Was ist ein Klassiker?

Als ich auf diesem Blog die Kategorie „Klassiker“ einfügen wollte, schien mir das ein guter Moment, um noch einmal zu überdenken, welche Merkmale ein literarischer Klassiker für mich erfüllen sollte. Beim Stöbern fand ich das folgende Zitat von Charles Augustin Sainte-Beuve (1850):

A true classic, as I should like to hear it defined, is an author who has enriched the human mind, increased its treasure, and caused it to advance a step;

who has discovered some moral and not equivocal truth, or revealed some eternal passion in that heart where all seemed known and discovered;

who has expressed his thought, observation, or invention, in no matter what form, only provided it be broad and great, refined and sensible, sane and beautiful in itself;

who has spoken to all in his own peculiar style, a style which is found to be also that of the whole world, a style new without neologism, new and old, easily contemporary with all time.

Ein bisschen trockener formuliert: Ein Klassiker der Literatur widmet sich zeitlosen Themen wie Kindheit, Abenteuer, Sinnsuche, Identität und Liebe oder dem Kampf zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht oder der Auseinandersetzung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Dabei sollte das Werk:

  • über Generationen und oft genug auch über Ländergrenzen hinweg Menschen ansprechen, unabhängig von Moden und Zeitgeist
  • etwas Allgemeingültiges in neuer, so bisher noch nicht da gewesener Weise darstellen
  • Qualitätsmaßstäbe für kommende Generationen setzen
  • der Leserin, dem Leser die Augen öffnen und ihr oder ihm einen tieferen Blick auf die Natur des Menschen und die ihn umgebende Welt ermöglichen
  • unaufdringlich und ohne erhobenen Zeigefinger die Welt menschlicher machen

Mark Twain hat in einer Rede am 20. November 1900 das daraus entstehende Dilemma für den Leser auf den Punkt gebracht: A classic is

something that everyone wants to have read but no one wants to read.

Nun, wir wollen bestimmte Bücher gelesen haben, weil sie Teil eines wie auch immer entstandenen und von wem auch immer aufgestellten Kanons sind, weil wir wissen, sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Kultur und Geschichte.

Auf der anderen Seite haben heutzutage die wenigsten die Zeit oder den Anspruch, solche Klassikerlisten (siehe die Kanondiskussion) abzuarbeiten. Und Italo Calvino tröstet die, die sich schämen, ein bestimmtes Werk noch nicht gelesen zu haben:

Um sie zu beruhigen, reicht es anzumerken, daß, so umfangreich die ‚Bildungslektüre‘ eines Individuums auch sein mag, immer eine riesige Anzahl grundlegender Werke übrigbleibt, die man nicht gelesen hat. (Calvino: „Warum Klassiker lesen?“)

Der heutige Leser ist selbstbewusst und weiß, dass das persönliche Interesse, die persönliche Betroffenheit ohnehin dazukommen müssen. Chris Cox  hat im Guardian vom 8. Dezember 2009 in Anspielung auf Mark Twain noch einmal klargestellt:

There are two kinds of classic novel. The first are those we know we should have read, but probably haven’t. These are generally the books that make us burn with shame when they come up in conversation: from Crime and Punishment to Jane Eyre, we know they would do us good if only we could get around to reading them. For me, embarrassingly, this category includes not just individual books, but entire oeuvres: I’ve yet to pick up a single Dickens novel, for example, and when someone mentions Proust, I actually have to make an excuse and leave the room. The second kind, meanwhile, are those books that we’ve read five times, can quote from on any occasion, and annoyingly push on to other people with the words: ‚You have to read this. It’s a classic.‘

Trotzdem sollte man das Kind nicht gleich mit dem Bade ausschütten und die Diskussion um Klassiker nicht einfach für obsolet erklären, trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten. Wer zum Beispiel legt fest, was als Klassiker zu werten ist, wenn sich doch schon die Fachleute – meist weiße, ältere Herren, westlich geprägt – keineswegs immer einig sind.

Auch Calvino geht in seinem Essay „Warum Klassiker lesen?“ (zuerst 1981 veröffentlicht) in immer wieder neuen Definitionsversuchen der Frage nach, was denn nun einen Klassiker ausmache. Er hat dabei die folgenden Formulierungen gefunden, die die Balance zwischen der überindividuellen Bedeutung eines Werkes und der Notwendigkeit des persönlichen Zugangs veranschaulichen:

Ein Klassiker ist ein Buch, das nie aufhört, das zu sagen, was es zu sagen hat.

Wenn der Funke nicht überspringt, ist nichts zu machen: die Klassiker liest man nicht aus Pflicht oder Respekt, sondern nur aus Liebe.

Und so nehme ich also die Bücher in meine Kategorie der Klassiker auf, die eine nachweisbare, Jahrzehnte überdauernde überindividuelle Bedeutung haben und zu denen ich gleichzeitig einen persönlichen Zugang gefunden habe. Wenn der Funke übergesprungen ist.

Wer sich noch ein wenig mit der Entstehung des Klassikerkanons beschäftigen möchte, sei auf den Beitrag Vergangen und gegenwärtig – Was ist ein literarischer Klassiker? hingewiesen.

Ach, und natürlich wird diese Frage immer wieder neu verhandelt, hier begründet Denis Scheck, warum er einen neuen Kanon der Meisterwerke aufstellen möchte.

Auch Michael Sommer, ja, der mit den Playmobilfiguren, hat sich an einer Definition von Weltliteratur versucht.

Jane Austen: Pride and Prejudice (1813)

It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife. However little known the feelings or views of such a man may be on his first entering a neighbourhood, this truth is so well fixed in the minds of the surrounding families, that he is considered as the rightful property of some one or other of their daughters.

Mit diesem weithin bekannten Einstieg beginnt einer der englischen Romanklassiker

Jane Austen: Pride and Prejudice (1813), auf Deutsch: Stolz und Vorurteil

Zum Inhalt

Folgerichtig erregt die Ankunft des wohlhabenden Mr Bingley, des neuen Mieters des nachbarschaftlichen Herrenhauses, die Aufmerksamkeit der Familie Bennet. Bennets haben gleich fünf Töchter, die ja irgendwann unter die Haube sollen, was schon deshalb wichtig ist, weil aufgrund der damaligen Erbregelung das Anwesen nach dem Tode Mr Bennets nur einem männlichen Verwandten zufallen darf. Das wäre in diesem Fall Mr Collins, ein entfernter Cousin der Mädchen und ein schier unerträglicher Esel. Ohne Ehemann würden die Töchter nach dem Tod des Vaters im Grunde mittellos sein.

Hier wird nun von Austen ein etwas größerer Ausschnitt der Gesellschaft ins Auge gefasst, als das in den früheren Romanen der Fall war. Allerdings ändert diese Ausweitung nichts an den grundlegenden Themen, die auch diesen Roman durchziehen: die Rolle des Geldes, die Bedeutung von Erziehung, die Frage nach dem, was den richtigen Ehepartner ausmacht, die Überwindung von Vorurteilen. Und welche charakterlichen Reifungsprozesse müssen vollzogen werden, bevor man glücklich in den Hafen der Ehe einlaufen kann?

Die verschiedenen Möglichkeiten werden nun anhand der Familie Bennet durchgespielt. Da wären zum einen die Eltern: Mr Bennet ist eine interessante, weil durchaus zwiespältige Figur. Er ist intelligent und integer und sich im Klaren darüber, dass er er bei der Wahl seiner Ehegefährtin kräftig danebengegriffen hat, dennoch ist er nicht bereit, dem moralischen Verfall seiner Familie Einhalt zu gebieten. Stattdessen flüchtet er sich in Spott und in seine Bibliothek, in der ihn niemand stören darf.

Her mind was less difficult to develope. She was a woman of mean understanding, little information, and uncertain temper. When she was discontented, she fancied herself nervous. The business of her life was to get her daughters married; its solace was visiting and news. (S. 3 der in gebundenen Ausgabe der Everyman’s Library)

Jane, die älteste und tugendsame Tochter, verliebt sich in Mr Bingley. Die Liebe wird erwidert. Doch da Jane nicht als „gute Partie“ gilt und ihre Mutter und ihre jüngeren Schwestern ungebildet, ja fast schon ordinär sind, nimmt der zaudernde Bingley wenn auch schweren Herzens zunächst Abstand von Jane.

Ihre attraktive und lebhafte Schwester Elizabeth, die Hauptfigur, betrachtet das Treiben um sich herum mit gemischten Gefühlen. Sie nimmt ihrer Freundin Charlotte übel, dass diese, um lebenslang abgesichert zu sein, den Heiratsantrag von Mr Collins angenommen hat. Für sich selbst lehnt sie eine Heirat, die nicht auf gegenseitiger Achtung und Liebe beruht, grundsätzlich ab.

Elizabeth erkennt, wie berechnend und dümmlich sich ihre Mutter verhält. Sie ist empört, weil Bingley mit den Gefühlen ihrer Schwester zu spielen scheint, und kultiviert eine innige Abneigung gegen Bingleys Freund, den reichen, gut aussehenden, aber versnobten und stolzen Mr Darcy.

Der wiederum ist das Objekt der Begierde von Bingleys Schwester. Schonungslos legt der Erzähler deren Absichten offen, doch wer hätte nicht auch ein wenig Mitleid mit Miss Bingley?

