Irène Némirovsky: Die Familie Hardelot (1947)

Sie waren beisammen, sie waren glücklich. Die wachsame Familie schob sich zwischen sie und trennte sie mit unerbittlicher Sanftmut, aber der junge Mann und das junge Mädchen wußten, daß sie einander nahe waren; alles übrige verblaßte. Es war ein Herbstabend am Ufer des Ärmelkanals, zu Beginn dieses Jahrhunderts. Pierre und Agnes, die Eltern der beiden sowie Pierres Verlobte warteten auf das letzte Feuerwerk der Saison. Auf dem feinen Sand der Dünen bildeten die Bewohner von Wimereux-Plage dunkle, kaum von den Sternen erhellte Gruppen. Rings um sie wehte die feuchte Seeluft. Tiefer Frieden lag über ihnen, über dem Meer und über der Welt.

So beginnt der lesenswerte Roman der Schriftstellerin, die 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben kam:

Irène Némirovsky: Die Familie Hardelot (1947) – übersetzt von Eva Moldenhauer (2010)

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges scheint noch alles intakt in der Familie Hardelot. Im jährlichen Badeurlaub gelten scheinbar ewige und nicht hinterfragbare Regeln: Nur die Männer dürfen am Strand die Schuhe und Strümpfe ausziehen, die Damen stolpern durch den Sand.

Die Männer gestatteten sich einige Zwanglosigkeiten; sie streckten die Beine aus, stützten sich auf einen Ellbogen. […] Die Frauen blieben mit steifem Oberkörper auf der Erde sitzen wie auf den Stühlen eines Salons, wobei der Rock züchtig die Knöchel bedeckte. Wenn das vom Wind gezauste bleiche Gras ihre Waden streifte, preßten sie mit schamvollen Bewegungen ihre Beine zusammen. Ihre Kleider waren schwarz und lang; gestärkte, auf Fischbeinstäbe gezogene Wäschekragen umschlossen ihren Hals und zwangen sie, den Kopf ruckartig nach links und rechts zu drehen, so wie ein Huhn einen Wurm pickt. (S. 7)

Die Papierfabrik der Hardelots wird vom erfolgreichen, wenn auch tyrannischen Großvater geleitet. Er ist es auch, der die Verlobung zwischen Pierre, seinem Enkel, und Simone, einer wohlhabenden Waise, eingefädelt hat. Und diesem Mann widerspricht man nicht. Doch das Undenkbare passiert. Pierre und Agnes, seine große Liebe, die aber leider nur einer Bierbrauerfamilie entstammt, treffen sich heimlich. Agnes wäre nun für immer kompromittiert, doch Pierre besinnt sich und löst die Verlobung mit Simone und heiratet Agnes. Das junge Paar muss mittellos nach Paris gehen, denn der Großvater verweigert jeden Kontakt. In Simone hat das Paar nun eine erbitterte Feindin, die mehr als einmal versuchen wird, der Familie zu schaden, wo immer es geht.

Allerdings werden diese Sorgen um Standesdünkel, um Familienehre und das Wahren des Scheins bald von ganz anderen Problemen überschattet. Der erste Weltkrieg bricht aus und die einst reiche Familie Hardelot verliert ihre Häuser, ihre Fabrik. Doch Pierre, der eingezogen wird, überlebt und der starrsinnige Großvater lässt alles wieder aufbauen, sogar das Dorf. Man scheint noch einmal davongekommen zu sein. Pierre geht seinem Großvater nun sogar zur Hand, auch wenn Agnes dem Familienpatriarchen weiterhin nicht unter die Augen kommen darf. Agnes und Pierre bekommen zwei Kinder, und auch Simone, die inzwischen einen Nichtsnutz geheiratet hat und sich stark in der Firma engagiert, hat eine Tochter.

Wieder konzentrieren sich alle Freuden, alle Sorgen auf den engsten Familienkreis. Als der Großvater kurzerhand Pierres Urlaub streicht, ist Agnes unglücklich und wirft ihrem Mann Feigheit vor, doch am Ende des Tages heißt es:

Ohne Bedauern überließen sie diesen verflossenen Tag der Vergangenheit, dem Vergessen, diesen Tag, der zu den ruhigsten, köstlichsten, strahlendsten ihres Lebens gehörte. Aber das wußten sie nicht. (S. 113)

Und so bewegt sich die Handlung, von einigen Liebeskatastrophen abgesehen, rasch auf den Zweiten Weltkrieg zu. Kritiker haben in dieser Mischung aus intimen Familienszenen und Gesprächen und großen Zeitsprüngen von mehreren Jahren eine interessante Montagetechnik gesehen, die es ermöglicht, auf 250 Seiten ca. 30 Jahre Familiengeschichte unterzubringen. Allerdings – welche Familiengeschichte wäre nicht interessant, wenn man sie vorrangig anhand der großen geschichtlichen Ereignisse aufrollt?

