Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009)

Wie bei meinem letzten Blogbummel schon angedeutet, steht mir der Sinn zurzeit nicht nach „gehobenerer“ Lektüre. Die Korrekturenstapel häuften sich bedenklich und dann die Blogs, auf denen in rasanter Folge neue bummeltaugliche Beiträge erscheinen … Da bleibt also nur der Griff ins Cozy Crime Regal, da das herrlich entspannt.

Und genau darum geht es heute, um den ersten Band einer Serie, der mir beim Wiederlesen richtig Spaß gemacht hat und den ich deshalb, wenn auch reichlich verspätet, heute vorstellen möchte.

Die Handlung beginnt mitten in einer der zahlreichen Auseinandersetzungen dreier Schwestern:

It was as black in the closet as old blood. They had shoved me in and locked the door. I breathed heavily through my nose, fighting desperately to remain calm. I tried counting to ten on every intake of breath, and to eight as I released each one slowly into the darkness. Luckily for me, they had pulled the gag so tightly into my open mouth that my nostrils were left unobstructed, and I was able to draw in one slow lungful after another of the stale, musty air.

Die elfjährige Flavia, die Ich-Erzählerin, hat bei dem Streit den kürzeren gezogen und wurde im Schrank eingesperrt, doch ihre Rache wird nicht lange auf sich warten lassen.

Der Kanadier Alan Bradley (*1938) hat seine Romane um Flavia im England der fünfziger Jahre angesiedelt. Dort lebt sie mit ihren Schwestern Daphne (Daffy, 13) und Ophelia (Feely, 17) und ihrem Vater Colonel Haviland de Luce in dem großen alten Herrenhaus Buckshaw, das praktischerweise auch ein fantastisch ausgestattetes Chemielabor – eingerichtet von einem der Vorfahren – enthält, denn Flavia ist mit ganzem Herzen Chemikerin. Die Fehden zwischen ihr und den Schwestern enden schon mal damit, dass sie Ophelia ein bisschen Gift des Kletternden Giftsumachs in ihren Lippenstift schmuggelt und sie die allergischen Beschwerden fein säuberlich protokolliert.

Vervollständigt wird die Truppe von Arthur Dogger, einem mal mehr, mal weniger unter seinen Kriegstraumata, dem Zittern und den Gedächtnisaussetzern leidenden Butler, Gärtner, Chauffeur und Mädchen für alles. Im Krieg hat er Flavias Vater das Leben gerettet und ist der Familie der de Luces treu ergeben. Außerdem kommt täglich Mrs Mullet aus dem Dorf, Haushälterin und Klatschbase in einem, deren Kochkünste wohl als unterirdisch zu bezeichnen sind.

Harriet, die Mutter der Mädchen, starb, als Flavia ein Jahr alt war, und der Vater nimmt seine Töchter kaum wahr und kümmert sich stattdessen um seine große Leidenschaft, die Welt der Briefmarken, was wiederum der finanziellen Lage der de Luces nicht unbedingt zuträglich ist.

Im ersten Band der inzwischen auf zehn Bände angewachsenen Reihe gerät Flavias Vater unter Mordverdacht, als einer seiner ehemaligen Mitschüler, Horace Bonepenny, tot im Gurkenbeet der de Luces aufgefunden wird. Zunächst schweigt sich der Vater aus, da er befürchtet, dass Dogger für den Mord verantwortlich sein könnte, denn der hatte, zusammen mit Flavia, heimlich gelauscht, als Bonepenny versucht hatte, Flavias Vater zu erpressen.

So liegt es nun an Flavia, ihren Vater von diesem schrecklichen Verdacht reinzuwaschen und herauszufinden, was wirklich passiert ist.

Dass sie bei der Auflösung des Falles dem sympathischen Inspector Hewitt immer einen Schritt voraus ist und sich dabei auch noch in Lebensgefahr begibt, erfreut  Hewitt nur bedingt.

Das Buch wimmelt von gelehrten Anspielungen, bei denen man sogar das ein oder andere nachschlagen kann, sei es zu Naturwissenschaften oder Büchern. Das zeigt sich schon am englischen Originaltitel, einem Zitat von William King „Unless some sweetness at the bottom lie, who cares for all the crinkling of the pie“ (The Art of Cookery, 1708).

Manchmal wird die Geduld des Lesers schon strapaziert, denn wie glaubwürdig sind die folgenden Sätze aus dem Mund einer Elfjährigen?

As I expected, Father’s room war in near-darkness as I stepped inside. […] From inside, it possessed all the gloom of a museum after hours. The strong scent of Father’s colognes and shaving lotions suggested open sarcophagi and canopic jars that had once been packed with ancient spices. The finely curved legs of a Queen Anne washstand seemed almost indecent beside the gloomy Gothic bed in the corner, as if some sour old chamberlain were looking on dyspeptically as his mistress unfurled silk stockings over her long, youthful legs. (S. 146 – 147)

Zudem weist auch die Handlung selbst, gerade was die Motive des Bösewichts angeht, einige logische Löcher auf.