Miss Bingley’s attention was quite as much engaged in watching Mr Darcy’s progress through his book, as in reading her own; and she was perpetually either making some inquiry, or looking at his page. She could not win him, however, to any conversation; he merely answered her question, and read on. At length, quite exhausted by the attempt to be amused with her own book, which she had only chosen because it was the second volume of his, she gave a great yawn and said: „How pleasant it is to spend an evening in this way! I declare after all there is no enjoyment like reading! How much sooner one tires of anything than of a book! – When I have a house of my own, I shall be miserable if I have not an excellent library.“ (S. 50/51)

Die mittlere Tochter der Bennets, Mary, ein unattraktives Mädchen, das von niemandem so richtig wahrgenommen wird, fällt allen anderen mit ihren Büchern, Klavierspielen und moralischen Sentenzen auf die Nerven.

Blieben noch die beiden jüngsten, Lydia und Kitty. An der fünfzehnjährigen Lydia, die wenig im Kopf hat außer ihrem Interesse für schöne Kleider und die im Ort stationierten Soldaten, sehen wir, wie gefährlich es ist, wenn eine dumme Mutter ihre Kinder verwöhnt und ihnen weder Werte noch Fähigkeiten vermittelt. Lydia brennt schließlich mit einem Tunichtgut durch.

Fazit

Anna Marie Quindlen, die einflussreiche amerikanische Autorin, Journalistin und Kritikerin, schrieb in ihrer Einleitung der Ausgabe der Modern Library voller Begeisterung:

Pride and Prejudice is also about that thing that all great novels consider, the search for self. And it is the first great novel to teach us that that search is as surely undertaken in the drawing room making small talk as in the pursuit of a great white whale or the public punishment of adultery.

Dennoch hat mich dieser Roman längst nicht so angesprochen wie Emma. Zwar führt Austen ihre Erzählfäden auch hier souverän zusammen und ihr Englisch ist wie immer ein Genuss. Austen ermöglicht dem Leser, der Leserin, nahezu mühelos die Distanz von 200 Jahren zu überbrücken. Wie in ihren anderen Werken betont sie auch hier, wie wichtig eine vernünftige Erziehung und die intellektuelle Ebenbürtigkeit in einer Ehe sind. Das ist zeitlos gültig.

Doch diesmal war mir die Handlung über weite Strecken zu sehr „Versuchsanordnung“, was zur Folge hatte, dass manche der Protagonisten wie Schachfiguren hin und hergeschoben wurden, ohne wirklich zu leben. Oft erschienen mir die Personen eher als Verkörperung bestimmter Tugenden bzw. Untugenden.

Jane, die Arglose, ist so dermaßen fehlerlos, gut und immer darauf erpicht, nur das Beste von allen Menschen zu denken, dass sie mich extrem ermüdet hat. Auch ihre große Liebe Bingley war so fad und farblos.

Ihre Schwester Elizabeth kommt längst nicht an den Charme einer Emma Woodhouse heran und Lydia, ein dummes, verzogenes Ding, das in seiner Ehe garantiert nicht lange glücklich sein wird, erschien mir lebendiger als viele der anderen Romanfiguren.

Und doch lohnt sich die Lektüre allemal, nicht nur, um einen Klassiker der englischen Literaturgeschichte kennenzulernen, sondern auch um das Werk von Jo Baker zu verstehen, die in ihrem Roman Longbourn die gleiche Geschichte erzählt, und doch ganz anders, nämlich aus der Sicht der Hausangestellten. Unbedingt lesenswert.

Anmerkungen

Zum Abschluss hier die berühmten Worte aus Sir Walter Scotts Tagebuch vom 14. März 1826:

Also read again, and for the third time at least, Miss Austen’s very finely written novel of Pride and Prejudice. That young lady had a talent for describing the involvements and feelings and characters of ordinary life, which is to me the most wonderful I ever met with. The Big Bow-wow strain I can do myself like any now going; but the eyquisite touch, which renders ordinary commonplace things and characters interesting from the truth of the description and the sentiment, is denied to me. What a pity such a gifted creature died so early!

Janeites

Als Janeites  werden übrigens Austens Verehrer und Fans bezeichnet. Mit diesem Begriff wollten sich die ursprünglich eher akademisch geprägten Austen-Fans vom trivialen Literaturgeschmack der Massen abheben. Geprägt wurde der Begriff von George Saintsbury, einem britischen Literaturkritiker und Weinkenner: „He coined the term ‚Janeite‘ for a fan of Jane Austen in his introduction to a 1894 edition of Pride and Prejudice.

Der englischsprachigen Ausgabe der Wikipedia verdanke ich außerdem den verblüffenden  Hinweis, dass die Begeisterung für Jane Austen zunächst eine eher männlich-elitäre Angelegenheit war. Rudyard Kipling hat sogar eine Erzählung mit dem Titel The Janeites geschrieben, die im Ersten Weltkrieg spielt und die man hier nachlesen kann.

Doch als auch die „Massen“ begannen, Jane Austen und ihre Romane zu entdecken, und eine regelrechte Fan-Kultur entstand, deren Ende längst nicht abzusehen ist (inzwischen gibt es Jane Austen und Zombie-Kombinationen), entwickelte sich der Begriff Janeite fast hin zu einem Schimpfwort für jemanden, der die Romane Austens sozusagen aus den falschen Gründen liebe und die literarischen Feinheiten gar nicht zu würdigen wisse.

Wer möchte, kann sich hier den Roman in Englisch vorlesen lassen.

P. D. James (*1920) lässt ihren Kriminalroman Death comes to Pemberley (2011) sechs Jahre nach der Hochzeit zwischen Elisabeth und Darcy einsetzen.

Harper Lee: To Kill a Mockingbird (1960)

When he was nearly thirteen my brother Jem got his arm badly broken at the elbow. When it healed, and Jem’s fears of never being able to play football were assuaged, he was seldom self-conscious about his injury. His left arm was somewhat shorter than his right; when he stood or walked, the back of his hand was at right-angles to his body, his thumb parallel to his thigh. He couldn’t have cared less, so long as he could pass and punt.

When enough years had gone by to enable us to look back on them, we sometimes discussed the events leading to his accident. I maintain that the Ewells started it all, but Jem, who was four years my senior, said it started long before that. He said it began the summer Dill came to us, when Dill first gave us the idea of making Boo Radley come out.

Mit diesen Zeilen beginnt eines der bekanntesten amerikanischen Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts:

Nelle Harper Lee: To Kill a Mockingbird (1960); auf Deutsch: Wer die Nachtigall stört

Ein Erfolg sondergleichen

Von Anfang an war das Buch ein phänomenaler Erfolg. Sowohl Reader’s Digest als auch der 1927 gegründete Buchclub „Literary Guild“ nahmen Lee’s Buch in ihre Programme auf und 1961 gewann sie den renommierten Pulitzer Prize for Fiction. Doch der Erfolg fühlte sich für Harper Lee zunächst überhaupt nicht gut an, wie eines der letzten Interviews zeigt, die sie gegeben hat, bevor sie sich aus der Öffentlichkeit zurückzog:

It was like being hit over the head and knocked cold. You see, I never expected any sort of success with Mockingbird. I didn’t expect the book to sell in the first place. I was hoping for a quick and merciful death at the hands of reviewers, but at the same time I sort of hoped that maybe someone would like it enough to give me encouragement. Public encouragement. I hoped for a little, as I said, but I got rather a whole lot, and in some ways this was just about as frightening as the quick, merciful death I’d expected. (hier das Interview zum Nachhören)

Und noch 2006 wählten britische Bibliothekare das Buch auf Platz eins, als es um die Frage ging, welches Buch jeder Erwachsene in seinem Leben gelesen haben sollte.

Zum Inhalt

Der Roman, der vielen – zumindest durch die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle (1962) – bekannt sein dürfte, spielt in den dreißiger Jahren zur Zeit der Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts in der fiktiven Kleinstadt Maycomb in Alabama. Jean Louise, die Tochter des Anwalts Atticus Finch, die von allen nur Scout genannt wird, erzählt uns im Rückblick ihre Kindheit und im weitesten Sinne, wie es zu dem gebrochenen Arm ihres Bruders kam. Zu Beginn der Handlung ist sie knapp sechs Jahre alt und lebt mit ihrem Bruder Jem, ihrem Vater und der schwarzen Hausangestellten Calpurnia in einer scheinbar unbeschwerten Kindheitsidylle.

Sie genießt viele Freiheiten, tobt (und prügelt sich) wie ein Junge durch Schule und Nachbarschaft, wird von ihrem Bruder beschützt und muss sich mit einer verständnislosen Lehrerin herumärgern, die nicht akzeptieren will, dass Scout schon bei ihrer Einschulung lesen kann. Daraufhin verkündet sie ihrem Vater, dass sie gedenkt, den Schulbesuch sofort wieder einzustellen.

Die Sommerferien sind der Höhepunkt des Jahres, denn dann reist Dill, der Neffe der Nachbarin, zu Besuch an und zu dritt machen die Kinder die Gegend unsicher oder versuchen, den geheimnisumwitterten, nie gesehenen Nachbarn Arthur Radley aus dem Haus zu locken. Doch irgendwann bekommt Scouts Vater den Auftrag, den Schwarzen Tom Robinson vor Gericht zu verteidigen, der angeklagt ist, eine Weiße vergewaltigt zu haben. Atticus wird daraufhin von vielen als „nigger lover“ beschimpft und er befürchtet zu Recht, dass auch seine Kinder die Vorurteile zu spüren bekommen:

I hope and pray I can get Jem and Scout through it without bitterness, and most of all, without catching Maycomb’s usual disease. Why reasonable people go stark raving mad when anything involving a Negro comes up, is something I don’t pretend to understand. (S. 98 der hässlichen Ausgabe der Mandarin Paperbacks)

Fazit

Das Buch entwickelt eine ganz außergewöhnliche Wucht.

