James Rebanks: Mein Leben als Schäfer (OA 2015)

Unsere ganze Klasse spielte gern ein „Spiel“, bei dem es darum ging, innerhalb einer Unterrichtsstunde schulische Ausstattung von größtmöglichem Wert zu schrotten und das Ganze als „Panne“ zu verkaufen. Bei solchen Aktionen war ich gut. Der Boden war übersät mit kaputten Mikroskopen, Tierpräparaten, zersplitterten Stühlen und zerfetzten Büchern. Eine in Formaldehyd konservierte Froschleiche lag mit gespreizten Gliedern auf dem Boden wie ein Brustschwimmer. Die Gashähne brannten wie eine Bohrinsel, ein Fenster bekam einen Sprung. Die Lehrerin starrte uns nur noch an, in Tränen aufgelöst und völlig am Ende, während ein Techniker versuchte, die Ordnung wiederherzustellen. Eine Mathestunde gewann für mich erst an Reiz, als der Lehrer und ein Mitschüler mit Fäusten aufeinander losgingen. […] Von Zeit zu Zeit versuchte jemand – stets ein Stümper -, die Schule in Brand zu stecken. Ein Junge, den wir schikanierten, brachte sich ein paar Jahre später mit seinem Auto um. (S. 10/11)

Dieser dreizehnjährige Lehrer-Alptraum aus dem Lake District im Norden Englands veröffentlicht also knapp drei Jahrzehnte später seine Autobiografie Mein Leben als Schäfer.

Die deutsche Übersetzung stammt von Maria Andreas.

Zum Inhalt

Nach einer wohl noch halbwegs unfallfrei verlaufenden Grundschulzeit ist die weiterführende Schule für den jungen James (*1974), der aus einer Schäferfamilie stammt, ein einziger Graus. Neben einer verwahrlosten Schulatmosphäre macht er dafür auch die angeblich so bornierten Lehrer und Lehrerinnen verantwortlich:

Dass wir, unsere Väter und Mütter stolze, hart arbeitende und intelligente Menschen sein könnten, die Nützliches, vielleicht sogar Bewundernswertes leisteten, überstieg den geistigen Horizont dieser Frau [gemeint ist seine Lehrerin]. Erfolg definierte sich für sie über Bildung, Ehrgeiz, Unternehmungsgeist und eine glanzvolle Karriere, doch damit konnten wir nicht punkten. Ich glaube nicht, dass an dieser Schule jemals das Wort „Universität“ fiel. Dort hätte auch keiner von uns hingewollt. Denn wer wegging, gehörte nicht mehr dazu. Er veränderte sich, und damit gab es für ihn kein Zurück mehr, was wir instinktiv spürten. Bildung war ein „Ausweg“, ein Weg in die Welt hinaus, aber dorthin wollten wir auch gar nicht, wir hatten unsere Wahl längst getroffen. Später begriff ich, dass man in modernen Industriegesellschaften geradezu davon besessen ist, „weiterzukommen“ und „etwas aus seinem Leben zu machen“. Darin drückt sich eine Abwertung aus, die ich unerträglich finde: Wer bleibt, wo er ist, und körperlich arbeitet, gilt nicht viel. (S. 12)

Im Haus der Großeltern galt Bücherlesen – zumindest, wenn ein Junge dabei erwischt wurde – als Zeichen übelster Faulheit, da auf dem Hof schließlich genügend andere Tätigkeiten dringlicher waren. Und auch wenn sich seine Mutter die Augen ausweint, sein Vater versteckt ihn einfach an den Tagen, an denen er die Schule schwänzt.

Diese miese, abgetakelte Schule hat mir fünf Jahre meines Lebens geraubt. Ich hätte eine Stinkwut deswegen, wenn ich nicht wüsste, dass ich dort mehr über mich selbst gelernt habe als überall sonst. Ich habe dort auch begriffen, wie schlecht das moderne Leben sehr vielen Menschen bekommt. Wie wenig Wahlmöglichkeiten es ihnen bietet. Sie haben eine Zukunft vor sich, die so stumpfsinnig ist, dass sie sich jedes Wochenende um den Verstand saufen müssen. (S. 107)

So wundert es wenig, dass der junge James mit 15 die Schule ohne Abschluss verlässt, um endlich etwas Sinnvolles zu tun, nämlich auf dem väterlichen Hof mitanzupacken.

Mit romantischen Disneybildern süßer Lämmer hat die Arbeit nichts zu tun.

Jeden Sommer wird eine Handvoll Schafe von Fliegenmaden befallen. Die bösartigen, gefräßigen kleinen Kriecher setzen sich auf einem Fleck verschmutzter Wolle fest, dann im Fleisch oder in einem Fuß. […] Ein befallener Fuß ist manchmal nur noch ein Klumpen wimmelnder Maden; Maden am Schwanz oder im Vlies sind schwieriger auszumachen und können sich über den ganzen Körper ausbreiten. Wird das Tier nicht behandelt, kann es daran sterben… (S. 47)

Und so lernen schon die Kinder, dass zum Leben auf dem Bauernhof eben auch gehört, dass man immer wieder mal Blut, Kot oder Schleim abbekommt und dass man nach den Tieren riecht, die man hält.

Was hier zählt, sind Ausdauer und körperliche Kraft.

Dad blickte öfter mitten im Scheren zu mir herüber und fragte spöttisch, ob ich müde sei. Ich hätte ihm am liebsten eine reingesemmelt. Jahrelang konnte ich nicht mit ihm mithalten. (S. 46)

Ganz besonders wichtig für den Heranwachsenden ist sein Großvater, der für ihn lange alle Tugenden und Fähigkeiten verkörpert, die einen guten Mann und Farmer auszeichnen.

