Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – Teil 3

Heute also der dritte Teil der Pilgerreise auf dem Weg zu einem erfüllten und gottgefälligen Leben. Diesmal untersucht der Reisende die Wissenschaften, verschiedene Weltreligionen, weltliche Herrschaft und das Streben nach Glück.

Als der Pilger bei den Gelehrten und Philosophen ankommt, ist er entsetzt, ja angewidert, da auch hier alle nur aufeinander einprügeln und Händel mit ihresgleichen anfangen. Man streitet sogar über die Frage, ob der Schnee weiß oder schwarz, das Feuer heiß oder kalt sei, und niemand ist in der Lage, die Streitigkeiten friedlich beizulegen. Auch die übrigen Wissenschaftszweige können ihn nicht überzeugen, genauso wenig wie die Rhetorik, die gern dazu benutzt werde, „dem Gehirn des Zuhörers eine bestimmte Färbung zu verleihen“ (S. 60).

Nach den Wissenschaften wendet sich der Reisende dem großen Thema der Religionen zu. Am verträglichsten erscheinen ihm noch die Heiden, von denen

ein jeder seine Andacht in seiner Weise übte und auch die anderen frei gewähren ließ. Indes verschlug mir hier ein unerträglicher Gestank den Atem… (S. 90)

Die Juden kommen – aufgrund einer ziemlich kruden Begründung – nicht gut bei ihm weg und die Muslime, die ihm auf den ersten Blick so reinlich und still ihre Andacht zu verrichten scheinen, seien diejenigen, die nur mit dem Schwerte ihre Religion verteidigten und geradezu im Blute wateten.

Umso mehr freut er sich über die christliche Lehre, der er auf Schritt und Tritt begegnet, doch muss er rasch erkennen, dass gerade die Christen sich

in Saufgelage und Händel stürzen, Unzucht treiben, Diebstahl und Raub verüben. Ich traute meinen eigenen Augen nicht, sah nochmals hin und fand nun, daß sie wirklich fraßen und soffen, haderten und rauften, einander mit Gewalt und List beraubten und schunden, vor lauter Übermut krähten und wieherten, lärmten und tobten, hurten und die Ehe brachen, ärger als ich es sonst irgendwo gesehen, kurz, daß sie gerade das Gegenteil davon taten, wozu  man sie ermahnt und was zu tun sie auch versprochen hatten. (S. 93)

Und bei den Geistlichen sieht es eher noch schlimmer aus:

hier wälzten sie sich schnarchend in ihren Betten, dort schwelgten sie an einer reich besetzten Tafel und stopften sich mit Speisen und Getränken voll, bis sie bewußtlos liegenblieben, oder vollführten allerhand ausgelassene Sprünge; einige füllten ihre Beutel, Truhen und Kammern mit Gold, andere frönten der Buhlerei und trieben Unzucht; die einen hantierten mit Sporen, Degen und Flinten, die anderen tummelten sich mit einer Koppel Hunde auf der Hasenjagd, so daß sie den geringsten Teil der Zeit bei der Bibel zubrachten oder sie überhaupt kaum jemals zur Hand nahmen, sich aber trotzdem Schriftgelehrte nannten. (S. 95)

Die Spaltung in verschiedene Glaubensrichtungen und die Heuchelei der Prediger findet er abscheulich:

… über dem Chorrock einen Panzer, auf dem Barett einen Helm, in der Linken das Gesetz, in der Rechten das Schwert, vorn die Schlüssel Petri und hinten den Judasbeutel zu tragen, in der Bibel wohlbeschlagen zu sein und indes das Herz voller Listen zu haben, den Mund von Andacht überfließen zu lassen, während die Wollust einem aus den Augen sieht. (S. 95)

Zwar begegnet der Pilger auch einigen Christen, die mit diesen ganzen Zwistigkeiten nichts zu tun haben wollen und gegen jedermann freundlich sind, doch sie sind eher unansehnlich und gesellschaftlich so unbedeutend, dass er an ihnen achtlos vorübergeht. Erst später wird er verstehen, dass genau diese ihm den Weg zeigen können, der aus den „Wirrsalen des Labyrinths der Welt“ herausführt.

