Alice Childress: Like one of the family (1956)

Diese Sammlung von 62 Geschichten, die meist nicht länger als zwei Seiten sind und allesamt im New York der fünfziger Jahre spielen, habe ich richtig gern gelesen. Sie werden uns von der schwarzen Haushaltshilfe Mildred erzählt.

Mildred arbeitet bei diversen weißen Mittelstandsfamilien. Abends erzählt sie ihrer ebenfalls schwarzen Freundin Marge von den alltäglichen Vorkommnissen an ihrer Arbeit. Freundin Marge wird uns in der Geschichte All about my job im typischen Stil der Storys näher vorgestellt:

Marge, I sure am glad that you are my friend. … No, I do not want to borrow anything or ask any favors and I wish you’d stop bein‘ suspicious everytime somebody pays you a compliment It’s a sure sign of a distrustful nature.

I’m glad that you are my friend because everybody needs a friend but I guess I need one more than most people … Well, in the first place I’m colored and in the second place I do housework for a livin‘ and so you can see that I don’t need a third place because the first two ought to be enough reason for anybody to need a friend.

You are not only a good friend but you are also a convenient friend and fill the bill in every other way. … Well, we are both thirty-two years old; both live in the same building; we each have a three room apartment for which we pay too devilish much, but at the same time we got better sense than to try and live together. And there are other things, too. We both come from the South and we also do the same kinda work: housework.

Marge selbst kommt dabei gar nicht zu Wort, doch können wir uns ihre Kommentare anhand der Reaktionen Mildreds lebhaft vorstellen.

Mildred erzählt ganz offensichtlich mit Witz und unbestechlicher Menschenkenntnis. Da wäre z. B. die Geschichte zu nennen, die der ganzen Kurzgeschichtensammlung den Namen gegeben  hat: Like one of the family. Als eine ihrer weißen Arbeitgeberinnen, Mrs. C,  Besuch hat, lobt Mrs. C. Mildred über den grünen Klee und betont dabei, wie sehr doch die ganze Familie die Haushaltshilfe Mildred zu schätzen wisse:

We just love her! She’s like one of the family and she just adores our little Carol! We don’t know what we’d do without her! We don’t think of her as a servant!

Doch Mildred entlarvt die scheinbar netten Worte als das, was sie sind, als gedankenlose Herablassung.

Höflich, aber unmissverständlich bittet sie ihre Arbeitgeberin zu einem Gespräch und öffnet ihr die Augen dafür, was es bedeuten würde, wäre sie tatsächlich ein Teil der Familie:

Mrs.C …, you are a pretty nice person to work for, but I wish you would please stop talkin‘ about me like I was a cocker spaniel or a poll parrot or a kitten …. Now you just sit there and hear me out. In the first place, you do not love me; you may be fond of me, but that is all. … In the second place, I am not just like one of the family at all! The family eats in the dining room and I eat in the kitchen. Your mama borrows your lace tablecloth for her company and your son entertains his friends in your parlour, your daughter takes her afternoon nap on the living room couch and the puppy sleeps on your satin spread …

Sie würde sich weder die Unverschämtheiten des Kindes gefallen lassen noch so hart arbeiten müssen und außerdem anständig bezahlt werden.

Am Ende der Geschichte triumphieren – utopisch und wünschenswert – Einsicht und Menschlichkeit:

Marge! She was almost speechless but she apologized and said she’d talk to her husband about the raise….

Dabei wird der Ton nie sentimental. Schließlich rügt sie Marge, weil die vor lauter Zuhören ein Knopfloch ganz unordentlich genäht hat.

Alice Childress (1916 – 1994) ist in diesen Geschichten viel mehr als „nur“ die Chronistin der Rassendiskriminierung in den fünfziger Jahren in New York. Obwohl auch das ihr schon beeindruckend gelingt.

Sie löst ihren eigenen literarischen Anspruch ein:

I attempt to write about characters without condescension, without making them into an image which some may deem more useful, inspirational, profitable, or suitable.

