, selbst gerade arbeitslos, nimmt ihn zunächst voller Herzlichkeit auf, doch schon bald geht auch durch diese enge Freundschaft ein Riss. Sie diskutieren sein Deutschtum, sein Judentum, sie kommen dabei zu keinem gemeinsamen Ergebnis, denn der Freund ist nur gewillt, ihn als eine Ausnahmeerscheinung innerhalb des eigentlich verachtenswerten jüdischen Volkes zu sehen. Die Verbindungslinien von solcherlei Einstellung und Verdrehungen zu den späteren Beschwörungen der Nazis sind schon hier mühelos zu ziehen: Die Juden hätten sich nie vollständig mit den Interessen der „Wirtsvölker“ identifiziert, sie seien weder willens noch fähig, sich aus ihrer Isolierung zu lösen.

Es steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch heute. Noch heute pochen sie auf die nur ihnen allein offenbarte Lehre […] Namentlich gegen das Christentum mußte sich ihr unauslöschlicher Haß richten, denn ihm gegenüber empfanden sie wie eine Mutter, die aus ihrem Schoß den Verräter geboren hat, Verräter des Volkes, Verräter der Menschheit, Verräter Gottes. Was kann solchem Haß gleichen? Wodurch könnte er gemildert werden? […] Rache für das Erlittene zu üben, keimt wahrscheinlich als Beschluß seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele, wuchert in ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der andersgeartete Einzelne? Dergleichen Instinkte wirken unterirdisch fort und sind durch keine Übereinkunft gutmeinender Aufklärer […] aus der Welt zu schaffen. (S. 49)

Der Freund vertritt damit weit vor 1900 eine Auffassung, die – einmal zum Programm erhoben – ein Leben als jüdischer Deutscher im Grunde zu einem Ding der Unmöglichkeit erklärt:

Doch nachdem ihnen die Wege zur Gemeinschaft mit uns geebnet waren, veränderte sich wohl ihr geistiges Antlitz, ihre Spiritualität mit erstaunlicher Schnelligkeit; mit erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie unsere Notwendigkeiten zu den ihren, ihre zu den unseren, schmiegten sich den Forderungen des Staatswohls an, der öffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre wunderbaren Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen Entwicklung, aber in ihrem Grund blieben sie Juden. (S. 52)

Selbst eine Konvertierung zum Christentum sei nur im oberflächlichen Sinne möglich, im tiefsten Inneren bleibe ein Jude ein Jude. Auch wenn Wassermann diese Argumentation nicht akzeptieren kann, zwingt ihn sein Freund zu unerbittlicher Selbstanalyse. Er selbst sieht die Tragik im Dasein des Juden darin, dass

er zwei Gefühle in seiner Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung. In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden Empfindungsströme muß er leben und sich zurecht finden. […] Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig Vorrang dadurch, daß man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, daß man Jude ist.“ (S. 54)

Als er dem Freund anfängt, zur Last zu fallen, fährt er – selbst die Fahrkarte müssen ihm Freunde bezahlen – zurück nach München, wo sein Vater inzwischen lebt. Es kommt dort zum Zerwürfnis, und es folgen Monate bitterster Armut und Perspektivlosigkgeit. Als ein befreundeter Schriftsteller ihm ein selbstverfasstes Buch mit freundschaftlicher Widmung schenkt, bringt er dies ohne zu zögern zum Antiquar, um davon seinen Lebensunterhalt für die nächsten Tage zu bestreiten.

Mit 23 Jahren veröffentlicht er den Roman Die Juden von Zirndorf.

Danach überspringt Wassermann elf Jahre seines Lebens und geht direkt zu seinem Werk Caspar Hauser über, dessen Thematik ihn über Jahre beschäftigt hat. Doch auch dieses Werk verschafft ihm nicht die Anerkennung als deutscher Schriftsteller, auf die er gehofft hatte. Wie gegen Glaswände stößt er überall gegen antisemitische Vorbehalte, Vorurteile und Abwiegelei.

Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den Spiegel: Sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: Was wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln, man erwidert: Du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare Verwirrung: Das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeres Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual. (S. 84)

1898 zieht er nach Wien und ist überrascht, wie sehr das öffentliche Leben dort von Juden geprägt ist. Doch auch er ist nicht gefeit davor, in Schablonen und Verallgemeinerungen zu denken.

Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. […] Ich schämte mich ihrer Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den anderen ist ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und Rasseverwandtschaft im Spiel ist […] Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum Ekel. […] Es ging ein Zug von Rationalismus durch all diese Juden, der jede innigere Beziehung trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen, Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht, Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze … (S. 103 – 104)

Wieder überspringt er mehrere Jahre, sagt nichts darüber, wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet, wie er lebt, sondern geht gleich zur Veröffentlichung des Buchs Das Gänsemännchen (1915) über, das „sogleich ein herzliches und weittragendes Echo fand.“ (S. 87)

Mit dem aufkommenden Zionismus kann er sich nicht identifizieren, obwohl „der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes.“ (S. 118) Schon seit Jahrhunderten seien sie die bequemen Sündenböcke, der Kanal, in den man Hass, Verbitterung und Ressentiments leiten konnte. Hellsichtig und nahezu hoffnungslos konstatiert er:

Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage. […] Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul. (S. 122)

Und mit dem Wissen darum, was nur wenige Jahre später in Deutschland passiert, lesen sich seine Schlussworte erschütternd, die an die Worte Bonhoeffers erinnern, mit denen er den Tyrannenmord rechtfertigte:

Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des Tieres springen und die Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon mitleidig, Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand. Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch, der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh geladen, so sage ich ihm: das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt dem Wüterich die Peitsche aus der Hand. Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre viel. Es wäre genug. (S. 125)

Fazit

Mein Weg als Deutscher und Jude beeindruckt in seiner psychologischen Klarheit. Es ermöglicht uns trotz so mancher sprachlich verquasten Stelle einen Einblick in das Wesen des Antisemitismus, in rassistische Vorurteile überhaupt und in deren Auswirkungen auf die Psyche des Schriftstellers und zeigt uns Wassermanns Ringen um eine deutsche Identität.

Interessant auch sein Brief an Hedwig und Samuel Fischer aus dem Jahr 1925, in dem er die mangelnde öffentliche Anerkennung und die Zurückhaltung seines Verlegers ebenfalls mit antijüdischen Ressentiments begründet.

Marcel Reich-Ranicki schrieb in der FAZ:

Dieses Buch ist ein erschütterndes Zeitdokument, es ist Bekenntnis und Darstellung, Klage und Anklage in einem. Wassermann bekannte sich zu einer Bahn mit zwei Mittelpunkten: Er sei Deutscher und Jude zugleich – eines so sehr und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Damit ist schon gesagt, was Wassermann meinte, als er mehrfach, zumal gegen Ende seines Lebens, erklärte, er sei gescheitert.

Blogbummel Februar 2015

Mal wieder Zeit für einen kleinen Rückblick auf die Beiträge aus den vergangenen Wochen.

Zum Auftakt richtig Farbe bei Farbraum und Vera Komnig.

Empfehlungen auf deutschsprachigen Blogs

Binge Reading las In Plüschgewittern von Herrndorf.

Der Bücherkurier las den Roman Die Schlaflosen von Ulrike Kolb, auf den bereits das Graue Sofa aufmerksam gemacht hatte, der mir dann aber wieder durch die Ritzen der Aufmerksamkeit gefallen war.

Buchwolf hingegen empfiehlt Feiertagserzählungen von Keyserling.

Empfehlungen auf englischsprachigen Blogs

BookerTalk geht dem folgenden Phänomen nach: „Less than 3 percent  of all the books published in the U.S. every year are works translated into English from other languages. Many are reprints of classics like Kafka or Tolstoy and others are often academic works.“ und verlinkt auf einen interessanten Essay in The Daily Beast.

Interessant für alle Virginia Woolf-Leser dürfte der Hinweis auf Mrs. Dalloway’s Party sein, gefunden bei Kaggsy’s Bookish Ramblings.

Bei Heavenali finde ich immer wieder Hinweise auf Autorinnen des 20. Jahrhunderts, die mir ohne sie nie begegnet wären, diesmal No more than Human von Laura Laverty.

Lewis DeSoto schrieb den Roman A Blade of Grass, der auf ANZ LitLoversLITBlog vorgestellt wurde. Der Roman wurde inzwischen auch ins Deutsche übersetzt und erscheint unter dem Titel Das Lied der Gräser – und mit einem merkwürdigen Cover.

Zum Schauen und Staunen

Hier würde ich gern mal entlanglaufen und diese Grotte, gefunden bei Susan Sheldon Nolen, ist sehenswert, faszinierend rätselhaft.

Zum Abschluss

Auf 746 Books gesteht Cathy, deren Blog seinen Namen der Tatsache verdankt, dass Cathy ihrem SUB von 748 Büchern den Kampf angesagt hat, dass sie trotz eines Abschlusses in englischer Literatur viele der Klassiker nicht kennt. Also hat sie eine Liste von 10 Klassikern aufgestellt, von denen sie einige jetzt aber ganz bestimmt und überhaupt mal lesen wird. Ihr Post hatte in Windeseile die ersten 77 Kommentare. Das ständige Dilemma zwischen Wunsch, Anspruch, Zeit (die meisten Klassiker sind umfangreich) und Aufnahmefähigkeit. Wer mag schon Die Brüder Karamasow kurz vor dem Schlafengehen lesen?

Manchmal muss es aber einfach ein guter Unterhaltungsroman sein, denn: „Mit guten Schmökern macht auch schlechtes Wetter Spaß.“ Und von Philea’s Blog stammt nicht nur dieses Zitat, sondern kommen auch gleich die entsprechenden Tipps.

Aber so grundsätzlich: Mal wieder ein Klassiker wäre schon gut, denn wie heißt es so treffend:

Read the best books first, or you may not have a chance to read them at all. (Henry David Thoreau)

Und das geht ganz prima, sogar in der U-Bahn.

In diesem Sinne eine schöne Lesezeit.

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Kyung-Sook Shin: Please look after Mother (2008)

It’s been one week since Mom went missing.

The family is gathered at your eldest brother Hyong-chol’s house, bouncing ideas off each other. You decide to make flyers and hand them out where Mother was last seen.

So beginnt ein ganz unglaublicher Roman der koreanischen Autorin:

Kyung-Sook Shin: Please look after Mother (2008)

Die englische Fassung stammt von Chi-Young Kim, die deutsche Übersetzung von Cornelia Holfelder-von der Tann erschien unter dem Titel Als Mutter verschwand (2012).

Einleitung

Die Autorin, die 1963 in Südkorea geboren wurde, gewann 2011 für diesen Roman den Man Asian Literary Prize. Er verkaufte sich inzwischen über zwei Millionen Mal, wurde für die Bühne adaptiert und soll in über 30 Ländern erscheinen. Prof. David Parker, Vorsitzender des Man Asian Literary Prize Komitees, fasst zusammen:

Please Look After Mom is a deeply moving, humane and intricately wrought book, at once culturally specific and universal. It is a book that will be loved everywhere.

Zum Inhalt

Die Handlung ist rasch erzählt: Eine 69-jährige Frau vom Land, die mit ihrem Mann die erwachsenen Kinder in Seoul besuchen will, steigt am Hauptbahnhof in Seoul nicht schnell genug in die U-Bahn ein. Als ihr Mann merkt, dass er ohne sie losgefahren ist, ist es bereits zu spät. Als er an der nächsten Station anhält und zurückfährt, ist seine Frau schon nicht mehr auffindbar.

Die Familie unternimmt nun panisch die zu erwartenden Schritte, um Hinweise auf den Verbleib der Mutter zu bekommen. Flyer, Vermisstenanzeigen in der Zeitung, die Polizei; sie gehen allen Hinweisen nach und suchen in der ganzen Stadt nach ihr.

Mit dieser Rahmenhandlung werden die Erinnerungen der einzelnen Familienmitglieder, der Kinder und des Ehemannes, verwoben. Keiner von ihnen hat die Frau je losgelöst von ihrer Rolle als Mutter gesehen:

You don’t understand why it took you so long to realise something so obvious. To you, Mother was always Mother. It never occured to you that she had once taken her first step, or had once been three or twelve or twenty years old. Mother was Mother. She was born as Mother. (S. 27)

Vor dem Leser setzt sich nach und nach – beinahe hätte ich gesagt, ein Bild, aber das ist falsch, denn die alte Frau wird sozusagen vor unseren Augen lebendig, als ob sie bei uns im Zimmer sitzen würde – das Leben dieser Frau zusammen. In fast schon shakespearischer Wucht, und zwar aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Trotz der kulturellen Unterschiede und der Verortung nicht nur in einem anderen Kontinent und in einem ganz spezifischen Zeitraum finde ich einen so direkten Zugang zu den Figuren, dass es fast schmerzt. Die Mutter: eine hart arbeitende Frau auf dem Land ohne jegliche Schulbildung, die den Ehemann noch von den Eltern ausgesucht bekam, die ihren einzigen Ring verkauft, um die Schulgebühren für ihre Tochter zu bezahlen, mit einem lieblos-egozentrischen Klotz von Ehemann geschlagen. Eine Frau, die sich zeitlebens in ein geradezu archaisches Frauenbild gefügt hat.

‚Mother, do you like being in the kitchen?‘ When you asked this once, your mother didn’t understand what you meant. (S. 63)

Doch sie hat erreicht, dass jedes ihrer Kinder eine „ordentliche“ Ausbildung bekommen und den Sprung nach Seoul, in die Moderne geschafft hat. Doch was ist der Preis, den jeder dafür zahlen muss?

Fazit

Gegen Ende des Buches findet sich ein Kapitel, in dem der Autorin kurzzeitig das Vertrauen in ihr eigenes Werk abhanden gekommen ist. Der Brief, den eine Schwester an die andere schreibt, ist überflüssig, denn der Leser hat das Wesentliche verstanden, ohne dass ihm eine Romanfigur das noch einmal erklären müsste. Und über den Schluss könnte man trefflich diskutieren, aber mehr darf man zum Inhalt nicht verraten. Es wäre schade für den, der den Roman noch lesen möchte.

Im Buch geht es nicht nur um Mutterschaft unter schwierigsten Bedingungen, sondern auch um familiäre Kommunikation oder eben das Scheitern derselben. Shin geht dabei außerdem den Fragen nach, wie wir Tag für Tag leben wollen und was mit all den winzigen Versäumnissen passiert, die sich in einem Menschenleben eben so ansammeln.

Dem Roman ist ein Gedichtanfang von Ferdinand Freiligrath vorangestellt:

O love, so long as you can love.

(im Deutschen: O lieb‘, solang du lieben kannst!)

Anmerkungen

Ein Interview mit der Autorin lässt sich hier nachlesen.

Das Buch stieß auch auf heftige Ablehnung: Manche bemängelten die angebliche Heiligsprechung der Mutterfigur, andere wollten den Roman am besten gleich in die Mottenkiste der Trivialliteratur werfen:

If there’s a literary genre in Korean that translates into „manipulative sob sister melodrama,“ Please Look After Mom is surely its reigning queen. I’m mystified as to why this guilt-laden morality tale has become such a sensation in Korea and why a literary house like Knopf would embrace it. (Although, as women are the biggest audience for literary fiction, Please Look After Mom must be anticipated to be a book club hit in this country.) But, why wallow in cross-cultural self-pity, Karies? (Maureen Corrigan, 5. April 2011, NPR)

Eine Besprechung, die Corrigan nicht nur massiven Protest, sondern auch den Vorwurf des Rassismus eingebracht hat. Corrigan hat da irgendetwas ganz gründlich missverstanden.

Hilfreicher ist da vielleicht der Hintergrundartikel aus The Daily Beast, April 2012. Und wenn in Deutschland die Zeitungsartikel schon titeln Wenn deutsche Omas in die Slowakei fliehen müssen, dann kann man auch noch einen ganz anderen Bezug zu diesem Buch finden …

Blogbummel Dezember 2014

Noch eine kleine Sonntagsleserei im Dezember…

Zur Einstimmung unbedingt zu empfehlen, der Beitrag Montag, kurz vor Weihnachten auf dem Blog Hundstrüffel. Hilfreich, wenn man eine Sonnenbrille zur Hand hat.

Für die Wunschliste

Damit man beim Schenken nichts falsch macht, gibt the last man reading schon mal ein paar nützliche Hinweise.

Aber mir könnte man zum Beispiel die Ausgabe der Anderen Bibliothek von Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden schenken, vorgestellt auf lustauflesen.de.

Andernfalls den 3kg-Wälzer Ernst Barlach: Fotos von Bernd Boehm, vorgestellt von Ingeborg Wiensowski auf Spiegel Online.

Empfehlungen auf den englischsprachigen Blogs

Nun, vielleicht brauche ich das Buch nicht wirklich, aber die Besprechung auf Tales from the Reading Room habe ich sehr gern gelesen: Es geht dabei um das Buch The Orchid Thief  von Susan Orlean, in dem  sich die Autorin mit Orchideenliebhabern und -dieben beschäftigt, mit kriminellen Obsessionen und Sammelleidenschaften, die wir ja auch aus der Bücherwelt kennen, siehe z. B. meine Besprechung zu The Man Who Loved Books Too Much.

The Literary Sisters empfiehlt The Happy Tree von Rosalind Murray, erschienen 1926.

Einen Greifvogel abzurichten, um einen Weg aus der Trauer zu finden? Klingt seltsam, macht aber auch neugierig auf H is for Hawk von Helen Macdonald, vorgestellt auf A Little Blog of Books.

Ein bisschen Kultur wäre auch gut

Wie wäre es zum Beispiel mit einem Besuch im Gabriele Münter-Haus in Murnau, gefunden auf dem Kulturforum.

Außerdem möchte ich diesen Film sehen, danke für den Tipp, Ulla.

Den Künstler Shanghai Tango habe ich auf E-Morfes entdeckt.

Und wenn’s ein bisschen trashiger sein soll, dann unbedingt auf Drittgedanke Mein wunderbarer Trash-Salon lesen, muss schon wieder kichern…

Zum Staunen, Schauen und Mitreisen

Michelle von A reader’s footprint, die wie so einige von uns an „obsessive compulsive book buying disorder“ leidet, hat eine reizende Fotostrecke zu unser aller Hobby veröffentlicht.

Auch sehr poetisch: das Bild von Marcelo Léonard oder das Foto auf dem Blauen Fuchs.

Der Blog E-MORFES ist eine Fundgrube unterschiedlichster und faszinierender Fotostrecken. Hier einige Beispiele:

Dazu passt auch Nebel im Moor, gefunden bei der Lichtbildwerkerin.

Der Betreiber des Blogs mit dem hübschen Namen Lichtpumpe war wagemutiger als wir und hat 2011 tolle Fotos von den wahrlich beeindruckenden Moschus-Ochsen des Dovre-Fjells in Norwegen mitgebracht. Die Moschusochsen wurden übrigens ab 1946 aus Grönland eingeführt, nachdem sie vorher in Skandinavien ausgestorben waren. Inzwischen gibt es im Nationalpark wieder mindestens 250 dieser imposanten Tiere, die bis zu 400 kg schwer sein und bis zu 60 km erreichen können. Respekt und ein genügend großer Abstand sind also durchaus geboten.

Bleiben wir noch einen Moment bei den Tieren, diesmal hat Cindy See-Elefanten in Szene gesetzt.

Wen es weiter in die Ferne zieht, der könnte vielleicht mit Steve McCurry nach Cuba reisen.

In den unendlichen Weiten des Web habe ich den Fotoblog von John Todaro entdeckt, hier ein Foto und ein paar sehenswerte Fotostrecken von ihm:

Und mit einem Schwanenpaar, gefunden auf Kombinat LuxKlunkern des Alltags und einem guten Aus- und Überblick von der Schaukel am Ende der Welt wünsche ich allen eine gute Zeit.

Blogbummel November 2014

Bevor ich hoffentlich bald wieder dazu komme, selbst eine Besprechung zu schreiben, schon mal ein Rückblick auf die Blogs der letzten Wochen. Wann wir das alles lesen sollen, ist allerdings eine andere Geschichte…

Beginnen möchte ich diesmal mit einem Foto, anhand dessen man überlegen kann, was Fortschritt bedeutet oder auch nicht. Aufgenommen von Dmitrii Lezine. Auf diesem Blog gibt’s übrigens viele sehenswerte Fotos, z. B. von einem Leuchtturm.

Filigran hingegen sind die Buchschnittmalereien, einen Link dazu hat der Blog Ansichtsexemplar für uns aufgestöbert.

Tiere

Nein, kein cat content, aber mindestens genauso niedlich: Schwein gehabt!

Wow, was für Fotos – diesmal Pferde – gefunden bei The World according to Dina.

Und beim Geldabheben habt ihr hoffentlich alle einen Wachhund dabei. Gefunden bei Straßenfotografien.

Für die unübersichtlich vor sich hin wuchernde Wunschliste

Beispielsweise habe ich den Blog einer Buchhändlerin aus Berlin entdeckt – mit interessanten Empfehlungen, leider bisher ohne Follow-Funktion und ohne alphabetisches Verzeichnis. Aber Die Buchhändlerin hat zum Beispiel folgende Bücher gelesen:

CON=LIBRI hat schon mal seine Auslese 2014 versammelt.

Auf Jargs Blog wird Der Körper meines Lebens von Pennac vorgestellt.

Birthes Lesezeit las Eis von Ulla-Lena Lundberg.

lustauflesen.de macht Lust auf So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben von Heinz Hilpert. Klingt wunderbar.

Himmel und Hölle von Jón Kalman Stefánsson wird auf Drittgedanke empfohlen.

Leseschatz hat Frommes Elend von Frans Eemil Sillanpää gehoben.

Literaturen hingegen macht mich neugierig auf A Single Man von Christopher Isherwood.

Weiter geht es mit einigen Klassikern:

Der Durchleser hat entdeckt, dass Ein Liebesabenteuer von Alexandre Dumas nun erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde.

Maren schmuggelt verlockend klingende Buchtitel inzwischen schon in ihre Kommentare, diesmal habe ich sie ertappt, wie sie auf Sätze und Schätze einen „Wälzer mit immerhin 750 Seiten“, nämlich Großer-Tiger und Christian von Fritz Mühlenweg anpries: „Eine Abenteuergeschichte quer durch die Wüste Gobi, eigentlich ein Jugendbuch, aber auch für abenteuerlustige Erwachsene ein Genuss. Mühlenweg war u.a. 1927 auf der letzten innerasiatischen Expedition von Sven Hedin dabei gewesen. Die Geschichten aus der Mongolei hatte er zunächst seinen Kindern erzählt, bevor ein dickes Buch draus wurde.“

Zeichen und Zeiten erinnert an Das alte Haus am Hudson River von Edith Wharton, während Muromez uns zu Recht Oblomow von Iwan Gontscharow auf die Leseliste setzt.

Die schönsten Worte über das Lesen fand ich diesmal unter dem Titel Langsames Lesen auf Hundstrüffel:

Ich möchte Bücher so lesen, wie ich sie finde. Flanierend, absichtslos. Langsam, als wäre die Zeit.

Empfehlungen auf englischsprachigen Blogs

Book around the Corner las Run River, das erste Buch von Joan Didion.

A life in books empfiehlt  The Guest Cat des japanischen Autors Takashi Hiraide und den neuesten Roman von Jane Smiley: Some Luck.

Schöne Orte

Die gibt es beispielsweise Aus der Vogelperspektive auf Von Orten und Menschen oder an der Ostsee im Gespensterwald.

Und sehr gern würde ich auch einmal das Nordlicht sehen, zum Beispiel in Island, gefunden auf Cornwall Photographic.

Die verschiedenen Seiten des Herbst zeigen uns die Autumn Leaves von Stefan und der Novembertag von Morgenstern, gefunden bei Birgit.

Ein verrücktes Video, das einen ganz schwindlig macht und doch zeigt, wie wunderschön die Welt ist, hat Cindy entdeckt: Touch von Jean-Baptiste Chandelier (notfalls einfach den Ton ausschalten…)

Und mein Fotoserienhighlight dieses Monats kommt ganz klar von Echoes of the Past. Da können dann alle Großbritannien-Fans schwelgen und schon mal vom nächsten Urlaub träumen. Ich freue mich jedenfalls schon auf ihren 2000. Beitrag.

Allen eine gute Woche mit einer Super Nova von alltagssplitter.

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James Herriot: All Creatures Great and Small (1970)

Beschwerden bitte an Birgit: #Verschämte Lektüren

Birgit hat ja dazu aufgerufen, im heimischen Buchregal auf die Suche nach “literarisch unterirdischen Werken“ zu gehen, „die man verschämt in der hintersten Ecke des Regals versteckt und von denen man sich dennoch nicht trennen mag“. Das fand ich zunächst wirklich schwierig, denn Bücher, die ich verschämt etwas diskreter lagere, gibt es nicht. Die Bücher, die ich mag, stehen sichtbar da, wo sie nach der Lesechronologie halt hingehören.

Also, was tun? Nach ein bisschen Grübelei bin ich doch noch fündig geworden. Es gibt so einen Leseschatz, von dem ich bisher wirklich niemanden überzeugen konnte. Literarisch „unterirdisch“ ist er zwar nicht, allerdings von den englischsprachigen Verlagen grottenschlecht betreut.

Eigentlich ist es ein Dreiklang aus den Büchern, der Fernsehserie und einer wunderbaren Landschaft, der mich nach wie vor entzückt. Es geht natürlich um Den Doktor und das liebe Vieh.