Allerdings schafft es Bradley, für seine jugendliche Ich-Erzählerin einen ganz eigenen Ton zu finden, frech, altklug und vorlaut, ihren Schwestern in inniger Hassliebe verbunden, aber letztlich mit dem Herz am richtigen Fleck.

Flavias Schwestern verbünden sich ständig gegen sie, bringen sie zum Weinen mit der Geschichte, dass sie adoptiert und so wenig liebenswert sei, dass sie quasi schuld am Tod der Mutter sei.

Dabei scheint immer wieder Flavias Verletzlichkeit, ihre Einsamkeit und den Wunsch nach familiärer Geborgenheit hinter der altklugen und ruppigen Fassade durch.

Here we were, Father and I, shut up in a plain little room, and for the first time in my life having something that might pass for a conversation. We were talking to one another almost like adults; almost like one human being to another; almost like father and daughter. And even though I couldn’t think of anything to say, I felt myself wanting it to go on and on until the last star blinked out. I wished I could hug him, but I couldn’t. For some time now I had been aware that there was something in the de Luce character which discouraged any outward show of affection towards one another; any  spoken statement of love. […] And so we sat, Father and I, primly, like two old women at a parish tea. It was not a perfect way to live one’s life, but it would have to do. (S. 191)

Ganz unverstellt erscheint uns Flavia, wenn sie Dogger in einem seiner schlimmen Momente antrifft. Sie tut und sagt und unternimmt sofort etwas, um ihm behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen dabei zu helfen, sich wieder in der Gegenwart verankern zu können.

Wie schrieb Laura Wilson im Guardian so nett:

The Sweetness at the Bottom of the Pie reads like a cross between Dodie Smith’s I Capture the Castle (posh family fallen on hard times, dead mother, disengaged father, crumbling pile) and the Addams family (Flavia has a well-appointed laboratory where she makes poisons to test on her spiteful elder sisters). A strong plot, involving philately, ornithology and prestidigitation, and a wonderful supporting cast make this Canadian novelist’s debut delightfully entertaining.

Fazit: Preisgekrönte Krimi-Unterhaltung, skurril, frech und spannend, ansprechend, wie gemacht für dunkle Novembertage.

Der zweite Band The Weed that Strings the Hangman’s Bag um den Tod eines Puppenspielers hat mir ebenfalls gefallen.

Die Bücher erscheinen auch auf Deutsch.

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich so, wie es nie war (2013)

Mein erster Toter war ein Rentner. Lange bevor in meiner Familie ein Unfall, eine Krankheit und Altersschwäche die nächsten geliebten Menschen verschwinden ließen, lange bevor ich hinnehmen musste, dass der eigene Bruder, der zu junge Vater, die Großeltern, ja selbst der Kindheits-Hund nicht unsterblich waren, und lange bevor ich in ein zwanghaftes Dauergespräch mit meinen Gestorbenen geriet – so heiter, so verzweifelt -, fand ich eines Morgens einen toten Rentner.

So beginnt der zweite Erinnerungsband des Schauspielers

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich so, wie es nie war (2013)

Zum Inhalt

Joachim Meyerhoff – einer der drei Söhne des ehemaligen Direktors der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig – erzählt aus seiner Kindheit. Die Erinnerungen beginnen kurz nach seinem siebten Geburtstag und enden, als er ca. Mitte zwanzig ist. Dabei kreisen viele der Geschichten um den schwer übergewichtigen Vater, der so gerne abnehmen möchte und Bücher und Zeitschriften und Zeitungen in sich hineinstopft und sich danach an alles erinnern kann, was er gelesen hat.

Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der so wahllos hochgebildet war wie mein Vater. Er konnte sich für die Deutsche Hitparade genauso begeistern wie für die Kindertotenlieder von Gustav Mahler. Er studierte die täglichen Werbeprospekte mit derselben innigen Begeisterung wie Hölderlin-Gedichte. Nichts war ihm zu entlegen, dass es nicht wert gewesen wäre, es zu wissen. (S. 171)

Der Vater geht in seiner Arbeit mit den Kranken völlig auf und fühlt sich unter ihnen wohler als unter Gesunden. Zu seinen Geburtstagen kommen nicht etwa Freunde oder Verwandte zu Besuch, sondern eine kleine Schar von Psychiatriepatienten, z. B. Ludwig.

Ludwig trug ausnahmslos Latzhosen und hakte, wenn er nicht gerade tastend seine blassen Nosferatu-Finger über den Tisch krabbeln ließ, seine Daumen unter die Verschlüsse der Träger. Er hatte Todesangst vor unserem Hund, wünschte sich aber nichts sehnlicher, als ihn zu streicheln. (S. 69)

Vater Meyerhoff wird nicht müde, seine Söhne zu Toleranz zu erziehen, und wenn sich einer der Jungen weigert, bei der Geburtstagsfeier des Vaters neben einem übergewichtigen Mädchen mit  deformiertem Kopf zu sitzen, dann ist er es, der auf die verborgene Schönheit eines jeden Menschen aufmerksam macht.