Man wartete auf den Krieg, wie der Mensch auf den Tod wartet. Er weiß, daß er ihm nicht entrinnen wird; er fleht nur um Aufschub. ‚Einverstanden, du wirst kommen, aber warte noch ein bißchen, warte, bis ich dieses Haus gebaut, diesen Baum gepflanzt, meinen Sohn verheiratet habe, warte, bis ich keine Lust mehr habe zu leben.‘ Vom Krieg erbat man sich nichts anderes Noch ein paar Monate Ruhe, noch ein Jahr, noch eine sorglose Saison … Mehr erhoffte man nicht: morgen wie heute die Suppe auf dem Tisch, die ganze Familie vereint, die Zerstreuungen, die Geschäfte, die Liebe, noch eine Weile, noch einen kleinen Augenblick, dann … So wie auf den alten Gemälden der Tod neben dem pflügenden Bauern einhergeht, aus dem Glas des Reichen trinkt, auf dem Elendslager des Armen schläft, bei den Festgelagen mit den Musikern singt […] so spürten die Menschen von 1938 ständig neben sich den unsichtbaren, doch anwesenden Krieg. (S. 172)

Noch einmal werden die Deutschen alles plattwalzen und Not, Trauer, Tod, Chaos und Zerstörung hinterlassen.

ACHTUNG: Spoiler:

Zwar hat mich das Ende des Romans als Leserin gefreut, doch angesichts der geschichtlichen Situation und der Biografie Némirovskys erscheint es einem auch als naiv. Nur in den Häusern der anderen kommen nicht alle aus dem Krieg zurück. Aber am Hause der Hardelots geht der Tod vorbei. Das Undenkbare konnte nicht geschrieben werden, wie denn auch.

Davon abgesehen fasziniert an diesem Buch die kristallklare Sprache und der kluge und immer auch ein wenig spöttisch-liebevolle Blick der Schriftstellerin auf ihre Figuren. Ein bisschen habe ich mich jedoch daran gestört, dass die Autorin alles ausbuchstabiert. Nichts bleibt zwischen den Zeilen. So heißt es schon ganz am Anfang:

Während des Winters sahen sich die Hardelots und die Florents selten, obwohl sie Nachbarn waren. Die Leute von Saint-Elme besaßen ein wahres Talent, alles zu ignorieren, wovon sie nichts wissen wollten. Wie gut sie es verstanden, sich nach Belieben blind und taub zu stellen! Mit welchem Zartgefühl sie sich alles aus dem Weg räumten, was ihnen mißfiel! Familien konnten zwanzig Jahre lang Tür an Tür wohnen und nie einen einzigen Blick wechseln. (S. 9)

Das Buch schildert nicht nur eine wunderbare Liebesgeschichte, sondern erzählt auch von dem Untergang einer Lebensweise und aller Selbstverständlichkeiten, der hier nicht wie bei den Buddenbrooks durch innerfamiliäre Veränderungen ausgelöst wird,  sondern durch zwei Weltkriege. Dabei schien die große Politik immer weit weg zu sein, um dann doch wie eine undurchschaubare Naturkatastrophe über die Familie hereinzubrechen.

Wenn man dann bedenkt, dass das Buch um 1940/41 entstand, ahnt man, wie nah die Autorin dem Schrecken war. Sandra Kegel schrieb am 23. Dezember 2010 in der FAZ:

Zu diesem Zeitpunkt war sie [gemeint ist die Autorin] selbst bereits auf der Flucht vor den deutschen Besatzern, Frankreich hatte ihr bis zuletzt die französische Staatsbürgerschaft verweigert. Wie schon in früheren Werken bestechen auch in diesem Familienroman die ironisch-beißenden Beschreibungen der französischen Provinz und ihrer Bewohner, die so sehr von dem trügerischen Gefühl der Beständigkeit und der Sicherheit erfüllt sind, dass sie die Zeichen der Katastrophe übersehen.

