Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009)

Wie bei meinem letzten Blogbummel schon angedeutet, steht mir der Sinn zurzeit nicht nach „gehobenerer“ Lektüre. Die Korrekturenstapel häuften sich bedenklich und dann die Blogs, auf denen in rasanter Folge neue bummeltaugliche Beiträge erscheinen … Da bleibt also nur der Griff ins Cosy Crime Regal, da das so herrlich entspannt.

Und genau darum geht es heute, um den ersten Band einer Serie, der mir beim Wiederlesen richtig Spaß gemacht hat und den ich deshalb, wenn auch reichlich verspätet, heute vorstellen möchte.

Die Handlung beginnt mitten in einer der zahlreichen Auseinandersetzungen dreier Schwestern:

It was as black in the closet as old blood. They had shoved me in and locked the door. I breathed heavily through my nose, fighting desperately to remain calm. I tried counting to ten on every intake of breath, and to eight as I released each one slowly into the darkness. Luckily for me, they had pulled the gag so tightly into my open mouth that my nostrils were left unobstructed, and I was able to draw in one slow lungful after another of the stale, musty air.

Die elfjährige Flavia, die Ich-Erzählerin, hat bei dem Streit den kürzeren gezogen und wurde im Schrank eingesperrt, doch ihre Rache wird nicht lange auf sich warten lassen.

Der Kanadier Alan Bradley (*1938) hat seine Romane um Flavia im England der fünfziger Jahre angesiedelt. Dort lebt sie mit ihren Schwestern Daphne (Daffy, 13) und Ophelia (Feely, 17) und ihrem Vater Colonel Haviland de Luce in dem großen alten Herrenhaus Buckshaw, das praktischerweise auch ein fantastisch ausgestattetes Chemielabor – eingerichtet von einem der Vorfahren – enthält, denn Flavia ist mit ganzem Herzen Chemikerin. Die Fehden zwischen ihr und den Schwestern enden schon mal damit, dass sie Ophelia ein bisschen Gift des Kletternden Giftsumachs in ihren Lippenstift schmuggelt und sie die allergischen Beschwerden fein säuberlich protokolliert.

Vervollständigt wird die Truppe von Arthur Dogger, einem mal mehr, mal weniger unter seinen Kriegstraumata, dem Zittern und den Gedächtnisaussetzern leidenden Butler, Gärtner, Chauffeur und Mädchen für alles. Im Krieg hat er Flavias Vater das Leben gerettet und ist der Familie der de Luces treu ergeben. Außerdem kommt täglich Mrs Mullet aus dem Dorf, Haushälterin und Klatschbase in einem, deren Kochkünste wohl als unterirdisch zu bezeichnen sind.

Harriet, die Mutter der Mädchen, starb, als Flavia ein Jahr alt war, und der Vater nimmt seine Töchter kaum wahr und kümmert sich stattdessen um seine große Leidenschaft, die Welt der Briefmarken, was wiederum der finanziellen Lage der de Luces nicht unbedingt zuträglich ist.

Im ersten Band der inzwischen auf zehn Bände angewachsenen Reihe gerät Flavias Vater unter Mordverdacht, als einer seiner ehemaligen Mitschüler, Horace Bonepenny, tot im Gurkenbeet der de Luces aufgefunden wird. Zunächst schweigt sich der Vater aus, da er befürchtet, dass Dogger für den Mord verantwortlich sein könnte, denn der hatte, zusammen mit Flavia, heimlich gelauscht, als Bonepenny versucht hatte, Flavias Vater zu erpressen.

So liegt es nun an Flavia, ihren Vater von diesem schrecklichen Verdacht reinzuwaschen und herauszufinden, was wirklich passiert ist.

Dass sie bei der Auflösung des Falles dem sympathischen Inspector Hewitt immer einen Schritt voraus ist und sich auch noch in Lebensgefahr begibt, erfreut den Kommissar nur bedingt.

