Jane Austen: Pride and Prejudice (1813)

It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife. However little known the feelings or views of such a man may be on his first entering a neighbourhood, this truth is so well fixed in the minds of the surrounding families, that he is considered as the rightful property of some one or other of their daughters.

Mit diesem weithin bekannten Einstieg beginnt der englische Klassiker Pride and Prejudice (1813) von Jane Austen, der auf Deutsch unter dem Titel Stolz und Vorurteil erschienen ist.

Wie schon den ersten Sätzen zu entnehmen ist, muss die Ankunft des wohlhabenden Mr Bingley, des neuen Mieters des nachbarschaftlichen Herrenhauses, die Aufmerksamkeit der Familie Bennet erregen, schließlich haben Bennets haben gleich fünf Töchter, die ja irgendwann unter die Haube sollen. Das ist schon deshalb wichtig, weil aufgrund der damaligen Erbregelung das Anwesen nach dem Tode Mr Bennets nur einem männlichen Verwandten zufallen darf. Das wäre in diesem Fall Mr Collins, ein entfernter Cousin der Mädchen und ein schier unerträglicher Esel. Ohne Ehemann würden die Töchter nach dem Tod des Vaters im Grunde mittellos sein.

Hier wird nun von Austen ein etwas größerer Ausschnitt der Gesellschaft ins Auge gefasst, als das in den früheren Romanen der Fall war. Allerdings ändert diese Ausweitung nichts an den grundlegenden Themen, die auch diesen Roman durchziehen: die Rolle des Geldes, die Bedeutung von Erziehung, die Frage nach dem, was den richtigen Ehepartner ausmacht, die Überwindung von Vorurteilen. Und welche charakterlichen Reifungsprozesse müssen vollzogen werden, bevor man glücklich in den Hafen der Ehe einlaufen kann?

Die verschiedenen Möglichkeiten werden nun anhand der Familie Bennet durchgespielt. Da wären zum einen die Eltern: Mr Bennet ist eine interessante, weil durchaus zwiespältige Figur. Er ist intelligent und integer und sich im Klaren darüber, dass er er bei der Wahl seiner Ehegefährtin kräftig danebengegriffen hat, dennoch ist er nicht bereit, dem moralischen Verfall seiner Familie Einhalt zu gebieten. Stattdessen flüchtet er sich in Spott und in seine Bibliothek, in der ihn niemand stören darf.

Her mind was less difficult to develope. She was a woman of mean understanding, little information, and uncertain temper. When she was discontented, she fancied herself nervous. The business of her life was to get her daughters married; its solace was visiting and news. (S. 3 der in gebundenen Ausgabe der Everyman’s Library)

Jane, die älteste und tugendsame Tochter, verliebt sich in Mr Bingley. Die Liebe wird erwidert. Doch da Jane nicht als „gute Partie“ gilt und ihre Mutter und ihre jüngeren Schwestern ungebildet, ja fast schon ordinär sind, nimmt der zaudernde Bingley wenn auch schweren Herzens zunächst Abstand von Jane.

Ihre attraktive und lebhafte Schwester Elizabeth, die Hauptfigur, betrachtet das Treiben um sich herum mit gemischten Gefühlen. Sie nimmt ihrer Freundin Charlotte übel, dass diese, um lebenslang abgesichert zu sein, den Heiratsantrag von Mr Collins angenommen hat. Für sich selbst lehnt sie eine Heirat, die nicht auf gegenseitiger Achtung und Liebe beruht, grundsätzlich ab.

Elizabeth erkennt, wie berechnend und dümmlich sich ihre Mutter verhält. Sie ist empört, weil Bingley mit den Gefühlen ihrer Schwester zu spielen scheint, und kultiviert eine innige Abneigung gegen Bingleys Freund, den reichen, gut aussehenden, aber versnobten und stolzen Mr Darcy.

Der wiederum ist das Objekt der Begierde von Bingleys Schwester. Schonungslos legt der Erzähler deren Absichten offen, doch wer hätte nicht auch ein wenig Mitleid mit Miss Bingley?

