Ian Mortimer: Im Mittelalter – Handbuch für Zeitreisende (OA 2008)

Welche Bilder kommen Ihnen bei dem Wort ‚Mittelalter‘ in den Sinn? Ritter und Burgen? Mönche und Klöster? Endlose Wälder, in denen Vogelfreie leben, die sich über die Gesetze der Mächtigen hinwegsetzen? All das sind gängige Vorstellungen, die aber wenig über das Leben der großen Masse der Menschen verraten. Stellen Sie sich vor, Sie könnten in der Zeit reisen: Was würden Sie finden, wenn Sie ins 14. Jahrhundert zurückgingen? Sie stehen an einem Sommermorgen auf einer staubigen Londoner Straße. Ein Diener öffnet einen Fensterladen im Obergeschoss und beginnt, eine Decke auszuklopfen. Ein Hund, der die Packpferde eines Reisenden bewacht, verfällt in lautes Gebell. […] Die Balken der Häuser ragen in die Straße hinein. Gemalte Schilder über den Türen zeigen, was es in den Läden zu kaufen gibt. Plötzlich greift ein Dieb bei den Marktständen nach der Börse eines Kaufmanns, und der rennt laut rufend hinter ihm her. Alle drehen sich nach den beiden um. Und Sie, mitten in diesem Tohuwabohu, wo werden Sie heute Nacht unterkommen? Wie sieht Ihre Kleidung aus? Was werden Sie essen?

So beginnt eine Zeitreise ins 14. Jahrhundert mit dem wunderbaren Reiseführer des Historikers

Ian Mortimer: Im Mittelalter – Handbuch für Zeitreisende (2014)

Die englische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel The Time Traveller’s Guide to Medieval England und wurde von Karin Schuler ins Deutsche übersetzt.

Inhalt

Werfen wir doch einfach einen Blick ins Inhaltsverzeichnis:

  1. Die Landschaft – von Feldern, Wäldern und Städten
  2. Die Menschen – von Kämpfern, Betern, Arbeitern und Frauen
  3. Das Wesen des mittelalterlichen Menschen
  4. Grundlegende Aspekte des Alltagslebens
  5. Wie man sich kleidet
  6. Wie Sie durch das Königreich reisen
  7. Wo Sie Unterkunft finden
  8. Was Sie essen und trinken
  9. Von Gesundheit und Hygiene
  10. Wie sich Recht und Gesetz gestalten
  11. Was sich zum Zeitvertreib unternehmen lässt

Wir lernen die zehn Orte kennen, die man in London des 14. Jahrhunderts gesehen haben muss, und werden aufgefordert, die wunderbaren Wandmalereien in der Kirche der Westminster Abbey zu beachten, „die sich leider nicht bis ins 21. Jahrhundert erhalten haben.“ (S. 41)

Als zehnte Sehenswürdigkeit ganz eigener Art werden die Badehäuser der Southwark Stews genannt.

Prostituierte werden in London nur in einer Straße, der Cock Lane, geduldet. Deshalb begeben sich Londoner wie Besucher in das ‚Rotlichtviertel‘ von Southwark auf der anderen Flussseite. Hier können Männer essen und trinken, ein heißes, parfümiertes Bad nehmen und ihre Zeit in weiblicher Gesellschaft verbringen. Im Jahr 1374 gibt es dort 18 einschlägige Etablissements, die alle von flämischen Frauen geführt werden. Anders, als man erwarten könnte, ist ein Besuch dort nicht mit einem Makel behaftet; es gibt nur wenige sexuell übertragbare Krankheiten, und die Ehegelübde verlangen nur die Treue der Ehefrau; der Mann kann tun, was er möchte. Natürlich wettern manche Geistliche gegen diese Unmoral, aber nur wenige nehmen Southwark direkt aufs Korn. Die meisten Badehäuser verpachtet der Bischof von Winchester. (S. 42)

Wir erfahren vom Klimawandel, der dafür sorgt, dass um 1400 alle Weingärten in England verschwunden sind, und lesen von Hungersnöten, während denen die Tiere auf ihren überfluteten Weiden ertrinken.

Zwischen den Jahren 1300 und 1400 verliert England ca. die Hälfte seiner Bevölkerung, die Pest sorgt in mehreren Wellen dafür, dass gegen 1400 nur noch ca. zweieinhalb Millionen Menschen leben. Eine für die Gesellschaft und die Menschen selbst traumatische Erfahrung, die natürlich auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft hat.

Wenn aufgrund der geringen Lebenserwartung und hohen Sterblichkeitsrate ca. 35 bis 40 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre alt sind, hat das wiederum Folgen für das Zusammenleben.

Von siebenjährigen Jungen erwartet man […], dass sie arbeiten. Von diesem Alter an können sie auch wegen Diebstahls gehängt werden. Sie können mit 14 heiraten und sind ab ihrem 15. Geburtstag verpflichtet, im Heer zu dienen. […] Verlobt werden die Jungen und Mädchen als kleine Kinder, und eine Verheiratung zwölfjähriger Mädchen gilt als zulässig, während das Zusammenleben gewöhnlich erst mit 14 beginnt. (S. 61)

Die Gesellschaft ist gewalttätiger (auch in den Strafen), rauflustiger und risikofreudiger, was sich beispielsweise bei DEM „Spektakel des 14. Jahrhunderts“ (S. 335), dem Lanzenstechen, zeigt.