Das Buch wimmelt von gelehrten Anspielungen, bei denen man sogar das ein oder andere nachschlagen kann, sei es zu Naturwissenschaften oder Büchern. Das zeigt sich schon am englischen Originaltitel, einem Zitat von William King „Unless some sweetness at the bottom lie, who cares for all the crinkling of the pie“ (The Art of Cookery, 1708).

Manchmal wird die Geduld des Lesers schon strapaziert, denn wie glaubwürdig sind die folgenden Sätze aus dem Mund einer Elfjährigen?

As I expected, Father’s room war in near-darkness as I stepped inside. […] From inside, it possessed all the gloom of a museum after hours. The strong scent of Father’s colognes and shaving lotions suggested open sarcophagi and canopic jars that had once been packed with ancient spices. The finely curved legs of a Queen Anne washstand seemed almost indecent beside the gloomy Gothic bed in the corner, as if some sour old chamberlain were looking on dyspeptically as his mistress unfurled silk stockings over her long, youthful legs. (S. 146 – 147)

Zudem weist auch die Handlung selbst, gerade was die Motive des Bösewichts angeht, einige logische Löcher auf.

Allerdings schafft es Bradley, für seine jugendliche Ich-Erzählerin einen ganz eigenen Ton zu finden, frech, altklug und vorlaut, ihren Schwestern in inniger Hassliebe verbunden, aber letztlich mit dem Herz am richtigen Fleck.

Flavias Schwestern verbünden sich ständig gegen sie, bringen sie zum Weinen mit der Geschichte, dass sie adoptiert und so wenig liebenswert sei, dass sie quasi schuld am Tod der Mutter sei.

Dabei scheint immer wieder Flavias Verletzlichkeit, ihre Einsamkeit und den Wunsch nach familiärer Geborgenheit hinter der altklugen und ruppigen Fassade durch.

Here we were, Father and I, shut up in a plain little room, and for the first time in my life having something that might pass for a conversation. We were talking to one another almost like adults; almost like one human being to another; almost like father and daughter. And even though I couldn’t think of anything to say, I felt myself wanting it to go on and on until the last star blinked out. I wished I could hug him, but I couldn’t. For some time now I had been aware that there was something in the de Luce character which discouraged any outward show of affection towards one another; any  spoken statement of love. […] And so we sat, Father and I, primly, like two old women at a parish tea. It was not a perfect way to live one’s life, but it would have to do. (S. 191)

Ganz unverstellt erscheint uns Flavia, wenn sie Dogger in einem seiner schlimmen Momente antrifft. Sie tut und sagt und unternimmt sofort etwas, um ihm behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen dabei zu helfen, sich wieder in der Gegenwart verankern zu können.

Wie schrieb Laura Wilson im Guardian so nett:

The Sweetness at the Bottom of the Pie reads like a cross between Dodie Smith’s I Capture the Castle (posh family fallen on hard times, dead mother, disengaged father, crumbling pile) and the Addams family (Flavia has a well-appointed laboratory where she makes poisons to test on her spiteful elder sisters). A strong plot, involving philately, ornithology and prestidigitation, and a wonderful supporting cast make this Canadian novelist’s debut delightfully entertaining.

Fazit: Preisgekrönte Krimi-Unterhaltung, skurril, frech und spannend, ansprechend, wie gemacht für dunkle Novembertage.

Der zweite Band The Weed that Strings the Hangman’s Bag um den Tod eines Puppenspielers hat mir ebenfalls gefallen.

Die Bücher erscheinen auch auf Deutsch.

Elizabeth Daly: Unexpected Night (1940)

Nun ist es auf dem Blog schon länger ruhig und das wird zeitbedingt auch noch eine Weile so bleiben, dabei ist es nicht so, dass ich gar nicht zum Lesen komme. Aber wenn’s hektisch wird, lese ich gern Cozy Crime und ganz verhängnisvoll ist’s, wenn man sich dann – als zwanghafte Immer-von-vorn-anfangen-Leserin – wieder Band 1 einer älteren Reihe aus dem Regal fischt.

