Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011)

26. Juni 1944

Mir schien alles trübe und traurig, weil ich von Dir fortging. Fortging, zwar in die tiefe Glaubensgewißheit, Dich wiederzusehen – aber auch mit der harten Gewißheit, dich lange entbehren zu müssen! Das entbehren zu müssen, was der liebe Gott zu meiner innigsten Ergänzung auf die Welt geschickt hat.

Nie noch habe ich die unbedingte Zusammengehörigkeit zu einem Menschen so hinreißend und grundsätzlich gespürt – als zu Dir. […]

Jeder Berg, jeder Baum, jeder Bach, jeder Schlaf, jedes Erwachen in Sonne oder Regen […] – alles lebte nur auf Dich bezogen und in mir, süß und zwingend, zu Dir hin. Manchmal irrte ich ab, zu dieser oder jener Frau, in Gedanken, leise und ganz tierhaft, und dennoch spürte ich – alles warst Du. Aus und mit Dir lebe und sterbe ich, ich will Dich ganz bei mir haben. Ich wünsche mir, zum erstenmal in Leben, ein Kind von Dir – ich und Du. Ich will nur Dich. In Dir vollendet sich mein Leben und mein Wirkenkönnen. Gott soll uns segnen und zusammenfügen. Ich will nur Dich – nicht „weil“, sondern ohne alle Gründe, weil Du bist und weil Du so bist, wie Dich eben Gott geschaffen hat. Mir und vielen zur Freude – aber mir zur letzten, einzigen Heimat. […]

Ich habe Dich lieber als mein Leben, lieber als Sonne und Mond, lieber als alle bestirnten Nächte, als alle Bäume und Tiere, die ich kenne und liebgewonnen habe, lieber, als mir je ein Mensch war, lieber als mein Leben, meine Hoffnung, meine Einsamkeit und die Summe meiner ganzen Arbeit und aller Seligkeiten, die mich auf meinem kurzen Gang durch die Dämmerung beglückt haben.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen Heinz Hilperts (1890-1967) vom 26. Juni 1944

Zum Hintergrund

Heinz Hilpert, Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters, hat seine große Liebe und spätere Ehefrau Annelies „Nuschka“ Heuser (1902-1963) Ende der zwanziger Jahre kennengelernt. Sie war Jüdin, ihre  Familie emigrierte, doch Annelies blieb in Deutschland.

Gerade noch rechtzeitig kann Nuschka im Juli 1943 in die Schweiz fliehen. Hilpert reist danach mehrere Male in die Schweiz. „Das vorerst letzte Mal sehen sich Heinz  und Nuschka Anfang Juli 1944 in Zürich. Kurz bevor er das Tagebuch beginnt.“ (S. 8)

Heinz Hilpert wird schließlich jede weitere Reise in die Schweiz untersagt. Er musste vorsichtig sein, war er den nationalsozialistischen Herrschers doch bereits unangenehm aufgefallen. Und Joseph Goebbels wird der drohende Satz zugeschrieben, dass Hilperts Theater nicht anderes seien als KZs auf Urlaub.

Bis Juni 1945 schreibt nun Hilpert dieses „Tagebuch für Nuschka“, das von Michael Dillmann und Andrea Rolz herausgegeben wurde und unter dem Titel So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben 2011 im Weidle Verlag erschienen ist.

Wir erfahren, wie das Wetter und seine jeweilige Stimmung ist, ob die Vögel singen, wie viel er an heißen Tagen trinkt und wie sehr er die sommerliche Wärme genießt, bis in den letzten Kriegsmonaten die Einträge verzweifelter werden.

Doch vor allem enthält das schmale Büchlein wunderschöne Liebesworte, auch wenn die sprachliche Vergötterung Nuschkas, der „Gebenedeiten“, die er um Segen bittet, für mich an manchen Stellen etwas schwer verdaulich war. Die geliebte Frau ist „seine Brücke“ zu Gott.

Könnte ich Dir nur einmal ganz sanft über Deine geschlossenen Lider streicheln, Deinen Haaransatz ganz, ganz leise mit meinen Lippen berühren und Dich noch ein wenig fester zudecken, damit Du nicht nachtkalt hast. Aber so bleibt mir nichts, als Dich ganz innig in  mein Gebet einzuschließen und Dich der Gnade dessen anheimzustellen, der uns zusammen auf diese wunderschöne Erde kommen ließ. (S. 21)

In poetischer Sprache umkreist Hilpert immer wieder die Fragen, wie sich diese Liebe auf ihn auswirkt, wie sie ihn verwandelt und unverwundbar macht.

Die Begriffe „sicher“ und „unsicher“ hören auf einzig und allein im Hoheitsgebiet der Liebe. Hier lebt der Mensch im Glauben, und der Glaube macht unversehrbar – man „sichert“ nicht mehr. […] und in der vollkommenen Liebe zu Dir, Nuschka, bin ich ganz unversehrbar, kann ich kämpfen, ohne mich umzusehen, kann ruhen, ohne mich zu schützen, kann schwerelos sein, ohne mich ekstatisch aufzuschwingen, kann kreisen, ohne schwindelig zu werden, kann verweilen, ohne zu versäumen. „Nichts mehr versäumen“ ist das tiefe, tiefste Lebensgefühl, was sich dem Liebenden erschließt. Er rennt und jagt nicht mehr, er bangt und flieht nicht mehr. Er hält inne und ist heiter, er geht still fort und fort und ist selig. Das Wissen und die Weisheit, die für ihn taugt, schmiegt sich still in sein Herz. (S. 24)

Geliebt werden ist schön – es entwickelt und differenziert aber nicht. Lieben – mit aller Fragwürdigkeit des Widergeliebtwerdens – ist eben eine Kraftvergeudung, die ständig verjüngt, ist eine Auslieferung, die einem sich selbst zurückbringt, ist ein Schmerzempfinden, das in Lust umschlägt. (S. 60)

Und ähnlich wie auch Bonhoeffer in seinen Brautbriefen ringt auch Hilpert darum, die lange Trennungszeit sinnvoll werden zu lassen:

Und dann baute sich immer wieder aus Sehnsucht und Liebe eine Brücke, die gerade in Dein liebes Herz hineinmündete. Und ich ging darauf und dachte, warum ist Liebe, die sich bescheiden muß und sich nicht stillen kann, weil die Geliebte fern ist, so viel inniger und zarter und verbundener, verflochtener, unauflösbarer als die, die genießt? Weil sie schmerzhafter ist? Schenkt uns der Schmerz diese ganz besonderen Innigkeiten? Warum werden Menschen erst im Entbehren wesentlich? Und ganz nahe? (S. 63)

In den letzten Kriegsmonaten werden die Briefe aus Berlin dunkler, die Verzweiflung und Sehnsucht riesengroß, aber selbst die Gedanken an den Tod sind aufgehoben in dieser großen Liebe:

Die Welt wird immer dunkler. Die Angriffe immer grauenhafter. Wir müssen’s dulden! Meine Unversehrtheit liegt ganz bei Dir und meinem Gefühl zu Dir. Was auch kommt – ich bin immer nur auf dem Wege zu Dir. Immer Richtung Nuschka. Auch wenn ich sterben muß, ist mein letzter Herzschlag für dich. Sei geküßt und gesegnet. (S. 97)

Eine weitere Besprechung findet sich auf lustauflesen.de.