Und: Liebe Birgit, das hat jetzt richtig Spaß gemacht. Nicht zuletzt auch wegen der herrlichen Kommentare, die sich inzwischen bei dir tummeln. Da kann man dann auch mitverfolgen, wie man von James Herriot zu Männern mit schönem Haar und zu John Boy von den Waltons kommt. Ganz zu schweigen von Winnetou, der durch die Lateinstunden ritt…

Einer meiner Favoriten kommt von Drittgedanke:

Jaaaa! 🙂 Ein Traum aus Tweed und Fünf-Uhr-Tee-Plüschigkeit. Endlich, endlich eine Gelegenheit um mich ganz un-verschämt zu outen: DEN hätte ich sofort geheiratet – damals, als Zehnjährige. (Jaja, die Episode mit dem Ehering habe auch ich gerade vor Augen…) Ich brauche sofort meinen Strick-Pollunder mit Zopfmuster – herrje, wo ist mein Strick-Pollunder?!

So, bitte, jetzt werden wir mal wieder ernst:

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They didn’t say anything about this in the books, I thought, as the snow blew in through the gaping doorway and settled on my naked back. I lay face down on the cobbled floor in a pool of nameless muck, my arm deep inside the straining cow, my feet scrabbling for a toe hold between the stones. I was stripped to the waist and the snow mingled with the dirt and the dried blood on my body. I could see nothing outside the circle of flickering light thrown by the smoky oil lamp which the farmer held over me.

Mit diesen Sätzen beginnt die Reihe um den britischen Tierarzt

James Herriot: All Creatures Great and Small (1970)

Zum Autor

Das hätte sich James Alfred Wight (1916 – 1995) am Anfang wohl auch nicht träumen lassen, dass er unter dem Pseudonym James Herriot – Tierärzten war jegliche Eigenwerbung verboten, deshalb ein Pseudonym – mit seinen halb fiktiven Erinnerungen und Erlebnissen aus seinem Arbeitsleben einmal weltberühmt werden würde.  Einschließlich der diversen Verfilmungen. Dabei hatte er zuvor jahrelang nach einem Verleger suchen müssen. Er hat erst mit 50 angefangen zu schreiben und trotz des Erfolges, der sich dann einstellte, hat er bis zu seiner regulären Pensionierung  in der gemeinsamen Praxis gearbeitet.

A trip down memory lane – oder eine kleine Zeitreise zurück in die Kindheit

Durch einen Umweg bin ich wieder auf ihn aufmerksam geworden. Zwar hatte ich als Kind wie vermutlich viele andere die Verfilmungen gesehen (was die Kommentare bei Birgit zu bestätigen scheinen), doch als ich Jahrzehnte später den ersten Band seiner Erinnerungen geschenkt bekam, wanderte der ungelesen in den SUB nach dem Motto: Irgendwann mal oder auch nicht. Nachdem ich dann eher zufällig über die englischen Originalfolgen der Fernsehserie „All Creatures Great and Small“ gestolpert bin (oft herrlich komisch), kramte ich das Buch wieder aus dem Regal.

Das war für mich der Beginn eines wochenlangen Abtauchens. Und die Folgebände mussten auch noch her. Da geht es dann leider nicht immer chronologisch weiter: Manches wirkt lieblos zusammengestoppelt, so als seien Verlag und Autor vom Erfolg überrannt worden, dem dann rasch etwas nachgeworfen werden musste.

Zum Inhalt

Der Leser, der Zuschauer lernt das Leben als Tierarzt in Yorkshire ab den vierziger Jahren kennen. Die Menschen lebten auf kleinen Farmen, arbeiteten hart und waren viel unmittelbarer von der Natur und dem Lauf der Jahreszeiten abhängig. Die Tierärzte sahen sich auf der einen Seite mit damals noch unheilbaren Tierseuchen konfrontiert, die dem einzelnen Bauern die gesamte Existenzgrundlage innerhalb von Tagen zertrümmern konnte, und auf der anderen Seite gab es allmählich Veränderungen und Fortschritte in der Tiermedizin. Die Arbeit ist dabei keineswegs immer ungefährlich. Einmal wäre James auf dem Weg zu einem kranken Tier beinahe ums Leben gekommen, weil er im Schneesturm den Weg verloren hatte.

Die drei Kollegen, zunächst ohne weibliche Unterstützung, sieht man von der wunderbaren, immer leicht genervten Haushälterin Mrs Hall einmal ab,  ergänzen einander auf Feinste: James‘ Chef Siegfried Farnon ist aufbrausend, unberechenbar und dabei gutherzig und großzügig, während sein jüngerer Bruder Tristan das Leben in vollen Zügen genießt, frühes Aufstehen verabscheut, sich wo immer möglich, der Arbeit entzieht und ein gutes Bier und weibliche Gesellschaft zu schätzen weiß. Am pflichtbewussten James bleibt dagegen mehr als einmal der Löwenanteil der unangenehmeren Arbeiten hängen und am Anfang hat er, der zugezogene Schotte, seine liebe Not mit den einheimischen Bauern, die ihn erst gar nicht recht ernstnehmen wollen, besonders wenn er mit so neumodischen Behandlungsmethoden um die Ecke kommt.

Und im Sprechzimmer tummeln sich bizarre Patienten und ihre manchmal noch bizarreren Herrchen und Frauchen. Aber spätestens bei den Fahrten über Land ist meist aller Ärger vergessen, wenn James sich an der herbschönen Landschaft Yorkshires erfreut.

Fazit

Ich mag die Geschichten mit ihrem Witz und ihrer Situationskomik noch immer, wobei auch traurige und ernsthafte Ereignisse ihren Platz haben. Und natürlich findet James auch seine Herzdame. Kurzum: eine (fiktive) Welt, in der Anstand, Menschlichkeit und Freundschaft ganz wesentliche Bestandteile sind.

Für mich also Geschichten mit einem riesengroßen Entspannungsfaktor, bei denen es gleichermaßen um die Tiere wie um die Menschen mit all ihren Eigenheiten, Kümmernissen und Freuden geht.

Und im letzten Urlaub habe ich mir ein Loch in den Regenschirm gefreut, als ich in einem richtig schönen Secondhand-Bookshop den Bildband „James Herriot’s Yorkshire, with photographs by Derry Brabbs“ von 1979 entdeckt habe.

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Biografie des Sohnes

Natürlich musste ich dann auch die Biografie seines Sohnes lesen: 1999 erschien The Real James Herriot: A Memoir of my Father von Jim Wight.

Das Buch des Sohnes über seinen erfolgreichen Vater liest sich interessant und durchaus erhellend, selbst wenn es an der ein oder anderen Stelle etwas verklärend geraten ist. Es ermöglicht den Vergleich zwischen Fiktion und dem Tatsächlichen, ohne dass dadurch der Charme und das Liebenswerte der Bücher von Alf Wight verloren gehen.

Ernüchternd war allerdings zu erfahren, dass das Verhältnis der drei Kollegen keineswegs immer so rein freundschaftlich war, wie es die Erzählungen von „James Herriot“ vermuten lassen. „Siegfried“ drohte als älterer Herr sogar mit dem Anwalt und der Beendigung der jahrzehntelangen Freundschaft, sollte Alf die Bücher veröffentlichen.

Für Wights Humor und seine Freundlichkeit findet man in dem Buch weitere schöne Beispiele: Meine Lieblingsstelle schildert, wie seine zukünftige Schwiegertochter ihm einen Entschuldigungsbrief schreibt, nachdem sie am Abend vorher auf der „first publication party“ die Auswirkungen des Alkohols unterschätzt und den Abend dann wohl überwiegend auf der Damentoilette verbracht hatte. Wight antwortet ihr – auf reizende Weise:

My dear girl, I hasten to assure you that your feelings of remorse are entirely unnecessary and, in fact, there is something ludicrous in apologising to me, the veteran of a thousand untimely disappearances and as many black and hopeless dawns. I see you describe yourself as a ‘sordid little heap in the Ladies’. Well that’s a good description of me but for ‘Ladies’ read ‘Gents’ or ‘Friend’s back room’, or ‘Back seat of car’ or, in one case, ‘Corner of tennis court’.
Let me further assure you that your ‘awful behaviour’ was probably not even noticed by a roomful of people who had punished the champers for a couple of hours, then waded into the vino for a similar period. It remains rather a blur to me.
I dimly remember the two Michael Joseph men making rather incoherent speeches of thanks to which, they tell me, I made a slurring twelve-word reply. I honestly don’t remember and that goes for a very drunken Tristan and most of the others.
But I do remember meeting you right at the start and that was lovely.

Und weil es so schön ist, hier noch ein Foto aus Yorkshire, gefunden auf Walking with a smacked Pentax.

Blogbuemmel KW #27/28 – 2014

Mal wieder Zeit für einen Rückblick auf die vergangenen zwei Blogger-Wochen.

Zur Stärkung gibt es zu Beginn ein Foto einer Bäckerei, bei der wir uns vermutlich alle gern heute Morgen die Brötchen holen würden – präsentiert von Lesewelle.

Für die Wunschliste

Nachdem Birgit von Sätze&Schätze uns erst vorgaukelte, dass sie auf die Beschwerden ihrer LeserInnen eingehe und nun auch mal über Bücher berichte, deren Lektüre sie nicht überzeugen konnte und die sie folglich nicht empfehle, genoss ich die trügerische Sicherheit, in der ich meine Liste wähnte. Nur damit sie – genau einen Tag später – doch wieder, ohne mit der Wimper zu zucken, feststellt, dass Die Schöne von Albert Cohen sogar einen Ehrenplatz in ihren SUB einnehme. Birgit, wir müssen reden…

Mara war sehr angetan von Sag ihren Namen von Francisco Goldman, während Petra Lob. Über Literatur von Daniel Kehlmann gelesen hat.

Claudia setzt mir auf dem Grauen Sofa einen interessant klingenden Krimi auf die Wunschliste, nämlich Nairobi Heat.

Spannend und lesenswert klingt auch der von Kaffeehaussitzer vorgestellte Roman Tuareg von Alberto Vázquez-Figueroa.

Danach könnte man – vielleicht am Strand – ganz nett mit dem auf Karthauses Bücherwelt vorgestellten Buch von Rosemary McLoughlin entspannen.

Feiner reiner Buchstoff hat Skippy stirbt von Paul Murray gelesen und es nicht bereut.

Wer dann wieder etwas Anspruchsvolleres und geschichtlich Interessantes lesen will, dem sei A Good Place to Hide von Peter Grose empfohlen. Entdeckt hat dieses Buch der ANZLitLoversLitBlog. Thema: die Rettung vieler Juden während des Holocaust in einem abgelegenen Landstrich in Frankreich.

Und leider unbedingt wichtig: Die Globale Überwachung von Glen Grenwald, besprochen von Vnicornis.

Zum Reisen, Schauen und Staunen

Through my Lens ist ein besonders schönes Foto ihrer Katze gelungen.

Auch auf den Halligen gibt’s Wäsche, ganz frisch und lebendig bei MEERblick. Und überhaupt besonders das letzte Foto in einer anderen Serie: glatt zum auf die Hallig Auswandern.

Ein bisschen weiter im Osten wanderte Awesomatik auf dem Malerweg. Klingt nachahmenswert.

Silberdistel macht mich ganz neugierig auf das Schwarze Moor und dazu passt der wunderbare Beitrag auf Von Orten und Menschen.

London Unveiled legt uns die Painted Hall in London ans Herz, nach der Renovierung unbedingt sehenswert. Danach kann man dann über den Dächern von London entspannen. Tipps dazu von Absolut London.

Anschließend bietet sich ein Abstecher zur Ely Cathedral in Cambridgeshire auf Echoes of the Past doch geradezu an.

Wer nach Californien möchte, könnte hier für ein paar Nächte unterkommen. Was gibt es doch für nette Plätzchen. Gefunden bei Cindy.

Mit einem Foto der Lichtbildwerkerin wünsche ich allen einen schönen Sonntag, ob mit oder ohne Fußball.

Wer lieber poetisch verabschiedet wird oder jemanden verabschieden möchte, kann das vielleicht mit den Worten der Lotte von Lengefeld tun. Nachzulesen beim Friedrich-Schiller-Projekt.

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Sonntagsleserin KW #20 – 2014

Auch diese Woche der obligatorische Wochenrückblick im Rahmen der Sonntagsleserinnen, einer Idee der Bücherphilosophin Katarina.

Da ich noch mitten in der Lektüre von Im Mittelalter von Ian Mortimer stecke und meine Wunschliste ohnehin viel zu lang ist, freue ich mich auch diese Woche, dass einige Blogger ein Einsehen hatten und Bücher vorstellten, die schon im Regal stehen.

Glück gehabt

heißt es deshalb diese Woche bei folgenden Titeln: Die Romantherapie wurde diese Woche sowohl von DruckSchrift als auch von Michaela auf ihrem Blog Wortstarke Kritiken vorgestellt.

Literally Writing hat sich mal wieder The Remains of the Day von Kazuo Ishiguro vorgenommen.

Philea stellte Flaubert’s Parrot von Julian Barnes vor und Buchwolf, der seiner „literarischen Aufschieberitis“ den Kampf angesagt hat, kämpfte sich durch Ulysses von James Joyce.

Passend dazu hat Interesting Literature darüber nachgedacht, wo der Begriff Stream of Consciousness überhaupt herkommt.

Frau Seitengeraschel hat genauso viel Spaß an den Bücherkolumnen von Nick Hornby wie ich.

Lesenswert

ist das Gedicht Aufbruch auf dem Blog Wederwill.

Gazelle blockt erinnert an Annemarie Schwarzenbach und Peggy erklärt uns auf Entdecke England, wie es zur Invasion Großbritanniens von 1066 kam.

Einen neuen unabhängigen Verlag habe ich bei We read Indie kennengelernt, der das Konzept des Crowdfunding umsetzen möchte.

Eine ebenfalls bisher unbekannte Bücherkategorie – dem Schmöker verwandt, aber nicht mit ihm identisch – hat Birgit von Sätze&Schätze eingeführt, das sogenannte Flutschbuch.

Auf die Wunschliste

setze ich mir After the Fall von Kylie Ladd, empfohlen auf dem Blog AnzLitLovers.

Der Roman Marta Oulie der Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset wurde ebenfalls auf einem englischsprachigen Blog vorgestellt, und zwar bei Tony’s Book World.

Wer lieber naturwissenschaftlich-geschichtlich unterwegs ist, dem sei das Buch von Andreas von Klewitz Carl Chun, die Valdivia und die Entdeckung der Tiefsee empfohlen, vorgestellt auf Wortstarke Kritiken.

Zum Schauen und sich freuen

Sicherheitshalber auch diese Woche noch ein paar Tulpen. Sind einfach zu schön, z. B. bei Lichtgewimmel und bei Peonies and Posies. Aber japanische Kirschen blühen auch wunderbar.

Wer’s lieber schwarzweiß mag, findet auf dem Blog Jane Lurie Photography sehenswerte Fotos.

Die Lesewelle hat im Wald ein geschmackvolles Vogeleigenheim entdeckt.

Und Maren Wulf teilt mit uns ihre Freude an etwas, das immer seltener wird, ein altes Paar, Hand in Hand, wie schön! Passend dazu empfehle ich einen Beitrag auf Augenfalter.

Cindy hat eine Urlaubsunterkunft entdeckt, aus der man bei dem Ausblick von der Terrasse ja gar nicht mehr fort möchte.

Buchpost wünscht einen sonnigen Sonntag!

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Sonntagsleserin KW #16 – 2014

Vermutlich sorgt der Frühling dafür, dass auf den verschiedenen Blogs viel mehr Sinne angesprochen werden als sonst? Auch ich möchte vor allem nach draußen, mich an Blumen, dem frischen Blattgrün erfreuen, möglichst allen Feld- und  Waldwegen folgen und an den Bachläufen in den Wiesen entlangwandern.

Deswegen hier schon gleich drei Fotoserien, bei denen wir in Blumenfotos schwelgen können: Bei Charlotte dreht sich alles um Kamelien und Cindy widmet sich den Rosen. Bei Silberdistels machen wir einen Gang durch den heimischen Garten. Ah, nicht zu vergessen die Apfelblüte auf Charlottes Blog.

Das soll mich aber nicht davon abhalten, auch diese Woche im Rahmen der Sonntagsleserei, einer Idee der Bücherphilosophin, noch ein bisschen in den Blogs der letzten Woche zu stöbern.

Für die Wunschliste

Lichtgewimmel hat es wieder getan und mir Reiseliteratur auf die Liste gesetzt, diesmal Oss Kröher mit Das Morgenland ist weit.

Literaturen stellt auf dem gemeinschaftlich betriebenen Blog We read Indie den französischen Autor Emmanuel Carrère mit seinem Buch Alles ist wahr vor.

Die nette Bücherkiste macht mich neugierig auf die Erinnerungen von Jennifer Lee, die Ende der fünfziger Jahre begann, als Hebamme in London zu arbeiten.

Zwei Tierfotos, die es mir diese Woche angetan haben,

zeigen Störche, die Wert auf eine ansprechende Wohnlage legen, und eine neugierige Katze. Beide stammen aus dem Blog von Alois Absenger. Dazu passend der Beitrag auf awesomatik, der zeigt, was Tierfotografen passieren kann, die Erdmännchen filmen wollen.

Reiseempfehlungen

Der Blog Weltneugier gibt Hinweise und weitere Links zum Thema Couchsurfing – preisgünstige Übernachtungsmöglichkeiten mit Überraschungsgarantie.

Mal wieder Zeit, ins Museum zu gehen, z. B. bei Farbraum.

Seitengeraschel hat auch gleich eine Idee, wie wäre es mit der British Library? Und bleiben wir noch einen Moment in Großbritannien und besuchen den wunderbaren Garten von Beth Chatto.

Maren Wulf sendet Picture Postcards from NL.

Die Gelbe Eule gibt uns einen Einblick in ihre Reise nach Island, und zwar hier und hier. Nach Norwegen geht es bei Lady Fi, und zwar in die ehemalige Bergstadt Røros. Sehenswert.

Ganz und gar länderübergreifend wird es wieder bei Steve McCurry, diesmal mit dem Titel Power of Place.

Danach sollte man sich stärken, den ultimativen Hinweis dazu gibt es von Charlotte. Sieht das nicht lecker aus? (Nein, ich bekomme keine Schmiergeldzahlungen von Charlotte!)

Last but not least

Buchpost wünscht allen friedliche und schöne Ostertage, mit der richtigen Menge an Innehalten, die nottut.

Dazu noch zwei Bilder, bei denen sich Himmel (gefunden auf dem Blog Von der Freiheit zu träumen) und Erde (aus dem Blog Fotostopp) wunderbar ergänzen.

 

 

Sonntagsleserin KW #14 – 2014

Auch diese Woche ein kleiner Rückblick im Rahmen der Sonntagsleserei, einer Idee der Bücherphilosophin.

Diesmal möglichst kurz und knackig, da ich es geschafft habe, mir beim Unkrautzupfen zwischen den Rosen einen Dorn in den Finger zu rammen, der sich daraufhin entzündete, sodass gestern ein kleiner Arztbesuch vonnöten war und das Tippen ein bisschen mühsam vonstatten geht. Zurück zum Text.

Lesenswert

Zwei Artikel habe ich, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen, diese Woche sehr gern gelesen, nämlich den auf Literaturen über Akif Pirinçci und auf Skyaboveoldblueplace, der doch mal ein Blogstöckchen aufgefangen hat und dem ich bei seinen angeblichen Abschweifungen besonders gern folge.

Auf Nur mal so – nur mal … ich lesen wir von einem interessanten Gespräch in einer Buchhandlung und Lesewelle lädt in einem wunderbar bebilderten Beitrag zu einer Georg Büchner-Ausstellung ein.

Fürs Regal oder die Wunschliste

Cineratur’s Blog erinnert mich daran, dass ich schon längst den Letzten Mohikaner habe lesen wollen.

Der Kaffeehaussitzer macht mich sehr neugierig auf Himmel über London von Håkan Nesser.

Wolfgang Schiffer stellt auf seinem Blog Wortspiele den Roman Jojo von Steinunn Sigurðardóttir vor, während aus.gelesen mir Esther auf die Wunschliste setzt.

Cat Content

Hier geht’s lang zu großen Pfoten und hier gibt’s Küsschen.

Zum Reisen, Schauen und Staunen

Peggy von Entdecke England stellt uns die vielseitig begabte Beatrix Potter vor, eine Frau, die für das Lake District eine wichtige Rolle spielen sollte.

Dann gibt’s zum einen ein tolles Foto aus Moskau, aufgenommen von Ulla Keienburg und zum anderen eine Fotoserie zum Thema Türen in Jerusalem auf dem Blog Hinter den Türen

Mit dem großartigen Beitrag von Steve McCurry zum Thema One Step at a Time wünsche ich allen einen schönen Sonntag.

 

Nachtrag zur Sonntagsleserin #KW 13 – 2014

NATÜRLICH war ich, wie vermutlich fast alle LeserInnen von Sätze&Schätze, begeistert von der Vorstellung des Buches Ein Reporter und nichts als das von Albert Londres. Das hätte gestern also unbedingt noch erwähnt gehört.

Viel Spaß hatte ich dann aber auch an dem sich nach Birgits Post entspinnenden Kommentargespräch. Ich habe nämlich – aus zugegebenermaßen ganz eigennützigen Motiven – versucht, Birgit ins Gewissen zu reden:

Liebe Birgit, ich bin ernsthaft vergrätzt. Ich hatte mir ganz fest vorgenommen, eine Zeitlang alle verlockenden Buchvorstellungen zwar zu lesen und mich an ihnen zu erfreuen. Punkt. Die Titel eventuell auf meine Wunschliste zu setzen. Aber mehr nicht. Aber nein, jetzt kommst du daher, schreibst so ansteckend begeistert, dass ich meine Vorsätze glatt vergesse. Ich finde es so großartig, wenn Bücher es schaffen, mich tatsächlich an andere Orte, in andere Kulturen, in eine andere Zeit zu versetzen. Meinen Horizont weiten… Könntest du bitte die nächsten Wochen nur fürchterlich langweilige Titel vorstellen? Oder wenigstens Bücher, die ich schon kenne oder die sowieso schon darauf warten, endlich gelesen zu werden? […] Leicht resignierte Grüße, Anna

Birgit gab sich gesprächsbereit:

… Keinesfalls will ich riskieren, Dich zu vergrätzen, weil ich Deine Kommentare so mag, selbst die resignierten. Ich kann aber auch kaum Bücher besprechen, die du schon kennst, weil wir da auch eine ziemliche Schnittmenge haben, wie ich Deinem Register entnahm. Und das mit den fürchterlich langweiligen Titeln wäre jetzt wirklich von mir zu viel abverlangt. Ich überlege mir was…vielleicht Kochbücher?

Und ich sah ein, dass auch ich Birgit entgegenkommen muss:

Gut, dass du dich langweilst, will ich ja auch nicht. Da lass ich mit mir reden: Also, Kochbücher wären eine famose Idee. Da bin ich absolut immun. Oder Gartenbücher? Oder Bücher zu alten Handwerkstechniken? Klöppeln, Tiere, Moose und seltene Farne? Wie rede ich mit meiner Katze? DIY-Bücher? Oder Bücher, die noch nicht ins Englische oder Deutsche übersetzt wurden? Extrem kompliziert schreibende Philosophen des Mittelalters? Sport wäre auch ein weites Feld oder: Wie spekuliere ich an der Börse? Also, es gibt doch wirklich genug Auswahl!

Da Birgit gesundheitlich angeschlagen war, empfahl ich ihr zur Aufheiterung noch das völlig sinnfreie Video
http://www.youtube.com/watch?v=sTSA_sWGM4

Was sie dann netterweise noch kommentierte mit:

Herrlich. Sowohl die Liste als auch das Video – einfach trololo 🙂 🙂 🙂 Ich denke, ich nehme die Farne.

Ich bin gespannt, wie’s weitergeht. Euch allen einen schönen Montag, mit oder ohne Farne.

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Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben (OA 2006; deutsche Ausgabe 2008)

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass meine Lebenserinnerungen, wenn ich sie jemals niederschreiben sollte, mit einem großartigen ersten Satz anfangen müssten: mit etwas Lyrischem wie Nabokovs ‚Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden‘ oder, falls das Lyrische mir nicht so läge, vielleicht mit etwas Philosophischem wie Tolstois ‚Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich‘. An solche Sätze erinnert man sich, wenn man alles andere in diesen Romanen schon längst vergessen hat. Der beste aller Anfangssätze ist meiner Meinung nach jedoch die Zeile, mit der Ford Madox Ford seinen berühmtesten Roman beginnt: ‚Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe.‘ Das habe ich bestimmt schon Dutzende von Malen gelesen, und es haut mich immer wieder um. Ford Madox Ford war ein ganz Großer.

So beginnt das zweite Buch des 1940 geborenen Autors

Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben (2008), im Original unter Firmin. Adventures of a Metropolitan Lowlife (2006) erschienen

Zum Inhalt

Der ließe sich in einem Satz zusammenfassen: Eine belesene Ratte schreibt ihre Lebenserinnerungen nieder.

Geboren von einer alkoholsüchtigen Mutter, gestraft mit zwölf durchsetzungsfreudigen Geschwistern, so wächst das Rattenkind Firmin im Keller einer Bostoner Buchhandlung in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf.

Firmin muss zusehen, dass er genug zu fressen bekommt, da er schwächlicher als seine Geschwister ist. Also knabbert und nagt er sich durch die Bücher in den Regalen, bis er feststellt, dass er dabei lesen gelernt hat. Diese Fähigkeit macht ihn zu einem eigenbrötlerischen Außenseiter und er findet sein Glück darin, sich heimlich durch die ganzen Werke in der Buchhandlung zu ackern und sich dabei einen beachtlichen Wissensschatz anzueignen.