Miss Bingley’s attention was quite as much engaged in watching Mr Darcy’s progress through his book, as in reading her own; and she was perpetually either making some inquiry, or looking at his page. She could not win him, however, to any conversation; he merely answered her question, and read on. At length, quite exhausted by the attempt to be amused with her own book, which she had only chosen because it was the second volume of his, she gave a great yawn and said: „How pleasant it is to spend an evening in this way! I declare after all there is no enjoyment like reading! How much sooner one tires of anything than of a book! – When I have a house of my own, I shall be miserable if I have not an excellent library.“ (S. 50/51)

Die mittlere Tochter der Bennets, Mary, ein unattraktives Mädchen, das von niemandem so richtig wahrgenommen wird, fällt allen anderen mit ihren Büchern, Klavierspielen und moralischen Sentenzen auf die Nerven.

Blieben noch die beiden jüngsten, Lydia und Kitty. An der fünfzehnjährigen Lydia, die wenig im Kopf hat außer ihrem Interesse für schöne Kleider und die im Ort stationierten Soldaten, sehen wir, wie gefährlich es ist, wenn eine dumme Mutter ihre Kinder verwöhnt und ihnen weder Werte noch Fähigkeiten vermittelt. Lydia brennt schließlich mit einem Tunichtgut durch.

Fazit

Anna Marie Quindlen, die einflussreiche amerikanische Autorin, Journalistin und Kritikerin, schrieb in ihrer Einleitung der Ausgabe der Modern Library voller Begeisterung:

Pride and Prejudice is also about that thing that all great novels consider, the search for self. And it is the first great novel to teach us that that search is as surely undertaken in the drawing room making small talk as in the pursuit of a great white whale or the public punishment of adultery.

Dennoch hat mich dieser Roman längst nicht so angesprochen wie Emma. Zwar führt Austen ihre Erzählfäden auch hier souverän zusammen und ihr Englisch ist wie immer ein Genuss. Austen ermöglicht dem Leser, der Leserin, nahezu mühelos die Distanz von 200 Jahren zu überbrücken. Wie in ihren anderen Werken betont sie auch hier, wie wichtig eine vernünftige Erziehung und die intellektuelle Ebenbürtigkeit in einer Ehe sind. Das isah damals bestimmt nicht jeder so.

Doch diesmal war mir die Handlung über weite Strecken zu sehr „Versuchsanordnung“, was zur Folge hatte, dass manche der Protagonisten wie Schachfiguren hin und hergeschoben wurden, ohne wirklich zu leben. Oft erschienen mir die Personen eher als Verkörperung bestimmter Tugenden bzw. Untugenden. Jane, die Arglose, ist so dermaßen fehlerlos, gut und immer darauf erpicht, nur das Beste von allen Menschen zu denken, dass sie mich extrem ermüdet hat. Auch ihre große Liebe Bingley war so fad und farblos.

Ihre Schwester Elizabeth kommt längst nicht an den Charme einer Emma Woodhouse heran und Lydia, ein dummes, verzogenes Ding, das in seiner Ehe garantiert nicht lange glücklich sein wird, erschien mir lebendiger als viele der anderen Romanfiguren.

Und doch lohnt sich die Lektüre allemal, nicht nur, um einen Klassiker der englischen Literaturgeschichte kennenzulernen, sondern auch um das Werk von Jo Baker zu verstehen, die in ihrem Roman Longbourn die gleiche Geschichte erzählt, und doch ganz anders, nämlich aus der Sicht der Hausangestellten. Unbedingt lesenswert.

Anmerkungen

Zum Abschluss hier die berühmten Worte aus Sir Walter Scotts Tagebuch vom 14. März 1826:

Also read again, and for the third time at least, Miss Austen’s very finely written novel of Pride and Prejudice. That young lady had a talent for describing the involvements and feelings and characters of ordinary life, which is to me the most wonderful I ever met with. The Big Bow-wow strain I can do myself like any now going; but the eyquisite touch, which renders ordinary commonplace things and characters interesting from the truth of the description and the sentiment, is denied to me. What a pity such a gifted creature died so early!