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Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer: Brautbriefe Zelle 92 (1992)

Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945), der bekannte Theologe, aktiv im Widerstand gegen Hitler, begegnet im Juni 1942 seiner großen Liebe, der 18 Jahre jüngeren Maria von Wedemeyer. Im November 1942 bittet Marias Mutter wegen des Altersunterschiedes um das Einhalten einer einjährigen Kontaktsperre, was sie allerdings im April 1943 zurücknimmt, als Bonhoeffer von den Nazis verhaftet wird und für fast zwei Jahre in Berlin Tegel, Zelle 92, inhaftiert ist. Den ersten Kuss geben sich die Brautleute im Gefängnis.

Also schreiben sich diese zwei so unterschiedlichen Persönlichkeiten und beide sind wunderbar ehrliche Briefeschreiber. Besonders die Briefe der jungen Frau sind von großer Anschaulichkeit und zeigen – vor allem in der Anfangsphase – Lebenslust, Energie und übersprudelnde Verliebtheit.

Wenn ich morgens um 6 aufwache, ist mein erster Griff in die Nachttischschublade nach Deinem Bild. Dann stelle ich es auf die Bettdecke und sage: „Guten Morgen, Dietrich, hast Du gut geschlafen? Machst Du ein fröhliches Gesicht? Denkst Du an mich? Hast Du mich noch lieb? Freust Du Dich auf später?“ und noch viel mehr. (2. September 1943, S. 49)

Hurra, Hurra, Hurra, Hoch, Vivat und Halleluja! Ich hab einen Brief von meinem Dietrich bekommen und bin sehr glücklich darüber. Mein liebster Dietrich, was kannst Du für schöne Briefe schreiben! Ich bin verliebt in jeden einzelnen Satz, in jedes Wort, in jeden Kringel Deiner Schrift. Ich lese immer und immer wieder. Es unterhält sich so schön mit Dir, wenn man einen Brief dazu in Händen hat. (21. September 1943, S. 58)

Wir lesen aber auch von Marias Sorge, dem älteren und gebildeten Mann vielleicht doch nicht genügen zu können. Sie spricht von ihrem Alltag, ihrer Arbeit, der Trauer über den Tod des Vaters und des Lieblingsbruders im Krieg.

Da werden Hochzeitspläne geschmiedet und sie denkt darüber nach, woher man die zum Hausstand notwendigen Möbel bekommt und wie man sich wohl jeweils in der Schwiegerfamilie wird eingewöhnen können. Dietrich und Maria empfehlen einander ihre Lieblingsbücher (wobei Bonhoeffer nicht immer glücklich ist mit den Vorlieben seiner jungen Braut). Man erfährt, wie sich die beiden nach den „Sprecherlaubnissen“ fühlen, wo sie für kurze Zeit unter Aufsicht miteinander reden dürfen.

Eigentlich ist es ganz unverständlich, wenn ich so neben Dir sitze, daß es nun nicht einfach so weitergehen kann, daß ich nicht Deine Hand fassen darf und mit Dir zusammen hinausgehen kann durch die 2 großen Türen auf die Straße und dann immer weiter nur noch mit Dir zusammen. (Maria am 5. Januar 1944, S. 111)

Dietrichs Briefe klingen gesetzter, durchdachter und reifer und sind durch seine theologische Arbeit und seinen Glauben geprägt. So schreibt er am 21. November 1943:

Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliche – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, daß die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent. (S. 83)

Doch zeigen gerade die wenigen an der Zensur vorbeigeleiteten Briefe, wie viel Herz und Leidenschaft sich eben den grauenhaften Bedingungen anpassen musste und sich nicht frei artikulieren durfte. So beginnt einer der wenigen unzensierten Briefe Dietrichs:

Meine liebe, liebe Maria! Es geht nun nicht mehr länger, ich muß endlich einmal an Dich schreiben und zu Dir sprechen, ohne daß ein Dritter daran teilnimmt. Ich muß Dich in mein Herz sehen lassen, ohne daß ein anderer, den es nichts angeht, mit hineinguckt. Ich muß zu Dir von dem reden, was uns beiden ganz allein auf der Welt gehört und was entheiligt wird, wenn es fremden Ohren preisgegeben wird. Was Dir allein gehört, daran lasse ich keine Dritten teilnehmen; ich empfände es als unerlaubt, als unrein, als hemmungslos, und als würdelos Dir gegenüber. Was in verschwiegenen Gedanken und Träumen mich zu Dir zieht und an Dich bindet, liebste Maria, das kann erst in der Stunde offenbar werden, in der ich Dich in meine Arme schließen darf. (11. März 1944, S. 150)

Außerdem ist er anfangs unsicher, ob er der jungen Maria mit einem von den Nazis inhaftierten Bräutigam nicht doch zu viel aufbürdet.

Die beiden wissen um ihre Unterschiede und tun das Menschenmögliche, sich durch ihre Briefe kennenzulernen, obwohl die meisten der Briefe ja die Zensur passieren mussten und nur wenige Briefe durch wohlwollendes Wachpersonal an den Augen der Nazi-Schergen vorbeigeschmuggelt werden konnten.

Wir bekommen Einblick in die familäre Prägung, vor allem von Maria. Sie schildert, wie bei ihr zuhause noch eine Jagdgesellschaft stattfindet, bei der die Gäste in Frack und Abendkleid erscheinen. Und wir hören von den Höhen und Tiefen dieses ungewöhnlichen Brautstandes, der beiden tiefes Glück, Traurigkeit, aber auch Dankbarkeit und Sehnsucht bedeutet. Immer wieder müssen sie darum ringen, das Unverständliche, das Sinnlose im Gottvertrauen wieder sinnvoll werden zu lassen, eine Aufgabe, an der besonders Maria spürbar reift.