Es macht nach wie vor Spaß, Henry Gamadge bei seinen unfreiwilligen Ausflügen in die kriminellen Irrungen und Wirrungen in und um  New York zu folgen. Die Geschichten spielen in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, vorzugsweise im familiären Umfeld, vor allem wenn bei Erbschaften viel Geld zu erwarten ist.

Mein momentaner Lieblingssatz aus Band 3 (insgesamt gibt es 16 Bände) fällt, als Henry zum zweiten Mal eine junge Frau trifft, in die er sich schon beim ersten Mal verliebt hat:

They exchanged a long, friendly gaze.

Doch jetzt noch mal ganz langsam von vorn; der erste Band Unexpected Night (1940) von Elizabeth Daly beginnt mit den Worten:

Pine trunks in a double row started out of the mist as the headlights caught them, opened to receive the car, passed like an endless screen, and vanished. The girl on the back seat withdrew her head from the open window. „We’ll never get there at this rate,“ she said. „We’re crawling.“

The older woman sat far back in her corner, a figure of exhausted elegance. She said, keeping her voice low: „In this fog, I don’t think it would be safe to hurry.“

Zum Inhalt

Gamadge, Experte für alte Handschriften und Bücher, besucht im Sommer 1939 eine befreundete Familie im Sommerurlaub in Maine, Colonel Barclay, dessen Ehefrau Lulu und ihren Sohn. Und während man sich den Abend mit Kartenspielen vertreibt und auf die Ankunft von Lulus Schwägerin und deren zwei Mündeln wartet, erzählen die Barclays, was es mit Schwägerin Eleanor und ihren zwei Schützlingen auf sich hat.

Alma und Amberley sind Geschwister und Amberley wird einen Tag später volljährig, das bedeutet, er wird ein Vermögen von einer Million Dollar erben. Doch Amberley ist todkrank und alle Anverwandten haben Angst, dass er seinen Geburtstag nicht mehr erlebt, dann würde nämlich das gesamte Vermögen irgendwelchen fremden Verwandten in Frankreich zufallen.

Am nächsten Morgen findet man Amberleys Leiche am Fuße der Klippen, ganz in der Nähe des Hotels, vermutlich eines natürlichen Todes gestorben, doch was wollte Amberley mitten in der Nacht an den Klippen?

Gamadge wird von dem zuständigen Kommisar Mitchell gebeten, ihn bei den Untersuchungen zu unterstützen. Und so kommt Gamadge eher unfreiwillig zu seinem ersten Fall. Er ist Anfang dreißig, finanziell unabhängig und äußerlich eher unauffällig und unscheinbar.

Mr. Henry Gamadge […] wore clothes of excellent material and cut; but he contrived, by sitting and walking in a careless and lopsided manner, to look presentable in nothing. He screwed his grey tweeds out of shape before he had worn them a week. […] People as a rule considered him a well-mannered, restful kind of young man; but if somebody happened to say something unusually outrageous or inane, he was wont to gaze upon the speaker in a wondering and somewhat disconcerting manner. (S. 6)

Gamadge hat ein Faible für Literatur, alte Handschriften und Bücher und ist – wie könnte es anders sein – ein intelligenter und aufmerksamer Zuhörer.

He did not object to his own society. (Deadly Nightshade, S. 2)

Fazit

Eine Krimi-Entdeckung mit Spannung, verwickelten Plots, Charakteren, denen man in den Folgebänden gern wiederbegegnet und einer feindosierten Portion Humor.

