Angelika Klüssendorf: April (2014)

Die junge Frau klingelt an der Wohnungstür im Erdgeschoss. Auf dem Schild steht in verschnörkelter Schrift: Frl. Jungnickel. Ein Vogel zwitschert, zwei kurze Triller, dann ist es wieder still. Der Mann neben ihr räuspert sich, auch er drückt den Klingelknopf, ungeduldig und länger anhaltend. Diesmal sind Schritte zu hören, das vergitterte Türfenster wird geöffnet, eine Alte schaut heraus, regungslos, nur ihr eines Lid zittert.

So beginnt der Roman der 1958 geborenen Schriftstellerin, der momentan auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht:

Angelika Klüssendorf: April (2014)

– erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch

Zum Inhalt

2011 erschien Das Mädchen und April lässt sich als Nachfolgeerzählung lesen, ist aber auch unabhängig davon zu verstehen.

Die gerade 18 Jahre alt gewordene April, den Namen hat sie sich selbst gegeben, wird aus der staatlichen Obhut der DDR-Kinderheime entlassen. Ihr wird ein Arbeitsplatz als Bürohilfskraft im Starkstromanlagenbau in Leipzig und ein Zimmer bei der ca. 70-jährigen Fräulein Jungnickel zugewiesen.

Und so kämpft April gegen einen langweiligen Arbeitsplatz, den sie nicht lange behält, gegen ihre Vermieterin und vor allem gegen ihre eigenen Dämonen. Der Vater war ein Trinker und die Mutter eine prügelnde Sadistin, die ihre Kinder tagelang, auch im Keller, eingesperrt hat. Ihre Kindheit hat April zum Großteil in Heimen verbracht.

Sie mag ihren Spitznamen, Rippchen klingt tröstlich; früher hatten die Jungs noch ganz andere Namen für sie: Gerippe, Speiche, Hungerhaken. (S. 15)

April fällt es schwer, sich an Regeln und Verbote zu halten. Als ihre Abteilungsleiterin sie nach Hause schickt, weil sie in Levis und einem Nicki-Pullover zur Arbeit erschienen ist, weigert sie sich, sich umzuziehen und geht stattdessen in den Zoo und vertrödelt die Zeit.

Sie klaut, stromert nächtelang durch die Stadt, fühlt sich einsam und möchte so gern irgendwo dazugehören. Dabei kann sie sich nur schlecht auf Gefühle und Beziehungen einlassen und ist gleichzeitig ein leichtes Opfer für allerlei seltsame und kriminelle Gestalten. Einmal lernt sie ein Pärchen in einer Kneipe kennen, die beiden quartieren sich bei ihr ein und bestehlen die alte Vermieterin. Das ist ihr zwar nicht recht, aber sie ist zu feige, die beiden rauszuwerfen. Da sie Fräulein Jungnickel aber nicht mag, hat sie auch kein wirklich schlechtes Gewissen, noch nicht einmal, als sie aus Unachtsamkeit fast die Wohnung abfackelt.

Sie lernt weitere Männer kennen, doch nichts hilft gegen die Haltlosigkeit. Sie versucht sich umzubringen. Der anschließende Psychiatrie-Aufenthalt hat den Vorteil, dass sie einen anderen Arbeitsplatz im Museum bekommt, wo sie mit kunst- und literaturinteressierten Menschen in Berührung kommt. Doch ihre Probleme bleiben, ihre Wutanfälle, ihr dringendes Bedürfnis, alles kaputt zu machen, gerade dann, wenn alles in ein ruhigeres Fahrwasser zu kommen scheint. Vertrauen ist ihre Sache nicht. Und sollte sie als stabil genug angesehen werden, wäre wieder Schluss mit dem Arbeitsplatz im Museum.

Es beunruhigt sie, dass sich jemand für ihre Gedanken oder Gefühle interessiert. Warum soll sich sich daran erinnern, was ihr in ihrer Kindheit wichtig war? Ja, sie mochte Tiere, mag sie noch immer, doch was sagt das schon aus? Sie fühlt sich dem Arzt überlegen, versucht sogar, die eine oder andere Frage ins Lächerliche zu ziehen. Trotzdem kommen ihr die Tränen, wenn sie daran denkt, wie sie tage- und nächtelang eingesperrt im Keller Brehms Tierleben gelesen hat, sämtliche Bände. Und nur der Glaube, dass, wenn sie erst erwachsen wäre, alles anders sei, hat sie durchhalten lassen.

Sie erzählt dem Arzt nichts von ihrem Trick, der darin besteht, ihr Gegenüber in Gedanken zu sezieren, mit einem schnellen, sauberen Schnitt den Körper in zwei Hälften zu teilen, die Organe freizulegen, das Herz herauszuschneiden, die Lunge. Ihr Gegenüber ist längst tot, von ihr in Stücke zerlegt, ohne es zu wissen. Diese Vorstellung bewahrt sie davor, losheulen zu müssen. (S. 45)

Sie fängt an zu schreiben, lernt einen Mann kennen und bekommt ein Kind mit ihm. Sie ist mit dem Muttersein überfordert und schließlich stellen sie einen Ausreiseantrag.

Fazit

Eigentlich ein unglaublich trostloser Inhalt. Die kaputte Kindheit mit kaputten Eltern wirft noch immer ihre bösen Schatten in die Gegenwart. Ihre Brüder müssen weiterhin in dieser Angsthölle ausharren. Der Staat nimmt seine Bürger nicht ernst, schüchtert sie ein, bespitzelt sie und sperrt sie ein. Eine Protagonistin, die versucht, etwas Halt zu finden und dabei manchmal ungefähr so erfolgreich ist wie ein Korken auf dem Wasser.

Doch gleichzeitig ist da eine ungeheure Energie, wenn auch manchmal destruktiv und gewalttätig. Eine Lebenswut. Und eine lakonische Sprache, immer im Präsens und mit kurzen Hauptsätzen, die genau diese Energie vermittelt. April wird nicht gedeutet, nicht psychologisch ausgeleuchtet, genau das passt zu ihr, denn sie versteht sich selbst oft nicht, genauso wie sie ihren eigenen Gefühlen und Motiven nicht traut. Gänzlich unsentimental wird ihr Weg, ihr Stolpern ins Erwachsenenleben geschildert.

Selbstredend, dass das Buch autobiografische Elemente enthält. Ein großer Erkenntnisgewinn war jetzt für mich mit dem Lesen nicht verbunden, außer dass ich mir mal wieder wünschte, dass alle Eltern wirklich Eltern sein könnten. Aber ich bin beeindruckt von der Wucht der Sprache, der Fähigkeit der Autorin, mir ein Leben ganz nahe zu rücken. Am Ende wünsche ich dem ehemaligen „Rippchen“, dass sie Boden unter die Füße bekommt, die schlimmsten Wunden heilen und sie ihrem Kind nicht all das antun muss, was ihr angetan wurde.

Anmerkungen

Für den Roman hat Klüssendorfer den Herman-Hesse-Literaturpreis verliehen bekommen.

Hier liest die Autorin den Anfang des Buches vor und hier geht’s lang zu einigen Blog-Besprechungen:

Das sagt das Feuilleton:

Der Standard druckt ein Interview mit Klüssendorf ab.

A. J. Cronin: The Green Years (1944)

Holding Mama’s (so nennt er seine Großmutter) hands tightly, I came out of the dark arches of the railway station and into the bright streets of the strange town. I was inclined to trust Mama, whom, until today, I had never seen before and whose worn, troubled face with faded blue eyes bore no resemblance to my mother’s face. But in spite of the bar of cream chocolate which she had got me from the automatic machine, she had so far failed to inspire me with affection.

So beginnt

Archibald Joseph Cronin: The Green Years (1944)

– ins Deutsche übersetzt von Ursula von Wiese

Zum Inhalt

Ganz in der Tradition des Bildungsromans erzählt uns der Ich-Erzähler Robert Shannon seine Kindheit und Jugend. Als Siebenjähriger plötzlich Vollwaise – er hatte mit seinen Eltern in Irland gelebt -, wird er nun von seinen Großeltern mütterlicherseits, die er nie kennengelernt hatte, zurück nach Schottland geholt.