Eindringlich sprach er darüber, wie verwundert er oft sei, wenn er die Patienten nachts in ihren Betten sehe: ‚Da denke ich, ich kenne ein Mädchen seit Jahren, und plötzlich sehe ich sie schlafen. Entspannt, ruhig atmend, mit einem völlig anderen Gesicht. Und dieses arme Mädchen, das den ganzen Tag Fratzen schneiden muss und sich die Hand an den Kopf schlägt, das liegt dann da und ist wunderschön. (S. 71)

Doch dieser Seelenfachmann macht als Vater nicht immer die beste Figur. Der älteste Sohn taucht ab in sein muffiges Zimmer, das nur notdürftig von mehreren 100-Liter-Aquarien erhellt wird, der mittlere Sohn bekommt 20 Pfennig zugesteckt, wenn er es schafft, einen Tag lang mal nicht zu weinen. Und der jüngste, Joachim, wird von seinen Brüdern pausenlos gepiesakt. Sie erzählen ihm beispielsweise, dass er eigentlich ein adoptiertes Kind aus der Psychiatrie sei.

Joachim schließlich neigt zu Tobsuchts- und Jähzornanfällen, vor denen nichts und niemand sicher ist, hat Mühe, Lesen und Schreiben zu lernen und wird von der Grundschule suspendiert – heute würde mal wohl ADHS diagnostizieren.

Er kommt, nachdem er Winnetou gesehen hat, auch auf die etwas abseitige Idee, den von ihm geliebten Familienhund zum Blutsbruder zu machen. Nach dieser Aktion ist der Hund nie mehr gemeinsam mit ihm in den Keller gegangen.

Joachim liebt die Momente, in denen er seinen Vater in dessen Behandlungszimmer besuchen darf und von ihm fachgerecht abgeklopft und untersucht wird.

Mein Vater untersuchte mich mit wirklicher Hingabe, und ich genoss die Ernsthaftigkeit, mit der er sich mir widmete. (S. 152)

Die Mutter steht weniger im Zentrum, hat aber auch nicht immer ein glückliches Händchen in der Erziehung. Als sie beispielsweise von einem ihrer Kinder ein selbstgemaltes Bild geschenkt bekommt, hängt sie es auf – im Zimmer eben dieses Sohnes.

Je älter der Ich-Erzähler wird, umso stärker wird die Zeit gerafft. Der Amerika-Aufenthalt, um den es schwerpunktmäßig in Meyerhoffs erstem Buch ging, wird auf wenigen Seiten zusammengefasst.

Schließlich erkrankt der Vater schwer. Die Mutter kehrt aus Italien zurück, um sich um ihren Mann zu kümmern. Und da kommt es zu einem innigen Moment zwischen Sohn, Mutter und Vater und für mich eine der rührendsten Szenen des Buches.

Fazit

Diesmal ist mein Leseeindruck zwiespältig.

Beeindruckend ist auch hier die Unbefangenheit im Umgang mit den Psychiatriepatienten, den Menschen, die einfach anders sind, was Joachim und seine Brüder allerdings nicht daran hindert, sich auch derbe über die Kranken lustig zu machen.

Über tausend Patienten lebten damals auf dem Klinikgelände und das Haus der Direktorenfamilie lag mittendrin. Jahrelang glaubte Joachim, dass die Außenmauern und Tore zum Schutz vor Eindringlingen von außen gedacht seien. Die Meyerhoff-Söhne spielen mit den gleichaltrigen Kranken. Es ist eben normal, dass nicht alle „normal“ sind, was sich auch beim alljährlichen Spektakel des Krippenspiels zeigt.

Natürlich war die Spielweise je nach Station völlig verschieden. Da der Psychiatriegottesdienst gemeinsam mit der Erwachsenenpsychiatrie gefeiert wurde, gab es auch Krippenspiele mit für immer eingesperrten Sexualstraftätern, sogar mit Mördern, bei denen hinter jedem Hirten sprungbereit ein riesiger Pfleger stand. Und sogar einen Josef in Handschellen und die Jungfrau Maria in der Zwangsjacke habe ich gesehen. (S. 141)

Wie auch bei Alle Toten fliegen hoch findet Meyerhoff oft wunderbar treffende Bilder:

Ich habe Frauen oder Mädchen gesehen, die hingen an ihren Zigaretten wie an einem seidenen Faden aus Rauch über einem schwarzen Abgrund. Geredet wurde kaum. (S. 31)

Und auch der Humor und der trockene Witz machen wieder Spaß. Es ist schwierig, bei manchen Stellen nicht laut loszuprusten, z. B. bei der Beschreibung der Wikingertage, die alljährlich in Schleswig stattfinden, oder bei der Schilderung, wie der damalige Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg zur Einweihung eines neuen Klinikgebäudes kam und am Ende von seinen Leibwächtern …

Meyerhoff kann erzählen, Pointen setzen und Dialoge schreiben, in denen alle Protagonisten ihre ganz eigene Stimme haben. Er erzeugt eine Unmittelbarkeit, dass man meint, man sitze bei Meyerhoffs mit am Tisch. Man ist gerührt, entsetzt, betrübt und amüsiert. Und seine ungewöhnliche Kindheit bietet dafür Stoff in Überfülle (die Frage, wie viel davon wahr ist, umgeht Meyerhoff in Interviews dabei immer ganz luftig mit dem Hinweis, dass Erfinden immer Erinnern bedeute).

