Margrit Baur: Überleben (1981)

Dieses spröde, strenge und doch so spannende Buch der Schweizer Schriftstellerin Margrit Baur (1937 – 2017) mit dem Untertitel Eine unsystematische Ermittlung gegen die Not aller Tage wäre mir ohne die Empfehlung von Magda Birkmann in ihrem Jahresrückblick nie untergekommen. 

Margrit Baur, zu der es im Netz nur dürftige Infos gibt, wird in diversen Literaturgeschichten erst gar nicht genannt. Ihre Werke sind nur noch antiquarisch zu bekommen.

Die Ich-Erzählerin hält quasi protokollarisch fest, wie sie dagegen anrennt, Lohnarbeit verrichten zu müssen, obwohl sie etwas ganz anderes tun möchte, nämlich schreiben. Schon auf der ersten Seite heißt es:

Nächstes Jahr werde ich vierzig. Das Behagen, das ich mir vom Älterwerden erhoffte, hat sich nicht eingestellt. Ich habe mich nicht gewöhnt: nicht an die Welt, nicht an mich in ihr. Ich habe versucht nachzuhelfen, mich einzurichten: fester Wohnsitz, festes Einkommen, fester Freund; ich habe mich mit all dem Festen zusammengerührt und gewartet, daß ein Behagen draus werde. Es wurde nicht. (S. 7)

Die unsystematische Ermittlung hangelt sich assoziativ an ihrem täglichen Ergehen entlang, da geht es immer wieder um die eintönige und verhasste Arbeit als Korrektor für Zeitungsanzeigen. Dieses Nebeneinander von Lohnarbeit und Schreiben kennzeichnete im Übrigen auch das Leben der Autorin.

Ich weiß: Ich und was mir passiert, das ist nichts Besonderes. Doch statt daß mich das tröstet, bringt es mich auf. Ich sehe: die Ohnmacht, die sich aus der Tatsache ihrer Alltäglichkeit und Allgemeinheit selbst sanktioniert. Was alle täglich leiden, kann kein Leiden sein. Das Nicht-Besondere ist nicht der Rede wert. Man kennt es und will es vergessen. (S. 107)

Aber auch der „echolose Raum“ der Einsamkeit wird zum Thema, die Unmöglichkeit, mit Hilfe der Sprache in Kontakt zu kommen, sich so auszudrücken, dass ein Missverstehen ausgeschlossen ist.  Gleichzeitig gibt sie zu: 

Aber es stimmt schon: Ich habe die Menschen nicht sehr gern. (S. 30)

Was mich täglich überrascht, ist die Unbefangenheit, mit der die Leute Gespräche führen. (S. 22)

Die Erzählerin beschreibt das Wetter oder macht sich ihre Gedanken zur Trennung zwischen privat und öffentlich und zur Distanz, die sie gegenüber ihren Kollegen empfindet. Sie versucht der Entfremdung zwischen ihr und ihrem Freund auf den Grund zu gehen, der ansonsten – so wie andere Bekannte oder Familienmitglieder – außen vor bleibt, und erwähnt die Bemühungen um eine andere Arbeitsstelle.

Hier will jemand seiner „Beklommenheit auf die Spur kommen“ (S. 13), und das scheint nur aus einer bestimmten Distanz heraus möglich zu sein. Das liest sich streckenweise spröde, sehr häufig in der „man“-Formulierung und manchmal sich selbst entfremdet, wenn die Ich-Erzählerin beispielsweise einen Kollegenausflug schildert, bei dem die Möglichkeit auf echte oder freundschaftliche Begegnung von vornherein kategorisch ausgeschlossen wird. Sie weiß sowohl um die Gefahr, zynisch zu werden, als auch um die Gefahr des Rückzugs.