Der Anfang dort ist schwierig. Seine Großmutter steht ganz und gar unter der Fuchtel ihres Mannes, der zwar nicht gewalttätig, aber ein liebloser und vor allem krankhaft geiziger Mann ist, der trotz sicherem Einkommen sich und seiner Familie kaum das Essen auf dem Tisch gönnt. Kein Wunder, dass Robert eigentlich immer Hunger hat. Eine der späteren Schlüsselszenen zeigt, wie Robert zusammen mit seinem Freund Gavin einen schweren Lachs geangelt hat. Die ganze Familie freut sich über diese Delikatesse, die den sonst so kargen Speiseplan der nächsten Tage bereichern wird, bis Großvater Leckie beschließt, dass der Lachs zum Fischhändler gebracht werden muss. Das Geld dafür streicht er selber ein. Niemand hat den Mut, sich gegen den kleinlichen Tyrannen zu stellen.

All my childhood at Lomond View was dominated by a monstrous law: the necessity for saving money, even at the sacrifice of the very necessities of life. Ah, if only we could have done without money, without this Northern thrift which preferred money in the bank to a good meal in the stomach, which put gentility before generosity, this cursed penuriousness which blighted us. (S. 160)

Neben den Großeltern Leckie wohnen noch die weiteren Geschwister seiner Mutter mit im Haus: der 19-jährige Murdoch, dessen große Leidenschaft die Gärtnerei ist, und Kate, die schon unterrichtet. Und dann gibt es noch Adam, der nicht mehr zu Hause lebt, ein zutiefst unsympathischer und windiger Versicherungsmensch. Da er beruflich so erfolgreich ist, ist er der ganze Stolz seiner Mutter.

Auch wenn es nicht weiter thematisiert wird, ist anzunehmen, dass die Entfremdung zwischen Roberts Mutter und ihrer Familie damit zu tun hatte, dass sie mit ca. 16 schwanger wurde und – zum Entsetzen der presbyterianischen Familie – einen Katholiken geheiratet hatte.

Die strenggläubige Urgroßmutter Roberts (die Mutter von Großvater Leckie) und der Urgroßvater (der Vater der Großmutter, der von allen nur Grandpa Gow oder Dandie genannt wird) leben ebenfalls im Haushalt und liefern sich einen erbitterten Krieg, nicht nur um die Zuneigung des Jungen. Der alte Mann, – zu Beginn des Romans um die 70 -,  ist derjenige, der Robert immer wieder aus scheußlichen Situationen rettet, ihn aus seinem Selbstmitleid aufscheucht und ihn zwingt, Verantwortung für sich zu übernehmen.

Typisch dafür eine Situation ganz zu Beginn der Geschichte: Die Urgroßmutter hat Robert zu seinem ersten Schultag ein grauenvoll grünes Anzugmonster genäht, mit dem Robert sofort zum Gespött des Lehrers und damit auch der Klasse wird. Er wird die ersten Tage verfolgt und verprügelt und ist auf dem besten Weg, ein „typisches“ Opfer zu werden. Als Grandpa Gow davon erfährt, ist für ihn die Lösung sonnenklar. Robert muss Gavin, den Schüler aus seiner Klasse, der das meiste Prestige besitzt, im Kampf besiegen.

Dafür trainiert er seinen Urenkel ein paar Tage und gibt ihm mal mehr, mal weniger sinnige Ratschläge. Robert ist so verzweifelt, dass er sich darauf einlässt, und tatsächlich steigt er nach der Prügelei sofort in der Achtung seiner Schulkameraden. Die Schikanen hören auf und Gavin wird sogar zu seinem besten Freund, mit dem er dann schließlich die Hügel und Moore der Umgebung erkundet und seine Liebe zur Natur und damit auch zur Naturwissenschaft entdeckt.

Der grüne Anzug wird übrigens von Grandpa verbrannt. Überhaupt ist Grandpa Gow eine großartige Figur. Typisch seine Reaktion, als Robert von Gavin ein Mikroskop geschenkt bekommen hat:

‚What newfangled nonsense have ye there, Robert?‘ The use of my formal name indicated that he was not on the best of terms with me. I explained eagerly and soon he was at my elbow, one eye screwed into the mysterious tube, blundering with the adjustment, yet pretending to a consummate knowledge of the machine. I could see that it fascinated him and when I looked in after supper, he was still glued to the tube, with a rapt expression on his face. ‚By all the powers!‘ he cried. ‚Do you see these beasties in the cheese?‘ Thus began, for Grandpa and myself, an era of glorious adventure as we beat our wings into the unknown. (S. 69)

Grandpa Gow: ein unverbesserlicher, manchmal auch peinlicher Weiberheld – etwas, was der verklemmte Robert an seinem Urgroßvater kaum ertragen kann. Das schwarze Schaf der Familie und beruflich immer ein Versager gewesen und deshalb völlig verarmt. Er ist ungläubig, zudem ein Quartalstrinker und abhängig vom Gnadenbrot des ungeliebten Schwiegersohnes, der ihn am liebsten ins Armenhaus stecken würde. Aber der einzige in der Familie, der Menschlichkeit praktiziert, der tolerant ist, voller Lebensfreude und sich nicht duckt, sondern sich für das, was er als richtig erkannt hat, einsetzt, manchmal mit viel Theatralik und manchmal ganz im Verborgenen.

Ein weiterer Bereich, in dem Robert seinen Weg finden muss, ist die Religion. Er ist nämlich der einzige Katholik in seiner Familie, was ihn laut seiner Urgroßmutter direkt in die Hölle führen wird, wenn er auf diesem verderblichen Weg bleiben sollte.

Robert wird schließlich älter und seine überdurchschnittliche Begabung und sein Interesse für Biologie bleiben den Lehrern nicht verborgen. Als er fünfzehn ist und kurz vor dem Schulabschluss steht, will ihm sein Lehrer Reid ermöglichen, sich für ein Stipendium am College zu bewerben. Aus Borniertheit verweigert ihm Großvater Leckie die Teilnahme an den Aufnahmeprüfungen. Auch in der Liebe läuft es nicht so, wie Robert sich das eigentlich gedacht hat. Wird es für ihn einen Weg aus der drohenden Verbitterung geben? Das soll hier natürlich nicht verraten werden.

Fazit

The Green Years war eines der beliebtesten Bücher des schottischen Arztes und Schriftstellers, der von 1896 bis 1981 lebte, und enthält eine Reihe autobiografischer Spuren.

Um Weltliteratur handelt es sich sicherlich nicht. Was mich – besonders zu Beginn, als Robert erst sieben, acht Jahre alt ist – störte, war, dass Cronin mit der Wahl der Perspektive nicht zu Rande gekommen ist. Manchmal gibt es eher unbeholfene Einsprengsel der Art „Das konnte ich damals natürlich noch nicht wissen.“

So heißt es beispielsweise, als Robert zum ersten Mal seinen Großvater Leckie sieht:

His expression was marked by that faint touch of resignation seen on the faces of people who know they are conscientious and industrious yet have not been recognized or, in their own opinion, adequately rewarded by life. (S. 12)

Das ist zwar eine treffende Beschreibung, allerdings nicht aus der Sicht eines siebenjährigen Jungen, der gerade seine Eltern verloren hat. Gleichzeitig bleibt offen, aus welchem zeitlichen Abstand das nun erzählt wird.

Dennoch: Es lässt sich wunderbar lesen, die Charakterschilderungen sind gelungen und nicht ohne Komik. Robert wird in seiner Begeisterungsfähigkeit, seiner Einsamkeit und Schüchternheit, seiner Widerborstigkeit während der Pubertät und seiner Neigung, sich selbst leid zu tun und seine Situation zu dramatisieren, treffend geschildert. Vor allem aber verdankt das Buch der Figur des Grandpa Gow seinen Charme, der mit seinem Urenkel Robert eine nicht immer unproblematische Beziehung hat, die letztendlich aber alle Hindernisse überwindet.

1946 wurde das Buch verfilmt.

Anmerkung

In diesem Fall empfehle ich den englischen Wikipedia-Artikel zur Biografie des Autors, der ein interessantes Leben geführt hat. Sein Roman The Citadel wurde nicht nur 1937 mit dem National Book Award ausgezeichnet,  ihm wird sogar das Verdienst zugesprochen, ursächlich mit zur Gründung des National Health Service beigetragen zu haben.

Hier geht’s lang zu einem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1952 anlässlich Cronins damals gerade erschienener Autobiografie.

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Don Charlwood: All the Green Year (1965)

The year I remember best from those days is 1929. This was the year I turned fourteen and went into the eighth grade; the year too that Grandfather McDonald became peculiar  and we moved to live with him in his house on the cliffs. It has stayed in my memory for various reasons, but chiefly for its fiasco at its end. I feel tempted to claim that each incident played its part in leading to our final disgrace, but this would hardly be true. The matter of riding to school on Perry Brothers‘ camel, for instance, had no link with later happenings at all, nor did Squid’s hypnotism, nor even, I suppose, the preservation of Eileen Johnston’s honour.