Dennoch:

Das Anekdotenhafte, die Beschreibung der Vorgänge aus der Außensicht,  verhindert – vor allem im letzten Drittel – hin und wieder den Blick auf das Innenleben der Figuren. Was mich aber vor allem gestört hat, war im letzten Teil das Fehlen einer Struktur, immer wahlloser wurden Anekdoten aneinandergereiht, bis ich den Eindruck hatte, jemand habe einen großen Kasten bunter Legosteine ausgeschüttet, aus denen ich jetzt etwas bauen soll. Die Steinchen sind bunt und vielversprechend, doch die Frage, was da gebaut werden soll, scheint im Vorfeld nicht so richtig geklärt worden zu sein.

Zwar überlegt Meyerhoff selbst, was denn nun der rote Faden sein solle, doch ein bisschen mehr Stringenz in der Auswahl der Erinnerungspäckchen hätte mir gut gefallen.

Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? […] Ja, daran glaube ich: Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich  mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten. (S. 348)

Anmerkungen

Gern verweise ich auf die Besprechungen bei Literaturen, Peter liest und bei Literatur und Feuilleton, hier gibt es ein lesenswertes Interview in der Zeit.

Christoph Schröder zieht in der ZEIT das Fazit:

Meyerhoff ist ein begnadeter Fabulierer; er hat ein Gespür für das Szenische, für die Pointe. Jedes Kapitel ist ein kleines Bühnenstück für sich. Das Frappierende, ja das geradezu Geniale an Meyerhoff ist seine Doppelbegabung: Auf der einen Seite schreibt er hemmungslos unterhaltsam, komisch, süffig, selbstironisch. […] Auf der anderen Seite wird schnell deutlich, dass hier nichts naiv heruntererzählt wird…

Nikolaus Merck schreibt auf nachtkritik.de:

Diese letzten Kapitel des Buches, in dem das Vateridol stürzt und der Sohn mit einer Art wildem Furor von der Krankheit zum Tode erzählt, ohne an Wärme einzubüßen, gehört trotz oder gerade wegen der vollständigen Entzauberung der Kinderwelt zu den anrührendsten Vatererzählungen, die ich kenne. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff ist ein großer Egozentriker. Und das ist unser Glück. Denn Meyerhoff beobachtet genauer als die meisten, erinnert sich vielleicht besser, und: Er schont sich nicht. Zum Erfolg seiner autobiographischen Erzählungen trägt gewiss ihr Identifikationspotential bei. Immerhin ist die Kindheit, von der er erzählt, jene Heimat, aus der wir alle einmal vertrieben wurden.

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch (2011)

Mit achtzehn ging ich für ein Jahr nach Amerika. Noch heute erzähle ich oft, dass es ein Basketballstipendium war, aber das stimmt nicht. Meine Großeltern haben den Austausch bezahlt.

So – quasi mit einer Mini-Inhaltszusammenfassung – beginnt das fantastische Buch von Joachim Meyerhoff.

Der 1967 geborene Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller schrieb ursprünglich autobiografische Texte für die Bühne und daraus hat sich ein größeres Buchprojekt entwickelt. Im ersten Band Alle Toten fliegen hoch geht es um den siebzehnjährigen Joachim, der in der norddeutschen Kleinstadt Schleswig aufwächst und – ganz untypisch für einen Coming of Age-Roman – keinerlei nennenswerten familiären Probleme hat. Noch in Amerika betont er:

Dass ich nicht vor ihnen [gemeint sind seine Eltern] geflohen, keiner durch Lieblosigkeit oder Repressalien verdunkelten Welt entkommen war und sie sehr vermisste.

Im Laufe der Geschichte erinnert sich Joachim immer wieder an Erlebnisse aus seiner Kindheit.