Die Hauptfigur Mildred tritt für ihre Würde ein. Dies tut sie klug, witzig, ironisch, lebhaft, anschaulich, direkt und zutiefst menschlich, sodass die meisten Geschichten ein gutes Ende nehmen, was in der damaligen Zeit vermutlich entweder utopisch oder aber mutmachend gewirkt haben muss.

Die Herausgeberin dieser Sammlung schreibt zwar einschränkend:

In all her adventures with her white employers, Mildred the maid is a combination of lady in shining armor charging off to attack insensitive racist infidels and the black woman of flesh and blood who knows that a direct confrontation with her white employers could lead to physical violence against her as quickly as it could lead to her dismissal.

Doch genau solche Menschen muss es ja gegeben haben, wie sonst wären die Fortschritte durch die Bürgerrechtsbewegung möglich gewesen?

Ich freue mich sehr, diese Autorin kennengelernt zu haben, die hier eine Erzählerin geschaffen hat, die sich weigert, durch die Umstände korrumpieren und beschädigen zu lassen.  Die Geschichten sind – trotz der Verankerung in einem bestimmten räumlichen und zeitlichen Umfeld – zeitlos gültig und befragen uns auch heute – nach unseren Fassaden, Hochnäsigkeiten und den alltäglichen, vor allem unbewussten rassistischen Vorurteilen.

b-nz 061

Elizabeth Strout: Olive Kitteridge (2008)

For many years Henry Kitteridge was a pharmacist in the next town over, driving every morning on snowy roads, or rainy roads, or summertime roads, when the wild raspberries shot their new growth in brambles along the last section of town before he turned off to where the wider road led to the pharmacy. Retired now, he still wakes early and remembers how mornings used to be his favourite, as though the world were his secret, tires rumbling softly beneath him and the light emerging through the early fog, the brief sight of the bay off to his right, then the pines, tall and slender, and almost always he rode with the window partly open because he loved the smell of the pines and the heavy salt air, and in the winter he loved the smell of the cold.

So beginnt das dritte Buch der 1956 geborenen amerikanischen Autorin, für das sie 2009 den Pulitzer Prize for Fiction erhielt.

2010 erschien die deutsche Übersetzung von Sabine Roth unter dem Titel Mit Blick aufs Meer.

Das Werk besteht aus 13 mal mehr, mal weniger miteinander verbundenen Geschichten. Und mit diesem Mittelding – „a novel in stories“ – habe ich mich stellenweise durchaus schwergetan, denn manchmal ist der Zusammenhang zwischen den einzelnen Geschichten schon extrem lose. Wir folgen zwei Personen: Henry – einem ehemaligen Apotheker, der lange in seine Angestellte verliebt war – und später vor allem seiner Frau Olive, einer pensionierten Lehrerin.

Ab und zu verliert der Leser Olive und Henry aber dabei fast völlig aus den Augen. In manchen Erzählungen durchqueren die Kitteridges nur einen Raum oder grüßen ein paar Bekannte, während sie das Lokal verlassen. Auf diese Kapitel hätte ich gut verzichten können.

Louisa Thomas charakterisiert Olive in ihrer Besprechung in der New York Times vom 20. April 2008 kurz und treffend:

She isn’t a nice person. As one of the town’s older women notes, ‚Olive had a way about her that was absolutely without apology.‘ Olive’s son puts it more bluntly. You can make people feel terrible,‘ he tells her. […] After swapping discontents, she says to a friend, ‚Always nice to hear other people’s problems.‘

Die Geschichten spielen überwiegend in dem kleinen Küstenort Crosby in Maine. Wir treffen dabei auf ganz unterschiedliche Menschen, wie z. B. einen ehemaligen Schüler von Olive, der zurückgekehrt ist, um sich umzubringen, oder die alkoholabhängige Angela O’Meara, die in einer Bar Klavier spielt und schließlich ihrem langjährigen Geliebten, einem stadtbekannten Politiker, den Laufpass gibt. Wir begegnen einer magersüchtigen Jugendlichen oder der Mutter eines Mörders sowie dem Sohn der Kitteridges, der erst als erwachsener Mann die Angst vor seiner Mutter überwindet und sich nicht länger von ihr tyrannisieren lässt.