Die Schauplätze, eine Straße im Nebel, ein Hotel, ein Dorf, das eine Schauspielertruppe beherbergt, sind hier nicht bloße Staffage. Die Handlungsfäden fließen am Ende alle natürlich zusammen und es gibt kein weißes Kaninchen, das am Ende aus dem Hut gezaubert wird. Ich habe – erfolglos – fröhlich mitgerätselt. Und in einem der letzten Kapitel, als dem bis dahin ahnungslosen Familienanwalt erzählt wird, was sich zugetragen hat, läuft Daly sogar zu echtem Screwball Comedy-Format auf.

Das Buch war spannend und unterhaltsam. Ich finde es unerhört, dass es von dieser Krimireihe keine hübschen Schwarzweiß-Verfilmungen gibt.

Elizabeth Daly lebte übrigens von 1878 bis 1967. Es heißt, sie sei die Lieblings-Krimischriftstellerin Agatha Christies gewesen.

P. D. James: Death comes to Pemberley (2011)

It was generally agreed by the female residents of Meryton that Mr and Mrs Bennet of Longbourn had been fortunate in the disposal in marriage of four of their five daughters. Meryton, a small market town in Hertfordshire, is not on the route of any tours of pleasure, having neither beauty of setting nor a distinguished history, while its only great house, Netherfield Park, although impressive, is not mentioned in books about the county’s notable architecture.

So beginnt die Fortsetzung zu einem der bekanntesten englischen Romane, nämlich zu Austens Pride and Prejudice (1813), diesmal in Form eines Kriminalromans:

Phyllis Dorothy James: Death comes to Pemberley (2011)

Die deutsche Übersetzung Der Tod kommt nach Pemberley  stammt von Michaela Grabinger.

Zum Inhalt

Seit sechs Jahren sind Elizabeth und Darcy und ihre Schwester Jane und Bingley nun glücklich verheiratet. Am Vorabend des jährlichen Balls, den die Darcys auf Pemberley geben, fährt im Sturm eine Kutsche vor. Der einzige Fahrgast: die völlig aufgelöste Lydia, die jüngere Schwester Elizabeths und Janes, die kurz vor der Hysterie immerhin noch die Angaben des Kutschers bestätigen kann, dass nämlich mitten im Wald der Freund ihres Mannes, Captain Denny, die Kutsche im Streit verlassen habe, ihr Mann Wickham ihm gefolgt sei, danach habe man Schüsse gehört und keiner der Männer sei zurückgekehrt. Der sofort aufbrechende Suchtrupp findet – zum Glück ist es eine mondhelle Nacht und so groß scheint das entsprechende Waldstück nicht zu sein – tatsächlich die Leiche des Captain. Daneben steht der blutverschmierte Wickham und stammelt etwas von seiner Schuld. Rasch konzentriert sich aller Verdacht auf ihn.

Wickham, den Lesern von Pride and Prejudice als skrupelloser Herzensbrecher bekannt, attraktiv, unbeständig und ständig in finanzieller Verlegenheit, beteuert jedoch ohne mit der Wimper zu zucken seine Unschuld. Er, der Schandfleck der Familie, wird auf Pemberley nicht mehr empfangen, seitdem er vor sieben Jahren versucht hatte, die damals fünfzehnjährige Schwester des Hausherrn zu verführen.

Fazit

Sam Leith und Elizabeth Day nahmen im Oktober 2013 im Guardian Stellung zu der Frage, ob das Projekt, bei dem sechs angesehene Autorinnen und Autoren einen Roman Jane Austens als Grundlage für ein eigenes Werk nehmen sollen, überhaupt sinnvoll sei oder nicht.

Nun, nachdem ich mich vor allem aufgrund diverser Besprechungen gerade in englischsprachigen Zeitungen dazu habe verleiten lassen, die Variante „Mordfall auf Pemberley“ von der 1920 geborenen Krimi-Schriftstellerin P. D. James zu lesen, kann ich nur sagen, dass ich persönlich die Zeit bereue, die ich dafür verschwendet habe.