Das mit der Glaschiebetür ist mir selbst widerfahren. Ich konnte gerade laufen. Mein ältester Bruder setzte mich in einen Sessel und ging auf die Terrasse hinaus. Erst wenn er meinen Namen rief, durfte ich vom durchgesessenen Blumenmustersessel hinunterkrabbeln und auf meinen noch wackeligen Beinen durch das Zimmer hinaus ins Freie, in seine Arme rennen. Über die Bodenschienen der Schiebetür hätte ich jedes Mal einen niedlichen Hopser gemacht. Angeblich konnte ich von diesem Im-Sessel-Sitzen und Auf-Kommando-ins-Freie-Laufen im Gegensatz zu meinem Bruder nicht genug bekommen. Schon in seinen Armen, den Bruderarmen, hätte ich ‚Noch mal! Noch mal!‘ gerufen. Nach dem zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten ‚Noch mal! Noch mal!‘ setzte mich mein Bruder wieder in den Sessel und zog die Schiebetür zu, um herauszufinden, ob ich schon wüsste, dass man nicht durch Glas gehen kann. Ich wusste es nicht und donnerte mit solcher Wucht gegen die Scheibe, dass meiner Mutter vor Schreck das Buch bis an die Zimmerdecke flog […] Wie eine unsichtbare Faust hatte mich die Scheibe auf dem Weg in die weit geöffneten Arme meines Bruders niedergestreckt. […] Mein Bruder wurde ermahnt, keine Experimente mit mir zu machen, und in sein Zimmer geschickt. (S. 7/8)

Im Großen und Ganzen also Provinzidylle pur, zwei manchmal nervende ältere Brüder, die ebenfalls das Gymnasium besuchen, der Vater ist Arzt in der Psychiatrie und den obligatorischen Familienhund gibt es auch. Alles nicht weiter aufregend.

In meiner Stadt war Stille noch der Urzustand. Beruhigend, aber eben auch anstrengend, da man immer alleine von vorn anfangen musste, Lärm zu machen. Kein Weiterreichen, kein Einklinken – jeder für sich allein in seiner Stille. So brummten auch die Autos an mir vorbei. Aus der Stille kommend, in die Stille fahrend. Die Ziele dieser Autos erfüllten mich mit Langeweile. Garagen oder verkehrsberuhigte Wohnstraßen. Und während der Motor noch warm war, krabbelten die Kleinstädter in ihre heimeligen Betten und versanken gedankenlos in eben dieser Stille. Wie vereinzelt hier alles war. Einzelne Häuser, einzelne Autos, einzelne Bäume. (S. 60/61)

So beschließt Joachim, sich für ein Auslandsjahr an einer High School in Amerika zu bewerben. Beim Auswahlverfahren in Hamburg fürchtet er allerdings, nicht mit den weltgewandteren Großstadtkids konkurrieren zu können. Um trotzdem einen Platz im Austauschprogramm zu ergattern, lügt er beim entscheidenden Fragebogen, dass sich die Balken biegen. Er kreuzt an, dass er tiefreligiös und naturverbunden sei und deswegen am liebsten aufs Land wolle. Nur bei der Frage, ob er irgendeine Sportart bevorzuge, antwortet er wahrheitsgemäß: Er möchte Basketball spielen.

Und so nimmt die Sache ihren Lauf: Er landet mit miserablen Englischkenntnissen in der tiefsten amerikanischen Provinz, am Rande von Laramie in Wyoming, bei einer streng religiösen Familie und muss ab sofort dreimal die Woche mit zum Gottesdienst. Mehr möchte ich eigentlich gar nicht verraten, denn das Buch ist übervoll mit wahnwitzigen Geschichten und Begegnungen – ein bisschen wie Blasmusikpop von Vea Kaiser, mit dem Unterschied, dass hier sich vieles wirklich so oder ganz ähnlich abgespielt haben dürfte.

Fazit

Ich wollte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Wen würde er treffen oder kennenlernen? Welche Überraschungen würde der Unterricht an der High School bereithalten, von den seltsamen Lehrern dort ganz zu schweigen, und würde er es schließlich ins Basketballteam schaffen?

Einer der Lehrer nimmt ihn mit zu einer Besichtigungstour ins Gefängnis und ist enttäuscht, als Joachim sich nicht auf dem elektrischen Stuhl fotografieren lassen möchte. Die Leiterin des Drama Club hingegen

kam dann auf die Bühne, tippte sich mit dem Zeigefinger in die Augenwinkel, zeigte ihn herum und strahlte: ‚Hey, come on! What did you do to me? Tell me, what’s that? WHAT’S THAT? TEARS. For heaven’s sake. THESE ARE TEARS. Jesus, you are so intense, you made me cry!‘ Alle klatschten. Wir beklatschten sie, weil sie weinte, und uns, weil wir sie zum Weinen gebracht hatten. (S. 151)

Wir begleiten den Ich-Erzähler dabei, wie er ein Stück weit erwachsener wird, mit allem, was dazugehört. Er muss zurechtkommen mit Liebe, Freundschaft, Sex, Egoismus, Fehlbarkeit, Verlust, Trauer, Irrwitz und existenziellem Schrecken.

Er schaut ganz genau hin, auch wenn’s wehtut. Dabei ist aber eben keine oberflächlich-lockerflockige Anekdotensammlung entstanden, sondern ein oft genug wirklich anrührender und zarter Blick in das Innenleben eines jungen Menschen. Das kommt so frisch, absurd und unmittelbar daher, als hätte der Autor das Ganze erst gestern erlebt.