Janeites

Als Janeites  werden übrigens Austens Verehrer und Fans bezeichnet. Mit diesem Begriff wollten sich die ursprünglich eher akademisch geprägten Austen-Fans vom trivialen Literaturgeschmack der Massen abheben. Geprägt wurde der Begriff von George Saintsbury, einem britischen Literaturkritiker und Weinkenner: „He coined the term ‚Janeite‘ for a fan of Jane Austen in his introduction to a 1894 edition of Pride and Prejudice.

Der englischsprachigen Ausgabe der Wikipedia verdanke ich außerdem den verblüffenden  Hinweis, dass die Begeisterung für Jane Austen zunächst eine eher männlich-elitäre Angelegenheit war. Rudyard Kipling hat sogar eine Erzählung mit dem Titel The Janeites geschrieben, die im Ersten Weltkrieg spielt und die man hier nachlesen kann.

Doch als auch die „Massen“ begannen, Jane Austen und ihre Romane zu entdecken, und eine regelrechte Fan-Kultur entstand, deren Ende längst nicht abzusehen ist (inzwischen gibt es Jane Austen und Zombie-Kombinationen), entwickelte sich der Begriff Janeite fast hin zu einem Schimpfwort für jemanden, der die Romane Austens sozusagen aus den falschen Gründen liebe und die literarischen Feinheiten gar nicht zu würdigen wisse.

Wer möchte, kann sich hier den Roman in Englisch vorlesen lassen.

P. D. James (*1920) lässt ihren – nicht zu empfehlenden – Kriminalroman Death comes to Pemberley (2011) sechs Jahre nach der Hochzeit zwischen Elisabeth und Darcy einsetzen.

Christian Grawe: Darling Jane (2010)

Jane Austens Lebenszeit umfasst eine der ereignisreichsten und turbulentesten Epochen der europäischen Geschichte. Sie wurde am 16. Dezember 1775 geboren und starb mit nur 41 Jahren am 18. Juli 1817. In dieser Zeit wurde in Frankreich von 1789 bis 1799 durch die Revolution der Staat vollständig umgeformt und durch die Herrschaft Napoleons von 1799 bis 1815 Europa in Krieg und Chaos

Grawe (*1935), ein deutscher Germanist und Übersetzer, hat zusammen mit seiner Frau sechs Romane Jane Austens übersetzt und legt nun hier auf 245 Seiten eine im Wesentlichen chronologisch aufgebaute Biografie Austens vor, in der er auch die gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründe miteinbezieht, die für ein tieferes Verständnis der Romane hilfreich sein können.

Er gibt also nicht nur Informationen zu ihrer Familie und zu den Jugendwerken der Autorin, sondern geht beispielsweise auch auf Details wie die Erbrechtregelung des Fideikommiss (entail) ein, die in Pride and Prejudice eine so wichtige Rolle spielt.

Grawe erläutert nicht nur die Berufswahl der Söhne aus der Gentry, die damaligen politischen Verhältnisse in England, sondern arbeitet auch Austens soziale Stellung als gesellschaftlich angesehene ‚gentlewoman‘ heraus. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie bis wenige Jahre vor ihrem Tod finanziell so abhängig von ihren Brüdern war, dass sie nicht einmal selbstständig ihre Reisen und Besuche planen konnte.

Austens Romane sind aufgrund ihrer Kunst der Charakterisierung und Dialoggestaltung auf den ersten Blick für viele LeserInnen scheinbar mühelos zugänglich, doch Grawes Hintergrundinformationen z. B. zum hochgradig formalisierten Umgang – selbst innerhalb der Familie – in der Schicht der Gentry sind für eine Lektüre der Romane durchaus erhellend.