Morgens, wenn ich um 1/2 sechs aufstehe, dann bemühe ich mich immer recht zart und behutsam an Dich zu denken, damit Du noch ein bißchen weiterschlafen kannst. Ich hab einen Kreidestrich um mein Bett gezogen etwa in der Größe Deiner Zelle. Ein Tisch und ein Stuhl steht da, so wie ich es mir vorstelle. (Maria, am 26. April 1944)

Im September 1944 entdeckt die Gestapo ein „Geheimarchiv der Verschwörer im Amt Canaris“, deren Kreis ja auch Bonhoeffer angehörte (S. 205), sodass die Hoffnungen, das Kriegsende noch zu erleben,  immer weiter schwinden. Am 9. Oktober wird Bonhoeffer ins Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts überführt. Dort entstehen dann im Dezember die berühmten Verse des später vertonten Gedichts „Von guten Mächten treu und still umgeben“.

Am 3. Februar 1945 erlebt Berlin den schwersten Luftangriff, so kommt „es am 7. Februar zum Transport, der Bonhoeffer mit 19 anderen prominenten Häftlingen in ein Kellergefängnis am Rande des KZ Buchenwald verbrachte. […] Am 3. April erfolgte die Weiterfahrt dieser Truppe gen Süden über Regensburg nach Schönberg im Bayrischen Wald, wo sie in einer Schule untergebracht wurden.“ (S. 212)

Am 8. April fand im KZ Flossenbürg das Standgericht statt „und am nächsten frühen Morgen die Hinrichtung am Galgen, zusammen mit Wilhelm Canaris, Ludwig Gehre, Hans Oster, Karl Sack und Theodor Strünck. Wohl zur gleichen Zeit erlitt Hans von Dohnanyi im KZ Sachsenhausen den Tod.“ (S. 213)

Maria von Wedemeyer hat vom Tod ihres Verlobten erst im Juni 1945 erfahren.

Ein gesondertes Fazit zu diesem Buch möchte ich gar nicht ziehen, zu sehr hat es mich bewegt und mitgenommen, wie hier zwei Menschen um ihre Liebe und ihre Zukunft ringen.

Ich konnte gut verstehen, dass Maria diesen Briefwechsel erst auf ihrem Sterbebett ihrer älteren Schwester überlassen hat. So persönlich, so zart, so intim sind diese Texte. Erst 1992 konnten die Briefe veröffentlicht werden, versehen mit einem umfangreichen und informativen Anhang, der u. a. die Lebenswege und die gesellschaftliche Stellung der Protagonisten noch einmal nachzeichnet.

Eine große und wunderbare Liebesgeschichte, ein Fremdkörper in einer Zeit der Freizügigkeit, der Selfies, Pornos und der scheinbar völligen Tabulosigkeit, die doch die Zeit überdauern wird und mich verstört und bewegt hat wie lange kein Buch mehr und die en passant auch den Irrsinn des Nationalsozialismus zeigt.

Am 8. Oktober 1945 schreibt Karl Bonhoeffer, der Vater Dietrichs, an seinen Kollegen Professor Joßmann in Boston:

… Daß wir viel Schlimmes erlebt und zwei Söhne (Dietrich, der Theologe, und Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa) und zwei Schwiegersöhne (Prof. Schleicher und Dohnanyi) durch die Gestapo verloren haben, haben Sie, wie ich höre, erfahren. Sie können sich denken, daß das an uns alten Leuten nicht ohne Spuren vorübergegangen ist. […] Da wir alle aber über die Notwendigkeit zu handeln einig waren und meine Söhne auch sich im Klaren waren, was ihnen bevorstand im Falle des Mißlingens des Komplotts und mit dem Leben abgeschlossen hatten, sind wir wohl traurig, aber auch stolz über ihre geradlinige Haltung. (zitiert nach: E. Bethge, R. Bethge, C. Gremmels: Dietrich Bonhoeffer, Bilder aus seinem Leben, 1986, S. 234)

Anmerkungen

Aus der gleichen Zeit stammen die Briefe von Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hartnagel, die von Thomas Hartnagel veröffentlicht wurden, siehe dazu den Beitrag auf Annes Lesetagebuch.

Wer auf der Suche nach weiteren Liebesbriefen ist, sollte auf Leselebenszeichen vorbeischauen. Ulrike bespricht Die Liebesbriefe von Dylan Thomas.

Kathrine Kressmann Taylor: Address unknown (1938)

Schulse-Eisenstein Galleries, San Francisco, California, U.S.A.

November 12, 1932

Herrn Martin Schulse Schloss Rantzenburg Munich, Germany

MY DEAR MARTIN:
Back in Germany! How I envy you! Although I have not seen it since my school days, the spell of Unter den Linden is still strong upon me – the breadth of intellectual freedom, the discussions, the music, the lighthearted comradeship. And now the old Junker spirit, the Prussian arrogance and militarism are gone. You go to a democratic Germany, a land with a deep culture and the beginnings of a fine political freedom. It will be a good life. Your new address is impressive and I rejoice that the crossing was so pleasant for Elsa and the young sprouts.

So beginnt

Kathrine Kressmann Taylor: Address unknown (1938)

Auf Deutsch erschien das schmale Werk erst 2001, und zwar unter dem Titel Adressat unbekannt.

Zum Inhalt

Die Geschichte spielt von 1932 bis 1934 und besteht aus einem (fiktiven) Briefwechsel zwischen einem jüdischen, inzwischen in Amerika lebenden Kunsthändler und seinem Freund und Geschäftspartner Martin, der nach Deutschland zurückgekehrt ist.

Versichern sich die beiden in ihren Briefen zunächst noch ihrer innigen Freundschaft, bei der es keine Rolle spielt, dass Max Eisenstein Jude ist, so ändert sich allmählich der Ton in den Briefen. Martin findet trotz anfänglicher Zweifel immer mehr Gefallen an der erstarkenden Bewegung der Nationalsozialisten und sieht in ihr die Chance auf ein neues Deutschland, das sich nicht länger hinter der Schande von Versailles verstecken müsse.