Die ersten Seiten waren eine nervtötend überdrehte Zusammenfassung des Originalwerks, deren Ironie mich an den Stil einer Zeitschriftenglosse erinnerte, der auch nur unterhaltsam ist, wenn der Text nach spätestens zwei Seiten zu Ende ist. Mit den feindosierten Spitzen einer Jane Austen hatte das nichts mehr zu tun.

It had been a revelation to Elizabeth that there were men who valued intelligence in a woman. (S. 16)

Was danach kam, war auch kein Kriminalroman, denn es gab ja niemanden, der wirklich ermittelt hätte. Darcy wird von wenig überzeugenden Skrupeln geplagt, die vor allem die Ehre Pemberleys betreffen. Und wie stimmig ist es, wenn in der Mordnacht Darcy noch zum Nachbarn reitet, damit dieser die notwendigen rechtlichen Schritte einleitet, da Darcy als Schwager des Verdächtigen als befangen gelten würde. Doch als Darcy dort ankommt, wird erst einmal seitenlang die Ahnengalerie des Mr Hardcastle geschildert, als ob Darcy in dem Moment dafür Muße gehabt hätte.

Im Übrigen tritt die Handlung im Grunde auf der Stelle, bis bei der Gerichtsverhandlung – wie praktisch – sozusagen aus heiterem Himmel ein schriftliches Geständnis auftaucht. Die eigentliche Auflösung des Mordfalls hätte sogar halbwegs funktionieren können. Aber ich fand es mehr als misslich, dass sich das Buch hauptsächlich um die Austenschen Protagonisten drehte, die Auflösung des Falls jedoch von den Figuren abhing, die wirklich nur am Rande eine blasse Rolle spielten. Von einigen logischen Löchern ganz zu schweigen.

Anmerkung

Schließen möchte ich mit zwei Zitaten aus der boshaften, aber treffenden Zusammenfassung des Buches von John Crace aus der Serie Digested Read des Guardian:

It is a truth not universally acknowledged that a classic novel is not in want of a sequel. […] Yet I fear we must endure many pages of expository narration in which minor characters in whom the reader has little interest reveal details of the crime until the jury inevitably reaches the wrong conclusion.

Michael Innes: Seven Suspects (1936)

An academic life, Dr. Johnson observed, puts one little in the way of extraordinary casualties. This was not the experience of the Fellows and scholars of St. Anthony’s College when they awoke one raw November morning to find their President, Josiah Umpleby, murdered in the night.

So beginnt der erste Krimi um Inspector John Appley von

Michael Innes: Seven Suspects (1936); auf Deutsch: Zu viel Licht im Dunkel

So wie auch Gaudy Night von Dorothy Sayers (1935) spielt dieser Krimi im Universitätsmilieu in Oxford. Der Universitätspräsident Josiah Umpleby, ein Unsympath, wie er im Buche steht, wird erschossen und theatralisch drapiert in seinem Zimmer aufgefunden. Das Merkwürdige dabei ist, dass sich eigentlich nur sieben Dozenten und der Butler des Ermordeten überhaupt Zugang zum Tatort hätten verschaffen können, da der entsprechende Wohnbereich nachts nicht öffentlich zugänglich ist.

Für Verwirrung sorgt außerdem, dass Umpleby noch einen Tag vor seinem Tod alle relevanten Schlüssel und Schlösser hat austauschen lassen. Einer dieser Schlüssel ist nun verschwunden.

Fazit

Nur für Freunde von Kriminalromanen, denen es ausschließlich um den intellektuellen Rätselspaß geht, denen aber die Charakterzeichnung völlig egal ist. Selten habe ich mich so gelangweilt, die Figur des ermittelnden Inspector blieb blass und konturenlos und in der Mitte des Buches werden auf einmal einige Studenten in die Handlung geworfen, die vorher gar keine Rolle spielten. Da retteten auch das intellektuelle Milieu mit diversen gelehrten Anspielungen und einige ironische Wendungen nichts mehr.