Aber er brachte mir auch Werte bei, eine innere Haltung – wie man fair mit den Leuten handelt und sich Respekt verdient, wie man Geschäfte macht und unseren guten Namen schützt. Von frühester Kindheit an wurde uns eingeimpft, dass wir zu einer Familie und einer Gemeinschaft gehören und Werte zu bewahren haben, die wichtiger sind als unsere persönlichen Wünsche und Launen. Der Hof und die Familie kommen stets an erster Stelle. (S. 82)

Doch dann gibt es immer häufiger Streit zwischen James und seinem Vater.  Zunächst flüchtet James in die Welt der Bücher, doch als der Hof trotzdem zu eng für die zwei Männer wird und sie sich mehrmals an die Gurgel gehen, wird ihm klar, er muss da raus.

Saufen. Schlägern. Vögeln. Diese Zukunft sah ich vor mir und hatte keine Lust darauf. Aber ich wusste nicht recht, was ich mit mir anfangen sollte. Der Optimismus, der mich nach dem Schulabgang beflügelt hatte, war verflogen. (S. 137)

Da trifft er mit 21 seine Herzdame und – man glaubt es kaum – besucht die Abendschule, um seine Hochschulreife zu erwerben. Als der Lehrer ihn irgendwann fragt, ob er nicht studieren wolle, lacht James ihn zunächst aus.

Ich wünschte mir kein einziges Mal, ach, wäre ich doch zur Universität gegangen. Die wenigen Leute aus meinem Bekanntenkreis, die studiert hatten, schienen nach ihrer Rückkehr auch nicht klüger, sondern hatten eher eine Menge Unsinn gespeichert. Und sie gehörten nie mehr richtig dazu. Trotzdem brachte mich die Frage ein wenig aus dem Gleichgewicht. Ich wollte nicht wirklich weg von hier, aber wenn der Lehrer fand, mir liege dieser Bücherkram, dann hieß das vielleicht, dass ich Wahlmöglichkeiten hatte. Und die brauchte ich. Die Bücher und die Abendschule öffneten mir einen Freiraum, über den ich selbst verfügen konnte. Ich erweiterte meinen Horizont und entdeckte, dass man sein eigenes Schicksal in einem viel größeren Umfang gestalten kann, als ich es bisher erlebt hatte. Wer mehr las, härter arbeitete, die Dinge klug durchdachte und besser als andere Leute schrieb oder argumentierte, der war auf der Gewinnerseite. (S. 144)

Anschließend studiert er in Oxford. Genau dieser Ausflug in die intellektuelle Welt ermöglicht ihm heute, freiberuflich als beratender Experte beim UNESCO-Weltkulturerbezentrum in Paris zu arbeiten, eine Tätigkeit, ohne die sein Hof heute wirtschaftlich wesentlich schlechter dastehen würde.

Und so erfahren wir, welche Arbeit vonnöten ist, um die Lammsaison über die Bühne zu  bringen (besonders, wenn im April noch mal Schneestürme toben), wie die Schäfer und Züchter ihre Schafe auf den Märkten verkaufen (und vorher hübsch frisieren, da werden auch schon mal ein paar Haare in der falschen Farbe mit Pinzette ausgezupft) und wann die Schafe auf welchen Weiden gehalten werden und wie sich das anfühlt, wenn einem die ganze Heuernte für den nächsten Winter verregnet.

Aber auch derbe und zarte Familienanekdoten fehlen nicht, die das Ganze erden und dem Buch eine authentische, bodenständige Atmosphäre geben.

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  • Die erste Schäferregel lautet: Es geht nicht um dich, sondern um die  Schafe und das Land.
  • Die zweite Regel: Manchmal hast du keine Chance.
  • Die dritte Regel: Quatsch nicht lang, sondern komm in die Pötte. (S. 202)

Fazit

Es ist ein Buch, das – in der Chronologie hin und her springend und locker den vier Jahreszeiten folgend – nicht nur einen interessanten und mit Informationen überbordenden Einblick in eine mir völlig fern liegende Welt, die Bergschäferei auf den nordenglischen Fells, erlaubt und verdeutlicht, wie viel Knochenarbeit, Sachverstand, Sturheit und regendichte Klamotten dafür vonnöten sind.

Es ist eine hinreißende Liebeserklärung an seine Heimat im Lake District, an seinen Großvater und seine Familie, an seine Herdwick-Schafe und Hütehunde und vor allem an seinen Beruf, den er als Berufung erlebt, ja schon fast mythisch überhöht:

Wir werden geboren, leben unser arbeitsreiches Leben und sterben, vergehen wie die Eichenblätter, die im Winter über unser Land wehen. Wir sind alle ein winziger Teil dessen, was überdauert und was wir als solide, echt und wahrhaftig empfinden. Unser Schäferleben wurzelt tief im Boden dieser Landschaft, tiefer als fünftausend Jahre. (S. 20)

Bei der Arbeit hier oben wird man demütig; sie befreit einen von jeder Illusion, wichtig zu sein; man könnte sagen, sie ist das Gegenteil vom Bezwingen eines Bergs. (S. 280)

Es ist aber auch ein sperriges und stellenweise trotziges Buch, das manchmal so tut, als könnte man die Komplexität der modernen Gesellschaft einfach dadurch auflösen, dass am besten einfach alle da bleiben, wo sie herkommen.

Touristen sind für ihn die lästigen Leute in teurer Funktionskleidung, die achtlos an den Jahrhunderte alten Steinmauern vorbeischlendern und deren Hunde unangeleint auf die Schafe losgehen und sich dann noch aufregen, wenn eine Schafherde die Straße versperrt.