Schon fange ich an, mich im Dämmer der verdunkelten Wohnung wohl zu fühlen. Eine Art Höhlengeborgenheit stellt sich ein. Abgeschieden vom Draußen und nun wirklich herausgelöst aus aller Umwelt, entdecke ich den gefährlichen Reiz des Rückzugs. Daß ich den Demütigungen und Verletzungen so gänzlich entzogen bin, scheint sogar den Verzicht auf mögliche Verständigung aufzuwiegen. (S. 43)

Meine freien Tage verbringe ich fast ausschließlich lesend – auch das eine Form der Betäubung und der Flucht. Ich mag mich nicht meinen eigenen Gedanken überlassen; denn am Ende aller Überlegungen steht die Notwendigkeit, mein Leben zu ändern, neben der Unmöglichkeit, es zu tun. Ich sitze fest. Wer würde dieser Einsicht nicht davonlaufen wollen? (S. 93)

Ein Erzählen fast ohne Spannungsbogen, ohne Handlung, aber um jeden Satz, jede Formulierung kämpfend, als ob da jemand ständig mit dem Kopf durch die Wand will und empört darüber ist, dass die Gesellschaft ihr die Zeit mit sinnlosen Tätigkeiten stiehlt, nur damit sie ein halbwegs ausreichendes Einkommen hat. Manchmal scheint sie geradezu beleidigt, dass man ihren wahren Wert nicht besser zu schätzen weiß, ihr mit fast 40 Jahren nichts Adäquates anzubieten hat. Natürlich hat auch sie für dieses Dilemma keine Lösung oder einen neuen Gesellschaftsentwurf parat. Gleichzeitig beeindruckt mich, dass sie sich nicht gewöhnen und abfinden will.

So viel, das ich noch will. Auch in diesen Herbst hinaus will ich, der mir jeden Morgen seine durchsichtigen Nebel vors Fenster hängt. […] Zwischen Wasser und Wald den verschwimmenden Umrissen der Hügel nachsinnen und mich selbst für eine Weile ins Unscharfe betten. Zeit haben. Still das Gesicht hinhalten, wenn beim unvermittelten Durchbruch der Sonne aller Glanz über mich herabstürzt. (S. 178)

Sie besteht auf einem inneren Raum, der nur ihr gehört, auch wenn sie darunter leidet, dass die alltägliche Arbeit im Büro sie müde macht und dann eigene kreative Arbeit kaum mehr möglich ist. Nur selten die Muße, etwas zu tun, was niemandem nützt.

Das Gescheite hängt mir zum Hals heraus. Ich werde mich jetzt über die Ansprüche der seriösen Leute hinwegsetzen und ein Bild malen. In Öl. Das kann ich zwar auch nicht, aber ich mache es gern. (S. 149)

Selten habe ich mir in einem so schmalen Band so viele Stellen markiert wie hier. 

Es ist wahr, meine Situation ist nicht danach, um mit Begeisterung Ich zu sagen. Ich bin nicht sehr überzeugt von der Person, die da in meinen Schuhen herumläuft. Aber trotzdem müßte sie als ein lebendiges, atmendes Wesen in irgendeiner Weise dingfest zu machen sein. Sie kann sich nicht dauernd außerhalb meiner Formulierungen herumdrücken, nur weil sie Angst hat vor dem Befund. (S. 17)

Am Ende möchte man sich in Nachahmung Baurs jeden Tag ein wenig Zeit nehmen und versuchen, so präzise, so unmissverständlich und schonungslos wie einem eben möglich, ein Fazit des Tages zu ziehen.

Weiterreden. Auch wenn mich das Klimpern in den eigenen Sätzen manchmal entmutigt. Das Schwätzen ist nicht so leicht abzustellen. (S. 143)

Man kann sich um das mühsame Schritt-vor-Schritt seiner Tage nicht drücken. Das will nun gelebt sein, und keiner nimmt es uns ab. (S. 167)

Nicht nur in dem zum Ausdruck gebrachten Unbehagen an fremdbestimmter und oft genug sinnfreier Tätigkeit empfinde ich das Buch als zeitlos:

Wenn mich schon vom Montagmorgen an nur die Erwartung eines noch sehr fernen Freitagabends aufrechterhält, […] wenn der ganze Arbeitstag hinterher nur eine Leerstelle im Gedächtnis ist, so kann man das möglicherweise überstehen – leben kann man das nicht. Da erweist sich jeder Tag als ein Loch, am Abend notdürftig zugeschüttet, doch am Morgen fällt man auf neue hinein. (S. 52)

Was für eine Welt, in der für Unzählige der Begriff von Freiheit mit dem Freitagabendgefühl identisch ist. (S. 32)

Kurz gesagt: Das Buch gehört neu aufgelegt. 

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