Es ist nicht nur eine bissige Anklage gegen die christlich verbrämte Heuchelei in einem rassistischen System: Bei den Damenkränzchen werden irgendwelche Missionare in Afrika verehrt und gleichzeitig drohen sie ihren schwarzen Hausangestellten mit Rauswurf, als diese nach dem Prozess nur bedrückt und mürrisch ihre Arbeiten verrichten.

‚Gertrude, I tell you, there’s nothing more distracting than a sulky darky. Their mouths go down to here. Just ruins your day to have one of ‚em in the kitchen. You know what I said to my Sophy, Gertrude? I said, ‚Sophy,‘ I said, ‚you simply are not being Christian today. Jesus Christ never went around grumbling and complaining.‘ And you know it did her good […] I tell you, Gertrude, you never ought to let an opportunity go by to witness for the Lord.‘ (S. 256)

Auch der Spannungsaufbau ist gelungen, und zwar nicht nur, weil man wissen will, wie der Prozess ausgeht. Darüber hinaus hat Lee auch eine so überzeugende Erzählerstimme für Scout gefunden, dass die Distanz zwischen Leser und Erzählerin fast verschwindet.

Atticus was feeble: he was nearly fifty. When Jem and I asked him why he was so old, he said he got started late, which we felt reflected upon his abilities and manliness. […] Our father didn’t do anything. He worked in an office, not in a drug-store. Atticus did not drive a dump-truck for the county, he was not the sheriff, he did not farm, work in a garage, or do anything that could possibly arouse the admiration of anyone. (S. 99)

Selbst wenn Kritiker gern darauf hinweisen, dass bei den ironischen Brechungen und dem Wortschatz immer wieder mal in die Perspektive der Erwachsenen gewechselt wird:

It might be that Lee floundered when she was trying to settle on a point of view. She rewrote the novel three times: the original draft was in the third person, then she changed to the first person and later rewrote the final draft, which blended the two narrators, Janus-like, looking forward and back at the same time. (Charles J. Shields, S. 128)

Zwar ist Lee die Vaterfigur unrealistisch ideal geraten, doch stört das kaum. Atticus erzieht seine Kinder zu Menschen, denen Äußerlichkeiten nicht sehr wichtig sind, die selber denken, die Verantwortung für ihr Tun und ihre Fehler übernehmen müssen und die die humanen Werte ihres Vaters wie Anstand und den Glauben an Gerechtigkeit vor dem Gesetz übernehmen. Sie werden letztendlich zu Hoffnungsträgern, dass Rassismus und nahezu grenzenlose Heuchelei nicht das letzte Wort haben werden.

Der Titel

Die Übersetzung des Titels ins Deutsche ist in seiner Süßlichkeit irreführend. Ein ‚mockingbird‘ ist eine amerikanische Spottdrossel. Als Atticus seinen Kindern Luftgewehre schenkt, stellt er ihnen nur eine einzige Bedingung:

‚Shoot all the bluejays you want, if you can hit ‚em, but remember it’s a sin to kill a mockingbird.‘ (S. 99).

Die Nachbarin Miss Maudie erklärt den Kindern, weshalb:

‚Mockingbirds don’t do one thing but make music for us to enjoy. They don’t eat up people’s gardens, don’t nest in corncribs, they don’t do one thing but sing their hearts out for us. That’s why it’s a sin to kill a mockingbird.‘

Die Humanität des Einzelnen und der Gesellschaft erweist sich auch im Umgang mit den menschlichen „Mockingbirds“, auf die im Buch noch mehrmals angespielt wird.

Die Biografie von Shields

Charles J. Shields hat in seiner überaus sorgfältig und bis ins kleinste Detail recherchierten Biografie Mockingbird: A Portrait of Harper Lee (2006), bei der er keinerlei Unterstützung von Harper Lee oder ihren Familienangehörigen bekam, viele der autobiografischen Bezüge und Anverwandlungen nachgewiesen. Im Buch heißt es beispielsweise: „Our mother died when I was two, so I never felt her absence“ (S. 6). Shields erklärt die Tatsache, dass Scout und Jem ohne Mutter aufwachsen müssen, damit, dass Lees Mutter psychisch krank war und emotional gar keine Beziehung zu ihren Kindern aufbauen konnte.

Die Figur des Nachbarjungen Dill geht auf das reale Vorbild von Truman Streckfus Persons zurück, der tatsächlich die Ferien im Nachbarhaus verbracht hat und der später unter dem Namen seines Stiefvaters Capote ebenfalls Weltruhm erlangen sollte. Auch den geheimnisvollen Nachbarn hat es gegeben und ihr Vater hat 1919 zwei Schwarze verteidigt. Als diese trotzdem zum Tode verurteilt wurden, hat er seine Arbeit als Anwalt aufgegeben.

Allerdings war Amasa Coleman Lee, ganz im Gegensatz zu Atticus,  zunächst alles andere als ein Gegner der Rassentrennung. Er war federführend bei der Entlassung des methodistischen Reverend Ray Whatley, der seiner Meinung nach zu viel über ’social justice‘ und zu wenig über das Evangelium sprach. Whatley wurde dann später enger Mitarbeiter von Martin Luther King. Doch spätestens ab den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts setzte sich Lees Vater für die Rechte der Schwarzen und für ein gerechteres Wahlsystem ein. Zur Frage, welche Gerichtsprozesse als Vorlage und Inspiration für den Prozess gegen Tom Robinson dienten, siehe den als exzellent bewerteten Artikel in der englischen Wikipedia.

Kritik an Lees Buch

Aus heutiger Sicht wirkt der Verriss von Phoebe Lou Adams im Atlantic Magazine vom August 1960 eher komisch, man fragt sich, welches Buch Adams da wohl gelesen hat.

Lees Buch ist inzwischen eines der erfolgreichsten Werke der Literatur (über 30 Millionen verkaufte Exemplare weltweit) und erst 2010 erschien Scout, Atticus, and Boo: A Celebration of ‚To Kill a Mockingbird‘ von Mary McDonagh-Murphy, in dem Künstler, Weggefährten und namhafte Schriftsteller der Gegenwart ihre Begeisterung für To Kill a Mockingbird erklären.

Lees Anteil an der Überwindung der Rassentrennung wird allerdings als eher gering eingeschätzt. Spektakuläre Aktionen wie die der Freedom Riders hat sie abgelehnt, da diese nur die Gewalt beförderten.

Doch überholt war und ist ihr Roman keineswegs – trotz seiner Verankerung in der Vergangenheit. Anfang der Sechziger riskierten schwarze Studentinnen und Studenten wie z. B. James Meredith ihr Leben, wenn sie ihr seit 1954 verbrieftes Recht auf ungehinderten Zugang zu ehemals nur Weißen vorbehaltenen öffentlichen Bildungseinrichtungen wahrnehmen wollten (siehe den Prozess Brown versus Board of Education).

Und die Einstellung der Menschen ändert sich nur langsam – wenn überhaupt. Senator E. O. Eddins hat 1959 massiven Druck auf die Bibliothekarin Emily Wheelock Reed ausgeübt, als die sich weigerte, das Kinderbuch The Rabbits‘ Wedding von Garth Williams aus dem Verkehr zu ziehen. Im Buch heiraten ein schwarzes und ein weißes Kaninchen.

Jener Senator wollte auch eine Ehrung Harper Lees verhindern, hat dann seinen Protest aber zurückgezogen, um zu verhindern, dass man sie als Märtyrer verkläre. Und eine regionale Schulbehörde in Virginia wollte noch 1966 ihren Roman komplett aus den Schulbüchereien verbannen, weil das Buch so unmoralisch sei. Lee antwortete mit einem sehr hübschen Brief:

Recently I have received echoes down this way of the Hanover County School Board’s activities, and what I’ve heard makes me wonder if any of its members can read. Surely it is plain to the simplest intelligence that “To Kill a Mockingbird” spells out in words of seldom more than two syllables a code of honor and conduct, Christian in its ethic, that is the heritage of all Southerners. To hear that the novel is „immoral“ has made me count the years between now and 1984, for I have yet to come across a better example of doublethink. I feel, however, that the problem is one of illiteracy, not Marxism.

Deshalb schließt sie den Brief mit der Ankündigung einer Spende, die doch bitte dafür verwendet werden möge, „to enroll the Hanover County School Board in any first grade of its choice.“

In Cold Blood

Harper Lee hat übrigens noch an einem weiteren Klassiker der amerikanischen Literatur mitgewirkt. Auch wenn Truman Capote das nie öffentlich honoriert hat: Sie war nicht nur als sein „assistant researchist“ über Monate bei den Vorarbeiten und Interviews zu In Cold Blood wesentlich beteiligt – meist fertigte sie die Mitschriften an und bahnte Kontakte zu wichtigen Interviewpartnern an, die Truman Capote zunächst äußerst misstrauisch beäugten -, sondern war auch immer wieder zur Stelle, wenn Capote weitere Lokaltermine anberaumte oder sie bat, sein Manuskript zu begutachten.

Capote sagte selbst:

Without her deep probing of the people of that little town, I could never have done the job I did with it.“ (zitiert nach Shields, S. 253).