Das „mittelalterliche Verständnis der Leibeigenschaft oder Hörigkeit ist nicht weit von der Sklaverei entfernt“. (S. 59) Da konnte die Herrschaft sogar bestimmen, wer wen heiratet. Weigerungen konnten mit Bußgeld und Gefängnisstrafen geahndet werden.

Auch auf das Frauenbild, das von komplett irregeleiteten Vorstellungen zur weiblichen Sexualität und von rechtlichen und intellektuellen Vorurteilen geprägt war, geht der Autor ein.

Der Leser lernt nicht nur, worin der Unterschied zwischen Herzögen (dukes), Grafen (earls) und Baronen (barons) sowie zwischen Rittern, Esquires und Gentlemen liegt, sondern auch, warum 1363 Fußballspielen schließlich im gesamten Königreich verboten wird.

Wir erfahren, warum reiche Männer Arme dafür bezahlen, später an ihrem Begräbnis teilzunehmen, und erkunden, wie mobil die Gesellschaft war – schließlich gab es noch keine Landkarten – und über wie viel Weltwissen die Menschen verfügen.

Welches sind die beliebtesten Ziele der Pilger? Und vor allem: Welche Literatur wird gelesen?

Wieso waren Nahrungsmittel – verglichen mit heute – wesentlich teurer, Arbeitskraft und Land jedoch spottbillig?

Ungelernte Arbeiter müssen damit rechnen, dass sie zu Beginn des Jahrhunderts etwa zwei Drittel ihres Lohns für Essen und Trinken ausgeben. (S. 139)

Wie ist das mit Ablasshandel, Aberglaube und der Alphabetisierungsrate? Wie viele unterschiedliche Möglichkeiten gab es, den Anfang des Jahres zu datieren, und wie maß man damals eigentlich die Zeit?

Wie und wann verschob sich die Vorherrschaft des Französischen hin zum Englischen?

Wie hat man dem Recht Geltung verschafft in einer Zeit, in der es noch keine Polizei gab?

Dies und vieles mehr erfahren wir in diesem Kompendium, in dem es dem Autor gelingt, immer wieder die Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Einer der wichtigsten Unterschied zu heute: Damals war es von entscheidender Bedeutung, Teil einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe zu sein, der man im Notfall auch seine Sicherheit und seinen Schutz verdankte. Individualität und Selbstverwirklichung waren gar nicht erstrebenswert.

Und dann sind wir plötzlich ganz nah an unserer Zeit: Erinnern wir uns noch an Pferdefleisch in der Lasagne oder die Gammelfleischskandale?

Sie glauben einfach nicht, wie vielen Tricks und Täuschungen ein argloser Kunde [auf dem Markt] ausgesetzt ist. Fragen Sie im Rathaus von London, wen Sie wollen; jeder wird Ihnen von Kochgeschirr aus weichem, billigen Metall mit Messingüberzug erzählen, von Brotlaiben mit Steinen oder Eisentücken darin, die für das gesetzlich geforderte Gewicht sorgen. […] Die Waren wird auf den Ständen so ausgelegt, dass man die Mängel nicht sieht. Wolle wird gezogen, bevor man sie webt, und läuft dann länger (schrumpft aber furchtbar ein). Tuch wird manchmal mit menschlichem Haar gestreckt. […] Verdorbenes Fleisch wird noch verkauft, ebenso wie saurer Wein und grünschimmeliges Brot, das den Käufer auch umbringen kann. […] Selbst mit Haferflocken kann man noch betrügen. Wie das, fragen Sie? Haferflocken sind doch Haferflocken, oder? Nicht, wenn ein Sack verschimmelter Flocken mit ein paar Handvoll guter, frisch gemahlener obendrauf angeboten wird. (S. 132)

Und als jemand, der auf dem Land wohnt, musste ich doch lächeln, als ich folgenden Artikel in den Stadtverordnungen von Worcester las:

Jeder muss die Straße vor seiner Behausung sauber halten. (S. 303)

Kurz zum Konzept des Autors

Bei Mortimer handelt es sich nicht um einen Hobby-Geschichtsfan, der mal eben für ein bisschen Unterhaltung ein paar Informationen zum Mittelalter verrührt und die massentauglich aufbereitet, sondern um einen der bekanntesten Historiker in Großbritannien. Er selbst nennt sein Konzept „free history“, das bedeutet verkürzt gesagt, dass der Historiker nicht nur Informationen finden und kennen, sondern sie auch für ein Publikum relevant machen muss. Wer sich näher damit beschäftigen möchte, dem sei sein Aufsatz What Isn’t History? empfohlen. Hier gibt es ein Interview (in Englisch) mit ihm und 2012 hat der Spiegel mit Mortimer gesprochen.