Wobei er die Entwicklung des Lake District zum „malerischen Tummelplatz“ sicherlich nicht ohne Grund mit großer Skepsis betrachtet:

Heute strömen jedes Jahr 16 Millionen Besucher in ein Gebiet mit 43.000 Einwohnern. Sie geben jährlich über eine Milliarde Pfund aus. Mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze in der Region hängen vom Tourismus ab, und viele der Bauern sind darauf angewiesen, ihr Einkommen durch Bed & Breakfast oder andere Angebote aufzubessern. Aber in manchen Tälern sind über zwei Drittel der Häuser Zweitwohnsitze oder Feriendomizile, und viele Einheimische können sich das Wohnen in ihrer eigenen Gemeinde nicht mehr leisten. […] Es gibt Orte, die sich nicht mehr wie unsere eigenen anfühlen, als hätten die Gäste das Gästehaus übernommen. (S. 15)

Den Touristen spricht er das Recht ab, von einer „Liebe“ zum Lake District sprechen zu dürfen:

Es ist sonderbar, wenn man allmählich begreift, dass die eigene Landschaft auch von anderen Menschen geliebt wird. Noch sonderbarer und ein wenig beunruhigend ist es, wenn man nach und nach entdeckt, dass wir Einheimischen bei allem, was diese Menschen mit unserer Landschaft verbinden, eigentlich gar nicht vorkommen. Wenn es schüttet wie aus Kübeln oder im Winter schneit, sind nie Touristen hier, deshalb ist man versucht, ihre Liebe zum Lake District als Schönwetterliebe abzutun. Unsere Beziehung zu dieser Landschaft beruht darauf, dass wir hier alles miterleben. Für mich ist das ein ähnlicher Unterschied wie zwischen der Teenie-Liebe zu einem hübschen Mädchen und der Liebe zur eigenen Frau nach vielen Jahren Ehe. (S. 99)

Aber natürlich ist auch der uralte Beruf des Schäfers an die moderne Marktwirtschaft und unser Konsumverhalten gekoppelt:

Das einzig Traurige an der Scherzeit ist, dass Wolle, eines der großartigsten Produkte der Welt, heute so geringe Preise erzielt. […] Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts brachten Karawanen von Pferden oder Eseln Wollballen über die Berge nach Kendal, einer Stadt, die ganz vom Wollhandel lebte. Die Klöster, die im Mittelalter weite Bereiche des Lake District besaßen, erwarben einen Großteil ihres Reichtums durch Wolle. Heute bezahlen wir einem professionellen Scherer ein Pfund pro Tier. Das Vlies ist nur vierzig Pence wert und bringt damit nur einen Teil der Kosten herein, von einem Gewinn ganz zu schweigen. In manchen Jahren machen wir uns gar nicht die Mühe, die Wolle zu verkaufen, weil der Preis so schlecht ist, und verbrennen sie einfach. (S. 48)

Nach der Lektüre wird man also der nächsten Schafherde ein bisschen nachdenklicher nachblicken, die unvergleichliche und uralte Kulturlandschaft des Lake District mit anderen Augen betrachten als vorher und sich fragen, wo man eigentlich selbst seine Wurzeln, seine Heimat hat.

Alles in allem also empfehlenswerte Pflichtlektüre für alle, die demnächst ihren Urlaub – so als schnöselige Touristen – im Lake District verbringen wollen.

In den alten Scheunen von Gatesgarth, wo ein anderer unserer Freunde seine Schafe züchtet, Willie Richardson, sind die Balken mit Rosetten und Urkunden für Herdwicks geschmückt, die sich im Laufe eines ganzen Jahrhunderts angesammelt haben; manche sind zerfleddert, verblichen und befinden sich in unterschiedlichen Verfallsstadien, andere sind aus den letzten Jahren. […] Orte wie diese alten Steinscheunen enthalten die wahre Geschichte und Kultur des Lake District. Aber nur die Schäfer und Schäferinnen, die dort ihre Tiere herausputzen, haben diese Auszeichnungen je gesehen; Tausende Besucher laufen auf ihren Wanderungen an den Scheunen vorbei und erfahren nie, welche Schätze sie bergen. (S. 273)

Aber es bleibt ein ungelöstes Rätsel, weshalb ein solches Buch so dermaßen kärglich, ja lieblos bebildert ist. Wahrscheinlich soll man gleich dem  Autor auf Twitter folgen.

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 Hier gibt es die Rezension des Bestsellers aus der New York Times.

Linda Lear: Beatrix Potter (2007)

It was a cold, wet November day in 1918. The frosty air had settled just above the lake. Soon it would be dark. Through the gloom the figure of a woman could just be made out. She was on her hands and knees scrabbling about in the stubble of the harvested cornfield, searching for something. Close up she was a handsome woman with noticeably high colour in her cheeks, deep-set brilliant blue eyes and unruly brown hair pulled back haphazardly from her face.

So beginnt die bisher umfangreichste Biografie zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen Großbritanniens:

Linda Lear: Beatrix Potter (2007)

Zum Inhalt

Beatrix Potter (1866-1943) entstammte einer wohlhabenden Unitarier-Familie. Ihr Großvater väterlicherseits, Edmund Potter, war ein erfolgreicher Unternehmer und späteres Parlamentsmitglied.

As an enlightened employer, Edmund was concerned for the welfare and education of his employees, many of whom were children under the age of 13. He built a large dining room in the mill which could serve a hot meal to three hundred and fifty people at one time. He converted part of a nearby mill into the Logwood School, where the children of his workers, as well as the child labourers, could learn reading, writing and basic hygiene. He also built a reading room and library which was kept well stocked with books and newspapers. Edmund Potter believed in the necessity of educating the working classes […] but he had no sympathy for trade unionism. (S. 12)

Auch ihr Großvater mütterlicherseits, John Leech, schuf mit seinen Tuchfabriken die Grundlage für einen Generationen überdauernden Wohlstand.

Beatrix und ihr Bruder Bertram wachsen folglich in einem behüteten und finanziell privilegierten Umfeld auf. Beatrix besucht als Mädchen keine Schule, sondern wird zu Hause von einer Reihe von Gouvernanten unterrichtet. Ihr zeichnerisches Talent wird früh von der Familie gefördert. Sie bekommt Zeichenunterricht und ihr Vater schenkt ihr teure Bücher und alles, was sie für ihr „Hobby“ benötigt. Die Kinder dürfen eine Reihe von Haustieren, wie z. B. Mäuse, halten, die dann von Beatrix hingebungsvoll gezeichnet werden.