It is in our universities that the conservative spirit finds its most perfect expression. Long after the reform of our ecclesiastical institutions, mediaeval habits and conventions survive within these venerable establishments. „The Monks“ (as the learned denizens were indignantly described by the sciolistic historian of the Roman Empire) are seldom up-to-date. […] They teach out-moded subjects by exploded methods. They remain obstinately unconvinced of the necessity of the modern amenities either for themselves, their wives or their children. Only recently, indeed, did they discover wives and children. (S. 147 der Taschenbuchausgabe)

Nur kurzzeitig zuckte ich noch einmal auf, als das anscheinend gar nicht so neue Thema des Plagiatsvorwurfs unter Kollegen im Buch anklang.

Margot Kinberg fasst ihren Eindruck auf ihrem Blog so zusammen: „This is a Golden Age detective story and it bears some of the hallmarks of that traditional kind of story. There’s the ‘impossible-but-not-really-impossible’ murder, the limited list of suitably suspicious suspects, and the important issue of the timing of various events. Oh, and there’s a map, too. There’s an interesting ‘Golden Age’ sort of atmosphere too; among other elements there are back-staircases, little-used storerooms and a hidden safe. It’s an intellectual-puzzle kind of mystery, so it’s important for the reader to keep track of what’s said, the clues that are found and so on. Readers who prefer purely character-driven or psychological mysteries will be disappointed.“

Da hat mir The Lady Vanishes von Ethel Lina White aus dem gleichen Jahr doch wesentlich besser gefallen.

Anmerkung

Seven Suspects hieß ursprünglich Death at the President’s Lodging und wurde von John Innes Mackintosh Stewart geschrieben, er war Professor für Anglistik und Literaturwissenschaft und hatte sich für seine zahlreichen Veröffentlichungen das Pseudonym Michael Innes zugelegt.

Professoren und Dozenten sind eine schriftstellerisch rege Zunft. Man denke nur an – und hier freue ich mich über Ergänzungen von euch – folgende Namen:

  • Robert Barnard (1936 – 2013)
  • Clive Staples Lewis (1898 – 1963): The Chronicles of Narnia, The Great Divorce
  • David Lodge (*1935): Small World, Nice Work
  • Alexander McCall Smith (*1948)
  • Christopher Rush (*1944): To Travel Hopefully
  • John Ronald Reuel Tolkien (1892 – 1973): The Lord of the Ring, The Hobbit

Deutschsprachige Professoren und Dozenten:

  • Peter Bieri (*1944), Pseudonym: Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon, Der Klavierstimmer
  • Andreas Höfele (*1950)
  • Hanns-Josef Ortheil (*1951): Die Erfindung des Lebens
  • Bernhard Schlink (*1944): Der Vorleser, Liebesfluchten
  • Dietrich Schwanitz (1940 – 2004): Campus

Ethel Lina White: The Lady Vanishes (1936)

The day before the disaster, Iris Carr had her first premonition of danger. She was used to the protection of a crowd, whom – with unconscious flattery – she called ‚her friends“. An attractive orphan of independent means, she had been surrounded always with clumps of people. They thought for her – or rather, she accepted their opinions, and they shouted for her – since her voice was rather too low in register for mass social intercourse.

So beginnt ein lesenswerter kleiner Roman (218 Seiten), der mit dem Etikett „Kriminalroman“ nur unzureichend beschrieben wäre:

Ethel Lina White: The Lady Vanishes (1936), ursprünglich unter dem Titel The Wheel Spins veröffentlicht

Das Buch weist einige Parallelen mit Rebecca von Daphne du Maurier auf. Nicht nur sind die beiden Bücher in den dreißiger Jahren erschienen und von Hitchcock verfilmt worden (deshalb der neue Titel), beide weisen auch auf interessante und durchaus beunruhigende Fragestellungen hin.