So beginnt das lesenswerte Buch des Australiers

Don Charlwood: All the Green Year (1965)

Zum Inhalt

Charlwood (1915 – 2012) beschreibt ein Jahr im Leben des Jugendlichen Charlie Reeve. Er lebt mit seiner Familie und dem Hund Gyp auf der Halbinsel Mornington im Städtchen Kananook südlich von Melbourne. Kananook ist dabei eine fiktionalisierte Version von Frankston, wo Charlwood seine Jugendjahre verbracht hat.

Die Geschichte spielt 1929, dem Jahr, in dem Charlie 14 wird und seine Familie kurzfristig zu seinem Großvater in dessen altes und zugiges Haus auf den Klippen ziehen muss, da der alte Mann allmählich dement wird und nicht länger allein wohnen kann.

Charlie ist weder besonders abenteuerlustig noch rebelliert er. Er ist eher ein Tagträumer und versucht sich so gut wie möglich den Gegebenheiten anzupassen. Doch gerade dadurch gerät er immer wieder in schräge, komische und todtraurige Situationen.

Als „typischer“ Junge ist er auch nicht besonders redselig. Mit seinem Freund Fred Johnston, genannt Johnno, versteht er sich ohne viele Worte, stattdessen verbringen sie wie selbstverständlich die Schulpausen zusammen und gehen gemeinsam schwimmen.

Für Mädchen hat Charlie noch nicht viel übrig und so ist er wenig begeistert, als Johnno ihn bittet, ihn auf einen Ball zu begleiten.

‚I’ve got to go to a dance,‘ he told me.
‚Why?‘ It was hard to imagine anything more distasteful.
‚My old man says I have to take Eileen. It’s at the Mechanics‘ next Wednesday.‘
I said, ‚She’s older than you are, why can’t she take herself?‘
‚I don’t know,‘ he said, shaking his head. ‚It’s got to do with her – her honour.‘
‚Her what?‘
‚Her honour.‘
This was something I had never heard mentioned outside poetry books. (S. 40)

Der Ball endet für die beiden in einer handfesten Prügelei und mit einer tief beleidigten Schwester.

Und die Szene, in der Charlie sich eher unfreiwillig auf einem Kamel wiederfindet, ist zum Quietschen komisch, jedenfalls für die Leser, für Charlie wohl weniger.

This journey through the town was one of the most depressing events of my childhood. Several tradespeople began pursuing us on foot, and the camel, by some fearful instinct, headed towards the school… (S. 76)

Erst im Rückblick erkennt der gereifte Erzähler, dass dieses Jahr auch seine komischen Momente hatte.

Both at home and at school at this time we felt ourselves badly misunderstood. Looking back I realize how serious everything seemed; only in retrospect does there appear a jot of humour in the whole year. (S. 2)

Überhaupt ist Charlie ein lakonischer Erzähler, der mit genauem Blick die Tücken des Erwachsenwerdens benennt, sie aber als schicksalsgegeben hinnimmt. Was sollte man sonst auch tun?

I heard my father’s voice droning on. It occured to me that the worst of parents was the misery they caused by worrying about the future. Why were they like this? Why did they have families if it was all worry? I would never get married, that was certain. Imagine being tied to a woman forever, and  for ever worrying about money. (S. 26)

Charlie bekommt mehr mit, als den Erwachsenen lieb sein dürfte. Als eine erbschleicherische Tante ankommt, registriert er genau, wie seine Eltern reagieren.

‚It’s you, Ruby,‘ exclaimed my mother. ‚This is a surprise!‘
I heard my father murmur, ‚It’s a damn‘ shock.‘ (S. 84)

Der Nachbarsjunge mit dem Spitznamen Squid sorgt ebenfalls mit schöner Regelmäßigkeit und Überzeugungskraft dafür, dass Charlie sich in blöden Situationen wiederfindet, für die er auch noch die Schuld bekommt, denn Squid ist viel gerissener als er und außerdem noch der Liebling des Lehrers Moloney.

Überhaupt der Lehrer Moloney. Er gehört zu den grauenhaftesten Lehrergestalten, die mir bisher in der Literatur begegnet sind. Sadistisch, verblendet und voller Begeisterung dabei, wenn er seine Lieblingsopfer demütigen kann.

Er trägt auch die Schuld daran, dass die Geschichte allmählich mehr wird als „nur“ eine herrlich geschriebene Kindheitserinnerung. Er läutet letztlich für Charlie und seinen Freund Johnno das Ende der Kindheit ein, und zwar mit dramatischen Folgen.

I couldn’t answer. In my ears was the crunching of Moloney’s glasses, a sound I can hear yet. To think of it and of the next twenty-four hours is to be a boy again. (S. 207)

Fazit

Grandios, wie hier die Atmosphäre einer Kindheit eingefangen wird. Mit ihren Schönheiten, dem Zusammenhalt echter Freunde, der Natur, den Abenteuern.

Mit ihren witzigen und schrägen Augenblicken.

Mit ihren Gefahren, ihrem Schrecken, ihrer Hilflosigkeit und ihrer Einsamkeit, wenn man zwar ein „intaktes“ Elternhaus hat, aber im Grunde einem doch keiner zuhört, wenn es drauf ankommt, ja geradezu lebenswichtig wäre.

Gehört unbedingt übersetzt.

Anmerkungen

Diese Buchvorstellung wäre unvollständig ohne ein großes „Thank you, Kim“.

Kim Forrester hatte auf ihrem Blog Reading Matters den Imprint Text Classics vorgestellt, der sich zum Ziel gesetzt hat, australische Literaturschätze zu bewahren und in einer ansprechenden Taschenbuchausgabe neu auf den Markt zu bringen. Um den Verlag bekannter zu machen, durfte man sich ein Buch auf der Webseite des Verlags aussuchen, das Kim dann für den fröhlichen Gewinner bestellen würde. Und: Wie schön, kurze Zeit später erhielt ich eine nette Mail mit der Gewinnbenachrichtigung. Und was soll ich sagen, aus diesem Verlag sind bereits drei weitere Bücher hier eingezogen und diverse stehen noch auf der Wunschliste.

Hier findet man einen informativen Nachruf auf Don Charlwood von Michael McGirr.

 

Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter (2013)

Wir hatten als einzige einen Kirschbaum.

Er stand in der Mulde neben dem Haus,

ein wenig geschützt vor dem eisigen Wind.

Um ihn durchzubringen, ging mein Vater in den Frostnächten hinaus,

ein kleines Feuer anzuzünden, das rauchte weiß wie die Blüten. 

So steht es auf der zweiten Seite des faszinierenden Buches

Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter (2013)

Zum Autor

Erich Hackl wurde 1954 in Österreich geboren. Stefan Howald schreibt in der Wochenzeitung am 2. September 2010 über ihn: „Seit seinem Erstling vor über zwanzig Jahren hat Erich Hackl praktisch ein eigenes Genre entwickelt und gepflegt. Auf historisch-dokumentarischen Recherchen aufbauend, vergegenwärtigt er Geschichte durchs Einzelschicksal. […] Den Sprachlosen und Vergessenen verleiht er eine Stimme und hält sie im kollektiven Gedächtnis.“ Eva Menasse hat ihn 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal als diesen“ besessene(n) Rechercheur und Grenzgänger zwischen Literatur und literarisch-historischer Reportage“ bezeichnet.

Zum Inhalt

Hier nun verdichtet Hackl die Erinnerungen seiner Mutter Maria an ihre ersten 25 Jahre als Bauerstochter in der österreichischen Provinz nahe der tschechischen Grenze so sehr, dass man stellenweise meint, ein einziges langes Gedicht mit vielen Strophen zu lesen. Das genaue Geburtsdatum findet sich leider nirgendwo. Vermutlich zwischen 1920 und 1930.

Dabei wird keine fortlaufende Handlung geschildert. Stattdessen werden bestimmte Schlaglichter gesetzt, die zusammen betrachtet so etwas wie das Panorama einer untergegangenen Epoche ergeben. Beschönigt wird hier nichts: Die Tante Marias starb während einer Zwangsabtreibung, das nahm eine gute katholische Familie eher in Kauf als die Schande eines unehelichen Kindes.