Rabbits were also favourite subjects. […] Both rabbits were drawn in every imaginable position and attitude. She observed how they rested, how they nested or hibernated, and the characteristics of their play. (S. 44)

Nach dem Tod der Mäuse, Kaninchen oder Fledermäuse interessieren sich die Kinder aber auch für deren genaue Anatomie, kochen die Knochen aus und stellen Skelettstudien an. Beatrix beginnt mit Begeisterung zu mikroskopieren.

Man verbringt monatelange Ferien in gemieteten Landhäusern in Schottland und später auch im Lake District. Hier dürfte die Liebe Beatrix zum Landleben ihren Ursprung haben, genießt sie auf dem Land doch mehr Freiheiten als in der Stadt und kann sich leichter ihren naturwissenschaftlichen Interessen widmen.

Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr eingeschränktes Leben. Denn die Eltern von Beatrix waren – man kann es wohl kaum anders nennen – unglaubliche Snobs. Niemand ist – gerade der Mutter – für den gesellschaftlichen Umgang mit ihrer Tochter gut genug, sodass Beatrix keine gleichaltrigen Spielkameraden oder Freundinnen hat. Noch als erwachsene Frau wird ihr das Recht abgesprochen, selbst über die Kutsche zu verfügen, ihre Cousinen einzuladen oder ihren gesellschaftlichen Umgang selbst zu wählen. Ihr späterer Verleger Norman Wayne, mit dem sie sich als 39-Jährige verlobt, wird ebenfalls als nicht ebenbürtig akzeptiert und als potentieller Schwiegersohn abgelehnt.

Mit 24 veröffentlicht sie erste Zeichnungen, die als Grußkarten auf den Markt kommen. Gleichzeitig vertieft sich ihr Interesse an Pilzen und Fossilien.

By the early 1890s Beatrix’s interests as an artist and naturalist had converged on fungi and, to a lesser degree, on fossils. Such enthusiasms were typical of the Victorian craze for natural history which, […] affected everyone from aristocrat to artisan. Women in particular were drawn to the study of insects, shells, ferns, fossils and fungi, and to their naming, classification, collection and frequently their illustration. Like many of her contempories, Beatrix was first drawn to natural history as a way to relieve the boredom that beset affluent Victorians, and for the measure of personal freedom it brought. (S. 76)

Dazu gehören auch häufige Besuche im Natural History Museum, wo Beatrix Spinnen, Insekten und Schmetterlinge zeichnet.

1892 lernt sie den Briefträger und begeisterten Naturkundler Charlie McIntosh kennen, der sie bei ihren Pilzforschungen tatkräftig unterstützt, indem er ihr immer wieder Pilze schickt und ihre Zeichnungen kommentiert. In ihrem Tagebuch hält sie die erste Begegnung fest:

He was quite painfully shy and uncouth at first, as though he was trying to swallow a muffin, and rolling his eyes about and mumbling. […] I would not make fun of him for worlds but he reminded me so much of a damaged lamp post. He warmed up to his favourite subject, his comments terse and to the point, and conscientiously accurate. (S. 82)

1893 schickt sie einen illustrierten Brief an den kleinen Sohn ihrer ehemaligen Gouvernante Annie Moore. In dieser Urfassung ihrer später weltberühmten Kaninchen-Geschichten erzählt sie von den Abenteuern ihren neuen Kaninchens Peter Piper.

Im gleichen Jahr wird sie gebeten, 12 Lithografien* für eine naturwissenschaftliche Vorlesungsreihe anzufertigen. Dank ihres einflussreichen Onkels erhält sie eine Eintrittskarte, die sie berechtigt, ihre Pilzstudien im berühmten Kew Gardens fortzusetzen, der damals für die Allgemeinheit nur eingeschränkt zugänglich war. Allerdings trifft sie dort sie als Amateurin, die vielleicht auch ein bisschen undiplomatisch vorgeht, auf wenig Gegenliebe.

* Wer Näheres zu dem Begriff Lithografie wissen möchte, der wird bei DruckSchrift fündig.

Ihre Forschung, was die Keimung von Sporen anbelangt, wird stark von ihrem Onkel, der selbst Chemiker ist, unterstützt. 1897 werden ihre Erkenntnisse, vermutlich von einem Mitarbeiter von Kew Gardens, der Linnean Society in London präsentiert, denn Frauen hatten dort keinen Zutritt. Die Linnean Society hatte darüber zu befinden, ob eingereichte Artikel veröffentlichenswert waren. Potters Arbeit On the Germination of the Spores of Agaricineae wird freundlich ignoriert. 1997 hat sich die Linnean Society übrigens für den „sexism displayed in its handling of her research“ entschuldigt.

Darüber hinaus widmet sich Beatrix Potter mit großer Akribie der Frage, ob es sich bei Flechten nicht um ein symbiotisches System zwischen Algen und Pilzen handele. Ihre Hoffnung, von den Mitarbeitern des Natural History Museum in ihren Forschungen unterstützt zu werden, erfüllen sich nicht. Zum einen ist sie eine Frau, zum anderen weiß sie zu viel und zum dritten wird sie vom Direktor des Museums ignoriert, u. a. deshalb weil sie nicht begreift, wie sehr sie Mr Fowler dadurch verärgert hat, dass sie – wie alle Frauen ihrer Gesellschaftsschicht – Vogelfedern als Hutschmuck verwendet.

Die nächste große Etappe in Potters Leben wird bestimmt von den Veröffentlichungen ihrer Kinderbücher, von denen eine ganze Reihe auf die illustrierten Briefe zurückgehen, die sie an Kinder ihrer Freunde und Verwandten schickt.