Er arbeitet außerdem heraus, worin das eigentlich Neue, ja literarisch geradezu Revolutionäre der Romane Austens liegt. Sie sei die erste Schriftstellerin, die – noch bevor der Begriff überhaupt auf Literatur bezogen wurde – den Anspruch hatte, realistisch zu schreiben. Kein Grusel, keine Sensationen, keine Sentimentalitäten, keine engelgleichen Heldinnen, die immer an der passenden Stelle in Ohnmacht fallen, keine fremden Länder, Räuber und Entführungen, kurzum keine Unwahrscheinlichkeiten mehr, die doch typisch für die Romanproduktion der damaligen Zeit waren. Stattdessen psychologisch glaubwürdige Charaktere in dem ihnen gemäßen sozialen Raum:

Gesprochene Worte müssen dem Sprecher, der Situation und dem sozialen Milieu angemessen sein, Charaktere entsprechend ihrer Anlage als Person handeln, und dieses Handeln muss motiviert sein, damit es menschlich überzeugend erscheint. (S. 175)

Dieser Anspruch auf Natürlichkeit und Stimmigkeit gehe einher mit einer zutiefst ironischen Weltsicht. Die Wirklichkeit werde in ihren Romanen noch einmal auf das Wesentliche hin gefiltert. „Jane Austens Geschichten von den Liebes- und Lebenssorgen junger Damen sind eingehüllt in eine bezaubernde Atmosphäre des Komödiantischen, das Ausdruck einer ironischen Weltsicht ist.“ (S. 182)

Das dürfe aber nicht dazu führen, dass man Austens Gesellschaftskritik übersehe, denn in den Romanen

erscheint trotzdem die soziale Welt als ein Jahrmarkt der Eitelkeit, der Selbstsucht, Gedankenlosigkeit und Dummheit. […] Heute herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, dass Austen eine bissige Gesellschaftskritikerin war, die ihrer Umgebung sehr viel distanzierter gegenüberstand, als das auf den ersten Blick erscheint. (S. 184)

Zwar stelle Austen die Gesellschaftsordnung nicht grundsätzlich in Frage, doch kritisiere sie leidenschaftlich deren Missstände und menschliches Fehlverhalten.

Interessant auch, wie Grawe die Happy Ends der Austenschen Romane deutet, nämlich als „Erfüllung des Menschen aus der schlechten, korrupten, selbstischen Alltagswelt“ und nicht als Eskapismus oder romantische Schönfärberei. Das glückliche Ende sei „ein zentrales Element ihrer Menschensicht, nach der die liebende Beziehung den Hoffnungsschimmer in einer ungenügenden Welt ausmacht.“ (S. 190)

So werde Austen zur Vorläuferin des später entstehenden bürgerlichen Familienethos, das dem traditionellen, aristokratischen Verständnis von Ehe als einem Mittel der Familienpolitik diametral entgegenstehe.

Außerdem arbeitet Grawe heraus, dass Austens Romane als ’novels of manner‘ mit ihrem „Gewicht, das darin den Lebens- und Umgangsformen für das reibungslose Funktionieren des häufigen Miteinanderumgehens“ zugeschrieben wird, „Jane Austens eigene soziale Welt und ihre eigenen moralischen Maßstäbe“ widerspiegeln. (S. 90)

Er versteht Austen als eine Autorin in der Tradition der Aufklärung:

Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand und den Wert der Kultur, Unsentimentalität und Toleranz, die Überzeugung von der Selbstbestimmung der menschlichen Vernunft und ihrer Fähigkeit, die Leidenschaften zu kontrollieren, und das Streben nach einer Balance zwischen Individuum und Gesellschaft sind für diese Tradition wesentlich. (S. 189)

Grawe selbst betont immer wieder, wie schwierig es gewesen sei, dem Menschen Jane Austen gerecht zu werden, da so unbefriedigend wenig persönliche Zeugnisse von ihr überlebt haben. Ihre Schwester Cassandra hatte nach dem Tode Janes viele Briefe vernichtet oder Stellen in den noch erhaltenen Briefen geschwärzt. Spätere Erinnerungen der Nichten und Neffen sind ebenfalls von Familiendiskretion und dem Wunsch geleitet, ein möglichst gefälliges Bild zu entwerfen.

Trotz dieser Einschränkung ist Grawe eine knappe, gut lesbare und informative Einführung in die Welt Austens gelungen, auch wenn ich manchmal seinen Stil etwas trocken fand. So schreibt Grawe – akademisch korrekt – von sich als dem „Verfasser der vorliegenden Biografie“ und spricht davon, dass Austen, wäre sie nicht so früh gestorben, sicherlich eine „Zelebrität“ hätte werden können.