Darüber hinaus ist er – selbst für eine Ratte – außerordentlich hässlich:

Kopflastig und schwachgliedrig, gewöhnte ich mir eine schwerfällige Gangart an, und während ich mir später einbildete, sie verleihe mir eine Aura von Seriosität und Würde, ließ sie mich anfangs nur noch verrückter aussehen. Ich konnte nichts dagegen machen, beim Gehen oder Traben schwang mein überdimensionaler Kopf hin und her, was an einen Ochsen denken ließ. Meine Frontlastigkeit hatte außerdem zur Folge, dass ich oft auf die Nase fiel, was die anderen natürlich unendlich lustig fanden. (S. 44)

Dennoch neigt Firmin ein wenig zur Eitelkeit. Als er wegen eines Beinbruchs humpelt, findet er das ganz schick.

Wenn überhaupt, dann fand ich, dass es mir ein distinguiertes Aussehen verlieh. Gern hätte ich einen kleinen Stock und eine Sonnenbrille hinzugefügt. Ausdrücken wie panache und debonair habe ich mich immer nah gefühlt. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich mir auch noch einen kleinen schwarzen Spitzbart wachsen lassen. (S. 136)

Er kann aber nicht nur lesen, sondern darüber hinaus auch die Sprache der Menschen verstehen. Sein großer Kummer ist, dass er sich ihnen nicht verständlich machen kann, obwohl er alles probiert. Sogar Zeichensprache studiert er, doch alles was er damit zum Ausdruck bringen kann, ist: „Auf Wiedersehen, Reißverschluss.“ Was ihn allerdings wieder vor das Problem stellt, wo er einen Taubstummen findet, der den Satz überhaupt verstehen könnte.

Seine Versuche, sich mit dem Buchhändler Norman anzufreunden, enden damit, dass Norman ihn mit kleinen rosa Kügelchen umbringen will. Doch ein anderer Hausbewohner, der Trinker und Science Fiction-Autor Jerry Magoon, findet das verletzte Kerlchen und gewährt ihm Asyl. Firmin und Jerry kommen eigentlich gut miteinander aus, auch wenn es ihn traurig macht, von seinem Retter nur als putziges Haustier missverstanden zu werden. Doch auch dieses Zuhause ist bedroht: Jerry erleidet einen Schlaganfall und zudem soll das ganze heruntergekommene Stadtviertel abgerissen und saniert werden.

Fazit

Vielleicht hätte ich Firmin auf Englisch lesen sollen. Es hat mich gestört, dass schon der dritte Satz des  Eingangszitats nur unvollständig wiedergegeben wurde. Im Original heißt es: „When it comes to openers, though, the best in my view has to be the beginning of Ford Madox Ford’s The Good Soldier: ‚This is the saddest story that I have ever heard.'“

Und Ratten sind für mich – auch nach der Lektüre – noch immer keine Sympathieträger, zumal Firmin manchmal ziemlich geschwätzig daherkommt, dennoch ist das Buch eine bezaubernde Liebeserklärung an die Literatur. Und Firmin verdankt den Büchern ja buchstäblich sein Überleben.

Und in Afrika essen darbende Kinder bei Hungersnöten Erde. Wenn man hungrig genug ist, steckt man sich alles in den Mund. Das Kauen und Runterschlucken von irgendetwas ist an sich, auch wenn es keinerlei Nährwert hat, Nahrung fürs Träumen. Und Träume von Nahrung sind genau wie andere Träume – man kann davon leben, bis man stirbt. (S. 27)

Allzu viel erfahren wir dabei zwar nicht über die Bücher, die er liest, Savage bleibt da meist – wie das Eingangszitat zeigt – beim Namedropping bekannter Werke.

Dennoch: Die Literatur macht hier ein Außenseiterleben erträglich, ja verleiht ihm Weite und Glanz, auch wenn es nur in Firmins Tagträumen ist.

Wenn ich einen Satz träume, wie zum Beispiel ‚die Musik verklang, und in der Stille ruhten alle Augen auf Firmin, der reserviert und gelassen am Eingang zum Ballsaal stand‘, dann sehe ich nie eine zu kleine, kinnlose Ratte am Eingang des Ballsaals. Die Wirkung wäre eine ganz andere. Nein, ich erblicke immer jemanden, der Fred Astaire sehr ähnlich sieht: schmale Taille, lange Beine und ein Kinn wie eine Stiefelspitze. Manchmal kleide ich mich auch wie Fred Astaire. In dieser speziellen Szene  trage ich Frack und Gamaschen und Zylinder. Die Beine in Höhe der Fußgelenke gekreuzt, stütze ich mich lässig auf einen Stock mit silbernem Knauf. (S. 104)

Oder ist es eher so, dass hier jemand durch die Literatur zum Außenseiter wird? Sie verstärkt die Einsamkeit Firmins, der sich und seine literarischen Reisen und Einsichten niemandem mitteilen kann.

Als promovierter Philosoph lasst Savage seinen kleinen grauen Helden auch über den Sinn des Lebens nachsinnen.

Sollte ich, ungeachtet meines absonderlichen Aussehens, zu etwas Großem berufen sein? Zu einem Schicksal, meine ich, wie es die Figuren in Geschichten haben, wo alle Ereignisse eines Lebens, mag es darin auch noch so brodeln und wirbeln, in all dem Brodeln und Wirbeln am Ende ein sinnvolles  Muster erkennen lassen? In Geschichten hat ein Leben immer eine Richtung und eine Bedeutung. (S. 56)

Doch am Laufe eines Rattenlebens – geboren zu werden, die Kindheit zu überstehen, eine gute Zeit zu haben, um dann schließlich alt, gebrechlich und einsam zu sein – ändert auch die Literatur nichts.

Ich glaube immer, alles währt ewig, doch das ist nie der Fall. Tatsächlich existiert alles nur einen Augenblick, außer den Dingen, die wir im Gedächtnis behalten. Ich versuche stets, alles festzuhalten – ich würde lieber sterben, als zu vergessen. (S. 176)

Anmerkungen

Im Telegraph gibt es einen interessanten Artikel über den Autor, der ja erst sehr spät zu literarischem Ruhm gekommen ist und ein eher unstetes Leben geführt hat. Auf die Frage, weshalb er so lange mit seinem ersten Roman gewartet habe, erklärt er u. a.:

I couldn’t have written it at any other time. But also, Firmin’s essential experience is of failure – failure to write, failure to complete – and I’d had that experience. You can’t have that at 30, because you think it’s going to happen: you have to reach a certain age before you realise that it isn’t.

Gern verweise ich auf die Besprechungen auf dem Grauen Sofa, wo ich zum ersten Mal auf das Buch aufmerksam wurde, und auf dem Blog Biblionomicon.

Elke Schmitter: Frau Sartoris (2000)

Die Straße war frei. Es nieselte, wie so oft bei uns in der Gegend, und die Dämmerung ging in Schwärze über – man kann also nicht sagen, daß die Sicht besonders gut war. Vielleicht habe ich ihn deshalb erst sehr spät gesehen, wahrscheinlich aber doch, weil ich in Gedanken war. Ich bin oft in Gedanken. Nicht, daß etwas dabei herauskäme.

So beginnt der 159 Seiten schmale, aber kraftvolle erste Roman der Journalistin

Elke Schmitter: Frau Sartoris (2000)

Zum Inhalt

Ein Hinweis vorweg: Trotz der Länge meines Posts gehe ich nur auf das erste Drittel der Handlung ein, d. h. es bleibt bei eigener Lektüre genug zu entdecken.

Gleich zu Beginn erfahren wir also, dass Frau Sartoris einen Menschen angefahren hat. Anscheinend vorsätzlich. Und es dauert nicht lange, bis sie die Zeitungsartikel erwähnt, in denen von Fahrerflucht die Rede ist. Der Täter konnte unerkannt entkommen, das Opfer ist noch an der Unfallstelle verstorben.

In immer enger werdender Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart lässt Margarethe Sartoris, inzwischen Ende 40 und Mutter einer 18-jährigen Tochter, ihr Leben, ihre Ehe mit Ernst und ihr provinziell-unglückliches Leben Revue passieren.

Als hübsche junge Frau hat sich Margarethe in Philip verliebt, den sie bei einem Tanzkurs kennengelernt hatte.

… und dann begann der Unterricht mit einer Rumba. Das war immer mein Lieblingstanz. Man durfte die Hüften bewegen, man sollte sogar – und nicht so eilig wie beim Cha-Cha-Cha, sondern langsam und ausgreifend. Es gab mir ein süßes Gefühl, auf das Standbein zu wechseln, kurz innezuhalten und dann mit einer Verzögerung nach rechts auszuschreiten, in großem Abstand vom Partner, geordnet, aber voll Spannung. Ich liebte die einsame Drehung, die Bewegung ins Freie, die Geometrie des Ganzen und auch die Möglichkeit, sich lange anzusehen, bevor man wieder ein Paar wurde. Ich fühlte mich mächtig bei diesem Tanz, unwiderstehlich, vollkommen bei mir und doch auf ihn bezogen ohne Unterlaß. (S. 25)

Mit ihm ist sie glücklich und fühlt sich von einer Art Seligkeit getragen. Was sie miteinander sprechen, vergisst sie sofort. Erst verspätet – als sie längst schon ein Paar sind – wird ihr klar, dass Philip aus einer wohlhabenden Familie stammt. Aus Angst, ihn zu verlieren, spricht sie nicht mit ihm über ihre Ängste.

Ich konnte singen und tanzen, ich zeichnete recht gut, ich galt als Schönheit und konnte mir allerlei vorstellen. Aber wie ich meine Eltern und die Familie Rhienäcker miteinander bekannt machen sollte, das konnte ich mir nicht vorstellen. Wir sprachen nicht darüber. Ich wollte nichts zerstören, und ich verließ mich auf ihn. Er war in seiner Zärtlichkeit so sicher, in seiner Zartheit ganz auf mich bezogen, daß ich mir nichts anderes vorstellen wollte, als daß es immer so weiterging. (S. 33)

Es geht aber nicht so weiter. Ihr Mädchentraum zerplatzt, als Philip ihr einen Abschiedsbrief schreibt. Margarethe wird daraufhin mit einem Nervenzusammenbruch in ein Sanatorium eingeliefert, in dem sie Monate lang bleibt. Eine der ihr verordneten Übungen lautet, sich in einem Spiegel anzusehen.

Ich sollte sehen, daß ich ein hübsches junges Mädchen war und das Leben noch vor mir hatte. Aber was ich sah und wußte, löste nichts in mir aus. Der blaue Himmel freute mich nicht, die schlotternden Kleider schreckten mich nicht, der Käse schmeckte mir nicht. Daß meine Eltern mich liebten, das war eben so. Traurig für sie, dachte ich, aber ich dachte es nur, ich fühlte es nicht. Ich fühlte ja auch nichts für mich selbst. So ist es lange geblieben. (S. 37)

Nach ihrer Entlassung aus der Klinik ist sie eher die Beobachterin ihres eigenen Lebens, sie plant nichts und hofft nichts mehr und sagt selbst, dass sie überhaupt wenig über alles nachgedacht habe. Margarethe nimmt ihre Arbeit als Büroangestellte wieder auf und tritt „auf Geheiß“ ihrer Eltern in einen Kegelclub ein, in dem sie den gut aussehenden Ernst kennenlernt, der im Krieg ein Bein verloren hat. Besonders dessen Mutter Irmi mag sie sehr gern.

Vielleicht hätte Margarethe sich vollständig erholen können, aber dann liest sie in der Zeitung von Philips Verlobung mit einer Bankierstochter. Sie reagiert quasi automatisch, von ihren Gefühlen getrieben. Immer noch auf ihn fixiert, beschließt sie, dass Philip auf keinen Fall der erste sein dürfe, der heiratet.

Ich würde Ernst heiraten und mit ihm und Irmi leben; Ernst sah immerhin gut aus, er trug mich auf Händen, verdiente anständig und war ein lieber Kerl, der mir nichts abschlagen würde; und Irmi war einfach ein Schatz. Ich stellte es mir schön vor, sie um mich zu haben, und ich stellte mir die fassungslose Dankbarkeit von Ernst vor, wenn er seine Mutter, die Kriegerwitwe, nicht allein lassen mußte, sondern mit in die Ehe bringen durfte. Ich würde weiter arbeiten, wir würden abends oft unter Leuten sein – aus dem Tanzen würde nun nichts mehr werden -, und wenn wir nach Hause kamen, wäre Irmi da, Lebendigkeit und etwas Fröhliches. Wir würden vielleicht ein Kind haben. Vor allem aber würden wir eine große Hochzeit haben, noch in diesem Sommer, in einem Festsaal mit Kapelle und großer Gesellschaft; ich würde gedruckte Karten verschicken und eine Anzeige aufgeben […] Ich würde die erste sein. Von da an war es ein kalter Rausch. (S. 41 – 42)

Und so kommt es auch: Sie heiratet Ernst, der als Invalide glücklich und dankbar ist, die schöne Margarethe heiraten zu dürfen. Was sie dabei völlig ausblendet, sind die langfristigen Folgen ihres Tuns, auch für sich selbst. Schon die Hochzeitsreise – so 24 Stunden allein miteinander – überfordert die beiden. Margarethe richtet sich in ihrem nach außen hin vorzeigbaren Leben im Deutschland der Wirtschaftswunderjahre ein. Berufstätig und ansonsten immer an der Seite ihres geselligen Gatten, dabei innerlich gänzlich unbeteiligt.

Mit 28 bekommt Margarethe eine Tochter, mit der sie jedoch von Anfang an nichts anfangen kann.

Daniela war mir manchmal ein bißchen zuwider. Als kleines Mädchen sah sie sich um, wenn sie fiel, und wenn sie jemand beobachtet hatte, dann fing sie laut an zu weinen. Sie hielt ständig Ausschau nach uns, aber nicht weil sie mit uns zusammensein wollte, sondern weil sie zu berechnen schien, wie sie sich verhalten sollte. (S. 47)

Margarethes Tendenz, ihr eigenes Leben nur noch von der Zuschauertribüne zu verfolgen, verstärkt sich.

Man sagt, daß die Jahre schneller vergehen, wenn man älter wird, aber mir kam es schon damals so vor, als stünde alles still. Daniela wurde größer, Ernst wurde dicker. Irmi wurde älter, nur mußte sie blutdrucksenkende Mittel nehmen, was sie aber meistens vergaß. Ich erinnere mich nicht an Ereignisse, ich sehe uns wie auf Fotos: Fünfzehn Jahre auf der Couchgarnitur, deren Bezüge langsam dunkler wurden, bis wir eine neue anschafften. Die Holzschale aus Spanien, in der die Salznüsse waren; ein kleiner Krug aus Zinn, […] die Untersetzer aus Kork. (S. 49 -50)

Mit Anfang 40 lernt Margarethe dann den neuen Kulturamtsleiter kennen, und ihre leblos-wohlgeordnete Reihenhaus-Idylle fängt an zu bröckeln, bis am Ende nichts mehr ist, wie es mal war.

Fazit

Unbedingt lesenswert. Margarethe ist nicht nur eine Ich-Erzählerin, die mit ihrer scheinbar einfachen Sprache und ihrer mitleidlosen Beobachtungsgabe die Nachkriegsgemütlichkeit  prägnant auf den Punkt bringt.

Auch der Blog Beauty is a sleeping cat streicht die Sprache besonders heraus: „… what makes this book truly masterful is the way it’s told. There are passages in the narration that I would call “litanies” in which Mrs Sartoris enumerates things. In one instance she talks about all the meaningless sentences she doesn’t want to say anymore. Reading them in rapid succession is eerie to say the least and makes the reader think how often one uses empty phrases just like that. How many meaningful conversations do we have day in and out? Another litany enumerates all the things Mrs Sartoris has never had in her life and this reveals so much bleak emptiness, it’s  chilling.“

Margarethe ist darüber hinaus aber auch eine interessante Hauptfigur, die zwar um sich herum alles klar benennen kann, doch ihren eigenen Gefühlen und dem Wunsch, sich lebendig zu fühlen, hilflos gegenübersteht. Und immer ist sie im falschen Moment bereit, ihre Passivität aufzugeben.

… und aus einem ähnlichen Gefühl hatte ich ja Ernst genommen – irgendeiner mußte es sein, und am Ende machte es keinen großen Unterschied. Wir wollten alle ein Häuschen mit Garten und Kinder und nach Spanien reisen und in Frieden älter werden, und wenn man sich nicht grob täuschte, dann konnte man schon zufrieden sein … (S. 70)

Ihre Vorstellung von Liebe erscheint seltsam unreflektiert. Für sie ist ein Mann, der ihre Leidenschaft weckt, automatisch die große Liebe, was nahezu zwangsläufig in einer Katastrophe enden muss. Nicht zufällig findet sich im Roman eine Anspielung auf Madame Bovary.

Die Struktur des Buches mit seinen Zeitsprüngen wirkt nicht gekünstelt, sondern ergibt sich quasi selbstverständlich aus der Art ihres Erinnerns.

Und nicht zuletzt fand ich das Buch spannend. Natürlich wollte ich wissen, was es mit dem Autounfall, der schon im ersten Abschnitt genannt wurde, auf sich hat.

Anne Brontë: Agnes Grey (1847)

All true histories contain instruction; though, in some, the treasure may be hard to find, and, when found, so trivial in quantity, that the dry, shrivelled kernel scarcely compensates for the trouble of cracking the nut. Whether this be the case with my history or not, I am hardly competent to judge. I sometimes think it might prove useful to some, and entertaining to others; but the world may judge for itself. Shielded by my own obscurity, and by the lapse of years, and a few fictitious names, I do not fear to venture; and will candidly lay before the public what I would not disclose to the most intimate friend.

So beginnt der erste Roman der 1820 geborenen „kleinen Schwester“ von Charlotte und Emily:

Anne Brontë: Agnes Grey (1847); ins Deutsche übersetzt von Michaela Meßner

Zum Inhalt

Die achtzehnjährige Pfarrerstochter Agnes möchte Gouvernante werden. Zum einen hofft sie, dadurch ihre Familie finanziell zu unterstützen, die durch Spekulationen ihres Vaters beträchtliche Verluste erlitten hat, und zum anderen zieht es sie in die Welt, von der sie endlich etwas sehen und kennenlernen möchte.

Wirklich vorbereitet auf eine solche Aufgabe ist sie allerdings nicht. Sie und ihre Schwester Mary sind in ländlicher Abgeschiedenheit von der gebildeten Mutter und ihrem Vater unterrichtet worden, haben nie eine Schule von innen gesehen und keinen nennenswerten Kontakt zur Außenwelt, wenn man von einigen Verwandtenbesuchen im Jahr einmal absieht. Agnes selbst sieht das – vermutlich im Rückblick – ganz nüchtern:

I, being the younger by five or six years, was always regarded as the child, and the pet of the family: father, mother, and sister all combined to spoil me – not by foolish indulgence to render me fractious and ungovernable, but by ceaseless kindness to make me too helpless and dependent – too unfit for buffeting with the cares and turmoils of life.

Doch allen Unkenrufen der Familie und aller Unerfahrenheit zum Trotz freut sie sich auf die Arbeit als Gouvernante und malt sich diese in den schönsten Farben aus.

Whatever others said, I felt I was fully competent to the task: the clear remembrance of my own thoughts in early childhood would be a surer guide than the instructions of the most mature adviser. I had but to turn from my little pupils to myself at their age, and I should know, at once, how to win their confidence and affections: how to waken the contrition of the erring;  how to embolden the timid, and console the afflicted; how to make Virtue practicable, Instruction desirable, and Religion lovely and comprehensible.

Und so kommt, was kommen muss. Ihre erste Stelle bei der wohlhabenden Kaufmannsfamilie Bloomfield ist eine herbe Enttäuschung. Ihre Schützlinge, der siebenjährige Tom und die fast sechsjährige Mary Ann, sind verwöhnt und denken gar nicht daran, den Aufforderungen der neuen Gouvernante Folge zu leisten, zumal Agnes in der Hierarchie des Haushalts noch unter den Kindern steht. Statt der Gouvernante haben die Kinder das Sagen und es gibt wenig, was Agnes dem entgegenzusetzen hat. Sie nimmt es hin und ärgert sich nur im Stillen, wenn die Kinder sie herumkommandieren und sie weder Sanktions- noch Belohnungsmöglichkeiten hat.

Vergeblich bemüht sie sich, Tom seine Tierquälereien zu verbieten und ihm das Verwerfliche seines Tuns zu verdeutlichen, doch da der Junge nur dem Vorbild von Vater und Onkel folgt, die seine Grausamkeiten noch belächeln, hat Agnes natürlich keine Aussicht auf Erfolg. Selbst vor Handgreiflichkeiten gegenüber Agnes schreckt der kräftige Junge nicht zurück.

Agnes zeigt in den engen ihr gesteckten Grenzen Geduld, Konsequenz und feste Prinzipien, doch auf nennenswerte Fortschritte bei ihren Erziehungsbemühungen hofft sie vergeblich:

But either the children were so incorrigible, the parents so unreasonable, or myself so mistaken in my views, or so unable to carry them out, that my best intentions and strenuous efforts seemed productive of no better result than sport to the children, dissatisfaction to their parents, and torment to myself.

In Momenten, in denen Agnes so aufs Äußerste gereizt und provoziert wird, verliert sie die Beherrschung, und der dann eskalierende Machtkampf ist geradezu alptraumhaft.

Sometimes, exasperated to the utmost pitch, I would shake her violently by the shoulder, or pull her long hair, or put her in the corner; for which she punished me with loud, shrill, piercing screams, that went through my head like a knife. She knew I hated this, and when she had shrieked her utmost, would look into my face with an air of vindictive satisfaction, exclaiming – ‚Now, then! that’s for you!‘ And then shriek again and again, till I was forced to stop my ears.

Auch die vierjährige Fanny entpuppt sich als böse Überraschung:

I found her a mischievous, intractable little creature, given up to falsehood and deception, young as she was, and alarmingly fond of exercising her two favourite weapons of offence and defence; that of spitting in the faces of those who incurred her displeasure, and bellowing like a bull when her unreasonable desires were not gratified. As she, generally, was pretty quiet in her parents‘ presence, and they were impressed with the notion of her being a remarkably gentle child, her falsehoods were readily believed, and her loud uproars led them to suspect harsh and injudicious treatment on my part…

Agnes verliert die Freude an ihrem Tun, verbittert stellt sie fest, dass es kaum eine beklagenswertere Lage gebe als die ihre. Sie sieht genau, wo die Probleme liegen, darf dies jedoch nicht äußern, ohne ihre Stelle zu gefährden.

… my work – a more arduous task than any one can imagine, who has not felt something like the misery of being charged with the care and direction of a set of mischievous turbulent rebels, whom his utmost exertions cannot bind to their duty; while, at the same time, he is responsible for their conduct to a higher power, who exacts from him what cannot be achieved without the aid of the superior’s more potent authority: which, either from indolence, or the fear of becoming unpopular with the said rebellious gang, the latter refuses to give.

Dennoch lässt Agnes nicht ab von ihren Vorstellungen von Falsch und Richtig: Als sie Tom dabei erwischt, wie  er eine Handvoll Küken genüsslich zu Tode quälen will, überwindet sie sich und tötet die kleinen Vögel mit einem großen Stein. Anschließend wird sie von Mrs Bloomfield dafür gerügt, wie sie es habe wagen können, einem Kind ein harmloses Vergnügen zu verweigern.

Obwohl Agnes und ihre Arbeitgeber also offensichtlich nicht zusammenpassen, ist sie trotzdem verletzt, als man ihr kündigt. Sie empfindet es als Schmach, in ihren Bemühungen nicht anerkannt worden zu sein, und ist gekränkt, quasi als Gescheiterte nach Hause zurückzukehren. Dabei wird sie von ihrer Familie liebevoll empfangen und man möchte sie am liebsten gar nicht mehr fortlassen.

Aber ihre Hoffnungen, zum Unterhalt ihrer Familie beizutragen und mehr von der Welt zu sehen, sind ungebrochen und so tritt sie einige Monate später ihre zweite Stelle bei der Familie Murray auf Horton Lodge an, um dort die vier Kinder in Musik, Zeichnen, Französisch, Latein und Deutsch zu unterrichten. Ihre neue Wirkungsstätte ist 70 Meilen von ihrem Heimatdorf entfernt:

… a formidable distance to me, as I had never been above twenty miles from home in all the course of my twenty years‘ sojourn on earth; and as, moreover, every individual in that family and in the neighbourhood was utterly unknown to myself and all my acquaintances. But this rendered it only the more piquant to me.

Die dortige Begrüßung versetzt ihrem Optimismus allerdings sofort einen kräftigen Dämpfer. Von stundenlanger Kutschfahrt während eines Schneesturms völlig durchgefroren, bekommt sie gerade mal einen Tee und ein Butterbrot von gleichgültigen Bediensteten auf ihr kleines Zimmerchen gebracht. Anne Smith bestätigt das in ihrem Vorwort zu Agnes Grey und schreibt: „Governesses were seen as a life-form little higher than mice and birds.“

It was with a strange feeling of desolation, mingled with a strong sense of the novelty of my situation, and a joyless kind of curiosity concerning what was yet unknown, that I awoke the next morning; feeling like one whirled away by enchantment, and suddenly dropped from the clouds into a remote and unknown land, widely and completely isolated from all he had ever seen or known before; or like a thistle-seed borne on the wind to some strange nook of uncongenial soil, where it must lie long enough before it can take root and germinate, extracting nourishment from what appears so alien to its nature: if, indeed, it ever can.

