Uwe Timm: Vogelweide (2013)

Die Insel verlagert sich langsam nach Osten. Drei bis vier Meter im Jahr, je nach Stärke der Winterstürme und Stumfluten. Hier, wo er jetzt stand, war vor vierzig Jahren Wasser nur und Watt.

Mit diesen Sätzen beginnt der Roman Vogelweide (2013) von Uwe Timm, ein Buch, das ich dann doch sehr dröge fand. Wer mag, kann sich hier die ersten Seiten des Romans vom Autor vorlesen lassen. Das gibt schon einen guten Eindruck von dem gemächlichen Stil, in dem diese Geschichte erzählt wird, die es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2013 geschafft hat und mehrere wohlwollende Kritiker an die Wahlverwandtschaften von Goethe erinnert hat.

Zum Inhalt

Eschenbach redigiert sechs Jahre nach der Pleite seiner Software-Firma Reiseführer und erklärt sich bereit, für einige Monate auf der Insel Scharhörn in der Elbe-Mündung den Dienst als Vogelwart zu versehen. Dort ruft ihn eines Tages Anna, seine ehemalige Geliebte, an und sie vereinbaren, dass sie ihn am nächsten Tag besuchen werde. Doch bevor Anna auf der Insel eintrifft, wird auf über 280 Seiten die Vorgeschichte nachgereicht, Eschenbachs Erinnerungen an die Geschehnisse der letzten sechs Jahre.

Christian Eschenbach war damals erfolgreicher Inhaber einer Software-Firma, deren Aufgabe es war, alle möglichen Prozesse zu optimieren.

Sieben, acht Jahre lang war er ein reicher Mann gewesen. Allerdings arm an Zeit. Es gibt eine Zeitarmut. Die wiederum zur Verrohung führt. Eine Brutalisierung des eigenen Selbst. Er arbeitete. Verhandelte. Reiste. Kunden mussten besucht und neue gewonnen werden. (S. 166)

Dieser erfolgreiche Unternehmer lernt auf einer Veranstaltung die ca. 39-jährige Anna, Lehrerin für Latein und Kunst, kennen. Es spielt für ihn keine Rolle, dass er selbst mit der warmherzigen Selma, Kunstschmiedin, liiert ist und dass Anna glücklich mit dem Architekten Ewald verheiratet und Mutter zweier Kinder ist. Anna soll seine Rettung sein.

Und Eschenbach stand da und hatte, so wie sie ihn ansah, mit dem ruhigen, auf ihn gerichteten Blick, und wie sie ihm zuhörte, den merkwürdigen Gedanken, nein, es war nur ein Wort: Rettung. Sie könnte dich retten. Wovor? Vor allem. Vor Gleichgültigkeit. Vor Bedeutungslosigkeit. Beliebigkeit. Noch kannte er sie nicht, aber diese Empfindung war ganz deutlich, wie eine erkannte Wahrheit. (S. 51)

Auch sie fühlt sich von Eschenbach angezogen. Sie beginnen eine heimliche Affäre.

Wünsche, die sich allen Vorsätzen und moralischen Vorstellungen widersetzen: Und alle angeführten Gründe sind ganz hilflose Versuche, den Wunsch-Reaktor zu verstehen. Es ist der Hunger und der Durst des Körpers nach dem Körper. Aber nicht auf einen beliebigen, sondern auf den einen, den einzigen, den, von dem wir hoffen, durch ihn selbst reicher zu werden, als schöne Ergänzung unserer Selbst. (S. 127)

Doch Anna leidet zunehmend unter der „Unwürdigkeit“ ihres Verhaltens (weniger wegen der Verletzungen, die sie langfristig ihrer Familie zufügt) und der Verlogenheit der Situation, die noch dadurch verschärft wird, dass die beiden Paare inzwischen freundschaftlich verbunden sind. Sie macht reinen Tisch, beichtet ihrem Mann die Liaison und beschließt, alles hinter sich zu lassen und nach Amerika zu gehen, da für sie eine offene Dreierbeziehung dann doch nicht in Frage kommt.

Zeitgleich mit dem Verlust der Geliebten macht Eschenbachs Firma Bankrott. Und Selma und Ewald, die Betrogenen, finden ein neues Glück miteinander.

Fazit

Schon inhaltlich konnte ich dem Buch nichts abgewinnen. Die bürgerlichen Protagonisten stolpern so seltsam leblos durch die Seiten. Eschenbach, ein langweiliger Egoist, der sich nimmt, was er will, und weder mit der eigenen Tochter, seinen Eltern, der Freundin oder der Geliebten zu einer alltagstauglichen Beziehung in der Lage ist und das körperliche Begehren kurzerhand mit Liebe gleichsetzt. Der den Zusammenbruch seines luxuriösen Lebensstils prima verkraftet, seine teure Immobilie, seinen Oldtimer aufgeben kann und nun zufrieden als Vogelwart werkelt.