Besorgte und kritische Fragen des amerikanischen Freundes zu den Veränderungen in Deutschland werden zunehmend verärgert vom Tisch gewischt. Schließlich bittet Martin sogar darum, dass Max ihm keine Briefe mehr an seine Privatadresse schickt, da dies ihm nur unnötigen Ärger mit der Zensur und den neuen Machthabern eintrage. Er hofft dafür auf Verständnis. Doch Max muss ihm doch noch einmal schreiben: Er bittet seinen alten Freund, eine diskret-schützende Hand über seine Schwester Griselle, die ehemalige Geliebte von Martin, zu halten, da diese politisch naiv ein Schaupielengagement in Berlin angenommen habe und er um ihre Sicherheit fürchtet, sollte sie als Jüdin enttarnt werden.

Ab hier wäre es schade, den weiteren Fortgang der Handlung vorwegzunehmen.

Fazit

Bei nur 57 Seiten (und einer außerordentlich großzügigen Platzaufteilung) sind natürlich keine tiefen Charakterschilderungen und Feinheiten im Detail möglich. Dennoch ist Address unknown ein spannendes Lehrstück, eine Geschichte, deren Ende den Leser überrascht und ihn mit einigen Fragen, und vielleicht auch mit – vorschneller – Genugtuung zurücklässt. Meine Ausgabe – gespickt mit Rechtschreibfehlern – hat, obwohl das für das Verständnis des Werkes und des Titels entscheidend ist, nicht kenntlich gemacht, dass der letzte Brief, den Max schreibt, an ihn mit dem Vermerk „Adressat unbekannt“ zurückgesandt wird.

Hintergrund

Das Wichtigste an dieser Geschichte ist aber wohl ihr Erscheinungsdatum: Sie wurde 1938 in der Zeitschrift Story veröffentlicht und warnte also sehr früh die amerikanische Öffentlichkeit vor dem Nationalsozialismus, die sehr lange der Meinung war, dass man sich in europäische Belange nicht einmischen solle. Die komplette Ausgabe der Zeitschrift war innerhalb von zehn Tagen ausverkauft. Reader’s Digest veröffentlichte eine gekürzte Version und die kurz darauf erschienene Buchausgabe war mit 50.000 verkauften Exemplaren ein für damalige Verhältnisse unglaublicher Erfolg. In Deutschland wurde das Buch 1939 verboten.

Im Vorwort einer amerikanischen Ausgabe gibt der Sohn der Autorin einige Hinweise zur Entstehung des Romans: Seine Mutter habe selbst erlebt, wie kultivierte warmherzige Deutsche, die längere Zeit in Amerika gelebt hatten, sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland massiv veränderten und bei einem Besuch in Amerika einen alten Freund auf der Straße ignorierten, weil dieser Jude war.

What changed their hearts so? What steps brought them to such cruelty? These questions haunted me very much and I could not forget them. […] I began researching Hitler and reading his speeches and the writings of his advisors. What I discovered was terrifying. What worried me most was that no one in America was aware of what was happening in Germany and they also did not care.

Wiederentdeckung

1995 wurde das schmale Bändchen anlässlich des 50sten Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager neu aufgelegt und erregte noch einmal internationales Aufsehen. In Frankreich stand es zwei Jahre auf der Bestsellerliste und wurde außerdem für die Bühne bearbeitet. Kressmann Taylor (1903 – 1996) erlebte als hochbetagte Dame den zweiten Erfolg ihres Werkes noch persönlich mit und verbrachte ihr letztes Lebensjahr mit Interviews und Autogrammstunden. Die deutsche Übersetzung erschien, wie gesagt, erst 2001.

Und das sagen die Kritikerinnen Anne Karpf und Elke Heidenreich

Im Juli 2002 äußerte sich Anne Karpf im Guardian enthusiastisch:

If I were to tell you that a novel made up entirely of letters, just 54 pages long (eight of them blank), came with a New York Times Book Review plaudit on its cover judging it „the most effective indictment of Nazism to appear in fiction“, you might think it the mother of all hype. Yet spend three-quarters of an hour with it and you’ll be jabbing all comers with the injunction: ‚Read!‘

Elke Heidenreich empfahl das schmale Werk als Schullektüre und damit liegt sie keineswegs verkehrt. Natürlich kann man das kleine fiktive Werk nicht mit Dokumenten wie Viktor Klemperers Tagebüchern vergleichen. Aber Umfang, Spannung, Botschaft und Diskussionsanlässe sprechen für eine Lektüre im Unterricht. Ja, sie versteigt sich sogar zu den Sätzen:

Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen. Diese Geschichte ist meisterhaft, sie ist mit unübertrefflicher Spannung gebaut, in irritierender Kürze, kein Wort zuviel, keines fehlt. […] eine viel größere Öffentlichkeit sollte ihm beschieden sein. Nie wurde das zersetzende Gift des Nationalsozialismus eindringlicher beschrieben. ‚Adressat unbekannt‘ sollte Schullektüre werden, Pflichtlektüre für Studenten, es sollte in den Zeitungen abgedruckt und in den Cafes diskutiert werden. Ich würde wieder mehr Vertrauen in dieses Land haben, wenn ich dieses Buch in den nächsten Monaten und Jahren aus vielen Jackentaschen ragen sähe. Ich träume von einer morgendlichen vollen U-Bahn in Berlin, in der Hunderte von Menschen Kressmann Taylor lesen, aufsehen und sich mit Blicken gegenseitig versichern: nie wieder. (im Nachwort zu der Ausgabe anlässlich des Welttag des Buches 23/4/2012)

Diese Hoffnung nennt sie selbst „sentimental“, ich finde sie eher schrill und die Vorstellung, dass eines Morgens alle Menschen in der U-Bahn das gleiche Buch lesen, klingt für mich eher nach einer bedenklichen Massengehirnwäsche. Dann doch lieber das ironische Understatement von Anne Karpf …

Weitere Besprechungen gibt es bei:

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Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff (2013)

Zur Autorin

Die NZZ hat anlässlich des achtzigsten Geburtstages Evelines Haslers, der 1933 geborenen Autorin historischer Romane, einen Artikel gewidmet.

Vorbemerkung

Das amerikanische Emergency Rescue Committee schickte 1940 Varian Fry nach Frankreich. Vor Ort sollte er die Aufgabe koordinieren, bedrohte Künstler aus dem von den Nazis besiegten Frankreich zu retten.

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff: Der gefährliche Auftrag von Varian Fry (2013)

Zum Inhalt

Varian Fry, Harvard-Absolvent und amerikanischer Auslandsjournalist, gewann schon bei einem seiner Deutschlandaufenthalte 1935 ein klares Bild dessen, was von den Nationalsozialisten zu erwarten war. Einer seiner Artikel, die die Schikanen gegenüber den Juden schilderte, erschien 1935 in der New York Times.