Von Marion Skalski stammt der folgende Deutungsansatz im 3sat-Hörbuchtipp für Februar 2011:

Irène Némirovsky muss geahnt haben, dass eine Gesellschaft, deren wichtigste Maxime es ist, die Form zu wahren, auch mit den Nazis kollaborieren würde.

Ein kurzer Abriss zur Biografie Némirovskys und der Wiederentdeckung ihres Werkes ca. 60 Jahre nach ihrem Tod findet sich in meiner Besprechung ihrer Erzählung Der Ball.

Irène Némirovsky: Der Ball (OA 1930)

Als Madame Kampf das Studierzimmer betrat, zog sie die Tür derart schroff hinter sich zu, daß der Kristallüster im Luftzug klingelte wie reines, leises Glöckchengeläut. Doch Antoinette, die so tief über das Pult gebeugt saß, daß ihr Haar die Buchseite streifte, hatte nicht aufgehört zu lesen. Ihre Mutter sah sie einen Augenblick wortlos an; dann baute sie sich vor ihr auf, die Arme vor der Brust verschränkt.

So beginnt die Erzählung der jüdischen Autorin, die 1942 im KZ Auschwitz ums Leben kam:

Irène Némirovsky: Der Ball (1930) – neu übersetzt von Claudia Kalscheuer (2005)

In der kaum 90 Seiten langen Erzählung werden die Vorbereitungen zu einem Ball geschildert, den das durch eine Börsenspekulation zu plötzlichem Reichtum gekommene Ehepaar Kampf geben will. Der Ball, bei dem über 170 Gäste erwartet werden, soll ihre neue gesellschaftliche Stellung demonstrieren und ihnen Eintritt in bessere Kreise verschaffen. Eine arme Verwandte wird nur deshalb eingeladen, damit diese dann später der ganzen Verwandtschaft von dem glänzenden Ereignis erzählen kann. Denn die familiären Beziehungen sind trübe, hatte sich die Familie doch vor vielen Jahren gegen die Ehe Madame Kampfs mit einem Juden ausgesprochen.

Die boshafte und herrische Madame Kampf fürchtet bei dem Ball die Konkurrenz ihrer vierzehnjährigen Tochter Antoinette, deshalb soll diese auch nicht am Ball teilnehmen, sondern den Abend in der Rumpelkammer verbringen, da man in ihrem Zimmer die Bar einrichten will. Dabei wünscht sich Antoinette, die noch voller Jungmädchenträume ist, nichts so sehr wie wenigstens eine Viertelstunde an dem Ereignis teilnehmen zu dürfen.

Ein Ball … Lieber Gott, lieber Gott, wäre es denn möglich, daß nur ein paar Schritte von ihr entfernt dieses herrliche Ereignis stattfände, das sie sich undeutlich als ein Gewirr von wilder Musik, berauschenden Parfums, prachtvollen Gewändern vorstellte, mit geflüsterten Liebesworten in einem abgelegenen Separee, dunkel und kühl wie ein Alkoven – und daß sie an diesem Abend wie an jedem anderen um neun Uhr im Bett läge, wie ein Baby? (S. 29)

Doch die Beziehung zwischen Tochter und Mutter ist schon seit Jahren zerrüttet, spätestens seitdem die Mutter die Elfjährige auf der Straße geohrfeigt und öffentlich gedemütigt hat. Kein Wunder also, dass das Mädchen ihrer Mutter nichts als Angst und Hass entgegenbringt.

Antoinette findet – zufällig – einen Weg, sich zu rächen und das Kartenhaus ihrer Eltern zum Einsturz zu bringen.

Eine Art Schwindel erfaßte sie, ein wilder Drang, allem zu trotzen und Böses zu tun. (S. 51)

Fazit

Zum Glück ist das Werk so kurz, denn länger hätte ich es wohl kaum mit solch unsympathischen Figuren ausgehalten.

Aber gerade in der Verknappung liegt auch der Reiz der Geschichte, die schon eine Charakterstudie ersten Ranges darstellt. Weder die Eltern noch Antoinette werden in Schwarz-Weiß gezeigt, alle – auch Antoinette – sind geprägt von ihrem Umfeld und fast bekommt man ein bisschen Mitleid mit der Mutter, die einem Ziel hinterherläuft, das sie niemals wird erreichen können. Sie kommt gar nicht auf die Idee, ihre Götzen Reichtum und gesellschaftliche Anerkennung zu hinterfragen. Sie möchte unbedingt etwas darstellen, doch dabei kommt bestenfalls eine Karikatur heraus, beispielsweise wenn sie sich dabei ertappt, so grob und „unfein“ wie früher zu reden. Im Grunde ist sie von Minderwertigkeitsgefühlen zerfressen und sucht die Nähe der Reichen, um selbst jemand zu sein.