Doch als es darum ging, Lees Beitrag auch öffentlich anzuerkennen, spielte er ihre Rolle so weit herunter, dass ihre Jahrzehnte dauernde Freundschaft einen ernsthaften Riss bekam.

So when, in January 1966, she opened the first edition of In Cold Blood, she was shocked to find the book dedicated to her, a patronizing gesture in light of her contribution – „With Love and Gratitude,“ it said. And, out of the blue, she found she had to share Capote’s thanks with his longtime lover, Jack Dunphy. (Shields, S. 253)

Das lange Schweigen der Autorin

To Kill a Mockingbird ist geradezu durchtränkt von Anleihen aus der Kindheit Harper Lees und das ist möglicherweise einer der Gründe, weshalb Lee danach – außer vier Artikeln und einem Brief an Oprah Winfrey – nie wieder etwas veröffentlicht hat. Sie hat aus persönlichem Erleben ein Stück Weltliteratur geformt. Was sollte dem noch hinzugefügt werden? Dieser stark autobiografische Bezug erklärt vielleicht auch, dass sie – auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung – die Zeit um ca. 30 Jahre zurückdreht und Schwarze in ihrem Buch ausschließlich als arme Feldarbeiter oder als Angestellte in weißen Haushalten vorkommen. Die meisten Mitglieder der schwarzen Gemeinde im Buch sind Analphabeten.

Ein zweiter Grund, weshalb Lee danach nie wieder etwas veröffentlicht hat, könnte sein, dass die Arbeit an dem Roman nur sehr mühsam vonstatten ging. In dreieinhalb Jahren wurde das Manuskript dreimal grundlegend überarbeitet und umgestellt. Ohne die Geduld und die Hinweise ihrer Verlegerin Hohoff, die überhaupt erst dafür sorgte, dass das Ganze zu einem Roman mit einem klaren Handlungsaufbau statt zu einer unausgewogenen Anekdotensammlung wurde, wäre das Buch nie veröffentlicht worden.

Das ist auch der Grund, weshalb an mir die medial inszenierte Aufregung an dem 2015 veröffentlichen Go Set a Watchman komplett vorbeiging, das inzwischen ohnehin als erster Entwurf für To Kill a Mockingbird gilt (siehe hierzu den aufschlussreichen Artikel The Invisible Hand Behind Harper Lee’s ‘To Kill a Mockingbird’ von Jonathan Mahler aus der New York Times, Juli 2015)

Shields weist außerdem darauf hin, dass die Zeitschrift Esquire 1961 die Veröffentlichung eines Textes von Lee ablehnte. Sie hatte zugesagt, einen Sachtext über den Süden einzureichen, doch was sie stattdessen ablieferte, war To Kill a Mockingbird im Miniaturformat:

The fact that she had submitted a piece of fiction with To Kill a Mockingbird overtones again, when a nonfiction piece was requested suggests a certain lack of versatility. (Shields, S. 217)

In einem Gespräch mit Harper Lee hat ein enger Vertrauter, Dr. Butts, einmal folgende Theorie zu ihrem Jahrzehnte langen Schweigen aufgestellt:

I espoused two or three ideas. I said maybe you didn’t want to compete with yourself. She said, ‚Bullshit. Two reasons: one, I wouldn’t go through the pressure and publicity I went through with To Kill A Mockingbird for any amount of money. Second, I have said what I wanted to say and I will not say it again‘. (zitiert nach dem unaufgeregt-lesenswerten Artikel von Paul Toohey: Miss Nelle in Monroeville, im australischen Sunday Telegraph vom 31. Juli 2010)

Andrew Gumbel hat 2006 ebenfalls Shields Biografie gelesen auf der Suche nach der Antwort, weshalb Lee nach ihrem Welterfolg nie wieder etwas veröffentlicht hat.

Don Lee Keith, dem sie eines der letzten Interviews gewährte, das dann im Frühjahr 1966 in der Zeitschrift Delta Review unter dem Titel „An Afternoon with Harper Lee“ erschien, war übrigens derjenige, der sie als erster – wenn auch unabsichtlich – in Zusammenhang mit dem Etikett „recluse“ (Einsiedler) brachte:

Harper Lee is no recluse. She is no McCullers or Salinger whose veneer of notoriety cannot be punctured to reveal, after all, another individual. She is real and down-to-earth as is the woman next door who puts up fig preserves in the spring and covers her chrysanthemums in winter. (zitiert nach Shields, S. 248)

Wenn man bedenkt, welchen schier unglaublichen Presserummel die Autorin, die einfach nur ihre Ruhe haben wollte, über sich ergehen lassen musste und dass sie selbst bis ins hohe Alter nicht vor Journalisten sicher war, die oft genug rücksichtslos einfach an ihre Tür klopften und Einlass begehrten, ist ihr Schweigen vielleicht gar nicht so unverständlich.

In einer Zeit allerdings, in der so viele – egal, wie unbegabt, dämlich oder belanglos – ein „Star“ sein möchten und andere glauben, ein Recht auf Einblick in das Privatleben anderer zu haben, ist Lees Schweigen auch eine Provokation.

It takes a kind of courage that almost nobody has in this country, where celebrity has replaced religion for a lot of people, to turn away from the church of publicity and say, ‘I’m not going to pray there, I’m not going to appear there’ (Mark Childress, in Scout, Atticus, and Boo: A Celebration of ‚To Kill a Mockingbird‘ )

Und dabei es ist doch mehr als genug, wenn man über eine Autorin die schönen Worte sagen kann:

Sometimes novels are considered ‚important‘ in the way medicine is – they taste terrible and are difficult to get down your throat, but are good for you. The best novels are those that are important without being like medicine; they have something to say, are expansive and intelligent but never forget to be entertaining and to have character and emotion at their centre. Harper Lee’s triumph is one of those. (Chimamanda Ngozi Adichie, 10. Juli 2010 im Guardian)

Sabine von Binge Reading & More verdanke ich den Hinweis auf einen Artikel im The Economist, der leider mehr als deutlich macht, dass die beste Medizin nichts nützt, wenn man sie nicht wirken lässt.

Schließen möchte ich mit zwei Zitaten von Atticus:

You never really understand a person until you consider things from his point of view – until you climb into his skin and walk around in it.

… but before I can live with other folks I’ve got to live with myself. The one thing that doesn’t abide by majority rule is a person’s conscience.

b-nz 189

Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – Teil 1

Der vollständige Titel des Werkes, das 1908 von Zdenko Baudnik ins Deutsche übersetzt wurde, zeigt uns bereits, wohin diese Reise führen wird:

Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens, das ist eine klare Beschreibung, wie in dieser Welt und allen ihren Dingen nichts herrscht als Irrung und Verwirrung, Unsicherheit und Bedrängnis, Lug und Trug, Angst und Elend, und zuletzt Ekel an allem und Verzweiflung; und wie nur der, welcher zu Hause in seinem Herzen wohnet und sich mit Gott allein darin verschließet, zum wahren und vollen Frieden seiner Seele und zur Freude gelangt.

Der große Pädagoge des 17. Jahrhunderts, Johann Amos Comenius (1592 – 1670) verfasst während der Wirrnisse und des Elends des Dreißigjährigen Krieges eine fulminante Kritik der menschlichen Natur und der Gesellschaft, die keinen Stand, keine Religion und keine weltliche Macht ausnimmt. Dieser Kritik stellt er im dritten Teil eine große mystisch-fromme Utopie entgegen, bei der man, egal, wie man religiös oder weltanschaulich orientiert ist, zumindest ahnt, welche Wucht und Kraft in einem tatsächlich christlichen Leben liegen könnte.

Heute soll es aber erst einmal um den Einstieg in Comenius‘ Werk gehen. Und da die altertümlich-bildhafte Sprache entscheidend zum Reiz des Buches beiträgt, soll der Autor heute über große Strecken selbst zu Worte kommen.

Comenius wählt für seine Geschichte die Form der Pilgerreise: Als ein junger Mann erkennt,

dass es verschiedene Stände, Rangstufen, Berufszweige, Beschäftigungen und Ziele gebe, die sich die Menschen stecken, da schien es mir ein dringendes Bedürfnis, zu erwägen, zu welcher Gruppe von Menschen ich mich gesellen und mit was für Dingen ich mein Leben hinbringen sollte. (S. 13)

Um nun herauszufinden, welche Lebensweise ihm „möglichst wenig Mühen und Sorgen und möglichst viel Bequemlichkeit und frohe[n] Mut“ garantieren könne, will er zunächst „alle Dinge, die unter der Sonne sind“ in Augenschein nehmen, um dann in kluger Abwägung seinen Beruf zu wählen. Also begibt er sich auf eine große Reise, auf der er zwei Gefährten als Führer hat: zum einen den Überalldabei, der ihm – wie der Name schon sagt -, ermöglicht, in alle Schichten, Stände und Häuser Einblick zu nehmen, und zum anderen die Verblendung, die ihm eine Brille aufzwingt, sodass er leider das Meiste verzerrt wahrnimmt. Glücklicherweise sitzt die Brille ein bisschen schief, sodass er doch den ein oder anderen Blick auf die Realität, wie sie wirklich ist, riskieren kann.

Die Reise beginnt damit, dass der junge Pilger Zeuge dessen wird, wie jeder Mensch aus einem großen Kupfertopf, der von einem grimmigen Alten bewacht wird, ein Los ziehen muss; darauf ist sein zukünftiges Schicksal vermerkt. Es legt fest, ob man in seinem Leben herrschen, dienen, befehlen, gehorchen, das Feld bestellen, lernen, kämpfen, richten oder beten wird.