Meine Lieblingsstelle beschäftigt sich mit dem Ideal „der gesellschaftlich geformten Persönlichkeit“, an dem sich die Figuren Austens messen lassen müssen. Dieses Ideal

umfasste auf eine für uns heute nur noch schwer vorstellbare Weise das ganze körperliche und geistig-seelische Wesen des Menschen. Gang, Gestik, Haltung, Eleganz, geschmackvolle und der Situation angemessene Kleidung, Gesichts- und Augenausdruck, sprachliche Gewandtheit und die Fähigkeit, sich in jeder Gesellschaft je nach dem erforderlichen Verhalten leutselig, zwanglos oder respektvoll zu bewegen, machten zusammen mit geistiger Lebhaftigkeit, höflichem Umgangston, menschlichem Empfinden, künstlerischem Interesse und Gespür, seelischem Feingefühl die Gesamtheit der ‚manners‘ aus. […] Schon eine laute  Stimme, eine indiskret wiederholte Frage, ein undelikates Gesprächsthema, eine brutale Wahrheit gegenüber einem wehrlosen Menschen […] können einen bedauerlichen Mangel an gesellschaftlicher Vollkommenheit bedeuten. (S. 90/91)

Und hier geht’s weiter:

Jane Austen: Northanger Abbey (1817)

No one who had ever seen Catherine Morland in her infancy, would have supposed her born to be a heroine. Her situation in life, the character of her father and mother, her own person and disposition, were all equally against her. Her father was a clergyman, without being neglected, or poor, and a very respectable man, though his name was Richard – and he had never been handsome. He had a considerable independence, besides two good livings – and he was not in the least addicted to locking up his daughters.

Mit diesen Sätzen beginnt der Roman Northanger Abbey (1817) von Jane Austen.

Der Inhalt lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Die siebzehnjährige Catherine Morland wird von der wohlhabenderen kinderlosen Mrs Allen eingeladen, sie und ihren Mann bei einem längeren Kuraufenthalt in Bath zu begleiten. In diesen drei Monaten vergnügt sich das Mädchen vom Lande prächtig, sie widmet sich ihrer Garderobe, dem Einkaufen, den Bällen und den neuen Bekanntschaften, unter denen sich sowohl ein erbschleichender, dämlicher Grobian als auch ein ausnehmend attraktiver ca. 25-jähriger Mann namens Henry Tilney befindet. Sie freundet sich mit dessen Schwester Eleanor an und wird von den Tilneys sogar eingeladen, einige Wochen mit ihnen auf ihrem Wohnsitz Northanger Abbey zu verbringen. Und eine alte Abtei, daran kann für eine begeisterte Leserin der Schauerliteratur wie Catherine gar kein Zweifel bestehen, ist voller Geheimnisse und Schrecken, die es zu ergründen gilt.

Ich gebe zu, Northanger Abbey gehört so gar nicht zu meinen Lieblingsbüchern. Der ironische Stil, der für Austen so kennzeichnend werden sollte, wird hier noch vorwiegend in den Dienst der Parodie gestellt.

Abounding in youthful hilarity, Northanger Abbey is, among other things, a parody of gothic fiction (Claudia L. Johnson).

Vor allem die Romane der Ann Radcliffe werden hier wohl mit Schwung veralbert.

Catherine muss wie alle Hauptfiguren Austens einen Bildungsprozess durchlaufen und erkennt, dass das Leben nichts mit modrigen Verliesen, schaurigen Nächten, Geheimgängen und gewaltsam zu Tode gebrachten Nonnen oder Ehefrauen zu tun hat. Vor allem aber lernt sie, dass nicht alle Menschen gut sind und sie keineswegs immer das meinen, was sie sagen.

Das ist zwar stellenweise niedlich und auch amüsant, aber irgendwann ging mir die grenzenlose Naivität Catherines auf die Nerven, mit der sie sich z. B. an falsche Freunde hängt, die der Leser schon längst durchschaut hat. Sie ist als Hauptperson so fürchterlich uninteressant. Ich weiß nicht, worüber ihr späterer Ehemann mal mit ihr reden will, da sie ihm in so ziemlich allem unterlegen ist. Aber sie hat ja ein gutes Herz und ist gelehrig.

