A. J. Cronin: The Green Years (1944)

Holding Mama’s [so nennt der Ich-Erzöhler seine Großmutter] hands tightly, I came out of the dark arches of the railway station and into the bright streets of the strange town. I was inclined to trust Mama, whom, until today, I had never seen before and whose worn, troubled face with faded blue eyes bore no resemblance to my mother’s face. But in spite of the bar of cream chocolate which she had got me from the automatic machine, she had so far failed to inspire me with affection.

So beginnt The Green Years (1944) von Archibald Joseph Cronin; ins Deutsche übersetzt von Ursula von Wiese

Ganz in der Tradition des Bildungsromans erzählt uns der Ich-Erzähler Robert Shannon seine Kindheit und Jugend. Als Siebenjähriger plötzlich Vollwaise – er hatte mit seinen Eltern in Irland gelebt -, wird er nun von seinen Großeltern mütterlicherseits, die er nie kennengelernt hatte, zurück nach Schottland geholt.

Der Anfang dort ist schwierig. Seine Großmutter steht ganz und gar unter der Fuchtel ihres Mannes, der zwar nicht gewalttätig, aber ein liebloser und vor allem krankhaft geiziger Mann ist, der trotz sicheren Einkommens sich und seiner Familie kaum das Essen auf dem Tisch gönnt. Kein Wunder, dass Robert eigentlich immer Hunger hat. Eine der späteren Schlüsselszenen zeigt, wie Robert zusammen mit seinem Freund Gavin einen schweren Lachs geangelt hat. Die ganze Familie freut sich über diese Delikatesse, die den sonst so kargen Speiseplan der nächsten Tage bereichern wird, bis Großvater Leckie beschließt, dass der Lachs zum Fischhändler gebracht werden muss. Das Geld dafür streicht er selber ein. Niemand hat den Mut, sich gegen den kleinlichen Tyrannen zu stellen.

All my childhood at Lomond View was dominated by a monstrous law: the necessity for saving money, even at the sacrifice of the very necessities of life. Ah, if only we could have done without money, without this Northern thrift which preferred money in the bank to a good meal in the stomach, which put gentility before generosity, this cursed penuriousness which blighted us. (S. 160)

Neben den Großeltern Leckie wohnen noch die weiteren Geschwister seiner Mutter mit im Haus: der 19-jährige Murdoch, dessen große Leidenschaft die Gärtnerei ist, und Kate, die schon unterrichtet. Und dann gibt es noch Adam, der nicht mehr zu Hause lebt, ein zutiefst unsympathischer und windiger Versicherungsmensch. Da er beruflich so erfolgreich ist, ist er der ganze Stolz seiner Mutter.

Auch wenn es nicht weiter thematisiert wird, ist anzunehmen, dass die Entfremdung zwischen Roberts Mutter und ihrer Familie damit zu tun hatte, dass sie mit ca. 16 schwanger wurde und – zum Entsetzen der presbyterianischen Familie – einen Katholiken geheiratet hatte.

Die strenggläubige Urgroßmutter Roberts (die Mutter von Großvater Leckie) und der Urgroßvater (der Vater der Großmutter, der von allen nur Grandpa Gow oder Dandie genannt wird) leben ebenfalls im Haushalt und liefern sich einen erbitterten Krieg, nicht nur um die Zuneigung des Jungen. Der alte Mann, – zu Beginn des Romans um die 70 -,  ist derjenige, der Robert immer wieder aus scheußlichen Situationen rettet, ihn aus seinem Selbstmitleid aufscheucht und ihn zwingt, Verantwortung für sich zu übernehmen.

Typisch dafür eine Situation ganz zu Beginn der Geschichte: Die Urgroßmutter hat Robert zu seinem ersten Schultag ein grauenvoll grünes Anzugmonster genäht, mit dem Robert sofort zum Gespött des Lehrers und damit auch der Klasse wird. Er wird die ersten Tage verfolgt und verprügelt und ist auf dem besten Weg, ein „typisches“ Opfer zu werden. Als Grandpa Gow davon erfährt, ist für ihn die Lösung sonnenklar. Robert muss Gavin, den Schüler aus seiner Klasse, der das meiste Prestige besitzt, im Kampf besiegen.

Dafür trainiert er seinen Urenkel ein paar Tage und gibt ihm mal mehr, mal weniger sinnige Ratschläge. Robert ist so verzweifelt, dass er sich darauf einlässt, und tatsächlich steigt er nach der Prügelei sofort in der Achtung seiner Schulkameraden. Die Schikanen hören auf und Gavin wird sogar zu seinem besten Freund, mit dem er dann schließlich die Hügel und Moore der Umgebung erkundet und seine Liebe zur Natur und damit auch zur Naturwissenschaft entdeckt.