Im Trubel des menschlichen Durcheinanders stellt der junge Reisende zunächst einige Betrachtungen über die Natur des Menschen an und ihm wird rasch klar, wie

ein jeder, solang er in der Schar der anderen wandelte, eine Maske vor dem Gesichte trug, diese aber, sobald er allein war oder unter seinesgleichen sich befand, abwarf und, wenn er sich der Menge wieder zugesellen wollte, abermals anlegte. […]

Die menschliche Verständigung sei unvollkommen und vom gegenseitigen Nicht-Verstehen geprägt:

Ich bemerkte […], daß sie in verschiedenen Sprachen miteinander redeten, so daß sie zum größten Teile einander nicht verstanden, auch gar nicht antworteten oder aber über einen andern Gegenstand, als wovon die Rede war, Auskunft erteilten, jeder in anderer Art. Hie und da standen sie in großen Haufen beisammen und alle sprachen zugleich, jeder brachte das Seine vor, aber keiner wollte auf den anderen hören, wiewohl die einen an den anderen zerrten, um ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen; doch das geschah nicht, eher kam es zu Zank und Streit. (S. 28)

Doch nicht nur die Kommunikation, auch die Einsicht der Menschen sei mangelhaft.

Ich nahm auch einen anderen Mißstand wahr, nämlich die Verblendung und Torheit der Menschen. Denn auf dem Ringplatz  […] gab es eine Menge Gruben, Löcher und Vertiefungen sowie auch Steine und Balken, welche kreuz und quer durcheinander lagen, und viele andere Hindernisse. Doch niemand dachte auch nur entfernt daran, sie wegzuräumen, auszubessern und die Ordnung wiederherzustellen. Es wich auch niemand einem solchen Hindernisse aus, noch nahm man sich auch nur die Mühe, es zu umgehen. Man ging wie blind darauf los, so daß bald dieser, bald jener anstieß, stürzte und entweder den Hals brach oder übel zugerichtet wurde […] Doch keiner kümmerte sich um den andern, nur wenn jemand zu Falle kam, lachte man ihn tüchtig aus. (S. 30)

Und wie bekannt kommt uns das Folgende vor?

Auch hatten sie, wie ich bemerken konnte, große Lust zu Neuerungen und Veränderungen, in Kleidung, Bauart, Sprache, Gang und anderen Dingen. So fand ich einige unter ihnen, die sonst nichts taten, als sich beständig umzukleiden und ein Kleid nach dem andern anzulegen; andere wieder sannen über eine neue Bauart nach, um dann nach einer Weile wieder abzubrechen, was sie soeben erst mit Mühe aufgerichtet hatten. Sie griffen bald zu dieser, bald zu jener Arbeit und ließen dann in ihrer Unbeständigkeit bald alles wieder liegen.

Wenn einer sich mit seiner Last zu Tode geschleppt oder sie auch im Stich gelassen hatte, fanden sich gleich andere, die sich, so unglaublich das klingen mag, um seine Bürde rissen, stritten und balgten. Indessen gab es keinen unter ihnen, der irgendetwas gesagt, getan, errichtet hätte, daß nicht gleich andere gekommen wären, die ihn verlästerten und sein Werk zerstörten. So manche hat mit großer Mühe und schweren Kosten ein Werk vollbracht, woran er seine Freude hatte, als andere des Weges kamen und es zerstörten und verdarben, so daß es auf der ganzen Welt wohl keinen Menschen gab, der irgendetwas schuf, das nicht von andern wieder vernichtet worden wäre. (S. 31)

Doch es gibt noch eine weitere menschliche Eigenschaft, die der Pilger tadelt, nämlich die maßlose Selbstgefälligkeit.

Ferner fand ich viele, welche einen Spiegel trugen und, während sie mit anderen sprachen, stritten oder sich prügelten oder während sie Steine wälzten, ja selbst wenn sie auf ihren Stelzen gingen, sich wohlgefällig drin von vorn und hinten und von beiden Seiten besahen, Worte der Bewunderung flüsterten, die ihrer eigenen Schönheit, ihrem Wuchs und Gang und ihren Taten galten, und ihren Spiegel auch anderen darreichten, mit der Bitte, sie gleichfalls zu betrachten. (S. 32)

Auch das folgende Zitat lässt sich – fast vier Jahrhunderte später – mühelos auf diverse Bereiche unserer Gesellschaft übertragen: Fassungslos beobachtet der Pilger das unnütze und alberne Treiben der Menschen, „das mit ihrer hohen Abstammung in grellem Widerspruche steht“:

Müßiggänger gab es nun allerdings wenige unter ihnen: fast jeder hatte irgendeine Beschäftigung. Aber es waren entweder kindische Spielereien oder fruchtlose Anstrengungen. So sammelten einige Kehricht und verteilten ihn untereinander; einige wälzten Balken und Steinblöcke heran, zogen sie mittels einer Winde irgendwohin in die Höhe und ließen sie dann wieder hinabgleiten; andere hoben das Erdreich aus und trugen oder schafften es von einem Ort zum andern; der Rest hantierte mit Schellen, Spiegeln, Bälgen, Schnarren und anderem Spielzeug; einige belustigten sich sogar mit ihrem eigenen Schatten, indem sie ihn maßen, von sich stießen und ihm nachjagten. Das alles taten sie mit solchem Eifer, daß sie bei ihrer Arbeit stöhnten und schwitzten, oft sogar zusammenbrachen. Fast überall gab es Beamte, die ihnen solche Dinge auferlegten und die, die Arbeit wacker unter sie verteilten, während es keineswegs an solchen fehlte, die ebenso wacker ihre Befehle ausführten. (S. 29)

Der letzte Punkt, den der Pilger den Menschen vorwirft, ist, dass sie „sich so gebärdeten, als ob sie ihrer Unsterblichkeit sicher wären“ (S. 34):

Zuletzt sah ich den Tod in ihren Reihen wandeln, der, mit einer scharfen Sense und mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, sie mit lauter Stimme mahnte, nicht zu vergessen, daß ein jeder sterben müsse. Doch niemand achtete auf seinen Ruf, ein jeder blieb bei seiner Torheit und trieb unbekümmert seinen Unfug weiter. (S. 32)

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Jakob Wassermann: Caspar Hauser (1908)

In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab. Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wußte, woher er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen …

So beginnt der in weiten Teilen auf historischen Tatsachen und Quellen beruhende Roman um den berühmten und rätselhaften „Findling“ Caspar Hauser.

Jakob Wasserman: Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens (1908)

Der Roman erschien im dtv Verlag.

Zum Inhalt

Die Bürger Nürnbergs stehen dem jungen Menschen, der da so plötzlich unter ihnen auftaucht, skeptisch, neugierig, gaffend, mitleidig oder sensationslüstern gegenüber. Der schon bald vom Bürgermeister veröffentlichte Erlass, durch den man sich Informationen zur Auflösung seiner ungeklärten Herkunft erhofft, sorgt für einen Rummel ohnegleichen. Der junge Gymnasialprofessor Daumer erhält schließlich die Erlaubnis, ihn zu sich zu nehmen. Er bringt Caspar das Sprechen bei und erfährt, dass Caspar jahrelang in einem dunklen Raum bei Wasser und Brot eingesperrt gewesen sei. Er habe seinen Wärter nie gesehen, man habe ihn betäubt, wenn man ihm die Haare und Nägel schnitt, ihn wusch und neues Stroh auf sein Lager gab.

So muss er erst wieder Laufen lernen, das Sonnenlicht tut ihm weh, von Fleisch wird ihm übel. Aber in die menschenfreundliche Zuwendung Daumers mischen sich schon rasch Herablassung und Besitzerdünkel. Auf der einen Seite sieht Daumer in ihm einen ersten Adam, unschuldig und schützenswert:

Es gab eine Stunde, wo Daumer eines paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten, auf der Bank sitzend, ein Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor seinen Füßen, ein Schmetterling ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt an seinem Arm. In ihm ist die Menschheit frei von Sünde, sagte sich Daumer bei diesem Anblick, und was wäre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu erhalten. Was wäre hier noch zu enträtseln, was zu verkünden? (S. 56)

Doch gleichzeitig will Daumer diesen Menschen studieren und im Tiefsten ergründen. Denn Caspar sei noch

unverpflichtete Kreatur vom ersten Schöpfungstag, ganz Seele, ganz Instinkt, ausgerüstet mit herrlichen Möglichkeiten, noch nicht verführt von der Schlange der Erkenntnis, ein Zeuge für das Walten der geheimnisvollen Kräfte, deren Erforschung die Aufgabe kommender Jahrhunderte ist. (S. 62)

Daumer nutzt ihn zu Experimenten und Kunststückchen aus, als sei er ein Zirkustier. Er ist völlig irritiert, als Caspar sich über die Bedeutung des Wörtchens „ich“ klar wird und beginnt, ihm auch ein „Nein“ entgegenzusetzen. Als er hört, dass Caspar bei einer Notlüge ertappt wurde, beschließt er durch ein „Gottesurteil“ herauszufinden, ob sich Caspars Seele noch dem „Geisterhauch“ öffne oder ob er schon zu den „Gewöhnlichen“ gehöre. Er will Caspar mittels Gedankenübertragung zu einer festgelegten Stunde dazu bringen, ihm sein Tagebuch zu bringen. Das Experiment scheitert:

Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus dem Rausch erwacht. Vorüber, die Frist war verstrichen. Er schämte sich sowohl seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn er war ja ein gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die spielerische Willkür dessen, was er gewollt, ernüchtert zu empfinden. Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgültigkeit. Der Hoffnungen zu gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknüpft, verursachte ihm einen schalen Geschmack auf der Zunge. (S. 112)

Den Ränken der Umwelt, der Sensationsgier, der Neugier und fehlenden Empathie ist Caspar nahezu hilflos ausgeliefert. Täglich wird er von Dutzenden bestaunt, begafft und angefasst. Jeder hat seine Pläne und Absichten mit ihm, sei es, dass er weitgereisten Herrschaften zur Abendunterhaltung dienen, der Kirche als verlorene Seele zugeführt werden oder als Daumers Versuchsobjekt für allerlei medizinische Experimente oder neue Diäten herhalten soll. Frau Behold schließlich versucht ihn zu verführen und verfolgt ihn anschließend mit üblen Verleumdungen, weil er voller Entsetzen vor ihr zurückweicht.