Die Arbeit auf dem Feld, die Armut, besonders in den Familien mit zehn und mehr Kindern;  Klassenkameraden Marias, die oft nur verschimmeltes Essen mit in die Schule bringen konnten. Die Mäuse im Haus, die Ratten im Stall. Hartherzige Priester, die Züchtigungen in der Schule. Der Nachbar, von dem alle wussten, dass er seine Töchter vergewaltigte und der trotzdem keine Anzeige fürchten musste. Die Männer, von denen mehr als einer sein Hab und Gut versoffen hat. Der große Brand, der viele im Dorf obdachlos machte. Später dann die Machtübernahme der Nazis, die ersten Zwangsarbeiter, die marodierenden Russen bei der Befreiung.

In dieser harschen und abgeschiedenen Welt gilt zunächst einmal alle Kraft dem wirtschaftlichen Überleben. Schon der Vater Marias sollte als Sechsjähriger einer kinderlosen Verwandten „geschenkt“ werden, damit er deren Hof erbt. Als er von dort wegläuft und wieder nach Hause kommt, schämen sich seine Eltern.

Eine eigene Stimme, ein eigenes Empfinden wird gleich unter Generalverdacht gestellt und so ist der Vater ganz und gar nicht begeistert, als Maria ihre Schwester und eine Tante in Wien besucht, die dort als Dienstmädchen arbeiten. Als sie zurückkommt und voll Verzückung ob all des unerhört Neuen und Schönen dem Vater gesteht, in Wien sei es gerade wie im Paradies, kann der nur kontern mit Beschimpfungen und der guten Luft, die sie auf dem Lande doch hätten.

Ich war noch nicht einmal siebzehn,

trug Zöpfe, lief barfuß, betete dreimal am Tag    

und ehrte den Vater in Wort und Werk.                      

Dagegenreden, wie meine Schwester,                     

übte ich erst nach seinem Tod.

Für viele Worte und Gefühle ist in dieser Welt kein Platz. Nur durch Zufall kann Maria ihren alt und deshalb nutzlos gewordenen Hund Lord vor dem Abdecker retten. Und Worte für Gefühle gibt es schon gar nicht.

Ich weiß, was Liebe ist, aber ich konnte sie nie benennen, auch nicht für mich. Gernhaben und Mögen, andere Wörter hatten wir nicht.

Daneben und mittendrin gibt es aber auch das Andere, das Gewitzte, Lebenslust und Freude, z. B. an der ruhigen Stunde nach getaner Arbeit oder an den Bällen, wo man auch schon einmal zwei Paar Schuhe durchtanzt, und eine unglaubliche Schönheit.

Fazit

Es war bedrückend, von den Härten zu lesen, die in einer bäuerlichen Gemeinschaft auszuhalten waren. Die Armut, die Sprachlosigkeit, der unbarmherzige Katholizismus, die z. T. mörderischen Moralvorstellungen. Die starren Rollenbilder, aus denen weder Mann noch Frau ungestraft ausbrechen konnten.

Das Buch zwang mich, genau und noch genauer hinzuhören, viele Stellen mehrmals zu lesen, denn Maria spricht leise und scheint sich kaum vorstellen zu können, dass man ihr wie gebannt zuhört und sich kaum lösen kann, dabei scheint sie doch immer wieder hinter dem Erzählten und Erinnerten zu verschwinden, diskret, kunstlos, schnörkellos, alltäglich wie sie ist.

Hackl hat hier etwas geschrieben, was ich in dieser Form noch nie gelesen habe und was ich uneingeschränkt empfehle. Am liebsten würde ich seitenlang zitieren. Die folgende Passage hat mich sofort an Brechts „Vergnügungen“ erinnert.

Schlitten fahren.
Die jungen Katzen im Korbwagen spazierenfahren.
Auf dem Jahrmarkt mit dem Ringelspiel fahren.
Ein Rehkitz mit der Flasche aufziehen.
Das Roß striegeln.
Der alten Einlegerin die weißen Haare kämmen.
Von der Störschneiderin ein Märchen erzählt bekommen.
Dem Edi beim Faxenmachen zuschauen.
Den Schaum vom Bierglas schlecken.
Auf dem Dachboden alte Bücher finden.
Neben dem Fluder kleine Wasserräder laufen lassen.
Beim Brotbacken helfen.
Aufs Christkind warten.
Ans Christkind glauben (ein Mädchen wie ich, nur blond).
Das Christkind sehen (einen Zipfel seines himmelblauen Nachthemds).
Wenn es regnet, trocken bleiben.
Zum Essen sich Zeit nehmen dürfen.
Früh ins Bett gehen dürfen.
Beten.
Einen Schutzengel haben.
Ein gutes Wort hören.
Sich freuen.
 Anmerkungen
 

Hackl erklärt in seiner Nachbemerkung, dass er sich den Titel des Buches von Bettina von Arnims Dieses Buch gehört dem König ausgeborgt habe. Aber außerdem habe er zeigen wollen, „wie es Menschen trotz Armut und Mühsal gelingt, sich über die fremdbestimmten wie selbstverschuldeten Verhältnisse zu erheben, für einen Moment oder länger. […] Ich halte mich dabei an die Geschichten meiner Mutter, nehme mir aber die Freiheit, ihr Einsichten zu gestatten, die sie nicht auszudrücken vermochte oder zu denen sie nie gelangt ist. Die Freiheit, ihr mein Gewissen anzudichten. Ich glaube nicht, daß sie oder mein Vater dagegen Einspruch erheben würde.“

 

Ich gab immer zuviel auf das,

was die anderen sagten.

Das war mein Fehler

mein Lebtag lang

und schon damals.

Mag sein, dass mich an einigen Stellen das Hinzugedichtete – gerade in der sprachlichen Rhythmisierung – ein bisschen gestört hat, aber viel mehr bedauere ich, dass ich nicht mehr mit meiner Großmutter – Jahrgang 1919 – über dieses Buch sprechen kann. Ob sie nicht vieles ganz ähnlich erlebt hat? Hackl hat in den Erinnerungen seiner Mutter viel mehr verdichtet als die Geschichte einer einzelnen Frau.

Hier geht’s lang zur Besprechung von Tobias Becker auf Spiegel online. Dort gibt es auch ein schönes Kinderfoto Marias mit ihrem Hund Lord.

Weitere Besprechungen finden sich auf dem Blog Leselust und dem Psychosemitischen Buchblog.

Astrid Lindgren: Das entschwundene Land (OA 1975; deutsche Ausgabe 1977)

Jetzt will ich eine Liebesgeschichte erzählen, keine, die ich gelesen oder mir ausgedacht, sondern nur eine, die ich gehört habe. Oft gehört habe. Darin ist mehr Liebe als in allen, die ich in Büchern fand, und für mich ist sie rührend und schön. Aber das liegt vielleicht daran, daß sie von zwei Menschen handelt, die meine Eltern werden sollten.

So beginnt das einzige Buch, das die vielleicht berühmteste Kinderbuchautorin der Welt für ein erwachsenes Publikum geschrieben hat. Die deutsche Ausgabe wurde von Anna-Liese Kornitzky übersetzt. Das Original erschien 1975 unter dem viel nüchternen Titel Samuel August från Sevedstorp och Hanna i Hult.

Zum Inhalt

Der nur 126 Seiten schmale Band – überdies in großer Schrift – umfasst sechs Kapitel. Das erste und mit ca. 45 Seiten längste Kapitel schildert die Liebesgeschichte von Samuel August von Sevedstorp und Hanna in Hult, also den Eltern von Astrid Lindgren (1907– 2002). Die Kinderbuchautorin „wurde als zweites Kind des Pfarrhofpächters Samuel August Ericsson (1875–1969) und seiner Ehefrau Hanna Ericsson (1879–1961) geboren. Sie hatte einen älteren Bruder, Gunnar (1906–1974), und zwei jüngere Schwestern, Stina (1911–2002) und Ingegerd (1916–1997).“ (Wikipedia)

In der Liebe dieser Eltern sah Lindgren das Fundament ihrer glücklichen Kindheit.

Es war schön, dort Kind zu sein, und schön, Kind von Samuel August und Hanna zu sein. Warum war es schön? Darüber habe ich oft nachgedacht, und ich glaube, ich weiß es. Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit. (S. 44 der dtv-Ausgabe)

Und tatsächlich weht den Leser da noch etwas an von einer anscheinend wahrhaft idyllischen Kindheit:

Wir fühlten uns geborgen bei diesen Eltern, die einander so zugetan waren und stets Zeit für uns hatten, wenn wir sie brauchten, uns im übrigen aber frei und unbeschwert auf dem wunderbaren Spielplatz, den wir in dem Näs unserer Kindheit besaßen, herumtollen ließen. Gewiß wurden wir in Zucht und Gottesfurcht erzogen, so wie es dazumal Sitte war, aber in unseren Spielen waren wir herrlich frei und nie überwacht. Und wir spielten und spielten und spielten, so daß es das reine Wunder ist, daß wir uns  nicht totgespielt haben. Wir kletterten wie die Affen auf Bäume und Dächer, wir sprangen von Bretterstapeln und Heuhaufen, daß unsere Eingeweide nur so wimmerten, wir krochen quer durch riesige Sägemehlhaufen, lebensgefährliche, unterirdische Gänge entlang, und wir schwammen im Fluß, lange bevor wir überhaupt schwimmen konnten. (S. 44 – 45)

Gehorsam gegenüber den Eltern und Mithilfe sowohl im Haushalt als auch auf dem Feld waren dabei von klein auf selbstverständlich.