In ihrer Position gehört sie weder zu den Hausbediensteten noch zur Schicht ihrer Arbeitgeber, sodass sie keine Gesprächspartner auf Augenhöhe hat. Kein Wunder, dass sie in dieser isolierten Lage besonders empfindlich auf die Gedankenlosigkeiten ihrer Arbeitgeberin reagiert, der ausschließlich das Wohlbefinden der Kinder am Herzen liegt. Diese haben mehr Freiheiten, als ihnen gut tut, und sie sind es auch, die den täglichen Unterrichtsbeginn festlegen, und nicht Agnes. Bissig beschreibt sie ihre Aufgaben in Bezug auf die zwei Töchter des Hauses, Rosalie (16) und Mathilda (13):

For the girls she (gemeint ist die Mutter) seemed anxious only to render them as superficially attractive and showily accomplished as they could possibly be made, without present trouble or discomfort to themselves; and I was to act accordingly – to study and strive to amuse and oblige, instruct, refine, and polish, with the least possible exertion on their part, and no exercise of authority on mine.

Diese oberflächliche Erziehung hat ganz handfeste Konsequenzen, den Mädchen fehlt jegliches Gespür für Takt, Anstand und Integrität. Was Agnes beispielsweise sehr unangenehm berührt, ist der Snobismus der Mädchen, nicht nur ihr, sondern auch den armen Dorfbewohnern und Tagelöhnern gegenüber. Rosalie und Mathilda

… chiefly owing to their defective education, comported themselves towards their inferiors in a manner that was highly disagreeable for me to witness. They never, in thought, exchanged places with them; and, consequently, had no consideration for their feelings, regarding them as an order of beings, entirely different from themselves. They would watch the poor creatures at their meals, making uncivil remarks about their food, and their manner of eating; they would laugh at their simple notions and provincial expressions, till some of them scarcely durst venture to speak…

Im Laufe der Monate wird die Situation der jungen Hauslehrerin angenehmer, da die beiden Jungen in ein Internat geschickt werden, und die Mädchen Agnes zwar immer noch seltsam finden, dennoch kann sich eine mehr oder weniger ehrliche, fast schon ironische Beziehung zwischen Schülerinnen und Lehrerin entwickeln.

Als die flirt- und vergnügungssüchtigen Rosalie verkündet, erst dann heiraten zu wollen, wenn sie sämtliche Männerherzen gebrochen habe und die Gefahr bestehe, eine alte Jungfer zu werden, rät Agnes ihr ganz trocken, unbedingt ledig zu bleiben, solange sie solch unmoralischen Ansichten in Bezug auf die Ehe hege:

Well, as long as you entertain these views, keep single by all means, and never marry at all: not even to escape the infamy of old-maidenhood.

Doch dann beginnt ein weiterer Handlungsstrang. Agnes begleitet die Familie zu ihren sonntäglichen Gottesdiensten und sie stellt fest, dass der neue Vikar Mr Weston so ganz anders predigt als der kalte und eitle Pfarrer Mr Hatfield. Agnes beurteilt Mr Weston nach seinen Grundsätzen, nach seinem Glauben und nach der Frage, wie sich dieser Glaube im Umgang mit den Armen und Angefochtenen seiner Gemeinde manifestiert. Agnes gesteht sich ein, erste zarte Hoffnungen zu hegen. Und von fern fühlte ich mich an Austen erinnert: Über welche Eigenschaften muss das Individuum verfügen, um voraussichtlich eine glückliche Ehe führen zu können?

Fazit

Auf der einen Seite krankt der Roman an einer z. T. nervtötenden Schwarz-Weiß-Malerei fast aller Charaktere. Agnes‘ moralischer Kompass geht nie fehl; das Einzige, was sie selbstkritisch anmerkt, ist, dass sie sich bei ihren Arbeitgebern nie beschwert hat, wenn ihr etwas missfiel. Ihre Schüler sind immer moralisch unterentwickelt und deren Eltern legen – was die Erziehung ihrer Kinder angeht – grundsätzlich ein unverantwortliches Handeln an den Tag. Mr Weston hingegen ist immer den Menschen zugewandt und höchstens ein bisschen abrupt.

Außerdem trat das Buch in der ersten Hälfte – was die Handlung betraf – auf der Stelle. Die vielen Szenen aus Agnes‘ Alltag, in denen sie ihre Schützlinge und deren gedankenlose Eltern kritisiert, ähneln einander bis zur Ermüdung:

… she (gemeint ist Rosalie) had never been perfectly taught the distinction between right and wrong; she had like her brothers and sisters, been suffered, from infancy, to tyrannize over nurses, governesses, and servants; she had not been taught to moderate her desires, to control her temper or bridle her will, or to sacrifice her own pleasure for the good of others.

Der moralisch-kompromisslose Anspruch der Ich-Erzählerin mag auf manchen sogar sauertöpfisch wirken. Deshalb verleitet der Roman den Leser vielleicht dazu, ihn ein wenig voreilig für gar zu leicht zu befinden und ihn zur Seite zu legen.

Wer allerdings aufmerksam liest, entdeckt immer wieder Stellen, an denen sich der Roman über sein übriges Niveau erhebt. Der Kontrast zwischen Mr Hatfield, einem literarischen Nachfahren von Austens Mr Elton, und Mr Weston bringt beispielsweise zeitlose Kirchenkritik „in a nutshell“.  Und wie rasch ist eine Passage überlesen wie die, in der Agnes erzählt, dass nach dem Gottesdienst buchstäblich niemand mit ihr spricht und der eitle Pfarrer Mr Hatfield ihr sogar beinahe die Kutschtür vor der Nase zuschlägt, weil er sie gar nicht wahrnimmt. Agnes sagt selbst:

… I was lonely. Never, from month to month, from year to year, except during my brief intervals of rest at home, did I see one creature to whom I could open my heart, or freely speak my thoughts with any hope of sympathy, or even comprehension…

Vor allem aber war ich fasziniert von der Kompromisslosigkeit dieser Hauslehrerin. Agnes ist sicherlich einseitig, oft steif und unflexibel, ungerecht und anscheinend nicht in der Lage, die Sympathie ihrer Arbeitgeber zu erringen. Aber die Kritik an der Erziehungspraxis ihrer Arbeitgeber ist so wuchtig und voller Empörung, dass hier zweifellos auch die Verbitterung und die Erfahrungen aus Anne Brontës eigener sechsjähriger Gouvernantentätigkeit verarbeitet wurden. Auch andere autobiografische Details lassen sich im Roman wiederfinden.

Die unappetitlichen Schilderungen verzogener und verrrohter Kinder wurden von Brontës Zeitgenossen eher ungnädig aufgenommen. So genau wollte man das gar nicht wissen. Kinder sollten, zumindest in der Literatur, wohlerzogene, unschuldige Wesen sein. Und nicht alle Eltern dürften angesichts der Erziehungskritik, die ihnen hier vorgehalten wurde, glücklich gewesen sein, wie z. B. als Mrs Murray Agnes Hinweise gibt:

how I should prepare and smooth the path of learning till Rosalie could glide along it without the least exertion to herself: which I could not, for nothing can be taught to any purpose without some little exertion of the part of the learner.

Anmerkung

Auch Annes Schwestern Emily und Charlotte arbeiteten als Gouvernanten oder Lehrerinnen und waren dabei genauso unglücklich wie Anne. Hier ein Tagebucheintrag von Charlotte von 1836, während sie als Lehrerin in Roe Head arbeitete:

Heute verbrachte ich den ganzen Tag wie in einem Traum, mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt […] Fast eine Stunde habe ich mich abgerackert, um Miss Lister, Miss Marriott und Ellen Cook den Unterschied zwischen einem Artikel und einem Substantiv beizubringen. Und dann war die Grammatikstunde zu Ende, und im Klassenzimmer herrschte Totenstille, und ich saß da und versank vor Verärgerung und Erschöpfung in eine Art Lethargie. Mußte ich denn die besten Jahre meines Lebens mit dieser jämmerlichen Sklavenarbeit zubringen, ständig gewaltsam meinen Zorn unterdrücken, angesichts solcher Faulheit und Interesselosigkeit und der von Tag zu Tag sich steigernden Blödheit dieser schafsköpfigen, lümmelhaften Esel, und dies mit der geheuchelten Miene der freundlichen, geduldigen und beflissenen Lehrerin? Mußte ich denn wirklich Tag für Tag an diesen Stuhl gekettet hier drinnen hocken, eingekerkert zwischen diesen vier kahlen Wänden, während draußen die Sommersonne aufs herrlichste vom Himmel herabbrennt und die prachtvollste Zeit des Jahres vorübergeht? Von solchen Überlegungen ins Mark getroffen, stand ich auf und ging mechanisch zum Fenster hinüber. Ein wunderschöner Augustmorgen grüßte von draußen herein … Hätte ich die Zeit gehabt, diesen Augenblick in seiner inspirierenden Ausstrahlung auszukosten, wäre daraus sicherlich eine der besten Erzählungen geworden, die ich jemals geschrieben habe. Aber just in dem Moment kommt so ein Schafskopf mit den Hausaufgaben daher. (zitiert nach Muriel Spark: In sturmzerzauster Welt: Die Brontës, Diogenes 2003, S.16/17)

Im Original klingt das so:

All this day I have been in a dream, half miserable, half ecstatic, miserable because I could not follow it out uninterruptedly, ecstatic because it showed almost in the vivid light of reality the ongoings of the infernal world (gemeint ist Angria). I had been toiling for nearly an hour with Miss Lister, Miss Marriott, and Ellen Cook, striving to teach them the distinction between an article and a substantive. The parsing lesson was completed: a dead silence had succeeded it in the schoolroom, and I sat sinking from irritation and weariness into a kind of  lethargy. The thought came over me: Am I to spend all the best part of my life in this wretched bondage, forcibly suppressing my rage at the idleness, the apathy, and the hyperbolical and most asinine stupidity of these fat-headed oafs, and of compulsion assuming an air of kindness, patience and assiduity? Must I from day to day sit chained to this chair, prisoned within these four bare walls, while these glorious summer suns are burning in heaven and the year is revolving in its richest glow, and declaring, at the close of every summer day, the time I am losing will never come again? Stung to the heart with this reflection, I started up and mechanically walked to the window. A sweet August morning was smiling without. The dew was not yet dried off the field, the early shadows were stretching cool and dim from the hay-stacks and the roots of the grand old oaks and thorns scattered along the sunk fence […] If I had had time to indulge it I felt that the vague suggestions of that moment would have settled down into some narrative better at least than anything I ever produced before. But just then a dolt came up with a lesson. I thought I should have vomited.

Friedrich Ani: Süden (2011)

‚Ich bin Tabor Süden und kein Japaner‘, sagte er unvermittelt, nachdem er zehn Minuten lang von der Tür aus stumm zugehört hatte. Und er unterbrach die Frau am Schreibtisch auch nur, weil sie sich eine Zigarette anzündete und mehrere Züge machte, ohne ihn anzusehen. Der Satz brachte sie zum Lachen. Rauch hüpfte aus ihrem Mund. Süden warf einen Blick zum Fenster, vor dem es dunkel wurde, und als er den Kopf abwandte, hörte Edith Liebergesell auf zu lachen.

So beginnt der siebzehnte Kriminalroman um den ehemaligen Hauptkommissar Tabor Süden:

Friedrich Ani: Süden (2011)

Ausnahmsweise möchte ich ein Zitat mit dem Autor aus der inzwischen eingestellten Interview-Reihe „Die Befragungen“ voranstellen, das gibt nämlich bereits einen guten Eindruck vom Autor und seinem Selbstverständnis. Gleich zu Beginn sagt der 1959 geborene Autor:

Der Kriminalroman zwingt zum Hinschauen in die Gegenwart, das Drama des in seinem Lebenszimmer gefangenen Menschen gelingt mir mit dem Krimi am besten, ohne dass es mir auf Mord und Totschlag und spektakuläre Plots ankäme. In meinen Krimis bestimmen die Langsamkeit und das Schweigen den Handlungsablauf, wobei in gewisses Maß an genreüblicher Spannung unerlässlich bleiben muss. Darüber hinaus lassen sich im Genre Krimi immer wieder neue Türen öffnen. So beschäftige ich mich fast ausschließlich mit Verschwundenen und Vermissten und der Suche nach ihnen.

Und im Buch heißt es:

Fast nie gab es nur einen Grund für das plötzliche Verschwinden eines Menschen, meist entstanden im Lauf von Monaten oder Jahren für andere unsichtbare, immer weiter wachsende Staubknäuel, die den Zimmerling allmählich ersticken ließen. Anfangs wehrte sich dieser noch, riss das Fenster auf, fuchtelte mit den Armen. Da niemand in seiner Umgebung angemessen reagierte, zog er sich in einen noch halbwegs staublosen Winkel zurück, bis er auch dort keine Luft mehr bekam und keine andere Möglichkeit mehr sah, als all dem an Ort und Stelle ein Ende zu bereiten oder das Haus zu verlassen, um anderswo zu sterben. (S. 50)

Jetzt aber zum Inhalt

Tabor Süden, inzwischen 51, kehrt nach mehreren Jahren im selbstauferlegten Exil als Kellner in Köln zurück nach München. Ein Anruf seines Vaters, der sich aus dem Staub gemacht hatte, als Tabor gerade einmal 16 war, hat ihn zurückgelockt. Doch das Telefonat wurde unterbrochen und so sucht er auf tage- und nächtelangen Streifzügen nach einem Mann, der sein Vater sein könnte. Dieses Umkreisen des alten Traumas führt ihn auch in seine berufliche Vergangenheit, hatte er doch in München zuletzt als Kommissar im Münchner Vermisstendezernat gearbeitet, bevor er dann den Dienst quittierte.

Da ihn doch mehr mit der Stadt, den Straßen, Plätzen und Kneipen verbindet, als er gedacht hat, und weil das Geld langsam knapp wird, nimmt er das Jobangebot der Detektei-Chefin Edith Liebergesell an. Sein Auftrag: etwas über den Verbleib des seit zwei Jahren vermissten Wirts Raimund Zacherl herauszufinden. Er geht die alten Akten durch und befragt noch einmal dessen Ehefrau, die ehemaligen Angestellten und zwielichtigen Freunde des Vermissten und fördert, wie könnte es anders sein, dabei Erstaunliches zu Tage.

Fazit

Die Grundidee, die Spannung in einem Kriminalroman eben nicht durch immer mehr Splatter und notdürftig motivierte Brutalität zu erzeugen, sondern durch die  unaufgeregte Suche nach einem Vermissten, hatte mir schon in den anderen Büchern um Tabor Süden total gut gefallen. Und auch hier gelingt ihm das – ich will wissen, was mit Raimund Zacherl geschehen ist, aber es bleibt auch genügend Raum und Aufmerksamkeit für die anderen Figuren und deren Geschichten. Ani denkt die Vergangenheit und die Zukunft seiner Charaktere quasi immer mit, das macht sie selbst in den Nebenrollen unglaublich plastisch.

Auch in seiner Sprache zeigt Ani, dass er Klassen über vielen anderen Krimi-Schriftstellern steht. Manche Kritiker meckerten allerdings, weil er selbst schlichtesten Nebenfiguren so großartige Metaphern in den Mund legt. So erklärt ein Stadtstreicher Süden das Verhalten eines vor sich hin fuchtelnden, innerlich tobenden Mannes:

Der Werner. Hat seine Frau verloren, sie war vierzig, Unterleibskrebs, innerhalb von vier Wochen. Wir waren alle bei der Beerdigung, ich hab gespielt. Ostfriedhof, verstehst? Da wirst irre, wenn deine Frau auf einmal tot ist, und du wachst in der Früh auf und die Erde ist weg und du hängst allein im Weltall. Weil die Erde war die Frau. Verstehst? (S. 23)

Das Zuhören und das Den-Mund-halten-Können sind sicherlich die zwei wichtigsten „Methoden“ des Detektivs. Dabei geben die von ihm Vernommenen fast immer mehr von sich preis, als sie das ursprünglich geplant hatten, denn zum einen halten sie das Schweigen nicht aus und zum anderen ist es so ungewohnt, dass da einer ist, der zuhört.

Doch nicht nur in der Bloßstellung der Worthülsen, mit denen sich die Menschen belügen, porträtiert er unsere Gesellschaft. Quasi im Vorbeigehen werden wir daran erinnert, in welcher Verwahrlosung Kinder hier leben müssen, welche Ängste sie aushalten und welche äußeren und inneren Spuren das in ihrem Leben hinterlassen wird. An den Obdachlosen in seinen Büchern ist manchmal schwieriger vorbeizugehen als an denen, die wir auf den großen Plätzen sehen, denn Ani macht sie sichtbar.

Dennoch, und das ist die Kehrseite dabei, war es mir in diesem Roman ein bisschen zu viel des „lonely cowboy“-Klischees, ein Held, der zu viele Bierchen in zu vielen Kneipen trinkt:

Wie er [Süden] so dastand, schweigend, fremd und doch absolut anwesend, seit er diesen Raum betreten hatte, wäre sie am liebsten zu ihm hingegangen und hätte sich neben ihn gestellt, ins sinkende Licht dieses nachösterlichen Tages. (S. 11)

Es gab gar zu viel Schweigen, Sprachlosigkeit und zu viel Melancholie. Vielleicht schwingt da etwas von Anis Einstellung mit, dass jeder Mensch am Ende scheitere:

Ohne Scheitern ist ja ein reales Leben gar nicht möglich. Das Leben an sich ist ja ein Scheitern. In dem Moment, in dem wir begreifen, dass wir irgendwann sterben werden, wissen wir, dass wir scheitern am Leben. Wir versuchen halt uns was einzureden. Wir versuchen uns einzureden, dass wir überleben können, dass wir weiterkommen. Aber wir sind natürlich im großen Ganzen schon dazu verurteilt mit unserem Leben zu scheitern.

Gescheiterte Beziehungen und Einsamkeit im Buch, egal wohin man schaut. Entweder sind die Menschen unfreiwillig alleinstehend, verwitwet oder in Ehen gefangen, die man nur noch als „betreutes Schnarchen“ bezeichnen kann und wo man den anderen schon seit Jahrzehnten nicht mehr wirklich wahrnimmt, oder man kennt nur noch die schnelle Nummer. Und der Showdown vielleicht einen Hauch zu melodramatisch.

Vielleicht täusche ich mich, aber mein Lesegefühl war, dass es im Roman entweder regnete, dunkel war oder beides.

Sein Vater blieb unsichtbar wie die Nymphe Echo, und nur seine Stimme hallte durch Südens Kopf wie durch einen schwarzen Wald. Und er wusste nicht einmal, ob es überhaupt die Stimme seines Vaters war und nicht womöglich die eines Fremden, der im Namen seines Vaters angerufen hatte, aus welch dunklem Grund auch immer. (S. 42)

Anmerkungen

Volker Albers schrieb am 14. März 2011 im Hamburger Abendblatt: „Ani hat ein ungemeines Gespür für seine Charaktere, mögen sie noch so kaputt sein, er erleuchtet ihre Verlassenheit, ihre Einsamkeit von innen heraus, sodass auch sie Licht sind und Schatten werfen. Und er vermag wunderbar anrührend zu erzählen. Seelische Bedrängungen und soziale Milieus – seien es staubig gewordene Lebensräume oder verschwiegene Schlupfwinkel – schildert Friedrich Ani, der neben Romanen auch Drehbücher und Jugendbücher schreibt wie wohl kein zweiter deutscher Kriminalschriftsteller. Und das Lesen der Tabor-Süden-Romane entführt in Welten, die man eigentlich nie betreten wollte. Dort aber angekommen, ist man froh, es getan zu haben. Es öffnet Augen und Sinne.“

Und hier geht’s lang zu dem Artikel „Friedrich Ani ist der Simenon von München“ von Elmar Krekeler in der Welt.

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens (2009)

Damals, in meinen frühen Kindertagen, saß ich am Nachmittag oft mit hoch gezogenen Knien auf dem Fensterbrett, den Kopf dicht an die Scheibe gelehnt, und schaute hinunter auf den großen, ovalen Platz vor unserem Kölner Wohnhaus. Ein Vogelschwarm kreiste weit oben in gleichmäßigen Runden, senkte sich langsam und stieg dann wieder ins letzte, verblassende Licht. Unten auf dem Platz spielten noch einige Kinder, müde geworden und lustlos. Ich wartete auf Vater, der bald kommen würde, ich wusste genau, wo er auftauchte, denn er erschien meist in einer schmalen Straßenöffnung zwischen den hohen Häusern schräg gegenüber, in einem langen Mantel, die Aktentasche unter dem Arm.

So beginnt die leicht verfremdete Rückschau des Schriftstellers und Hochschullehrers, der 1951 in Köln geboren wurde, auf seine ersten 27 Lebensjahre:

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens (2009)

Das Buch, vom Erzähler selbst als Geschichte bezeichnet, ist in fünf große Abschnitte eingeteilt, die sich chronologisch von der frühen Kindheit des Johannes Catt – dem Alter Ego des Autors – bis hin zu dessen ersten schriftstellerischen Gehversuchen bewegen, obwohl für Johannes doch lange Zeit alles auf eine Karriere als Konzertpianist hinauszulaufen schien.

Dazwischen springt der Erzähler immer wieder in die Erzählgegenwart des reifen Mannes, der als über Fünfzigjähriger wieder nach Rom gekommen ist, um dort in der geliebten Stadt und doch fern genug von den Orten der Kindheit seine Geschichte aufzuschreiben. Dabei lernt er seine Wohnungsnachbarin und deren Tochter kennen, deren Klavierunterricht er schließlich unter seine Fittiche nimmt.

Mich haben vor allem die ersten beiden großen Teile Das stumme Kind und Lesen und Schreiben fasziniert.

Johannes stellt mit ca. drei Jahren das Sprechen ein und beginnt eine ungesunde Symbiose mit seiner traumatisierten Mutter zu leben, die ebenfalls nicht mehr spricht und ihre Tage vor allem lesend in der Kölner Wohnung verbringt. Wenn sie mit ihm am Rheinufer ist, müssen sie sich immer auf dieselbe Bank setzen und er darf sich dann immer nur wenige Meter von ihr entfernen. Deshalb ist es meist das Einfachste für ihn, sich neben sie zu setzen und völlig ruhig und bewegungslos zu sein.

Ich starrte auf einen winzigen Ausschnitt der Umgebung und beobachtete ihn so lange, bis es rings um diesen Ausschnitt zu schwanken und zu flirren begann. Manchmal wurde mir dann etwas heiß, und ich musste die Augen rasch schließen, ja es kam sogar vor, dass mir in solchen Augenblicken richtig übel und schwindlig wurde, dann hatte ich zu lange auf einen Punkt gestarrt und musste mich bemühen, den Blick wieder von diesem Punkt wegzubekommen. (S. 26)

Die Mutter kommuniziert mit Hilfe unzähliger kleiner Zettel, die dann abends der von seiner Arbeit als Vermessungsingenieur heimkommende Vater am Küchentisch vorliest.

Er schildert eine stumme, von Ängsten und Zwängen beherrschte Kindheit, die Fixierung auf seine Mutter, die er beschützen wollte, wenn er auch nicht wissen konnte, wovor eigentlich die Mutter beschützt werden musste. Auch der Vater stellt dieses stumme Familienleben nicht in Frage und lässt zu, dass sein Sohn weder Kontakt zu anderen Kindern noch kindgerechte Erfahrungen machen kann. In diese Erinnerungen schiebt sich dann die Gegenwart und noch der erwachsene Erzähler staunt:

Niemand, der mich heutzutage über diese römische Piazza gehen sieht und bemerkt, wie ich hier und da stehen bleibe, einen Anwohner grüße und mich unterhalte, wird vermuten, dass derselbe Mensch als Kind kein einziges Wort gesprochen und vor jedem Gang ins Freie erhebliche Angst ausgestanden hat. (S. 33)

Die Isolation und die fehlenden Anregungen in der Kindheit führen dazu, dass Johannes sich immer mehr in sich zurückzieht, stundenlang Dinge sortiert, diverse Spleens entwickelt, in die Gegend starrt und genau auf die Geräusche der vorbeifahrenden Autos achtet – später stellt sich heraus, dass er das absolute Gehör hat.

Er wird auf dem Spielplatz gehänselt und muss sich zusammen mit seiner Mutter herablassende oder mitleidige Kommentare anhören, wenn die Mutter in den Einkaufsläden nur rasch einen Zettel reicht, auf dem steht, was für sie zusammengepackt werden soll, sodass sie es dann später abholen kann.

Er ist einsam und wünscht sich doch so sehr einen Freund:

Da ich aber weder Freunde, geschweige denn einen richtigen, guten Freund hatte, dachte ich mir ab und zu einen aus. Mein Freund hieß Georg, Georg war stark und freundlich und etwas größer als ich, leider war er nicht immer da, wenn ich mich auf dem Kinderspielplatz aufhielt, doch wenn ich ihn dringend brauchte, kam er meist rasch vorbei und setzte sich neben mich, und dann spielten wir zu zweit oder unterhielten uns über die Zeitschriften, die wir uns gegenseitig ausgeliehen hatten. (S. 60)

Wohl fühlt er sich bei den Gottesdiensten im Kölner Dom, dort ist er kein Außenseiter, wird nicht kritisiert und nicht angesprochen:

Überhaupt war es schön, dass die Menschen während eines Gottesdienstes so viel gemeinsam und meist auch noch dasselbe taten, endlich redeten sie nicht ununterbrochen, sondern nur dann, wenn sie darum gebeten wurden, und endlich bewegten sie sich auch nicht laufend von einer Stelle zur andern, sondern hielten es eine Zeit lang singend und betend auf einem einzigen Platz aus. […] Die einzige Störung des Gottesdienstes, die jedes Mal nur schwer zu ertragen war, war die Predigt. (S. 69/70)

Bei seiner Mutter lernt er Klavierspielen, das er nun mit Hingabe praktiziert. Doch das fragile System des Alltags bricht zusammen, als Johannes in die Schule kommt. Es dauert nicht lange, bis Mitschüler und Lehrer ihn schikanieren. Er kann dem Unterricht nicht folgen. Die Hoffnung des Vaters, dass sein Sohn zwar stumm ist, aber mühelos lesen und schreiben lernen werde, erweist sich als Illusion.