Staatsrat Feuerbach will der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen und vertritt in einem geheimen Brief an den König die Ansicht, dass es sich bei Caspar um einen totgeschwiegenen Nachkommen einer bestimmten Herrscherfamilie handeln müsse.

An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten – tagelang, wochenlang. Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut, sondern mit dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens sicher ist, wie immer die Schlacht auch enden möge. Die Krone von einem Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten, hieß das nicht,  die Majestät auch des eigenen Königs beleidigen, geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten, die unmündigen Völker zum Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt des Wortes, und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt. Er nannte das Haus mit Namen. (S. 125)

Als ein Mordanschlag auf Caspar geschieht, bei dem dieser schwer verletzt wird, mag ihn Daumer endgültig nicht mehr im Hause haben und so beginnt Caspars Odyssee durch mehrere Nürnberger und Ansbacher Haushalte. Diese verschiedenen Stationen nutzt Wassermann, um ein beklemmendes Sittenbild der Gesellschaft zu zeichnen. Dabei zeigt sich sein geradezu sezierender Blick auf die verstecktesten Motive des Herzens. Als Daumer erfährt, dass schon einflussreiche Bürger Caspar beschuldigen, sich selbst die Verletzungen beigebracht zu haben, geht ihm Folgendes durch den Kopf:

Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen! dachte er bestürzt; das zu denken ist möglich, es auszusprechen steht jedem Mund frei! Und dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer Caspar! […] sie werden dir die Flügel brechen. Vergebens wird die Schuldlosigkeit aus deinem Inneren strahlen, sie werden es nicht sehen, vergebens wirst du vor ihnen weinen und vergebens lächeln, du wirst ihre Hand fassen und vor Kälte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm sein […] Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt, man kennt die Menschen, man weiß, daß das Feuer brennt, daß die Nadel sticht […] man kennt die Folgen dessen, was man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa ein Grund, den Geschehnissen wie einem Feind, der das Schwert erhoben hat, in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein Grund. […] Darin haben die Idealisten und Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern. Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich schlafen, und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als am gestrigen, reichlich verstimmten Abend. (S. 133)

Sogar der englische Lord Philip Henry Stanhope scheint Anteil am Geschick Caspar Hausers zu nehmen und gibt große Summen aus, um die Herkunft Caspars zu klären. Auch er sieht in Caspar ein geradezu überirdisches Wesen, vor dem ersten Treffen mit ihm war dem Lord „bange, freudig bang wie einem Kind vor dem Weihnachtsabend.“ (S. 169) Und schon einen Tag später ist es für den Adligen keine Frage mehr, dass er bald gemeinsam mit Caspar durch südliche Gefilde reisen wird. Doch er spielt ein falsches Spiel. Sein Gewissen ist korrumpiert, und bereits vor der ersten Begegnung hat er sich von den Feinden Caspars anheuern lassen, um ihn aus dem Wege zu schaffen oder unschädlich zu machen. Die unschuldige Liebe und das grenzenlose Vertrauen, dass der Jüngling in ihn und seine Versprechungen setzt, können ihn nicht mehr zurück auf den Weg der Redlichkeit führen.

Der wahre Gönner Caspars, der Staatsrat Feuerbach, stirbt unter mysteriösen Umständen, als er sich allein mit dem schmierig-gefährlichen Polizeileutnant Hickel auf einer Reise befindet, die Caspars Schicksal klären soll.

Fazit

Golo Mann hat Caspar Hauser angeblich einmal als den schönsten Kriminalroman bezeichnet, der je geschrieben wurde. Ich allerdings habe die Lektüre dieses Klassikers als ein mühseliges Geschäft empfunden, und das lag nicht am Umfang von 459 Seiten.

An vielen Stellen ist der Stil Wassermanns unerträglich pathetisch. Auf der zufällig gewählten Seite 20 der Taschenbuchausgabe finden sich die Wörter: „geheimnisvoll, unschuldig leuchtende Augen, Übeltat, Schande, verborgen, schmerzlich, lüstern, begehrten, erhellende Dämmerung, in beruhigter Brust nach dem Gewesenen tastete, ein Gewesenes fühlte, im Tiefsten schaudernd, mit durstigen Sinnen, sein flehentlicher Blick grub es heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen“. Das liest sich mühsam und all die hohen Worte nutzen sich ab in einer ständigen Wiederholungsschleife. Die schier nicht enden wollende Zähflüssigkeit hat mich mehr als einmal beinahe dazu gebracht, das Buch in die Ecke zu feuern.

Auch Spannung kam nur bedingt auf, weil rasch klar war, dass die beklemmende Atmosphäre, die Intrigen, die Passivität der Caspar Wohlgesonnenen und die Boshaftigkeit seiner Umwelt, die teilweise geradezu fratzenhafte Züge annimmt, die Oberhand behalten werden. Ausnahmslos alle – bis auf den Präsidenten Feuerbach – erliegen der „Trägheit des Herzens“: Entweder setzen sie sich gegen die Unschuld Caspars geradezu zur Wehr, haben ohnehin kein Gewissen mehr oder sie sind von ihren Vorurteilen nicht mehr abzubringen. Andere wiederum gewichten Geld oder Macht höher als Menschlichkeit oder aber sie lassen ihrer Einsicht keine Taten folgen. Als Trägheit des Herzens (acedia) wird übrigens nach theologischer Lehre auch eines der sieben Hauptlaster bezeichnet.

Marcel Reich-Ranicki hat es in der FAZ 2010 so nett auf den Punkt gebracht, als er schrieb: Wassermann „wurde vom Publikum geliebt, weil er ihm nichts vorenthielt. Anspielungen und Andeutungen gibt es in seiner Prosa kaum, das Indirekte kennt seine Erzählweise nicht, auf die Ironie verzichtet er fast immer. Was er dem Leser mitzuteilen hat, teilt er in der Regel mehrfach mit. Wer will, kann ihm vorwerfen, dass er unentwegt mit dem Nürnberger Trichter hantiert. Mag sein, nur dass seine Bücher auf eine beachtliche Phantasie schließen lassen. Und der Leser hat es mit fraglos intelligenter Prosa zu tun.“

Doch was trotz allem Schwulst und Pathos und außer Rand und Band geratenen Metaphern beeindruckt, ist der scharfe Blick in menschliche Abgründe. Der Typus des Heuchlers lässt sich doch kaum besser darstellen, als es Wassermann mit der Figur des Lehrers Quandt gelungen ist. Bei ihm muss Caspar sein letztes Quartier beziehen:

Es war nämlich mit diesem Manne derart beschaffen, daß er in einer merkwürdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die öffentliche Person, der Bürger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienoberhaupt, der Patriot, der andre Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war ein Heros der Tugend, eine wahre Mustersammlung von Tugenden, dieser lag versteckt in einer stillen Ecke und belauerte die liebe Gotteswelt. Die öffentliche Person, der Bürger, der Patriot nahm herzlichen Anteil an den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen der Quandt an sich vergnügt die Hände rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte: sei es nun ein unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die Kaltstellung eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskasse oder ein Radschaden an der Postkutsche oder eine Feuersbrunst beim reichen Bauern Soundso oder die skandalöse Heirat der Gräfin Ypsilon mit ihrem Stallburschen. So unverbrüchlich der Steuerzahler, das Familienoberhaupt, der Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich hatte etwas von einem Revolutionär und war immer auf dem Posten, um der Weltregierung auf ihre Finger zu schauen, und stets besorgt, daß keinem mehr Ehre geschah, als er nach genauer Bilanz über seine Verdienste und Mängel, seine Vorzüge und Laster füglich beanspruchen durfte. Der öffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der geheime fand sich allerorten und zu jeder Zeit zurückgesetzt, beleidigt, vor den Kopf gestoßen und in seinen vornehmsten Rechten gekränkt. Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgängern unter einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen die beiden Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist ein boshaftes Tier, er durchlöcherte manchmal die Scheidewand zwischen den beiden Seelen, und wie oft der stärkste Damm nicht genügt, um eine verheerende Überschwemmung  zu verhindern, so brach eben dieser Neid bisweilen ein in die reinlichen, fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde des Gottes- und Menschenfreundes Quandts. (S. 281)