Meyerhoff schreibt entwaffnend ehrlich und vor allem oft urkomisch – mit dem perfekten Gespür für den Moment der Pointe. Mit Staunen, Toleranz und großer Unbefangenheit nimmt der jugendliche Held die manchmal schöne und manchmal sehr befremdliche Welt um sich herum wahr. Und seine Schilderung von Trauer ist derart, dass einem ganz fröstelig wird, weil man weiß, ja genau so ist das.

Durch das Jahr in Amerika ist auch ein sinnvoller Spannungsbogen garantiert. Und ich habe einige Dinge über Amerika gelernt, die in keinem Reiseführer stehen.

Anmerkungen

Hier ein Interview mit Iris Radisch, das einen guten Eindruck vom Autor vermittelt, und hier ihre Leseempfehlung auf ZEIT online, über die ich mich ein bisschen gewundert habe. Radisch klingt, als würde das Buch überwiegend in der deutschen Provinz spielen, dem ist nun nicht so.

Und hier geht’s lang zu den begeisterten Rezensionen der FAZ und von Dr. Christian Koellerer.

Heide Soltau schreibt im NDR: „Das Buch folgt dem Muster des klassischen Entwicklungsromans. Mit Witz und Charme und ganz ohne Larmoyanz erzählt er von den inneren und äußeren Nöten eines Jugendlichen, der mit der Reise nach Amerika auch die eigene Kindheit, das Reich der Toten und die Welt der Erwachsenen bereist. Das ist keine Selbstbespiegelung, sondern gelungene Literatur.“

Im Deutschlandfunk schreibt Günter Kaindlstorfer und in der TAZ schreibt Detlef Kuhlbrodt.

A. J. Jacobs: Britannica & ich (2006)

Ich weiß, wie die führende türkische Avantgarde-Zeitschrift heißt. Ich weiß, dass John Quincy Adams seine Frau allein des Geldes wegen ehelichte. Ich weiß, dass Bud Abbott ein Lügner und Betrüger war, dass die Briefwahl in Irland äußerst populär ist und dass Zwerge einen kugelrunden Hintern haben.

So beginnt die Geschichte „von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden“:

Arnold Stephen Jacobs: Britannica & ich (2006)

Das englische Original erschien unter dem Titel: The Know-It-All (2004) und wurde von Thomas Mohr ins Deutsche übersetzt.

Zum Autor

Jacobs ist ein Fan solcher Großprojekte. 2007 erschien sein Werk The Year of Living Biblically, in dem er beschreibt, wie er ein Jahr lang versucht, nach allen Regeln der Bibel zu leben. Sein neuestes Werk heißt: Drop Dead Healthy: One Man’s Humble Quest for Bodily Perfection (2012).

Zum Inhalt

Der amerikanische Journalist Jacobs (geb. 1968) beschließt, etwas gegen seine drohende Verblödung zu unternehmen und deshalb die komplette Ausgabe der Encyclopaedia Britannica (32 Bände, also insgesamt 33.000 Seiten) zu lesen. Bei diesem Selbstversuch begleiten wir ihn nun.

Ich liebäugele schon seit Jahren mit dem Gedanken, die Britannica zu lesen. Da ich – außer meiner beeindruckenden Kotztütensammlung aus Kindertagen – bislang eigentlich nichts Nennenswertes zustande gebracht habe, schien mir das ein geeigneter Prüfstein zu sein. Der höchste Berg der Erkenntnis. Mein Everest. Bei dessen Besteigung mir zum Glück weder die Ohren abfrieren werden noch der Sauerstoff ausgehen wird… Ein enzyklopädischer Crashkurs. Mit dessen Hilfe ich all meine Bildungslücken schließen werde. In diesem unserem Zeitalter extremer Spezialisierung werde ich der letzte universalgelehrte Amerikaner sein. Wenn nicht gar der klügste Mensch der Welt. (S. 9)

Fazit

1. Immer schön locker-flockig

Zwischendurch ging mir der penetrant „witzige“ Kolumnenton auf die Nerven und dann schien mir der Autor nur ein Parasit zu sein, der sein Buch ohne allzu viel Mühe aus den für ihn interessantesten Fundstücken zusammengebastelt hat.

Dance (Tanz)

Bei einem Stamm auf Santa Maria hielten die alten Männer mit Pfeil und Bogen Wache und erschossen jeden Tänzer, der einen Fehler machte. Davon sollten sich die Castingshows mal eine Scheibe abschneiden. (S. 66)

Im Original lautet die Passage:

In a tribe on the island of Santa Maria, old men used to stand by with bows and arrows and shoot every dancer who made a mistake. The perfect way to raise the stakes on American Idol.

Das zeigt, dass manchmal leider auch die Übersetzung an dem nervtötend-heiteren Ton schuld ist.

2. Die Übersetzung

Dass dem Übersetzer auch richtig dicke Fehler unterlaufen, ist ebenfalls nicht hübsch: Im amerikanischen Original heißt es, dass Binet seinen Intelligenztest „in the early 1900s“ entwickelte. Das ist korrekt. In der Übersetzung wird daraus „Anfang des neunzehnten Jahrhunderts“. Binet wurde leider erst 1857 geboren.