Es kommt ein gehässiger Brief des Lehrers, der den Eltern empfiehlt, ihrem Kind mit seinen „verminderten und verwirrten Fähigkeiten“ eine andere „Aufbewahrungsanstalt“ zu suchen. Das ist der Moment, an dem der Vater erkennt, dass sich etwas Grundlegendes ändern muss. Er nimmt auf unbestimmte Zeit Urlaub und fährt allein mit dem Sohn, d. h. ohne die Mutter, auf den großelterlichen Hof im Westerwald, wo die beiden Teil einer großen Hofgemeinschaft werden.

Was dann folgt, ist so schön zu lesen, dass ich das hier nicht vorwegnehmen möchte.

Fazit

Die ungewöhnliche Kindheits- und Jugendgeschichte des Schriftstellers, die auch übel hätte enden können, wird so einfühlsam und mit so vielen Details vergegenwärtigt, dass man glaubt, ebenfalls in dieser stillen Kölner Wohnung zu sein. Und dem Weg des Kindes ins Leben und in die Sprache bin ich fasziniert und mit Anteilnahme gefolgt.

Der Stil ist unaufgeregt, geradezu gemächlich, dabei überaus anschaulich und angelehnt an den klassischen Bildungsroman. Hier spürt einer dem eigenen, oft genug schmerzhaften Werdegang nach und schreibt:

All mein ewiges Schreiben, könnte ich nämlich behaupten, besteht letztlich nur darin, aus mir einen anderen Menschen als den zu machen, der ich in meiner Kindheit gewesen bin. Irgendwann soll nichts mehr an dieses Kind erinnern, irgendwann möchte ich Geschichten erzählen, die nicht mehr den geringsten Anschein erwecken, noch etwas mit meiner Kindheit zu tun zu haben. Bisher ist mir das selbst in mehreren Jahrzehnten noch nicht gelungen … (S. 470)

Vielleicht trug dieses Buch für den Erzähler dazu bei, sich nicht länger zu einem anderen Menschen machen zu wollen, indem sich da einer zu seiner Geschichte bekennt. Nichts ist mehr zu spüren von Verbitterung oder Anklage.

Für den Spannungsbogen sorgt dabei u. a. natürlich die Frage, wieso es überhaupt zu diesem Stummsein in der Familie gekommen ist.

Für mich hätte das Buch nach dem zweiten Teil aufhören können. Zwar geht der Erzähler immer wieder auch der Frage nach, wie er von seiner Kindheit geprägt worden ist, was durchaus interessant ist. Aber sein Leben in Rom als Student am Konservatorium und sein Alltag in Rom als ca. Fünfzigjähriger, während er seine Erinnerungen aufschreibt, waren für mich eher blass und längst nicht so mitreißend und außergewöhnlich, wie es die beiden ersten Teile dieser Annäherung an die eigene Biografie waren. Manches wirkte da durchaus ein wenig konstruiert.

Anmerkungen

Ulrich Baron schreibt in der ZEIT vom 15. Februar 2010:

Mit Die Erfindung des Lebens hat Hanns-Josef Ortheil eine eindrucksvolle Künstler- und Entwicklungsgeschichte geschrieben. Seine Beschreibungen von Köln, der bukolisch anmutenden Provinz am Flüsschen Sieg und einem fast naturwüchsigen Katholizismus runden sich zu Momentaufnahmen und literarischen Stillleben der Nachkriegszeit, die sich tief ins Gedächtnis einprägen. Selten ist ein kommoder Kerker aus banger Fürsorge so eindrucksvoll beschrieben, ist von der Befreiung daraus so liebevoll erzählt worden. Doch wozu die Fiktionalisierung? Wozu ein fingierter Ich-Erzähler? Wohl als poetische Lizenz, vom eigenen Leben sub specie aeternitatis schreiben zu können, denn darauf läuft es am Ende hinaus.

Hier stellt Ortheil sein Buch selbst vor, allerdings enthält das Video diverse Spoiler.

Weitere Blog-Besprechungen und Hinweise zum Inhalt bei

Literarische Nachbarn

Alice Childress: Like one of the family (1956)

Die deutsche Übersetzung von Sie gehört ganz zur Familie stammt von Rose Gromulat.

Zum Inhalt

Bei Like one of the family handelt es sich um eine Sammlung von 62 Geschichten, die meist nicht länger als zwei Seiten sind und allesamt im New York der fünfziger Jahre spielen. Sie werden uns von der schwarzen Haushaltshilfe Mildred erzählt.

Mildred arbeitet bei diversen weißen Mittelstandsfamilien. Abends erzählt sie ihrer ebenfalls schwarzen Freundin Marge von den alltäglichen Vorkommnissen an ihrer Arbeit. Freundin Marge wird uns in der Geschichte All about my job im typischen Stil der Storys näher vorgestellt:

Marge, I sure am glad that you are my friend. … No, I do not want to borrow anything or ask any favors and I wish you’d stop bein‘ suspicious everytime somebody pays you a compliment It’s a sure sign of a distrustful nature.

I’m glad that you are my friend because everybody needs a friend but I guess I need one more than most people … Well, in the first place I’m colored and in the second place I do housework for a livin‘ and so you can see that I don’t need a third place because the first two ought to be enough reason for anybody to need a friend.

You are not only a good friend but you are also a convenient friend and fill the bill in every other way. … Well, we are both thirty-two years old; both live in the same building; we each have a three room apartment for which we pay too devilish much, but at the same time we got better sense than to try and live together. And there are other things, too. We both come from the South and we also do the same kinda work: housework.

Marge selbst kommt dabei gar nicht zu Wort, doch können wir uns ihre Kommentare anhand der Reaktionen Mildreds lebhaft vorstellen.

Mildred erzählt ganz offensichtlich mit Witz und unbestechlicher Menschenkenntnis. Da wäre z. B. die Geschichte zu nennen, die der ganzen Kurzgeschichtensammlung den Namen gegeben  hat: Like one of the family. Als eine ihrer weißen Arbeitgeberinnen, Mrs. C,  Besuch hat, lobt Mrs. C. Mildred über den grünen Klee und betont dabei, wie sehr doch die ganze Familie die Haushaltshilfe Mildred zu schätzen wisse:

We just love her! She’s like one of the family and she just adores our little Carol! We don’t know what we’d do without her! We don’t think of her as a servant!

Doch Mildred entlarvt die scheinbar netten Worte als das, was sie sind, als gedankenlose Herablassung.

Höflich, aber unmissverständlich bittet sie ihre Arbeitgeberin zu einem Gespräch und öffnet ihr die Augen dafür, was es bedeuten würde, wäre sie tatsächlich ein Teil der Familie:

Mrs.C …, you are a pretty nice person to work for, but I wish you would please stop talkin‘ about me like I was a cocker spaniel or a poll parrot or a kitten …. Now you just sit there and hear me out. In the first place, you do not love me; you may be fond of me, but that is all. … In the second place, I am not just like one of the family at all! The family eats in the dining room and I eat in the kitchen. Your mama borrows your lace tablecloth for her company and your son entertains his friends in your parlour, your daughter takes her afternoon nap on the living room couch and the puppy sleeps on your satin spread …

Sie würde sich weder die Unverschämtheiten des Kindes gefallen lassen noch so hart arbeiten müssen und außerdem anständig bezahlt werden.

Am Ende der Geschichte triumphieren – utopisch und wünschenswert – Einsicht und Menschlichkeit:

Marge! She was almost speechless but she apologized and said she’d talk to her husband about the raise….

Dabei wird der Ton nie sentimental. Schließlich rügt sie Marge, weil die vor lauter Zuhören ein Knopfloch ganz unordentlich genäht hat.

Fazit

Alice Childress (1916 – 1994) ist in diesen Geschichten viel mehr als „nur“ die Chronistin der Rassendiskriminierung in den fünfziger Jahren in New York. Obwohl auch das ihr schon beeindruckend gelingt.

Sie löst ihren eigenen literarischen Anspruch ein:

I attempt to write about characters without condescension, without making them into an image which some may deem more useful, inspirational, profitable, or suitable.

Die Hauptfigur Mildred tritt für ihre Würde ein. Dies tut sie klug, witzig, ironisch, lebhaft, anschaulich, direkt und zutiefst menschlich, sodass die meisten Geschichten ein gutes Ende nehmen, was in der damaligen Zeit vermutlich entweder utopisch oder aber mutmachend gewirkt haben muss.

Die Herausgeberin dieser Sammlung schreibt zwar einschränkend:

In all her adventures with her white employers, Mildred the maid is a combination of lady in shining armor charging off to attack insensitive racist infidels and the black woman of flesh and blood who knows that a direct confrontation with her white employers could lead to physical violence against her as quickly as it could lead to her dismissal.

Doch genau solche mutigen und unverbogenen Menschen muss es ja gegeben haben, wie sonst wären die Fortschritte durch die Bürgerrechtsbewegung möglich gewesen?

Ich freue mich sehr, diese Autorin kennengelernt zu haben, die hier eine Erzählerin geschaffen hat, die sich weigert, durch die Umstände korrumpieren und beschädigen zu lassen.  Die Geschichten sind – trotz der Verankerung in einem bestimmten räumlichen und zeitlichen Umfeld – zeitlos gültig und befragen uns auch heute – nach unseren Fassaden, Hochnäsigkeiten und den alltäglichen, vor allem unbewussten rassistischen Vorurteilen.

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Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (2013)

Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie. Denn eine Autobiographie ist das letzte Buch. Hinter der Autobiographie ist nichts. Alles Material verbraucht. Kein Erinnerungsrätsel mehr.

So beginnt also die Lebensrückschau des vielfach ausgezeichneten Autors, die es 2013 bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (2013)

Urs Widmer (1938 – 2014), einer der bekanntesten Schweizer Autoren, erzählt hier nun seine ersten dreißig Jahre, die quasi den Nährboden seines späteren schriftstellerischen Schaffens bilden.

Der Leser freut sich und leidet und staunt mit ihm, wenn Widmer wie aus einer Wundertüte seine Geschichten hervorzaubert, z. B. als er darüber fabuliert, wie sich das wohl angefühlt haben mag, als er als Kleinkind laufen und sprechen gelernt und dadurch neue Welten erobert hat.

Wie viele Dinge gab es in dieser Welt, deren Namen ich noch nicht einmal kannte! Ist es nicht ein Wunder, wie locker ich inzwischen ‚Fensterfront‘, ‚Schrank‘ und ‚Welt‘ sage und noch viel mehr – alle Wörter dieses Buchs -, als sei das selbstverständlich? (S. 22)

Überhaupt stellt sich im Rückblick das Glück der frühen Kindheit als ein Schatz dar:

So etwas wie ein Notvorrat, der in einem tiefen Stollen in mir aufbewahrt liegt. Lebendig immer noch, warm, leuchtend. Natürlich habe ich inzwischen nicht nur Glück erfahren. Wem widerführe dies. Dennoch aber: Was für ein, ja, Massel: ein Leben lang kein Krieg, keine Fluchten, kein Hunger. Kein jähes Exil an einem fremden Ort, nach einem hastigen Aufbruch mitten in der Nacht. Keine gewaltsamen Tode um mich herum. Das, was ich heute bin, kommt bruchlos aus dem, was war. Glück. (S. 37)

Wir erfahren von – keineswegs immer ungefährlichen – Jungenstreichen, Familienurlauben, Verwandten, dem eher ungeliebten Schulbesuch und diversen Umzügen der Familie.

Schön auch das Denkmal, das er seinem ersten Freund mit dem Spitznamen Migger setzt:

Er nahm mich in die weite Welt mit, in die hineinzugehen ich bis dahin nie erwogen hatte. Die fernen Häuser, die Wälder, die Wiesen, die Gärten: Dass ich da hingehen könnte, ich, selber, allein und einfach so, das war ein undenkbarer Gedanke gewesen. Mit Migger schlich ich durch alle Gärten, ging über die Felder, in den Furchen zwischen den Kartoffeln und zwischen Löwenzahnblüten oder Mohn durch die Wiesen, bestieg den Kirschbaum neben dem Hundezwinger […] und auch die bezwingbaren Äste des Nussbaums. (S. 81)

Die Kindergarten- und Schulzeit steht allerdings von Anfang an unter keinem guten Stern. Schon am allerersten Tag muss ihn die Mutter buchstäblich hinzerren, alles Toben und Brüllen hilft ihm nichts.

Durchs Fenster sah ich, wie meine Mama davonging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie trug ihren brauen Mantel, der aus Kamelhaaren gemacht war. Das war das. Ich wusste, dass ich von nun an mit Fräulein Vögeli und diesen völlig fremden Kindern durchkommen musste. (S. 88)

Doch je älter der Junge wird, umso klarer wird, dass sein Elternhaus nicht nur eine Quelle des Glücks ist. Der Leser reibt sich verwundert die Augen, wie der Autor es noch als erwachsener Mann rechtfertigt, dass ihm sein Vater die Bilder von Auschwitz zeigt, als Urs vielleicht gerade einmal acht Jahre alt ist.

Heute weiß ich, dass ich sie gerade zur rechten Zeit sah, zu ihrer Zeit, denn ein solches Entsetzen auch nur eine Minute lang zu verschweigen wäre unmöglich gewesen und hätte unsere Welt verstummen lassen. (S. 77)

Noch als Erwachsener ist er „unendlich erleichtert“, wenn die Weihnachtszeit vorbei ist:

Wie sehr gaben sich meine Eltern Mühe, uns Kinder glücklich zu sehen – und selber glücklich zu sein -, und wie sehr misslang ihnen das. (S. 171)

Widmer, der Student, wäre wohl heutzutage der Schrecken all der stromlinienförmigen Schnellstudierer und Kostenevaluierer. Über den Beginn seines Studienaufenthaltes in Montpellier heißt es nur:

Es gab tatsächlich eine Uni, die aber ein so düsteres Gebäude war, dass ich sie ein einziges Mal betrat – ich meldete mich an -, und dann nie mehr. Wieso sollte ich in dieses staubige Gefängnis gehen, wenn ringsum eine Welt strahlte, die mir das Paradies zu sein schien? Die einzige universitäre Einrichtung, die ich in den nächsten Monaten benutzte, war die Mensa. (S. 199)

Fazit

Wir begegnen skurrilen Verwandten, seinen Professoren, diversen Liebschaften und inzwischen verstorbenen Freunden. Dabei schreibt Widmer mit so viel Schwung, dass viele der Szenen und Geschichten ganz gegenwärtig wirken, selbst wenn sie über 70 Jahre zurückliegen, und diese launige Erzählfreude ist ansteckend. Die Sprache ist dabei ganz oft tatsächlich die des Erzählens, der Übertreibung, der Ironie, der feinen Beobachtung, der Andeutung. Fällt ihm ein Name nicht ein, lässt er das so stehen und reicht das ein paar Absätze später nach.

Dabei bettet er in mehreren großen Kapiteln die Geschichte seiner ersten 30 Jahre in den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext ein, indem er in groben Zügen die Schweizer Zeitgeschichte rekapituliert. Die allerdings tragen nicht so riesig viel zum Verständnis bei.

Die NZZ, die ansonsten von einem großartigen Lesevergnügen spricht, grämt sich denn auch:

Man versteht, wie Urs Widmer auf die Idee verfallen konnte: Neben dem Intimen und biografisch Zufälligen mochten ihm Zeitkolorit und Weltgeschehen zu kurz gekommen sein. Und doch ist es ein Jammer, dass niemand im Verlag Tapferkeit vor dem Freund bewies und ihm diese paar Seiten aus dem Manuskript strich. Denn die Intermezzi sind so unbeholfen wie überflüssig […]. Aber sei’s drum, es sind nur ein paar Seiten. Am besten, man beachtet sie nicht.

Doch trotz der vermeintlichen Offenherzigkeit, was Liebesgeschichten, die Entdeckung Frankreichs und Italiens auf diversen Reisen, die Begeisterung über die erste Vespa, das erste Auto etc. angeht, ist dies an vielen Stellen eine erstaunlich diskrete Autobiografie.

Widmer erzählt zwar von wesentlichen Stationen seines Lebens, manches wird dabei aber gnadenlos gerafft. Seine universitären Leistungen werden heruntergespielt, sodass ich ganz verblüfft war, als er plötzlich auf seine Promotion zu sprechen kommt. (Auch wenn es viel Spaß macht zu lesen, wie seine Notizen zur Dissertation in einem französischen Wolkenbruch unterzugehen drohen.) Wichtiger scheint die befremdliche Reaktion des Vaters gewesen zu sein:

Ich öffnete die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters, steckte meinen Kopf durch den Türspalt und sagte, ich hätte eben die Doktorprüfung bestanden. Mein Vater hielt mit dem Schreiben inne, schaute mich an und sagte: ‚Na prima!‘ Dann tippte er weiter, und ich schloss die Tür. (S. 318)

Doch wie sich derlei Elterngebaren – die Depressionen der Mutter, die ständigen lautstarken Auseinandersetzungen der Eltern, das Schweigen des Vaters, der in der Wahrnehmung des Sohnes sein Leben komplett im Arbeitszimmer verbracht hat – auf die Psyche des Sohnes ausgewirkt haben, darüber schweigt sich der Autor aus. Er erzählt zwar, wie er als Kind davon überzeugt war, nur er könne die Familie zusammenhalten, nur er könne die Mutter vom Selbstmord abhalten. Die Innenseite, die Gefühlsseite lässt er den Leser nur erahnen, indem er von seinen Panikattacken, diversen Ticks und dem Asthma spricht, das er sich als psychosomatisch erklärt.

Gern hätte ich mehr darüber gelesen, wie Widmer selbst sich von seinen Eltern, seiner Herkunft geprägt weiß. Nicht nur, weil in seinem Leben – genau wie in dem seines Vaters – die Literatur eine so große Rolle gespielt hat.

Auch über die über Ehe mit der Psychoanalytikerin May, mit der er schließlich über 50 Jahre zusammen sein sollte, – was für eine Riesenseltenheit heutzutage – hätte ich gern mehr erfahren als nur die Frage, wie sie sich kennengelernt haben.

Durch das Nicht-Ausloten der inneren Vorgänge wurde das Buch stellenweise zu einer Anekdoten- und Geschichtensammlung, von der ich mir, egal wie lesbar das war, doch mehr Tiefgang oder zumindest Anteil an einer gewissen fröhlichen Altersweisheit erhofft hatte.

Vermutlich deshalb haben mir besonders die eher nachdenklichen Passagen gefallen, die aus der Sicht des reifen Mannes geschrieben sind, z. B. die ganz zu Beginn, in denen der Erzähler darüber nachsinnt, warum er nun eigentlich eine Autobiografie schreibt, obwohl „jedes Erinnern, auch das Genaueste, ein Erfinden ist.“ (S. 7)

Vermutlich aber gehorche ich nur einem banalen Gesetz der Menschen: Erst träumen wir von der Zukunft, dann leben wir sie, und am Ende, wenn diese gelebte Zukunft vergangen ist, erzählen wir sie uns noch einmal. (S. 7)

Anmerkungen

Diejenigen, die schon mehr von Widmer gelesen haben, wissen, dass er 2009 den Roman Herr Adamson veröffentlicht hat. Dieser Name taucht auch in Widmers Erinnerungen auf, und zwar als Titel eines der ersten von ihm gelesenen Bücher:

Adamson war ein einsamer älterer Herr mit drei einzelnen Haaren auf dem Kopf und einer Oberlippe, die sehr der meines Vaters glich. Auch er war ein lieber Tollpatsch. (S. 179)

Ein lesenswertes Interview mit Widmer findet sich in der Welt vom 21. Mai 2013 und Claudia vom Grauen Sofa hat mich mit ihrer Besprechung überhaupt erst neugierig auf den Roman gemacht.

Ansonsten empfehle ich noch den Artikel von Ursula März in der ZEIT.

Irrelevante Fußnote

Während ich dies schreibe, habe ich 50 Oberstufenarbeiten um mich herum drapiert, die dafür sorgen, dass mir die Herbstferien nicht zu unbeschwert geraten, und nur deshalb möchte ich noch folgendes Zitat aus Widmers Erinnerungen an seine Schulzeit ergänzen:

Herrn Schindler, der – leider, leider nicht während er uns unterrichtete – mitten in einer stinknormalen Schulstunde, als ein Schüler schon wieder das Passé simple mit dem Imperfekt verwechselte, sich langsam hinter seinem Pult erhob, ‚Jetzt reicht’s mir aber‘ murmelte, die Schule verließ und sie nie mehr betrat. Ein Schüler musste ihm seinen Hut nach Hause bringen, den er im Lehrerzimmer liegengelassen hatte. (S. 116)

Christian Grawe: Darling Jane (2010)

Jane Austens Lebenszeit umfasst eine der ereignisreichsten und turbulentesten Epochen der europäischen Geschichte. Sie wurde am 16. Dezember 1775 geboren und starb mit nur 41 Jahren am 18. Juli 1817. In dieser Zeit wurde in Frankreich von 1789 bis 1799 durch die Revolution der Staat vollständig umgeformt und durch die Herrschaft Napoleons von 1799 bis 1815 Europa in Krieg und Chaos gestürzt.

Ingrid machte auf ihrem Blog Druckschrift aufmerksam auf diese Biografie zu einer der bekanntesten englischen Schriftstellerinnen von

Christian Grawe: Darling Jane: Jane Austen – eine Biografie (2010)

Grawe (*1935), ein deutscher Germanist und Übersetzer, hat zusammen mit seiner Frau sechs Romane Jane Austens übersetzt und legt nun hier auf 245 Seiten eine im Wesentlichen chronologisch aufgebaute Biografie Austens vor, in der er auch die gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründe miteinbezieht, die für ein tieferes Verständnis der Romane hilfreich sein können.

Er gibt also nicht nur Informationen zu ihrer Familie und zu den Jugendwerken der Autorin, sondern geht beispielsweise auch auf Details wie die Erbrechtregelung des Fideikommiss (entail) ein, die in Pride and Prejudice eine so wichtige Rolle spielt.

Grawe erläutert nicht nur die Berufswahl der Söhne aus der Gentry, die damaligen politischen Verhältnisse in England, sondern arbeitet auch Austens soziale Stellung als gesellschaftlich angesehene ‚gentlewoman‘ heraus. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie bis wenige Jahre vor ihrem Tod finanziell so abhängig von ihren Brüdern war, dass sie nicht einmal selbstständig ihre Reisen und Besuche planen konnte.

Austens Romane sind aufgrund ihrer Kunst der Charakterisierung und Dialoggestaltung auf den ersten Blick für viele LeserInnen scheinbar mühelos zugänglich, doch Grawes Hintergrundinformationen z. B. zum hochgradig formalisierten Umgang – selbst innerhalb der Familie – in der Schicht der Gentry sind für eine Lektüre der Romane sicherlich erhellend.

Er arbeitet außerdem heraus, worin das eigentlich Neue, ja literarisch geradezu Revolutionäre der Romane Austens liegt. Sie sei die erste Schriftstellerin, die – noch bevor der Begriff überhaupt auf Literatur bezogen wurde – den Anspruch hatte, realistisch zu schreiben. Kein Grusel, keine Sensationen, keine Sentimentalitäten, keine engelgleichen Heldinnen, die immer an der passenden Stelle in Ohnmacht fallen, keine fremden Länder, Räuber und Entführungen, kurzum keine Unwahrscheinlichkeiten mehr, die doch typisch für die Romanproduktion der damaligen Zeit waren. Stattdessen psychologisch glaubwürdige Charaktere in dem ihnen gemäßen sozialen Raum:

Gesprochene Worte müssen dem Sprecher, der Situation und dem sozialen Milieu angemessen sein, Charaktere entsprechend ihrer Anlage als Person handeln, und dieses Handeln muss motiviert sein, damit es menschlich überzeugend erscheint. (S. 175)

Dieser Anspruch auf Natürlichkeit und Stimmigkeit gehe einher mit einer zutiefst ironischen Weltsicht. Die Wirklichkeit werde in ihren Romanen noch einmal auf das Wesentliche hin gefiltert. „Jane Austens Geschichten von den Liebes- und Lebenssorgen junger Damen sind eingehüllt in eine bezaubernde Atmosphäre des Komödiantischen, das Ausdruck einer ironischen Weltsicht ist.“ (S. 182)

Das dürfe aber nicht dazu führen, dass man Austens Gesellschaftskritik übersehe, denn in den Romanen „erscheint trotzdem die soziale Welt als ein Jahrmarkt der Eitelkeit, der Selbstsucht, Gedankenlosigkeit und Dummheit. […] Heute herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, dass Austen eine bissige Gesellschaftskritikerin war, die ihrer Umgebung sehr viel distanzierter gegenüberstand, als das auf den ersten Blick erscheint.“ (S. 184)

Zwar stelle Austen die Gesellschaftsordnung nicht grundsätzlich in Frage, doch kritisiere sie leidenschaftlich deren Missstände und menschliches Fehlverhalten.

Interessant auch, wie Grawe die Happy Ends der Austenschen Romane deutet, nämlich als „Erfüllung des Menschen aus der schlechten, korrupten, selbstischen Alltagswelt“ und nicht als Eskapismus oder romantische Schönfärberei. Das glückliche Ende sei „ein zentrales Element ihrer Menschensicht, nach der die liebende Beziehung den Hoffnungsschimmer in einer ungenügenden Welt ausmacht.“ (S. 190)

So werde Austen zur Vorläuferin des später entstehenden bürgerlichen Familienethos, das dem traditionellen, aristokratischen Verständnis von Ehe als einem Mittel der Familienpolitik diametral entgegenstehe.