Im Juni 1940 wurde in New York – nach einem Aufruf Thomas Manns und unter dem Patronat Eleanor Roosevelts – das Emergency Rescue Committee gegründet, das versuchen sollte, den in Frankreich gestrandeten deutschen und österreichischen Künstlern und Intellektuellen zu einer Flucht in die USA zu verhelfen. Die Lage hatte sich für die Exilanten nach der Kapitulation Frankreichs gefährlich zugespitzt, hatte doch das Vichy-Regime zugesagt, jede namentlich von den Deutschen verlangte Person auch auszuliefern. Das galt auch für den noch unbesetzt gebliebenen Süden, in den sich die meisten der Verfolgten inzwischen geflüchtet hatten. Doch nun saßen sie in der Falle, denn die Exilanten bekamen keine Reisegenehmigungen; zudem vergab das amerikanische Konsulat kaum noch Visa.

Fry, selbst gebildet und künstlerisch interessiert, wurde als Vertreter des ERC nach Marseille gesandt, um die Hilfe für die Flüchtlinge zu koordinieren. Er hatte eine Liste mit Namen der bei den Nazis besonders unliebsamen Zeitgenossen, die er ausfindig machen und denen er, wenn möglich, zur Flucht verhelfen sollte. Zusammen mit einem zum Teil selbst unter Lebensgefahr schwebenden Mitarbeiterteam organisierte er Schiffskarten, besorgte Visa, unterstützte die Notleidenden mit Geld, Verstecken und gefälschten Pässen. Dabei wurden sie immer wieder auch unterstützt von Franzosen, Gegnern des Vichy-Regimes, die ihre Bauernhöfe als Unterschlupf anboten, ihnen noch unbewachte Schmugglerwege über die Grenze zeigten oder Kinder, die von der Deportation bedroht waren, kurzerhand versteckten.

Dabei überstieg die Zahl derjenigen, die ihn um Hilfe anflehten, bei weitem die Zahl der Namen auf seiner Liste. Er versuchte, so vielen wie möglich zu helfen, ob sie nun auf der Liste standen oder nicht, vor allem, nachdem die reiche Amerikanerin Mary Jayne Gold, die sich ebenfalls in Frankreich aufhielt, anfing, das Komitee nicht nur finanziell massiv zu unterstützen.

Zu den Helfern gehörten auch die österreichische Widerstandskämpferin Lisa Fittko und ihr Mann Hans, die als Fluchthelfer eine ganze Reihe von gefährdeten Menschen über einen alten Schmugglerpfad über die Grenze nach Spanien führten. Von dort reisten die Flüchtlinge ins neutrale Portugal. Von Lissabon aus gingen dann Schiffe nach Amerika. Auch Walter Benjamin gelang mit Hilfe Lisa Fittkos mit letzter Kraft die Flucht aus Frankreich. Als er jedoch auf spanischer Seite angekommen, damit rechnen musste, zurückgeschickt zu werden, brachte er sich um. Anderen verschaffte das Komitee Schiffspassagen von Marseille nach Martinique, einer französischen Kolonie, von wo aus dann die Reise in die USA möglich war.

Schätzungsweise 2000 Menschen, darunter die Werfels, Chagall, Golo Mann, Heinrich Mann und Nelly Kröger, Hans Sahl, Leon Feuchtwanger und Walter Mehring verdanken ihr Überleben der Arbeit von Fry und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Doch Fry war einigen amerikanischen Botschaftsangehörigen in Frankreich ein Dorn im Auge. Keineswegs alle unterstützen seine Arbeit. Es gab offene Sabotageakte, wie durch den amerikanischen Generalkonsul Hugh Fullerton, der Fry seines Postens entheben wollte, weil er dessen Arbeit als unnötig ansah. Auch die Bearbeitung der legalen Visa-Anträge dauerte oft unendlich lange, denn die eigene Regierung in Amerika wollte unbedingt eine Flut von unliebsamen jüdischen oder gar kommunistischen Immigranten vermeiden. So griff Fry dankbar auf die Hilfe Bill Freiers, eigentlich Wilhelm Spira, zurück.

Bill Freier, berühmter und berüchtigter Cartoonist, hatte in den letzten Jahren von Wien aus regelmäßig für die Londoner Zeitung ‚British Opinion‚ Karikaturen gezeichnet. Die Leser liebten seinen schnellen Stift, das Erfassen und witzige Eindampfen einer politischen Situation. Fabelhaft verstand er sich auf die Karikatur von Adolf Hitler. In Deutschland erregte das Zorn, noch vor der Annexion versuchte man in Wien die Verhaftung des talentierten Künstlers zu erwirken. (S. 77)

Freier gelang noch rechtzeitig die Flucht nach Frankreich und setzte dort für das Komitee seine Kunstfertigkeit für das Fälschen von Pässen, Stempeln und anderen Dokumenten ein, bis er verhaftet wurde.

Andere Flüchtlinge dagegen weniger heldenhaft. Besonders Walter Mehring, ein wichtiger Satiriker der Weimarer Republik, wurde von Angst zerfressen. Man nannte ihn nur das Baby. Nachdem man ihm, eher gegen seinen Willen, zur Flucht nach Amerika verholfen hatte, dachte Mehring gar nicht daran, seine Schulden beim Komitee zu begleichen, obwohl er von dessen finanzieller Notlage ja wusste.

Fry wurde schließlich im September 1941 von seinem Posten abberufen, da seinen Vorgesetzten sein humanitäres Engagement zu weit ging. Im Juni 1942 wurde das Komitee von der französischen Regierung aufgelöst. Fry selbst hat zu seinen Lebzeiten keine angemessene Würdigung seiner Lebensleistung mehr erfahren.

Im Kalten Krieg standen solche Hilfswerke, wie Fry eins geleitet hatte, im Verdacht, mit Spionage und kommunistischen Infiltrationen zu tun zu haben. Frys Korrespondenz war schon ab 1942 überwacht, und es war eine FBI-Akte über ihn eröffnet worden. (S. 215)

An diesem roten Faden hangelt sich das Buch entlang. Dabei erlaubt sich die Autorin jedoch  großzügige Exkurse, die mit Fry, wenn man ehrlich ist, nicht das Geringste zu tun haben. Wir lernen die Krankenschwester Elsbeth Kasser kennen, die im Internierungslager Gurs das Menschenmögliche versuchte, um Hoffnung an einen unmenschlichen Ort zu bringen. Das Lager stand übrigens ausschließlich unter französischer Verwaltung.