Jede der zahlreichen Figuren wird von der Autorin mit wohlwollender und menschenfreundlicher Anteilnahme bedacht. Niemand wird verurteilt, sondern in seiner Bedürftigkeit sichtbar. Und alle fügen anderen Wunden zu, oft ganz ohne böse Absicht, oder werden durch existenzielle Verluste in ihren Grundfesten erschüttert. Manchmal war mir das ein bisschen zu viel elegische Soße, die da unterschiedslos über alle gekippt wurde. Allerdings sorgte der ein oder andere sarkastische Seitenhieb Olives dann wieder für etwas klarere Luft.

Die letzten Kapitel waren hingegen großartig. Aus Olives Sicht erleben wir ihre Einsamkeit, nachdem Henry einen Schlaganfall erlitten hat. Das wird so harsch erzählt, dass einem auch ganz fröstelig wird, dabei hatten die beiden oft alles andere als eine liebevolle Ehe geführt. Beim Anschauen alter Fotos – Henry ist bereits im Pflegeheim – wird ihr bewusst, was für ein Hauch das menschliche Leben ist:

A picture of Henry as a small child. Huge-eyed and curly-haired, he was looking at the photographer […] You will marry a beast and love her, Olive thought. You will have a son and love him. You will be endlessly kind to townspeople as they come to you for medicine […] You will end your days blind and mute in a wheelchair. That will be your life. (S. 161)

Zwar hatten die beiden auch Geheimnisse voreinander, die dem anderen nicht so verborgen geblieben sind, wie sie das gedacht haben, aber erst als sie ihn verloren hat, wird Olive klar, dass Henry in all den Jahrzehnten ihrer Ehe der Freund war, dem sie – fast immer – alles erzählen konnte.  Und so hat sie – von oberflächlichen Telefonanrufen abgesehen – plötzlich niemanden mehr, dem sie überhaupt etwas erzählen kann und will.

Unter der kantigen und rechthaberischen Schale Olives verbirgt sich aber auch viel menschliche Anteilnahme und oftmals ein klarer Blick in die Nöte ihrer Mitmenschen, die sie jedoch kaum auszudrücken in der Lage ist. Sie würde gern eine alte Bekannte trösten, die während der Begräbnisfeier anlässlich der Beerdigung ihres eigenen Mannes erfährt, dass dieser sie mit ihrer Cousine betrogen hat.

She would like to rest a hand on Marlene’s head, but this is not the kind of thing Olive is especially able to do. (S. 180)

Fast alle scheitern an der Liebe, an den Sehnsüchten, die sie mit sich herumtragen, und sei es, dass man sich wünscht, dass einen der eigene Sohn besucht und man die Enkel aufwachsen sieht.

Sometimes, like now, Olive had a sense of just how desperately hard every person in the world was working to get what they needed. For most, it was a sense of safety, in the sea of terror that life increasingly became. People thought love would do it, and maybe it did. But even if, […] it was never enough, was it? (S. 211)

Eva Menasse hat in der Zeit vom 15. Juli 2010 erklärt, dass sie das Buch sogar ein wenig getröstet aus der Lektüre entlassen habe:

Nein, hier wird uns nichts erspart. Wenn man nur ein bisschen verengt daraufschaut, geht es im Leben doch, sobald die Jugend vorbei ist, nur noch bergab. Mit Blick aufs Meer ist auch ein Buch des Abschieds, von Jugend und Freiheit, von den eigenen Kindern, die sich einem, einmal erwachsen, entfremden, und schließlich vom Leben selbst. Das große Wunder beim Lesen besteht darin, dass man sich mit dieser eigentlich unerträglichen Wahrheit plötzlich abfinden kann und sogar heiter und getröstet ist, weil man den einzelnen, verwirrt hin und her krabbelnden Menschen als Teil eines gleichbleibenden Ganzen begreift. So findet Strout, genau wie damals Sherwood Anderson, gerade über die Zersplitterung wieder zur Ganzheit zurück.