3. Informationsfülle im Überfluss

Aber dennoch ist das Buch an vielen Stellen auf charmante Weise informativ. Alphabetisch geordnet beschreibt er seine Leseeindrücke und garniert sie mit Geschichten aus seinem Alltag (seine Frau und er wünschen sich dringend Nachwuchs) und seiner Umwelt, die seine Besserwisserei nun ertragen muss. Und das ein oder andere Stichwort habe ich dann selbst in einem Lexikon nachgeschlagen, weil er mich neugierig gemacht hat. Ganz offensichtlich scheint die Britannica, das älteste noch erscheinende Nachschlagewerk – seine bescheidenen Anfänge lassen sich bis zum Jahr 1768 in Schottland zurückverfolgen – auch eine Fundgrube bizarrer „human interest“ Anekdoten zu sein.

4. Ein böser Verriss – zu Recht?

Einen richtig wütenden Verriss gab es von Joe Quennan in der New York Times am 3. Oktober 2004:

The Know-It-All: One Man’s Humble Quest to Become the Smartest Person in the World is mesmerizingly uninformative. […] Facts absorbed without context merely magnify the intellectual deficiencies of the autodidact, because a poorly educated person does not know which facts are important.

A case in point: Jacobs refers to Absalom as a “biblical hero“ (wrong!), and reports that he was killed by his enemy Joab after his hair (yuk! yuk!) got caught in a tree branch. Absalom, as anyone who has read the Scriptures knows, was a son of David; the story of the son who raises his hand against his father is one of the most famous, heart-rending episodes in the Bible. A generation ago, everyone knew this tale; William Faulkner even wrote a book called “Absalom, Absalom!“ (Faulkner, for the uninformed, won the Nobel Prize in Literature.) With similar lack of sophistication, Jacobs brays on about the Aztecs, apparently unaware that the people known as the Aztecs actually called themselves the Mexica. And even after allegedly reading the encyclopedia, Jacobs still doesn’t know who Samuel Beckett is, an admission that is almost criminally stupid, even for someone who has written for Entertainment Weekly.

A graduate of the prestigious Dalton School in Manhattan and Brown University, Jacobs is a prime example of that curiously modern innovation: the pedigreed simpleton. […] Jacobs’s biggest problem isn’t that he doesn’t know much; it’s that he doesn’t realize how much educated people do know. There’s just no two ways about it — people who read Marcel Proust and Bertrand Russell instead of Entertainment Weekly actually do learn stuff. Deluded into believing that his enterprise has made him smarter, Jacobs constantly seeks to bedazzle the reader with his latest shocking discoveries, unaware that things he perceives as riveting arcana are common knowledge in many quarters.“

Das finde ich dann doch arg arrogant, denn Quennan scheint ein Problem damit zu haben, wenn Menschen, die nicht so gebildet sind wie er, ein Werk wie die Britannica zur Hand nehmen. Soll er sich doch freuen, dass der Autor einen deutlichen Informationszuwachs zu verzeichnen und vielleicht sogar ein bisschen Werbung für gewichtige Lektüre gemacht hat. Im Übrigen schreibt Jacobs am Ende seines Projekts selbst:

Ich weiß um die geradezu ozeanischen Ausmaße des Menschheitswissens. Ich weiß, dass ich von diesem Ozean sehr wenig weiß. (S. 398)

5. Ein merkwürdiges Menschenbild

Wenn Jacobson ausgerechnet ein paar Sätze von Robert Ardrey, einem Anthropologen und Dramatiker, als Sätze bezeichnet, „bei denen ich in Ohnmacht sinken könnte wie die Frau bei der Lektüre von Montaignes Essays“ (S. 271), dann stimmt mich das schon ein bisschen trübsinnig. Ardrey war als Anhänger der ‚hunting hypothesis‘ und der ‚killer ape theory‘ der Meinung, dass der Mensch vor allem seiner Aggression und Gewaltbereitschaft seinen evolutionären Erfolg verdanke. Eine These, die von diversen Forschern heute angezweifelt wird. Das Zitat, für das Jacobs glatt seine vier Jahre Studium der Philosophie eintauschen würde, lautet:

Doch nicht von gefallenen Engeln wurden wir geboren, sondern von emporgestiegenen Affen, die noch dazu bewaffnete Mörder waren. Worüber also sollen wir uns wundern? Über unser Morden, unsere Bomben und Raketen und unsere kriegslüsternen Truppen? […] Das Wunder der Menschheit ist nicht, wie tief sie gesunken, sondern wie hoch sie emporgestiegen ist. Unsere Gedichte, nicht unsere Toten machen uns unsterblich. (S. 271)

Der letzte Satz lautet im Original: „We are known among the stars by our poems, not our corpses.