An dieser Stelle möchte ich auf Rosario’s Reading Journal hinweisen, die Blogbetreiberin schreibt sehr nett, dass es durchaus Hoffnung für Catherine gebe:

The thing is, Catherine can be a bit of an idiot sometimes, but there’s a very firm core to her character, an integrity and resolve to do what she thinks is right. She does get taken in by Isabella, […] but that’s because of Catherine’s naivete and inexperience, not to mention her being kind enough to think everyone is as honest and good as she is. And the important thing for me, is that even while completely captivated by her new friend, Catherine doesn’t allow herself to be influenced by Isabella or her horrid brother into doing what she doesn’t feel is right. She’s quite mulish about it, in fact, when they try to bully her into doing stuff, and in that I could see the seed of what I was sure would become a strong, sensible woman.

Aber ab und zu blitzt schon der scharfe und spöttische Ton auf, der so typisch für Austen ist: Als Mrs Allen eine ehemalige Schulfreundin wiedertrifft, heißt es:

Their joy on this meeting was very great, as well it might, since they had been contented to know nothing of each other for the last fifteen years. (S. 31/32 der gebundenen Ausgabe der Everyman’s Library)

Auf einer Loriot-Postkarte heißt es: Männer lieben keine klugen Frauen; bei Jane Austen klingt das so:

Where people wish to attach, they should always be ignorant. To come with a well-informed mind, is to come with an inability of administering to the vanity of others, which a sensible person would always wish to avoid. A woman especially, if she have the misfortune of knowing anything, should conceal it as well as she can. (S. 110/111)

Zur Veröffentlichungsgeschichte

Austen schrieb den ersten Entwurf in nur neun Monaten 1798-99, überarbeitete den Roman und verkaufte ihn für zehn Pfund an den Verleger Crosby & Co., 1803 sollte er dann erscheinen.

Crosby & Co., however, never printed the manuscript, and although Austen bought it back in 1809, it was not to appear until 1817, five months after her death. Clearly, the editor who decided not to publish Austen’s first novel made a mistake for which literary history can hardly forgive him. (aus der Einführung von Claudia L. Johnson zur Ausgabe der Everyman’s Library).

Es ist doch immer wieder spannend, dass Bücher, die später zum Kanon gehören, beinahe erst gar nicht veröffentlicht worden wären.

Jane Austen: Emma (1815)

Emma Woodhouse, handsome, clever, and rich, with a comfortable home and happy disposition, seemed to unite some of the best blessings of existence, and had lived nearly twenty-one years in the world with very little to distress or vex her.

So beginnt Emma, einer der bekanntesten Romane der englischen Literaturgeschichte.

Mit der für Austen typischen spitzen Zunge wird uns die Hauptperson gleich zu Beginn als eine junge Frau vorgestellt, die von zwei Gefahren bedroht sei:

The real evils indeed of Emma’s situation were the power of having rather too much her own way, and a disposition to think a little too well of herself; these were the disadvantages which threatened alloy to her many enjoyments. (S. 2 der schönen, in dunkelgrünem Leinen gebundenen Ausgabe der Everyman’s Library)

Emma, eine attraktive junge Frau, von ihrem verwitweten und wohlhabenden Vater verwöhnt, von einer intelligenten, aber vermutlich zu nachgiebigen Gouvernante erzogen, findet es selbstverständlich, bewundert zu werden und stets ihren Willen zu bekommen. In dünkelhafter Überheblichkeit weiß sie genau, was für alle anderen richtig ist. Sie macht nun die Bekanntschaft der 17-jährigen Harriet.

Harriet ist – ein enormer Makel in der damaligen Gesellschaft – unehelich geboren und niemand weiß, wer ihre Eltern sind. Sie ist ein wenig naiv und ihre Schulbildung und ihr Intellekt lassen zu wünschen übrig. Doch sie ist gutherzig, bescheiden und von Herzen dankbar für die Aufmerksamkeit, mit der sie von Emma bedacht wird.

