Eugene Dabit: Hôtel du Nord (1929)

Ein trübes Licht hing zwischen den verschlissenen Vorhängen, die ausgeblichene Blümchentapete ließ die Wände trostlos wirken, das Bett stand eingezwängt zwischen einem hellen Holzschrank und dem Waschtisch, in der Ecke lag neben dem Toiletteneimer ein Paar alter Schuhe. Die Enge, die Ärmlichkeit, der Geruch dieses Ortes, das alles sorgte für Unbehagen.

So also sehen die Zimmer aus im Hôtel du Nord, dem Schauplatz des folgenden Romans:

Eugène Dabit: Hôtel du Nord (1929)

Schon zwei Jahre später erhielt der Autor dafür den 1929 geschaffenen französischen Literaturpreis Prix du roman populiste, der Werke auszeichnen sollte, die einfache Menschen als handelnde Personen in den Mittelpunkt stellen.

Die Neuübersetzung ins Deutsche stammt von Julia Schoch (2015) und erschien bei Schöffling & Co.

Zum Inhalt

Emile Lecourvreur und seine Frau, die Arbeiterin Louise, kaufen mit Geld, das sie von Louises Bruder geliehen haben, ein schäbiges Hotel an einem Kanal in Paris.

Nebeneinander, vereint, schreiten sie in eine Welt voller Hoffnungen. Ihre Augen leuchten. Wie schön es doch ist, einen Abend wie diesen zu erleben, zu der Stunde, da die Straßenlaternen angehen, die Lichterketten und Reklameschilder, die schillernden Auslagen. Die alten Nöte sind vergessen … Louise sieht sich bereits beim Schlussverkauf […] in den Stofffluten wühlen. (S. 17)

Dabit breitet in locker miteinander verwobenen Episoden, in denen jeweils andere Gäste im Mittelpunkt stehen, ein Milieu- und Sittenbild aus, das nichts mit dem Paris der prächtigen Boulevards und großen Museen zu tun hat.

Denn in diesem Hotel mit den 40 Zimmern steigen keine Touristen ab, sondern gewöhnliche Menschen leben dort, manchmal wenige Tage, öfter jedoch Monate oder Jahre, denn Wohnungen können sich die Arbeiter, Näherinnen, Wäscherinnen, arme Ehepaare oder auch Liebespaare von ihrem kärglichen Lohn nicht leisten. Auch die trinkfesten Rollkutscher des benachbarten Fuhrunternehmens gehören zu den Stammgästen. (Rollkutschen waren einfache Pferdefuhrwerke, die dem Transport von Waren dienten).

Für die neuen Besitzer bedeutet das Hotel – neben der finanziellen Absicherung – vor allem eines: Arbeit. Louise kümmert sich – von einem Dienstmädchen unterstützt – um die Zimmer, die sie nach und nach verschönert, während Emile in der Bar des Hotels arbeitet und zusätzlich seinen Dienst als Nachtportier versieht. Louise ist dabei diejenige, die ohne viel Aufhebens ihr Möglichstes versucht, damit das Hotel ein Ort der Menschlichkeit ist und dabei nicht zum Stundenhotel verkommt. Sie besucht kranke Mieter im Krankenhaus und wirft auch das Dienstmädchen nicht raus, obwohl es ein Kind erwartet.

Doch letztlich ändert Louises Freundlichkeit nichts am Lauf der Dinge. Der kranke Mieter stirbt und die Mädchen vom Land bleiben naiv und fallen auf den erstbesten Schürzenjäger herein, werden schwanger, die Väter verschwinden, das Kind muss zu einer Amme aufs Land gegeben werden. Die alleinstehenden Frauen sind einsam; die Gefahr, vergewaltigt zu werden oder käuflich zu werden, ist allgegenwärtig.

Die Männer langweilen sich, trinken viel, arbeiten hart, doch eine Perspektive auf Veränderung hat kaum jemand von ihnen.

Fazit

Das liest sich süffig und ist zunächst ein interessanter Einblick in eine andere Welt. Dabit schreibt ganz ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Pathos und ohne Mitleid. Ein Stück weit können wir nachvollziehen, warum Menschen in solch auch geistig beengten, harten und schmutzigen Verhältnissen grob werden und Träume von einer schöneren Zukunft wie Seifenblasen platzen.

Schlecht rasiert, kaum gewaschen, haben ihre starren Gesichter die Farbe des Morgengrauens. Die Müdigkeit lässt ihre Stimme belegt klingen, und ihre Lider flattern. Mit Flüchen, mit einem lauten ‚Scheißarbeit‘ reißen sie sich aus ihren Träumen. Manchmal lassen sie sich auf einen Stuhl fallen, strecken sich durch; ihr eintöniges Dasein drückt sie nieder. […] Mechanische Existenzen, unwiderruflich an Aufgaben ohne Größe gekettet. (S. 41/42)

Die Abstumpfung der Menschen wird fast schon fatalistisch konstatiert, aber weder beklagt noch psychologisiert. Ein Ehemann brüstet sich damit, seine Frau „ordentlich verdroschen“ zu haben:

Wird ihr eine Lehre sein. Mir jeden Abend Wurst vorzusetzen! (S. 116)

Allerdings blicken wir nur oberflächlich in die einzelnen Leben hinein. Und auch wenn die Protagonisten selbst sich vielleicht auch nicht mit mehr Tiefe betrachten (können) oder ihnen dafür die Sprache fehlt, irgendwann rauschten die grobkörnig erzählten Geschichten und Episoden an mir vorbei.

Wirklich Anteil genommen habe ich nicht. Das spricht aber vielleicht gar nicht gegen die Qualität des Romans, sondern zeigt, dass es dem Autor gelungen ist, die Worte von Jean Guéhenno umzusetzen, die er seinem Werk vorangestellt hat:

Keiner von uns, der besonders wäre, unverwechselbar. An uns ist nichts, das die Blicke auf sich zieht, die Aufmerksamkeit und Liebe weckt. Nicht einmal originell sind wir. Wir sind weder liebenswert noch rührend. Jeder von uns gäbe einen schlechten Romanhelden ab. Er ist unbedeutend, und unbedeutend ist sein Leben. Es entrinnt niemals dem Prinzip ‚gewöhnliches Elend‘.

Anmerkungen

1923 kauften die Eltern des Schriftstellers das Hôtel du Nord. Eugène hat dort so manche Schicht als Nachtwächter gearbeitet. Das Gebäude gibt es übrigens immer noch.

Das Schicksal wollte es, dass ich lange Zeit im Hôtel du Nord lebte und arbeitete. Hier habe ich die Figuren meines Romans ankommen und wieder fortgehen sehen, ohne ihnen später je wieder zu begegnen. Nichts ist erschütternder und trostloser als ihr Dasein, ein Leben ohne Poesie, ohne Aufbegehren, auch ohne Traum… Nichts von ihnen ist geblieben. Ein Name? Nur selten. So kam mir der Wunsch, sie wieder lebendig werden zu lassen, sie zu verstehen, zu lieben. (aus dem Nachwort von Julia Schoch, S. 211)

Das Buch wurde 1938 verfilmt.

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