Der nächste große Lebensbereich, mit dem sich der Pilger befasst, die weltliche Herrschaft, krankt auf allen Hierarchiestufen an einem Übel:

Da machte ich die seltsame Entdeckung, daß nämlich selten einer von ihnen [den jeweiligen Machthabern] alle Glieder hatte und fast einem jeden irgendein notwendiger Teil des Körpers fehlte, entweder die Ohren, um die Klagen der Untertanen zu vernehmen, oder die Augen, um allerhand Mißbräuche wahrzunehmen, oder die Nase, um damit die listigen Ränke der Spitzbuben zu wittern, oder die Zunge, um für Unterdrückte, die sich nicht wehren können, Fürsprache einzulegen, oder die Hände, um damit das richterliche Urteil zu vollstrecken, oder schließlich das Herz, das auszuführen, was die Gerechtigkeit erfordert. Doch diejenigen, welchen keines dieser Glieder fehlte, waren geplagte Leute; denn man überlief sie förmlich mit Bitten, so daß sie weder Zeit zum Essen noch zum Schlafen hatten, während die anderen zumeist ein untätiges Leben führten. (S. 102)

Auch das Problem, das wir neudeutsch Lobbyismus nennen, ist dem Erzähler bewusst.

In der Nähe des Thrones sah ich viele Leute, die dem Fürsten etwas unmittelbar in die Ohren bliesen oder ihm verschiedenfarbige Gläser aufsetzten; unter die Nase räucherten, ihm Hände und Füße banden und wieder lösten, seinen Thron ausbesserten und befestigten usw. ‚Was sind denn das für Leute‘, fragte ich, ‚und was tun sie da?‘ Die Antwort lautete: ‚Das sind Geheimräte, welche die Könige und großen Herren beraten.‘ (S. 105)

Und überhaupt schaffe es die weltliche Herrschaft nicht, wirklich Gesetz, Gerechtigkeit und Ordnung walten zu lassen.

Recht und Unrecht, Haß und Liebe hielten sich doch stets die Waage, und überall war die Gerechtigkeit mit Ungerechtigkeit, das Recht mit der Gewalt gepaart, die Rathäuser, Gerichtshöfe und Kanzleien waren ebenso Stätten des Rechtes wie des Unrechts, und diejenigen, welche sich Beschützer der Gesetze nannten, waren ebensooft vielleicht noch öfter, die Beschützer der Ungesetzlichkeit. Ich wunderte mich, wieviel eitler Schein und glänzendes Elend in diesem Stande zu finden seien… (S. 107)

Dass den Pilger der Soldatenstand besonders erschreckt, verwundert nicht. Habe dieser ja gerade das Ziel, möglichst viele Menschenleben sowie den menschlichen Wohlstand überhaupt zu vernichten, und dazu benötige er eben möglichst viele grausame Waffen, die ihre Opfer sowohl in der Ferne als auch in der Nähe augenblicklich erreichen können.

Er ist traurig, als er sieht,

wie man viele mit abgehauenen Händen, Füßen, Köpfen, Nasen, zerschossenem Körper, zerfetzter Haut und blutbesudelt vom Schlachtfeld brachte. (S. 110)

Als nächstes führen ihn seine Begleiter in das Schloss Fortunas, wo er mitansieht, wie viele Menschen ihr Leben lang darauf warten, dass das große Glücksrad sie mit in die Höhe nimmt. Frau Fortuna verteilt hier ihre Gaben wie

Kronen, Zepter, Reiche, Ketten, Ehrenzeichen, Geldbörsen, Titel, Namen und Marzipan. (S. 118)

Doch das Glück ist unberechenbar, manche warten ihr Leben lang umsonst, während andere, die gar nicht damit gerechnet hatten, unversehens emporgetragen werden. Als der Pilger sich die Gaben der Frau Fortuna allerdings näher anschaut, stellt er fest, dass diese oft nichts anderes als schwere Ketten sind, die man nicht mehr loswird. Doch die dummen Menschen freuen sich an diesen Lasten:

Bisweilen traten mehrere zusammen und maßen und wogen gegenseitig ihre Ketten. Wenn einer nun die seine leichter fand als die des andern, betrübte er sich und beneidete ihn drum. Doch wer die größte und die schwerste hatte, ging hin, trug sie zur Schau, prahlte damit und blähte sich gewaltig. Es gab freilich auch solche unter ihnen, welche ruhig in ihrem Winkel sitzen blieben, sich heimlich an der Größe und Schwere ihrer Ketten ergötzten und nicht um die Bewunderung der andern buhlten, weil sie, wie ich vermute, sich vor dem Neid der Menschen und vor Diebstahl fürchteten. Andere wieder hatten mit Erdschollen und Steinen angefüllte Truhen, welche sie unaufhörlich öffneten und schlossen und von einem Ort zum andern schleppten; sie entfernten sich auch nicht einen Augenblick von ihnen, ja verzichteten sogar auf den Schlaf, damit sie ihnen nicht gestohlen würden. (S. 120)

 Und hier geht es zum letzten Teil der Reise, in dem der Pilger sein Ziel erreicht.P1090791