Für Emma ist sonnenklar, dass ihre junge Freundin von einem „gentleman“ abstamme und viel zu gut für den jungen Farmer Robert Martin ist, zu dem sich Harriet hingezogen fühlt. Emma nimmt kein Blatt vor den Mund:

It would be a degradation. (S. 60)

Emma hat keine Skrupel, ihren Einfluss auf Harriet geltend zu machen, und erreicht tatsächlich, dass Harriet den Heiratsantrag Martins ablehnt und sich allmählich Hoffnungen auf den gesellschaftlich höher stehenden Pfarrer Mr. Elton macht. Und so nehmen die Verwicklungen ihren Lauf.

Emma muss dabei erkennen, dass sie – die sich so viel auf ihre Menschenkenntnis eingebildet hatte – nahezu alle ihre Freunde missverstanden und Motive und Verhaltensweisen falsch gedeutet hat. Und besonders Harriet ist die Leidtragende dieser Selbstüberschätzung und der daraus resultierenden Ratschläge.

With insufferable vanity had she believed herself in the secret of everybody’s feelings; with unpardonable arrogance proposed to arrange everybody’s destiny. She was proved to have been universally mistaken; and she had not quite done nothing – for she had done mischief. (S. 423)

Emma durchläuft einen charakterlichen Bildungsprozess, an deren Ende auch sie reif genug ist, zu erkennen, wer der richtige Partner für sie sein wird. Bei der damaligen Rolle der Frau war eine Eheschließung sicherlich von ganz anderer Bedeutung als heute, auch wenn Emma als wohlhabende Erbin unter keinem existenziellem Druck stand, unbedingt heiraten zu müssen.

Fazit: Unbedingt lesenswert

Austen wäre allerdings nicht Austen, wenn wir hier „nur“ einen gut konstruierten Liebesroman mit diversen Verwicklungen und Happy End-Garantie vor uns hätten.

Die Autorin ist eine Meisterin der Figurenzeichnung. Zwei Seiten genügen und man hat den Eindruck, mit den Figuren im selben Raum zu sitzen. Jede der Personen hat ihre eigene unverwechselbare Stimme. Man denke nur an die freundliche, aber einfältig-geschwätzige Miss Bates oder die snobistisch-plumpe Mrs Hawkins. Austens Dialoge, die wie mit einem Rekorder aufgezeichnet wirken, veranschaulichen nicht nur die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, sondern helfen dem Leser die Distanz von 200 Jahren nahezu mühelos zu überspringen.

Austen ist darüber hinaus auch die erste englischsprachige Autorin, die das Mittel der erlebten Rede unglaublich effektvoll einzusetzen verstand. Man hört ihren Protagonistinnen förmlich beim Denken zu.

Außerdem ist Austens Blick auf die menschliche Natur klar, unbestechlich und von manchmal beißender Ironie, auch wenn die grundlegenden Werte der damaligen Gesellschaft, wie die ungleiche Besitzverteilung, im Wesentlichen nicht in Frage gestellt werden. Als sich herausstellt, dass Harriets Vater „nur“ ein Kaufmann ist, muss Emma sich eingestehen:

The stain of illegitimacy, unbleached by nobility or wealth, would have been a stain indeed. (S. 493)

Dann wieder ist Austen überraschend modern: Die „Moral“, dass nur intellektuell ebenbürtige Partner eine glückliche Ehe führen können, war damals sicherlich noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Und in einem Punkt finde ich Austen nicht nur modern, sondern geradezu zeitlos: Ihre Protagonisten plädieren für so etwas wie „elegance of mind“, einen taktvollen, höflichen Umgangston, der von Respekt geprägt ist und sich jeder Distanzlosigkeit verweigert.  Man spielt sich nicht auf und vermeidet alles Prahlen und Protzen. Man stellt einen anderen nicht bloß und macht sich nicht lustig über die, die weniger Geld oder weniger Geist haben. Und da wo es möglich ist, bietet man nachbarschaftliche Hilfe an und unterstützt die Armen, ohne sie zu beschämen.

Anmerkungen

Wer möchte, kann sich hier den Roman vorlesen lassen.

Und die passende Sekundärliteratur gibt es auch: die Biografie von Christian Grawe mit dem hübschen Titel Darling Jane.