Most of her picture letters describe her holiday activities: the weather, the pets she has with her, the animals she sees, farming practises, family gossip and local lore. Each letter was suited to the age and interests of the child, revealing her instinctive ability to match story to audience. (S. 132)

1901 lässt sie auf eigene Kosten eine Schwarz-Weiß-Ausgabe von 250 Exemplaren von The Tale of Peter Rabbit drucken. 1902 folgt dann die farbige Ausgabe im Frederick Warne & Co Verlag. Sie besteht darauf, dass die Bücher in einem kleinen Format erscheinen, sodass auch Kinder die Bücher mühelos halten können. Obwohl sie 35 Jahre alt ist, muss ihr Vater seine Erlaubnis zu den entsprechenden Verträgen geben. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung hat das Buch eine Auflage von über 56.000 erreicht und Beatrix schreibt:

The public must be fond of rabbits! what an appalling quantity of Peter. (S. 152)

Lear erklärt den durchschlagenden Erfolg folgendermaßen:

Beatrix Potter had in fact created a new form of animal fable: one in which anthropomorphized animals behave always as real animals with true animal instincts and are accurately drawn by a scientific illustrator. (S. 153)

1902 heiratet ihr Bruder Bertram seine geliebte Mary, doch aus Angst vor der Ablehnung seiner Eltern hält er die Ehe elf Jahre geheim.

1903 folgen die Bände The Tale of Squirrel Nutkin und The Tailor of Gloucester. 1904 erscheinen The Tale of Benjamin Bunny und The Tale of Two Bad Mice. Überhaupt erweist sich Beatrix als begabte Geschäftsfrau, die schon rasch erkennt, dass sich auch Merchandise-Produkte wie Puppen, Malbücher oder Tapetenbordüren hervorragend vermarkten lassen. Dabei hat sie ständig gegen Produktpiraterie und unautorisierte Nachdrucke etc. zu kämpfen.

Beatrix gewinnt mit ihrer Autorentätigkeit zunehmend finanzielle Unabhängigkeit von ihren Eltern, denen das überhaupt nicht recht ist, fürchten sie doch, dass ihre Tochter ihre familiären Verpflichtungen vernachlässigen und insgesamt zu unabhängig werden könnte. Auch die ständigen Kontakte mit Norman Wayne, ihrem Hauptansprechpartner im Verlag, sind den Eltern ein Dorn im Auge.

1905 verloben sich Beatrix und Norman. Ihre Eltern untersagen ihr, die Verlobung öffentlich bekanntzugeben. Der plötzliche Tod Normans – einen Monat nach der Verlobung – dürfte den Eltern als eine glückliche Fügung erschienen sein.

Im Verlag ist nun Harold, der Bruder Normans, ihr neuer Ansprechpartner. Jahre später wird sich herausstellen, dass er große Summen aus dem Verlag veruntreut hat, Beatrix und andere um viel Geld betrogen und den Verlag an den Rand des Ruins gebracht hat. Als Harold zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, übernimmt der dritte Bruder Fruing die Geschäfte.

Mit den Erlösen aus ihren Büchern kauft Beatrix Hill Top Farm, ihre erste Farm im Lake District. Vermutlich hatte sie dort zusammen mit Norman leben wollen. Doch noch mehrere Jahre nach dem Kauf der Farm kann sie nur tageweise dort sein, da ihre Eltern von ihr erwarten, dass sie weiterhin bei ihnen in London wohnt und sie ihre Eltern auch weiterhin auf ausgedehnten Ferienaufenthalten begleitet.

The happy challenge provided by Hill Top Farm – the necessity of overcoming her grief and getting on with her life – inspired a remarkable outburst of creativity. She produced thirteen stories over the next eight years, including some of her best work. In the course of this creative outburst, Beatrix Potter was transformed into a countrywoman. (S. 207)

Und so beginnt der dritte große Abschnitt im Leben dieser bemerkenswerten Frau, der gekennzeichnet ist von ihrer Liebe zum Lake District. Mit Hingabe und zunehmendem Sachverstand widmet sie sich dem Fell Farming. Sie entwickelt sich zu einer angesehenen Expertin im Hinblick auf ihre geliebten Herdwick Sheep. Vor allem der Schutz der einzigartigen Landschaft liegt ihr am Herzen. Sie kämpft gegen die Errichtung einer Flugzeugfabrik, gegen Wasserflugzeuge auf den Seen und gegen Zersiedelung und Bauprojekte, die den Charakter dieses Landstriches zerstören würden. Schon 1909 erwirbt sie die zweite Farm, der noch viele weitere folgen sollten. Sie arbeitet dabei eng mit dem National Trust zusammen und schon früh ist klar, dass sie nach ihrem Tod ihre ausgedehnten Ländereien dieser Organisation vermachen will.

Gleichzeitig setzt sie sich für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung auf dem Land ein und ist die treibende Kraft, als es darum geht, eine gut ausgebildete Krankenschwester einzustellen, denn viele der Farmer und Landarbeiter können es sich nicht leisten, bei Krankheiten einen Arzt kommen zu lassen. Sie lässt die Schwester mietfrei in einem ihrer Häuser wohnen und kauft ihr schließlich sogar ein Auto für die Wege, die mit dem Fahrrad dann doch zu beschwerlich wären.

Sie unterstützt die Pfadfinder, die jedes Jahr auf ihren Feldern zelten dürfen, und unterhält rege Brieffreundschaften mit Lesern aus aller Welt, vor allem aus Amerika, von denen etliche sie und ihren Mann im Lake District besuchen und um Autogramme bitten.

Unterstützt wird sie in allem von ihrem Mann William Heelis, den sie – natürlich gegen den erklärten Willen der Eltern – 1913 heiratet. Überraschenderweise bekommt sie Rückendeckung von ihrem Bruder, der den konsternierten Eltern erklärt, dass er schon seit Jahren verheiratet sei und auch Beatrix heiraten solle, wen sie wolle.