So kommt auch die Autorin und Journalistin Petra van Cronenburg zu dem Ergebnis: „Wassermann schafft es, in einer Geschichte, die zuweilen krimihafte Züge hat und mit Sensationslust spielt, über das Wesen des Menschen nachzudenken. Caspar ist nicht nur der geheimnisvolle Fremde, der die Bürgerlichen zwingt, mit Fremdheit und Anderssein umzugehen – er ist auch die menschliche Unschuld, nach der sich die anderen Protagonisten sehnen, die ihnen Angst macht, die sie bekämpfen oder zu erhalten suchen. Das ist ein großer Roman über die Conditio humana.“

Anmerkung

Wassermann hat sich jahrelang an diesen Stoff herangetastet. Sein Großvater hatte Caspar Hauser noch gesehen und Wassermann kannte die Stätten, die für Hausers Schicksal bedeutsam wurden und er sagt in seinem Rückblick „Mein Weg als Deutscher und Jude“ von 1921:

Abermals und abermals wagte ich den Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung, wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im Licht. (S. 77)

Zum Abschluss noch ein Zitat aus diesem Buch, das auch heute noch, über 100 Jahre später in einem Land, in dem wieder Flüchtlingsheime angezündet werden, gültig ist:

Wahrhaftig, die Menschen sind träge, stumpfe, dumme Tiere, sonst wäre mehr Empörung in der Welt. (S. 369)

Wer Interesse an den zeitgenössischen Berichten hat, sei auf das Buch Kaspar Hauser Augenzeugenberichte und Selbstzeugnisse von Hermann Pies, veröffentlicht im Gutenberg-Projekt, verwiesen. Auch der Wikipedia-Artikel ist hier, was den historischen Hintergrund und die Quellenlage angeht, zu empfehlen. Die Theorie, der ja auch Wassermann anhing, dass es sich bei Hauser um das Opfer einer von Gräfin Luise Karoline von Hochberg initiierten Kindesvertauschung handele, gilt heute als widerlegt.

BRD 034

Yaşar Kemal: Memed mein Falke (OA 1955; deutsche Erstausgabe 1965)

Die Hänge des Taurusgebirges steigen von der weiß schäumenden Mittelmeerküste ganz allmählich bis zu den Höhen der Taurusgipfel an. Über dem Mittelmeer kann man immer weiße Wolken sehen, die aufeinandergetürmt, dahintreiben. Das Küstenland ist so glatt und ebenmäßig, daß man glauben könnte, es sei mit einer Glanzschicht überzogen. Sein Lehmboden läßt einen an Fleisch denken. Auf Stunden ins Landesinnere hinein riecht es hier nach Meer, nach der Schärfe des Salzes. Hinter den flachen Äckern mit ihrem von Furchen durchzogenen Lehm beginnt das Röhricht der Cukurova, bedeckt mit unentrinnbar ineinander verfilztem Gestrüpp, mit Brombeeren, Wildreben und Schilf – eine dunkelgrüne Hölle, ohne Anfang und Ende, dunkler und wilder noch als Urwald.

So nähern wir uns ganz behutsam der Landschaft im Süden der Türkei, wo am Fuße des Taurusgebirge eine Geschichte ihren Ausgang nimmt, die mich nicht mehr losgelassen hat.

Yaşar Kemal: Memed mein Falke (1990)

Das Original erschien 1955. Die Übersetzung von Horst Wilfrid Brands ins Deutsche erschien im Unionsverlag.

Zum Inhalt

Memed, ein elfjähriger magerer Bauernsohn und Halbwaise, läuft von zu Hause fort, um den Demütigungen und der grausamen Arbeit auf den Feldern des Großgrundbesitzers Abdi Aga zu entgehen. Doch er wird aufgespürt und Abdi Aga lässt ihn und seine Mutter für diesen Fluchtversuch büßen. Sie müssen in Zukunft drei Viertel ihrer Ernte abgeben, die anderen Dorfbewohner „nur“ zwei Drittel. In den Wintern steht das halbe Dorf kurz vor dem Hungertod, und so sind die geschundenen, einfachen Menschen noch gezwungen dankbar zu sein, wenn der große Aga, der Besitzer von fünf Dörfern, ihnen Almosen gibt, um sie dann bei der nächsten Ernte um so stärker zu besteuern.

So zieht sich Abdi Aga einen unversöhnlichen Feind heran, der auch nicht gewillt ist, auf seine große Liebe zugunsten eines Neffen von Abdi Aga zu verzichten. Ein Kampf beginnt, bei dem keine der Seiten gewinnen kann. Memed wird zum Rächer, zum Rebell, zum vogelfreien Bandit, zum Anstoß eines grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandels.

Fazit

Das ist ein Buch von einer Wucht, die sich schwerlich in einer Besprechung einfangen lässt.

Ein kraftvolles Abenteuer, das man gar nicht aus der Hand legen mag. Und das Ganze wird erzählt mit einer so feinen Beobachtungsgabe, mit der nicht nur Memed, ein Held wider Willen, sondern auch der feige, brutale und skrupellose Despot geschildert wird. Dieser presst seinen Untertanen alles ab, bis sie vor Sorgen ums Überleben nicht mehr klar denken können und zum willfährigen Spielball des Tyrannen werden.

Darüber hinaus eine unvergessliche Liebesgeschichte. Und all die vielen Nebenfiguren, die mit ihren Stärken und menschlichen Schwächen so anrührend und dann wieder humorvoll gezeichnet werden, dass man meint, man sähe sie direkt vor sich.

Dazu Schilderungen der harschen, unzugänglichen und einzigartigen Berg- und Hügellandschaft. Man möchte sofort hinreisen und dort zusehen, wie die Sonne untergeht.

Es war Abend geworden. In den Strahlen der sinkenden Sonne glänzte die weite Ebene wie eine ungeheure Kupferplatte. Die Wolken leuchteten. Die Sonnenscheibe schien am anderen Ende des Flachlands unmittelbar über dem Boden zu schweben. (S. 214)

Geschrieben in einer malenden und musikalischen Sprache, wie aus den Tiefen der Jahrhunderte entstiegen. Angereichert mit Geschichten und Legenden, zu denen schließlich auch Memed in den Dörfern verklärt wird.

Mein Bild der Welt ist größer geworden durch dieses Buch.

Zum Autor

Yaşar Kemal (1923 – 2015) war kurdischer Abstammung und einer der wichtigsten Schriftsteller der Türkei. Sein Memed der Falke machte ihn international berühmt.

Durch die scharfe Sozialkritik machte das Buch auf die armseligen Verhältnisse in Anatolien aufmerksam und beeinflusste die oppositionellen Strömungen, die den Umsturz von 1960 in der Türkei auslösten. (Harenberg: Das Buch der 1000 Bücher, hrsg. von Joachim Kaiser, Harenberg 2002, S. 1174)

Insgesamt gibt es vier Memed-Bände:

  • Memed mein Falke
  • Die Disteln brennen
  • Das Reich der Vierzig Augen
  • Der letzte Flug des Falken

Auf der Seite des Unionsverlages gibt es einen aufschlussreichen Text von Kemal über die Entstehung seines berühmten Romans.

Und in einem Interview mit dem Guardian aus dem Jahr 2008 äußerte er sich zu seiner grundsätzlichen Intention:

Yes, there is rebellion in my novels, but it’s rebellion against mortality. As long as man goes from one darkness to another, he will create myths for himself. The only difference between me and others is that I write mine down.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo (OA 1957; deutsche Erstausgabe 1959)

‚Nunc et in hora mortis nostrae. Amen.‘
Der tägliche Rosenkranz war zu Ende. Eine halbe Stunde lang hatte die ruhige Stimme des Fürsten an die schmerzlichen Mysterien erinnert; eine halbe Stunde lang hatten sich andere Stimmen zu einem wogenden Gemurmel verwoben, auf dem sich die goldenen Blumen ungewohnter Worte abhoben: Liebe, Jungfräulichkeit, Tod; und solange das Gemurmel andauerte, schien es, als hätte der Rokokosalon sein Aussehen verändert; sogar die auf den Seidentapeten ihre schillernden Flügel ausbreitenden Papageien wirkten eingeschüchtert; selbst die Magdalena zwischen den zwei Fenstern erschien wie eine Büßerin und nicht wie eine traumverlorene, üppige blonde Schöne, als die man sie sonst immer sah.

So beginnt einer der Klassiker der italienischen Literatur, der im Original 1957 – nach dem Tod des Autors – erschien und manchen vielleicht eher unter dem Titel Der Leopard bekannt ist.

2002 erschien eine Neuübersetzung von Giò Waeckerlin Induni, die sich auch für den geänderten Titel entschieden hat.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo (2002)

Einleitung

Die Geschichte beginnt 1860 und endet 1910. Der Autor, der aus einer der ältesten Adelsfamilien Siziliens stammt, bat vor seinem Tod einen befreundeten Baron, für die Veröffentlichung Sorge zu tragen, denn:

Mir scheint, daß der Text von gewissem Interesse ist, denn er zeigt einen adeligen Sizilianer an einem historischen Wendepunkt […], wie er darauf reagiert und wie sich der Niedergang der Familie bis zum fast gänzlichen Verfall zuspitzt; dies alles jedoch von innen gesehen, mit einer gewissen Mitbeteiligung des Autors und […] ohne jeglichen Haß. Überflüssig, besonders darauf hinzuweisen, daß es sich bei ‚Fürst Salina‘ um Fürst Lampedusa handelt, um meinen Urgroßvater Giulio Fabrizio…

Zum Inhalt

Die titelgebende Gestalt, Fürst Fabrizio Salina, ist klug, reflektiert, sinnlich und dabei passiv bis ins Mark.