Daß wir zur Arbeit angehalten wurden, war die natürlichste Sache von der Welt. Schon mit sechs Jahren mußten wir beim Rübenverziehen und Rupfen der Brennnesseln für die Hühner helfen. Mit dem Heranwachsen wurden wir auch, sofern es nötig war, bei der Erntearbeit eingespannt. […] Was einem aufgetragen war, das hatte man zu tun. Ich glaube, es war eine nützliche Lehre, die einem später im Leben half, auch mit eintöniger Arbeit ohne allzuviel Gestöhne und Gejammer fertig zu werden. (S. 46)

Schön war auch die Beschreibung der Familienfeste. Zu denen musste man oft ja erst stundenlang mit dem Pferdewagen anreisen. Und dann gingen die Erwachsenen sozusagen nahtlos von einer guten Mahlzeit zur anderen über, während die Kinder die Gelegenheit ergriffen, mit all ihren Kusinen und Vettern so viel Unsinn wie möglich zu treiben.

Im nächsten Kapitel erzählt Lindgren dann noch ein wenig mehr aus dem Alltag des elterlichen Pachthofes mit seinen Mägden und Knechten, die ein karges Leben fristeten und kaum etwas ihr Eigen nennen konnten. Aber vor allem gelten ihre Erinnerungen der Natur.

Sie umschloß all meine Tage und erfüllte sie so intensiv, daß man es als Erwachsener gar nicht mehr fassen kann […] In der Natur ringsum war auch all das angesiedelt, was unsere Phantasie zu erfinden vermochte. Alle Sagen und Märchen, alle Abenteuer, die wir uns ausgedacht oder gelesen oder gehört hatten, spielten sich nur  dort ab, ja sogar unsere Lieder und Gebete hatten dort ihren angestammten Platz.  (S. 78)

Und die kleine Astrid war höchst empört, als sie erfuhr, dass ihr Bruder Gunnar das Gebet „Ein reines Herz“ immer mit dem Weg hinterm Kuhstall verknüpfte.

Wie gut hatte es da doch mein „Ein reines Herz“, das so fromm den kleinen Pfad zwischen Faulbaum und Haselstrauch dahinwandern durfte, den Bach entlang, wo im Frühling die Sumpfdotterblumen gelb leuchteten, am Feldrain vorüber mit all den Walderdbeeren und danach an der Quelle, der tiefen und geheimnisvollen, wo in der Sommerhitze die Milch gekühlt wurde, bis hin zu dem uralten Waschhaus, das dort so einsam im Grünen versteckt lag, um schließlich – amen! – am Graben aufzuhören, wo das Goldmilzkraut wuchs. (S. 79)

Im dritten Kapitel erfahren wir, das ihre Leseleidenschaft den Anfang in der Küche einer armen Bauernfamilie nahm. Dort nämlich las die Häuslertochter der kleinen Astrid Märchen vor und von da an war es um Astrid geschehen und als sie selbst lesen konnte und ab und an der Luxus möglich wurde, nicht nur Bücher auszuleihen, sondern sich sogar eines zu kaufen, war die Freude grenzenlos.

Ein Buch ganz für sich allein zu besitzen – daß man vor Glück nicht ohnmächtig wurde! (S. 86)

Zu ihren familiären Pflichten gehörte, ihre kleine Schwester in den Schlaf zu singen, da diese sonst nicht einschlafen wollte. Um trotz der knappen Freizeit Zeit fürs Lesen zu finden, sang Astrid kurzerhand dem Schwesterchen die Bücher vor, die sie gerade las.

Natürlich wird auch – was für ein Zeitsprung – jener Märztag 1944 erwähnt, an dem Lindgren mit verstauchtem Fuß liegen musste und vor Langeweile die Geschichten um Pippi Langstrumpf aufschrieb, die sie sich 1941 für ihre Tochter ausgedacht hatte.

Im vierten Teil des Buches hält sie ein leidenschaftliches Plädoyer fürs Lesen als dem grenzenlosesten aller denkbaren Abenteuer.

Heutzutage wissen ja wohl alle Eltern, daß ihre Kinder Bücher brauchen … oder etwa nicht? Ich weiß zwar nicht, was ihr euch für euer Kind erträumt und erhofft, aber ich weiß, daß es für alle Wechselfälle des Lebens besser gerüstet ist, wenn es lesehungrig ist. (S. 98)

Das vorletzte Kapitel ist überschrieben mit „Kleines Zwiegespräch mit einem künftigen Kinderbuchautor“. Darin finden sich Banalitäten wie die Empfehlung, so zu schreiben, dass die Sprache für die Zielgruppe verständlich sei, und das ironische „Rezept“, mit dem sich Lindgren von modernen Kinder- und Jugendbüchern absetzt.

Nimm eine geschiedene Mutti – möglichst Klempnerin von Beruf, aber eine Atomphysikerin tut es notfalls auch, Hauptsache, sie „näht“ nicht und ist auch nicht „lieb“ – vermische diese Klempnermutti mit ein paar Teilen Dreckwasser und ein paar Teilen Luftverschmutzung, füge ein paar Teile weltweiten Hunger sowie ein paar Teile Elterntyrannei oder Lehrerterror hinzu, ziehe einige Löffel voll Geschlechterdiskriminierung darunter und streue schließlich reichlich Beischlaf und Drogensucht darüber, dann hast du ein deftiges und gepfeffertes Gulasch … (S. 107)

Im letzten Teil geht sie kurz der Frage nach, wo eigentlich ihre ganzen Einfälle herkommen.

Fazit

Dieser Band zerfällt in völlig disparate Teile, wobei der erste Teil der eigentlich lesenswerte war. Die Liebesgeschichte ihrer Eltern hat mir in ihrer Innigkeit und Schlichtheit sehr gefallen. Ein bisschen, als ob die alten Fotos, die wir alle aus irgendwelchen Familienalben kennen und bei denen wir manchmal nicht einmal mehr wissen, wer die Personen waren, plötzlich zum Leben erwachen. Eine märchenhaft schöne und ganz zeitlose Liebesgeschichte, zumal Lindgren noch aus den Briefen ihrer Eltern zitiert, die diese sich während ihrer langen Brautwerbezeit geschrieben haben. Das Ganze garniert mit ein wenig trockenem Humor.

Noch immer kutschierte er den Pfarrer […] und bisweilen auch die Witwe des Propstes, da Hanna in einem Brief besonders betont: ‚ Wenn Du willst, kannst Du am Sonntag auch ohne Pröpstin kommen.‘ Man hat Verständnis dafür, bei einem Stelldichein sind Pröpstinnen bestimmt nur im Wege. (S. 31)

Aber vor allem fand ich es anrührend, weil diese Liebe über all die Jahrzehnte gehalten hat. Selbst als hochbetagter Witwer hat Samuel August noch immer dankbar der großen Liebe seines Lebens gedacht.

… beide alterten, doch das änderte nichts. Ich erinnere mich ihrer, als sie beide schon die Achtzig überschritten hatten und das Leben um sie herum still geworden war, wie er dort saß und ihre Hände hielt und so zärtlich sagte: ‚Meine kleine Inniggeliebte, hier sitzen wir nun, du und ich, und haben’s schön.‘ (S. 48)

Doch die übrigen Kapitel weisen zwei große Mankos auf: Zum einen verrät Lindgren wenig über sich und ihre tatsächliche Biografie, schwierige Zeiten und konkrete Rahmenbedingungen werden ausgeblendet, und zum andern rutscht ihr Stil oft ins unpassend Simple ab. Ihr Rat, dass ein Kinderbuchautor den sprachlichen Horizont seiner Leser berücksichtigen müsse, kehrt sich hier gegen sie selbst. Ein Buch für erwachsene Leser sollte sich auch einer erwachsenen Sprache bedienen und auch die Gedanken dürften den Schwierigkeitsgrad und die Psychologie eines Pippi Langstrumpf-Bandes übersteigen. Ich möchte da nicht in so einer pseudokindlichen tantenhaften Sprache mit Belanglosigkeiten angesprochen werden.