William Heelis ist Anwalt und teilt ihre Interessen. Die beiden führen bis zu Beatrix Tod im Jahr 1943 eine glückliche Ehe.

Fazit

Beatrix Potter war ein faszinierende Frau mit vielfältigen Interessen und einem eigenwilligen Lebenslauf. Dennoch musste ich mich manchmal zum Weiterlesen zwingen – gerade in Beatrix‘ Pilzphase wurde das Buch arg anstrengend. Linda Lears Stil ist nicht gerade spritzig und Fragen, die mich stärker interessiert hätten, wie z. B. die Ehe mit William oder wie sie auf Nachbarn und Verwandte wirkte oder wie genau die Dynamik zwischen Beatrix und ihrer Mutter war, wurden manchmal eher kurz abgehandelt. Dafür wurden andere Dinge, zweifellos akribisch recherchiert, sehr in die Länge gezogen. Es scheint, als ob Lear die Frage, wie umfangreich über bestimmte Themen berichtet wird, ausschließlich von der Recherchelage abhängig gemacht hat.

Und manchmal hat es den Eindruck, als ob Lear nur ungern über die vielleicht eher unsympathischen, manchmal herrischen und auch selbstherrlichen Seiten dieser ungewöhnlichen Frau berichtet. Nur en passant erfahren wir dann, dass sie ihren Pächtern keine WCs im Haus oder Elektrizität in den Farmhäusern erlaubt hat, während sie in ihren zwei Häusern natürlich Toiletten mit Wasserspülung hatte.

Kathryn Hughes bringt es im Guardian auf den Punkt, wenn sie schreibt: „This is the first full-length biography that has been written of Potter, so it is a shame that it should be such a dull one. Where Potter had an exquisite sense of how language works, Lear has none.“

Anmerkungen

Ihre Portfolios mit den naturkundlichen Zeichnungen hat Beatrix Potter übrigens dem Armitt Museum in Ambleside vermacht, dessen Homepage einen schönen Eindruck von ihren Zeichnungen vermittelt, die auch heute noch von Pilzkundlern zur Bestimmung benutzt werden.

Auch Peggy hat uns Beatrix Potter auf ihrem Blog Entdecke England bereits vorgestellt.

Da ich keine Bildrechte verletzen möchte, verlinke ich jetzt einfach mal auf eine Seite, auf der man die z. T. wunderschönen Illustrationen zu The Tailor of Gloucester bewundern kann. Potter hat ihre Arbeit immer sehr ernst genommen und für die Weste eine Vorlage aus dem South Kensington Museum, dem späteren Victoria and Albert Museum, verwendet.

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Hugh Walpole: Rogue Herries (1930)

A little boy, David Scott Herries, lay in a huge canopied bed, half awake and half asleep. He must be half awake because he knew where he was – he was in the bedroom of the inn with his sisters, Mary and Deborah; they were in the bed with him, half clothed like himself, fast sleeping. Mary’s plum naked arm lay against his cheek, and Deborah’s body was curled into the hollow of his back and her legs were all confused with his own. He liked that because he loved, nay, worshipped his sister Deborah.

So beginnt der Trumm von einem Buch (736 Seiten), der erste (!) von vier Bänden der opulenten Familiensaga des heute kaum noch gelesenen Schriftstellers

Hugh Walpole: Rogue Herries (1930)

Zum Inhalt

Um das Jahr 1730 bezieht die Familie Herries ein altes, vernachlässigtes Gutshaus im Lake District in der Nähe von Keswick, das sich seit Generationen in Familienbesitz befindet und ebenfalls Herries genannt wird. Da wären zum einen der Vater Francis Herries, ein schöner Mann und unverbesserlicher Frauenheld, ein Eigenbrötler und Tyrann, und seine ihn vergötternde Gattin Margaret, deren Ergebenheit ihm zuwider ist, auch wenn er ihre Mitgift wie selbstverständlich über die Jahre verschleudert.

Die beiden haben drei Kinder, Mary, Deborah und David. Nur zu dem Jungen hat Francis eine gute Beziehung und auch David liebt seinen wilden und unberechenbaren Vater von ganzem Herzen, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Im Gefolge der Familie befindet sich aber – abgesehen von zwei Dienstboten – auch noch Alice Press, die aktuelle Geliebte von Francis. Für den äußeren Schein ist sie offiziell das Kindermädchen.

Als Alice anfängt, Francis auf die Nerven zu gehen, weil er so lange schon nicht mehr mit ihr geschlafen hat, verweist er sie kurzerhand des Hauses. Als sie sich weigert, die Familie zu verlassen, und es zu einem Treffen auf einem Jahrmarkt kommt, verkauft er sie – zumindest symbolisch – kurzerhand an den Meistbietenden. Spätestens da ist allen Leuten sowohl in Rosthwaite als auch in Keswick, wo die feineren Verwandten wohnen, klar, dass man Francis und seiner Familie besser aus dem Weg geht. Fortan heißt er nur noch Rogue Herries und ist ein gesellschaftlich Geächteter.

Allerdings könnte nichts ihm gleichgültiger sein. Francis ist sich selbst genug und erkundet die Täler und Berge und jeden Weg in seiner neuen Heimat, er verfällt der einzigartigen Landschaft des Lake District und weiß, dass er nie wieder woanders leben will.

Gleichzeitig prügelt er seinen Pferdeknecht blutig, treibt sich mit seinen Saufkumpanen herum und vernachlässigt seine Familie. Aber er weiß er um seine Natur, seine Verdorbenheit und ein immer wiederkehrender Traum erinnert ihn an seine Sehnsucht nach etwas Höherem, Reinem, nach etwas, dem sich seine starke Natur hingeben kann.