Unzählige Opfer von Kriegen und Gräueln einfach als unvermeidliche Begleitschäden der Evolution abzutun, das muss man auch erst mal schaffen.

Ja, wir sind zu schrecklichen Dingen imstande. Wir haben Armut, Krieg und Sommerzeit erfunden. Aber alles in allem […] haben wir uns durch unsere Leistungen und Errungenschaften rehabilitiert. Immerhin gehen auch die Fontana die Trevi, Blinden-Scrabble, Dr. DeBakeys Kunstherz und das Frequenzwahltelefon auf unser Konto. (S. 390)

Die Geschichte sei auch „eine Ansammlung derart verblüffender Meisterleistungen und Heldentaten, dass ich es als Ehre empfinde, die DNA-Struktur der übrigen Menschheit zu teilen. (S. 398)

Ardrey lässt grüßen.

6.  Der Taiping- Aufstand in China oder wie Lesen den Horizont erweitert

Vor seinem Britannica-Projekt hatte Jacobs vermutlich noch nie von dem Taiping-Aufstand gehört. Doch dieser Lexikoneintrag zeigt ihm, wie sehr das, was wir wissen, von unserem Umfeld abhängt und der Kultur, in der wir uns bewegen:

This was a Chinese upheaval in the mid-nineteenth century that “took an estimated 20,000,000 lives.” I read that sentence again. And again. It took 20 million lives. Holy shit. I try to process that enormous number. That’s four hundred stadiums full of human beings. That’s more than ten times the population of Manhattan. The Taiping Rebellion occurred about the same time as our own Civil War, which was horrible and bloody – and took less than seven hundred thousand lives. About 4 percent of the Taiping total. And I’ve barely even heard of this rebellion.
I feel like an ignorant Westerner. Even with my liberal education, I learned next to nothing about the other side of the world, so that doesn’t feel good. But I also have another, stranger reaction. I feel angry at the Britannica. The Britannica just states that 20 million died in its typical deadpan tone. Shouldn’t there be three exclamation points after it? Shouldn’t it say, “took an infuckingsane 20 million lives”? There’s a disconnect. The Britannica is completely dispassionate, which I’ve always thought was one of its strengths. But how can you be dispassionate with crazy information like this? How can you try to deal with the horrors of human behavior as if you’re talking about tectonic plates? The Britannica’s tone lulls you into thinking that the world is rational, but entries like this one just stop you cold.

7. Zum Abschluss

Britannica & I hängt für mich ein wenig in der Luft, da kein existenzielles Bedürfnis hinter dem Projekt steht. Die Grundidee, die ich durchaus reizvoll finde, wird eher als launiger Gag behandelt und dadurch verschenkt der Autor  die Gelegenheit, auch mal tiefer zu schürfen und zu überlegen, was wir überhaupt unter Wissen verstehen, ob und wie es uns nützt, was uns antreibt, es zu erwerben und welche Rolle Enzyklopädien oder Wikipedia überhaupt dabei spielen. Und wie hängen Informationen und Wissen überhaupt zusammen?

Manchmal fehlt dem Autor einfach das Vertrauen in sein Buch und er meint, den Leser mit albernen Späßchen und Schwänken aus seinem eigenen Leben bei Laune halten zu müssen. Und das ist das wirklich Ärgerliche an dem Buch, dass die schöne Grundidee an vielen Stellen gnadenlos auf bloßes Entertainment eingedampft wird. Nichts ist mehr wichtig genug, um auch als wichtig oder ernsthaft behandelt zu werden. Info-Häppchen als Pausenfüller. Garniert mit Einblicken ins Jacobsche Familienleben. Am besten, das Ganze würde noch mit einem launigen Jingle unterlegt.

Nur hin und wieder schimmert auch eine andere Ebene durch, z. B. als ihm sein Bekannter Bob folgende Geschichte erzählt:

Kennen Sie die Geschichte von dem Herrscher aus dem Morgenland? Besagter Herrscher zitierte alle Gelehrten in sein Reich und sagte: ‚Ich möchte, dass ihr das gesamte Menschheitswissen an einem Ort zusammentragt, damit meine Söhne es lesen und lernen können.‘ Die Gelehrten gingen davon und kehrten nach einem Jahr mit 25 Bänden voller Wissen zurück. Der Herrscher sah sie sich an und sagte: ‚Nein. Das ist zu lang. Fasst euch kürzer.‘ Und so gingen die Gelehrten davon und kehrten nach einem weiteren Jahr mit einem einzigen Band zurück. Der Herrscher sah ihn sich an und sagte: ‚Nein. Immer noch zu lang.‘ Wieder gingen die Gelehrten davon. Als sie nach einem weiteren Jahr zurückkehrten, reichten sie dem Herrscher ein Stück Papier, auf dem ein Satz geschrieben stand. Ein einziger Satz. Wissen Sie, wie der Satz lautete?‘ Bob sieht mich an. Ich schüttele den Kopf. ‚Der Satz lautete: Alles geht vorüber.‘ (S. 110)