Iris Carr ist zu Beginn keineswegs eine Protagonistin, die sofort das Herz des Lesers gewinnt. Sie ist Mitläuferin in einer unbekümmerten und finanziell sorglosen Horde junger Briten, die irgendwo auf dem Kontinent in Osteuropa ihren Urlaub verbringen und allen anderen Gästen durch ihre Arroganz und Rücksichtslosigkeit gehörig auf die Nerven fallen. Ein Gruppen-Phänomen, das man bis heute beobachten kann:

The crowd had gloried in its unpopularity, which seemed to it a sign of superiority. It frequently remarked in complacent voices, ‚We’re not popular with these people,‘ or ‚They don’t really like us.‘ Under the influence of its mass-hypnotism, Iris wanted no other label. (S. 22 der Taschenbuchausgabe)

Nach einem Streit mit einigen ihrer ‚Freunde‘ beschließt Iris, die Heimreise erst zwei Tage später als die anderen anzutreten. An ihrem letzten Tag jedoch verläuft sie sich in den Bergen und ist das erste Mal auf sich allein gestellt, eine ganz ungewohnte Erfahrung für sie.

Doch das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sie auf der ersten Etappe der Heimreise, der langen Zugfahrt bis Triest, durchmachen muss. Geschwächt durch einen Hitzschlag schafft sie es erst in der letzten Minute, überhaupt noch in ein Abteil zu gelangen. Dort herrscht eine frostige Stimmung, nur eine britischen Gouvernante in mittlerem Alter kümmert sich ein bisschen um die junge Frau und gemeinsam gehen sie zum Tee ins Zugrestaurant. Zwar redet Winifred Froy zu viel, doch ist sie dabei hilfsbereit und aufmerksam. Sie gibt Iris ein paar Aspirin gegen ihre Kopfschmerzen und Iris ist froh, ein wenig schlafen zu können.

Doch als Iris aufwacht, sind Miss Froy und ihr Gepäck wie vom Erdboden verschwunden. Iris, das haben die ersten Kapitel ja deutlich gemacht, ist eigentlich niemand, der sich allzu viele Gedanken um andere Menschen macht, doch ihre zunächst nachlässige Suche nach Miss Froy steigert sich allmählich zu ernstlicher Besorgnis, Panik, ja fast Hysterie, und zwar vor allem deshalb, weil außer ihr angeblich niemand die kleine unauffällige Dame im Tweedkostüm gesehen hat.

Und so wird die Sorge um das Verschwinden der Frau eng mit der Frage verknüpft, ob Iris auf ihrer eigenen Wahrnehmung beharrt. Oder soll sie nachgeben und den Einflüsterungen Glauben schenken, die ihr einreden wollen, dass sie durch den Sonnenstich ein bisschen durcheinander sei und phantasiert habe? Hätte sie sich Miss Froy nur eingebildet, könnte sie ihrer eigenen Wahrnehmung nie wieder trauen und müsste Angst haben, verrückt zu werden. (Man denke an die Konformitätsstudien von Solomon Asch.)

Gleichzeitig erfahren wir auch, warum einige der anderen Mitreisenden verneinen, je Miss Froy gesehen zu haben. Was steht uns näher, das Wohl einer völlig Unbekannten oder unsere eigenen Sorgen und die potentiellen Unannehmlichkeiten, wenn man sich in fremde Angelegenheiten mischt?

Hier haben wir es nicht mehr ausschließlich mit einem netten kleinen cozy mystery zu tun, zwar sind die Schurken noch arg holzschnittartig, doch die Untertöne sind zu dunkel, zu ernsthaft und der Leser spürt, es hätte tatsächlich alles auch böse ausgehen können. Das Happy End ist nur noch Zufall.

Von meiner Seite eine klare Empfehlung für eine Autorin, die laut Wikipedia in den dreißiger und vierziger Jahren zu den bekanntesten Crime Writers in Großbritannien und Amerika gehörte. Und wer Interesse an der Hitchcock-Verfilmung hat, bitte hier entlang.