Robert Seethaler: Ein ganzes Leben (2014)

An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka, der von den Talbewohnern nur der Hörnerhannes gerufen wurde, von seinem stark durchfeuchteten und etwas säuerlich riechenden Strohsack, um ihn über den drei Kilometer langen und unter einer dicken Schneeschicht begrabenen Bergpfad ins Dorf hinunterzutragen.

So beginnt der Roman Ein ganzes Leben des 1966 geborenen österreichischen Schriftstellers von 2014.

Kurz zum Inhalt

Die Geschichte des einfachen Seilbahnarbeiters Andreas Egger, der ca. 1898 geboren wurde, bei einem brutalen Ziehvater aufwächst, seine große Liebe Marie findet und wieder verliert und nach dem Krieg als Fremdenführer ein karges Auskommen findet, begeisterte Kritiker und Leser gleichermaßen.

Er war stark, aber langsam. Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen ihre Spuren, und zwar genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten. (S. 28)

Fazit

Nur ich tue mich ein bisschen schwer mit dem Buch.

Das liegt nun weder an der Sprache noch der Erzählweise, die mag ich sehr, sondern wohl vor allem an der Hauptfigur, der viel Schlimmes passiert und die am Ende doch versöhnt und im Einklang mit sich und der Welt in ihrer Hütte sterben kann.

Der Protagonist Andreas Egger: Vom Ziehvater vernachlässigt, ungebildet, immer hart arbeiten müssend, viel zu früh Witwer, wortkarg, der Natur und den geliebten Bergen sich näher fühlend als den Menschen.

Das vermittelt Seethaler beeindruckend und keineswegs ohne Witz. Genauso wie den langsamen, unaufhaltsamen Aufstieg des Fremdenverkehrs, der mit seinen Vorzügen und Nachteilen wunderbar anschaulich gemacht wird.

Immer ging er (Egger) voran, mögliche Gefahren im Blick und das Keuchen der Touristen im Rücken. Er mochte diese Leute, auch wenn manche von ihnen versuchten, ihm die Welt zu erklären, oder sich sonst irgendwie idiotisch aufführten. Er wusste, dass spätestens während eines zweistündigen Aufstiegs ihre Arroganz mit dem Schweiß auf ihren heißen Köpfen verdunsten würde, bis nichts mehr blieb als die Dankbarkeit, es geschafft zu haben, und eine knochentiefe Müdigkeit. (S. 117)

Dennoch:

Zwar mögen die Ruhe und die entspannte Zufriedenheit des Andreas Egger, der sich letztlich in sein Schicksal schickt, attraktiv sein. Er braucht weder Fernsehgerät, massenhaft Geld noch anderweitige Unterhaltung und in Zeiten, in denen wir ständig das Wachstumsgeplärre in den Ohren haben, täte uns derlei Sich-bescheiden-Können sicherlich gut.

Manchmal war es etwas einsam hier oben, aber er betrachtete seine Einsamkeit nicht als Makel. Er hatte niemanden, aber er hatte alles, was er brauchte, und das war genug. Der Blick aus dem Fenster war weit, der Ofen war warm… (S. 139)

Allerdings sah ich in ihm keineswegs nur das „einfache Herz“ (Ursula März), sondern auch einen manchmal dumpfen Menschen, z. B. als er ohne nachzudenken, für Vaterland und Hitler in den Krieg zieht. Nie ist die Rede von Traumata oder Alpträumen, die aus Kindheit oder Kriegsgefangenschaft zurückbleiben. Und die Jahre, die er braucht, um den Tod seiner Frau zu verwinden, werden eben einfach per Zeitraffer in ein paar Sätzen abgehandelt.

Und was macht er die vielen langen Stunden, in denen er allein in seiner Hütte hockt? Bücher liest er nicht. Ein Fernsehgerät kam ihm nie ins Haus. Im Grunde bleiben Arbeit, Schmutz, Nahrungsaufnahme und die Berge.

Woher rührt also seine Zufriedenheit? Wo kommt sie her? Ist es die Reduktion aufs Überlebensnotwendige? Darüber hätte ich mehr erfahren wollen. Im Grunde wird mir sein Innenleben verschwiegen, dadurch wirkt Egger archaisch, ein bisschen märchenhaft.

Vermutlich ist mir ein Mensch unheimlich, der so sehr bei sich ist, dass er gar kein Interesse daran hat, die Welt außerhalb seines Tals kennenzulernen oder gar zu begreifen. Und wenn er unsicher ist, wie er sich zu verhalten hat, ahmt er einfach die anderen nach.

Spiegelt also der Erfolg des Buches nicht nur die (verdiente) Anerkennung für ein sprachlich gelungenes Buch, sondern möglicherweise auch die Sehnsucht seiner LeserInnen nach dem vermeintlich „einfachen“ Leben? So wie die Touristen, die Egger durch die Berge führt, auch dauernd etwas suchen, das sie selbst kaum benennen können?

Anmerkungen

Besprechungen gibt es u. a. bei buchrevier, der Gedankenlabyrintherin, auf Binge Reading & More und auf Literaturen.

Außerdem gibt es lesenswerte Beiträge auf Zeichen und Zeiten und auf Lobe den Tag.

Hier, im Audio-Beitrag zum Blauen Sofa, gibt es ein Gespräch mit dem Autor.

Weitere Rezensionen gibt es hier: