Julie Otsuka: The Buddha in the Attic (2011)

On the boat we were mostly virgins. We had long black hair and flat wide feet and we were not very tall. Some of us had eaten nothing but rice gruel as young girls and had slightly bowed legs, and some of us were only fourteen years old and were still young girls ourselves. Some of us came from the city, and wore stylish city clothes, but many more of us came from the country and on the boat we wore the same old kimonos we’d been wearing for years – faded hand-me-downs from our sisters that had been patched and redyed many times.

So beginnt ein höchst erstaunlicher Roman der amerikanischen Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln. Katja Scholtz übersetzte Wovon wir träumten ins Deutsche. Noch nie habe ich ein Buch aus dieser Perspektive gelesen, und in einer Rezension im Observer stand, dass ein solches Vorhaben eigentlich nicht gelingen könne, und uns die Autorin zeigt, dass es eben doch funkioniere, doch dazu später mehr.

Zum Inhalt

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts begeben sich viele junge Japanerinnen als sogenannte picture brides auf die beschwerliche Schiffsreise nach Kalifornien, um dort japanische Einwanderer zu heiraten, die sie nur von den Fotos der Heiratsvermittler kennen. Dort angekommen, müssen viele von ihnen feststellen, dass die Fotos zum Teil schon Jahrzehnte alt sind, dass nicht das große oder kleine Liebesglück mit Häuschen und Tulpen im Vorgarten auf sie wartet, sondern Knochenarbeit auf den Feldern, Armut und schweigsame oder trinkende Männer. Sie lernen die Sprache nur unzureichend. Und nur sehr sehr allmählich stabilisieren sich die Verhältnisse.

Manchmal können von den geringen Ersparnissen die ersten eigenen Lokale und Wäschereien eröffnet werden. Manch eine findet eine Anstellung in einem weißen Haushalt (samt der Nachstellungen des Hausherrn). Nachwuchs stellt sich ein, der bald eher amerikanisch als japanisch redet und sich oft genug seiner Herkunft schämt. Die Frauen bleiben – wenn auch als zuverlässige, billige und arbeitsame Arbeitskräfte geschätzt – immer geduldete Außenseiter. Das ändert sich im Zweiten Weltkrieg. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour beginnt eine hysterische Kampagne. Alle Japaner im weiteren Westküstenbereich werden der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt und interniert oder umgesiedelt. Die Nachbarn schauen zu und nehmen’s hin.

Fazit

Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist die Perspektive. Konsequent wird aus der „Wir-Perspektive“ geschrieben und so verschmelzen unzählige Stimmen zu einem gewaltigen Chor, in dem das einzelne, individuelle Schicksal eingebettet wird in einen nicht abreißenden Strom, und zwar, ohne dass es dadurch unpersönlich oder langweilig würde. Die Traumata solcher Lebensgeschichten werden in den Träumen und dem Heimweh spürbar:

And when we’d saved up enough money to help our parents live a more comfortable life we would pack up our things and go back home to Japan. It would be autumn, and our fathers would be out threshing in the fields. We would walk through the mulberry groves, past the big loquat tree and the old lotus pond, where we used to catch tadpoles in spring. Our dogs would come running up to us. Our neighbours would wave. Our mothers would be sitting by the well with their sleeves tied up, washing the evening’s rice. And when they saw us they would just stand up and stare: „Little girl,“ they would say to us, „where in the world have you been?“ (S. 53)

Nachgetragen sei hier noch das Gedicht von Mizuta Masahide (1657 – 1723), das die Autorin ganz an den Anfang ihres Romans stellt:

Barn’s burnt down —
now
I can see the moon.

Hätte ich vorher gewusst, welche Erzählperspektive Otsuka gewählt hat, ich wäre skeptisch gewesen. Doch das Vorhaben ist ihr gelungen. Elizabeth Day schreibt im Observer am 8. April 2012:

Instead of a single, named protagonist, Otsuka writes in the first personal plural through a series of thematic chapters. Such a device shouldn’t work but does. Although there are no dominant characters, Otsuka’s brilliance is that she is able to make us care about the crowd precisely because we can glimpse individual stories through the delicate layering of collective experience.

Zu Recht ist sie für dieses Buch nicht nur unter die fünf Finalisten des National Book Award 2011 gekommen, sie hat auch den PEN/Faulkner Award for Fiction und den David J. Langum Sr. Prize verliehen bekommen, einen amerikanischen Literaturpreis für Werke, die sich mit geschichtlichen Themen befassen. Johan Dehoust schreibt am 13. August 2012 im Spiegel:

Julie Otsuka stützt sich auf echte Schicksale, im Nachwort des Romans listet sie akribisch die historischen Quellen auf, auf die sie zurückgegriffen hat. Und nach ihrer Recherche scheint sie entgegen aller Erzählprinzipien beschlossen zu haben, so viele Figuren auftauchen zu lassen wie möglich. Dass man ihr Buch deshalb nicht völlig verwirrt über die Bettkante wirft, liegt neben Otsukas einzigartiger Sprache vor allem an der Perspektive: Die jungen Frauen sprechen in der Wir-Form, wie ein mächtiger, orakelhafter Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt.

Auch ihr erster Roman When the Emperor was Divine (2002) befasst sich mit der Geschichte japanischer Einwanderer in Amerika, diesmal zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Sie verarbeitet darin Erfahrungen ihrer eigenen Familie: „… her grandfather was arrested by the FBI as a suspected spy for Japan the day after Pearl Harbor was bombed, and her mother, uncle and grandmother spent three years in an internment camp in Topaz, Utah“ (siehe die Homepage der Autorin).

Wer mehr  zum geschichtlichen Hintergrund wissen möchte, sei noch auf den Wikipedia-Artikel hingewiesen: Internierung japanischstämmiger Amerikaner.

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Margaret Humphreys: Oranges and Sunshine (1994)

The truth which makes men free is, for the most part, the truth which men prefer not to hear. (Herbert Agar, S. 200)

Anlässlich Peggys Artikel Von Strafkolonien und Völkermord auf ihrem Blog Entdecke England möchte ich noch einmal eine eindrückliche Geschichtsstunde aus meinem Archiv holen.

Margaret Humphreys: Oranges and Sunshine (1994); Originaltitel: Empty Cradles

So fing alles an

Margaret Humphreys, 1944 in Nottingham geboren, arbeitete als Sozialarbeiterin und war zuständig für Familien, die damit überfordert waren, sich selbst um ihre Kinder zu kümmern.

1975 sorgte eine Gesetzesänderung dafür, dass erwachsene Adoptivkinder Zugang zu ihren Geburtsurkunden bekommen konnten. Daraufhin gründete Humphreys 1984 eine Selbsthilfegruppe, damit diese Erwachsenen sich über die Probleme, Ängste und Identitätsfragen austauschen konnten, die durch die Suche nach den leiblichen Eltern ausgelöst wurden.

Eine Australierin, 1986 zufällig auf Besuch in Nottingham, erfährt von dieser Gruppe und berichtet ihrer Freundin Madeleine in Australien davon. Kurze Zeit später bittet Madeleine Margaret in einem Brief um Hilfe bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern, denn Madeleine war als englisches Waisenkind mit vier Jahren nach Australien verschickt worden.

Margaret kann das nicht so ganz glauben, doch auch eine ihrer Klientinnen in der Selbsthilfegruppe behauptet, dass ihr Bruder als kleiner Junge nach Australien verschickt worden sei. Sie beginnt nachzuforschen und bringt für sich und andere eine Lawine ins Rollen, die der Leser nun beeindruckt und entsetzt über die nächsten sieben Jahre mitverfolgt.

So geht es weiter

Humphreys schildert, wie sie, zunächst selbst völlig arg- und ahnungslos, mit Unterstützung ihres Mannes immer mehr Details über das sogenannte „child migration scheme“ in Erfahrung bringt: Die britische Regierung hatte schon im frühen 17. Jahrhundert Kinder nach Virginia verschickt, um die Kolonialisierung voranzutreiben (siehe auch den Wikipedia-Artikel zu Home Children). Doch noch im 20. Jahrhundert erfreute sich die Idee, missliebige Kinder aus Kinderheimen, die dem Steuerzahler ja ohnehin nur auf der Tasche lagen, in Gebiete des ehemaligen Empire zu schicken, großer Beliebtheit.

Between 1900 and the Depression of the 1930s, children were primarily sent to Canada, but after the Second World War the charities and agencies began to concentrate on Australia and, to a much lesser extent, Rhodesia and New Zealand. (S. 79)

Margaret kann das Interesse des Observer gewinnen und hat so die Möglichkeit, die Journalistin Annabel Ferriman auf der ersten Recherchereise nach Australien zu begleiten. Da wissen sie bereits, dass vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Schiffsladungen mit Kindern aus England nach Australien gebracht wurden. Beteiligt waren u. a. folgende Organisationen: die Heilsarmee, National Children’s Home, Children’s Society, die Church of England, die Presbyterian Church, die Church of Scotland, die Fairbridge Society, Dr Barnardo’s und der ebenfalls katholische Orden der sogenannten Christian Brothers.

Die Kinder kamen dann in (vorwiegend katholische) Kinderheime in Australien und mussten dort z. T. Sklavenarbeit verrichten. Viele begingen Diebstähle, weil sie nicht genug zu essen bekamen. In den überwiegend von Männern geführten Institutionen gab es keine Liebe, keine Fürsorge. Bettnässer wurden bestraft und gedemütigt, die Bettdecken waren zu dünn, die Matratzen schmutzig. Vor allem bei den Christian Brothers gab es zahlreiche Fälle von grauenhafter sexueller Gewalt. Doch auch in den von Nonnen geführten Mädchenheimen haben sich einzelne Sadistinnen oder völlig von ihrer Aufgabe überforderte Frauen ausgetobt.

Einige der Zöglinge waren anschließend für ihr Leben gezeichnet und nie wieder in der Lage, irgendjemandem zu vertrauen. Es gab zwar Angebote aus der australischen Bevölkerung, Kinder zu adoptieren, doch das wurde von der katholischen Kirche normalerweise verweigert. Die Kinder mussten in den Institutionen bleiben, denn sie waren nicht nur billige Arbeitskräfte, sondern auch eine gute Einnahmequelle, da sich die britische und die australische Regierung die Kosten pro Kind bis zum 14. Lebensjahr teilten.

Humphreys zeigt, dass es eine in vielen Fällen geradezu aberwitzige Verdrehung der Tatsachen ist, wenn behauptet wurde, dass den Waisenkindern in Australien tolle Möglichkeiten geboten wurden, die sie in Großbritannien nie gehabt hätten.

Es kommt aber noch schlimmer: Selbst die Kinder, die in ihrer neuen Heimat erträgliche Bedingungen vorfanden, sind um einen wesentlichen Teil ihrer Identität betrogen worden. Humphreys findet heraus, dass es sich bei den angeblichen Waisenkindern gar nicht um Waisenkinder gehandelt hat. Nahezu alle haben oder hatten in Großbritannien Mütter, Geschwister oder Verwandte, die sie nun – Jahrzehnte später – mit der von Humphreys gegründeten Stiftung „Child Migrants Trust“ versuchen, ausfindig zu machen. Doch Kinder, denen man erzählt hatte, dass sie Vollwaisen seien, waren natürlich leichter beeinflussbar und eher bereit, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, ohne unbequeme Fragen zu stellen.

Den Müttern, die, oft aus einer Notlage heraus, ihre Kinder ins Heim gegeben hatten, hat man, wenn sie ihre Kinder wieder zu sich nehmen wollten, erzählt, dass ihre Kinder tot seien. Eine andere Variante lautete, sie würden inzwischen bei liebevollen englischen Adoptiveltern aufwachsen oder sie seien halt inzwischen in Australien. Dies sogar dann, wenn Mütter ausdrücklich eine Adoption verweigert hatten, weil sie immer vorhatten, ihr Kind irgendwann zurückzuholen.

Humphreys geht dabei auch der Frage nach, wie es politisch und juristisch überhaupt möglich war, Kinder einfach in ein anderes Land abzuschieben. Großbritannien hat lange jegliche Verantwortung für diese Zwangsverschickung abgestritten, obwohl die Dokumente in den Archiven eine andere Sprache sprechen. Die historischen Quellen belegen außerdem, dass Australien ein enormes Interesse an britischen Kindern hatte, weil die der „richtigen“ Rasse angehörten, noch formbar waren, finanziell günstiger waren als erwachsene Einwanderer und als Verstärkung gegen eine befürchtete asiatische Invasion die Bevölkerungsdichte nach oben treiben sollten. 1945 beispielsweise rief der australische Premierminister eine entsprechende Konferenz ein, um für die massenhafte Einwanderung von Kindern zu werben. Er dachte an mindestens 50.000 Kinder.

Das weitere Schicksal der Kinder hing dann auch davon ab, in welches Land sie verschickt wurden. Diejenigen, die nach Neuseeland kamen, wurden zwar überwiegend in Pflegefamilien gebracht, doch denen ging es vorrangig um billige Arbeitskräfte auf den Farmen. Die Kinder, die nach Simbabwe – damals Rhodesien – verschickt wurden, haben ihre Kindheit meist in guter Erinnerung. Ihre Auswanderung war oft die Entscheidung der gesamten Familie, die – zu Recht – vermutete, dass dem Kind als Mitglied der weißen „Herrenrasse“ in Afrika Möglichkeiten offen stehen würden, die in Großbritannien völlig illusorisch gewesen wären. Einige der ehemaligen child migrants sehen das selbst heute noch völlig unkritisch und bedauern höchstens, dass der Einfluss der Weißen schwindet. Humphreys befragt z. B. einen wohlhabenden weißen Anwalt, der als Kind nach Simbabwe gekommen war, nach den Lebensbedingungen seines Kochs:

  • ‚He lives at the end of the garden.‘
  • ‚And is he married?‘
  • ‚Oh yes – and he’s got children.‘
  • ‚Does his wife live here?‘
  • ‚No, we let him go and see her once a year.‘ (S. 153)

Humphreys schildet aber nicht nur die Einzelheiten des lange totgeschwiegenen child migration scheme, sondern zeigt auch die politischen und kirchlichen Reaktionen auf die Enthüllungen.

Die offiziellen Reaktionen der katholischen Kirche waren alles andere als christlich: Die Kirche versuchte lange, sich als Opfer einer medialen Hetzkampagne zu inszenieren und selbst Jahrzehnte später nur eine Pseudo-Aufarbeitung durch eigene Ordensleute zuzulassen. Dr Barry Coldrey, selbst ein Angehöriger der Christian Brothers und von der katholischen Kirche beauftragt, den Anschuldigungen nachzugehen, entblödete sich nicht, noch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Kindern die Schuld an den sexuellen Abartigkeiten ihrer Priester zu geben.

Brother Gerald Faulkner verteidigte die in den fünfziger Jahren gängige Praxis, pädophile Priester einfach in ein anderes Jungenheim zu versetzen, da man es halt nicht besser gewusst habe.

People assumed that a new start in life at a new place would bring about a different sort of life. (S. 325)

Die ersten Forschungsarbeiten zu dem Thema gingen davon aus, dass ca. 20 % der Jungen in den Heimen der Christian Brothers missbraucht oder vergewaltigt wurden.

Auch die anderen Organisationen waren zunächst weder zu einer Aufarbeitung dieses Kapitels noch zu einer (finanziellen) Unterstützung des Child Migrants Trust bereit. Manche weigerten sich, Akteneinsicht zu gewähren.

Als der öffentliche Druck zu groß wurde, schickte z. B. die Fairbridge Society brisante Unterlagen den Betroffenen einfach per Post, die dann sehen konnten, wie sie damit zurechtkamen, auf einmal den Namen ihrer Mutter, ein anderes Geburtsdatum und vielleicht einen anderen Taufnamen schwarz auf weiß vor sich zu haben, obwohl sie bis dahin geglaubt hatten, Vollwaisen zu sein.

Als Leser ist man beschämt, wenn man von den Schwierigkeiten liest, genügend Geld für die Arbeit des Child Migrants Trust zusammenzubetteln, und man fragt sich, wer wohl hinter den Morddrohungen und dem nächtlichen Überfall in Australien gegen Margaret gesteckt hat, nach dem sie jahrelang Schlafprobleme hatte.

Fazit

Ein spannendes, informatives Buch mit vielen Zitaten aus historischen Dokumenten, Briefen und Gesprächen, das es einem nicht einfach macht, denn es zeigt, dass das „Böse“ oft ein kaum noch zu entwirrendes Gemisch aus Rassismus, Zeitgeist, guten Absichten, Bürokratie, Fanatismus, Heuchelei, fehlender Kontrolle, Selbstgerechtigkeit und banaler Ignoranz ist.

Als Humphreys sich irgendwann fragt, wie sie bloß in all das hineingeraten ist, lächelt ihr Mann sie an und meint:

It’s that well-known mixture of the right person, in the right place, at the right time, with a smashing family. (S. 329)

Sie hat persönliche Opfer für diese Arbeit gebracht, ihren Mann und ihre zwei Kinder oft über Wochen, manchmal Monate, allein gelassen und selbst gesundheitliche Beeinträchtigungen in Kauf genommen, nur um ihrem Ziel näher zu kommen: so viele child migrants wie möglich noch mit ihren Müttern in Großbritannien zusammenzubringen, bevor der Tod das unmöglich macht.

Sie erzählt ihre Geschichte mit sanftem Humor, Wehmut und einer nicht versiegenden Menschlichkeit.

No matter how many stories of abuse I hear, I am always shocked. You can’t be prepared. I’m not shocked by the knowledge that brothers or priests or others are capable of such brutality. It’s the total devastation of the victim that stuns me; the fact that he has held on to his pain for all these years. It humbles me. […] It’s no good sitting there saying I don’t want it. You take their baggage because you know it’s too heavy for one person to carry through a lifetime. (S. 298)

Die letzten Kinder wurden übrigens 1967 verschickt.

Sowohl die australische als auch die britische Regierung haben sich inzwischen offiziell bei den ehemaligen child migrants entschuldigt und Humphreys ist vielfach für ihr Engagement ausgezeichnet worden.

Anmerkungen

Das Buch zeigt, wie hilfreich die Medien sein können. Ohne die Arbeit engagierter Journalisten und Filmemacher wäre die Arbeit von Humphreys und ihren Mitstreitern wahrscheinlich im Sande verlaufen. Nur mit der Hilfe von Zeitungsartikeln, Radiointerviews und Dokumentationen konnte die nötige Breitenwirkung erreicht werden, die notwendig war, um politischen Druck auszuüben, Beratungsstellen in Großbritannien und Australien aufzubauen, die Frage nach finanzieller Entschädigung anzustoßen und die Suche nach vermissten Familienangehörigen zu finanzieren.

Folgende Dokumentationen und Filme haben besonders dazu beigetragen, dass das Thema öffentlich wahrgenommen und diskutiert wurde. Die Filme sorgten außerdem dafür, dass sich Tausende ehemaliger child migrants an die jeweils geschalteten Hotlines wendeten, ihre Geschichten erzählten und sich ebenfalls auf die Suche nach ihren Müttern begaben, von denen sie Jahrzehnte lang geglaubt hatten, dass sie tot seien.

Auf die Ähnlichkeiten mit dem Schicksal der australischen „Stolen Generation“ kann hier nur hingewiesen werden.

Übrigens ist auch Frankreich in der Vergangenheit ähnlich vorgegangen und hat von 1963 bis 1982 über 1600 Waisenkinder aus Réunion nach Frankreich gebracht, um der zahlenmäßig schwächelnden Landbevölkerung aufzuhelfen. Siehe dazu den Artikel im Guardian vom Februar 2014.

Trauriger Nachtrag: Noch immer werden unzählige Aborigenes-Kinder zwangsweise von ihren Familien getrennt. Siehe den Artikel im Guardian vom März 2014.

Margaret Powell: Below Stairs (1968)

I was born in 1907 in Hove, the second child of a family of seven. My earliest recollection is that other children seemed to be better off than we were. But our parents cared so much for us. One particular thing that I always remember was that every Sunday morning my father used to bring us a comic and a bag of sweets. […] Sometimes now when I look back at it, I wonder how he managed to do it when he was out of work and there was no money at all coming in.

So beginnt der autobiografische Rückblick der britischen Schriftstellerin auf ihre Jugend und die anschließende Zeit als „kitchen maid“ in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts:

Margaret Powell: Below Stairs (1968)

In den ersten leider völlig uninspiriert heruntergeschriebenen Kapiteln schildert Powell die Armut und die ständigen Geldsorgen ihrer Familie. Der Vater war als Anstreicher oft arbeitslos, die Mutter arbeitete den ganzen Tag als Putzfrau. Staatliche Unterstützung gab es nicht und dennoch war es der Mutter zuwider, Almosen ihrer Arbeitgeber anzunehmen. Besonders schwierig war die finanzielle Lage während des Ersten Weltkrieges, als Margarets Mutter sämtliche Regale und Teile der Treppe verfeuerte, um wenigstens ein bisschen Wärme zu haben.

Margaret und ihre Geschwister müssen schon früh Aufgaben übernehmen, sind ständig hungrig und doch auch findig, wenn es beispielsweise darum geht, das Geld für eine Stummfilmvorführung aufzutreiben. Sie schildert nicht nur die Spiele der Kinder, den nachhaltigen Eindruck, den ein Zirkusbesuch auf sie machte, sondern auch die Beengtheit der Arbeiterwohnungen, in denen die Eltern immer dann miteinander schliefen, wenn die Kinder in der Sonntagsschule waren.

Als Margaret 13 Jahre alt ist, gewinnt sie ein Stipendium fürs Gymnasium; ihr Traum ist, später Lehrerin zu werden. Doch ihr ist völlig klar, dass sie trotzdem die Schule verlassen muss, um ihren Eltern nicht länger finanziell zur Last zu fallen. Zwei Jahre arbeitet sie in einer Wäscherei, bevor sie dann mit 15 ihre erste Stelle als „kitchen maid“ antritt.

Ab diesem Moment liegt die geschichtliche Bedeutsamkeit dieser Memoiren auf der Hand. Die Arbeitsbedingungen, unter denen Margaret nun viele Jahren arbeiten muss, sind atemberaubend grässlich. Und wer schon einmal eines der prächtigen Herrenhäuser in Großbritannien besichtigt und sich gewundert hat, wieso man bei derlei Besichtigungen so wenig über das Heer der Hausangestellten erfährt, weiß spätestens nach diesem Buch den Grund dafür. Sie waren für die meisten Herrschaften buchstäblich unsichtbar, einfach extrem billige Arbeitskräfte, denen man jegliche „gehobenen“ Bedürfnisse nach Bildung, Büchern oder schlicht einem nett eingerichteten Zimmer absprach.

Als „kitchen maid“ ist Margaret in der Hierarchie der Hausangestellten auf der untersten Stufe angesiedelt. Sie wird den anderen nicht einmal vorgestellt:

… don’t think I was introduced to them. No one bothers to introduce a kitchen maid. You’re just looked at as if you’re something the cat brought in. (S. 46 der Taschenbuchausgabe)

Moderne Hilfsmittel wie effektive Reinigungsmittel, Staubsauger, Handschuhe etc. gibt es nicht, die Arbeitszeiten sind katastrophal. Während des Frühjahrsputzes arbeitet sie von morgens kurz nach fünf Uhr bis abends um acht. Die Haushalte der gehobenen Schicht oder des Adels waren groß, täglich mussten Treppenstufen, Türen, Schränke, Geschirr und eine Unzahl an Töpfen gereinigt werden, oft waren ihre Hände aufgesprungen oder blutig. Freie Tage waren selten und man hatte kaum Gelegenheit, andere junge Menschen oder gar Männer kennenzulernen. Selbst wenn die Arbeit erledigt war, durfte man abends nicht mehr das Haus verlassen.

Die Ausbeutung, denen die Hausangestellten ausgesetzt waren, erinnert teilweise an Leibeigenschaft. Im Winter friert das Waschwasser in Margarets spartanisch eingerichtetem Zimmer ein, das sie sich mit einer weiteren Hausangestellten teilen muss. An ihrer ersten Stelle muss sie beispielsweise die Schnürsenkel in sämtlichen Schuhen bügeln, während der Enkelin des Hauses, die nur zwei Jahre jünger ist als Margaret, sogar die Zahncreme auf die Zahnbürste aufgetragen wird. Gleichzeitig wird den Dienstboten immer wieder suggeriert, dass sie auf einer völlig anderen Stufe stehen und dies auch fraglos, ja dankbar hinzunehmen hätten.

Eines Morgens will sie gerade die Zeitungen auf den Tisch in der Eingangshalle legen, als ihre Arbeitgeberin die Treppe hinunterkommt.

I went to hand her the papers. She looked at me as if I were something subhuman. She didn’t speak a word, she just stood there looking at me as though she could hardly believe that someone like me could be walking and breathing. […] I couldn’t think what was wrong. Then at last she spoke. She said, ‚Langley, never, never on any occasion ever hand anything to me in your bare hands, always use a silver salver. Surely you know better than that. Your mother was in service, didn’t she teach you anything?‘ (S. 74)

Die Demütigungen, die harte und schmutzige Arbeit, die Heuchelei ihrer Arbeitgeber und die Kränkung, ihre Schullaufbahn nicht fortsetzen zu können, führen zu Aggressionen und Minderwertigkeitsgefühlen, die ihr noch Jahrzehnte später, als sie gar nicht mehr als Hausangestellte arbeitet, schwer zu schaffen machen.

Diese Verbitterung spiegelt sich auch in ihren Erinnerungen. Es kostet sie sichtlich Mühe, allen Beteiligten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Oft findet sich ein Schwarzweiß-Denken, ‚die da oben‘ sind automatisch die Feinde. Ihr Schreibstil ist weder subtil noch an psychologischen Nuancen interessiert, aber vielleicht erklärt gerade das die Wucht ihrer Schilderungen.

We always called them ‚Them‘. ‚Them‘ was the enemy. ‚Them‘ overworked us, and ‚Them‘ underpaid us, and to ‚Them‘ servants were a race apart, a necessary evil. (S. 94)

Wer allerdings könnte ihr ihren Zorn über die Heuchelei verdenken, den sie doch hinunterschlucken muss, wenn sie immer wieder beobachtet, wie ihre Arbeitgeber so besorgt um das Seelenheil und die moralische Integrität ihrer Bediensteten sind, sich aber einen feuchten Kehricht darum scheren, ob die Arbeits- und Schlafbedingungen eigentlich zumutbar oder gar dem Wohlbefinden förderlich sind.

Auch vor Nachstellungen und sexuellen Belästigungen sind die Hausangestellten nie hundertprozentig sicher. Die vornehmen Damen hingegen engagieren sich mit Begeisterung in diversen Wohltätigkeitsvereinen, z. B. für „fallen women“, doch sobald ein eigenes Zimmermädchen schwanger wird, wird ihm sofort gekündigt. Die Doppelmoral der herrschenden Schicht zeigt sich auch in den ‚love nests‘, die viele der vornehmen Herren irgendwo für ihre Geliebte eingerichtet haben.

Irgendwann erreicht sie ihr Ziel: Durch die Heirat kann sie dem ungeliebten Beruf enfliehen. Sie und ihr Mann Albert bekommen drei Söhne, für deren Schulbildung sie alles tut. Diesem Lebensabschnitt widmet sie gegen Ende des Buches nur wenige Seiten. Nach dem Zeiten Weltkrieg fängt Margaret an, Kurse zu besuchen und dem lange unterdrückten Wunsch nach Bildung Raum zu geben. Mit 58 besteht sie ihre ‚O-levels‘ und 1969 legt sie in Englisch ihre ‚A-levels‘ ab, was dem Buch dann noch eine versöhnlichere Note verleiht.

Und nach dem Erfolg ihres Buches geht es dann noch einmal richtig los:

… older people were clearly disturbed by the book’s anger. In the follow-up volume, published the next year, Powell explains how her memoir had prompted a storm of hurt letters from readers who had grown up in well-heeled households. They wrote to tell Powell that they knew for a fact that their parents had always tried hard to treat their servants as human beings. Some even went into detail about the bedrooms in which their maids had slept, anxious to prove how much effort had gone in to providing a comfortable home from home for the working-class girls in their care. Powell, though, was having none of it: while acknowledging that individual employers could be kind, the fundamental point remained that ’servants were not real people with minds and feelings. They were possessions.‘ (Kathryn Hughes, The Guardian, 19. August 2011)

Sie schrieb einige Romane und weitere Bücher über ihre Erfahrungen als „domestic worker“, z. B. Climbing the Stairs (1970).  Powell wurde ein gern gesehener Gast im Fernsehen. Bei ihrem Tod 1984 hinterließ sie ein Vermögen von 77.000 Pfund und ihre Bücher haben Serienklassiker wie „Das Haus am Eaton Place“ (auf Englisch „Upstairs, Downstairs“) inspiriert.

Also eine überaus interessante Lektüre, weil sie einen Einblick in eine Welt bietet, die spätestens im Zweiten Weltkrieg weitgehend untergegangen ist. Außerdem veranschaulicht das Buch sehr deutlich das Fazit, das Powell in der Einleitung zu ihrem zweiten Buch gezogen hat: Diese grenzenlose Ausbeutung war genau so lange möglich, wie den Heerscharen schlecht ausgebildeter Mädchen andere Verdienstmöglichkeiten gar nicht offen standen.

Hier geht’s lang zu einem (architektonischen) Blick auf die Arbeitsbedingungen der britischen Hausangestellten im 19. Jahrhundert.

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Kathrine Kressmann Taylor: Address unknown (1938)

Schulse-Eisenstein Galleries, San Francisco, California, U.S.A.

November 12, 1932

Herrn Martin Schulse Schloss Rantzenburg Munich, Germany

MY DEAR MARTIN:
Back in Germany! How I envy you! Although I have not seen it since my school days, the spell of Unter den Linden is still strong upon me – the breadth of intellectual freedom, the discussions, the music, the lighthearted comradeship. And now the old Junker spirit, the Prussian arrogance and militarism are gone. You go to a democratic Germany, a land with a deep culture and the beginnings of a fine political freedom. It will be a good life. Your new address is impressive and I rejoice that the crossing was so pleasant for Elsa and the young sprouts.

So beginnt

Kathrine Kressmann Taylor: Address unknown (1938)

Auf Deutsch erschien das schmale Werk erst 2001, und zwar unter dem Titel Adressat unbekannt.

Zum Inhalt

Die Geschichte spielt von 1932 bis 1934 und besteht aus einem (fiktiven) Briefwechsel zwischen einem jüdischen, inzwischen in Amerika lebenden Kunsthändler und seinem Freund und Geschäftspartner Martin, der nach Deutschland zurückgekehrt ist.

Versichern sich die beiden in ihren Briefen zunächst noch ihrer innigen Freundschaft, bei der es keine Rolle spielt, dass Max Eisenstein Jude ist, so ändert sich allmählich der Ton in den Briefen. Martin findet trotz anfänglicher Zweifel immer mehr Gefallen an der erstarkenden Bewegung der Nationalsozialisten und sieht in ihr die Chance auf ein neues Deutschland, das sich nicht länger hinter der Schande von Versailles verstecken müsse.

Besorgte und kritische Fragen des amerikanischen Freundes zu den Veränderungen in Deutschland werden zunehmend verärgert vom Tisch gewischt. Schließlich bittet Martin sogar darum, dass Max ihm keine Briefe mehr an seine Privatadresse schickt, da dies ihm nur unnötigen Ärger mit der Zensur und den neuen Machthabern eintrage. Er hofft dafür auf Verständnis. Doch Max muss ihm doch noch einmal schreiben: Er bittet seinen alten Freund, eine diskret-schützende Hand über seine Schwester Griselle, die ehemalige Geliebte von Martin, zu halten, da diese politisch naiv ein Schaupielengagement in Berlin angenommen habe und er um ihre Sicherheit fürchtet, sollte sie als Jüdin enttarnt werden.

Ab hier wäre es schade, den weiteren Fortgang der Handlung vorwegzunehmen.

Fazit

Bei nur 57 Seiten (und einer außerordentlich großzügigen Platzaufteilung) sind natürlich keine tiefen Charakterschilderungen und Feinheiten im Detail möglich. Dennoch ist Address unknown ein spannendes Lehrstück, eine Geschichte, deren Ende den Leser überrascht und ihn mit einigen Fragen, und vielleicht auch mit – vorschneller – Genugtuung zurücklässt. Meine Ausgabe – gespickt mit Rechtschreibfehlern – hat, obwohl das für das Verständnis des Werkes und des Titels entscheidend ist, nicht kenntlich gemacht, dass der letzte Brief, den Max schreibt, an ihn mit dem Vermerk „Adressat unbekannt“ zurückgesandt wird.

Hintergrund

Das Wichtigste an dieser Geschichte ist aber wohl ihr Erscheinungsdatum: Sie wurde 1938 in der Zeitschrift Story veröffentlicht und warnte also sehr früh die amerikanische Öffentlichkeit vor dem Nationalsozialismus, die sehr lange der Meinung war, dass man sich in europäische Belange nicht einmischen solle. Die komplette Ausgabe der Zeitschrift war innerhalb von zehn Tagen ausverkauft. Reader’s Digest veröffentlichte eine gekürzte Version und die kurz darauf erschienene Buchausgabe war mit 50.000 verkauften Exemplaren ein für damalige Verhältnisse unglaublicher Erfolg. In Deutschland wurde das Buch 1939 verboten.

Im Vorwort einer amerikanischen Ausgabe gibt der Sohn der Autorin einige Hinweise zur Entstehung des Romans: Seine Mutter habe selbst erlebt, wie kultivierte warmherzige Deutsche, die längere Zeit in Amerika gelebt hatten, sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland massiv veränderten und bei einem Besuch in Amerika einen alten Freund auf der Straße ignorierten, weil dieser Jude war.

What changed their hearts so? What steps brought them to such cruelty? These questions haunted me very much and I could not forget them. […] I began researching Hitler and reading his speeches and the writings of his advisors. What I discovered was terrifying. What worried me most was that no one in America was aware of what was happening in Germany and they also did not care.

Wiederentdeckung

1995 wurde das schmale Bändchen anlässlich des 50sten Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager neu aufgelegt und erregte noch einmal internationales Aufsehen. In Frankreich stand es zwei Jahre auf der Bestsellerliste und wurde außerdem für die Bühne bearbeitet. Kressmann Taylor (1903 – 1996) erlebte als hochbetagte Dame den zweiten Erfolg ihres Werkes noch persönlich mit und verbrachte ihr letztes Lebensjahr mit Interviews und Autogrammstunden. Die deutsche Übersetzung erschien, wie gesagt, erst 2001.

Und das sagen die Kritikerinnen Anne Karpf und Elke Heidenreich

Im Juli 2002 äußerte sich Anne Karpf im Guardian enthusiastisch:

If I were to tell you that a novel made up entirely of letters, just 54 pages long (eight of them blank), came with a New York Times Book Review plaudit on its cover judging it „the most effective indictment of Nazism to appear in fiction“, you might think it the mother of all hype. Yet spend three-quarters of an hour with it and you’ll be jabbing all comers with the injunction: ‚Read!‘

Elke Heidenreich empfahl das schmale Werk als Schullektüre und damit liegt sie keineswegs verkehrt. Natürlich kann man das kleine fiktive Werk nicht mit Dokumenten wie Viktor Klemperers Tagebüchern vergleichen. Aber Umfang, Spannung, Botschaft und Diskussionsanlässe sprechen für eine Lektüre im Unterricht. Ja, sie versteigt sich sogar zu den Sätzen:

Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen. Diese Geschichte ist meisterhaft, sie ist mit unübertrefflicher Spannung gebaut, in irritierender Kürze, kein Wort zuviel, keines fehlt. […] eine viel größere Öffentlichkeit sollte ihm beschieden sein. Nie wurde das zersetzende Gift des Nationalsozialismus eindringlicher beschrieben. ‚Adressat unbekannt‘ sollte Schullektüre werden, Pflichtlektüre für Studenten, es sollte in den Zeitungen abgedruckt und in den Cafes diskutiert werden. Ich würde wieder mehr Vertrauen in dieses Land haben, wenn ich dieses Buch in den nächsten Monaten und Jahren aus vielen Jackentaschen ragen sähe. Ich träume von einer morgendlichen vollen U-Bahn in Berlin, in der Hunderte von Menschen Kressmann Taylor lesen, aufsehen und sich mit Blicken gegenseitig versichern: nie wieder. (im Nachwort zu der Ausgabe anlässlich des Welttag des Buches 23/4/2012)

Diese Hoffnung nennt sie selbst „sentimental“, ich finde sie eher schrill und die Vorstellung, dass eines Morgens alle Menschen in der U-Bahn das gleiche Buch lesen, klingt für mich eher nach einer bedenklichen Massengehirnwäsche. Dann doch lieber das ironische Understatement von Anne Karpf …

Weitere Besprechungen gibt es bei:

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Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013) – Teil 1/4

I want to explore a more intimate, personal and physical sort of history, a history from the inside out: one that celebrates the ordinary and charts the lives of the common man, woman and child as they interact with the practicalities of their world. I want to look into the minds of our ancestors and witness their hopes, fears and assumptions, no matter how apparently minor. In short, I am in search of a history of those things that make up the day-to-day reality of life. What was it really like to be alive in a different time and place?  […]

So beginnt das Geschichtsbuch, das ich heute vorstellen möchte und das von einer britischen Historikerin geschrieben wurde:

Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013)

Zur Autorin

Ruth Goodman, die u. a. Museen wie das Victoria and Albert Museum berät, ist eine begeisterte Befürworterin des sogenannten Reenactment, der Nachstellung historischer Ereignisse und Lebensbedingungen in möglichst authentischer Weise. So ist Goodman einem breiten britischen Publikum vor allem durch ihre Mitarbeit bei den BBC-Dokumentationen Victorian Farm, Victorian Pharmacy, Edwardian Farm, Tudor Monastery Farm und Wartime Farm bekannt geworden.

Zum Inhalt

Wie der Titel schon sagt, steht das Viktorianische Zeitalter (1837 bis 1901) im Mittelpunkt der Betrachtungen. Im Vorwort erläutert sie, auf was es ihr ankommt: nicht auf die großen geschichtlichen Ereignisse, sondern auf das Alltagsleben der Menschen, dem sie akribisch nachspürt, inhaltlich aufgefädelt an den Stationen eines Tages:

… there are many excellent books that relate in more detail the political, economic and institutional shifts of the period. I aim to peer into the everyday corners of Victoria’s British subjects and lead you where I have wandered in search of the people of her age.

I have chosen to move through the rhythm of the day, beginning with waking in the morning and finishing with the activities of the bedroom, when the door finally closes. Where I can, I have tried to start with the thoughts and feelings of individuals who were there, taken from diaries, letters and autobiographies and expanding out into the magazines and newspapers, adverts and advice manuals that sought to inform and shape public opinion. Glimpses of daily life can be found in items that people left behind, from clothes to shaving brushes, toys, bus tickets and saucepans. More formal rules and regulations give a shape to the experience of living, from the adoptions of white lines to mark out a football pitch to the setting of a standard of achievement for school leavers. (S. 3)

Erstes Kapitel: Getting up

Gleich auf den ersten Seiten erfahren wir, was es mit dem Berufsbild des knocker-upper auf sich hatte: Die meisten Arbeiter konnten sich keine Uhren leisten. Um trotzdem pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, bezahlten sie dem knocker-upper einen kleinen Betrag für seine Dienste.

Armed with a long cane and a lantern, a knocker-upper wandered the streets at all hours, tapping on the windowpanes of his clients. (S. 6)

Warum empfahlen die Autoritäten der damaligen Zeit, dass man immer auf Durchzug und frische Luft im Schlafzimmer achten musste, egal wie kalt es war? Und wie und wie oft wuschen sich die Menschen überhaupt, so ohne fließendes Wasser?

Im vorviktorianischen Zeitalter war es übrigens nicht üblich gewesen, sich regelmäßig mit Wasser zu waschen, da man davon ausging, dass das die Hautporen öffne und so Krankheitsverursacher in den Körper gelangen würden. Stattdessen achtete man darauf, so oft wie (finanziell und zeitlich) möglich, die Unterwäsche zu wechseln.

Constant clean underwear absorbed the sweat and dirt of the body and, each time you changed, the accumulated dirt was taken away. Dry rubbing of the body with a clean linen towel also helped to remove dirt, grease and sweat from the skin and gave the added benefit of stimulating the circulation, thus promoting a healthy glow and a general tonic to the whole system.

Interessant hierbei ist, dass die Autorin viele dieser Methoden selbst ausprobiert. Sie kommt, was die Körperpflege anbelangt, zu dem Ergebnis:

It works. I know, because I have tried it for extended periods. Your skin remains in good health and any body odour is kept at bay. A quick daily rub-down with a dry body cloth or a ‚flesh brush‘ […] leaves the skin exfoliated, clean and comfortable. The longest I have been without washing with water is four months – and nobody noticed. (S. 15)

Zweites Kapitel: Getting Dressed

Hier erfahren wir nicht nur, was es mit den diversen Kleidungsstücken der verschiedenen Gesellschaftsklassen auf sich hatte, wie sich Modetrends entwickelten, weshalb Frauen Korsetts und Reifröcke trugen, sondern auch, dass die Arbeiterklasse bis ca. 1860 ihre Kleidung nahezu ausschließlich auf großen Second-hand-Märkten erstand. Die spärliche Kleidung der Insassen der Arbeitshäuser war uniformiert – also für Außenstehende ein sicheres Erkennungsmerkmal – und möglichst nicht auf den einzelnen zugeschnitten, sodass die Kleidungsstücke nach den Waschtagen wahllos ausgehändigt werden konnten. Es gab keine „persönlichen“ Stücke.

Drittes Kapitel: A Trip to the Privy

Es folgt ein Kapitel zu den Plumpsklos, die gerade in den Arbeitervierteln der rasant wachsenden Städte zu Gestank, grauenhaften hygienischen Bedingungen und zur Kontamination des Erdbodens und damit des Grundwassers führten, da sie nicht regelmäßig geleert wurden.

As towns and cities became larger and ever more populated, the problems grew. Pools and puddles of filth  from overflowing and inadequate privies became increasingly common in the poorer districts, where people could ill afford to thave them cleaned. Similarly, unscrupulous landlords were loath to spend money on their slum properties. The sharing of facilities only exacerbated the problem. One survey carried out in Sunderland in the 1840s recorded one privy for every seventy-six people, while, in Worcester, one privy was recorded as being shared between fifteen families. (S. 98)

Ab 1848 war es verboten, Häuser zu bauen, die nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen waren. Das hieß im Klartext, dass in London alles in die Themse geleitet wurde.

It took the Great Stink of 1858, when sacking soaked in chloride of lime had to be hung at the windows of parliament to combat the nauseating smell rising from the river, before the politicians were sufficiently convinced that a solution to the problem had to be found. (S. 100)

Außerdem gibt es einen Exkurs über die technischen Probleme bei der Etablierung von WCs, die ab 1851 vermehrt ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten, aber ohnehin für Jahrzehnte auf die Häuser der reichen Oberschicht begrenzt blieben.

Als Toilettenpapier dienten lange Zeit Zeitungen, Werbeprospekte und ausgediente Briefumschläge, die in Quadrate geschnitten und mit einem Loch für eine Kordel versehen wurden, an der man sie auffädelte. Erst als man befürchtete, mit verschmutzem Papier auch Krankheiten zu übertragen, entwickelte man in Amerika 1857 die erste Toilettenpapiersorte.

Viertes Kapitel: Personal Grooming

Dem Kapitel habe ich nicht nur entnommen, dass man sehr wohl über Wochen auf Shampoo beim Haarewaschen verzichten könnte, sondern auch, dass arme Frauen sich manchmal Geld damit verdienten, ihr langes Haar zu verkaufen. Weil der Bedarf an langen Haaren für Perücken und Haarteile jedoch so groß war, schreckten einige Bestatter auch nicht davor zurück, das Haar von Leichen zu verkaufen.

… one of the reasons many working-class people preferred open-casket funerals. (S. 116)

Dazu gab es einen florienden Handel, besonders mit Haar aus Indien.

Once the hair had arrived in England, it was bleached and sorted before being sold on to a host of hair workers in small workshops, mostly based in London. Finally, it would appear on the head of a society lady. (S. 116)

Es folgen die Kapitel Morning Exercise und Breakfast.

Hier erfahren wir beispielsweise eine Menge über die Essgewohnheiten der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, Armut, die quasi dauerhafte Unterernährung der ärmeren Bevölkerungsschichten und furchtbaren Hunger.

Victorian commentators themselves noticed a difference in height among the contemporary population, with many people noting how much smaller, at every age, working-class people were than the upper classes. (S. 170)

Passend dazu empfehle ich den Beitrag auf Entdecke England über Charles Dickens‘ London: The Great Stink.

Morgen geht’s weiter…

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff (2013)

Zur Autorin

Die NZZ hat anlässlich des achtzigsten Geburtstages Evelines Haslers, der 1933 geborenen Autorin historischer Romane, einen Artikel gewidmet.

Vorbemerkung

Das amerikanische Emergency Rescue Committee schickte 1940 Varian Fry nach Frankreich. Vor Ort sollte er die Aufgabe koordinieren, bedrohte Künstler aus dem von den Nazis besiegten Frankreich zu retten.

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff: Der gefährliche Auftrag von Varian Fry (2013)

Zum Inhalt

Varian Fry, Harvard-Absolvent und amerikanischer Auslandsjournalist, gewann schon bei einem seiner Deutschlandaufenthalte 1935 ein klares Bild dessen, was von den Nationalsozialisten zu erwarten war. Einer seiner Artikel, die die Schikanen gegenüber den Juden schilderte, erschien 1935 in der New York Times.

Im Juni 1940 wurde in New York – nach einem Aufruf Thomas Manns und unter dem Patronat Eleanor Roosevelts – das Emergency Rescue Committee gegründet, das versuchen sollte, den in Frankreich gestrandeten deutschen und österreichischen Künstlern und Intellektuellen zu einer Flucht in die USA zu verhelfen. Die Lage hatte sich für die Exilanten nach der Kapitulation Frankreichs gefährlich zugespitzt, hatte doch das Vichy-Regime zugesagt, jede namentlich von den Deutschen verlangte Person auch auszuliefern. Das galt auch für den noch unbesetzt gebliebenen Süden, in den sich die meisten der Verfolgten inzwischen geflüchtet hatten. Doch nun saßen sie in der Falle, denn die Exilanten bekamen keine Reisegenehmigungen; zudem vergab das amerikanische Konsulat kaum noch Visa.

Fry, selbst gebildet und künstlerisch interessiert, wurde als Vertreter des ERC nach Marseille gesandt, um die Hilfe für die Flüchtlinge zu koordinieren. Er hatte eine Liste mit Namen der bei den Nazis besonders unliebsamen Zeitgenossen, die er ausfindig machen und denen er, wenn möglich, zur Flucht verhelfen sollte. Zusammen mit einem zum Teil selbst unter Lebensgefahr schwebenden Mitarbeiterteam organisierte er Schiffskarten, besorgte Visa, unterstützte die Notleidenden mit Geld, Verstecken und gefälschten Pässen. Dabei wurden sie immer wieder auch unterstützt von Franzosen, Gegnern des Vichy-Regimes, die ihre Bauernhöfe als Unterschlupf anboten, ihnen noch unbewachte Schmugglerwege über die Grenze zeigten oder Kinder, die von der Deportation bedroht waren, kurzerhand versteckten.

Dabei überstieg die Zahl derjenigen, die ihn um Hilfe anflehten, bei weitem die Zahl der Namen auf seiner Liste. Er versuchte, so vielen wie möglich zu helfen, ob sie nun auf der Liste standen oder nicht, vor allem, nachdem die reiche Amerikanerin Mary Jayne Gold, die sich ebenfalls in Frankreich aufhielt, anfing, das Komitee nicht nur finanziell massiv zu unterstützen.

Zu den Helfern gehörten auch die österreichische Widerstandskämpferin Lisa Fittko und ihr Mann Hans, die als Fluchthelfer eine ganze Reihe von gefährdeten Menschen über einen alten Schmugglerpfad über die Grenze nach Spanien führten. Von dort reisten die Flüchtlinge ins neutrale Portugal. Von Lissabon aus gingen dann Schiffe nach Amerika. Auch Walter Benjamin gelang mit Hilfe Lisa Fittkos mit letzter Kraft die Flucht aus Frankreich. Als er jedoch auf spanischer Seite angekommen, damit rechnen musste, zurückgeschickt zu werden, brachte er sich um. Anderen verschaffte das Komitee Schiffspassagen von Marseille nach Martinique, einer französischen Kolonie, von wo aus dann die Reise in die USA möglich war.

Schätzungsweise 2000 Menschen, darunter die Werfels, Chagall, Golo Mann, Heinrich Mann und Nelly Kröger, Hans Sahl, Leon Feuchtwanger und Walter Mehring verdanken ihr Überleben der Arbeit von Fry und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Doch Fry war einigen amerikanischen Botschaftsangehörigen in Frankreich ein Dorn im Auge. Keineswegs alle unterstützen seine Arbeit. Es gab offene Sabotageakte, wie durch den amerikanischen Generalkonsul Hugh Fullerton, der Fry seines Postens entheben wollte, weil er dessen Arbeit als unnötig ansah. Auch die Bearbeitung der legalen Visa-Anträge dauerte oft unendlich lange, denn die eigene Regierung in Amerika wollte unbedingt eine Flut von unliebsamen jüdischen oder gar kommunistischen Immigranten vermeiden. So griff Fry dankbar auf die Hilfe Bill Freiers, eigentlich Wilhelm Spira, zurück.

Bill Freier, berühmter und berüchtigter Cartoonist, hatte in den letzten Jahren von Wien aus regelmäßig für die Londoner Zeitung ‚British Opinion‚ Karikaturen gezeichnet. Die Leser liebten seinen schnellen Stift, das Erfassen und witzige Eindampfen einer politischen Situation. Fabelhaft verstand er sich auf die Karikatur von Adolf Hitler. In Deutschland erregte das Zorn, noch vor der Annexion versuchte man in Wien die Verhaftung des talentierten Künstlers zu erwirken. (S. 77)

Freier gelang noch rechtzeitig die Flucht nach Frankreich und setzte dort für das Komitee seine Kunstfertigkeit für das Fälschen von Pässen, Stempeln und anderen Dokumenten ein, bis er verhaftet wurde.

Andere Flüchtlinge dagegen weniger heldenhaft. Besonders Walter Mehring, ein wichtiger Satiriker der Weimarer Republik, wurde von Angst zerfressen. Man nannte ihn nur das Baby. Nachdem man ihm, eher gegen seinen Willen, zur Flucht nach Amerika verholfen hatte, dachte Mehring gar nicht daran, seine Schulden beim Komitee zu begleichen, obwohl er von dessen finanzieller Notlage ja wusste.

Fry wurde schließlich im September 1941 von seinem Posten abberufen, da seinen Vorgesetzten sein humanitäres Engagement zu weit ging. Im Juni 1942 wurde das Komitee von der französischen Regierung aufgelöst. Fry selbst hat zu seinen Lebzeiten keine angemessene Würdigung seiner Lebensleistung mehr erfahren.

Im Kalten Krieg standen solche Hilfswerke, wie Fry eins geleitet hatte, im Verdacht, mit Spionage und kommunistischen Infiltrationen zu tun zu haben. Frys Korrespondenz war schon ab 1942 überwacht, und es war eine FBI-Akte über ihn eröffnet worden. (S. 215)

An diesem roten Faden hangelt sich das Buch entlang. Dabei erlaubt sich die Autorin jedoch  großzügige Exkurse, die mit Fry, wenn man ehrlich ist, nicht das Geringste zu tun haben. Wir lernen die Krankenschwester Elsbeth Kasser kennen, die im Internierungslager Gurs das Menschenmögliche versuchte, um Hoffnung an einen unmenschlichen Ort zu bringen. Das Lager stand übrigens ausschließlich unter französischer Verwaltung.

Einem wunderbaren alten Büchermenschen names Ryser, der die Landesbibliotheken in Baden-Württemberg geleitet hatte und der als Jude Stelle und Bücher verlor, flößte sie die Idee ein, mit den Büchern der Internierten einen kleinen Verleih zu führen. Ryser blühte auf. […] Die Menschen im Lager vertrauten ihm die wenigen von zu Hause mitgebrachten Bücher an. Ehrfürchtig nahm er einen Band von Eichendorffs Taugenichts entgegen. Auch einen arg mitgenommenen Leinenband mit Gedichten von Goethe, ein Heiligtum, das er nur selten auslieh. (S. 169)

Genauso beeindruckend ist Rösli Näf, eine Schweizer Krankenschwester, die für das Rote Kreuz die Kinderkolonie La Hille leitete und sich unter Einsatz aller Kräfte für ihre jüdischen Schutzbefohlenen einsetzte. Als die Deportationsbefehle auch vor La Hille nicht länger Halt machten, reiste sie bis nach Bern und bat den Leiter der Kinderhilfe des Schweizer Roten Kreuzes, Hugo Remund, verzweifelt um die legale Aufnahme der Jugendlichen in der Schweiz. Doch der wollte weder mit legalen noch illegalen Rettungsaktionen etwas zu tun haben.

‚Die jüdischen Kinder bangen um ihr Leben, Herr Oberst.‘
‚Ein Judenproblem ist in der Schweiz zu vermeiden‘, antwortet er. ‚Unser Boot ist voll.‘
‚Herr Oberst, es geht doch in den französischen Heimen nur um insgesamt hundertachtundsechzig gefährdete jüdische Jugendliche!‘ (S. 180)

Näf hält sich weiterhin an ihr Gewissen und nutzt danach auch illegale Wege, um Jugendliche außer Landes zu bringen oder sie unter falschem Namen auf Bauernhöfen zu verstecken.

Auch der amerikanische Vizekonsul in Frankreich, Hiram Bingham IV, ist eine interessante Person und sein Verhalten während seiner Zeit in Frankreich vorbildlich. Er scheute sich nicht, Gegner des Nazi-Regimes, wie z. B. Feuchtwanger,  in seinem Haus zu verstecken, bis diese außer Landes geschmuggelt werden konnten. Feuchtwanger gab dann, im sicheren Amerika, in Interviews gleich Details seiner abenteuerlichen Flucht preis, die dann in der New York Times nachzulesen waren und die Helfer in Frankreich in zusätzliche Gefahr brachten.

Fazit

Es ist ein aus vielen Szenen bestehendes, ja auch auseinanderfallendes Buch, das manchmal eher einem Steinbruch ähnelt. Es ist unmöglich, allen Menschen auf 218 Seiten den ihnen gebührenden Raum zu geben, und so ergibt sich an manchen Stellen geradezu zwangsläufig eine gewisse Oberflächlichkeit. Für mich, die ich vorher jedoch kaum etwas über die Arbeit des Emergency Rescue Team wusste, bot es zunächst trotzdem einen interessanten Überblick.

Manchmal ist das Werk auch sprachlich wenig überzeugend, vor allem in den Dialogen und den nachempfundenen Gefühlen. Sätze wie „Ein Lächeln umspielte Frys Lippen, und in seine Augen trat ein leises Funkeln.“ (S. 58) klingen schon ein wenig trivial.

Stark ist es eher in der knappen Wiedergabe des faktisch Geschehenen.

Und ich hätte es begrüßt, wenn ein oder zwei der Fluchten exemplarisch ausführlicher erzählt worden wären. Was aber wirklich ein Ärgernis ist: Es gibt keinerlei Hinweise zu den verwendeten Quellen. Zwar erwähnt sie kurz, dass Fry 1945 seine Erinnerungen unter dem Titel Surrender on Demand veröffentlicht hat. Beat Mazenauer weist jedoch darauf hin, dass sich Hasler aus dieser Quelle reichlich bedient habe, ohne das angemessen kenntlich zu machen.

Trotz der Kritikpunkte hielt ich es zunächst für ein lesenswertes Buch über einen bestimmten Aspekt des Nationalsozialismus, setzt es doch einer Reihe von mutigen Menschen ein Denkmal, die mit ihrer Menschlichkeit und Zivilcourage Großes geleistet haben. So viele bekannte und unbekannte Namen fallen, manche eher im Vorübergehen: So wird von Chagall erzählt, dass er erst gar nicht nach Amerika gewollt habe.

Als ich ihm sagte, er müsse sich in Sicherheit bringen, nach Amerika, gab er zur Antwort: ‚Ach, Monsieur Fry, gibt es denn in Amerika auch Gras und Kühe?‘ (S. 59)

Man rauft sich die Haare: Rudolf Breitscheid, ehemaliger preußischer Innenminister, und Rudolf Hilferding, ehemaliger Reichsfinanzminister, weigern sich im Marseiller Exil Frys Hilfe anzunehmen. Sie sind sicher, dass Hitler es nicht wagen werde, ihnen etwas zu tun. Kurz darauf wurden sie von der französischen Polizei verhaftet und an die Deutschen ausgeliefert.

Aber es erinnert uns auch; an das Böse, die Schuld, das Leiden, die Traurigkeit, die verursacht wurden durch die Nazis, und in Folge durch Mitläufer, Sadisten, Kollaborateure in Frankreich und Bürokraten auf allen Seiten.

Auf dem Weg zur nächsten Baracke [im Lager Gurs] stand eine gehbehinderte weinende Frau. Es regnete nicht mehr, aber ihre Stoffschuhe steckten bis zu den Knöcheln im Schlamm. Sie müsse ihre Notdurft verrichten, schaffe es aber nicht die hohe Leiter hinauf. Die Latrinen standen auf zwei Meter hohen Holzsäulen, die Stufen der Leiter steil, ohne Handgriff. (S. 152)

Doch nach meiner Lektüre von Frys eigenem Bericht über seine Arbeit in Marseille, den er 1945 unter dem Titel Surrender on Demand veröffentlichte, sehe ich Haslers Buch wesentlich kritischer. Sie hat sich – ohne das kenntlich zu machen – äußert großzügig bei Frys Bericht bedient und sich oft noch nicht einmal mehr die Mühe gemacht, eigene Formulierungen zu finden. Dabei kürzt und vereinfacht sie, sodass für den Leser doch einiges unklar und nebulös bleibt.

Fazit: Man lese gleich das Original: Auslieferung auf Verlangen (1995) von Varian Fry, erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag.

Anmerkungen

Karen N. Gering ist, wie sie in der TagesWoche schreibt, nach der Lektüre ein wenig enttäuscht:

Viele gute Seelen und Kämpfer nimmt Hasler in ihr Buch auf, dazu auch noch einige Figuren, die der Rettung bedürfen. Die weltbekannten ebenso wie gänzlich unbekannte. Justus Rosenfeld beispielsweise, genannt Gussie, der bald Fry behilflich ist – und der Eveline Hasler auch hauptsächlich bei ihrer Recherche beistand. Oder Menschen, die später zu Berühmtheiten wurden wie der spätere Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel. All das sind spannende Figuren, deren Lebensgeschichten man in eigene Bücher packen könnte. Doch Eveline Hasler hat sich für sie alle zusammen nur diese 219 Seiten Platz genommen. Und so bleibt sie notgedrungen an der Oberfläche der Charaktere hängen. Wollte sie nicht mehr, oder konnte sie nicht?

Weitere Besprechungen gibt es hier:

Ian Mortimer: Im Mittelalter – Handbuch für Zeitreisende (OA 2008)

Welche Bilder kommen Ihnen bei dem Wort ‚Mittelalter‘ in den Sinn? Ritter und Burgen? Mönche und Klöster? Endlose Wälder, in denen Vogelfreie leben, die sich über die Gesetze der Mächtigen hinwegsetzen? All das sind gängige Vorstellungen, die aber wenig über das Leben der großen Masse der Menschen verraten. Stellen Sie sich vor, Sie könnten in der Zeit reisen: Was würden Sie finden, wenn Sie ins 14. Jahrhundert zurückgingen? Sie stehen an einem Sommermorgen auf einer staubigen Londoner Straße. Ein Diener öffnet einen Fensterladen im Obergeschoss und beginnt, eine Decke auszuklopfen. Ein Hund, der die Packpferde eines Reisenden bewacht, verfällt in lautes Gebell. […] Die Balken der Häuser ragen in die Straße hinein. Gemalte Schilder über den Türen zeigen, was es in den Läden zu kaufen gibt. Plötzlich greift ein Dieb bei den Marktständen nach der Börse eines Kaufmanns, und der rennt laut rufend hinter ihm her. Alle drehen sich nach den beiden um. Und Sie, mitten in diesem Tohuwabohu, wo werden Sie heute Nacht unterkommen? Wie sieht Ihre Kleidung aus? Was werden Sie essen?

So beginnt eine Zeitreise ins 14. Jahrhundert mit dem wunderbaren Reiseführer des Historikers

Ian Mortimer: Im Mittelalter – Handbuch für Zeitreisende (2014)

Die englische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel The Time Traveller’s Guide to Medieval England und wurde von Karin Schuler ins Deutsche übersetzt.

Inhalt

Werfen wir doch einfach einen Blick ins Inhaltsverzeichnis:

  1. Die Landschaft – von Feldern, Wäldern und Städten
  2. Die Menschen – von Kämpfern, Betern, Arbeitern und Frauen
  3. Das Wesen des mittelalterlichen Menschen
  4. Grundlegende Aspekte des Alltagslebens
  5. Wie man sich kleidet
  6. Wie Sie durch das Königreich reisen
  7. Wo Sie Unterkunft finden
  8. Was Sie essen und trinken
  9. Von Gesundheit und Hygiene
  10. Wie sich Recht und Gesetz gestalten
  11. Was sich zum Zeitvertreib unternehmen lässt

Wir lernen die zehn Orte kennen, die man in London des 14. Jahrhunderts gesehen haben muss, und werden aufgefordert, die wunderbaren Wandmalereien in der Kirche der Westminster Abbey zu beachten, „die sich leider nicht bis ins 21. Jahrhundert erhalten haben.“ (S. 41)

Als zehnte Sehenswürdigkeit ganz eigener Art werden die Badehäuser der Southwark Stews genannt.

Prostituierte werden in London nur in einer Straße, der Cock Lane, geduldet. Deshalb begeben sich Londoner wie Besucher in das ‚Rotlichtviertel‘ von Southwark auf der anderen Flussseite. Hier können Männer essen und trinken, ein heißes, parfümiertes Bad nehmen und ihre Zeit in weiblicher Gesellschaft verbringen. Im Jahr 1374 gibt es dort 18 einschlägige Etablissements, die alle von flämischen Frauen geführt werden. Anders, als man erwarten könnte, ist ein Besuch dort nicht mit einem Makel behaftet; es gibt nur wenige sexuell übertragbare Krankheiten, und die Ehegelübde verlangen nur die Treue der Ehefrau; der Mann kann tun, was er möchte. Natürlich wettern manche Geistliche gegen diese Unmoral, aber nur wenige nehmen Southwark direkt aufs Korn. Die meisten Badehäuser verpachtet der Bischof von Winchester. (S. 42)

Wir erfahren vom Klimawandel, der dafür sorgt, dass um 1400 alle Weingärten in England verschwunden sind, und lesen von Hungersnöten, während denen die Tiere auf ihren überfluteten Weiden ertrinken.

Zwischen den Jahren 1300 und 1400 verliert England ca. die Hälfte seiner Bevölkerung, die Pest sorgt in mehreren Wellen dafür, dass gegen 1400 nur noch ca. zweieinhalb Millionen Menschen leben. Eine für die Gesellschaft und die Menschen selbst traumatische Erfahrung, die natürlich auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft hat.

Wenn aufgrund der geringen Lebenserwartung und hohen Sterblichkeitsrate ca. 35 bis 40 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre alt sind, hat das wiederum Folgen für das Zusammenleben.

Von siebenjährigen Jungen erwartet man […], dass sie arbeiten. Von diesem Alter an können sie auch wegen Diebstahls gehängt werden. Sie können mit 14 heiraten und sind ab ihrem 15. Geburtstag verpflichtet, im Heer zu dienen. […] Verlobt werden die Jungen und Mädchen als kleine Kinder, und eine Verheiratung zwölfjähriger Mädchen gilt als zulässig, während das Zusammenleben gewöhnlich erst mit 14 beginnt. (S. 61)

Die Gesellschaft ist gewalttätiger (auch in den Strafen), rauflustiger und risikofreudiger, was sich beispielsweise bei DEM „Spektakel des 14. Jahrhunderts“ (S. 335), dem Lanzenstechen, zeigt.

Das „mittelalterliche Verständnis der Leibeigenschaft oder Hörigkeit ist nicht weit von der Sklaverei entfernt“. (S. 59) Da konnte die Herrschaft sogar bestimmen, wer wen heiratet. Weigerungen konnten mit Bußgeld und Gefängnisstrafen geahndet werden.

Auch auf das Frauenbild, das von komplett irregeleiteten Vorstellungen zur weiblichen Sexualität und von rechtlichen und intellektuellen Vorurteilen geprägt war, geht der Autor ein.

Der Leser lernt nicht nur, worin der Unterschied zwischen Herzögen (dukes), Grafen (earls) und Baronen (barons) sowie zwischen Rittern, Esquires und Gentlemen liegt, sondern auch, warum 1363 Fußballspielen schließlich im gesamten Königreich verboten wird.

Wir erfahren, warum reiche Männer Arme dafür bezahlen, später an ihrem Begräbnis teilzunehmen, und erkunden, wie mobil die Gesellschaft war – schließlich gab es noch keine Landkarten – und über wie viel Weltwissen die Menschen verfügen.

Welches sind die beliebtesten Ziele der Pilger? Und vor allem: Welche Literatur wird gelesen?

Wieso waren Nahrungsmittel – verglichen mit heute – wesentlich teurer, Arbeitskraft und Land jedoch spottbillig?

Ungelernte Arbeiter müssen damit rechnen, dass sie zu Beginn des Jahrhunderts etwa zwei Drittel ihres Lohns für Essen und Trinken ausgeben. (S. 139)

Wie ist das mit Ablasshandel, Aberglaube und der Alphabetisierungsrate? Wie viele unterschiedliche Möglichkeiten gab es, den Anfang des Jahres zu datieren, und wie maß man damals eigentlich die Zeit?

Wie und wann verschob sich die Vorherrschaft des Französischen hin zum Englischen?

Wie hat man dem Recht Geltung verschafft in einer Zeit, in der es noch keine Polizei gab?

Dies und vieles mehr erfahren wir in diesem Kompendium, in dem es dem Autor gelingt, immer wieder die Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Einer der wichtigsten Unterschied zu heute: Damals war es von entscheidender Bedeutung, Teil einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe zu sein, der man im Notfall auch seine Sicherheit und seinen Schutz verdankte. Individualität und Selbstverwirklichung waren gar nicht erstrebenswert.

Und dann sind wir plötzlich ganz nah an unserer Zeit: Erinnern wir uns noch an Pferdefleisch in der Lasagne oder die Gammelfleischskandale?

Sie glauben einfach nicht, wie vielen Tricks und Täuschungen ein argloser Kunde [auf dem Markt] ausgesetzt ist. Fragen Sie im Rathaus von London, wen Sie wollen; jeder wird Ihnen von Kochgeschirr aus weichem, billigen Metall mit Messingüberzug erzählen, von Brotlaiben mit Steinen oder Eisentücken darin, die für das gesetzlich geforderte Gewicht sorgen. […] Die Waren wird auf den Ständen so ausgelegt, dass man die Mängel nicht sieht. Wolle wird gezogen, bevor man sie webt, und läuft dann länger (schrumpft aber furchtbar ein). Tuch wird manchmal mit menschlichem Haar gestreckt. […] Verdorbenes Fleisch wird noch verkauft, ebenso wie saurer Wein und grünschimmeliges Brot, das den Käufer auch umbringen kann. […] Selbst mit Haferflocken kann man noch betrügen. Wie das, fragen Sie? Haferflocken sind doch Haferflocken, oder? Nicht, wenn ein Sack verschimmelter Flocken mit ein paar Handvoll guter, frisch gemahlener obendrauf angeboten wird. (S. 132)

Und als jemand, der auf dem Land wohnt, musste ich doch lächeln, als ich folgenden Artikel in den Stadtverordnungen von Worcester las:

Jeder muss die Straße vor seiner Behausung sauber halten. (S. 303)

Kurz zum Konzept des Autors

Bei Mortimer handelt es sich nicht um einen Hobby-Geschichtsfan, der mal eben für ein bisschen Unterhaltung ein paar Informationen zum Mittelalter verrührt und die massentauglich aufbereitet, sondern um einen der bekanntesten Historiker in Großbritannien. Er selbst nennt sein Konzept „free history“, das bedeutet verkürzt gesagt, dass der Historiker nicht nur Informationen finden und kennen, sondern sie auch für ein Publikum relevant machen muss. Wer sich näher damit beschäftigen möchte, dem sei sein Aufsatz What Isn’t History? empfohlen. Hier gibt es ein Interview (in Englisch) mit ihm und 2012 hat der Spiegel mit Mortimer gesprochen.

Unter dem Pseudonym James Forrester schreibt Mortimer auch historische Romane, etwas, das er am liebsten allen seinen gelehrten Kollegen empfehlen würde, warum, erklärt er in seinem Aufsatz „Why historians should write fiction„.

Fazit

So kann nur jemand schreiben, der

  1. viel weiß und enorme Recherchearbeit geleistet hat,
  2. hingerissen von seinem Forschungsgebiet ist,
  3. von der Wichtigkeit seiner Erkenntnisse überzeugt ist und
  4. diese uns so anschaulich nahe bringen möchte, dass niemand mehr sagen kann, Geschichte sei langweilig und ohne Bedeutung für unsere Gegenwart.

Man denke nur an die Diskussionen, ob deutsche Lehrerinnen ein Kopftuch tragen dürfen oder nicht.

Langes, offenes Haar gilt allgemein als verführerisch und wird deshalb wie auch nackte Arme und Beine versteckt, um Unschicklichkeit zu vermeiden. Nur zügellose und liederliche Frauen wagen sich mit offenem und unfrisiertem Haar nach draußen. (S. 157)

Die Lektüre hatte ganz eigentümliche Auswirkungen auf meine Assoziationen zum Begriff Mittelalter. War das Wort vorher einfach ein Wort, mit dem ich bestimmte und weniger fest umrissene Vorstellungen und Informationen verband, begann der Begriff sich zu bewegen, über seine Ränder zu wachsen, plötzlich sah ich Menschen, das Ganze kam mir näher, als ich das für möglich gehalten habe.

Faszinierend beispielsweise die diversen Kleiderordnungen, die regeln sollten, wer welche Stoffe tragen durfte. Hübsch auch, dass im Jahr 1300 sich der linke und der rechte Schuh noch gar nicht voneinander unterschieden. Und dann die bizarre Entwicklung hin zu den Schnabelschuhen der Männer, deren Spitzen eine Länge von bis zu 50 cm erreichen konnten. Treppensteigen wurde damit praktisch unmöglich.

Hin und wieder wurde die Grundidee, die Geschichte in Anlehnung an einen Reiseführer zu schreiben, zwar ein bisschen überstrapaziert. Auch was wie viel kostete, habe ich irgendwann einfach überflogen. Dafür entschädigen dann die dezent ironischen Stellen.

In der mittelalterlichen Vorstellung besteht die Gesellschaft aus drei Teilen oder ‚Ständen‘, die von Gott geschaffen sind: den ‚Kämpfern‘, den ‚Betern‘ und den ‚Arbeitern‘. Die Adligen sind die Kämpfer. Sie beschützen die Beter und die Arbeiter. Die Geistlichen übernehmen das Beten und setzen sich für die Seelen der Kämpfer und Arbeiter ein. Die Arbeiter ernähren den Adel und den Klerus durch Dienste, Pacht und Zehnten. So trägt jede Gruppe zum Wohlergehen der Gesellschaft als Ganzem bei. Dieses klare Konzept spricht besonders jene an, die das Kämpfen und das Beten übernehmen. (S. 62)

Einziger Kritikpunkt: Der Autor hätte für meinen Geschmack das Ganze durchaus noch stärker mit größeren Bezügen verknüpfen können. Zum Bauernaufstand und dem Hundertjährigen Krieg habe ich dann doch Wikipedia zu Rate ziehen müssen.

Nichtsdestotrotz bin ich hin und weg und ein Dankeschön an den Blog Mein Lesesessel, dem ich den Hinweis auf dieses Buch verdanke.

Anmerkungen

Nachdem er einen solchen Erfolg mit seiner Zeitreise ins Mittelalter hatte, hat Mortimer nachgelegt. Inzwischen kann man mit ihm auch ins Elizabethanische Zeitalter reisen.

Die Homepage des Autors ist gespickt mit interessanten und durchaus zu Widerspruch reizenden Aufsätzen, Texten und Interviews, nicht nur zur Geschichte. Schon gleich der Aufsatz, in dem er erläutert, warum er grundsätzlich nicht fliegt, hatte mich am Haken.

Hier geht’s lang zu Besprechungen im britischen Guardian:

Bei Sue Arnold heißt es: „After The Canterbury Tales this has to be the most entertaining book ever written about the middle ages.“

Kathryn Hughes schreibt:

In The Time Traveller’s Guide to Medieval England he sets out to re-enchant the 14th century, taking us by the hand through a landscape furnished with jousting knights, revolting peasants and beautiful ladies in wimples. It is Monty Python and the Holy Grail with footnotes and, my goodness, it is fun. Mortimer’s argument, spelled out in a thoughtful epilogue, is that these pleasures become possible not by laying critical sense to one side, but by embracing an altogether different approach. Statistics are all very well, but unless they come clothed in flesh it is hard to know them in your bones. […]. The result of this careful blend of scholarship and fancy is a jaunty journey through the 14th century, one that wriggles with the stuff of everyday life.

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