Außerdem arbeitet Grawe heraus, dass Austens Romane als ’novels of manner‘ mit ihrem „Gewicht, das darin den Lebens- und Umgangsformen für das reibungslose Funktionieren des häufigen Miteinanderumgehens“ zugeschrieben wird, „Jane Austens eigene soziale Welt und ihre eigenen moralischen Maßstäbe“ widerspiegeln. (S. 90)

Er versteht Austen als eine Autorin in der Tradition der Aufklärung:

Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand und den Wert der Kultur, Unsentimentalität und Toleranz, die Überzeugung von der Selbstbestimmung der menschlichen Vernunft und ihrer Fähigkeit, die Leidenschaften zu kontrollieren, und das Streben nach einer Balance zwischen Individuum und Gesellschaft sind für diese Tradition wesentlich. (S. 189)

Fazit

Grawe selbst betont immer wieder, wie schwierig es gewesen sei, dem Menschen Jane Austen gerecht zu werden, da so unbefriedigend wenig persönliche Zeugnisse von ihr überlebt haben. Ihre Schwester Cassandra hatte nach dem Tode Janes viele Briefe vernichtet oder Stellen in den noch erhaltenen Briefen geschwärzt. Spätere Erinnerungen der Nichten und Neffen sind ebenfalls von Familiendiskretion und dem Wunsch geleitet, ein möglichst gefälliges Bild zu entwerfen.

Trotz dieser Einschränkung ist Grawe eine knappe, gut lesbare und informative Einführung in die Welt Austens gelungen, auch wenn ich manchmal seinen Stil etwas trocken fand. So schreibt Grawe – akademisch korrekt – von sich als dem „Verfasser der vorliegenden Biografie“ und spricht davon, dass Austen, wäre sie nicht so früh gestorben, sicherlich eine „Zelebrität“ hätte werden können.

Meine Lieblingsstelle beschäftigt sich mit dem Ideal „der gesellschaftlich geformten Persönlichkeit“, an dem sich die Figuren Austens messen lassen müssen. Dieses Ideal

umfasste auf eine für uns heute nur noch schwer vorstellbare Weise das ganze körperliche und geistig-seelische Wesen des Menschen. Gang, Gestik, Haltung, Eleganz, geschmackvolle und der Situation angemessene Kleidung, Gesichts- und Augenausdruck, sprachliche Gewandtheit und die Fähigkeit, sich in jeder Gesellschaft je nach dem erforderlichen Verhalten leutselig, zwanglos oder respektvoll zu bewegen, machten zusammen mit geistiger Lebhaftigkeit, höflichem Umgangston, menschlichem Empfinden, künstlerischem Interesse und Gespür, seelischem Feingefühl die Gesamtheit der ‚manners‘ aus. […] Schon eine laute  Stimme, eine indiskret wiederholte Frage, ein undelikates Gesprächsthema, eine brutale Wahrheit gegenüber einem wehrlosen Menschen […] können einen bedauerlichen Mangel an gesellschaftlicher Vollkommenheit bedeuten. (S. 90/91)

Und hier geht’s weiter:

Vicki Baum: Menschen im Hotel (1929)

Als der Portier aus der Telefonzelle 7 herauskam, war er ein wenig weiß um die Nase herum; er suchte seine Mütze, die er im Telefonzimmer auf die Heizung gelegt hatte. „Was war’s denn?“ fragte der Telefonist an seinem Schaltbrett, Hörer vor den Ohren und rote und grüne Stöpsel in den Fingern.

So beginnt der zehnte und immer noch lesenswerte Roman von

Vicki Baum: Menschen im Hotel (1929)

Wir werden also sofort aus unserer Zeit der Handys und Smartphones herausgeholt und in das Berlin der zwanziger Jahre versetzt.

Georgi, der kleine Volontär, fasst am Ende des Romans die Handlung ganz zutreffend zusammen:

… kolossaler Betrieb. Immer ist was los. Einer wird verhaftet, einer geht tot, einer reist ab, einer kommt. Den einen tragen sie per Bahre über die Hintertreppe davon, und zugleich wird dem anderen ein Kind geboren. Hochinteressant eigentlich. Aber so ist das Leben – (S. 308)

Im Grand Hotel, dem vornehmsten Hotel der Stadt, treffen Menschen aufeinander, deren Lebenswege sich für kurze Zeit kreuzen und die danach nicht mehr die sein werden, die sie vorher waren.

Im Zentrum der Handlung stehen zu Beginn zum einen die alternde Balletttänzerin Grusinkaya, die spürt, dass ihre besten Tage hinter ihr liegen, und die noch einmal der Liebe begegnet. Zum anderen trifft der Leser den charmanten, lebenslustigen Hochstapler Baron von Gaigern, der ganz und gar seinem Vergnügen lebt und nun nach den überstandenen Gefahren des Krieges nach Wegen sucht, wieder zu Geld zu kommen. Dabei kämen ihm die wertvollen Perlen der Grusinkaya gerade recht. Außerdem begegnen wir dem braven Familienvater Generaldirektor Preysing, der schwierige, ja eigentlich ausweglose Geschäftsverhandlungen zu führen hat und dem in Berlin seine lang gepflegte Wohlanständigkeit abhanden kommt.

Von Kriegstraumata gezeichnet ist hingegen Doktor Otternschlag, der verzweifelt darauf hofft, dass irgendetwas passiert, das ihn aus seiner Lethargie und Einsamkeit erlösen könnte.

Er hatte einmal eine kleine persische Katze besessen, Gurbä mit Namen; seit die mit einem gewöhnlichen Dachkater davongegangen war, sah er sich darauf angewiesen, seine Dialoge mit sich selber zu erledigen. (S. 15)

Otternschlag ist auch derjenige, der seine hoffnungslose Sicht auf die Welt dem Hilfsbuchhalter Kringelein erklärt:

Gott weiß, was für Wunder Sie erwarten von so einem Hotel. Sie werden schon merken, was los ist. Das ganze Hotel ist ein dummes Kaff. Genau so geht’s mit dem ganzen Leben. Das ganze Leben ist ein dummes Kaff, Herr Kringelein. Man kommt an, man bleibt ein bisschen, man reist ab, Passanten, verstehense. Zu kurzem Aufenthalt, wissense. Was tun Sie im großen Hotel? Essen, schlafen, herumlungern, Geschäfte machen, ein bißchen flirten, ein bißchen tanzen, wie? Na, und was tun Sie im Leben? Hundert Türen auf einem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt. Wennse abreisen, kommt ein andrer an und legt sich in Ihr Bett. Schluß. (S. 52/52)

Am interessantesten fand ich jedoch Kringelein – aus Preysings Fabrik -, der kurz zuvor erfahren hat, dass er unheilbar krank ist.

Kringelein hatte von Geburt an das normale Leben des Kleinbürgers geführt, das etwas verdrossene, aufschwunglose und verzettelte Leben des kleinen Beamten in der kleinen Stadt. Er hatte früh und ohne starken Antrieb geheiratet, ein Fräulein Anna Sauerkatz, Tochter des Kolonialwarenhändlers Sauerkatz, eine Person, die ihm von der Verlobung  bis zur Hochzeit sehr hübsch vorkam, aber kurz nach der Heirat häßlich wurde, unfreundlich, geizig und voll kleinlich-wichtiger Schwierigkeiten. (S. 26)

In einem Brief schwindelt er seiner Frau vor, noch einige Arzttermine vor sich zu haben, bevor er in ein Erholungsheim geschickt werde. Doch in Wahrheit hat er sein Erspartes und eine kleine Erbschaft an sich genommen und will nun im Grand Hotel herausfinden, wie sich Leben eigentlich anfühlt. Doch zu Beginn bekommt er erst einmal seine gesellschaftliche Randstellung zu spüren. Im Hotel wird er zunächst in einem der schlechtesten Zimmer untergebracht, der erste Abend war „mit Verlegenheiten durch Trinkgelder, falsche Ausgänge, mit verwirrten Fragen und kleinen Peinlichkeiten aller Art“ (S. 46) gefüllt.

Doch er gewinnt Baron von Gaigern als – keineswegs uneigennützigen – Mentor. Mit seiner Hilfe kleidet er sich bei einem teuren Herrenausstatter ein und erlebt zum ersten Mal „das taumelnde Leichtwerden, das zum Geldausgeben gehört“ (S. 187).

Doch zeigt Baum dabei geradezu liebevoll, dass der Erwerb der hochwertigen und passenden Kleidung nicht nur einen Konsumrausch darstellt, sondern Kringelein eben auch in die Lage versetzt, sich wie ein feiner Mann zu verhalten, alte Rollenmuster zu verlassen und sich selbst neu kennenzulernen. Er hat seinen großen Auftritt, als er seinem Chef gegenüber nicht mehr katzbuckelt, sondern ihm ins Gesicht sagt, was für ein hundsmiserabel mieser und gedankenloser Chef Preysing all die Jahrzehnte gewesen ist. Überhaupt spielt Geld eine entscheidende Rolle in vielen der geschilderten Episoden.

Gaigern lädt ihn zu einer Spritztour mit seinem Wagen ein – für Kringelein die erste Autofahrt überhaupt – und organisiert sogar einen Flug für ihn. Kringelein ist stolz, seine Ängste zu überwinden, und verlangt gierig nach immer neuen Eindrücken auf der Suche nach dem wahren Leben.

Indirekt verdankt Kringelein seinem Chef Preysing, dass er in der Person Flämmchens, einer lebenslustigen hübschen Frau, sogar die Schönheit findet:

Das gibt es, dachte er, das gibt es. So etwas Schönes gibt es wirklich. Es ist nicht gemalt wie ein Bild und nicht ausgedacht wie ein Buch und nicht so ein Schwindel wie auf dem Theater. Das gibt es, daß ein Mädchen nackt ist und so wunderbar schön, so ganz schön, so ganz – er suchte ein anderes Wort, fand aber keines. Ganz schön, konnte er nur denken, ganz schön. (S. 278)

Kringelein, der Todkranke, ist derjenige, der der Aufenthalt im Grand Hotel im Gegensatz zu den anderen nicht bereut:

Denn – lang oder kurz – es ist der Inhalt, der das Leben macht; und zwei Tage Fülle können länger sein als vierzig Jahre Leere: das ist die Weisheit, die Kringelein mitnimmt, […] (S. 303)

Fazit

Baums bildhafte Sprache hat vielleicht gerade durch die Patina, die ihr die vergangenen 80 Jahre verliehen haben, ihren Reiz, auch wenn ihr Stil als einfach und kunstlos galt, eben als der typische Stil einer erfolgreichen Unterhaltungsautorin.

Vom Neubau her hopste die Musik aus dem Tea-Room in Synkopen an den Wandspiegeln entlang. Der butterige Bratenduft der Diner-Zeit fächelte diskret daher, aber hinter den Türen des großen Speisesaales war es noch leer und still. (S. 7/8)

Nur Begriffe wie „Neger“ und „Rasse“ (auf den Baron bezogen) klingen uns heute zu Recht unangenehm in den Ohren.

Doch davon abgesehen, habe ich den Roman gern und mit Interesse gelesen.

Werner Fuld bescheinigt dem Werk in seinem Aufsatz „Die Drehtür als Schicksalsrad“ eine elegante Leichtigkeit und erläutert, dass die amerikanische Literaturkritik für diesen Roman den Begriff der „group novel“ geprägt habe.

Die Handlung war aus dem bisher obligaten Privatbereich der Wohnung in die ungeschützte Öffentlichkeit eines Hotels verlegt, in dem sich Menschen begegnen, die sich privat nie kennenlernen würden. Sie sind ihrer gewohnten Sphäre entledigt, sie brechen sogar mit ihrer Vergangenheit, um nur noch in einer veränderten Gegenwart zu leben, die jeder für sich, und sei es auf Kosten des anderen, nutzen will. (zitiert nach: Marcel Reich-Ranicki, Hrsg.: Romane von gestern – heute gelesen 1918 – 1933, Fischer 1989, S. 157)

Zwar wurde moniert, dass die Personen eher Typen statt Individuen wären, doch da jede für sich versucht, Antworten auf die Fragen nach dem Sinn im Leben zu stellen, fand ich sie gar nicht so schablonenhaft.

Anmerkungen

Ein hübscher Artikel zu Vicki Baum erschien 1950 im Spiegel.

Eine begeisterte Besprechung findet sich auf dem englischsprachigen Blog Beauty is a sleeping cat. Auch Karthauses Bücherwelt hat den Roman gern gelesen.

Und hier gibt es die Besprechung auf Sätze&Schätze.

Doktor Otternschlag jedenfalls meint:

Gibt es das Leben überhaupt, wie Sie sich es vorstellen? Das Eigentliche geschieht immer woanders. Wenn man jung ist, denkt man: Später. Später denkt man: Früher war es das Leben. Wenn man hier ist, dann denkt man, es ist dort, in Indien, in Amerika, am Popokatepetl oder sonstwo. Aber wenn man dort ist, dann hat sich das Leben gerade weggeschlichen und wartet ganz still hier, hier, von wo man davongerannt ist. (S. 51)

Die Zitate wurden der sehr ansprechend gestalteten Ausgabe der Büchergilde Gutenberg entnommen.

Zur Autorin

Vicki Baum, eigentlich Hedwig Baum, wurde 1888 als Kind einer jüdischen Familie in Wien geboren. Sie arbeitete zunächst als Harfenistin und wurde zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Weimarer Republik.

1931 ging sie nach Amerika, da ihr bekanntester Roman Menschen im Hotel mit Greta Garbo verfilmt werden sollte. 1932 siedelte sie nach Kalifornien über, 1933 fielen auch ihre Werke der Bücherverbrennung zum Opfer. 1938 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an und schrieb fortan nur noch in Englisch. 1960 starb sie in Hollywood.

Schmöker

Der Duden definiert Schmöker als die umgangssprachliche Bezeichnung für ein „dickeres, inhaltlich weniger anspruchsvolles Buch, das die Lesenden oft in besonderer Weise fesselt.“ Der Begriff stamme aus der Studentensprache: Man schmökte sein Pfeife und dazu riss man übermütig aus einem alten oder schlechten Buch Seiten heraus, um daraus seine Fidibusse zum Anzünden zu drehen (siehe auch den Artikel der GfdS).

Für mich ist der Begriff „Schmöker“ jedoch nicht negativ besetzt: Ein Schmöker muss spannend sein, uns eine kleine Alltagsflucht ermöglichen – deswegen spielt er vorzugsweise an geografisch von uns entfernten Orten und vielleicht auch in einer anderen Zeit. Außerdem muss er viele, viele Seiten haben. Das aktuelle Weltgeschehen bleibt mal einige Stunden außen vor. Man entspannt wie an einem gelungenen Kinoabend und ist gefesselt von der Geschichte, der vorwärts eilenden Handlung, man begleitet die Sympathieträger und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Und wenn das Buch zu Ende ist, hätte man gern noch weitergelesen anstatt sich wieder im Alltag einzufinden.

Dabei darf die Lektüre keinesfalls trivial, eindimensional oder verkitscht sein. Ich möchte mich ja nicht für dumm verkauft fühlen. Aber sicherlich werde ich auch nicht so gefordert wie bei einem anspruchsvolleren Roman. Man wird mit seinen Ansichten und seinem Stückwerk an Erkenntnissen nicht in Frage gestellt. Das zeigt, dass der Begriff Schmöker ein höchst subjektiver ist: Was für den einen ein Schmöker ist, ist für den anderen schon Trivial- oder einfach Unterhaltungsliteratur.

Die schönste Erklärung, der wirklich nichts mehr hinzugefügt werden muss, stammt von e. o. plauen (eigentlich Erich Ohser), der 1944 Suizid beging. Seine reizende Bildergeschichte trägt den Titel Der Schmöker (auch bekannt unter dem Titel Das interessante Weihnachtsbuch). Der Südverlag war sogar so nett und erteilte mir eine Abdruckerlaubnis, wenn ich mit vaterundsohn.de verlinke und die „Unterdrückung der Download-Möglichkeit über die rechte Maustaste“ sicherstelle. Falls jemand weiß, was damit gemeint ist, let me know.

Was aber ist für euch ein wunderbarer und empfehlenswerter Schmöker?

Immer weitere Kommentare von euch trudeln ein, deshalb hier eine gern zu ergänzende Liste der genannten Titel (in Klammern Mehrfachnennungen):

  • Graphic Novel “The Walking Dead Compendium Vol. 1&2″
  • Jane Austen: Pride and Prejudice (2)
  • Jean-Luc Bannalec
  • Emily Bronte: Wuthering Heights
  • Raymond Chandler
  • James Clavell: Shogun
  • Dostojewski: Die Brüder Karamasow
  • Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo
  • Daphne du Maurier: Rebecca (2)
  • Umberto Eco: Der Name der Rose
  • Ildefonso Falcones: Die Kathedrale des Meeres
  • Ken Follett: Die Säulen der Erde/Die Tore der Welt (2)
  • Jonathan Franzen: Freiheit
  • Lee Harper: Wer die Nachtigall stört
  • Yu Hua: Brüder
  • James Jones: Verdammt in alle Ewigkeit
  • Stephen King: Es
  • Elisabeth Kostova: Der Historiker
  • John Ajvide Linqvist: So finster die Nacht
  • Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten
  • Margaret Mitchell: Vom Winde verweht (2)
  • James Albert Michener: Hawaii/Die Bucht
  • Paul Murray: Skippy stirbt
  • Gregory David Roberts: Shantaram
  • Willy Russell: Der Fliegenfänger
  • Dorothy Sayers
  • Lisa See: Der Seidenfächer
  • Diane Setterfield: Die dreizehnte Geschichte (2)
  • John Steinbeck: Jenseits von Eden (2)
  • Donna Tart: Die geheime Geschichte
  • Tiziano Terzani: Das Ende ist mein Anfang
  • J. R. R. Tolkien: Herr der Ringe
  • Leo Tolstoi: Anna Karenina (2)
  • Leon Uris: Exodus
  • Martin Walker
  • Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

Daphne du Maurier: Rebecca (1938)

Last night I dreamt I went to Manderley again. It seemed to me I stood by the iron gate leading to the drive, and for a while I could not enter, for the way was barred to me. There was a padlock and a chain upon the gate. I called in my dream to the lodge-keeper, and had no answer, and peering closer through the rusted spokes of the gate I saw that the lodge was uninhabited.

Mit diesen poetischen Sätzen beginnt ein wunderbarer Schmöker, der seit seinem Erscheinen 1938 ohne Unterbrechung lieferbar ist.

Daphne du Maurier: Rebecca (1938)

Romanidee

Kein Wunder, dass dieser schauerlich-schöne Liebesroman mit seinen unerwarteten Wendungen und dem geschickten Spannungsaufbau 1940 von Hitchcock verfilmt wurde. In der Ankündigung an ihren Verleger beschrieb sie ihre Romanidee folgendermaßen:

… very roughly the book will be about the influence of a first wife on a second … she is dead before the book opens. Little by little I want to build up the character of the first in the mind of the second … until wife 2 is haunted day and night … a tragedy is looming very close and crash! bang! something happens … it is not a ghost story. (zitiert nach Margaret Forster: Daphne du Maurier, arrow books 1993, S. 132)

Zum Inhalt

Die Ich-Erzählerin, die inzwischen mit ihrem Mann Maxim irgendwo in einem südeuropäischen Hotel in einem selbstauferlegten Exil lebt, blickt voller Wehmut auf die ersten Monate ihrer Ehe zurück.

I am glad it cannot happen twice, the fever of first love. For it is a fever, and a burden, too, whatever the poets say. They are not brave, the days when we are twenty-one. They are full of little cowardices, little fears without foundation, and one is so easily bruised, so swiftly wounded, one falls to the first barbed word. (S. 37 der schönen Hardcover-Ausgabe von Virago Modern Classics)

Wir erfahren, wie sie als junge mittellose Frau, die ihren Lebensunterhalt als Gesellschafterin einer reichen, aber dümmlich-snobistischen Amerikanerin verdient, den attraktiven Witwer Maximilian de Winter kennenlernt. Maxim ist über 20 Jahre älter, wohlhabend und Besitzer des herrlichen Herrenhauses Manderley irgendwo an der Küste in England. Er scheint Gefallen an der jungen, unerfahrenen und nicht besonders attraktiven Frau zu finden, die zudem überaus schüchtern ist und immer an ihren Fingernägeln kaut, wenn sie nervös und unsicher ist.

Als sie mit ihrer Arbeitgeberin nach Amerika aufbrechen soll, macht de Winter ihr kurzerhand einen Heiratsantrag, den sie – völlig bezaubert und betört – annimmt. Nach wunderbaren Flitterwochen in Südeuropa kehrt de Winter mit seiner jungen Braut, deren Namen wir nicht erfahren, nach Manderley zurück.

Doch mit ihrer neuen Rolle als Herrin eines herrschaftlichen Anwesens ist sie von Anfang an überfordert. Sie weiß nicht, wie sich kleiden, wie mit den Dienstboten umgehen, wie mit ihrem Mann auf Augenhöhe kommunizieren. Alle häuslichen Angelegenheiten werden von der Dienerschaft und der unheimlichen Haushälterin Mrs Danvers mit dem totenkopfähnlichen Schädel geregelt, und zwar im Sinne der verstorbenen Hausherrin Rebecca, die vor knapp einem Jahr bei einem Segelunfall ums Leben gekommen ist. Mrs Danvers hält das Zimmer und die Kleidung Rebeccas wie einen Schrein in perfekter Ordnung. So bleibt der jungen Frau nur ein bisschen zu zeichnen, zu lesen und sich mit dem Cockerspaniel Jasper auf ausgedehnte Spaziergänge zu begeben und sich den afternoon tea unter der großen Kastanie servieren zu lassen.

Anscheinend war Rebecca die Verkörperung aller weiblichen Tugenden: wunderschön, klug, eine charmante Gastgeberin, eine tollkühne Reiterin und erfahrene Seglerin, kurz jemand, der jeden bezauberte, der ihr begegnete. So verstrickt sich die neue Mrs de Winter immer tiefer in Angstfantasien, Eifersucht auf die Tote und die Überzeugung, dass Maxim es bestimmt bereue, sie so überstürzt geheiratet zu haben. Sie spürt genau, dass ihre Ehe nicht auf Ebenbürtigkeit beruht, verhält sich aber genau wie das Kind, als das sie nicht behandelt werden möchte.

I wished he would not always treat me as a child, rather spoilt, rather irresponsible, someone to be petted from time to time when the mood came upon him but more often forgotten, more often patted on the shoulder and told to run away and play. I wished something would happen to make me look wiser, more mature. Was it always going to be like this? He away ahead of me, with his own moods that I did not share, his secret troubles that I did not know? Would we never be together, he a man and I a woman, standing shoulder to shoulder, hand in hand, with no gulf between us? (S. 219 – 220)

Ihre von du Maurier psychologisch feinfühlig gezeichnete Unsicherheit und ihre Ängstlichkeit, auch ihrem Mann gegenüber, verhindern ein offenes Ansprechen ihrer Sorgen, bis es bei einem Maskenball zum Eklat kommt. Naiverweise hat sie den Rat Mrs Danvers befolgt und will Maxim mit einem Kleid überraschen, das einem der Familienporträts nachempfunden ist.

Und dann nimmt die Handlung weiter an Fahrt auf und an (Melo-)Dramatik zu und ich konnte das Buch erst zur Seite legen, als ich wusste, wie es ausgeht.

Fazit

Du Maurier ist eine überzeugende Balance zwischen der Charakterstudie einer jungen Frau, die erst in der Ehe erwachsen wird, und einer romantisch-spannenden „gothic romance“ gelungen, die an einigen dezent-passenden Stellen sogar witzig ist. Als Beatrice, ihre herzensgute, aber lärmige Schwägerin, ihr von dem Maskenball vorschwärmt, den sie jährlich bei sich zu Hause veranstalten, wird die junge Mrs de Winter leicht nervös:

I had an uneasy feeling we might be asked to spend the approaching Christmas with Beatrice. Perhaps I could have influenza. (S. 201)

Die Personen sind manchmal fast schon Archetypen: Der Ehemann streckenweise ein düsterer und tragischer Held, die böse Haushälterin, der loyale Butler. Gleichzeitig bleiben Dissonanzen, so dass ich nie das Gefühl hatte, einen eindimensionalen Trivialroman zu lesen. Das liegt vor allem daran, dass die Hauptperson eine Entwicklung durchmacht, die stimmig und glaubwürdig ist.

It seemed incredible to me now that I had never understood. I wondered how many people there were in the world who suffered, and continued to suffer, because they could not break out from their own web of shyness and reserve, and in their blindness and folly built up a great distorted wall in front of them that hid the truth. This was what I had done. I had built up false pictures in my mind and sat before them. I had never had the courage to demand the truth. (S. 309)

Der Leser soll die Perspektive der jungen Frau übernehmen, und es ist verblüffend, wie gut das gelingt, bis ich mir die Augen reibe und sage: Das ist doch unerhört, da schimpfen die beiden auf die Presse und die Journalisten, die die schmutzige Wäsche der de Winters aufdecken und damit den guten Namen Manderley in den Schmutz ziehen, haben aber keinerlei Probleme oder gar Gewissensbisse, wenn sie selbst Dinge unter den Teppich kehren, die nicht unter den Teppich gehören.

Kurzum: ein höchst befriedigendes Buch, wenn man gut und spannend unterhalten werden will, auch wenn Sally Beauman in ihrem lesenswerten Nachwort in der Virago Modern Classics-Ausgabe zugibt, dass der Roman von den Kritikern bedauerlicherweise – und zwar zu Unrecht – immer unterschätzt worden sei:

One thing is certain: Rebecca is a deeply subversive work, one that undermines the very genre to which critics consigned it.

Beauman hat übrigens Rebecca’s Tale (2001), eine Fortsetzung zu du Mauriers Buch,  geschrieben.

Jetzt müsste man eigentlich gleich im Anschluss mal wieder Jane Eyre von Charlotte Bronte lesen. Und wer den Film sehen möchte, hier geht’s lang.

Zur Biografie

Margaret Forster, selbst eine großartige Autorin, hat Daphne du Maurier (1993) geschrieben, eine von der Kritik zu Recht sehr positiv besprochene Biografie. Diese beleuchtet intelligent und einfühlsam das Wechselspiel zwischen dem Leben der Schriftstellerin und ihren Werken.  Interessant beispielsweise die Jugendzeit der Autorin, die in einem sehr begüterten Umfeld aufwuchs. Ihre Familie war u. a. mit Barrie, dem Schöpfer von Peter Pan, und der Familie von Edgar Wallace gut befreundet.

Auch du Maurier hat ihren Mann nach nur drei (!) Monaten des Kennenlernens geheiratet, und war dann – surprise, surprise – verwundert und auch befremdet, dass der Mann einige Seiten hatte, wie z. B. schreckliche Alpträume als Nachwirkungen seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg, von denen sie gar nichts geahnt hatte und die sie auch nicht sonderlich attraktiv fand.

In ihre Werke flossen immer autobiografische Anteile und jeweilige Stimmungen und Fragestellungen ein. In ihrem erfolgreichsten Roman Rebecca beispielsweise hat sie einige ihrer eigenen Eigenschaften auf die zwei weiblichen Hauptfiguren aufgeteilt. Sie war wie Rebecca eine begeisterte Seglerin und sexuellen Erfahrungen gegenüber sehr aufgeschlossen, doch auf der anderen Seite war sie eine so hoffnungslose Hausfrau wie die namenlose Protagonistin. Du Maurier war noch nicht einmal in der Lage, ihrem Baby die Flasche zu geben, als das Kindermädchen Ausgang hatte, und war am Boden zerstört, als sie zum zweiten Mal schwanger wurde. Am liebsten hat sie ihre Kinder bei einem Kindermädchen deponiert. Als ihre Töchter ca. sechs bzw. zwei Jahre alt waren, schrieb sie:

I am not one of those mothers who live for having their brats with them all the time and I sincerely look forward to the time when Flavia and Tessa will be of a decent companionable age. (zitiert nach Margaret Forster, S. 145)

Erst bei ihrem Sohn, dem dritten Kind, empfand sie anders und konnte sich von dem kleinen Kerl kaum trennen. Auch die Repräsentationspflichten, die sie später als Gattin eines hochrangigen Offiziers hatte, haben Daphne mit ähnlichem Abscheu erfüllt wie die zweite Mrs de Winter. Doch gleichzeitig war sie willensstark und vom Luxus verwöhnt wie Rebecca.

Zeitlebens hat du Maurier ihre Bisexualität vor ihrer Familie verschwiegen, an einer immer problematischeren Ehe festgehalten und im Alter unendlich darunter gelitten, dass ihre Kreativität versiegte, da das Schreiben immer auch ein Weg gewesen war, verheimlichte und ungezügelte persönliche Anteile auszuleben.

Der Herrensitz Manderley wurde dem Anwesen Menabilly in Cornwall nachempfunden, den du Maurier aus ihrer Jugend kannte und in dem sie von 1943 bis 1969 lebte. Als sich die Gelegenheit ergab, das Haus Menabilly für zwanzig Jahre zu mieten, und zwar unter der Bedingung, dass sie auch für Reparaturen und die komplette Instandhaltung des riesigen Hauses aufzukommen hatte, hat sie nicht gezögert und sich geradezu wahnwitzig in dieses Projekt gestürzt. Dabei hat sie dann immer verdrängt, dass das Haus ihr gar nicht gehört und die eigentlichen Erben immer in den Startlöchern standen.

Vielleicht sind die fast schon hypnotisierenden Schilderungen Manderleys und der Natur auch der Tatsache geschuldet, dass der Roman zu einem Viertel in Ägypten verfasst wurde, wo ihr Mann für einige Zeit stationiert war. Sie hat sich die ganze Zeit nach England und dem Wetter dort zurückgesehnt und das Leben in Ägypten gehasst und – man kann es nicht anders sagen – sich mit ausgesprochenem Dünkel über die Einheimischen mokiert.

Während ihr Mann im Krieg war, war das Familienleben auf Menabilly gelinde gesagt chaotisch. Ratten liefen nachts durchs Haus, was die Kinder zwar ängstigte, aber Daphne völlig kalt ließ. Genauso wie die Kälte, die Fledermäuse im Zimmer oder die unzureichende Erziehung ihrer Kinder. Das Kindermädchen war immer häufiger krank, die Mahlzeiten oft improvisiert.

Daphne […] very successfully ignored the chaos around her. She was entirely relaxed about any kind of mishap, and also about the state of the house, just so long as she could go on writing. Tessa’s two goats, Freddie and Doris, were allowed to wander wherever they liked, on condition they didn’t actually  sleep on the beds, and the rabbits and bantams, though meant to be outside, were not unwelcome either. On fine days the children roamed the woods and on wet days explored the shut-off north wing which their mother worried about, because it was unsafe, though she did not make much effort to stop them. (Margaret Forster, S. 193)

Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

Nu lass du den doch auch mal ran, murmelt der alte Mann und schlägt mit seiner Linken nach dem flatterhaften Vogel. Is nich alles für dich! Hier kriegt jeder was ab, nich nur die Großen. Auf dem Rücken seiner rechten Hand wippt fett ein Spatz und sticht mit seinem Schnabel nach dem Krümel Brot in seiner linken.

So beginnt das Romandebüt des 1948 am Starnberger See geborenen Schauspielers und Schriftstellers

Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

Das Buch, das vom Spiegel als ein „Ereignis“ bezeichnet wurde, ist so etwas wie ein Gegenroman zu Blasmusikpop von Vea Kaiser. Hier ist der Blick auf Heimat, auf Provinz, genauer auf einen Hof und eine Gaststätte an einem See in Bayern nicht mehr liebevoll-ironisch, sondern ernüchtert und zutiefst pessimistisch.

Aber jetzt zum Inhalt

Den Rahmen des Romans bildet die Geschichte Viktors, des Knechts, den es nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bayern verschlagen hat und der nun die Geschicke der Seewirtsfamilie aus nächster Nähe beobachten kann. Zu Beginn des Romans füttert Viktor die Spatzen und zu dieser Szene kehren wir am Ende des Buches zurück. Zwischen diesen beiden Punkten begleiten wir über ca. 100 Jahre die Familien des jeweiligen Seewirts vom Vorabend des Ersten Weltkrieges bis 1984.

Mit den allmählich zahlreicher werdenden Sommergästen wird zunächst der Grundstock zu einem bescheidenen Wohlstand gelegt.

Mit den Gästen kam ein wenig Weitblick. Sie kamen in den kleinwinkligen Häusern so nahe heran, dass man ihnen nicht mehr auskommen konnte. Man machte ihnen Platz, wo es ging. Wo es nicht ging, saß man mit ihnen zusammen und hörte zu. Und langsam sickerte die Welt hinein, wo vorher Dunst und Erde war. (S. 15)

Im Zentrum steht vor allem die Familie der zweiten Generation: Pankraz, der seinen Traum auf eine Opernkarriere aufgeben muss, um die elterliche Seewirtschaft zu übernehmen, da sein Bruder nach einer Schussverletzung im Ersten Weltkrieg verrückt geworden ist. Der junge Seewirt heiratet seine Jugendliebe Agnes, doch seine Frau ist seinen ekelhaft rechthaberischen Schwestern ein ewiger Dorn im Auge, daran ändert auch die Geburt von drei Kindern nichts. Von diesen wiederum erfahren wir nur Näheres über Semi.

Immer wieder richtet sich der Blick des Erzählers auf die Scheinfrömmigkeit, die Fassade der Wohlanständigkeit, den Biedersinn, hinter dem sich Abgründe auftun. Weil gar nicht sein kann, was nicht sein darf, erklären die Eltern kurzerhand, dass der junge Semi sich den sexuellen Missbrauch im katholischen Internat nur einbildet. Er möge bitte nicht mehr davon reden. Und nach den großen Ferien muss das traumatisierte Kind wieder zurück in die Hölle.

Aber auch die Knechte, Mägde, die Sommergäste und die Flüchtlinge, die nach 1945 in die Gegend kamen, haben ihre Auftritte. Dabei entstehen aber keine vollständigen Charakterbilder, sondern eher Schnappschüsse von Typen oder wie Iris Radisch in ihrem Lesetipp sagt, von vormodernen Menschen, die ihr Leben lang am selben Ort blieben und sich noch nicht als Individuum mit einem eigenen Lebensentwurf verstünden.

Wir erfahren, wie die Dorfbevölkerung auf die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg reagiert, wie die ersten Fernsehgeräte Einzug ins Dorf halten und wie die Einheimischen ihre Ressentiments gegen die Flüchtlinge irgendwann auf die wachsende Zahl der „Gastarbeiter“ übertragen.

Die Gesellschaft wandelt sich: Im Wirtschaftswunderland bricht die junge Generation mit altehrwürdigen Traditionen. Und die Sommergäste von einst sind zu Touristen geworden, die das ganze Jahr anreisen und deren Verhalten immer freizügiger wird. Als die ersten Touristen „oben ohne“ oder ganz nackt die Liegewiese belagern, weiß sich ein Bauer zunächst noch zu helfen und gießt kurzerhand Gülle um die ausgebreiteten Handtücher. Doch nach und nach setzt sich der Kapitalismus durch und man erkennt, wie viel Geld mit dem zunehmenden Gästestrom zu machen ist, dafür enteignet man auch schon mal die Besitzer attraktiver Seewiesengrundstücke.

Fazit

Bierbichler schafft es, eine ganz eigene und unverbrauchte Sprache für seinen Anti-Heimatroman zu finden. Manchmal allerdings störte mich die Allwissenheit des Erzählers, uns wird genau gesagt, wie die Menschen zu sehen und zu beurteilen sind, ohne dass das immer so den Menschen abzuspüren ist. Das kann auch manchmal ins Holzschnittartige abgleiten. Oft werden wesentliche Dinge oder längere Zeitabschnitte nur kurz rekapituliert, dann wieder stehen die Protagonisten quasi im Scheinwerferlicht auf der Bühne und haben ihren Auftritt.

Dabei ist Bierbichler nicht zimperlich, es gibt eine Passage, bei der man sich kurzzeitig in einen Splatterfilm versetzt sieht: Man findet die Leiche des Paters, der die Jungen im Internat missbraucht hat, auf äußerst unschöne Weise auf, man könnte auch sagen, fachmännisch zugerichtet. Semi, der Seewirtssohn, hatte kurz vorher noch bei einer Hausschlachtung assistieren müssen. Realität oder eine surreale Rachefantasie des Opfers?

Im Mittelreich zwischen Gut und Böse, Diesseits und Jenseits – auch so lässt sich der Titel lesen – geschehen Dinge, die in ihrer Grausamkeit keiner klassischen Sage nachstehen. Es wird gemordet, geschlachtet, geliebt, es treten Hermaphroditen, tragische Helden und Chöre auf. Doch geordnet nach klassischem Maßstab ist hier nichts. Auch wenn chronologisch einigermaßen stringent 80 Jahre Deutschland erzählt werden: Die Handlung erinnert an die braun getönten Wimmelgemälde von Bosch und Breughel, denn die Szenen stehen um kein Zentrum, sondern spielen auf vielen kleinen Bühnen ihre Tragödien durch. (Kathrin Schumacher, Deutschlandradio)

Für mich am interessantesten: Bierbichlers Blick auf die Natur des Menschen. Da gibt er sich keinen Illusionen hin: Anhand von scheinbar belanglosen Gesprächen und gedankenlosem Stammtischgerede macht er die politische Einstellung der Bewohner, ihre Verdrängung der Geschichte und ihre tief sitzenden Vorurteile, ihre Unbelehrbarkeit deutlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg heißt es vom Seewirt lapidar, er könne sich an Details des Krieges nicht weiter erinnern und „wünsche nicht länger danach gefragt zu werden. Ende.“ (S. 67/68)

Nur wenn beim Wirt alle Vorhänge schon zugezogen waren und kein Fremder mehr in der Gaststube saß, wenn genug Bier und ein paar Schnäpse die weichen Birnen noch weicher hatten werden lassen und die Sehnsucht nach Rechtfertigung des Gewesenen noch sehnsüchtiger geworden war – dann war auch in den letzten Jahren schon hie und da etwas von der trotzigen Aufsässigkeit zu spüren, die dem aufgepfropften Schuldgefühl mannhaft Paroli zu bieten bereit war, das alle haben sollten, wenn es nach den Besatzern gegangen wäre, aber keiner so richtig spüren konnte und wollte, der trotz allem unverbogen und standhaft geblieben war. Wenn alles passte und die richtigen Leute beieinandersaßen, dann war es ein Leichtes, den verlorenen Krieg noch einmal genau durchzugehen und nachträglich zu gewinnen. Und auch, wen der Führer und seine Mannen vergessen hatten damals, als die Zeit drängte und nicht mehr alles erledigt werden konnte, was noch zu erledigen gewesen wäre – das alles kam an solchen verschwiegenen Abenden zur Sprache und beschäftigte die Köpfe auch dann noch, wenn sie schon wieder nüchtern waren. (S. 150/151)

Nur Tucek, der tschechische Tagelöhner, wehrt sich nach dem Krieg gegen dämliche Nazisprüche und formuliert so etwas wie einen Appell, der immer und überall gilt:

Früher ihr immer habt gesagt: Nix wissen! Alle Deitsche. Und dann habt ihr doch was gewusst. Und jetzt ihr redet wieder, ohne was zu wissen. Also was? Hast du gewusst was, oder hast du nix gewusst. Wenn du nix hast gewusst, dann frage. Geh und frage! Aber rede nicht Quatsch. (S. 182)

Doch der Seewirt will sich von einem einfachen Knecht keine Vorwürfe machen lassen. Unverschämtheiten werde er an seinem Tisch nicht länger dulden.

Auch die anderen nicken murmelnd zu des Seewirts klarer Sprache und zeigen damit an, dass der Teppich, der das unter ihn Gekehrte bisher deckte, noch immer tadellos den Heimatboden ziert. (S. 184)

Am Ende bin ich zwiegespalten: 392 Seiten und keine einzige sympathische Hauptperson, alle verstrickt in ihre Schwächen, Bosheiten und blinden Flecken. Das sorgt für eine betrübliche Lektüre.

Doch auf der anderen Seite ist diese fast ein Jahrhundert überspannende Chronik faszinierend. Die Geschichte sichtbar gemacht an einer allmählich zerbröckelnden Familie. Sperrig, wuchtig und von einem Menschenkenner erzählt, der für die menschliche Natur nur noch Spott und wenig Hoffnung hat. Der vorletzte Satz des Romans lautet:

Die Erde ist keine Heimat.

Hier findet man ein Interview aus dem Spiegel mit Bierbichler.

Markus Werner: Bis bald (1992)

Mir wurde schwindlig, kaum daß ich eingestiegen war. Es roch nach Haarlack, es roch nach allem, wonach solche Menschen riechen.

So beginnt der Roman Bis bald des 1944 geborenen Schweizer Lehrers und Autors, der mit einer Arbeit zu Max Frisch promovierte.

Zum Inhalt

Lorenz Hatt, Mitte vierzig, leicht misanthropisch und Denkmalpfleger, macht Urlaub in Tunesien. Er bucht einen dieser vom Hotel organisierten Tagesausflüge und bereut das schon kurz nach dem Einstieg in den Bus:

… mich störte einzig das Geschwätz des Reiseleiters, der zwar vorzüglich Deutsch und Französisch sprach, aber alles so mechanisch hersagte, wie man nur tausendmal Gesagtes sagen kann. Auch die Späße waren erprobt, man lachte zuverlässig, meine Verstimmung wuchs. Ich sah überall abstoßende Hinterköpfe auf dürren Hälsen oder auf verspeckten Hälsen, überall sah ich die schauderhaftesten Ohren, das fleischigste gehörte meinem Vordermann […] Um mich abzulenken, betrachtete ich eine Weile lang Grünbergs Armbanduhr, aber auch sie war häßlich, klobig wie jede Uhr, die mehr als Uhr sein will. Die in Zeitzonen eingeteilte Weltkarte auf dem Ziffernblatt empfand ich als Hochstapelei, und daß der schlummernde Grünberg jetzt noch den Mund öffnete, was den geistreichsten Schläfer zum Trottel macht, verdroß mich vollends. (S. 8 der Taschenbuchausgabe)

Doch dann passiert es: In einer der antiken Anlagen erleidet Hatt einen Herzinfarkt und überlebt. Zurück in der Schweiz schenken ihm die Ärzte nach einem zweiten Infarkt irgendwann reinen Wein ein: Findet sich kein Spenderherz für ihn, wird er sterben. Ohne Spenderorgan geben ihm die Ärzte noch maximal sechs Monate.

Lorenz Hatt erinnert an den Walter Faber aus dem Roman Homo faber von Max Frisch:

… ich bin ein Vertreter der Sie-Form und kann dem schwindenden Distanzbewußtsein nichts abgewinnen. (S. 159)

Während er nun auf die Nachricht wartet, dass man ein passendes Organ für ihn gefunden hat, erzählt er einem Zuhörer, über den wir nichts Näheres erfahren, seine Erinnerungen, seine Gedanken und Assoziationen. Er denkt an Regina, seine Frau, von der er aber schon lange getrennt lebt, an seinen Sohn Hans, dessen Tod die Eltern endgültig voneinander entfremdet hat. An seinen Beruf, in den er sich geradezu blindwütig hineingestürzt hat, um nicht über das Scheitern seiner Ehe nachdenken zu müssen. Und in dieser Situation kann es natürlich nicht ausbleiben, dass er sich auch um sein Warten auf ein Spenderherz und um den Tod so seine Gedanken macht:

Ich dachte also in dieser tunesischen Toilette an Regina, weil sie für mich, auch lange nach der Trennung, für Heimat stand, für etwas Heimatähnliches auf jeden Fall, sie war der Mensch, dessen Nähe und Beistand ich mir damals gewünscht hätte und manchmal auch heute noch wünsche, wenn ich mich frage, wer mich begleiten könnte, falls das Geschick ein eigentliches Sterben für mich vorsieht und nicht den Überraschungstod, der keiner Begleitung bedarf und mir trotz seines gutes Rufs auch nicht genehm ist. Ich weiß, er gilt den meisten als der schönste, obwohl man ihn nur den bequemsten nennen dürfte. Er ist ein Massenwunschbild, Augen zu, wer abgeht, will’s nicht auch noch wissen, wer wunschgemäß abrupt, das heißt besinnungslos verendet, dem widerfährt gewissermaßen nicht viel Neues. (S. 37)

Wenn er zu erschöpft ist, unterbricht er sich, und der Handlungsfaden wird an anderer Stelle wieder aufgenommen. Und hin und wieder kommt Frau Guhl, die sich um den Haushalt kümmert.

Fazit

Dieser Lorenz rückt uns ganz nahe, sowohl in seinen Gedanken, die wir allerdings wohl nicht so klar und präzise und nicht so streng und schön ausdrücken könnten, als auch in seinen Versuchen, sich und anderen auf die Spur zu kommen. Dabei ist es egal, ob es um Nichtraucher, die Schweiz, die Tücken des Alleinreisens oder die Frage geht, ob er sich guten Gewissens den Tod eines jungen Motorradfahrers wünschen soll. Diesmal soll nichts unter den Teppich gekehrt, dem Anblick im Spiegel nicht mehr ausgewichen werden.

Eine Meldung kann noch so erschütternd sein, ein Vorfall noch so gräßlich: wenn die Meldung oder der Vorfall oder die Meldung über den Vorfall Elemente enthält, die meinen Standpunkt stützen und meine Sicht der Dinge als richtig erscheinen lassen, dann hat der Vorfall, hat die Meldung für mich auch etwas Lustbetontes. Ich nehme, wie jeder Mensch, am liebsten wahr, was mich bestätigt, das ist fatal, das ist der Anfang der Verblödung, verstehst du, eine Erfahrung müßte etwas sein, was uns widerlegt, was uns zumindest stutzig macht und das heißt weiterbringt und dehnt. Die Lust, die ich empfinde, wenn sich die Welt so gibt, wie ich sie sehe, ist erbärmlich, es ist die Lust des Spießers, der sich mit oder ohne Gartenzaun vom Leib hält, was ihm fremd und neu erscheint. (S. 84)

Scheinbar banale Situationen, die wir alle kennen, wie z. B. das Warten in einem beliebigen Wartezimmer eines beliebigen Arztes, lassen plötzlich und unaufdringlich noch eine ganz andere Dimension durchscheinen. Und Lorenz fragt seinen Zuhörer, also auch uns:

Du blätterst in einer Zeitschrift. Hast du nicht plötzlich das Gefühl, daß du nicht um des Blätterns willen blätterst? Scheint dir dein Blättern nicht ein wenig fahrig? Ist nicht der Augenblick, in dem die Tür sich öffnen wird und du gerufen wirst, für dein Bewußtsein vordringlicher als das, was du gerade liest? Liest du denn überhaupt? Wenn ja: Liest du nicht im Bewußtsein, daß du gerufen werden könntest, bevor du die Lektüre des Berichts beendet hast? Und nimmt dir der Gedanke an diese Möglichkeit  nicht alle Sammlung? Freilich, wenn du nicht blättern und nicht lesen würdest, nur sitzen, nur […] darauf lauern, bis die Tür sich öffnet, dann wäre deine Lage noch beschwerlicher, die Wartezeit verginge kaum … (S. 114)

Und über Sätze wie „Es scheint mir das Organ zu fehlen, das mich ein Ende fassen läßt als Ende.“ (S. 79) lässt sich nicht einfach mal eben hinweglesen …

Krankheit, hatte Sophie gesagt, sei kein Unglück, sondern eine Chance, da sie die gewohnte Lebensführung unterbreche und dadurch auch thematisiere, der Einschnitt, Einbruch, Unterbruch schaffe Distanz und damit Übersicht, kurz, die durch Krankheit erzwungene Atemrast ermögliche jene Besinnung, zu der wir, eingespannt wie wir seien, auf andere Weise kaum noch kämen. Ich hatte entgegnet, daß es für die meisten Menschen besser sei, gesund zu bleiben und nicht zur Besinnung zu kommen – im Klammern gesagt: ich habe auch mich ein wenig mitgemeint -, denn wenn sie zur Besinnung kämen, müßten sie außer mit ihrer Krankheit auch noch mit dem Entsetzen fertig werden, das sie befallen würde, wenn sie ihr Dasein musterten. (S. 189)

Kurz gesagt, Markus Werner berieselt uns nicht; er mutet uns die Auseinandersetzung mit der eignen Endlichkeit zu.

Marcel Reich-Ranicki schrieb 2004 in einer Besprechung von Am Hang: Markus Werner „vermag exakt zu denken und glänzend zu formulieren. Seine Intelligenz kann sich sehen lassen, was man unseren Romanciers nur selten nachrühmen darf, und er hat viel zu sagen. [… und er] gehört spätestens jetzt zu den besten deutschsprachigen Schriftstellern seiner Generation.“

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Pierre Péju: Die Kleine Kartäuserin (OA 2002; deutsche Ausgabe 2005)

Fünf Uhr abends. Punkt fünf Uhr abends wird es sein im kalten Novemberregen, wenn der Lieferwagen des Buchhändlers Vollard (Etienne) im raschen Verkehr auf dem Boulevard mit voller Wucht ein kleines Mädchen treffen wird, das sich plötzlich vor seine Räder wirft.

Mit seinen feinen Gliedern, dem bleichen, zarten Fleisch unter dem roten Anorak und der roten Strumpfhose läuft das Mädchen einfach geradeaus. Tränennebel, Panik eines Kindes, das sich verlaufen hat, und im letzten Moment dieser entsetzte Blick unter dem brauen Pony.

So beginnt der Debütroman des 1946 geborenen französischen Philosophie-Dozenten

Pierre Péju: Die Kleine Kartäuserin (2002) – ins Deutsche übersetzt von Elsbeth Ranke

Elsbeth Ranke übersetzte den Roman ins Deutsche. Das Buch war überaus erfolgreich und wurde in über zehn Sprachen übersetzt und auch verfilmt.

Zum Inhalt

Die ersten Zeilen nennen bereits den Fluchtpunkt der Geschichte, einen fürchterlichen Autounfall während der Rushhour in einer französischen Großstadt. Drei Lebenswege treffen hier aufeinander und die Menschen werden danach nicht mehr die sein, die sie vorher waren.

Alles ist jetzt möglich, auch das Schlimmste. Denn auch das Schlimmste streicht immer in der Meute des Möglichen umher. Die Hyäne des Schlimmsten tummelt sich ziellos in der Banalität. (S. 9 der Taschenbuchausgabe)

Da ist zum einen Etienne Vollard, der ältere, eigenbrötlerische Buchhändler, der dem panisch auf die Straße rennenden Kind nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann. Nach dem Prozedere auf der Polizeiwache wird er entlassen, mehrere Zeugen haben bestätigt, dass er keine Chance hatte. Noch unter Schock irrt er die Nacht durch das nahe gelegene Gebirge der Chartreuse. Am nächsten Tag schneit es.