Einem wunderbaren alten Büchermenschen names Ryser, der die Landesbibliotheken in Baden-Württemberg geleitet hatte und der als Jude Stelle und Bücher verlor, flößte sie die Idee ein, mit den Büchern der Internierten einen kleinen Verleih zu führen. Ryser blühte auf. […] Die Menschen im Lager vertrauten ihm die wenigen von zu Hause mitgebrachten Bücher an. Ehrfürchtig nahm er einen Band von Eichendorffs Taugenichts entgegen. Auch einen arg mitgenommenen Leinenband mit Gedichten von Goethe, ein Heiligtum, das er nur selten auslieh. (S. 169)

Genauso beeindruckend ist Rösli Näf, eine Schweizer Krankenschwester, die für das Rote Kreuz die Kinderkolonie La Hille leitete und sich unter Einsatz aller Kräfte für ihre jüdischen Schutzbefohlenen einsetzte. Als die Deportationsbefehle auch vor La Hille nicht länger Halt machten, reiste sie bis nach Bern und bat den Leiter der Kinderhilfe des Schweizer Roten Kreuzes, Hugo Remund, verzweifelt um die legale Aufnahme der Jugendlichen in der Schweiz. Doch der wollte weder mit legalen noch illegalen Rettungsaktionen etwas zu tun haben.

‚Die jüdischen Kinder bangen um ihr Leben, Herr Oberst.‘
‚Ein Judenproblem ist in der Schweiz zu vermeiden‘, antwortet er. ‚Unser Boot ist voll.‘
‚Herr Oberst, es geht doch in den französischen Heimen nur um insgesamt hundertachtundsechzig gefährdete jüdische Jugendliche!‘ (S. 180)

Näf hält sich weiterhin an ihr Gewissen und nutzt danach auch illegale Wege, um Jugendliche außer Landes zu bringen oder sie unter falschem Namen auf Bauernhöfen zu verstecken.

Auch der amerikanische Vizekonsul in Frankreich, Hiram Bingham IV, ist eine interessante Person und sein Verhalten während seiner Zeit in Frankreich vorbildlich. Er scheute sich nicht, Gegner des Nazi-Regimes, wie z. B. Feuchtwanger,  in seinem Haus zu verstecken, bis diese außer Landes geschmuggelt werden konnten. Feuchtwanger gab dann, im sicheren Amerika, in Interviews gleich Details seiner abenteuerlichen Flucht preis, die dann in der New York Times nachzulesen waren und die Helfer in Frankreich in zusätzliche Gefahr brachten.

Fazit

Es ist ein aus vielen Szenen bestehendes, ja auch auseinanderfallendes Buch, das manchmal eher einem Steinbruch ähnelt. Es ist unmöglich, allen Menschen auf 218 Seiten den ihnen gebührenden Raum zu geben, und so ergibt sich an manchen Stellen geradezu zwangsläufig eine gewisse Oberflächlichkeit. Für mich, die ich vorher jedoch kaum etwas über die Arbeit des Emergency Rescue Team wusste, bot es zunächst trotzdem einen interessanten Überblick.

Manchmal ist das Werk auch sprachlich wenig überzeugend, vor allem in den Dialogen und den nachempfundenen Gefühlen. Sätze wie „Ein Lächeln umspielte Frys Lippen, und in seine Augen trat ein leises Funkeln.“ (S. 58) klingen schon ein wenig trivial.

Stark ist es eher in der knappen Wiedergabe des faktisch Geschehenen.

Und ich hätte es begrüßt, wenn ein oder zwei der Fluchten exemplarisch ausführlicher erzählt worden wären. Was aber wirklich ein Ärgernis ist: Es gibt keinerlei Hinweise zu den verwendeten Quellen. Zwar erwähnt sie kurz, dass Fry 1945 seine Erinnerungen unter dem Titel Surrender on Demand veröffentlicht hat. Beat Mazenauer weist jedoch darauf hin, dass sich Hasler aus dieser Quelle reichlich bedient habe, ohne das angemessen kenntlich zu machen.

Trotz der Kritikpunkte hielt ich es zunächst für ein lesenswertes Buch über einen bestimmten Aspekt des Nationalsozialismus, setzt es doch einer Reihe von mutigen Menschen ein Denkmal, die mit ihrer Menschlichkeit und Zivilcourage Großes geleistet haben. So viele bekannte und unbekannte Namen fallen, manche eher im Vorübergehen: So wird von Chagall erzählt, dass er erst gar nicht nach Amerika gewollt habe.

Als ich ihm sagte, er müsse sich in Sicherheit bringen, nach Amerika, gab er zur Antwort: ‚Ach, Monsieur Fry, gibt es denn in Amerika auch Gras und Kühe?‘ (S. 59)

Man rauft sich die Haare: Rudolf Breitscheid, ehemaliger preußischer Innenminister, und Rudolf Hilferding, ehemaliger Reichsfinanzminister, weigern sich im Marseiller Exil Frys Hilfe anzunehmen. Sie sind sicher, dass Hitler es nicht wagen werde, ihnen etwas zu tun. Kurz darauf wurden sie von der französischen Polizei verhaftet und an die Deutschen ausgeliefert.

Aber es erinnert uns auch; an das Böse, die Schuld, das Leiden, die Traurigkeit, die verursacht wurden durch die Nazis, und in Folge durch Mitläufer, Sadisten, Kollaborateure in Frankreich und Bürokraten auf allen Seiten.

Auf dem Weg zur nächsten Baracke [im Lager Gurs] stand eine gehbehinderte weinende Frau. Es regnete nicht mehr, aber ihre Stoffschuhe steckten bis zu den Knöcheln im Schlamm. Sie müsse ihre Notdurft verrichten, schaffe es aber nicht die hohe Leiter hinauf. Die Latrinen standen auf zwei Meter hohen Holzsäulen, die Stufen der Leiter steil, ohne Handgriff. (S. 152)

Doch nach meiner Lektüre von Frys eigenem Bericht über seine Arbeit in Marseille, den er 1945 unter dem Titel Surrender on Demand veröffentlichte, sehe ich Haslers Buch wesentlich kritischer. Sie hat sich – ohne das kenntlich zu machen – äußert großzügig bei Frys Bericht bedient und sich oft noch nicht einmal mehr die Mühe gemacht, eigene Formulierungen zu finden. Dabei kürzt und vereinfacht sie, sodass für den Leser doch einiges unklar und nebulös bleibt.