Anmerkungen

Literaturwissenschaftler haben herausgearbeitet, dass Lindgren keine autobiografischen Schriften im herkömmlichen Sinne verfasst habe. Es sei ihr nicht um die chronologisch angeordnete Darstellung bestimmter Entwicklungsschritte gegangen. Eher entwerfe sie ein bestimmtes Bild ihrer Kindheit, das bewusst bestimmte Aspekte und wichtige Fragestellungen ausklammere. So ist das Kind in den autobiografischen Erinnerungen alterslos und wird nirgendwo mit Namen angeredet, die Geschwister werden nur beiläufig erwähnt, der Schulbesuch wird höchstens gestreift. Betont werden stattdessen die Intensität der Naturerfahrung und die Bedeutung von Spiel und Imagination. Manche deuten das als Fortführung des romantischen Kinderbildes, wie es sich in E.T.A. Hoffmanns Märchen Das fremd Kind (1817) verkörpert (vergl. die von Frauke Schade herausgegebene Textsammlung: Astrid Lindgren – ein neuer Blick, 2008, S. 68).

Die Vermeidung konkreter Zeit- und Ortsangaben sorgt dabei für eine gewisse atmosphärische Zeitlosigkeit und gleichzeitig dafür, dass man als Leserin, als Leser doch nun gern der Autorin die ein oder andere Frage stellen würde.

Und in diesen Zusammenhang gehört auch der Titel der deutschen Ausgabe. Lindgren selbst zitiert das Gedicht „Das entschwundene Land“ von Alf Henrikson, das eine Grunderfahrung Lindgrens in Worte fasst. Nicht nur der Verlust der unwiederbringlich verlorenen Kindheit wird besungen, sondern auch der Wandel der Zeit, der sich für Lindgren im Verschwinden der Landstreicher, der Kutschen, der bäuerlichen Hofgemeinschaften und der freien Kinderspiele manifestiert. Nur in der Erinnerung kann das Verlorene noch einmal aufleben. Der dritte Vers des Gedichts lautet:

Weich wie Seide lag der Staub des Weges unter den Kinderfüßen …

In den Worten Astrid Lindgrens klingt das so:

Aber noch habe ich nicht alles vergessen, noch kann ich sehen und den Duft spüren und mich der Seligkeit des Heckenrosenbusches auf der Rinderkoppel erinnern, der mir zum erstenmal gezeigt hat, was Schönheit ist. Noch kann ich an Sommerabenden den Wiesenknarrer im Roggen hören und in den Frühlingsnächten das Rufen der Käuzchen auf dem Eulenbaum, noch spüre ich, wie es ist, aus Schnee und beißender Kälte in einen warmen Kuhstall zu kommen, ich weiß, wie sich eine Kälberzunge auf der Hand anfühlt, wie Kaninchen riechen, wie es im Wagenschuppen duftet und wie es sich anhört, wenn die Milch in den Eimer zischt, und noch kann ich die winzigen Krallen frisch ausgeschlüpfter Küken auf der Hand spüren. Der Erinnerung wert ist dies alles wohl nicht. Das Besondere daran ist die Intensität, mit der man es erlebte, als man noch jung war. Wie lange her das sein muß! Wie hätte sich die Welt sonst so unglaublich verändern können? Konnte das alles wirklich in einem kurzen halben Jahrhundert so anders werden? Meine Kindheit verlebte ich in einem Land, das es nicht mehr gibt, aber wohin ist es entschwunden? (S. 81)

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Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens (2009)

Damals, in meinen frühen Kindertagen, saß ich am Nachmittag oft mit hoch gezogenen Knien auf dem Fensterbrett, den Kopf dicht an die Scheibe gelehnt, und schaute hinunter auf den großen, ovalen Platz vor unserem Kölner Wohnhaus. Ein Vogelschwarm kreiste weit oben in gleichmäßigen Runden, senkte sich langsam und stieg dann wieder ins letzte, verblassende Licht. Unten auf dem Platz spielten noch einige Kinder, müde geworden und lustlos. Ich wartete auf Vater, der bald kommen würde, ich wusste genau, wo er auftauchte, denn er erschien meist in einer schmalen Straßenöffnung zwischen den hohen Häusern schräg gegenüber, in einem langen Mantel, die Aktentasche unter dem Arm.

So beginnt die leicht verfremdete Rückschau des Schriftstellers und Hochschullehrers, der 1951 in Köln geboren wurde, auf seine ersten 27 Lebensjahre:

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens (2009)

Das Buch, vom Erzähler selbst als Geschichte bezeichnet, ist in fünf große Abschnitte eingeteilt, die sich chronologisch von der frühen Kindheit des Johannes Catt – dem Alter Ego des Autors – bis hin zu dessen ersten schriftstellerischen Gehversuchen bewegen, obwohl für Johannes doch lange Zeit alles auf eine Karriere als Konzertpianist hinauszulaufen schien.

Dazwischen springt der Erzähler immer wieder in die Erzählgegenwart des reifen Mannes, der als über Fünfzigjähriger wieder nach Rom gekommen ist, um dort in der geliebten Stadt und doch fern genug von den Orten der Kindheit seine Geschichte aufzuschreiben. Dabei lernt er seine Wohnungsnachbarin und deren Tochter kennen, deren Klavierunterricht er schließlich unter seine Fittiche nimmt.

Mich haben vor allem die ersten beiden großen Teile Das stumme Kind und Lesen und Schreiben fasziniert.

Johannes stellt mit ca. drei Jahren das Sprechen ein und beginnt eine ungesunde Symbiose mit seiner traumatisierten Mutter zu leben, die ebenfalls nicht mehr spricht und ihre Tage vor allem lesend in der Kölner Wohnung verbringt. Wenn sie mit ihm am Rheinufer ist, müssen sie sich immer auf dieselbe Bank setzen und er darf sich dann immer nur wenige Meter von ihr entfernen. Deshalb ist es meist das Einfachste für ihn, sich neben sie zu setzen und völlig ruhig und bewegungslos zu sein.

Ich starrte auf einen winzigen Ausschnitt der Umgebung und beobachtete ihn so lange, bis es rings um diesen Ausschnitt zu schwanken und zu flirren begann. Manchmal wurde mir dann etwas heiß, und ich musste die Augen rasch schließen, ja es kam sogar vor, dass mir in solchen Augenblicken richtig übel und schwindlig wurde, dann hatte ich zu lange auf einen Punkt gestarrt und musste mich bemühen, den Blick wieder von diesem Punkt wegzubekommen. (S. 26)

Die Mutter kommuniziert mit Hilfe unzähliger kleiner Zettel, die dann abends der von seiner Arbeit als Vermessungsingenieur heimkommende Vater am Küchentisch vorliest.

Er schildert eine stumme, von Ängsten und Zwängen beherrschte Kindheit, die Fixierung auf seine Mutter, die er beschützen wollte, wenn er auch nicht wissen konnte, wovor eigentlich die Mutter beschützt werden musste. Auch der Vater stellt dieses stumme Familienleben nicht in Frage und lässt zu, dass sein Sohn weder Kontakt zu anderen Kindern noch kindgerechte Erfahrungen machen kann. In diese Erinnerungen schiebt sich dann die Gegenwart und noch der erwachsene Erzähler staunt:

Niemand, der mich heutzutage über diese römische Piazza gehen sieht und bemerkt, wie ich hier und da stehen bleibe, einen Anwohner grüße und mich unterhalte, wird vermuten, dass derselbe Mensch als Kind kein einziges Wort gesprochen und vor jedem Gang ins Freie erhebliche Angst ausgestanden hat. (S. 33)

Die Isolation und die fehlenden Anregungen in der Kindheit führen dazu, dass Johannes sich immer mehr in sich zurückzieht, stundenlang Dinge sortiert, diverse Spleens entwickelt, in die Gegend starrt und genau auf die Geräusche der vorbeifahrenden Autos achtet – später stellt sich heraus, dass er das absolute Gehör hat.

Er wird auf dem Spielplatz gehänselt und muss sich zusammen mit seiner Mutter herablassende oder mitleidige Kommentare anhören, wenn die Mutter in den Einkaufsläden nur rasch einen Zettel reicht, auf dem steht, was für sie zusammengepackt werden soll, sodass sie es dann später abholen kann.