Unter dem Pseudonym James Forrester schreibt Mortimer auch historische Romane, etwas, das er am liebsten allen seinen gelehrten Kollegen empfehlen würde, warum, erklärt er in seinem Aufsatz „Why historians should write fiction„.

Fazit

So kann nur jemand schreiben, der

  1. viel weiß und enorme Recherchearbeit geleistet hat,
  2. hingerissen von seinem Forschungsgebiet ist,
  3. von der Wichtigkeit seiner Erkenntnisse überzeugt ist und
  4. diese uns so anschaulich nahe bringen möchte, dass niemand mehr sagen kann, Geschichte sei langweilig und ohne Bedeutung für unsere Gegenwart.

Man denke nur an die Diskussionen, ob deutsche Lehrerinnen ein Kopftuch tragen dürfen oder nicht.

Langes, offenes Haar gilt allgemein als verführerisch und wird deshalb wie auch nackte Arme und Beine versteckt, um Unschicklichkeit zu vermeiden. Nur zügellose und liederliche Frauen wagen sich mit offenem und unfrisiertem Haar nach draußen. (S. 157)

Die Lektüre hatte ganz eigentümliche Auswirkungen auf meine Assoziationen zum Begriff Mittelalter. War das Wort vorher einfach ein Wort, mit dem ich bestimmte und weniger fest umrissene Vorstellungen und Informationen verband, begann der Begriff sich zu bewegen, über seine Ränder zu wachsen, plötzlich sah ich Menschen, das Ganze kam mir näher, als ich das für möglich gehalten habe.

Faszinierend beispielsweise die diversen Kleiderordnungen, die regeln sollten, wer welche Stoffe tragen durfte. Hübsch auch, dass im Jahr 1300 sich der linke und der rechte Schuh noch gar nicht voneinander unterschieden. Und dann die bizarre Entwicklung hin zu den Schnabelschuhen der Männer, deren Spitzen eine Länge von bis zu 50 cm erreichen konnten. Treppensteigen wurde damit praktisch unmöglich.

Hin und wieder wurde die Grundidee, die Geschichte in Anlehnung an einen Reiseführer zu schreiben, zwar ein bisschen überstrapaziert. Auch was wie viel kostete, habe ich irgendwann einfach überflogen. Dafür entschädigen dann die dezent ironischen Stellen.

In der mittelalterlichen Vorstellung besteht die Gesellschaft aus drei Teilen oder ‚Ständen‘, die von Gott geschaffen sind: den ‚Kämpfern‘, den ‚Betern‘ und den ‚Arbeitern‘. Die Adligen sind die Kämpfer. Sie beschützen die Beter und die Arbeiter. Die Geistlichen übernehmen das Beten und setzen sich für die Seelen der Kämpfer und Arbeiter ein. Die Arbeiter ernähren den Adel und den Klerus durch Dienste, Pacht und Zehnten. So trägt jede Gruppe zum Wohlergehen der Gesellschaft als Ganzem bei. Dieses klare Konzept spricht besonders jene an, die das Kämpfen und das Beten übernehmen. (S. 62)

Einziger Kritikpunkt: Der Autor hätte für meinen Geschmack das Ganze durchaus noch stärker mit größeren Bezügen verknüpfen können. Zum Bauernaufstand und dem Hundertjährigen Krieg habe ich dann doch Wikipedia zu Rate ziehen müssen.

Nichtsdestotrotz bin ich hin und weg und ein Dankeschön an den Blog Mein Lesesessel, dem ich den Hinweis auf dieses Buch verdanke.

Anmerkungen

Nachdem er einen solchen Erfolg mit seiner Zeitreise ins Mittelalter hatte, hat Mortimer nachgelegt. Inzwischen kann man mit ihm auch ins Elizabethanische Zeitalter reisen.

Die Homepage des Autors ist gespickt mit interessanten und durchaus zu Widerspruch reizenden Aufsätzen, Texten und Interviews, nicht nur zur Geschichte. Schon gleich der Aufsatz, in dem er erläutert, warum er grundsätzlich nicht fliegt, hatte mich am Haken.

Hier geht’s lang zu Besprechungen im britischen Guardian:

Bei Sue Arnold heißt es: „After The Canterbury Tales this has to be the most entertaining book ever written about the middle ages.“

Kathryn Hughes schreibt:

In The Time Traveller’s Guide to Medieval England he sets out to re-enchant the 14th century, taking us by the hand through a landscape furnished with jousting knights, revolting peasants and beautiful ladies in wimples. It is Monty Python and the Holy Grail with footnotes and, my goodness, it is fun. Mortimer’s argument, spelled out in a thoughtful epilogue, is that these pleasures become possible not by laying critical sense to one side, but by embracing an altogether different approach. Statistics are all very well, but unless they come clothed in flesh it is hard to know them in your bones. […]. The result of this careful blend of scholarship and fancy is a jaunty journey through the 14th century, one that wriggles with the stuff of everyday life.

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