Der grüne Anzug wird übrigens von Grandpa verbrannt. Überhaupt ist Grandpa Gow eine großartige Figur. Typisch seine Reaktion, als Robert von Gavin ein Mikroskop geschenkt bekommen hat:

‚What newfangled nonsense have ye there, Robert?‘ The use of my formal name indicated that he was not on the best of terms with me. I explained eagerly and soon he was at my elbow, one eye screwed into the mysterious tube, blundering with the adjustment, yet pretending to a consummate knowledge of the machine. I could see that it fascinated him and when I looked in after supper, he was still glued to the tube, with a rapt expression on his face. ‚By all the powers!‘ he cried. ‚Do you see these beasties in the cheese?‘ Thus began, for Grandpa and myself, an era of glorious adventure as we beat our wings into the unknown. (S. 69)

Grandpa Gow: ein unverbesserlicher, manchmal auch peinlicher Weiberheld – etwas, was der verklemmte Robert an seinem Urgroßvater kaum ertragen kann. Das schwarze Schaf der Familie und beruflich immer ein Versager gewesen und deshalb völlig verarmt. Er ist ungläubig, zudem ein Quartalstrinker und abhängig vom Gnadenbrot des ungeliebten Schwiegersohnes, der ihn am liebsten ins Armenhaus stecken würde. Aber der einzige in der Familie, der Menschlichkeit praktiziert, der tolerant ist, voller Lebensfreude und sich nicht duckt, sondern sich für das, was er als richtig erkannt hat, einsetzt, manchmal mit viel Theatralik und manchmal ganz im Verborgenen.

Ein weiterer Bereich, in dem Robert seinen Weg finden muss, ist die Religion. Er ist nämlich der einzige Katholik in seiner Familie, was ihn laut seiner Urgroßmutter direkt in die Hölle führen wird, wenn er auf diesem verderblichen Weg bleiben sollte.

Robert wird schließlich älter und seine überdurchschnittliche Begabung und sein Interesse für Biologie bleiben den Lehrern nicht verborgen. Als er fünfzehn ist und kurz vor dem Schulabschluss steht, will ihm sein Lehrer Reid ermöglichen, sich für ein Stipendium am College zu bewerben. Aus Borniertheit verweigert ihm Großvater Leckie die Teilnahme an den Aufnahmeprüfungen. Auch in der Liebe läuft es nicht so, wie Robert sich das eigentlich gedacht hat. Wird es für ihn einen Weg aus der drohenden Verbitterung geben? Das soll hier natürlich nicht verraten werden.

Fazit

The Green Years war eines der beliebtesten Bücher des schottischen Arztes und Schriftstellers, der von 1896 bis 1981 lebte, und enthält eine Reihe autobiografischer Spuren.

Um Weltliteratur handelt es sich sicherlich nicht. Was mich – besonders zu Beginn, als Robert erst sieben, acht Jahre alt ist – störte, war, dass Cronin mit der Wahl der Perspektive nicht zu Rande gekommen ist. Manchmal gibt es eher unbeholfene Einsprengsel der Art „Das konnte ich damals natürlich noch nicht wissen.“

So heißt es beispielsweise, als Robert zum ersten Mal seinen Großvater Leckie sieht:

His expression was marked by that faint touch of resignation seen on the faces of people who know they are conscientious and industrious yet have not been recognized or, in their own opinion, adequately rewarded by life. (S. 12)

Das ist zwar eine treffende Beschreibung, allerdings nicht aus der Sicht eines siebenjährigen Jungen, der gerade seine Eltern verloren hat. Gleichzeitig bleibt offen, aus welchem zeitlichen Abstand das nun erzählt wird.

Dennoch: Es lässt sich wunderbar lesen, die Charakterschilderungen sind gelungen und nicht ohne Komik. Robert wird in seiner Begeisterungsfähigkeit, seiner Einsamkeit und Schüchternheit, seiner Widerborstigkeit während der Pubertät und seiner Neigung, sich selbst leid zu tun und seine Situation zu dramatisieren, treffend geschildert. Vor allem aber verdankt das Buch der Figur des Grandpa Gow seinen Charme, der mit seinem Urenkel Robert eine nicht immer unproblematische Beziehung hat, die letztendlich aber alle Hindernisse überwindet.