Er ist einsam und wünscht sich doch so sehr einen Freund:

Da ich aber weder Freunde, geschweige denn einen richtigen, guten Freund hatte, dachte ich mir ab und zu einen aus. Mein Freund hieß Georg, Georg war stark und freundlich und etwas größer als ich, leider war er nicht immer da, wenn ich mich auf dem Kinderspielplatz aufhielt, doch wenn ich ihn dringend brauchte, kam er meist rasch vorbei und setzte sich neben mich, und dann spielten wir zu zweit oder unterhielten uns über die Zeitschriften, die wir uns gegenseitig ausgeliehen hatten. (S. 60)

Wohl fühlt er sich bei den Gottesdiensten im Kölner Dom, dort ist er kein Außenseiter, wird nicht kritisiert und nicht angesprochen:

Überhaupt war es schön, dass die Menschen während eines Gottesdienstes so viel gemeinsam und meist auch noch dasselbe taten, endlich redeten sie nicht ununterbrochen, sondern nur dann, wenn sie darum gebeten wurden, und endlich bewegten sie sich auch nicht laufend von einer Stelle zur andern, sondern hielten es eine Zeit lang singend und betend auf einem einzigen Platz aus. […] Die einzige Störung des Gottesdienstes, die jedes Mal nur schwer zu ertragen war, war die Predigt. (S. 69/70)

Bei seiner Mutter lernt er Klavierspielen, das er nun mit Hingabe praktiziert. Doch das fragile System des Alltags bricht zusammen, als Johannes in die Schule kommt. Es dauert nicht lange, bis Mitschüler und Lehrer ihn schikanieren. Er kann dem Unterricht nicht folgen. Die Hoffnung des Vaters, dass sein Sohn zwar stumm ist, aber mühelos lesen und schreiben lernen werde, erweist sich als Illusion.

Es kommt ein gehässiger Brief des Lehrers, der den Eltern empfiehlt, ihrem Kind mit seinen „verminderten und verwirrten Fähigkeiten“ eine andere „Aufbewahrungsanstalt“ zu suchen. Das ist der Moment, an dem der Vater erkennt, dass sich etwas Grundlegendes ändern muss. Er nimmt auf unbestimmte Zeit Urlaub und fährt allein mit dem Sohn, d. h. ohne die Mutter, auf den großelterlichen Hof im Westerwald, wo die beiden Teil einer großen Hofgemeinschaft werden.

Was dann folgt, ist so schön zu lesen, dass ich das hier nicht vorwegnehmen möchte.

Fazit

Die ungewöhnliche Kindheits- und Jugendgeschichte des Schriftstellers, die auch übel hätte enden können, wird so einfühlsam und mit so vielen Details vergegenwärtigt, dass man glaubt, ebenfalls in dieser stillen Kölner Wohnung zu sein. Und dem Weg des Kindes ins Leben und in die Sprache bin ich fasziniert und mit Anteilnahme gefolgt.

Der Stil ist unaufgeregt, geradezu gemächlich, dabei überaus anschaulich und angelehnt an den klassischen Bildungsroman. Hier spürt einer dem eigenen, oft genug schmerzhaften Werdegang nach und schreibt:

All mein ewiges Schreiben, könnte ich nämlich behaupten, besteht letztlich nur darin, aus mir einen anderen Menschen als den zu machen, der ich in meiner Kindheit gewesen bin. Irgendwann soll nichts mehr an dieses Kind erinnern, irgendwann möchte ich Geschichten erzählen, die nicht mehr den geringsten Anschein erwecken, noch etwas mit meiner Kindheit zu tun zu haben. Bisher ist mir das selbst in mehreren Jahrzehnten noch nicht gelungen … (S. 470)

Vielleicht trug dieses Buch für den Erzähler dazu bei, sich nicht länger zu einem anderen Menschen machen zu wollen, indem sich da einer zu seiner Geschichte bekennt. Nichts ist mehr zu spüren von Verbitterung oder Anklage.

Für den Spannungsbogen sorgt dabei u. a. natürlich die Frage, wieso es überhaupt zu diesem Stummsein in der Familie gekommen ist.

Für mich hätte das Buch nach dem zweiten Teil aufhören können. Zwar geht der Erzähler immer wieder auch der Frage nach, wie er von seiner Kindheit geprägt worden ist, was durchaus interessant ist. Aber sein Leben in Rom als Student am Konservatorium und sein Alltag in Rom als ca. Fünfzigjähriger, während er seine Erinnerungen aufschreibt, waren für mich eher blass und längst nicht so mitreißend und außergewöhnlich, wie es die beiden ersten Teile dieser Annäherung an die eigene Biografie waren. Manches wirkte da durchaus ein wenig konstruiert.

Anmerkungen

Ulrich Baron schreibt in der ZEIT vom 15. Februar 2010:

Mit Die Erfindung des Lebens hat Hanns-Josef Ortheil eine eindrucksvolle Künstler- und Entwicklungsgeschichte geschrieben. Seine Beschreibungen von Köln, der bukolisch anmutenden Provinz am Flüsschen Sieg und einem fast naturwüchsigen Katholizismus runden sich zu Momentaufnahmen und literarischen Stillleben der Nachkriegszeit, die sich tief ins Gedächtnis einprägen. Selten ist ein kommoder Kerker aus banger Fürsorge so eindrucksvoll beschrieben, ist von der Befreiung daraus so liebevoll erzählt worden. Doch wozu die Fiktionalisierung? Wozu ein fingierter Ich-Erzähler? Wohl als poetische Lizenz, vom eigenen Leben sub specie aeternitatis schreiben zu können, denn darauf läuft es am Ende hinaus.

Hier stellt Ortheil sein Buch selbst vor, allerdings enthält das Video diverse Spoiler.

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Literarische Nachbarn

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (2013)

Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie. Denn eine Autobiographie ist das letzte Buch. Hinter der Autobiographie ist nichts. Alles Material verbraucht. Kein Erinnerungsrätsel mehr.

So beginnt also die Lebensrückschau des vielfach ausgezeichneten Autors, die es 2013 bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (2013)

Urs Widmer (1938 – 2014), einer der bekanntesten Schweizer Autoren, erzählt hier nun seine ersten dreißig Jahre, die quasi den Nährboden seines späteren schriftstellerischen Schaffens bilden.

Der Leser freut sich und leidet und staunt mit ihm, wenn Widmer wie aus einer Wundertüte seine Geschichten hervorzaubert, z. B. als er darüber fabuliert, wie sich das wohl angefühlt haben mag, als er als Kleinkind laufen und sprechen gelernt und dadurch neue Welten erobert hat.

Wie viele Dinge gab es in dieser Welt, deren Namen ich noch nicht einmal kannte! Ist es nicht ein Wunder, wie locker ich inzwischen ‚Fensterfront‘, ‚Schrank‘ und ‚Welt‘ sage und noch viel mehr – alle Wörter dieses Buchs -, als sei das selbstverständlich? (S. 22)

Überhaupt stellt sich im Rückblick das Glück der frühen Kindheit als ein Schatz dar:

So etwas wie ein Notvorrat, der in einem tiefen Stollen in mir aufbewahrt liegt. Lebendig immer noch, warm, leuchtend. Natürlich habe ich inzwischen nicht nur Glück erfahren. Wem widerführe dies. Dennoch aber: Was für ein, ja, Massel: ein Leben lang kein Krieg, keine Fluchten, kein Hunger. Kein jähes Exil an einem fremden Ort, nach einem hastigen Aufbruch mitten in der Nacht. Keine gewaltsamen Tode um mich herum. Das, was ich heute bin, kommt bruchlos aus dem, was war. Glück. (S. 37)

Wir erfahren von – keineswegs immer ungefährlichen – Jungenstreichen, Familienurlauben, Verwandten, dem eher ungeliebten Schulbesuch und diversen Umzügen der Familie.

Schön auch das Denkmal, das er seinem ersten Freund mit dem Spitznamen Migger setzt:

Er nahm mich in die weite Welt mit, in die hineinzugehen ich bis dahin nie erwogen hatte. Die fernen Häuser, die Wälder, die Wiesen, die Gärten: Dass ich da hingehen könnte, ich, selber, allein und einfach so, das war ein undenkbarer Gedanke gewesen. Mit Migger schlich ich durch alle Gärten, ging über die Felder, in den Furchen zwischen den Kartoffeln und zwischen Löwenzahnblüten oder Mohn durch die Wiesen, bestieg den Kirschbaum neben dem Hundezwinger […] und auch die bezwingbaren Äste des Nussbaums. (S. 81)

Die Kindergarten- und Schulzeit steht allerdings von Anfang an unter keinem guten Stern. Schon am allerersten Tag muss ihn die Mutter buchstäblich hinzerren, alles Toben und Brüllen hilft ihm nichts.