Fazit: Man lese gleich das Original: Auslieferung auf Verlangen (1995) von Varian Fry, erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag.

Anmerkungen

Karen N. Gering ist, wie sie in der TagesWoche schreibt, nach der Lektüre ein wenig enttäuscht:

Viele gute Seelen und Kämpfer nimmt Hasler in ihr Buch auf, dazu auch noch einige Figuren, die der Rettung bedürfen. Die weltbekannten ebenso wie gänzlich unbekannte. Justus Rosenfeld beispielsweise, genannt Gussie, der bald Fry behilflich ist – und der Eveline Hasler auch hauptsächlich bei ihrer Recherche beistand. Oder Menschen, die später zu Berühmtheiten wurden wie der spätere Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel. All das sind spannende Figuren, deren Lebensgeschichten man in eigene Bücher packen könnte. Doch Eveline Hasler hat sich für sie alle zusammen nur diese 219 Seiten Platz genommen. Und so bleibt sie notgedrungen an der Oberfläche der Charaktere hängen. Wollte sie nicht mehr, oder konnte sie nicht?

Weitere Besprechungen gibt es hier:

Thomas Medicus: Heimat (2014)

Es war lange her, dass ich da gewesen war. Zwischen meinen früheren, spärlichen Besuchen waren meist Jahre vergangen. Dieses eine Mal, es war kurz vor Ostern, hatte mich mein Sohn überredet. Er wollte sehen, wo sein Vater geboren und aufgewachsen war, wollte das Grab seines Großvaters besuchen, den er nur aus Erzählungen kannte. ‚Aber lange bleiben wir nicht‘, hatte ich unwirsch geantwortet, als er unvermutet seinen Wunsch äußerte, ’nur ein paar Stunden, dann fahren wir weiter. Über Nacht bleiben wir da auf keinen Fall.‘

So beginnt die Spurensuche des 1953 geborenen Journalisten und Autors

Thomas Medicus: Heimat – Eine Suche (2014)

Zum Inhalt

Gleich zu Beginn macht der Autor deutlich, wie wenig ihn in seine Heimatstadt Gunzenhausen zieht, wie radikal er sich von dem Städtchen in Mittelfranken distanziert hatte.

Außer einigen toten Seelen, die auf dem Friedhof, […] ihren ewigen Schlaf schliefen, kannte ich dort niemanden mehr. Nein, das stimmte nicht, es lebten noch Freunde meiner Eltern da, Klassenkameraden, Leute, von denen ich die meisten seit meinem letzten Schultag nicht mehr gesehen hatte und auch nicht wiedersehen wollte. (S. 10/11)

Und beim Betrachten einer alten Schwarzweiß-Fotografie sinniert er düster vor sich hin:

Die Ansicht besitzt eine seltsame Atmosphäre, anheimelnd, aber auch erfüllt von einer furchtbaren Leere. Kein Mensch ist zu sehen, nicht einmal eine Katze, die träumend über die Kreuzung schleicht, kein Hund, der in der Morgensonne kauert, kein Auto, kein Fuhrwerk, nichts. Als ob bald etwas geschehe oder bereits geschehen sei, das keines Bildes wert oder schlicht nicht abzubilden ist. (S. 15)

Dabei war die Kindheit in der Provinz ganz ohne größere Schrecken oder familiäre Katastrophen verlaufen. Sowohl der Vater als auch der Großvater waren Ärzte gewesen. Über die nationalsozialistische Vergangenheit wurde, wie vermutlich überall in Deutschland, eher geschwiegen.

Es gab Vergangenheiten, an die man sich erinnerte und solche, an die man sich nicht erinnerte. (S. 31)

Über den Krieg wurde später sowohl gesprochen als auch nicht gesprochen, er hielt für Anekdoten her, das Beste am Krieg war, dass er vorbei war. In Belgien habe er viel Kuchen gegessen, erzählte der Vater einmal. (S. 31)

Dann kommt ein gewaltiger Zeitsprung. Einige Jahre nach der Wende liest Medicus Die Ausgewanderten von W. G. Sebald.

… als mich auf drei fast aufeinanderfolgenden Seiten der Name meines Geburtsortes ansprang wie ein bissiger Hund. Jäh wurde ein Zeitfenster aufgerissen, das den Blick auf etwas freigab, das wenig gemein hatte mit dem Netzhautbild meines uranfänglichen kindlichen Blicks. (S. 38/39)

So erfährt Medicus von einem der ersten Judenpogrome in Deutschland nach der sogenannten „Machtergreifung“. In Gunzenhausen kam es am 25. März 1934 zu gewalttätigen Übergriffen des Mobs auf jüdische Mitbürger.

Der Übergriff brachte die Stadt weltweit negativ in die Presse: New York Times, Manchester Guardian und das Neue Wiener Journal berichteten über die von mehreren hundert Gunzenhausenern begleiteten Gewaltakte der SA, welche die Ansbacher Richter im folgenden Prozess als „reinigendes Gewitter“ verharmlosten. Zwei jüdische Bewohner, der 65-jährige Privatier Max Rosenau und der 30-jährige Kaufmann Jakob Rosenfelder, kamen unter bis heute nicht geklärten Umständen ums Leben. 24 SA-Mitglieder, die sich an den Ausschreitungen beteiligt hatten, wurden von der NS-Justiz freigesprochen und später von der Bundesrepublik amnestiert. Der Hauptinitiator des Pogroms, SA-Obersturmführer Kurt Bär, erschoss im selben Jahr, bereits einen Monat nach seiner Verurteilung, einen jüdischen Gastwirt und verletzte dessen Sohn schwer. Beide hatten vor dem Landgericht Ansbach gegen ihn ausgesagt. Bär wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, jedoch bereits nach drei Jahren begnadigt. (Wikipedia-Eintrag, abgerufen am 3. September 2014)

Der zweite Anstoß für die Spurensuche in der Provinz ergibt sich, als der Autor aus einem seiner Bücher in der Gunzenhausener Stadtbibliothek liest. Er erfährt, dass sein Großvater als Gutachter in dem Prozess fungierte, der nach dem Pogrom stattfand. Zusammen mit einem Kollegen musste er die beiden jüdischen Männer obduzieren, die damals ums Leben gekommen waren. Man kann wohl davon ausgehen, dass den beiden Ärzten die „Diagnose“ Selbstmord nahegelegt worden war.