Einerseits vom mütterlichen Ehrgeiz und verstandesmäßigem Denken getrieben, andererseits von der Sinnlichkeit und Leichtfertigkeit des Vaters, lebte der arme Fürst Fabrizio selbst unter Zeus‘ finsterem Blick in ständiger Unzufriedenheit und ließ den Niedergang seines Standes und seines Vermögens geschehen, ohne irgendwelcher Tätigkeit nachzugehen und noch viel weniger Lust verspürend, dem Abhilfe zu schaffen. (S. 15)

Salina mag seinen adoptierten Neffen Tancredi viel mehr als seine eigenen Söhne und bewundert ihn für dessen Fähigkeit zu erkennen, woher der politische Wind weht. Und so schließt sich Tancredi den Truppen um den italienischen Freiheitskämpfer Garibaldi an, um für ein vereintes, unabhängiges Italien zu kämpfen. Die Kampfhandlungen bilden jedoch nur eine Art Hintergrundmusik zur Geschichte.

Tancredi, der zunächst Concetta, der Tochter des Fürsten, Hoffnungen gemacht hat, entscheidet sich dann aber, mit voller Billigung Salinas, für Angelica, die wunderschöne junge Tochter des Bürgermeisters, die als einziges Kind eine beträchtliche Mitgift zu erwarten hat.

Wir lesen von Jagdausflügen, Bällen und den dort angebotenen Speisen – das kann schon mal zwei Seiten in Anspruch nehmen – oder vom riesigen Sommerpalast der Salinas, der so groß ist, dass selbst der Fürst nicht alle Zimmer kennt. Würde er sie alle kennen, wäre er keine angemessene Behausung. In diesem Sommerpalast tändeln Tancredi und Angelica glücklich und erwartungsfroh durch die Flure und Zimmer.

Tancredi wollte Angelica den ganzen Palast zeigen, in seinem unentwirrbaren Ganzen aus alten Gästeflügeln und neuen Gästeflügeln, aus Repräsentationsräumen, Küchen, Kapellen, Theatern, nach Leder duftenden Remisen, Stallungen, schwülen Treibhäusern, Durchgängen, Fluren, Wendeltreppen, Balkonen und Arkaden, und vor allem aus einer ganzen Reihe nicht mehr genutzter, seit Jahrzehnten nicht mehr betretener Appartements, die ein geheimnisvolles labyrinthisches Gewirr bildeten. (S. 203)

Die Armut im Dorf gehört zur von Gott gegebenen Ordnung, der man sich durch reichliche Almosen verpflichtet weiß. Doch die Zeichen der Zeit stehen auf Veränderung, der Einfluss des Bürgertums nimmt zu. Der Fürst sieht das skeptisch, nicht nur, weil die Macht seiner eigenen Schicht schwindet, sondern auch weil er nicht glaubt, dass das Neue irgendetwas verbessern wird. Gelder und geplante Maßnahmen wie neue Rohrleitungen für das Dorf werden in Korruption und Bürokratie versickern. Als es bei der Volksabstimmung im Dorf zur Unterschlagung der Neinstimmen kommt, ist dem Fürsten klar, dass schon jetzt, zu Beginn der ’neuen‘ Zeit, das junge Pflänzchen Vertrauen mit Füßen getreten wird. Kurzum: Ändern wird sich nichts. Das entspräche auch gar nicht der sizilianischen Mentalität.

Doch nicht nur der Einfluss solcher Familien wie der Salinas schwindet, sondern auch deren ehemals unvorstellbarer Reichtum. Man speist zwar noch von edelstem Geschirr,

die Teller jedoch, jeder mit einer berühmten Signatur versehen, waren bloß Überlebende der von den Spüljungen angerichteten Verheerungen und stammten aus verschiedenen Gedecken. (S. 26)

Man kann auch Concetta, der eigenen Tochter, keine Mitgift mitgeben, die Tancredi überzeugt hätte.

Selbst die Liebe zwischen Tancredi und Angelica, die von Anfang an nicht völlig uneigennützig ist, wird vom allwissenden Erzähler schon an ihrem ersten gemeinsamen Ball, auf dem Angelica in die gehobenen Kreise eingeführt wird, unter das Motiv der Vergänglichkeit gestellt:

Sie boten das ergreifendste Bild überhaupt, das von zwei sehr jungen verliebten Menschen, die zusammen tanzen, blind für die gegenseitigen Fehler, taub für die Warnungen des Schicksals, arme Träumer, die glauben, ihre künftiger Lebensweg sei wie der spiegelglatte Fliesenboden des Ballsaals, ahnungslose Darsteller, die der Regisseur die Rollen Julias und Romeos spielen läßt, jedoch die Gruft und das Gift vergißt, die im Drehbuch bereits vorgesehen sind. (S. 294)

Doch eines kann der Adel: Seine verfeinerten Sitten, wie sie sich z. B. in der Ess- und Gesprächskultur zeigen, dienen den nach oben strebenden Bürgern als Vorbild. So wird dem ungepflegten und ungehobelten Bürgermeister, dem Vater Angelicas, bewusst:

wie angenehm ein guterzogener Mensch sein kann, weil dieser im Grunde genommen nichts anderes ist als ein Mensch, der die immer störenden Elemente eines wesentlichen Teils des menschlichen Daseins beseitigt hat […]. Nach und nach begriff don Calogero, daß ein gemeinsames Essen nicht zwingend ein Orkan aus Kaugeräuschen und Fettflecken sein muss; daß ein Gespräch sich nicht wie das Gebelle raufender Hunde anhören muß; daß einer Frau den Vortritt zu gewähren ein Zeichen von Stärke ist und nicht, wie er geglaubt hatte, von Schwäche; daß man bei einem Gesprächspartner mehr erreicht, wenn man ‚Ich habe mich nicht klar ausgedrückt‘ sagt, anstatt ‚Du hast einen Dreck verstanden‘; und daß für den, der geschickt mit solchen Taktiken umzugehen versteht, Speisen, Frauen, Argumente und Gesprächspartner beträchtliche Zinsen abwerfen können. (S. 180)

Fazit

Hilfreich für das Verständnis des Romans ist es, wenn man sich ein wenig Hintergrundwissen über die Zeit des Risorgimento anliest.

Mein Leseeindruck ist zwiespältig: Sowohl Thematik als auch Sprache des Romans waren eines Klassikers würdig, viele detailverliebte Schilderungen, die wunderbare wogende Sprache und eine Reihe von Szenen werden mir in Erinnerung bleiben.

Eine Stunde später erwachte er [Fürst Salina] ausgeruht und munter und ging in den Garten hinunter. Die Sonne stand bereits tief am Horizont, und da nun ihre Strahlen die Anmaßung abgelegt hatten, tauchten sie die Araukarien, die Pinien, die kräftigen Steineichen, die den Ruhm des Ortes ausmachten, in liebliches Licht. Die Hauptallee führte zwischen den anonymen Büsten nasenloser Göttinnen einrahmenden hohen Lorbeerhecken leicht abwärts; von zuhinterst hörte man den sanften Regen der Wasserfontänen, die in das Becken von Amphitrites Brunnen rieselten. Er lenkte den Schritt dorthin, eilig, begierig auf das Wiedersehen. Aus den Konchen der Tritonen, aus den Muscheln der Nereiden, aus den Nüstern der Meeresungeheuer ausgespien, schossen die Wasser in dünnen Fäden hervor, tüpfelten mit stechendem Plätschern die grünliche Oberfläche des Beckens, verursachten Aufspritzen, Blasen, Wellen, Erschauern, anmutige Wirbel; den lauen Wassern, den mit samtenen Moos überzogenenen Steinen, dem ganzen Brunnen entströmte die Verheißung einer Lust, die sich nie in Schmerz wandeln würde.

Interessant war die Person des Hausgeistlichen Pater Pirrone, eines Jesuiten, der ständig seine Rollen als Geistlicher, als Beichtvater, und gleichzeitig als komplett Abhängiger von seinem Fürsten ausbalancieren muss. Er kommt, wenig überraschend, zu dem Ergebnis:

Die vornehmen Herren waren zurückhaltend und unergründlich, die Bauern deutlich und klar; doch der Dämon wickelte sie um den kleinen Finger, die einen wie die anderen. (S. 274)

Und doch krankte das Buch – für mich – an einem großen Makel: Die Personen bleiben mir gleichgültig. Das lag nicht nur daran, dass hier einem Lebensstil, der auf der jahrhundertelangen Ausbeutung und Unterdrückung von anderen beruht, ein wehmütiger Abgesang gesungen wird. Letztlich wird angedeutet, dass auch die neue Gesellschaftsform nicht besser sein wird. Die Hauptfiguren blieben einem fern, so als habe der Fürst Salina eines seiner Instrumente in seinem Observatorium falsch herum gehalten. Ich habe das Schicksal der Fürstenfamilie ungefähr mit der Anteilnahme verfolgt, mit der ich die Gebrauchsanweisung für eine neue Spülmaschine lesen würde.

Was aber seltsamerweise dem Gedanken, das Buch irgendwann noch einmal zu lesen, keinen Abbruch tut…

Anmerkungen

Auf Deutschlandfunk gibt es einen längeren Artikel.

In diesem Fall empfehle ich bei Interesse auch den Wikipedia-Artikel zum Roman, der u. a. auf die wichtige Bedeutungsverschiebung in der Neuübersetzung des Titels eingeht.

1963 wurde der Roman von Visconti mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon verfilmt. Toskana 2004 (53)