1946 wurde das Buch verfilmt.

Anmerkung

In diesem Fall empfehle ich den englischen Wikipedia-Artikel zur Biografie des Autors, der ein interessantes Leben geführt hat. Sein Roman The Citadel wurde nicht nur 1937 mit dem National Book Award ausgezeichnet,  ihm wird sogar das Verdienst zugesprochen, ursächlich mit zur Gründung des National Health Service beigetragen zu haben.

Hier geht’s lang zu einem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1952 anlässlich Cronins damals gerade erschienener Autobiografie.

scotland-b 021

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch (2011)

Mit achtzehn ging ich für ein Jahr nach Amerika. Noch heute erzähle ich oft, dass es ein Basketballstipendium war, aber das stimmt nicht. Meine Großeltern haben den Austausch bezahlt.

So – quasi mit einer Mini-Inhaltszusammenfassung – beginnt das fantastische Buch von Joachim Meyerhoff.

Der 1967 geborene Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller schrieb ursprünglich autobiografische Texte für die Bühne und daraus hat sich ein größeres Buchprojekt entwickelt. Im ersten Band Alle Toten fliegen hoch geht es um den siebzehnjährigen Joachim, der in der norddeutschen Kleinstadt Schleswig aufwächst und – ganz untypisch für einen Coming of Age-Roman – keinerlei nennenswerten familiären Probleme hat. Noch in Amerika betont er:

Dass ich nicht vor ihnen [gemeint sind seine Eltern] geflohen, keiner durch Lieblosigkeit oder Repressalien verdunkelten Welt entkommen war und sie sehr vermisste.

Im Laufe der Geschichte erinnert sich Joachim immer wieder an Erlebnisse aus seiner Kindheit.

Das mit der Glasschiebetür ist mir selbst widerfahren. Ich konnte gerade laufen. Mein ältester Bruder setzte mich in einen Sessel und ging auf die Terrasse hinaus. Erst wenn er meinen Namen rief, durfte ich vom durchgesessenen Blumenmustersessel hinunterkrabbeln und auf meinen noch wackeligen Beinen durch das Zimmer hinaus ins Freie, in seine Arme rennen. Über die Bodenschienen der Schiebetür hätte ich jedes Mal einen niedlichen Hopser gemacht. Angeblich konnte ich von diesem Im-Sessel-Sitzen und Auf-Kommando-ins-Freie-Laufen im Gegensatz zu meinem Bruder nicht genug bekommen. Schon in seinen Armen, den Bruderarmen, hätte ich ‚Noch mal! Noch mal!‘ gerufen. Nach dem zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten ‚Noch mal! Noch mal!‘ setzte mich mein Bruder wieder in den Sessel und zog die Schiebetür zu, um herauszufinden, ob ich schon wüsste, dass man nicht durch Glas gehen kann. Ich wusste es nicht und donnerte mit solcher Wucht gegen die Scheibe, dass meiner Mutter vor Schreck das Buch bis an die Zimmerdecke flog […] Wie eine unsichtbare Faust hatte mich die Scheibe auf dem Weg in die weit geöffneten Arme meines Bruders niedergestreckt. […] Mein Bruder wurde ermahnt, keine Experimente mit mir zu machen, und in sein Zimmer geschickt. (S. 7/8)

Im Großen und Ganzen also Provinzidylle pur, zwei manchmal nervende ältere Brüder, die ebenfalls das Gymnasium besuchen, der Vater ist Arzt in der Psychiatrie und den obligatorischen Familienhund gibt es auch. Alles nicht weiter aufregend.

In meiner Stadt war Stille noch der Urzustand. Beruhigend, aber eben auch anstrengend, da man immer alleine von vorn anfangen musste, Lärm zu machen. Kein Weiterreichen, kein Einklinken – jeder für sich allein in seiner Stille. So brummten auch die Autos an mir vorbei. Aus der Stille kommend, in die Stille fahrend. Die Ziele dieser Autos erfüllten mich mit Langeweile. Garagen oder verkehrsberuhigte Wohnstraßen. Und während der Motor noch warm war, krabbelten die Kleinstädter in ihre heimeligen Betten und versanken gedankenlos in eben dieser Stille. Wie vereinzelt hier alles war. Einzelne Häuser, einzelne Autos, einzelne Bäume. (S. 60/61)

So beschließt Joachim, sich für ein Auslandsjahr an einer High School in Amerika zu bewerben. Beim Auswahlverfahren in Hamburg fürchtet er allerdings, nicht mit den weltgewandteren Großstadtkids konkurrieren zu können. Um trotzdem einen Platz im Austauschprogramm zu ergattern, lügt er beim entscheidenden Fragebogen, dass sich die Balken biegen. Er kreuzt an, dass er tiefreligiös und naturverbunden sei und deswegen am liebsten aufs Land wolle. Nur bei der Frage, ob er irgendeine Sportart bevorzuge, antwortet er wahrheitsgemäß: Er möchte Basketball spielen.