Durchs Fenster sah ich, wie meine Mama davonging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie trug ihren brauen Mantel, der aus Kamelhaaren gemacht war. Das war das. Ich wusste, dass ich von nun an mit Fräulein Vögeli und diesen völlig fremden Kindern durchkommen musste. (S. 88)

Doch je älter der Junge wird, umso klarer wird, dass sein Elternhaus nicht nur eine Quelle des Glücks ist. Der Leser reibt sich verwundert die Augen, wie der Autor es noch als erwachsener Mann rechtfertigt, dass ihm sein Vater die Bilder von Auschwitz zeigt, als Urs vielleicht gerade einmal acht Jahre alt ist.

Heute weiß ich, dass ich sie gerade zur rechten Zeit sah, zu ihrer Zeit, denn ein solches Entsetzen auch nur eine Minute lang zu verschweigen wäre unmöglich gewesen und hätte unsere Welt verstummen lassen. (S. 77)

Noch als Erwachsener ist er „unendlich erleichtert“, wenn die Weihnachtszeit vorbei ist:

Wie sehr gaben sich meine Eltern Mühe, uns Kinder glücklich zu sehen – und selber glücklich zu sein -, und wie sehr misslang ihnen das. (S. 171)

Widmer, der Student, wäre wohl heutzutage der Schrecken all der stromlinienförmigen Schnellstudierer und Kostenevaluierer. Über den Beginn seines Studienaufenthaltes in Montpellier heißt es nur:

Es gab tatsächlich eine Uni, die aber ein so düsteres Gebäude war, dass ich sie ein einziges Mal betrat – ich meldete mich an -, und dann nie mehr. Wieso sollte ich in dieses staubige Gefängnis gehen, wenn ringsum eine Welt strahlte, die mir das Paradies zu sein schien? Die einzige universitäre Einrichtung, die ich in den nächsten Monaten benutzte, war die Mensa. (S. 199)

Fazit

Wir begegnen skurrilen Verwandten, seinen Professoren, diversen Liebschaften und inzwischen verstorbenen Freunden. Dabei schreibt Widmer mit so viel Schwung, dass viele der Szenen und Geschichten ganz gegenwärtig wirken, selbst wenn sie über 70 Jahre zurückliegen, und diese launige Erzählfreude ist ansteckend. Die Sprache ist dabei ganz oft tatsächlich die des Erzählens, der Übertreibung, der Ironie, der feinen Beobachtung, der Andeutung. Fällt ihm ein Name nicht ein, lässt er das so stehen und reicht das ein paar Absätze später nach.

Dabei bettet er in mehreren großen Kapiteln die Geschichte seiner ersten 30 Jahre in den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext ein, indem er in groben Zügen die Schweizer Zeitgeschichte rekapituliert. Die allerdings tragen nicht so riesig viel zum Verständnis bei.

Die NZZ, die ansonsten von einem großartigen Lesevergnügen spricht, grämt sich denn auch:

Man versteht, wie Urs Widmer auf die Idee verfallen konnte: Neben dem Intimen und biografisch Zufälligen mochten ihm Zeitkolorit und Weltgeschehen zu kurz gekommen sein. Und doch ist es ein Jammer, dass niemand im Verlag Tapferkeit vor dem Freund bewies und ihm diese paar Seiten aus dem Manuskript strich. Denn die Intermezzi sind so unbeholfen wie überflüssig […]. Aber sei’s drum, es sind nur ein paar Seiten. Am besten, man beachtet sie nicht.

Doch trotz der vermeintlichen Offenherzigkeit, was Liebesgeschichten, die Entdeckung Frankreichs und Italiens auf diversen Reisen, die Begeisterung über die erste Vespa, das erste Auto etc. angeht, ist dies an vielen Stellen eine erstaunlich diskrete Autobiografie.

Widmer erzählt zwar von wesentlichen Stationen seines Lebens, manches wird dabei aber gnadenlos gerafft. Seine universitären Leistungen werden heruntergespielt, sodass ich ganz verblüfft war, als er plötzlich auf seine Promotion zu sprechen kommt. (Auch wenn es viel Spaß macht zu lesen, wie seine Notizen zur Dissertation in einem französischen Wolkenbruch unterzugehen drohen.) Wichtiger scheint die befremdliche Reaktion des Vaters gewesen zu sein:

Ich öffnete die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters, steckte meinen Kopf durch den Türspalt und sagte, ich hätte eben die Doktorprüfung bestanden. Mein Vater hielt mit dem Schreiben inne, schaute mich an und sagte: ‚Na prima!‘ Dann tippte er weiter, und ich schloss die Tür. (S. 318)

Doch wie sich derlei Elterngebaren – die Depressionen der Mutter, die ständigen lautstarken Auseinandersetzungen der Eltern, das Schweigen des Vaters, der in der Wahrnehmung des Sohnes sein Leben komplett im Arbeitszimmer verbracht hat – auf die Psyche des Sohnes ausgewirkt haben, darüber schweigt sich der Autor aus. Er erzählt zwar, wie er als Kind davon überzeugt war, nur er könne die Familie zusammenhalten, nur er könne die Mutter vom Selbstmord abhalten. Die Innenseite, die Gefühlsseite lässt er den Leser nur erahnen, indem er von seinen Panikattacken, diversen Ticks und dem Asthma spricht, das er sich als psychosomatisch erklärt.

Gern hätte ich mehr darüber gelesen, wie Widmer selbst sich von seinen Eltern, seiner Herkunft geprägt weiß. Nicht nur, weil in seinem Leben – genau wie in dem seines Vaters – die Literatur eine so große Rolle gespielt hat.

Auch über die über Ehe mit der Psychoanalytikerin May, mit der er schließlich über 50 Jahre zusammen sein sollte, – was für eine Riesenseltenheit heutzutage – hätte ich gern mehr erfahren als nur die Frage, wie sie sich kennengelernt haben.

Durch das Nicht-Ausloten der inneren Vorgänge wurde das Buch stellenweise zu einer Anekdoten- und Geschichtensammlung, von der ich mir, egal wie lesbar das war, doch mehr Tiefgang oder zumindest Anteil an einer gewissen fröhlichen Altersweisheit erhofft hatte.

Vermutlich deshalb haben mir besonders die eher nachdenklichen Passagen gefallen, die aus der Sicht des reifen Mannes geschrieben sind, z. B. die ganz zu Beginn, in denen der Erzähler darüber nachsinnt, warum er nun eigentlich eine Autobiografie schreibt, obwohl „jedes Erinnern, auch das Genaueste, ein Erfinden ist.“ (S. 7)

Vermutlich aber gehorche ich nur einem banalen Gesetz der Menschen: Erst träumen wir von der Zukunft, dann leben wir sie, und am Ende, wenn diese gelebte Zukunft vergangen ist, erzählen wir sie uns noch einmal. (S. 7)

Anmerkungen

Diejenigen, die schon mehr von Widmer gelesen haben, wissen, dass er 2009 den Roman Herr Adamson veröffentlicht hat. Dieser Name taucht auch in Widmers Erinnerungen auf, und zwar als Titel eines der ersten von ihm gelesenen Bücher:

Adamson war ein einsamer älterer Herr mit drei einzelnen Haaren auf dem Kopf und einer Oberlippe, die sehr der meines Vaters glich. Auch er war ein lieber Tollpatsch. (S. 179)

Ein lesenswertes Interview mit Widmer findet sich in der Welt vom 21. Mai 2013 und Claudia vom Grauen Sofa hat mich mit ihrer Besprechung überhaupt erst neugierig auf den Roman gemacht.

Ansonsten empfehle ich noch den Artikel von Ursula März in der ZEIT.

Irrelevante Fußnote

Während ich dies schreibe, habe ich 50 Oberstufenarbeiten um mich herum drapiert, die dafür sorgen, dass mir die Herbstferien nicht zu unbeschwert geraten, und nur deshalb möchte ich noch folgendes Zitat aus Widmers Erinnerungen an seine Schulzeit ergänzen:

Herrn Schindler, der – leider, leider nicht während er uns unterrichtete – mitten in einer stinknormalen Schulstunde, als ein Schüler schon wieder das Passé simple mit dem Imperfekt verwechselte, sich langsam hinter seinem Pult erhob, ‚Jetzt reicht’s mir aber‘ murmelte, die Schule verließ und sie nie mehr betrat. Ein Schüler musste ihm seinen Hut nach Hause bringen, den er im Lehrerzimmer liegengelassen hatte. (S. 116)