Und genau das passiert. Er sieht irgendwann die Frau, von der er sofort weiß, dass er sie bis zum Tode lieben wird, Miranda Starr. Diese Liebe wird sein Leben auf eine Art und Weise aus den Angeln heben, die weder er noch der Leser für möglich gehalten hätten.

So folgen wir nun den Geschicken der einzelnen Familienmitglieder und einiger Verwandter über viele Jahrzehnte, wobei die Fäden immer wieder zurück zu Francis, der Hauptfigur, führen, über den sein eigener Bruder sagt:

‚There is a wild loneliness in his spirit that no one can reach.‘ (S. 182)

Fazit

Eine für 1930 schon ganz und gar aus der Zeit gefallene Mischung aus Charles Dickens, Wuthering Heights und romantischem Schauer- und Abenteuerroman, der auch die geschichtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sichtbar macht. Irgendwann sind wir sogar mitten in den Wirren um Charles Edward Stuart (Bonnie Prince Charlie), der mit seinen jakobitischen Anhängern 1745 Carlisle besetzt und versucht, die Krone für die Stuarts zurückzuerobern.

Haarsträubende Wendungen, unmotivierte historische Einsprengsel und Unglaubwürdigkeiten, dazu ein Schreibstil, den selbst ihm wohlgesonnene Kritiker als „sloppy“ bezeichnen. Walpole war bekannt dafür, drauflos zu schreiben und seine Texte nicht mehr zu überarbeiten, weil er viel lieber schon die neuen Geschichten aufschrieb, die ihm im Kopf herumschwirrten.

Und als Leser wünscht man sich dringend, dass er gekürzt, gestrichen, gerafft hätte, es hätte dem Buch und seiner innewohnenden Spannung sicherlich gut getan. Und wie schrieb The Quivering Pen so nett: „and he never turned away an adjective begging to be written.“

Doch wäre das alles, hätte ich wohl kaum die über 700 Seiten durchgehalten. Was also hielt mich bei der  Stange und sorgte letztendlich eben doch für ein großes Lesevergnügen?

Walpole schreibt so herzhaft, dass es eine Freude ist:

With his long protruding chin his face had the shape of a yellowpointed shoe, and his eyebrows looked as though they were made of horsehair and fastenend on with glue. (S. 498)

Und die Beschreibung eines Fußballspiels, bei dem bis zu 200 kampfeslustige Männer aus unterschiedlichen Dörfern gegeneinander antreten, war so anschaulich und aufregend, als wäre Walpole selbst dabei gewesen. Ein Rezensent hat deshalb seine Geschichten als Gute-Nacht-Geschichten für Erwachsene bezeichnet, da Walpole im Grunde ein (mündlicher) Erzähler gewesen sei.

Ich las das Buch während unseres Urlaubs im Lake District. Mit Walpole, der von 1924 bis zu seinem Tod 1941 neben seiner Wohnung in London auch ein Haus sechs Meilen von Keswick entfernt besaß und sich in die Gegend verliebt hatte, fand ich einen Gesinnungsgenossen in der Faszination für diese Landschaft. Mit Rogue Herries ist Walpole eine Hommage an ein Fleckchen Erde gelungen, die diejenigen sofort nachvollziehen können, die ebenfalls von diesem Virus befallen sind.

Der heutige Blick auf die wunderbare Landschaft mit ihren pittoresken Orten wurde durch die im 18. Jahrhundert angesiedelte Handlung nach und nach mit einer weiteren Dimension versehen. Plötzlich sah ich in hinter den – gerade zur Hauptsaison überfüllten und beengten – Marktstädtchen und herausgeputzten Dörfern und den einsam gelegenen Farmen Armut, Menschenleere, Krankheiten, karge und schmutzige Lebensbedingungen hervorschimmern und statt Kino und Bootstouren geisterten mir Hundekämpfe, Wrestling, Hahnenkämpfe und Bullenbeißen durch den Kopf oder Märkte mit allerlei zwielichtigen Gestalten, fahrendem Volk und Aberglaube sowie brutale Klassenschranken.

It was not so much that English society in the middle of the eighteenth century was snobbish, as that the members of it simply felt that those who were not members of it were not human. It was easy enough. A man who was not a gentleman was hanged for stealing a sheep or whipped at the public stocks until the blood ran, or a child would be imprisoned in a jail too filthy for rats for stealing a loaf of bread, or a woman who was not a lady would suffer the grossest of public indignities for no reason other than that she answered her mistress impertinently. (S. 613)

Darüber hinaus ist Walpole tatsächlich ein großartiger Geschichtenerzähler. Er hat selbst gewusst, dass seine Art des Erzählens im Gegensatz zu der zu seiner Zeit modernen Literatur stand, was ihn nicht daran gehindert hat, mit Virginia Woolf, Henry James und anderen gut befreundet zu sein. Trotzdem hat er darauf beharrt, dass eine gute Geschichte eine sei, bei der der Leser unbedingt wissen wolle, wie es weitergeht. Und genau das hat er hier auch geschafft, trotz der Ausuferungen, Melodramatik und mancherlei Unwahrscheinlichkeiten.

Und: Ich glaube ihm seine wilden Geschichten, denn sie werden mir mit so viel Begeisterung erzählt und seine Charaktere sind – in der Welt dieses Romans – trotz allem in sich stimmig.

But the devil was always around the corner with a remarkable knowledge of each individual’s weakness. (S. 644)

Wir verstehen die Unterwürfigkeit Margaretes, der Frau von Herries, und genauso verstehen wir, warum ihn gerade das so abstößt.