Vollard ist allein unter diesem Schnee. Alles in ihm ist gefroren, hart geworden. Verkrampfte Kiefer, geballte Fäuste. Er hat beschlossen, so schnell wie möglich zur Notaufnahme zu fahren. Bei jeder Haarnadelkurve erkennt er die Stadt ein bisschen deutlicher, die sich wie eine gräuliche Pfütze unter dem dicken Dunst ausbreitet. Das Krankenhaus taucht auf, eine Stadt in der Stadt, wo Leid, Verletzungen, Krankheiten, Todeskampf sich in weitläufigen Etagen häufen. Die Glastüren sind für Vollard das Tor zum Labyrinth. Da steht er, zunächst ganz aus der Fassung wegen des Arzneigeruchs, der knirschenden Wagen, auf denen frisch verletzte Körper vorübergleiten, wegen des Wirbels von Kitteln und Verbänden. (S. 27)

Zum anderen treffen wir das Unfallopfer, die kleine Eva. Ihr Zustand ist kritisch, sie hat schwere Hirnverletzungen erlitten und muss noch einmal operiert werden. Im Krankenzimmer trifft Vollard schließlich auf Thérèse, die junge Mutter der Kleinen.

Ein leicht surrealer Dialog entspinnt sich, denn die Mutter ist die Gelassenheit selbst, kein Schock, keine Besorgnis, keine Vorwürfe; nein, sie freut sich, dass ihr da jemand zuhört. Normalerweise holt sie ihre Tochter nachmittags von der Schule ab, denn sie leben noch nicht lange in der Stadt und zu weit entfernt von der Schule, als dass Eva allein den Weg zur Wohnung hätte finden können. Dabei war Thérèse schon öfter zu spät gekommen, denn eigentlich macht sie nichts anderes als vor sich und ihrem Leben wegzulaufen. Sobald sie ihre Tochter morgens zur Schule gebracht hatte, fährt sie irgendwohin, mit dem Auto, mit dem Zug. Hauptsache fort:

Wenn der Motor ein Traum ist und die Landschaft ein blaßlila Löschpapier, wenn sie endlich spürt, wie sie durchsichtig wird. (S. 32)

Sie muss sich jeden Tag dazu zwingen, zurückzukommen. Diesmal hat sich Thérèse aber fast zwei Stunden verspätet und Eva ist nicht, wie die anderen Kinder, die noch nicht nach Hause können,  in den Schulhort gegangen, sondern hat sich im strömenden Regen selbst auf den Nachhauseweg begeben, sich prompt verlaufen und ist in Panik geraten und vor den Lieferwagen des Buchhändlers gerannt.

Dann wechselt die Geschichte in die Kindheit Vollards und dort werden die Menschen plötzlich dreidimensional und laufen nicht mehr als Ideen oder Verkörperungen philosophischer Fragen durch die Welt. Vollard wird, als er neu in die Klasse kommt, rasch als ideales Mobbingopfer identifiziert. Er ist groß und dicklich und wehrt sich viel zu spät gegen die Grausamkeiten und Ekligkeiten seiner Mitschüler. Was diese vor allem so empört: Seine schier unbegrenzte Fähigkeit, Dinge auswendig zu lernen, und sein Verlangen, sich in jeder freien Minute mit einem Buch zurückzuziehen.

Kein Wunder, dass wir ihn nun, Jahrzehnte später, als Besitzer des wunderbar altmodisch vollgestopften Buchladens „Wort und Sein“ antreffen. Er versucht, sich der Situation, der „Absurdität“ zu stellen, und beginnt Eva regelmäßig zu besuchen und dem im Koma liegenden Mädchen Geschichten zu erzählen.

Fazit

Sprachlich changiert das Werk zwischen faszinierenden Metaphern und ermüdendem Wortgeklingel, das sich in unzähligen Abstrakta verliert. Schön zum Beispiel, wie Péju die erste Nacht nach dem Unfall beschreibt, in der Vollard, der an Schlaflosigkeit leidert, zum ersten Mal seit Jahren wieder durchschlafen kann:

Der ewig Schlaflose fiel in einen großen Bottich Nachtsaft, reiner Nachtsaft, schön schwarz und dickflüssig, der in seinem Schädel die Löcher flickte, aus dem diese leuchtenden Sätze krochen, um sich in seinem Hirn aufzuspulen, das sich dem Schlaf widersetzte. (S. 105)

Letztendlich kreist das Buch um das Problem unseres Schuldigwerdens und um die Tatsache, dass unser Leben buchstäblich von einer Sekunde auf die andere aus den Angeln gehoben werden kann.

Sein Irrweg durch das Gebirge, der Schmerz und das Wandern im Schatten dieser Berge, die er so gut kennt, hilft ihm, sich einzugestehen, daß er fortan damit wird leben müssen: mit dieser nicht wiedergutzumachenden Absurdität, ein Kind überfahren und vielleicht getötet zu haben. (S. 23)

Und er spürt genau, daß seine Muskeln, sein Fleisch, seine Knochen, seine Nerven, sein Gehirn niemals aufhören werden gegen diesen Kinderkörper zu prallen, an einem verschneiten Nachmittag, der so weit ist wie die Zeit, die ihm noch zu leben bleibt. (S. 29)

Der Autor stellt die Fragen, Antworten und Trost gibt es nicht. Der Interpretation mancher Kritiker, dass das Buch „eine Hommage an die Literatur und an den Buchhändler“ sei (Le Figaro), kann ich nicht zustimmen. Im Gegenteil, die Geschichte zeigt überdeutlich, dass Vollards Bücher – als es hart auf hart kommt – ihm nicht helfen können, weder die von ihm gelesenen noch die, die in seinem Geschäft auf den richtigen Leser gewartet haben. Und so ist es nur folgerichtig, wenn es heißt:

Vollard hatte die Literatur nie als Entspannung angesehen und die Lektüre nie als Trost. Im Gegenteil. Wenn man wie wahnsinnig las, so wie er immer schon gelesen  hatte, bedeutete das eher, daß man die Wunde eines anderen aufdeckte. Die Wunde eines einsamen Mannes, das Unbehagen einer einsamen Frau. Lesen bedeutete, in diese Wunde herabzusteigen, sie zu durchlaufen. Hinter den Sätzen, noch hinter den schönsten, den meisterlichsten, waren immer Schreie zu hören. (S. 124)

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Gerbrand Bakker: Oben ist es still (2006; deutsche Ausgabe 2008)

Ich habe Vater nach oben geschafft. Nachdem ich ihn auf einen Stuhl gesetzt hatte, habe ich das Bett zerlegt. Wie er auf dem Stuhl saß, erinnerte er an ein wenige Minuten altes Kalb, noch bevor es saubergeleckt ist; mit unkontrolliert wackelndem Kopf und einem Blick, der nichts festhält.

So beginnt der mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnete Roman des holländischen Autors

Gerbrand Bakker: Oben ist es still (2006) – übersetzt von Andreas Ecke

Auch beim zweiten Lesen hat mich der erste Roman für Erwachsene des 1962 geborenen Autors wieder in seinen Bann gezogen, dabei kann ich mir kaum ein ruhigeres, unaufgeregteres Buch vorstellen.

Als sein alter Vater bettlägrig wird, schafft der 55-jährige Bauer Helmer van Wonderen ihn ins Obergeschoß, bringt ihm nur widerwillig zu essen und wäscht ihn nur dann, wenn der Gestank nicht mehr auszuhalten ist. Den Arzt ruft er nicht. Die Beziehung der beiden war schon immer denkbar schlecht.

Ansonsten erzählt er uns langsam, bedächtig, ja fast pedantisch, wie er die Zimmer entrümpelt, die Dielen und Fenster streicht, alte Fotos und die Standuhr nach oben zu seinem Vater bringt, sich ein neues Bett und eine Landkarte von Dänemark anschafft und sich mit der Nachbarin und deren zwei kleinen Söhnen unterhält. Die für Helmer wesentlichen Ereignisse liegen bereits Jahrzehnte zurück und nun – auch ausgelöst durch die Umräum- und Renovierungsarbeiten – muss er immer wieder an seine Kindheit und Jugend unter der Knute seines lieblosen Vaters denken:

Mutter war eine schweigsame Frau, aber sie sah alles. Vater war derjenige, der redete. Und kaum etwas sah. Er brüllte sich durch alles durch. (S. 27)

Vor allem aber denkt er an seinen Zwillingsbruder Henk, der mit 19 bei einem Verkehrsunfall starb. Eigentlich ist er über dessen Verlust, der schon begann, als Henk sich mit Riet befreundete, nie hinweggekommen. Die Trauer wurde den Eltern und Riet, der Verlobten von Henk, zugestanden. Ihn, den Zwillingsbruder, verlor man dabei aus den Augen.  Nach dem Tode Henks befahl ihm der Vater, sein Studium in Amsterdam aufzugeben und stattdessen auf den Hof zurückzukehren. Seitdem hat er zusammen mit seinem Vater den Hof bewirtschaftet. Irgendwann fragt ihn seine Nachbarin Ada:

„Warum hast du nicht geheiratet, Helmer?“
„Was?“
„Geheiratet.“
„Dafür braucht man eine Frau“, sage ich.
„Ja, aber warum hast du die nicht?“
„Ach…“ (S. 39)

Riet schreibt ihm nun nach über 30 Jahren einen Brief, in dem sie anfragt, ob Helmer für eine Weile ihren Sohn auf dem Hof aufnimmt, damit der ein bisschen mehr Klarheit darüber gewinnt, was er eigentlich mit seinem Leben machen möchte. Der Junge, der ebenfalls Henk heißt, kommt und die beiden leben zwei Monate eher wortkarg zusammen und Henk hilft ein bisschen bei der Arbeit auf dem Hof und versorgt das Jungvieh, falls er es nicht vorzieht, morgens im Bett liegen zu bleiben. Helmers Fazit über seinen „Knecht“:

Scheint mir eigentlich ein ganz netter Kerl zu sein. Fehlt bloß die Gebrauchsanweisung. (S. 167)

Er weiß, dass er ihn vermissen wird, wenn er wieder fort ist, und lässt sich doch auf seine zurückhaltende Art auf den Kontakt ein und kauft zum Beispiel einen Fernsehapparat, weil der Junge sich sonst abends langweilt.

Wenn man etwas nicht anders kennt, weiß man nicht, was einem fehlt. Weiß ich nicht jetzt schon, daß Henk weggehen wird? Natürlich geht er weg, warum sollte er bleiben? Er hat hier nichts verloren. (S. 208)

Ich höre Henk die Treppe herunterkommen Er geht durchs Haus, scheint kurz vor der Schlafzimmertür stehenzubleiben. Dann macht er überall die Lampen aus, ich höre es an dem Weg, den er nimmt. Kurz danach geht er wieder die Treppe hinauf. Das Haus ruht. (S. 226)

Fazit

Das Besondere an diesem Roman ist, dass wir nur durch die Erinnerungen an längst Vergangenes und die Schilderungen der alltäglichen Verrichtungen und Begegnungen Anteil an Helmer bekommen. Er spricht fast nie direkt seine Gefühle, seine Verletzungen aus, wir sehen sie wie durch einen Spiegel. Er hat alles in sich verschlossen.

Halb elf am Vormittag. Es regnet aus niedriger Wolkendecke. […] In der Küche brennt Licht. Die krumme Esche glänzt vor Nässe, die Nebelkrähe sitzt zusammengekauert auf ihrem Ast. Hin und wieder schüttelt sie ihr Gefieder ein bißchen auf, ohne die Flügel zu spreizen. Dann ähnelt sie einem Sperling, der ein Bad in einer Pfütze auf dem Hof nimmt. Einem Riesensperling. Ich warte. Die Zeitung liegt vor mir auf dem Tisch, aber ich kann nicht lesen. Ich sitze da und starre aus dem Fenster. Die Uhr summt, oben ist alles still, in meinem Becher sind noch ein paar Schlucke kalter Kaffee. Nicht nur oben ist es still, es ist überall still, der Regen klopft leise aufs Fensterbrett, die Straße ist naß und leer. Ich bin allein, habe niemanden zum Anschmiegen. (S. 137)

Das Buch entwickelt eine Sogwirkung, eben weil einem als Leser nicht alles vorgekaut wird. Die Auswirkungen der Vergangenheit auf Helmer sind unaufdringlich glaubwürdig. Die Geschichte zeigt, wie wir so schlecht aus unserer biografischen Haut herauskönnen und damit doch einigermaßen – wenn auch beschädigt – zurechtkommen müssen. Und wie ein einsamer Mann versucht, in Würde zu leben. Im Laufe des Buches ändert sich dann auch die Qualität des Alleinseins, zur Freude des Lesers. Und man muss das Buch schon selbst lesen, um die Schlussworte in Gänze verstehen zu können.

Ich weiß, daß ich aufstehen muß, daß es in dem Gewirr von Wegen und ungepflasterten Straßen jetzt schon dunkel ist, wegen der Wäldchen aus Kiefern, Birken und Ahornbäumen. Aber ich bleibe ruhig sitzen. Ich bin allein.

Anmerkungen

Eine weitere Besprechung findet sich bei Bücherwurmloch.

Auch die Kritiker waren sehr angetan,  David Hugendick schrieb beispielsweise in der ZEIT am 22. Januar 2009:

Leben, Tod, Einsamkeit, verlorene Träume – das wurde uns zigmal schon erzählt. Bakker tut es oft so frisch, so hin- und mitreißend, als habe er die Sujets gerade erst erfunden. Er erzählt uns diese Geschichte ergreifend und unzerknautscht. Ihm gelingt die Balance zwischen sentimentalen Episoden und lakonischem Witz. Die Dialoge funkeln in der Trübe der grau grundierten Landschaft.

2010 hat Bakker für diesen Roman übrigens den mit 100.000 Euro dotierten International IMPAC Dublin Literary Award verliehen bekommen. Die Begründung der Jury findet sich hier.

Hier meine Eindrücke zu den Romanen Juni (2009) und Der Umweg (2019).

Irène Némirovsky: Der Ball (OA 1930)

Als Madame Kampf das Studierzimmer betrat, zog sie die Tür derart schroff hinter sich zu, daß der Kristallüster im Luftzug klingelte wie reines, leises Glöckchengeläut. Doch Antoinette, die so tief über das Pult gebeugt saß, daß ihr Haar die Buchseite streifte, hatte nicht aufgehört zu lesen. Ihre Mutter sah sie einen Augenblick wortlos an; dann baute sie sich vor ihr auf, die Arme vor der Brust verschränkt.

So beginnt die Erzählung der jüdischen Autorin, die 1942 im KZ Auschwitz ums Leben kam:

Irène Némirovsky: Der Ball (1930) – neu übersetzt von Claudia Kalscheuer (2005)

In der kaum 90 Seiten langen Erzählung werden die Vorbereitungen zu einem Ball geschildert, den das durch eine Börsenspekulation zu plötzlichem Reichtum gekommene Ehepaar Kampf geben will. Der Ball, bei dem über 170 Gäste erwartet werden, soll ihre neue gesellschaftliche Stellung demonstrieren und ihnen Eintritt in bessere Kreise verschaffen. Eine arme Verwandte wird nur deshalb eingeladen, damit diese dann später der ganzen Verwandtschaft von dem glänzenden Ereignis erzählen kann. Denn die familiären Beziehungen sind trübe, hatte sich die Familie doch vor vielen Jahren gegen die Ehe Madame Kampfs mit einem Juden ausgesprochen.

Die boshafte und herrische Madame Kampf fürchtet bei dem Ball die Konkurrenz ihrer vierzehnjährigen Tochter Antoinette, deshalb soll diese auch nicht am Ball teilnehmen, sondern den Abend in der Rumpelkammer verbringen, da man in ihrem Zimmer die Bar einrichten will. Dabei wünscht sich Antoinette, die noch voller Jungmädchenträume ist, nichts so sehr wie wenigstens eine Viertelstunde an dem Ereignis teilnehmen zu dürfen.

Ein Ball … Lieber Gott, lieber Gott, wäre es denn möglich, daß nur ein paar Schritte von ihr entfernt dieses herrliche Ereignis stattfände, das sie sich undeutlich als ein Gewirr von wilder Musik, berauschenden Parfums, prachtvollen Gewändern vorstellte, mit geflüsterten Liebesworten in einem abgelegenen Separee, dunkel und kühl wie ein Alkoven – und daß sie an diesem Abend wie an jedem anderen um neun Uhr im Bett läge, wie ein Baby? (S. 29)

Doch die Beziehung zwischen Tochter und Mutter ist schon seit Jahren zerrüttet, spätestens seitdem die Mutter die Elfjährige auf der Straße geohrfeigt und öffentlich gedemütigt hat. Kein Wunder also, dass das Mädchen ihrer Mutter nichts als Angst und Hass entgegenbringt.

Antoinette findet – zufällig – einen Weg, sich zu rächen und das Kartenhaus ihrer Eltern zum Einsturz zu bringen.

Eine Art Schwindel erfaßte sie, ein wilder Drang, allem zu trotzen und Böses zu tun. (S. 51)

Fazit

Zum Glück ist das Werk so kurz, denn länger hätte ich es wohl kaum mit solch unsympathischen Figuren ausgehalten.

Aber gerade in der Verknappung liegt auch der Reiz der Geschichte, die schon eine Charakterstudie ersten Ranges darstellt. Weder die Eltern noch Antoinette werden in Schwarz-Weiß gezeigt, alle – auch Antoinette – sind geprägt von ihrem Umfeld und fast bekommt man ein bisschen Mitleid mit der Mutter, die einem Ziel hinterherläuft, das sie niemals wird erreichen können. Sie kommt gar nicht auf die Idee, ihre Götzen Reichtum und gesellschaftliche Anerkennung zu hinterfragen. Sie möchte unbedingt etwas darstellen, doch dabei kommt bestenfalls eine Karikatur heraus, beispielsweise wenn sie sich dabei ertappt, so grob und „unfein“ wie früher zu reden. Im Grunde ist sie von Minderwertigkeitsgefühlen zerfressen und sucht die Nähe der Reichen, um selbst jemand zu sein.

Die Irrungen und Wirrungen der heranwachsenden Antoinette werden ebenfalls feinfühlig dargelegt und so ist „Der Ball“ auch eine Geschichte über das Überschreiten der Schwelle von der Kindheit zum Erwachsenen. Dabei ist sie keineswegs nur das Opfer ihrer charakterlosen Mutter, sondern auch – wie sie mit Schrecken feststellen muss – ihr Spiegelbild.

Zur Autorin

Némirovsky, die Tochter eines jüdischen Bankiers, wurde in der Ukraine geboren.

Da ihre Eltern sich nicht sonderlich für sie interessierten, wuchs sie unter der Obhut einer französischen Gouvernante auf, so dass Französisch ihr zur zweiten Muttersprache wurde. Im Verlauf der Russischen Revolution floh die Familie und kam über Finnland und Schweden 1919 nach Paris. In den 1920er Jahren gelangte ihre Familie wieder zu Reichtum und Irène konnte ein behütetes und luxuriöses Leben führen. (Wikipedia)

Sie wurde zu einer gefeierten Schriftstellerin, die sich – trotz ihrer jüdischen Herkunft – immer wieder den Vorwurf einhandelte, selbst antisemitisch zu sein und den Vorurteilen der Nazis noch Munition zu verschaffen, da sie in ihren Werken oft ein unsympathisch geldgieriges jüdisches Milieu schilderte und bis zum bitteren Schluss auch bereit war, für antisemitische Zeitungen zu schreiben (siehe den Artikel von Ruth Franklin, Januar 2008 in The New Republic). 1926 heiratete sie den jüdischen Physikingenieur und späteren Bankier Michel Epstein, auch er wurde deportiert. Die zwei Töchter des Ehepaares, Élisabeth und Denise, überlebten den Holocaust.

Erst als ihre älteste Tochter Denise in den späten neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts plante, einen Koffer mit Notizen ihrer Mutter einem Archiv zu übergeben, nahm sie den Inhalt des Koffers genauer in Augenschein. Dabei wurde 1998 das Romanfragment Suite Francaise entdeckt und nach seiner Veröffentlichung im Jahre 2004 eine literarische Sensation. Némirovsky war die erste, der posthum der französische Literaturpreis Prix Renaudot verliehen wurde.

Daraufhin setzte eine weltweite Neuentdeckung der Schriftstellerin ein. Im Jewish Quarterly erschien im Herbst 2008 ein lesenswerter Artikel von Tadzio Koelb, der sich kritisch mit der begeisterten Rezeption von Suite Francaise in der britischen Presse auseinandersetzt und den Literaturkritikern vorwirft, sich zu wenig mit dem Roman selbst zu beschäftigen und ihn vorschnell als Meisterwerk zu verklären, und zwar hauptsächlich aufgrund des fantastisch vermarktbaren Schicksals der Autorin.

1992 erschien Élisabeth Gilles Biografie ihrer Mutter, die sie nie richtig hatte kennenlernen dürfen: Le Mirador: mémoires rêvés (auf Deutsch: Erträumte Erinnerungen) und 2007 veröffentlichten Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt ihre hochgelobte Biografie zu Némirovsky. Sie weisen die Etikettierung der Schriftstellerin als „antisemitisch“ eindeutig zurück:

Némirovsky rejected the accusations. When a reporter from a Zionist newspaper showed up at her home, she said: “I’m accused of anti-Semitism? Come now, that’s absurd! For I’m Jewish myself and say so to anyone prepared to listen!” But Jewish enemies were making use of her characters, the reporter persisted. “Nevertheless, that’s the way I saw them,” she replied. To Mr. Philipponnat and Mr. Lienhardt critics then and now have given the book a myopic reading. Calling it a depiction of a social milieu, they ask, “Had ‘David Golder’ been written in 2009 by Bernard Madoff’s daughter, who would dream of accusing her of anti-Semitic views? (Patricia Cohen, am 25. April 2010 in der New York Times)

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Erich Hackl: Familie Salzmann (2010)

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, das der Historiker Eric Hobsbawm zum Zeitalter der Extreme ernannt hat, trat der damals vierundzwanzigjährige Hanno Salzmann eine Stelle als Kanzleikraft der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse in Graz an.

So beginnt die „Erzählung aus unserer Mitte“

Erich Hackl: Familie Salzmann (2010)

Zum Autor

Erich Hackl wurde 1954 in Österreich geboren. Stefan Howald schreibt in der Wochenzeitung am 2. September 2010 über ihn: „Seit seinem Erstling vor über zwanzig Jahren hat Erich Hackl praktisch ein eigenes Genre entwickelt und gepflegt. Auf historisch-dokumentarischen Recherchen aufbauend, vergegenwärtigt er Geschichte durchs Einzelschicksal. Hackl, der als Publizist und Übersetzer aus dem Spanischen auch für die WOZ tätig ist, behandelt in seinen Büchern zentrale Brennpunkte des 20. Jahrhunderts: den spanischen Bürgerkrieg, den deutschen Faschismus bis hin zu Auschwitz, die Verfolgung der Roma, lateinamerikanische Diktaturen und Aufstandsbewegungen. Den Sprachlosen und Vergessenen verleiht er eine Stimme und hält sie im kollektiven Gedächtnis.“ Eva Menasse hat ihn 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal als diesen“ besessene(n) Rechercheur und Grenzgänger zwischen Literatur und literarisch-historischer Reportage“ bezeichnet.

Zum Buch

Auch dieses Werk wurde sorgfältig recherchiert, Originaldokumente wurden verwendet, Archive durchstöbert und Interviews geführt.

Schon auf der ersten Seite wird dem Leser mitgeteilt, dass „Hannos Unglück begann, als er sich mit Jochen Koraus, einem gleichaltrigen Kollegen, anfreundete“.  Und zwei Seiten später heißt es:

… die Attacken auf Hanno verrieten eine intime Kenntnis der Familienverhältnisse, auch wenn sie im entscheidenden Punkt von einer falschen Voraussetzung ausgingen. Es war vor allem dieser eine beiläufig geäußerte Satz, der Hanno nachhaltig schaden sollte: Meine Oma ist einem KZ umgekommen. (S. 9)

Der Roman wird in weiten Teilen von einem nüchtern berichtenden Beobachter erzählt. Und der Leser muss lange warten, bis er erfährt, was es mit Hannos Unglück nun auf sich hat, denn zunächst wird die ganze Familiengeschichte nachgereicht:

Hannos Großmutter wurde am 5. Februar 1909 in Kothvogl, einem Dorf nahe der Ortschaft Stainz in Bezirk Deutschlandsberg, als vorletztes von dreizehn Kindern des Ehepaares Josef und Elisabeth Sternad geboren und eine Woche später unter dem Namen Juliana im Taufregister der Pfarre eingetragen.“ (S. 9)

Aus ärmlichen Verhältnissen kommend, sucht die Österreicherin, als sie alt genug ist, eine Anstellung als Dienstmagd und kommt dabei bis nach Bad Kreuznach in Deutschland. Dort lernt sie ihren späteren Mann, den überzeugten Kommunisten Hugo Salzmann, kennen, mit dem sie einen Sohn haben wird. 1933 müssen sie vor den Nationalsozialisten fliehen, zunächst ins Saarland, dann nach Paris. Die weiteren Etappen sollen hier nicht vorweggenommen werden.

Sorgfältig recherchiert, kühl mitgeteilt, ist die Lektüre bedrückend, aber aufgrund der zeitlichen Eingrenzung vom Leser ja auch „einzuordnen“: „Aha, die brutale Verfolgung der Kommunisten in Deutschland, noch eine Facette des Nationalsozialismus, über die ich jetzt ein bisschen mehr erfahren habe.“

Doch dann kommen die letzten Seiten des Romans und die Lektüre ist wie ein Hieb in den Magen. Wir sind wieder bei Hanno, Mitte der neunziger Jahre, in der „Mitte unserer Gesellschaft“, und können es fast nicht glauben, was da Beängstigendes geschieht. Wer sich da nicht fragt, was in Gesellschaft und unserer menschlichen Natur schiefläuft, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Abschließend hier noch der Link zu einem Ausschnitt aus einer Autorenlesung mit Erich Hackl in der Stadtbücherei Würzburg.