Die Irrungen und Wirrungen der heranwachsenden Antoinette werden ebenfalls feinfühlig dargelegt und so ist „Der Ball“ auch eine Geschichte über das Überschreiten der Schwelle von der Kindheit zum Erwachsenen. Dabei ist sie keineswegs nur das Opfer ihrer charakterlosen Mutter, sondern auch – wie sie mit Schrecken feststellen muss – ihr Spiegelbild.

Zur Autorin

Némirovsky, die Tochter eines jüdischen Bankiers, wurde in der Ukraine geboren.

Da ihre Eltern sich nicht sonderlich für sie interessierten, wuchs sie unter der Obhut einer französischen Gouvernante auf, so dass Französisch ihr zur zweiten Muttersprache wurde. Im Verlauf der Russischen Revolution floh die Familie und kam über Finnland und Schweden 1919 nach Paris. In den 1920er Jahren gelangte ihre Familie wieder zu Reichtum und Irène konnte ein behütetes und luxuriöses Leben führen. (Wikipedia)

Sie wurde zu einer gefeierten Schriftstellerin, die sich – trotz ihrer jüdischen Herkunft – immer wieder den Vorwurf einhandelte, selbst antisemitisch zu sein und den Vorurteilen der Nazis noch Munition zu verschaffen, da sie in ihren Werken oft ein unsympathisch geldgieriges jüdisches Milieu schilderte und bis zum bitteren Schluss auch bereit war, für antisemitische Zeitungen zu schreiben (siehe den Artikel von Ruth Franklin, Januar 2008 in The New Republic). 1926 heiratete sie den jüdischen Physikingenieur und späteren Bankier Michel Epstein, auch er wurde deportiert. Die zwei Töchter des Ehepaares, Élisabeth und Denise, überlebten den Holocaust.

Erst als ihre älteste Tochter Denise in den späten neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts plante, einen Koffer mit Notizen ihrer Mutter einem Archiv zu übergeben, nahm sie den Inhalt des Koffers genauer in Augenschein. Dabei wurde 1998 das Romanfragment Suite Francaise entdeckt und nach seiner Veröffentlichung im Jahre 2004 eine literarische Sensation. Némirovsky war die erste, der posthum der französische Literaturpreis Prix Renaudot verliehen wurde.

Daraufhin setzte eine weltweite Neuentdeckung der Schriftstellerin ein. Im Jewish Quarterly erschien im Herbst 2008 ein lesenswerter Artikel von Tadzio Koelb, der sich kritisch mit der begeisterten Rezeption von Suite Francaise in der britischen Presse auseinandersetzt und den Literaturkritikern vorwirft, sich zu wenig mit dem Roman selbst zu beschäftigen und ihn vorschnell als Meisterwerk zu verklären, und zwar hauptsächlich aufgrund des fantastisch vermarktbaren Schicksals der Autorin.

1992 erschien Élisabeth Gilles Biografie ihrer Mutter, die sie nie richtig hatte kennenlernen dürfen: Le Mirador: mémoires rêvés (auf Deutsch: Erträumte Erinnerungen) und 2007 veröffentlichten Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt ihre hochgelobte Biografie zu Némirovsky. Sie weisen die Etikettierung der Schriftstellerin als „antisemitisch“ eindeutig zurück:

Némirovsky rejected the accusations. When a reporter from a Zionist newspaper showed up at her home, she said: “I’m accused of anti-Semitism? Come now, that’s absurd! For I’m Jewish myself and say so to anyone prepared to listen!” But Jewish enemies were making use of her characters, the reporter persisted. “Nevertheless, that’s the way I saw them,” she replied. To Mr. Philipponnat and Mr. Lienhardt critics then and now have given the book a myopic reading. Calling it a depiction of a social milieu, they ask, “Had ‘David Golder’ been written in 2009 by Bernard Madoff’s daughter, who would dream of accusing her of anti-Semitic views? (Patricia Cohen, am 25. April 2010 in der New York Times)

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