It was the most aggravating thing that she could have said. It called up in its train a thousand stupidities, placidities, nervousnesses, follies, that had, in their time, driven him crazy with irritation. Never a mind of her own, always this maddening acquiscence and sentimental fear of him. He drew his hand away. (S. 55)

Walpole schildert Menschen so, wie sie sind, manchmal mit einem freundlichen Schuss Bosheit, aber immer mit viel Anteilnahme. Über Pomfret, einen der Brüder von Francis, heißt es:

He was sixty-seven years of age now, a tun of a man with a floating hulk of a belly, and he was lonely as perhaps were all men of sixty-seven. Only with horses and dogs and a drinking parson and a swearing friend or two, killing, hunting those animals that he yet so dearly loved, only thus might he for a driving hour cheat himself of his loneliness. (S. 263)

Ja, als ich auf Seite 736 angekommen war, war ich froh zu wissen, dass der zweite Ziegelstein aus der Herries-Serie Judith Paris bereits sicher im Urlaubsgepäck verstaut war.

Anmerkung

Hier geht’s lang zu dem Beitrag The Walpole Chronicle von Eric Robson auf BBC 4.

Grevel Lindop bringt es am Ende seiner fairen Besprechung auf den Punkt:

As for Herries, there will be places in these massive blocks of paper where everyone will want to skip. But Walpole’s ham-fisted, messy and eccentric attempt at the Great Lakeland Novel still deserves to be read. The episodes – by turns gracelessly ornate and bleakly brilliant – remain often weirdly enthralling and memorable, their sheer self-indulgence a guilty pleasure for the reader too. In the Herries novels, Walpole confessed, he had allowed himself to be, for the first time in his adult life, ‘what I really am – a little boy telling stories in the dormitory.’

Martin Edwards: The Coffin Trail (2004)

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‚Forget about the murder‘. It’s history. Daniel tightened his grip on the steering wheel as the Audi jolted over potholes in the winding lane, his palms sweating. Miranda thought he was so cool, so relaxed, but it was an illusion. Might a conjurer feel like this when walking onto the stage? Fearing that his magic wouldn’t work, that when he whipped the cloak away, his audience wouldn’t gasp, but merely yawn? The car eased over the top of the fell and Daniel held his breath. At last Brackdale revealed itself. Unfolding beneath them, luxuriating in the sunshine.

So beginnt der erste im Lake District in Großbritannien spielende Kriminalroman um den Historiker Daniel Kind und DCI Hannah Scarlett:

Martin Edwards: The Coffin Trail (2004); auf Deutsch: Tote schlafen nicht

Der Historiker Daniel Kind und seine neue Partnerin Miranda beschließen aus privaten Gründen Oxford den Rücken zu kehren. Bei einem Kurzurlaub im traumhaft schönen Lake District finden sie ein Cottage, das ihnen mit seiner idyllischen Lage an einem kleinen See gefällt, und kaufen es. Daniel kennt das Haus noch aus seiner Kindheit: Während eines Familienurlaubs im Lake District hatte er sich mit dem Dreizehnjährigen Barrie Gilpin angefreundet, der allein mit seiner Mutter eben in jenem Haus lebte. Barrie war ein bisschen sonderbar, was aber der Kinderfreundschaft keinen Abbruch tat.

Nun ca. 20 Jahre später: Barrie gilt den meisten im Dorf als der Mörder einer jungen, schönen Touristin, deren Leiche man vor sieben Jahren brutal zugerichtet auf einem uralten Stein oberhalb des Dorfes gefunden hatte. Barrie selbst konnte nicht mehr vor Gericht gestellt werden, da er nur wenige hundert Meter vom Fundort der Leiche in eine Felsspalte gestürzt war, aus der er sich nicht mehr hatte befreien können.

Daniel kann den Mord nicht so recht in Einklang bringen mit dem sanften Jungen, den er als Kind kennengelernt hatte, und ist unvorsichtig genug, das überall im Dorf herumzuposaunen.

Zeitgleich wird eine neues Team bei der Polizei zusammengestellt, das sich alten, aber niemals aufgeklärten Verbrechen widmen soll. Aufgrund eines anonymen Anrufs wird die Einsatztruppe unter Leitung von Hannah Scarlett auf genau diesen Touristenmord aufmerksam. Und so verknüpfen sich die Geschichten von Hannah, ihrem Partner und Daniel und Miranda und den anderen Dorfbewohnern immer enger, zumal Hannah früher unter dem Vater Daniels ihr Polizistenhandwerk gelernt hat.

Fazit

Ein solide gemachter Krimi, der es über weite Strecken schafft, die Gattung des cozy mystery in die Moderne zu bringen. Kein Ausmalen blutiger und unappetitlicher Einzelheiten, ein gemächliches Tempo, es dauert über 100 Seiten, bis Hannah überhaupt am Fall arbeitet. Daniel selbst macht sich vor seiner Einladung bei dem reichen Immobilienhändler Dumelow lustig:

So this is our first toe in the water, so far as integrating with the local community goes? A dinner party with the local squire and his wife. Very traditional. Except that he only keeps a farm as a write-off against tax and she’s a townie who plays at being an artist. (S. 126)

Die Dialoge sind lebhaft und gut geschrieben. Das Setting mit dem Lake District schön gewählt und den uralten sogenannten Coffin Trail gibt es wirklich. Auf ihm wurden die Toten auf Pferden von Rydal Mount nach Grasmere gebracht, da es dort eine Kirche gab. Hier kann man ein bisschen Wanderfernweh schnuppern und nebenbei noch etwas über Wordsworth erfahren.

Allerdings habe ich die Auflösung schon ca. 40 Seiten vor dem Ende geahnt und die Schönheit des Lake District erschloss sich mir eher aufgrund eigener Urlaubserinnerungen, weniger durch sprachlich gelungene Beschreibungen. Auch dass wildfremde Menschen schon gleich bei ihrem ersten Treffen über so persönliche Dinge sprechen, war mir nicht immer so ganz nachvollziehbar. Bei dieser Art von Kriminalroman hätte ich mir auch ein bisschen mehr Humor vorstellen können.

Also: Kein neuer Chandler, aber solide Krimi-Unterhaltung, nicht mehr, nicht weniger.

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