Die Silberschmiedin Selma, die mit auf Antik getrimmtem Hopi-Schmuck ihr Geld verdient, kommt aus Polen und darf deshalb so Wendungen benutzen wie „ich war ihm gut“. Der Stararchitekt Ewald, der nicht merkt, dass seine Frau Anna ihn betrügt. Anna, die Studienrätin, die dem Klischee einer Lehrerin entspricht:

Er hatte sie nach ihrer E-Mail-Adresse gefragt. Aber sie sagte, bitte keine Mails. Ich hasse Mails. Ich habe sie, weil ich damit zugeschüttet wurde, abgeschafft. Es geht. Die Schüler müssen sich eben mündlich oder schriftlich melden. Sonst geht die Schreibschrift verloren. Auch Simsen mag ich nicht, schon wegen dieser Dauerverstümmelung der Sprache mit den SMS, was sich doch schon nach SOS anhört. Grässlich. (S. 115)

Anna räsonniert:

Beide haben wir Glück. Lieben unseren Partner. Warum also das? Es gibt keinen Mangel an Liebe. Das ist zutiefst unmoralisch, man ist glücklich und will noch mehr. Das ist maßlos. (S. 128)

Sie flüchtet, als ihr das Beziehungswirrwarr zu viel wird, scheinbar völlig problemlos mitten im Schuljahr nach New York, weil dort, was für ein Glück, ihr Bruder lebt. Sie hat sogar schon eine Green Card und holt dann einfach die Kinder nach. Sie macht eine Galerie auf, hat Erfolg. Das wird nur noch getoppt davon, dass sie an die Heiligkeit der Ehe glaubt und deswegen eine Scheidung von Ewald konsequent ablehnt, aber in Amerika bereits mit dem zweiten Mann zusammen ist.

Für den intellektuellen Anstrich sollen sicherlich die Namen Vogelweide und Eschenbach mit ihren Assoziationen an die deutschen Minnesänger sorgen (warum auch immer). Und Eschenbach beschäftigt sich beispielsweise mit der Frage, ob Liebe überhaupt möglich sei, wenn man sich über das Internet kennenlernt. Ob der moderne Optimierungszwang in allen Belangen nicht schon längst auch im Bereich der Paarbeziehungen angekommen ist. Mit einem Freund diskutiert er darüber, dass sich Passion Handlungsfreiheit verschaffe, „die weder als solche noch in ihren Wirkungen gerechtfertigt werden muss.“ (S. 185)

Auch stilistisch habe ich – von wenigen Stellen abgesehen – schon lange nicht mehr so etwas Dröges gelesen. Eine Vorliebe für seitenweise indirekte Rede und das ausdrucksstarke Verb „sagen“.

Eschenbach erzählte von einem Freund, auch er Engländer, ein Literaturwissenschaftler, durch den er das Land erst richtig kennengelernt habe. Mit ihm sei er durch die Cotswolds gefahren […] Seither war er immer wieder hinübergefahren, nach London, nach Cornwall, Devon, Schottland. Seitdem sammle er die Coronation Mugs. Ein wunderbarer Kitsch. Der reine Camp. (S. 111)

Auf Seite 66 findet sich der folgende Abschnitt. Eschenbach spricht während einer Feier mit einem Schamanen, der auf den hübschen Namen Harald hört:

Und dann sagte er nach einer kleinen Pause, in der er Eschenbach mit seinen grünen Augen musterte, Sie sehen übrigens sehr gestresst aus. Das ist gut möglich, sagte Eschenbach, erst heute Morgen habe er mit seinem Geschäftspartner eine Auseinandersetzung gehabt. Hoffentlich laut, fragte Harald. Ja, sehr laut. Das ist gut, sagte der Schamane. War Selma mit Ihnen auf, wie sagt man, auf einer Tour? Zweimal, sagte Harald und streichelte dabei die kleine Pelzpfote an seiner Halskette. (S. 66)

Und bei Stellen wie „Plötzlich begegnet uns jemand, und wir wissen, dieser Jemand ist unser Schicksal“ fühlte ich mich direkt in einen Kitschroman versetzt.

Anmerkungen

Sandra Kegel äußerte sich in der FAZ wenig begeistert: „Tatsächlich will Uwe Timm die Liebe in all ihren Erscheinungsformen ausloten. Das tut er ein bisschen so, als habe ihm beim Schreiben eine Liste vorgelegen, die es abzuhaken galt. […] Wie gern hätte man von diesem Autor etwas Überraschendes oder gar Neues über das Begehren erfahren. Stattdessen wirft er einen überreflektierten Blick auf unsere Wirklichkeit, der zu stereotypen Bildern führt.“

Volker Hage wird deutlicher: „Das Schönste an diesem Roman ist sein Schauplatz.“ Seiner Kritik an der Sprache des Romans kann ich mich nur anschließen.

In der Süddeutschen äußert sich Kristina Maidt-Zinke am 3. Oktober 2013 ebenfalls bekümmert. Nur ungern würde sie das Buch auf eine einsame Insel mitnehmen: „Der Roman ist mit literarischen und zeitgeschichtlichen Anspielungen so übersät wie der Buchumschlag mit Vogeltrittspuren, aber alles bleibt in flachen Gewässern, versandet im Namedropping. Und noch mehr irritiert, dass die Erzählung tief in den handwarmen Schlick eines Berliner Lifestyle-Milieus einsinkt …“

Hier geht’s lang zum Video-Tipp von Iris Radisch, die sich verhalten positiv äußert, auch wenn sie gewisse Vorhersehbarkeiten bemängelt,  und hier findet man ein Gespräch mit dem Autor von 2005.

Die Besprechung im Rahmen der Aktion „5 lesen 20“ findet man auf Atalantes Historien.