Und so nimmt die Sache ihren Lauf: Er landet mit miserablen Englischkenntnissen in der tiefsten amerikanischen Provinz, am Rande von Laramie in Wyoming, bei einer streng religiösen Familie und muss ab sofort dreimal die Woche mit zum Gottesdienst. Mehr möchte ich eigentlich gar nicht verraten, denn das Buch ist übervoll mit wahnwitzigen Geschichten und Begegnungen – ein bisschen wie Blasmusikpop von Vea Kaiser, mit dem Unterschied, dass hier sich vieles wirklich so oder ganz ähnlich abgespielt haben dürfte.

Fazit

Ich wollte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Wen würde er treffen oder kennenlernen? Welche Überraschungen würde der Unterricht an der High School bereithalten, von den seltsamen Lehrern dort ganz zu schweigen, und würde er es schließlich ins Basketballteam schaffen?

Einer der Lehrer nimmt ihn mit zu einer Besichtigungstour ins Gefängnis und ist enttäuscht, als Joachim sich nicht auf dem elektrischen Stuhl fotografieren lassen möchte. Die Leiterin des Drama Club hingegen

kam dann auf die Bühne, tippte sich mit dem Zeigefinger in die Augenwinkel, zeigte ihn herum und strahlte: ‚Hey, come on! What did you do to me? Tell me, what’s that? WHAT’S THAT? TEARS. For heaven’s sake. THESE ARE TEARS. Jesus, you are so intense, you made me cry!‘ Alle klatschten. Wir beklatschten sie, weil sie weinte, und uns, weil wir sie zum Weinen gebracht hatten. (S. 151)

Wir begleiten den Ich-Erzähler dabei, wie er ein Stück weit erwachsener wird, mit allem, was dazugehört. Er muss zurechtkommen mit Liebe, Freundschaft, Sex, Egoismus, Fehlbarkeit, Verlust, Trauer, Irrwitz und existenziellem Schrecken.

Er schaut ganz genau hin, auch wenn’s wehtut. Dabei ist aber eben keine oberflächlich-lockerflockige Anekdotensammlung entstanden, sondern ein oft genug wirklich anrührender und zarter Blick in das Innenleben eines jungen Menschen. Das kommt so frisch, absurd und unmittelbar daher, als hätte der Autor das Ganze erst gestern erlebt.

Meyerhoff schreibt entwaffnend ehrlich und vor allem oft urkomisch – mit dem perfekten Gespür für den Moment der Pointe. Mit Staunen, Toleranz und großer Unbefangenheit nimmt der jugendliche Held die manchmal schöne und manchmal sehr befremdliche Welt um sich herum wahr. Und seine Schilderung von Trauer ist derart, dass einem ganz fröstelig wird, weil man weiß, ja genau so ist das.

Durch das Jahr in Amerika ist auch ein sinnvoller Spannungsbogen garantiert. Und ich habe einige Dinge über Amerika gelernt, die in keinem Reiseführer stehen.

Anmerkungen

Hier ein Interview mit Iris Radisch, das einen guten Eindruck vom Autor vermittelt, und hier ihre Leseempfehlung auf ZEIT online, über die ich mich ein bisschen gewundert habe. Radisch klingt, als würde das Buch überwiegend in der deutschen Provinz spielen, dem ist nun nicht so.

Und hier geht’s lang zu den begeisterten Rezensionen der FAZ und von Dr. Christian Koellerer.

Heide Soltau schreibt im NDR: „Das Buch folgt dem Muster des klassischen Entwicklungsromans. Mit Witz und Charme und ganz ohne Larmoyanz erzählt er von den inneren und äußeren Nöten eines Jugendlichen, der mit der Reise nach Amerika auch die eigene Kindheit, das Reich der Toten und die Welt der Erwachsenen bereist. Das ist keine Selbstbespiegelung, sondern gelungene Literatur.“

Im Deutschlandfunk schreibt Günter Kaindlstorfer und in der TAZ schreibt Detlef Kuhlbrodt.