Doch der ausschlaggebende Impuls kommt 2009, als er erfährt, dass J. D. Salinger, der Autor von The Catcher in the Rye, als Soldat 1944 nach Europa gekommen ist. Er habe

an vorderster Front gekämpft, während der letzten Kriegsmonate auch in Bayern, sei dort an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau beteiligt gewesen und wenige Monate nach Kriegsende in einem Nürnberger Hospital aufgrund einer ‚Battle Fatigue‘, eines Nervenzusammenbruchs als Folge des Kriegs, ärztlich behandelt worden. Nach seiner Entlassung aus dem Hospital sei Salinger aus der Armee ausgeschieden, habe aber weiterhin für den sogenannten CIC [den Nachrichtendienst der US-Armee] als Zivilist gearbeitet. […] Als CIC-Agent sei er auch nach G. gekommen. Seine Aufgabe sei es gewesen, Entnazifizierungsmaßnahmen durchzuführen und untergetauchte Kriegsverbrecher aufzuspüren. (S. 85)

Das ist die Initialzündung: Medicus recherchiert zum einen die Kriegserlebnisse Salingers, seinen Aufenthalt in Gunzenhausen und seine kurze Ehe mit einer Deutschen und spekuliert darüber, inwieweit Salingers traumatische Erlebnisse während des Weltkrieges für seinen späteren Rückzug aus der Öffentlichkeit verantwortlich sein könnten.

Ohne ihn [gemeint ist Salinger], diesen vielfach gebrochenen Helden, hätte ich es nie gewagt, mich in das Labyrinth zu begeben, das mich noch Jahrzehnte, nachdem ich G. verlassen hatte, immer wieder im Traum heimsuchte. Salinger war meine Leitfigur, ich brauchte ihn, wie ein Sohn seinen Vater braucht. Unsere Kreise überschnitten sich, und der zeitliche Abstand betrug wenige Jahre. (S. 179)

Zum anderen widmet sich Medicus akribisch dem Verlauf der Enteignung, der Entrechtung und der Vernichtung der jüdischen Bürger in Gunzenhausen. Er zitiert aus Protokollen und Zeitungsberichten, Täter, Rädelsführer und Opfer bekommen ein Gesicht und einen Namen.

Fazit

In den Abschnitten, in denen Medicus über sich und seine Familie redet, fand ich die Sprache hölzern. Alles sehr distanziert, „die Großmutter“, „der Vater“, manchmal bis zur völligen Unverständlichkeit.

Eines Tages war der Vater verschwunden. Ein Jahr nachdem er tot zurückgekehrt war. (S. 38)

Der Selbstmord des Vaters – würde der nicht auch in eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Heimatbegriff hineingehören?

Und die beklemmende Düsternis dieser Kindheitsprovinz wird behauptet, doch nie anschaulich gemacht.

… bedeutungslose Dinge besaßen hier eine Bedeutung, von der ich damals nichts ahnte. Der Gitterzaun um die Synagoge, der sich in meine Netzhaut eingebrannt hat, weil ich jahrelang daran vorbeigelaufen bin, war nicht bloß ein Gitterzaun, der im Laufe der Kindheits- und Jugendjahre immer rostiger wurde. Er war das heimliche Symbol einer infamen Lokalgeschichte, von der ich nichts wusste, schon gar nicht, dass meine Familie in Gestalt meines Großvaters darin verwickelt war. In G. gab es keine Unschuld, nur die Vortäuschung der Unschuld. Die Nachkriegskinder gingen tagein, tagaus ahnungslos über einen doppelten Boden.

Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass die kleine Stadt über Jahrzehnte hinweg ein großes, furchtbares, dunkles kollektives Geheimnis  geborgen hatte. (S. 82)

Das finde ich erstaunlich, denn welche Stadt in Deutschland wäre frei von nationalsozialistischen Verbrechen geblieben? Und gerade über diesen doppelten Boden hätte ich gern mehr gelesen. Was macht der mit den Tätern, den Mitläufern, den Kindern, den Enkeln?

Trotz der akribischen Recherche – wobei leider offen bleibt, was genau davon er eigentlich selbst ans Licht befördert hat – habe ich mich über weite Strecken gelangweilt. Die Auseinandersetzung des Autors mit seiner Heimat fand ich banal und oberflächlich. Provinzielle Enge und das Verschweigen der nationalsozialistischen Vergangenheit waren für viele „normal“, doch zur literarischen Umsetzung hätte für mich mehr gehört, als die einfach zu konstatieren.

Ich fand es arg melodramatisch, dass Medicus erst nach seinem Besuch in Cornish, dem Rückzugsort Salingers, „den Mut aufbrachte“, das Haus seiner Kindheit

an das ich mich zuvor nur im Schutz der Dunkelheit herangewagt hatte, am helllichten Tag in Augenschein zu nehmen. (S. 180)

Mein Haupteinwand: Ich konnte die Verbindungslinien zwischen Progrom, Salinger und der Familie des Autors nicht nachvollziehen, sie schienen mir künstlich herbeigeschrieben. Denn auch wenn Salinger ein halbes Jahr in Gunzenhausen tätig war, es bleibt völlig offen, ob und was er dort herausgefunden hat. Und dass die Großvätergeneration involviert war, ist nun keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis.

Lesenswert hingegen fand ich die Kapitel, die sich mit Gunzenhausen während des Nationalsozialismus beschäftigen. Zeitlos wichtig. Bedrückend, beklemmend. Ein Stück Aufklärung, bei dem Täter und Opfer wieder ein Gesicht bekommen.

Zumindest für Medicus hat sich die Spurensuche gelohnt, für mich als Leserin wohl weniger.

Ich war kein Heimatgefangener mehr, wenigstens hoffte ich das. Immerhin war meine Flucht beendet. Ich war stehen geblieben. Wie weit ich auch fortgegangen war, unbemerkt von mir selbst war ich viel fester verwurzelt geblieben, als ich es mir je eingestanden hatte. Wer besinnungs- und haltlos auf der Flucht ist, bleibt erst recht an das gebunden, wovor er flüchtet. (S. 160)

Und zu seiner großen Überraschung stellt er fest, dass Gunzenhausen gar keinen aktuellen Retter aus der  Geschichtsvergessenheit gebraucht hat. Die Aufklärung über und die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus hatten dort Mitte der achtziger Jahre begonnen, sodass Medicus von den hiesigen Rechercheergebnissen immens hat profitieren können. Die Provinz habe das Provinzielle – zumindest in diesem Fall – hinter sich gelassen.

Anmerkungen

Hier die Besprechung aus der TAZ und hier geht’s lang zur Würdigung in der ZEIT.